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Das Lyzeum in Birkholz

Das Lyzeum in Birkholz (continued 2)

Reading edition

Sörinens Augen funkelten ihn an. „Er hat sie so geschlagen, meine Agnes,“ stieß sie heraus.

Und nun wußte Erne Sörensen plötzlich wieder nach vielen Jahren, daß er sich noch freuen konnte. Also so etwas gab es noch auf dieser Welt? So ein echtes Freundschaftsseelchen. Solch einen selbstlosen, kleinen Kameraden, — „einen bessern findst du nit“...

Er sprang auf und ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Dann blieb er vor Sörine stehen. „Ich verstehe das so gut, Sörine. Wenn ein Freund leidet, dann tut es ja viel weher, als wenn wir selbst gezüchtigt werden, so denkst du auch, nicht wahr?“

Da war die Falte aus dem Kindergesicht verschwunden und Sörinens Augen sahen ihn voll Vertrauen an.

„Was sagt deine Klasse dazu?“ fragte er weiter.

Ein erstaunter Aufblick. „Die Klasse? Die weiß doch nichts!“

„Die weiß nichts? Hast du gar nicht darüber gesprochen?“

„Nein. Sie würden es nicht verstehen. Und würden dann Agnes immer daraufhin ansehen. So ein Armes! Das leid ich nicht. Das tut ihr ja dann immer von neuem weh...“

Ganz sacht strich Erne Sörensens große Hand über die Locken...

Da warf Sörine Heidekamp beide Arme über den Tisch, legte den Kopf darauf und weinte laut und ungestüm.

Der Direktor ließ sie gewähren. Es ist Gewitter im Mai, dachte er. Endlich hob das verstörte Mädel den Kopf und Sörensen sah, das Vertrauen zu ihm saß fest und Sörine war willens, ihm ihr kleines Herz restlos auszuschütten. „Mit niemand zu Hause kann ich darüber sprechen,“ stieß sie wild hervor. „Großvaterli würde einfach außer sich sein, wüßte er von den Geschichten. Den Tyras würde er auf Asmus hetzen, — ja, das würde er. Aber das nützte meiner Agnes nichts. Na und Grauchen? Soll ich’s Grauchen sagen? Die geht immer gleich so in Stücke. Und dann flattert und weht sie umher und redet vom 4. Gebot. Aber dies alles hat doch gar nichts mit dem 4. Gebot zu tun...“

„Doch, kleine Sörine! Um das 4. Gebot kommst du auch hier nicht herum. Das wollen wir uns gleich beide etwas näher ansehen.“ —

Erne Sörensen jagte die hellichte, törichte Freude in das alleräußerste Winkelchen seines Mannesherzens zurück und setzte sich sozusagen ein sorgsames Schulmeisterherz ein, aus dem er sich nun die bedächtige, kluge Pädagogik hervorholte. Aber während diese durch seinen Mund ihre Weisheit sprudeln ließ, hielt er selbst geheime köstliche Zwiesprache, und diese umhüllte alle seine strengen Worte mit feinem Humor. „Halt nur fein still, mein Kerlchen, kleiner, trotziger Unband. Will dir nicht deine lachenden Augen trüben für lange Zeit. Will dich auch nicht brechen, aber biegen muß ich den jung-jungen Baum. Auch das Geducktwerden schadet dir nichts, kleines Liebes. Halt nur still, ich tu dir schon nicht weh. Und die übliche Schulmeisterschere, mit der man Taxushecken beschneidet, lasse ich nicht an dich heran.“

Laut aber sagte Sörensen: „Zunächst darfst du in meiner Gegenwart nicht von ‚Asmus‘ reden, das ist ungehörig. Dann aber, — Herr Lehrer Asmus hat doch als Vater das unumstrittene Recht, sein Kind zu strafen, — — nein, nein, laß mich nur ausreden. Du konntest ihn als Freundin seiner Agnes wohl bitten, nicht so hart zu sein, aber die Art und Weise, wie du dich eingemischt hast,... Sörine, hast du überhaupt einen Begriff von dem Unrecht, das du begingst?“

„Nein.“

„Sörine!“

„Immer und immer würde ich es wieder tun, Herr Direktor, genau dasselbe. —“

„Das ist sehr schade, Sörine, denn du bist im Unrecht. Denke darüber nach. Morgen komme dann zu mir, hoffentlich mit verändertem Sinn. Du wirst Herrn Asmus um Verzeihung bitten, er verlangt das von dir.“

„Herr Direktor!!!“

Sörine schrie es heraus.

„Du bist unbeherrscht, Sörine. Unbeherrscht sein, heißt unvornehm sein. Ich kann mir nicht denken, daß du das sein willst.“

„O Herr Direktor, ich will Sie um Verzeihung bitten und jeden Lehrer und die Nissen jeden Tag, die ich doch nicht ausstehen kann...“

„Pscht! Was reden wir da wieder für ungehöriges Zeug!“

„Aber den Asmus, Herr Direktor, nein, nie.“ Sörinens Augen blickten ganz schwarz. Aber sie setzte auf einmal kindlich hinzu: „Ich meine den Herrn Asmus.“

„So, so! Nun für mich kommt es jetzt nur darauf an, ob du die bist, wofür ich dich halte, oder ob ich mich in dir getäuscht habe. Sieh einmal, Sörine, du hast ja noch gar nicht über dein Unrecht nachgedacht. Aber in euerm Schloß habt ihr ja genug stille Kämmerlein, in denen du zur inneren Einkehr kommen kannst.“

„Ja, eine Menge,“ bestätigte sie nachdenklich. Dann war sie entlassen.

Die Tür war kaum hinter ihr ins Schloß gefallen, als es schon wieder klopfte.

„Herein!“

„Herr Direktor, kann ich auch um Verzeihung bitten, ohne nachzudenken? Ihnen zu Liebe, damit Sie mir wieder gut sind?“

Sörensen sah kopfschüttelnd in die freimütigen Kinderaugen.

„Nein, Sörine. Du bist groß und alt genug, um dein Unrecht einzusehen.“

„Aber das wird dann sehr lange dauern...“

„So? Weißt du das schon? Nun, das hilft dann nichts. Und nun geh, — ich habe zu tun.“

Zögernd entfernte sich Sörine. An der Schwelle blieb sie wieder stehen.

„Nun? Noch einen Wunsch?“

Sie kämpfte mit sich. „Meine Agnes fehlt heute,“ sagte sie endlich traurig. „Wenn ich nur wüßte, wie ich ihr einen Brief schicken könnte. Ihr Vater und ihre Mutter öffnen ja jeden. Und dann lesen und verbrennen sie ihn. Agnes hat gar keine Freude auf der Welt. Sie hat nur mich.“

„Freude genug,“ sagte Sörensen still zu sich. Und dann mit raschem Entschluß: „Schreibe deiner Freundin nur einen rechten Trostbrief, Sörine, — ich — ich will ihn heute nachmittag selbst zu ihr bringen, na, — ist’s so recht?“

Alter Schulmeister Erne Sörensen, du hattest geglaubt, ein recht helles, sonniges Studierzimmer zu besitzen, aber so wahrhaft licht war es doch erst jetzt geworden, als ein paar Kinderaugen in unsäglicher Dankbarkeit zu dir aufleuchteten. Nachdenklich saß Sörensen an seinem Schreibtisch. Da hatte man ihm nun alles Mögliche erzählt von seinem neuen Amt, von der neuen Stadt und seinen Bewohnern, von den einzelnen Klassen in seinem Lyzeum. Aber irgend etwas Eigenartiges hatte niemand entdeckt. Wenigstens nicht das Feine, Schöne, Erquickliche daran, nur die wilden Schößlinge und urwüchsigen Briefe, die man nach Schema F biegen, brechen und abschneiden wollte. Taxushecken waren alle Schulen, an denen er bisher gewirkt hatte, auch diese. Einzig Klaus Hansohm war noch ein Unverknöcherter mit scharfen Augen und warmem Herzen. Deshalb war er auch ein Freund von Sörine Heidekamp. Aber er sprach nie von ihr, wenn nicht eine besondere Veranlassung vorlag. Und Fräulein Doktor mit ihren Röntgenaugen hatte auch die zweite Klasse durchschaut und verborgene Schätze gehoben. Zu ihrer eigenen Freude. Ihm erzählte man nicht davon. Ihm gönnte man nicht die Mitfreude. Immer war er nur der Direktor, der Einsame. So wollte er denn selbst seine Diogeneslaterne anzünden und unter seinen vielen kleinen Leuten die Menschlein heraussuchen.

Und er dachte an das Schöne, was er heute gesehen, an das verhüllte und doch durchscheinende Licht, an die Seele im Kindesantlitz. Die würde mit dem Körper wachsen und blühen und doch immer dieselbe bleiben. —

Sörensen war in Feiertagsstimmung. Er schob verschiedene Akten, Berichte, Elternbriefe, Beschwerden und sonst noch Einiges an die äußerste Kante des großen Schreibtisches und nahm dafür einen Stapel Albumbücher vor, die ihm vor ein paar Tagen übergeben worden waren. Er war der Sitte nicht gram, die unter den Schülerinnen freilich etwas wütete. Denn er hatte schon manchen guten, kräftigen Spruch in den Büchern gefunden, der, wie er hoffte, in manches Leben anspornend hineinragen würde. Und so schrieb er unentwegt den kräftigen Cäsar Flaischlen-Spruch nieder: „Durch!“

„Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen! Auf! Das Schwert um! Und weiter! Und durch! — Wer will, der kann! Wär’s brechen, wär’s biegen, wer will, wird siegen! Nur nicht bequem werden, nur nicht verliegen!“ —

Plötzlich stutzte er. Ein feiner grauer Wildlederband fiel ihm auf, der ein silbernes Wappen in der Mitte trug. Er prüfte die Zeichen. Eine Birke auf einsamem Blachfeld. Ein Greif, der zwei gekreuzte Waffen hält. Und die Umschrift: Nunquam retrorsum. Er blätterte in dem Buche, es waren nicht viele Eintragungen darin, aber sie waren charakteristisch. Offenbar hatte Sörine das ganze Personal des Hauses mit herangezogen, denn auf der Widmungsseite stand:

„Suse, bruse, wat weiht de Wind? Wiege das Kindje, denn flöppt es geswind. Deine treue Kinderfrau Gesche Wiensen.“

Dann war ein vergilbtes Blatt, vielfach zerknittert, eingeklebt:

San Remo 1890. Mein süßes Kind, sei allzeit treu und wahr! Laß nie die Lüge deinen Mund entweihn, Von alters her im deutschen Volke war Der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein. Und bleibe dies Blatt, wenn die Stimme verhallt. Mütterchen.

Sörensens Hand strich sacht über das Blatt.

Die zweite Seite zeigte das stark verblaßte Bild eines jungen Husarenrittmeisters mit hoher, kühner Stirn und starken Brauen. Über dem aristokratischen Mund ein dunkler kleiner Bart. Die ernsten Augen glichen denen der jungen Sörine. Ein Kreuz war neben das Bild gezeichnet, und die Schrift darunter war von der gleichen Hand des vorigen Blattes: Schleswig 1895. Dein Väterchen. —

Erne Sörensen ertappte sich, daß er ganz laut: Du armes Waislein! sagte, denn er rechnete sich zusammen, daß Sörine nach dem Tode des Vaters geboren war und daß Frau von Heidekamp den Gatten nur um fünf Jahre überlebt hatte.

Die folgende Seite:

Es gehört auch zum Leben, sich einer schweren Notwendigkeit unterziehen zu lernen und von der Hoffnung zu zehren.

Heidekamp 1900 im Februar. Grauchen.

Auf dem fünften Blatt waren Namen in unbeholfenen Schriftzügen hingemalt: Hinnerk Boysen, Klas Martens, Hanne Witt, Dorette Maaßen, Fite Groth.

Dann eine etwas schwungvollere Hand mit dem Vers:

„Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Dieses wünscht dem gnädigen Fräulein Hannes Hansen.“

Offenbar der Heidekampsche Reitknecht.

Auf der sechsten Seite hatte sich jemand schon vor zwei Jahren eingetragen:

„Wer mit Rennen anhebt, hört mit Hinken auf. Klaus Hansohm, Lehrer.“

Dann noch eine Backfischhandschrift:

„Ich will dir immer dankbar und treu sein. Deine Agnes Asmus.“

Und nun kam niemand mehr.

Welch seltsames Büchlein. Durch das feine Papier und das kostbare graue Leder mit dem silbernen Wappen hindurch sah Erne Sörensen das junge ernst-frohe Leben seiner Schülerin wie ein Bild auf Goldgrund gemalt. Und er meinte bei sich, es sei wohl etwas Schönes hier unter den Menschen zu stehen, die alle mit guten Gedanken ein Mäuerchen um die Sörine Heidekamp bauten.

So schrieb er rasch mit seiner großen, deutlichen Schrift:

„Gut sein und glücklich machen! Dein Freund Sörensen, Direktor am Lyzeum Birkholz.“

Dein Freund Sörensen.

Ja, das war die Wahrheit. Die junge Sörine würde sich nicht über die Unterschrift wundern, die sah ja durch „Mauer und Holz“. Aber auch in Birkholz würde niemand erstaunt und im Lyzeum niemand gekränkt sein, denn dies Büchlein war mit seinem Namen abgeschlossen. Das fühlte er, trotzdem es ihm niemand gesagt und trotz der vielen leeren Seiten, die noch folgten. Solch ein feines, stilles, rührendes Buch mit den letzten Liebesworten der toten Eltern, das gab man nur ganz wenigen...

Und als ob er noch eine Bestätigung seiner inneren Gewißheit haben sollte, fand er auf der allerletzten Seite noch eine Eintragung, die wollte dem, der etwa doch einmal unbefugt hereinschaute, sagen: hier ist kein Platz mehr, ich habe das Buch meiner Enkelin schon zugeschlossen.

„Order parieren, Gott vor Augen, den König im Herzen. Wilhelm, Freiherr von Heidekamp-Birkholz.“

Es wurde Erne Sörensen warm ums Herz. — Und jung fühlte er sich mit einem Male. Nie war ihm Birkholz und sein neues Amt so lieb gewesen...

** *

Der nächste Vormittag brachte noch eine erregte Freiviertelstunde, die sich im Direktorzimmer abspielte. Fräulein Dr. Stavenhagen hatte in der Deutschstunde vorher in der ersten Klasse „geharnischte Sonette“ von Rückert vorgetragen und war infolgedessen bis an die Zähne gewappnet und wohl vorbereitet für das, was ihrer wartete. Sie fuhr sowohl mit dem Lehrer, als auch mit dem Vater Asmus in einer Weise ab, daß sich der Direktor ein paarmal ernstlich ins Mittel legen mußte.

Aber Sörensen fühlte, was dem Vater Asmus durchaus verborgen blieb, daß durch die prasselnden Vorwürfe der Lehrerin eine tiefe, mütterliche Besorgnis zitterte, und daneben machte sich der Korpsgeist der ehrenhaften Frau geltend, die sich gegen eine rohe, körperliche Züchtigung zweier junger Mitschwestern wehrte. „Sie hätten Junggeselle bleiben und Holzhacker werden sollen.“ rief sie dem Kollegen Asmus zu.

Und von da ab sagte sie gar nichts mehr, ließ alle Anklagen schweigend über sich ergehen, saß aber sprungbereit mit blitzenden Augen, wie eine verwundete Löwin.

Professor Rasmussen nahm die Sache ruhig. Aber Direktor Sörensen hörte aus jedem Satz des Sprechenden Verachtung gegen den Mann heraus, der sein wehrloses, schüchternes Kind um einer Lappalie willen mit dem Stock gezüchtigt.

Abschließend sagte Professor Rasmussen: „Für meinen Zuruf, der Herrn Asmus beleidigt hat, kann ich nicht um Entschuldigung bitten, denn ich hab’ ihn wortwörtlich gemeint. Es war die Besorgnis des älteren Mannes. — Wenn jemand herzkrank ist und dabei an Wutanfällen leidet, schützt ihn nur noch einigermaßen das Bett vor dem Sensenmann. Im übrigen bin ich Mitglied des Tierschutzvereins und schon deshalb werde ich mich immer im Gegensatz zu Herrn Kollegen Asmus befinden.“

Die beiden Angeklagten empfahlen sich. Direktor Sörensen richtete noch ein paar begütigende Worte an den erregten Kläger. Aber sie fielen auf steinigen Boden, und Lehrer Asmus verließ das Zimmer sehr zugeknöpft, sehr beleidigt, steif und förmlich. Und da Direktor Sörensen nicht vorgesorgt hatte, so mußten diesmal doch unschuldige Gegenstände mit leiden. Tischchen, Wasserkaraffe und Glas fegte die Abschlußverbeugung des gekränkten Lehrers hinweg, und ihre Trümmer und Scherben sprachen eindringlich von der Ungerechtigkeit des Schicksals. —

Am Nachmittag trug Direktor Sörensen einen umfangreichen Brief mit großem, rotem Wappensiegel, sowie mehreren Freundschafts- und Wohlfahrtsmarken versehen in das Haus des Lehrers Asmus. Das lag in einer öden Gegend, darinnen man versucht hatte, Mietskasernen im Großstadtstil zu errichten. Um nicht das ehrwürdige Gesicht der schönen alten Stadt zu verzerren, hatte man die Häuser wenigstens in eine weitabliegende Straße gestellt, die auf eine Höhe zu führte und den anmutigen Namen „Galgenstraße“ trug.

Sörensen schüttelte immer wieder den Kopf.

Wie konnte sich ein gebildeter Mensch mit halbwegs anständigem Einkommen hierher setzen! Lyzeumslehrer Asmus besaß nur das eine Kind, und seine zweite Frau, die er als ältere Lehrerin geheiratet, konnte sich auch manches gespart haben.

Der Direktor wäre gern vier Treppen hoch gestiegen, denn da hätte er wenigstens Aussicht gehabt, ins Licht zu kommen, aber er wußte, daß er sich an der finsteren Tür im dunkeln, feuchten Erdgeschoß die Klingel suchen mußte, die ihn anmeldete. In der sich öffnenden Flurtür sah er die Umrisse einer weiblichen Gestalt.

„Kann ich Agnes Asmus sprechen, und wie ist ihr Befinden?“ fragte Sörensen.

„Mein Mann ist nicht zu Hause,“ lautete die barsche Antwort.

„Wenn Sie Frau Asmus sind, dann führen Sie mich wohl zu meiner Schülerin, d. h. wenn ich sie sprechen kann. Ich bin Direktor Sörensen.“

„Ach, Herr Direktor, das hätten Sie nur gleich sagen sollen. Ja, die Agnes ist beim Arbeiten. Ich hätte sie gern zur Schule geschickt, aber die leidigen Kopfschmerzen, — Agnes behauptete, sie würde nicht folgen können...“

Sörensen sah sich im dunkeln Flur um und hing Hut und Überzieher über einen Stuhl, den er nur entdeckte, weil er sich an ihm stieß.

Dann tappte er sich der Frau nach, die ihm voran ins Zimmer schritt.

Nein, hier konnte keine Freude wohnen. In diesem nach Norden gelegenen, schlecht gelüfteten Raum, in den niemals die Sonne schien, an dessen Fenstern auch die abgehärtetste Pflanze sich weigerte, ein grünes Blättchen zu treiben. —

Dafür standen verstaubte, unechte Palmen grün angestrichen in häßlichen Papierkübeln, und auf einem plumpen Vertikow prunkte eine Anhäufung von häßlichen Nippes. Sofa, Teppich und zwei Sessel waren von ausgesuchtem Ungeschmack. Häßliche Gerüche von kaltem Tabak und feuchten Tapeten stritten um die Oberhand. Über die aus gelbem, dickem Häkelgarn gefertigte Decke auf dem Tisch waren Zeitungen gebreitet, und hier saß die blasse Agnes Asmus und arbeitete.

„Nebenan wird geölt, deshalb mußte ich dem Kind schon die beste Stube anweisen,“ beeilte sich Frau Asmus zu sagen. „Agnes, pack’ die Sachen zusammen. Achtung, daß du die Tinte nicht umwirfst. Hole deine Häkelei. Herr Direktor Sörensen gibt uns die Ehre.“

Erne Sörensen war mit zwei Schritten neben der Leidenden. Denn krank und elend sah das Mädchen aus, das aus tief umränderten, gramvollen Augen ihn anschaute.

Und mit soviel Güte und Erbarmen wurde ihr Blick erwidert, daß sie in haltloses Schluchzen ausbrach.

„Großer Gott, Agnes, was fällt dir denn ein,“ rief Frau Asmus. — „Ja weißt du denn gar nicht, was sich schickt? Gleich nimmst du dich zusammen!“

In diesem Augenblick schellte es an der Flurtür, und die Frau lief hinaus, man hörte sie wortreich mit einer anderen Frauenstimme verhandeln.

Direktor Sörensen zog Agnes die schmalen, bebenden Hände vom Gesicht.

„Ich habe eine Freude für dich, Agnes, ja, eine richtige Freude. Du mußt es mir schon glauben. Sieh einmal!“ und er legte Sörinens Riesenschriftstück vor sie auf den Tisch.

Ein halberstickter Jubelruf, ein scheuer Blick nach der Tür und dann erneutes Weinen, heftiger als zuvor.

„Willst du nicht lesen, was Sörine schreibt?“ fragte Sörensen.

„Nein, ach nein, jetzt nicht,“ stieß Agnes hervor. „Aber heute nacht will ich es tun.“

„In der Nacht sollst du schlafen, Agnes.“

Sie schüttelte trostlos den Kopf. „Ich kann gar nicht mehr schlafen.“

„Ei, das wäre ja noch besser. Ein Fünfzehnjähriges, das muß es mit jedem Dachs aufnehmen. Versuch’s einmal.“

Sie trocknete ihre Tränen und lächelte. Aber das Lächeln hatte nichts Kindliches und nichts Beruhigtes, es war das Lächeln eines armen, abgehetzten Seelchens und wollte in seiner Müdigkeit nur sagen: Laß nur, das ist nun mal nicht anders.

Frau Asmus schien draußen mit der andern Person in Streit geraten zu sein, die hohen, scharfen Organe kreuzten sich wie Klingen.

„Es ist mir auch nicht so ums Schlafen,“ sagte Agnes etwas lebhafter, und Sörensen fühlte, daß ein gutes Vertrauen zu ihm in ihr aufwachte. „Es ist nur so schrecklich, daß ich in der Schule zurückkomme. Ich war sonst immer die Erste. Von der achten Klasse an. Aber nun schaff’ ich’s nicht mehr.“ Sie sah ihn müde an. „Es hilft auch nichts, wenn ich mich zusammennehme, ich kann die Gedanken nicht finden in der Schule, wenn z. B. Fräulein Nissen so rasch fragt. Früher konnt ich da gut folgen, — vielleicht bin ich jetzt krank...“

In Sörensen stieg heißes Erbarmen hoch.

„Ja, du bist jetzt krank, kleine Agnes, und ich werde deinen Eltern sagen, daß sie dich einmal vier Wochen zu Hause und im Bett lassen sollen...“

Ein jähes Erschrecken lief über das abgezehrte Gesicht. „O nein, o Gott, nein, bitte, bitte nicht, Herr Direktor,“ flüsterte sie angstvoll, „die Schule ist ja das Einzige — — ich darf ja sonst nie mehr Sörine sehen...“ Agnes umklammerte seinen Arm. Aber dann ließ sie die Hände sinken.

Man hörte die Flurtür schlagen, daß alle Fenster klirrten, und Frau Asmus trat mit hochrotem Gesicht in das Zimmer. „Es war die Stadtsekretärin Hillebrand von der ersten Etage,“ entschuldigte sie sich, „da ist immer kein Loskommen. So eine hochmütige Person, Herr Direktor. Und der Mann ist ebenso. Mein Mann sagt, der verlangte, daß man eine halbe Stunde vor ihm katzbuckelte auf dem Magistrat, ehe er sich nur rührte auf seinem Schreibbock. Nur weil er mehr Gehalt hat, als wir Lehrer. Aber ich hab’ es der Frau vorhin ordentlich gegeben. Wenn ich reden wollte, hab’ ich ihr gesagt...“

„Ja. Danke, Frau Asmus. Meine Zeit ist sehr beschränkt.“ Sörensen war aufgestanden. Er nahm beide Hände der Kranken. „Gott befohlen, mein liebes Kind. Ich hoffe dich sehr bald wieder in der Schule zu sehen. Kannst du aber morgen noch nicht kommen, dann sehe ich wieder nach dir. Soll ich?“

„Ach ja,“ war die leise Antwort. „Aber ich werde schon kommen können. Nur die Arbeit von Fräulein Nissen, — —“ Agnes deutete auf ihre Hefte, „die macht mir Schwierigkeiten, — ich habe sie nicht verstanden...“

„So laß sie ruhig liegen, ich werde mit Fräulein Nissen sprechen.“

„Die Arbeit wird gemacht,“ fiel Frau Asmus hart ein. „Das fehlte noch, daß ein Lehrerkind, unsere Tochter, von Fräulein Nissen einen Faulheitstadel bekäme. Mein Mann und ich werden Agnes helfen.“

Ein großer, ernster Blick traf die Sprechende. Es wurde ihr unbehaglich unter diesen Augen.

„Die Arbeit ist dir erlassen,“ sagte Direktor Sörensen noch einmal gütig, und dann ging er.

Frau Asmus schlug drei Kreuze hinter ihm her.

„Natürlich gehst du nun morgen zur Schule. Das fehlte noch, daß ich mir vom Lyzealdirektor jeden Tag in meiner Wohnung herumschnüffeln ließe. Und die Arbeit für Fräulein Nissen machst du, das ist mir und Vater Ehrensache. Da hat der Direktor nicht dreinzureden, der ist nicht dein Ordinarius.“

„Ich möchte doch lieber zu Bett gehen,“ bat Agnes mit blassen Lippen.

„Ja, das ist Schulfieber, das kenn ich,“ lachte spöttisch Frau Asmus. „Beileibe nicht von mir selbst. Ich bin in der Mittelschule immer die Erste gewesen, auch im Seminar in Augustenburg. Aber dein Vater hatte einen Bruder, der war auch so’n Faulpelz. Von dem aus muß es auf dich übergekommen sein.“ Sie hätte wohl noch eine Weile fortgeredet, aber sie sah auf einmal, daß Agnes gar nicht mehr zuhörte, sondern ohnmächtig in der Ecke des häßlichen Sofas zusammengesunken war. Aber noch während Frau Asmus laut jammernd nach der Küche lief, kam das erschöpfte Kind wieder zu sich und besann sich langsam. Und sah, daß der Brief, das Kleinod, Sörine Heidekamps Gruß auf die Erde gefallen war. Sie war zu schwach, ihn aufzuheben. Das Zimmer kreiste mit ihr, als sie sich bücken wollte, sie mußte es aufgeben.

Frau Asmus kam mit Wasser herein: „Na, da schaust du einen ja wieder an, da — trink. Ich hab’ mich ja zu Tode erschrocken. Das kommt von dem langen Besuch. Daß so was ein Krankes aufregt, daran denkt freilich der weise Herr Direktor nicht...“ Jetzt entdeckte sie den großen Brief auf der Erde, das rote Wappensiegel und all die fröhlichen Wohlfahrts- und Werbemarken leuchteten obenauf.

Frau Asmus nahm ihn und betrachtete ihn gründlich von allen Seiten. Der rote Zorn stieg in ihr Gesicht und wollte losfahren, aber als sie das Kind ansah, erschrak sie. Das hatte sich aufgerichtet, und sah so weiß aus wie der Kalk an der Wand. Und nahm ihr den Brief aus der Hand und barg ihn zitternd in den Falten ihrer Bluse. Und Agnes sagte tonlos: „Den Brief nimmst du mir nicht, Mutter, sonst tue ich mir ganz gewiß ein Leid an. Und dann sehen es der Doktor und andere Leute, wie Ihr mich geschlagen habt, und wie mein Körper davon aussieht.“

Und immer hielt sie den Brief mit beiden Händen auf ihrem jungen, wildschlagenden Herzen fest, und die anklagenden Augen hafteten auf der Stiefmutter, der Zorn und Bestürzung die Stimme verschlugen.

Mit schweren Schritten tastete sich Agnes in ihre enge Kammer. Dort entkleidete sie sich mit zitternden Gliedern und schmerzendem Kopf. Als sie den Brief hervorzog, küßte sie ihn und legte ihn in ihr Bett und deckte ihn zu, bis sie sich Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatte. Dann legte sie sich hin, bettete ihre Wange auf das Schriftstück, und die Starrheit ihrer Züge löste sich, und sie lächelte rührend scheu und schattenhaft froh, weil sie zum ersten Male mutig gewesen war und sich etwas erkämpft hatte. Sie löste das Siegel vom Briefe und die Schmuckmarken und las das Schreiben und freute sich der Riesenbuchstaben ihrer Sörine, die man auch in dem Dunkel der Galgenstraße erkennen konnte.

Heidekamp, 1. April.

Meine geliebte Agnes! Weißt Du noch, wie wir immer in der Religion am liebsten die Engel hatten? Und bei den Märchen die Feen? Die dann so plötzlich dastanden und sagten: Wünsch dir was? So ein Engel kommt heute zu Dir, meine süße Agnes, und bringt Dir diesen Brief. Ich schäme mich halbtot, daß ich „Ihn“ noch vor fünf Wochen gehaßt habe. Du hast mich immer beschwichtigt, das weiß ich wohl, aber Du bist eben von Natur ein Sanftes und ich ein Alarmsignal. So nennt mich Großvaterli. Außerdem hatten Kahl und Dein Vater uns den Direx gründlich vorweg verekelt. Aber selbst der Haß gegen diese beiden ist ganz klein geworden, weil ich stundenlang darüber nachgedacht hatte. Das war auch ein Wunsch vom Herrn Direktor. Man kann und kann einfach nicht erbost und widerhaarig sein, wenn er einen so durch und durch kuckt mit seinen scharfen Augen. Ich möchte so gern wissen, ob es Dir auch so geht, meine süße Agnes. Daß Du ihm auch alles sagen möchtest, was so in Dir vorgeht und ihn immer um Rat fragen. Ich will ihm auch bei nächster Gelegenheit anvertrauen, daß ich später einmal Vetter Gerd heiraten soll. Es ist eine Familienbestimmung. Dazu kann und soll man immer nur Ja und Amen sagen, und das habe ich auch getan, weil es Großvaterli so froh machte. Aber ich kann nicht sagen, daß es mir sehr große Freude macht wenn ich so denke, ich soll später den ganzen Tag mit Vetter Gerd zusammen sein. Aber wiederum wenn ich denke, Herr Sörensen könnte versetzt werden von Birkholz nach einer anderen Stadt nicht wahr da kann man sich totweinen?! Bitte schreibe mir, ob du das genau so fühlst. Denn du bist meine einzige Herzensfreundin, und es wäre zu schön, wenn wir immer dieselben Gedanken hätten bis wir sterben oder heiraten. Bitte verbrenne diesen Brief sofort. Aber wenn Du ihn nicht verbrennst, dann setze bitte alle Kommas hinein, die ich vergessen habe. Lebe wohl meine geliebte Agnes. Denke immer daß der liebe Gott bei Dir ist. Und ich auch.

Deine treue Sörine Heidekamp.

Agnes Asmus küßte den Namen viele Male und holte sich einen Bleistift und setzte gewissenhaft die vielen vergessenen Schriftzeichen an die rechte Stelle.

Dann legte sie das Kleinod unter das grobe, weiße Linnen und bettete den Brief auf ihr warmes, junges Herz.

Ein glückliches Lächeln lag mit einemmal auf ihrem müden Gesicht und mit diesem Lächeln schlief sie ein. —

** *

Frau Apotheker Dahlen hatte Geburtstag.

Und wenn sie auch annehmen mußte, daß sie diese Tatsache mit fünfundzwanzigtausend Bewohnern von Birkholz teilte, so hielt sie aus irgendeinem Grunde, den sie nicht verriet, doch ihren Geburtstag für eine so bemerkenswerte Tatsache, daß sie „seit Jahrenden“ (wie sie selbst betonte) an diesem Tage einen Riesenkaffee abhielt. Eine wahre Völkerschlacht, bei der denn auch viele Mitbürger erledigt wurden, und abends mancher gute Name zur Unkenntlichkeit verstückhackt auf dem Felde der Unehre liegen blieb.

Von frühem Morgen an war alles im Apothekerhaus am Markt in Aufregung und fliegender Hitze, und man tat gut, an diesem Tage nicht gerade verantwortungsvolle Rezepte anfertigen zu lassen.

Doch kam die Neugier durchaus auf ihre Kosten, denn der Provisor erzählte beim Einwickeln sehr ausführlich, wer eingeladen war, wer abgesagt hätte und was es „gab“.

Konditor Bruhns rechnete mit diesem Tage, der seine Schatten schon lange vorher warf und ebenso seine Nachwehen hatte.

Und wer etwa am Abend so vermessen gewesen wäre, noch ein Stück Torte oder Schlagsahne zu verlangen, den hätten Herr und Frau Bruhns samt den beiden Ladenfräulein von oben bis unten angeschaut, da ja nur ein Fremder ein so törichtes Verlangen stellen konnte. Und man hätte nicht gesagt, daß man nichts mehr im Laden habe, sondern ihm nur die inhaltsschweren Worte zugeschmettert: „5. April!“

Man konnte am Nachmittage des 5. April nicht den Vergleich mit einem Bienenschwarm heranziehen, nein, es waren Hunderte von Bienenschwärmen, die da summten und surrten, Hunderte von Webstühlen, die da ratterten, sausten und zausterten. Kuchenberge waren aufgetürmt und verschwanden in bewundernswerter Raschheit, und die schneeigen Schlagsahnenhügel wurden bis auf ein kümmerliches, flüssiges Restchen von den rastlos grabenden Silberlöffeln abgetragen.

Wie ebenso viele Vollmonde leuchteten die heißen, roten Gesichter über den dampfenden Tassen.

Nur nicht so freundlich.

Denn es gab natürlich neben gleichmäßigen Ansichten über das Wetter und den Stand der Aktien und der Frühkartoffeln auch viel „Widersprüche“, „Unglaublichkeiten“ und „Verstiegenheiten“, über die man sich gleich an Ort und Stelle kräftig auseinandersetzte.

Die Stricknadeln flogen, die Löffel klirrten, und manche Nadel wurde mit verbissener Wut in festes Leinen gestoßen, als sei es das Herz der lieben Nachbarin, die eben den gleichen Stich versetzt hatte. —

Aber es waren alles noch Vorstöße und mehr oder minder heftige Plänkeleien. Man wartete noch auf das Kommando, das die eigentliche Redeschlacht entfesseln sollte.

Und endlich fiel es. In der Nähe des Sofas, auf dem die Frau Bürgermeister und die Frau Postdirektor Platz genommen hatten. Die erstere wie versteint in Würde und Verdrossenheit, die andere mit einer heiteren Gelassenheit, die sich in Unvermeidliches schickt.

Wer hatte das Wort gerufen? Genug, es war da und man stürzte sich darauf und zerriß es und warf sich die ergiebigen Stücke einander zu.

Das Lyzeum und sein neuer Direktor.

„Mir hat er gar keinen Eindruck gemacht,“ rief Frau Apotheker Dahlen und häkelte wütend. Sie besaß nur zwei strohköpfige Knaben und hätte es deshalb nicht nötig gehabt, neue Gardinen für den Besuch des Direktors aufstecken zu lassen, aber sie hatte eine sehr häßliche Kusine zu Besuch, mit welcher der abscheuliche Direktor versäumt hatte, auch nur ein Wort zu sprechen. —

„Warum so’n Mann bloß nicht heiratet?!“

Diese Bemerkung kam wieder aus einer anderen Ecke und wurde gründlich verarbeitet.

Bis die Frau Bürgermeister mit scharfer Stimme in das Chaos hineinrief: „Da muß man doch erst mal fragen, ob er es kann.“

„Ohhh!“

„Aber!“

„Ach, du großer Gott!“

„Wie meinen Sie, Frau Bürgermeister?“

„Es gehen da seltsame Gerüchte um, — ich bekümmere mich ja so wenig um das Treiben und Reden der anderen...“

„Hm, hm.“

Die junge niedliche Frau Amtsrichter war wirklich erkältet und hatte nur gehustet, aber sie erntete einen giftigen Blick. —

„O, Frau Bürgermeister, Sie erzählen ja so interessant, aber bitte spannen Sie uns nicht auf die Folter,“ schmeichelte Frau Dingelmann, die immer Gesprächsstoff für ihre große Ladenkundschaft brauchte.

„Man sagt...“ die Bürgermeisterin legte die Arbeit in den Schoß und beugte sich etwas vor, was ihr sämtliche Damen sofort nachmachten,... „er sei nicht mehr frei.“

Ahhh!

Die Frau Bürgermeisterin konnte zufrieden sein, es hatte eingeschlagen. Man sah viele enttäuschte Gesichter, wenn auch die Ursache der Enttäuschung eine verschiedene war.

Nicht mehr frei. Nun so brauchte man auch kein Blatt vor den Mund zu nehmen, sondern konnte einmal ergiebig über den Herrn Erne Sörensen herfallen.

„Aus ganz einfachen Verhältnissen, man weiß nicht...“

„Wie? Unehelicher Sohn?“

„Der Vater Schneider oder Schuster?“

„Das wäre ja die Höhe.“

„Und der wagt es...“

„Heimlich verheiratet?“

„Zwei Kinder.“

„Aber da muß doch eingeschritten werden!“

„Meine Damen, nichts Gewisses, strengste Verschwiegenheit.“

„Aber ganz sicher.“

„Wer von uns sollte es weiter sagen?“

„Sie wissen ja, ich bin mit Fräulein Nissen gut bekannt,“ nahm Frau Dr. Niebert das Wort. „Ich bin ja nun ganz unparteiisch, denn wenn sich auch mein Mann schwer geärgert hat, daß Direktor Sörensen nur dem Kreisphysikus seinen Besuch machte und uns nicht, gerade als ob wir nicht auch zur Gesellschaft gehörten, — so ist uns ja im Grunde der Herr Dr. Sörensen höchst gleichgültig. Aber was Fräulein Nissen so erzählt aus der Schule, ist wirklich sehr interessant.“

„Darf sie denn das?“

„Was?“

„Aus der Schule erzählen.“

Die naive Fragestellerin, Frau Diakonus Heinrich, wurde durch wortlose, aber vielsagende Blicke in ihr nichtsdurchbohrendes Gefühl zurückgeschleudert.

„Neuerungen führt der Sörensen ein, als sei unser alter, verehrter Direktor Clausen ein Trottel gewesen. Das nennt er: ‚mit der Zeit gehen‘. Dann wieder spielt er sich auf den Pietätvollen heraus und läßt Sachen beim Alten, die dringend der Neuerung bedürften. Über den Grobian, den Schuldiener Harks, über den doch nur eine Klage geht, hält er die Hand, und das geht immer Herr Harks hin und Herr Harks her, sagt Fräulein Nissen, — na und man weiß doch... hm...“

Verständnisvolles Flüstern und Nicken.

„O ja... die Lisbeth Harks war ein außerordentlich hübsches Mädchen, aber Schönheit wird ja oft zum Fallstrick der Tugend,“ sagte irgend jemand salbungsvoll.

„Brav war sie auch,“ fiel Fräulein Tingleff dröhnend ein, „sie hat drei Jahre bei mir gedient.“

Die Trompetenstimme schaffte für einige Augenblicke Ruhe, und der bekannte Engel flog durchs Zimmer. Es nützte eben so gar nichts, dem energischen, reichen Fräulein Tingleff zu widersprechen, sie pflegte ihre Ansicht bis übers Grab hinaus zu verfechten.

Aber die Frau Bürgermeister mußte doch noch einen Trumpf ausspielen: „Ja, so brav war die Lisbeth Harks, daß sie ins Wasser ging.“

Fräulein Tingleff bekam einen roten Kopf und die kleinen, scharfen Augen sprühten Blitze. Deshalb legte sich die Wirtin ins Mittel und rief: „Sie wollten doch vom Direktor erzählen...“

„Na ja,“ fing nun die Doktorin wieder an, „Fräulein Nissen sagt, das Lehrerkollegium sei direkt in zwei Hälften geteilt, pro und contra. Fräulein Dr. Stavenhagen und Lehrer Hansohm schwören ja auf die neue Leitung, und es habe sich infolgedessen eine einfach lächerliche Freundschaft zwischen Herrn Hansohm und Fräulein Doktor gebildet, — guter Gott, ich will nichts sagen, — sie könnte ja wohl beinahe seine Mutter sein, aber...“

„Sie ist jeden Tag in seiner Wohnung...“

„Herr Hansohm hat eine kranke Schwester,“ sagte die mitleidige Stimme der Frau Postdirektor Hagedorn.

„Schwester hin, Schwester her,“ fiel Frau Dingelmann ein, „meine selige Mutter pflegte immer in solchen Fällen zu sagen. ‚Beten werden sie nicht miteinander‘.“

„Sehr richtig.“

„Direktor Sörensen ist auch ein paarmal bei diesen Sitzungen dabei gewesen,“ ließ sich die Frau Apotheker wieder vernehmen, „irgendwo muß er ja auch seine Abende zubringen, da er das Gegebene, den Stammtisch in der grünen Birke, zu verschmähen scheint.“

Die Bürgermeisterin war eben im Begriff, sich den Pudding zu Gemüte zu führen, aber da es ein unpraktischer Beberlottchen- oder nervöser Pudding war, der immer auf dem Teller hin und her glitschte, lief sie Gefahr, ihr Grauseidenes zu besegnen. So setzte sie den Teller wieder auf den Tisch und sprach erst mal in sittlicher Entrüstung die vernichtenden Worte:

„Ein unbeweibter Mädchenschuldirektor ist etwas Unmoralisches.“

„Du lieber Gott,“ rief Frau Hagedorn ganz ängstlich, „ist das nicht ein furchtbar hartes Urteil? Ich kann das gar nicht verstehen. Und ich habe nur Gutes, nur das Beste von Herrn Dr. Sörensen gehört. Die Kinder schwärmen alle für ihn.“

„Schwärmen! Ja, das ist so das Rechte! Mit Schwärmen fängt es an, aber mit was hört es auf?“

Die junge Frau Amtsrichter erhob sich kriegerisch: „Gewöhnlich hört es mit der ersten Liebe auf, die man einem andern schenkt. Im übrigen denkt der gesunde Backfisch gar nicht daran, ob der Gegenstand seiner Verehrung ledig oder verheiratet ist. Wir schwärmten seinerzeit unsern Geographielehrer an, und die Liebe erstreckte sich gleichmäßig über ihn, seine Frau und seine sieben Kinder.“

Es lachte niemand. Denn sowohl Frau Postdirektor als Frau Amtsrichter waren „Ausländer“, Leute, die heute oder morgen wieder von ihrer Behörde versetzt werden konnten. Und man lachte in Birkholz nur über Witze, die von Eingeborenen verbrochen wurden.

Als die beiden freundlichen Damen, die das schon etwas gebrechliche Fräulein Tingleff nach Hause geleitet hatten, von der Kaffeeschlacht ihren Behausungen zuwanderten, begegnete ihnen Direktor Sörensen.

Er grüßte ehrerbietig. Ohne zu ahnen, daß die beiden frischen, jungen Frauen als einzige in einem großen Kreise für ihn eingetreten waren. Und als er dann noch in die Apotheke trat, um für seine gute Frau Dietz etwas Frostsalbe zu holen, da ahnte er gleichfalls nicht, daß gerade über seinem Kopfe in der guten Stube des Apothekers sein ehrlicher Name auf dem Boden lag und eben von der Magd mit vielen Kuchenkrümeln, sowie verlorenen Haar- und Stecknadeln hinweggefegt wurde. —

** *

So einen schönen, ruhigen Vormittag hatte Direktor Sörensen lange nicht erlebt... Weder aufgeregte Mütter, noch zornige Väter störten ihn, das Kollegium befand sich in einem geradezu idealen Zustande der Ruhe, — Einigkeit zu sagen, wäre wohl zuviel gewesen — und so konnte der eifrige Arbeiter lange Aufgestautes erledigen, ja sogar manchmal seinen Blick dem alten Garten schenken, darinnen die heimgekehrten Stare einen ungeheuren Lärm vollführten. Überall machte sich der Frühling bemerkbar, vom Storchnest an, das auf dem alten Rathausgiebel thronte, bis zu den drei Veilchen, die ihm heute Frau Dietz aus dem Garten gepflückt und neben seine Tasse gelegt hatte. Jetzt blühten sie vor ihm in einem winzigen Glase und dufteten wie lauter Lenzverheißung: „Nun muß sich alles, alles wenden!“

Sörensen zwang Blicke und Gedanken wieder zu seiner Arbeit. Da war Evchen Siemensen aus der zweiten Klasse, ein hochbegabter Fludribus, und da war Lena Weiß, die unfähig war, selbst ein minderwertiges Zahnpulver zu erfinden, aber fleißig und gewissenhaft, beide gleich unwert nach ihren Leistungen in die erste Klasse versetzt zu werden. —

Und doch hätte er beide sympathische Kinder so gern mit hinübergetan. Evchen konnte sich mit Fräulein Nissen nicht vertragen, — wenn er sie Ostern übernahm und mit einer kräftigen Standrede nachhalf, würde das kluge Ding vielleicht die Leuchte der ersten Klasse. Und Lena? Ihr Fleiß verdiente eigentlich nicht, daß man sie sitzen ließ.

Er überlegte.

„Herein!“

Denn er meinte, es könnte geklopft haben, wenn es auch nur ein zaghafter Finger getan haben konnte.

Jemand schob sich herein, blieb an der Tür stehen und rührte sich nicht.

Sörensen schrieb seinen Satz zu Ende und trug noch ein paar Zahlen in sein Buch: „Nur immer näher einstweilen. Wer ist’s? Eine Schülerin? Was willst du?“

Keine Antwort.

Er löschte die Seite des Buches ab, nahm die Schreibbrille von der Nase und mußte noch umständlich die andere scharfe, goldene Brille putzen, denn ohne sie war er ein „armer Stackel“, wie er selbst immer lachend versicherte.

„Nun? Bekomme ich keine Antwort?“

Er nahm die schmale Gestalt an der Tür näher aufs Korn und war dann mit drei Schritten bei ihr: „Sörine von Heidekamp — — bist du krank?“

Keine Antwort.

Zwei verstörte Augen sahen an ihm vorbei, und eine eiskalte Hand lag willenlos in der seinen.

„So sprich doch, Kind. Hat man dir etwas getan?“

Keine Antwort.

„Bist du aus dem Unterricht gelaufen?“

Sie nickte unmerklich.

„Und was willst du nun hier?“

Sörine sah ihn nicht an. Nur ihre Lippen bewegten sich. Er beugte sich zu ihr herunter. Da hörte er sie ganz leise sprechen: „Nur hier bleiben möchte ich, — bis — bis — unser Wagen kommt...“

„Kind, ich muß sagen, ich versteh dich nicht. Es geht doch eigentlich nicht, daß du so aus der Stunde läufst...“ Er sah nach dem Plan. „Fräulein Nissen. Ich will sie mal fragen...“

„Bitte, bitte nicht.“ Sörensen hatte noch nie eine so gequälte Stimme gehört. Er besann sich einen Augenblick, dann nahm er den Hörer von seinem Tischapparat, und ließ sich mit Heidekamp verbinden. Als das Gespräch beendet war, stand Sörine immer noch auf derselben Stelle.

„Das geht doch nicht, Sörine, Kind, — ich sorge mich um dich. Bist du nicht auch ein kleiner Dickkopf? Was fängt man nur mit dir an?“

Aber er sah es ja, es war da vorläufig nichts zu tun. Vielleicht würde Fräulein Nissen von selbst kommen und ihm Bescheid sagen...

„Willst du dich nicht setzen?“ fragte er noch, denn sie sah aus, als ob sie sich kaum auf den Füßen halten könne. Und da schlich sie sich ganz sacht und gar nicht, wie Sörine Heidekamp sonst auftrat, an das schwarze Ledersofa und versank schier in der einen Ecke.

Direktor Sörensen aber schrieb weiter und sah sich nicht ein einziges Mal nach dem Trotzkopf um. War es wirklich ein Trotzkopf, dann sollte er morgen erfahren, daß der neue Direktor durchaus nicht mit sich spaßen lasse. — Heute aber war das Mädel krank und verstört ... Und man mußte diese jungen, unberechenbaren Geschöpfe anders anfassen, als einen gleichaltrigen Knaben.

Nun, der alte Heidekamp würde trotz der Rücksichtnahme wettern...

Der Dreiklang eines Kraftwagenhorns riß ihn aus seinen Betrachtungen und wahrhaftig — da hatte sich auch schon seine Tür geöffnet und wieder geschlossen, man hörte ein paar leichte Schritte draußen laufen, rennen, fliegen...

Und das Mädel stieg drunten ein, ohne Mantel, ohne Hut, und das Auto ratterte davon, — er konnte meinen, es sei alles ein Spuk gewesen.

Er lachte kurz auf. Hab’ ich das nun klug oder dumm gemacht?

Dann ging er mit ausholenden, wuchtigen Schritten nach dem Zimmer der zweiten Klasse, denn noch während er am Fenster gestanden, hatte schon die Schulglocke hallend den Schluß der Stunde angezeigt.

Im Klassenzimmer stand Fräulein Nissen aufgeregt und flatternd unter den Backfischchen. Einige schwatzten munter auf die Lehrerin ein, andere machten sich mit ihrer Garderobe zu schaffen, um rascher heimzukommen. Alle aber blickten scheu auf den Gestrengen, und das war er gar nicht von dieser Rotte Korah gewohnt.

Fräulein Nissen eilte ihm mit erhobenen Händen entgegen: „Herr Direktor, ich kann Sörine Heidekamp nicht finden, weiß Gott, wo sie stecken mag. Das kann auch nur dieses Mädchen, — aus der Stunde einfach fortlaufen — — Herr Direktor, ich beantrage Konferenz, ich, ich — — —“

Sörensen stand wie ein Bronzefels in der Brandung. Über die hagere, aufgeregte Lehrerin hinweg richtete er forschend seinen Blick auf all die Mädchengesichter, als suche er dort eine Lösung für seine Fragen. Und da begegnete er einem Paar traurigen Augen, die standen in einem abgezehrten, gelblich blassen Gesicht und sahen ihn so flehend an, als könne er ganz allein helfen. Er sagte ruhig. „Jawohl, Fräulein Nissen, heute nachmittag auf Wiedersehen in der anberaumten Klassenkonferenz, — jetzt vor den Kindern, — Sie begreifen... Agnes Asmus komm doch einmal mit mir herüber.“

Nein, Fräulein Nissen begriff gar nichts mehr. Sie war so völlig fertig mit ihren Nerven, daß sie Schulschluß und Ferien bereits mit Tränen, nervösem Lachen und stammelnden Gebeten vom Himmel herunterflehte. Vorläufig suchte sie mit Riesenschritten Herrn Professor Kahl zu erwischen, um in sein verständnisvolles Herz ihre Nöte zu ergießen.

„So, Agnes Asmus. Du siehst gar nicht gut aus, — ich ließe dich lieber rasch nach Hause gehen, aber, — habe ich recht, wolltest du mich sprechen?“

„Ja, Herr Direktor. Ich wollte nur sagen, meine Sörine ist ganz gewiß nach Hause gelaufen...“

„Nicht ganz, aber sie ist mit meiner Erlaubnis nach Hause gefahren. —“

„Ach? Das ist gut!“ Ein tiefer Atemzug. „Sie hat es schon einmal so gemacht. Wenn ihr etwas sehr Häßliches begegnet, dann bekommt sie schreckliches Heimweh nach der Heide, dann sieht und hört sie nicht, und läuft und läuft...“ Agnes’ Gesicht bekam einen Schimmer von Farbe, so lebhaft erzählte sie.

„Und heute ist ihr etwas sehr Häßliches begegnet?“

Ein scheues „Ja.“

„Willst du es mir erzählen?“

„Ich weiß es nicht.“

„Hast du Vertrauen zu mir?“

„Ja, ja!“

„Nun also. Dann frisch drauflos.“

„Ich — — ich glaube, ich kann es doch nicht. Ach, nur nicht böse sein, Herr Direktor — — es hat gar nichts mit dem Vertrauen zu tun.“ Agnes Asmus bebte wie ein Blättlein im Winde.

„Nein, nein, ich bestehe nicht darauf. Sehe ich denn aus wie ein Kinderschreck, daß du so zitterst? Ist irgend jemand in der Schule, dem du es erzählen könntest? Dein Vater vielleicht?“

„Ach nein...“ Es klang sehr erschrocken. „Aber vielleicht Fräulein Doktor,“ setzte sie leise hinzu.

„Na, dann gehe mal zu Fräulein Doktor, die hat zufällig jetzt noch im Lehrerzimmer zu tun, wird aber gleich fertig sein. Und wenn du ihr erzählt hast, dann bitte sie auf kurze Zeit hierher. Ich warte. Deinen Eltern lasse ich durch Herrn Harks sagen, daß du etwas später kommst.“

„Danke. — Draußen hängen nun noch die Sachen von Sörine...“

„Die nimmst du mit dir nach Hause. Da hast du gleich etwas von der Freundin, und wenn die Sachen abgeholt werden, kannst du einen Trostbrief an die Manteltasche stecken.“

„O vielen, vielen Dank!“ Ein froher Blick aus blassem Gesicht.

Der Direktor war allein. „Oha!“ Er reckte sich.

Es vergingen kaum zehn Minuten.

Fräulein Dr. Stavenhagen kam erregt zu ihm.

Sie sah ihm ehrlich in die guten, ernsten Augen. „Eine dumme Geschichte, Herr Direktor. Ist eigentlich kein Thema für Sie und mich. Will’s kurz machen. Die Kollegin Nissen ist vom Aufklärungsteufel besessen. Sie, — wie sag’ ich — sie ist ein Neutrum, sie hat nichts Mütterliches, sie sieht die Dinge ohne jede Verklärung. Meint, — daß ein Mädel von der zweiten Klasse an mit allem Bescheid weiß. Und nun kommt ihr so was Feines, Zartes, so ein Seelchen unter die Finger — wie die Sörine — Herrgott im Himmel, — zerstört hat sie — zerstört, — wo man aufbauen soll...... Guten Morgen, Herr Direktor......“

Fort war die groteske Gestalt mit dem häßlichen Gesicht und dem warmen Herzen.

Und Direktor Sörensen ging mit geballten Händen im Zimmer auf und ab, und sein wackres Herz war voll Zorn.

** *

Im Lehrerzimmer wurde hart gekämpft. Das scharfe Organ von Fräulein Nissen kletterte die ganze Tonleiter in die Höhe und wieder herunter. Oberlehrer Kahl sekundierte ihr heftig. Professor Traute warf salbungsvolle Worte ein und zitierte die Bibel, denn er war eigentlich Theologe, und predigte noch jetzt Jahr für Jahr in der Thomaskirche, wenn Diakonus Heinrich seinen Heuschnupfen hatte. Professor Rasmussen strich sich seinen Bart, wie immer, wenn er verlegen war. Er konnte manche Themata einfach nicht leiden, und ganz besonders waren ihm die verhaßt, die irgendwie der Frau zu nahe traten. Da konnte er sich ganz in sich selbst zurückziehen, um schließlich, wenn man ihn aus seiner Reserve zwang, messerscharf zu werden. Die kleine Hilfslehrerin, selig, auch einmal ein selbständiges Urteil abgeben zu dürfen, rief unentwegt zwischen die Streitenden: „O, ich bin sehr dafür! O, ich bin sehr dafür!“ Sie war insgeheim verliebt in Klaus Hansohm, und hätte für ihr Leben gern gewußt, wie er zu der zarten Sache stand, aber sie konnte sein finsteres Gesicht nicht durchdringen, und ihr Instinkt war nicht fein genug, zu fühlen, daß der junge Lehrer sich innerlich schüttelte vor Unbehagen. Hätte sie außerdem geahnt, daß er nach jedem ihrer Zurufe bei sich selbst feststellte, daß sie die größte Gans sei, die ihm je vorgekommen, sie würde ihn nicht so strahlend angesehen haben.

Fräulein Dr. Stavenhagen hatte sich heiser gesprochen und müde gekämpft. Sie ließ jetzt die Flut gegenteiliger Behauptungen über sich ergehen.

„Ja, nicht wahr, unsere Logik ist auch nicht von Pappe,“ rief Kahl gereizt, „nun äußern Sie sich, bitte.“

Fräulein Doktor sah ihn ernst an und zuckte dann die Achseln. „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,“ sagte sie ruhig.

„Na ja, mit solchen Zitaten kann man den Stab über eine ganze ehrenhafte Versammlung brechen,“ meinte Traute. „Da kommen wir aber nicht weiter. Hier muß doch grundsätzliche Stellung genommen werden. Und vor allen Dingen dürfen wir unsere verehrte Kollega Nissen nicht preisgeben.“

„Doch, das tue ich,“ sagte Fräulein Doktor ernst und fest. „Ich finde das Vorgehen der Kollegin Nissen einfach unerhört.“

Die Angegriffene lachte schrill auf und zerpflückte ihr hübsches, spitzenbesetztes Taschentuch in seine Bestandteile. —

„Ahhh, Zeus macht Schule,“ flüsterte Kahl hämisch, „mich dünkt, wir haben dieses Urteil in der gleichen Form schon einmal gestern nachmittag gehört. Aber gottlob sind wir andern ja auch nicht gerade verblödet und vermögen uns selbst eine Meinung zu bilden.“

„Das können Sie ja auch laut sagen,“ entgegnete ihm Fräulein Doktor.

„Will ich auch. — Kollege Asmus, Sie sitzen immer so stumm da, wie denken Sie denn über den Fall?“

„Ich bin der Meinung, jede einzelne Mutter kann Fräulein Nissen dankbar sein, daß sie den Eltern diese heikle, undankbare Sache abgenommen hat.“

„Heikle, undankbare Sache?“ rief Fräulein Doktor. „So nennt ihr verheirateten Leute, ihr Väter heranwachsender Töchter das heiligste, zarteste Gespräch, das es zwischen Mutter und Tochter geben kann? Da kann ich angehende alte Jungfer freilich einpacken mit meinem Idealismus.“

Kahl zeigte albern lachend nach dem Storchnest auf dem Rathausgiebel: „Wenn Ihr Idealismus noch da oben drin steckt, dann können Sie freilich einpacken.“

„Nein, den Gefallen tue ich Ihnen aber nicht. Gerade der Fall Sörine Heidekamp bestärkt mich darin. Also so was gibt es doch noch auf der Welt, und nicht nur in der einen Sörineausgabe, sondern in einer ganzen Reihe empörter, aufgescheuchter und verstörter, junger Zweitklässler. Aber was mich so stutzig macht, das ist, daß ich meinen Idealismus gegen Mütter und Väter ins Feld führen muß... Darüber komme ich vorläufig noch nicht hinweg. Bisher habe ich euch Verheiratete immer beneidet, — ich tu’s nicht mehr.“

„Werfen Sie nicht alle in einen Topf, Kollega.“ Das rief eine völlig fremde Stimme. Man hatte die offene Tür nicht bemerkt, in der zwei Herren standen. Der Direktor führte seinen Gast herein. Es war ein lebendiger, frischer, älterer Herr mit hoher Stirn und starken Brauen über den scharfen grauen Augen. Er nickte nur kurz über die Versammlung hin, drückte aber Fräulein Doktor lebhaft die Hand und fuhr in seiner Rede fort, als habe er von Anfang an der Sitzung teilgenommen. „Mir sind zwei junge Töchter früh gestorben,“ sagte er. „Wären sie am Leben, meine sanfte Frau wäre zur streitbaren Löwin geworden, um ihre Rechte gegen eine Welt von — Nissens zu verteidigen.“

Auf dem Gesicht der Lehrerin zeigten sich rote Flecken der Aufregung und des Ärgers: „Herr Provinzialschulrat, ich habe in gutem Glauben gehandelt...“

„Fräulein Nissen, hier kommt es nicht auf Ihren guten Glauben an. Wenn Sie einem Schulkind ein Federmesser fortnehmen im guten Glauben, es sei das Ihre, dann können Sie es ihm zurückgeben, wenn Sie Ihren Irrtum bemerken. Das, was Sie der kleinen Heidekamp fortgenommen haben, können Sie ihr nie wieder zurückgeben. Wird sich Ihr Gewissen damit abfinden?“

„Jawohl, Herr Provinzialschulrat. Denn ich habe ihr Besseres dafür gegeben.“

„Alle Achtung vor Ihrem großartigen Selbstbewußtsein. Ich wollte, es hätte einer schöneren Sache gedient. Und was nennen Sie ‚Besseres‘? Ist Unschuld und Kindesgläubigkeit nicht das Beste?“

„Erkenntnis ist besser als Ammenmärchen.“

„So ungefähr sagte auch die Schlange im Paradiese.“

„Herr Provinzialschulrat!!!“

„Ammenmärchen kenne ich nicht, Fräulein Nissen, ich kenne nur Muttermärchen. Heilig sind diese. Haben Sie mich verstanden?“ Dr. Hofer ging mit raschen Schritten mehrmals durchs Zimmer, dann blieb er wieder vor ihr stehen. „Haben Sie die verstorbene Frau von Heidekamp gekannt?“

„Nein.“

„Nun, Sie werden mir altem Griesgram nicht viel Kenntnis in der Engelkunde zutrauen, — aber — so — geradeso wie Frau Lore von Heidekamp müssen Engel meiner Meinung nach beschaffen sein... Ich habe sie gekannt, die gütige, feine, reine Frau, die ihr Kreuz trug wie ein Held... Fräulein Nissen! Geschämt habe ich mich heute. Ihrer Tat hab’ ich mich geschämt vor den Manen jener Heimgegangenen...“

„Es war ja doch nicht die Heidekamp allein in der Klasse,“ warf jetzt Oberlehrer Kahl ein, weniger um Fräulein Nissen zu helfen, als um sich selbst dem Vorgesetzten bemerkbar zu machen. „Die andern haben sich alle durchaus ruhig verhalten.“

Jetzt trat auch Professor Traute auf den Plan: „Unser hochverehrter, leider zu früh entschlafener Direktor Clausen hat immer für die Aufklärung gewirkt,“ sagte er. „Seine Schülerinnen in der ersten Klasse gingen unbeschwert von Märchenballast in das unerbittliche Leben hinein. Fräulein Nissen und ich sind von ihm in diesem Sinne geschult worden.“

„Lassen Sie den Verstorbenen aus dem Spiel,“ gebot Dr. Hofer rauh, „ich möchte sonst den Spruch vergessen: De mortuis nil nisi bene.“

„Auch ich,“ sagte Lehrer Asmus, „stelle mich auf die Seite des Herrn Professor Traute; meine Tochter Agnes ist gleichfalls von Fräulein Nissen aufgeklärt worden, und meine Frau war damals froh, dieser unangenehmen Aufgabe enthoben zu sein.“

„Was heißt ‚damals‘?“

„Es war schon vor ein paar Jahren. Fräulein Nissen führte die vierte Klasse.“

„Die vierte!“ Der Provinzialschulrat ließ seine Hand schwer auf den Tisch fallen. „Fräulein Nissen, sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“

Die Angeredete brach in ein hysterisches Schluchzen aus. Dr. Hofer wendete sich, um ihr Gelegenheit zur Beruhigung zu geben, Fräulein Henny Freitag, der Hilfslehrerin, zu. „Nun, mein liebes Fräulein, Sie brauche ich ja eigentlich nicht zu fragen. Aus Ihren Augen leuchtet noch der ganze Idealismus Ihrer neunzehn Jahre...“

Fräulein Freitag schlug lächelnd die Augen nieder: „Ach, ich bin doch sehr dafür...“

Dr. Hofer maß sie mit eigentümlichen Blicken.

„So! Wie man sich täuscht,“ meinte er mit grimmem Humor. „Mir erzählte Herr Schulrat Wiese, der neulich bei Ihnen zuhörte, Sie hätten so wenig gelernt, daß Sie Ihre Klasse in keinem Fache ‚aufklären‘ könnten.“

Er wendete sich von der Verblüfften ab und wieder Fräulein Nissen zu.

„Sie hören ja, Fräulein Freitag ist auch sehr ‚dafür‘. Hätte sie die Sache besorgt, so konnte man den lapsus ihrer Jugend und — sonst noch einigem zugute rechnen. Aber Sie, Fräulein Nissen, mußten sich bewußt sein, daß Sie heilige Rechte verletzten.“

„Worauf fußen denn die Anklagen gegen mich?“ fragte Fräulein Nissen gereizt. „Nur auf Sörines Klatscherei?“

In Sörensens Stirn zog zornige Röte.

„Es ist tief bedauerlich, daß Sie Ihre Schülerinnen nicht besser kennen. Nicht ein Wort hat Sörine von Heidekamp erzählt... Auch ist es gleichgültig, wer aus Ihrer Klasse darüber berichtet hat, — heute ist ja doch die ganze Stadt voll davon, — eine Flut von Briefen hat sich auf meinen Tisch ergossen, bis jetzt las ich nur bittere Vorwürfe und Ausrufe der heftigsten Entrüstung. Sie haben sich eine Suppe eingebrockt, Fräulein Nissen, an der Sie lange essen werden. —“

Der Schulrat und Sörensen verließen die Versammlung.

„Geben Sie mir einen Löffel und gestatten Sie, daß ich die Suppe mit Ihnen teile,“ wandte sich Oberlehrer Kahl mit verbissenem Gesicht an die Gemaßregelte. „Wenn dabei gewisse Personen einen Klaps mit diesem Löffel abbekommen, soll’s mir eine Wonne sein.“

„Mit dem Nachfolger des verehrten Direktor Clausen sind wir tüchtig hereingesegelt,“ murmelte Traute verdrossen. „Diese liebenswürdigen Köder, die der Mann auswirft! Nun hat der Dr. Hofer auch schon wieder angebissen, der sogenannte ‚Unbestechliche‘, wie man ihn im Ministerium nennt.“

„Glauben Sie mir, der Grund von allem liegt bei den Heidekamps. Der Direktor hat einen Narren an der Sörine gefressen.“ Fräulein Nissen zitterte vor Gereiztheit.

„Man sagt,“ bemerkte Asmus, „der Direktor habe von oben, von ganz oben, einen Wink bekommen, die Abneigung des hochwohlgeborenen Herrn in der Heide endlich in Wohlgefallen zu verwandeln.“

„Und der Grund?“

Ein viel andeutendes und gar nichts sagendes Achselzucken war die Antwort. —

Lehrer Hansohm trat zu Fräulein Dr. Stavenhagen: „Geben Sie mir die Ehre, einen Heidespaziergang mit mir zu machen, Fräulein Doktor?“

Sie nickte ernst.

„Denn Ihnen geht es wie mir,“ fuhr er fort, „die Luft wird einem knapp in diesem Kollegium.“

Stumm schritten die beiden nebeneinander her. Durch das Tor des Städtchens ging’s hinein in die weite Heide. Ein paar Vögel flogen vor ihnen auf, über den Heidesand flohen junge Hasen. Sonst köstliche Stille.

Die Weiden an der steinernen Brücke leuchteten rot. Hansohm schnitt sich eine starke und doch biegsame Gerte. Dann und wann fuhr er sausend damit durch die Luft.

„Wie köstlich die Frühlingsheide duftet,“ brach Fräulein Doktor endlich das Schweigen. Sie blieb stehen und sog in durstigen Zügen die herbe Luft ein. „Ach, und die Birken! Die ehrlichen, preußischen Stämme in ihrem konservativen Schwarz-weiß. Wie ich euch liebe!“ Sie legte ihre Wange an den Stamm. „Hansohm, ich bitte Sie, schnuppern Sie, wie das riecht, meine Nase feiert Orgien. Über ein Weilchen — und ich habe vergessen, daß es ein Lyzeum in Birkholz gibt. Denke nur noch an das Birkholz. Ahhh!“

Hansohm schlug immer noch mit der Gerte auf einen unbekannten Feind ein.

„Nun, Kollege? Sie scheinen mir noch nicht so weit zu sein. Nehmen Sie sich ein bißchen in acht, beinahe hätten Sie mir den Hut vom Kopf geschlagen. Wo sind Ihre Gedanken?“

„Ich dachte an meine zukünftige Tochter. Und wie ich abrechnen würde, wenn mir das passierte...“ Er köpfte wütend eine dürre Distel vom vergangenen Jahr.

Fräulein Doktor lachte kurz auf. „Sie lieben schnelle Justiz, Kollege.“

„Ja. — Und ich gäbe ein paar Jahre meines Lebens darum, wenn ich in Wahrheit reine Bahn schaffen könnte!“

„Sie sind blutdürstig. — Und die ‚paar Jahre‘ Ihres Lebens sollten Ihnen wertvoll sein.“

„Sind sie auch. Aber ich möchte sie einem andern Leben ansetzen, einem Leben, von dem kleinlicher Schulärger durch unausgesetztes Bohren schöne Jahre abfressen wird.“ Sein Finger wies nach der Stadt zurück. „Fräulein Doktor, in dem alten, grauen Hause wohnt ein Edelmensch. Ich habe ihn lieb. Lachen Sie mich nicht aus. Ich habe nie einen Menschen in meinem ganzen Leben so lieb gehabt, wie unsern Direktor Sörensen.“

Fräulein Dr. Stavenhagen war sehr blaß geworden.

„Nein, ich lache Sie nicht aus,“ sagte sie ruhig.

Und dachte, — ob wohl der große Junge Hansohm laut lachen würde, wenn er wüßte, daß „unser Direktor Sörensen“ ihres Herzens erste und einzige Liebe sei.

Dora Stavenhagen hatte nicht Zeit gehabt, sich früher zu verlieben. Immer hatte sie nur gearbeitet. Das bißchen Kapital ihrer Familie war für die Brüder verwendet worden. Und trotzdem hatten sie immer noch die Schwester in Anspruch genommen. Die häßliche, gescheite Schwester, die ja ein geborener „Blaustrumpf“ war. So wenig kannte man sie und ihren Hunger nach Liebe und eigenem Herd. Und nun, da die beiden Offiziersbrüder längst in guten Schuhen standen und ihre verwitwete Mutter, die Frau Major Stavenhagen, dank der guten Stellung der Tochter noch einen behaglichen Lebensabend gehabt hatte, ehe sie schlafen ging, nun, da sie selbst über ihr Altjungferntum fröhlich spottete, trat dieser Mann in ihr Leben, dieser „prachtvolle Mensch“, wie sie ihn vor sich selbst nannte.

Dora Stavenhagen hatte scharfe Augen. Und sie wußte vom ersten Tage an, daß der ernste Sörensen einsame Wege ging. Daß er keinen Wanderkameraden brauchte, am wenigsten eine Frau. Ja, manchmal war es ihr schon geschienen, als wäre er ihr dankbar, daß sie so gescheit und so häßlich sei. —

„Nun können wir wohl umkehren, Kollege,“ sagte sie. „Was wir beide wollten, haben wir ja erreicht, nicht wahr?“

Hansohm nickte. Nicht nur Lungen und Herz hatten sie sich weiten wollen, sondern auch den schweren Ärger ließen sie in der Heide zurück, die eine gute Mutter ist für alle seelischen Gebresten.

Fräulein Doktor sollte heute mit bei Hansohms zu Abend essen, und es war stillschweigende Vereinbarung, daß der leidenden Schwester nur frohe Gesichter gezeigt wurden. Sie ahnten nicht, daß das feine Empfinden von Lore Hansohm, durch jahrelanges Siechtum geschärft, die liebevolle Komödie durchschaute, die man ihr vorspielte. —

Es war sehr behaglich in der kleinen Wohnung, in die sie nach kräftigem Marsch eintraten. Der Tisch war schon gedeckt. —

Das hübsche Steingutgeschirr mit dem bunten Muster stimmte gut zu dem blendend weißen Tischtuch, und die Vase mit dem dunkeln Wacholderbusch, neben den gelbe Osterblumen gesteckt waren, war ein Kabinettstückchen.

„Lore versteht’s,“ lachte froh der Bruder. „Bei aller Kärglichkeit unserer früheren Mahlzeiten habe ich nie das Feine, Anheimelnde, das köstliche Drumrum zu vermissen brauchen. Und wenn wir auch oft nur Kaffee und Brot oder irgendein kärgliches Breichen zu verzehren hatten, unsere beiden silbernen Bestecke lagen doch immer auf dem Tisch, und auf meinem kunstvoll gefalteten Mundtuch fand ich eine Blume. Anders tat es die Lore nicht.“

Diese hantierte noch emsig in der Küche.

„Dies knappe Sichdurchwinden gibt uns allen den Stempel ‚hart‘,“ sagte Fräulein Doktor. „Wir laufen damit herum, wie mit einem Fabrikzeichen. Nur daß Sie die Dürftigkeit Ihrer Kinderstube frei allen Menschen bekennen durften, während wir als Majorskinder noch vornehm tun mußten. Wenn ich in der katholischen Kirche die Mutter Maria mit den sieben Schwertern ansehe, denke ich an meine Heimgegangene. Die saß bis in die Nächte auf, um uns sieben Reißteufeln die Garderobe „standesgemäß“ in Ordnung zu bringen, und darbte sich alles am Munde ab, um die stärkenden Weine für den immer kränkelnden Vater zu beschaffen. Und später kamen teure Arzneien und nötige Badereisen dazu.

Dazu im Winter die Gesellschaften.

Und doch riß man sich um das Kommißessen bei uns mit dem üblichen Kalbsbraten und der verlängerten Tunke, die noch am andern Tage für sieben hungrige Mäuler reichen mußte. — Denn Mama verstand es, selbst das zäheste Kalb anzudichten, womit ich jetzt wirklich den Braten meine. Wenn auch auf jedem Gedeck ein Gedicht lag für Männlein und Weiblein. Und immer war etwas Besonderes bei uns zu sehen oder zu hören, Mutters unsagbar liebliches Lächeln brachte es fertig, daß Bühnengrößen bei uns sangen, die man in Theater- oder Konzertsälen nur um märchenhaftes Eintrittsgeld hören konnte. Und ich weiß, daß unser verwöhnter Divisionsgeneral unsere Abende besuchte, nur um Mutters Geige singen zu hören.“

„Und Sie sind so vermessen, Ihre Kinderstube mit der meinen zu vergleichen? Fräulein Doktor?“ Hansohm lachte hart auf. „Geschwelgt haben Sie, wo ich darbte. Denn Sie hatten eine gute Mutter. Lernen Sie um, Fräulein Stavenhagen.“

Aus der Küche tönte ein Ruf. Lore Hansohm rief ihre Helfer, und nun trug Bruder Klaus die Suppenschüssel herein und Fräulein Doktor die gewärmten Teller. Immer wenn Konferenzen einberufen waren, richtete Lore ein warmes Abendessen her, und danach wurde musiziert. So pflegte die Kranke unangenehme Vorkommnisse zu verklären.

Es wurde eine sehr gemütliche, ja lustige Schwelgerei in sauren Kartoffeln und Bratklopsen.

Und doch nahm nach dem Abräumen und Abwaschen, bei dem Fräulein Doktor fleißig half, Schwester Lore den Bruder Klaus beim Schopf und sagte eindringlich: „Was du heute zusammengeschwatzt hast! War das nötig? So viel Häßliches hattest du vor mir zu verbergen??“

Da strich ihr der Bruder sacht über das blonde Haar. Dann schritt er zum Spinett, und von nun an sprachen Schubert und Brahms. Mitten in eins der Lieder hinein schrillte der Dreiklang des Glockenspieles an der Haustür, aber Hansohm sang das Lied zu Ende, weil er wußte, so liebte es der Lauscher da draußen.

Erst eine ganze Weile nach dem Schluß trat Direktor Sörensen in das behagliche Zimmer. Und wieder brachte er Blumen mit für die Leidende und für alle drei Menschenkinder eine Fülle von Wärme und Glück. Trotzdem er bis obenhin vollgepackt war mit Ärger und Arbeit und Grimm. Aber alles wollte er hier vergessen. Dazu hatte er das kleine, braune Ding mitgenommen, von dem noch niemand wußte, daß es sein ein und alles war. Bei einer alten Trödlerin in Nürnberg hatte er es gefunden, verstaubt, beschädigt, mit zerrissenen Saiten. Und weil die Trödlerin einen hungrigen Magen und zwei hungrige Augen hatte, gab sie es ihm für fünfzehn Mark.

Sörensen begrüßte herzlich die drei Freunde, dann legte er still ein paar Notenblätter auf das Spinett, und Klaus Hansohm staunte und präludierte leise. Dann wurde die alte Amati ausgepackt. Sörensen spielte. Und wieder zog Feiertagsstimmung in den schlichten Raum. Als Sörensen den Bogen sinken ließ, sah er in blanke Augen hinein. —

„So, — nun bin ich wieder Mensch,“ lachte er glücklich. „Und werde mir gleich einen gefüllten Pfannkuchen einverleiben, von denen Fräulein Lore eine verschwenderische Menge hingesetzt hat.“

Er ließ den Worten die Tat folgen.

„Warum sind Sie so still?“ fragte er nach einer Weile. Er scheute sich, die banale Frage zu tun, ob er etwa gestört habe.

Lehrer Hansohm nahm mit raschem Griff seine Hand. „Warum sagten Sie mir nie...“ stotterte er.

„Daß ich mit Leib und Seel ein Musikant bin? Ich weiß es nicht, Kollege Hansohm. Muß mich erst langsam zum Mitteilen und Abgeben erziehen. Und Sie helfen mir so schön dabei. Heute war es mir wahrhaftig zu eng daheim, deshalb eilte ich her...“

„Zu eng im großen grauen Patrizierhause am Markt,“ brummte Fräulein Doktor mit ihrer tiefen Stimme.

„Und dann kommen Sie hierher in die Weite,“ lachte Lore Hansohm und zeigte auf das kleine Geviert des Stübchens.

„Aber wie Sie es sagen, Herr Direktor, so glaubt man’s Ihnen.“ Klaus Hansohm bot ihm eine Zigarre.

„Wo denken Sie hin?“ wehrte Sörensen ab. „Ich bin zu Schubertliedern eingeladen, dabei wird nicht geraucht. Auch fröne ich nicht der Zigarre, sondern stopfe mir in krausen, unmutigen, schweren Stunden eine Pfeife, — beileibe nie in behaglichen. Die Pfeife bringt mir erst Ruhe und Frieden. Aber jetzt und hier ist mir urbehaglich zu Sinn.“

Lore Hansohm sah dankbar zu dem Riesen auf. Sie fühlte, daß er mit den freundlichen Worten nur an ihr Wohl und an die Rücksicht dachte, die man einer Vielleidenden schuldig sei. Bruder Klaus rauchte nie in ihrer Gegenwart.

Hansohm sang, und seine köstliche Stimme trug die Zuhörer in eine andere Welt. Dann setzte Sörensen wieder den Bogen an und spielte Bach und Mendelssohn und kleine, feine Sachen von Grieg.

Und Fräulein Doktor meinte, wenn aller Schulärger solchen Ausgang hätte, dann möchte sie wohl gern auf Dornen gehen. Sie wurde weidlich von beiden Herren ausgelacht, aber Lore Hansohm nickte ihr strahlend zu, und zu Sörensen sagte sie mit ihrem lieben, sanften Lächeln: „Ich fange jetzt erst an zu leben.“

So rührend klang ihr Geständnis, daß der Bruder sich rasch abwandte, um seine Bewegung zu verbergen.

Als es zehn Uhr schlug auf der kleinen Diele, sprang Fräulein Doktor auf. „Ich bitte mir aus, daß es hier nicht immer so unverschämt gemütlich ist, um zehn Uhr muß ich in meiner Mansarde sein, sonst kann Fräulein Tingleff nicht einschlafen, die unter mir wohnt. Ihr zuliebe habe ich mir wollene Schuhe gestrickt, und husche so auf leisen Sohlen durch meine Räume.“

„Ist die Dame solche liebevollen Rücksichten wert?“ fragte Sörensen. „Aus dem Kollegium hörte ich einige recht harte Urteile über sie...“

„Sie ist eines der wenigen Originale unserer Stadt. Unliebenswürdig im höchsten Grade und ebenso liebenswert. Merkwürdigerweise macht man ja einen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen.“

„Stachlig ist sie, aber herzensgut,“ sagte Hansohm. „Sie prunkt mit ihren Stacheln und schämt sich ihrer Herzensgüte. Ich lernte sie kennen, als der Flügel im Singsaal aufgestellt wurde. Zuerst behandelte sie mich ganz als Schuljungen, aber jetzt nennt sie mich Herr Oberlehrer, nur um ihre Hochachtung zu bezeugen.“

„Wenn ich noch lange hier stehe,“ drängte Fräulein Doktor, „verliert sie aber den letzten Rest Hochachtung vor mir, und das wäre vom Übel. Guten Abend und Dank!“

„Halt, — ich gehe mit,“ rief Sörensen, „halten Sie mich für einen Kanadier?“

Dora Stavenhagen war schon ein Stück voraus, aber seine langen Schritte holten sie rasch ein. „Ja, dies Birkholz im Mondschein ist etwas Bezauberndes,“ rief er ihr zu. „Ich werde Hansohm sagen, er soll seinen Schemel auf die Straße setzen und den Hans Sachs singen ... Schade, schade, daß Sie nicht noch viel weiter wohnen,“ setzte er harmlos hinzu, „heute wäre recht ein Abend zum Wandern.“

„Du großes Kind,“ dachte Fräulein Doktor, „dich wird Birkholz noch ordentlich in die Schule nehmen.“

Aus dem Rathauskeller kamen etliche Herren vom Weinschoppen. Sie grüßten und der kurzsichtige Sörensen dankte. „Haben Sie viel Freunde und Bekannte im Städtchen, Fräulein Doktor?“

„Könnt’ ich nicht sagen. Das Kollegium, Fräulein Tingleff und meine Bücher. Oder richtiger: Meine Bücher, Fräulein Tingleff und das Kollegium.“

„Das ist schade. Das Kollegium sollte zuerst kommen ...“

„Noch vor den Büchern? Bei Ihnen sicherlich nicht, Herr Direktor.“

„Das weiß ich denn doch nicht so genau. Die Bücher sollten die Menschen nicht ersetzen. Wenigstens nicht dem Lehrer. Und ich gestehe Ihnen in dieser verschwiegenen Mondscheinnacht, daß mir von meinen Ahnen eine ungeheure Fülle von Menschenliebe überkommen ist. Da ‚kann ich nicht gegen an‘, wie meine Wirtschafterin zu sagen pflegt.“

„Menschenliebe? Hm. Ja, zu den werdenden Menschen. Ich bin allen Kindern unbeschreiblich gut. Den großen Leuten nicht.“

„Sie machen sich unguter, als Sie sind. Man braucht nur zu sehen, wie Sie mit Fräulein Lore Hansohm umgehen ...“

„Die rechnet nicht. Die Weise, ihre Krankheit zu tragen, ist schon engelhaft. Der große Junge Hansohm wird bald einen guten Fürsprecher beim Herrgott haben...“

„Halten Sie das Leiden für so ernst?“ fragte Sörensen.

„Für sehr ernst. Das Herz flattert nur noch mühsam in seinem Käfig... Klaus Hansohm weiß es schon lange. Deshalb sieht er der Schwester ja alles an den Augen ab, und — ich habe gesehen, wie er sie einmal abends nach einem Anfall in der Stube umhertrug.“

„Die man liebt, auf Händen tragen...“ sagte Sörensen leise, „Kollege Hansohm ist ein sehr glücklicher Mensch.“

„Herr Direktor, wir wandern jetzt schon das zweitemal um den Marktplatz herum, es wird Zeit, daß ich hinaufgehe.“

„Wie zerstreut ich bin. Hoffentlich finden Sie gleich die Wollschuhe. Damit Fräulein Tingleff nicht schilt.“ Er lachte leise und drückte ihr fest die Hand. „Gute Nacht!“

Fräulein Doktor stieg ganz sacht die breite, altertümliche Treppe im Hause Dingelmann und Sohn empor. Aber auf dem zweiten Stockwerk knarrte es doch bedenklich unter ihren festen Füßen, und eben wollte sie die Mansarde erklimmen, als sich die Haustür neben dem weißen Porzellanschild Tingleff öffnete und eine feste Hand sie packte, so daß Fräulein Doktor einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken konnte.

„Schreien Sie nicht, Doktorsche,“ raunte Fräulein Tingleff, die in weißer Nachtjacke und fünfundzwanzig Papierröllchen prangte, die von ihrem grauen Haar umwickelt, „pil in Enn’“ standen. „Wecken Sie meinen alten Verehrer drunten nicht auf. Sonst plagt ihn die Eifersucht, weil er meint, ich hätt’ ein Stelldichein. — Ich konnte heute nicht einschlafen und guckte zum Fenster raus und sah Sie unten mit einem Mannsbild techtelmechteln...“

„Verehrtes Fräulein, ich würde mich doch etwas korrekter ausdrücken!“

„Korrekter??? Direkter!!! Aha! Ich habe recht! Das Leugnen hätte Ihnen auch nichts genützt, ich nahm vorhin mein scharfes Opernglas, trotzdem der lange Sörensen gar nicht zu verkennen ist, wir haben nur den einen Gardisten in Birkholz.“

„Meinen Sie wirklich, ich hätte leugnen wollen?“

„Desto besser. Aber wir wollen hineingehen und noch einen Schnack im Zimmer machen. Auf der Treppe fürchte ich Dingelmanns. Die Dingelmännin sieht immer in den Leuten etwas anderes, als sie sind, sie könnte mich heute in der Nachtjacke für Madame Potiphar halten.“

„Fräulein Tingleff, es ist elf Uhr.“

„Da ich nicht taub bin, hörte ich bereits die dröhnende Rathausuhr. Und wenn Sie nicht zweimal mit Ihrem Sörensen um den Marktplatz geschlendert wären...“

„Auch das haben Sie gesehen?“

„Ich sehe alles, aber nicht mehr. Gott, Doktorsche, ich würde mich noch krummer freuen, als ich schon bin, wenn Sie den Mann kriegten. Sie sind das gescheiteste Mädchen in Birkholz.“

„Und das häßlichste.“

„Nein, den Ruhm nehme ich in Anspruch. Es genügt auch, daß Sie das klügste sind. Sie müssen nicht alles haben wollen. Überdies hat er die Schönheit für Sie mit.“

„Finden Sie ihn schön?“

„Doktorsche, machen Sie um Gottes willen keine Mördergrube aus Ihrem verlangenden Herzen. Na, wie ich über die Mannsleute im allgemeinen denke, wissen Sie ja. Aber wenn Ihr Direktor vor vierzig Jahren zu mir gekommen wäre mit ’ner Anfrage, ich hätte ‚ja‘ geschrien. Damit er sich nur nicht verhörte.“

„Vor vierzig Jahren lebte er aber noch nicht.“

„Das weiß ich, Sie greuliches Geschöpf. Leider. Na, wann geht’s also los? Beichten Sie mal.“

„Fräulein Tingleff, ich darf mir gestatten, Sie eine Kneifzange zu nennen. Das ist ungehörig, ich weiß es. Aber auf das ‚greuliche Mädchen‘ muß ich diesen groben Keil setzen.“

„So gefallen Sie mir. Nur immer von der Leber weg.“

„Schön. Aber nun auch Themawechsel, Fräulein Tingleff. Und ein für allemal: Ich schätze Herrn Sörensen sehr... aber etwas anderes wird nie geschehen, hören Sie? Nie.“

„Wenn Sie dies Gesicht aufsetzen, dann glaub ich Ihnen. ‚Hochschätzen‘, hm! Na, ich wäre jedenfalls mit Hochschätzung nicht ausgekommen. Aber Ihr neuen Frauenzimmer seid ja anders. Bei euch kommt zuerst der Beruf und die Liebe irgendwann oder auch gar nicht.“

Dora Stavenhagen war blaß geworden. Und sie dachte still: „Ach, was du da schwatzest. Ich will meine tiefe, große Liebe umwerten in Segen für die Kinder an seiner Schule...“

„Wenn Sie so verträumt aussehen, Doktorsche, kann man Sie für Vierundzwanzig halten. Wie alt sind Sie eigentlich?“

„Ich bin sechsunddreißig.“

„Also ein Kücken gegen meine Zweiundsiebzig. Sagen Sie mal, was ist eigentlich im Lyzeum vorgefallen? Um das zu hören, habe ich Ihnen eigentlich aufgelauert. Frau Dingelmann, die ja selbst kinderlos ist, erzählte mir, sie habe von ihrem Dienstmädchen gehört, und das habe es wieder vom Provisor der Ratsapotheke, eine Menge Birkholzer wollten ihre Kinder aus dem Lyzeum nehmen, weil...“

„Nun weil?“ drängte Fräulein Doktor gespannt.

„Weil Direktor Sörensen irgendeine Schauderhaftigkeit oder Generaldummheit begangen habe.“

„O das ist schändlich!“

„So? Na, ich dachte mir’s schon, daß das Hühnergehirn des Provisors wieder mal Blasen getrieben habe. Wie der Herre, so’s Gescherre.“

„Die Dummheit ist von einer Lehrerin begangen worden...“

„Dann war’s die Nissen,“ frohlockte Fräulein Tingleff. „Ich habe immer gewußt, daß unser Herrgott sie im Zorn erschaffen hat. Aber daß er auch zuließ, daß sie Lehrerin wurde... Er muß doch ’ne Pieke aufs Birkholzer Lyzeum haben.“

„Was Sie da zusammenreden, liebes Fräulein Tingleff,“ Fräulein Doktor lächelte matt, „... ich glaube, ich muß Ihnen reinen Wein einschenken.“

„Erfahren tu ich’s ja doch,“ brummte Fräulein Tingleff, „der Provisor lauert auf mich.“

„Der Provisor ist ein Esel. Also, Fräulein Nissen hat endlich nach einem ganzen Jahr glücklich herausgebracht, daß die Mädels in der zweiten Klasse noch harmlose, unschuldige — ach, ich weiß ja — kreuzbrave Geschöpfe sind. Die haben zu viel kindische Raupen im Kopf, als daß da noch Platz wäre für irgend etwas Frühreifes. Sie haben keine dummen Bücher gelesen, erst recht keine schlechten, — sie hat überhaupt nichts gelesen, die Bande... Märchen haben sie sich erzählt und selbst ausgedachte Geschichten... ach, meine liebe, zweite Klasse...“

„Weiter, weiter...“

„Ja, sie steckten richtig drin in heiligen Muttermärchen, wie Sörensen sagt...“

„So? Sagt Sörensen?“

„Und die Sörine Heidekamp, die ja immer Sprecher ist, hat ganz rührend, aber voll Überzeugung ihre Storchweisheit ausgekramt und hat schließlich auf die energisch ausgesprochenen Einwendungen der Nissen hin mit Tränen in den Augen gerufen: ‚Aber das ist doch der Unterschied zwischen Mensch und Tier. In Urzeiten hat Gott große, weiße Vögel ausgeschickt, und die haben die Kindlein zur Erde getragen. Später sandte er Engel... aber das haben die bösen Menschen nicht verdient, da schickte er Störche, die mußten dann noch Schmerzen zufügen ... Und die Tiere, ja die kommen aus sich selbst. Das hab ich in Heidekamp schon manchmal gesehen...‘ Fräulein Tingleff, so hat es mir die Agnes Asmus erzählt. Das ist ein über ihre Jahre ernstes Kind, — es wird alles richtig sein.“

„Und die Nissen? Die Nissen?“ stöhnte Fräulein Tingleff und packte beide Hände ihres Gastes.

„Mit ihrem ganzen Rüstzeug hat sie dreingeschlagen. Mit Keulen des Hohnes, mit den Schwerthieben ihres ausgesucht greulichen Lachens, mit Lanzenstichen der Ironie ... Und dann ist sie zum Schluß in der Pflanzenkunde recht deutlich geworden...“

„Himmelkreuzmohrenmordselement!“ fluchte das alte Fräulein Tingleff. — „Man möchte zum Bürgermeister laufen und den alten Pranger von seinem Oberboden holen. — Nun und wie verhält sich der Direktor?“

„Sie fragen noch? Wie ein Ehrenmann, der für die Rechte der Mütter eintritt. Er muß selbst eine sehr geliebte Mutter gehabt haben oder noch haben, nur so kann ich mir die Zartheit erklären, mit der er Frauen, ja selbst seine Schülerinnen behandelt.“

„Ich muß den Mann kennen lernen,“ sagte Fräulein Tingleff energisch. „Er soll abends den Tee bei mir trinken und mit mir Schach spielen.“

„Dr. Sörensen geht fast gar nicht aus...“

„Tatata, zu mir wird er kommen. Ich werde ihm meinen Besuch machen, dann muß er...“ Das alte Fräulein sah triumphierend aus. „Aber nun geh’ ich ins Bett, Doktorsche, Ihre Neuigkeiten sind mir in den Magen gefahren und schreien nach Baldriantropfen. Gute Nacht. Ziehen Sie oben sofort Ihre Pampuschen an und husten und niesen Sie nicht. Dingelmanns Haus ist zu leicht gebaut.“

Lachend versprach Fräulein Doktor größte Vorsicht, und dann trennten sich die beiden Hausgenossen.

Aber beide sahen, ehe sie sich zur Ruhe begaben, noch einmal nach dem alten Patrizierhause hinüber. Es lag ganz dunkel und Fräulein Tingleff stieg beruhigt in ihr riesiges Himmelbett. Aber Dora Stavenhagen wußte, daß das Studierzimmer des Direktors nach dem Garten herauslag, und daß wohl heute die grüne Schirmlampe noch lange brennen würde. —

** *

Sörensen saß über dem Stoß von eingelaufenen Briefschaften. —

Die Birkholzer, die er durch sie kennen lernte, waren streitbare Leute, kernfestes Holz. Und viel Gemüt und Humor wehte durch all den grimmigen Zorn und zornigen Grimm, der in den Schreiben niedergelegt war. Überall war das Herz mitverwundet neben dem Recht. Als der Direktor alle Briefe durchgelesen, nahm er lächelnd einen besonders großen Bogen noch einmal vor und las ihn zum zweiten Male:

Geehrter Herr Direktor!

Dazu ist die Mutter da. Wollen Sie dieses mit einer schönen Empfehlung an Ihr Fräulein Lehrerin Nissen bestellen? Und wollen Sie ihr außerdem fragen, wo sie es denn gar so genau herweiß? Geehrter Herr Direktor, wir haben unsere Kinder Gott sei Dank so erzogen, daß sie mit ihre Leiden und Freuden zu ihre Mutter kommen. Und unsere Älteste, die Martha, die nun Gott sei Dank schon verheiratet ist, hat schon mit zwölf Jahren allerhand gefragt, aber die ging auch in die Volksschule, wo andere Kinder beieinander sind als im Lyzeum. Aber damals hatte sich unsere Schlosserei auch noch nicht so gehoben wie jetzt, wo wir zwei Gesellen und vier Lehrlinge haben, und was dranwenden können an Englisch und Französisch für unsere Jüngste in der zweiten Klasse Ihrer geehrten Schule. Ich habe meine Martha also über Verschiedenes reinen Wein eingeschenkt, weil sie mit vierzehn Jahren dienen sollte und noch ein ganzes Kind war. Aber über die ganz ernsten und verzwickten Sachen habe ich erst mit ihr gesprochen, als sie sich mit unserm Altgesellen verlobte, und die Sache brenzlich wurde. Ist aber ein braver Mensch und glückliche Ehe, auch gutgehendes Geschäft Steingasse 4, wenn Herr Direktor mal Bedarf haben an Reparatur. Aber die Meta ist noch nicht verlobt, sondern ein rechtes Kind nach Gottes Herzen und unsere ganze Freude. Es hat niemand von uns gestört, daß sie noch pickfest an den Storch glaubte. Und außerdem hat mein lieber Mann unsern Kindern gesagt: „Was ihr auch von andern Leuten hören mögt so über kleine Kinder oder auch über Eheleute und über Liebessachen, denkt dran, daß alles vom lieben Herrgott kommt und von ihm eingesetzt ist. Denkt dran, daß alles, was aus rechter, wahrer Liebe kommt, heilig ist. Denn die Liebe ist größer als Glaube und Hoffnung hat Christus gesagt. Und wer euch etwas Unheiliges erzählt, der ist ein schlechter Mensch, da müßt ihr rasch fortlaufen.“ Geehrter Herr Direktor, mein Mann kann die Worte viel besser setzen als ich und würde auch heute dies geehrte Schreiben besorgt haben, wenn nicht das alte Kunstschloß am Rathaus entzwei gegangen wäre und er da selbst eigenhändig bei müßte. Ich beschließe diesen Brief und sage nochmal, was Fräulein Nissen da den Kindern vorgeschwatzt hat, das geht sie nichts an, sondern nur meinen Mann und mich. Und sie soll erst mal selbst Mutter werden. Nur wir Mütter haben das Recht, unsern Kindern die Wahrheit zu erzählen. Und wo keine Mutter ist, da ist wohl noch eine Großmutter. Eine unverheiratete Lehrerin muß still zuwarten, bis sie dran kommt. In der zweiten Klasse hat sie niemand drum gebeten. „Und was deines Amtes nicht ist, da laß deinen Fürwitz.“

Achtungsvoll

Frau Schlossermeister Steinicke.

Als Direktor Sörensen am Sonntag nachmittag von seinem Heidespaziergang zurückkehrte, wartete seiner eine große Überraschung. Vor seiner Tür hielt der Heidekampsche Kraftwagen, und in seinem Arbeitszimmer saß der alte Freiherr.

Als Sörensen hereintrat, stand der Besucher mühsam auf, um ihn zu begrüßen, und stützte sich schwer auf seinen Stock. Aber bis auf sein lahmes Ischiasbein war der Hüne ein Urbild von Rüstigkeit. Zweiundachtzig Jahre! Und dabei lag sein schneeiges Haupthaar voll und fast üppig über der hohen, klugen Stirn, und seine scharfen, blauen Augen schienen durch Mauer und Holz zu sehen, wie die der Enkelin. Ein langer, weißer, sorgfältig gepflegter Patriarchenbart vervollständigte die Ehrwürdigkeit des Greisenantlitzes, dem Adlernase und buschige Brauen große Kühnheit gaben. —

Diesen reckenhaften Mann in Verlegenheit und als Bittenden zu sehen, hatte etwas Rührendes. Sörensen wollte ihm rasch darüber hinweghelfen, aber er schien die Gewohnheit zu haben, seine Suppen allein zu löffeln.

„Es geschieht mir schon recht,“ sagte er, „daß ich jetzt persönlich als Ratheischender zu Ihnen kommen muß, Herr Direktor, da ich doch Ihren Besuch eigentlich nur mit meiner Besuchskarte erwidern wollte. Will Ihnen gern gestehen, daß ich auch noch gestern gar nicht dran dachte, herzugehen. Und Frauenzimmerrat mocht ich mir auch nicht holen. Zuerst wollte ich Fräulein von Schlieden, alias Grauchen, zu Ihnen schicken. Dann verwarf ich’s wieder. Die alte Dame hat zu himmelblaue Ansichten, auch würde sie glatt vor Scham gestorben sein, wenn Sie, der unbeweibte Mann, mit ihr das Aufklärungsthema angeschnitten hätten. — Also mußte ich selbst ’ran. Aber nun werden Sie mir böse werden, Herr Direktor, Gott, ich kenne ja die Lehrerschaft und den Schulmonarchendünkel und das Bestreben bei Ihnen, daß nur ja alles nach der Ochsentour geht...“

„Herr von Heidekamp,“ fiel Sörensen ein, „ich kann doch unmöglich annehmen, daß Sie mich hier in meinem eigenen Hause beleidigen wollen...“

„Na, sehen Sie, Herr Direktor, da fängt’s ja schon an. Ich bin ein schlechter Diplomat. Also ich wollte nur sagen, ich bin nicht zuerst zu Ihnen gekommen, sondern war erst beim Lehrer Hansohm. Der Mann steht meinem Empfinden nahe, ein prächtiger, junger Kerl. Habe ihm heute eine Generalsekretärstelle bei mir angeboten, aber er will lieber bei 2000 Mark inmitten seiner geliebten Schulkinder verhungern, — na, das ist Geschmacksache. Aber er wollte mir auch durchaus keinen Rat erteilen, sondern verwies mich sofort an Sie.“

„Das ist schade, Herr von Heidekamp. Lehrer Hansohm ist ein heller Kopf, mit scharfem Verstand und einem warmen Herzen. Ich würde selbst zuerst zu ihm gehen, wenn ich mir in Birkholz Rat holen wollte.“

„Herr Sörensen, ich bin erstaunt. Sie zwingen mich zum Umlernen, und ich bitte Sie um Entschuldigung, wenn ich da vorhin etwas grob war. Ich muß aber sagen, es passiert mir zum erstenmal, daß ein Schulleiter nicht ‚fünsch‘ wird, wenn man zuerst zu seinem Untergebenen läuft und dann erst zu ihm.“

Sörensen lächelte. „Ich bin als Oberlehrer in guter Schule gewesen. Da habe ich gelernt, mich in erster Linie als Mitglied des Kollegiums, erst in zweiter als Direktor zu fühlen.“

Herr von Heidekamp staunte. „Merkwürdig, merkwürdig,“ sagte er kopfschüttelnd und sah Sörensen ganz steuerlos an. Aber dann wurde mit einemmal sein schönes, altes Gesicht freundlich und seine Stimme klang frohmütig: „Einen Irrtum einzusehen, dazu ist man ja nie zu alt. Geben Sie mir erst einmal Ihre Hand, Herr Direktor...“

Erne Sörensen drückte fest die dargebotene Rechte.

„Herr von Heidekamp, — ich fühl’s, es wird Ihnen schwer, zur eigentlichen Sache zu kommen, vielleicht doppelt schwer, weil Sie eben wohl erst entdecken, daß ich ein Freund Ihrer Sörine bin... Sie würden herzhafter reden, wenn Sie zu einem vielgeschmähten ‚Schulmonarchen‘ sprächen... wenn Sie — — verwunden könnten ...“

„Sie sind ein Menschenkenner,“ knurrte der alte Freiherr und brach dann plötzlich los: „Herrrr! was hat man in Ihrer Schule aus meiner Sörine gemacht???“

Sörensen drückte ihn begütigend in den bequemen Ledersessel zurück und schob einen weichen Schemel unter das kranke Bein.

„Hoffentlich etwas Gutes,“ beantwortete er sich niedersetzend die Frage des alten Herrn. „Die Verfehlung der Klassenlehrerin hat mich selbst schwer verletzt. Was gäbe ich darum, sie ungeschehen zu machen. Aber die zweite Klasse wird sie selbst verwinden, es steckt ein prächtiger Geist in ihr...“

„Mensch, Direktor, Herr Sörensen! Was sagen Sie da? Wie kommt Saul unter die Propheten? Hat mir nicht Sörine immer geklagt, daß ihre Klasse verfemt sei und mußte ich nicht zuletzt selbst dran glauben?“

„Sörine sprach von Zeiten, die vergangen sind.“

„Ja, Herr Direktor, und nicht wahr, ein neues Morgenrot bricht an? Aber — aber, davon wollt ich ja nicht sprechen. Ich — ich wollte ja schimpfen, — ich wollte ja dieses — dieses — Fräulein Nissen, es fehlt mir ein parlamentarischer Ausdruck...“

„Lassen Sie es gut sein, lieber Herr von Heidekamp, ich möchte nichts dergleichen anhören... Aber fragen möcht’ ich, wie Ihre Enkelin die Sache trägt, ich bin unablässig in Sorge um sie...“

„Ich habe Sörine noch nicht gesehen seit jenem Tage,“ sagte der Freiherr. „Donnerwetter, das ist hart für mich alten Kerl, der von ihrer frischen Jugend zehrt. Grauchen enthält sie mir vor...“

„Ist Sörine krank?“

„Ich weiß es nicht. Seelisch wahrscheinlich auf dem Hund. Guter Gott, wenn mir doch nur mal dies Fräulein Nissen begegnete...“

„Lieber nicht, Herr Baron. Aber was tut denn Sörine zu Hause?“

„Zu Hause nicht viel. Sie reitet in die Wälder und liegt in der Heide...“

„Und versäumt die Schule.“

„Ja, Herr Direktor, Sie verlangen doch nicht etwa, daß das Mädel vor den Osterferien sich noch zu Füßen dieses, dieses, hm, Fräulein Nissen niederlassen soll? Der sie in der ersten Klasse dann doch Gott sei Dank entrinnt?“

„Ja, das verlange ich allerdings. — Herr von Heidekamp, Sie hätten ja Ihre Sörine abmelden können, — das würde ich sehr bedauern, aber ich könnte es verstehen. So lange sie aber Schülerin des Lyzeums ist, so lange muß sie sich den Bestimmungen der Schule fügen...“

„Herr Direktor, — Lehrer Hansohm hat mir von Ihrem zarten Verstehen der Mädchenseele gesprochen...“

„Das hat wohl nichts mit meiner Forderung zu tun. Ich erwarte morgen Ihre Enkelin. Eine Haupttugend von Sörine ist ja ihre Unerschrockenheit und Tapferkeit... ich möchte mich nicht darin getäuscht haben. Aber wir sind immer noch nicht zum Kernpunkte Ihres Besuches gekommen, Herr von Heidekamp. Sie haben noch etwas auf dem Herzen...“

„Ja. Ich bin ein alter Mann. Und das Grauchen ist auch alt, — meine lüttge Sörine ist wohl deshalb weltfremd und doch recht altklug geraten. Aber alles Jungvolk lehnte sie ja immer ab. Und lief nach wie vor einspännig in der Welt herum. Ob das meine geliebte Schwiegertochter Lore, die Mutter Sörines, vorgeahnt hat? In meinem Sekretär liegt ein Heft, in einem versiegelten Umschlag verwahrt, auf dem steht: ‚Meinem Kinde an seinem 17. Geburtstage zu geben.‘ Herr Direktor, Sörines Mutter war etwas Besonderes. Jedem Menschen geht etwas ab, dessen Lebensweg sie nicht gekreuzt hat. Ein Kind Gottes war sie. In ihren letzten Lebenstagen hat sie mitten aus Fieberträumen heraus mich an das kleine Heft gemahnt. Sie konnte nicht zur Ruhe kommen: ‚Arme Sörine, keine Mutter, keine Mutter — — —‘ Das war ihr Stammeln, ihre Sorge, die sie nicht einschlafen ließ...“

„Geben Sie Klein-Sörine dies Muttervermächtnis jetzt schon,“ sagte Sörensen eindringlich und faßte beide Hände des Greises.

„Herr Sörensen, für dies Wort sollen Sie Dank haben. Es kam so unmittelbar aus Ihrem Empfinden heraus, ehe ich um Ihren Rat bat. Es wird das Rechte sein. —“

„Ja,“ sagte Sörensen tief aufatmend. „Grobe Hände haben den Schleier von Sörines Kindereinfalt gerissen, — sanfte Mutterhände werden die Wunden verbinden. Herr Baron, ich freue mich, morgen wieder eine tapfere Schülerin zu sehen.“

Der alte Herr erhob sich. Erne Sörensen half ihm liebevoll dabei. Die klaren Augen des Greises sahen unverwandt in die des Goliath, der ihn noch um Etliches überragte.

„Sie scheinen noch nicht ganz fertig mit mir zu sein?“ lächelte Sörensen.

„Noch längst nicht,“ meinte zögernd der alte Herr, und setzte humorvoll hinzu: „Ich hoffe, wir werden niemals miteinander fertig. Heute aber wollt ich fragen: Wollen Sie mich nicht begleiten? Ein langer, schöner Sommerabend liegt vor uns... nicht wahr, Sie antworten mir nicht, daß ja Lehrer nicht über meine Schwelle kommen sollen, erinnern mich nicht an den törichten Ausspruch...“

„Nein, nein, sicher nicht. Ich komme mit,“ rief Sörensen in raschem Entschluß. „Die Hauptsache ist ja doch, daß ich über die Schwelle Ihres Vorurteils gekommen bin.“

Er gab dem Freiherrn den Arm, dieser stützte sich schwer darauf. In der Küchentür stand knixend Frau Dietz.

Der Freiherr streckte ihr die Hand hin. „Ich habe da vorhin eine Bekanntschaft erneuert. Marianne Witt war ja viele Jahre in meinem Hause, bis der Dietz sie uns fortschnappte.“

„Zu meinem Schaden,“ sagte Frau Dietz trocken. „Aber man soll von den Toten nichts Übles reden.“

Sie stand dann noch am Fenster und sah, wie die beiden Herren davonfuhren. „Es war eine schöne Zeit,“ sagte sie zu sich und wischte sich die Augen. „Aber die bessere kommt jetzt. Ich möchte niemand mehr für meinen Herrn Direktor eintauschen.“ —

** *

Sonntag abend.

Ein reicher Tag heute. Die köstliche Frühpredigt des Diakonus Heinrich, das Plauderstündchen mit Philemon und Baucis. Der Spaziergang in die Heide, der geliebten Kraftspenderin. Und dann — dies Heidekamp. Hab’ Dank, guter Herrgott, daß du diese Trostquelle, diesen köstlichen Brunnen für mich bereit gehalten hast. Es war ein Abend, wie ich noch keinen in Birkholz erlebte. —

Von meinen Ahnen habe ich dort erzählen dürfen, die streitbare Großmutter Gesine wurde gleich zur Freundin des Alten. Und von meinem Vater habe ich erzählt, von der Schusterkugel, die über dem Haupte des Spintisierers leuchtete, von meiner guten Mutter, der Waschfrau. In welche neue Welt da meine Schülerin Sörine hineinstaunte!

Ach, ihr großen, lieben Kinderaugen! Die seit einigen Tagen noch ernster geworden sind... Immer wieder packt mich der Zorn, wenn ich daran denke. daß man diese süße Reinheit so plump hat verstören wollen. — Kleine liebe Sörine! Du tust mir eine neue Welt auf.

Wunderlich ist die Erziehung des Großvaters gewesen. Aber das Ergebnis ist prächtig. Grauchen und ich sind gute Freunde geworden. „Wir haben beide die Sörine lieb,“ sagte sie zur Erklärung. Alle brachten mich dann zum Wagen, der mich spät am Abend über die weite Heide fuhr. „Ich komme morgen,“ rief mir Sörine leise zu, „ich will tapfer sein...“

Kleine Sörine, ich zweifle nicht daran. Und ich will versuchen, dir eine große Freude zu bereiten. Die lieben Menschen da draußen haben mich mit einer Mission betraut, ich will sie ausführen. Die Agnes Asmus soll ich nach Heidekamp holen. In jenem Hause voll Liebe, Güte und Kraft wird das scheue, gequälte Mädchen genesen... welch herrliche Aufgabe, alter Erne Sörensen. Alt? — Wie wir heute da draußen Pläne schmiedeten, spitzbübisch und spitzfindig und dabei lachten und uns an Einfällen gegenseitig überboten, Erne Sörensen, da warst du jung... Welch wunderliches Frohgefühl, zu wissen, daß ein reiner, gleichgestimmter Akkord zwischen mir und dem Jungvolk schwingt. —

Dienstag abend.

Es ist mir nicht gelungen. Mit leeren Händen stehe ich vor dem alten Heidekamper und mit ödem Kopfschütteln vor den fragenden Augen der jungen Sörine. Sie glaubte felsenfest, daß ich die Eltern Asmus bereden müßte. Aber es war ordentlich wie ein Triumph in jenen beiden, daß ich wohl als Direktor dem Lehrer Asmus etwas zu befehlen hätte, aber niemals dem Vater. Ich habe zur herzlichen Bitte gegriffen, habe ihnen das schöne, reiche Heidekamp gezeigt, die sonnige Freundschaft zwischen Sörine und Agnes. Und wenn sie noch irgendwelche Befürchtungen ausgesprochen hätten, die ich zerstreuen konnte, — nichts, nichts dergleichen. „Wir wünschen es nicht,“ sagte Frau Asmus, und der Kollege nickte wie ein Pagode. Als ich auf die Sonne in Heidekamp hinwies und auf den Schatten der Galgenstraße, da las ich etwas wie Mitleid in des Vaters Zügen, und an dies schattenhafte Mitleid versuchte ich immer wieder heranzukommen. Aber es half mir nichts. Der Einfluß des greulichen Weibes war stärker. „Ich gehe ja täglich mit Agnes in die Heide,“ sagte sie verbissen, „und wenn sie davon nicht wohler wird, müssen wir sie eben aus der Schule nehmen...“ Nur das nicht. Das muß ich zu allererst verhindern. Wenn ich je dem Vater Asmus näherkommen sollte, will ich versuchen, ohne daß er’s merkt, ihn zu bestimmen, daß Agnes das Lehrerinnenexamen macht. Ich kann ihr durch die Schule viel Freuden geben, aber die Stiefmutter darf nicht merken, daß ich dahinterstecke.

Wie häßlich ist das alles. Wenn die Verhandlungen wenigstens nur zwischen den Eltern und mir stattgefunden hätten! So aber war das arme Mädel dabei, und ich selbst war verurteilt, in ihrem Gesicht die Erwartung, die Freude, die Enttäuschung und den Jammer zu erleben.

Nun habe ich an den Heidekamper geschrieben. Denn der Sörine in das erwartungsvolle Gesichtchen hineinzusagen, daß die Freundin nicht Hausgenossin werden darf, sondern in der Galgenstraße weiter nach Sonne und Liebe hungern soll, — Sörensen, dazu fehlte dir der Mut. —

** *

Ostersonntag abend.

Heute habe ich einen rechten Osterspaziergang gemacht.

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche...“, es war köstlich.

Und wie manche Tage grau in grau fließen, so war dieser klarblaue Himmelstag auch innerlich voll sonniger Schöne. Im Heideforsthaus hatte ich mir mein Mittagsmahl bestellt, denn Frau Dietz ist beurlaubt. Und kaum dort angekommen, sah ich von der Fahrstraße her eine vorsündflutliche Kalesche, eine wahre Kajüte, heranrollen, der mit steifer Grandezza das Original von Birkholz, Fräulein Tingleff, entstieg. Da die mir bis dahin unbekannte Dame lahm ist, sprang ich zu und half ihr. Da sagte sie mir mit sehr komisch wirkendem Ernst, daß ich ihr kein Fremder sei, da sie jede Nacht von mir träume. In der weitbauchigen Kutsche hatte sie noch Fräulein Doktor, Lore Hansohm und — Agnes Asmus verstaut. Frauen sind doch geborene Verschwörer, und in Klaus Hansohm hatten sie den dazu passenden Jesuiten gefunden. Da meine Mission so kläglich gescheitert war, wollten die Verbündeten wenigstens den kleinen Freundinnen ein schönes, gemeinsames Osterfest verschaffen. Hansohm stand im Garten und redete eifrig auf die Frau Försterin ein. Dann sah ich ihn ebenso eifrig am Fernsprecher und, — so konnten schon „das Grauchen“ und Sörine am Mittagsmahl teilnehmen. — Und die Frau Försterin kochte eine Stiege frische Eier, und du, alter Erne Sörensen, saßest eifrig mit Klaus Hansohm beim Färben, während die Frauen der Försterin halfen und den Kaffee kochten, den Tisch deckten und ihn mit Tannengrün und Wacholderreis schmückten. Und du warfst kühne Zeichnungen auf die Ostereier und schriebst Namen darauf, und Kollege Hansohm malte winzige Noten zu kleinen Liedanfängen...

Leise kam wieder die Jugend zu dir und kränzte dich, lockte und fragte...

Und du gabst dich ihrem Zauber hin an diesem lichten Frühlingstag, da der liebe Gott durch den Wald ging... Wie die frohen Kinder habt ihr dann mitsammen Ostereier gesucht. Ach, war das schön, Erne Sörensen!

Bis der fröhliche Abschied kam und die stille Besinnlichkeit. Nicht ein Wort habt ihr beide, Klaus Hansohm und sein Direktor, auf dem langen Heimweg gesprochen.

Ihr dachtet an zwei frohe, junge Menschenkinder. Das eine hielt in den schlanken Mädchenhänden die Zügel des feurigen Pferdchens und fuhr sicher das ihm anvertraute Grauchen vor das Herrenhaus zu Heidekamp.

Das andere hatte seinen müden Kopf an die Schulter des alten Fräulein Tingleff gelehnt und schlummerte wohl in der Urväterkalesche. Aber es durchträumte und durchlebte sicher noch einmal den strahlenden, liebewarmen Ostertag. Den ersten in seinem sonnelosen Kinderleben.

** *

Das Lehrerkollegium hatte sich zu einem längeren Spaziergang nach den „sieben Steingräbern“ verabredet. Es war in diesen Osterferien niemand verreist, und so fand die Anregung lebhaften Anklang. Das in der Nähe der Steingräber gelegene Wirtshaus „Zum Birkenpilz“ wollte für gute Verpflegung sorgen, und Klaus Hansohm, den man als Jüngsten zum Vergnügungsdirektor ernannt hatte, machte treulich jeden Tag den stundenweiten Weg, um seinem Amt gerecht zu werden. Seine Schwester Lore freilich, die ließ er heute bei einer Handarbeit und einem guten Buch zu Hause zurück, auch mußte er „seinen Sörensen“ entbehren, der sich der Allgemeinheit widmete. Man sah dessen hohe Gestalt neben der kleinen, vergrämten Frau Oberlehrer Kahl wandern und hörte sein sonores Lachen.

Klaus Hansohm hatte sich seinen Platz neben Fräulein Doktor gesichert. Professor Traute ulkte ihn daraufhin ziemlich plump an, aber er parierte schlagfertig: „Herr Professor, ich zeige ja damit nur, wie sehr ich hoffe, daß das Akademische auf mich abfärbt. Und bei einer Dame geschieht es natürlich sanfter, als wenn ich den Weg in Ihrer schätzenswerten Gesellschaft zurücklegte.“

„Dor rük an,“ lachte Fräulein Doktor. Und als Traute sich ärgerlich entfernt hatte, meinte sie: „Sehen Sie mal, Kollege, wie die Parteien so hübsch gesondert marschieren. Mir tut der Direktor schändlich leid. Was gibt er sich für Mühe, die krausen Köpfe unter einen Hut zu bringen.“

„Die krausen sind noch die besten,“ brummte Hansohm und zeigte auf seinen eigenen vollen Scheitel, „aber die kahlen, — Gott soll mich bewahren. Und sehen Sie, wie unser Sörensen sich der schüchternen Frau Kahl annimmt. Die wird den heutigen Tag mit Rotstift buchen, und ihr Mann wird morgen doppelt greulich zu ihr sein.“

„Guter Gott,“ rief Fräulein Doktor, „können Sie sich den Kahl überhaupt vorstellen, daß er mal verliebt war? Mal geworben hat? Mal den Ritter spielen mußte? ‚Kahl‘! Ich finde, schon der Name paßt, wie angegossen. — Kahl von allen Idealen, bar jeglichen Reizes...“

Hansohm stieß einen Pfiff aus. „Der Kahl soll früher den Schwerenöter gespielt haben...“

„Sie fabeln, Hansohm. Der Mann ist nur aus Neid, Gift und Galle zusammengesetzt. An der Stelle des Herzens sitzt die Anciennitätsliste.“

„Und doch hätte Molière seinen Tartüff nach ihm formen können...“

„Kollege, wenn Sie so orakeln, gefallen Sie mir gar nicht. Auch machen Sie an diesem Frühlingstag ein Gesicht, als hätte Ihnen die gute Lore nicht genug Mittagessen gegeben.“

„Daran fehlt’s nicht,“ sagte Hansohm. „Aber ich denke an die Agnes Asmus. Die sitzt in der Dunkelheit ihrer erbärmlichen Straße. Zu Lore zu kommen, hat man ihr verweigert, seit die Eltern erfuhren, daß wir neulich ein wenig Vorsehung gespielt haben.“

„Hansohm, können einem da nicht Krallen wachsen?“

„Ja wahrlich. Ich komme mir oft schon wie der Hoffmannsche Struwwelpeter vor. Und besonders, wenn ich sehe, wie der kinderlose Kahl den Kollegen Asmus in seiner hirnverbrannten Pädagogik unterstützt.“

„Kahl und Pädagogik!“ rief Fräulein Doktor wegwerfend. „Wissen Sie, wie er überhaupt dazu gekommen ist, Lehrer zu werden?“

„Nein, das ist wohl jedem schleierhaft. Ich denke mir, das Birkholzer Lyzeum just unter dem Direktor Clausen war die einzige Stätte im Deutschen Reich, wo er seine Unkenntnisse verwerten konnte.“

„Hansohm, Sie sind das reinste Reibeisen. Und wir andern, die wir auch schon unter Clausen segensreich wirkten?“

„Wir hatten alle unsere Gründe. Muß ich jeden einzeln nennen?“

„Nein, ich weiß Bescheid,“ nickte Fräulein Doktor ernst. „Was ist übrigens Frau Professor Traute für ’ne Frau? Es ist ganz interessant, sie mal alle hier im Grünen beisammen zu haben. Daß Frau Kahl eingeschüchtert, gedrückt und jasagend ist, weiß ich noch von früher und wundere mich nur, daß sie sich bei dem Manne nicht längst aufgehängt hat. Es gehört ein Grad von persönlichem Mut dazu, die Frau dieses Menschen zu sein, den ich jedenfalls nicht aufbringen könnte.“

„Vielleicht hat sie ein Gelübde getan,“ meinte Hansohm lachend. „Übrigens fragten Sie mich nach Frau Traute. Sie ist heute undurchdringlich. Ich habe sie nur schweigen hören. Im übrigen gehört sie zu den Menschen, die sich nie freuen können, weder mit sich selbst, noch mit andern. Mein Gewährsmann ist Fräulein Tingleff. Die sagt, Frau Traute nährte sich von Unglücksfällen. Jedes glückliche Haus sei ihr verhaßt, eine strahlende Braut, ein seliger Bräutigam bedeute einen Pfahl in ihrem Fleisch. An dem Tage, da das Bankgeschäft von Manheimer fallierte, habe ihr Frau Traute den ersten Besuch gemacht, um ihr die Schreckensbotschaft zu bringen in der Annahme, daß Fräulein Tingleff ihr Geld dort habe. Da sich dies als ein Irrtum erwies, habe sie sich verärgert zurückgezogen.“

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