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Das Labyrinth

Zweiter Teil. Ariadne (continued 5)

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Und George redete. Er hatte Kerner vergessen, er wußte nichts von seiner Umgebung. Ach, er redete! Alles, alles löste sich auf einmal, was hart wie Ureis in seiner Seele vergletschert gelegen hatte. Er redete noch, als Kerner ihn unter den Arm gefaßt, ihm den Hut auf den Kopf gesetzt, den eigenen Überrock um die Schultern gelegt hatte und ihn nun hinausführte, durch neugierige und mitleidige Blicke und Flüsterworte hindurch, hinaus auf die Straße. Er verstummte unter einem schrecklichen Hustenanfall, als die naßkalte Luft ihm in die Kehle drang, und als das überstanden war, lehnte er sich auf den brüderlichen Freund und äußerte nun weiter nichts mehr als „Well, — there he is again!“ Dies konnte nun der Mann aus Schwaben freilich nicht verstehen. Es sollte aber heißen, daß Larry wieder da sei, Larry, der doch den Tod im Skorbut gefunden hatte. Da ging er vor ihnen her, ohne sich umzusehen, die Hände in den Taschen der pludrigen Hosen, vom eigenen sanften Segelwind getrieben, schwebend und lautlos, wie ein Schiff über Wasser gleitet. Er glitt durch die Haustür der Maison des Patriots hollandais, noch ehe sie aufgeschlossen war, und im Schein des dürftigen Öllämpchens konnte George ihn voran die Treppe hinauf eilen sehen, als klömme er im Takelwerk empor. Er stand auch wartend am Bett, solange Kerner sich um George bemühte und ihm beim Auskleiden half, er verschwand erst, als George sich niedergelegt hatte. Kerner schien ihn gar nicht zu bemerken, — nun, und George war ja auch so tödlich müde, er hörte es kaum noch, daß der Freund versprach, für Krankenwärter zu sorgen. —

Von dem äußeren Verlauf der nächsten Tage wußte er später nichts. Als er am Abend des 27. Dezembers ohne Fieber war und man ihm auf sein Bitten dazu verhalf, ein wenig aufrecht im Lehnstuhl zu sitzen, da er meinte durch diese Veränderung etwas Erleichterung seiner in allen Gliedern wühlenden Schmerzen zu gewinnen, erzählte man dem gebückt Dasitzenden, der mit den schrecklich zitternden Händen die Knäufe der Armlehnen umklammerte, wer alles an seinem Lager gestanden habe, — Onfroi und der gute schottische Freund Christie, Mr. Wollstonecraft, der auf dem Stuhl neben dem Bett sitzend augenscheinlich gebetet habe, der große Merlin de Thionville, dieser mürrisch und unzufrieden, daß jemand, mit dem er hatte disputieren wollen, unzurechnungsfähig vor ihm lag und ganz sinnlos flüsterte, — Monsieur le Professeur Dorsch endlich, der freilich die Kammer schnell wieder verlassen habe, — und dann, das Vorzimmer füllend, die Vielen, die immer kamen, die nichts brachten, nicht nach ihm fragen wollten, sondern seinen Rat, seine Hilfe suchten, armes Volk von Literaten, emigrierte Mainzer, die ihn für ihr Schicksal zur Rechenschaft zogen, und dergleichen Leute.

George lächelte. Nein, er hatte von diesen allen nichts bemerkt. Er hatte andere Besucher gehabt, er meinte, in den letzten Tagen an die tausend Gesichter gesehen zu haben, sie hatten ihn angelächelt und angefratzt, sie waren aus Nassenhuben in Polnisch-Preußen, aus Petersburg, von der Wolga, aus England, aus Afrika und aus der Südsee, schließlich aus allen Städten eines geistigen Europa gekommen, ein summender Schwarm. Er hatte sie verzweifelt gebeten, nacheinander zu kommen, sich in Gruppen zu teilen nach Jahren und Arten, — umsonst, — was je auf den Spiegel des Gedächtnisses gefallen war, jedes Bild quoll hemmungslos hervor und der Wahnsinnsreigen der Erinnerung hatte um sein armes Haupt getobt. Nach zwei Gestalten hatte er zuweilen mit den Händen geschlagen, er wußte es; es waren Therese und der Vater gewesen. Sie sollten sich trennen, nicht fortwährend miteinander flüstern, auf ihn deuten, über ihn lachen …

Es war also viel Besuch dagewesen, oh, ja! Er blickte auf kleine Geschenke, die Kerner ihm zeigte, Wein und Pastetchen, ein allerliebster runder Schinken und eine gestickte Weste, die Christie als ein Geschenk seiner Schwester auf das Tischchen am Bett gelegt hatte. Er sagte unbeteiligt: „Womit habe ich alles das verdient?“ Und dann fragte er nach Briefen. Es waren aber keine gekommen. —

In den nächsten Tagen besserten sich die unerträglichen Schmerzen der Gelenke und des Rückens ein wenig, dafür aber stellte sich die peinlichste Form seines Leidens in Gestalt des skorbutischen Speichelflusses mit seinen widerlichen Begleiterscheinungen ein, wie er sie aus früheren Jahren kannte, und er war betrübt. Er sagte zu Herrn Haupt, einem geflohenen Mainzer, dem er aus Mitleid mit seinem Alter und seiner Ratlosigkeit den Schrecken von Paris gegenüber, durch Übertragung von Schreibarbeiten über schlimme Monate hinweggeholfen hatte und der sich nun mit Kerner und einem jungen Polen in den Krankendienst bei ihm teilte, — zu Haupt also sagte er: „Mußte auch dies noch kommen? Oh, — es ist nicht meinetwegen … Ich wollte ja gern … Oder jedenfalls: ich kenne Schlimmeres. Aber es ist wegen meiner Umgebung. Meine arme Frau litt hierunter mehr als ich selbst.“ Er hielt das Tuch vor den Mund und stützte seinen wankenden Kopf. Haupt erwiderte aufmunternd, er möge die Sache doch nicht schwer nehmen, man sei ja hier unter Männern und die Frau Hofrätin nicht anwesend. George starrte trübe nach der Tür und murmelte geistesabwesend: „Nun immerhin, — es könnte doch sein …“

Er ließ sich Papier und Tinte geben und mit Mirabeau’s „Correspondance secrète“ als Unterlage auf den Knien schrieb er in häufigen Absätzen einen mühsamen Brief. Sie mußte doch wissen, wie es ihm ging, dachte er, und fügte der enthaltsamen Schilderung seiner Leiden ängstlich die Worte hinzu, daß dies alles auf Tatsachen und nicht auf Einbildung beruhe. Denn er wußte wohl, — sie nannten ihn einen Hypochonder.

Übrigens kamen schon am nächsten Tag mehrere Briefe von Therese auf einmal, sie hatten sich durch irgend eine Poststörung verzögert und enthielten, wie immer, heitere und gefaßte Berichte über ihr Leben und das Treiben der Kinder. Therese hatte begonnen, einen Roman zu schreiben und Huber, der herzlich grüßen ließ, versprach sich allerlei Erfolg von dieser neuen Beschäftigung. Nach dem Lesen dieser Briefe legte George eine gewisse törichte Hoffnung beiseite, — dorthin, wo schon viel anderes Unbrauchbares lag, — und erkannte auch sie als einen der letzten Krämpfe jener teuren Gewohnheit des Herzens, von der er doch eigentlich schon losgekommen war. Er hatte nämlich, da die Briefe ausgeblieben waren, im stillen angenommen, Therese sei mit den Kindern unterwegs nach Paris.

Der alte Haupt erklärte ihm, diese Krankheit beruhe hauptsächlich auf Arthritis vaga, der fliegenden Gicht, und predigte mit Behagen über die viererlei Mittel, die dagegen anzuwenden seien, nämlich Kampfer, Salmiak, Opium und Balsam von Mekka. Der alte Haupt war ein unerträglicher Firlefanz. War er einmal ausgegangen, so war es wundervoll still in der Kammer. George lag auf dem Rücken, gerade ausgestreckt, die Hände auf dem Deckbett, gleichmütig hingegeben an die Schmerzen, dankbar empfindend, daß sein Kopf wenigstens frei war. Indessen dachte er nicht viel. Er baute nicht mehr Projekte aus. Es war ihm gleichgültig, ob er in Zukunft weiter in Paris leben würde, oder in England oder in Zürich oder am Ende doch in Altona, — ob der Plan, nach Indien zu gehen, zur Ausführung gelangen würde. Er grämte sich nicht mehr um seine Bücher und Sammlungen in Mainz, von denen ihm bisher kein Mensch hatte sagen können, was nach der Beschießung aus ihnen geworden sei. Er dachte sonderbarerweise manchmal an das kleine Mahagonibureau, das Therese „The Resolution“ getauft hatte, weil es mit in der Südsee gewesen war. Ja, „The Resolution“ hätte hier in der Kammer bei ihm stehen sollen! „The Resolution“ wäre wohl voll Trost gewesen. Er versuchte auch zuweilen an seine Arbeiten zu denken, — nicht an zukünftige, nur an vergangene. Aber dann wollte ihm immer nichts einfallen, als dies, daß er die „Sakuntala“ übersetzt und den Deutschen den Weg nach Indien gezeigt habe. Und wenn er so dachte, dann lächelte er.

Er dachte an die Mutter, die nun alt war. Er dachte an seine Kinder. Er wußte, daß er nicht an Therese und an den Vater zu denken brauchte, weil Larry das nicht duldete. Larry war stets im Zimmer. Manchmal in der Dämmerung ließ er sich sehen, er arbeitete in unsichtbarem Takelwerk und Wind war in seinen Haaren:

Living short but merry lives; Going, where the wind them drives; Having sweethearts but no wives; Live the rakes of Mallow …

Das Leben ebbte Tag für Tag mehr von ihm zurück. Es kam nichts mehr darauf an, was Paris da draußen tat, ob die Gegenrevolution Fortschritte machte, was mit den Rebellen in der Vendée geschah und ob Camille Desmoulins oder sonst jemand neue Journale gründete. Es kam nichts darauf an, daß die Besucher ausblieben, je länger sein Krankenlager dauerte, daß er in den ersten zehn Tagen des Jahres 1794 niemand mehr um sich sah, als Kerner, Haupt und den braven kleinen Nagorsky. Alles war von ihm abgefallen, alles war sehr vereinfacht. Er war beim Minotauros in der Kammer; er war nackt und ganz allein.

George Forster lächelte. Er wußte nun:

Durch die äußeren Gänge des Labyrinthes begleiten uns Jugend und Hoffnung. Wir füllen unser Herz mit Welt und wenn wir leiden müssen, geschieht es ungläubig, als hielten wir es für einen Irrtum der Vorsehung.

Vor den inneren Windungen des Labyrinthes erwartet uns der Schmerz. Er nimmt uns in Empfang und bleibt bei uns, er heilt uns von der Anschauung, daß er ein Irrtum der Vorsehung sei und wir etwa gar nicht gemeint. Er entkleidet uns aller unsrer Hoffnungen und jagt uns nackt durch die entsetzlichen Irrgänge dem furchtbaren Rätsel zu, das da im Herzen der Finsternis die großen Baalsgesänge heult und dem er uns vorwerfen wird, — wenn wir es nicht vorziehen, selbst bis in die letzte Kammer zu gehen, freiwillig, und ohne nach des Opfers Zweck zu fragen.

Wenn wir Geopferten werden zu Opfernden, so haben wir heimgefunden ins Herz der Dinge und Gottes.

Das Labyrinth versinkt und wir sind frei. —

Am 12. Januar gegen vier Uhr nachmittags verließ Haupt den schlummernden Kranken, um einigen eigenen Geschäften nachzugehen. George erwachte eine halbe Stunde später unter einem furchtbaren Brustkrampf, dem er sich ächzend ergab. Mit dem Abklingen des Schmerzes kam eine wunderbare Erleichterung und ein Frieden über ihn und plötzlich sah er Larry am Fußende des Bettes stehen, von geheimnisvollem Licht umflossen und die Hand winkend erhoben. Und Larry sagte:

„Georgie, — komm nun mit!“

George hob den Kopf, — vielleicht glaubte er auch nur, es zu tun, — er streckte die Hand aus und flüsterte: „Ich komme, Larry, — aber wohin?“

Und Larry, der Leichtmatrose von The Resolution, wies nach Osten und sang:

„Nach Indien, George, — nach Indien …“

Als Haupt nachhause kam, war des Kranken Schlummer ein anderer. Er hatte die Hand über die Augen gelegt und atmete leise aus.

Illustration from Das Labyrinth: Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert
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