Zwischenspiel (continued 2)
Reading edition
Sömmerring blickte zur Seite. —
Sie waren beide in derben Kleidern, hatten vollständig durchnäßtes Schuhwerk und sahen auch sonst mitgenommen aus wie Männer, die vor Tau und Tag zu irgendeiner harten Arbeit aufgebrochen waren. Sie hatten eine Morgenwanderung hinter sich, eine Forschungsfahrt, eine kleine wissenschaftliche Expedition, die von Erfolg begleitet gewesen war.
Im Opus mago-cabbalisticum steht geschrieben: „Wenn der nitrosulphurische Zunder, woraus Blitz und Donner entstehen, in unserem Luftkreis keine wässerigen Dämpfe oder Wolken antrifft, die ihn zusammentreiben und einschließen können, so bleibt dieser auf die sublimste Art gleichsam in einer geistlichen Gestalt in unserer Luftregion hin und wieder zerteilet, dessen grobe Teile aber werden durch ein schleimiges merkurialiches Wasser globulieret, und des Tages über durch die Sonnenstrahlen entzündet, daß dieselben des Nachts bei hell gestirntem Himmel den Fixsternen gleich scheinen, bis ihr Schwefel verzehrt ist, da sie dann wieder auf die Erde fallen; und ein solches Meteorum heißt der Pöbel Sternschnuppe.“
Dieser Sternschnuppensubstanz, diesem geheimnisvollen Stoff voll unabsehbarer Verwandlungskräfte waren sie auf der Spur gewesen, hatten sie gesucht wie es angegeben war, an einem Frühlingsmorgen nach einem nächtlichen warmen Gewitterregen, eh noch die Sonne ihre Strahlen darauf geworfen hatte. Wie die Kraniche waren sie im hohen Gras einer sumpfigen Wiese vor dem Dörfchen Weckerhagen umhergestelzt in stoischer Gleichgültigkeit gegen einen bäuerlichen Volksauflauf, der sich jenseits des Rains auf der Landstraße ansammelte. Und es war geglückt! Wasserblau, gallertartig und zähe, kugelig und wie von Fett strotzend hatte es in Vertiefungen des Erdbodens gelegen, sie hatten sich klopfenden Herzens darüber hergemacht und die Gefäße gefüllt. Sagte ein Bauernjunge, der, seine Neugierde nicht länger beherrschen könnend, herangekommen war, grinsend: „Das mache die Frösch’ …“? Das Volk war roh! Und das war recht gut. Nur dem Eingeweihten, dem Magier lächelte die Natur ohne Schleier ins wissende Auge.
„Konnte jener Flegel dich in deinem Glauben wankend machen?“ fragte George heftig, „bist du der Gnade so wenig wert?“
Sömmerring wandte ihm die kleinen, ein wenig schräg gestellten Augen bekümmert zu. „Der Kerl sprach etwas aus, was ich längst vermutete,“ sagte er in klagendem Westpreußisch, „diese Materie ist als die Ablagerung gewisser Kröten, Frösche oder Schnecken zu betrachten, mit ihrem Fortpflanzungsgeschäft zusammenhängend, wenn nicht alles täuscht. Es entspricht dies Beobachtungen, die ich als Knabe auf den Wiesen an der Weichsel gemacht habe. Man betrügt uns. Als ich uns dort im Grase hocken sah und deines Weltruhmes gedachte, überkam mich Scham, — ich hätte weinen können!“
„Schweig!“ herrschte George ihn an. „Du hast keine Demut! Uns ziemt zu glauben und zu gehorchen!“
Er schritt stürmisch vorwärts, die Lippen zusammengepreßt; Sömmerring folgte verkniffenen Gesichtes. Lerchen träufelten ihren Gesang über die jungen Saaten, am Wege lockten Ammern in den Apfelbäumen. Ländliche Fuhren überholten sie, von Bauern in blauen Kitteln geführt, Mädchen, die kurzen, gefältelten Röcke wippend, Lasten auf den Köpfen tragend, schritten schwatzend vorbei, in den Straßen der Stadt empfing sie das Gewimmel eines Markttages. Die Professoren Sömmerring und Forster rannten finster hindurch. Die ersten Worte, die einer von ihnen nach jenem Gespräch auf der Landstraße hören ließ, sagte George, sagte sie ein wenig atemlos zu dem Hofrat Prizier, der ihnen schwarzbekittelt in seinem Arbeitsgewölbe in den Kellern der Residenz entgegentrat. „Wir haben sie!“ sagte er in herausforderndem Ton und reckte die Hand mit dem irdenen Töpfchen aus. Nun, war er etwa nicht von Glück überströmt? Was galt’s nun noch, als aus jenem astralischen Subjekte die kostbare, die unschätzbare tinctura universalissima, den Stein der Weisen auszuscheiden, sie von ihrem Fluch zu reinigen und zur Übervollkommenheit zu bringen?
George, erregt in dem weiten Gewölbe auf und nieder schreitend, und blitzenden Auges über Sömmerring hinwegsehend, wiederholte sich krampfhaft die Verheißungen des Annulus Platonis. Reichtum, — Weisheit, — ein Leben über Jahrhunderte hinaus … war’s nicht so? Prizier hantierte mit Tiegeln und Retorten, auf dem Herd in der Ecke blakte ein Feuer auf. Sömmerring hatte einen schwarzen Kittel über seine Kleider gezogen und arbeitete auf einmal schweigsam und angespannt. Der Blasbalg fauchte zwischen seinen Händen. „Ich sollte mehr von der Chemie verstehen,“ dachte George träumerisch, seiner Ermüdung nachgebend, an einem der schießschartenähnlichen Fenster lehnend und den ganzen Aufwand des Adepten betrachtend, Hunderte von Büchsen und Fläschchen, von ihrem Inhalt rubinen, smaragden, schwefelgelb glühend. „Ich sollte die einfachsten Grundlagen meiner Wissenschaft besser beherrschen,“ redete jene unbeaufsichtigte Stimme noch einen Augenblick lautlos weiter, — „was bin ich mehr, als der vom König Minos dressierte Pudelhund?“ „Den Seinen gibt’s der Herr schlafend!“ fiel sich George hier selbst heftig ins Wort und dachte zugleich: „ist’s meine furchtbare Müdigkeit, die mich immer wieder nach diesem Wort greifen läßt, — gerade nach diesem?“ Er näherte sich Prizier, der mit fanatischem Gesicht und feierlichen Gebärden an einem Tisch hantierte, Essenzen auf die grauweiße Sternschnuppensubstanz tropfte und ihre Wirkung mit fiebernden Augen beobachtete. Seiner Verpflichtung endlich eingedenk, fuhr George nun auch in ein Arbeitskleid und tat Handreichung, murmelte gewisse Sprüche und suchte mit Gewalt das zu übertönen, was seit Sömmerrings Worten auf der Landstraße unaufhaltsam in ihm reden wollte. Mein Gott, dieser Sömmerring, der jetzt so hingegeben auf Priziers Finger sah, als hinge seine Seligkeit von dem Erfolg seiner Bemühungen ab! Was hatte er ihn angerührt, ihn, den so gern und glücklich Schlafwandelnden? George, vergessend den Geist zur Sache zu zwingen, ließ die Augen wiederum wandern. Und da plötzlich, — war’s ein Wort, das gefallen war, ein Geräusch, der flüchtige Duft irgendeines Arkanums, eine kaum gespürte Blutwallung in seinem Gehirn? — plötzlich überkam ihn das rätselhafte Behagen, das er einst in frühen Morgenstunden in des Vaters Kabinett hatte empfinden können, ehe die Tagesarbeit begonnen hatte und wenn alle Gegenstände, Bücher, Papiere, Schreibgerät, so sachgemäß und rüstig dagestanden hatten, als würden sie sich sogleich selbständig in Tätigkeit setzen, — das ihn einst wie ein Rausch überkommen hatte bei dem Aufenthalt in Dalrymples Arbeitsraum und aus dem er auf der Reise Kraft gesogen beim Anblick von Cooks rechteckig aufgestelltem und blinkendem Gerät. Nun, — Prizier war kein Cook, er war kein Dalrymple. Er war dem Vater in keiner Weise vergleichbar. Jedoch, er stand hier als der Meister und Sömmerring und er selbst als gläubige Schüler. Handreichung tun und gehorchen, sich von der Stimmung dieses Raums, diesem magisch-wissenschaftlichen Aufbau, dem ausgestopftem Krokodil an der Decke, dem grinsenden Totenkopf dort auf der schweinsledernen Bibel unter dem Kruzifix in das selig verantwortungslose Gefühl des Zauberlehrlings hineinsteigern zu lassen, — dies war das verlockende Spiel einer Phantasie, die sich selber ernst zu nehmen liebte. George war für Minuten völlig glücklich. Verzückte Sammlung aller Strahlen des Gefühls auf den einen Brennpunkt gelang ihm: so wie göttliche Schöpfungs- und Verwandlungskräfte sich niedergeschlagen hatten in dieser köstlichen Masse, diesem wahren sperma astrale, dem Weltensamen, so meinte er einen übermenschlichen Grad aller Spannkräfte des Gemüts erreicht zu haben, — als eine schroffe Bewegung Priziers, der das Prüfgläschen gegens Licht erhoben hatte, ein unwilliger Laut, ihn herausriß. „Nichts!“ stieß Prizier hervor und warf das Glas klirrend auf den Tisch. Und „Nichts!“ wiederholte eine andere Stimme und eine Gestalt trat mit lautlosem Schritt neben George, ihm die Schulter berührend, daß er mit einem unwillkürlichen Schrei zurückfuhr. Woher war sie gekommen, aus welchem Schatten des Gewölbes? „Du hier, Bruder Manegogus?“ murmelte George erschüttert und blickte auf Sömmerring, dessen Hände schlotterten.
„Ich hier, — jawohl, Bruder Amadeus! — wann wäre ich nicht um euch?“
Eine entsetzliche Kälte, ein Unlustgefühl sondergleichen überkroch George, als er den Ankömmling anblickte, der nun an Priziers Stelle an der Breitseite des Tisches lehnte, sich aufstützend und seine lange flache, bis zum Halse schwarz eingeknöpfte Gestalt vornüberschwanken ließ. Das im Gegensatz zu der niederen Stirn und der geringen Nase schwere eckige Kinn schob sich höhnisch vor, die rechte Hand hob sich, um geballt auf die Tischplatte zu fallen, daß die Gläser erklirrten.
„Und ich sage euch, es fehlet am Glauben!“ sagte die verschleimte Stimme, „am Glauben fehlt es, — ich weiß nur noch nicht, bei welchem von euch!“ Die breiten Kiefern mahlten, die Äuglein gingen lauernd zwischen Sömmerring und George hin und her. „Wo das Gebet lau ist, schläft der Glaube ein. Wachet und betet. Die Oberen sind unzufrieden mit euch. Strafe droht. Hat einer von euch — Geheimnisse verraten?“
Und während Sömmerring den Kopf hängen ließ, wie ein gescholtener Knabe, war in George auf einmal der Ekel stark genug, daß er den Mann dort hinterm Tisch nicht anders sah, als er war, die Enttäuschung über das mißglückte Experiment hatte ihn ernüchtert wie ein Sturz kalten Wassers.
„Was will mir der Schleicher, der verfluchte Pfaffe?“ dachte er in kalter Empörung, indem er zurücktrat und sich des Arbeitskittels entledigte, als sei er allein …
„Ich bin nunmehr doch der Überzeugung, Herr Hofrat,“ sagte er zu Prizier, der mit untergeschlagenen Armen und stieren Augen an der Wand lehnte, den Mann, dem eine letzte Hoffnung fehlgeschlagen ist, mit der mimischen Begabung seiner französischen Herkunft darstellend, — sagte es in leichtem Ton, als berühre er längst Vermutetes, „daß es sich hier nicht um eine Verdichtung des spiritus mundi oder der terra virginea handelt, sondern — um den Laich von bufo vulgaris, der gemeinen Erdkröte. Darf ich mich für heute empfehlen? Du kommst noch nicht, Sömmerring? Nun, auf ein ander Mal! Gehorsamster Diener allerseits!“ — —
Der Bogen war überspannt worden.
„Was europäischer Ruhm und Fürstenfreundschaft, Glanz der Wendekreise um mein armes Haupt und südliches Inselmeer zu meinen Füßen!“ dachte George Forster, und er dachte mit Pathos, der großen Stunde angemessen, — „wäre ich ihr genaht, ein bescheidener junger Gelehrter, — etwa ein Sömmerring,“ — schaltete er ein, ‚beiseite‘ denkend, wie die Helden im Schauspiel beiseite sprechen, — „unbekannten Namens, ohne einen andern Ruhm als den meiner Redlichkeit und eines fühlenden Herzens, — wäre ihr genaht an der Hand ihres wackeren Vaters etwa, die eigene Hand auf der Brust und die Augen zu Boden geschlagen …“ George verlor sich dermaßen in diese Vorstellung, daß er sich selbst in der sparsam amöblierten Wohnstube des Hauses Heyne stehen sah vor Therese, die in einer zuchtvollen Haltung nähend am Fenster saß, und den Alten wohlwollengetränkte Worte über sich reden hörte, — er blickte träumerisch über den Brief hinweg, in dem er gelesen hatte, und bewegte ekstatisch den Kopf … „dann, — ja dann könnte ich es glauben, dies Glück! Oh, Götter, aber warum zweifle ich?!“
Er sprang auf und ging mit langen Schritten in dem Kabinett auf und nieder, in dem alles zum Aufbruch gerüstet stand, die Kisten dort, mit seinen Büchern, Instrumenten, Sammlungen, — die ledernen Reisekoffer, der Mantelsack, noch nicht zugeschnallt, des letzten Eigentums harrend, — ach, dieser gute, treue Mantelsack, in London für die Pariser Reise gekauft und nun, mitgenommen und abgerieben wie er war, von all den einsamen Fahrten der letzten Jahre erzählend, letztlich von den nächtlichen Ritten nach Göttingen! George berührte ihn gedankenverloren und zärtlich mit der Hand, — o ja, es ging nun einmal Reiz und Zauber ohnegleichen von den Dingen aus, die der Reise dienten!
„Merkur muß über mir stehen so gut wie Saturn,“ dachte er inbrünstig und der Rausch des Reisefiebers ließ ihn wieder lächeln, so haltlos, wie sich ein Mensch nur in der Dunkelheit oder völligen Einsamkeit dieser seltsamen Grimasse überläßt. Und, wohl empfindend, aus welcher Quelle dieses unendliche Lächeln sich speiste, trat er ans Fenster, um im letzten Schein des Aprilabends Theresens Brief von neuem durchzulesen.
Durch Jahre hindurch kannte er nun diese flüchtigen, launisch bewegten Schriftzüge, kannte sie aus kurzen Billets, rasch hingeworfenen Grüßen, spielerischen Fragen nach seinem Wohlergehen, Einladungen, — kannte sie aus langen, schwärmerischen Episteln, Antworten auf Ergüsse seines eigenen gepreßten Herzens, aus einem Briefwechsel, bei dem es dem Anschein nach um eine Vertiefung in Gott und Welt und um die wahre Glückseligkeit des Herzens gegangen war, der ein behutsames Abtasten seelischer Grenzgebiete, ein zartes Ausforschen von Wegen in die rätselvollen Landschaften des fremden Ichs hatte bedeuten sollen und der, — George nahm vielleicht an, er allein sei sich dessen bewußt gewesen, Mann, der er war, mit einer Vorstellung von der schmetterlingshaften Ziellosigkeit weiblichen Gemütslebens, geeignet, ihn beliebig in Rührung zu versetzen, — der von Anfang an das gewesen war, was Spiel und Tanz den Geschlechtern sein muß, Werbung von der einen, Hinhalten auf der anderen Seite. Und nun, überrascht, ja, überwältigt trotz aller Gewißheit seiner Hoffnung, in diesem Augenblick, da er sich Gott übergeben hatte, um nach Litauen zu gehen, an die Universität Wilna, wohin sein Gönner, der Hofrat Czempinski in Warschau, ihn an die Universität empfohlen hatte, — nun sah er sich am ersten Ziele der Wünsche, auf die dieser Briefwechsel aufgebaut gewesen war: er las, mit ungläubigen Augen und zitterndem Herzen zum drittenmal den Satz, daß Therese Heyne „demütigen Herzens geneigt sei, die zukünftigen Schicksale ihres liebsten Freundes zu teilen, wie immer sie auch fallen möchten.“ Er las diese fast allzu deutliche Antwort auf eine verhüllte Anfrage seines letzten Briefes, und endlich, endlich spürte er den Schauer des Leibes und der Seele, auf den er gewartet hatte, der doch eintreten mußte, vergaß zu zweifeln, fühlte sein Blut heiß und gewalttätig steigen, wußte, dies, — ja, dies war eine Angelegenheit des Blutes, und all die Jahre hindurch bei dem ganzen Aufwand von Geist, Papier und Tinte hatte es sich zunächst um diesen einen Augenblick gehandelt, — drückte in einem kurzen Taumel oder aus Folgerichtigkeit, oder, weil er sich diesen Augenblick der Erfüllung nun einmal von jeher so vorgestellt, den Brief erst an die Lippen und dann ans Herz, blickte verzückt in die Wolken und bekämpfte bei alledem in sich die bittere Enttäuschung über den Schluß des Briefes, der als Wunsch des alten Heyne den Satz enthielt, daß auf ein Wiedersehn, etwa jetzt auf der Durchreise, zu verzichten sei. „Der Vater meinte, daß wir fernerhin korrespondieren möchten und uns einstweilen im schriftlichen Austausch unserer Seelen genügen lassen. Ich bin gewöhnt, mich seinem Willen zu fügen, auch dort, wo es mir schwer fällt, und ich bin überzeugt, der beste Sohn der Welt, als den ich meinen Forster kennenlernen durfte, muß mir hier recht geben …“ so schrieb Therese und: „Oh, ja,“ dachte George bitter, „der unaufhörlich zärtlich gehorsame Sohn, wie sollte er nicht?“ Gewiß, Therese war jung, — aber wußte Heyne denn nicht, wie er, George, verzehrt von Glut und Einsamkeit war?
In einem Jahr, stand da noch, in einem Jahr, wenn er sich in Polen eingelebt habe und zu Besuch nach Deutschland kommen würde …
Nun, wußte dieser alte Mann mit seinem Schatz sicher erworbener gleichwertiger Jahre auch, was ein Jahr mehr für den hieß, dem die Jahre bisher Unrast, Qual und Heimatlosigkeit bedeutet hatten? Noch ein Jahr der Verlassenheit, des Leids, des Verlangens, der Askese? Gut, gut, er würde sich fügen; aber dies war hart!
Auf dem Flur schepperte die Glocke, die Wirtin schlurfte draußen vorüber, um zu öffnen. Morgen bin ich fort, dachte George unbewußt. Ach, er würde wenigstens die Alltäglichkeit dieses Ortes abstreifen! Nun kam Sömmerring, der Teure, um den letzten Abend mit ihm zu verbringen. Und indem er den Freund in der letzten Dämmerung umarmte, — „Bruder!“ flüsterten beide im Einklang ihrer Bewegung, — fühlte er die Frische des Frühlingsabends auf seinen Wangen und ließ die Hände niedergleiten mit der wehen Empfindung, als müsse er etwas Unwiederbringliches fahren lassen. Was widersinnig war, — indessen, — wer war ihm in seinem Leben bis jetzt das gewesen, was Samuel Sömmerring war? „Lassen wir das Licht!“ sagte Sömmerring mit belegter Stimme, „Teufel auch, liegt denn auf jedem Stuhl etwas? So. Und dies ist nun unser letzter Abend.“
„Ich habe dir etwas zu sagen, Bester!“ sagte George.
„Ich dir auch.“ Sömmerrings Stimme klang erregt. „Ich habe sie nicht!“ — „Was? Wen hast du nicht?“
„Guter Himmel! Da fragst du! Worauf warten wir denn? Die Exemptuspatente!“
„Die Exemptuspatente! Gut, gut,“ murmelte George zerstreut, „du bist noch eine Weile hier, du wirst sie mir nachsenden.“
Es handelte sich um die Bestätigung ihres Austrittes aus jener geheimen Gesellschaft, deren Mitglieder sie bis vor kurzem gewesen, deren Ziele ihnen weltbewegend erschienen waren, so wie die Entdeckung, daß ihr Aufbau Scheinarchitektur und hohle Kulisse sei, sie erschüttert hatte, gleich dem Zusammenbruch eines Tempels. Indessen, — dies alles sank ja von George wie ein altes Kleid.
„Verzeih mir,“ sagte er etwas lebhafter, „ich gebe dem allem keine große Importance mehr. Die Exemptuspatente. Nun ja. Und wenn wir sie schließlich auch nicht bekämen …“
„So würden wir aller Orten als wortbrüchige Brüder und Verräter unseren Steckbrief haben und der Verfolgung und Rachsucht der Oberen ausgesetzt sein! Du fürchtest sie nicht mehr? Nun, du würdest sie wieder fürchten lernen!“ Sömmerring rang die großen Hände. „Unglückliche, Blinde, die wir in dies Verhängnis rannten! Manegogus haßt uns. Er wird uns Stein um Stein in den Weg rollen.“
„Er ist ein Narr,“ sagte George ruhig, „bleibe ja kalt und gelassen in allem, was ihn betrifft! Höre mich an!“
Er trat ans Fenster und legte einen Augenblick die Stirne an die kühle Scheibe. Messerscharf stand die Firstlinie des Daches gegenüber gegen den grünlich-klaren Himmel. Alte Dächer, dachte er, ich seh euch nicht wieder im Sonnenlicht! Ach, die Orte, die er schon hinter sich hatte versinken sehen!
„Du kennst meinen Charakter,“ begann er, sich ins dunkle Zimmer zurückwendend, „es waren nicht Vorspiegelungen, Bestechungen mit angenehmen Aussichten auf Wohlleben und dergleichen, die mich verführten …“
„Nein, bei Gott,“ beruhigte er sich selber, „denn die Hoffnung auf Gold, sie war mir aus den edelsten Gründen teuer, — war es nicht so?“
„… sondern Wahrheitsliebe, brennender Durst nach Überzeugung von gewissen Wahrheiten und der schwärmerische Hang, sie für wahr zu halten, — das war’s doch einzig, was mich die vier Jahre hier laborieren ließ! Darum habe ich an meiner vermeintlichen Geistesreinigung gearbeitet, mich kasteit, allen unschuldigen Freuden des Lebens entsagt, habe voll redlichem Enthusiasmus in unseren Versammlungen geredet, bin bei den Bundesbrüdern die Runde gegangen, habe sie ermahnt und angefeuert, habe Geld und Ruhm in die Schanze geschlagen, kurz, alle Kräfte aufgeboten, um das Ziel zu erringen, welches man uns als erreichbar gezeigt hatte. Und nun, da ich endlich eingesehen habe, daß mich diese Verirrung nicht nur jene 500 Taler bar gekostet hat, sondern gewiß mehr als 1500 an verschwendeter Zeit und unschätzbare Summen an Kenntnis, die ich mir in den vier Jahren hätte erwerben können, und so viel an Freuden des Lebens, die meinen Kopf hätten aufhellen, meinem Herzen hätten Schwung geben können, — seitdem ich mich und auch dich als so betrogen erkannt habe, seitdem“ — und er stieß den Stuhl, dessen Lehne seine Hände umfaßt hielten, heftig auf den Boden, — „seitdem erlaube ich es mir, eine schlechte Sache schlecht zu nennen und ihre Vertreter zu verachten. Ja, Sömmerring, für mein Leben fluche ich der Schwärmerei! Freimaurerei und Rosenkreuzerei sind abgetan für mich. Meine Natur ist dem Mystischen entgegen. Es war nicht Frömmelei, die mich zum Betbruder machte. Es war — etwas anderes …“
„Du meinst?“ fragte Sömmerring zaghaft aus dem Dunkel.
„Ach, genug! Ich habe viel entbehrt, Bruder. Bitterer, als andere. Ich weiß es jetzt.“
„Therese!“ dachte er, in einem plötzlichen Aufruhr des Herzens, — „Therese!“
Gleich darauf lächelte etwas in seiner Stimme, als er abschließend sagte: „Die Arbeit, Freund! Die Wissenschaft! Und — die Brüder vom reinen Willen über alle Welt verstreut! Oh, er hatte recht, jener Müller!“
„Ein Treuloser!“ murrte Sömmerring, „wo mag er sein?“
„Gleichviel!“ sprach George. „Mein teuerer, einziger Sömmerring, was ich dir zu sagen hatte, es war dies: ich bin mit Therese einig.“
Nach diesen Worten blieb es sonderbar still. George, jetzt mit dem Rücken am Fenster lehnend, erblickte drüben im Spiegelglas seinen Schatten von einem trüben Abendrot umflossen und den Querbalken des Fensterkreuzes zu seinen Häupten.
„Du bist mit Therese einig,“ wiederholte Sömmerring sodann. Es gab ein Geräusch, als bewegte er ruhelos die Hände, riebe sie aneinander, ein trockenes aufreizendes Geräusch.
George, im tiefsten Herzen erkältet und von einer rätselhaften ohnmächtigen Angst überfallen, raffte sich zusammen und rief in erkünstelt zornigem Ton: „Das ist alles, was du mir zu sagen hast? Nun, beim Himmel …“
„Versteh mich richtig, versteh mich richtig!“ sagte die Stimme aus der Dunkelheit hastig in hilflosem Ton. „Ja, dein Glück liegt mir am Herzen, wie mein eigenes, Bruder, — heißer noch, angelegentlicher. Und deshalb, gerade deshalb …“
„Sömmerring!“ sagte George beschwörend. „Oh, Forster!“ seufzte der andere, „Forster, — ist sie denn deiner auch wert?“
„Therese?“ fragte George zurück, und der Ton seiner Stimme sagte, daß er lächelte, „Therese?“
„Ja, — Therese!“ Sömmerring kam herüber und legte mit einer unbeholfenen Gebärde seine Hände auf Georges Schultern, — es war ja dunkel. „George, wir kennen sie beide, und es gab eine Zeit, da durfte man noch in deiner Gegenwart ohne Rückhalt über sie sprechen. Aus jener Zeit mußt du dich entsinnen, — nun, — sie galt für eins von den Mädchen, deren größte Freude es ist, wenn sie Sklaven an ihrem Triumphwagen schleppen können. Und unter diesen Sklaven einen Fürsten zu haben, einen Forster —“
„Oh, schweige!“ George wandte sich ab.
„Ich schweige nicht,“ sagte Sömmerring mit verzweifelter Rücksichtslosigkeit, ein wenig stotternd und mit dem Zeigefinger eifrig unterstreichend. „Diese Liaisons mit dem jungen Rougemont, mit Meyer, haben die Sperlinge auf den Dächern beredet und du allein warst taub und blind.“
„Was will das sagen?“ gab George hastig zurück, „habe nicht auch ich —? Denke an Philippine, an Karoline Michaelis — nun, willst du mir nicht auch sagen, ich sei Theresens nicht würdig? Nun?“
„Oh, George!“ sagte Sömmerring, vor so viel Harmlosigkeit verlegen. „Aber das waren Spielereien, schöngeistige Korrespondenzen …“
„Nun, und …? Willst du etwa andeuten, daß Theresens Beziehungen zu jenen Männern weiter gingen? Und selbst wenn sie sich ihnen näher attachiert gehabt hätte, —“ er redete lauter als nötig, wie einer, der sich selbst übertönen will, — „was willst du ihr vorwerfen?“
„Nichts, als daß sie gleichzeitig mit dir und jenen Hohlköpfen ihr Wesen hatte!“
„Ach, du kennst sie nicht. Sie ist so jung. Sie ist beweglichen Geistes. Du solltest ihre Briefe lesen, Freund, — du würdest zufrieden sein. Was ich dir sagen könnte, es würde mich beschämen, — aber sei beruhigt, — es ist kein Mann mehr für sie vorhanden außer mir. Meyer ist mir Freund und Bruder und sie, o Sömmerring, sie wird mir einst Freundin und Gehilfin sein, wie sie mir jetzt die einzig Begehrte und Geliebte ist.“ Er sank dem Freunde an die Brust.
„Vergib mir, vergib mir!“ stammelte der ergriffen. „Ich weiß, ihre Qualitäten sind außergewöhnliche. Du bist der Mann, sie zu lenken. Sei glückselig! Ich bin es mit dir.“ — —
Es klopfte. Mühlhausen, der Bediente, kam herein, der Schein des Leuchters in seiner Hand fiel auf ein verschnupftes, verweintes Gesicht.
„Ja, ja, Mühlhausen! Sein guter Herr!“ Sömmerring klopfte ihn auf die Schulter, „aber warum folgt Er ihm nicht?“
„O Herr! So in die finstere Polackei! Ja, wenn der arme Mühlhausen nicht Weib und Kind hätte!“
„Lassen wir die Sentiments! Seien wir Männer!“ Forster trat aus dem Nebenzimmer, eine triefende Flasche in der Hand; Mühlhausen, der den einfachen Abendimbiß auf den Tisch gesetzt hatte, entfernte sich.
„Ich habe hier eine Bouteille Johannisberger, Freund, — nun, ’s ist immerhin ein guter Tropfen zum Abschied, und einstweilen bist du den Hochheimer ja noch nicht gewöhnt, — du Rheinländer!“
Sömmerring war wie George im Begriff, Cassel zu verlassen. Er folgte einem Ruf Sr. Eminenz des Kurfürsten an die Universität Mainz. George füllte die Gläser. Sömmerring sah ihm schmunzelnd zu.
„Ich gedenke ein guter Preuße und Lutheraner zu bleiben unter den Verführungen Roms“, sagte er. „Der Hochheimer soll ein Reservat der Herren Domdechants sein.“
George setzte sich. „Oh, du wirst Freunde unter ihnen gewinnen. Tritt nicht zu schroff auf. Ein Mann von Welt betont seine Überzeugungen nicht. Er hat sie, — das genügt.“
„Daß wir beide unter die Pfaffen fallen müssen! Und warum nicht am selben Ort! Oh, George, — Wilna könnte mich nicht locken, du weißt es, — aber ich werde alles daran setzen, dich an den Rhein zu bekommen!“
Sie hoben die Gläser. „Tu es!“ sagte George angeregt. „Auch ich werde für dich arbeiten. In Prag, — in Wien, — wo du willst. Bruder, Connexionen und Connaissancen sind alles!“
„Du hast sie durch deinen Namen,“ Sömmerring sah auf seinen Teller. „Woher sollte ein bescheidener Jünger Äskulaps sie haben, wenn nicht durch seinen Freund und Bruder?“
„Oh, schweige!“ rief George, „du bist eine Hoffnung deiner Wissenschaft, du weißt es. Weißt du auch, wieviel Protektion wir dem Bunde verdanken?“
„Du magst recht haben,“ — Sömmerring sah sich unruhig um, — „indessen wünschte ich dennoch …“
„Du nimmst es zu tragisch. Ich werde es unterwegs zunächst nie ableugnen, einer Loge anzugehören. Kenntnis von Geheimnissen gibt ein Air. Und in Leipzig will ich dem Schrepferschen Zirkel näher treten. Wissenschaftshalber, verstehst du.“
„In Leipzig, —“ Sömmerring lenkte ab, — „du wirst auch nach Halle kommen?“
„Jawohl,“ erwiderte George verdüstert, — „ich muß wohl. Die Götter mögen über meinem Reisegeld wachen. Aber auch ohne das, ich werde fest bleiben. Ich habe jetzt andere Rücksichten zu nehmen.“
„Du wirst den Deinen Mitteilung von deiner Liaison machen?“
„Um Gottes willen! Das geschieht erst in einem Jahr, — wenn ich mir Therese hole. Der Alte möchte mir Berge in den Weg legen. Freilich, für ihn ist der Packesel dann endgültig verloren!“ Er lachte kurz auf. Sie tranken sich zu. Sömmerring legte sich über den Tisch und griff nach Georges Hand.
„Mein George,“ sagte er mühsam mit schwimmenden Augen, „du bist die beste, uneigennützigste Seele der Welt. Du bist der wahre Amadeus.“
„Sömmerring, Sömmerring!“ George bedeckte die Augen mit der Hand. „Laß uns nicht weich werden!“
„Doch, doch!“ Samuel Sömmerring schluchzte beinah. „Du bist’s! Und nun bist du den Alten glücklich los — und da kommt diese Frau …“
George richtete sich auf. „Sömmerring!“ rief er, „deine Freundschaft verführt dich! Laß mich annehmen, es ist der Wein! Laß mich annehmen, es ist der Wein!“
Sömmerring verbarg das Gesicht in den Händen. In der Tat, er vertrug nicht mehr als ein Glas.
„Schick mir einen Elenskopf aus Polen, Bruder,“ bat er kläglich, „das Gehirn in Weingeist! Auch einen Bärenkopf besäß ich gern. Mein Gott, mein Gott, du gehst ja in die Wildnis!“
George kam um den Tisch herum. George streichelte den gefällten Riesen. George tröstete. Aber da war nichts zu machen.
„Du — du bist nun einmal zu gut dafür, um nichts zu sein als das weiße Tuch für das Schattenspiel der andern!“ schluchzte Sömmerring.
George sah mit sonderbar auflauschendem Ausdruck über diese Worte hin ins Leere.
George durchwachte diese Nacht; er hatte es nicht anders erwartet. Hingegeben an das Rauschen seines Blutes lag er da, und daß es rauschte, daß es endlich wieder einmal mit Hochdruck durch seine Adern stürzte, ach, er wußte es wohl, das war nicht Theresens Brief allein, der das machte. Dieser Brief mit seinem hinhaltenden Schluß hatte eher etwas in ihm zurückgestaut; ja, wenn er sich denn nun nicht sogleich von dem vollen Aufstrom seiner Seligkeit an ihre Brust tragen lassen durfte, so sollte dieser Strom wenigstens Mühlen treiben, gut, gut, — Forster war nicht der Mann sich haltlos einer Enttäuschung zu überlassen. Und da er denn nun in der fürchterlichen Dunkelheit nicht weinte vor bitterer maßloser Enttäuschung darüber, daß er sein Mädchen morgen abend in Göttingen nicht sehen sollte, wie er mit zweifelloser Sicherheit angenommen hatte, — daß er nicht, ehe er noch einmal in eine so gramvolle Einsamkeit und Fremde ging, ein Wort, eine kleine Gebärde der Zärtlichkeit mitnehmen würde, nicht ihr Haar, nicht diese flaumige bräunliche Haut ihres Halses einmal berühren durfte, — oh, seltsames Verlangen, wunderliche Wünsche mußten nun zurück in das stumme innerste Herz! — da kam dieser verzweifelte Trotz, dieses hohnvolle Lebensgefühl über ihn: dennoch wollte er glücklich sein! Und nun stand ja diese Reise bevor, dieser angenehme Umweg nach dem Ort der neuen Pflichten, der über den Harz, über Dresden, Prag und Wien führen würde und zwischendurch die freundliche Einschaltung eines Badeaufenthaltes in Teplitz voraussah. Nein, sein Herz klopfte nicht allein unter dem Druck jener bittersüßen Erfüllung, es war der wohlbekannte Frühlingssturm der Projekte und des Reisefiebers, der das Schiff an der Ankerkette tanzen ließ, diese verworrene gläubige Erwartung größter Dinge und Ereignisse hinter der nächsten Wegbiegung, zum erstenmal empfunden, als der Vater damals mit der Wolgareise schwanger ging. Er wurde nun hellwach, fühlte die letzte Neigung einzuschlafen, entweichen, wälzte sich herum, stemmte den Kopf in die Hand und starrte mit leise brennenden Augen in die Dunkelheit. Wohl, Cassel war erledigt. Oh, Gott im Himmel sei Dank, diese Leidensstation lag hinter ihm, nie wieder betreten würde er diesen Gang des Labyrinthes. Und mit einer Art phantastischer Fröhlichkeit der alten Vorstellung erliegend, warf er sich zurück und lachte lautlos auf. Ja, drinnen heulte der Minotauros und hier, — hier ging er, George Forster, der gemeint war, nicht mehr ein kleiner demütiger Knabe, nicht mehr ein dürftiger überarbeiteter Jüngling, — auch nicht der dumpfe Schwärmer der letzten vier Jahre, — nein, hier ging ein freier zielbewußter, und nebenbei ein berühmter und à la mode gekleideter, kurz, ging ein Mann, ein ganzer Mann seinen Weg hinein in neue lockende Windungen der dunklen singenden Riesenmuschel. Sich selbst hellsichtig aus dem Nichts erschaffend, gewahrte er sich, wie er in Klausthal mit dem Berghauptmann von Trebra in die Bergwerke einfahren würde, fühlte seine Kenntnisse der praktischen Gesteinskunde mühelos durch Anschauung um das vermehrt, was man von Polen aus für die Anwendung auf dortige noch zu hebende Bodenschätze von ihm verlangt hatte, — sah sich diese genußreiche Art des Studiums in Freiberg bei dem berühmten Inspektor Werner fortsetzen, zwischendurch in Leipzig und Dresden seinen Kreis bedeutender Bekanntschaften und ergebener Freunde durch die einfache Tatsache seines Auftretens erweitern, in Teplitz allerliebste Beziehungen anknüpfen und sodann durch verschiedentliche Triumphbögen in Österreich eingehen. Besonders von Wien versprach er sich viel und, — da er ja noch nicht gebunden war, — so würde er sich mit der Freiheit des Weltmannes bewegen. So nahm er sich vor, fühlte aber sogleich aus irgendeinem Winkel der Erinnerung Beschämung sich ankriechen, — was war das doch nur, — war’s jener Vorsatz auf die Schönen von Tahiti, den er damals im Eise des Pols gefaßt — und nie ausgeführt hatte? Mit Ernst gebot er derartigen störenden Erinnerungen Einhalt, legte sich auf die andere Seite und überzählte im Geiste die Empfehlungsbriefe und Adressen, die er mit sich führen würde. Ein Wolkenbruch von Namen ergab sich, das gesamte geistige Deutschland, soweit es an jenen Straßen ansässig war, hatte er sozusagen in der Tasche und das, was jetzt nicht an seinem Wege lag, — er schloß erschrocken die Augen, — oh, nur nicht diesen Hexensabbat von Erscheinungen heraufbeschwören, die seit der Rückkehr aus der Südsee an ihm vorübergezogen waren, — gab es denn eine einigermaßen hervorragende Existenz, von deren Bedingungen er nicht einen Begriff hatte, wenn er sie nicht schon persönlich kannte oder im Briefwechsel mit ihr gestanden hatte? Jetzt bin ich wie der Vater war, damals in Nassenhuben, als er so viel korrespondierte, dachte er mit kindlichem Vergnügen und jener Unumwundenheit innerster unbeobachteter Gedankengänge, — nur, daß ich jünger bin, als er damals, und dennoch — mehr!
Pater meus major est me! fügte er freilich sofort hinzu, sich gleichsam bekreuzigend aus alter Gewohnheit. Und, das schwere Federbett von der Brust wegschiebend, dachte er aufseufzend und mit einem dumpfen Gefühl in der Brust: Er hat die Gesundheit, er steht wie ein Baum, Gott weiß, wohin er es noch bringt, wenn er noch einmal anfängt. Ich aber …
Aber das sollte ja in Teplitz besser werden. Sein armer Leib, immer wieder von rheumatischen Schmerzen geplagt, von rätselhaften Schwären verunziert, mit ständigem Kopfweh und chronischen Koliken geschlagen, er sollte sich erneuern durch und durch. Und eingestandenermaßen, sein Geist schien abhängig von den Gezeiten jenes Giftes, das seit den Skorbuttagen im Südmeer in seinem Blute auf- und niederstieg: er arbeitete besser, wenn es ihm nicht allzu gut ging, — oh, er wußte es mit heimlich asketischer Inbrunst, — zuviel Gesundheit vertrug sich nicht mit seiner Einsamkeit! Später vielleicht, — in einem Jahr, wenn er Therese besaß.
Der Schwung der Erregung hatte nachgelassen, er fühlte es. Er fror plötzlich, er zog die Decke über sich. Er war doch müde.
Er wollte ja Therese nicht nur, um dies wahnsinnige Verlangen seiner Sinne zu stillen, nicht nur zur Gefährtin seiner Arbeit. Er brauchte einen Menschen neben sich, endlich, endlich, wollte diese Verstoßenheit, diese körperliche Verlassenheit vergessen können, wie er es einst, — ach, vor undenklichen Zeiten gekonnt hatte, wenn er des Nachts die Atemzüge der Schwester neben sich hörte. Er wollte jemand haben, der still und zärtlich um ihn waltete, nichts von ihm verlangte als das, was er in Einfalt geben konnte, ohne Aufwand von Geist und Willen. Es sollte ihm geschenkt werden, da war dieser Brief, — er tastete in der Dunkelheit nach ihm und drückte ihn an sein Herz, — nur noch ein klein wenig Geduld, nein, er wollte nicht murren! Diese Menschen, diese schrecklich emsigen, erwartungsvollen, klugen, geistreichen Leute, die auf ihn blickten und vor denen man sich dauernd Haltung geben mußte, — ahnten sie, daß Forster — der jüngere Forster, wohlgemerkt, der Ruhm Deutschlands! — hier in der Dunkelheit des Alkovens weinte wie ein Kind? Oh, nichts weiter sein dürfen, als das duldende, menschenliebende Geschöpf, als das Gott einen gewollt hatte, geliebt um seines Wesens, nicht um seines Wissens, seines Namens willen, so sehr geliebt, daß die Leute den Forster nur allzu gern immer um sich gehabt hätten, — wie selig mußte es sein! Aber wenn es nur einen, einen solchen Menschen gab, der ganz ihn kannte! Oh, er war freilich zu weich, sein eigener Herr zu sein! War er vielleicht nicht glücklich gewesen als Sklave seines Vaters? Und dies, was Sömmerring da gesagt hatte, dies mit dem weißen Tuch und dem Schattenspiel, — traf es nicht zu?
Er fuhr empor und griff sich mit den Händen an den Kopf. Wie, sollte er nicht lieber gleich die Pistole nehmen? Dies war Selbstmord. Es war die Müdigkeit, nicht wahr, ach, nicht wahr, — die Angst vor den Fährnissen der Reise, für die er trotz aller inneren Unrast nicht geschaffen war, Angst vor dem tagelangen Fahren auf schlechten Straßen, den Nachtherbergen voll Schmutz und Ungeziefer, vor Nässe und Kälte. Es war, — ach, es war die Angst des im Labyrinthe Verirrten, des Ausgelieferten, Verlorenen. Aber nun kam ja Ariadne, — nun kam — Ariadne …
Entwirrung, — Klärung, — Vereinfachung! Er würde arbeiten, sich ausströmen an die Welt. Zunächst kamen nun Briefe, Tagebücher, — oh, liebevoll, sorgsam, geduldig wollte er sein …
Als Mühlhausen eine Stunde später mit dem Leuchter in der Hand und dem Reiserock über dem Arm zum Wecken eintrat, fand er seinen Herrn fest schlafend, die Linke über die Augen gelegt, einen lächelnden Zug um den armen häßlichen Mund. — — —