← Table of contents
Das liebe Nest

89Dritter Teil

Reading edition

90

91

Widmung

Klänge wachsen auf den Wegen im Gebüsch, im jungen Grün; alle meine Melodien möchte ich mit leisem Segen abends auf dein Kissen legen. Wilde Blumen, seltne Früchte: was der reife Sommer bringt, möcht ich in dein Zimmer tragen, sollst mir keine Antwort sagen— Still—der Traum versinkt—verklingt.

Sonne

Sonne scheint draußen und scheint in die Stube, unten am Boden kugelt mein Bube, greift nach den schimmernden, flimmernden Stäubchen; ich sitze am Fenster und nähe ein Häubchen, ein ganz kleines Häubchen aus weißem Batist. Ob's wohl ein Mädel ist?— Und hat's seine Augen, seinen trotzfrohen Sinn, dann weiß kein Mensch, wie glücklich ich bin! Bloß Er—Er—sein liebes Gesicht— — "Na, Bub? Hast du die Sonne noch nicht?"—

92

Marienlied

Maria herzt ihr Kindlein und küßt sein rotes Mündlein; sie weiß es nicht, daß einst zu Golgatha sein Kreuz wird aufgericht't. Der Wind mit Blumendüften tut des Kindes Härlein lüften; nicht weiß der Wind, daß einst zu Golgatha unschuldig Blut verrinnt. Sein Lämmlein kommt gesprungen, spielt um den holden Jungen; sieht nicht von fern, daß man zu Golgatha einst höhnt den lieben Herrn. Ihr sorgend Mutterherzen müßt es fein still verschmerzen; ihr wißt es nicht, wann eurem teuren Kindlein sein Kreuz wird aufgericht't.

93

Korsisches Wiegenlied

Schlafe, mein kleiner Wildling, du schlankes Reis, schlaf ein; draußen im Mondschein die Pappel sieht auf dein Bett herein. Träume, mein heißer Wildling; was ballst du die kleine Faust? Kühl geht der Wind durchs Fenster, die hohe Pappel braust. Wachse, mein trotziger Wildling, wachse dich hoch und frei, horch auf die herrischen Stürme und des Adlers stolzen Schrei! Räche mich, Sohn meiner Wildheit, räche den Mutterleib, Schärfe den Dolch und töte, töte das fremde Weib!

Königskind

—1—

Schlafe ruhig, Königskind; wie im Traume singt der Wind, schweigend sitzt der Mond zu Haus, 94gießt die weißen Strahlen aus, gießt sie über das weite Land, über Wald und Hügelwand. Taube gurrt im dunklen Laub, Käfer surrt und fliegt auf Raub, Fischlein steht im Wasser still, weiß nicht, ob es schwimmen will. Was dir auch das Leben spinnt: träume, Königskind!

—2—

Ein Vogel flog aus dem Heimatland, er flog wohl sieben Tage lang über fremde Wälder und Seen; da wurden ihm die Flügel lahm, und als er ans große Wasser kam, konnt er nicht weiter. Ein Mägdlein mußte von Hause fort, in ein fernes Land an fremden Ort, so bang und alleine. Die Mutter gab ihr drei Tropfen Blut: Tochter, liebe Tochter, wahre sie gut, sonst trifft dich ein Unheil. 95Das Vöglein fiel aus der Höh herab, brach die Flügel beide und fand sein Grab im öden Lande; das Mägdlein verlor der Mutter Blut, verlor den Weg und verlor den Mut und irrt in der Fremde.

—3—

Waldtaube saß gefangen, Kuruh, das Vögelein, wohl hinter Gitter und Stangen; da ließ das Köpflein hangen Kuruh das Vögelein. Waldtaube saß am Gitter, Kuruh, das Vögelein, da kam ein blauer Ritter, ein Falke an ihr Gitter: Kuruh, mein Vögelein. Und bist du auch gefangen, Kuruh, mein Vögelein, meine Liebe zerbricht die Stangen, zu dir will ich gelangen, Kuruh, mein Vögelein. 96Mit seinen starken Fängen tat er das Gitter aufzwängen, Kuruh, mein Vögelein. Sie breiteten aus die Flügel, flogen weithin über die Hügel, grad in die Sonne hinein, Kuruh, mein Vögelein.

Heimweh

Quellchen geht in den Rauschebach, Bach geht in den Fluß, Fluß geht vorbei am Elternhaus, Mütterchen hört seinen Gruß; grüße mir, Quellchen, grüße mir fein Vater und Mutter, vergiß es nicht, nein? Vater pfeift seinem Hühnerhund, Mutter sorgt für den Herd, Schwesterchen gießt ihre Tausendschön, Bruder zäumt sich sein Pferd; grüße mir, Quellchen, ich bin so allein, Bruder und Schwester, vergiß es nicht, nein?

97

Elfenreigen

Eia, wir Elfen, wir kommen und helfen, eh du's gedacht, Kind, eh du's gedacht. Wir kommen im frommen Geleuchte der Nacht, Gewänder und Bänder vom Monde erdacht; wir schweben und heben im Reigenspiel sacht die Schleier zur Feier der freundlichen Nacht. Eia, wir reichen uns schmeichelnd die weichen Hände im gleichen lieblichen Takt, im lieblichen Takt. Wir gleiten durch Weiten der wandernden Welt, wie ziehende 98fliehende Nebel im Feld; wir lauschen, dem Rauschen der Quellen gesellt, und schauen die blauen Gefilde bestellt. Eia, wir zeigen im silbernen Reigen mit Nicken und Neigen die Zauber der Welt, die Zauber der Welt.

Wiegenmärchen

Des Mondes Tochter, Mirlamein, kam in die warme Welt herein, sie kam aus ihres Vaters Haus auf einer weißen Fledermaus. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein. Da saß Prinzessin Mirlamein auf einem großen weißen Stein mitten in blühender Heide 99in ihrem milchweißen Kleide. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein. In ihren Händen bleich und fein hielt sie die Flöte aus Elfenbein; sie blies—das klang so hell und hold, als ob ein Engel uns trösten wollt. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein. Gleich stecken alle Vögelein den Kopf in die Flügel und schlummern ein, die Hirsche und Rehe im tiefen Wald suchen ihr Lager und schlafen bald. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein. Glühwürmchen löscht das Lämpchen aus, fliegt müde in sein Blätterhaus, die Tauben gurren im Schlaf kuruh, mein Kind macht auch die Augen zu. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein. Die Flöte verklingt. Vom Heidestein wehen die Schleier der Mirlamein, 100Sie winkt der weißen Fledermaus und fliegt zum stillen Mond nach Haus. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein.

Traumballade

Traumkönig geht durch bleiches Land, rings grüßen ihn verstohlen die braunen Nachtviolen; Marlenchen geht an seiner Hand, Marlenchen, jung Marlenchen. Traumkönig geht an den Rosmarinstrauch, da brennen die Lebenskerzen, sie brennen mit roten Herzen; Marlenchen fühlt ihren heißen Hauch, Marlenchen, jung Marlenchen. Traumkönig geht am See entlang, die Wasserelfen singen ein Lied von kühlen Dingen; Marlenchen überkommt es bang, Marlenchen, jung Marlenchen. Traumkönig geht mit leisem Schritt hinein in die weichen Wellen, 101die silbern im Mond aufquellen; Marlenchen geht in die Tiefe mit, Marlenchen, jung Marlenchen.

Mutter Hule

(nach einer alten Volksdichtung)

Die alte Mutter Hule kann reisen ohne Geld: sie setzt sich auf den Gänserich und reitet durch die Welt. Die alte Mutter Hule, die hat im Wald ein Haus; der Uhu sitzt als Wächter davor, läßt niemand 'rein und 'raus. Frau Hulens Sohn heißt Michel, der ist nicht grad, nicht krumm; am Sonntag ist er manchmal klug und Montags manchmal dumm. Sie schickte ihn zum Markte, da kauft er sich 'ne Gans; die flatterte und schnatterte und wippte mit dem Schwanz. 102Frau Hule holt den Ganter; wie liebten sie sich gleich! Sie fraßen zusammen aus einem Napf und schwammen in einem Teich. Des Morgens in der Frühe fand Michel ein großes Ei; das hatte die liebe Gans gelegt, der Gänserich stand dabei. Der Michel lief zur Hule: guck, was ich dir gebracht, ein goldnes Ei. Die Hule sagt: das hast du brav gemacht. Der Michel trug's zu Markte, drei Dukaten wollt er haben; der Jud wollt bloß die Hälfte geben, da schmiß er ihn in'n Graben. Er ging am Schloß vorüber, da stand ein Fräulein lilienschön; dem Michel schwoll das Herze, er blieb ein bißchen bei ihr stehn. Der Jude und ein Ritter fielen über Michel her 103von vorne und von hinten, da schrie der Michel sehr. Die alte Mutter Hule flog über Prag und Wien, verwandelt ihren Michel schnell in einen Harlekin. Und auch das Fräulein rührte sie mit ihrem Flederwisch, da stand ein Kolombinchen da mit Backen rot und frisch. Wo blieb das goldne Ei, huchjee? Das rollte weit ins Meer. Der Michel zog die Stiefel aus und sockte hinterher. Die alte Mutter Hule sattelt hui die große Gans und flog damit zum roten Mond, denn da war Fastnachtstanz.

Ein Singsang vom Rheine

Herr Steuermann, Herr Steuermann, leg an der Brück von Köllen an! Ein Schifflein kommt gefahren 104wohl über den grünen Rhein. Was hat das Schiff geladen? Ei, roten Wein, ei, weißen Wein, den hat das Schiff geladen. Zu Köllen an der Brücke, da tagt der hohe Rat am Rhein. Was wollen die Herren trinken? Ei, roten Wein, ei, weißen Wein, den wollen die Herren trinken. Ein Schifflein kommt gefahren wohl über den grünen Rhein. Was hat das Schiff geladen? Ei, blonde Jüngferlein, ei, braune Jüngferlein, die hat das Schiff geladen. Zu Köllen an der Brücke, da tagt der hohe Rat am Rhein. Wen wollen die Herren küssen? Ei, blonde Jüngferlein, ei, braune Jüngferlein, die wollen die Herren küssen. 105Herr Steuermann, Herr Steuermann, leg an der Brück von Köllen an!

Badeballade

Lise Nackfisch und Hans Pitschenaß badeten im Teiche, strampelten, tauchten, plantschten und fauchten; —hell lachte die alte Eiche. Murrian Knurr, der Pudelhund, kam vorbei am Teiche, erhob ein Geschrei: Herbei! Polizei! da baden zwei, nackend und frei! —hell lachte die alte Eiche. Lise Nackfisch und Hans Pitschenaß sprangen aus dem Teiche, faßten Murrian am Kopf, an Schwanz und Zopf, seiften ihn ein, trotz Bellen und Schrein, —hell lachte die alte Eiche. Lise Nackfisch und Hans Pitschenaß baden wieder im Teiche, hampeln und strampeln, spritzen und tauchen, patschen und plantschen, prusten und fauchen, —hell lacht die alte Eiche.

106

Der Teufel und die Katz

(nach Schwinds Bildern)

Ein Kätzlein ging einst jagen, welch schöne Katz, welch feine Katz; an einer Kirchhofsmauer, da lag sie auf der Lauer und fing sich einen Ratz. "Ach Kätzlein, laß mich leben, du schöne Katz, du feine Katz; will dienen deinem Willen, jed Wünschlein dir erfüllen als dein getreuer Schatz." Das Kätzlein ließ sich rühren, die schöne Katz, die feine Katz; sie ließ die Ratte leben, tat ihr ein Laternchen geben, zu leuchten bei der Hatz. "Ich tu dir wacker helfen, du schöne Katz, du feine Katz; brauchst bloß die Öhrlein spitzen, da laufen aus Spalt und Ritzen Langschwänze auf den Platz." 107Der Ratz ward groß und größer— "Du schöne Katz, du feine Katz, wir wollen beid spazieren, am Arm will ich dich führen als dein getreuer Schatz. Dein Schwänzlein will ich kämmen, ei schöne Katz, ei feine Katz!" Er rupft sie zum Erbarmen, kein Mauen hilft der armen, vor Schmerz tut sie 'nen Satz. Hätt ich dich doch gefressen, ich gute Katz, ich feine Katz; ein Untier bist du worden, wirst mich gewiß noch morden, du Ungetüm von Ratz. Er sprang ihr auf den Rücken: "Hei, Schöne Katz, hei, feine Katz, jetzt habe ich zu sagen, mußt mich als Reiter tragen auch ohne Zaum und Latz. Jetzt fahren wir zur Hölle, du schöne Katz, du feine Katz; 108heidi, ein Katzenbraten wird dem Teufel schon geraten, ich schür den Ofen, Schatz."

Der Esel und die Löwenhaut

(nach der Fabel von Hans Sachs)

Ein Müllersmann aus Oberwesel hatt 'nen gewitzten jungen Esel; der weidete auf grünem Gras und dachte sich so dies und das, wollt für sein Leben gern auf Erden was Bessers als ein Esel werden. Da fand er—und sein Herz schlug schnell— ein unversehrtes Löwenfell. Er kriecht hinein, es paßt ihm gut, er fühlt auch gleich des Löwen Mut und denkt mit innerstem Behagen: nun brauchst du nicht mehr Säcke tragen. Stolz trabt er durch den Wald daher, tut ganz, als ob ein Leu er wär, schüttelt die Mähne, schlägt mit dem Schweif und setzt die Tatzen breit und steif. Das Häslein spitzt das lange Ohr, 109die Sache kommt ihm kitzlig vor, es springt hinweg; das Rehlein auch. Wie freut sich da der eitle Gauch! Und als der Müller, der ihn sieht von weitem, auch erschrocken flieht, kann er vor Wonne kaum sich fassen, muß laut sein I-A tönen lassen. Da merkt der Müller, wen er hat, prügelt den Esel mürb und matt und schimpft ihn aus: du dummes Vieh! zum Löwen wird ein Esel nie; du hast mich mit dem Fell genarrt, das sollst du büßen, Esel, wart! und schlägt und pufft ihn immer mehr. Der Esel hängt die Ohren sehr, als so sein Meister ihn verbläut; sein Hochmut hat ihn recht gereut, wollt fürder Säcke tapfer tragen, nie mehr nach Löwenhäuten fragen.

Ein Spatzengespräch

Ich war in Fez durch die Buden gewandelt und hatte einen Ring erhandelt 110mit einem seltsam geschliffenen Stein; sollte der Ring König Salomos sein. Wer ihn besäße, verstünde sofort zahlreicher Tiere Geberde und Wort, könnte das Gras beim Wachsen belauschen, hörte Musik aus den Quellen rauschen, verstünde die Sprache von Baum und Stein, müßte aber ein Sonntagskind sein. Nun, ich war zu meinem Frommen Beim Glockenläuten auf die Welt gekommen, nahm meinen Ring, bezahlte bar, und—war jetzt klüger, als ich war. Fröhlich ging ich zur Stadt hinaus, wußte da ein einsames Bauernhaus, warf mich glatt in die Frühlingsruh, kaute Halme und pfiff dazu, dachte an dies und dachte an das, wie so gedeihlich aus Ernst und Spaß die Welt sich verbastelt zum Gottgetriebe, dachte an Glauben, dachte an Liebe, und wie hellauf über Zacken und Kanten, trotz Pflichten, Gesetzen und alten Tanten, das Leben in neue Blüten schießt, in die der Saft der Zeit sich ergießt. 111Dachte und dachte, eiferbeflissen, glaubte den Weg aller Wege zu wissen, genau der Länge nach und der Breite, der die Welt zum Heile geleite; dachte— —was man so buntes denkt, wenn über einem die Sonne hängt. Neben mir blühte lichtblauer Flieder; ein Spatzenpärlein ließ sich drin nieder, die plusterten zärtlich die dicken Hälschen, zogen sich Federchen aus den Pelzchen, sahen recht verliebt darein, mußten wohl jung verheiratet sein. Doch das Schweigen währte nicht lange, bald war eine Unterhaltung im Gange; ja, mein Ring kam mir trefflich zustatten, deutlich verstand ich das Plaudern der Gatten und durfte mit Vergnügen ermessen, sie hatten höhere Interessen. "Männe," sagte das Spatzenfrauchen und rückte näher an ihr Grauchen, "du bist so klug vom vielen Reisen, könntst mich ein wenig unterweisen. Sag mir doch, was die Menschen wollen, 112wenn sie die Erde in dicken Schollen aufwerfen; nie kriegen sie genug von ihrem Getue mit Spaten und Pflug." "Hm," sagte der Spatzmann mit Bedacht, nachdem er ein Weilchen nachgedacht, "Hm, in der Erde gibt's schöne Dinge, Zum Beispiel Käfer und Engerlinge, die werden sie brauchen zu Schmaus und Festen und werden damit ihre Jungen mästen. Auch Körner graben sie sehr gescheit in den Boden ein; und wenn's friert und schneit, und es ist Futtermangel im Haus, graben sie alle wieder aus." "Du bist doch der gescheiteste Spatz," sagte die Spätzin, "mein trautester Schatz. Doch noch was andres wollt ich dich fragen, du kannst mir sicherlich auch sagen, warum die Sonne morgens aufsteht und abends wieder untergeht; ich habe mir seit vielen Wochen umsonst darüber den Kopf zerbrochen." Der Spatz putzt sich den Schnabel und spricht: "Kleines Närrchen, das weißt du nicht? Wie sollten wir Vögel anders wissen, 113wann wir morgens ausfliegen müssen? Die Sonne ist da, um uns zu wecken und abends uns wieder ins Nest zu stecken." "Ja, ja, nun wird mir alles klar," sagte das Weibchen; "ganz offenbar hast du da recht. Doch in der Nacht der Mond? für wen ist der gemacht?" "Der Mond? Ach, nenn mir den Falschen nicht; der hält es mit dem Katzengezücht, lockt Marder und Eulen auf unsre Brut, drum hass' ich ihn mit aller Wut." Und zornig sträubt der kleine Mann die Federn und sieht sein Weibchen an. Das drängt sich an ihn, zärtlich, dicht, glättet ihm die Daunen an Hals und Gesicht und flüstert erschrocken: "Du hast ja recht, der meint es gewiß mit uns Vögeln schlecht; nie nenn ich ihn wieder. Doch sag mir, du Bester, ob nicht auch in der Menschen Nester die Sonne Licht und Wärme bringt, daß alles früh aufsteht und singt?" "Nein, Kind, für uns ist die Sonne gemacht, uns bringt sie Tag, uns bringt sie Nacht. 114Die Menschen haben in ihren Zimmern ihre eignen Sonnen, ich sah sie flimmern. Als ich mal nachts, aus dem Schlaf geschreckt, an ein Fenster stieß, hab ich's entdeckt: sie machen bloß knips, dann haben sie Licht, die brauchen unsre Sonne nicht." Das Spatzenfrauchen schien ganz beglückt von so viel Klugheit und sah entzückt ihr Männchen an: "Du bist ein Genie, und weißt auch sicher, warum und wie die Menschen in ihren Steinhäusern kleben und nicht so frei wie wir Vögel leben?" Das Spätzchen guckte ein wenig ins Land, hatte aber die Antwort schnell bei der Hand: "Vor Mardern und Eulen und Katzengetier sind sie in den Häusern viel sichrer als wir, und, was der wichtigste Grund von allen, kein Junges kann aus dem Neste fallen. Ja, ja, die Menschen haben Geist, sind auch den Vögeln gefällig meist, haben sie doch von Land zu Land lauter feste Drähte gespannt, damit unsre Wandrer scharenweise 115sich ausruhn können auf der Reise. Auch Versammlungen werden von Jungen und Alten im Herbste darauf abgehalten; wir sind ihnen wirklich zu Dank verpflichtet, so praktisch haben sie's eingerichtet." "Glaub's schon, die Menschen sind recht klug, aber noch immer nicht klug genug," sagte das Weibchen; "was würden sie geben, könnten sie frei in den Lüften schweben, doch sind sie zu ungeschickt zum Fliegen und werden niemals Flügel kriegen." "Bloß mit den dicken seidenen Bällen steigen sie manchmal tausend Ellen," lachte das Männchen; "was nur die tollen Leute bei uns in den Lüften wollen? Jetzt baun sie sogar allerhand Gestelle und rasen herum mit Windesschnelle. Auch der Dompfaff lachte neulich und meinte, er fände die Dinger abscheulich; sinnlos wär dies Gefliege und Rattern, kein Mücklein könnt man dabei ergattern. Ernsthaft sitzen sie in dem Kahn und gucken die Welt durch Röhren an; 116es ist wirklich lachhaft mitanzusehn. Komm, Schatz, wir wollen zu Bette gehn; für heute hast du genug profitiert, morgen wird wieder ein Stündchen doziert." Eine Weile noch plusterte da was rum, dann waren die Plappermäulchen stumm. Ich aber ging übers stille Feld; so malt sich in Spatzenköpfen die Welt, dacht ich und lächelte überlegen. Da hört ich's in den Lüften sich regen, eine alte Esche rief mir zu: "Wieviel ist der Spatz denn beschränkter als du? Seid ihr Menschen nicht auch allesamt zu solchen unwissenden Tierlein verdammt, die das große Warum und das ewige Wie mit ihrer täppischen Kindsphantasie zu begreifen suchen? Dürft ihr vertraun dem Funken in euch und aufwärts schaun? Sind eure stolzesten Grübler und eifrigsten Späher der Gottheit nur um ein Strichelchen näher?" So sprach die Esche. Ich sah in die Weiten, sacht fühlt' ich den Ring mir vom Finger gleiten, scheu blickt' ich hin—er war verschwunden, und niemals hab ich ihn wiedergefunden.

117

Drei Koboldstreiche

Fixfax der arge Kobold spricht: die Langeweile bekommt mir nicht, ich will in lustigen Abenteuern den alten Koboldruhm erneuern, denn geht's den Menschen allzu glatt, wird ihre Seele stumpf und matt. Drum will ich sie in diesen Tagen ein wenig necken, ein wenig plagen; ein Kobold will doch auch mal lachen, sich über die Menschlein lustig machen, die den Kern aller Dinge glauben zu kennen und sich so leicht die Finger verbrennen. Drum, Fixfax, auf zu keckem Wagen, stör ein bißchen ihr Wohlbehagen, brauchst sie ja nicht ins Unglück zu hetzen, ihnen bloß ein paar sanfte Püffe versetzen.

Erster Streich

Ei, wie strömen Wohlgerüche aus Frau Puffkes Wirtschaftsküche, denn für hungrige Soldaten will sie grad ein Ferkel braten; alles ist schon gut bereit 118und die Essenszeit nicht weit. Fixfax nun, das muntre Mätzchen, klettert hurtig wie ein Kätzchen hoch hinauf zu Schornsteins Rand, setzt sich listig und gewandt mitten auf das Loch da, schwapp, und nun zieht der Rauch nicht ab; rückwärts strömt er in die Küche, weg sind alle Wohlgerüche, und Frau Puffke steht und hustet, krebsrot im Gesicht, und prustet, kann dem dicken Rauch nicht wehren, sich die Sache nicht erklären. Rennt zum Schornsteinfeger Krause, aber der ist nicht zu Hause; niemand weiß, wo Krause schweift, und Frau Puffke steht und keift, denn die Uhr läuft immer weiter. Endlich kommt er mit der Leiter, um den Schaden zu ergründen, doch er kann durchaus nichts finden; denn der Fixfax, wohlbedacht, hat sich aus dem Staub gemacht, und Herr Krause mit dem Besen brummt, die Sonne sei's gewesen. 119Vier Uhr schlug's, als die Soldaten endlich kriegten ihren Braten.

Zweiter Streich

Vor dem Spiegel, kerzengrad, steht Herr Amtsvorsteher Plath; tadellos und mit Geschmack sitzt die Hose und der Frack, ausgezeichnet auch die glatte blütenweiße Taftkrawatte, Kragen, Vorhemd, comme il faut, und Herr Plath ist seelenfroh. Langt noch sorglich aus dem Schrank den Zylinder blitzeblank; nimmt dann Stock und Handschuh munter, steigt voll Stolz die Treppe runter, denn er ist heut eingeladen Zum Empfang bei ihrer Gnaden der Prinzessin Schneckenstein, und das hebt ihm Brust und Bein. Fixfax aber dachte gleich: wart, dir spiel ich einen Streich. Auf den Taubenboden geht er und nach losen Federn späht er, sammelt allen Flaum ins Säckchen, 120bläst verschmitzt das ganze Päckchen über Plathens neuen Frack und auf seinen Chapeau-claque. Plath sieht ganz befiedert aus, doch er ahnt nichts von dem Graus, steuert durch die Nacht geschwind, denkt bloß: was für'n arger Wind! tritt mit Würde in den Saal, Alle lachen—o Skandal! Bis er endlich sich besieht und geknickt von dannen flieht. Draußen denkt er ärgerlich: So ein Pech, das hab nur ich!

Dritter Streich

Auf des Sofas weichem Grunde schlummert sanft mit offnem Munde Pastor Pfannkuch. Nur die Fliegen summen sich was zum Vergnügen, sonst ist's muckstill. Fast erledigt liegt der Text der Sonntagspredigt auf dem Schreibtisch. Sonnenfleckchen spielen in den Zimmereckchen; nichts bedroht den tiefen Frieden, 121der dem frommen Mann beschieden. Doch da stiehlt sich in die Stube Fixfax, dieser lose Bube, kichert, fängt ein Dutzend Fliegen, die sind hier sehr rasch zu kriegen, tunkt sie in das Tintenfaß, bis sie gänzlich schwarz und naß, läßt sie dann gleich wieder fliegen und entfernt sich mit Vergnügen. Nach 'nem Weilchen, ach Herrjee, kommt Frau Pastor mit dem Tee, ruft voll Abscheu, Schreck und Graus: Berthold! Mensch, wie siehst du aus! bist ja wie'n Idiot beschmiert, Backen, Nase, schwarz karriert! Himmel, auch die neue Predigt ist beschmudelt und beschädigt, und auf meinen weißen Deckchen grinsen lauter Tintenfleckchen! Mann, wie hast du das getan? Und sie sehn sich grübelnd an... Fixfax aber, auf der Wacht, sitzt im Mauseloch und lacht sich ins Fäustchen ohne Reue, 122und—gebt Acht—er wird sich neue Schelmentaten ausklabuntern, um uns Menschen aufzumuntern.

Spuk

(nach alten Mustern)

Der Bauer schläft im Hirsekraut; wer fährt dem Bauer sein Heu nach Haus? Der rote Mond guckt übern Strauch, der Bauer schläft und wacht nicht auf. Wer fährt dem Bauer sein Heu nach Haus? Aus ihrem Loche lugt die Maus, der Fuchs schleicht sacht aus seinem Bau; der Bauer träumt und wacht nicht auf. Der Mond scheint hell und hoch herauf, der Marder schleicht durchs fahle Laub, die Eulen huschen schwarz und grau; der Bauer stöhnt, doch wacht nicht auf. Husch, horch: Wer trippelt und trappelt zu Hauf? Wer spannt die müden Gäule aus? Die Gäule wissen den Weg nach Haus; der Bauer schläft im Hirsekraut. 123Wer kichert in des Wagens Bauch? Wohin rollen die Räder ohne Ruck, ohne Laut? Wer hält sie an am Garten, am Zaun? Wer fuhr dem Bauer sein Heu nach Haus? Der kommt verstört beim Morgengraun: O Frau, mein Heu! O Frau, mein Traum! Die Frau führt lachend ihn zum Zaun, da zupft die Ziege vom Wagen das Kraut. "Schlaf andermal nicht und sei nicht faul, wenn der Vollmond steigt übern Berg herauf; die Kobolde fuhren dein Heu nach Haus, jetzt geh und leg ihnen Speck und Kraut."

Der Märchenkönig und sein Töchterlein

Herbei, ihr kleinen Wichte, Kobold, Alraun und Wurzelmann, schafft hunderttausend Lichte und putzt damit die Bäume an! Bis in die höchsten Spitzen soll Licht bei Lichtlein blitzen. Der Mond und alle Sterne sind doch bloß blasser Himmelsschaum; mein Töchterlein will gerne 124den ganzen Wald zum Weihnachtsbaum. Drum macht, wie ich euch sage, die Nacht zum hellen Tage! Der Märchenkönig spricht's. Im Nu geht's an ein Lichterkneten; kein einziger sieht müßig zu, gönnt kaum sich Zeit zum Beten. Und als die Heilige Nacht heran, zünden sie alle Kerzen an. Hei, war das ein Gestrahle, ein Leuchten, flimmern, überhell, als brach mit einem Male von Fels zu Fels ein Feuerquell. Auf Zweig und Äste blicken die Bäume mit Entzücken. Der Meister führt sein Töchterlein durch diese Weihnachtspracht. Sie schreitet wie im Sonnenschein, fühlt Kälte nicht noch Nacht, und flüstert traumverloren: Die Liebe ward geboren. Da rauschte durch die Weiten dies wundersame Wort, 125in Erd- und Himmelsbreiten pflanzt es sich heilig fort. Mit hunderttausend Kerzen glüht's heut in allen Herzen, klingt's heut durch alle Ohren: Die Liebe ist geboren!

Weihnachtsgang

Es war zur lieben Weihnachtszeit, die Wälder lagen tief verschneit, im Acker schlief in guter Ruh das Korn und träumte dem Frühling zu, die Winternachmittagssonne stand wie ein gelber Fleck an weißer Wand— da schritt ich hinaus in die blinkende Weite und summte ein Lied mir zum Geleite. Wie ich so ging auf stillen Wegen, kam mir ein seltsamer Zug entgegen. Ein Eselchen ganz vollgesackt mit Schachteln und allerhand Kram bepackt, Schritt langsam durch die Felderruh; Sein Führer rief ihm bisweilen zu, es war ein Alter in weißem Haar, mit Runzelgesicht und sonderbar 126altmodischem Pelzwerk, sonst gut bei Kräften, die Füße staken in hohen Schäften und kamen munter mit Hott und Hüh grad auf mich zu samt dem Eselsvieh. Potz Blitz, fällt mir auf einmal ein, das muß doch der Gottesknecht Ruprecht sein. Ich blicke scharf in das bärtge Gesicht: "Grüß Gott, mein Alter, kennst du mich nicht? Ich hab doch oft dein Loblied gesungen, und all die Mädels und all die Jungen, die noch an Mutters Rockzipfel hängen oder sich auf den Schulbänken drängen, kennen dich wie ihre großen Zehen, doch hat wohl noch niemand dich draußen gesehen. Sonst kamst du immer auf heimlichen Wegen uns erst in der heimlichen Stube entgegen mit Sack und Pack und netten Geschenken; was soll ich, Weihnachtsmann, von dir denken? Da stehst du nun mit Haut und Haar, bist nicht ein bißchen unsichtbar, wie es dir zukommt."—"So ist meine Art," brummte der Alte und strich sich den Bart, "ich denke mir gern Überraschungen aus, für diesmal mach ich's außerm Haus; komm mit, da sollst du was erleben, 127das wird ein Extra-Vergnügen geben." "Topp," rief ich, "Alter, ich bin dabei, ich höre gern lustiges Kindergeschrei." So schritten wir rüstig zur Stadt. Am Tor langte Ruprecht ein hölzernes Pfeifchen hervor und blies. Wie konnte der Alte pfeifen! Jetzt lernt ich den Rattenfänger begreifen: aus allen Straßen, aus Tür und Tor —mir klingt der Lärm noch immer im Ohr— mit Jubeln und Lachen, in bunten Haufen kamen wohl hundert Kinder gelaufen. Sie tanzten um Ruprecht, bettelten, baten, eins um 'ne Kutsche, eins um Soldaten, eins um ein Püppchen, eins um ein Büchlein, eins um ein Rößlein, eins um ein Tüchlein, und Ruprecht langte in seinen Sack und gab, was es wünschte, dem kleinen Pack. Ja, jedes Kind durfte etwas erlangen; aber die übermütigen Rangen schrien durcheinander und wollten mehr, kletterten über das Eselchen her, zupften den Ruprecht an Bart und Kragen, wollten ihm gar die Säcke wegtragen. Da wurde es aber dem Alten zu bunt, 128er nahm sein Zauberpfeifchen, und— schrill kam ein Ton. Wie erschraken sie doch. Sie wurden ganz kleinlaut, man hörte nur noch: "Komm, Fritzchen—Hans, laß doch—nicht schreien, Marie— Knecht Ruprecht wird böse—seht ihr nicht wie?!" Und sie stellten sich artig um ihn herum und waren wie die Mäuschen stumm. Er kommandierte: "Linksum, kehrt, nun geht nach Hause, wie sich's gehört!" Da faßten die Großen die Kleinen an: "Grüß Gott und schönen Dank auch, Herr Weihnachtsmann." Und wieder tönte die Schalmei, die Kinder trabten zwei zu zwei und sangen lustig die Weise mit, und fern und ferner klang ihr Schritt; mein Blick verfolgte den kleinen Schwarm. Wie sind ihre Bäckchen vor Freude warm— so dacht ich—und Freude ist der Saft, den wir auf unsrer Wanderschaft durchs Leben aus frohen Kindertagen ins graue Alter mit hinübertragen als verjüngendes Elixier; 129ein gut Teil davon verdanken wir dir, du alter bärtiger Gottgeselle! Ich sah mich um—leer war die Stelle, nur fern in der dämmernden Abendluft verschwebte ein Wölkchen wie Weihrauchduft, und durch die feiernde Stille drang der erste hohe Glockenklang.

Weihnachtsbesuch

Ländliche Straßen, dicht beschneit. Knirschen, Geläut, ein Schlitten; inmitten sitzen drei kleine Leut bis zu den Öhrchen vermummt. Es singt und summt von Weihnachtsglocken; ein paar neugierige Flocken lassen vom Wind sich herüberwehn, wollen durchaus das Mädelchen sehn mit den roten Kältebäckchen und den goldbraunen Zottellöckchen und das Bübchen daneben, das sich eben 130das immer tropfende Näschen putzt. Großäugig, verdutzt, bis zum Mäulchen zugedeckt, im Wollmützchen fast versteckt, sitzt das Kleinste auf Mutters Schoß. "Kutscher, ein bißchen los, es wird kalt; Sie wissen doch, drüben zum Förster am Wald." Der Alte schmunzelt und knallt mit der Peitsche, hüh, hott— die Gäule bleiben bei ihrem Trott. ... Von drüben her Lichter, Zwei altliebe Gesichter hinter den Scheiben: "Wo sie nur bleiben? Ist schon die fünfte Stunde!" Da knurren die Hunde, bellen, wollen hinaus; Großmutter läuft vors Haus. Da:—Knirschen, Geläut, ein Schlitten, inmitten sitzen vier liebe Leut. Wie das Altchen sich freut! Unter Lachen und Weinen 131wickelt sie aus den Tüchern die Kleinen, küßt die Tochter, nimmt ihr das Jüngste vom Knie: "Ein prächtiges Kindchen! Gott schütz es, Marie!" Neben ihr sprudelt ein Zünglein: "Großmutter, komm doch 'rein! Großmutter, sind die Hühner noch wach? Großmutter, Vater kommt morgen nach, er läßt schön grüßen." ... Auf bedächtigen Füßen, als ging ihn die Sache nichts an, kommt auch der Förster langsam heran. "Na? Seid ihr endlich da?" Gleich läuft der Fritz auf ihn zu: "Großvater, Du, guck mal drüben den roten Fleck! och, Großvater, nu is die Sonne weg." "Die Sonne? Hm, laß man; drin is noch eine, 'ne ganze feine, die wird uns bald blinken— nu aber, bitte, kommt Kaffee trinken." ... Der Platz wird leer, schneestill und stumm. Der alte Kutscher lenkt langsam um, nickt vor sich her, 132gedankenschwer, und brummelt für sich: "Der oll Förster hett's gaud, manch enner hett's nich."

König Kuchen und Königin Schokolade

Bei König Kuchen und Königin Schokoladen war ich mit Linchen heut Nacht in Gnaden zu Gaste geladen. Ein prachtvolles Fuhrwerk, tripp, tripp, trapp, holte uns stolz von Hause ab. Vorn stampften zwei schneeweiße Vollblutjucker aus feinem biegsamen Lederzucker, auf dem Kutschbock der dicke Mohr kam uns marzipanisch vor, und neben ihm der fette Mops war ganz gefüllt mit englischen Drops. Die Kutsche, aus weißem Zuckerkant, erstrahlte hell wie Diamant; sie ging auf zierlichen Süßholzrädern, aus Vanille waren die Deichsel, die Federn, dicke Polster aus Traubenrosinen sollten uns als Sitze dienen, 133aber in den Bätterteig-Wagentaschen gab es allerhand Gutes zum Naschen. Ein allerliebster Praliné-Page dienerte neben der Equipage in einem rot kandierten Frack und öffnete uns den Wagenschlag. Wir stiegen ein und fuhren im Nu durch Rußland und Asien nach China zu. Bald kamen wir in jenes Land, wo König Kuchen, der Süße genannt, unumschränkt herrscht in seinen Reichen mit seiner Fürstin ohnegleichen, der herrlichen Königin Schokolade, die uns zum Fest befohlen in Gnade. Das goldgelb glacierte Ballfesthaus sah wie ein riesiger Napfkuchen aus, umgeben von einem Spritzkuchengitter; als Wache davor zwei braune Ritter aus Pfefferkuchen mit Gußfiligran, die hatten Knackmandel-Harnische an. Als Führer dienten mir und Linchen zwei allerliebste Thorner Kathrinchen; sie verbeugten sich höflich als wir kamen, und sagten: bitte, meine Damen. 134Ach, Kinder, wie das Herz mir lacht, denk ich zurück an all die Pracht! Die Wände waren von Makronen, verbrämt mit Schokoladenbohnen, aus grünen Bonbons die glatten Dielen, daß wir nachher beim Tanz fast fielen, die Säulen aus mächtigen Baumkuchentorten von den allerhöchsten und edelsten Sorten, die Tische aus marmoriertem Konfekt, mit drolligen Lutschfigürchen bedeckt, die Stühle Fäßchen mit Gelees, mit Eingemachtem und Knusperknees; rings auf appetitlichen Zimmetstaffeln lagen Biskuits und Keks und Waffeln. Im Hintergrunde ein Gletschersee, mit Vanille-Eisbergen und Schlagsahnen-Schnee, entsandte in doppelter Kaskade Zitronen- und Himbeer-Limonade; und hoch über allem, im glanzvollen Saal, strahlte eine Sonne aus Zucker-Opal. In der Mitte aber stand ein Thron, gebaut aus Bretzeln mit blauem Mohn, darauf saß liebreich in ihrer Gnade die herrliche Königin Schokolade. 135Sie harrte huldvoll, bis die Schar der Kinder ganz versammelt war, die sie aus kalter und warmer Zone herbefohlen zu ihrem Throne, um ihnen mit königlichen Händen von ihren süßen Kleinodien zu spenden; ihr hoher Gemahl, der König Kuchen, hatte Mühe, sie auszusuchen. Da waren Kinder aus Deutschland und Spanien, aus Frankreich, Chile, Mesopotamien, Kinder von Kaffern und Hottentotten, von Persern, Eskimos und Schotten, Kinder aus Süden und Kinder aus Norden von den feinsten Familien und den wildesten Horden, denn alle Kinder zu allen Zeiten essen gerne Süßigkeiten. An der Königin Seite, im leckeren Grase machte Männchen ein stattlicher Osterhase, und als die Kinder versammelt waren, ordnete er die bunten Scharen; rechts gingen die Mädchen, links die Knaben, so wollt es der König Kuchen haben, und jedes Kind in jeder Reih bekam ein prächtiges Osterei, 136die Mädchen blaue, rote die Jungen, dann ist das Häschen davongesprungen. Nun fing die Kapelle zu spielen an, vorn geigte ein Nürnberger Lebkuchenmann; ich sag euch, es war 'ne Musik für Kenner, und waren doch alles gebackene Männer, mit Rosinenaugen und Mandelnasen, und konnten so lieblich flöten und blasen. Es wurde getanzt, gespielt, gelacht, damit verging die schöne Nacht. Zuguterletzt, nicht zu vergessen, wurde alles aufgegessen, artig gedankt und Abschied genommen; wir fuhren heim, wie wir gekommen, und erwachten in unserm Bett— Kinder, Kinder, wie war das nett!—

Der erste Mai

Nein, Kinder, immer kann man nicht dichten, immer weiß man nicht neue Geschichten; oft sind die Märchengeister stumm, als wären sie wer weiß wie dumm, und alle Wände grinsen mich an, 137als hätt ich ihnen was angetan. So war's auch neulich. Bei mir zu Haus sah alles öde und langweilig aus, da bin ich in den Abend geschlendert; der Himmel hing rosenrot umbändert, die Wolken türmten sich wie ein Tor, plötzlich stand ich grade davor und sah hinein in das Himmelsschloß. "Na, Petrus, was ist denn hier oben los?" fragt ich; "hier sieht's ja munter aus." Da schmunzelt der alte Wächter vom Haus und sagt mir—aber ihr dürft nicht lachen—: Im Himmel wäre groß Reinemachen, die Jungfrau Maria tät revidieren und die himmlischen Scharen zum Scheuerfest führen. Die kleinsten Englein müßten ran, kriegten große Schürzen an, dürfte keins spielen und müßig bleiben, müßten fegen und wischen, seifen und reiben. Da würden die Sterne blitzblank geputzt, den kleinen Kometen die Schwänzchen gestutzt, der Himmel mit Wunderblau lackiert, der Regenbogen neu ausstaffiert; dem Vollmond würde, wie er sich auch steift, mal gründlich wieder die Glatze geseift, 138und damit am klaren Firmament die liebe Sonne schön leuchten könnt, würden die Wolken fest ausgedrückt und hinter den Horizont geschickt. Wenn alles fertig, wüschen sich die Englein die Flügel säuberlich— denn morgen sei ja der erste Mai— — Ich fragte, was an dem Tage sei, da blitzte mich Petrus an und sprach: "Na, weißt du, das ist doch wirklich 'ne Schmach; da sieht man wieder, wie wenig ihr wißt, nicht mal, wann Gottes Geburtstag ist." Na, Kinder, ich machte ein dummes Gesicht; das wußt ich bei aller Gelehrsamkeit nicht. Doch nun wurde mir auf einmal klar: Darum putzt sich die Erde Jahr für Jahr mit Blumen und Kräutern im bunten Gemisch, darum grünen die Hecken, die Bäume so frisch, darum üben die Vögel die Festmelodie, und Bienen und Grillen begleiten sie, darum wird dem Menschen die Freude so groß, als säß er dem lieben Gott im Schoß, wenn der Maiwind kommt über Berg und Tal— nun begriff ich den Frühling mit einem Mal. Und ich fragte Petrus aus froher Seele: 139Erlaubst du, daß ich das weiter erzähle? "Immerzu," sagte der und strich sich den Magen; "kannst den neugierigen Leuten gleich noch sagen, daß an Gottes Geburtstag, dem ersten Mai, auch der Tanztag für Teufel und Hexen sei. Sonst dürfen sie, zu Aller Segen, sich keinen Schritt ohne Leine bewegen; doch an dem Tage sind sie frei, —da macht die Bande genug Geschrei," entfuhr es brummend dem alten Knaben— "doch Gott ist der Herr und will es so haben. Er sieht in hoher heiliger Ruh dem tollen Blocksbergvergnügen zu; und treibt es einer zu arg von der Sippe, kommt er sofort wieder an die Strippe. Nun aber leb wohl, ich wünsch gute Nacht, um neun wird der Himmel zugemacht." Langsam schloß sich das Wolkentor; ich ging, ein Liedchen klang mir im Ohr. Zu Haus in heimlicher Abendruh nickt ich den Sternen fröhlich zu und betete: Ich bin nur ein Zwerg, und die herrliche Welt, sie ist dein Werk, o Gott; du hast alles, nichts kann man dir schenken, 140nur deiner in Freude und Demut gedenken. So nimm dieses Liedchen, ich hab es erdacht in dieser Frühlings-Geburstagsnacht.

Wetterwunsch

Scheine, Sonne, scheine, die Wäsch hängt auf der Leine; unsre Hemden, unsre Socken, mach sie uns bis Sonntag trocken, scheine, Sonne, scheine! Rausche, rausche, Regen, gib uns deinen Segen, wasch die armen Sünder rein, gib uns Brot und gib uns Wein, rausche, rausche, Regen! Zu best ist allerwegen Sonnenschein und Regen; auch der Wind muß pfeifen, soll die Ernte reifen. Regen, Wind und Sonnenschein mögen bei unserm Hause sein!

141

Hammerliedchen

Pink, pank, Hammerschlag, der Nagel hat 'nen Kopf; und wenn er keine Spitze hat, ist er ein armer Tropf. Mein Hämmerlein du, schlag zu, schlag zu! Pink, pank, Hammerschlag, hast du der Nägel zehn und nagelst du ein Särglein zu, ist's um einen geschehn. Mein Feuerlein du, blas zu, blas zu!

Im Sonnenschein

(nach einer alten Fabel)

Kribbel-krabbel-Käfer läuft hinab zum See, er kommt vom grünen Hügel, hell leuchten seine Flügel im Sonnenschein. Kommt der Fisch geschwommen, Sperrt das Fischmaul auf, 142da ist in zwei Sekunden der Käfer drin verschwunden im Sonnenschein. Überm See der Reiher sieht, wies Fischlein schnappt, nimmt seinen spitzen Schnabel und spießt es auf die Gabel im Sonnenschein. Wie nun stolz der Reiher seine Kreise zieht mit leuchtendem Gefieder, knallt ihn der Jäger nieder im Sonnenschein.

Wanderlied

Sonnenlichter, Frühlingswichter spielen auf der dunkeln Wand. Prüfend öffne ich das Fenster; seht die Wolken, die Gespenster lösen sich am Himmelsrand. Holla, Jungen, aufgesprungen, 143schnell das Ränzel aus dem Spind! Kommt, wir wandern durch die feuchten Saaten; wie Smaragden leuchten Halm an Halm im Morgenwind. Feste Schritte, Männersitte; wie die Ferne lockt und wirbt! Und wir lassen sie im Schreiten achtlos oft vorübergleiten, bis sie hinter uns erstirbt. Hohe Ziele, nicht zum Spiele; immer steiler wächst der Paß. Aber oben wolln wir rasten nach der Arbeit, nach dem Fasten; Jungens, trinkt, ich komm euch was! Hoch im Blauen selig Schauen, unter uns der Erde Glück! Doch es zieht mit tausend Armen immer wieder zu den warmen Menschenstätten uns zurück.

144

145

Illustration from Das liebe Nest

146

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings