Das Lyzeum in Birkholz (continued 4)
Reading edition
Sörensen packte der Ekel. „Sagen Sie mir, wie Sie sich meine Hilfe vorstellen“, bat er drängend. —
„Ich bitte Sie inständig, in Erfahrung zu bringen, woher jene Person kommt. Und weshalb mein Mann sie unterstützt. Und — — Sie sollen der Behörde Mitteilung von dem machen, was ich Ihnen sagte, — Sie werden Wege finden, daß trotzdem nicht die ganze Stadt mit Fingern auf uns zeigt. Aber wenn sie es auch tut. Sie sollen die Versetzung meines Mannes beantragen. Mir ist jedes Mittel recht, wenn ich ihn hier nur loslöse. Er wird sich nicht versetzen lassen, aber er wird abgehen, denn wir sind wohlhabend. Dann ziehen wir auf unser kleines Gütchen im Sächsischen, und ich habe ihn wieder wie früher....“
Sörensen stutzte. „Und Sie meinen, er wird Birkholz und — — alles so widerstandslos aufgeben?“
„Er haßt Birkholz — und Sie!“ sagte Frau Kahl.
„Mich?“ fragte Sörensen befremdet. „Wir sind uns sehr unsympathisch, — aber Haß???“
„Ja, er haßt Sie wie das Böse das Gute haßt, der Niedrige den Aufrechten....“
„Und trotzdem Sie so denken, wollen Sie.....“ Sörensen brach ab. Es ging ihn nichts an, ob diese arme Seele den von ihr selbst geschmähten Gatten wieder, auch ohne seine Reue, aufnehmen konnte und wollte. „Frauenliebe“, dachte er. „Tausendmal getreten, verschmäht und beleidigt und doch immer dieselbe....“
„Ich werde alles tun, damit man Ihnen Ihren Wunsch erfüllt“, sagte er jetzt.
Sie streckte ihm wortlos die Hand hin. Krank und erschöpft sah sie aus, und er geleitete sie sorglich durch das Zimmer und über den Flur an der mißtrauisch dreinschauenden Frau Dietz vorbei nach der Treppe. —
Als seine Haushälterin ihm das Abendbrot auftrug, fragte er sie nach den Schneider Bertelschen Eheleuten. „Ich meine doch, den Namen auf irgend einer Rechnung gesehen zu haben.“ —
„Ja freilich“, bestätigte Frau Dietz. „Der Bertels ist ein Heidekamper Kind, deshalb brachte ich ihm auch die Sachen vom Herrn Direktor zum Ausbessern. War ja gut mit ihm befreundet und mit seiner Frau.“
„Sind Sie es denn nicht mehr?“ fragte Sörensen unbehaglich.
„Nein, Herr Direktor. Der Bertels hat sich da eine Aftermieterin aufschnacken lassen, und die sitzt nun mit an seinem Tisch und führt das große Wort und will mich jawohl ausfragen.....
Das paßt mir nicht. Und sie hat mich sogar besuchen wollen, aber ich habe ihr ganz kurz gesagt, daß Herr Direktor das nicht wünschen.“
„Wenn sie keine einwandfreie Person ist, wünsche ich es allerdings nicht.“
„Ob sie das ist, weiß ich nicht. Ich mag sie nur nicht. Aber wundern sollte es mich, wenn Frau Bertels etwas Unanständiges bei sich litte. Die ist sehr heikel in solchen Dingen.“
Von nun an sagte Frau Dietz gar nichts mehr, sondern verzog sich in ihre Küche und die daranstoßende eigene Wohnstube, und Direktor Sörensen schritt die halbe Nacht in schweren Gedanken in seinem Zimmer auf und nieder.
Der nächste Tag war ein Sonntag.
Diakonus Heinrich sollte in der Stadtkirche predigen, aber sein Heuschnupfen setzte so unüberwindlich ein, daß man den alten Pastor, der gerade einen Ausflug mit seiner rundlichen Frau unternehmen wollte, vom Bahnhof zurückholte. Und weil dieser gar nicht vorbereitet war, wählte er schnell die Predigt „vom Wolf in Schafkleidern“, die aus früherer Zeit noch in seinem Gedächtnis haftete. Und predigte so herzhaft und eindringlich, daß seine Worte wie befruchtender Regen auf die Herzen der Birkholzer niederträufte und — das Pharisäertum geradezu üppige Blüten trieb. Jeder glaubte den lieben Nachbarn in den Gleichnissen zu erblicken, welche der Geistliche vor den Hörern aufrollte. Und niemand ging dem Wölfischen in der eigenen Brust zu Leibe und niemand wickelte sich aus dem eigenen Schafpelz heraus. Aber als Direktor Sörensen nach dem Amen aufstand und in tiefen Gedanken, ohne irgend jemanden im Gotteshause zu grüßen, die Kirche verließ, da war man sich einig, daß die ganze Rede nur auf den Herrn Sörensen gemünzt war. —
Erne Sörensen wanderte in die Heide hinaus.
Aber nicht allzuweit.
Ihre eigenartige, herbe Schönheit gab ihm heute nicht das, was sie ihm sonst gegeben: besinnliche Stille.
Er befand sich in seltsamer Aufregung — und Verlegenheit. Und die Verlegenheit kleidete seinen aufrechten, ehrlichen Körper schlecht, wie ein geborgter Rock. Er bereute sein Versprechen, das er der gebeugten Gattin seines Kollegen Kahl gegeben, und zog doch nach einem kurzen Marsch an der Glocke des kleinen gelben Hauses neben den „Stiftungsgärten“. Verschiedene Modekupfer, die an die Blumentöpfe des niedrigen Fensters gelehnt waren, zeigten dem Beschauer, daß hier Schneidermeister Bertels wohnte.
Niemand öffnete ihm, und da drückte er auf die Türklinke und trat in den engen Windfang und wieder vor zwei geschlossene Türen. An der einen prangte ein großes Blechschild: Bertels, Schneidermeister. An der andern Tür hing ein Papprahmen, darin ein Blatt steckte, auf welches mit ungeübten Buchstaben ein Name gemalt war.
Und ob Sörensen seine Brille noch so heftig rieb, er konnte doch nichts anderes lesen als: Lisette Balian.
Zuerst war er erstaunt, dann erblaßte er jäh, und hundert Gedanken kreuzten sich in seinem Hirn. Mit raschem Entschluß klopfte er an diese Tür. Sie öffnete sich, und die beiden Gatten standen sich wie finstere Todfeinde gegenüber.
„So hast du mich doch aufgespürt?“ fragte Lisette mit verbissenem Trotz.
„Da sei Gott vor, daß ich dir nachspüre“, stöhnte er dumpf auf. Und packte in jähem Zorn ihr Handgelenk. „Wo kommst du her?“
Sie entwand sich ihm. „Du tust mir weh“, greinte sie.
Er trat zurück. Seine Augen sprühten sie an. „Wie du mir wehtust seit Jahren und immer wieder aufs neue, das fragst du nicht. Herrgott! Herrgott!“ Völlig außer sich, hob er beide Arme empor und schüttelte die Fäuste.
„Ich weiß nicht, was du willst“, murrte sie. „Ich habe dich nicht gerufen.“
„Aber wie kommst du hierher, Lisette? Ich wähnte dich in einer Heilanstalt....“
„Da war ich auch. Bin aber ausgerissen. Wie die Sklaven wurden wir gehalten, das war mir das bißchen Heiserkeit nicht wert.“ Er sah ernst auf ihr abgezehrtes Gesicht. „Ich hatte gehofft, du würdest dich ordentlich pflegen und auskurieren....“
„Hattest du?“ spottete sie. „Es sieht dir ähnlich. Aber meine Gesundheit geht nur mich etwas an. Sie ist übrigens nicht schlecht. Ich habe eine zähe Natur.“
„Lisette, warum konntest du nicht ein neues Leben anfangen? Die Mittel gab ich dir reichlich....“
„Ja. — Alle Achtung vor deinem Portemonnaie. Aber für mich bedeutet neues Leben alles das, was nicht langweilig ist. Das kostet aber Geld. Dabei ist der Schwindel mir hier auch schon wieder langweilig.“
„Du nennst das Schwindel“, stieß Sörensen in bittrem Grimm heraus, „und dieser Schwindel bricht einer ehrenhaften Frau das Herz.“
„Welcher Frau?“ fragte sie erstaunt. Dann dachte sie einen Augenblick nach und lachte heiser. „Du meinst doch nicht etwa die Frau von dem Nußknacker, der mich herrief? Der tue ich doch nichts zu leide....“
„Und warum rief dich dieser Mann her“, fragte Sörensen scharf.
„O, ich denke mir, um ein bißchen Spaß in diesem langweiligen Nest zu haben. Und weil’s dich ärgert, Erne, er ist dir gar nicht grün.“
„Woher wußte er deine Anschrift?“
„Die gab ich ihm selbst. Ich schrieb durch den Wirt von den Sieben Steingräbern an ihn, da kommt er öfters zum Kegeln hin. Mein Geld war alle, und — alle Achtung, er hat mir ordentlich geschickt.... Aus Kollegialität, schrieb er. Und dann redete er mir dringend zu, nach Birkholz zu ziehen, um mich dir ein bißchen in Erinnerung zu bringen. Das hatten mir auch schon die Schwäger geraten. Die fanden mich schön dumm, daß ich mich so von dir wegschicken ließ.“
„Lisette, denkst du denn nicht einen Augenblick daran, daß du meine ganze Stellung hier untergräbst? Daß du den rechtschaffenen Namen schändest, den ich dir gab. Was tat ich dir???“
Die letzte Frage klang wie ein Aufschrei, und er bereute sie sofort und biß sich auf die Lippen.
„Ja, das ist ein Teufel, der mich plagt“, meinte sie sorglos. „Es ist wahr, du bist immer furchtbar gut zu mir gewesen. Aber es machte wirklich Spaß, euch alle an der Nase rumzuführen.“
„Erkläre dich näher....“
„Nun, der Herr Kahl meint doch, — es besteht irgend etwas Unsauberes zwischen uns beiden, mein lieber Erne. Meinst du denn, ich hätte ihm gesagt, daß ich deine Frau bin?“ Sie lachte schlau.
„O nein, das war ja gerade der Spaß. Der Nußknacker denkt, ich heiße Lisette Balian und — — — na ja, er hatte sich eine ganze lustige Komödie ausgedacht. Wenn der Lehrertag kommt und alle die Vorgesetzten da wären, da sollte ich eine Rolle spielen. O, der ist so schlau.
Aber ich kann ihn nicht ausstehen. Ich ging auf alles ein, was er sagte, weil’s so lustig war. Aber zuletzt sollte er hereinfallen. Das war für mich das Lustigste. Denn dann wollte ich allen sagen, daß ich gar nichts Schlechtes, sondern deine Frau wäre...“
„Lisette!!!“
„Ja, gelle, das hätte eingeschlagen, und ich freute mich so auf eure dummen Gesichter. Aber nun hast du mich gefunden, und nun ist die ganze Geschichte verkreckt.“
Sie lachte laut und ärgerlich auf und dann kam ein furchtbarer Hustenanfall, bei dem sie zu ersticken drohte. Sörensen sah mit Bestürzung, daß sich Blutstropfen in ihren Mundwinkeln sammelten. Er geleitete sie nach dem Sofa. „Lege dich nieder, Lisette, und ruhe dich aus. Heute nachmittag komme ich wieder und — bringe dich selbst in ein Sanatorium. Hier kannst du nicht bleiben, aber ich will auch nicht, daß du krank und allein in die Weite fährst....“
Sie sah scheu in sein fahles Gesicht, in dem die Augen wie zwei Kohlen brannten.
„Gott, Erne, wie du dir das zu Herzen nimmst. Und wir zwei hätten doch dem Nußknacker so schön ein Schnippchen schlagen können. Ich versteh dich gar nicht.....“
„Nein, Lisette. Wie solltest du auch.... Also ruhe dich jetzt. Und dann schreibe mir auf, welche Summe dir jener Mann — — — geliehen hat, — packe auch deine Sachen.“ Er legte ihr einen Schein auf den Tisch. „Mit diesem Geld löse hier deine Verpflichtungen.“ Dann verließ er das Haus. Draußen begegneten ihm die heimkehrenden Eheleute Bertels. Die sahen ihn erstaunt und mißbilligend an. Das war ja der Herr Lyzealdirektor Sörensen, und er kam aus der Stube von „Fräulein Balian“, und gab nicht einmal ihnen, den Wirtsleuten, Aufklärung darüber, sondern ging, zerstreut grüßend, davon. Als Sörensen am Nachmittag zurückkehrte, bedeutete ihm die Frau Schneidermeisterin sehr steif, daß „Fräulein Balian“ abgereist sei. Sie habe alles bezahlt und soweit sei alles in Ordnung. Aber es sei nicht schön, daß man sich nicht mal auf die Herrn Lehrer verlassen könne, die doch für Ordnung und Moral angestellt wären, und das wollte sie auch Herrn Oberlehrer Kahl sagen, der habe ihr die Person empfohlen. Ja, und ihre Tochter sollte noch heute bei Kahls kündigen.....
Die gute Frau Bertels war sittlich sehr entrüstet, aber Direktor Sörensen hatte augenscheinlich nur die Hälfte von dem gehört, was sie hervorsprudelte. Er war eilends davongegangen.
Zorn und Scham brannten in seiner Seele. — —
** *
Die neunte Klasse mit den sieben- und achtjährigen Mädchen saß erwartungsvoll und horchte nach der Tür.
Herr Lehrer Hansohm hatte ihnen verkündet, daß der Herr Direktor heute zuhören wollte in der Religionsstunde. „Der liebe Herr Direktor“ hatte er gesagt.
Nun, wenn er lieb war, brauchte man sich auch gar nicht zu fürchten, wenn er kam. Vor Herrn Professor Traute fürchtete man sich. Der hatte auch einmal zugehört, und da hatte es viel, viel Tränen gegeben. Keine Antwort hatte ihm gefallen. — Klaus Hansohm dachte selbst mit Grauen an diesen Tag zurück, der seine liebe Neunte ganz verstört hatte und ihnen ordentlich die Religionsstunde etwas verekeln konnte.....
Und Professor Traute hatte ihm, dem Lehrer, unentwegt zugerufen: „ich begreife Sie nicht, Kollege!“ Im Beisein der Klasse! Als ob sieben- bis neunjährige Mädchen nicht hellsichtig und hellohrig genug seien, um Unstimmigkeiten zwischen den Lehrern aufzufangen und mit reger Neugierde zu verfolgen —
Großer Pädagoge Traute!
Eine heiße Auseinandersetzung im Lehrerzimmer war jenem Besuch gefolgt, und nun wollte Direktor Sörensen einmal aus eigener Anschauung urteilen, wie Freund Hansohm den Stoff den jungen Herzen nahe brachte.
Ein Viertel nach 9 Uhr betrat er das Klassenzimmer.
Und fand Klaus Hansohm auf der Schulbank sitzend und das ganze Völkchen der neunten Klasse um ihn herum in dichtgedrängtem Knäuel.
In die erstaunten Augen des Schulleiters hinein lächelte Lehrer Hansohm. „Wir haben uns schon in der letzten Stunde etwas gefürchtet“, sagte er aufstehend. „Deshalb sind wir alle nahe zusammengerückt.“
Gretchen Bley nahm plötzlich mit festem Griff des Direktors Hand. „Nun fürchte ich mich aber gar nicht mehr“, sagte sie beherzt.
„Was ist denn hier so zum Fürchten?“ fragte Sörensen teilnehmend.
„Ach, — Sodom und Gomorrha“, berichtete Käte Wedekind. „Wahrscheinlich wird der liebe Gott es ganz und ganz und ganz und gar vertilgen.“
„Vertilgen heißt aufessen“, sagte Trinchen Löms.
„Kann er ja gar nicht“, ließ sich eine ungläubige Thomasine vernehmen. „Sone ganze Stadt mit allen drin.“
„Phh! Wo er doch der liebe Gott ist? Der kann alles.“
„Vertilgen heißt hier nicht aufessen, sondern zerstören, einreißen, vom Erdboden wegfegen“, sagte der Direktor freundlich zu den Streitenden und strich liebkosend über die Blondköpfe.
„Herr Hansohm, ist das wahr?“ fragte daraufhin die kleine Ungläubige, und Hansohm bestätigte lachend.
Und dann saßen sie wieder eng aneinandergeschmiegt und Hansohm erzählte, und die Kinder berichteten aus den vorhergegangenen Stunden und fragten ihn um Unverstandenes.
Und immer wieder sah Direktor Sörensen, daß der liebe Herrgott der neunten Klasse ein guter, ja der beste Freund war, zu dem sie recht mit bewußtem Vertrauen aufsahen.
Und durch die kindlichen Bemerkungen hindurch lernte er auch das Elternhaus der Kinder kennen und erkannte die Wechselwirkung zwischen Schule und Haus. — Sah auch, wie den aufgeweckten Persönchen nichts verborgen blieb und sie sich nachhaltig mit sorglos von den Eltern hingeworfenen Bemerkungen beschäftigten.
„Ja, und als mein Brüderchen Differitis hatte, da sagte mein Papa zur Mutti, wie sie so weinte: ‚Gott kann uns das Kind erhalten, auch wenn alle Ärzte nein sagen‘“, berichtete ernsthaft Lenchen Verden. Und setzte hinzu: „Aber heute, als mein prachtvoller Federkasten nicht aufging und wir uns alle so damit quälten, da sagte mein Papa: „Da kann kein Gott helfen, da muß Schlosser Fuhls ran.“ — Der hat ihn dann auch aufgekriegt.“
„Na, der hat’s auch leicht mit — die vielen Werkzeuge,“ bestätigte Meta Fuhls, die Tochter des so ehrenvoll Erwähnten.
Direktor Sörensen war wie in einer neuen Welt. Er wurde ganz mitgerissen von den zutunlichen, kleinen Lebewesen und saß andächtig mit ihnen da, und hörte den Kollegen Hansohm so fesselnd und wunderschön erzählen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, vom Gehorsam gegen Gott und gegen die göttlichen Gebote.
Ilse Wessels war sonst immer etwas flusig und zerstreut und horchte nie recht hin, was vorgetragen wurde. Heute aber seufzte sie ganz tief auf, so schön hatte sie alles begriffen und auf ihren eigenen gelegentlichen Ungehorsam angewendet. Und als Herr Lehrer Hansohm in ihr gescheites Gesichtchen blickte und meinte: „Erzähl doch noch einmal den Schluß, Ilse,“ da berichtete sie strahlend: „Wir sollen immer gehorsam sein, — aber ‚Frau Lotte‘ war es nicht, die drehte sich rum nach der Stadt Sodom und wurde — zur ‚Salzgurke‘.“
— — — — — — — — — — — — —
Am Tage nach dieser genußreichen Religionsstunde hatten Kahl und Genossen wieder eine erregte Unterredung. Freilich, wenn der Direktor selbst „begeistert“ war von Klaus Hansohms Art zu lehren, dann war wohl keine Besserung von diesem zu erhoffen, und „Gott der Herr würde immer gezwungen werden, auf die Schulbänke mitten in das Unheilige hinabzusteigen, anstatt in unerreichbarer Höhe zu thronen“, wie Professor Traute sich salbungsvoll und schön ausdrückte. —
Man hatte die ganze Angelegenheit sowohl in der „grünen Birke“ als auch in Privatkreisen genügend bearbeitet, der Hauptbeteiligte erfuhr sie natürlich zuletzt. Und hatte dazu gelacht. „Beleidigend“ gelacht, betonte Oberlehrer Kahl. „Herrschaften“, hatte Klaus Hansohm gesagt, „ich kann doch meiner neunten Klasse den lieben Herrgott nicht anders bringen, als ich Ihn in mir selbst trage. Und er ist für mich eben der große, einzige Jugendfreund, der gesagt hat: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht.“ So nehme ich denn meine Kinder fest an die Hand und bringe sie auf den Weg. Denn suchen tun sie ihn alle, — wohlgemerkt den Kinderfreund, der ihnen entgegenkommt, nicht den, den Ihr als ‚unerreichbar‘ droben in der Unendlichkeit wissen wollt...“
„Na“, meinte Professor Traute im Hinausgehen zu Kahl: „da hat es immer vom verstorbenen Direktor Claßen geheißen: „Der Mann wird kindisch“, aber kindischer als der junge Hansohm ist der Greis Claßen nie gewesen....“
„Das Kindischste und Dümmste an der Geschichte ist nur,“ bemerkte Kahl bissig, „daß wir alten Akademiker uns dies bombastische Gewäsch einer Seminaristin ernsthaft anhören müssen.....“
„Wer verlangt’s denn?“ fragte Fräulein Doktor trocken. „Weder der Direktor, noch Kollege Hansohm. Die beiden lassen doch wahrhaftig jeden nach seiner Fasson selig werden, sehr im Gegensatz zu weiland Direktor Claßen.“
Oberlehrer Kahl verbeugte sich spöttisch. „Nun, ich würde auch der letzte sein, der Herrn Sörensen um die ‚Fasson‘ ersuchen würde.... Sie natürlich sind seiner Seligkeit wohl bombensicher?“ Und Kahl meckerte hämisch. —
Aber all diese Streitigkeiten im Kollegium, am Biertisch und beim Weinschoppen im Ratskeller, sowie im Vorraum der Apotheke, darin der Provisor sein Urteil abgab, hinderten doch nicht, daß es in Birkholz viele beglückte Elternherzen gab. Und manch eine Mutter, deren Kind immer so freudestrahlend aus der Religionsstunde nach Hause kam und klug, und doch kindlich-treuherzig die alten, schönen, biblischen Geschichten wiedererzählte, so daß sie nun erst recht lebendig wurden, — grübelte darüber nach, wie man wohl dem jungen Lehrer eine Herzensfreude bereiten könne.
So kam es, daß das Grab der jungen Dulderin Lore Hansohm immer mit den schönsten Blumen geschmückt war. Und war gar nicht traurig anzuschaun, sondern so fröhlich, siegesfreudig und zukunftsgewiß wie die lieblichen Geschichten ihres Bruders Klaus. Der ging jeden Abend auf den stillen Heidefriedhof. Und mußte immer für seinen schlichten Strauß einen Platz erst frei machen, so viel Kinderhändchen waren vor ihm bei dem stillen Hügel tätig gewesen, um ihm ihre dankbare Liebe zu beweisen.
** *
Sonntag abend.
Die Heide blüht. —
In diesen drei Worten liegt ein Erleben.
Die Heide blüht.
Kann der von „leben“ sprechen, der dieses Gotteswunder nie ersah?
Mir war heute zumute wie im Wonnemonat Mai, da alle Knospen sprangen. Die abertausend Blütendolden läuteten meinen Frühling ein. Ich pflückte mir voll inneren Jubels einen Riesenstrauß. Heid und Wacholder und goldgelben Ginster und große tiefblaue Vergißmeinnicht .... Wie Sterne waren sie anzuschauen.... Wie zwei bekannte Kinderaugen....
Und ist doch Spätsommer. Närrischer alter Sörensen mit dem ergrauenden Haar an den Schläfen. —
Mit dem Skelett im Hause, das auf allen Wegen auftaucht und grinst. Mit der nie versiegenden Sorge: „Was kommt nun? Welche Häßlichkeit wird den Boden unter den Füßen dir vollends lockern?....“
Und doch. Und doch... Die Heide blüht. Und dies göttliche Geschehen bringt auch mir den Frieden in mein gequältes, ruheloses Innere.
Von Lisette weiß ich, daß sie in einem Sanatorium Aufnahme fand.
Heute mittag lag ich in der Heide und las meinen Jean Paul.
Das Urgesunde in seinen Werken ist wesensverwandt mit meiner Heide.
Als ich tief untertauchte in das rote Blühen, war mir Wunsiedel und das ferne Fichtelgebirge fast persönlich nahe. Und damals in der Luisenburg dachte ich an die Steingräber der Lüneburger Heide und an den Urwald von Unterlüß. —
Heute war ich abgespannt von einer langen Konferenz. Desgleichen müde vom Umherlaufen in der Stadt.
Für ein tüchtiges, arbeitsames Mädchen, das einmal eine prächtige Lehrerin abgeben wird, möchte ich ein Stipendium haben. Aber ich arbeite mit zu viel Widerständen im Kollegium.
Ebenso schlug man mir’s von Stadt wegen ab.
Es blieb mir ein ekler Nachgeschmack auf der Zunge.
So, — als hätte das Mädel und die brave Witwe, ihre Mutter, wohl das Stipendium erhalten, wenn nicht Erne Sörensen der Fürsprecher gewesen wäre....
Dann hatte ich plötzlich den Mammon binnen fünf Minuten beisammen. Schulgeld und Seminarkosten. Und Fräulein Tingleff sagte: „Nur nicht danken. Es geschieht mir selbst der größte Gefallen. Wo irgend ich die Stadtväter ärgern kann, da tue ich’s.“ So soll sie nun morgen früh für ihr ungutes, ränkevolles Herz den schönsten Strauß haben, den die Heide mir bot.
Du meine rote Heide! Grenzenlos ist deine Schönheit, die leuchtende, grenzenlos deine Macht, die siegende, grenzenlos deine Stille, die träumende, grenzenlos wie meine Liebe, die sehnende, zu dir, du meine rote Heide.....
Dann sprang ich auf und besann mich.....
Und wanderte, wanderte, — bis ich mich in Heidekamp wiederfand.
Dort kam ich recht in einen großen Kreis hinein, wollte am liebsten gleich wieder umkehren.
Das war nicht mein stilles Heidekamp, das ich suchte. Wenngleich die Menschen dort mit ihren großen, guten Herzen immer dieselben bleiben. — Man ließ mich auch nicht fort.
Aber ich war doch mit einmal der „Herr Direktor Sörensen“, der mit Grauchen und dem alten Heidekamper und noch etlichen älteren Gutsnachbarn zusammen saß und der Jugend zuschaute, die allerhand Spiele unternahm.
Dann und wann drang das klingende Lachen der jungen Sörine zu uns herauf. Im weißen Kleide, einen Heidestrauß im Gürtel, gaukelte sie umher recht wie ein Sommerfalter.
Einmal kam sie vorsichtig auftretend mit gespreizten Armen und Händen zu uns auf die Terrasse.
Ihre Blauaugen leuchteten förmlich im Entzücken.
„O seht nur, seht nur!“ rief sie leise, scheu, beglückt. Und da saß ein wirklicher Falter, ein prächtiges Pfauenauge auf ihrem Gürtelsträußchen....
„Oh — nun ist er fort!!!“ Mit tiefem Seufzer sah sie dem Fliehenden nach. „Kurt, du hast ihn verjagt, — wie täppisch du immer bist!“
„Wenn du jedem Schmetterling nachtrauern willst, Bäschen.....“
Der Gescholtene wurde mir dann vorgestellt. Er ist auch ein Heidekamper, der eigentliche Erbe des Majorats.
Wohl einundzwanzigjährig. Schmal und rassig. —
Ganz wunderlich ward mir zu Sinn, als ich spürte, daß diesem jungen Menschen die kleine Sörine kein Kind mehr bedeutet.... Wunderlich? Es war wie ein herber Schmerz.....
Meine Schülerin. — Junger Heidekamper, laß ihr doch noch das unbefangene Blühen! Zwinge sie nicht zu frühe mit deinen Blicken in den Garten deines Hauses. Das wird noch viele Jahre in der Stadt stehen nach Wunsch deines Vaters....
Aber ein rechtes Heidekind ist die Sörine und die rote Weite ihr Mutterboden,.... reiße die feinen Wurzeln nicht heraus, — löse sie fein langsam....
Denn lösen willst und wirst du sie wohl. — Der alte Herr gab mir sein gutes Vertrauen.
„Dort wandert die Zukunft von Heidekamp“, sagte er zu mir und zeigte auf das junge Paar, das sich zum Bocciaspiel zusammengetan hatte. „Neffe Kurt ist mir der Liebste aus der ganzen Verwandtschaft. Ein heller Kopf, ein warmes Herz. Liebe zur Scholle. Bodenständig bis ins Mark. Daran hat auch die Juristerei nichts geändert, in die sein Vater ihn gezwängt hat. Nun, die wird sich auch schon wieder verwachsen, wenn er erst Herr hier ist.....“
„Und Sörine?“ fragte ich. Meine Stimme muß heiser geklungen haben.....
„Ja, mein lieber Herr Direktor, das ist eben das Schöne, — sie hat ihn lieb. Ist mit ihm aufgewachsen, und ich habe sie nicht im Unklaren gelassen, daß sie an ihrem achtzehnten Geburtstage seine Braut werden soll...“
In diesem Augenblick kamen die beiden, von denen wir sprachen, herangelaufen, und Sörine rief lachend: „Das Negativ will schon fort, Großvaterli, halte es ja nicht auf, es ist heute unbeschreiblich langweilig.“
„Das Negativ? Was sind das für Schnurren?“ fragte der Alte.
„Sieh ihn dir doch an, Großvaterli, und dann finde einen besseren Namen.“
Wir lachten alle, auch der Geneckte selbst, der mit seinem dunklen, rostbraun verbrannten Gesicht und ebensolchen Händen, dazu dem schneeweißen Anzug und weißen Schuhen wirklich den Ausdruck verdiente.
„Teufelsmädel“, sagte der Alte, und von dem Jungen fing ich wieder einen strahlenden Blick auf, der die junge Mädchenblüte zärtlich umfaßte. Dann brachte sie den Vetter noch zu seinem Wagen, und ich sah ihr weißes Tuch noch lange grüßend ihm nachwehen. — Als sie zurückkam, sah ich in ein ernstes Gesicht. „Darf ich ein Stückchen weit mit Ihnen durch die Heide gehen, Herr Direktor?“
„Na höre mal“, fiel der Großvater dröhnend ein, „du kannst doch nicht so ohne weiteres deine jugendlichen Gäste da unten verlassen, du bist doch stellvertretende Hausfrau und sozusagen Gastgeberin...“
„Ach, sie vermissen mich nicht“, meinte Sörine achselzuckend, „sehen mich auch gar nicht für voll an.... und Kurt ist ja auch nicht mehr da.“
Ein befriedigter Blick des alten Heidekampers flog bei ihren letzten Worten zu mir herüber.
„Und dann,“ — Sörine spielte ihren letzten Trumpf aus, — „Herr Direktor ist doch auch unser Gast, und ich weiß, dem ist ein Gang durch die blühende Heide mehr wert als dies Herumsitzen im Garten.“
Ihre Augen sahen mich bittend an. Wahrhaftig, ich mußte bestätigend nicken. Da lachte der Alte und reichte mir abschiednehmend die Hand.
„Wirft man so verblümt die Gäste hinaus“, fragte ich scherzend Sörine, aber sie lächelte nur schattenhaft.
„Ich nehme den Tyras mit“, sagte sie zum Großvater, und während ich mich noch von Grauchen und den farblosen anderen Gästen verabschiedete, pfiff sie dem Hunde, der in großen Sätzen herangaloppierte und dann ernsthaft neben uns herschritt. Eine geraume Weile waren wir ganz schweigsam. Ich streifte von Zeit zu Zeit ihr leicht erblaßtes Gesicht mit der Falte zwischen den dunklen Augenbrauen.
„Du kleines Mädchen,“ dachte ich... „Du solltest auch lieber noch über dem Pensum grübeln, das ich der ersten Klasse für morgen aufgab, anstatt dich und dein junges Herz schon mit Heiratsgedanken zu beschäftigen...“
„Nun?“ fragte ich endlich. „Ist es denn so schwer, seinem alten Lehrer etwas anzuvertrauen....?“
„Eine Bitte habe ich, — — eine große, große Bitte“, sagte sie ruhig mit tiefem Ernst. „Es muß etwas für Agnes geschehen...“
„Für Agnes Asmus?“ fragte ich verblüfft. „Ich hatte gemeint, Sie wollten mir ganz etwas anderes erzählen...“
„Ich denke an nichts anderes“, rief sie erregt. „Aber alle lassen mich im Stich. Selbst Kurt Heidekamp, der sonst so verläßlich ist. Nun hab ich niemand als Sie, Herr Direktor, Sie werden mir helfen.“
„Wenn ich es kann.....“ Wie leicht war mir auf einmal zumut..... fast könnt ich drüber erschrecken.
„O, Sie können es! Sie können Agnes zu sich bestellen und mich dann dazu holen, und wir können dann in einem Ihrer vielen Zimmer sitzen, und Sie können fortgehen oder bei uns bleiben, wie Sie nur wollen...“
„Sörine...“
„Ach,“ fuhr sie erregt fort, „ich hatte ja auch schon vorhin den Kurt darum gebeten. Der hat ja so ’ne schöne Wohnung in Birkholz und nicht mal einen Menschen drin, der uns was verbieten könnte, aber er wurde ja direkt wütend über meinen Vorschlag....“
„Sörine! Kindskopf!“
Sie sah mich böse an. „Ja, so sagte auch Kurt. Aber warum bin ich ein Kindskopf? Ich denke wahrhaftig schon lange nicht mehr an kindische Sachen, sondern .....“
„Sondern?“
„Ich möchte mich gleich nach der Konfirmation mit Kurt trauen lassen“, vollendete sie ernsthaft. „Dann kann ich meine Agnes zu mir nehmen.“
Mir kam bei diesen Worten etwas in die Kehle, und ich hatte meine Stimme nicht in der Gewalt.
„Und Ihr Vetter“, fragte ich endlich.
„Der will nicht“, sagte sie trotzig, und da konnte ich lachen.
„Hat er Ihnen den Grund seiner Weigerung angegeben?“
„Natürlich!“
„Darf ich ihn wissen?“
„Ja. — Er will nicht wegen Agnes Asmus von mir geheiratet sein, hat er gesagt.“
„So! Aber ich sah doch, daß Sie dem Vetter nachwinkten und als gute Freundin von ihm schieden....“
„Ja, natürlich. Weil er zuletzt meinte, er wolle es sich nochmal recht überlegen. Aber warten kann ich natürlich darauf nicht....“
„Kleine gute Sörine“, sagte ich. „Auch ich muß um eine Bedenkzeit nachkommen. — Denn Ihre Vorschläge sind alle ein wenig zu sörinenhaft. Ist denn etwas Besonderes geschehen, daß Sie wirklich Sorge um Ihre Freundin tragen müssen?“
„Ja, Herr Direktor. Ich spür’ das ganz genau, daß man meiner Agnes zu Hause Leid antut. Da ist irgend jemand in der Schule außer ihrem Vater, der paßt auf, wenn er uns zusammen sieht, und hinterbringt es den Eltern. Dann bekommt sie Schläge. Lieber, lieber Gott, richtige Schläge. Von der Stiefmutter.“ Sörine schluchzte wild und weh auf. „Ich kann den Gedanken nun gar nicht mehr ertragen....“
„Und in den Michaelisferien soll sie aufs Land zu einer Tante, die ist eine Schwester von Frau Asmus und noch schrecklicher als sie. Agnes hatte ganz starre Augen, als sie mir’s in der Stunde zuraunte.... Helfen Sie uns doch, lieber, lieber, lieber Herr Direktor!“
Wie Sörine bitten kann! Spürt gar nicht, daß mein Herz selbst zornig und bang schlägt in seiner Ohnmacht. Ich löste ihre umklammernden Hände von meinem Arm und nahm sie dann fest in die meinen. Fand zuversichtliche Worte, trotzdem ich einsah, daß ich in einem „Wald von Schwierigkeiten Bäume fällen mußte.“
„Oh, so ist es recht“, nickte sie endlich befriedigt. „Ich verlasse mich nun auch fest darauf. — Die Agnes freilich, die hat schon jede Hoffnung aufgegeben, so ein Armes, so ein Liebes....“
An der Waldecke schaute ich mich noch einmal um. Da stand die weiße Gestalt und sah mir nach.
Und wandte sich blitzschnell und floh davon.
Um Mitternacht.
Neben mir steht die große Handtasche gepackt, morgen in aller Herrgottsfrühe will ich nach Einingen fahren.
Dort liegt der Brief meiner alten Mutter, — ich will ihn meinem Tagebuch einfügen. Um zehn Uhr kam ein Bote vom Postdirektor. Der freundliche Mann schrieb mir: „Finde eben bei besonderer Kontrolle in der Briefträger-Abfertigung einen Brief an Sie, — vielleicht ist er wichtiger Art.“ —
Ob er wichtig ist?
Die liebe Mutter schreibt: Mein Sohn Erne! Ist eine lange Zeit vergangen, daß ich dir letztmalig schrieb. Aber heute kann ich dir danken für all dein vieles Guttun an mir. War bislang keine Zeit dazu. Denn vor drei Wochen schlug der Hund an in der Nacht, und ich stand auf und leuchtete vor die Tür, da lag eine Frau, die war schwer krank. Und lachte doch und meinte, so späten Besuch hätte ich gewiß lange nicht gehabt. Und war’s die Lisette. Und wie ich jeden Christen, Heiden und Juden aufgenommen hätt’, der bittend auf der Schwelle liegt, so doch erst recht dies kranke Geschöpf, das deinen und deines Vaters ehrlichen Namen trägt. — Drei Wochen hab ich sie gepflegt, mein Erne. Es war die Schwindsucht. Hab dabei in ein grundleichtsinnig und sündig Herz geschaut, mein Erne, — ist aber auch viel an ihr selbst gesündigt worden. Und du weißt ja, ich möcht jedem immer fleißig raten zu Mathäus 7, Vers I. — Und ist mir eigentlich recht leicht zu Sinn. Weil Gott in seiner Gnade diesem verirrten Menschenkind die rechte Tür wies, daß es in den Armen einer Mutter sterben durfte. Und außerdem noch, weil eure beiden Kinderchen tot sind, und braucht so die Lisette keine Waislein zurückzulassen. Und item brauchen die Waislein nicht gesagt zu bekommen, daß sie eine schlechte Mutter hatten. Ist alles gütig und weise vom Herrgott angeordnet worden. Nur immer hübsch nachdenken, und die Hände falten mit Dank. — Und haben wir uns noch auf eine Weise ganz liebgewonnen, die Lisette und ich. „Du hast mich’s Lachen wieder gelehrt, Mutter“, sagte sie oft. „Guter Gott“, meinte ich, „was gibt’s wohl bei mir zu lachen?“ „Weil du so brav bist, Mutter, du und der Erne, — so kreuzbrav. — Wir paßten ja nimmer zueinander. Und brav sein heißt langweilig sein. Oh, was hab ich gegähnt, wenn ich partuh brav sein sollte. Aber so, wie ihr beide das seid, so ist’s recht zum Lachen....“
Ja, Erne, so närrisch hat sie immer gesprochen und, verhoffe ich nur, der Heiland wird ihr droben sagen, daß das Bravsein nicht bloß fürs Lachen gut ist.
Aber wie es zum Sterben ging, hab ich lieber selber mit ihr gelacht, um der armen Seele den letzten Gefallen zu tun. Und wird mir der da droben auch dies verzeihen, weil er ins Herz sieht.
Hab der Lisette Sörensen geb. Balian die Augen zugedrückt und sie gewaschen und das Totenhemd angezogen, und Pastor Verden weiß auch, daß es meine Sohnsfrau ist, und kein verlaufen Straßenweib. Bin gesund und verhoff das gleiche von dir. Will dich nur fragen, ob du nach Christengebot feurige Kohlen willst sammeln, und der die letzte Ehre antun, die deinem eigenen Leben so wenig Ehre angetan.
Würde dich mit großer Freude erwarten als deine treue Mutter. Gesine Sörensen.
Mutter, ich empfange aus deiner Hand ein neues Leben....
Deiner würdig will ich’s leben. —
Mutter! Als ich heute Morgen das Blatt vom Kalender ablöse, fand ich den Spruch darauf: „Ein gutes Mutterherz ist ein Kleinodienschrein Gottes.“
Wahrlich, alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter, du gute Mutter...
** *
„Also plötzlich verreist! Hm“, wiederholte Professor Traute die Worte des Professors Rasmussen. „Und in dringenden Familienangelegenheiten! Hat denn der Mann überhaupt Familie? Es ist merkwürdig, wie wenig man von ihm weiß.“
„Genügt aber, wenn das Wenige gut ist“, entgegnete der Kollege.
„Gut??? Na, das kann man wohl nicht so schroff behaupten.... Hm.
Und gestern mittag sprach ich ihn noch, und da schien er noch von nichts zu wissen — — und heute schon fort.....
Vermutlich ein Telegramm???“
„Vermutlich.“
Traute sah, es war aus Rasmussen nichts heraus zu holen. Ärgerlich ging er aus dem Direktorzimmer, worin sich Rasmussen als Vertreter niedergelassen hatte. Auf dem Flur begegnete ihm Kahl in großer Eile: „Komme vom Bahnhof“, raunte er dem Überraschten zu. „Hörte vom Friseur, daß ‚Er, der Herrlichste von allen‘, schon vor Tau und Tag aus Birkholz abgedampft sei, ordentlich gelaufen sei er, um noch den Frühzug 554 zu erreichen. Na, ich habe mir dann noch auf dem Bahnhof etliche Kilo Material gesammelt. ‚Er‘ ist genau nach demselben Ort gefahren, — na, Sie wissen ja Bescheid.
Unsauber, — im höchsten Grade unsauber, Kollege Traute, es muß ihm nächstens den Hals brechen....“
„Unglaublich“, staunte Traute und schoß in das Klassenzimmer, denn er hatte den Vertreter des Direktors „husten“ hören. —
Am Sonnabend derselben Woche kehrte Sörensen aus Einingen zurück. Klaus Hansohm holte ihn am Nachmittag vom Bahnhof ab.
Sörensen entstieg sehr elastisch dem Abteil und sah den jungen Freund aus ernsten, aber hellen Augen an. „Wie jemand, der erholt aus einem frohen Urlaub kommt“, dachte Hansohm etwas befremdet, und dann biß er sich auf die Lippen, denn er hatte gesehen, wie Oberlehrer Kahl auf dem Bahnsteig auf und ab ging und nur gerade eben den Hut lüftete, als er an dem Direktor vorbeischritt.
Der kurzsichtige Sörensen hatte offenbar die unehrerbietige Art des Grußes gar nicht bemerkt.
Aber unten auf der Straße begegneten ihnen mehrere Honoratioren mit ihren Frauen, und es war wirklich befremdlich, wie langsam jede Hand nach dem Hute griff und wie geflissentlich die Frauen zur Seite schauten...
Klaus Hansohm beobachtete seinen Direktor, aber dieser war ganz unbefangen: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, lieber Hansohm, daß Sie mich heute abholten. Wie ein lieber Heimatgruß war mir Ihr Gesicht, obgleich — — — ich eben aus meiner Heimat komme“, sagte er dankbar. „Haben Sie Zeit, um aus der Hand von Frau Dietz eine gute Tasse Kaffee entgegen zu nehmen?“
„Für Sie habe ich immer Zeit, Herr Direktor“, entgegnete Hansohm warm.
Oben im Wohnzimmer war es sehr behaglich. Frau Dietz stellte rasch noch eine zweite Tasse neben die silberne Kaffeekanne und holte Pfeifen und Fidibusse, wie ihr Herr das liebte. In der Mitte des runden Tisches prangte der wohlgeratene Napfkuchen, den die Umsichtige zur Feier der Heimkehr gebacken hatte. —
„Trotzdem gefallen Sie mir gar nicht, Frau Dietz“, scherzte Sörensen freundlich ernst, nachdem er der treuen Dienerin ins Gesicht geschaut hatte. „Sie sehen aus, wie die selige Kassandra.“
„Das soll hoffentlich keine Beleidigung sein“, gab Frau Dietz gekränkt zur Antwort.
„Nein, Frau Dietz, Kassandra war eine durchaus anständige Frau“, sagte Sörensen möglichst ernsthaft. „Aber ich möchte wissen, welches Unheil Sie mir prophezeien wollen....“
Frau Dietz erschrak, und sie sah ratheischend auf Lehrer Hansohm.
Aber der machte ein ebenes Gesicht, als ob ihn das ganze Gespräch gar nichts anginge, und da verließ Frau Dietz hastig das Zimmer.
„Launen???“ sagte Sörensen mehr zu sich selbst und schüttelte den Kopf. „Das kenne ich gar nicht an ihr. Schade, — es verdirbt mir beinahe ein wenig den Tag...“
„Sie haben Frohes erlebt, Herr Direktor?“ fragte Hansohm bescheiden forschend.
„Frohes? Sehe ich so aus?“ lautete die Gegenfrage. —
„Ja. — Oder wie jemand, der einer Last ledig wurde.....“
Sörensen schaute sinnend geradeaus, schwieg aber.
Und nach einer Weile: „Hansohm, Sie selbst aber verbergen mir etwas. Sind nicht der alte Klaus Hansohm. Sie sind unfrei. Habe ich nicht Ihr Vertrauen?“
„Das haben Sie, Herr Direktor.“
„Also? — — Sie zögern? Ist etwas geschehen? Betrifft es mich? Dann wissen Sie wohl auch Bescheid, was Frau Dietz plagt?“
„Ja, Herr Direktor.“
Und nun kam langsam, schwer und gewuchtig die letzte Frage:
„Hängt es — — mit meiner Reise zusammen?“
„Ja.“
Sörensen stand auf. „Also Klatscherei“, sagte er ruhig, „dagegen kann ich mich nicht schützen.“ Er sah dem jungen Kollegen in das verdüsterte Gesicht. Dann nahm er dessen beide Hände in raschem Entschluß. „Sie sagten, Sie wollen heute abend noch zu Fräulein Doktor gehen? Sagen sie ihr, — ich — ich hätte vor wenig Tagen meine Frau begraben.... ja. Ihr beide sollt’s wissen.....“
Er stellte sich ans Fenster mit dem Rücken nach dem Zimmer gewendet und schaute in den schweigenden, alten Garten hinaus. Klaus Hansohm trat zu ihm. „Ich — danke Ihnen Herr Direktor.“
Die Dämmerung kam. Dann verließ Klaus Hansohm still und ehrfürchtig das Zimmer und schritt die alte Treppe hinunter und quer über den alten Marktplatz. Er trug das schwere Geständnis des verehrten Mannes in die Stube von Fräulein Doktor Stavenhagen, und dort wurde es gleich in ein treues Frauenherz aufgenommen.
Dann sagte Hansohm traurig. „Aber Sörensen ehrt uns beide nur allein. Es soll Geheimnis bleiben, und deshalb werden die Lästerzungen sich weiter spalten und wir dürfen sie nicht herausreißen...“
Fräulein Doktor nickte schwer. „So oder so“, sagte sie. „Birkholz ist noch nicht reif für einen Erne Sörensen. Wir wollen seine Gründe ehren.“ — — —
** *
Direktor Sörensen und sein Freund wanderten durch die Heide. Es war ihnen zur lieben Gewohnheit geworden, und Frau Dietz stand allsonntäglich eine Viertelstunde vor dem Fenster, um ihrem Herrn Schlag 6 Uhr in der Frühe zurufen zu können: „Jetzt biegt er um die Ecke.“
Die frühe Stunde bot beiden Männern ungeahnte Herrlichkeiten.
Die Sonntagsstille in Wald, Flur und Stadt, die reine unverbrauchte Luft taten wohl. — Nach einer lärm- und unruhevollen Woche in heißen Schulzimmern, deren Luft noch reichlich mit frischem Kalk und Terpentin durchsetzt war.
„Atmen, atmen!“ kommandierte Hansohm draußen auf tauigem Heideweg, und ließ den Worten gleich die Tat folgen. Dann nahm er ein paar rote Heideblüten in die hohle Hand, legte einige braune, abgeblühte dazu, zerrieb ein winziges Zweiglein Wacholder, pflückte drei Wacholderbeeren, sowie zwei Ginsterblättchen und fuhr sich mit diesem Sammelsurium lachend über sein frisches Gesicht. In den Heidedörfern sagen sie, dies Rezept mache „die Deerns schön und die Junggesellen gescheit“, sagte er lachend zu Sörensen.
„Geben Sie her, geben Sie her“, mahnte dieser in komischer Hast, „das muß ich versuchen...“
Hansohm bückte sich sofort, um das „Rezept“ aufs neue zusammenzustellen. „Es darf nur von einem gebraucht werden, sonst hat es keine Wirkung“, meinte er, und tat sehr wichtig. Als er dem Freunde dann Blätter und Blüten reichte, sah er ihn liebevoll forschend an. „Lieber Herr Direktor, dies schlichte Gemengsel ist auch sonst als heilkräftig bekannt. In meinem uralten Buche von den Heidekräutern steht: ‚Ein Tee, solcherweysen zubereytet und mit Sorge gebrauet, löset zäh und schwer Geblüte und säubert das Herz von der Melancholeya.‘“
Sörensen antwortete nicht, gab nur den forschenden, liebevollen Blick ernsthaft zurück.
Nach einer Weile des Wanderns stieß Hansohm ärgerlich heraus: „Sie haben es mir erlaubt, aus meinem Herzen niemals eine Mördergrube zu machen und deshalb rufe ich’s hier in die braune Heidestille hinaus, wie ich’s Ihnen vor Monaten schon einmal unbotmäßig zu sagen wagte: ‚Sie gefallen mir nicht, lieber Herr Direktor, nein, Sie gefallen mir gar nicht.‘“
„Die Kräuter sollen ja auch nur die Deerns schön machen“, scherzte Sörensen, ohne daß sein Gesicht sich aufhellte.
„Damit werden Sie mich nicht los“, rief Hansohm eindringlich, und er warf sich längelang unter einen Wacholderbusch. Denn so hatten sie’s verabredet. Wo irgend ein besonders schönes Fleckchen entdeckt wurde, da hatte jeder einzelne sofort das Recht, „Halt“ zu gebieten.
Sörensen folgte also seinem Beispiel, aber schweigend.
„Als neulich Oberlehrer Kahl so plötzlich auf Urlaub ging,“ sagte Hansohm erregt, „und wir begründete Hoffnung hegten, daß er Birkholz nicht wiedersieht, da hofften wir auch, Sie würden mit uns allen aufleben, — — Herrgott, lieber Herr Direktor, sagen Sie mir, was man tun kann, damit Sie wieder der Alte sind. Daß man Ihnen fortgesetzt abrät, nicht so wahnsinnig zu arbeiten, nützt ja nichts....“
„Sie meinen’s gut, Klaus Hansohm. Zugegeben, daß ich etwas überarbeitet bin.... Aber es gibt ja Zeiten, wo man die Arbeit als einzige Helferin hat. Und mir kommt es vor, als sollte das bei mir ein Dauerzustand werden. Hand aufs Herz, Hansohm, glauben Sie überhaupt, daß ich je in Birkholz festen Fuß fassen werde?“
„Sie denken doch nicht daran, sich fortzumelden, Herr Direktor?“ fragte Hansohm erschrocken. „Es wurde mir schon von vielen Seiten erzählt, aber ich habe immer dagegen gestritten.“
„Hat man’s Ihnen erzählt?“ Sörensen nickte nachdenklich. „Sehen Sie, Hansohm, bei allen diesen Erzählern war der Wunsch der Vater des Gedankens. Ich fühl’s ja tagtäglich, wie die Wühlerei im Gange ist.“
„Die paar elenden Maulwürfe“, warf Hansohm verächtlich ein.
„Sie sind sehr fruchtbar“, sagt Sörensen ernst. „Sie vermehren sich unheimlich. Und meine Sorge geht dahin, daß sie mein Wirken an der Schule ernstlich gefährden.“
Hansohm richtete sich rasch auf und sah seinen Direktor freimütig an. „Die Kinder haben Sie lieb“, sagte er warm. „Und zwar die Kleinen wie die Großen ganz ohne Unterschied. Ist das nicht Glücks genug?“
„Wenn ich nur an mein Glück dächte“, entgegnete Sörensen sinnend, „so ginge ich nie von hier fort, denn wahrlich, ich finde es täglich unter den mir anvertrauten Kindern. Aber wenn die Maulwürfe weiter arbeiten.... Ich habe es nicht gemerkt, Hansohm, daß mich die Eltern meiner Schülerinnen weniger tief grüßen als früher, das hat mir erst ein Anonymus verraten.“
„Anonymus??? Bekommen Sie auch anonyme Briefe???“
„Auch??? Aha, ich dachte mir’s. Also in Birkholz laufen solche herum?“
„Ja.“
„Und die Birkholzer Gemüter und Papierkörbe sind nicht reif genug, solche Dinge gebührend zu empfangen?“
„Ich fürchte nein. Aber Sie sagten eben selbst ‚nicht reif genug‘, Herr Direktor, und trafen das Rechte damit. Es ist Unreife, nicht Bosheit. Birkholz hat viel Kindisches an sich. Zu allererst die Neugierde. Deshalb beschäftigt es sich mit so etwas wunderlich Neuem und sucht es zu ergründen. Dann aber möchte es auch an den Beschuldigten herankommen. Aber Sie lassen niemand heran, und da wird das kleine, gute Birkholz hart und ungerecht. Den Birkholzern wird es nicht leicht, einen Fremden lieb zu haben. Aber sind sie einmal überwunden, dann wollen sie nicht vor verschlossener Pforte stehn.“ —
„Welch scharfe, prächtige Erklärung Sie mir geben, Hansohm, und wieviel lichte Farben Sie aus Ihrer Palette herausholen für das Bildchen Birkholz.“
„Es ist meine Heimat. Meine armselige, gute Heideheimat. — Und schon als Knabe galt all mein Wünschen dieser Heimat. Ich habe den lieben Gott nie viel belästigt in meinem Leben. Denn meine Mutter hatte vergessen, mich das Beten zu lehren. Dann tat’s die grimme Not. — Aber Gott schenkte nicht einem einzigen Gebet äußerliche Erfüllung. Er gab mir Besseres, ließ mich meine Heimat lieben. Das war schon Glück. Dann kam das Erkennen meiner Heimat, all der reichen Schätze, die in Kopf und Herzen dieser kindereinfältigen Menschen verborgen liegen. Aber ich konnte den Reichtum nicht schürfen und heben, dazu mußte ein Größerer kommen.“
Er streckte Sörensen die Hand hin, und seine begeisterten Augen flammten. —
„Schwärmer! Lieber, junger Schwärmer“, sagte Sörensen ergriffen.
„Oh, nicht doch! Es ist kein Schwärmen, es ist Erleben. Sie sind mir die Erfüllung meiner Bitte: „Herrgott schick meiner Heimat Birkholz einen Lehrer von Gottes Gnaden!“ Denn nur durch die Kinder kann man an diese stillen, schweigsamen, in uralte, schier verweste Anschauungen verrannten Heidjer heran. Und es lohnt sich wahrhaftig, das Innerste bei ihnen herauszuholen.“
„Es ist mir nicht gelungen“, sagte Sörensen düster.
„Nicht gelungen?“ rief Hansohm leidenschaftlich. „Gehen Sie denn mit geschlossenen Augen umher? Anders finde ich keine Erklärung. Denn ein Erne Sörensen ist nicht ‚bescheiden‘ im landläufigen Sinne....“
„Vielleicht war ich bewußt blind“, gab Sörensen zögernd zu, und ein zages Glücksgefühl zog durch seine Seele in der Vorahnung, der junge Kollege könne recht haben. „Vieler Jahre Leid wuchteten schwer..... Ich sah zuviel nach innen und suchte Schuld in mir.“
„Sie ehren mich“, murmelte Hansohm. Und nach einer Weile: „Kann dies Leid niemals sterben? Ist es fressendes Gift?“
Nun sprang Sörensen auf und stand vor dem Jüngeren und nahm ihn bei den Schultern: „Freund Hansohm, was fragen Sie da? Eine gute, verständige Frage ist’s. Und sie rüttelt mich wach. Ja, mein Leid darf sterben. Und Sie sollen mir helfen, es einzusargen und in der gütigen Muttererde der Heide zu begraben.“ —
„Das will ich, das will ich“, rief Hansohm eifrig. „Und mit solchen Augen, wie sie jetzt auf einmal in Ihnen leuchten, werden Sie ihr Werk erkennen. Werden sehen, was Ihnen in unglaublich kurzer Zeit gelungen ist. All das Verschüttete, das ganze Pompeji und Herkulanum des seligen Claußen, — Sie, Erne Sörensen haben es herausgegraben! Was sind die paar Maulwürfe? Was können Kahl und Genossen ausrichten, wenn Sie wollen, Herr Direktor? Ein aufklärendes Wort von Ihnen genügt...“
Sörensen stutzte und blieb stehen.
„Ich soll.... Kollege Hansohm, — Sie meinen — ich soll Farbe bekennen? Soll mich gegen — — anonyme Beschuldigungen verteidigen?“
„Nicht ganz so schroff — — Herr Direktor — o nun habe ich wohl alles verfahren — — wie leid mir das ist — —“
„Wir wollen nicht wieder darauf zurückkommen, lieber Hansohm“, sagte Sörensen ruhig ernst. „Das Kind Birkholz ist nicht reif genug, wie Sie selbst sagen, um sich zum Richter über mich aufwerfen zu dürfen. Es ist aber auch nicht jung genug, um zu meinen Füßen zu sitzen und sich belehren zu lassen. So muß es denn nach eigener Fasson selig werden.“
Klaus Hansohm sah tief bekümmert aus.
„Meine beiden Liebsten!“ sagte er traurig. „Meine Heimat und Sie! Und wollen nicht zueinanderkommen .... Da geht viel Segen verloren.....“
Sörensen schwieg. So wanderten sie eine geraume Weile nebeneinander her. Mit einmal blieb der Direktor stehen: „Hansohm, haben Sie etwas von Agnes Asmus gehört?“
Klaus Hansohm sah ihn fast erschrocken an. „Können Sie Gedanken lesen, Herr Direktor? In dem gleichen Augenblicke wollte ich von Agnes Asmus sprechen.“
„Ich habe da ein Versprechen gegeben, an Sörine von Heidekamp“, sprach Sörensen nachdenklich. „Und habe es nicht eingelöst. Das ist mir sehr, sehr leid. Meine Reise und — quälende Begleitumstände hinderten mich völlig. — — Ich will noch heute nachmittag zu den Eltern Asmus gehen und möglichst alles Versäumte nachholen.“
„Sie werden sie nicht treffen. Asmussens wollten heute vormittag nach Luhenmoor fahren, um einer Tante, zu der Agnes nach ihrer Konfirmation übersiedeln soll, das Mädelchen zu zeigen.“
„Das gerade wollte ich verhindern“, Sörensen war erschrocken und peinlich berührt. Dann stampfte er ungeduldig mit dem Fuße auf. „Kollege Hansohm, Sie sehen mich ärgerlich und verlegen. Denn ich habe mein Prinzip durchbrochen, Kindern vor allen andern Menschen ein gegebenes Versprechen zu halten. Nun verfolgen mich die vorwurfsvollen Augen der jungen Sörine.....“
„Ich möchte Ihnen eine Frage vorlegen, lieber Herr Direktor“, sagte Hansohm zögernd, „und ein Geständnis machen. Ich — ich bin der Agnes Asmus gut. Das tiefe, erbarmende Mitleid mit ihrer Lage hat Wärmeres bei mir ausgelöst. Und ihre köstliche, junge Stimme habe ich lieb. Glauben Sie, daß es Unrecht ist, dem so jungen Kinde davon zu sprechen, sobald es die Schule verlassen hat?“
„Nein, nein, Hansohm, wie sollte das Unrecht sein?“ Sörensen sah ihn froh bewegt an. „Welch liebe Lösung wäre das! Ungewöhnlich, ich gebe das zu. Aber Ungewöhnliches kann wunderschön sein.“
„Warum soll das große Los immer in die Lotterie der Besitzenden fallen? Sie sind das große Los, guter, treuer Hansohm!“ Sörensen war ganz Aufgeregtheit und Freude. Eine Zentnerlast schien von seiner Seele gefallen. „Und wie wird sich die Sörine freuen!“
Hansohm sah erstaunt auf seinen Direktor.
„Diese Wirkung meiner Mitteilung hätte ich gar nicht zu hoffen gewagt“, meinte er. „Ich danke Ihnen von Herzen. Denn nun steht mein Entschluß fest. Und ich habe gegründete Hoffnung, daß die Eltern Asmus, wenigstens die Stiefmutter, — es begrüßen werden, ihr Kind bald los zu sein. Ohne Kosten“, setzte er bitter hinzu. „Denn ich habe meinen jungen Hausstand bereits in tadelloser Verfassung. —“
Sörensen drückte ihm die Hand. „Gott schütz Euch beide“, sagte er brüderlich herzlich.
„Meine kleine Agnes ahnt natürlich nichts.“ Klaus Hansohm schoß das rote Blut in das junge ernste Gesicht. „Aber ich weiß, daß sie mir rückhaltlos vertraut und innig dankbar ist. Und warum soll ein Verlöbnis nicht Glück bringen, das auf Vertrauen und Dankbarkeit aufgebaut ist?“
„Zwei seltene Kräutlein heutzutage, lieber Hansohm, ich halte sie für ein schönes, festes Fundament.“
Und bei sich dachte Sörensen: „Du lieber, frischer, fröhlicher Gesell! Du wirst nicht lange auf die ‚Liebe, welche die größeste ist‘ warten müssen, sie wird sich noch mit in Eures jungen Nestes Grundstein einmauern lassen. —“
** *
Am Montag, der diesem hellen Sonntag folgte, trat Direktor Sörensen um 8 Uhr zur Andacht in die erste Klasse. Und er sah mit rasch umfassendem Blick durch seine scharfe Brille, daß zwei Plätze leer waren. Sörine Heidekamp und Agnes Asmus fehlten.
Mit großem Befremden hörte er, daß keines von den Mädchen eine Entschuldigung oder Mutmaßung für dies Fehlen hatte und begann den Unterricht. Der war fesselnd genug. Den eingehenden Fragen folgten rasche erschöpfende Antworten, — mit freundlichen Augen schaute der Lehrer auf die angeregten jungen Gesichter.
Dann klopfte es plötzlich an die Tür und herein schob sich unter vielen Bücklingen der Lehrer Asmus. Er war verlegen und erregt, und als er einen raschen Blick nach dem leeren, ersten Klassenplatz geworfen, wurde er kreideweiß. Und fand keine Worte, so sehr er sich auch mühte, und wand sich wieder zur Tür hinaus, die er in überstürzender Eile laut zuschlug. Sörensen sah ihm verblüfft nach und schüttelte den Kopf, und die jungen Mädchen schauten sich an mit verstörten Augen. Nach der Stunde, die nicht mehr viel Frucht trug, ging Sörensen in sein Zimmer.
Dort fand er Klaus Hansohm. Und so aus den Fugen war der junge Lehrer, daß Sörensen ihm erst einmal wie einem kranken Kinde zuredete.
„Agnes ist fort“, stieß er endlich hervor. „Fort, — nicht zu finden. Die Eltern haben das Bett leer gefunden heut morgen. Der Vater hat noch gehofft, sie wäre in die Heide gelaufen, wie sie das in letzter Zeit öfters getan hätte, und er würde sie zur rechten Zeit in der Schule wiederfinden... Nun das nicht eintrifft, ist er wie von Sinnen, krank, — er sitzt drüben im Lehrerzimmer...“
„Was sind das für Sachen?“ Sörensen überlegte einige Sekunden, dann ging er mit raschen Schritten nach dem Fernsprecher und ließ sich mit Heidekamp verbinden.
„Agnes Asmus nicht dort? Und Sörine?“ hörte Hansohm ihn bald darauf fragen. Und dann sah der junge Lehrer, wie sein Direktor mit tief gefurchter Stirn einen Bericht entgegennahm.
„Sörine ist zu Hause“, rief der Direktor Hansohm zu, und hing hastig den Hörer an. „Herr von Heidekamp meint, sie sei krank. Aber die Freundin sei nicht bei ihr, davon habe er sich selbst überzeugt. — Hansohm, lieber Freund, was ist da geschehen? Kopf hoch. Es läutet schon. Ich bitte Sie, gehen Sie in Ihre Klasse. Ich werde mit Asmus sprechen und alles Nötige in die Wege leiten. Verlassen Sie sich auf mich, Klaus Hansohm.“
„Verzeihung, — es hat mich umgerissen“, murmelte dieser, und Sörensen klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und begleitete ihn bis vor das Klassenzimmer. —
Im Lehrerzimmer saß Asmus. Ja, der Mann war krank, das sah Sörensen auf den ersten Blick. Er wollte vor dem Direktor aufstehen, aber seine Glieder versagten den Dienst.
„Meine Tochter!“ stöhnte er: „Meine Tochter läuft vor Tau und Tag aus dem Hause und kommt nicht zur Schule, und wir wissen nicht, wo sie ist.....“
„Aber die Gründe?“ forschte Sörensen heftig. „Agnes ist ein ruhiges Mädchen, was ficht sie plötzlich an? Ist sie wieder gequält worden?“
„Wir quälen unsere Tochter nicht“, murmelte Asmus. „Aber sie hatte sehr ihren eigenen Kopf. Und die Tante, der wir sie gestern erst einmal vorstellen wollten, ist etwas hart geraten.... Und als Agnes sich widersetzte — — sie wollte durchaus nicht das Versprechen geben, Michaelis zu ihr zu ziehen, — da hat es wohl allerlei gegeben.....“
„Allerlei,“ wiederholte Sörensen in tiefer Bitterkeit und fühlte, daß er nicht das allergeringste Mitleid mit diesem Vater hatte, mit dem Gott jetzt ins Gericht ging.
„Agnes hatte den ganzen Abend und auch auf dem Rückweg kein Wort gesprochen.“ Mühsam quälte Asmus die Worte heraus. „Ich fand sie selbst furchtbar verstockt und strafwürdig. Aber es ist nichts mit ihr getan worden. Sie ging dann bald zu Bett. Und heute morgen.....“ Die Stimme brach ihm.
„Gehen Sie jetzt nach Hause, Herr Kollege Asmus“, gebot Direktor Sörensen. „Ich beurlaube Sie. Nur so viel möchte ich Ihnen sagen, in Heidekamp befindet sich Ihre Tochter nicht. Dort habe ich mich schon erkundigt.“
Lehrer Asmus starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Nicht in Heidekamp?“ stöhnte er und faßte des Direktors Hand. „Nicht in Heidekamp???“
Und nun fand es sich, daß Lehrer Asmus nicht allein nach Haus gehen konnte und Direktor Sörensen rief den Schulwart Harks, der sich mitten im Umzug nach seinem sonnigen Häuschen in Heidekamp befand. Aber er ließ den Möbelwagen und alle Unruhe hinter sich und kam sofort und stützte sorglich den kranken Mann, der einst mit so viel gehässigen Worten beigetragen hatte, daß Harks seine Stelle am Lyzeum verlor. —
An diesem Mittage stand Frau Dietz händeringend am Herde und mußte zusehen, wie ihr schmackhaftes Essen „verbratzelte und verbrutzelte“.
Ein sehr feiner, junger Herr saß drinnen beim Direktor und redete und fand kein Ende. Und immer, wenn sie ihr Auge an das Schlüsselloch legte, redete er noch, und schlug dabei die Hände zusammen, und ihr Herr lief wie ein Tiger im Käfig auf und ab, so daß das Schlüsselloch zeitweise hell und dann wieder verdunkelt war. —
Direktor Sörensen hatte seinen unvermuteten Besucher zuerst nicht wiedererkannt. Denn das auffallend feine, rassige Gesicht des jungen Referendar von Heidekamp war gerötet von innerer Aufregung und die Augen schauten ratlos und verzweifelt drein. —
„Ich war wie vom Donner gerührt, Herr Direktor, als ich heute morgen in mein abgelegenes Gartenhaus kam und die Bescherung fand. Zwei junge Mädchen! Davon eins meine Base Sörine und das andere ihre junge Freundin, die augenscheinlich ganz den Kopf verloren hatte. — Herr Direktor, was sind das für ausgefallene Geschichten! Sörine hat keine Ahnung, was sie mir und ihrer Freundin da eingebrockt hat. Das Haus liegt an der Landstraße, meine Bauern und Insten karren dran vorbei, sie haben ja ein Recht sich zu verwundern, daß ihr junger Herr plötzlich — — —.“ Er verstummte in peinlichster Verlegenheit.
Sörensen rannte auf und nieder, und in seinem Kopfe sausten die Gedanken. „Du bist dran Schuld, Erne Sörensen“, sagte er sich. „Du hast dein Versprechen nicht eingelöst, nun hat sich das tapfere Kind selbst helfen wollen, sich und der Agnes. Und begeht die größte Dummheit. Natürlich, weil sie jeden Kerl für so ehrenhaft hält, wie sie selbst einer ist. Liebe prächtige, kleine Sörine, du großer Unverstand! Gottlob, daß du wenigstens an deinen ehrenhaften Vetter geraten bist.“
Der junge Heidekamper nahm erregt wieder das Wort.
„Ich sage Ihnen, Herr Direktor, — wie der kategorische Imperativ in Person stand mein Bäschen vor mir, nachdem sie mich durch meinen Reitknecht hatte wecken lassen und ich in fliegender Eile mich angezogen und nach dem Gartenhause geeilt war. Dieses wird von einem früheren alten Diener bewohnt. Der hat die jungen Damen eingelassen und zwar heute morgen 6 Uhr in der Frühe. ‚Du beschützest mir meine Agnes‘, befahl mir Sörine, ‚ich muß nach Heidekamp, damit Großvaterli nichts merkt. Dann komme ich in jeder freien Minute zu dir und Agnes. Vielleicht müssen wir uns schon bald trauen lassen, damit Agnes eine Heimat hat.‘“
Damit fuhr sie davon, und ich saß vor dieser Agnes, die ich nicht kenne und die eine wahnsinnige Angst vor mir zu haben scheint. Denn sie sprach kein Wort und war totenblaß und zitterte wie ein Hälmchen. Mag der Teufel draus klug werden. Es ist eine regelrechte Entführung. Da fielen Sie mir ein, Herr Direktor, und ich habe dem jungen Mädchen gesagt, daß ich Sie benachrichtigen wolle, habe ihr ein gutes Frühstück in die alte Klause gebracht und mich verpflichtet, um 2 Uhr spätestens mit Ihnen wieder bei ihr zu sein. — „Sie werden mich nicht im Stich lassen, Herr Direktor“, setzte der junge Mann bittend hinzu.
Sörensen nickte stumm, schrieb in fliegender Eile einen Brief an Lehrer Asmus, bat ihn, um Agnes willen ruhig zu sein und — der Not gehorchend seine Tochter nach Heidekamp zu beurlauben, damit Birkholz keinen Anlaß zum Mutmaßen und Klatschen fände, er selbst würde ihm Bericht über Agnes bringen.
Im Wagen erzählte ihm dann der junge Heidekamper, daß er Sonnabend und Sonntag immer auf Luhmühlen, seinem Gute sei, von dem man zu Fuß Heidekamp in einer halben Stunde erreichen könne.
Sörensen hörte nur zerstreut zu. Aber er dankte mit herzlichen Worten, daß der junge Baron ihn gerufen habe, und er hoffe, daß sich Sörinens Staatsstreich noch zum Segen für die beiden Freundinnen wandeln würde.
Der junge Heidekamper lächelte: „Ja, das ist merkwürdig, der unberechenbaren kleinen Base schlägt alles zum Guten aus. Wie hat sie uns immer alle geängstigt! Was für verrückte Einfälle hat sie schon gehabt und in die Tat umgesetzt! Niemand in Heidekamp, Birkholz, Luhmühlen und den angrenzenden Ländern ist sicher vor ihren ‚Ideen‘. Alle Leute im Dorf, den Großonkel Heidekamp, Grauchen und mich mit einbegriffen, fürchten sich vor diesen ‚Ideen‘, — und alle vergöttern trotzdem die junge Herrin.“ — Und er setzte sehr herzlich hinzu: „Auch wieder Großonkel, Grauchen und mich selbst mit einbegriffen. —“
„Weil dieses junge Kind die Liebe ist, die verkörperte Liebe“, sagte Sörensen ernst. „Jede Handlung Sörinens wird von Liebe zu irgend einem Lebewesen oder einer Sache diktiert, und wo rechte Liebe ganz schlackenfrei der Urgrund ist, da kann ja nichts zum Bösen gereichen.“
Der junge Heidekamper nickte. Aber er meinte doch bei sich, dieser Herr Direktor Sörensen sei recht „pastörlich“ angehaucht, und im übrigen würde es besser sein, wenn die süße, kleine Sörine sich ihre Ideen anstatt nur von „schlackenfreier Liebe“ von etwas „juristischem Nachdenken“ diktieren ließe.
An der Wegscheide von Heidekamp und Luhmühlen stand ein alter Mann. Er trug die Heidekamper Livree und winkte dem Kutscher, daß er anhalten solle. Dann trat er an den Schlag und berichtete mit unsicherer Stimme, daß er vom alten Herrn Baron zum Aufpassen herbestellt sei und daß die beiden Herrn gleich ins Schloß kommen möchten.
Der Wagen wendete, und in zehn Minuten erreichten sie das Herrenhaus und standen vor dem alten Heidekamper.
Der sah heute nicht reckenhaft, sondern alt und verfallen aus. Grauchen stand neben seinem Sessel und weinte. Des alten Herrn Stimme klang müde: „Warum müssen wir alten Stackels auf dieser Jammererde bleiben, und solch Jungvolk, dem das Leben lacht, das siebzig Jahr noch auf ein Besserwerden hoffen kann, das läuft davon.... Droben liegt sie — die lüttje Asmus. In unsern Waldsee ist sie gelaufen. Und meine Sörine, — wie ein gefälltes Bäumchen hockt sie daneben. Hat noch kein Wort gesprochen, sieht mit erstarrten Augen umher, — sie hat mich gar nicht erkannt. Herrgott, womit hab ich das verdient, daß du so gar nicht aufgepaßt hast! —“ Der junge Baron sah blaß und ratlos auf seinem Großoheim nieder, dann ging er zögernd aus dem Zimmer, und nach einer Weile hörte man seinen Wagen davon rollen.
„Kann ich — die Tote sehen?“ fragte Sörensen mit heiserer Stimme. Grauchen streckte ihm die Hand hin. „Darum hatten wir Sie bitten wollen“, sagte sie leise. „Auch müssen die Eltern benachrichtigt werden..... Herr Direktor, der Wagen steht ganz zu Ihrer Verfügung .....“
Sörensen hob abwehrend die Hand. „Sorgen Sie sich um nichts. Ich werde alles erledigen.“
Dann beugte er sich zum alten Heidekamper hinunter und reichte ihm die Hand. Dieser faßte sie, und streichelte sie hilflos. „Kümmern Sie sich nicht um mich“, bat der Freiherr. „Helfen Sie der Sörine, — vielleicht gehorcht sie Ihnen, läßt sich fortbringen von der Leiche... Armer Sörinenkerl! Er hat eben nicht aufgepaßt, der Herrgott....“
Grauchen wies dem Direktor draußen eine Tür und ließ ihn allein eintreten. —
In Sörinens Mädchenstübchen lag die tote Freundin. Man hatte sie mit einem weißen Tuche zugedeckt, aber Erne Sörensen zog es zurück und schaute still in das bleiche Antlitz. „Schlaf wohl“, sagte er nur, und dachte: Es stirbt jung, wen die Götter lieben. Dann hüllte er sie wieder ein und legte nun seine große Hand auf Sörinens Schulter. Sie rührte sich nicht, und er rüttelte sie sacht.
Da sah sie auf. War dies in Jammer versteinte Gesichtchen das seiner jungen Schülerin?
„Sörine!“ rief er erschüttert.
Da wachte Sörine Heidekamp auf und erhob sich. Aber sie schien nicht mehr zu wissen, daß sie dem einst so verehrten, älteren Lehrer gegenüberstand: „Gehen Sie fort“, gebot schneidend der junge, blasse Mund. „Wir haben Tage und Tage auf Sie gewartet, die Agnes und ich. Weil Sie es mir versprochen hatten. Nun ist es zu spät.... Und nun ist mein Vertrauen tot, wie meine Agnes. — Gehen Sie aus meinem Stübchen fort.....“
Direktor Sörensen straffte sich zu seiner ganzen Goliathhöhe auf.
Jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen.
„Du vergißt dich, Sörine von Heidekamp“, sagte er laut und hart.
Dann ging er mit schweren Schritten hinaus. —
** *
Weit draußen in der stillen Heide wurde ein erbitterter Kampf gekämpft. Aber niemand sah ihn als das Hünengrab, überwuchert von Ginster und Zinnkraut. Im rotbraunen Heidekraut lag Erne Sörensen und dünkte sich weidwund.....
Einen Traum begrub er, — von einem Schemen nahm er Abschied... Und doch verdichteten sich Traum und Schemen immer wieder zu einem trotzigen, schönen, ach so lieben Mädchengesicht.
Voll tiefer Bitterkeit überdachte er sein liebeleeres Leben. Dachte an seine zweiundvierzig Jahre, die er schier vergessen hatte. Dachte, wie herb es schmerzt, wenn Jugend zur Jugend strebt — — über ein reifes Mannesherz und dessen zages Hoffen hinweg. Dachte an einen jungen Raben, den er sich einst zum Lebenskameraden hatte zähmen wollen und der ihm dafür den Finger zerhackt hatte und dann undankbar davongeflogen war...
Ein ungewohntes, heißes Naß stahl sich aus seinen Augen und rollte ihm über die Wange. Hastig und zornig verwischte sein Handrücken die verräterischen Spuren.
Und hastig und zornig nahm er Abschied von dem Stein aus grauer Vorzeit, von Holler, Ginster und Wucherkraut und der Heide, die alle Zeugen gewesen waren, daß er um ein jung-junges dummes Mädel geweint. — —
** *
Alter Foliant, ist es nicht beinahe lächerlich, daß ich dich heute nach vier Jahren aus den Tiefen meines tannenen Sekretärs hervorhole?
Daß ich plötzlich an dich denken muß und mich bis zur Erde bücke, um deiner im untersten Fache habhaft zu werden?
Da, wo du lagst, standen früher die neuen fertigen, festen Bauernschuhe, die Vater seinen Kunden gebaut hatte. „Schick mir den Schrank, Mutter,“ schrieb ich vor vier Jahren, „er steht unbenutzt und verstaubt bei dir auf dem Oberboden, und ich brauche einen Sarg für vieles, was deines Sohnes Leben beschwert.“ — Da wurde der Schrank aus meinem Heidedorf abgeschickt, und ich packte in seine schier unergründlichen Tiefen eine ganze Welt hinein. Dazu gehörtest auch du, mein alter Foliant. „Dann knüpfen ans fröhliche Ende den fröhlichen Anfang wir an“, heißt es im Liede. Wenn es früher meine Kommilitonen sangen, mußt ich mich immer zusammenreißen, denn es gab bei mir in der Erinnerung nirgends ein fröhliches Ende und weit und breit keinen fröhlichen Anfang. Und nun habe ich plötzlich aus meinem inneren Heimweh heraus wieder einen Anfang gefunden und schon eine ganze Seite geschrieben. Die Schwatzhaftigkeit des Einsamen.
Was schrieb ich vor vier Jahren zuletzt in dich hinein?
Laß sehen:
„Ein gutes Mutterherz ist ein wahrer Kleinodienschrein Gottes. Und wahrlich: alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter! Du gute Mutter!“
Das ist doch ein fröhliches Ende meiner Einzeichnungen, alter Foliant.
Aber du mußt dich ohne den „fröhlichen“ Anfang begnügen. Ich bin ungeheuer einsam geworden. Aber nur außerhalb meiner Schule.
Das Lyzeum ist ja meine große, liebe Kinderstube, und sie kommen alle zu ihrem „Vater“, — diese wohltuende Überzeugung ist in mir fest geworden.
Aber die Eltern! Sie sind von Jahr zu Jahr störrischer geworden, mißtrauischer....
Nicht alle, gewiß nicht. Aber die meisten. Sie sind so überzeugt davon, daß es in meinem Leben einen Punkt gibt, den ihr kleinstädtisch-philisterhaftes Empfinden zu scheuen hat, daß sie mein einsames, strenges Leben eher stutzig macht, als zum guten Glauben bekehrt. Und Hansohm kannte sie nicht, wenn er damals meinte, ich könnte durch die Kinder an die Elternherzen herankommen. Wenigstens zeigt man es mir nicht.
So werden es auch viele töricht finden, daß ich nicht Schulrat werden wollte. — Weil wohl alle wissen, daß die Kinder an mir hängen, aber nicht, daß ich mit „güldenen Ketten“ an die 250 Kinderherzen angeschmiedet bin. —
Die „Großen“ haben mich fast alle allein gelassen.
Zuerst tat’s der Klaus Hansohm.
Der konnte das Grab nicht verwinden, das sich über seiner jungen Liebe schloß.
Ich ging zum alten, wunderlichen Fräulein Tingleff, wir hatten ein paar Beratungen, und dann rüttelte ich meinen jungen Freund zum Leben wach. Jetzt studiert er bei einem Meister des Gesanges in Berlin, aber wir hören nichts voneinander, weil er Birkholz vergessen mußte, um wieder singen zu können. —
Dann verließ mich Fräulein Doktor Stavenhagen, nachdem sie draußen in Heidekamp die Tochter vom Herrenhause bis zur Einsegnung unterrichtet hatte. —
Sie ging mit ihrer Schülerin zuerst ins Ausland und durfte in den darauffolgenden Jahren den jungen, dürstenden Augen unser Deutschland zeigen in all seiner Pracht. — Jetzt weilt sie allein auf einer Studienreise in der Schweiz — Dr. Hofer und ich haben sie ihr verschafft. —
Während jener Reisen hat oft der alte Freiherr bei mir gesessen, und das Grauchen war Stammgast in meinem Heim, bis sie die guten Augen schloß.
Aber ich selbst habe das Herrenhaus nicht wieder betreten, seit mir ein böses, unreifes Kind weh tat....
Nun habe ich dem alten Freiherrn wieder meine Frau Dietz geliehen, damit er wahrhaft betreut wird. Und ich selbst behelfe mich mit zwei unzulänglichen Lebewesen, die mir die Frau Bürgermeisterin verschrieb, genau wie einst Baurat Steinbrück mir es riet.
Nun fehlt nur noch die Heirat mit der „überaus häßlichen Kusine des Apothekers“, aber dazu bin ich noch nicht gut birkholzisch genug.
Freilich bin auch ich in Netze gefallen, — in die des alten Fräulein Tingleff. Ich konnte ihrem Werben nicht widerstehn und spiele allabendlich eine Partie Schach mit ihr. Sie vermißt ihre Hausgenossin sehr, und der alte Dingelmann hat die Mansarde nicht wieder vermieten dürfen. Fräulein Doktor soll sie unverändert wieder vorfinden, obgleich sie annimmt, daß ihre Möbel im Speicher modern. Das ist das rührende „Geheimnis der alten Mamsell“.
Auch Professor Rasmussen hat meine Schule verlassen, mir fehlt sein treuer Rat und sein gutes Gesicht.
Er ist in die Nähe von Lüneburg gezogen, wo er ein Haus besitzt. Dann und wann fliegt eine Karte hinüber und herüber mit warmen Grüßen. An Stelle von Klaus Hansohm ist Lehrer Hans Visser getreten, ein guter Christ, aber schlechter Musikant. — Klaus Hansohm, ich vermisse dich sehr, und dem Singsaal fehlt die Sonne. —
Fräulein Doktor wird von einer sehr tüchtigen Oberlehrerin jüngeren Schlages vertreten. — Die Abneigung gegen Fräulein Nissen hat sie mit übernommen und vertritt dieses Recht der Abwesenden am eifrigsten. — Mit Kahl ging der größte Hetzer dahin. Die Nachwehen seines bösen Wirkens spüre ich bis auf den heutigen Tag. Aber beugen wird er das Recht nie. Und ich gehe aufrecht durch den Schmutz, den er aufwühlte auf meinem Wege und trete auf die Steine, die er planlos hinterher warf. — Wie sagte mir Dr. Hofer? „Die guten Gedanken Ihrer Schulkinder werden eine Mauer um Sie bauen....“ Das ist ein rechtes Wort. Und ein rechter Mann hat’s gesprochen. Ein Lehrerfreund. — Seltsam fremd und unbekannt mutet dieses Wort an. Kinder- und Menschenfreunde, gottlob, sie sind nicht karg gesäet, aber Lehrerfreunde? Das Schicksal vergaß diesen Acker zu bestellen, und als die Erntezeit kam, lag er brach....
** *
Agnes Asmus ruht unter Ginster und Heide auf dem Dorffriedhof in Heidekamp. Auch nicht der Toten vermochte ich es anzutun, sie noch einmal in das Dunkel der Galgenstraße tragen zu lassen und von dort auf den neuen, baum- und reizlosen Gottesacker von Birkholz.
Von den Eltern Asmus wurde nichts in den Weg gelegt. Die Stiefmutter wich mir scheu aus. Und Lehrer Asmus hat einen Schlaganfall erlitten. — Da sehe ich nun seit einiger Zeit ein seltsam Bild. Ich hatte Blumen auf den Hügel meiner einstigen Schülerin gelegt und wollte durch die Heide heimwandern. Da fuhr der Heidekamper Kraftwagen vor die Friedhofspforte, und ich verbarg mich hinter der alten Kirche. Und sah, wie Lehrer Asmus, auf den Arm der jungen Sörine gestützt, langsam und kümmerlich den schmalen Steig entlang humpelte. Wie schwer der Kranke ihr am Arme hing! Wie sorglich das große, schlanke, schöne Mädchen den Hilflosen betreute! Wie gütig die trotzigen Blauaugen leuchteten! Und ihre Stimme, die der Wind zu mir trug, klang weich und mitleidig tröstend.
Und war doch der Lehrer Asmus, der sein Kind, ihre Freundin, in den Tod getrieben....
Aber er hatte nie der jungen Sörine sein Wort gegeben und es dann nicht gehalten....
** *
Von meiner Mutter habe ich selten, aber immer gute Nachricht. Habe sie auch im letzten Hochsommer besucht und mit ihr in der Heideschönheit meiner Heimat gesessen. Das waren Tage voll unerhörter Pracht und blendenden Glanzes für mein unverwöhntes Altchen. Und sie merkte es gar nicht, daß sie die Gebende war.
Köstlich war’s, in der Heide zu ihren Füßen zu liegen und den alten Märchen zu lauschen. Mich spann ihr Zauber so völlig ein, daß ich Essen und Trinken vergaß.
„Du groten Jung! Du büs doch ock keen büschen anners, as din Vadder selig.“
Das mußt ich oft von ihr hören.
Sie hatte es am liebsten, die alte Mutter, wenn ich längelang in der Heide lag, ganz versteckt in den dichten, roten Blüten, daß nur mein Haarschopf hervorsah, durch den sie dann und wann liebkosend mit den weichen Runzelhänden fuhr. Wenn ich aufsprang, oder nach meiner Gewohnheit hin und her lief, dann war ich ihr zu groß, zu sehr der Riese Goliath, der daheim im Stübchen ihr sämtliches winziges Gewese mit Umwerfen bedrohte. Und wenn ich ihr etwas erzählte, dann bestaunte sie mein fremdartiges Sprechen und meine Ausdrücke, ich war, ohne daß ich’s wollte, mit einem Male der „Herr“ Sohn. So schwieg ich lieber und war wieder ihr „Jung“ und lernte von ihr. Kann man der Weisheit müde werden, die aus einem einfältigen Mutterherzen quillt?
„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder......“
Nun, ich war wahrlich wie im Himmelreich bei ihr, der Trauten, der Treusten.
In der Dämmerstunde, da wurde sie immer etwas unruhig.
Gerade wo sie früher am beschaulichsten geschafft, und still auf der Ofenbank gesessen hatte, oder in der Werkstatt neben dem Vater. Jetzt merkte ich’s: sie will dir etwas sagen. Die Dämmerstunde ist dazu gut, denn ihr Schleier verdeckt die unbequemen, scharfen Augen des „groten Jung“, die Einhalt gebieten könnten. Und doch hattest du nicht den Mut, kleine, furchtsame Mutter. Das machte dich unruhig und trieb dich umher.
Ei, ich weiß wohl, was du fragen wolltest: „Erne, mein Jung, willst du immer einsam bleiben? Erne, mein Jung, ich möchte eine Tochter liebhaben, und weiche Kinderköpfchen in meine Großmutterhände fassen.“
Das wolltest du sagen, Mutter.
Aber dein Empfinden war so zart und fein. — Du wolltest nicht an Unausgesprochenes rühren. Lieber schwatztest du fernab liegendes Zeug bunt durcheinander, und krüseltest umher wie ein Brummkreisel, nur um nicht an eine wunde Stelle zu tasten.... Mutter, du ganz einzige Mutter. — Dann kam der Abschiedstag, da dein Jung wieder hinein sollte in Arbeit und Pflicht. — Dein Mund war herb geschlossen, als wolle er weiche Worte unterdrücken, die dich um deine Fassung brächten. Deine Hände griffen alle Sachen hart und fest an, weil sie das Zittern meistern wollten. Und je näher die Stunde der Trennung kam, desto unwirscher wurdest du. — Kenne ich dich gut, Mutterherz?
Am Nachmittag, als du das Geschirr abgewaschen und ich dir trotz deines Sträubens beim Abtrocknen geholfen hatte, um noch einmal recht in Jugenderinnerung unterzutauchen, nahmst du meine Hand. Und wir schritten selbander wie zwei Kinder in den leuchtenden Sommertag hinaus, zum letztenmal zum Heidegrab des alten „Parsifalus“, wie ich den weiland Heidekönig nannte.
So still war es um uns. In der Ferne pfiff ein Zug. Der mahnte dich wohl an die Abendstunde, die mich hinwegführen sollte. Und mit einem Male weintest du bitterlich. Muttertränen, heilige Tränen! Ich küßte sie dir vom Gesicht und schlang meinen Arm um dich. Und du lehntest den müden Kopf mit dem dünnen, weißen Scheitel an deines starken Sohnes Brust.
Weißt du noch, Mutter?
Ein Fink saß über uns in der Birke und sang sein Lied. Dann flog er fort, und fast greifbar ward die Heidestille. Da sagte ich leise zu dir — und du schmiegtest dich fester an mich und faßtest meine Hände — — — — „Mutter, gute Mutter, ich hab ein Mädchen lieb. Ein zwanzigjähriges Kind. Ungut paßt sie zu meinen ernsten, schweren zweiundvierzig Jahren. Und es ist eines reichen, vornehmen Grundherrn Enkelin.
Aber ich liebe dieses Kind unsäglich. Und diese Liebe ist so wundergut, daß ich sie nur in dein Herz niederlegen darf. Und so stark und ewig und groß ist sie, daß sie nur ein Mutterherz mit dem Sohne tragen kann. Und so süß und traurig und hoffnungslos ist sie, daß nur eine Mutter sie in ihrem Herzen begraben, und nur eine Mutter darüber beten und weinen kann. — Da sahst du mich an, und wolltest sprechen. Aber es kam kein Laut über deine Lippen. Nur deine treuen Augen fragten — fragten....
Da antwortete ich ihnen still: Nein, du Gute, sie denkt nicht an mich. Sie wird bald einem anderen gehören .... und du sollst mir tragen helfen, Mutter...“ —
Heute hatte ich wunderlichen Besuch, und die Vergangenheit griff wieder in mein Leben ein. Aber diesmal mit linderer Hand.
Der alte Schneidermeister Bertels war es. „Darf ich Sie beehren, Herr Direktor?“ fragte er. Und machte es umgekehrt wie die gebildeten Besucher, die störend zu mir kommen und mich fragen: „Darf ich Sie belästigen?“ Aber innerlich voll Hochmut meinen, daß sie mir eine Ehre antun. Schneider Bertels fühlte, daß er mich belästige, und als er von mir ging, hatte er mich hochgeehrt.
Er saß unbeholfen und verlegen vor mir. Umständlich holte er aus seiner Westentasche etwas hervor, wickelte es aus einem Stückchen Zeitungspapier heraus und legte es vor mich hin. „Das haben wir ‚damals‘ gefunden“, sagte er scheu. „Ich mochte es Ihnen nicht bringen, Herr Direktor, weil ich damals dachte, es müßte Sie beleidigen. Aber“, — und nun hob sich seine Stimme und er sah mich freimütig an, „nun glaube ich das nicht mehr. Mit dem Geschäftlichen hängt das gar nicht zusammen, Herr Direktor, denn Sie haben mir ja nie Ihre werte Kundschaft entzogen, obgleich Sie wußten, daß ich mich erdreistet hatte, über Sie den Kopf zu schütteln. Da habe ich mich ganz von alleine drüber geschämt. Und ich habe zu meiner Frau gesagt: ‚ich glaub’s nicht. Sieh doch den Mann an, wie er lebt und was er Gutes tut. Und recht wie ein Vater ist er zu den Kindern. Und früh um vier Uhr sieht man ihn sommertags in der Heide, und wintertags, da löscht das Arbeitslicht bei ihm kaum aus. So eine Arbeitsbiene hat keine Zeit zu Dummheiten. Red mir nicht dagegen, Alte, habe ich gesagt, sonst werd ich fünsch. Eine Dummheit wird der Herr Direktor gemacht haben, denn die machen die meisten jungen Lehrer, — er wird zu früh geheiratet haben. Und paß auf, Alte, die Fräulein Lisette ist seine Frau. Was da sonst drum und dran hängt, geht uns nichts an.‘ Meine Alte wollte noch ein paar Gegenreden machen, da sagt ich ihr aber: ‚Denk dran, wie oft ich dich hab wegschicken wollen....‘ Und da war sie still. Und jetzt denkt sie wie ich. Denn sie ist keine böse Sieben, nur halt ein Frauenzimmer.“ —
Er sah mich beschämt und treuherzig an. „Wenn mir Herr Direktor ein einziges Mal die Hand geben möchten“, bat er zögernd, und da drückte ich seine Rechte ganz herzhaft.
„Da Sie ganz allein aus sich heraus auf die Wahrheit gekommen sind, Meister, so will ich sie Ihnen auch bestätigen. Lisette Balian war meine Frau.“
„Das ist gut, das ist gut“, rief er fröhlich, „und, Herr Direktor, sie hat in meinem Hause nichts getan, dessen Sie sich zu schämen hätten.“
„Ich weiß es, Meister Bertels. Und meine Mutter sagte mir, Frau Lisette habe freundlich an die Meister Bertelsschen Eheleute gedacht, — ehe sie starb.“ —
„Tot?“ fragte der Alte? „Ich hab mir auch das gedacht. Denn sie hustete ja zum Gotterbarmen. Aber immer lustig war sie, wir wurden ganz jung, solang sie bei uns war. Der Herrgott wird wissen, warum er sie rauf holte. Vielleicht, damit es nicht gar so ernst und heilig im Himmel zugehe. Guten Morgen, Herr Direktor, und verzeihen Sie, daß ich Sie solange beehrt habe. —“
Lange saß ich noch in tiefem Sinnen vor der kleinen, altmodischen, goldenen Brosche, die Meister Bertels mir gebracht. Sie hatte meiner Großmutter Gesine gehört, und ich schenkte sie Lisette an unserm Hochzeitstage. — Dachte auch an die Kleinstadt und ihre Besonderheiten. Und daß man sich in ihr mühselig die Achtung jedes einzelnen Bürgers erkämpfen müsse. Und daß ich dafür heute schon, zu meinen Lebzeiten einen guten Nachruf gehört habe. Das gab mir Freude.
Dann nahm ich das kleine Schmuckstück und habe es in der Heide begraben.
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Heute las ich im „Birkholzer Stadt- und Landboten“, daß der junge Herr von Heidekamp aus dem Ausland, wo er bei einer Botschaft beschäftigt war, zurückgekehrt sei, um seine Güter zu übernehmen.
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Manchmal begegne ich dem großen, schönen Mädchen. Birkholz ist ja so eng. Sie grüßt mich immer zuerst. Ganz ernsthaft und laut „guten Tag, Herr Direktor“, als sei sie noch meine Schülerin. Aber gesprochen haben wir nie miteinander.
Sie soll gefeiert in den Gesellschaften sein, die der Landadel gibt, aber sie gilt als verschlossen und hochmütig. Das wäre schade. —
Als ich sie zum ersten Male seit dem Tode der jungen Agnes Asmus wiedersah, da meinte ich an der Bitternis zu ersticken. —
Sie war vom Lyzeum abgemeldet worden, und Fräulein Doktor unterrichtete sie in Heidekamp weiter.
Da sah ich sie auf der Straße.
Wie ein Schuljunge kam ich mir vor. Tölpelhaft und kleinlich. Aber der Hut wollte nicht herunter von meinem Kopfe.
Da hörte ich ihren lauten trotzigen Gruß und sah in ein weißes, erschrockenes Gesicht, in dem ein paar zornig-traurige Augen standen.
Seitdem ist dies seltsame Grüßen zwischen uns. Ich muß den Hut vor ihr ziehen, um sie nicht vor denen bloßzustellen, die ihren hellen Gruß hören.
Sie ist der gute Engel von Heidekamp und Birkholz. Von allen, die da in Gebresten und Trauer, in Not, Elend und Krankheit leben. Der gute Engel von Mensch und Tier, nur nicht der meine....
** *
Und daß diese kleine Kinderhand mir die Tür gewiesen hat.....!
Rufe mich immer zuerst an, Sörine Heidekamp, sonst gehe ich an dir vorüber.
** *
Gestern sprachen sie beim Landrat davon, daß gleich nach der Heimkehr des jungen Majoratserben wohl die Hochzeit sein soll. Ich will dann meine große Studienreise antreten. Man hat mir den Urlaub gewährt.... Wenn ich zurück bin, beginne ich mein Buch, die Geschichte von Birkholz. Und die Mutter will zu mir ziehen auf ihre alten Tage. Ganz von selbst hat sie mich darum gebeten.
Du feine, gute, weitsichtige Mutter.... Wir wollen dann beide ein ganz neues Leben anfangen. Mit Gott, Erne Sörensen!
Aber das hat noch lange Wege. —
— — — — — — — — — — — — —
Ein unerträglich heißer Sommer lastete auf Birkholz und seiner Umgebung. Durch sieben Wochen hindurch brannte die Sonne mit ungebrochener Kraft, und Mensch und Tier lechzte nach Erquickung.
Erne Sörensen fand sie allein noch in seinem Spaziergang, der mit großer Regelmäßigkeit in der Herrgottsfrühe um 4 Uhr angetreten wurde. Um sechs Uhr begann schon die lähmende Hitze, und um neun Uhr wurde gewöhnlich die Schule wieder geschlossen. Das war dem Jungvolk beinahe nicht recht. Denn die hohen, neuen Lyzeumsräume waren kühler, als die engen Wohnstuben daheim. Auch war mannigfache Ablenkung vorhanden, die alle Geister rege hielt. Zu Hause durfte man sich kaum rühren, so nervös und übermüdet waren die Eltern von der lastenden Hitze. In der Schule nahmen die Lehrer jede Rücksicht, und nur Fräulein Nissen fand es „albern und anmaßend“, daß an jedem Morgen an der Wandtafel der Spruch prangte:
Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön, Fräulein Nissen, wir wollen spazieren gehn.
„Wenn es geregnet hat“, beschied sie die Bittenden.
Und das war doch nicht recht. Wenn es geregnet hatte, dann mußte man sich so arg mit Schuhen und Kleidern in acht nehmen. Dann hing der Heidesand sich an die weißen Röckchen, und man durfte und konnte sich nicht in die glitzernden, nassen Büsche hineinschmiegen. Konnte sich nicht „hinhauen“, wie man es so gern tat, in heißen Heidesand. Nein, gerade so wie jetzt mußte die Sonne brennen, und früh um sechs Uhr mußte man aufbrechen, wie es der „Direx“ tat, damit man den Tag so recht ergiebig ausnutzte. Und abends mußte man wie die Mohren braun gebrannt heimkommen.
In Kinderköpfen und -herzen malt sich die Seligkeit anders als in denen der Großen. Und so zog man von dem mürrischen Fräulein Nissen fort und belagerte das Zimmer des „Direx“ unter Kichern und Seufzen und leisen Beratungen. Bis die Nemesis in Gestalt des Singlehrers Visser kam, der die Aufsicht hatte, aber zu müde war, um sie mit Schelten auszuüben. Er war überhaupt immer müde, ganz anders, als der „herrliche“ Hansohm, der so gern fröhlich mit den Fröhlichen gewesen war. Herr Visser war nur „korrekt“. Und er riet ihnen ganz sachlich, sie sollten eine Abordnung zum Herrn Direktor schicken. Das geschah dann auch, und Erne Sörensen hatte die Freude, neun Sprecher zu empfangen, von jeder Klasse einen. Und während die prima omnium Grete Vahl in wohlgesetzten Worten den in des Worts verwegenster Bedeutung „heißen“ Wunsch der ersten Klasse vortrug, am Sedantage einen „Riesenspaziergang“ zu unternehmen, klappte die kleine lebendige Lise Bransen aus der Neunten nur immer ihre Händchen zusammen, tat unentwegt einen kleinen Luftsprung und rief: „Ach ja bitte! Ach ja bitte!“
Da konnte Erne Sörensen nicht widerstehen, und er hob die kleine Lise hoch in die Luft, was sie nie in ihrem Leben vergaß. —
Und er sagte „ja“.
Da brach gleich drauf im ganzen Lyzeum ein solcher Jubel los, daß Fräulein Nissen von einem „Sonnenstich“ sprach. —
Aber trotzdem wollte sie die Festrede im „Waldhaus“ übernehmen.
So brauchte sie sich nicht an den vielen Vorbereitungen für das Schulfest zu beteiligen, sondern konnte sich zurückziehen und nachdenken, was bei der Hitze entschieden das bessere Teil war.
Das „Waldhaus“ lag einsam mitten in der Heide und lehnte sich an einen Tannenwald, der sich meilenweit ins Land zog. So war es recht geeignet, eine große Schule aufzunehmen, und die Eltern versprachen, vorher verschiedene Erfrischungen hinauszuschaffen. Denn es war kein eigentliches Wirtshaus, sondern eine riesengroße, strohgedeckte Kate, die von einem freundlichen Waldwärter und seiner gutmütigen Frau bewohnt und sehr sauber gehalten wurde.
Als Sörensen und sein Kollegium mit der jungen Schaar um sechs Uhr früh in die Weite zog, die Kinder festlich geschmückt mit weißen Kleidern und schwarzweiß-roten Schärpen und Fahnen, begegnete ihnen der Heidekamper Wagen.
Der alte Freiherr zog den Hut und schwenkte ihn freundlich, und die Kinder lachten ihn lustig an, winkten und grüßten mit Fahnen und weißen Tüchern, und machten fast die stattlichen Pferde scheu.
In all dem fröhlichen Tumult grüßten sich ernst zwei Augenpaare. Und es schien Sörensen, als ob die junge, vornehme Dame wohl ganz gern ausgestiegen wäre, um wieder mit der lieben Schule wie einst durch die rote, blühende Heide zu wandern. Aber er verwarf gleich diese törichte Annahme. — Auf dem Kutschbock stand ein größerer Koffer, und auf dem Rücksitz thronten ein paar elegante Handtaschen. — Man fuhr dem Bräutigam entgegen. Und von der Vorahnung kommenden Glückes war das junge, trotzige Gesicht, das er eigentlich nur mit einer Falte zwischen den Brauen kannte, erhellt gewesen...
Der Wagen fuhr vorbei, dem Bahnhof zu.
Und Direktor Sörensen ging zu den Kleinen der untersten Klasse, die ihn jubelnd umringten. Er nahm Lisel Bansen bei der Hand und setzte sich an die Spitze des Zuges. Wie lustig das war!
Ganz, ganz fest drückte der Herr Direktor das kleine Händchen der Lise. Beinahe mußte sie ein wenig weinen, so weh tat es.....
— — — — — — — — — — — — —
Im dichten Tannenwald hinter der Waldkate war es drückend heiß. Man stürzte sich auf die Erfrischungen, die von dem umsichtigen Waldhüter sorgfältig in dem tiefen, kühlen Keller verstaut worden waren. Und nachdem man in Wald und Heide gründlich durchgeschmort war, nahm man die Aufforderung, nun zur Feier und Festrede in die kühle Diele der Kate einzutreten, mit Genugtuung auf.
Die vier jüngsten Klassen blieben unter Aufsicht von Fräulein Henny Freytag, sowie des Lehrers Visser und der Turnlehrerin draußen zurück. Und das ewig neue und geistreiche Spiel: ich sehe was, was du nicht siehst, was hat’s denn für ’ne Farbe? verfehlte nicht seine Anziehungskraft auszuüben. Der unendlich bequeme Visser hatte es vorgeschlagen. —
Die Diele sah sehr festlich aus durch die Lampions, die angezündet den sonst halbdunklen Raum in einen magischen Festsaal verwandelten. Freilich saß und stand man in drangvoll fürchterlicher Enge, und immer mehr Kinder und Eltern drängten herein.
„Vielleicht war diese Dielenfrage doch eine verfehlte Idee“, raunte Sörensen seinem neuen Kollegen Oberlehrer Jensen zu, „ich fürchte, die Luft wird uns hier knapp.“
Und als endlich Ruhe eingetreten war, aber auch niemand mehr ein Glied rühren konnte vor Fülle der angestauten Menschheit, rief er mit seiner vollen Stimme in den Raum: „Wir haben zu Ehren unseres Sedantages hier festlich illuminiert und den schönen Anblick ausgiebig genossen. Nun lassen Sie jeden von uns, der neben einem Laternchen steht, dieses vorsichtig löschen und uns mit Mutter Sonne begnügen, die immer noch die herrlichste Leuchtkraft der Welt bedeutet.“
Ein allgemeines „Oh“ des Bedauerns löste diese Aufforderung aus, man zögerte und rief dagegen, aber Sörensen machte rasch und sicher mit zwei Lichtern in seiner Nähe den Anfang, und so mußten die andern nachfolgen. Zugleich stieß er mit starken Armen eine Luke auf, die man vorher nicht entdeckt, und goldenes Sonnenlicht erfüllte nun einen Teil des Raumes.
„Wie genial!“ sagte noch Oberlehrer Jensen lachend zu Sörensen, „Herr Sörensen, Sie hätten Branddirektor werden sollen.....“
Nur ein kleines, eigenwilliges Mädchen wollte ihre Laterne nicht hergeben und rang buchstäblich mit ihrer unvernünftigen Mutter, die das noch nicht schulpflichtige Kind verbotener Weise mit auf die Diele geschmuggelt hatte. Wie es dann kam, es konnte niemand recht beschreiben. Aber alle wollten beschwören, daß sie sämtliche Lampions gelöscht hätten....
Und doch, nachdem Fräulein Nissen eben ihre Festrede begonnen, dies gellende Geschrei: „Feuer! Feuer!“
Niemand vergaß es je, der es gehört.
„Feuer! Feuer!“
Ein größeres Kind, das neben der kleinen Unbotmäßigen stand, brannte lichterloh. Die anderen schrien jammervoll. Sörensen zog seinen Rock aus, hatte das Kind mit festem Griff an sich gerissen und wickelte es fest ein. Dann schwang er sich mit seiner Last durch das niedere Lukenfenster, unter dem ein Brunnen stand. Oberlehrer Jensen sprang ihm nach und half, die Flammen zu ersticken. —
Gottlob, das Kind war mit wenigen leichten Brandwunden davongekommen. Still blieb es auf Weisung des Direktors in seinem Rock am Brunnen sitzen und kühlte die wehen Hände.
Sörensen schwang sich mit völlig versengtem Bart durch das Fenster zurück. Dichter Qualm schlug ihm entgegen, Heu und Stroh auf dem Oberboden brannten, und durch die offenen Luken fiel es in leuchtenden, verzehrenden Garben auf die schreienden Kinder nieder.
Draußen arbeitete der Waldwärter und Oberlehrer Jensen mit Axt und Säge, und die Tür flog auf, und die Fensterrahmen stürzten ein.
Ruhe! Ruhe! Unermüdlich schrie es Sörensen durch Rauch und Qualm, und als der große Strom sich längst hinausergossen, stürzte er sich innen wieder in die brennende Diele zurück, um die ohnmächtig gewordenen Kinder auf seinem Arm hinauszutragen.
Sein erschütternder Frageruf: Ist noch jemand hier? Ist noch jemand hier? gellte durch Mark und Bein. Mit beiden Händen tastete er am Boden und dann in den Ecken, umher, er taumelte vor Schmerz und Atemnot.
Fieberhaft arbeiteten draußen die Lehrer und Lehrerinnen, um allen Hilfe zu bringen. Sie ordneten und zählten.
„Es fehlt niemand, niemand, niemand!“ schrien sie in die qualmende Diele.
Da sprang Sörensen vom Boden auf und sog an seinen blutenden und verbrannten Fingern.
Und tappte an den Wänden hin, den Stimmen nach, die ihn riefen.
Entsetzt sahen sie ihn an, als er aus der Tür taumelte mit völlig geschwärztem Gesicht, versengtem Haar und Bart und roten entzündeten Augen. Seine furchtbar zugerichteten Hände wickelte man in nasse Tücher.
Dann schlug er hin wie ein gefällter Baum. —
Prasselnd brannte die Waldkate nieder.
Weithin leuchtete der rote Feuerschein.
Und sie kamen aus den Heidedörfern gefahren und gelaufen und konnten nichts weiter helfen, als die verstörten Kinder auf Leiterwagen zur Stadt zurückzufahren. Sie waren alle gerettet und fast unversehrt.
Sörensen lag auf weichem Waldboden. Vier Menschen kauerten neben ihm. Der ehemalige Schulwart Harks war mit dem Heidekampschen Auto zur Brandstelle gejagt, und nun ratterte dieses nach Birkholz, um den neuen Krankenwagen des Branddirektors Kofahl zu holen. Der Kopf von Erne Sörensen ruhte im Schoß des alten, treuen Dieners, dessen Tränen unaufhaltsam rannen. Die kleine, zuerst gerettete Schülerin, die noch immer in Sörensens Rock steckte, hockte neben ihm und wollte ihren Retter nicht verlassen. Und die Mutter des kleinen Mädchens, ganz Mitleid, Dank und grenzenlose Freude, hatte die Hände gefaltet und schickte aus Mutterherzens tiefem Grunde ihre Gebete aus.
Oberlehrer Jensen sah auf seinen Direktor nieder und dachte, daß sein höchster Lebenswunsch erfüllt sei, wenn dieser versehrte, sieche Mann genesen könnte, und sein Freund würde.
Nach qualvoller Wartezeit fuhr der Krankenwagen vor. Vorsichtig bettete man Erne Sörensen hinein. Und langsam fuhr der Wagen den Wunden durch die dämmernde Heide. —
** *
Mein alter Foliant, grüß dich Gott!
Und Gott sei’s gedankt, daß ich dich wiedersehe!
Zwar mit dem Wiedersehen, da hat es so seinen Vorbehalt und Haken. Noch trage ich den grünen Schirm und die schwarze Brille und das Zimmer ist leicht verdunkelt, aber gegen die schwarze Nacht voll Bangnis der letzten zehn Wochen ist dieser Zustand lichte Helle. — Und es schadet nichts, mein Alter, wenn Krakelfüße auf deinen gelben Blättern stehen. Denn meine Schrift kann ich noch nicht erkennen.
Von dem Feuer draußen im Waldhause will ich dir nicht erzählen......
Einst nahm mir Gott zwei holde Kinder.
Die Stimme dieser beiden Lieblinge gellten mir in den Ohren, als hundert Kinder um Hilfe schrien.
Und hundertfach wär mir mein eigen Fleisch und Blut noch einmal gestorben, wenn Gott nicht gnädig war. —
Aber Er war’s. Und selbst für die furchtbaren Schmerzen, die Er mir auferlegte, weiß ich Ihm Dank. —
Jetzt ist mir Birkholz wahrhaft ins Herz eingebrannt.
In meinen Fieberträumen rang ich mit jedem Bewohner von Birkholz.
Jeder machte mich verantwortlich für sein Kind, und zeigte mir ein armes, verbranntes, entstelltes Gesichtchen, das man draußen auf roter Heide gebettet hatte.
Und ich fühlte, daß keine Strafe groß genug sei für den Lehrer und Schulleiter Sörensen, und daß Siechtum und Blindheit kaum eine Sühne bedeuteten.
Und währenddem brachte mir Birkholz Blumen.
Die Väter der Kinder sind an mein Bett draußen im Krankenhause getreten und haben meine wunden Hände gestreichelt. Namen und unbehilfliche Worte hörte ich, denn ich konnte niemand sehen unter der schwarzen Binde, die meine versehrten Augen barg.
Mütter hörte ich schluchzen, — sie weinten wohl über mich. Aber ich lachte, und wandelte alles in Freudentränen über die geretteten Kinder. —
Gestern haben mich die Ärzte entlassen.
Fräulein Tingleff holte mich selbst in ihrer Urväterkalesche ab. Ihre Bewegung verbarg sie unter lauter groben Worten: „Schöner sind Sie wahrhaftig nicht geworden, lieber Freund, mit Ihrem geschorenen Haupt und den tausend Narben, mit dem glattrasierten Gesicht und der schwarzen Brille. Wo ist mein Stolz, Ihr schöner Vollbart?“
Und dabei stieß sie der Bock, und sie schluckte und stöhnte, denn sie hatte seit fünfzig Jahren das Weinen verlernt.
Einen Trost habe ich, man muß mich doch für recht gesund halten, denn all die Überraschungen hätten mir eigentlich den Garaus machen müssen. —
Hier im Hause empfing mich wieder Frau Dietz.
Sie brachte mir warme Grüße vom alten Heidekamper, der hart von Ischias geplagt und an seinen Sessel gebunden ist. Trotzdem schickte er „die Dietzen“, weil ich pflegebedürftiger sei als er, und er „genügend Jungvolk um sich habe“.....
Es ist wunderlich, wenn man nicht sehen kann und die, so einem gegenüberstehen, sprechen nicht, sondern weinen. —
Vier Hände legten sich in die meinen.
Sie gehörten Klaus Hansohm und Dora Stavenhagen. Halb erstickt schlugen die Namen an mein Ohr.
„Seid ihr’s, Kinder?“ fragte ich scherzend, und gab ihnen in meiner großen Herzensfreude das brüderliche du. Das wollen wir nun auch beibehalten. Und immer noch sprachen sie nicht. Wie erschreckend mag ich aussehen! „Ja, ihr beiden,“ sagte ich, „das ist aus mir geworden. Ihr hättet mich nicht so lange allein und ohne Aufsicht lassen müssen.“
Dann haben wir lange beieinander gesessen.
Klaus Hansohm ist nun schon wieder fort zu seiner Kunst. Ein einziges Schubertlied sang er uns, weil ich so sehr bat: „Was vermeid ich denn die Wege, wo die andern Wandrer gehn....?“
Edel und herrlich hat sich seine Stimme entwickelt.
Fräulein Doktor ist ganz „Studium“. Sie kam mir wunderlich abstrakt vor. Dem alten Fräulein Tingleff ging es ebenso. Aber während ich darüber schwieg, äußerte sie sich drastisch: „Du liebe Zeit, Doktorsche, ich hatte gehofft, Sie würden einen abkriegen auf Ihren vielen Reisen, und ich könnt nochmal Gevatter stehn.“
Aber Dora Stavenhagen lachte herb als Antwort...
Schade. —
Aber daß sie beide zu mir kamen, — der Klaus und die Kollegin aus bitterschwerer Zeit, — das vergesse ich ihnen nicht. —
Und nun, mein alter Foliant, muß ich dir wohl erst einmal für lange Lebewohl sagen.....
Noch beruhigen mich deine Blätter nicht, dazu bin ich doch wohl noch zu jung.
Zu viel Heideduft steigt auf aus deinen Seiten, zu viel Erinnerung.... Dann komme ich ins Träumen. Und die Jahre fallen von mir ab und ich bin mit einemmal ein junger Bursche. Und halte mein feines Mägdlein im starken Arm und zwinge es mit meinen heißen Küssen. Bis der trotzige Mund mir demütig Abbitte tut. —
Nein, — nichts soll mich weich machen. —
Gesund will ich werden, damit ich die zwei Leben weiterleben kann, das eine, des von lebendig-frischer Jugend umringten Schulleiters, und das des einsamen Mannes Erne Sörensen. — —
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Ganz still war es im Studierzimmer.
Die Dämmerung war hereingebrochen, sorglich hatte Frau Dietz die Vorhänge zugezogen und die grüne Studierlampe angezündet.
Denn der Genesende sollte immer Licht um sich haben, hatte der Leiter der Augenklinik ihr eingeschärft. Freilich nur gedämpftes, aber doch Licht.
Und lachen dürfe er vorläufig nicht arg laut, und weinen erst recht nicht, und schwere Aufregungen müßten ihm ferngehalten werden....
„Herr Geheimrat“, hatte die Frau Dietz geantwortet, „es wird Punkto alles so gemacht. Zu lachen gibt es nichts in Birkholz, und erst recht nicht für meinen Herrn. Und geweint hat der Herr Goliath wohl in seinem ganzen Leben noch nicht, und die Aufregungen schluckt er unter und denn sind sie weg. Auf die Schultern von meinem Herrn Sörensen kann man die ganze Welt packen, das ist ein wahrer Christophorus.“
Das war eine lange Rede gewesen und die Herrn Doktors hatten alle geschmunzelt....
Aber für außergewöhnliche Fälle, die gar nicht mit Lachen oder Weinen oder Aufregung zusammenhingen, hatte der Herr Geheimrat ihr keine Verhaltungsmaßregeln gegeben, und so war sie ganz und gar unschlüssig, ob sie die alte, weißhaarige Frau mit dem schwarzen Umschlagetuch und der wunderlichen Haube einlassen sollte.
Aber das schlanke, junge Mädchen, das daneben stand, schob das Mütterchen einfach durch die Tür und schaute Frau Dietz sehr energisch an. Du lieber Gott, die trotzigen Blauaugen kannte ganz Birkholz.....
Draußen auf der Diele mußte sich das Mütterchen in einen Sessel setzen, und die junge Dame klopfte ganz sacht an das Studierzimmer und ging gleich hinein.
Frau Dietz wusch ihre Hände in Unschuld....
„Wer ist da?“ fragte Erne Sörensens ruhige Stimme.
„Ich bin es!“
Er bog sich weit vor, und seine Hand griff nach dem grünen Schirm, der noch über der dunklen Brille befestigt war. Aber er ließ sie wieder sinken. —
In peinlicher Unbeholfenheit fragte er rauh: „Ich muß bitten, es mir zu sagen — — wer ist da?“