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Das liebe Nest

147Vierter Teil

Reading edition

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Spruch fürs Leben

Hinüber, hinein! über Wipfel und Stein! die Herzen zu baden im Goldsonnenschein! Auf schwierigen Pfaden zu lichten Gnaden! über Wipfel und Stein, hinunter, hinein!

Allerlei Rätsel

(Die Lösungen stehen im Verzeichnis der Überschriften)

—1—

Ich habe Flügel—rate, Kind— doch flieg ich nur im Kreise; und singen tu ich, wenn der Wind mir vorpfeift, laut und leise. Was ihr den Feldern abgewinnt, kau ich auf meine Weise; doch was mir durch die Kehle rinnt, das mundet euch als Speise.

—2—

Standen vier weiße Ritterchen auf einem roten Gitterchen, 150die machten alles klitzeklein und warfen es in ein Loch hinein. Als das die andern Ritter sahn, zogen sie neue Harnische an, kamen aus ihren Burgen herbei, stellten sich tapfer in die Reih und machten hack und sagten knack und warfen alles in einen Sack.

—3—

Die erste frißt, der zweite ißt, das dritte wird gefressen; das ganze wird zu Pökelfleisch und Erbsenbrei gegessen.

—4—

Mein erstes ist ein Hund, mein zweites ist ein Junge, mein ganzes ist ein Dieb, kein Hundejunge!

—5—

Die ersten sind ein Untertan, die dritte ist ein Untertan, 151das ganze ist ein Untertan, wird von dem andern Untertan unter den ersten Untertan ganz untertänigst untergetan.

—6—

Wenn das R am Anfang steht, liebt man es nicht sauer; wenn es bis ans Ende rutscht, hüt dich vor dem Hauer! Wenn das R am Anfang steht, ist's ein Heldenname; wenn es bis ans Ende rutscht, wird's ein Waldbaumsame. Wenn das R am Anfang steht, sind es böse Leute; wenn es bis ans Ende rutscht, gerbt man seine Häute. Wenn das R am Anfang steht, ist es eine Schale; wenn es bis ans Ende rutscht, wird's ein Orientale. Wenn das R am Anfang steht, ist's ein klein schwarz Luder; 152wenn es bis ans Ende rutscht, ist's von "wenn" der Bruder.

—7—

Wächst einer alten Dame ein Buckel kleinster Sorte, verwandelt sie sich augenblicks in ein Stück Mandeltorte. Doch nimmst du ihr den Rücken, auf dem der Buckel wächst, hast du die alte Dame zur trocknen Frucht verhext.

—8—

Ich stand begehrlich am Worte, umgekehrt wuchs es nicht weit; ein arges Diebsgelüste besiegte die Redlichkeit. Ich stahl das umgekehrte, kein Argus achtete drauf; Schmunzelnd enteilt' ich dem Worte und aß es umgekehrt auf.

—9—

Mein erstes ist nicht wenig, mein zweites ist nicht schwer; 153mein ganzes läßt dich hoffen, doch hoffe nicht zu sehr!

—10—

Es läuft und hat keine Beine, es gibt viele und doch nur eine. Wer zuviel hat, kann's nicht verschenken; wer zu wenig hat, muß es beschränken. Bald geht es langsam, bald schnell; mal ist es dunkel, mal hell.

—11—

Christkindchen lag im Stalle und hörte die ersten schrein; die zweiten tragen wir alle zur Weihnachtszeit am Bein.

—12—

Sind es die Stiefel, halten sie 'ne Weile; wird es der Junge, kriegt er halt Keile.

—13—

Der Vater will's das Fritzchen (die erste Silbe betont)— jedoch die Mutter bittet, da ward der Schelm verschont. 154Sie sprach: Du mußt dir's, Liebster, (die dritte Silbe betont)— denn Nachsicht mit den Kleinen wird oft von Herzen belohnt. Denk doch, wie du's dem Jungen an Einsicht bist und Geist; du mußt was andres dasselbe, das ihn sich bessern heißt.

—14—

Klärchen nähte an dem ersten und war ganz die beiden zweiten, denn sie durfte Sonntag reiten, Leutnant Kurt wollt sie begleiten; ihre Augen wurden groß, müßig lag die Hand im Schoß. Mutter näht am andern Fenster, sah's und runzelte die Brauen: Höre, Kind, Luftschlösser bauen taugt nicht viel für fleißige Frauen, weil man leicht die Pflicht vergißt und zu sehr das Ganze ist.

—15—

Mariechen war's. Mit meinem Kuchen stand ich nun da und dem Bukett. 155Wo soll ich bloß das Mädel suchen? Wenn sie doch nur geschrieben hätt! Ja ja, ich hab sie es seit Jahren; ich gebe zu, das war recht dumm. Nein, welch ein rücksichtslos Gebaren! Und schwer geärgert kehrt' ich um.

—16—

Froh singt ihr Lied am Sommertag die eins-zwei früh und spat. Die drei wünscht jeder Jüngling sich; doch bricht er ab, ist's schad. Das Ganze war ein König, der lustig und unverschämt die stolze Prinzeß, die ihn nicht wollt, bestraft hat und gezähmt.

—17—

In eins-zwei-drei lebt ganz gemütlich Herr Müller mit Herrn Schulze friedlich; bis Müller einst, wer hätt's gedacht, Anspruch auf Schulzes zwei-drei macht. Da hörte man ein bös Geschrei: So denk doch eins, mein Herr eins-zwei! Ich muß stets alles zwei bezahlen, 156kann nicht mit zuviel zwei-drei prahlen; kommst du noch mal mir drum ins Haus, ist's mit der guten eins-zwei-drei aus.

—18—

Er geht in sich, um sich zu pflegen, und ist in sich um sich verlegen.

—19—

Rate, Freund, es ist nicht schwer: Wer's hat, hat, was er hatte, nicht mehr. Wer's aber ist, den äfft des Teufels Brut; man sperrt ihn ein und fürchtet seine Wut.

—20—

Wer es hat, der ist betrübt; aber froh und stolz, wer's gibt.

—21—

Das Wort pflegt zu erhöhn den Glanz des Edelsteins; solang man es bewahrt, ist man der Herr des Seins.

—22—

Sind es die Feinde, muß man sich wehren; sind's deine Backen, mußt du sie nähren. 157Ist mir's ein Rätsel, schreib ich es nieder; ist es mein Haus—nun, so bau ich es wieder.

—23—

Wenn es von Freund und Liebchen kommt, oder von dir verfaßt, so liebst du wohl das erste Wort; sonst ist es dir verhaßt. Das zweite Wort, so klug wir sind, machen wir Menschen viel; und was dich reut, oft andre freut im schadenfrohen Spiel. Der Schluß: gefürchtet und geneckt, teils boshaft und teils dumm, geht er als Geist des Widerspruchs in Schrift und Mären um. Die drei vereint: wir stehn verdutzt, wie Zufalls Koboldmacht das Wort entstellt, den Sinn verdreht— man ärgert sich und lacht.

—24—

Zwei Worte weiß ich, die einander feind, das eine sucht das andre zu verderben, 158in beiden müssen viel Geschöpfe sterben; und hast du sie zu einem Wort vereint, eint sich auch ihre zehrend böse Kraft, schon manchen Volksstamm hat es hingerafft.

—25—

Auf der höchsten Berge Rücken ist es immer leicht zu finden, wo die kleinen Gletscherbäche schäumend sich zu Tale winden. Tausch die Silben—ach, verlegen steh ich vor gemischten Dingen, Chemiker und Apotheker mögen dir die Lösung bringen.

—26—

Ich hab keine Hände und kann doch tragen, hab keine Flinte und kann doch jagen; kann klettern und schwere Lasten heben und bin doch ein zartes, hinfälliges Leben.

—27—

Viel Glieder hab ich, die einander gleichen. Ich helf auf des Verbrechens dunklem Pfade, doch himmelshell führ ich empor zur Gnade; manch hohen Stand kannst du mit mir erreichen. 159Bist du's, so darfst du wanken nicht noch weichen; denn Ehre trägst du neben mancher Last, die arbeitsfroh du übernommen hast, ob du im Kleinen wirkst, ob hoch im Grade.

—28—

Getrieben werd ich, doch ich treibe wieder; mir folgen arbeitsam viel erzne Glieder. Seit Jahrmillionen geh ich auf und nieder, bald sanft, bald wild, doch niemals ohne Brüder. Hitze und Kälte trag ich, hin und wider; übt mich der Knabe, stärkt er seine Glieder. Die Luft durcheil ich ohne jed' Gefieder; den Augen bring ich Schau, den Ohren Lieder.

—29—

Stets bin ich eines Leuchtenden Trabant, teils nah, teils fern ihm, wie's der Himmel will. Bescheiden bin ich selten, niemals still; ja, Schweigen ist mir gänzlich unbekannt. Ein Wort füg an, das keiner gern empfängt und das die Kinder schreckt von Alters her; doch ohne es fällt manche Arbeit schwer, weil's feste Massen auseinander drängt. 160Das ganze Wort sind Steinchen unter Steinen, die im Geröll sich finden, glatt und spitz; du hebst sie auf und freust dich an dem Witz, den die Natur sich hat erlaubt im Kleinen.

—30—

Ich bin nur klein, doch banne ich die Welt in meinen Kreis bis hoch ins Sternenzelt; dem Vorbild der Natur einst nachgeschafft vertiefte ich den Blick der Forschungskraft. Ein Wort füg an, das sich der Mensch gesetzt zur Ordnung gegen den, der sie verletzt; der Fromme fühlt es oft von Gott gesandt, ans Letzte, Jüngste denkt er furchtgebannt, an Weltkrieg, Hungersnot und Aufruhrleid— da ist das Ganze eine Seltenheit.

—31—

Die erste Silbe führt die krause Schar, die uns vertraut seit unsrer Klippschulzeit. Die zweite tönt durch Weiten hell und klar, ruft bald zur Ruhe, bald zu wildem Streit. Und wenn der tapfre Krieger sein junges Leben gab, fällt ihm vielleicht der Schatten des Ganzen auf sein Grab.

161—32—

Ein deutscher Meister war es, gottgesandt, der jenes edle Tonstück uns geschenkt; der Vogel übt's, der seine Flügel lenkt— dir wünsch ich es, mein deutsches Vaterland. Was allen Flügelwesen wohlbekannt, was jedes Blatt, das aus der Hülle bricht, ersehnt; was man von Kraft und Tugend spricht— das wünsch ich dir, mein deutsches Vaterland. Ein Flüßchen, an der Schieferberge Rand, sehr vielen ist sein Name leerer Schall, ein kleines Wort, doch wir ersehnen's all— wünsch ich dir auch, mein deutsches Vaterland. Auch ihn, der tief verabscheut Mord und Brand, den Engel, der auf Morgenwiesen geht, doch oft verhüllten Hauptes abseits steht— ihn sende Gott dir, o mein Vaterland!

—33—

In Not und Gefahr greife ich ein, Schmerzlich willkommen der Angst und der Pein; lies mich von vorn, 162lies mich verkehrt, immer der gleiche, geschmäht und geehrt.

—34—

Wir sind's mit Stamm und Vaterland, mit Menschen, die uns lieb und blutsverwandt, mit jeder Arbeit, die der Seele wert; der Reiter rühmt: wir sind's, ich und mein Pferd. Doch wer es ist, trägt eine schwere Last, er ist sich selbst ein mißgeschickter Gast; Statt Liebe blüht ihm Mitleid, und im Schwarm gesunder Jugend fühlt er doppelt Harm.

—35—

Wir sind's gewiß in vielen Dingen in einem sind wir's nimmermehr; die sind's, die wir zu Grabe bringen, und eben die sind's bald nicht mehr. Drum, weil wir leben, sind wir's eben an Wesen wie Gesicht; drum, weil wir leben, sind wir's eben zur Zeit noch nicht.

163—36—

Nennst du das Ganze, tönt es uns entgegen von Sommernächten, wo des Mondes Horn verschwärmten Pärchen winkt auf lauschigen Wegen, und wo aus seinem wundersamen Born das Märchen auftaucht und in tiefem Sinnen uns anschaut, und verträumte Bäche rinnen. Teilst du das Wort, stellt dir zuerst sich dar die Stadt, die wir mit Ehrfurcht gern beschauen, die Heiden einst wie Christen heilig war, wo Pilger heut und Kenner sich erbauen; ein Teil der Stadt ist noch des Wortes Rest und hält den Glanz vergangner Zeiten fest.

—37—

Ohne Zepter, ohne Krone herrsche ich auf dieser Erde, buntes Spiel vor meinem Throne zaubert stets mein Wort: Es werde! Noch zwei Zeichen: Alles wich, Pracht und Buntheit sind verschwunden, und in künftigen dunklen Stunden werden es auch du und ich. 164Aber ändre den Akzent: sieh, schon quillt das Leben wieder, neue Schau und neue Lieder, die man gern mit mir benennt.

—38—

Mein Strom ergießt sich sickernd durch die Welt, ich dring in Haus und Hütte, Schloß und Zelt. Seitdem der Mensch Urkunden aufbewahrt, sind Geist und Wille durch mich offenbart. Ich schüre Gluten, wirke Herzeleid, tief wird durch mich verdammt und hoch gebenedeit. Versöhnung bring ich und entfache Streit, zeig manchen töricht, manchen grundgescheit. Doch sitzt du in mir, fühlst du dich geknickt; vielleicht, daß dir durch mich die Rettung glückt.

—39—

Ich nähre mich von fremden Stoffen, doch kann auch ohne sie bestehn; ich bin's, auf das die Weisen hoffen, und alle Weiten stehn mir offen, ihr würdet ohne mich vergehn. 165Am hellen Tage herrsch ich gerne, doch auch die Nacht ist mir vertraut; ich wohne auf dem kleinsten Sterne, mich schreckt sie nicht, die große Ferne die mich mit Geisterhänden baut. Ich wirke in den Himmelsblitzen, versteckter Tat bin ich verhaßt; wo grübelnd die Gelehrten sitzen und ratlos ob der Lösung schwitzen, bin ich ein hochwillkommner Gast.

—40—

In alten Zeiten hat mich der Mensch erdacht und Ordnung mit mir in die Dinge gebracht. Wie nötig bin ich der Wissenschaft, wie zeige ich der Völker Kraft! Wenn ich nicht eng ihm verbunden wär, wie würde erliegen das tapferste Heer! 166Und doch weiß jeder, wie schwach ich bin, denn erst mein Nachbar gibt Halt mir und Sinn.

—41—

Als ich noch klein war, war ich recht beschaulich; mein Leben ging so lind wie Frühlingswellen, und zaghaft flossen meines Geistes Quellen, eng, doch erbaulich. Ich wuchs und wuchs, es schwollen meine Adern, sie dehnten sich wie meine Machtgedanken; mein Schaffenswille türmte ohne Schranken Quadern auf Quadern. Den Künsten schuf ich manche Pflegestätte, ich half der Wissenschaft zu vollem Wirken, und Geist und Arbeit gaben den Bezirken die feste Kette. Doch Ruh und Frieden mußten weiterziehen; und meine Kinder lassen gern sich locken von grünen Wäldern, sanften Herdenglocken, mir zu entfliehen.

167—42—

Mein erstes Wort, im engen Raum genährt, strebt weit hinaus, daß es die Welt regiere; wir stäken noch im Dämmersinn der Tiere, hätte nicht Gott dem Menschen es gewährt. Mein zweites hat der Kaiser und der König, und ist es auch zumeist; fast jeder strebt es irgendwie zu sein, solang er lebt, und wer es ist, dem scheint es oft zu wenig. Der, der das Ganze ist, wirft manchen Blitz anfeuernd ins Gespräch und ins Gerede, ein wohlgelittner Schalk selbst in der Fehde; man lobt den Scharfsinn, freut sich an dem Witz.

—43—

Willst du das erste Wort stets sein und handeln, so hast du eine schwere Arbeit vor, so leicht sie scheinen mag; doch stets erkor der Edle sie, wie auch die Zeiten wandeln. Das andre Wort scheint winzig und gering, doch schlummern in ihm unbegrenzte Kräfte; es schwillt und wächst, wenn es die rechten Säfte, die nur Natur verleihen kann, empfing. 168Vereint die Worte: altverbriefte Rechte, Gemeinden oder Ständen zuerkannt, beherrschten sie vor Zeiten Stadt und Land, doch schwinden hin im späteren Geschlechte.

—44—

Mein Reich ist unbegrenzt; bis in die fernste Zone flieg ich hinaus. Selbst hin zu Gottes Throne bahn ich den Weg mir aus der engen Zelle, in der ich ward. Ich liebe Klarheit, Helle. Dem Willen beigesellt, der Kind mir und Berater, bin ich—ich sag es stolz—der größten Taten Vater. Ein neues Wort schließ an: Es ist des Künstlers Ziel, dir zu vermitteln fremder Geister Spiel, das er mit seinem Lebensblute tränkt und eigne Kraft den fremden Seelen schenkt. Erschrocken sieht's der Arzt, fragt: wie? woher? Manch Leben bliebe heil, wenn ich nicht wär. Vereine beide Worte: Welch ein Wissen von Mensch zu Mensch! In fremdes Sein gerissen stehn wir vor unbegreiflich zarten Dingen, die unsrer Seele dunkle Träume bringen, und fühlen scheu des Geistes Doppelwesen. Du großes Rätsel, wer wird je dich lösen?

169

Polterabendgedicht

für ein kleines Mädchen

(mit einer Schlüssel-Atrappe)

Ich bin eine kleine Sternschnuppe und rutschte herab vom Himmel und fiel aus der großen Milchstraße grad hier in das Gewimmel. Verwundert fragt' ich die Leute: Wo kommt ihr denn alle her? Da sagten sie mir, daß heute hier Polterabend wär. Die Ehen schließt man im Himmel, und Donnergepolter gibt's auch; da bin ich ja wie zu Hause und bring meine Gabe auch. Nehmt hier den Zauberschlüssel, vom Sirius bracht ich ihn mit in meiner Sternentasche, als ich herunter glitt. Stets häng er zu euern Häupten, und zieht es euch hinauf, schließt er zu jeder Stunde den ganzen Himmel auf.

170

Hochzeitsgedicht

(mit einem Frühlingsblumenstrauß)

Maienkönig schickt mich her, sagte, daß hier Hochzeit wär, sollt fein gratulieren; suchte einen vollen Strauß allerschönster Blüten aus, euer Haus zu zieren. Himmelschlüssel, goldig, zart, Blumen von besondrer Art, schickt er euch mit Grüßen. Seht, sie leuchten sonnengleich; Liebe heißt das Himmelreich, das sie euch erschließen. Dieses blaue Sternchen spricht frommen Sinns: Vergiß-mein-nicht, vergiß mir nicht die Treue! Treue, die zu Liebe steht, ist so stark wie ein Gebet, tröstet stets aufs neue. Hier Narzissen. Weiß und rein, ohne Makel sollt ihr sein, hütet Sinn und Herzen! 171Seht der Unschuld klares Bild; wer an ihm sich stärkt und stillt, trägt leicht Not und Schmerzen. Nehmt hin, was der Mai geschickt, nehmt den Strauß und seid beglückt für ein langes Leben! Unverwelklich blüh er fort, tief in eurer Seele Hort glühe göttlich Streben!

Neujahrsspiel

Das alte Jahr

(tritt in grauem Mantel ein)

Grüß Gott, ihr Leute, ich bin das Jahr, das immer ist und immer war, das immer kommt und immer geht und niemals zaudernd stille steht, das mit geheimem Pendelschlag die Weltuhr regelt Tag für Tag. Die Würfel werf ich: Leben und Tod, Glück oder Unglück, Heil oder Not— sie fallen gewichtig und ordnen die Welt, einem Höheren unterstellt. Zwölf Kinder hab ich zur Welt gebracht, 172sie gleichen sich wenig, doch jedes hat Macht; sie ziehen gestaltend durch die Welt, eins mir immer zugesellt, während die andern harren und ruhn zu neuer Arbeit, zu frischem Tun. Nur heute an meinem Geburtstag sind sie alle gekommen, aus Regen und Wind, aus Sonne und Nebel, aus Tiefen und Höhn, ihre alte Mutter wiederzusehn. Herein, meine Söhne, ein Kompliment, und sagt den Leuten, was ihr könnt!

Januar

(in dickem Pelz, mit Schlittschuhen und Schellen)

Grüß Gott! Ich bin der Januar, voll Schnee und Eis hängt Bart und Haar; der Vetter Nordwind versteht das Blasen, steif sind die Ohren, rot die Nasen. Zugefroren ist See und Fluß; rasch den Schlittschuh unter den Fuß! Die Eisen gleiten durch blitzende Weiten in Bogen und Zacken, das gibt rote Backen! 173Hört ihr das Schellengeläut? Meine Gäste sausen durch Schnee und Rauhreifgeäste.

Februar

(in Karnevalskostüm mit Pritsche)

Grüß Gott! Ich heiße Februar, gleiche dem Bruder fast aufs Haar, nur trage ich gern ein Maskenröckchen, an meiner Kappe klingeln Glöckchen. Weil ich im Spiel und Tanzen tüchtig, schelten sie mich vergnügungssüchtig, spotten und lachen hinter mir her, weil ich zu kurz geraten wär, rufen: "Prinz Karneval, Narren gibt's überall!" Doch meinen Punsch und Pfannekuchen möchten Narren wie Weise versuchen.

März

(in Landstreichertracht, mit einem Veilchensträußchen)

Grüß Gott! Ich bin der Bruder März, ich habe ein wildes, stürmisches Herz. Kann mich nicht mit den Brüdern vertragen, puste ihnen den Schnee vom Kragen. Säubre die Wälder, fege die Felder, 174tu aus der Seele das Kalte hassen, muß es doch oft mir gefallen lassen; aber bin ich erst König ein Weilchen, grüßt ihr mit mir die ersten Veilchen, seht ihr die Spitzen an Sträuchern und Bäumen, die selig von künftger Entfaltung träumen.

April

(in Wandervogeltracht mit Zupfgeige)

Grüß Gott! Ich bin der lustge April, der immer tut, was er grade will. Mal liebe ich's naß, mal liebe ich's trocken, die Zugvögel tu ich nach Hause locken. Schneewassergüsse schwellen die Flüsse, ich aber streif durch den Wiesengrund, öffne der Obstblüte lieblichen Mund und nicke den närrischen Träumern zu; mit denen steh ich auf du und du, schickt sie nur immer! ich lehre sie lachen und sich aus den Plagen der Welt nichts machen.

Mai

(in Bauerntracht mit Maiglöckchenstrauß)

Grüß Gott! Der Mai darf kaum noch wagen, Besondres von sich auszusagen. 175Ich schäme mich wirklich; bin so bekannt wie ein bunter Pudel rings im Land. Diese sammetlockigen teutschen Tichter, hol der Kuckuck das Reimgelichter: "—der süße Mai, der entzückende Mai, der blütenbekränzte, der himmlische Mai—" mir wird ganz blümerant dabei, denk ich an all die Dudelei. Die Kinder lob ich; das lärmt und lacht und feiert ganz ungereimt meine Pracht.

Juni

(in Gärtnertracht, mit Gießkanne und Rosenstrauß)

Grüß Gott! Ich werde Juni genannt, Farben und Düfte bring ich ins Land. Seht, wie's im Garten knospet und quillt, seht, wie die Frucht sich rundet und schwillt! Vor allem muß ich die Rosen wecken, ich küsse sie wach an Stamm und Hecken. Sind Regen und Wind mir wohlgesinnt, schaff ich und wirk ich am grünen Gewande, halte die Hoffnung am schimmernden Bande 176und pflege das Wachstum der kommenden Zeit; wenn der Schnitter prüft, ist die Saat bereit.

Juli

(in Schäfertracht, mit Kornblumenstrauß)

Grüß Gott! Erlaubt mir, daß ich sitze, ich bin der Juli; spürt ihr die Hitze? Kaum weiß ich, was ich noch schaffen soll, die Ähren sind zum Bersten voll; reif sind die Beeren, die blauen und roten, saftig sind Möhren und Bohnen und Schoten. So habe ich ziemlich wenig zu tun, darf mich ein bißchen im Schatten ruhn. Duftender Lindenbaum, rausche den Sommertraum! Seht ihr die Wolke? fühlt ihr die Schwüle? Bald bringt Gewitter Regen und Kühle.

August

(in Schnittertracht, mit Sichel und Harke)

Grüß Gott! Ich bin der Monat August, bin ernster Pflichten mir bewußt; muß Frucht und Korn zur Ernte reifen, meine Lieblingsmusik ist das Sensenschleifen. 177Bald kommt die Ernte; der Himmel lacht, der Segen wird in die Scheunen gebracht. Zum fröhlichen Reigen jubeln die Geigen. Doch mancher steht abseits vom Taumel und denkt des Schöpfers, der alles zum Besten lenkt, der Ordnung bringt in den Gang der Dinge, daß Schweiß und Fleiß auch Freude bringe.

September

(im Touristenkostüm)

Grüß Gott! Ich bin der September, ich ziere mit rotem Weinlaub eure Spaliere. Dem Wandrer lachen auf allen Wegen köstlich die reifenden Früchte entgegen, die gelben und blauen. Ich liebe die Ferne, am Ufer der Meere träume ich gerne, wo die Welle beginnt, wo die Welle zerrinnt, wo die Brandung braust und überschäumt und ein Zugvogelschwarm den Himmel säumt; da lieg ich und grüble und suche vergebens den Sinn des Sterbens, den Sinn des Lebens.

178Oktober

(in Winzertracht mit Weinglas und Flasche)

Grüß Gott! Ich bin der Bruder Oktober; die Nase glänzt mir wie Zinnober, das kommt vom Gucken ins Gläschen. Vor Zeiten lehrt ich die Menschen Wein bereiten; der wurde bald ihr Lieblingsgetränke, jetzt krigt man ihn in jeder Schänke. Kommt mit zum Wein, ich lade euch ein! Seht, wie die Wälder sich buntselig färben, sie wissen: ein Schlaf nur ist alles Sterben. So kommt und sinnt und fragt nicht viel; "das Leben ist des Lebens Ziel!"

November

(in Jägertracht mit Gewehr)

Grüß Gott! Der November stellt sich vor. Mir ist ergeben der große Chor der Winde und Stürme, die das Gefilde von Unrat säubern; und auch die Gilde der Nebel und Wolken ist mir vertraut. Wer auf des Meeres Sanftmut baut, wagt sein Leben, wenn ich regiere; ich hasse den Frohsinn in meinem Reviere, 179ich hasse die Sonne, hasse die Milde, zerreiße im Felde das letzte Gebilde. Ich liebe nur eins: wenn das Jagdhorn schallt, hinter scheuem Wild die Büchse knallt.

Dezember

(in beflittertem Pelz, mit kleinem Weihnachtsbäumchen)

Grüß Gott! Ich bin der Dezember und flechte zu kurzen Tagen die langen Nächte. Karg ist die Sonne in meinem Gezelt, doch bring ich ins Haus eine schimmernde Welt. Wenn im Ofen die Bratäpfel schmoren, flüstert es leise von Mündern zu Ohren, gibt es ein Reden, ein Kichern und Necken, ein Fragen und Freuen, Pakete verstecken, ein "bitte, Mama", ein "sag doch, Papa, ists Christkindel denn noch nicht da?" Wenn am Heiligen Abend der Tannenbaum brennt, bin ich in meinem Element; hell sind die Kerzen, warm sind die Herzen, uns kümmert nicht Kälte noch Regen noch Wind. Und denen, die arm und traurig sind, und wo die Not sonst die Freude verbannt, geben wir gern mit Herz und Hand.

180Das Jahr

(läßt den grauen Mantel allmählich fallen, steht dann in hellem Festgewand)

Wohl, meine Kinder! Jetzt aber denkt an den Wechsel der Dinge und Den, der sie lenkt! Stein wird zu Sand, Lebendges zu Stein, Luft wird zu Wasser, Glut zu Wein, Frucht wird zum Samen, Samen zum Baum, Raum wird zu Zeit, und Zeit zu Raum. Und immer rollt durchs Himmelszelt die Erde, unsre alte Welt, die stets verjüngt, in neuer Kraft, fruchtbar ihr prangendes Kleid sich schafft. Jedoch ihr Diadem und Zier, ihr Menschenkinder, das seid ihr! Drum freut euch ihrer Herrlichkeit, freut euch des Meeres, so stark und weit, freut euch der Wälder, der Blüte, der Frucht, freut euch der Berge mit Tal und Schlucht! Und freut euch eurer eignen Kraft, die der Erkenntnis Wunder schafft; seid glücklich, daß ihr Menschen seid, der schönste Schmuck an Gottes Kleid, wenn ihr euch seiner wert gestaltet, euch immer göttlicher entfaltet. 181Seid glaubensstark, seid willensklar, das wünscht das neue Erdenjahr!

Chor der Monate

Seid friedensstark, seid liebesklar, das wünscht der Monate bunte Schaar! Prosit Neujahr! Nun reicht euch zur Wende des Jahres die Hände und grüßt euch mit Neigen und schlingt einen Reigen! Spiel auf, Musik, begleite sie, des Jahres Schluß sei Harmonie!

Räuber und Prinzessin

Eine Kartoffelkomödie

Einführung

Habt ihr schon mal was von der Kartoffelkomödie gehört? Nein? So will ich euch erzählen, was das ist.

Die Kartoffelkomödie ist ein Theaterstück, das statt mit Puppen mit Kartoffeln gespielt wird. Ihr bittet um ein Paar glatte, nicht zu große Kartoffeln, bohrt mit dem Messer in jede ein rundes Loch, so daß ihr euern Zeigefinger bis zum ersten Glied hineinstecken könnt, und die Hauptsache ist fertig. Ein paar mit Stecknadeln angepiekte Hemdknöpfchen als Augen, ein Stückchen Rübe als Mund, und eins als Nase, bilden das Gesicht. Ein farbiger Puppenlappen wird oben mit 182einer Schnur zusammengezogen und um den Zeigefinger gebunden, nachdem zwei kleine Löcher für Daumen und Mittelfinger hineingeschnitten sind. Ihr werdet euch wundern, wie fein man die Finger als Arme und Hände benutzen kann.

Natürlich muß man sich in der Kleidung ein bißchen nach den Personen des Stückes richten. In unsrer Komödie, die ich nach einer älteren Vorlage ausgebaut habe, bekommt der König eine Krone von Goldpapier und ein rotes oder grünes Gewand, das ihr auch etwas mit Goldstreifen besetzen könnt. Pumpfia trägt am besten einen kleinen Schleier mit einem Streifchen Silberpapier um den Kopf, Jagomir einen großen braunen oder grauen Hut mit einer roten Feder, der Kanzler einen schwarzen Zylinder. Natürlich wird all das aus Papier gemacht. Die Kleider könnt ihr euch selbst ausdenken, jeder Flicken ist dazu brauchbar.

Wenn ihr das Stück aufführen wollt, ist es am bequemsten, ihr spannt irgendeine Decke oder ein Tuch in einen offenen Türrahmen, und zwar so hoch, daß ihr bequem mit den Händen hinauflangen könnt; eure Köpfe dürfen natürlich ebenso wenig zu sehen sein wie eure Füße. Einen Vorhang braucht man nicht; die Puppen verschwinden einfach hinter dem Tuch und kommen auch wieder so zum Vorschein. Jedes Kind kann zwei Puppen spielen, mit jeder Hand eine; bei einer muß es dann seine Stimme etwas verstellen.

So, nun versucht mal euer Heil! Es wird euch viel Spaß machen; und den Zuschauern auch.

Personen:

König Pflaumenmus. Prinzessin Pumpfia. Der Kanzler. Der Räuber Jagomir.

183Erste Szene.

Der König tritt auf, vom Kanzler begleitet.

König:

Der Sommerabend ist so schön, da muß man doch spazieren gehn. Die Rosen duften süß, hazieh! Die Nachtigall singt türütü— —wie schmerzt mein linker großer Zeh, und auch der rechte tut schon weh. Den Schuster häng mir an den Galgen, (Kanzler verbeugt sich) denn er gehört zu den Kanallgen. (König schnüffelt in die Luft) Wie duftet's hier nach Bratkartoffeln, da krigt man wirklich Appetit. Geh, Kanzler, hol mir die Pantoffeln, und bring die Abendzeitung mit. (Kanzler verbeugt sich und will gehn) Halt! hemme noch den eiligen Lauf und setz mir erst die Brille auf. (Kanzler tut's, dann ab.) Ein König muß sich informieren, es könnt doch was im Land passieren. (Kanzler kommt mit der Zeitung und den Pantoffeln zurück.)

184Kanzler:

Hier, König, bringe ich die Zeitung, die allerneuste Meinungsleitung. Auch Schlupfschuh hier aus Woll' und Watte, wie Majestät befohlen hatte; und frage untertänigst an, ob ich noch sonstwie dienen kann.

König:

Nun ja, rück mir die Krone grade; denn fiel sie runter, wär's doch schade. (Kanzler rückt die Krone zurecht.) Was steht denn hier im Tageblatt? Prinz Kasimir kommt in die Stadt? Da wird er uns gewiß besuchen. He, Kanzler, haben wir noch Kuchen?

Kanzler:

Herr, nicht 'ne einzige Butterschrippe.

König:

Na, häng nicht gleich die Unterlippe; hol Streußelkuchen vom Konditor, auch Vollmilch, einen halben Litor.

Kanzler:

Ach, Herr, von Geld ist keine Spur.

185König:

Das schad't nix, Kanzler; pumpe nur. Wir Könige lassen uns nicht lumpen, und sollten wir die Welt auspumpen. Geh jetzt und sorge für mein Land mit Militär und mit Verstand! (Kanzler verneigt sich, tritt vor.)

Kanzler:

Was hat ein Kanzler doch für Sorgen; wo soll ich bloß schon wieder borgen? Wer schafft mir von der Deutschen Bank den Schlüssel zu dem Kassenschrank? Reichskanzler sein ist wirklich schwer; ich dachte nicht, daß es so wär. Ich annonciere in der "Quelle", vielleicht krieg ich 'ne andre Stelle. (Kanzler ab.)

König (lesend):

Den Streik, den soll der Kuckuck holen! Wir haben so schon keine Kohlen, mein Thronsaal wird tagtäglich kälter, und ich—ich werde immer älter. Auf diese Bank will ich mich legen, ein Stündchen süßer Ruhe pflegen. (Legt sich hin und schnarcht.)

186Zweite Szene.

Pumpfia, König.

Pumpfia:

Wo bist du denn, mein Väterchen, mein süßer Pumps, mein Käterchen?

König:

Wer stört mir meine Ruh im Grase? Ach, Du bist's, kleine Stumpelnase.

Pumpfia:

Papa, ich bring dein Leibgericht, Bratkartoffeln! riechst du's nicht? Ich briet sie selbst, ist das nicht nett? mit Liebe und mit Hammelfett; und machte Klopse dir zulieb, vom Fleisch, das gestern übrig blieb.

König (essend)

Ich danke dir, mein Herzensmops, für die Kartoffeln und den Klops.

Pumpfia:

Papa, ich bin bald zwanzig Jahre und kriege nächstens graue Haare; ich mach mich immer wunderschön, 187allein kein Freier läßt sich sehn. Ich krieg am End gar keinen Mann; was fang ich alte Jungfer an? (Sie weint.)

König:

So liebe mich, mein süßes Kind! Heiraten geht nicht so geschwind.

Pumpfia:

Ach doch, Papa, 's geht ganz bequem. Wenn doch ein Prinz, ein trauter, käm! (weint stärker.)

König:

Mein Pümpfchen, tröste dich bis morgen, da will ich dir 'nen Mann besorgen.

Pumpfia

(fällt ihm um den Hals): Du guter einziger Papa, ich sag gewiß zu allen ja.

König:

Leb wohl, ich muß zur Konferenz; es ist nicht gut, wenn ich die schwänz. (König ab.)

188Dritte Szene.

Pumpfia, nachher Jagomir.

Pumpfia:

Ich arme Pumpfia und Prinzessin, ach könnt ich doch mein Leid vergessen! allein, o leider ganz allein, in diesem holden Mondenschein! Kein Jüngling liebt mich nur ein bißchen, kein Prinz gibt mir ein holdes Küßchen. Mein Herz ist leer, mein Kopf ist dumm, ich fall vor lauter Sehnsucht um— (fällt um.)

Jagomir (tritt auf):

Ich stahl mir heimlich hier herein, hier wird doch was zu mausen sein? (Schnüffelnd) Nee, wo mit Hammelfett gebraten, da regnet's sicher nich Dukaten. (Er erblickt Pumpfia ) 'ne Dame? Ei, wie wunderschön; die muß ich mal genau besehn. (Er tut's.) Ich nehme mir den Hochgenuß und geb ihr einen süßen Kuß. (Er tut's.)

189Pumpfia (erwachend):

Was ist das für ein schöner Mann? Ich wag's und red ihn lieblich an. Wer seid Ihr, herrlicher Genoß? Wie kamt Ihr her in dieses Schloß? Ich bin durch Euern Gruß beglückt; hat Euch ein Engel hergeschickt?

Jagomir:

'n Engel? Nee, das war der Robert; der hat das Ding hier ausbaldowert.

Pumpfia:

Ist alles gleich; du bist mein Schätzchen, mein süßer Freund, mein Busenlätzchen.

Jagomir:

Aber—was wird dein Vater sagen?

Pumpfia:

Ach was, wer wird den Alten fragen.

Jagomir (küßt sie):

Mein honigsüßer Sirupstengel, mein Marzipan, mein Zuckerengel!

Pumpfia:

Welch Geist, welch Witz, welch hoher Held! Pumpfia geht mit dir durch die Welt!

190Jagomir:

Mein Schätzchen, hast du auch Moneten?

Pumpfia:

Die sind hier weniger vertreten; an diese Frage rühre nich, geliebter Freund, entführe mich.

Jagomir:

Na, denn man zu, du süße Hummel! (Beiseite) Verflixt, das wird 'n schöner Rummel.

Vierte Szene.

König, die Vorigen.

König:

Prinzessin Pumpfia, Kasimir, wo seid ihr kleinen Schäker ihr? Ihr wollt euch wohl vor mir verstecken? Na wart't, ich werd euch gleich entdecken.

Jagomir (beiseite):

I, du meine himmlische Güte, die jlooben, ick sei ein Prinz von Geblüte; dabei gehör ick zum Räuberstand, der ernährt seinen Mann besser als so'n Land. (191Laut): Guten Tag, Herr König, ich habe die Ehr und verbeuge mir sehr. (Er tut's)

König:

Mein Vaterherz hüpft froh und warm: mein Pümpfchen in des Prinzen Arm. Mein hoher Gast, Prinz Kasimir, wie findet meine Tochter Ihr?

Jagomir:

Das Mädel hier? Na, himmlisch süß, wie'n Engelken im Paradies.

König:

Na, nimm se dir se denn se doch, und spanne sie ins Ehejoch; dann kocht dir deine kleine Braut Erbsen mit Speck und Sauerkraut.

Jagomir:

Ach ja, und dann Kartoffelklöße mit einer süßen Pflaumensöße. (Umarmung.)

Pumpfia:

Wenn man in deinen Armen ruht, dann kocht sich's gleich noch mal so gut.

192König:

Ich bin gerührt wie Quetschkartoffeln, verlier vor Rührung die Pantoffeln. (Er tut's; die Pantoffeln fallen in den Zuschauerraum.)

Fünfte Szene.

Kanzler, die Vorigen.

Kanzler:

Der Brief kommt eben von der Post, der fünfundzwanzig Pfennige kost't.

König:

Wie oft schon hab ich deklariert, ich nehme nichts mehr unfrankiert. Kommt mir noch mal so'n Ding ins Haus, dann fliegt es gleich zum Fenster raus. (Er öffnet den Umschlag) Laß sehn, was steht in diesem Brief.

Jagomir (beiseite):

Na, geht die Sache doch noch schief?

König (liest):

"Prinz Kasimir entbeut den Gruß dem hohen König Pflaumenmus; er wird ihn heute noch besuchen und hofft auf Kaffee und auf Kuchen."— Von alldem tut der Bauch mir weh; 193was nun, mein Schwiegersohn in spe? Seid Ihr denn nicht Prinz Kasimir?

Jagomir (stolz):

Ich bin der Räuber Jagomir!

König:

Ein Räuber? Hu, das ist ein Graus, der reißt mir die Gedärme aus! Gewiß, er wird mich massakrieren und mir mein Pümpfchen dann entführen. (Er weint.)

Pumpfia:

Was mich betrifft, ich halte still, wenn er nur dich verschonen will.

Jagomir:

Ich schon ihn gern, und auch sein Geld— (beiseite): das er nicht hat! Ich bin ein edler Räuberheld.

Pumpfia:

Mein süßer Schuft, mein Wonneheld, mit dir stehl ich die ganze Welt. (Umarmung.)

Jagomir:

Bald kommt der Kasimir ins Haus; komm, Pümpfchen, komm, wir rücken aus! 194Im Walde steht mein freies Schloß, da schläft sich's fein—auf Heu und Moos.

König:

Na, dann leb wohl, mein teures Kind! Hier hast du noch ein Angebind (gibt ihr einen Zweimarkschein) und außerdem noch meinen Segen.

Pumpfia:

Den kannst du uns auf Zinsen legen. (Beide ab.)

König:

Nun sind sie weg, o Schmerz, o Graus, ich weine mir ein Auge aus. (Er tut es, wirft den Augenknopf unter die Zuschauer.) O Kasimir, Prinz Kasimir, warum warst du nicht eher hier! Wirr ist mein Herz, wirr ist mein Kopf; die Welt, die ist ein Wackeltopf. Nur eins ist unverrückt und wahr, nur eins wie meine Pleite klar: Hoch herrschen über Raum und Zeit die Frechheit und die Dreistigkeit. (Vorhang.)

195

Kasperle und der Krieg

Ein Stückchen fürs Kasperltheater

Kasperle (allein, singt):

Bummvallera ist nicht da; wo ist Bummvallerallerallera?

(Er gähnt.) Ach, ist die Welt langweilig! Vor lauter Langerweile hab ich schon ein paarmal meine Finger gezählt; aber komisch, es kommt immer was andres raus. (Er zählt an seinen Händen): 1, 2, 3, 5, 7, 8, 10, 12, 14, 15—na ja, nun sind's wieder 15. Na, noch mal: 1, 2, 3, 5, 7, 9, 10, 12, 13, 14—komisch, nu sind's wieder 14. Mal hat der Mensch 15 und mal 14 Finger; und dabei sehn sie immer egal aus. (Es klopft.) Ei, da kommt Besuch. Immer 'rein, meine Herrschaften, immer 'rein! (Polizist kommt.)

Polizist:

Bist du der Kasper?

Kasperle:

Was? Kasper? Herr Kasper heißt es, geehrter Herr Kasper heißt es, wertgeschätzter Herr Kasper heißt es, Sie oller Helmaffe Sie, Sie untertänigster Rasselsäbel!

Polizist:

Mann, seien Sie mal etwas höflicher zur königlichen Polizei!

196Kasperle:

Höflich? Hi hi, höflich? Mit Höflichkeit fängt man nicht mal 'nen Floh. Oder soll man etwa sagen: bitte, Herr Floh, seien Sie so gut, Herr Floh?

Polizist:

Kasper, du bist ein Esel!

Kasperle:

'n Esel? Was Sie sagen! Ist 'n nettes Tierchen, so'n Esel, hihi; klettert auf die höchsten Stellen und fällt nicht runter. Hihi, möcht schon solch Tierchen sein.

Polizist:

Lirum, larum, Kasper, du mußt jetzt in den Krieg; darum bin ich hergekommen.

Kasperle:

Krieg? Was ist denn das? Kriecht man da rum, in dem Krieg? Ich bin doch kein Kriechtier!

Polizist:

Du dummer Kasper, du dammliger, der Krieg sind Schlachten mit Bomben und Kanonen.

Kasperle:

Schlachten? Ei, das kenn ich, da gibt's frische Wurst; Blut- und Leberwurst, hihi, das schmeckt aber fein!—Und Bomben? 197wissen Sie, die backt meine Omama mir immer zu Weihnachten; die kenn ich auch. Und Kanonen? ja, die stehn noch vom Großvater selig her auf'm Kramboden; der war Sie nämlich Mistbauer, und brauchte so'ne dicken hohen Schmierstiebeln. Also, dann kenn ich ja den Krieg; muß 'ne lustige Sache sein.

Polizist:

Na warte man, du Frechdachs, wirst es schon merken, wenn's dir man erst um die Ohren knallt.

Kasperle:

Knallen tut's da? O jemine! Wissen Sie, Herr Kriegsminister, gegen Knallen hab ich von Kind auf 'ne Idiokratie.

Polizist:

Idiosynkrasie meinst du wohl, dummer Kasper.

Kasperle:

Nee, Herr Rasselsäbel, Sinn ist da nicht drin; sonst wär's ja keine Idiotokratie. (Er singt):

Die Welt, die haut sich tot wie nie, tot wie nie, tot wie nie, und füttert das Meer mit Korn und Vieh, Korn und Vieh, Korn und Vieh; das ist doch Idiotokratie, Tokratie, Tokratie, Idiotokratie!

198Polizist:

Halt deinen dummen Schnabel, Kasper, das verstehst du nicht; das ist die hohe Diplomatie. Sage mir lieber, wie dein Vater heißt, Kasper.

Kasperle:

Das kann ich Ihnen durchaus nicht sagen, Sie neugieriger Iltis, alldieweil ich das selber nicht weiß. Ich glaube, ich hatte gar keinen Vater.

Polizist:

Und deine Mutter?

Kasperle:

'ne Mutter? 'ne Mutter hab ich auch nicht gehabt. Bloß 'ne Großmutter und 'ne Urmama; die haben mich zusammen zur Welt gebracht.

Polizist:

Du bist 'n Ochse, Kasper, oder 'n Frechdachs; jeder Mensch hat doch 'ne Mutter.

Kasperle:

'n Ochse? das wär was, ei der Daus! Was wär ich da wert bei den heutigen Fleischpreisen? wir wollen mal zusammen rechnen, Herr Kriegsminister. Also: ich wiege 150 Pfund, das Pfund kostet jetzt 8 Mark 50. Erst also 100 mal 8 Mark 50—hängen wir einfach zwei Nullen an, das macht 85000 Mark; 199und dann noch 50 mal 8 Mark 50, das ist mir zu schwer, das kann ich nicht rechnen. Wissen Sie's vielleicht, Herr Kriegsrat?

Polizist:

Na, das sind ungefähr 4000 Mark, Kasperle; es ist ja auch schon lange her, daß ich in der Schule war.

Kasperle:

Also, ich hatte 85000 Mark; und Ihre 4000 Mark dazu, macht 100000 Mark. Sehn Sie, Herr Kriegsminister, soviel ist der Kasper werf, wenn er ein Ochse ist; hihi, was sagen Sie nun, Herr Oberkanonenrat? Was mag man da erst wert sein, Sie, wenn man ein fettes Schwein ist! Wissen Sie was: wir wollen beide Bauern werden und fette Schweine zusammen ausbrüten. (Er singt):

O wär ich doch ein Öchselein, Öchselein, Öchselein, oder auch ein fettes Schwein, fettes Schwein, fettes Schwein, dann pökelt' ich mich selber ein, si- sa- selber ein. Da käm ich in ein großes Faß, großes Faß, großes Faß, da rollt' ich in das Kellergelaß, Kellergelaß, Kellergelaß, 200da hätt ich für den Winter was, Wi- Wa- Winter was.

Polizist (packt ihn):

Ach was, vorwärts marsch mit dir in den Krieg! und hast-du-nicht-gesehn ins Feuer!

Kasperle:

Ins Feuer soll ich? Ich ins Feuer? Aber ich bin doch keine Preßkohle, Herr Oberheizer, daß ich ins Feuer soll? (Er ruft ins Haus): Großmama, mein Puttchen, du alte Knochenmühle! komm doch mal her, aber putz dich nicht erst! man will dein Kasperle ins Feuer stecken! (Großmutter kommt.)

Großmutter:

Was ist denn los? Was schreist du so, Kasperchen?

Polizist:

Er muß in den Krieg und will nicht, der Racker!

Großmutter:

O Gott, o Gott, in den Krieg, mein Herzblatt? Da werden sie dich totschießen, armes Kasperchen! Ogottogottogottedoch!

Kasperle:

Laß man, Omamachen wenn sie schießen wollen, nehm ich meine Pritsche und hau sie selber tot. Guck mal, so—so—haste-nich-gesehn—(er haut den Polizisten tot, wirft ihn über die Rampe und sagt dabei:) Ja, quiek man! den Kasper krigst du nicht! der lebt ewig, du oller Rasselsäbel!—

201

Illustration from Das liebe Nest

202

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