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Das Labyrinth

Erster Teil. König Minos (continued 3)

Reading edition

„Man lobt dich in der Stille, du mächtiger Herr Zebaoth“, brummte Herr Forster mit pfiffigem Gesicht vor sich hin, indem er die Treppe emporstieg, sich haltlos einer Erinnerung an seinen Predigerberuf überlassend und durchaus nichts weiter ausdrücken wollend, als dies, daß es gut sei, Projekte für sich zu behalten, bis sie reif wären, unterirdisch zu wühlen, wie der Maulwurf. Er übersah dabei, daß der Maulwurf, ohne es zu beabsichtigen, seine heimliche Tätigkeit doch nicht verbergen kann und daß eine Schwangerschaft, ob sie schon wesentlich im Dunklen sich vollzieht, sich dem Auge aufdrängt. Somit war es für George und seine Mutter längst nur noch die Frage, was sich wohl vorbereite, wes Geschlechtes und Aussehens das Kind sein würde, dessen Geburt um so zweifelloser bevorstand, als Herr Forster immer schwangerer wurde, was sich in einer peinlichen Zerstreutheit und Unruhe, erhöhter Reizbarkeit und täglichen Ausgängen zeigte, von denen er äußerst nachdenklich zurückzukehren pflegte.

„Na, da staunt ihr?“ sagte er herablassend, sah aber zugleich etwas verstimmt von einem zum anderen: denn die Familie zeigte sich viel weniger aus den Wolken gefallen als er es zur Belohnung für seine lange Enthaltsamkeit erwartet hatte. Frau Justine nickte ergeben, als habe sie derartiges befürchtet, — aber, mein Gott, nun gleich die Südsee, — wo lag sie doch nur? Und ihr Blick schweifte hilflos zu dem Globus hinüber, der auf dem Bücherbord stand. Herr Forster hielt seine Augen mit einem sonderbar strahlenden Ausdruck auf George gerichtet, der ihn freundlich und aufmerksam anblickte und sich nun auch erhob, um den Tisch herumkam, dem Vater die Hand küßte und herzlich sagte: „Welche Freude, teurer Papa!“ aber mehr so, als freue er sich des Glückes eines anderen und nicht seines eigenen, — dieses unglaublichen, dieses einzigartigen Glückes, daß er, in seinem siebzehnten Jahr und ohne weiteres Verdienst als jenes, das der Besitz eines außergewöhnlichen Vaters verlieh, mit eben diesem Vater den großen Kapitän Cook auf seiner zweiten Weltreise begleiten sollte. Dies, kein Projekt mehr, sondern handgreifliche Gewißheit, ein Ding, das sich von heut auf morgen aus der Puppe bloßer Pläne und Verträge in glanzvolle Wirklichkeit entfalten sollte, war’s, was Herrn Forster berauschte und auf Flügeln trug, so daß er um zehn Jahre verjüngt einherschritt und sich den Geschäften der Vorbereitung aufs liebenswürdigste widmete, indem er anordnete, widerrief, Bücher, Instrumente, Arzneimittel und die überraschendsten Gegenstände, die er zur Reise für nötig hielt, aufhäufte, so daß es kaum noch menschenmöglich war, ein System der Ordnung hineinzubringen, — George aber machte es möglich, — und indem er vor allen Dingen in Begleitung von Karl in die Bazare ging und von dem Geld, das ihm bereits zur Verfügung gestellt war, in unbedenklicher Großartigkeit Einkäufe machte an Wäsche, warmen Kleidern, — dabei hatte man noch das russische Pelzwerk, fast neu und von Frau Justine sorgfältig vor Motten geschützt; sie seufzte ein über das andere Mal —, an Glashäfen und Herbarien und an Tabak, besonders an Tabak! Daß man sich in der Umgebung des Südpols aufhalten würde, wo es, — erstaunlich, aber nicht zu bezweifeln, — ebenso kalt war wie am Nordpol, wenn nicht gar kälter, — daß man in der Südsee, — diese aber war heiß, fast kochend! — von Insel zu Insel schlendern würde, der Menschenfresser gewärtig und ähnlicher Zufälle, — dies bildete den Gesprächsstoff der nächsten Mahlzeiten, wozu Frau Justine ratlos und bange aussah, während George ihr aufmunternd zulächelte. Zudem ward immer wieder betont, daß es sich um jahrelange Abwesenheit handeln würde, — jahrelang! — und mit den Schicksalen aller möglichen Seefahrer der letzten Jahrzehnte ward die Wahrscheinlichkeit, daß man überhaupt nicht wiederkehren würde, ausführlich in Betracht gezogen, ja Herr Forster schwelgte förmlich in der Ausmalung aller Möglichkeiten eines martervollen Todes, etwa durch Verdursten in einem kleinen Boot inmitten einer unabsehbaren Wasserfläche, — besonders qualvoll das, meine Liebe, man fühlt sich an Tantalus erinnert! Selbst ziemlich unberührt durch all diese Erwägungen, die er mit großen Augen und gerunzelter Stirn von sich gab, da sie ihm nicht mehr als eine gesunde Emotion der Phantasie bedeuteten, gelang es ihm doch, ohne es zu beabsichtigen, in George und seiner Mutter eine Stimmung von Abschied fürs Leben zu erzeugen, der sie sich am letzten Abend mit vielen Tränen überließen. Die Vorstellung, in diesem fremden Lande mit Karl als einziger männlicher Stütze zurückbleiben zu sollen, löste ähnliche Gefühle in Frau Justine aus wie die eines an morschem Seil über einem Abgrund Schwebenden, obgleich, — papperlapapp! — für sie und die Kinder gesorgt war, vollauf gesorgt durch einen Teil der Reiseentschädigung, die die Regierung ihr in Gestalt einer Pension auszuzahlen angewiesen war, — also nochmals papperlapapp! Daß er nun einen Wechsel auf die Zukunft in der Tasche hatte, denn, — gesetzt den Fall, man kehrte glücklich heim! — er würde durch die Beschreibung der Reise, die ihm übertragen, die seine ganz besondere Aufgabe war, Ruhmes, Reichtums und der Anwartschaft auf die größten europäischen Lehrstühle gewiß sein, — das natürlich wurde wieder einmal nicht ins Auge gefaßt. Freilich, — denn was das Motiv von Justinens traurigen Gedankengängen bildete, was immer wiederkehrte, wenn sie stumm und ergeben zu ihm aufsah, der so prächtig, gesund und von Leben strotzend war und den sie doch liebte, — wenn ihr Blick auf George ruhte, der so bleich und kränklich schien, — dies Motiv, — o, wer wollte es ihr verdenken und wer verstand es nicht, daß es hieß: … und gesetzt den Fall, sie kehrten nicht zurück …?

Das Schiff war ein Erdteil für sich. War ein Weltkörper, im Raume schwebend und blindlings Gesetzen folgend, die seinen Lauf von dem der Gestirne abhängig machten. War, — gleichzeitig, — zusammengesetzt aus allen Stoffen der Erde bis zu ihrem feinsten, dem Menschenhirn, — ein selbständiges Wesen, denkend und zielbewußt und von harter Entschlossenheit, seinem Namen gemäß: The Resolution. War, — ein Schiff! — weiblich, mit ausladendem Schoß und zärtlichem Schwung der Linien, von männlichem Geiste gelenkt und ihm dienstbar, — Heimat diesem Geiste, wie die Insel dem Zugvogel im grenzenlosen All des Ozeans, wo Himmel und Wasser ineinander übergehen und oben nicht mehr von unten zu scheiden ist. War Zuflucht, Obdach, Mutterschoß und nährender Boden den Männern, die auf ihm zusammengedrängt ins Unbekannte fortgerissen wurden, ausgeliefert an Wind und Wogen, freiwillig ausgeliefert, hingegeben allen Gefahren und sie nutzend und meisternd, bis ans Äußerste ihrer Spannkraft geladen mit der Lust des Siegers, dauernd auf der Hut und des Todes gewärtig. Diese Männer — hundertundzwölf an der Zahl, — und das Schiff waren in einem Verhältnis wie Mann und Weib von Anfang her. Es war ihnen Mutter und Geliebte, sie beteten es an und traten es mit Füßen, seine Schönheit war ihnen köstlich, sie schmeichelten ihm und sorgten für seinen Schmuck; aber sie machten kein Heiligtum aus ihm, nichts weniger als das, kein segelndes Kloster. Denn dafür haßten sie es ja, daß es ihnen diese Enthaltsamkeit auferlegte und sie an sich band wie mit Ketten, und dafür rächten sie sich in ihrer Art, daß bald kein Fleck auf ihm war, den der giftige Brodem ihrer unterdrückten Triebe nicht verpestete. Indes, das Schiff blieb, was es war, wundervoll sich wiegend und die Wellen im Spiele nehmend, lächelnd im Glanze der geschwellten, leuchtenden Takelage, sich unterwerfend scheinbar und dennoch herrschend, voll Unberechenbarkeit und dauernder Aufsicht bedürftig, — aber auch gut, warm, schützend wie nichts auf der Welt. Es war so vorzüglich ausgerüstet wie nie zuvor ein Schiff gewesen war, es führte Proviant für Jahre, es hatte unendliche Fässer voll Sauerkohl, voll Maische und Orangenmarmelade, um seine Kinder vor Skorbut zu bewahren, es hatte Steinkohlen, um der Polarkälte, Sonnensegel, um dem stählernen Glanz des Tropenhimmels zu widerstehen, es hatte Ballen von wärmenden Kleidern, — und es hatte, — wer durfte es bezweifeln, — die großartigste Mannschaft, die untadeligsten Offiziere, den scharfsinnigsten Astronomen, den bewundernswertesten Maler, den vorzüglichsten Wundarzt, — es hatte, — und dies war am wenigsten zu bezweifeln, — den besten Kapitän seiner Zeit und schließlich: es hatte Reinhold Forster, hatte Forster und Sohn an Bord! War es ein Wunder, daß dieses Schiff den Ozean unter sich trat wie der heilige George jenen Lindwurm?

Es war natürlich kein Zweifel, daß jeder dieser hundertundzwölf Männer, aufwärts vom kleinsten Schiffsjungen bis zum Haupte des Ganzen, Kapitän Cook, — oder war es Herr Forster? — das Schiff als sein Schiff betrachtete, als die Planke, die ausgerechnet ihn vom Tode trennte, als den Vorrat, der ihn vor dem Verhungern bewahrte, und nicht zuletzt galt jedem einzelnen die ganze übrige Besatzung als zwar einzig um seinetwillen vorhanden, aber auch als der unberechenbarste, am gefährlichsten zu behandelnde Teil seiner Reiseausrüstung, dessen man sich mit äußerster Vorsicht zu bedienen hatte. Wohl, man war aufeinander angewiesen, der Kapitän war nichts ohne die Mannschaft und die Mannschaft eine Enthauptete ohne ihn, der einzelne Mann brauchte die Kameraden wie die Finger einer Hand einander brauchen, und wären die Herren Gelehrten nicht an Bord gewesen, welchen Zweck hätte alsdann der ganze Aufwand von harter Arbeit und den Bergen von Guineen gehabt, die Billy, der Koch, sich und den übrigen Burschen als das Ergebnis mühsamer Berechnungen auszumalen liebte? Jedoch war nicht zugleich einer des andern bitterster Feind, — oh, nicht ausgesprochen, aber lag nicht solche Feindschaft in ihnen allen schon in der Knospe, bereit, geil auszuschlagen, sobald die Verhältnisse ihr günstig sein würden? Konnte man einander lieben, wenn man nicht Wochen, nicht Monate, nein, Jahre denselben engen Raum miteinander bewohnen sollte, ohne eine Möglichkeit, sich aus dem Wege zu gehen? So etwas in Betracht ziehen hätte geheißen den Teufel an die Wand zu malen, und Kapitän Cook hätte die Möglichkeit solcher Menschlichkeiten auf einem seiner Schiffe nie zugegeben, schon weil er selbst innerlich so durchsichtig und reinlich arbeitete und so sachlich war wie nur einer von Mr. Wales’, des Astronomen, vortrefflichen Chronometern; weil er außerdem vollständig davon überzeugt war, — und mit einigem Recht überzeugt, — die wichtigste und unantastbarste Person der Unternehmung zu sein und seine Macht mit einer Selbstverständlichkeit handhabte, die die Atmosphäre gesund erhielt und wohltuend wirkte, — es sei denn auf Individuen, die die Ausdehnung dieser Machtbefugnis anzweifelten. Das fiel nun keinem ernstlich ein, außer Herrn Forster, dem leider eine Verwechslung Kapitän Cooks mit jenen wackeren Männern und Seebären unterlief, mit denen er bisher seine Erfahrungen gemacht hatte, dem Schipper Mandeweit ergötzlichen Andenkens und dem eskimopelzigen Väterchen mit den blanken Tranaugen, das sie sicher an Kattegatt und Skagerrak vorbei geleitet hatte. Herr Forster hatte, — bedauerlicherweise! — von jeher Kapitän Cooks Erfolge, auf die ganz England stolz war, nicht ernst genommen und war mit der bewußten Absicht an Bord gegangen, „dem Burschen“ für diesmal seine Anmaßung zu legen und es nicht zuzulassen, daß er ehrwürdige Gelehrte wieder um ihren verdienten Ruhm brächte. Er war also mit dem ihm nötig erscheinenden Nachdruck aufgetreten, und noch ehe man das Kap erreichte, hatte er es fertiggebracht, daß die Beobachtung des Verhältnisses zwischen ihm und dem Kapitän den anderen Herren ein Anlaß heiterer Spannung bildete, während George qualvoll darunter litt.

Bis zum Kap war die Reise einigermaßen abwechslungsreich gewesen, — man hatte Madeira und die Kapverdischen Inseln angelaufen und erfreute sich überhaupt mit noch frischer Empfänglichkeit aller Eindrücke und des köstlichen Müßiggangs dieser beiden ersten träumerischen Monate, als man unter günstigem Wind an Afrika entlang segelte und nichts zu tun hatte, als die Seele der Verwunderung über die Grenzenlosigkeit der Erde zu überlassen, ähnlich wie damals, als man in der Kibitka durch das heilige Rußland schaukelte, das auch kein Ende nehmen wollte. Im Tagebuch wurde allerlei Ergötzliches vermerkt, Delphine und fliegende Fische, Wale, die auf der scharfen Linie des abendlichen Horizontes ihre Fontänen gegen den goldenen Himmel springen ließen, die großen Glocken der Quallen, durchsichtig wallend und in den zartesten Farben wechselnd, wie sie das Schiff tagsüber umgaben, und nachts die Wandlung des Meeres in eine geheimnisvoll bewegte bläuliche Glut, von langen weißen Blitzen durchwandert und funkensprühend, welches Phänomen Herr Forster aufgeregt prüfte und über seine Ursache mit Mr. Wales in einen Streit geriet. Als jedoch das Kap hinter ihnen lag und mit ihm für Jahre die letzte Berührung mit Europäertum, als von all den gefühlvollen Abschiedsfeiern und aufregenden Exkursionen ins Innere des Landes nichts geblieben war als eine greifbare Erinnerung in Gestalt des Doktor Sparrmann, eines dicken kleinen Schweden, der mit einer Hornbrille, einem Schmetterlingsnetz und einer Botanisiertrommel im letzten Augenblick an Bord gekommen war, — „um einen kleinen Luftwechsel zu haben“, wie er sagte, — als es südwärts ging und immer noch südwärts, und dennoch mit jedem Abend der Wind eisiger blies und die Wellen verlassener brüllten, — da begann das Gefühl des Abenteuers, des Losgelöstseins von aller Verantwortlichkeit, — da begann die Gefahr. Nicht die Gefahr allein, die hinter den Eisbergen lauerte, die ihnen nun Tag und Nacht begegneten, gespenstisch aus dem Dunst hervorwachsend und mit bösen kaltem Drohen vorübergleitend, nicht die Gefahr jener wölfischen Krankheit, gegen deren Überfall Kapitän Cook nicht genug Vorkehrungen treffen zu können meinte, zum Verdruß Herrn Forsters, denn diese Maßnahmen bestanden zum Teil in einem immer wiederholten Lüften der Schiffsräume und im täglichen Säubern des Fußbodens mit Strömen von Wasser, somit gab es fortwährend Zug und Glatteis, — nein, nicht solche Gefahren allein. Es gab nun auf einmal kein England mehr, keine Heimat, keinen König, kein Gesetz. Hier regierten Winter und Meer, Gewalten, denen nicht zu gehorchen war, sondern denen man sich mit zusammengebissenen Zähnen entgegenwarf, sie waren unerträglich, äußerst widermenschlich. Hier herrschte also der Kampf, der Krieg, die beständige Schlacht: fortwährende Todesgewißheit und darum das Bedürfnis, sich lebendig zu fühlen um jeden Preis. Daneben sank jedes Gefühl, das bisher in Fleisch und Blut übergegangen schien, in nichts zusammen, erwies sich als gedankenhaft blaß, ja als ein schlechter Scherz, wenn man es dem Hunger entgegenstellte. Oder war dies die große Prüfung, in der jeder zu beweisen hatte, inwieweit er gefeit war, war dies eine Zumutung des Schicksals, war dies etwa eine Gelegenheit, sich zum Geist zu bekennen? — — —

„Petersburg!“ dachte George, wenn ihm des Morgens die Kälte ins Antlitz fletschte, und er lächelte innerlich verächtlich. Er kannte sie jetzt, diese Anläufe des Satans, und er war ihnen gewachsen. Ob sie ihm unangenehm war, die Kälte, ob sie ihn in Nase und Ohren biß, seinen Hauch gefrieren machte, noch ehe er die Brust verlassen hatte, ob sie ihm Finger und Zehen fast zerbrach? Allerdings war sie ihm unangenehm, allerdings, allerdings! Aber wer merkte es ihm an? War denn den Matrosen etwas anzumerken, fror ihnen nicht die Haut ihrer Hände an den eisigen Trossen und Tauen fest und lachten sie nicht trotzdem bei ihrer Arbeit? War den Offizieren etwas anzumerken, dem kleinen Leutnant Bligh etwa, der seinen Dienst bei Tag und Nacht versah und nichts danach fragte, ob Eisnadeln in der Luft waren oder ob das Schiff durch die Finsternis sauste wie in einen gähnenden heulenden Schlund gezogen? Und endlich, — der Kapitän! Sich vor dem Kapitän schwach zu zeigen, schien ein Ding der Unmöglichkeit. Cook widerstand dem Winter mit seinen eigenen Waffen, der ganze Mann schien eisig und kristallen, seine Art und Weise hatte etwas an sich, das durch Mark und Bein drang wie der Frost und darum sehr einprägsam, ganz unwiderstehlich war. Er war gleichmäßig, er war unerschütterlich, er hatte den Tag in der Gewalt, und es geschah nichts, was er nicht bis ins Kleinste vorausbestimmt hatte. Die Luftströmungen strichen durch ihn hindurch und seine Nerven bewegten sich noch ehe sie davon erreicht waren: er ahnte Temperaturstürze voraus, er ließ Pelzwerk austeilen und bestellte schon am Morgen den steifen Grog, den es am Abend zu geben hatte, so daß die Mannschaft mehr den Eindruck einer Extraration als einer Vorbeugungsmaßregel hatte. Well, Jimmy was a smart fellow, jedoch blieb er unter allen Umständen ganz ausgesprochen und unantastbar der Herr, eisblaue Augen unter den blonden Brauen in dem rötlichen festen Gesicht und den Mund zu einer schönen schmalen Linie geschlossen. Er gab sehr knappe Befehle zum Besten der Besatzung und des Schiffes aus, indessen war das ganze Schiff so sauber und behaglich, war die Küche so abwechslungsreich und vorzüglich, als leite eine Mutter diese Angelegenheiten. Er selbst jedoch schlief in einer Hängematte wie der letzte Mann, und seine Kabine ward kaum je durchwärmt, er brüllte nicht nach Federbetten und Kohlenbecken wie gewisse andere Leute, o nein, aber er hatte auch keine große Achtung vor jenen andern Leuten, das war klar. Schon darum war es ausgeschlossen, zu jenen andern Leuten zu gehören, und daß er in einem so nahen verwandtschaftlichen und abhängigen Verhältnis zu ihnen stand, das war George oft außerordentlich schmerzlich und beschämend. Indessen konnte er es sich erleichtert eingestehen, daß niemand ihn für das paschahafte Auftreten seines Erzeugers verantwortlich machte, und wenn sie ihn „Lady George“ nannten, so entbehrte das völlig eines höhnischen Beiklanges, und er wußte im Stillen ganz gut, wußte es mit einem heimlichen verschmitzten Lächeln, daß er sich gern so nennen hörte, um der Schonung und leisen Zärtlichkeit willen, die in dieser Bezeichnung lagen. Die ersten Reisemonate hatten ihm merkwürdig wohlgetan, die paradiesische Zeit der Wolgareise schien morgenrötlich verjüngt zurückgekehrt zu sein, und nach den staubigen Jahren der Sklaverei und des Krummsitzens dehnte und breitete sein Körper sich nun unter dem weiten Himmel und dem beständigen Durchströmen der reinen feuchten Luft wie eine verkümmerte Pflanze, die endlich in bekömmliches Erdreich gesetzt ist. Die gute Ernährung und das Aufhören jeglichen Zwanges zur Tätigkeit taten das ihre dazu und das Wunder begab sich: George ward jung. Ja, der Äquator lag schon hinter ihnen, es war etwa auf der Höhe von St. Helena, als ihnen auf einmal die Augen darüber aufgingen, daß sie einen Knaben an Bord hatten, einen schlanken, hübschen Jungen voller Diensteifer und einer gewissen feurigen Bescheidenheit, besonders dem Kapitän gegenüber, — mit einem Ausdruck schalkhaften Glücks in den guten, grauen Augen, wie ihn Gesundheit und heiter spielende Laune verleihen, und diese Entdeckung war um so überraschender für sie, als die meisten von ihnen sich nur an ein grises und mageres Männchen erinnerten, das in Plymouth mit Sr. Majestät Herrn Forster an Bord gekommen war, einen stubenfarbigen Jüngling von gedrücktem Aussehen und greisenhaftem Benehmen, mit dem der junge Forster jetzt nur die Blatternarben gemeinsam hatte, die ihm freilich geblieben waren. Möglich, daß der Kapitän die Veränderung beobachtet hatte, denn er hatte George von Anfang an bei Tisch neben sich gehabt und in einer sehr wortkargen aber zwingenden Manier für die Auffütterung des jungen Menschen Sorge getragen. Nun, da die anderen hinter den Erfolg dieser Bemühungen gekommen waren, als George vergnügt, plauderhaft und ausgelassen wurde, kurz, eine vom Himmel gefallene Unterhaltung für die ganze Messe, da schmunzelte dieser Kapitän und bekannte sein Wohlwollen ganz unumwunden. „Where is my lady?“ pflegte er zu fragen, wenn er die Kajüte betrat, wo man sich zum Essen versammelte, und dann bot er George den Arm und führte ihn an seinen Platz, welches scherzhafte Auftreten ihm ein wenig fremdartig zu Gesicht stand, — ungewohnt, — aber immerhin, es stand ihm zu Gesicht.

Alles in allem, die Sache war die: George war auf einmal jung, weil hier niemand ihm etwas anderes zutraute als was seine Jahre, — sechzehn, siebzehn Jahre, in der Tat! — voraussetzten: holde Eselei, Traumverlorenheit, ein Kaulquappenschwänzchen, das heiter stimmen mochte, wenn es unversehens zum Vorschein kam, Verantwortungslosigkeit also, Jugend, Jugend, die alle diese hart arbeitenden oder gealterten Männer wie einen Luxusgegenstand empfanden, den sie selbst sich nicht leisten konnten, auf den sie aber um alles in der Welt nicht verzichten wollten, und den sie darum hier, wo er so einsam unter ihnen glänzte, mit einer gewissen Rührseligkeit betrachteten und ihn seiner Kostbarkeit gemäß behandelten. George war ein wenig in Verlegenheit gesetzt, fühlte sich dieser allgemeinen Nachsicht nicht recht gewachsen: wußten sie denn alle nicht, daß er, dem sie begegneten, als habe er bisher nur in Rosengärten gespielt, ein armes, gedrücktes Arbeitstier war, ein Sklave, ohne Anrecht auf Heiterkeit? Er ließ gelegentlich etwas von seinen Kenntnissen durchblicken, — nun, konnte man das alles wissen, ohne von Kindheit an im Joche der Gelehrsamkeit gegangen zu sein? Und wußten sie, was das zu bedeuten hatte? O, er wollte nicht täuschen und enttäuschen, den ganzen dunklen, ungeheuren Ernst, der sich in den letzten Jahren von seinem Herzen aus über sein ganzes Wesen ausgebreitet hatte, bot er auf, um sie von seiner wahren Natur zu überzeugen, aber er erreichte nichts, als daß sie ihn scherzend bewunderten und sein Wissen und Können nur als eine Folie zu betrachten schienen, von der seine übrige anmutige Unbeholfenheit sich um so reizvoller abhob, — kurz, er konnte es sich nicht vorenthalten, daß irgendeine Wirkung von ihm ausging, für die bisher niemand empfänglich gewesen war, deren Ursache ihm selbst unbekannt und die vielleicht bisher überhaupt gebunden gewesen war. So gab er denn nach und ließ sich gehen, und siehe da, es war leicht, es war angenehm, sich gehen zu lassen; es atmete sich freier, dünkte ihn, und so vielem Wohlwollen gegenüber kam die Tyrannis des Vaters nicht mehr zu ihrem alten Recht. Herr Forster war verstimmt und wußte selbst nicht warum; es war nichts auszusetzen an dem Knaben, er war, wenn möglich, aufmerksamer auf seine Wünsche als je. Indessen, indessen, — nun, wer wollte sich das ganz klar machen, — da war vielleicht auf einmal etwas wie freier Wille in dieser dienstbereiten Hingabe zu spüren, und damit eine Art von Überlegenheit, kaum wahrzunehmen allerdings, und nur für die gereizten Nervenstränge Herrn Forsters bemerkbar. Herr Forster, auf dem ungeheueren Ozean in einer Gesellschaft von Männern, die offensichtlich sich nicht im entferntesten des Glückes bewußt waren, ihn in ihrer Mitte zu haben, Herr Forster wurde etwas mürrisch und gelegentlich sogar sentimental, ohne damit den gewünschten Eindruck auf George zu erzielen. Er begab sich in Gefahr, jawohl, — an einem windstillen, aber deshalb nicht weniger kalten Tage, als der Nebel, der das Schiff seit Wochen einschloß, in der Mittagsstunde zum erstenmal zurückgetreten war und die falsch und eisgrau glitzernde See in einem Umkreis von einer Meile etwa freigab, erzwang er es sich mit finsterer Erhabenheit, daß ein Boot für ihn herabgelassen wurde, um Jagd auf einige Pinguine zu machen, die auf einer unfern dahingleitenden Eisscholle ihr Wesen trieben. Cook zuckte die Achseln und George war tief bekümmert, Herr Forster aber, ohne einen Menschen anzusehen, den Blick schwermütig ins Leere gerichtet, deutete mit sparsam sich öffnenden Lippen an, Pflicht sei Pflicht, und: die Wissenschaft sei Opfer wert! stieg mit verkniffenem Gesicht die Strickleiter herab und wurde von zwei verdrießlich dreinschauenden Matrosen mit kräftigen Ruderschlägen auf die unbefangen erwartungsvollen Pinguine zugerudert, worauf eine unhörbare Stimme „Vorhang fällt!“ zu diktieren schien und der Nebel sich eilig und lautlos wieder zusammenschloß, die Pinguine und das Boot mit dem tollkühnen Herrn Forster auslöschend. Man hörte es gleich darauf sehr schreien, konnte aber, obgleich man noch regungslos mit den Gesichtern in der Richtung des verschwundenen Bootes dastand, nicht feststellen, von welcher Seite der angstvolle Laut kam, ebensowenig wie das Flintengeböller, das sodann anhob. Kapitän Cook murmelte etwas, aus dem man mit Leichtigkeit: „Damned old fool!“ hätte verstehen können, nach einem Blick in Georges erblaßtes Gesicht jedoch beeilte er sich, Maßnahmen zu treffen, die die Fahrt des Schiffes auf die geringste Geschwindigkeit herabsetzten, und ließ auch seinerseits alle zwei Minuten Schüsse abfeuern, während er durch das Sprachrohr die ungeheuerlichsten Beleidigungen in den Nebel hinausschrie, — natürlich an die beiden Matrosen gerichtet. Nach einer halben Stunde, die den machtlos Wartenden qualvoll lang geworden war, — George lehnte mit dem Rücken am Hauptmast, keines Gedankens fähig als des einen: „Lieber Gott, errette ihn!“ zugleich aber von einem bohrenden Zwang zur Selbstprüfung gepeinigt, — wie, ja, wie wäre ihm eigentlich, wenn er nicht wiederkäme, der Vater?! —, nach dieser halben Stunde, endlich, endlich, schrammte das Boot an der Schiffswand entlang und Herr Forster entstieg dem Nebel wie ein preislicher Vollmond. O, hatte man sich exaltiert? Er seinerseits hatte keinen Augenblick an der Einsicht des Himmels gezweifelt und — nun, man sah es ja, hier war er, frisch und gesund. Es hatte niemand die Stirn, des Geschreis im Nebel zu gedenken, und man feierte den wiedergewonnen Herrn Forster mit einem Extragrog, auf den er ja wohl freilich Anspruch hatte, seiner gefährdeten Gesundheit wegen. Kapitän Cook war viel zu froh, ohne Menschenverlust davongekommen zu sein, als daß er seinem Unmut weiter Luft gemacht hätte. Er begegnete Herrn Forster mit einem gewissen starren, grimmigen Lächeln, das dieser für eitel Wohlwollen nahm, und unter dem Einfluß des Spiritus liquor erschloß er sein Herz, legte dem Kapitän die Hand auf den Ärmel und war außerordentlich liebenswürdig zutraulich, so daß es schwer war, ihm zu widerstehen, und für diesen Abend wenigstens der Anschein eines herzlichen Einvernehmens hervorgerufen wurde. Die fürchterlich-großartige Eintönigkeit der Polarreise war indessen nicht geeignet, einen Zustand inneren Einklanges aufrechtzuerhalten, — zu gewaltig waren die Anforderungen, die diese erbarmungslos starrende Kälte an den Körper stellte, allzu fremdartig und übermenschlich die beständige Zumutung dieser Natur an den Geist. Es schien nicht zuträglich für das menschliche Gemüt, tagaus, tagein nur Eis zu sehen, Eisberge, Eisinseln, Eisfelder bis zum dunstigen Horizont, wo der Himmel weiß war vom Widerschein der kristallenen Massen, — Massen in den Formen unwirklicher Traumgelände, Inseln voller Türme, zackiger Säulen und blauschimmernder Grotten, an denen die schäumenden Wellen sich brachen, belebt von dem sonderbaren, verzauberten Volke der Albatrosse und Mallemucken, und von blasenden Walfischen umschifft. Es schien nicht zuträglich, in dieser ungeheueren Welt zu hausen, ohne für sie geboren zu sein, sich mit einem empfindlichen, aber begrenzten Naturgefühl den Eindrücken dieser fabelhaften Sonnenuntergänge ausgesetzt zu sehen, die Saphir und Beryll ringsum mit einemmal golden und purpurn durchglühten und ein stummes Fest eisiger Glut begingen. Mit der Zeit schien sich nur einer als der Sache gewachsen zu erweisen, und das war der Kapitän, der einzig Wache unter einem Volke widerwillig Schlaftrunkener, der sich ihrer bediente, wie sich der Geist des Körpers bedient, und diese ganze mürrische, scheeläugige Menge mit seinem Willen im Genick hielt und bis in die äußersten Glieder mit schütternden Kraftströmen durchbebte. Sie hatten es alle satt und fragten sich, welcher Teufel sie geritten hatte, auf diesem verdammten Schiff bis ans Ende der Erde mitzugehen? Es gab keine wissenschaftliche Ausbeute, es gab keine malerischen Punkte, es gab tagaus, tagein die gleichen langweiligen Messungen und Aufzeichnungen mit erstarrten Fingern, und es gab für die Mannschaft verflucht harte Arbeit, ohne daß je eine Küste aus dem ewigen Milchnebel des Horizontes auftauchen wollte. Alle Hirne waren gelähmt von der Kälte und die Gedanken kreisten einzig um die einfachsten Bedürfnisse: Essen, — Schlaf, — Wärme! Auch George erlag, unwillig und verzweifelt, aber er erlag seinem Körper, er nahm wahr, daß der Papa eine bemerkenswerte Gabe, sich vor der Unbill der Witterung zu schützen, an den Tag legte, und er ahmte ihm nach, er ging eingewickelt bis zur Nasenspitze umher, er machte Gebrauch von den Wolljacken, Pelzwesten und Decken, die der Alte sich listig aus den Mannschaftsräumen zu verschaffen wußte, und baute sich, ebenfalls nach väterlichem Vorbild, in seiner Koje eine gepolsterte Höhle aus Federkissen und Decken, in die er sich verkroch, wenn keine Mahlzeit mit den daran anschließenden Spaziergängen auf Deck sein Erscheinen an der Öffentlichkeit erforderte. Sinnreiche Vorrichtungen zwangen Bücher und Schreibgeräte, auch bei bewegtem Seegang neben diesen Höhlen auszuhalten, und ebenso war eine Flasche bei der Hand, — zur inneren Erwärmung, der auch das heiße Pfeifenrohr diente, das beständig aus dem Bettengebirge des Vaters herausqualmte und das zugleich mit den Grunz- und Räusperlauten der von Rum und Tabak mitgenommenen Kehle, mit gesättigtem Gestöhn zur Verdauungszeit oder ärgerlichem Gemurr bei schlecht arbeitendem Stoffwechsel und anderen Tönen tierischer Natur, — entspringend dem Corpus materiale, dem elementarischen Leibe des Paracelsus! — Zeugnis ablegte von dem auch unter unbehaglichen Umständen ungebrochenen Fortbestehen seines kostbaren Aufbaus. Kein Zweifel, daß der Vater es verstand, sich auch unter diesen Verhältnissen sehr wohl zu fühlen, ja, daß die zigeunerhafte Ungebundenheit des Reisezustandes einem Zug seines Wesens entsprach, jenem Zug eben, für den George so empfindlich geworden war, seit er den Unterschied im Klang einer straff gespannten Saite, wie sie Mr. Dalrymple und Kapitän Cook für ihn darstellten, mit dem einer schlaffen vergleichen konnte und die inbrünstige Begierde kannte, selbst seine Pfeile von schwirrender Sehne mit reinem, starkem Ton zu versenden. Jedoch, — wie hart, wie bitter schwer war dies, wie unmöglich schien es durchzuführen ohne die Gunst eines gemäßigten Himmels über sich, ohne eine Schreibtischecke mit gut geordnetem Arbeitsgerät und dem unmerklichen wohltätigen Einfluß, den ein regelmäßig geleiteter Haushalt, weiterhin eine rastlos arbeitende Stadt und ein gelassen tätiges Staatswesen mit seinen großen, ruhigen Pulsschlägen auf den geistig Strebenden ausüben? Wie tief mußte einem das alles ins Geblüt gedrungen sein, ehe es als Halt zu entbehren war, ehe der Rhythmus des metallenen Pendelschlages der Pflicht im Leben des einzelnen selbsttätig und alleinherrschend geworden war, wie etwa in Kapitän Cook! Dieser Mann war stark genug, um hier, abertausend Meilen von Europa entfernt, inmitten einer ungeheueren Welt übermenschlicher, meerwälzender Gesetze, zwischen denen die hirnentstammte Moral hohnvoll zermalmt und vernichtet zu werden schien, neben denen es, — nun ja, — lächerlich, unnütz erschien, sich aufstraffen, als mehr bestehen zu wollen, denn als Wassertropfen im Wüstenstaube, — dieser Mann, Kapitän Cook, der Erforscher von Neufundland und der Besieger der Franzosen am Amazonenstrom, er war es imstande, hier England darzustellen und aufzutrumpfen, nicht mit der Faust auf dem Tisch, nein, gelassen, stahlnervig, mit einem verächtlichen Zug zwischen Nasenflügeln und Mundwinkeln, der Kälte mit etwas begegnend, das mehr als Kälte war, mit schneidender Sachlichkeit, mit einem Körper, der es längst gewohnt war, in seinen natürlichen Äußerungen nicht bemerkt zu werden, der sich ganz und gar auf seine Pflicht zu beschränken hatte, dem Geist ein geschmeidiges Werkzeug zu sein, einem Geist übrigens, der sich seiner selbst kaum bewußt und mit diesem seinem soldatisch straffen und spannkräftigen Körper zu einer kostbaren Einheit verschmolzen war, eins wertlos ohne das andere, wie Roß und Reiter. Wer unmittelbar unter seiner Befehlsgewalt stand, war nur ein Glied von ihm, konnte sich seinem Willen nicht entziehen, arbeitete, vielleicht mit meuterndem Unterbewußtsein, aber arbeitete, rastlos, pünktlich, mit verbissener Genauigkeit, ob auch die Haut der Handflächen am Tauwerk hängen blieb oder das Gesicht nur noch eine starre, gefühllose Maske schien. Wer nicht von ihm abhing, wie Patton, der Wundarzt, Wales, der Astronom, oder Sparrmann, der Schwede, nun, der fühlte wenigstens etwas wie einen unwiderstehlichen Zwang zur Selbstzucht von ihm ausgehen und wahrte den Anschein männlichen Gleichmuts, blieb gesellig, heiter, in irgendeiner Weise tätig, sei es auch nur beim schweigsamen Pikettspiel oder in endlosen Diskussionen über die Artung des Sonnenballs etwa, ein Thema, das Sparrmann durch die abenteuerlichsten Hypothesen schmackhaft für die Streitsucht des Pedanten Wales zu erhalten wußte. Selbst Hodges, der Maler, der den ganzen Tag zitterte wie ein geschorenes Lamm, er hielt sich aufrecht und zeichnete mit klammen Fingern Skizzen, wobei er Antarktis zu einem zweiten Arkadien umschuf, in dem freundlich hüpfende Pinguine eine Schäferrolle spielten. Einzig Herr Forster, — George erlebte es täglich neu mit einem nagenden Gefühl der Beschämung, — einzig der Vater entzog sich diesem Einfluß, ja, er schien ihn nicht einmal zu empfinden, so daß von einem bewußten Entziehen nicht die Rede sein konnte. Unbefangen sprach er die Erwartung aus, man werde ihm die Mahlzeiten in seiner Kajüte anrichten, falls „die Witterung einmal das Aufstehn unmöglich mache“, und da Cook hierfür nur ein eisiges „No, Sir!“ gehabt hatte und durchaus keine Aufmerksamkeit für Forsters schmollende Unterlippe oder die über den Tisch erfolgende vernehmliche Befragung Mr. Pattons nach den Anzeichen des Skorbuts, — denn er, Forster, war drauf und dran, den Skorbut zu bekommen bei dieser Lebensweise, hatte ihn schon im Blut vermutlich, war doch selbst Mediziner genug, um zu sehen … Bedurfte also der Schonung, der besonderen Ernährung, he, nicht wahr? „Sehen Sie nur, Doktor!“ und vorgebeugt entblößte er, bedenklich abwärts gerollten Auges, sein tadelloses bläulich-rotes Zahnfleisch, mit dem Zeigefinger vorsichtig einen stattlichen Eckzahn berührend, der augenscheinlich ein wenig wackelte, — worauf Kapitän Cook unbeweglichen Gesichtes die Tafel aufhob, — da also in keiner Weise Rücksicht auf seine Wünsche genommen wurde, so erschien Forster von da an, solange das Schiff zwischen Eisschollen abenteuerte, zwar regelmäßig, aber wie die Verkörperung verletzter Würde bei Tisch, von höflicher Milde zwar, aber — ein Dulder, ein Dulder! George kam und verschwand in seinem Gefolge wie ein trauriger Schatten, einer Hörigkeit jetzt wieder ganz und gar schmerzlich bewußt, die es ihm verbot, blank, straff, dem Kapitän ebenbürtig zu sein, und dabei nicht minder von der noch tiefer beschämenden, nur halb eingestandenen Erkenntnis durchdrungen, daß sein Körper, — ach, es war doch immer noch ein armseliger, widerstandsunfähiger Körper, die Frische der ersten Reisemonate war erstaunlich schnell aufgebraucht worden, — daß sein Körper dankbar war, sich nicht stramm halten zu müssen, und daß er es nicht unbehaglich empfand, die Tage wie ein Höhlentier, hindämmernd, lesend oder schlafend zu verbringen, solange der Himmel so erbarmungslos war. Zudem nagte an ihm wirklich der Skorbut, wie an einem Teil der Mannschaft, — seine Beine waren angeschwollen, er war beständig von einer niederziehenden Schläfrigkeit befangen und sah aus trüben, dunkel umrandeten Augen um sich. „Lady George?“ Nein, es wurde nicht mehr gesagt, — es wurde nicht mehr mit ihm gescherzt, er war jetzt einer unter ihnen wie sie alle, kaum, daß der Kapitän je einen besonderen Gruß für ihn hatte. Nichts war natürlicher bei der allgemeinen geistigen Erschöpfung. Ihm jedoch schien es, als sei er wohlverdienter Nichtbeachtung anheimgefallen, — jawohl, sie hatten nun eingesehen, daß er nicht der heitere Sonnenknabe war, für den sie ihn gehalten, daß er, — nun eben, langweilig und staubig und ein wenig nichtswürdig sei. Nichtswürdig, gewiß, — aber auch traurig, sehr traurig! —

Als sie sich alle mehr oder weniger mit diesem trostlosen Zustand abgefunden hatten, als sie gerade im Begriff waren, sich einem Dasein schneeblinder Gedankenlosigkeit anzupassen, als ihnen, wie Patton behauptete, eine undurchlässige Fettschicht gewachsen war und sie Tran abzusondern begannen, — als sie gleichgültig gegen die Kälte wurden und den Schmutz nicht mehr empfanden, — gut, — als sie anfingen sich wohl zu fühlen, nichts mehr dagegen hatten, mochten sie denn am Skorbut verrecken, warum auch nicht, — und in der Tat, unten im Mannschaftslogis lagen bereits zwei arme Kerle und verfaulten bei lebendigem Leibe, — da plötzlich, — in diesem Augenblick dumpfer Ergebung erlebten sie es, daß Gott gnädig war, — ja, Gott war gnädig, oder war es eigentlich Kapitän Cook? Er rief sie zusammen, und nach einer stundenlangen angespannten Beratung, in der jedes Für und Wider der Möglichkeit, Land zu entdecken, peinlich erörtert wurde, — Erörterungen, bei denen Cook sich allerdings von einer ganz überheblichen Versessenheit auf die Richtigkeit seiner Privatmutmaßungen erwies, — beschloß man mit freudiger Einhelligkeit, für dieses Mal von der Sache abzulassen und den Kurs nordöstlich zu nehmen! Und das Meer öffnete sich, die Eisinseln blieben dahinten und die Pinguine verschwanden böse kroaxend im Nebel … wozu aber von den einzelnen Graden der Entzückung reden? Genüge es doch: man war entzückt, man lebte auf, man schmolz dahin. Am 17. März hörte George einen jungen, irischen Matrosen bei der Arbeit singen, — er verstand kein Wort, aber er fühlte etwas seine Kehle beengen und ließ zwei Tränen über Bord fallen, von denen er meinte, sie müßten heiß genug gewesen sein, um die letzten schmutzigen Schollen zum Vergehen zu bringen. Ward auch die Hoffnung auf eine Landung in Vandiemensland durch widrige Winde zunichte gemacht, — an einem Morgen brach der Horizont doch auseinander und „Land! Land!“ hieß es, — ja, „Land! Land!“ wie in alten Seefahrergeschichten, und es fiel nicht auf, daß Herr Forster Mr. Hodges in die Arme schloß, denn sie waren alle sehr glücklich.

Die Männer, die da am 26. März 1773 vor Neuseeland Anker warfen, sie kamen aus Europa, — dem gelehrten Europa des 18. Jahrhunderts, — verstehen wir es ganz, — aus einem gemäßigten Klima, nicht nur im geographischen Sinn. Sie waren über das erste dumpfe, jubelnde Erstaunen des entdeckenden Menschen hinaus, hatten gelernt, Eindrücke zu beherrschen, einzuordnen, waren kaltblütig, gelassen, Diener einer jungfräulichen Wissenschaft, die imstande schien, mit lichtem Speer alle Nebel blöder Ignoranz und schnöden Aberglaubens zu zerteilen, einer Göttin überdies, in deren Umgang man vor Rückfällen ins Barbarentum gefeit war. Trockene, durchsichtige Helle, Kühle und Klarheit des vollendeten Frühlings, ein frostiger, nordischer Maitag von kristallener Bläue und unsagbarer, schneeiger Keuschheit des Blühens, — dies war die Atmosphäre ihrer Geister, der ein gewisses, ungewolltes Nil admirari entsprach. Nein, sie waren nicht gewärtig erstaunlicher Dinge, was immer sich ihren Augen auch bieten sollte. Sie würden diese neue Welt und ihr ganzes strotzendes, verwirrendes Leben mit ungetrübten Blicken aufnehmen und einordnen, in Systeme einfügen oder für Unvorhergesehenes neue Systeme schaffen. Gerüstet, alles mit dem Verstande, diesem blanken, geschmeidigen Instrument, zu bewältigen, gab es im Grunde nichts Unvorhergesehenes für sie. Dennoch wurden sie überwältigt, — dennoch, — ja, wer hätte es vermutet?

Cook jedenfalls war nicht ahnungslos von dem, was der Besucher harrte, die zum erstenmal in die Südsee einfuhren, als die Felsenufer von Neuseeland hinter ihnen versanken und sie Anfang Juli durch einen furchtbar festlichen Tanz turmhoher, wandernder Wasserhosen den Kurs weiter nordöstlich nahmen. George, mit einer feinen Witterung für die Stimmungen des Gewaltigen begabt, merkte ihm etwas an, — es war kaum der Rede wert, ein verschmitzter Zug um den Mund herum, das Zukneifen eines Auges, nur so ein Zucken im unteren Lid, aber genügend, um auf diesem gesammelten Gesicht wie ein Lächeln zu wirken, — dies alles beim Zusammensein während des Essens oder bei ähnlichen Gelegenheiten, wenn der eine oder der andere Äußerungen eines rätselhaften Behagens tat, das ihn urplötzlich überkommen hatte, — o, durchaus nicht einzig als Folge des erholsamen Aufenthaltes auf dem Eiland der Winde und Wasserfälle, in dessen feuchten Urwäldern voller Schlinggewächse und Farnkräuter man sich nach Herzenslust die Beine vertreten hatte, umrauscht von dem stehenden Gesang der Sturzbäche und unzähliger Drosseln, — nicht allein neu belebt durch die veränderte Nahrung aus wildem, grünem Gemüse und frischen Fischen und Wasservögeln, von denen die Buchten gewimmelt hatten, — durch die Abwechslung köstlich erregender Jagdausflüge und ergiebiger Forscherfahrten. Nein, es war noch ein anderes, etwas, das erwachte, unter dem beständigen zärtlichen Fächeln des Südostpassats, vielleicht auch nur eine gewisse Einschläferung unter demselben warmen, holden Blasen, das mit süßem Harfensang im Takelwerk sauste. Hodges redete viel vom Mittelmeer, vom Golf von Neapel, und verlor sich in Träumereien über das ewige Rom, denen niemand recht zuhörte, denn jeder war in seiner Art geschwätzig geworden und der Mannschaft hatte sich eine geschäftige Aufregung bemächtigt, die sie ganz ohne Branntwein in bester Stimmung erhielt, — waren doch einige unter ihnen, die schon Cooks erste Expedition mitgemacht hatten und die wußten, was sich von O’Tahiti erwarten ließ, — nun, und die nicht darüber geschwiegen hatten. Der irische Leichtmatrose, — er hieß Larry, — sang und pfiff den ganzen Tag und immer diese „Rakes of Mallow“; George, bei dem sonst keine Melodie haften bleiben wollte, ertappte sich, wie er eines Tages etwas Ähnliches vor sich hinbrummte und Larry, der in seiner Nähe Loggleinen aufrollte, grinste ihn wohlwollend an, indem er seine blanken breiten Zähne zeigte. Die Sache war die, daß zwischen George und Larry ein unbeschworenes Bündnis bestand, eine Art Anlächelverhältnis auf Gegenseitigkeit, ein stummes Einverständnis, begründet von Larrys Seite auf grenzenloser Bewunderung von Georges gelehrten Beschäftigungen des Schreibens und Lesens und seitens Georges auf der Erfahrung von Larrys eisernen Muskeln, die er auf einem Ausflug auf Neuseeland kennengelernt hatte, als er sich den Fuß verstaucht und der brave Bursche außer allerhand Gerät, Proviant und der gesamten Jagdbeute ihn selbst stundenlang nahezu geschleppt hatte. Seitdem fühlte er hier ein körperliches Vertrauen, eine uneingestandene heiße Dankbarkeit, — ja, Larry hatte für ihn gesorgt, hatte Geduld mit ihm gehabt, als die anderen alle vorausgingen und niemand sich um ihn kümmerte („Nimm dich ein wenig zusammen!“ hatte der Vater gesagt), als es in dem fremden Wald so entsetzlich naß, dampfig und unheimlich gewesen war. Nun und weiter, — Larry am Lagerfeuer, das er mit erstaunlicher Geschicklichkeit an den feuchtesten Tagen anzufachen verstand, unermüdlich in die Glut blasend und mit geröteten, rauchgebeizten Augen vergnügt blinzelnd, — Larry, eine vorzügliche Löffelgans schmunzelnd am selbstgeschnitzten Spieß drehend, — Larry, des Nachts unter dem notdürftig schützenden Zeltdach geruhig schlummernd wie in der Mutter Schoß, während George, unmäßig erregt durch diese lebendige, bewegte Finsternis, kühl durchschauert vom Nachtwind, namenlos bedrückt durch das unaufhörliche Rauschen der Gewässer, keinen Schlaf fand, ehe er sich nicht nah an den anderen gedrängt und den Kopf an Larrys Schulter gebettet hatte, oder auf Larrys Bein, gleichviel, dieser merkte ja nichts und atmete so stark und tröstlich, war so beruhigend durchwärmt wie ein großer, zottiger Hund …

So war Larry. Er hatte keine Auffassung für empfindsame Sonnenuntergänge, vermutlich. Aber als an jenem Abend Hodges an der Schulter von Mr. Forster schluchzte und stammelnd mit der Rechten nach Westen wies, während Mr. Forster gewaltig dastand, breitbeinig und die Arme verschränkt, die Glut des Himmels in unbeweglichen blanken Augäpfeln spiegelnd, — als George verwirrt lächelnd unwillkürlich die Hand auf seine Brust legte, in der das Herz zu steigen begann wie im Rhythmus großer Gesänge, — mein Gott, wie ward ihm nur diesem aufgerissenen Himmel gegenüber, aus dem Purpur und Safran quoll und in den das Meer feierlich einströmte, das Schiff erklingend mit sich ziehend, — und da löste sich von der Topmastspitze ein schimmernder Vogel und strich ihnen mit hartem Sehnsuchtsschrei vorauf, die glatte, spiegelnde Dünung fast streifend, langschwänzig, edelsteinglühend, — well, da pfiff auch Larry anerkennend durch die Zähne. —

Am nächsten Morgen lag O’Tahiti vor ihnen, ein waldiger Inselberg, gekrönt von schaumigem Rosengewölk, einen sanften Strand voll winkender Palmen ins Meer sendend. Das Abenteuer der Inseln nahm seinen Anfang. —

Immerhin, man lieferte sich ihm nicht aus, — immerhin, man bewahrte Haltung. Man blieb dessen eingedenk, blieb es ganz unwillkürlich, daß man einen Leibrock trug, eine Schoßweste und tuchene Hosen, lange Strümpfe und Schnallenschuhe, und zu allerunterst ein Hemde, kurzum, daß man bekleidet war, daß man das Haar in strammer Tracht gebändigt hielt, daß man es gewohnt war, auf Stühlen zu sitzen, sich beim Essen der Teller und der Bestecke zu bedienen, — daß man eine christliche Moral und eine menschliche Gesittung hatte, die einen instand setzten, diese Wilden zu bemitleiden und zu belächeln, — daß — kurzum, kurzum, — man sein Europäertum besaß, diesen Schatz und Schutz, und es nicht nötig hatte, hier mehr zu sehen als etwa menschenähnliche Tiere von bemerkenswerter Geschicklichkeit. Aber da war eine Versuchung in ihnen allen, in der Knospe mitgebracht aus eben diesem wundervollen Europa und unterwegs erblüht und gereift, eine Versuchung, dies alles übellaunig zu verachten, zu verachten, weiß Gott, dies, daß man auf Stühlen saß und mit Gabeln aß, ein Jabot trug und es vermied, laut aufzustoßen. Sie hatten irgendwelche Bücher gelesen, — Cook nicht, der natürlich nicht, aber doch Hodges, der Maler, Wales, der ein Schöngeist war, soweit die Betrachtung des Universums ihm Zeit dazu ließ, Forster, selbstverständlich, und sogar George, — Bücher eines Franzosen, jenes Jean Jacques Rousseau, aus denen ein Niederschlag von Schwermut in ihren Adern lag, der nicht wohl fortzuschwemmen war, einer Schwermut, die ihnen den Blick geklärt hatte für die Windigkeit dieser ganzen sogenannten Zivilisation, und aus der sie ein Recht schöpften, sympathisch über die einfachen Zustände dieser Völker zu philosophieren, — ja, sie zu beneiden. Dies zugestanden: trotzdem bewahrte man selbstverständlich Haltung und hatte vielleicht eine Hemmung mehr, sich jener sanften Gehirne und verlockenden Körper allzu unbedenklich zu bedienen, hatte eine gewisse wehmütige Achtung vor ihnen, empfand einen Abstand, als von Brüdern, die am Sündenfall nicht teilgehabt hatten …

Wie sie da an Bord gekommen waren, täppisch-zutraulich, gleich arglosen jungen Tieren, nackt bis auf das Lendentuch, mit dem bezaubernden Spiel der geschmeidigen Muskeln unter der mahagonibraunen mattglänzenden Haut, Augen und Nüstern in ständiger witternder Bewegung! „Tayo!“ sagten sie lieblich und grinsten ganz unwiderstehlich, „Willkommen!“ und sie bewegten einen Pisangschoß als grünen Friedenswimpel. Es war nahezu empörend, daß der Kapitän angesichts von so viel harmlosem Vertrauen kalten Blutes den Befehl ausgab, Gewehre mit scharfer Ladung bereit zu halten! Indessen erlebte es sich, daß, während Herr Forster zum Beispiel eben mit einem treuherzigen Burschen um ein paar Kokosnüsse handelte und ihm eine Schnur bunter Glasperlen verlockend vor der Nase tanzen ließ, daß ein anderer, ein ebenso treuherziger Bursche, gleichzeitig daran ging, ihm von hinten die blanken Knöpfe über den Rockschößen behutsam abzusägen, vermittelst eines ganz kleinen, ganz scharfen Messerchens aus Feuerstein! O gewiß, er hatte dem königlichen Fremden nicht weh tun wollen, der königliche Fremde hatte es ja gar nicht merken sollen, gleich ihnen selbst unbewußt gereiften köstlichen kleinen Früchten hatten sie geerntet werden sollen, diese vortrefflichen blanken Korallchen von dem Rücken des Fremden … Jedoch nun gab es ein zorniges Gebrüll und Herumfahren und etwas wie die Gebärde einer Ohrfeige ins Leere hinein, wobei die Glasperlen herumgeschleudert wurden und sonderbar schnell verschwanden, und der Ertrag dieses Erlebnisses bestand für Herrn Forster in dem Entschluß, nicht mehr ohne sein Meerrohr in der Hand mit diesem Volk zu verkehren, das, nun freilich, ganze Bootslasten voll köstlicher Früchte an Bord gebracht hatte, darunter eine safttriefende Apfelart von ananasähnlichem Geschmack, — das aber der Ansicht schien, alles bewegliche Gut stünde zu allgemeinster Besitzergreifung frei, und daß das meiste auch wert sei, mitgenommen zu werden. Als der Kapitän nach Sonnenuntergang einige blinde Schüsse abfeuern ließ und damit das Verdeck in kürzester Frist von den anhänglichen Gästen gesäubert hatte, da hatten auch die gefühlvollsten Herzen nichts mehr gegen diese Maßregel einzuwenden. George sah ihnen nach, wie sie in den schnellen flachen Booten zwischen den Riffen hindurchkreuzten, lärmend und glückselig ihrem Eiland zufahrend, das geheimnisvoll dunkelnd unter dem türkisblauen, grün und golden getönten Himmel lag. Düfte wehten von dort herüber, und eine wunderliche Sehnsucht, an Land zu gehen, durchströmte ihn magnetisch, so daß er die Arme auseinanderwarf und sich reckte und schüttelte, nur um diesen bezaubernden körperlichen Drang zugleich zu genießen und sich seiner zu entledigen. Indessen war ein gewaltiges Treiben an Bord, um die Spuren des Besuches zu vertilgen, ganze Haufen von goldenen Äpfeln und Bananen wurden zusammengefegt, und den bloßbeinigen Kerlen lief der Saft vom Munde, während doch allgemeine zornige Erregung darüber herrschte, daß die Bande kein Fleisch, kein Schweinefleisch mitgebracht hatte. Denn nach frischem Fleisch waren sie lüstern wie die Raubtiere geworden, ihre Zähne juckten danach, und was hatte ihnen Billy, der Koch, so viel von den Tahitianer Schweinchen erzählen müssen, die so zarten rosigen Speck hätten und deren Schinken auf der Zunge zerschmölzen wie junge Grasbutter und schmeckten, — nun, etwa nach Haselnuß. Es erübrigt sich, der Vergleiche zu gedenken, die Billy von hier aus zu der weiblichen Jugend von Tahiti gezogen hatte, — kurz und gut, Jan Maat war alles andre als beseligt von dem bloßen Anblick der Insel, als zufrieden mit frischem Obst, von dem man Koliken bekam, — was denn sonst? Er stierte gefährlich landeinwärts, er murrte, — die ganze Nacht über war das Volkslogis unruhig wie ein Bienenstock vor dem Schwärmen und Cook, der die zweite Wache selbst übernommen hatte, kniff die Lippen schmäler zusammen als je. Jedoch geschah es, daß George, als er mitten in der Nacht von seiner seltsam seligen Unruhe geweckt, wach lag, ihn flöten hörte, — es hätte vielleicht niemand außer ihm vermutet, daß dies Captain Cooks Odem sei, der da unter den dunstig verschleierten Sternen der Südsee so süß und glasklar sang, wie daheim eine Grasmücke im Gesträuch, — aber er kannte es, er hatte es zuweilen, — abgerissen, — gehört, als eine Lebensäußerung des Gestrengen, die niemand zu beachten pflegte, — und jetzt lag er, hingegeben an die großen stillen Bewegungen des Schiffes, das sanft am Anker zerrte, lag und spürte etwas Fremdes, Beglückendes in der Luft, meinte ein Rauschen zu vernehmen, nicht von Wogen, sondern von vollen Baumwipfeln im Morgenwind, durchrieselt von diesem in sich selbst gekehrten Getön, — lag und lächelte ins Dunkel und schlief wieder ein. Am nächsten Morgen erlangte man auch Schweinchen, soviel das Herz nur begehren konnte, erlangte sie von König Aheatua, der die Fremden, im Kreise seiner fetten Vasallen sitzend, mit furchtsamen Blicken empfing. Er trug einen blendend weißen Schurz, sonst war er nackt und rührend in irgendetwas, durch eine sanfte Schönheit, vielleicht dadurch, daß seine Haut heller war, als die seiner Untertanen, daß sein langes Haar nicht gekräuselt, sondern schlicht und lichtbraun war, an den Spitzen bernsteinfarben, — ja, er rührte ungemein, und wahrscheinlich, weil er sich so offensichtlich fürchtete, nicht nur vor den Europäern mit ihren schwarzen Lederfüßen und dicken Tuchröcken, mit ihren rötlichen Gesichtern und harten hellen Augen, — nein, er fürchtete sich entschieden auch vor den nackten fetten braunen Männern seiner Umgebung, die doch so demütig waren, und die Schultern in seiner Gegenwart entblößten … König Aheatua war sehr jung, fast ein Knabe noch. Es gelang Cook, ihn zu veranlassen, von seinem Throne zu steigen und die Fremden an einen Ort zu begleiten, von wo aus er die „Resolution“ liegen sehen konnte. Dies versetzte ihn augenblicks in eine ausgesprochen sprühende Laune, die sich durch eine unnachahmliche Albernheit kundgab. Sie wurde durch das Geschenk einer kleinen Axt ins Groteske gesteigert und Seine Majestät gaben sich nun mit dem Ausdruck eines zufriedenen Kaninchens der Beschäftigung hin, Gestrüpp in kleine Stücke zu zerhacken, wobei ihm seine Umgebung ernsthaft, neugierig und ersichtlich nicht ganz neidlos zur Seite stand. Dann begann ein schottischer Matrose auf Cooks Befehl den Dudelsack zu spielen; König Aheatua horchte entzückt auf, sicherte die Axt, indem er sich darauf setzte, sehr zum Mißvergnügen seines ersten Ministers Tuahau, der vergeblich versuchte, den begehrten Gegenstand unter der königlichen Basis hervorzuzupfen (— er wurde angefaucht und bekam einen Tatzenhieb über die Finger —), und lauschte hingerissen, die Augen schließend und den Oberkörper hin- und herwiegend. Der Dr. Sparrmann fühlte sich bewogen, einen nachdenklichen Vergleich zwischen diesem Monarchen und dem unter so düsteren Umständen verstorbenen Gemahl der großen Katharina, dem Großfürsten Peter, zu ziehen, — hatte jener nicht ähnliche Liebhabereien gehabt und einem Knaben mehr geglichen als einem Mann? Dies gab den Anlaß zu einem äußerst angeregten Disput darüber, was einem Barbarenfürsten noch erlaubt sei und einem europäischen Herrscher nicht mehr, — und somit war die ganze Gesellschaft von dem Ergebnis dieses Audienzmorgens sehr befriedigt, Cook von seinem diplomatischen Erfolg, denn er hatte nun für sich und die Besatzung die Erlaubnis freier Bewegung auf der ganzen Insel, — die Herren Gelehrten von ihren höchst geistreich zugespitzten Beobachtungen und die Matrosen, — nun, ohne Zweifel von der Aussicht auf Schweinebraten. Zudem war man hinter das Geheimnis gekommen, weshalb ihnen gestern die Schweine verweigert worden waren und wer jener rätselhafte Peppe sei, von dem die Eingeborenen gefabelt hatten: ja, Peppe hatte es dem Könige verboten, Schweine zu verschenken, und Peppe war sehr mächtig, hatte ein ebenso großes, ein ebenso wildes Schiff wie Captain Cook, — nur, er hatte es eben einmal fortgeschickt, dies Schiff, und … Nun, es stellte sich heute heraus: Peppe war ein zottiges, tierisches Geschöpf, das demütig herbeikroch, als es die Fremden so wohl empfangen sah, Peppe war im Kerne seines Schmutzes ein ehemaliger spanischer Matrose, von irgendeiner Expedition auf der Insel zurückgelassen, vielleicht von der Mannschaft des Gros Ventre, der vor Jahresfrist in diesen Gewässern sein Wesen gehabt hatte. Er selbst schien nicht imstande, Auskunft über sich zu erteilen, war aber außerordentlich bereit, den Fremdenführer für die Matrosen zu machen, und etliche vertrauten sich ihm an, seine Erfahrung witternd. Georges Blick folgte ihnen nachdenklich: da ging auch Larry hin, nachdem er eine Weile gezaudert hatte, — hin ging er mit zur Schau getragener Gleichgültigkeit im Schlenderschritt, die Hände in den Gurt geschoben, auf den Lippen die ewigen „Rakes of Mallow“, und sandte noch einen schiefen Blick zurück zu George, indem er das rechte Auge zukniff. Hierauf warf er plötzlich den Kopf auf, legte die Ellbogen an und setzte sich in einen wilden Trab, um die Kameraden einzuholen, seine starken nackten Beine flogen auf und nieder, und jetzt machte er einen Luftsprung und schlug den langen Ben auf die Schulter. Da ging er also hin, — und George brauchte sich keinen Grübeleien darüber hinzugeben, wohin, er war ganz unterrichtet, denn diese Dinge waren oft genug berührt worden: sie gingen zu Mädchen, Tänzerinnen etwa, um sich zu belustigen. Dies, — so hatte George aus den Gesprächen der Herren entnommen, — war nicht mehr als ihr gutes Recht und also gar nicht verwunderlich. Die Frage war nur, ob es auch ihn, George, belustigen könnte, Larry zu begleiten, und in der Unlösbarkeit dieser Frage lag eine leise Beunruhigung, etwas wie ein Grund zur Traurigkeit. Schließlich, — er gehörte nicht zu Larry, sondern zum Vater und den übrigen Herren, — und diese, — dachten sie auch wohl im entferntesten daran, zu gehen, um sich zu belustigen? Besprachen sie nicht wissenschaftliche Fragen, waren so angeregt wie nur je, übertrumpften sich mit Schlagworten, waren witzig, lärmend, ausgelassen, strotzend von Geist? Und George ging langsam hinterher, den Blick von Wundern überfüllt, geblendet von Blatt- und Blumenformen, wie sie leidenschaftlich üppig ausgeprägt, aufgetan und von Frucht und Samen überquellend waren, von den Farben der Blüten, des Himmels, des Meeres und der Wälder, dem innersten Blute der Erde unter dünner bebender Decke scheinend. Er ging dahin, diese ganze Welt stand um ihn in der nackten ruhigen Majestät ihrer unablässigen Fruchtbarkeit und zog ihr heißes Licht zusammen in der Gestalt eines jungen Weibes, das im Schatten eines ungeheueren Brotfruchtbaumes vor ihrer Hütte saß und an einer Matte flocht, die schlanken Beine gekreuzt, die feuchten Tieraugen zwischen den feuerroten Blumen an ihren Schläfen lächelnd zu den Fremden aufgeschlagen, — er ging hindurch, mit bebenden Knieen, beklommen glücklich, aber verwirrt und in sich selbst vergeblich nach einem Maßstab suchend, nach einer Möglichkeit, sich diesem allen anzupassen … Anders Herr Forster. Er war lärmend glücklich. Alle paar Schritte blieb er stehen, breitete die Arme aus und sang die Landschaft an in haltlosen Deklamationen, die sein Busen nicht länger bemeistern konnte. Dies hier, dies war die Luft, in der es sich atmen ließ! Hier Mensch zu sein, wie unbeschreiblich selig! Und er machte ergriffen halt vor einer Gruppe, die ebenfalls vor einer stattlichen Hütte am Boden saß, und als Mittelpunkt einen großen Mann hatte, der wie eine sanfte Hügellandschaft gediegener Fleischmassen voller Fetthöcker, Wülste und Grübchen auf einer Matte lagerte, das schwerwuchtende Haupt sinnreich gestützt und schläfrig in das Blätterdach der Pisangs blinzelnd, während eine größtenteils weibliche Dienerschaft emsig damit beschäftigt war, ihm mit Palmwedeln die tanzenden Insekten abzuwehren und ihm Kühlung zuzufächeln, ihm die Fußsohlen zu kratzen und ihm Nahrung in sein breites Maul zu schieben, an der er lange und träge kaute, bisweilen auch in dieser Beschäftigung minutenlang innehaltend. Die Fremden beachtete er mit keinem Blick, jedoch wurden ihm auf einen Wink seines Zeigefingers alsbald einige frische Blumen in sein filziges Haar geschoben und er bettete seine schwammigen Hände, an denen ungemein lange gebogene Nägel glänzten, wie ein Adelsschild recht sichtbar auf seinen Magen. Lange Nägel, bemerkte Cook im Weitergehen, gälten hier als ein Ausweis der Vornehmheit und des Reichtums, die Hand, die sich mit langen Nägeln schmückt, besitzt Hände, die für sie arbeiten … Ein neuer Anlaß, die bedeutendsten Vergleiche zwischen heimischen und hiesigen Verhältnissen zu ziehen, ein Gespräch, an dem Herr Forster sich lebhaftest beteiligte, das Meerrohr auf dem Rücken haltend und Europens Vergeistigung preisend. Indessen, plötzlich brach es aus ihm hervor, er legte die Hand auf seine Mitte, sah begeistert um sich und rief nicht ohne Treuherzigkeit aus: „Meine Freunde, — etwas, — etwas hat es doch für sich!“ Setzte aber gleich darauf abschwächend mit leichter Beschämung hinzu: „Gewinnt der Geist nicht, wenn einem die Nahrung so gleichsam ins Maul wächst?“ Eine Frage, die nur der sanftmütige Hodges mit schwimmenden Augen rückhaltlos bejahte. —

„Sieh, mein Sohn, dies ist’s, was mir lebenslänglich gefehlt hat!“ bekannte Herr Forster George einen Abend später, als sie in der Matavi-Bucht Groß-Tahiti gegenüber vor Anker lagen, von einem unüberwindlichen Drang nach Mitteilung übermocht. Die Nacht war unfaßbar schön, bläulich vom Mondlicht, in dem der starke Silberschein der Sterne matt ward. Eine Perlenschnur kleiner roter Feuer glimmte im Halbkreis am Strande um die Bucht herum und von dort her kam Freudengetön, fremdartig, schrill und eintönig, und wiederum heimatlich vertraut, vom Dudelsack begleitet. Sogar ein deutsches Lied kam herüber, — George lauschte bestürzt und Mareiken, die Magd, stand plötzlich vor seiner Seele, am Herde sitzend und das Spinnrad tretend, dazu — langgezogen, klagend — „Anke von Tharau ist’s, dir mir gefällt …“

Freilich, dies war der Matrose Friesleben, ein Deutscher. Also nichts Wunderbares, — nur, daß er für gewöhnlich nicht sang …

„Was mir lebenslänglich gefehlt hat,“ fuhr der Vater fort, und es war ein Schwanken in seiner Stimme, daß George aufhorchte und versuchte, in dem ungewissen Licht den Ausdruck seines Gesichtes zu erkennen, — er nahm aber nicht mehr wahr, als eine empfindsame Seitenneigung des umfangreichen Hauptes, denn Herrn Forsters Antlitz war beschattet, — „dies, teurer George, war der natürliche Überfluß der Erde. Denn siehst du, ich bin eine armselige Kreatur, laß es mich nur aussprechen, denn ich bin mir dessen wohl bewußt, — eine armselige, eine Kreatur, die viel für ihres Leibes Notdurft braucht.“ Herr Forster schnaufte ein wenig und griff nach einer Banane, — eine Riesentraube lag neben ihnen auf Deck wie ein mattgolden leuchtendes Schuppentier.

„Es ist mir,“ fuhr er bekümmert fort, während er der Frucht behend ihren weichen duftenden Pelz abstreifte, „es ist mir immer unmöglich gewesen, geistig zu arbeiten, wenn ich nicht sehr satt war. Daß ich mich aber immer so plagen mußte, um satt zu werden, siehst du, George, — das hat mir so viel Zeit genommen und hat mich aufgerieben, George, — aufgerieben, aufgerieben, — wenn man es mir auch nicht anmerkt. Und nun hier, mein Sohn, — ach ja!“ Er legte eine schwere heiße Hand auf Georges Schulter und nickte nachdrücklich. „Hier sollten deine Mutter und deine Geschwister bei uns sein, wir sollten eine geräumige Hütte bewohnen, uns von Früchten, Fischfang und Jagd ernähren und ihr solltet sehen, was ihr für einen Vater hättet, wenn selbiger sich nicht mehr um das tägliche Brot die Hände schwielig zu schaffen brauchte! Jawohl, — schwielig!“ fügte er befriedigt hinzu, hierauf in Schweigen versinkend und auch George seinen Betrachtungen überlassend, Betrachtungen, die darin mündeten, daß er sich nach Europa, nach einer volkreichen, wimmelnden, arbeitenden, winterkalten Stadt sehnte, — nach Büchern, Gemälden, ja, selbst nach Kuriositätensammlungen und Kaufläden, fast sogar nach dem finstern Kontor des Mr. Hitch mit seinem muffig-süßlichen Geruch der Tuchballen, — dies alles trotz oder gerade wegen der Aussicht auf einen sorglosen Cherub von Vater, der ihm auf einmal weniger unter dem Bilde eines Menschenfressers und Königs Minos erschien, — welche Vorstellung sich ohnehin längst abgenützt hatte, — als unter dem jenes überfütterten Insulaners im Bananenschatten. Obgleich er auch heute wie einst eine derartige Gedankenvorspiegelung als schief erkannte, sie bekämpfte und verwarf, — denn, wer konnte und wollte es leugnen: arbeitete der Vater nicht als ein trefflicher, scharfblickender Gelehrter, liebte er ihn im Grunde nicht mit bewundernder Hingabe und war es nicht ein seltsam schmerzliches Glück, ihm zu dienen?

Und am Ende, — aber dies fragte sich der kleine George nicht buchstäblich und in Worten, obschon er sich jetzt zuweilen philosophischen Meditationen hingab, — dies fühlte er nur dunkel, wie man ein Gesetz seines Lebens ahnt: wie war es anders möglich zu leben, als im Dienen? — — —

Die Europasehnsucht, dies während einer verzauberten Südseenacht befremdende Heimweh nach einem mißvergnügten Himmel, war am andern Morgen verschwunden, und die nächsten Wochen, ja Monate ließen es nicht wieder aufkommen. Denn da man nicht zum Genuß, sondern zur Arbeit hierher geschickt war, dieses Zweckes nunmehr mit Ernst eingedenk, — Stirnrunzeln und Zeigefingerheben in goldener Morgenfrühe, — so ging man jetzt geradeaus auf sein Ziel los. Forster und Sohn arbeiteten. Die Schiffsgesellschaft erlaubte sich zunächst anzügliche Gesichter und Bemerkungen, höhnisch verzogene Lippen, zum Himmel gerollte Augen, mißvergnügt wackelnde Häupter, bezeichnend gezuckte Achseln, — war nicht bisher alles mit Muße vor sich gegangen? — jedoch umsonst. Forster und Sohn arbeiteten. Die Ausflüge an Land nahmen den Charakter von bis ins kleinste vorbereiteten Unternehmungen an, von wahren Feldzügen gegen die selige Unbewußtheit der Inseln, mit so viel Werkzeug und Genauigkeit wurde ihren Geheimnissen zu Leibe gegangen, mit Untersuchungen, Messungen, Zählungen, ihre Berge wurden erklettert, auf ihren schroffen steilen Graten zwischen den fast senkrecht abfallenden vulkanischen Klüften krochen Forster und Sohn umher, ebenso wißbegierig wie in ihren feuchten, von Wachstum strotzenden Schluchten, keine Erdfalte blieb undurchspäht, kein Kräutlein, das sich fernerhin heiter der Einordnung in das System des großen Linné entzogen, keine Fliege, die in Zukunft unbenannt im Sonnenschein getanzt, kein Vogel, der sich weiter leichtsinnig eines steckbrieflosen Daseins gefreut hätte, — sie alle waren nun gebucht, fanden sich eingehend und genau beschrieben, in Listen niedergelegt, bestimmt, aus ihrem selbstgenügsamen Unerkanntsein in das schattenlose Licht europäischer Magistergehirne hinüberzugehen und dort fortan über ihrem harmlosen Dasein im Inselmeer noch ein zweites, ein zweifellos höheres im Reich des Geistes, das Dasein einer verwickelten Vorstellung, dargestellt durch einen, wenn irgend möglich doppelten, lateinischen Namen, zu führen. Indessen blühte, duftete, tanzte, blitzte und summte, tirilierte und brütete das Leben unter tahitianischer Sonne fort, unbekümmert wie seit seinem Schöpfungstag, unmerklich und lächelnd entwand sich hier wie überall die Natur den Händen ihrer neugierigen Liebhaber, ihr letztes Geheimnis wahrend und nach wie vor, allem zerlegenden Verstande zum Trotz, blieb sie eins, blieb gelassen wunderbar, spielend und spottend.

Herr Forster hatte Augenblicke, in denen er das fühlte. „Die Namen, George,“ sagte er einmal schwerfällig, den Blick in eine frisch gepflückte Blume versenkt, „die Namen betrügen uns um die Dinge. Ist es nicht eine ungeheure Anmaßung, Namen zu verleihen, anstatt jedes Geschöpf demütig um seinen Namen zu befragen?“ Und da George ihn nicht ganz verstehend ansah, sagte er ungeduldig: „Nun ja, nun ja … Ich zum Beispiel wollte manchmal, ich hätte keinen Namen. Ich bin nun einmal der Herr Forster, und muß der Herr Forster sein, wie ihn die Leute sich denken. Hat man mich je gefragt, wer ich eigentlich bin? Im Grunde heiße ich vielleicht ganz anders, — nur, daß ich selbst es auch vergessen habe …“

Das letzte wurde ganz undeutlich gemurmelt und in der Folge sah der Vater mürrisch aus, da er es selbst nicht liebte, sich mit solchen Erwägungen zu beunruhigen, deren er sich doch zuweilen sonderbarerweise nicht erwehren konnte. George aber war etwas unglücklich, da er nicht begriff, und, leidenschaftlicher Liebhaber des Begreifens, der zu sein er bestimmt war, an diesem Brocken ungeläuterter Erkenntnis stundenlang mühsam herumarbeiten mußte, bis er schließlich hoffnungslos davon abließ. Wo blieb das königliche Vorrecht des Menschen vor aller andern Kreatur, wenn es nicht dieses war, sie zu benennen? —

Er hatte durch die Arbeit sein Gleichgewicht völlig wiedergewonnen, er fühlte sich gesund und heiter und die verwirrenden Eindrücke der ersten Tage glätteten und verteilten sich. Die Neigung, alles wissenschaftlich zu betrachten, gewann die Oberhand und sein Tagebuch füllte sich mit exakten Schilderungen von Erlebnissen, sei es nun von Wanderungen, malerischen Punkten, — auf deren Romantik der wackere Hodges nimmermüde hinwies, — oder Volksfesten, gleich dem, als Tedua-Taurai, die Schwester König O-Tu’s von Groß-Tahiti, aus Anlaß des Besuches der hohen Fremden zur Nasenflöte tanzte. Diese Tedua-Taurai war ein überaus ansehnliches Stück Weiblichkeit von hoher Gestalt und muskulöser Schlankheit, während die meisten Frauenzimmer klein und fett waren. Ebenso hob sich ihr einsamer Tanz vorteilhaft von den Massenvorführungen ab, die man bisher genossen hatte, er war feierlich wie eine gottesdienstliche Handlung, wenn es auch durchaus deutlich blieb, daß es der Gott der Fruchtbarkeit war, dem er huldigte. Jedoch wirkte Tedua-Taurai in ihrem Gewand aus gebleichten Aoto-Bast, das knapp unter der Brust ansetzte, mit den weißen Lilienblüten des Huddu-Baumes in den Ohrläppchen und dem starren Brennen ihres unbewegten Blicks, — die Arme hielt sie während des Tanzes regungslos hinter ihrem Haupte verschränkt und die tätowierten Linien um Brüste und Schultern bewegten sich schlängelnd im unmerklichen Spiel der Muskeln, — sonderbar aufregend auf die Männer aus Europa. Auch George war außerordentlich beklommen. Er war nach dem Tanz einmal nahe an Tedua-Taurai vorbeigestreift und hatte etwas wie einen wilden Raubtierdunst geatmet. Er notierte sich, daß die Prinzessin wahrhaft königliche Würde besitze, fühlte aber selbst, daß dies nicht der Ausdruck seines Eindrucks sei. In der Nacht darauf träumte er von der Starostschenka Hermanowska, an die er seit seiner Kinderzeit nicht wieder gedacht hatte, so daß er sich beim Erwachen besinnen mußte, wem eigentlich diese Traumgestalt im geblümten Seidenkleid mit dem bloßen Busen geglichen habe. Es blieb ihm aber in der Tat nicht viel Zeit zum Aufstellen von Betrachtungen und zur Hingabe an jene sanft drängende Schwermut, die ihn immer wieder befallen wollte. Da war das Ordnen der Sammlungen, der Herbarien und Spirituspräparate, da war die Arbeit mit dem buckligen Ausstopfer Jacopo, einem Italiener, mit dem Hodges gelegentlich schwärmte und der jetzt ganz prall und glau vor Behagen wurde, nachdem er im Eismeer fast gestorben war, und während George so an Bord beschäftigt war, nicht unzufrieden und harmlos wie ein junger Sperling, nahm Herr Forster genug Anlaß, sich an Land rudern zu lassen und dort stundenlang zu verweilen, — ebenso wie die anderen Herren übrigens, Cook ausgenommen, der viel in seiner Kajüte arbeitete. So geschah es vor Tahiti, so geschah es vor Ea-Uhwe, Tonga und Tabu und vor den Gesellschaftsinseln war es nicht anders gegangen. George schöpfte keinen Argwohn, der Vater trieb Handel, der Vater vertiefte sich in das Volksleben, der Vater war recht in seinem Elemente; kam er nicht immer wie ein Sendling der Götter heim, mit Ausbeute beladen, beseligt von Einblicken, die er getan, meist sehr gesättigt und fast ein wenig betrunken vor Wohlwollen und Menschenliebe? Es war nicht recht zu verstehen, warum der Kapitän dem Vater gegenüber immer noch sein steifes Wesen beibehielt, diesem Vater, der nicht nur groß und schön und stark und prächtig war, sondern jetzt auch so arbeitswütig wie ein Bauer in der Erntezeit, so fruchtbar wie der schaffende Sommer selber und außerdem tagaus tagein in der entzückendsten guten Laune, die Gesellschaft mit Späßen, Schnurren und der ganzen ungewollten Entfaltung seines ihm selbst wohlgefälligen Wesens unterhaltend. George war ein wenig bekümmert über diesen ständigen Gegensatz, wie konnte man dem Vater widerstehen, wenn er so war wie jetzt? Er selbst hing bei Tisch mit strahlenden Augen an ihm und ließ den Blick beseligt zu Cook hinüberwandern: Bitte, so ist mein Vater, ja, dies ist er eigentlich! Indessen blieb Cook schweigsam, scharfkantig und abweisend, und es war unzweifelhaft, daß der gutgelaunte und arbeitsame Herr Forster ihn ebenso, wenn nicht mehr reizte, als der faule und weinerliche. Bei Tisch behielt er zwar George an seiner Seite, hatte ein halbes Lächeln, einen trockenen Scherz für ihn; er besuchte ihn wohl auch einmal bei seiner Arbeit, wenn sie allein an Bord waren, blieb neben ihm stehen, rauchte schweigsam seine kurze Tonpfeife und sah ihm auf die Finger, — ja, er rief ihn gelegentlich in seine Kajüte und ließ sich von ihm bei seinen Berechnungen helfen. Je länger die Reise aber dauerte, desto betonter ward seine Zurückhaltung, nicht nur Herrn Forster, sondern der gesamten Gelehrtenschaft gegenüber, er schob seine Offiziere und Patton, den Wundarzt, zwischen sie und sich. Schließlich hatte er es nicht nötig, sich mit jedem Satz belehren zu lassen, auch wenn er sich nicht auf hohen Schulen die Augen blind studiert hatte, und man würde es ja sehen, wessen Beobachtungsergebnisse die wertvollsten sein würden …

Jeder Tag war ein Lächeln von Morgen bis Sonnenuntergang. War er nicht Arbeit, — eine Arbeit, so aus der Fülle von Kraft und Anschauungsvorrat heraus wie nie zuvor und darum unendlich beglückend, kaum ermüdend, — so war er Schlendern in Palmenhainen, Plätschern in lasurblauer Bucht, Schwelgen im Duft unerhörter Blumen, üppig in Form und Farbe und unablässig sich erneuernd, während unter ihnen safttriefende Früchte aus dem dunklen Laub quollen, — Anbetung waren diese Tage in jedem Atemzug und wiederum Angebetetwerden, ein Leben im Weihrauch der Bewunderung schöner menschlicher Wesen, die so viel unschuldiger, reiner und kindlicher schienen als man selbst sich in seinen Kleidern aus englischem Tuch vorkam, — ob sie schon stahlen wie die Raben, eingestandenermaßen, und ihre eigenen seltsamen Gebräuche hatten, allerdings! Aber dann ließ sich doch immer darüber philosophieren, ob da Sünde war, wo es kein Gesetz gab, und Herr Forster rief gar den Apostel Paulus in die Südsee, um für die Sündlosigkeit der Heiden einzutreten, — was kann ein toter Apostel dagegen machen? — verzieh man doch auch den Tieren ihre Streiche, und hier auf Huahaine, säugten die Weiber, weiß Gott, Hündchen und Ferkelchen, wenn es ihrer eigenen Brut nicht gelang, sie vom Andrang des süßen Überflusses zu befreien. So freute man sich seines Ansehens als guter, mächtiger Götter und Besitzer fabelhafter Reichtümer in Gestalt unzähliger Glasperlen, Nägel, kleiner Äxte und Messer, um derentwillen einem demütig gehuldigt und geopfert wurde. England dahinten jenseits des Erdbauches erschien einem zuweilen selbst verlockend und fabelhaft, wenn die braunen Freunde herzbeweglich bettelten, mit in das Wunderland genommen zu werden. Nun, ab und zu ließ man sich scheinbar erweichen und solange man zwischen den Inseln kreuzte, nahm man den einen oder den andern mit, etwa den Knaben Porea aus Eimeo, der darob ganz überheblich wurde und bei der Landung auf Huahaine bereits wünschte von den Eingeborenen für einen Engländer gehalten zu werden, was indessen zu seiner Enttäuschung nicht eintrat. Zäher als alle anderen erwies sich O-Heddi, genannt Mahaine, der sich ihnen auf Bora-Bora anschloß, und es durch sein schlechthin bestrickendes Wesen und außerordentlich gutes Benehmen wahrhaftig erreichte, daß er an Bord bleiben durfte, selbst als die „Resolution“ am 7. Oktober den Kurs südöstlich auf Neuseeland zu nahm. Der Sommer brach an. Ja, erstaunlich, diese lachenden Tage voller Blüte und Frucht waren Winter gewesen, jetzt erst kam der Sommer der südlichen Halbkugel, jetzt lockerte sich wieder das Eis um den Pol und es galt, die günstige Zeit zu neuen Forschungen dort unten auszunutzen. Abschied zu nehmen galt es, Abschied von dieser großen Seligkeit, vielleicht auf Nimmerwiedersehen, denn wer konnte wissen, was dem wackern Schiff drohte, das wiederum so kühn und verächtlich dem Grauen entgegenstürmte? George hätte sich wohl ganz einer wehmütigen Verdrießlichkeit überlassen, wie sein Papa es hemmungslos tat, wenn nicht dies lebendige Stück Inselglück dagewesen wäre, das ihm von Cook ganz besonders ans Herz gelegt worden war, — Mahaine also. Mahaine war außerordentlich schön, lichtbraun, mäßig und sinnreich tätowiert, so daß die eingebrannten Linien nur das Ebenmaß seiner Glieder hervorhoben, er trug einen Ausdruck kindlicher Würde, er war ohne Schüchternheit zurückhaltend, er war ernsthaft, sanft und höflich. Er wurde nicht müde, das Schiff von oben bis unten zu durchforschen, auf seinen nackten Sohlen tauchte er überall auf und man vergaß es, bei seinem lautlosen Erscheinen zu erschrecken, man gewöhnte sich an ihn, wie an ein zahmes Tier und selbst Wales, der Astronom, ereiferte sich nicht mehr, wenn Mahaine hinter seinem Rücken stehend verharrte und ihm großäugig auf die schreibende Hand sah. Mr. Wales hatte nämlich ganz im Anfang einmal ein Erlebnis mit Mahaine gehabt, das ihn sehr peinlich berührt hatte, er war in seiner Hängematte von lindem Schlummer erwacht und hatte Mahaine über sich gebeugt gefunden, wie dieser ihn mit wildem Forscherblick betrachtete und den ausgestreckten Zeigefinger zurückzog, mit dem er ihn soeben offenbar im Gesicht hatte antippen wollen. Es war Mahaine dann bedeutet worden, daß der Schlaf der weißen Männer ungeheuer heilig sei. — Er stand stundenlang neben dem Steuerruder und blickte abwechselnd auf die Hände des Mannes, wie sie mit nie fehlender Sicherheit ins Rad griffen, blickte auf in das unbeweglich in die Ferne gerichtete Antlitz und dann geradeaus auf die rastlos wandernde, schäumende Fläche. Er hielt Andacht vor dem Kompaßhäuschen, dessen zuckende Nadel er für einen mächtigen Gott der weißen Männer ansah, — und hatte er nicht Recht? — er erstarrte in Ehrfurcht, wenn Cook in der Mittagsstunde mit dem Sextanten auf Deck erschien und die Sonnenhöhe aufnahm, — eine feierliche Handlung, mit Zauberei verbunden, von der der Ausfall der Mahlzeiten abhängen mochte! Mahaine liebte es nicht, alles zu essen, was die weißen Männer aßen. Er verzehrte seinen Anteil einsam, am Boden hockend, und allen den Rücken drehend, er war sauber wie eine Katze und hinterließ keinerlei Spuren oder Überreste, nichts, womit ein böser Mensch ihn hätte verzaubern können. Ja, Mahaine war einsam, schutzlos in einer fremden Welt, allen möglichen unbekannten Teufeleien preisgegeben, aber er begegnete den Gefahren mit gelassener Standhaftigkeit, — wichtig, wichtig über alle Maßen war es, daß er, O-Heddi, genannt Mahaine, Einblick gewann in die unerhörten Wunder der weißen Männer, daß er endlich einmal die fremden Inseln sah, die er zuweilen am Horizont hatte dämmern sehen, wenn eine kühne Fahrt sein Kanoe aus den heimatlichen Fischgründen geführt hatte. Und lohnte es sich nicht? Hatte er nicht schon das Eiland der roten Papageienfedern entdeckt, die auf seiner Insel und auch auf Tahiti, Huahaine und den benachbarten so unerhört selten und kostbar waren!? Auf Tonga-Tabu war es ihm gelungen unermeßliche Reichtümer in Gestalt von Kopfputz und Schürzen aus diesen wundervollen heißbegehrten Federn einzuhandeln, indem er hingab, was er an Tauschwert besaß, alle Perlen, Korallchen und Nägel und schließlich sogar ein kleines Messer, bisher sein größter Schatz, für das er sich eben erst sein schönstes Gewand vom Leibe gezogen hatte. Alles gab er hin, schweigsam, glühend und zitternd, dies könnte wieder rückgängig gemacht werden, könnte sich auflösen, verschwinden, die Federn samt den Korallchen, — und was dann, Mahaine, nackt und bloß? O, er spielte ein hohes Spiel, ein banges Spiel, aber dann, als das Schiff vor Tonga-Tabu den Anker gelichtet hatte, da grinste er auch tagelang ganz unmäßig vor sich hin und wurde vor lauter Seligkeit nicht wieder seekrank wie bisher. Er hockte in einem Winkel auf Deck und befreite seine Edelsteine aus ihrer Fassung, das heißt er löste jene Schürzen- und Kopfzierate in ihre Bestandteile auf und ordnete die Federn nach ihrer Größe in anmutige Sträußchen, die er mit Kokosfaser zusammenband, — was verstanden diese im Überfluß wühlenden Tonga-Tabuaner von wahrer Schönheit? — und wenn jemand zu ihm trat, hob er den Kopf und zeigte in überströmender Wonne alle zweiunddreißig Zähne. Durch seinen leidenschaftlichen Eifer aufmerksam gemacht, hatte übrigens auch der Kapitän große Vorräte dieser roten Federn einhandeln lassen und erlebte gleich auf Neuseeland den Erfolg seiner klugen Handlung, der Tauschverkehr war außerordentlich belebt, Muschelhörner, hölzerne Trompeten, Rohrflöten, Schmuck aus Jadestein, Boghi-Boghi-Mäntel, — alles ward auf den Markt geworfen, nur um dieser Federchen habhaft zu werden, dieser vertrackten, entzückenden. Daneben galten Matten und Gewänder, Waffen und Geräte aus der Südsee auf diesem rauhen und rohen Eiland als begehrteste Tauschstücke, hatten weit höheren Wert als Europens Blendwerk aus farbigem Glas und Messing, und wenn die Engländer hier bestaunt und gefürchtet wurden wie fremde Geschöpfe, eine unerklärliche Zwischenstufe zwischen Göttern und Tieren, so begegneten die Neuseeländer Mahaine wie einem reisenden Fürsten mit gehaltener Ehrfurcht. Kurz, es war aus allem ersichtlich, daß in der Südsee ihr Land der höheren Kultur lag, wie ihre armen Schilf- und Schorfköpfe sie zu fassen und zu ersehnen vermochten.

So war man denn wieder auf Neuseeland, diesem letzten Ruhehafen vor den uferlosen Schrecken des Polarmeers, und es muß gesagt werden, sie zögerten, das wilde, nasse Wald- und Felseneiland zu verlassen, sie umschwärmten es von allen Seiten, sahen an den nackten Felsen die Hütten der Eingeborenen wie Adlernester kleben und landeten immer wieder, zur Jagd, zum Fischfang in den Buchten, zum Handel, — um das Schiff auszubessern, um die Bodenbeschaffenheit zu erkunden, — weiß Gott, es gab der Vorwände genug. In einer Art von blindwütiger Verzweiflung glaubten die Matrosen sich im voraus für die kommenden Entbehrungen schadlos halten zu müssen und ihre Zusammenkünfte mit den eingeborenen Weibern entbehrten durchaus jeder Verborgenheit, — Cook schien nichts zu sehen und zu hören. George war aufs tiefste angeekelt, weniger von dem, was sich vor seinen Augen abspielte, als davon, daß diese Weiber so zottig, schmutzbedeckt und übelriechend waren. Ebensowenig liebte er die derben Scherze seines Vaters und der übrigen Herren, die jetzt in Blüte standen, er gewöhnte sich daran, seine Ausflüge in Begleitung von Larry und Mahaine zu unternehmen, und gefiel sich in dem Gefühl genußreichen Trotzes gegen die ganze Gesellschaft. Sie benahmen sich ein wenig wie die jungen Jagdhunde, trieben allerlei zwecklose Körperübungen, verschwendeten überschüssige Kraft in gewagten Unternehmungen und kletterten zum Beispiel an den Steilufern umher, um die in ihren unterirdischen Nestern kakelnden und quakenden Sturmvögel zu entdecken. Auch gaben sie Mahaine ein Gewehr in die Hand und hießen ihn, auf einen Strandläufer anlegen. Mahaine packte die Waffe wild, mit Inbrunst, fletschte die Zähne, zielte, drückte ab, — der Vogel hob die Flügel, tat einen possierlichen Satz und fiel, ganz in sich zusammenklappend. Mahaine jedoch, im Augenblick, da der Schuß dröhnte, warf das Gewehr von sich, hielt die Hände an die Ohren und rannte von dannen, den Mund kreisrund geöffnet, aber ohne einen Laut auszustoßen. Von dem Vogel wandte er sich ab, als sie ihn ihm später brachten. Wer konnte wissen, ob er nicht den Göttern dieser Insel heilig gewesen war? Mahaine fürchtete diese Götter, und seine neuseeländischen Brüder, die unter einem so unfreundlichen Himmel ihr karges Dasein fristeten, dauerten ihn. Als man ihm entdeckte, daß diese Brüder einander gelegentlich auffräßen, verfiel er in eine ernsthafte Schwermut, die erst von ihm wich, als Neuseeland im Nebel hinter der „Resolution“ versank.

Übrigens hatte dies Abenteurerleben zu dreien insofern bald ein Ende genommen, als Larry anfing, sich von ihnen abzusondern und eigene Wege zu gehen, kurz, als Larry, dieser Schwerenöter, Toghiri gefunden hatte und nicht mehr Meister seiner Sinne war. Larry nämlich, obgleich er sich seinen Kameraden bei ihren Belustigungen immer angeschlossen hatte, war merkwürdigerweise bisher derselbe Endymion geblieben, als der er auf die Reise gegangen war, freilich nicht aus eben den gleichen Gründen, die George so bewahrt hatten, nicht aus Unerfahrenheit und Ekel, sondern infolge einer außerordentlichen Schüchternheit dem andern Geschlecht gegenüber, die er hinter einem lärmenden Auftreten immer so lange zu verbergen wußte, bis es Zeit war, sich vor den letzten Folgerungen einer gemeinsamen Unternehmung geräuschlos zurückzuziehen. Nun aber hatte er Toghiri gesehen, hatte sie ganz allein für sich entdeckt, als sie am Strande Möweneier suchte, war ihr gefolgt und in ihre Hütte eingedrungen, wo Toghiris Vater ihm alsbald alles abgelockt hatte, was er an Angelhaken, Knöpfen und ähnlichen Wertgegenständen bei sich trug, worauf er ihm zum Zeichen der Freundschaft die Stirn mit einem übelriechenden Öl salbte. Solchergestalt in einen Familienkreis aufgenommen, fühlte Larry den Feuerstrom seines Gefühls in geordnete Bahnen gelenkt, und es dauerte nicht lange, so war ihm Toghiri als Eheweib überlassen, er bezog mit ihr eine Hütte neben der ihrer würdigen Eltern und verbrachte alle freie Zeit im Schoß seiner neuen Familie. Allen Hänseleien der Kameraden setzte er ungerührten Gleichmut entgegen. „She is my wife, hold your tongue!“ sagte er und versorgte sich ausgiebig mit verdorbenem Schiffszwieback, von dem ihm Billy ein ganzes Faß zur Verfügung gestellt hatte, und den seine Schwiegereltern gerne aßen. Für Toghiri indessen, — nun, es fand sich schon dieser oder jener Bissen, um so ein Vögelchen zu füttern! — Aber sie an Bord zu bringen, wie Mr. Forster ihn einmal dringlich aufforderte, — nein, das ging doch nicht! „Sir, sie ist ein wenig verlaust!“ bekannte er, übrigens ohne zu erröten, nur mit einem verschämten Grinsen, daß keinen Zweifel daran aufkommen ließ, daß wenigstens er nicht Anstoß nahm …

Alles Hinzögern, Aufschieben, Verweilen aber mußte einmal ein Ende nehmen. Bösesten Wetterzeichen zum Trotz ließ Cook am 24. November die Anker lichten. Der Schiffszimmermann brachte mit der Feuerzange einen scheußlich haarigen Skorpion auf Deck, den er im Volkslogis gefunden hatte, und warf ihn dem Kapitän vor die Füße, Jacopo folgte ihm und rang die langen dünnen Finger, — konnte es gewagt werden, unter einem so schlimmen Omen auszufahren!? Cook schleuderte das Tier mit einem Fußtritt durch ein Speigatt. Am Abend waren sie rings von graphitschwarzer rollender See umgeben, und mit der Finsternis brach der Sturm los, die Matrosen fluchten und brüllten und nur Cook bewahrte angesichts des drohenden Untergangs eine kalte steinerne Ruhe. George dachte nicht gern an diese Sturmnacht zurück, ein verschwommenes Erinnerungsbild, — verschwommen, weil er von Anfang an angstvoll bedacht gewesen war, es nicht festzuhalten, — wollte ihm dann immer den Vater zeigen, wie er den schwächlichen Mr. Hodges beiseite stieß, um selbst in die Nähe des Rettungsbootes zu gelangen (mit dem Ausruf: „Ach was, jeder ist sich selbst der Nächste!“). Am anderen Morgen jedoch war nichts als ein melancholisches Sausen zurückgeblieben und auf langen glatten Wogen schaukelte ein schlafender Albatros ihnen entgegen und an ihnen vorüber. Dies war Erschöpfung, — Ergebung. Schweigsam wurde an der Wiederherstellung des Schiffes gearbeitet, — schweigsam und verdrossen hingenommen, was da kommen mußte, der erste Schnee, die ersten wandernden Eisschollen. Der einzige, der noch eines Menschen Antlitz trug, einen Ausdruck freundlichen Staunens, war Mahaine, der Wilde, der nach wie vor lautlos umherging, obgleich er seine Beine jetzt mit Lappen umwickelte und sich in einen neuseeländischen Boghi-Boghi-Mantel hüllte. Er führte ein sonderbares Tagebuch aus Stäbchen, die er in seiner Ecke auf Deck zu immer neuen Figuren auf dem Boden anordnete. „Whemuatua-tua“, das weiße Land! so stand das erste Treibeis darin verzeichnet; Schnee aber hieß „der weiße Regen“, und in einem Schneegestöber konnte man Mahaine sitzen sehen, mit den braunen Händen nach den Flocken haschen, ihr Zergehen auf seiner Haut oder ihre sternige Gestalt auf dem rauhen Gewebe seines Mantels ratlos beobachten. George holte ihn hinunter in die große Kajüte, die von Pfeifenqualm und Dunst erfüllt war. Mit übergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl in einem Winkel der Kajüte sitzend, der Gesellschaft den Rücken drehend, Mahaine vor sich, der am Boden hockte und mit klugen zutraulichen Augen zu ihm aufsah, erhielt er seine tägliche Unterweisung im Tahitianischen, sog er mitten im Eis der Polnähe, während draußen die bleiche Aurea australis gespenstisch über den starren Himmel spielte, den leuchtenden blauen Sommergeist dieser kindlichen Sprache in seine Seele. Dies dünkte ihn besser, als mit am Tisch zu sitzen, in dem Konvivium, das hier von früh bis spät tagte. Er war sehr unglücklich, war es mit allen Kräften des jungen, eben erst zum vollen Bewußtsein seiner selbst gelangten Menschen. Alles, was er an körperlichem Unbehagen, an Gram über den Vater, an Unbefriedigung über seinen eigenen Zustand im Vergleich zu dem stetig untadelhaften Cook empfand, verkleidete er mit der einen Maske des Heimwehs und ergab sich ausgiebig einem schwärmerischen und tränenreichen Gottesdienst vor den Erinnerungsbildern der Mutter und der Schwester Riekchen, dem er in der Einsamkeit seiner Koje oftmals haltlos nachhing, von einem unwiderstehlichen Ansturm der Gefühle überwältigt. O Gott, o Gott, es kümmerte sich niemand um ihn, und in seinem Innern, da war eine Hölle, aus der alle Versuchungen stiegen, alle die ersten stummen unbenannten Forderungen seiner Jahre an seinen Körper, gekleidet in die Bilder der letzten Monate. Bis in seine Träume verfolgten ihn diese schmierigen Neuseeländerinnen, die er doch haßte. Übrigens fühlte er sich ernstlich krank. Die Nahrung, dieses ewige übelriechende faserige Salzfleisch, widerstand ihm bis zum Erbrechen, das Zahnfleisch schwoll ihm an, er litt qualvoll an einem Überfluß von Speichel und konnte sich kaum auf den dick angelaufenen Füßen herumschleppen. Er sah zum Erbarmen aus, aber nicht, daß sich jemand besonders seiner erbarmt hätte! Er erwartete es auch gar nicht. Ging es ihnen nicht allen so oder ähnlich? Starrten sie sich nicht alle aus gedunsenen Gesichtern und trüb unterlaufenen Augen an wie eine Gesellschaft Ertrunkener, die, halb verfault, ihr böses, spukhaftes Spiel in diesem fürchterlichen Teil des Weltalls trieb, — nein, nicht mehr auf Erden, denn dies war die gute Erde nun und nimmermehr! Fortgerissen von verfluchten Strömungen und Winden, ausgeliefert an dies unselige Schiff, zwischen dessen Wänden die Gedanken hin und her jagten und sich die Köpfe stießen wie gefangene Vögel, angewiesen einer auf den zum Überdruß, ja, bis zum Widerwillen wohlbekannten anderen, der gewiß, o, es war wahrhaftig wahr, noch schmutziger, noch kränker aussah als man selber, waren sie alle von einer gellenden verzweifelten Lustigkeit. Rum, Tabak und Karten, dies war’s, was einzig aufrechterhalten konnte, denn es lag kein Trost mehr in dem Gedanken, daß in ihnen der Geist der Menschheit seine Ausbreitung erkämpfte, die Wissenschaft, sie war keine Göttin in Monaten, wo die Überzeugung, daß England auf ewig für sie versunken sei, an ihrem Herzen fraß. Und dabei fortwährend den nagenden Vorwurf der Anwesenheit dieses Mannes zu spüren, der sich in der Kajüte nicht anders mehr zeigte als eine vorübergehende Erscheinung, bösen und kalten Blickes und lippenlos zusammengekniffenen Mundes, verächtlich durch die Nüstern schnaubend, wenn er über den mit Gläsern, verschüttetem Grog und Tabaksasche bedeckten Tisch hinsah, — der sich seine Mahlzeiten jetzt in seiner eigenen Kajüte anrichten ließ, — aus Gesundheitsrücksichten, wie er einmal verlauten ließ, denn auch er litt und sein Antlitz war gelb bis ins Weiß der Augen hinein von der Galle, die ihm das Blut verdarb, — aber nicht dies war der Grund, George fühlte es wohl. Cook, von seinem Leutnant Bligh bedient und umgeben, einer schattenhaft gehorsamen Kreatur, die das Uhrwerk ihrer Verrichtungen dem straffen beherrschten Rhythmus in der Brust ihres Meisters aufs Haar angeregelt hatte, ließ George jeden Nachmittag rufen, wies ihm fast wortlos eine Arbeit an oder ließ ihn seine eigenen Papiere holen und an seinem Tisch schreiben, der mehr Bequemlichkeit bot als die Einrichtung in der Kajüte der Forsters. Dann saß der Jüngling über seine Aufzeichnungen gebückt, von dumpfer Dankbarkeit erfüllt, daß er hier atmen durfte, in diesem Raum, wo alles Bezug auf den großen Zweck der Fahrt hatte und wo ihm ein geistiges Licht zu strahlen schien, ausgehend von dem gesammelten Antlitz ihm gegenüber, das sich doch oft düster und verzweifelt genug über die Karten und Berechnungen neigte. „Ein Narr!“ schalt der Vater, wenn sie abends in den Kojen lagen, — ein vernagelter Narr, der hier nach Land suchte in dieser starrenden Eiswüste! Von Wasser war der Pol umflossen, umkreist von Strömungen, die ihren Weg von hier aus geheimnisvoll um den Erdball nahmen und sich wieder vereinigten wie die Blutwege des Menschenkörpers. Ein sonderbares, jawohl, ein höchst sonderbares Tier, die Erde, ein Tier mit zwei Herzen, die an seinen äußersten Enden lagen, den beiden Polen im Norden und Süden! Denn daß hier das Leben gesammelt zitterte, lehrten das nicht schon die Lichter, die den Horizont bebend umflammten? Nun, sie waren seltsam und nicht ganz wissenschaftlich begründet, die Theorien des Herrn Forster, vielleicht waren sie auch in ihrem Entstehen ein wenig von dem langen Tisch in der Kajüte beeinflußt, an dem sich so prächtig über sie debattieren ließ, ähnlich wie über den Stein der Weisen, dessen Möglichkeit der kleine Dr. Sparrmann in aller Bescheidenheit standhaft verfocht. Jedoch hätte es umgangen werden müssen, daß Mr. Forster sich eines Nachmittags, — es war am 25. Dezember, am Weihnachtstage, und die „Resolution“ lag fast fest, wehrte sich nur ganz leise auf und nieder bebend gegen einen Ansturm unabsehbaren Treibeises, von dessen Stößen der Schiffskörper dröhnte und schütterte, — man hätte es verhindern sollen, daß der ältere Forster an diesem Nachmittag urplötzlich seinen Stuhl zurückschob, mitten in einer angeregten Diskussion mit Wales, daß er mit erhobenen Fingern schnalzte und wie unter dem Zwange blitzähnlicher Eingebung ausrief: „Das muß ich doch gleich einmal …“ worauf er sich erhob und, die linke Hand auf dem Rücken, die Rechte mit ausgestrecktem Zeigefinger an die Nase gelegt, sehr eilig zur Kapitänskajüte hinüberging, wo Cook ihm stirnrunzelnd und George einigermaßen erschrocken entgegensah, während Mahaine, neben der Kohlenpfanne hockend, gleichmütig fortfuhr, mit seinen Zehen zu spielen. Der ganze Auftritt bildete späterhin eine der furchtbarsten Seiten in Georges Erinnerung. Der Vater hatte sich breitbeinig mit selbstgefälligem Schmunzeln niedergelassen und angehoben: „Mein lieber Kapitän, ich muß Ihnen doch einmal meine Ansicht über den Aspekt unserer Fortschritte in puncto der Entdeckung eines Erdteils in diesen Breiten darlegen.“ Er hatte alsdann mit nichts zurückgehalten, was seine Zweifel an dem Vorhandensein eines solchen Erdteils überhaupt ausmachten, hatte die Theorie von den Strömungen anmutig hindurchgeflochten und der Aurea australis gedacht als einer Ausstrahlung pulsierender, magnetischer Kräfte, bei welch unbeweisbarer Vorstellung er besonders liebevoll verweilte, hatte des öfteren „mein lieber Kapitän“ gesagt, und zwar in einem Ton aufmunternder Nachsicht, hatte auch schließlich zusammenfassend seinen Rat für den weiteren Verlauf der Unternehmung gegeben, der auf eine schleunige Rückkehr in die lieblichen Gewässer der Südsee hinauslief, — und bei alledem hatte er durchaus nicht bemerkt, was George mit wachsendem Bangen sah, daß nämlich Cooks Augen eine gefährlich kaltblaue Färbung angenommen hatten und aus dem gelben Gesichte schienen wie nur irgendein Stück Polareis, daß es um sein hartes Kinn zuckte und daß seine Hand eine Kartenrolle knackend zusammenpreßte. Was dann kam, hatte unter vergifteter Höflichkeit begonnen, — gedämpfte Satzanfänge wie: „Mein Herr, ich bin zwar von dem Wert Ihrer Kenntnisse hinreichend überzeugt …“ hafteten George später ebenso im Gedächtnis wie das Anschwellen der Stimme hinter dem „aber, — aber, aber!“ „Muß Sie aber ganz ausdrücklich bitten …“ „Nun was denn etwa?“ — „Bitten, Ihre Befugnisse nicht zu überschreiten, — gefälligst in Ihren Grenzen zu bleiben …“ Dabei war Cook nicht sitzengeblieben, sondern er stand am Tisch und krampfte die Hände um die Kante, daß die Knöchel weiß anliefen. — „Wertester, ich kannte den ruhigen Mann nicht wieder!“ bekannte Herr Forster späterhin unbefangen dem schaudernd lauschenden Mr. Hodges. Cook, in der Tat, er stand da etwas vornübergebeugt wie auf dem Sprunge und bleckte die Zähne, eine Grimasse, die Mahaine, der ihn starr und staunend ansah, nachahmte und sie durch eine krallende Gebärde der vorgestreckten Hände verstärkte. In solchen Fällen, dachte Herr Forster blitzschnell, gilt es, die äußerste Ruhe zu bewahren, — laut äußerte er aber unglücklicherweise: „George, weißt du, was Mr. Cook meint?“ wozu er etwas unbehaglich lachte und auf seinem Stuhl herumrückte, — sich dann allerdings zurücklehnte und die Arme hoheitsvoll kreuzte, indessen hatte er sich nun einmal die Blöße gegeben und einer innerlichen Erfahrung zuwidergehandelt, die da besagt, daß man gefährlichen Tieren auch nicht einen Schatten innerer Unsicherheit zeigen dürfe, man gebe ihnen damit zugleich ein Gefühl ihrer Überlegenheit. Diese Überlegenheit von seiten des Kapitäns stürzte denn auch unmittelbar in die Bresche des Gegners und nahm Formen an, — bediente sich Redewendungen … nun, Mr. Forster blies sich auf, dunkelrot, wie er allmählich wurde, ließ seine runden Augen vorquellen und — suchte vergeblich nach Worten, schnaubte, stieß ein „Unerhört!“ um das andere hervor, und: „George, verlasse das Zimmer!“ — worauf George, der in tödlicher Verlegenheit in sein Heft gestarrt hatte, sich bleich erhob, denn: — „Lassen Sie Ihren Sohn aus dem Spiel, er ist ein braver, unglücklicher Jüngling, dessen Fleiß und dessen Gründlichkeit von Ihnen schamlos ausgebeutet werden …“ hatte Cook vorher geschrien, — „Mein Herr, Sie beleidigen in mir die Würde der Wissenschaft!“ „Mein Herr, Sie selbst sind ein Hohn auf die Würde der Wissenschaft!“

„Mein Herr, Sie, — ja, bei Gott, Sie sind ja ein ganz anmaßender Poltron!“

„Mein Herr, Sie sind ein geschwätziger Charlatan!“ — dies etwa waren die Sätze, die ihm noch in die Ohren gellten, während er aus der Kajüte glitt. Er warf sich in seine Koje, verzweifelt, blutleeren Herzens, wagte nicht zu denken, sich des fürchterlichen Erlebnisses klar bewußt zu werden, schluchzte wild gegen die Wand und lag, wie von einem Schlag aufs Haupt betäubt, regungslos still, als der Vater eintrat. Jedoch suchte Herr Forster sein Lager merkwürdig lautlos auf und nahm keinen Anlaß, sich durch eine Aussprache weiter über seine Niederlage zu erleichtern. Nachdem er seinen massigen Körper krachend hingeworfen und mit umständlichem Wälzen einigermaßen erträglich geordnet hatte, hörte George ihn wohl noch ein paarmal: „Unerhört!“ murmeln, alsdann aber zu seinem grenzenlosen Erstaunen bald tief und gesund atmen, gemäßigt und anmutig wie nur je schnarchen, — kein Zweifel, der große Mann schlief, schlief sanft in dem ihm von seinen Sternen verliehenen unerschütterlichen Selbstgerechtigkeitsgefühl! Die geisterhaft helle Polarnacht stand draußen vor den runden vereisten Fenstern und füllte den Raum mit einem trüben unwirklichen Licht, George sah seinen Atem dampfen und zog Kleider und Decken schaudernd enger um sich zusammen. Ununterbrochen krachte und dröhnte der Schiffsrumpf im Kampf mit den Schollen, sie scheuerten ihre harten rauhen Leiber schurrend an seinen Flanken, sie zwangen seinen Bug, über sie hinwegzusteigen oder ihre Massen in Verzweiflung knirschend zu durchschneiden, sie drängten ihn mit einem fürchterlich klirrenden Getöse der Übermacht gegen den Wind rückwärts … Es schien George ausgemacht, daß dies seine letzten Stunden seien, daß das Schiff nicht standhalten könnte, es ächzte, es schrie, es mußte in jedem nächsten Augenblick dem Druck erliegen, sich in seinen Fugen verschieben, als ein Haufen trümmerhaften Holzgebeins mit ihnen allen zugrunde gehen! Er rührte sich nicht, er lag auf dem Rücken, die Hände auf der Brust verkrampft, die Augen starr und blicklos geöffnet, mit heißen zersprungenen Lippen sinnlos flüsternd, Bruchstücke von Gebeten, Abschiedsworte an die Mutter, an Riekchen, — dennoch ohne Furcht, nur mit steinerner Todesgewißheit, mit einem bittern, rasenden Schmerz über die Verächtlichkeit des Lebens im Herzen, — dieses Lebens, das jetzt eben noch in den Schiffsgängen und -räumen polternd torkelte, viehisch brüllte. Denn es war Weihnachten, die Matrosen hatten Rum, soviel sie wollten, ja, es war Weihnachten, dachte George mit stumpfem Hohn, die heulten ihre unflätigen Lieder und der Vater hatte sich mit dem Kapitän auf Leben und Tod geschlagen, war es nicht so? Mit Degen, mit Messern? Nein, der Kapitän hatte den Vater mit der neunschwänzigen Katze gezüchtigt wie einen verfluchten Meuterer und hatte vor ihm ausgespien, aber der Vater hatte sich nichts daraus gemacht, nur er, George allein, trug die Schande. Oh, ein Glück, — ein Glück, daß sie untergingen! Der Kapitän hatte Recht gehabt, er war der liebe Gott, kristallen rechtschaffen, wie ein lieber Gott zu sein hatte, sie waren Gewürm, Gesindel, Zigeuner, ein Dreck zum Wegfegen. Er zog den Strich, sein Leben, zwanzig Jahre, ergab eine Summe von Mühsal und Plackerei und Demütigung. „Ja, ja, und du bist schuld!“ flüsterte er, in aller Verwirrung zum erstenmal sein Schicksal ganz begreifend, vielleicht noch unter dem Eindruck der Worte Cooks, „den Sie schamlos ausbeuten …“ — er wandte sich ab von diesen Worten, wie seine Sohnespflicht es ihm zu gebieten schien, und doch, sie flüsterten von allen Seiten in seine Ohren. In einer bohrenden Fiebervorstellung fühlte er sich auf dem schnarchenden Atem des Vaters in der Koje unter ihm tanzen, wie eine Seifenblase, abhängig von dem brutalen Blasebalg dieser ledernen Lunge. Dazu orgelte der Matrose Friesleben draußen „Vom Himmel hoch, da komm ich her …“, ward von trunkenem Gelächter und dem Geheul englischer Stimmen überschrien, die Mutter schien in der Kajüte auf- und niederzuschweben, eine brennende Wachskerze in der einen, ein bluttropfendes Herz in der andern Hand … Betäubender Urweltslärm brach wie eine Sturzsee über ihm zusammen. — — —

Auch eine solche Nacht, — auch Fiebertage gingen vorüber. —

Cook berannte den Pol wie ein Stier. — Aber Land wurde nicht gefunden. —

Dies auszuhalten, diesen verbissenen Kampf des Willens gegen eine gleichgültig und machtvoll widerstehende Natur, und nicht nur gegen die Natur, mehr noch, stumm und zäh, gegen die hohnvoll sich überlegen dünkende, unausgesprochene Überzeugung des Gelehrtentisches, gegen den dumpfen, erbitterten Widerstand der Mannschaft, die nicht gewillt war, oh, keineswegs gewillt, sich hier unten im Dienst einer Idee an den Skorbut oder den Tod im Eise zu verkaufen, — diesen Kampf mit anzusehen, wäre für einen, der dem Kapitän so bedingungslos ergeben war, wie George, und der sich doch nicht befähigt fühlte, ihn zu unterstützen, unerträglich gewesen. Der Himmel half ihm mit einer Lähmung seiner Empfindung, mit der Hülle ergebener Schwermut wie einst, als die „Mütterchen Elisabeth“ ihn und den Vater von Petersburg nach London trug, — als es nicht nachhause zur Mutter gegangen war, wie er unzweifelhaft angenommen hatte, sondern nach London, — nun ja, das waren Erinnerungen. Er beherrschte überhaupt ein ungeheueres Aufgebot von Erinnerungen, so stellte er in dieser Zeit fest, er hatte Muße genug sie heraufzubeschwören, und fand eine Art von bitterem Behagen darin, sie auf ihre Einheitlichkeit hin zu prüfen, immer unter dem Leitwort: „… den Sie schamlos ausbeuten …“ — ausbeuten, jawohl! Er kam zu dem Ergebnis, daß des Kapitäns Beobachtung richtig sei, er stellte es sich als mathematische Aufgabe, den Satz zu beweisen, und, mit sonderbar abgetötetem Gefühl, übersah er seine Lage scharf und klar und — fand sich damit ab.

Dies, George Forster, waren entscheidende, nur allzu entscheidende Wochen in deinem Leben. Dir war Erkenntnis aufgegangen, Erkenntnis, George, die erste Bedingung, um handeln zu können! Indessen, — du begnügtest dich. Du handeltest nicht. Wozu auch? Mit welchen Waffen vorgehen gegen diesen Chronos? Nun, nun, wußtest du nichts von leidendem Widerstand, nichts von stillem Eigensinn, von unterirdisch wühlenden Plänen zur Entthronung des Tyrannen? Nichts? Wandtest dich nur ab von ihm, gefaßt und blaß, die Unterlippe ein wenig eingezogen, ja, wandtest dich auch seelisch von ihm ab, daß er von nun an nie wieder dein volles, aufrichtiges Sohnesantlitz zu sehen bekam? So tatest du und — gingest weiter im Joch, — George, George, du bist in der Tat sanftmütig und freundlich, bist liebenswürdig, — oh, jawohl, in der Tat, nur allzu liebenswürdig, kleiner George! — — —

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