Das Lyzeum in Birkholz (continued 3)
Reading edition
„Hansohm, geht auch nicht Ihre Phantasie mit Ihnen durch?“
„Ich bin nur Berichterstatter,“ verteidigte er sich. „Bis jetzt ist sie nur stumm und mürrisch dahingeschritten, aber sehen Sie, jetzt stürzt sie sich auf die Nissen. Die hat sich eben ein riesiges Triangel in ihr Neustes eingerissen, — das ist so was für Frau Professor Traute.“
„O, was hat doch der liebe Gott für Kostgänger!“ seufzte Fräulein Doktor. „Aber wir sind auch nicht die besten Brüder. Wir hecheln hier das Kollegium durch, anstatt uns am Direktor ein Beispiel zu nehmen. Sehen Sie nur, er gesellt sich zur Nissen und Frau Traute.“
„Waghalsiger! Nein, ich gehe haushälterischer mit meinen Kräften um, der Tag ist noch lang. Aber sehen Sie, der Gast wendet sich bereits mit Grausen. Selbst der Goliath Sörensen ist dieser Doppelfirma nicht gewachsen. Ahhh, er steuert auf uns zu. Was geben Sie mir, Fräulein Doktor, wenn ich Sie eine halbe Stunde mit ihm allein lasse?“
„Einen Klaps!“ rief noch Dora Stavenhagen erschrocken, aber es war zu spät. Lehrer Hansohm hatte sich schon zu Frau Professor Rasmussen gesellt, einer feinen, älteren Frau, die ihm sofort von „ihrem Hans“ erzählte, der mit Hansohm einst zusammen das Gymnasium besuchte, bis das Seminar trennend zwischen die Schulfreunde getreten war.
Direktor Sörensen begrüßte Fräulein Doktor fröhlich und schritt plaudernd neben ihr. „Ich brauche Sie wohl nicht zu fragen, wie Ihnen unser kindlicher Ostersonntag bekommen ist,“ sagte er. „Es war für mich wie im Märchen. Eine gütige Fee hatte uns alle in Kinder verwandelt, wenn sie auch anstatt im silbergestickten Elfengewand im braunen Seidenkleide des alten Fräulein Tingleff erschien.“
„Ist sie nicht ein Prachtmensch?“ fragte Fräulein Doktor zerstreut und hörte kaum auf die Antwort. Denn sie hatte mit Befremden bemerkt, wie geflissentlich man die Schritte verschnellert hatte, um sie und Sörensen zu isolieren. Hansohm pflückte weitab für Frau Professor Rasmussen einen Wacholderstrauß. Dann aber schalt sie sich einfältig, über törichte Möglichkeiten zu grübeln, anstatt das Beisammensein mit dem wertvollen Menschen auszukosten. Sie schüttelte ihre Befangenheit ab.
„Herr Direktor, haben Sie schon einmal Gelegenheit gehabt, unsere zweite Klasse während der Ferien zu sehen? In ihrem ganzen Stolz, vollzählig in die erste Klasse versetzt zu sein? Mir begegnete Telse Lüders, bei der hatten wir uns ja alle den Kopf zerbrochen, ob es möglich sei, sie nur ihrer schönen Augen wegen zu versetzen. Bis das Kollegium seine sämtlichen schönen Augen zudrückte und sie mit rüber nahm. Dafür hat sie den gesamten Lehrern eine Ballade gewidmet, die ist nicht von Pappe. Und sie grüßte mich heute auf der Straße mit dem Kopfneigen einer jungen Prinzessin, — nur so eben gerade, — weil ich sie jetzt ‚Sie‘ nennen muß.“
„Ja, die Backfische sind ein Studium für sich,“ meinte Sörensen. „Was sagen Sie im Gegensatz zu Ihrer Geschichte dazu, daß die Klasse mir eine feierliche Bittschrift eingereicht hat, sie ferner ‚Du‘ zu nennen, ‚bis es nicht mehr ginge‘, wie der kühne Schlußsatz lautet.“
Fräulein Doktor strahlte. „Es ist eine absunderliche Gesellschaft. Nach Schema F ist da keine geraten. Haben sie denn alle unterschrieben?“
„Mit einer einzigen Ausnahme, ja.“
Fräulein Doktor sah ihn scharf an. „Auf die wäre ich gespannt.“
„Sörine von Heidekamp,“ lachte er glücklich. „Und das bestätigt schlagend unsere Ansicht über die ganze Klasse. Über den Geist, der jede einzelne Schülerin beseelt. Ich war natürlich begierig, den Grund zu erfahren, weshalb sich das liebe Mädel isoliert, denn ich weiß ja, daß sie der Nervus rerum der Klasse ist, ein rechtes Mütterchen...“
„Früher sagten Sie: ‚unbotmäßiger Rädelsführer‘...“ warf Fräulein Doktor ein.
„Danke für den Hieb. Sie haben recht. Aber ich halte es mit dem Sprichwort, wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der soll sich aufhängen.“
„Also auf ein langes, fröhliches Leben,“ lachte Fräulein Doktor und streckte ihm die Hand hin, in die er schallend einschlug.
„Und wissen Sie den Grund von Sörinens fehlender Unterschrift?“ forschte sie dann. —
„Freilich weiß ich ihn. Ich schaute gestern ein Stündchen in Heidekamp ein. Sie sehen erstaunt aus. Ja, ich gestehe es gern, mir gibt das Herrenhaus Werte. Vielleicht habe ich schon rein äußerlich immer nach der feinen Form gehungert, in der man dort das Materielle wie das Ethische serviert, ich der Emporkömmling. Und wie man dort doch nicht am Äußeren hängt, sondern den Menschen wertet, — Fräulein Doktor, ich sitze wie ein Schuljunge zu Grauchens Füßen, während sie mir weismacht, daß sie alle bei mir in die Lehre gehen. Und der alte Freiherr! Derb kann er drein wettern, und Luthers Tischreden trägt er in der Tasche und zitiert sie, wo es irgend möglich ist. Die sind ja nicht gerade für Mädchenpensionate geeignet. Aber nie hörte ich eine obszöne Geschichte von ihm, in denen Kahl so groß ist... Herr von Heidekamp ist recht ein Ritter des ancien regime...“
„Wie dankbar Sie sind!“ rief Fräulein Doktor warm. „Das muß ich Fräulein Tingleff erzählen. Die sucht seit Jahren dankbare Herzen und kann sie nicht finden, — nicht in all ihrer großzügigen, selbstlosen Wohltätigkeit. — Und wie klärte sich Sörines fehlende Unterschrift auf?“
Sörensen lachte über ihre Beharrlichkeit, mit der sie immer wieder auf diese Frage zurückkam.
„Herzlich einfach. Ich fragte das junge Mädchen und es antwortete freimütig. ‚Ach, ich habe mich ja jahrelang auf das Sie so gefreut. Die Zeit konnt ich kaum erwarten. Nun sollt ich plötzlich meinen Herzenswunsch drangeben. Das wollt ich nicht.‘ Es klang überzeugend ehrlich. Und ich habe mich an jenem Abend im ‚Siesagen‘ geübt, und wenn ich mich versprach, mahnte sie mich ernsthaft.“
Wie der Mann jung geworden ist in den wenigen Monaten, dachte Fräulein Doktor. Es muß in erster Linie die Freundschaft mit dem frischen Hansohm sein. Der hat mich ja auch auf dem Gewissen. Ich war auf dem besten Wege, eine verschrobene, alte Jungfer zu werden... Oder sollte wirklich die sonnige Sörine einen starken Einfluß auf den so viel älteren Mann ausüben?... Dora Stavenhagen geriet ins Grübeln...
Das rote Dach des Gasthauses tauchte auf. Von weitem leuchteten schon die weißgedeckten Tische unter den grünen Tannen. Das starke Aroma eines guten Kaffees und die Streusel- und Obstkuchenberge wirkten liebenswürdig auf jedes Gemüt. Man hieß einander lachend willkommen.
Nur Kahl raunte Fräulein Doktor zu: „Wann kann man gratulieren?“ und empfing einen abweisenden Blick. Und Frau Professor Traute fragte den Direktor: „Wissen Sie, daß in Ihrer Dienstwohnung der Schwamm ist? Ihre Vorgänger sind alle am Gelenkrheuma eingegangen.“
„Welch grausame Perspektive, gnädige Frau. Ich weiß davon aber nichts, fand lauter neue Parkettfußböden und tadellose Zentralheizung vor. Nein, nein, so bald werden Sie mich nicht los.“ Vor seinem frohen Lachen zog sich Frau Traute zurück.
Es wurde eine sehr gemütliche Kaffeestunde. Da sich Sörensen an das unterste Ende setzte, konnte die Würde nicht so streng gewahrt und durchgeführt werden, und als Hansohm seine Tasse vorzeigte, auf welcher „dem lieben Großpapa“ stand, wachte eine gesunde Fröhlichkeit auf. Fräulein Doktor saß zwischen Professor Rasmussen und Hansohm. Das gab einen reinen Dreiklang. Rasmussen war in seinen jüngeren Jahren viel krank gewesen und von seiner Gattin in aufopferungsvoller Weise gepflegt worden. Seitdem war er ihr in einer huldigenden Dankbarkeit zugetan, die fast an die alte Ritterzeit gemahnte. Viele lachten im Kollegium und auch im Städtchen über den alternden Liebhaber, der seine gleichaltrige Frau, mit der er längst die silberne Hochzeit gefeiert, umwarb und betreute wie kaum ein Bräutigam die eben Erkorene. Für Fräulein Doktor hatte der Anblick etwas Rührendes. Sie dachte an die Ehe ihrer Eltern, an den immer kränkelnden Vater, der die persönlichen Opfer seiner Frau nur als ihm gebührenden Tribut hingenommen hatte. Nun war sie im anregenden Gespräch mit dem älteren Kollegen, dessen ganzes Wesen abgeklärte Ruhe und volle Behaglichkeit atmete. Sah er doch, wie Direktor Sörensen in seine Fußtapfen trat und seine, Rasmussens Frau umhegte und umsorgte, ihr Kaffee einschenkte und die leckersten Stücke auf den Teller legte.
„Mir ist zu Sinn, als sei unser Lyzeum aus Dornröschenschlaf erwacht,“ sagte er herzlich zu seiner Nachbarin. „Prinz Sörensen kam zu rechter Zeit.“
„Meinen Sie wirklich, daß alle wach sind?“ fragte Fräulein Doktor zweifelnd.
Rasmussen beugte sich humorvoll lächelnd näher und flüsterte: „Vielleicht wartet der Küchenjunge Kahl noch auf seine Ohrfeige.“
Sie nickte lebhaft. „Die müßte ihm aber schon der Koch Herrgott geben, an menschlichen Händen glitscht dieser Aal ab,“ gab sie zur Antwort.
Die allgemeine Unterhaltung war sehr lebendig geworden.
Nur Frau Kahl versuchte vergeblich, ihrem Partner Traute irgendein Gesprächsthema abzulocken, er aß und trank und schaute starr auf einen Fleck.
„Sehn Sie nur den Traute,“ raunte Hansohm. „Ich kenne diesen Blick. Er bereitet sich auf eine Rede vor, die er dann uns meuchlings versetzt. Sehen Sie, wie er maikäfert! Gleich wird er losburren. Burrrr! Surrrr! Hab ich’s nicht geahnt? Ich bin unhöflich genug zu sagen: Jetzt läßt er sein Nachtlicht leuchten!“
„Meine Damen und Herren! Hochverehrter Herr Direktor. Werte Kollegen! Teure Freunde! Liebe Frau!“
„Warum er nicht noch sämtliches Getier in Wald und Flur mit heranzieht!“ flüsterte der unverbesserliche Hansohm, so daß ihm Sörensen mit dem Finger drohte.
Eine endlose Rede ging über die Zuhörer nieder. Voll Salbung und innerer Unwahrheit. Dora Stavenhagen stellte bei sich fest, daß der Direktor mit einem Male alt aussehe. Als sei es Jahre her, daß sie ein „kindliches Osterfest“ mit ihm gefeiert. Ein paarmal zog er seine Stirn in tiefe Falten, das war, als Traute mit schwülstigen Worten das „tadellose Zusammenarbeiten“ von Direktor und Kollegium betonte, sowie das „vorbildliche Einvernehmen des Kollegiums in sich“.
„Hört, hört!“ rief Hansohm unbedacht und verschärfte durch diesen Ausruf die Feindschaft zwischen sich und Professor Traute ins Ungemessene. —
Endlich machte der Redner Schluß, und noch in das erleichterte Aufatmen der Zuhörer hinein erhob sich der Direktor zu einer kurzen Entgegnung. „Was Herr Kollege Traute bereits als bestehend annimmt, die vorbildliche Einigkeit, das ist meine Hoffnung. Rechnen Sie immer auf mich, wo es gilt, sie lebendig zu machen.“
„Das war alles?“ sagte Frau Traute giftig zu Oberlehrer Kahl.
„Sie haben es ja gehört,“ war die Entgegnung. „Wo sich ein altbewährter Oberlehrer abmüht und in glänzender Rhetorik... (Kahl verbeugte sich) uns seine Gedanken verabfolgt, da hat Herr Sörensen nur drei Worte. Und während der Rede versucht er noch auf Hansohms ungewaschene Zwischenbemerkung zu achten, droht ihm schelmisch, lacht die Stavenhagen an, — es ist direkt kindisch ... Na, ich habe nichts gesagt, Frau Oberlehrer. Darf ich Ihnen meinen Arm geben? Alles steht auf. Ich glaube, Sörensen hat kindliche Spiele proklamiert. Er geht auf Freiersfüßen und muß den Elastischen mimen.“
Man verzichtete auf die kindlichen Spiele.
Direktor Sörensen nahm Rücksicht auf die älteren Kollegen, die gern in Ruhe ihre Zigarre rauchten, und auf die vergrämte, schüchterne Frau Kahl, die auf dem rechten Fuße hinkte und sich überdies nicht getraute, ohne ausdrückliche Zustimmung ihres Mannes auch nur einen Schritt zu tun. Nun schlug er gemeinsames Kegeln vor, und bis Kollege Kahl, der sich dazu erbot, den Kegeljungen gemietet und die Bahn vorbereitet hatte, wollten die Turnlehrerin, Fräulein Peters, sowie Klaus Hansohm und Fräulein Henny Freytag, die gleichfalls prächtige Turner waren, ein paar glänzende Übungen am vorhandenen Reck vorführen. Auch im Springen leisteten sie Hervorragendes und fesselten die Zuschauer.
Oberlehrer Kahl begab sich in den Hintergarten, um die Kegelbahn in Augenschein zu nehmen.
Hier war es düster und ohne Sonne, weil die Umdachung der Bahn dicht in den Tannenwald hineingebaut war. Ein paar wurmstichige Tische und Bänke lehnten sich an die Bäume.
Auf einer dieser Bänke saß eine Frau. Sie war städtisch und beinahe modisch gekleidet, ihre Füße steckten in Lackschuhen und durchbrochenen Strümpfen. Aber über den Kopf hatte sie ein dunkles, mit seidenen Fransen besetztes Tuch geschlagen, in der Art, wie Thüringer Landfrauen zur Kirche gehen. Sie schrieb eifrig an einem Brief und hatte sich vom Wirt ein Tintenglas hinstellen lassen, in dessen dürftiges Naß sie oft die spitze, kratzende Feder eintauchen mußte. Dann und wann trank sie einen Schluck Milch aus dem neben ihr stehenden Glase. Als Oberlehrer Kahl an ihrem Tische vorbeiging, zog sie das Tuch tief ins Gesicht. —
Kahl beobachtete sie scharf, während er die Tafel in der Kegelbahn aufrichtete und mit Kreidestrichen in Felder teilte. Er rief einen Knecht an und gab ihm Befehle. Dieser holte einen Strauchbesen und begann die Bahn zu säubern.
Von den Turnern und ihren begeisterten Zuschauern her scholl fröhliches Lachen und Händeklatschen. Die einsame Frau richtete sich auf und lauschte angestrengt hinüber. Dabei entglitt ihr das Tuch, und Kahl sah in ein sehr hübsches, wenn auch unfeines Gesicht und in ein paar herausfordernde Augen.
Mit wenigen Schritten war er bei ihr. „Wollen Sie sich nicht nach vorn setzen?“ fragte er beflissen. „Die ganze Gesellschaft da kommt gleich hierher, wir werden Sie in Ihrem gewiß wichtigen Schreiben stören.“
Sie sah in keck an. „Das kann schon sein,“ lachte sie, „aber ich bin auch bald fertig.“ Ein böser, hohler Husten schüttelte sie, und sie nahm wieder ein paar Schlucke von der warmen Milch.
„Wer sind die Leute da vorn,“ fragte sie, wie gelangweilt.
„Die Lehrer vom Lyzeum in Birkholz,“ antwortete er rasch, „und der jetzt gerade ruft und lacht, ist der neue Lyzealdirektor Sörensen.“ Wie in einer plötzlichen Eingebung war ihm der Nachsatz gekommen. Er sah die Frau lauernd an.
„Was geht’s mich an?“ sagte sie abweisend und schrieb weiter. Kahl entfernte sich zögernd von ihr und schritt wieder nach der Kegelbahn. Nach einer Weile stand die Frau auf.
„Vergessen Sie nicht ’s Bezahlen,“ rief ihr der Knecht zu, und sie diente ihm mit ein paar kräftigen Worten. Dann holte sie aus der kleinen, abgegriffenen Geldtasche mehrere Kupfermünzen heraus und legte sie auf den Tisch.
Den geschlossenen, mit Aufschrift versehenen Brief hielt sie nachdenklich in der Hand.
Der Knecht schlürfte ins Haus, und in plötzlichem Entschluß kam die Frau auf Kahl zu.
„Sie kennen den Direktor Sörensen?“ fragte sie vorsichtig.
„Erne Sörensen? Das ist mein Freund,“ log er.
Sie atmete rasch auf. „Das ist gut. Und nehmen Sie’s nicht krumm, daß ich Sie vorhin angefahren habe. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diesen Brief, ohne daß es jemand merkt, Herrn Sörensen bringen möchten.“
Kahl nahm ihr mit raschem Griff das Schreiben aus der Hand.
„Soll gern geschehen,“ raunte er hastig. Viele Fragen kreuzten sich in seinem Hirn, aber ehe er nur eine einzige aussprechen konnte, hörte man die Gesellschaft näherkommen und Sörensens hallende Stimme: „Kollege Kahl, können wir kegeln?“
Die Frau nahm hastig das Tuch über Kopf und Schultern und durchschritt den Garten. Erne Sörensen gewahrte sie, stutzte einen Augenblick und verfärbte sich. Eine Weile sah er ihr nach und schüttelte dann langsam den Kopf.
„Meine Herrschaften,“ rief Kahl, „dieser hintere, dunkle Teil des Gartens ist der sogenannte Bannwald der sieben Steingräber. Es spukt darin. Ich selbst habe eben einen Geist gesehen und wenn mich nicht alles täuscht, auch unser verehrter Herr Direktor.“
Er lachte meckernd und scheinbar ganz unbefangen, und die Gesellschaft rief und scherzte durcheinander und bat um Aufklärung.
Fräulein Doktor sah in das ruhige, nur seltsam blasse Antlitz des Direktors, und etwas wie bange Sorge schlich in ihr Herz. „Was hat nur der Kahl?“ raunte sie Hansohm zu.
„Der?“ lachte er leichtherzig. „Ein paar heimliche Seidel mit den dazugehörenden Kognaks hat er hinter die Binde gegossen. Erst wenn dieser Mann genügend Alkohol hat, wird er gemütlich.“
Man bildete Parteien und kegelte.
Ein scharfer Eifer wurde rege, die Damen nahmen es mit den besten Keglern auf. Fräulein Doktor in einem unbewußten, innern Grimm zielte scharf, und ihre Kugeln prasselten zweimal nacheinander alle Neune herunter.
Der Kegeljunge verkündete es mit gellender Stimme.
„Ich würde nicht so triumphieren,“ flüsterte Kahl ihr im Vorbeigehen zu, „Glück im Spiel, Sie wissen...“
„Herr Oberlehrer Kahl, Sie werden mich immer unglücklich lieben,“ gab sie schlagfertig zurück.
Als sie eine halbe Stunde gekegelt hatten, trat Hansohm wieder zu Fräulein Doktor: „Kahl müßte sich wirklich etwas in acht nehmen. Seine hämischen Ausfälle gegen unsern Direktor fallen schon den harmlosesten Gemütern auf, — ich bewundere Sörensen, mit welcher gelassenen Ruhe er abwehrt. —“
Man spielte noch eine Weile, besuchte dann die Steingräber, über welche Erne Sörensen einen fesselnden Vortrag hielt, nahm im Wirtshaus noch einen einfachen Imbiß und freute sich auf den wunderschönen Heimweg durch die mondbeschienene Heide. Wie drohende Spukgestalten standen einige Riesenwacholder am Wege, und Klaus Hansohm erzählte schauerliche Sagen, so daß die beiden jungen Lehrerinnen oft schreckhaft aufschrien. Aber das fanden sie gerade entzückend.
Als sie sich vor Angst nicht mehr umzusehen wagten, verließ sie der herzlose Kumpan und gesellte sich seinem Direktor zu. Lachend ließ Fräulein Doktor die Furchthasen sich in ihre Arme einhängen und lotste sie gutmütig durch die gespenstische Heide. —
„Darf ich den undisziplinierten Ausspruch tun, daß Sie mir gar nicht gefallen, Herr Direktor?“ begann Hansohm. Er wußte, daß seine Freundschaft mit Sörensen solch freies Wort gestattete. Machte er doch nie ein Hehl daraus, daß er für Erne Sörensen durch Feuer und Wasser ging. Auch jetzt sah er mit unverhohlener Besorgnis in das müde Gesicht des so sehr Verehrten.
„Mein lieber Hansohm, ich gefalle mir selbst am wenigsten,“ entgegnete der Direktor. „Aber vielleicht haben auch mich Ihre Spukgeschichten geängstigt, die Sie unsern jungen Damen auftischten.“ Er lächelte schwach. „Ich leide heute an Ahnungen wie ein altes Weib.“
„O wenn es weiter nichts ist...“ Hansohm sah ihn freimütig an. „Ich glaubte vorhin wirklich, eine Krankheit stecke in Ihnen. Die hätte ich ja erst abwarten müssen, aber mit ‚Ahnungen‘ schlage ich mich gern gleich herum, wenn Sie befehlen.“
„Mein lieber, junger Freund, ich befehle gar nichts, aber ich bitte Sie, für die Dauer des Heimweges bei mir zu bleiben.“
„Wie wunderlich der Mann ist,“ dachte Hansohm, „wie müde er aussieht. Nun, ich bleibe neben ihm und sollte sich alles dagegen verschwören.“
Einmal versuchte Oberlehrer Kahl ihn wegzubeißen, aber Hansohm war bis an die Grenzen der Möglichkeit dickfellig, und ein warmer Blick Sörensens dankte ihm.
Kahl gesellte sich nun zu den jungen Lehrerinnen, und so wurde Fräulein Doktor frei, die sich an die Seite von Frau Asmus schlängelte, um unauffällig etwas über Agnes zu erfahren. Wie sie die Ferien verbringe, ob sie fleißig spazieren gehe, wollte sie wissen.
„Agnes ist als Erste in die erste Klasse versetzt, Sie haben sich gewiß sehr darüber gefreut, Frau Asmus.“
„Wir hatten gar nichts anderes erwartet, Fräulein Doktor,“ erwiderte Frau Asmus abweisend. „Mein Mann und ich haben Tag und Nacht mit unserer Tochter gearbeitet, um die Lücken, die ihr Kranksein gerissen hatte, wieder auszufüllen. Das konnte nicht ohne Wirkung bleiben.“
Fräulein Doktor fühlte, wie ihr wieder „Krallen wuchsen“. Aber sie durfte die Feindschaft zwischen sich und dieser Frau nicht verschärfen, wollte sie Agnes helfen.
„Darf mich Ihre Tochter einmal in den Ferien besuchen,“ fragte sie sanftmütig.
„Wenn ich sicher bin, daß sie niemand aus Heidekamp trifft...“
„Ja,“ entgegnete Fräulein Stavenhagen hart, und dachte innerlich voll Schmerz: „Also diese Aussicht ist dem armen Geschöpf bereits verlegt, — wie schaffe ich eine andere Freude?“
„Darf sie also kommen?“
„Ja.“
„Ich danke Ihnen, den Tag werde ich gleich morgen bestimmen und Agnes schreiben. Ich bin im allgemeinen dagegen, als Lehrerin die eigene Schülerin einzuladen, ohne doch Prinzipienreiter zu sein. Und Agnes gönnt jeder Mitschülerin eine kleine Bevorzugung, sie ist so ungeheuer beliebt durch ihre sanfte Herzensgüte.“
„So?“ entgegnete die Stiefmutter mißtrauisch. „Ich wünsche nicht, daß dem Mädchen Raupen in den Kopf gesetzt werden. Zu Hause merke ich nichts von Herzensgüte ...“
Fräulein Doktor lenkte ein, trotzdem der Zorn in ihr kochte. Aber die Zusicherung durfte auf keinen Fall rückgängig gemacht werden. Ein froher Nachmittag für das geplagte junge Mädchen war nie zu teuer erkauft. Sie kannte die schwache Seite der Frau Asmus. „Ich werde Agnes eine Menge Zeitschriften und Kochrezepte mitgeben,“ lockte sie.
Frau Asmus’ grämliche Mienen hellten sich auf. „Nun also ja.“
„Wenn es Ihnen am Dienstag passen sollte, da sind mein Mann und ich über Land bei älteren Leuten, die Agnes nicht mit eingeladen haben. Da könnte ich zuschließen und...“
„Licht und Abendbrot sparen,“ vollendete Fräulein Doktor bei sich, denn sie kannte den sprichwörtlichen Geiz des Ehepaares, der bei ihnen auch wirklich die Wurzel alles Übels war.
„Aber Agnes darf natürlich in keiner Weise stören...“
„Ich wüßte nicht, wie sie das anfangen sollte, das schüchterne Persönchen. Also Dienstag, ich weiß schon, daß ich an dem Tage nichts anderes vorhabe. Wann wollen Sie fortgehen?“
„Wir müssen mit dem 10 Uhrzuge fahren, ich koche für Agnes das Mittagessen vorher...“
„Wie unnütz, Frau Asmus! Agnes ißt bei mir, und Sie schließen gleich zu.“
Nun, da stand einmal ein billiger Tag in Aussicht.
Und außerdem hatte Frau Asmus das Versprechen der Lehrerin, daß ein Wiedersehen zwischen den beiden Freundinnen ausgeschlossen sei.
Man schritt nun durch das altertümliche Tor der Stadt. Hansohm, der in seiner Nähe wohnte, verabschiedete sich. Einen Augenblick blieb Fräulein Doktor noch bei ihm stehen. „Grüßen Sie mir tausendmal Fräulein Lore. Sie hat einen stillen, friedlichen Nachmittag mit einem guten Buche als Gesellschaft zu verzeichnen, ich war heute friedloser...“
„Wenn Sie sich Mutter Asmus als Begleiterin wählen, ist’s Ihre eigene Schuld,“ grollte Hansohm.
„Woran mahnen Sie mich,“ rief Fräulein Doktor. „Kollege, Sie müssen mir durch Lore Kochrezepte verschaffen, ich versprach Frau Asmus eine Legion und besitze nicht ein einziges.“
„O, von mir aus kann ich auch mit ein paar aufwarten. ‚Wie man böse Weiber in Essig legt‘ und dann...“
„Danke, danke, die Überschrift genügt schon,“ wehrte Fräulein Doktor. „Im übrigen habe ich am nächsten Dienstag die Agnes den ganzen Tag bei mir zum Besuch... Gute Nacht, gute Nacht.“
Sie eilte lachend davon und drehte sich noch einmal um und sah den Kollegen Hansohm mit offenem Munde und nicht sehr geistreichem Gesicht noch auf derselben Stelle stehen.
An der Tür des alten Patrizierhauses holte sie die andern ein. Die meisten hatten sich schon vom Direktor verabschiedet und ihm bereits den Rücken gewandt. Nur Oberlehrer Kahl stand noch bei ihm und legte eben mit seinem bekannten meckernden Lachen einen weißen Briefumschlag in die Hände von Erne Sörensen. Dann zog er nachlässig den Hut. Beinahe kränkend kurz und knapp.
Der Direktor merkte es nicht. Er sah nur den Brief. Sah auch an Dora Stavenhagen vorbei ins Leere, grüßte nur mechanisch und ging mit schleppenden Schritten durch das hohe Portal seiner Dienstwohnung, das schwer hinter ihm ins Schloß fiel. —
** *
Sonnabend nacht.
Das Skelett meines Hauses grinst.
Glaubtest du, Erne Sörensen, ihm zu entgehen?
Du hattest für jene Frau, die du aus deinem Leben strichest, gesorgt, gut gesorgt, und hofftest, in diesem stillen Landstädtchen in heißer, willkommener Arbeit ausgefüllte Jahre zu verleben.
Du wolltest nicht eigentlich etwas für dich. Wolltest anderen, wertvollen Menschen viel geben, und sahst, daß du dazu auch imstande warst.
Nun klopft jene Frau mit drohendem Finger an deine Tür und begehrt Einlaß.
Und sagt dir sehr energisch, daß sie Lisette Sörensen heiße und willens sei, die Rechte dieses Namens auszunutzen. —
Sie scheint genau zu wissen, was dies Geständnis für dich bedeutet. Hier in Birkholz, wo jeder zu ergründen sucht, was der Nächste tut und treibt. Wo man unter einer Glasglocke sitzt und am besten noch ein Fensterchen vor der Brust trüge, damit den lieben Leuten auch nicht ein Fältchen des Inneren verborgen bliebe. —
Ich will ihr nicht schreiben.
Will ganz ruhig in diesen stillen Nachtstunden mit mir zu Rate gehen.
Lebten meine Knaben noch, — vielleicht...
Nein, das kann Gott nicht wollen. Jetzt nicht mehr... Daß ich verkommen soll neben dieser Frau! Daß all mein heißes Ringen, all meine Arbeitsjahre umsonst gewesen sein sollen... Daß ich vielleicht gar diese düsteren Blätter vor zwei reinen Kinderaugen aufrollen soll...
Guter Herrgott, hilf mir!
Ich bin ganz ruhig.
Ich werde das tun, was ich für meine Pflicht halte.
Ich will Lisette sprechen. —
** *
In der Galgenstraße stand ein kleines, sauberes Wirtshaus „Zur Erholung“. Der Name war etwas kühn gewählt, denn es hastete tagaus, tagein durch seine Türen, und auch drinnen war allezeit ein überreges Treiben und Lärmen von der springlebendigen Wirtin an bis zum lautstimmigen, gewalttätigen Hausknecht hinunter. Aber Wirt und Wirtin hatten diesen Namen nun einmal gewählt. Sie waren Anfänger und hofften durch regen Fleiß ihr Wirtshaus in der billigen Galgenstraße so weit in die Höhe zu bringen, daß man es getrost der „Grünen Birke“ am Markt gleichstellen sollte. Und man konnte nicht wissen, ob der Bürgermeister in zwanzig oder dreißig Jahren nicht am Ende den üblen Namen Galgenstraße in Erholungsstraße umtaufen würde, dem Wirtshaus und seinen Gründern Jochen Timm und Frau Dorette, geb. Brodersen, zu Ehren. — Die ganze Sache ließ sich prächtig danach an.
Zahlreiche Bauern aus der Umgegend, Pferdehändler und Geschäftsreisende stiegen bei ihm ab und ließen ein hübsches Stück Geld zurück. — Und er und seine rührige Frau sorgten dafür, daß es blitzsauber in Küche, Keller und Gaststube zuging und ebenso in Sachen Moral bei den über Nacht bleibenden Gästen. — Hatte er doch der hübschen, kecken Frau Sörensen beinahe den Stuhl vor die Tür gesetzt, als sie ihm gestern ankündigte, daß sie in den nächsten Tagen Herrenbesuch erwarte. Zu ihrem Glück war der Herr ihr eigener Mann. Nun ja, es mochte da wohl manches in der Ehe nicht ganz stimmen, aber das war ja nicht so etwas Seltenes. Einen richtigen Wirt durfte überdies nichts in Erstaunen setzen bei seinen Gästen. Jedenfalls aber war Frau Sörensens Mann ein feiner, honetter Herr, von außen schon sehr gut anzusehen. Er hatte gleich die aufgelaufene Rechnung ohne eine Miene zu verziehen beglichen, hatte seiner Frau die beiden besten verfügbaren Stuben anweisen lassen, und saß nun seit einer Stunde droben mit ihr im Wohnzimmer, wo er „nicht gestört zu sein wünschte“.
Nun, dafür wollte Jochen Timm schon sorgen.
War doch wahrhaftig gleich hinterher ein anderer Herr gekommen mit so einem gelben, spinösen Gesicht, und hatte ihn aushorchen wollen. „Ob da der Lyzeumsdirektor Sörensen hinaufgegangen sei, und ob etwa eine Mutter oder Schwester oder gar Frau von ihm im Gasthof zur Erholung wohne.“
„Mein Herr,“ hatte Jochen Timm geantwortet, „was bei mir wohnt, ist alles polizeilich angemeldet und braucht der Herr sich nur auf der Polizei Bescheid zu holen.“
So viel war gewiß. Wer ihn, Jochen Timm, zum Schwatzen und zum Preisgeben seiner Geschäftsgeheimnisse veranlassen wollte, der mußte früher aufstehen und außerdem nicht so plump mit der Tür ins Haus fallen. —
Erne Sörensen saß in dem mit bescheidenem Prunk eingerichteten geräumigen Zimmer seiner Frau gegenüber.
Er sah so blaß aus, daß Frau Lisette voll Scheu und beinahe furchtsam in sein strenges Gesicht blickte. —
„Du hattest mir mit Handschlag versprochen, meinen Weg nicht mehr zu kreuzen,“ sagte Sörensen ernst.
„Ich brauchte Geld,“ entgegnete sie finster.
„Dann hättest du darum schreiben sollen. Und ich frage mich trotzdem, wie es möglich ist, daß du als alleinstehende Frau mit der großen Summe nicht auskommst. Es müßte denn sein, du seist viel krank gewesen. Ist dem so? Du siehst nicht gut aus, Lisette.“
Sie lachte kurz auf und hustete dann hohl und langanhaltend. „Erkältungen,“ sagte sie leichthin. „Hab mich nicht drum geschert. Die letzte ist hartnäckig und dauert nun schon bald ein Jahr. Aber das ist’s nicht. Na ja, ich bin kein Sparer, und ich hab mein junges Leben auch genießen wollen. Aber die Hauptsache sind meine Schwestern und deren Männer. Die saugen mich aus. Die ersten Jahre war’s ganz lustig mit ihnen, aber nun hab ich’s satt. Ich will nun wieder zu dir kommen, Erne...“
Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht.
„Dazu ist es zu spät,“ sagte er ernst. „Ich nehme dich nicht wieder auf. Du hast mich damals freiwillig und bis obenhin voll Schuld verlassen, wenn du auch durch zehn Jahre hindurch allen, die es wissen wollten, erzähltest, ich hätte dich um des Sterbens unserer Kinder willen verstoßen. Mein Haus bleibt dir verschlossen.“
„Ich lasse mich aber nicht von dir scheiden...“ warf sie trotzig ein, „und die Schwäger sagen auch, das sollt’ ich auf keinen Fall tun...“
„Laß jene Leute aus dem Spiel. Wir beide sind tiefer voneinander geschieden, als das Gesetz es tun könnte. Wenn du aber dein Versprechen fürderhin nicht hältst, Lisette, — so zwingst du mich...“
Er war aufgestanden. „Was hast du nun vor? Willst du nach Thüringen zurück?“
„Auf keinen Fall,“ entgegnete sie. „Dazu ist mir denn doch dein schönes Geld zu schade, daß es immer nur in die Taschen der Schwäger wandern soll. Ich bin dort heimlich ausgerückt und will nun nach Lüneburg. Da hab ich noch Freunde. Du brauchst dich nicht zu schütteln, Erne,“ lachte sie leichtsinnig, „’s ist nur ’ne alte Frau. Bei der will ich mich erst mal einmieten. Und will mich ordentlich auskurieren, so geht das nicht länger.“
„Tu das, Lisette. Geh zu einem tüchtigen Arzt oder in eine Heilanstalt, es soll dir an nichts fehlen. Aber heute nachmittag mit dem 3-Uhr-Zuge wirst du reisen. Wie kamst du gestern in das Heidewirtshaus?“
„Ich war in der Apotheke, um mir ein paar Hustentropfen zu holen, da erzählte es der Apotheker, daß die Lehrer vom Lyzeum einen Ausflug machten dorthin. Da glaubte ich, ich könnte dich eher sprechen als hier in der Stadt. Der Wirt hat mich auf seinem Wagen mit hingenommen, er mußte über Land. Schon als ihr ankamt, habe ich euch beobachtet. Die Häßliche, mit der du gingst,“ Lisette lachte, — „die sah dich arg verliebt an. Und wie du mit ihr schön tatest! Ist es deine Liebste?“
„Schweig!“ fuhr Sörensen auf. „O! Das ist deine Denkweise! Du weißt, daß ich nicht frei bin...“
Sie sah ihn erstaunt aus runden Augen an. „Wie du alles schwer nimmst,“ murrte sie dann. „So war es immer. Hätten wir uns doch nie gesehen!“
Er nickte düster. „Ich gehe jetzt, Lisette. Um drei Uhr bin ich am Bahnhof und bringe dir deine Fahrkarte. Auch das versprochene Geld erhältst du dort. Sei unbesorgt. Leb wohl, Lisette. Laß gut sein. Ich bin des Kämpfens müde. Laß uns ruhig, ohne Groll aneinander denken... Werde bald gesund! Leb wohl! —“ Er reichte ihr die Hand und ging mit schweren Schritten.
Unten bestellte er noch heißen Tee für sie und hinterlegte eine Summe für das, was sie noch verzehren würde. Jochen Timm dienerte unablässig und empfahl sein Hotel für alle vorkommenden Gelegenheiten.
Lisette Sörensen stand am Fenster und sah ihrem Manne nach. Und beobachtete, daß im gegenüberliegenden Hause auch drei Menschen ihm nachschauten und zwei davon die Hälse reckten und das dritte, ein zartes Mädchen, weinte.
Aber sie konnte sich den Zusammenhang nicht klarmachen. Überdies schüttelte sie wieder der entsetzliche Husten.
Sie tastete sich zum Sofa.
Und während sie sich dort von dem Krampf erholte, überdachte sie ihr unnützes Leben. Sie konnte sich bei aller Anstrengung wirklich keiner freundlichen Tat gegen ihren Mann besinnen. Und es sah ihm recht ähnlich, daß er ihr auch noch den heißen Tee heraufschickte. Wie höflich der Wirt zu ihr war.
Sie schlürfte begierig das heiße Naß und behandelte den unterwürfigen Jochen Timm von oben herab, bis er verärgert hinausging.
Und als sie recht durchwärmt war, empfand sie, daß sie eigentlich froh war, heute fortreisen zu können.
Und ihr Leichtsinn dachte nicht einen Augenblick daran, wieviel häßliche Steine sie aufs neue in den Weg von Erne Sörensen geworfen hatte.
** *
Als Fräulein Doktor am Nachmittage, der dem Ausfluge folgte, sich recht behaglich hingesetzt hatte, um bei dem Regen da draußen ein gutes Buch zu lesen, wurde sie durch ein hartes Stampfen oder Stoßen aufgeschreckt. Hinter der Mansardentür, die sie sofort öffnete, stand niemand. Aber das Stoßen hörte nicht auf.
Eine Weile versuchte sie noch zu lesen, dann legte sie das Buch ärgerlich hin, horchte noch einmal nach allen Seiten und ging dann die Treppe hinunter, um an der Tür von Fräulein Tingleff zu läuten.
Die alte, halbtaube Dienerin schlürfte heran und wies sie ins Zimmer. Auf dem festgefügten Mahagonitisch stand ein Stuhl und auf diesem das alte Fräulein mit einem Besen bewaffnet, den sie in regelmäßigen Zwischenräumen gegen die Decke stieß. Der Kalk war schon vielfach abgefallen und bedeckte den Tisch, das Sofa und den Teppich.
„Kommen Sie endlich, Doktorsche?“ rief Fräulein Tingleff ärgerlich. „Soll ich mir denn die ganze Zimmerdecke ruinieren?“
„Daß ich nicht wüßte,“ lachte die Eingetretene. „Was ficht Sie denn an? Konnten Sie nicht die alte Tine schicken?“
„Tine wird täglich tauber. Ehe ich ihr den Sachverhalt klarmache, bin ich längst auf den Tisch geklettert. Aber nun helfen Sie mir herab. Es war eine Leistung mit meinem lahmen Bein.“
„Den Hals konnten Sie sich brechen, Fräulein Tingleff. War’s denn so eilig?“
„Das Halsbrechen nicht, aber die Sache wohl, die ich Ihnen erzählen will.“
Sie saß noch immer auf dem Tisch, aber nun schob Fräulein Doktor das Sofa heran und lotste die Waghalsige auf die weichen Polster. Dann nahm sie ihr den Besen aus der Hand und fegte die Zimmerdecke zusammen.
„Was wird Dingelmann sagen,“ brummte Fräulein Tingleff mit vorwurfsvollem Blick auf Fräulein Doktor. „Ja, Sie haben gut lachen, Doktorsche. Aber wenn ich Ihnen alles erzählt haben werde, wird Ihnen vielleicht für alle Ewigkeit das Lachen vergangen sein...“
Dora Stavenhagen wurde nun doch aufmerksam und sah, daß die alte Dame arg verstört und bekümmert dreinschaute.
„Doktorsche, ich bin um ein paar Pfund Ideale leichter geworden.“
„Was ist denn geschehen?“
„Ich war heute um drei Uhr auf dem Bahnhof und da hab ich den Sörensen gesehen, unsern Sörensen, meinen Sörensen, wie er eine Frauensperson hofierte, eine junge, sehr hübsche, üppige, furchtbar gewöhnliche Frauensperson in Stöckelschuhen und durchbrochenen Strümpfen... Sie reiste ab und heulte wie ein Schloßhund.“
„Nun und was weiter?“ fragte Fräulein Doktor ruhig und nur um einen Schein blasser.
„Was weiter? Genügt das nicht? Sörensen gilt hier als Asket... ich sag Ihnen, Doktorsche, von dem Manne schmerzt es mich, daß er nicht ist, was er scheint.“
„Wer sagt Ihnen das?“ rief Dora Stavenhagen mit funkelnden Augen. „Muß denn immer gleich der Stab gebrochen werden? Aber Sie sind nicht besser als all die andern. Für mich bleibt Sörensen — Sörensen und wenn er hundert junge Weiber hofiert...“
„Sie haben den Mann gar nicht lieb, nie, nie!“ sagte Fräulein Tingleff trocken. „Sie schätzen ihn bloß...“ Und sie streichelte zart mit ihren runzeligen Händen Doras Wange.
Da brach Fräulein Doktor in Tränen aus.
„Ich bin eine greuliche, alte Person,“ fuhr Fräulein Tingleff fort. „Zweiundsiebzig vorbei und noch immer mit einem Maul wie ein Schwert. Pfui Teufel. Aber Sie haben mich abgekanzelt. Dafür sind Sie ja auch Oberlehrerin. Und recht haben Sie. Aber Sie sollen mich doch nicht so in einen Pott mit dem ganzen Birkholzer Gemüse werfen...“
Dora Stavenhagen faßte sich.
„Es ist mir traurig zu Sinn,“ sagte sie, „wenn so ein aufrechter Mensch wie Fräulein Tingleff, auf deren Freundschaft ich mir etwas einbilde, gleich umfällt, sobald etwas nicht ganz leicht Begreifliches auf den Plan tritt... Etwas, das die blöde Masse nicht kapiert...“
„Sermon Nr. 2?“ fragte die alte Dame. „Na, toben Sie sich nur aus. Ich werde mir einbilden, daß mir das Hemdchen noch aus dem Höschen schaut... ‚Blöde Masse‘ ist übrigens gut.“ Sie umzeichnete ihre eigene rundliche Fülle mit dem Finger.
„O, Fräulein Tingleff, so meinte ich’s natürlich nicht...“ wehrte Fräulein Doktor. „Aber es brennt mir noch eine Frage auf der Seele: Haben viele Birkholzer dem Abschied auf dem Bahnhof beigewohnt?“
„Einige ja. Und wenn ich’s jetzt überdenke, muß ich mich noch nachträglich verwundern, daß es eigentlich nur Leute aus Ihrem Kollegium waren. Ich sah den greulichen Kahl...“
„Fräulein Tingleff!!!“
„Ja. Ist’s nicht merkwürdig? Und noch ein paar andere waren dabei, deren ich mich von der Kaisergeburtstagfeier in der Aula her erinnere...“
„Nun, da wird das Wespennest ja bald über ihn herfallen.“
„Warum ist der Mann auch nicht vorsichtiger!“ meinte Fräulein Tingleff ärgerlich. „Diese Randbemerkung gestatten Sie mir doch bei dem Herrlichsten von allen?“
„Eigentlich nicht. — Sörensen geht nur Wege, an denen seine unbestechliche Ehrenhaftigkeit als Weiser steht.“
Dora Stavenhagen umfaßte die alte Dame. „Nicht wahr, wir beide wollen die bekannten ‚Freunde hinterm Rücken‘ aus dem Sprichwort sein? Der Einsame wird uns brauchen können. —“
„Vielleicht,“ nickte Fräulein Tingleff ernst. „Aber als der Zug gestern hinausgedampft war, ging Sörensen an mir vorbei. Und da sah ich an seinem Gesicht, daß er niemand brauchte.“
„Gestern vielleicht nicht. Aber sein Leben ist noch lang.“
„Doktorsche, nehmen Sie mich in die Lehre. In diesem Falle sind Sie die Ältere. Ich hab mich noch nicht zur inneren Ruhe erzogen. Möchte immerfort helfen, auch ungerufen. Möchte die Menschen zu ihrem Glücke zwingen. Jetzt bin ich in dem Zustande der leeren Hände. Der ist fürchterlich.“
„O, ich fülle sie gern,“ sagte Fräulein Doktor herzlich. „Da habe ich z. B. zum Dienstag die Agnes Asmus für mich gekapert. Die Eltern sind über Land, ein seltener Glücksfall, und das Mädel soll bei mir Mittag essen. Dürften wir zum Nachmittag herunterkommen und an Ihrem schönen Flügel musizieren? Sie wissen, ich habe kein Instrument, und Agnes Asmus hat solch süße, reine Stimme. Es ist ein Genuß, sie singen zu hören, und für das Mädel selbst das schönste Geschenk, wenn man ihr Gelegenheit dazu gibt.“
„Wozu diese lange Erklärung? Es ist abgemacht. Aber daß Sie oben in Ihrem Vogelkäfig Ihren Petroleumkocher abstrapazieren, leide ich nicht. Es wird bei mir gegessen. Schlag 1 Uhr. Meine taube Tine soll uns ein gutes Essen auftafeln. Dazu braucht sie die Ohren nicht. Und süße Puddinge, eine schwere Menge müssen ’ran. Und Kuchen wird gebacken. War ja auch mal Backfisch in nebelgrauer Vorzeit. Soll Sörine Heidekamp auch mit her?“
„Diesmal leider nicht. Mutter Asmus hat’s untersagt.“
„Nennen Sie dies Weib nicht ‚Mutter‘.... Das Herz krempelt sich einem um, wenn man solche Neutra mit diesem Namen rufen hört, den unsereins sein Lebtag vergebens erfleht hat. — Mit aller innewohnenden Menschen- und Kinderliebe! Und doch umsonst erfleht.“
Wie wunderlich es klang aus dem alten Munde.
Fräulein Doktor machte ihr hilfloses Gesicht und hatte fragende Augen.
„Ja, Menschenkind, glauben Sie denn, ich wäre früher ein Kieselstein gewesen, um meine zweiundsiebzig Lenze nun für den Sörensen aufzuheben? Nein, Doktorsche, ich bin ein einsames Geschöpf geblieben, um meine Liebe zu behalten. ’s gibt halt so närrische Herzen, die geben ihren ganzen inneren Reichtum dem einen, und nimmt er nicht auch den Menschen dazu, ist’s bös. Denn der andere kann nicht teilen, kann sich nicht zersplittern. So ist’s mir ergangen. Namen nenne ich natürlich nicht. Täte ich’s, Sie lachten sich von Sinn und Verstand. Dazu ist mir meine Liebe zu schade. Und nun wollen wir von etwas anderem reden. Vom Dienstag, auf den ich mich freue.“
„Ich auch, ich auch!“ frohlockte Dora Stavenhagen, nahm das alte Fräulein in den Arm und reigte sanft wiegend mit ihr durch das Zimmer. Und sie dachte dabei, wie närrisch es doch im Leben zugehe, daß sie just an dem Tage, da sie mit seltsamer Gewißheit spürte, daß Erne Sörensen mit starken Fesseln an eine andere geschmiedet sei, ein frohes Tänzchen anhebe.
„Doktorsche,“ rief Fräulein Tingleff mit tiefem Knix, „wir sind eine feine Kumpanei. Das macht uns so leicht niemand nach. Was meinen Sie, wenn wir diesen Menuettwalzer als Probe betrachteten? Soll ich zum Dienstag die Hansohms und den Sörensen mit einladen und den Abend in einen Ball ausarten lassen? Ich kann technisch einwandfrei auf dem Kamm blasen...“
„Bitten Sie Herrn Sörensen lieber nicht... ich glaube, — ganz sicher — — es ist besser so. Aber Hansohms — o, das ist herrlich! Hoffentlich ist Lore wohl genug.“
„Und der Hansohm hat mir gesagt, daß er zu jedem Kalbsbraten in freund-brüderlicher Beziehung stünde. So soll er eine Kalbskeule haben.“
Die beiden berieten noch eifrig miteinander.
Und dann trennten sie sich und hatten, als sie jedes für sich allein waren, mit eins den kommenden fröhlichen Dienstag vergessen und dachten nur noch an Erne Sörensen und wer wohl die auffallende Persönlichkeit sein möchte, mit welcher der sonst so korrekte Sörensen sich so sorglos vor ganz Birkholz bloßstelle.
Sonntag abend.
Gott sei Dank, die Ferien sind vorbei.
Gewiß nicht ein ganz gewöhnlicher Ausspruch für einen Schulmann. Aber für einen Direktor doch wohl berechtigt.
Ruhe und Muße haben mir die Ferien nicht gebracht und dazu hatte ich rechtschaffenes Heimweh nach meinen zweihundertundfünfzig Kindern. Morgen sehe ich mein Völkchen wieder und wie es werden wird, wenn...
Erne Sörensen, so denke nicht dran, und pflücke den Tag. —
So pflückte ich mir am Dienstag ein paar gemütliche Stunden von dem Strauch Behaglichkeit, der nirgends so gut gedeiht wie in dem alten Hause von Dingelmann und Sohn gegenüber meiner eigenen Behausung. Es trieb mich zu dem bejahrten Fräulein Tingleff, die es aber an Jugendfrische mit uns allen aufnimmt. Uneingeladen kam ich, aber nicht unerwartet. Gottlob, daß es noch so warme Häuser im lieben Vaterlande gibt, wo man immer willkommen und immer zu Hause ist.
Drei Leute fand ich, die alte Dame, Fräulein Doktor und Klaus Hansohm, alle drei bemüht, der blassen Agnes Asmus einen frohen Abend zu schaffen, nachdem ihr wohl schon ein so köstlicher Tag beschert worden war, daß das junge Herz die Glücksfülle kaum fassen konnte. Kollege Hansohm mühte sich fast väterlich um sie und ihre süße, zarte Stimme, die uns kleine Volkslieder mit rührendem Reiz sang. Er plant eine Ausbildung der Stimme, wenn Agnes die Schule verlassen hat. Natürlich wäre bei dem bekannten Geiz der beiden Eltern nicht daran zu denken, aber Fräulein Tingleff ist jede schöne Gelegenheit recht, ihr Geld nutzbringend anzulegen. Am Abend kam auch der alte Dingelmann auf ein halbes Stündchen zu seiner „alten Flamme“ herauf. Aber ich schien ihn zu stören. Der Mann war befangen und fast möchte ich sagen, die beiden Damen waren es auch, ja selbst die junge Agnes, die doch sonst immer so lieblich strahlt, wenn sie mich sieht. Jeder wollte es mir verbergen, aber meine Sinne sind alle so leidgeschärft.
Irgend etwas liegt in der Luft. Wann ich es zuerst spürte, vermag ich nicht genau zu sagen.
Aber es ist da.
Wie gern bin ich immer im Herbst gegen den Sturm angelaufen. Dies Überwinden der anstemmenden Luft hat etwas unendlich Reizvolles, Gesundes für mich. — Jetzt stemmt sich auch etwas gegen mich an, aber es ist kein brausendes Sturmlied, es ist nur ein Raunen und Flüstern und doch schwer und schwül und unbehaglich. Ich wehre mich und zerteile das fremdartige Unbekannte, aber es ist überall wieder da. Beinahe körperlich.
Ich habe es ja gefühlt, daß ich von Anfang an hier wider einen Stachel löcken mußte, der gewillt war, unentwegt sondierend in mein geheimstes Innere zu dringen. Habe auch gespürt, daß es Schwierigkeiten und Vorurteile zu überwinden galt, von denen ich nicht weiß, wo sie ihren Ursprung haben. Bei vielen Leuten rannte ich wie gegen eine Mauer. Aber ebenso viele nahmen mich doch in Haus und Herz auf. Wenn ich allein an Heidekamp denke... Aber vielleicht denk ich schon zu viel daran...
Baurat Steinbrink, der Erbauer des Lyzeums, zog mich einmal am Stammtisch beiseite. Es war bis jetzt das erste und einzige Mal, daß ich dort war.
„Mein lieber Herr Direktor,“ sagte er, „fliehen Sie! Solange es noch Zeit ist. Sie sind nicht auf Birkholz geeicht. Wollen Sie aber durchaus hierbleiben und trotzdem nicht an der Mauer des spießbürgerlichen Vorurteils eingescharrt werden, dann heiraten Sie die außergewöhnlich häßliche Kusine des Apothekers und kommen Sie jeden Abend in die ‚Grüne Birke‘. Auch müssen Sie Ihre prächtige Frau Dietz entlassen und sich alle halbe Jahr von der Bürgermeisterin völlig ungeeignete Hausmädchen und Köchinnen von auswärts verschreiben lassen. Und was noch so Kleinigkeiten sind...“
Ich glaube, dieser Mann ist ein Eingeweihter. —
Aber auch ihm kann ich nicht helfen.
Und ich muß weiter der „Unbegreifliche“ von Birkholz bleiben oder zum „schwarzen Schaf“ befördert werden ...
Vielleicht hängt das auch von Kahl ab.
Von ihm und dem Ehepaar Asmus, — ob sie schweigen oder es vorziehen, zu schwatzen.
Eine ungeheure Gleichgültigkeit lähmt mich. Oder ist der Ausdruck zu niedrig gewählt?
An stillen Abenden überkommt mich wiederum eine heiße Sehnsucht. Sie hat sich ihr Ziel nicht hoch und doch unerreichbar gesteckt. Ich möchte wieder der Knabe Erne sein, von der Schusterkugel umglänzt, und meine herzliebe Mutter müßte mir mit ihren weichen, verwaschenen Runzelhänden über das Haar streichen. Dann würd’ ich ihr sagen, — würde beichten, würde fragen... Mutter! Mutter...
** *
Professor Kahl stand vor der Tür des Direktorzimmers.
Er schien sich erst noch zu besinnen, ob er seine freie Stunde zu einer Unterredung mit dem Schulleiter benutzen solle, klopfte dann aber mit raschem Entschluß.
Direktor Sörensen fuhr vor diesem harten Klopfen zusammen.
Dann ging er dem Eintretenden langsam entgegen.
„Was bringen Sie mir?“ fragte er freundlich-ernst.
„Nichts Gutes.“
Die beiden Herren sahen einander an. Sörensen dachte: Wann hätte ich je etwas Gutes von dir bekommen? Und Kahl sagte zu sich: „Nein, — das, was du meinst, ist es nicht. Das ist noch nicht ganz reif und ich muß dich noch etwas länger in der Schwebe halten.“
Laut fuhr er fort: „Eine mißliche, ärgerliche Angelegenheit. Es wird in meiner dritten Klasse gestohlen.“
„Das wäre! Da höre ich ja heute das erste Wort.“
„Ich mußte schweigen und verpflichtete auch die Kinder dazu, damit wir den Dieb in Sicherheit einwiegten. —“
„Hm. Diese Weise ist mir sehr unsympathisch, Herr Oberlehrer. Wir sind kein Detektivbureau. Wie lange spielt die häßliche Sache?“
„Seit vierzehn Tagen.“
„Das ist sehr lange. Die Kinder müssen ja fortgesetzt in großer Gewissenspein gewesen sein. Ich stehe da zu Ihrer Auffassung in schroffstem Gegensatze.“
„Wie immer,“ bemerkte Kahl gereizt.
Sörensen hob abwehrend die Hand. „Herr Kollege, wir wollen beide objektiv bleiben. Und ich muß noch ein paar Fragen stellen. Welchen Prozentsatz der dritten Klasse haben Sie verpflichtet? Da muß doch ein Verdacht gegen mehrere Kinder bestehen? Und sind Sie sicher, daß nicht doch untereinander geschwatzt und gemutmaßt wird?“
„Meiner Klasse bin ich ganz sicher. Es sind erstaunlich aufgeweckte, frühreife Kinder darunter. Ich konnte sie richtig organisieren.“
„Herr Oberlehrer, ich betone noch einmal, das ist mir sehr, sehr unsympathisch. Organisation! Worin besteht sie? Im Spionendienst?“
„Herr Direktor, ich weiß, Sie wollen mich damit beleidigen, aber es gleitet an mir ab. Und Sie haben ganz recht geraten. Ja, ich leite die Kinder an, mir zu helfen, einen Spitzbuben zu entlarven.“
„Was wird gestohlen?“
„Zuerst war es gesammeltes Geld, dann kamen neu gekaufte Hefte an die Reihe, Schreibmaterial, neue Federkasten. Ein Wintermantel verschwand...“
„Herr Oberlehrer, es ist unverantwortlich, daß mir davon nicht Mitteilung gemacht wurde. Und beruhigen sich denn die Eltern bei solchen Vorkommnissen?“
„Ich bin persönlich bei den Eltern gewesen, um alles gütlich beizulegen...“
„Aber zu welchem Zweck? Hier ist doch das rücksichtsloseste Verfolgen das einzig Gegebene...“
„Dafür bin ich früher auch gewesen. Aber ich fürchtete Durchstechereien.“
„Sie erschrecken mich, Herr Kollege Kahl. Ich habe mich doch auch mit der dritten Klasse hie und da beschäftigt, und wenn sie mir auch nicht sympathisch ist, so halte ich sie doch moralisch für einwandfrei.“
„Herr Direktor,“ — Kahl trat näher heran und lächelte hämisch. „Es handelt sich wahrscheinlich gar nicht um die dritte Klasse, — mein Verdacht und der der Kinder richtet sich vielmehr auf — ich spreche streng vertraulich — auf den Schuldiener Harks.“
„Herr Oberlehrer Kahl! Wissen Sie, was Sie da sagen?“
„Jawohl, ich weiß es. Und ich möchte auch den Vorwurf der verzögerten Anzeige von mir abwehren. Ich hätte eher gesprochen, wenn Sie nicht immer mit Betonung den Beschützer des allgemein unbeliebten Harks gespielt hätten.“
„Beschützer? Den Mann beschützt sein langes, ehrenhaftes Vorleben.“
„Hm.“
„Herr Oberlehrer, ich erhebe Einspruch gegen dies ‚vorbehaltliche‘ Hm. — Mir ist der Schulwart Harks sowohl von der Behörde als auch von verschiedenen Kollegen als ein durchaus einwandfreier Mann empfohlen worden. Er verwaltet sein Amt tadellos...“
„Und ist ein Grobian ohne Manieren. Die Kinder scheuen sich, zu ihm zu gehen.“
„Nur die unordentlichen. Denen pflegt er die Leviten zu lesen. Ich weiß, daß ihm herumgeworfenes Frühstückspapier eine persönliche Beleidigung bedeutet und ich habe zu viel gegenteilige Schuldiener erlebt, um nicht Harks Eigenart zu schätzen.“
„Wenn er nicht zu eigenartig wird.“ lächelte Kahl...
„Haben Sie irgendwelche Beweise, Herr Oberlehrer? So leicht gebe ich diesen alten Mann nicht preis. Jedenfalls nicht auf uferlose Anschuldigungen.“
Kahl zögerte einen Augenblick. „Ich könnte Ihnen bestimmte Tatsachen an die Hand geben, Herr Direktor... Noch von früher her,... würde dann freilich um strengste Verschwiegenheit bitten müssen...“
„Tatsachen? Herr Oberlehrer? Wie käme ich dann dazu, zu schweigen? Wenn Harks nicht der ist, der er scheint?“
„Hm! Es ist mancher nicht der, der er scheint...“ bemerkte Kahl, und nach einer längeren Pause: „Ich kann warten. Vielleicht brauche ich alte Geschichten nicht auszukramen, die neuen werden hoffentlich bald Klarheit schaffen.“
Der Direktor sah ihn forschend an. „Sie sind ein persönlicher Feind des Harks?“ fragte er schroff.
„Persönlicher Feind? Was geht mich der Schuldiener an? Ich finde nur, er regiert ein bißchen zu selbstherrlich hier, — seit einiger Zeit. Schaden kann’s nicht, wenn ihm der Kamm etwas abschwillt. Aber wie gesagt, aus dem Amte möchte ich ihn nicht bringen... ich würde da noch einmal vorstellig werden...“
„Herr Kollege, ich gestehe, daß ich aus dem Ganzen nicht klug werde...“
„Noch eins, Herr Direktor. Es ist Ihnen doch sicher bekannt, daß Bertha Ehlen aus der dritten Klasse die Nichte von Harks ist? Sie stand schon einmal im Verdacht, lange Finger gemacht zu haben, da verwandte sich der ‚Onkel Harks‘ für sie...“
„Es konnte dem Kinde durchaus nichts bewiesen werden,“ fiel Sörensen heftig ein. „Harks bat mich nur, seine Nichte vor Anpöbelungen einiger Mitschülerinnen zu schützen, er selbst war überzeugt von der Unschuld seiner Schwestertochter.“
„Dann kann ich wohl gehen, Herr Direktor?“ fragte Kahl ärgerlich.
„Herr Oberlehrer, — ich werde jetzt selbst für Aufklärung des Falles sorgen.“
„Darf ich Haussuchung bei Harks halten lassen?...“
„So sicher sind Sie Ihrer Sache???“
„Ziemlich, Herr Direktor.“
Sörensen wollte eben sagen: „Tun Sie, was Ihnen die Pflicht gebietet.“ Aber da las er in den Augen des Kollegen so viel Befriedigung... und fühlte zugleich, daß er — gehaßt wurde...
„Herr Oberlehrer Kahl, ich komme gleich selbst in Ihre Klasse. Von einer Haussuchung möchte ich vorläufig absehen. Ich will erst noch die Bertha Ehlen vernehmen ...“
„Guten Morgen, Herr Direktor.“
Als die Tür hinter Kahl ins Schloß gefallen war, bemächtigte sich Sörensen neben einem ehrlichen Zorn eine große Traurigkeit. Er ging ein paarmal in seinem Zimmer auf und ab, um ruhig zu werden.
Auf die kleine, freundliche Welt seines Lyzeums, das ihm bereits ein Stückchen Heimat bedeutete, war häßlicher Mehltau gefallen. —
Wie eine aufgeregte Schar junger Vögel saß die dritte Klasse auf ihren Bänken. Die Köpfe neigten sich zueinander. Die Schnäbel zwitscherten und wisperten. Am Katheder stand Professor Kahl mit zwei besonders hell und aufgeweckt aussehenden Mädchen. Als der Direktor hereintrat, wurde alles still. Nur auf der vorletzten Bank hörte man eine eintönige Stimme: „Und ich habe es nicht getan, und wenn ich es doch nicht getan habe!“
„Wenn du es nicht getan hast, Bertha Ehlen, dann wird dir kein Mensch etwas anhaben,“ sagte Sörensen ruhig. „Aber es befremdet mich, daß immer zuerst der Verdacht auf dich fällt und daß du überhaupt keine Freundin hast.“
„Und ich habe es nicht getan und wenn ich es doch nicht getan habe!“
„Sie hat immer Schokolade mit und Zuckersteine,“ rief Lotte Krebs im rechten, echten Angeberton.
Die Beschuldigte warf ihr einen giftigen Blick zu: „Du hast es mir ja immer fortgegessen,“ schrie sie. —
Sörensen erhob seine Stimme: „Ihr habt nur zu reden, wenn ihr gefragt werdet, das bitte ich mir aus. Bertha Ehlen, an welchem Tage wurde der Wintermantel gestohlen?“
Bertha Ehlen murmelte statt der Antwort: „Und ich habe es nicht getan und wenn ich es nicht getan habe?“
Ein Finger wurde mit großer Dringlichkeit in die Höhe gebohrt.
„Was willst du, Lise Steffens?“
„Der Mantel gehörte mir. Aber ich habe gleich einen neuen bekommen. Mutter sagte, es käme uns nicht drauf an. Es war an dem Tage, wo draußen auf dem Flur die Reparaturen gemacht wurden. Der Schuldiener Harks und seine Frau waren den ganzen Vormittag draußen und dann war doch mein Mantel weg und von Hedwig Dierks der Muff.“
„Setz dich.“
Ein zweites Kind meldete sich. „Meine Gummischuhe waren auch fort. Sie waren ganz neu, und da habe ich furchtbar geweint und wollte nicht nach Hause gehen. Da hat sie mir der Schuldiener dann wiedergegeben.“
„Der Schuldiener?“
„Ja, der hatte sie gefunden. Aber am andern Tage waren sie dann doch wieder weg, und ich habe sie nicht wiedergekriegt.“
Bertha Ehlen jaulte laut wie ein junger Hund: „Und ich habe es nicht getan, und wenn ich es doch nicht getan habe.“ Aber diesmal kam noch ein kühner Schlußsatz: „Die Erde soll mich gleich klaftertief verschlingen, wenn es nicht wahr ist.“
Der Direktor sah sie finster an. Sein Gesicht war undurchdringlich.
„Komm gleich einmal mit mir in mein Zimmer,“ gebot er.
Er öffnete die Tür und da stieß er auf zwei Kinder, die ein sehr umfangreiches Paket schleppten. Atemlos ließen sie es fallen. „Wir haben es,“ riefen sie Oberlehrer Kahl zu. „Es lag in der kleinen dunkeln Schrankkammer in Harks Wohnung.“
Eine tiefe Stille entstand, und in diese Stille hinein klang nur die öde Entschuldigung der Bertha Ehlen.
Oberlehrer Kahl hatte sein Taschenmesser hervorgezogen und schnitt Packpapier und Stricke des Paketes mit einem Schnitt durch. In einen hübschen Tuchmantel waren die mannigfachsten Gegenstände gewickelt, Muff und Gummischuhe lagen obenauf.
„Ich habe es aber nicht getan, und...“
Mit festem Griff packte der Direktor die Plärrende an den Schultern und schob sie zur Türe hinaus.
„Nimm deine Sachen und geh nach Hause,“ gebot er kurz. „Du brauchst nicht wiederzukommen.“
Bertha heulte auf. „Ich habe doch die Sachen gar nicht bei mir gehabt, sie haben sie ja beim Onkel gefunden ...“
„Geh! Und komm mir nicht wieder vor die Augen.“
Der Direktor klopfte noch an die Tür der ersten Klasse. Fräulein Doktor öffnete ihm.
„Ich erbitte mir von Ihnen für eine halbe Stunde die Agnes Asmus. Sie soll sich sofort anziehen und Bertha Ehlen aus der dritten Klasse zu deren Eltern bringen. Ohne sich mit dem Kind in irgendein Gespräch einzulassen.“
Es war alles rasch erledigt.
Als der Direktor sein Zimmer betrat, fiel sein Blick auf den Schulwart Harks. Der stand mitten in der Stube und hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und dann und wann tönte ein Stöhnen und Ächzen aus seiner Brust.
„Herr Harks, Sie hier?“ fragte Sörensen und klopfte ihm auf die Schulter. „Armer Kerl! Beruhigen Sie sich doch...“
„Mein guter Name!“ ächzte Harks.
„Ihr guter Name? Der ist bei allen verständigen Leuten ebenso rein wie vorher. Ich habe Ihre Nichte nach Hause geschickt. Arme Eltern. — sie tun mir leid.“
„Herr Direktor, o Herr Direktor,“ stammelte Harks. „Sie, Sie — glauben nicht? Wie Herr Oberlehrer Kahl? Sie, Sie halten mich nicht... o Herr Direktor...“
Der Mann war außer sich. Die Tränen liefen ihm in den Bart, er haschte nach Sörensens Hand und küßte sie unbehilflich.
„Nicht doch, Harks. Was tun Sie da?“ wehrte der Direktor, „ich habe nicht einen Augenblick an Ihnen gezweifelt.“
„Herr Direktor! Ach, Herr Direktor! Darf ich gleich zu meiner Frau gehen? Die ist mir nur so zusammengebrochen, als die Kinder die gestohlenen Sachen aus unserer Kammer holten...“
„Ja, — gehen Sie, Harks.“
„Herr Direktor, darf ich heute nachmittag noch einmal in Ihre Privatwohnung kommen?“ Der alte Mann hatte sich aufgerichtet und strich verlegen und mit müder Handbewegung über sein graues Haar. Seine sonst so rauhe, polternde Stimme klang wie erstickt. „Es muß sein, Herr Direktor, — ich möchte Sie um Gottes willen drum bitten, daß ich ein Stündchen mit Ihnen sprechen könnte.“
Der Direktor reichte ihm die Hand. „Ich erwarte Sie um drei Uhr, Harks,“ sagte er einfach.
„Herr Direktor — wenn Sie mal einen Menschen suchen, der — für Sie...“ Dem alten Mann brach die Stimme.
„Gehen Sie, lieber Harks. Ich tat nur Selbstverständliches. —“
Nachdem er wieder allein, blieb Sörensen eine Weile nachdenklich stehen. Dann ging er mit seinen ausholenden Schritten nach der dritten Klasse zurück.
„Bertha Ehlen wird nicht wiederkommen,“ sagte er ernst zu den Kindern. „Damit ist die Sache erledigt. Es ist natürlich ein sehr trauriges Vorkommnis gewesen, das sich hoffentlich nicht wiederholt.“
„Und Harks?“ fragte Oberlehrer Kahl lauernd. „Der Hehler ist doch wohl...“
„Ja, liebe Kinder, das wollt’ ich euch noch sagen,“ fuhr der Direktor fort, „Herr Harks ist tief betrübt über das Vergehen seiner Nichte. Ich hoffe, ihr seid alle recht freundlich zu ihm und seiner braven Frau. Ja? Ihr wißt, die beiden richten trotz ihrer Kränklichkeit euch alles immer so sauber und behaglich her. Ich habe also euer Versprechen und verlasse mich darauf. Guten Morgen, Herr Kollege.“ —
** *
An diesem Mittag war Frau Dietz gar nicht zufrieden mit ihrem Herrn. Er gab ja, Gott sei’s geklagt, überhaupt viel zu wenig aufs Essen und Trinken und seinetwegen konnte man jeden Tag dasselbe kochen. Aber so zerstreut wie heute hatte er doch lange nicht gegessen, und Frau Dietz beschloß, das Zungenragout und die Bananenspeise nur noch in den Ferien auf den Tisch zu bringen, wenn das nötige Interesse für das, was dem Menschen Leib und Seele zusammenhält, vorhanden war. Heute rannte ihr Herr gleich nach dem Mittagessen wie gejagt in die Heide hinein und kam nicht einmal erfrischt von dort wieder. Das sah man seinen traurigen Augen an. Und nun begann gleich die Arbeit wieder, Schulwart Harks hatte Punkt 3 Uhr den Herrn um eine Unterredung gebeten. —
„Nun, Harks, was wünschen Sie denn?“ fragte Sörensen freundlich und harmlos. Und gleich darauf: „Aber, lieber Herr Harks, — ich bitte Sie, Sie machen sich ja krank. Schließlich ist doch Bertha Ehlen nicht Ihr eigen Fleisch und Blut...“
„Herr Direktor,“ — ein gramdurchfurchtes Gesicht sah zu Sörensen auf, — „ich möchte mich heute ganz in Ihre Hand geben, — — in die Hand eines Ehrenmannes,“ setzte er hinzu.
„Und wenn mich Herr Direktor verwerfen, dann will ich mein Kreuz auf mich nehmen und es willig tragen. Aber so...“
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Erleichtern Sie Ihr Herz, lieber Harks, und was das Verwerfen anbetrifft, so bin ich nicht der Mann danach. Wir mangeln allzumal des Ruhmes. Und nun setzen Sie sich, — ich höre zu.“
„Herr Direktor, mit dem Bibelspruch von den Sündern, da denken nicht viele so. Es macht mir rechten Mut, daß Sie so sprechen.“
Trotz dieses rechten Mutes saß aber der alte Schulwart arg zusammengedrückt in dem Lehnstuhl, und seine Hände zitterten.
„Herr Direktor, — der Herr Oberlehrer Kahl will mich verderben!“
„Harks, — was sprechen Sie da?“ rief Sörensen erschrocken. Aber sein Herz setzte hinzu: Du armer Mensch, du magst wohl recht haben. —
„Ja, er will mich verderben und — er kann mich verderben. Aber ich will nicht so stückweise vor die Hunde gehen, und meine arme Frau soll nicht diese angstvollen Augen behalten durch meine Schuld. Sie sollen mein Richter sein, Herr Direktor.“
„Harks, braver, alter Harks...“
„Ja, Herr Direktor, brav. Mein alter Oberst, Gott hab ihn selig, der hat mich auch immer seinen braven Harks genannt. Meine ganze Militärzeit liegt so wie ein freundlicher Garten da. Was da an Unkraut drin ist, das kommt nicht auf meine Rechnung. Aber dann. Erst wurde mein Frau krank, sie hatte ein paar Fehlgeburten durchgemacht, und konnte sich bis auf den heutigen Tag nicht erholen. Kinder starben uns, blühende, schöne Kinder, — was das heißt, können nur Elternherzen recht verstehen — dann kriegt ich den Typhus, — Herr Direktor, ich will nur sagen, wir haben jahrelang den Doktor nicht aus dem Haus bekommen, und da kamen Schulden, Sorgen und Not. — Die einzige Freude in dem vielen Kummer, das war unsere Lisbeth, — wie ein Bäumchen, Herr Direktor, wie ein Bäumchen. Wenn ich die Sörine von Heidekamp ansehe, — das schöne, feine Mädchen, — da muß ich mich immer abwenden. Grad so fröhlich und schön und fein war meine Lisbeth, und gerade so kluge, ernsthafte Augen hatte unser Kind. Und überhaupt, wenn ich so was Schönes, Unschuldiges sehe, dann werde ich rauh und garstig und grob, und dann lachen die Menschen und sagen ‚Original‘ zu mir, und ist doch nur, daß ich nicht wie ein Waschlappen werden will und zum Himmel hinaufbrüllen: ‚Aus tiefster Not schrei ich zu dir‘...“
Sörensen legte ihm die Hand auf den Arm. „Es greift Sie zu sehr an, Harks.“
„Es muß herunter, Herr Direktor. Mir wurde damals diese Stelle hier als Schulwart angeboten. Ohne daß ich mich groß drum beworben hatte. Der frühere Bürgermeister war ein Verwandter von meinem Herrn Oberst. Und Herr Direktor wissen ja, es ist eine besondere Stelle wegen der Barsumme, die aus der alten Ratsstiftung noch dran hängt, und außerdem noch das schöne Land draußen vorm Birktor. Meine Frau und ich waren wie die Kinder so glücklich, als ich die Stelle kriegte. Herr Direktor, so viele Bewerber waren da, und es hing an einem Faden. Denn wir sollten unterschreiben, daß wir keine Schulden hätten. Das hab ich denn auch getan, und, — es war eine Lüge, und ich weiß jetzt, daß kein Segen auf dem ruht, was mit einer Lüge beginnt. Damals aber dacht ich — die paar hundert Mark würde ich bald erspart haben, wenn Gott uns von Krankheit verschonte. Hätte es ja auch nur meinem Herrn Oberst zu schreiben brauchen, aber der starb gleich drauf. Um mich noch zu bestärken, und uns recht zuversichtlich zu machen, bekamen wir die Nachricht, daß eine Tante von meiner Frau uns etwas vermacht hätte, und es würde am 5. April ausgezahlt werden. 300 Mark! Nun fehlte gar nichts mehr zu unserm Glück, und ich dachte überhaupt nicht dran, daß ich mit einer Lüge in das neue Amt gegangen war. — Aber wie wir hier so am Einrichten waren, schickte der Doktor aus W., wo wir früher wohnten, eine Rechnung, die wieder schrecklich aufgelaufen war, und fragte, ob ich vergessen hätte, sie beim Wegzug zu begleichen, denn er hatte sie schon zweimal geschickt. Und der Apotheker fragte an, ob er sich an die Behörde wenden sollte. Und dann war noch ein teurer Dampfapparat zu bezahlen, damit meine Frau im Hause alle die Verordnungen vom Arzt machen konnte. Graue Haare kriegten wir in jenen Tagen, aber wir dachten an den 5. April, und daß dann 300 Mark kämen und wir alles abschicken konnten. Aber das Geld kam nicht. Großer Gott, wenn ich noch an unser Warten und an unsere Angst denke. Und — — da lag nun — —, Herr Direktor, da hatte ich, — da hatte mir der Herr Oberlehrer Kahl eine Summe übergeben, ehe er in die Ferien fuhr. 320 Mark. Die sollt ich fortschicken. Und die Anweisung hatte er auch schon geschrieben, aber er hatte keine Zeit mehr, zur Post zu gehen. Und — ich will’s nur gleich sagen, Herr Direktor, ich nahm das Geld und meinte, ich sei nun erst mal die quälenden Sorgen los, schickte an den Doktor in W. und beglich meine Schulden. Und bis das alles herauskam, hätte ich ja längst das Geld von der Tante. —
Aber die Ferien gingen vorbei, und das Geld kam nicht, und Herr Oberlehrer kam wieder, fragte aber nicht weiter. Denn er war damals noch ein sorgloser Junggeselle. Aber dann — dann wurde auf einmal dem Geld nachgefragt von der Stelle aus, an die ich’s hätte abschicken sollen. — Da kam alles heraus. Und Herr Oberlehrer tobte wie ein Verrückter und wollte mich gleich anzeigen. Am liebsten hätte ich mich zum Sterben hingelegt. Dann stürzte meine Frau und meine Lisbeth herein und baten und flehten....
Ja, die Lisbeth, die konnte so wunderschön bitten....
Da wurde der Herr Oberlehrer ruhiger, und dann hat er das Geld aus seiner Tasche bezahlt, und ich sollt es ihm abzahlen, wann ich wollte. Herr Direktor, — wenn ich sage, am nächsten Tage kam das Geld, gerade als hätte der Teufel sein Spiel dabei gehabt, und es waren bare 700 Mark und ich konnte dem Herrn Oberlehrer alles wiedergeben. Aber es kam doch zu spät....
Ich war schuldig geworden, und die Lisbeth — die Lisbeth, Herr Direktor, die hatte ihr junges Herz dem — — geschenkt.“
Der alte Mann weinte schwer.
„Herr Direktor, meine Frau und ich haben kein Arg gehabt. Die Lisbeth war immer so ein bißchen schwärmerisch gewesen, — aber doch auch wieder so verständig. Sie muß eigentlich gewußt haben, daß der Herr sie sein Lebtag nicht heiraten würde. Aber sie war wohl blind und taub vor Liebe: Hinter unserm Rücken haben sie sich getroffen, — sie diente erst bei dem alten Fräulein Tingleff, aber dann hat er ihr eine Stelle bei seiner Wirtin verschafft. Gegen uns war sie immer ein gutes Kind und besonders so sanft und zutunlich zur kranken Mutter......
Dann fing sie aber selbst an zu kränkeln..... Und die Frau kündigte ihr ganz plötzlich.... Ja, und dann hatte sich wohl der Herr Oberlehrer mit ihr verzürnt, er heiratete ja auch bald darauf...
Herr Direktor,.... da hat man sie aus der Luhe gezogen.
So ein schönes, gutes, frommes Kind. Unsere Lisbeth .......“
— — — — — — — — — — — — —
Es war ganz still im Zimmer. Nur die alte Standuhr tickte, und das schwere Atmen des unglücklichen Vaters war zu hören.
Direktor Sörensen war aufgestanden und durchwanderte das Zimmer. Mit seinem warmen, gütigen Herzen durchlebte er das Schicksal des alten Mannes. Und zugleich fühlte er, daß er nicht weiter an einer Schule mit Oberlehrer Kahl zusammenwirken könne. Er blieb vor Harks stehen. Dieser stand mit schlaff herabhängenden Armen und erwartete sein Urteil.
Sörensen reichte ihm die Hand. „Sie haben gebüßt“, sagte er ernst und gütig. „Und ich will Ihnen helfen, daß Ihr Lebensabend ein freundlicher werde.....“
„Herr Direktor, — ach Herr Direktor!“.....
Auf der Schwelle des Zimmers blieb der alte Mann noch stehen. „Darf ich noch sagen,“ fragte er leise und demütig, „daß meine Frau und ich wochenlang nicht in die kleine Rumpelkammer kommen, wohin meine Nichte das gestohlene Gut gelegt hat?......“
„Quälen Sie sich doch nicht mehr mit dieser Angelegenheit, Harks. Und wenn Ihre arme Schwester da irgend einen Rat braucht — wegen Unterbringung der Bertha, so soll sie sich an mich wenden. In festen und freundlichen Händen kann aus dem bösen Mädel noch eine Freude der Eltern werden...... ich bin der Letzte, der ein verirrtes Kind aufgibt. Nur in meiner Schule konnte ich sie nicht behalten. —“
Sonntag abend.
Es ist gut, daß die Wochen und Tage so fliegen. —
Die ganze Sache hatte mich doch sehr mitgenommen.
Stundenlang lief ich in der Heide umher. Zu wissen, in den Händen eines Kahl zu sein oder von „Kahl und Genossen“, wie Hansohm schon früher immer sagte, — das war lähmend.
Und dabei stillhalten zu müssen.
Ich tappte ja auch im Dunkeln. Wußte und weiß nicht, ob Lisette außer dem Brief noch Aufklärungen an Kahl gegeben hatte. —
Schließlich ist es ja ganz gleich, ob sie es tat, oder nicht.
Mein stilles Geheimnis ist ans Licht gezerrt, wie wird es in unreinen Händen zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden......
Aber ich habe mich nicht lange vergrübelt....
Ein Schulleiter, auf den täglich so viel fragende und vertrauende Augen sehen, der muß „rein Schiff, klar Kimming“ haben.
Zu meinem verehrten Provinzialschulrat bin ich gereist.
Es kam mir, dem stillen Heidjer hart an, von dem zu reden, was mir allein zutiefst gehört.
Aber Doktor Hofer ist ein seltener Mensch. Schon sein Blick schließt die Herzen auf. Wie gerecht und gütig urteilte er über Harks. Wie verstand er mich in Sachen Kahl und Genossen! —
Als ich von ihm ging, wußte ich, meine Sache lag in verläßlichen Händen. Und wo die Verleumdung ihre garstigen, geifernden Zungen bewegt, wird dieser gerechte, großherzige Mann seine Stimme gewaltig und überzeugend erheben, so daß sie schweigen müssen. — Meine drei Getreuen in der Schule, Senior Rasmussen, Fräulein Doktor und Klaus Hansohm sind ein paar Tage recht ernst herumgegangen, aber nicht in Zweifeln an mich. Das las ich in ihren guten, vertrauenden Blicken. Fräulein Doktor freilich war befangen, das fällt auf bei ihrem sonstigen fröhlichen Draufgängertum. Was mag man ihr erzählt haben?
Feines, weibliches Empfinden ist leicht verletzt.
** *
Wunden, wie die meinen, heilt nur Wald und Heide.
„Das ist des deutschen Waldes Kraft, daß er kein Siechtum leidet.“ Und meine Heide ist vollends ein Jungbrunnen ....
Ich beschloß einen Ausflug mit meiner ersten Klasse, und die Getreuen waren freudig bereit, uns zu begleiten.
Klaus Hansohm entwickelte gleich einen regen Eifer. Er ist eine echte Künstlernatur, die über die einfachsten Ereignisse einen Schimmer gebreitet sehen will. —
Er sang mit der ersten Klasse. Liebliche Lenzweisen grüßten den Wald und die kraftstrotzende Heide, deren braune Dolden prall und voll dem Hochsommer entgegenharrten. Eine grenzenlose Fülle leuchtend roter Blüten will sie ihm zur Welt bringen. Und ich möchte beten wie der alte Heidekamper: „Herr, laß mich wieder die Heideblüte erleben!“
Auch meine Geige hatte ich mitgenommen.
Es hob ein Jubeln an, als ich sie auspackte.
Dann wurde es mäuschenstill, und ich sah in lauter andächtige Augen, während Johann Sebastian Bach in seiner Giaconne durch mich zu ihnen sprach. — Die Stille hielt auch noch nachdem an, und ich spürte ein rechtes Frohgefühl darüber, daß wir so prächtig miteinander schweigen können. Mit einem Male ein tiefes, hörbares Aufatmen und eine junge Stimme: „Großvaterli sagt, wer so spielt, der betet“.
Ich lächelte: „Das Großvaterli hat recht, wie immer.“
„Wie immer?“ fragte Sörine sinnend. Und dann kam der Schelm: „Großvaterli sagt aber auch, wir sollten das Abendbrot heute in Heidekamp essen.“
Da lachtest du, Erne Sörensen und sprachst zum zweitenmal: „Großvaterli hat recht, wie immer.“
Die Stille war vorbei und ein jauchzender Jubel brach los.
Klaus Hansohm machte ein betrübtes Gesicht.
„Schreien Sie doch nicht so unmusikalisch“, rief er kläglich. „Da, sehen Sie, dort — Johann Sebastian Bach ist entsetzt ausgerissen, eben biegt er um die Waldecke.“
Unser Ziel war wieder das Forsthaus. Die ganze Stätte atmet Behagen. Frau Försterin hatte Kuchen gebacken, als ob anstatt zwölf junger Mädels eine Kompagnie Soldaten erwartet werde. —
Sörine Heidekamp schritt neben mir her. Wir sprachen von Agnes Asmus.
„Ich hätte Ihnen so gern die Freundin verschafft,“ sagte ich, „ich wollte unsern Ausflug verschieben, bis Agnes wieder gesund sei, aber Herr Lehrer Asmus meinte, das könne lange dauern.“
„Agnes wird immer krank sein, wenn wir etwas Frohes für sie haben,“ sagte Sörine hart, und ihr sonniges Gesichtchen verfinsterte sich. „Vielleicht wäre es besser, wenn sie mich nicht lieb hätte“, setzte sie weise hinzu.
„Kind, was reden Sie da“, warf ich hin. „Sie bedeuten ja alles für die arme Agnes. Und wenn sie in einem Gefängnis säße, würde eure schöne Freundschaft ihr Licht und Trost geben.“
„Sie sitzt ja in einem Gefängnis“, murrte Sörine. „Und das hat noch eine hohe Mauer, das ist die schreckliche Galgenstraße.“
Da gab ich ihr zu bedenken: „Keine Sorg um den Weg, wenn zwei sich nur gut sind, sie treffen sich doch.“
„Ja, Liebesleute,“ sagte sie harmlos und eifrig, „aber nicht so zwei arme Schächer, wie Agnes und ich.“
„Arme Schächer! Wie das klingt! Sie sehen mir auch gar nicht so aus, Sörine Heidekamp.“
Da traf mich ein jammervoller Blick aus ihren Augen.
„Es ist nicht leicht zu leben,“ sagte sie mit wenig fester Stimme. „Ich soll dem Großvaterli viel Sonne geben, und alle die Armen und Bresthaften in unserm Dorf wollen auch mein Lachen. Wo soll ich’s immer hernehmen? Wenn ich doch soviel Heimweh nach meiner Agnes habe? Und die Heide schläft auch noch. Wenn sie erst blüht, dann kann ich ihr viel klagen.“
„Du liebes Kind“, dachte ich. „Du liebes Kind, sprich weiter. Neben dir schreitet auch einer, der das Herz voll Heimweh hat, und weiß nicht einmal, wonach. Oder weiß ich es doch.... und darf’s dir nur nicht sagen, du junges, liebliches Kind?“
Ganz still gingen wir nebeneinander her.
Der unbeschreibliche Friede, den Wald und Heide ausatmeten, senkte sich auf uns herab.
Als das Forsthaus wieder nahe kam, stahl sich eine warme, junge Hand in die meine: „Ich danke Ihnen so sehr, Herr Direktor. Sie haben mir eben eine ganz lange Geschichte erzählt. So wandre ich auch immer mit Großvaterli.“
Klein Sörine, ich verstehe jetzt, warum du solch Einsiedler bist und alles Jungvolk ablehnst. Wer so zu wandern versteht.... Lebenskünstler seid ihr beide, du und das Großvaterli. —
Der helle Frohsinn, der dann seine Herrschaft beim Kaffeetrinken und Kuchenschmausen ausübte, war herzerquickend. —
Welch prächtige Pädagogen sind meine drei Mitarbeiter!
Senior Rasmussen erwies sich als ein vorbildlicher Märchenerzähler.
Eine kleine köstliche Perle von Andersen trug er uns in der Ursprache vor, und wir gerieten in vergleichende Sprachwissenschaft hinein. Wie lebendig die erste Klasse daran Teil nahm!
Fräulein Doktor hat etwas sehr Mütterliches im Umgang mit den jungen Mädchen. Sie ist doch selbst noch jung. Und was bei vielen Lehrerinnen in diesem Alter in gewollte Jugendlichkeit umgesetzt wird oder in verfrühtes, schrulliges Altjungferntum, das ist bei Fräulein Stavenhagen Mütterlichkeit.
Dadurch wird sie vor dem öden Begriff Neutrum geschützt. Dem großen Jungen Hansohm bedeutet sie eine Art Beichtvater. Er nimmt sehr unverfroren ihre Freizeit in Anspruch, und ich habe nie gehört, daß sie nein sagte, wenn er sie zum Spaziergang aufforderte oder sie zu seiner Schwester einlud.
Dafür tritt er auch als ihr rechter Beschützer auf, wo immer sich Gelegenheit findet. Kahl und Genossen fürchten seinen beißenden Witz, wenn sie sich auf Gefechte mit ihm einlassen. —
Mit den Schülerinnen macht er überhaupt keine Witze. Ein feiner Humor scheint in seinen Unterrichtstunden zu walten, ich konnte mich recht freuen an seiner Art, mit diesen unberechenbaren Geschöpfen umzugehen.
Vom Forsthaus aus wanderten wir dann noch ziemlich zwei Stunden nach Heidekamp. Wie eine große Familie waren wir, aber von ganz seltener Einigkeit. Ein prächtiger Korpsgeist lebt in der ersten Klasse. Auch scheint sie es mir nicht vergessen zu wollen, daß ich mir ein gerechteres Urteil über sie gebildet habe, ohne auf böswillige Einflüsterungen Wert zu legen. So lernte ich jedes der zwölf Menschenkinder in seiner Eigenart kennen und genoß köstliches Vertrauen.
Ihre Zukunftshoffnungen und -pläne legten sie mir dar...
Charaktere sind darunter, die ganz genau wissen, was sie wollen.
Edith Gerstenberg will Malerin werden. Da schlummert wohl ein ernstes, großes Talent. Meisterhände sollen es wecken. — Sie hatte ihr Skizzenbuch mit, und die Frische und Lebendigkeit, mit der sie Lehrer und Mitschülerinnen darin charakteristisch festgehalten hat, ist köstlich.
Besonders Hansohm war taktstockschwingend in den verschiedensten Stellungen vertreten. Professor Traute verblüffend getreu, wie er, kurzsichtig in sein Buch schauend, doziert...
Mich selbst fand ich Arme unterm Kopf in der Heide liegend. Die ganze Gesellschaft lachte aber nur tobsüchtig, als ich über die Entstehung dieses Bildes etwas wissen wollte, und verweigerte jegliche Auskunft.
Telse Lüders erbat meine Fürsprache bei ihrer Patentante Fräulein Tingleff. Von dieser ist Telse in Sachen Pecunia abhängig. Sie möchte weiterlernen und dichten und schriftstellern. „Aber Tante will mir keinen Beruf eröffnen.“
„Was meint sie denn?“
„Um Gottes willen sieh zu, daß du’n Mann kriegst.“ Telse wurde sehr niedlich rot, und die ganze Klasse lachte schallend.
„Das hat sie auch zu mir gesagt“, riefen verschiedene durcheinander.
„Und wenn meinem Mann eine Ballade lieber wäre, als ein Kalbsnierenbraten, dann hätte ich das große Los gezogen.“
Nun plauderte das Jungvolk ein Weilchen über „rückständige Tanten und Mütter, über Selbständigkeit“, ja sogar ein paar Schlagworte fielen wie „Recht auf Persönlichkeit“ und „eigenes Leben leben“.
„Du lieber Himmel, Selbständigkeit!“ rief Lotte Harsen, die, wie ich weiß, über alles sehr gründlich nachdenkt und den Spitznamen „Bohrwurm“ führt, — „Selbständigkeit ist ja vorläufig Blech für uns. Ihr betet alles nur so nach. Wenn wir jetzt ’ne große Dummheit „selbständig“ machen, sind ja doch unsere Eltern am letzten Ende dafür verantwortlich. Kapiert ihr das?“
„Zweifle doch nicht immer an unserm gesunden Grips, Lotte“, sagte Edith Gerstenberg vorwurfsvoll, und dann erhob sich Sörinens Stimme: „Wer bewußt dient, ist am selbständigsten, sagt Großvaterli.“
„Ich wollte, ich hätte auch solch ‚Großvaterli‘ als Evangelium in meiner Jugend gehabt“, warf Hansohm etwas bitter ein.
„Es ist nicht immer gleich Evangelium für mich“, bekannte Sörine ehrlich, — „aber — Großvaterli sagt nichts, über das man nicht fortwährend stark nachdenken muß. Er läßt mir auch immer Zeit dazu, das ist so schön. Hab ich etwas Rechtes eingesehen, gegen das ich mich vorher sträubte, dann ist’s immer wie ein hoher Festtag. Und die Zeit, die dazwischen liegt, nennt Großvaterli ‚Sörinens Kalvarienberg‘.“
„Was werden Sie denn studieren, wenn die Schulzeit beendet ist?“ fragte Professor Rasmussen und zog Sörine zu sich heran.
„Den Luther-Katechismus“, sagte Sörine ernst. Und als sie die verblüfften Gesichter ihrer Mitschülerinnen gewahrte, setzte sie hinzu: „Großvaterli meint, das sei das beste Studium für jemand, der für so viele Menschen zu sorgen hat,.... wie ich später.“
„Ihr Großvaterli ist ein rechter Gesundbrunnen“, meinte Rasmussen herzlich und klopfte Sörine auf die Schulter.
Der „Gesundbrunnen“ stand am Wege. Herr von Heidekamp war uns, auf den Arm des Dieners gestützt, ein Stückchen entgegengewandert. Nun begrüßte er uns sehr herzlich und hatte hundert Scherzworte für das Jungvolk. „Wer nicht mit einem Bärenhunger ankommt, muß sofort wieder umkehren“, rief er dröhnend. „Ich habe meiner Wirtschaftsmamsell angekündigt: Einen General, einen Oberst, einen Hauptmann, einen Leutnant und zwölf Mann. Das muß also heute Abend geleistet werden.“
„Hurra“, riefen die „zwölf Mann“, der Hauptmann setzte sich an die Spitze der Kompagnie, der Leutnant schulterte seinen Stock, und so zog die Einquartierung in das gastliche Herrenhaus.
Ein schöner Abend wurde es. Und wie Ehrengäste hat uns der Ehrenmann aufgenommen. Die Mädels wurden alle gut Freund mit dem sonderlichen Polterer. Gruselgeschichten hat er ihnen erzählt, daß sich nachher keines auf die Diele und in den langen Gang getraute, der das Schloß mit der Kapelle verbindet.
Auch die „weiße Frau“ der Heidekamper zeigte er uns im Bilde. Das hing meisterhaft gemalt in einer Nische des langen Kreuzganges.
„Die einzige Sörine Heidekamp unter der langen Reihe außer meiner lüttgen Sörine. Leider bleibt die Ahnfrau nicht in diesem schönen Goldrahmen,“ meinte der alte Herr augenzwinkernd zu den Backfischen. „Nachts steigt sie heraus und legt sich in den Steinsarg, der ganz einsam unten in der Gruft steht. Schlag 1 Uhr setzt sie sich aber wieder in den Rahmen zurecht. Wenn Ihr da Genaues drüber hören wollt, müßt ihr euch an Frau Dietz wenden, die dem Herrn Direktor Haus hält, — die weiß Bescheid.“
Als wir Männer uns noch bei einer langen Pfeife zusammenfanden, — ein rechtes Tabakskollegium nach dem Herzen des Heidekampers, wurde das Beste dieses Ausfluges zutage gefördert. Herr von Heidekamp hat eine Stelle für unsern Harks. Morgen soll ich es ihm verkünden. Welch eine Befreiung für den alten Mann und seine leidende Gattin. So habe ich nicht zu viel versprochen: sein Lebensabend soll heiter sein.
Wir besichtigten noch das sonnige Altenteil, Harks künftige Wohnung, und in Sörinens Augen brannte ein ganzes Feuerwerk der Freude.
„Nun soll die alte Frau in dem sonnigen Hause recht gesund werden“, sagte sie strahlend. „Der Schulwart war immer so gut mit mir.“
„Ja“, fiel Herr von Heidekamp ein: „Zopfbänder hat er früher gekauft und der Sörine ins Haar geflochten, nur um sie vor Schelte zu bewahren. — Sie verlor ja alles, was nicht niet- und nagelfest an ihr saß. —“
„Aber die letzten habe ich mir alle aufgehoben“, meinte Sörine, „die werde ich schon anbringen, wenn ich sein Häuschen schmücke, — ach ich freue mich ja so schrecklich!“
Ja, Erne Sörensen, das ist das Wunderbare, das nicht zu Schildernde an dem Herrenhause da draußen, — dies große Freuen. —
Alle dort sind sie Meister in dieser Kunst.
Vom Heidekamper an bis zu seinem Schäfer herunter, der am Knick mit seinem Strumpf sitzt und mir sagte: „Aha, wat freu ik mi. Nu sin schon de lüttgen Käwer all wedder dor, un denn kommen de Immen ok all bald — ick freu mi bannig.“
Und das Grauchen! Sie hat die seltene Gabe des Mitfreuens im ausgeprägtesten Sinne. Mitleid scheint sie sogar ein wenig zu verachten. Wenigstens erzählte mir Sörine, daß Fräulein von Schlieden, „diese Seele von einem Menschlein“, wie das Mädel sich ausdrückte, immer sehr kurz angebunden sei, sobald ihr ein großes Leid gegenüber trete. Sie ruhe dann nicht, bis es wieder gegangen und sie Gelegenheit habe, sich mit dem Getrösteten zu freuen.
Über diese wunderliche Sache habe ich lange nachgedacht.
Ich möchte mir wohl Kollegin Grauchen zum Vorbild nehmen, die das Mitleid für gar zu billig achtet. — Mitfreude wächst nur auf dem Acker der Selbstlosigkeit... Hast du genügend Saatland, Erne Sörensen? — Überaus kurz und fast rauh sprach das Grauchen über Agnes Asmus und daraus merkte ich, daß ihr gütiges Herz sich windet unter dem Unvermögen, hier Freude zu geben.
Auch mir gehen die traurigen Augen der jungen Sörine nach.
Sie fragen unablässig: „Kannst du denn gar nichts tun? Und bist doch Schulleiter.“ — Nein, ich kann nichts tun. Meine Hände, die der jungen Sörine so stark dünken, sind mir gebunden.
Sie können nicht die Eltern der Agnes Asmus auf die Schulbank zwingen und ihnen das Gebot lehren: „Ihr Eltern, seid barmherzig. Geht fleißig um mit euern Kindern, habet sie Tag und Nacht um euch und liebet sie, und laßt euch lieben einzig schöne Jahre.“
Noch als ich von Heidekamp Abschied nahm, sagte Sörine:
„Wüßt ich nur eine Heimat für meine Agnes!“
Viel hätte ich darauf antworten können, aber mein Mund blieb stumm.
So jungen Geschöpfen gibt nur die rasche, gute Tat einen Trost.
Jugend verläßt sich noch auf Menschen und erwartet alles Heil vom Willen eines starken Einzelnen.
Aber damit hat sie nur bedingt recht.
Mit meinem starken, guten Willen will ich mich wohl wieder und wieder an die Eltern Asmus wenden, aber dann muß der das Beste tun, der die Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche. —
Eine Nachschrift füge ich an, wie es Schulbuben und Backfische tun:
Ich möchte mit vollen Händen und jungem Herzen meiner Schülerin Sörine alles das geben, was sie sich wünscht. — — — — —
Hansohm und Fräulein Doktor hatten sich am Birktor von allen Teilnehmern verabschiedet. Aus zwei großen Wagen entlud sich die erste Klasse und ihre Begleiter. Die Augen des Jungvolks glänzten, und über die Gesichter der Erwachsenen hatte sich jene Behaglichkeit gebreitet, die der lange Aufenthalt in Heideluft und Sonne zeitigt. Dazu kam die wunderbar geruhliche Heimfahrt in den bequemen Wagen mit den prächtigen Pferden, die noch etliche Stücken Zucker von dankbaren Händen in Empfang nehmen mußten.
Dann wurden den Kutschern noch ungezählte Grüße für ihre Herrschaft aufgetragen, und der alte Friedrich und der junge Johann schmunzelten und salutierten mit den Peitschen. —
Und der alte Friedrich dachte noch beim Heimfahren, wie gut es doch sei, daß der große, blonde Goliath nach Birkholz gekommen, und nun all das junge Leben auch nach Heidekamp bringe. Was hatte er doch für Sorge gehabt, das Freifräulein Sörine, die Enkelin seines vergötterten alten Herrn, könne „pütcherich“ unter dem vielen Altertum daheim werden. Gottlob, die Gefahr war vorüber. Wer so lachen konnte und so frei von der Leber weg sprechen, wie der Herr Schuldirektor, der war ein rechter Jugendleiter nach Gottes Herzen. — Der alte Friedrich kutschierte in sehr gehobener Stimmung nach Heidekamp und teilte, wie es seine Gewohnheit war, seine Befriedigung brummend in längerem Gespräch dem Handpferd Isabelle mit. —
„Kollege Hansohm“, sagte Fräulein Doktor, „wenn Sie beabsichtigen, mir hier gute Nacht zu sagen und mich nach diesem wunderlich-lieben Tag allein zu lassen, so finde ich das roh.....“
„Im Gegenteil, Fräulein Stavenhagen, ich hatte Sie gerade heute bitten wollen, meiner Schwester noch ein Stündchen zu schenken, — ich war eben zerstreut, hätte auch Sörensen gern darum gebeten....“
„Was ficht Sie an, Hansohm! Der Mann hat heute sein Erdenkliches geleistet, — er war ja überall und nirgends. Seine ‚Höflichkeit des Herzens, die der Liebe verwandt ist‘, hat etwas Überwältigendes. Der braucht jetzt wohl Ruhe.“
„Ja, Menschenliebe! Sörensen könnte uns alle damit versehen. Aber sie ist nicht übertragbar“, sagte Hansohm ernst. „Immer war’s mir heute, als müßte ich zu ihm sagen: Bleib bei mir, du, — ich brauche dich! Haben Sie je etwas so Sentimentales gehört? Und noch dazu von mir, der in der Schule und auf dem Seminar der „Schlagetot“ hieß. Es muß die Heide und ihre Abendstimmung gewesen sein...“
Hansohm schloß die Haustür auf.
Kling, klang, kling schrillte der fröhliche Dreiklang.
„Kein Licht auf der Diele. Warten Sie einen Augenblick, Fräulein Doktor, — so da brennt das Lämpchen. Freut euch des Lebens, weil es noch glüht. Halloh, Lore, — gut Freund!“
Er öffnete die Wohnstube.
Da saß Lore im Sessel und schlief. Sorglich stand der Tisch für ihn gedeckt. Seine Pfeife war gestopft und lehnte am Stuhl, seine Hausschuhe standen bereit.
Alles atmete liebevolle Fürsorge.
Aber Lore, seine gute, treue Lore schlief.
Schlief so fest und so friedlich, der blasse Mund lächelte, und die lieben Augen standen ein ganz klein wenig offen.
Klaus Hansohm, den Liebesdienst kannst du der guten Schwester noch erweisen, kannst ihr die Augen zudrücken, die so müde waren in der letzten Zeit......
„Herr Gott, Herr Gott!“ Nur diese vier Worte stammelte immer wieder der erschütterte Mann. „Herr Gott, Herr Gott.“
Und er sah Dora Stavenhagen aus leidtiefen Augen an. „So rasch mußtest du gehen?“ fragte diese die stumme Schläferin.
Klaus Hansohm war niedergekniet und hatte seinen Kopf auf Lores Hände gelegt.
Fräulein Doktor ging rasch und leise hinaus und holte aus dem oberen Stockwerk eine alte Frau und deren Tochter herunter, die schon manchmal dem Geschwisterpaar Handreichungen getan hatten. „Kein Rufen haben wir gehört“, berichteten sie. „Aber um sieben Uhr hat sie noch ein schönes schönes Lied am Spinett gesungen, und ich meinte noch zur Tochter: Horch, das Fräulein Lore singt uns den Abendsegen....“ So die alte Frau. —
Vorsichtige Hände trugen die Tote auf ihr Lager.
Fräulein Doktor deckte sie mit weißen Linnen zu. Dann nahm sie die Hand des jungen Kollegen und führte ihn sacht hinaus, schloß auch sorglich die Tür ab. Draußen reichte sie ihm Mantel und Hut, und er tat ganz mechanisch, was sie wollte. Mitsammen schritten sie aus dem Hause und nach dem Markte hin, wo Fräulein Doktor wohnte.
Aber sie blieb schon vor dem alten Patrizierhause stehen. „Dort ist jetzt Ihr Platz, Hansohm“, sagte sie in schwesterlicher Güte, als sei sie nun ganz an die Stelle der Heimgegangenen getreten. Und sie zeigte auf das Licht, das noch in Sörensens Wohnzimmer brannte. „Dies Lichtchen ist das einzige, das Ihr Dunkel wieder durchleuchten kann. Gott befohlen, Klaus Hansohm.“
Sie ging mit großen Schritten davon, und Hansohm zog den Hut und sah ihr barhäuptig eine ganze Weile nach. Dann besann er sich, zog die Glocke am alten Hause und bedeutete Frau Dietz, die sich oben am Fenster zeigte, ja, er wolle noch heute abend für eine Weile den Herrn Direktor sprechen.
Sörensen arbeitete. Er sah versonnen auf, als Klaus Hansohm mit schweren, müden Schritten zu ihm trat.
„Meine Loreschwester ist heimgegangen“, sagte er schlicht. Da legte Sörensen mit viel guter Liebe seine Arme um den jungen Kollegen, und dieser schämte sich seiner hervorstürzenden Tränen nicht.
„Weine dich aus, mein armer Junge“, sagte Sörensen brüderlich, — und Klaus Hansohm faßte seine Hand fest und wußte, daß er nicht einsam sei. —
** *
Mein alter Foliant, — auch dies blieb mir nicht erspart, daß sich zarte Fäden vom Gymnasium nach dem Lyzeum spinnen.
Das wäre ja nun nicht so verwunderlich und würde mich recht kühl lassen. Oder vielmehr, ich finde diese allererste Liebe mit ihrem himmelhochjauchzend — zum Tode betrübt ganz köstlich und durch nichts zu ersetzen. — Aber ich bin doch dafür, daß sie über Fensterpromenaden und gelegentliche Schokoladen- und Blumenspenden nicht hinausgehen darf. —
Stelldicheins zu nachtschlafender Zeit sind mir besonders unsympathisch. Wenn man aber denn durchaus als Obersekundaner diese Jugendeselei begehen will, dann muß man schon sorgen, daß man nicht gerade den Garten des Gymnasialdirektors dazu aussucht, besonders, wenn dieser der Vater der Angebetenen ist. —
Also: „Telse Lüders und Arnold Dierks empfehlen sich als Verlobte.“ Diese überraschende Anzeige fand Fräulein Nissen auf ihrem Pult und verfehlte nicht, mir umgehend Mitteilung davon zu machen. — Hätte sie es lieber nicht getan, sondern den Strolch, der sich die Flegelei erlaubte, allein herausgefunden und ihm ordentlich den Kopf gewaschen. — Ich selbst überlasse solch zarte Familienangelegenheiten, wie die Verlobung einer Schülerin mit einem Obersekundaner sehr gern den pp. Eltern und Vormündern. — Aber Fräulein Nissen hatte nicht das geringste Verständnis für das Glück ihrer jungen Mitschwester und verlangte die Ausrottung jeglicher „Gefühle“ in der ersten Klasse.
Und da kam noch ein erschwerender Umstand hinzu. — Eine weitere Schülerin der 1. Klasse hatte sich als Schutzengel aufgespielt und „Wache gehalten“. Als nun Gymnasialdirektor Lüders zufällig noch einen Erholungsspaziergang in seinem Garten unternehmen wollte, stieß er auf ein jungfrisches fremdes Ding, das ihm auf seine Vorhaltungen entgegnete, daß es „Veilchen suche“. Direktor Lüders fand, daß es eine ungewöhnliche Beschäftigung für die zehnte Abendstunde sei und machte das Mädel ganz humorvoll darauf aufmerksam, daß noch nie ein „Veilchen auf seiner Wiese gestanden habe“. — Dann erst hat er Hanne Voß energisch bei der Hand genommen und ihr gezeigt, wo die Gartentür des Städtischen Gymnasiums zu Birkholz mündet. Weinend und sich fortwährend umschauend hat Hanne den ungastlichen Garten verlassen. Und dies Umschauen verriet Direktor Lüders den Ort des Stelldichein. In der Laube fand er seine Tochter Telse und Konrad Dierks. So weit hätte ich nun ganz unbeteiligt bleiben können. Habe mich auch nicht erkundigt, was des weiteren sich in der Laube begeben, denn die Sache meiner Schülerin Telse lag ja in den besten Händen.
Aber ein Gedicht, das sich in einem Schulatlas vorfand, nahm ich an mich und wurde deshalb von Konrad Dierks — gestellt. Das Bürschchen kam am Tage des Stelldichein in einer Stimmung bei mir an, die wohl in „weißglühender Wut“ ihren Ursprung hatte und erst allmählich in gänzliche Menschenverachtung umschlug. Konrad Dierks war einen Marterweg durch so viele Rüffel geschritten, daß es ihm wohl auf einige mehr oder weniger nicht ankam, und so stellte er sich vor mich hin und meinte schier nachlässig: „Wollte mir mein Gedicht holen, das Sie sich widerrechtlich angeeignet haben.“
Ich blieb ganz ruhig. „Augenblicklich bin ich noch für eine Viertelstunde stark beschäftigt,“ sagte ich, „Sie setzen sich wohl inzwischen und ich versehe Sie mit Lesestoff.“
Ich bot ihm einen Stuhl, entnahm meiner Bücherei ein rotes Buch und überreichte es ihm.
Als ich nach einer Viertelstunde wieder zu ihm trat, lag „der gute Ton in allen Lebenslagen“ zwar hingeschleudert auf dem großen Tisch, aber Konrad Dierks war doch viel zahmer geworden. — „Also Ihr Gedicht wollen Sie wieder haben“, meinte ich, und setzte mich gemütlich hin. „Behalten hätte ich es ohnehin nicht, es gehört nicht zum Pensum der ersten Klasse.“
Er sah mich mißtrauisch an, aber ich tat nicht dergleichen, sondern suchte nach dem verlegten Gedicht. Endlich hatte ich’s:
„Brünstig brandet mein brausendes Blut Wider die Wogen wildwallenden Herzens.“
Es war aber noch erklecklich länger. — Glauben Sie, daß Telse Lüders reif genug für diesen Dithyrambos ist? fragte ich teilnahmvoll.
„Nein!“ entgegnete er düster. „Ach, überhaupt die Frauen! ich habe mit ihnen abgeschlossen.“
„Wie alt sind Sie, Herr Dierks?“
„17 Jahre.“
„Haben Sie schon einen Beruf im Auge?“
„Dichter und Dramaturg“, sagte er großartig. Und da ich ihm freundlich zunickte, schien sein Vertrauen ins Ungemessene zu wachsen.
„Herr Direktor,“ begann er zutunlich, „ich will es gern gestehen, daß ich in „wahnsinniger Depression“ zu Ihnen kam. Mein Herz war ein Abgrund.“ Er seufzte. „Aber nachdem ich den Gymnasialdirektor kennen gelernt, dünken Sie mich eine großangelegte Natur zu sein.“
Ich verbeugte mich geziemend.
„Herr Direktor, ich bin auf das Schnödeste von meinem Direktor behandelt worden, .... ich — ich weiß mir keinen anderen Ausweg, als ihn... zu fordern.“
„Dierks! Mensch! Was ficht Sie an?“
„Jawohl, Herr Direktor. — Hätte Telse Lüders zu mir gehalten, — meinen Schwiegervater würde ich ja niemals fordern, — aber sie hat mich unerhört im Stich gelassen. — Es bleibt mir keine Wahl. Wollen — wollen Sie mein Kartellträger sein???“
Ich schluckte und hielt den Atem an, daß ich gewiß blaurot im Gesicht wurde. Aber es half nichts. Als ich ihn so dastehen sah, den blonden unbedarften Jungen mit seinem von Finnen und Pickeln gesprenkelten Gesicht, jeder Zoll ein Held, in der Stellung eines Marquis Posa: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“, — da lachte ich schließlich so erschütternd und befreiend, daß mir die Tränen übers Gesicht liefen.
Erst sah mich der Junge durchbohrend an, und dann — fing er an zu weinen. Und nun nahm ich ihn mir ganz väterlich-brüderlich — freundschaftlich vor und er beichtete: Daß er immer „Vieren haue“, daß er am Reifezeugnis verzweifle, daß Telse versprochen habe, ihm zu folgen, sobald sein Drama „Zerschlissene Weltschmerzen“ den verdienten Bombenerfolg errungen, daß aber die rohe Gewalt ihres Erzeugers den Sieg über ihr schwaches Herz davon getragen.....
Als er mich nach einigen Stunden verließ, lagen seine Sorgen auf meinem Sessel und ich hatte mich verpflichtet, täglich mit ihm etwas zu arbeiten.
Seine Liebe und sein Drama sargte er vorläufig ein. Aber ehe er sie begrub, steckte er sich strahlend eine gute Zigarre von mir an. —
** *
Als Sörensen am nächsten Tage in der Abenddämmerung von dem Besuche heimkehrte, den er seinem Freunde Hansohm abgestattet, nahm ihn Frau Dietz geheimnisvoll beiseite.
„Es ist eine Dame drinnen“, sagte sie mit allen Zeichen der Unzufriedenheit.
„Zu dieser Zeit?“ fragte Sörensen erstaunt.
„Ja, das sagte ich auch, aber sie ließ sich nicht abweisen. Sie hat einen dichten Schleier um und spricht nicht viel.“
„Es wird eine ‚Mutter‘ sein“, meinte Sörensen lächelnd.
„Nein“, erklärte Frau Dietz bestimmt. „Als ob ich nicht Mütter von Damens unterscheiden könnte! Die Mütter tun immer, als wenn sie hier zu Hause wären, und Harks sagt, in der Schule wär’s noch viel schlimmer. Und sie reden und reden so, als wäre der Herr Sörensen nur als Extradirektor für die eine Tochter da, um derentwillen sie kommen..... Aber die Dame drinnen redet nicht, sie sitzt noch so auf demselben Fleck, wie sie vor ’ner halben Stunde saß. Ich hab durchs Schlüsselloch geguckt .....“
Sie verstummte verlegen vor seinem Blick und öffnete ihm die Tür. Die zusammengesunkene Gestalt blieb noch in dem Sessel hocken, bis Sörensen ganz nahe vor ihr stand. Da schlug sie zögernd den Schleier zurück, und als der Direktor sie erkannte, drängte er sie erschrocken wieder auf den Sitz: „Frau Oberlehrer Kahl! Gnädige Frau! Ist etwas geschehen?“
Sie sah ihn aus tränenlosen Augen an.
Ihr vergrämtes Gesicht war erbarmungswürdig: „Ich kann nur um Verzeihung bitten, daß ich hier so eindringe“, sagte sie leise. „Aber ich weiß mir keinen Rat mehr. Und Sie sind gut und klug und ritterlich“.... Sörensen erhob abwehrend die Hand. „Es bedarf keiner Entschuldigung. Sagen Sie mir nur, ob Ihr Herr Gemahl von diesem Besuche weiß.....“
„O Gott, nein!“ Sie erschrak. „Er darf es auch niemals erfahren!“
„Gnädige Frau, das ist mir sehr, sehr gegen mein Empfinden....“ sagte Sörensen zögernd, aber sie unterbrach ihn ungestüm.
„Herr Direktor, sagen Sie jetzt nichts von Sitte, von Kollegialität, von irgend etwas dergleichen.... ich bitte Sie um Gottes willen, helfen Sie mir! Ich komme als Mensch zu Ihnen im tiefsten Vertrauen auf Ihr Menschentum ....“
Er zog sich einen zweiten Sessel heran und ließ sich ihr gegenüber nieder. „Befehlen Sie über mich“, sagte er ruhig.
Sie sah ihn dankbar an, dann fuhr sie leise und eindringlich fort: „Mein Mann hintergeht mich. Ach, ich weiß es ja schon seit Jahren, daß ich ihm gar nichts bedeute, gar nichts mehr.....“ Sie schauerte zusammen. „Aber das ist mir nicht verwunderlich. Er ist ein kluger Mensch, — ich — ich war immer nur hübsch, hatte gar nichts anderes gelernt, als hübsch zu sein.
Durch die vielen Krankheiten, die ich durchmachte, ist’s damit vorbei......
Und nun hat mein Mann sich schon lange, lange von mir abgewendet.“
„Gnädige Frau, das sind intime Privatsachen.....“
Sie sah ihn herzzerreißend an. „Ich muß Ihnen das alles sagen, Herr Direktor, bitte, hören Sie mich zu Ende. Ich habe mir vieles gefallen lassen, ich machte keine großen Ansprüche an sein äußeres Benehmen zu mir, — ich hatte ihn ganz altmodisch lieb ohne jeden Vorbehalt.... Und es genügte mir, daß ich seinen Namen trug, daß er mir gehörte und daß ich für ihn sorgen konnte. Ich stamme aus einem strengen Pfarrhaus, Herr Direktor, und es war mir ein guter Gedanke, daß in unsern Lehrerkreisen so viel gesunde Moral steckt, — so viel Sauberkeit in jeder einzelnen Familie..... Als ich dann — gleichviel woher — erfuhr, daß gerade im Vorleben meines Mannes ein häßlicher Punkt sei, da war ich wie erschlagen. Aber ich hab mich wieder erhoben, habe mich daran geklammert, daß dies ja alles vor meiner Zeit gewesen sei und — mein Vater sagte immer: ‚Kein Opfer ist zu groß, um eine eheliche Liebe zu retten.‘ Aber nun — Herr Direktor, nun wohnt da draußen vorm Birktor dicht an den Stiftungsgärten eine Person — man sagt mir, mein Mann müsse sie von früher her gekannt haben, denn er hätte sie hierher kommen lassen. Ach, Herr Direktor, das ist alles so niedrig, — ich weiß, daß mein Mann ihr Geld schickt. Er hat sie bei den Eltern meines Dienstmädchens eingemietet, bei Schneider Bertels.....“
Frau Kahl schluchzte schwer auf.
„Arme Frau!“ sagte Sörensen erschüttert.
„Ja, und gestern — — gestern war sie sogar in unserer Wohnung.... Sie lachte mich dreist an und streckte mir sogar die Hand hin, mein Dienstmädchen stand dabei und grinste....
Meinem Mann selbst schien ihr Besuch nicht recht zu sein, — er schalt mit ihr. Vielleicht hatte sie Geld holen wollen....“