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Carlos und Nicolás

Carlos und Nicolás Kinderjahre in Argentinien

Reading edition

Ines Wolff zugeeignet

Die Boleadoras

Der breite Paraná mit seinen Inseln, eine Schafherde, über der ein hungriger Geier, nach Lämmern auslugend, kreist, kleine Trupps von Kühen und Pferden, das große, weiße Herrschaftsgebäude mit den Parkanlagen unterbrechen die Monotonie der Pampa.

Carlos und Nicolás saßen in weißen Matrosenanzügen am Stromufer. Sie waren Brüder. Carlos war sieben Jahre, Nicolás sechs.

Ihre Ponys, dickbauchige Pampasponys mit kurzen Hälsen und großen Köpfen, standen einige Schritte von ihnen schweißbedeckt und keuchend an einer Weide angebunden.

Die Knaben hatten hinter Straußen gejagt, ohne sie einholen zu können. Carlos hatte dabei seine Boleadoras verloren.

„Schenke mir deine Boleadoras[1], und ich tausche mein Pferd mit deinem“, sagte Carlos.

Carlos’ Pferd war wertvoller. Wenn die Brüder um die Wette rannten, war es immer um zwei Nasenlängen voraus. Bei raschem Anhalten warf es nicht den Kopf zurück, daß er mit dem seines Herrn zusammenstieß. Es hatte nicht die böse Gewohnheit, nach dem Beine zu schnappen, wenn man aufsaß. Auch wußte es geschickt die gefährlichen, im Grase versteckten Löcher der Tucatús zu umgehen, die Nicolás schon manchmal zum Stürzen gebracht hatten.

Aber trotzdem wollte Nicolás nicht tauschen. Er spielte mit seiner Waffe und gab keine Antwort.

„Du kriegst meinen Sattel dazu“, fuhr der Bruder fort.

„Was hat dir Onkel Paulus alles geschenkt?“ fragte Nicolás begierig.

„Sehr viel“, antwortete Carlos. „Zu meinem Geburtstage schenkte er mir ein großes Landgut in Paraguay mit zwei Millionen Pferden und einer Million Kühen. Nächstes Jahr reise ich hin auf meinem Dampfer Pingo; ich werde hundert Soldaten mitnehmen, um mit den Indianern zu kämpfen, drei Tigerfelle bringe ich dir mit; ich denke vierzig Indianer zu töten. Mein Landgut heißt Isla-Verde und liegt links neben dem Fluß. Aber weil du mir die Boleadoras gegeben hast, schenke ich dir das Landgut.“

Darauf zeigte er nach der Schafherde, die in einiger Entfernung von ihnen graste: „Die Schafe gehören mir.“ Er zeigte nach einem Baum, der sich einsam aus der Steppe erhob: „Von jenem Ombú an gehört alles Land mir, hundert Meilen weit bis nach Chile. Ich schenke es dir.“

Bei diesen Worten machte er einen Schritt zurück, und ohne auf Dank zu warten, ging er mit leuchtenden Augen nach seinem Pferde, stieg auf und ritt hochaufgerichtet, die Kugeln über seinem Haupte schwingend, davon.

Nicolás blieb liegen und schaute ihm nach. Er dachte, wie edel sein Bruder sei, aber zugleich auch, was für ein Narr er sei, für ein paar armselige Boleadoras so viel Reichtum wegzugeben.

Eine geraume Weile lag er unbeweglich: „Du hast Landgüter, du hast Kühe und Pferde“, sagte er sich. Er schloß die Augen und ließ im Geiste all diese Herrlichkeiten an sich vorüberziehen. „Du hast einen Dampfer“, sagte er, die Augen öffnend, und sah nach dem Fluß hin.

Gleich würde der Dampfer hinter der Biegung des Stromes verschwinden. Ganz lautlos glitt er dahin. Man sah die Leute auf dem Verdeck nicht mehr.

Dann blickte Nicolás zum Himmel, ob keine Wolken da seien, denn er wußte, daß Stürme den Schiffen gefährlich sein könnten. Er wünschte, daß es bald aus Paraguay zurückkehren möchte; er würde hier am Ufer stehen und mit dem Taschentuch winken.

Damit erhob er sich. Es litt ihn nicht länger in der tödlichen Einsamkeit allein mit seinem unendlichen Glück.

Er wollte zu Juanita, der Tochter des Schafhirten, und ihr erzählen, wie unermeßlich reich er sei.

* * *

Nicolás stieg zu Pferd und ritt in kurzem Trabe davon, an dem Herrschaftsgebäude und dann an dem Galpon vorbei.

Unweit der Schafherde stand die Hütte von Juanitas Vater, und nicht weit davon saß sie im Grase und peitschte mit einer Gerte die Halme.

Sobald Nicolás sie sah, ließ er sein Pferd kurbettieren; er schlug, die losen Zügel in der Hand, darauf ein und riß es dann gleich wieder zurück.

Er liebte Juanita, und er wollte, daß sie ihn in Gefahr sehen solle.

Sie aber blickte ihn mit leisem Lächeln an. Ihr älterer Bruder Isidor war Pferdebändiger auf dem Gute von Don Ignacio Rodriguez, und das erschien ihr weit gefährlicher.

Nicolás hatte sich ihr inzwischen bis auf wenige Schritte genähert und begann sein Pony zu beruhigen, indem er ihm freundliche Worte sagte und auf Hals und Kruppe tätschelte.

Dann stieg er mit einem meisterhaften Sprung ab und stand dicht bei ihr.

Er war sehr ernst, beinahe feierlich.

„Juanita,“ begann er, „vorhin ist der Tridente vorbeigefahren, du weißt, er ist der schnellste Dampfer von allen; ich habe ihn von Carlos bekommen mit dem Silbergeschirr, mit den Betten und Stühlen und mit der Maschine. Ich habe mir ein Landgut in Paraguay erworben mit Millionen von Kühen und Pferden.“ Er zeigte nach dem Baume: „Von jenem Ombú an ist alles Land mein bis nach Chile.“ Er zeigte nach der Schafherde: „Und auch die Schafe hier sind mein.“

Juanita hatte ihm zugehört, ohne daß eine Miene sich in ihrem Gesichte veränderte; bei seinen letzten Worten jedoch zuckte sie die Achseln, rümpfte die Nase und wiegte den Kopf langsam hin und her.

Eine kleine Pause entstand.

Endlich sagte sie: „Ich weiß nicht, ob du lügst, wenn du sagst, daß der Tridente dein ist und alle Landgüter in Paraguay und alles Land hinter dem Ombú bis nach Chile. Aber du lügst, wenn du sagst, daß die Schafe dein sind; die Schafe gehören meinem Vater, und wenn mein Vater tot ist, gehören sie meiner Mutter, und wenn meine Mutter tot ist, gehören sie meinem Bruder und mir.“

Nicolás war über diese Worte etwas betroffen, dann aber stieg der Ärger in ihm auf.

„Was mein ist,“ antwortete er, „hat zuerst Papa und Onkel Paulus gehört. Papa und Onkel Paulus haben das Recht, zu verschenken, was sie wollen. Onkel Paulus lügt meinen Bruder nicht an. Er hat ihm das Land und die Sachen gegeben, er darf es.“

„Er kann dir alles Land und alle Schiffe verschenken, aber niemals die Schafe, die gehören meinem Vater.“

„Meinetwegen,“ sagte Nicolás mit einer nachlässigen Gebärde, „die Schafe sollen deinem Papa gehören, ich würde sie ihm ja sowieso geschenkt haben. Gefallen mir einmal alle Reichtümer nicht, gebe ich sie her oder verkaufe sie und gehe nach Europa und kaufe mir die großen Wälder. Weißt du, was Wälder sind, Juanita?“

„Nein“, sagte sie.

„Natürlich kannst du nicht wissen, was Wälder sind, weil es hier keine gibt. In Buenos Aires und Uruguay sind die großen Städte und die Pampas. Die Wälder sind in Europa, und das sind viele große Bäume, die beieinander sind. Man kann tagelang darin reisen, die Bäume ragen beinahe bis zum Himmel.“

„Willst du wissen, wie es darin aussieht, beuge dich ins Gras herab und bleibe eine Weile ruhig. Aber schaue immer zwischen den Halmen hindurch. Gibst du dir Mühe und denkst du immer an einen Wald, wird es dir so vorkommen. Das hat mich Onkel Paulus gelehrt.“

Juanita verharrte eine Weile schweigend.

Schließlich sagte sie: „Beug’ du dich doch zuerst herab, und wenn du einen Wald siehst, so sage es mir.“

Sogleich kniete Nicolás nieder.

Juanita sah ihn eine ganze Weile ernst an, plötzlich aber mußte sie laut auflachen, denn Nicolás erschien ihr in seiner kauernden Stellung komisch.

Er blieb trotzdem noch eine ganze halbe Minute unbeweglich, dann aber richtete er sich auf und sagte ärgerlich: „Ich begann schon die Wälder zu sehen, aber durch dein Lachen hast du mir alles verdorben.“

Nach einigen Sekunden aber war sein Ärger wieder verraucht.

„Beug’ dich herab, Juanita,“ beharrte er, „bleibe eine Weile ruhig, denke immer an die Wälder, und du wirst sie sehen.“

Sie war unschlüssig; es widerstrebte ihr, etwas zu tun, wozu ihr der richtige Glaube fehlte und was ihr außerdem etwas lächerlich erschien.

Aber da sie schließlich doch ein bißchen neugierig war, stand sie auf, kniete nieder und blieb eine Zeitlang still.

Doch es wollten sich ihr keine Wälder zeigen.

Sie richtete sich auf, strich sich über das Kleidchen und sagte: „Ich sehe nichts.“

Nicolás ließ resigniert den Kopf sinken.

Nicht lange jedoch, und er hatte sich von seiner Enttäuschung erholt.

„In Europa“, hub er an, „ist es schöner als hier, durch die Straßen fließen Ströme. Schwarze Boote fahren darauf. Der Himmel ist golden und blau; an allen Häusern sind Balkone und viele Blumen, ich habe es auf einem Bilde gesehen. In Europa gibt es Könige und nicht Präsidenten, sie fahren auf goldenen Booten und sind die reichsten Leute der Welt. Wenn die Präsidenten sehr reich werden wollen, müssen sie stehlen, habe ich schon oft sagen hören, die Könige brauchen das nicht, denn sie bekommen alles von selbst. In Europa gibt es Prinzessinnen, die sind tausendmal schöner als alle Frauen von Buenos Aires und Uruguay, sie haben goldene Haare und reiten auf weißen Pferden, manchmal tragen sie große Adler, die man Falken nennt, auf dem Arme. Könige und Prinzessinnen wohnen zusammen in Palästen, die sind am Meere gebaut, denn in Europa ist das Meer, und das ist der größte Strom von allen. Auf dem Meere fahren die größten Schiffe, die es gibt, Kanonen sind darauf, um gegen die Walfische zu kämpfen. Ich bin ein mächtiger Mann, Juanita, der viel Geld und Güter hat, und wenn ich groß bin, will ich mich zum Präsidenten von Buenos Aires machen, und weißt du, Juanita, was ich dann tue? Ich werde mir ein Meerschiff bauen lassen und werde nach Europa reisen, und als mächtigen Präsidenten von Buenos Aires müssen mich die Könige auf ihren goldenen Booten empfangen, und die Prinzessinnen sitzen dabei und spielen auf goldenen Harfen.“

Nicolás hielt inne, um zu hören, was sie dazu sagte.

Aber sie schwieg, und von ihrem Antlitz war gar nichts abzulesen, weder Unglauben noch Erstaunen.

Etwas gereizt fuhr er fort: „Wenn ich will, kann ich die Töchter der Könige heiraten, und ich werde es tun, Juanita, bei allen Königen werde ich anfragen, nur beim König eines großen Landes, das Paris heißt, nicht. Gegen diesen werde ich Krieg machen, denn er ist der Mächtigste, und wenn ich ihn dann mit meinem Schwert erschlagen habe, kann ich, wenn ich will, mich zum Herrscher seines Landes machen. Sag’ mal, Juanita,“ sagte er, seine Stimme erhebend, „möchtest du Königin von Paris werden?“

Es entstand eine Pause.

„Ph,“ sagte sie, „ich möchte schon.“

„Gut,“ antwortete Nicolás „du mußt mir aber versprechen, wenn du Königin bist, meine Frau zu werden.“

„Bin ich einmal Königin, will ich deine Frau sein“, sagte sie und zuckte die Achseln.

„Du wirst es, aber da müssen wir uns zuerst verloben, und du mußt mir einen Kuß geben.“

„Ich kann mich ja mit dir verloben und dir einen Kuß geben, aber alles, was du erzählst, ist ja Lüge“, meinte sie, die Nase rümpfend.

„Wenn du glaubst, daß ich lüge, gehen wir zu José und fragen wir ihn. José war König von England, früher, als es ihm noch gut ging und er nicht Knecht zu sein brauchte.“

„Meinetwegen, gehen wir zu ihm“, sagte sie und lächelte ziemlich überlegen.

José, ein geborener Neapolitaner, aber seit langem eingewandert, stand dicht beim Galpon und wusch den Schecken des Verwalters. Er goß Eimer auf Eimer über Bauch und Rücken des Pferdes, das bebend auswich; dazu fluchte er, denn jede Arbeit war ihm verhaßt. Unter den Pferden haßte er aber den Schecken, seiner heiklen Hautfarbe wegen, und weil er die schlechte Gewohnheit hatte, sobald er freigelassen war, sich auf der Erde zu wälzen.

Nicolás trat mit Juanita an ihn heran und sagte laut und in einem Tone, der keine Widerrede litt: „Nicht wahr, José, du warst früher König von England?“

Zuerst erstaunte José, dann aber antwortete er mit wildhumoristischem Auflachen: „Natürlich war ich König von England, corpo di Dio, war das eine fröhliche Zeit, damals, als ich noch König von England war!“ Bei diesen Worten gab er dem Schecken einen Fußtritt, als wollte er ihn den grausamen Umschwung der Dinge vergelten lassen.

„Siehst du, Juanita“, sagte Nicolás, „José war König von England. Gehen wir jetzt.“

Als sie einige Schritte gegangen waren, sagte er: „Jetzt müssen wir uns verloben“ und faßte sie bei der Hand; sie folgte ihm kichernd, und als sie an die Stelle gelangt waren, von wo sie gekommen waren, küßte er sie feierlich auf den Mund.

„Jetzt bist du meine Braut und wirst Königin von Paris“, sagte er. Er sah sie leuchtend an, tat einen Schritt zurück, wie vorhin sein Bruder, und stieg zu Pferd.

Im Galopp, graziös den Oberkörper wiegend, ritt er davon.

Juanita sah ihm nach, die Rechte schlaff am Leibe; mit der Linken wischte sie sich die feuchten Spuren ab, die Nicolás weihevoller Kuß zurückgelassen hatte.

* * *

Es war Nacht geworden, Carlos war nicht zum Abendessen zurückgekehrt, er war beim Puestero Eusebio; Gäste waren bei ihm und man hatte ein Lamm geschlachtet. Carlos hatte es abhäuten und ausweiden helfen.

Ziemlich spät ritt er heim. Seine Stimmung war etwas gedrückt, außerdem langweilten ihn bereits die Boleadoras.

Zu Hause war alles schlafen gegangen. Carlos sattelte sein Pferd ab und ließ es auf die Weide laufen. Dann ging er, die Boleadoras in der Hand, in sein und seines Bruders Schlafzimmer.

Nicolás lag im Bett, aber er schlief noch nicht; es brannte Licht.

„Wo warst du?“ fragte Nicolás.

„Bei Eusebio.“

„Freuen dich die Boleadoras?“

Carlos gab keine Antwort.

„Was hast du?“

„Nichts“, sagte Carlos und zog sich mürrisch aus.

Nicolás fragte nicht weiter. Carlos ging ins Bett und löschte das Licht aus.

„Nicolás!“ rief er plötzlich.

„Was?“

„Bah!“ sagte Carlos und drehte sich im Bett um.

Es herrschte Stille.

Und nochmals: „Nicolás!“

„Was willst du denn?“

Sehr gepreßt kam es aus Carlos heraus: „Ich meinte nur ...“ und dann: ... „die Boleadoras sind wieder dein.“

Die Knaben schwiegen.

Carlos richtete sich im Bette auf und sagte schmerzlich: „Die Boleadoras sind dein, denn den Tridente und das Gut in Paraguay und alles Land hinter dem Ombú bis nach Chile und die Schafe hat mir Onkel Paulus nicht geschenkt; daher durfte ich sie dir nicht schenken.“

Wieder herrschte Pause.

„Also hast du mich angelogen“, tönte es von Nicolás’ Bett tief enttäuscht zurück.

„Ja, ich habe dich angelogen“, antwortete Carlos etwas erleichtert.

„Warum hast du mich angelogen?“

„Weil ich die Boleadoras haben wollte“, kam es zerknirscht zurück.

Nochmals Pause.

Nicolás raffte sich auf: „Schwörst du mir, daß du mich angelogen hast?“

„Ich schwöre es.“

„Küß’ das Kreuz!“

Carlos machte ein Kreuz mit beiden Zeigefingern und schwor: „Te juro, que Dios me castigue.“

„Hast du wirklich das Kreuz geküßt?“ fragte Nicolás mißtrauisch, denn er konnte es der Dunkelheit wegen nicht sehen.

„Ja“, sagte Carlos.

„Schwörst du mir, daß dich sofort der Blitz treffen wird, wenn es nicht wahr ist?“

„Ich schwöre es“, antwortete Carlos.

Daraufhin herrschte vollständiges Schweigen.

Nicolás lag da, erfüllt von einer nie gekannten, unsagbaren Trostlosigkeit: Keine Güter! Kein Schiff! Keine Schafe! Nie würde er die Wälder von Europa kaufen, niemals würde er den König von Paris bekriegen dürfen und Juanita würde niemals seine Frau.

Er versank in tiefes Grübeln.

Vom Bette seines Bruders aber vernahm man ruhige Atemzüge; er schlief schon lange.

Was würde Juanita zu allem sagen? Wie sollte er ihr morgen unter die Augen treten? Er hatte sie angelogen, nie würde sie ihm das verzeihen.

Und weil er die quälenden Gedanken nicht los werden konnte, zündete er schließlich Licht an, stand auf, kroch unters Bett und zog eine kleine grüne Eisenbahn hervor: eine Lokomotive mit drei Waggons.

Aus der Schublade des Nachttisches holte er einen starken Faden und band ihn an den Schornstein der Lokomotive.

Lange stand Nicolás da, barfuß auf den Fliesen, und ließ die Eisenbahn im Kreise laufen.

Und das war seine Erlösung.

Langsam zog tiefer Trost und Friede in seine Seele ein.

Der Chinese

Hinter dem Hause im Hofe hielten Carlos und Nicolás Tiere, Haustiere und Tiere der Pampa. Oft machten sie Streifzüge und kehrten mit einem Fang zurück, einem jungen Strauß, einer Kropfeidechse, einem Gürteltier; sie stellten Fallen im Hof auf und fingen Beutelratten. Aber über die neuen Tiere vernachlässigten und vergaßen sie die alten. Einmal brachen die meisten aus. Ein junges Reh hatte oben im Salon übernachtet, eine Kropfeidechse war ins Bett einer Magd gekrochen. Da wurde Carlos und Nicolás gedroht, die Tiere müßten fort, wenn sie sich nicht besser um sie kümmerten.

Am nächsten Tag waren die Knaben, wie gewöhnlich, hinaus in die Pampa geritten. Nach einer Stunde scharfen Galopps wandten sie die Ponnys nach einem Ombú, um Rast zu halten; es war ein sehr heißer Tag, die Pferde ließen die Köpfe hängen und bewegten die Ohren müde nach den Seiten; die Sättel lagen beinahe auf ihren Hälsen. Als die Knaben sich dem Baum näherten, sahen sie dort einen seltsamen, kleinen, dicken Mann auf der Erde sitzen, den Kopf gegen den Stamm gelehnt. Statt eines Rockes oder Ponchos trug er einen ganz eigentümlichen Kittel, der ihm bis an die Kniee reichte; neben ihm lag ein breitrandiger Strohhut und ein rotes Bündel. Gleich nachher erkannten sie jedoch, daß es kein Mann war, sondern eine Frau in Männertracht; denn es trug einen langen, dünnen Zopf.

„Das ist komisch“, sagte Carlos und lachte.

„Sehr komisch“, sagte Nicolás und lachte auch.

Sie ritten ganz nah an den Baum heran: es war keine Frau.

„Ein Chinese!“ sagte Carlos und erbleichte.

„Ein Chinese!“ sagte Nicolás und erbleichte auch.

Der Kopf, der Kittel und der Hut waren ganz so, wie sie es bei Chinesen auf Bilderbogen gesehen hatten.

Der Chinese, der geschlafen hatte, war erwacht und sah die Knaben ohne merkliches Erstaunen an.

Sie wollten kehrtmachen und fliehen, denn sie hatten gehört, diese Menschen seien wild und blutdürstig wie die Indianer des Gran Chaco. Aber sie ermannten sich zugleich, denn keiner wollte vor dem anderen feig erscheinen; und dazu blinzelte und lächelte der Chinese so gemütlich und Vertrauen erweckend, daß Flucht den Knaben doppelte Feigheit erschien. Vielleicht ist es ein zahmer Chinese, dachten sie.

„Was schaut ihr mich so an, ihr Büblein?“ fragte er endlich. Seine Stimme klang sanft; sie hatte nichts von einem wilden Indianergeheul.

„Wir schauen dich nicht an“, sagte Carlos und starrte fortwährend auf ihn.

„Seht mir diese Knaben!“ Der Chinese lachte und schlug sich auf die dicken Schenkel; das Gesicht, das er dabei machte, war so komisch, daß auch Carlos und Nicolás in Lachen ausbrachen.

„Was hast du in deinem Bündel?“ fragte Carlos nach einer Weile.

„Zwei Hemden und eine Hose; ich bin auf Reisen.“

„Weite Reisen?“

„Ich gehe von Gut zu Gut und suche mir eine Stelle als Koch. Meine Herrschaft hat ihr Gut verkauft und ist ausgezogen; da bin ich auch ausgezogen. Könnt ihr einen Koch bei euch brauchen, ihr Buben?“

„Nein“, sagte Carlos. Gleich darauf aber durchzuckte ihn ein Gedanke: „Wir können dir aber eine andere Stelle verschaffen.“

„So. Eine andere Stelle? Und die wäre?“

„Du könntest unsere Tiere pflegen, denn sonst müssen sie fort. Ich will Mama sagen, daß man dir so viel bezahlt wie einem Koch. Kannst du Tiere pflegen?“

„Gewiß; aber was für Tiere sind’s, ihr lieben kleinen Knaben?“

„Verschiedene; wenn du mit uns nach Hause kommst, wirst du sie sehen.“

Der Chinese war damit einverstanden; die Kinder hielten kurze Rast, rückten dann die Sättel zurecht, schnallten die Gurte fester und stiegen zu Pferd. Der Chinese saß bei Nicolás hinten auf.

„Wie ist denn dein Name?“ fragte Carlos; „denn wenn wir jetzt zu Mama gehen, um dir die Stelle zu verschaffen, müssen wir wissen, wie du heißt.“

Der Chinese nannte einen Namen, der sehr seltsam klang. Die Knaben brachten immer nur Bichuante heraus.

„Nennt mich nur immerhin Bichuante!“ meinte der Chinese.

Mit stark klopfendem Herzen ritten Carlos und Nicolás in das Gut ein. Von irgendwoher erschien José, der Knecht, und starrte diesem seltsamen Aufzug mit offenem Munde nach. Die Knaben ritten bis zur Mitteltür des Hauses. Carlos sprang ab und rannte hinauf zu seiner Mutter.

Sie saß im Musikzimmer am Klavier. „Mama,“ schrie er, „wir haben einen Chinesen mitgebracht, aber einen zahmen Chinesen!“

„Was habt ihr mitgebracht?“ Sie unterbrach ihr Spiel.

„Einen ganz zahmen Chinesen, Mama, der Bichuante heißt.“

„Was redest du da für Unsinn? Was soll denn der Mann?“

„Er soll unsere Tiere pflegen, Mama.“

Carlos faßte seine Mutter am Arm, zog sie ungestüm nach dem Fenster und zeigte nach unten: „Dort ist er.“

Wahrhaftig: es war ein Chinese. „Das ist schon euer verrücktester Einfall!“ sagte sie. Aber nachher ward ihnen gestattet, den Chinesen zu behalten.

Er trat sofort seinen Dienst an. Ställe mußten ausgebessert und gründlich gereinigt werden. Er stieg in den Taubenschlag hinauf und wirtschaftete. Weiß gesprenkelt und mit Federn bedeckt, kam er wieder herunter. Er grub für das Wasserschwein einen regelrechten Teich; bisher hatte es sich mit einem Tümpel begnügen müssen, der nach einer halben Stunde immer wieder ausgetrocknet war. Vor allem war es eine Freude, zu sehen, wie sanft er mit den Tieren umging. Die Kaninchen schnupperten ihm durch die Fenster ihrer Kisten entgegen, sobald er sich zeigte; nicht lange, und die Tauben setzten sich ihm auf die Schultern, das Reh lief ihm nach. Nicolás glaubte sogar zu sehen, wie das Gürteltier ihn freundlich anblinzelte. Die Knaben liebten den Chinesen, besonders Nicolás.

Von den Dienstboten hielt sich der Bichuante möglichst fern, denn sie lachten über ihn und spielten ihm auch manchmal einen Schabernack. Namentlich aber fürchtete er José. Als er einmal an der Küche vorbeiging, hörte er, wie der Knecht dem Gärtner sagte, er wolle den Chinesen umbringen (José haßte ihn, weil er fand, daß die Tierpflege eine zu leichte Arbeit sei). Der Bichuante erbebte, ließ aber nie ein Wort darüber verlauten. Nur wenn er zu Bett ging (seine Kammer lag neben der Josés), verriegelte er die Tür, schlief aber trotzdem immer gleich ein.

Er kümmerte sich aber gar nicht nur um die Tiere auf dem Hof. Er striegelte und sattelte die Ponnys, er putzte ihr Zaumzeug; einmal wusch er sogar den Schecken des Verwalters. Als José das sah, war er gleich darauf bedacht, ihm nach Kräften von seiner Arbeit aufzubürden, und seinem Beispiel folgten die anderen Dienstboten. Der Chinese verrichtete alles, still, ohne zu klagen.

Manchmal, wenn er sich freimachen konnte, saß er gegen Sonnenuntergang mit den Knaben auf der Weide im Grase. Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen, er pflückte eine Blume, besah sie aufmerksam und murmelte leise etwas vor sich hin. Carlos und Nicolás rückten ganz nah an ihn heran, um zu hören, was er sage. Dann baten sie: „Sprich jetzt mal ganz laut auf Chinesisch.“ Der Bichuante zog die dünnen Augenbrauen in die Höhe, bewegte den Kopf langsam hin und her und sagte einige Sätze, worüber die Kinder laut auflachen mußten.

„So, jetzt sprich wieder die christliche Sprache“, sagte Carlos; denn er wußte von den Gauchos: alles, was nicht spanisch ist, ist auch nicht christlich. Dann mußte der Bichuante Purzelbäume schlagen. Das konnte er wie kein anderer. Nicolás umarmte ihn und gab ihm lautschallende Küsse auf beide Backen. Aus Dankbarkeit, denn den ganzen Tag hatte er sich auf diese Purzelbäume gefreut. Und dann saßen sie wieder im Gras beieinander.

Der Bichuante stand auf und schlich auf den Zehenspitzen einem Schmetterling nach; ohne eigentlichen Grund, aus unbegreiflicher Freude. Der Schmetterling setzte sich auf eine Blume, klappte die Flügel auf und zu; aber sobald der Bichuante sich genähert hatte, flog er wieder auf und setzte sich auf eine andere Blume. Der Chinese blieb in behutsamer Entfernung von ihm stehen und ahmte mit Daumen und Zeigefinger den Flügelschlag nach, ganz erstaunt, als hätte er nie in seinem Leben einen Schmetterling auf einer Blume gesehen.

Illustration from Carlos und Nicolás

„Wie merkwürdig ist doch so ein Chinese!“ sagte Nicolás zu Carlos.

Einmal hatte Nicolás, ohne etwas Böses zu denken, den Bichuante am Zopf gezogen; da hatte ihn der Chinese sehr ernst und traurig angeschaut und gesagt: „Tu’ das ja nie wieder, mein Liebling!“ Nicolás erschrak. Auch freute es den Chinesen nicht, wenn die Kinder den Ponnys Zöpfe flochten, wie es am Samstagabend geschah, damit die Pferde gewellte Mähnen hätten, wenn man am Sonntag zu den Wettrennen der Gauchos ritt. Merkwürdig, dachte Nicolás; er fand manches an dem guten Bichuante merkwürdig ...

Die Eltern der Knaben waren auf einige Zeit nach Buenos Aires verreist. Die Kinder blieben unter der Obhut des Verwalters, eines sehr strengen Franzosen, der selbst einmal ein großes Gut gehabt hatte. Er kümmerte sich äußerst gewissenhaft um die Wirtschaft und alle fürchteten ihn. Der Bichuante hatte mehrmals in der Küche mithelfen müssen und da war sein Kochtalent in vollem Glanz sichtbar geworden. Der Franzose hielt auf gute Küche. Er entließ ohne weiteres den alten Koch und erhob den Chinesen auf diesen Posten. Der Bichuante erhielt einen weißen Rock, eine weiße Schürze und eine weiße Mütze und war mit einem Schlag eine Respektsperson unter den übrigen Dienstboten. Das war ein Triumph für Carlos und Nicolás, und ihre Dankbarkeit und Verehrung für den Verwalter kannte keine Grenzen.

Sechs Wochen waren vergangen; es war an einem außergewöhnlich heißen Tage, der Chinese stand in der Küche und bereitete den Teig für die Nachtischpasteten. Carlos und Nicolás schauten ihm zu. Weil die Hitze geradezu unerträglich war und der Chinese, seit er seine neue Stelle bekleidete, viel dicker geworden war, beschloß er, um sich Luft zu machen, Rock und Hemd abzulegen. Carlos und Nicolás halfen ihm dabei unter Freudengeschrei.

„Nie hätte ich geglaubt, daß du einen so dicken Bauch hast“, sagte Carlos und klopfte ihm auf den Leib.

Aber ein unendlicher Jubel brach aus, als der Bichuante, um sich ein Späßlein zu erlauben, zwei Hände voll Teig nahm und, sich ein wenig nach hinten beugend, ihn auf seinem nackten Leib zu kneten begann. „Bravo!“ riefen die Knaben, umtanzten ihn und schüttelten sich vor Lachen. Und der Chinese stand da, von Fliegen umsummt, grinste und knetete weiter. Dann wurde der Teig auf dem Tisch ausgerollt und die Pasteten geformt und gefüllt.

„Das ist meine Pastete“, sagte Carlos und machte in die größte ein Loch mit dem Zeigefinger. „Und die ist meine“, sagte Nicolás und machte ein Loch in die zweitgrößte. Dann wurden die Pasteten in den Ofen geschoben.

Einige Stunden später saßen Carlos und Nicolás mit dem Verwalter bei Tisch. Die Suppe und der Puchero, die Carbonado und der Asado wurden gebracht; zum Schluß kamen die Pasteten ...

„Ach,“ sagte der Verwalter, „die Pasteten sind heute wirklich ganz ausgezeichnet!“

Carlos würgte, denn er hatte den Mund voll und wollte antworten. „Warum sind sie so gut?“ sagte er, mit vollen Backen kauend; „weil der Bichuante den Teig auf seinem nackten Bauch geknetet hat. So macht man’s in seiner Heimat und dann werden die Pasteten sehr gut.“

„Was hat er getan?“ fragte der Verwalter betroffen.

„Er hat Rock und Hemd ausgezogen und hat den Teig auf seinem nackten Bauch gerieben“, sagte Carlos arglos; und er sprang auf, beugte sich etwas rückwärts und ahmte den Chinesen nach. Der Verwalter gab keine Antwort ... Er schob seinen Teller weg und drückte auf den Knopf einer Klingel ...

Eine Viertelstunde später hingen Carlos und Nicolás weinend am Hals des Chinesen; der Bichuante mußte fort. Die Knaben wußten: der Verwalter hat sein letztes Wort gesprochen.

„Warum hast du das von den Pasteten erzählt, Carlos?“ heulte Nicolás.

„Ich wußte doch nicht ...!“ Carlos konnte nicht weiter. Er drückte sein Gesicht auf den Hals des Chinesen, der ganz naß von Tränen war.

„Der Bichuante muß jetzt fort ...!“ Nicolás’ Stimme schnappte über, er gluckste und hustete.

„Geh’ nicht fort, Bichuante!“ heulte Carlos.

„Weinet nicht, ihr Buben,“ sagte der Chinese, der seine Rührung niederzwang; „weinet nicht, seid Männer!“

Carlos und Nicolás trockneten sich die Augen und schneuzten sich. Sie sahen einander an, ein Beben ging über ihre Züge und wieder brachen sie in Tränen aus.

Am nächsten Morgen war der Aufbruch.

Carlos und Nicolás sattelten ihre Ponnys; der Chinese saß bei Nicolás hinten auf. Man ritt in der Richtung des Ombús; dort wollte man Abschied nehmen, denn dort hatte man sich einst gefunden. Auf des Chinesen Gesicht lag ein ruhiges, resigniertes Lächeln. Carlos und Nicolás weinten leise. Der Bichuante redete ihnen zu: „Ruhig, ruhig, ihr Buben, seid Männer!“

Als sie vor dem Ombú angekommen waren, stieg der Chinese vom Pferd. Er umarmte Carlos und Nicolás; auch sie schlangen ihre Arme um seinen Hals und küßten ihn auf den Mund.

Dann, wie auf Verabredung, wandten sie die Pferde (denn sie wollten als Helden scheiden) und ritten im Galopp, laut heulend, nach dem Gut zurück.

Das Brüderchen

Am Morgen waren Carlos und Nicolás mit ihren Eltern aus Buenos Aires zurückgekehrt, es war Nachmittag, sie ritten in der Pampa spazieren. Carlos hielt im Arm einen kleinen weißen Seidenpintscher, den er vor vierzehn Tagen geschenkt bekommen hatte.

Sie kamen bis vor die einsame Hütte des Puesteros Eusebio und sahen sein sechsjähriges Söhnchen Miguelito, das nahe bei der Schwelle stand und eine niedrige Holzwiege wiegte, in der ein Säugling lag. Er lag festeingewickelt, konnte weder Arme noch Beine bewegen und schrie.

Der Pintscher spitzte die Ohren nach der Wiege und bellte feindselig.

„Ist das dein Brüderchen?“ fragte Carlos ganz erstaunt.

„Ja!“ sagte Miguelito und sah mit leuchtenden Augen nach dem Pintscher.

„Seit wann hast du dieses Brüderchen?“ fragten Carlos und Nicolás zugleich.

„Weiß nicht“, antwortete Miguelito. „Vor einigen Wochen brachte mich abends der Vater zu Don Ignacio, und als ich am Morgen wieder hier war, war das Brüderchen da.“

Nicolás ritt ganz nahe an die Wiege heran, um sich das Kind genau zu betrachten.

Miguelito blickte unverwandt den Pintscher an und fragte: „Seit wann habt ihr dieses Hündchen?“

„Ich habe es von Papa geschenkt bekommen“, antwortete Carlos.

„Wie heißt dein Brüderchen?“ fragte er nach einer Weile.

„Pepito.“

Was ist das für ein schönes Brüderchen! sagte sich Carlos, und es entstand ein Gedanke in ihm, den er aber kaum auszudenken wagte.

Doch er ließ ihm keine Ruhe und zaghaft fragte er: „Gefällt dir mein Hündchen?“

„Ja!“ sagte Miguelito und war ganz verklärt.

„Er heißt Blanco“, antwortete Carlos, „und wenn du seine Wolle berührst, ist sie wie Seide. Da, fühle doch!“

Und er beugte sich herab und hielt ihm das Hündchen hin: „Ist das nicht schön?“

„Sehr schön!“ erwiderte Miguelito.

Carlos stieg behend vom Pferd und sagte: „Jetzt werde ich dir was zeigen.“

Er bückte sich, streckte den Arm aus und rief: „Hops!“

Blanco sprang über seinen Arm.

„Hops!“ rief Carlos, und Blanco sprang zurück.

Miguelito klatschte selig in die Hände.

„Und jetzt, Blanco, aufwarten!“ befahl Carlos.

Blanco setzte sich auf die Hinterbeine, bewegte die Pfoten und Miguelito jubelte.

„Wenn du mir dein Brüderchen gibst, gebe ich dir mein Hündchen!“ sagte Carlos.

Miguelito war einige Sekunden unschlüssig, dann aber siegte die Versuchung, er ging nach der Wiege und bat Carlos, ihm zu helfen, das Kind herauszuheben.

Darauf bestieg Carlos sein Ponny, und Miguelito und Nicolás reichten ihm Pepito hinauf.

Carlos und Nicolás aber machten, daß sie schnell fortkamen, denn sie fürchteten, den andern würde der Tausch bald reuen.

Carlos hielt das Kind vor sich auf dem Sattel wie ein Bündel, sie ritten im Trab, mußten aber gleich halten, denn es wäre beinahe heruntergefallen.

Sie ritten im Schritt weiter und nach einiger Zeit wollte Nicolás es tragen.

Wieder hielten sie an und Carlos reichte es ihm hinüber, was nicht ohne Lebensgefahr war für den kleinen Pepito.

Nach zehn Minuten beschlossen sie abzusteigen, denn er war nicht leicht zu tragen, außerdem schrie er immerfort aus Leibeskräften.

Carlos sprang vom Pferd, nahm seinem Bruder das Kind ab und legte es sacht auf die Erde.

Darauf pflückten sie zusammen Gräser, machten daraus ein weiches Bett und legten es hinein. So würde es sich beruhigen.

Und wirklich, es dauerte nicht lange und das Kind war eingeschlafen.

Nicolás kniete neben ihm und betrachtete es voller Andacht, er beugte sich ganz nahe herab, um seinen Atem zu hören.

„Kann man wohl die Stelle sehen, wo ihn der Storch gehalten hat?“ fragte er Carlos.

„Niemals!“ antwortete Carlos, „denn da müßte er ihm ja wehe getan haben! Außerdem ist es gar nicht gesagt, daß ihn der Storch gebracht hat. Zenobia hat ihr Baby in einem Eimer gefunden, als sie aus der Zisterne Wasser schöpfte.“

„Aber da hat doch alles gelacht in der Küche, wie sie das erzählte“, erwiderte Nicolás.

„Vielleicht hat sie gelogen“, meinte nachdenklich Carlos. „Aber das weiß ich, man findet ganz sicher die Kinder in den Lagunen, und die bringen dann gewöhnlich die Störche. Auch sind sie manchmal in Straußeneiern, und man muß die Eier dann zerschlagen.“

Die Knaben schwiegen, Nicolás kaute an einem Grashalm; schließlich fragte er: „Sag mal, Carlos, glaubst du, daß wir vielleicht auch ein Brüderchen finden könnten, wenn wir in der Lagune suchten, oder wir zerschlügen Straußeneier; denn weißt du, Carlos, ich habe vorhin nachgedacht, so ganz ist doch nicht Pepito unser Brüderchen, wie ich dein Bruder bin, und du mein Bruder bist, Miguelito hat ihn doch für den Blanco vertauscht.“

Carlos hatte darüber nicht nachgedacht, aber was ihm sein Bruder eben sagte, leuchtete ihm ein.

„Weißt du was“, sagte er, „reiten wir nach der Lagune und suchen wir — wenn wir nichts finden, suchen wir Straußeneier!“

Nicolás war einverstanden, sie stiegen auf ihre Ponnys und ließen den schlafenden Pepito so lange allein.

Die Lagune war nicht weit; als sie angesprengt kamen, entstand eine Bewegung. Die Kibitze schrieen, die Enten erhoben sich schnatternd, ein paar Störche schlugen mit den Flügeln und klapperten zu den Knaben hinüber. Ein einsamer Reiher nur suchte unbekümmert weiter nach Fröschen.

Carlos sagte zu seinem Bruder: „Höre mal, Nicolás, ich werde in der Lagune suchen und du wirst Straußeneier suchen, so stört keiner den andern!“

Sie stiegen ab, Carlos zog Schuhe und Strümpfe aus und watete im Wasser.

Nach einer Weile rief Nicolás hinüber: „Hast du was gefunden, Carlos?“

Carlos antwortete nicht, er starrte krampfhaft nach dem Grunde, er glaubte, ein kleines Kind zu sehen.

Lange suchten sie, aber sie fanden kein Brüderchen.

Nicolás stand vor zwei zerschlagenen Straußeneiern, von plötzlicher Melancholie befallen.

„Wir haben kein Glück“, sagte Carlos sehr niedergeschlagen, und sie kehrten zu Pepito zurück.

Er schlief nicht mehr, er lag da mit großen offenen Augen, den Blick ernst staunend zum Himmel gerichtet, und um ihn herum weideten Strauße, Hirsche, Rinder und Pferde.

Carlos und Nicolás hoben ihn auf und ritten zum Puestero zurück.

Sie hatten beschlossen, es Miguelito wieder zurückzubringen, weil es doch sein Brüderchen war.

Miguelito kauerte vor der Hütte, der Tausch hatte begonnen, ihn zu reuen, auch hatte ihn Blanco in den Finger gebissen.

Er nahm Pepito in Empfang, Carlos hielt wieder seinen Hund im Arm ...

Kurz nachher kehrten der Vater und die Mutter zurück ...

Die Sonne ging unter, die Herden trieben heim nach ihren Hürden, unter dem Ombú vor der Hütte saß der Gaucho Gonzales und sang laut ein melancholisches Steppenlied.

Carlos und Nicolás schauten der Mutter zu, wie sie ihr Kind säugte.

Illustration from Carlos und Nicolás

Die Tigerjagd

Der Paraná war weit aus seinen Ufern getreten; die Überschwemmung nahm zu, bald war das Land bis dicht an die Parkanlagen unter Wasser. Wipfel von Weidenbäumen bezeichneten die Stelle, wo früher das Ufer gewesen war ...

Im Norden von Argentinien hatten große Regengüsse stattgefunden, auf schwimmenden Inseln war Getier aller Art heruntergeschwemmt worden, und nun wimmelte es hier von einer unbekannten Fauna, von seltsamen Wat- und Schwimmvögeln, Amphibien und Säugetieren.

Eines Nachts vernahm man, nicht sehr weit vom Hause, in der Richtung des Stromes, das Brüllen eines Jaguars. Durch die Herden ging eine Bewegung, trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren Umzäunungen erbebten; viele, die gelegen hatten, erhoben sich, machten mit vibrierenden Nüstern ein paar Schritte und blieben dann schnaufend und den Kopf emporgereckt stehen.

Zenobia, die Mulattin, spazierte mit ihrem Liebsten, dem Stallknecht Ramon, in einiger Entfernung vom Hause. Auch sie blieben stehen und horchten entsetzt auf.

In der Küche, wo noch ein Teil der Dienstboten versammelt war, reckte man die Hälse, der Papagei, der nicht schlafen konnte, weil es hell war, schrie „Caramba!“

Auch Carlos und Nicolás hatten das Brüllen gehört. Sie befanden sich oben in ihrem Zimmer und waren eben zu Bett gegangen. Nie in ihrem Leben hatten sie einen Jaguar brüllen hören, aber sie wußten gleich, was es war.

„Ein Tiger!“ rief Carlos und schnellte auf.

Auch Nicolás hatte sich erhoben.

„Was sagst du dazu, jetzt gibt’s auch Tiger hier!“ sagte Carlos.

Nicolás antwortete nichts vor lauter Ergriffenheit.

Nun schwieg auch Carlos und beide lauschten, ob er nicht zum zweitenmal brüllen würde.

Richtig, da brüllte er wieder.

Sie standen auf, traten ans Fenster und spähten, ob sie ihn vielleicht irgendwo sehen könnten, denn der Mond schien; aber es war zwecklos, er lag auf einer der nahen Inseln im Schilfe verborgen.

Carlos und Nicolás warteten, ob er sich nicht zum drittenmal hören ließe. Doch es blieb still.

Schräg vor ihnen am Himmel fiel langsam, einen langen Lichtstreifen hinter sich ziehend, ein Meteor zur Erde.

Carlos ergriff Nicolás Hand und die Knaben starrten in der Richtung.

„Hast du dir was gewünscht?“ fragte Carlos mit unterdrückter Stimme.

„Daß wir den Tiger erlegen!“ antwortete der jüngere Bruder.

„Das gleiche habe ich mir von ganzer Seele gewünscht!“ antwortete der andere. Dann schwiegen sie wieder.

Endlich sagte Carlos: „Sieh, Nicolás, nun kann es nicht fehlen, wir werden den Tiger schießen. Morgen gehen wir zum Capataz und er muß uns seine Flinte leihen, und wenn ich acht Jahre alt bin, muß Papa mir eine kaufen.“

Sie blieben noch lange am Fenster, da sie viel zu aufgeregt waren, jetzt schon schlafen zu gehen. Dann aber lag Carlos noch lange wach im Bett auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und dachte an den Tiger ...

In der Frühe, wie sie aufstanden, war es bereits allgemein bekannt, daß sich in der Nähe ein Jaguar aufhielt.

Die Knaben gingen sofort zum Capataz, und Carlos sagte mit einer Miene, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als Tiger gejagt: „Leihe uns deine Flinte, wir fahren nach den Inseln und wollen den Tiger töten!“

Der Capataz brach in Lachen aus: „Ich werde euch Flinte geben!“ und machte eine Handbewegung durch die Luft.

Sie gingen mit ihrem Gesuch zu anderen Leuten, die ein Gewehr hatten, wurden aber überall gleich höhnisch abgewiesen.

Nachmittags hörten sie, der Capataz und viele andere seien nach den Inseln gefahren, um den Jaguar zu töten. Abends aber kehrten sie unverrichteter Sache zurück.

Und es war ein Trost für die Knaben.

Nachts hörte man wieder den Jaguar brüllen. Aber am Morgen ganz in der Frühe weckte Carlos seinen Bruder: „Weißt du was, reiten wir zu Benito, er wird uns sicher sein Gewehr leihen.“

Benito war Capataz auf dem Nachbargut und ein guter Freund von ihnen.

Es waren jedoch sechs Meilen bis zu ihm und mittags wollten sie wieder zurück sein.

In gestrecktem Galopp, mit kurzen Unterbrechungen, ritten sie die Hälfte des Weges, ließen die Pferde ausschnaufen und machten dann gleich schnell die zweite Hälfte.

Benito war mit einigen Knechten draußen bei den Herden, beschäftigt, neugekauften Rindern die Marke aufzudrücken.

Auf Feuern, die in Abständen brannten, glühten die Eisen.

Die Tiere wurden mit dem Lasso gefangen, zu Boden geworfen und dann brannte man ihnen die Namenszeichen des neuen Besitzers auf die Seite.

„Leih uns dein Gewehr!“ rief Carlos, im Galopp auf Benito zureitend, der neben einem niedergestreckten Stier stand.

Carlos sprang vom Pferd und umarmte seinen Freund: „Gib es uns, wir wollen einen Tiger schießen!“

„Tiger?“ lachte der Capataz, denn er wußte nicht, daß ein Jaguar heruntergeschwemmt worden war, „die gibt es nur im Norden in Chaco!“ und war nicht zu bewegen, ihnen das Gewehr zu leihen.

Nachts stand Carlos in seinem Zimmer im Hemd am Fenster und brütete: am Ende existiert der Tiger nicht mehr? Vielleicht hat man ihn heute geschossen?!

Nicolás lag im Bett, hatte bereits begonnen, sich in das Unvermeidliche zu fügen und sprach zu seinem Bruder: „Nimm es nicht so schwer; wenn wir groß sind, gehen wir nach dem Gran Chaco und töten viele Tiger.“

Das war aber kein Trost für Carlos. Nicolás war eingeschlafen; Carlos lag am Fenster und brütete.

Plötzlich ergriff er seinen Bruder am Arm und rüttelte ihn:

„Hast du gehört?! Er lebt, da brüllt er wieder!“

Das Brüllen kam von ganz fern, das viele Schießen hatte den Jaguar vertrieben.

„Da brüllt er wieder!“ murmelte Nicolás schlaftrunken und schlief wieder ein.

Aber Carlos hielt es nicht länger im Zimmer aus. „Ich kann nicht schlafen, ich reite aus“, sagte er sich, die Tränen, die ihm in die Augen stiegen, hinunterwürgend, „und wenn mich auch der Tiger verschlingt.“

Er zog sich an, nahm den Sattel mit und ging nach der Umzäunung, wo die Pferde waren.

Sein Ponny schlief stehend mit etwas gesenktem Kopfe; als Carlos sich näherte, erwachte es und machte eine Bewegung nach der Seite, Carlos ergriff es bei der Mähne, das Tier erbebte, Carlos warf ihm die Zügel um den Hals und das Pferd ergab sich in sein Schicksal.

Ein paar Minuten später sprengte er in die Pampa hinein, bis das Herrschaftsgebäude und die Parkanlagen in der Nacht verschwanden.

Er warf sein Pferd nach rechts und sprengte in der Richtung des Paraná, an einer Straußenhenne, die mit ihren Kücken floh, vorbei und an zwei jungen schlafenden Stieren, die, sich aufrichtend, ihm feindselig nachstarrten.

Am Flusse angekommen, stieg Carlos vom Pferde, koppelte dessen beide Vorderbeine fest und zog sich aus. Er wollte baden.

Der Mond stand ziemlich hoch am Himmel, in der Ferne schwamm undeutlich ein langer, schwarzer Streifen, es waren die Parkanlagen ...

Der Ritt, das laue Flußwasser hatten Carlos beruhigt.

Er legte sich nahe am Ufer in den Schlamm, der sich wie eine weiche Decke an seine Glieder schmiegte, steckte Mund und Nase zum Wasser heraus und sagte sich, er läge zu Hause in seinem Bett.

Dann spazierte er nach der Mitte des Stromes zu, eine gute Strecke weit, bis das Wasser sein Kinn berührte. Dann schwamm er. Einmal tauchte er nach dem Grund unter, öffnete plötzlich die Augen und es war ganz seltsam hell um ihn, weil der Mond hinein schien.

Seine Glieder leuchteten, es ward ihm unheimlich. Vom nahen Grunde löste sich schnappend ein seltsames Ungetüm, irgend ein großer, unbekannter Fisch. Ein Grausen packte ihn, er schloß krampfhaft die Augen, arbeitete sich nach oben und schwamm zurück, mit einem Mal erfüllt von einem Gefühl furchtbarster Verlassenheit.

Am Ufer angelangt, schlüpfte er, naß, wie er war, in seine Kleider und ritt in gestreckter Karriere zum Gut zurück ...

Es war am Morgen. Carlos war soeben erwacht und sein erster Gedanke war der Tiger.

Da hörte er vor seinem Fenster unten Stimmen. Der Franzose Dupont, der auf einem nahen Gut, das aber vom Fluß entfernt war, auf Besuch und ein Freund des hiesigen Verwalters war, sprach zum Gaucho Gonzales: „Ich kann mich verlassen, die Kanoe ist gut?“ und sah auf den Eimer, den dieser in der Hand hielt.

„Sie ist gut“, antwortete trocken Gonzales.

„Also auf! wir werden ihn schon noch aufstöbern!“ rief Dupont.

Mit zwei Sprüngen war Carlos am Fenster; er wußte, um was es sich handelte.

„Dupont!“ schrie er, „nimm uns mit, ich bitte, nimm uns mit. Wir wollen ja nicht schießen; wir wollen nur dabei sein, wenn du den Tiger tötest!“

Dupont blickte etwas überrascht hinauf. Er stand auf sein Gewehr gestützt, in Poncho und Chiripá, wie ein Gaucho.

Nicht ohne Feierlichkeit erwiderte er: „Euch kleine Bengels, euch soll ich auf eine Jagd mitnehmen, auf der man sein Leben riskiert?!“

Pause.

„Aber ihr gefallt mir, ihr seid beherzt. Ich, Dupont, auf meine Verantwortung hin ... ich nehme euch mit!“

Carlos stieß einen Freudenschrei aus, daß Nicolás erwachte.

„Warte vier Minuten noch!“ rief er, „wir ziehen uns an, ohne uns zu waschen!“

Die Knaben stürzten in ihre Kleider und standen knappe vier Minuten später in ihren Matrosenanzügen und mit ungekämmten Köpfen bereit zur Tigerjagd.

„Mes braves garçons,“ entschlüpfte es Dupont auf französisch, „ihr dürft abwechselnd, bis wir zur Kanoe kommen, mein Gewehr tragen, weil ihr so tapfere Bengels seid.“

Stolz umklammerte Carlos das „Remington“, doppelt stolz, weil er glaubte, es sei geladen, wie Dupont versicherte.

„Ist die Kanoe auch wirklich gut?“ fragte der Franzose mit einem mißtrauischen Blick auf den Eimer.

„Gut genug“, sagte verächtlich der Gaucho.

Als man am Flusse ankam, sah Dupont zu seinem nicht geringen Schrecken, daß die Kanoe bis beinahe zur Hälfte mit Wasser angefüllt war. Kröten schwammen darin herum, an den Wänden klebten Laubfrösche.

Ohne eine Miene zu verziehen, begann Gonzales mit seinem Eimer das Wasser herauszuschöpfen, wobei es sich herausstellte, daß unten ein nicht unbeträchtliches Loch war.

Dupont zögerte, in das Boot zu treten, Gonzales aber meinte, es mache nichts.

Und so stieß man denn ab.

Zuerst wurde das Ufer abgesucht. Der Franzose stand in der Mitte der Kanoe, das Gewehr im Anschlag und spähte umher. Die Kanoe füllte sich mit Wasser; Gonzales war fortwährend mit dem Eimer beschäftigt.

Carlos und Nicolás saßen nebeneinander, die Beine emporgezogen. Ihre Gesichter glühten vor Erwartung.

„Endlich,“ sagte Carlos, „endlich werden wir den Tiger erschießen!“

Plötzlich schnellte er auf, daß der Kahn beinahe umgekippt wäre, klammerte sich bebend an Dupont und zeigte krampfhaft nach dem Ufer: „Der Tiger ... schieß, Dupont!“

Dupont, in maßloser Aufregung, feuerte ab.

Der Rauch verzog sich, es war kein Tiger.

„... die Blätter ... das Gras, und ich sah was Braunes und Gelbes, wahrhaftig, ich glaubte ...“ stammelte Carlos.

Dupont sagte nichts, er sah ihn an. Er schämte sich vor Gonzales, von dem er wußte, daß er ihn verachtete.

Das Absuchen des Ufers blieb erfolglos; man fuhr nach den Inseln unter allgemeiner Besorgnis, das Boot würde nicht standhalten.

Die erste Insel wurde nach allen Richtungen durchstreift, jedoch ohne Ergebnis.

„Ich fürchte, wir schießen den Tiger nicht,“ sagte Carlos leise zu Nicolás, worauf Nicolás erwiderte: „Sei ruhig, wir werden ihn schießen, erinnerst du dich nicht an den Meteor?“

Man landete auf der zweiten Insel. Vorn ging der Franzose, hinter ihm Carlos, dann Nicolás, und es folgte Gonzales, alle drei tief gebückt, wie es Dupont befohlen hatte.

Einmal rührte sich etwas im Schilf, Dupont schoß ab, und von der entgegengesetzten Seite, von der Mitte der Insel zu, erhoben sich schreiend Wildgänse und strichen gen Norden.

Die Expedition auf der dritten Insel blieb gleichfalls erfolglos, und es war inzwischen Mittag geworden, und die Hitze war kaum zu ertragen.

Nachdem man auf Anraten von Gonzales die Kanoe ans Land gezogen hatte und das Loch im Boden, so gut es ging, mit Gras und Schilf verstopft hatte, fuhr man, um sich etwas auszuruhen und einen kleinen Imbiß zu nehmen, zum Italiener Barruchi, der weiter oben auf dem Festlande, nicht weit vom Ufer, seine Hütte hatte.

Als sie da ankamen, saß der Italiener auf einem Holzklotz und kaute Tabak; vor ihm auf der Erde lag der Jaguar, den er heute erlegt hatte ...

Carlos und Nicolás waren starr, Dupont entsetzt, der Italiener lächelte mit selbstverständlicher Miene, Gonzales lachte stumm in sich hinein ...

Eine Stunde später aber trieb etwas, anzuschauen wie eine trübselige Jagdmaskerade, den Strom herab: die Kanoe mit dem Franzosen Dupont, Carlos und Nicolás und Gonzales.

Mitten im Boot stand Dupont in seinem Gauchokostüm mit Poncho und Chiripá, auf seine Flinte gestützt, die Füße im Wasser. Um seine Lippen war ein melancholischer Zug. Das Boot war mit Reihern und Störchen und anderen Vögeln bis zum Rand gefüllt, die er aus Wut und Verzweiflung geschossen hatte. Auch ein Wasserhuhn war dabei, halb zerfleischt von der Remingtonkugel. Carlos und Nicolás saßen nebeneinander, die Beine eingezogen.

Vor ihnen Gonzales, abwechselnd rudernd und Wasser schöpfend.

Lange hörte man nicht mehr das Brüllen eines Jaguars in der Gegend.

Herr Dr. Bürstenfeger

Im Herbst war man in Buenos Aires.

Es war Nachmittag, die Knaben befanden sich hinten im Stall und stifteten Unruhe und Verwirrung unter den Pferden, zur unverhohlenen Wut Josés, des Knechtes.

Als sie dann genug hatten, zogen sie einen Hammel, den sie vom Landgut mitgebracht hatten, aus seinem Verschlage und banden ihn an einen Karren. Carlos stieg auf, sein Bruder stand daneben und kniff den Hammel in die Schwanzwurzel, damit er ziehen sollte. Das Tier drückte den Schwanz ein, machte einen jähen Satz, und der Wagen warf um.

Darauf hielt ihm Nicolás ein Büschel Weinblätter dicht vors Maul, und nun lief der Hammel hinter ihm her; Carlos saß oben auf dem Karren und jauchzte.

Da ertönte laut von der Terrasse die Stimme des Kindermädchens, der Mulattin Zenobia: „Kommt den Lehrer abholen!“

„Der Lehrer!“ murmelte Nicolás entsetzt und blieb stehen.

Seit geraumer Zeit lag ihnen Herr Dr. Bürstenfeger, der künftige Hauslehrer, beständig im Sinn.

Vor einem Monat hatte er sich in Bremen aufs Schiff gesetzt, und acht Tage darauf schon sagte der Papa: „Heute ist Herr Dr. Bürstenfeger in Lissabon angekommen, ich habe es auf der Agentur erfahren.“

Man saß gerade bei Tische, der Diener, der auftrug, ein frecher Galicier, grinste schadenfroh.

Und wieder nach ungefähr acht Tagen sagte der Papa: „Jetzt ist er in Teneriffa.“

Gestern aber war er in Montevideo angekommen, und heute lag das Schiff draußen auf der Rede von Buenos Aires, und alles grinste im Hause: Zenobia, die Mulattin, Mauricio, der Galicier, der Gärtner, ein strenger Sachse, der Kutscher und vor allem José, der Knecht ...

Die Knaben brachten schnell Hammel und Wagen in den Verschlag und liefen ins Haus, um sich anzuziehen.

Sie stürmten die Treppe hinauf und erfüllten das Haus mit Stallgeruch, sie hatten ein warmes Bad zu nehmen unter Aufsicht der Zenobia, sie rauften im Bade und liefen dann nackt durch die Zimmer, Zenobia hinter ihnen her.

Eine Stunde später aber standen sie mit leuchtend gewaschenen Gesichtern und vor Aufregung knallroten Backen vor ihrer Mutter. Von ihren Köpfen, die wie Schwarten glänzten, ging ein starker Duft von Eau de Quinin aus.

Die Mama befahl, daß sie Handschuhe anziehen sollten, um ihre Nägel, die durchaus nicht weiß werden wollten, vor Herrn Dr. Bürstenfeger zu verbergen. Carlos tat es nur unter der Bedingung, daß sie ihm drei Knäuel Bindfaden für einen Drachen versprach und ihm erlaubte, auf dem Rebgang herumzuklettern, was den Trauben schadete, denn die Handschuhe machten ihn ganz wahnsinnig.

Nun stand er da, die Arme ausgestreckt, die zehn Finger gespreizt und heulte.

Dann fuhren sie mit Zenobia, die eine blendend weiße Schürze trug, zum Papa ins Bureau.

Er schrieb gerade einen sehr wichtigen Brief.

Carlos und Nicolás hatten sich eine halbe Stunde lang mäuschenstill zu verhalten, sie taten es mit Schmerzen, aber dabei brummte der Papa die ganze Zeit, sie sollten noch stiller sein.

Als der Brief fertig war, wandte er sich streng an Carlos, der noch Tränenspuren auf den Backen hatte: „Du hast geweint, warum?“

„Weil mich die Handschuhe ganz verrückt machen“, antwortete Carlos.

„So ziehe sie doch aus“, meinte der Papa lächelnd.

Carlos gehorchte und dachte: „Du hast doch einen guten Papa.“

Zenobia kehrte nach Hause zurück, und der Papa fuhr mit den Knaben nach der Landungsbrücke.

Es wimmelte da von Menschen; es roch nach Pasteten und Kuchen. Allerhand Erfrischungen wurden feilgeboten, Schwärme von Fliegen summten. Irgendwo spielte ein Orgelmann. Rechts und links dem Strand entlang flatterte Wäsche, und Männer und Frauen hockten am Ufer und wuschen.

Weit dehnte sich der La Plata mit seinem gelb-trüben Wasser, es wimmelte von Segeln, Flußdampfer lagen weiter draußen vor Anker, und am Horizont sah man die Rauchsäulen der überseeischen „Steamer“ aufsteigen.

Es war gerade Wassertiefstand. Selbst am Ende der Landungsbrücke, die sich ein paar hundert Meter weit in den Fluß hinaus erstreckte, war das Wasser nicht höher als zwei Fuß. Es fuhren Karren darin herum, die Fuhrleute knallten mit ihren Peitschen nach Kundschaft, gerade wie Droschkenkutscher.

Man stieg in einen Karren und wurde zu einer Barke befördert, die einen bis zum kleinen Dampfer der Agentur brachte.

Nun folgte eine Fahrt von zwei Stunden, bald jedoch verschwanden die Ufer im Horizont.

Carlos und Nicolás sahen heute zum erstenmal ein überseeisches Schiff, aber sie hatten sich ein solches viel größer vorgestellt und waren enttäuscht.

Doch ihre Aufmerksamkeit wurde bald abgelenkt durch die Sorge, wie ihr Lehrer wohl aussehen möchte.

Dort oben auf Deck stand am Geländer dichtgedrängt ein Haufen Menschen. Viele schrieen und gestikulierten nach dem Dampfer der Agentur hinunter, wo ebenfalls am Geländer sämtliche Passagiere standen, daß er sich bedenklich nach der Seite neigte, und schrieen und gestikulierten hinauf.

Carlos und Nicolás blickten gespannt nach oben, ob sie nicht vielleicht den Lehrer erkannten, wie Zenobia ihn geschildert hatte: als einen Mann, stark und gewaltig, mit einem langwallenden Bart, zornfunkelnden Augen und einem furchtbaren Stock in der Hand; aber sie erkannten keinen solchen Mann, und Carlos sagte leise zu Nicolás: „Ich sehe ihn nicht“, und Nicolás erwiderte: „Wo ist er wohl?“

Oben wurde das Fallreep heruntergelassen. Carlos und Nicolás erstiegen mit ihrem Papa und einem großen Teil der Passagiere den Bauch des Kolosses.

„Können Sie mir nicht vielleicht einen Herrn Dr. Bürstenfeger zeigen?“ fragte der Papa einen Herrn in blauer Uniform mit einer Pfeife im Mund, der auf einer Bank saß und der aufgeregten Gesellschaft teilnahmslos den Rücken zukehrte.

Er verneinte und zeigte auf einen anderen Herrn in Uniform, dieser nickte, wies wieder auf einen anderen Herrn mit einem äußerst milden Gesicht, der einen Regenschirm in der Rechten hielt und in der Linken eine grüne Reisetasche, auf der Veilchen und Rosen gestickt waren, mit einem Nickelverschluß, der in der Sonne funkelte, und sagte laut: „Herr Dr. Bürstenfeger ...“

Carlos und Nicolás waren starr.

So also sah Herr Dr. Bürstenfeger aus? Er war nicht fürchterlich, er trug keinen gewaltigen Stock in der Hand, er hatte keinen gewaltigen Bart.

Das war der Lehrer?! Sie faßten es nicht.

Nachdem man sich gegenseitig vorgestellt hatte und einige Worte ausgetauscht, stieg man wieder das Fallreep zum kleinen Dampfer hinunter.

Während der Heimfahrt unterhielt sich der Lehrer meistens mit dem Papa.

Carlos und Nicolás verbrachten die Zeit damit, Herrn Dr. Bürstenfeger aufmerksam zu betrachten.

Sein Anzug war schwarz, die Krawatte war schwarz, der Kragen niedrig, die Manschetten mit den Knöpfen aus Elfenbein, auf welchen die Initialien RB standen, ragten ziemlich weit aus den Ärmeln heraus.

Sein hoher steifer Hut war mit dem Gummiband an dem obersten Knopf der Weste befestigt, obgleich sich kaum ein Lüftchen regte.

Illustration from Carlos und Nicolás

Carlos beobachtete sein Gesicht und überlegte, ob es vielleicht doch ein sehr grimmiges Aussehen haben könnte, wenn er einen Bart trüge, wie ihn Zenobia geschildert hatte. Er schloß die Augen, um sich das zu vergegenwärtigen, aber es gelang ihm nicht, trotz aller Mühe.

Es war eine Weile Stillschweigen, und Herr Dr. Bürstenfeger wandte sich an die Knaben; er sprach mit mildem Ernste: „Es wird euch nicht unbekannt sein, Karl und Nikolaus, daß hier der La Plata, an dem eure Heimatstadt erbaut ist, einer der imposantesten Ströme der Welt ist?“

„Ja, ja“, antworteten Carlos und Nicolás, wußten jedoch nicht, was sie weiter sagen sollten.

„Was eure Heimatstadt anlangt,“ fuhr Herr Dr. Bürstenfeger fort, „so werdet ihr wissen, daß ihr Umfang dem der französischen Hauptstadt Paris nahekommt, und daß diese Tatsache darauf zurückzuführen ist, daß eure Häuser, mit wenigen Ausnahmen, alle sehr niedrig sind.“

„Woher wissen Sie das, waren Sie schon in Buenos Aires?“ fragte Carlos begierig.

Herr Dr. Bürstenfeger lächelte: „Gewiß nicht, ich kenne von Südamerika nur flüchtig einige wenige Häfen, die ich auf dieser Reise berührt habe, aber das ist Sache des Studiums, der Bildung, Karl ...“

So gelangte man wieder bis zur Barke zurück, worauf man nochmal auf die Karren stieg.

Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf über diese originelle Beförderungsart; er hatte darüber noch nichts gelesen.

Auf der Landungsbrücke nahm er mit Erlaubnis des Papas die Knaben bei der Hand, Carlos rechts, Nicolás links. Man ging bis zum Wagen und fuhr dann nach Hause.

Dort begab sich Herr Dr. Bürstenfeger, von Nicolás begleitet, auf sein Zimmer, und Carlos lief aufgeregt zur Zenobia.

„Du verfluchte Schwarze,“ schrie er, „warum hast du mich angelogen; er hat ja gar keinen langen Bart?!“

Worauf Zenobia mit höhnischem Lachen antwortete: „Paß auf, der Bart wird ihm schon noch wachsen!“

Eine halbe Stunde später wurde der Lehrer mit der Mama bekannt gemacht, und dann war es Zeit zum Abendessen.

Carlos und Nicolás saßen zu beiden Seiten von Herrn Dr. Bürstenfeger. Die Unterhaltung war sehr lebhaft, an der sich aber die Knaben nicht beteiligten. Sie ihrerseits sprachen laut von Sachen, die mehr Interesse für sie hatten: von Pferden und Schafen und Ziegen, von Gänsen, Hühnern und Hahnenkämpfen, und Herr Dr. Bürstenfeger schaute manchmal mit leisem Erstaunen auf sie, aufs höchste aber erstaunte er darüber, daß, wenn ihnen ein Gericht nicht schmeckte, sie es einfach weitergehen ließen, ohne daß Papa und Mama etwas sagten ...

Nach dem Essen nahm der Lehrer Carlos und Nicolás bei der Hand und ging mit ihnen in den Garten.

Er blieb plötzlich stehen und sagte sehr ernsthaft: „Karl und Nikolaus, ein neuer Abschnitt geht in eurem Leben an. Eure braven Eltern werden euch hinlänglich unterrichtet haben, was mein Eintritt hier in diesen Kreis für euch bedeutet. Karl und Nikolaus, euch wie mir sind Pflichten auferlegt ... Ich bitte euch mit ganzer Seele, seid mir stets gehorsam, lügt niemals ... ja, lügt niemals, denn seht, nichts auf der ganzen Welt ist häßlicher, verabscheuungswürdiger. Bei den alten Germanen machte kein Laster den Mann verächtlicher, und Deutsche sind Germanen, merkt euch, Karl und Nikolaus. Euer Vater ist ein Deutscher, ihr seid Deutsche ... Sagt, wollt ihr euch bestreben, gute Deutsche zu sein?“

Hier machte Herr Dr. Bürstenfeger eine Pause.

Carlos und Nicolás, verwirrt über diese ungewohnte Rede, schwiegen.

Wenn auch manchmal der Papa mit ihnen deutsch sprach, waren sie doch Argentinier, dachten sie.

Carlos erwiderte endlich: „Aber Deutschland verliert doch immer gegen Argentinien?!“

„Wieso, Karl?!“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger überrascht.

Carlos wußte nicht recht, wie er diese Behauptung begründen sollte. Es war ihm nur eingefallen, daß er neulich mit seinem Freunde Pedro Kestner Krieg gespielt hatte, Pedro hatte eine deutsche Fahne in der Hand gehalten und war Deutschland gewesen, und Carlos hatte eine argentinische Fahne gehalten und war Argentinien gewesen.

„Und da ist Pedro auf dem Bauch gelegen,“ erzählte Carlos, „und ich stand mit dem einen Fuß auf seinem Rücken und hatte gesiegt. Papa und Mama haben zugeschaut, und Alberto Hanfstett war auch dabei und auch der Papa von Pedro. Der lachte auch, aber nicht so sehr.“

Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem leisen Lächeln, wollte dann etwas erwidern, ließ aber klug für heute das Thema fallen.

Schweigend gingen sie weiter.

Carlos, den die Stille drückte, sagte endlich: „Ich will Argentinier sein, aber ich will mir Mühe geben, auch ein guter Deutscher zu sein.“

Und Nicolás sagte: „Ich will auch ein wenig ein guter Deutscher sein!“

Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger

Der Hauslehrer sagte zu Carlos und Nicolás: „Ihr dürft wie zuvor allein ausreiten, nur um eines bitte ich euch inständig, reitet niemals mehr Karriere, ich bin für euer Wohl und Wehe verantwortlich und muß einstehen, wenn ihr Schaden nehmt.“

Der Ton, in dem Herr Dr. Bürstenfeger das sagte, zeugte von bestimmter Erwartung, war aber im übrigen milde.

Die Knaben fühlten beide: „So frei, wie wir früher waren, sind wir nun freilich nicht“, aber sie waren erfüllt von dem guten Willen, sich ihm zu unterwerfen, da sie sich ihn ja weit schlimmer vorgestellt hatten und außerdem Zenobia bestimmt wußte, man würde einen anderen Lehrer anstellen, wenn sie diesem nicht gehorchten, und der wäre dann wirklich fürchterlich.

Carlos und Nicolás antworteten: „Wir werden nicht Karriere reiten“, aber als sie knappe zehn Minuten fort waren, erreichten sie das offene Feld, und schon rein aus Macht der Gewohnheit ließen sie den Pferden die Zügel schießen und ritten Karriere.

Herr Dr. Bürstenfeger aber war mit seinem Operngucker auf das flache Dach des Hauses gestiegen und war Zeuge ihres Ungehorsams.

„Karl und Nikolaus,“ sagte er, als sie zurück waren, mit gedämpfter Traurigkeit in der Stimme, „habt ihr Karriere geritten?“

Carlos und Nicolás senkten die Köpfe und antworteten nichts.

„Zeigt ihr euch so?! ...“ fuhr Herr Dr. Bürstenfeger mit wachsender Traurigkeit fort. „Ich schäme mich für euch, Karl und Nikolaus; geht, wascht euch die Hände, es ist Zeit zum Abendessen!“

Wie sie aber zu Bett gebracht worden waren, kam er wie jeden Abend noch, gab ihnen den Gutenachtkuß auf die Stirn, drückte ihnen leise die Hand und dachte: „Auch ihr leidet um eures Ungehorsams willen, Karl und Nikolaus.“

Anfangs waren sie wirklich ein wenig beschämt gewesen, hatten sich aber schon lange wieder erholt und waren jetzt nur von dem einen Gefühl erfüllt: Er ist ein guter Mann, der Herr Dr. Bürstenfeger!

Herr Dr. Bürstenfeger jedoch ging ins Musikzimmer, wie immer zu dieser Stunde, und phantasierte, bevor er auch schlafen ging.

Carlos und Nicolás aber lauschten mit offenen Augen, und als er geendet hatte, sagte der Ältere: „Wie seltsam, wenn Herr Dr. Bürstenfeger spielt, denke ich mir alles Schöne aus, was kommen wird, wenn ich groß bin, und ich mache weite Reisen in Ländern und auf Meeren, und wenn er aufgehört hat, versuche ich es weiter, aber es ist dann lange nicht mehr so schön.“

„Seltsam,“ meinte Nicolás, „wie du das nur so sagst; ganz das gleiche fühle ich auch! ...“

Bald nachher waren sie beide eingeschlafen ...

Über einen Monat schon war der Hauslehrer in Buenos Aires, vor etwa drei Wochen hatte der Unterricht begonnen.

Jeden Morgen um halb sieben klopfte Herr Dr. Bürstenfeger dreimal vernehmlich an Carlos’ und Nicolás’ Türe, die Knaben sprangen aus den Betten und zogen sich an.

Dann ging es hinunter zum Frühstück.

Bisher waren die Knaben gewohnt, des Morgens Kaffee zu trinken, auf Herrn Dr. Bürstenfegers Veranlassung tranken sie jetzt Kakao.

Früher war das Frühstück in zwei Minuten erledigt gewesen, jetzt saß man über eine Viertelstunde bei Tisch.

Herr Dr. Bürstenfeger, der an einem sehr schlechten Magen litt, pflegte äußerst langsam und umständlich zu kauen und stellte das gleiche Ansinnen an Carlos und Nicolás, die großartige Magen hatten, und er war gezwungen, sie jeden Augenblick zu ermahnen, da sie immer wieder seine Vorschrift vergaßen.

Nach dem Frühstück machten sie einen dreiviertelstündigen Spaziergang. Herr Dr. Bürstenfeger ging in der Mitte und hielt die Knaben an der Hand.

Dann folgte der Unterricht. Er fand in einem dafür hergerichteten Zimmer statt, in dem eine Schulbank stand und eine große schwarze Tafel mit einem Schwamm.

Zuerst kam das Rechnen, weil die Gehirne noch unverbraucht waren.

Herr Dr. Bürstenfeger stellte die Rechenmaschine vor sich auf den Tisch und fragte: „Karl, wieviel ist 3 + 2?“

Pause — Carlos schwieg.

Carlos streckte unwillkürlich die Hand nach der Maschine aus.

Herr Dr. Bürstenfeger schlug ihn leise auf die Finger.

Da mußte Nicolás antworten, und er wußte es.

„Karl, wieviel ist 3 + 1?“

Carlos streckte die Hand nach der Maschine aus.

„Sei gehorsam, Karl!“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger und richtete sich ein wenig auf, wobei er etwas rot wurde.

Carlos schwieg ratlos.

„3 + 1“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, wandte sich halb ab, summte irgend etwas und tat, als interessiere ihn zugleich die Fensterscheibe.

Nochmal griff Carlos nach der Maschine, er hatte den Kopf vollkommen verloren. Er berührte zitternd drei Kugeln und dann noch eine, und das waren vier. Es fehlte ihm nämlich jeder Sinn für die Rechenkunst.

Herr Dr. Bürstenfeger aber ging im Zimmer auf und ab und murmelte: „Es kann nicht böser Wille sein!“

Nachher kam das Lesen. Da war Carlos schon ganz anders.

Herr Dr. Bürstenfeger schrieb ein großes U an die Wandtafel.

„Karl, was für ein Buchstabe ist das?“

„U!“ rief Carlos, er erinnerte sich ganz deutlich, daneben auf der Fibel einen Uhu gesehen zu haben.

„Richtig! Und das?“ Er schrieb ein I hin.

„I!“ rief Carlos, ganz deutlich sah er einen Igel daneben.

„Bravo!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger und schrieb ein E hin.

„E!“ sagte Carlos. Ganz deutlich sah er einen Esel daneben.

„Merkwürdig, merkwürdig,“ murmelte Herr Dr. Bürstenfeger, „wie seltsam bei ihm die Elemente auseinandergehen; individuelles Verfahren tut hier wohl not!“

Nach dem Lesen war größere Pause. Dann öffnete der Lehrer die Türe nach der Terrasse, und es kam Freiturnen: „Beinstrecken“, „Kniebeugen“, „Fußwippen“, „Mähen“, „Holzhacken“ usw. Diese Übungen begleitete Herr Dr. Bürstenfeger mit seinem eigenen Beispiel.

Daran schloß sich eine Art höheren Anschauungsunterrichtes im Garten an.

„Was ist das für eine Blume?“ fragte der Lehrer und zeigte auf ein Beet.

„Nelke!“ riefen Carlos und Nicolás.

„Nelke“, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger.

Sie gingen einige Minuten schweigend weiter: „Was ist das für eine Frucht?“

„Granatapfel!“ riefen sie.

„Granatapfel“, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger.

„Das ist ein Säugetier“, sagte er plötzlich sehr bestimmt und zeigte auf einen Wurm. Er wollte sie irreführen.

„Nein, kein Säugetier!“ riefen beide triumphierend aus. Das wußten sie doch zu genau.

Nach dem Anschauungsunterricht hatten sie frei, und dann kam das Mittagessen.

Heute gab es Hirn. Über fünf Wochen schon hatte es keines mehr gegeben.

„Herr Dr. Bürstenfeger, wir können kein Hirn essen!“ sagten sie kläglich.

Der Lehrer blickte abwechselnd beide Knaben an und kaute zu Ende.

„Karl und Nikolaus, tut mir den Gefallen, mäkelt nicht!“ antwortete er nicht ohne Milde, aber bestimmt.

Die Knaben blickten flehentlich nach der Mama.

Die Mama zeigte mit den Augen auf Herrn Dr. Bürstenfeger, sie durfte sich nicht einmischen.

Nicolás sah seinen Bruder ermutigend an, und beide würgten das Hirn hinunter, daß ihnen die Tränen auf die Teller fielen.

Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten eine Hütte, machten Pfeile und Bogen, um Indianer zu spielen, oder fuhren auf ihren Karren herum. Manchmal nahm Carlos ein Blatt Papier und einen Bleistift zur Hand und versuchte nach der Natur zu zeichnen, eine Baumgruppe oder sonst etwas. Das wollte er einrahmen lassen und der Mama zu ihrem Geburtstag für den Salon schenken.

„Komisch,“ sagte Nicolás, „wenn man deine Bilder von ganz nah ansieht, erscheinen sie schlecht, stellt man sich aber weiter weg, so kommen sie einem besser vor.“

Carlos war nicht sehr erfreut über diese Kritik. Er hatte es nicht so gemeint.

Von zwei bis vier war in der Regel Schule, heute aber nur bis drei, denn es fand der „große Spaziergang“ statt.

Es gab heute Schreiben, was die Knaben sehr liebten. Sie hatten dicke und dünne Striche zu ziehen, gerade und schiefe. Besonders die dicken Striche machten ihnen Freude, weil es ihnen angenehm war, auf den Bleistift zu drücken.

Das dauerte aber nur eine halbe Stunde, und dann kam das Allerschönste vom ganzen Schultag.

Herr Dr. Bürstenfeger las ihnen eine Geschichte vor, die mußten sie dann wiedererzählen.

Heute war es die Schilderung eines Turniers aus einem mit herrlichen Bildern geschmückten Sagenbuch.

Die Folge dieser Vorlesung ahnte Herr Dr. Bürstenfeger nicht, Carlos und Nicolás waren ganz aufgelöst.

Verschiedene Male war er nahe daran, das Buch zuzuklappen, so aufgeregt benahm sich Carlos.

„Weißt du was,“ sagte dieser nach der Schule zu Nicolás, „sobald wir vom großen Spaziergang zurück sind, veranstalten wir zusammen ein Turnier.“

Und Nicolás war damit aufs höchste einverstanden.

Die „großen Spaziergänge“ aber dauerten mindestens bis um sechs. So hatte es Herr Dr. Bürstenfeger eingerichtet.

Heute schlugen sie den Weg nach der Stadt ein. Da für Carlos und Nicolás Schuhe zu kaufen waren, wollte man die Gelegenheit benützen.

Über eine Stunde gingen sie auf der großen breiten Straße. Herr Dr. Bürstenfeger marschierte, den Blick geradeaus gerichtet, in langsamem, aber regelmäßigem Tempo. Carlos und Nicolás gingen an seiner Hand mit gedämpfter Unzufriedenheit auf ihren Mienen.

Manchmal drehte sich ein Passant um und lächelte.

Auch geschah es, daß irgendein Gassenjunge ihnen eine Hand voll trockenen Kotes nachwarf.

Carlos vergaß sich und wollte auf ihn eindringen. Herr Dr. Bürstenfeger aber drückte strafend seine Hand und sagte: „Karl, kümmere dich nicht darum!“

So gelangte man bis zum Zentrum; hier waren die Straßen sehr eng, das Pflaster zum Teil sehr holperig, überall roch es nach Gas, weil an der Leitung gearbeitet wurde. Große, beladene Karren fuhren unter fürchterlichem Getöse langsam und schwerfällig aneinander vorüber, die Tramways fuhren im Schritt, von Zeit zu Zeit zu kurzem Trab einsetzend, mußten aber wieder jäh bremsen; die kleinen abgehetzten Pampaspferde streckten sich in ihrer ganzen Länge, um den Wagen nochmal in Bewegung zu bringen, eines stürzte und lag da mit vor Ermattung geschlossenen Augen.

Aus den offenen Magazinen drang der Geruch von Teer, von getrocknetem Stockfisch. An einem Haustor stand ein Neger, einen Sack auf dem Kopf und keuchte.

Herr Dr. Bürstenfeger bahnte sich, Carlos und Nicolás an der Hand, einen Weg durchs Gedränge, schüttelte den Kopf und murmelte: „Schon über 30 Advokatenschilder in einer halben Stunde gezählt.“

Sie kamen bis zur Calle Florida. Dies war die Straße des eleganten Publikums und der schönen Läden.

Vor der Confiteria del Aguila stauten sich die Gecken. Elegante, schöne Frauen gingen vorüber. Equipagen fuhren langsam in langer Reihe.

Herr Dr. Bürstenfeger blieb plötzlich stehen und sah zu einem Haus empor. Auf dem Dache ragte eine Flasche, wohl über 8 Meter hoch. Die Flasche war aus Holz, und der Name eines bekannten Likörs stand schräg darauf in Riesenlettern.

„Amerikanismus!“ murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und stampfte leise mit dem Fuß auf.

Ein paar Minuten später traten sie in den Schuhladen ein. Als sie wieder herauskamen, hatten Carlos und Nicolás strahlende Gesichter: jeder hielt einen eben geschenkten Luftballon in der Hand. Sie schauten abwechselnd zu ihnen hinauf und herab auf die neuen Schuhe, die sie trugen, und das erschwerte sehr das Gehen im Gedränge. In einem fort mußte Herr Dr. Bürstenfeger ermahnen.

Sowie sie aus dem ärgsten Gewühl heraus waren, zog Herr Dr. Bürstenfeger seine Uhr und sagte: „Jetzt steigen wir in eine Tram und machen unseren versprochenen Besuch bei der Familie Hanfstett.“

Der siebenjährige Alberto Hanfstett, ein bildschöner und verwöhnter Knabe, war ein Freund von Carlos und Nicolás. Auch seine Mutter hatten sie von Herzen gern, denn sie gab ihnen Kuchen und Bonbons, soviel sie nur wollten, und sie freuten sich jetzt darauf.

Seit vierzehn Tagen hatten sie auch dort einen Hauslehrer, einen gewissen Herrn Klausroth, der mit der Absicht, sich dem kaufmännischen Beruf zu widmen, nach Amerika gekommen war. Seine Anlagen aber waren rein pädagogische, und so hatte er sich zum Kaufmann ungeeignet erwiesen.

Herr Dr. Bürstenfeger war nur einmal flüchtig mit ihm zusammengekommen, und er sehnte sich, in nähere Beziehungen zu ihm zu treten.

Auf der Trambahn verkürzten sich die Knaben die Zeit damit, daß sie die Insassen einer heiteren Kritik unterzogen.

„Sieht nicht unser Gegenüber so aus wie eine Ziege?“ fragte Carlos leise.

Nicolás quiekte: „Großartig, ganz wie eine magere Ziege!“

Carlos fragte: „Schau dir mal den dort drüben an, sieht er nicht so aus wie ein Huhn?“

Nicolás betrachtete ihn eine Weile mit naiver Unverblümtheit und bestätigte es fröhlich.

Carlos fand, daß ein kleiner dicker Herr, der seine Brille abgenommen hatte und jetzt matt und müde dreinblickte, einem abgezäumten Pony glich; auch damit war Nicolás sehr einverstanden.

Herr Dr. Bürstenfeger hatte einige spanische Worte, die er verstand, aufgefangen und legte sich ins Mittel, denn er fand solche Vergleiche sehr unpassend.

Hanfstetts bewohnten eine prächtige Villa in einer schönen, breiten Straße.

Der Diener, der ihnen öffnete, geleitete sie bis zur Türe des Schulzimmers: „Der Unterricht müsse schon zu Ende sein.“

Sie klopften, traten ein, aber es war noch Schule.

Herr Klausroth stand vor der Schulbank, ein Buch in der Hand und sagte:

„La mesa der Tisch.“

Unter der Bank aber hockte Alberto und sang trotzig zu einer selbst erfundenen Melodie: „Ich will kein Deutsch lernen!“

„La mesa der Tisch“, wiederholte Herr Klausroth mit einem zynischen Lächeln.

Er durfte ihn nicht hauen, die Mama erlaubte es nicht.

„Tschisch, tschisch“, sagte Alberto. Das bedeutete Tisch und war eine Verhöhnung der deutschen Sprache.

Herr Dr. Bürstenfeger, der anfangs nicht begriff, was da vorging, machte plötzlich einen Schritt zurück und breitete abwehrend die Hände nach Carlos und Nicolás aus.

„La mesa der Tisch“, sagte Herr Klausroth, lächelte, stampfte leise mit dem Fuß auf und spielte mit fünf Fingern Klavier auf der Bank.

Jetzt wollte Alberto sich vor Carlos und Nicolás zeigen.

Er kroch unter der Bank heraus, verfügte sich auf allen vieren hinter eine lange Gardine und war unsichtbar.

Herr Klausroth folgte ihm.

„La mesa der Tisch“, wiederholte er mit wachsendem Zynismus.

Er rieb sich die Hände: „Ich darf ihn nicht hauen, ich haue ihn nicht! La mesa der Tisch.“

Nun erfolgte gar keine Antwort.

Herr Klausroth fuhr fort, sich die Hände zu reiben, und lachte laut; er schien ungemein aufgeräumt zu sein.

Alberto steckte den Kopf zur Gardine heraus und rief: „Tschisch, tschisch, tschisch!“

In dem Augenblick aber ging die Tür auf, und der Papa stand auf der Schwelle, eine Gerte in der Hand.

Er hatte geahnt, was vorging.

Schnurstracks verfügte er sich zur Gardine, und was jetzt geschah, sahen weder Herr Dr. Bürstenfeger noch Carlos und Nicolás.

Bestürzt packte er sie bei den Händen und verließ mit ihnen das Haus.

In ihrem Zimmer aber saß Albertos Mama und weinte, weil ihr Sohn Prügel bekommen sollte.

Sie war eine geborene Rodriguez, und auch sie haßte die deutsche Sprache ...

Herr Dr. Bürstenfeger ging, Carlos und Nicolás an der Hand, die schöne breite Straße entlang mit beschleunigten Schritten, weil die Erregung noch mächtig in ihm war.

Illustration from Carlos und Nicolás

Sie kamen an der herrlichen Villa der Familie Ilinares vorbei.

Aus dem Gartenportale fuhr eine elegante Equipage heraus, in der das achtjährige Töchterchen Julietta mit ihrer Gouvernante saß.

Man grüßte. Carlos sagte zu Herrn Dr. Bürstenfeger: „Das hübsche Mädchen ist meine Braut.“

Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem Lächeln: „Du kannst noch keine Braut haben, Karl.“

„Warum nicht?“

„Weil du noch zu jung bist“, dabei drückte er kaum merklich seine Hand.

„Bah!“ antwortete Carlos, „Alfredo Lopez, mein Freund, ist ein Jahr jünger als ich, und hat acht Bräute.“

Herr Dr. Bürstenfeger antwortete nichts, runzelte aber stark die Stirn.

In die schöne, breite Straße, auf der sie gingen, mündete eine andere, die stark vernachlässigt war.

Es war kein Trottoir und kein Pflaster da, außerdem versank man ein wenig in den Kot.

Irgendwo lag ein totes Pferd mit aufgedunsenem Bauch.

Aasgeruch wehte herüber.

„Brr!“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger, ließ Carlos’ Hand los und hielt sich die Nase zu.

„Das ist noch gar nichts!“ rief Carlos und bückte sich nach einem Ziegelstein. „Passen Sie auf, jetzt werfe ich, das Pferd platzt und dann stinkt es ganz fürchterlich!“

„Halt ein!“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger, ließ seine Nase los, packte Carlos’ Hand wieder und floh mit ihnen aus dem Bereich des Kadavers.

Es waltete aber ein Unstern über dem heutigen Tage. Zu Hause angekommen, sagte Carlos zu seinem Bruder: „Wir haben noch Zeit; jetzt führen wir unser Turnier auf!“

In einer halben Stunde hatten sie aus Brettern zwei Schilde gezimmert; aus Zeitungspapier machten sie primitive Helme, in die sie Hahnenfedern spießten.

Zwei lange Stecken, an deren Spitzen ein Wedel war, womit man an den Decken der Zimmer nach Spinngeweben suchte, verwandelten sie in Lanzen.

Die Wedel aber wurden zum Kopfschmuck ihrer Ponys verwandt, denen sie auch noch die Stalldecken umgelegt hatten.

Ihrem vierjährigen Schwesterchen, die sie „die Dicke“ nannten, weil sie kugelrund war, drückten sie eine Kindertrompete in die Hand. Sie war der Herold und mußte zum Kampfe blasen.

Carlos und Nicolás stiegen auf ihre Pferde; sie waren anzuschauen wie zwei prächtige Ritter. Die Backen des Schwesterchens blähten sich, Carlos und Nicolás stürmten aufeinander los, über die Beete.

Wie sie ganz nahe beieinander waren, scheuten die Pferde und machten einen Sprung auf die Seite, so daß sie unverrichteter Sache ein Stück weitertraben mußten.

Wieder stellten sie sich auf, wieder wollten sie aufeinander eindringen.

Schon kündigte die Schwester den Kampf an, als mit fliegenden Schößen eine Gestalt daherkam: „Wehe euch, Karl und Nikolaus, haltet ein!“

„Halt ein!“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger und war mit einigen Sprüngen am Zügel von Carlos’ Pferd.

„Die Dicke“ floh erschrocken mit der Kindertrompete.

Carlos ließ die Lanze sinken.

„Herunter!“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger und machte mit beiden Zeigefingern eine gebieterische Bewegung nach der Erde.

Die Knaben stiegen ab, und ohne Schild und Lanze — Carlos hatte auch noch seine Hahnenfeder verloren — folgten sie dem Lehrer in der Richtung des Hauses.

Friedlich grasten die Ponys nebeneinander, während die Wedel auf ihren Köpfen leise zitterten.

Wetternd tauchte von der einen Seite der Gärtner auf und höhnend von der anderen José, der Knecht ...

Von nun an war Herr Dr. Bürstenfeger ungemein scharf in seinen Maßregeln.

Wenn die Knaben ausritten, ging er neben ihnen zu Fuß auf dem Trottoir.

Die Reise nach Mendoza

Das war eine schwere Zeit gewesen, viele Wochen hatte die Mama sehr krank im Bette gelegen. Seit gestern erst durfte sie wieder ein wenig im Garten spazierengehen, und heute hatte der Arzt bestimmt, daß sie in die Kordilleren hinauf sollte, dort würde sie sich vollständig erholen.

Carlos und Nicolás mußten mit Herrn Dr. Bürstenfeger vorausreisen. Er hatte im Auftrage der Eltern einiges mit Don Pablo Romero zu besprechen, der sich in dieser Zeit in Mendoza aufhielt, ihnen aber sein Landgut oben am Fuße der Berge beinahe ganz zur Verfügung gestellt hatte. Die wichtigen Teile in dieser Angelegenheit wurden Herrn Dr. Bürstenfeger so oft und so nachdrücklich auseinandergesetzt, daß er anfing, sich etwas beleidigt zu fühlen. Man hatte ihn nämlich im Verdacht, ein wenig unpraktisch zu sein.

Viel Mühe hatte er nun, Carlos und Nicolás zu beruhigen, die die Abreise mit brennender Ungeduld erwarteten; wo sie auch waren, in der Schule, auf den Spaziergängen, bei Tische, weilten ihre Gedanken in den fernen Bergen, die sie zum erstenmal in ihrem Leben besuchen sollten, bei Maultieren, Pumas und Kondors.

Herr Dr. Bürstenfeger aber, der sich ein Bild von Land und Leuten machen wollte, kaufte sich eine Karte und spanische und deutsche Bücher; die spanischen las er mit Hilfe eines dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht hatte. Die Karte breitete er auf dem Tisch aus und spießte Stecknadeln auf Flüsse und Berge, Städte und Dörfer, die ihn interessierten.

Carlos brannte vor Neugier, zu wissen, was das zu bedeuten habe, wagte aber nicht zu fragen, weil die Erläuterungen des Hauslehrers immer fürchterlich lang waren ...

Zehn Tage später saßen die drei im Herrenschlafwagen der Pazifikbahn. Bald hatten sie Buenos Aires mit seinen Lichtern, Schornsteinen, Vororten und Anlagen hinter sich, und es umfing sie die weite Pampa.

Carlos und Nicolás hatten schon lange keine Eisenbahnfahrt mehr gemacht, nach dem Landgut reisten sie immer zu Schiff. In einem Schlafwagen aber waren sie noch nie gefahren.

Alles um sie her war neu und entzückte sie. Sie kletterten auf die Betten und tasteten nach der Decke hinauf, die sie nicht erreichen konnten, sie berochen die Wand, den Lederriemen an der Fensterscheibe, sogar die Reisetasche eines fremden Herrn, bis Herr Dr. Bürstenfeger, der mit dem Gepäck beschäftigt war, es sah und einschritt.

Nach zehn Uhr ermahnte er sie, sich zum Schlafen niederzulegen.

Das war eine neue Freude für die Knaben.

Der Hauslehrer war schon eingeschlafen, als sie sich das Versprechen abnahmen, einander zu wecken, wenn einer von ihnen auch einschlafen sollte, was doch zu schade wäre. Und so sahen sie, auf ihren Arm gestützt, zum Fenster hinaus, und als ihnen das zu langweilig wurde, starrten sie zur Decke empor, wo über ihnen leise die Lampe zitterte. Ganz hinten im Wagen schnarchte jemand von Zeit zu Zeit. Jedesmal ließ dann ein anderer in seiner Nähe ein Wimmern oder ein Seufzen hören. Herr Dr. Bürstenfeger aber lag auf dem Rücken, die Hände über der Brust gefaltet, und gab keinen Laut von sich.

Endlich schliefen auch Carlos und Nicolás ein. Als sie erwachten, ging gerade die Sonne auf, und zu beiden Seiten des Geleises lag ein Feld von Gerippen, Knochen von Pferden und Rindern, die der letzte große Frost getötet hatte. In der Ferne galoppierte ein Reiter. Dann verschwanden Reiter und Gerippe, der Zug fuhr an einer Lagune vorbei, groß wie ein See, bevölkert mit Reihern und Störchen, Kibitzen und Enten. Weit entfernt stand ein Ombú, am Horizont eine große Baumgruppe, irgendein Landsitz. Und beide bewegten sich in ihrer Richtung.

Herden von Straußen weideten nahe am Geleise, weiter hinten verbreitete sich als großer, hellgrauer Fleck eine Schafherde.

Dann erschienen Rinder und Pferde. Sie trabten manchmal bis dicht ans Geleise heran und flohen wieder zurück, die Rinder mit erhobenen Schweifen, die Pferde mit steilen Mähnen.

Der Zug hielt an einer kleinen Pampastation. Eine Dame stieg in den vorderen Wagen, eine Provinzlerin in bunten Farben, sie hatte sich für die Reise aufgeputzt. Eine fette alte Indianerin in einem geblümten Kattunkleid bot Fleischpasteten feil, verkaufte aber nichts, weil die Passagiere noch schliefen.

Neben der Station stand ein Tilbury mit zwei abgetriebenen Gäulen. Sie schlugen mit den kotigen Schwänzen nach den ersten Fliegen, die ihnen der heiße Sommertag brachte. In einiger Entfernung sauste die Post heran, in eine Staubwolke gehüllt. Zwölf Pferde waren davorgespannt.

Der Zug fuhr weiter.

Man stand auf und trank den Kaffee im Restaurationswagen. Als Carlos und Nicolás zurückkehrten, hatte sich der Schlafwagen zu ihrem nicht geringen Erstaunen vollständig verändert, an der Stelle der Betten standen Stühle.

Bis zum Abend ringsum das gleiche Bild: Rinder, Pferde, Schafe, Strauße und die weite Pampa.

Aber Carlos und Nicolás langweilten sich nicht. Sie verstanden, sich die Zeit auf ihre Weise zu vertreiben. Sie zählten z. B. die gescheckten Rinder, die gescheckten Pferde und schwarzen Schafe, die sie sahen, und wer mehr gezählt hatte, hatte gewonnen.

Oder sie führten seltsame Gespräche miteinander. Carlos fragte tiefsinnig: „Was möchtest du lieber sein, wenn man dich wählen ließe, der Mann, der dort in der Ferne reitet, oder dieser Herr im Staubmantel auf dem Perron?“ Und Nicolás antwortete, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: „Lieber dieser Herr, denn er ist kein Gaucho und braucht niemandem zu dienen.“

Carlos entgegnete: „Aber der Gaucho kann reiten, so viel er will, vom Morgen bis zum Abend.“

Darauf wußte Nicolás nichts zu erwidern.

Dann gaben sie diesem Frage- und Antwortspiel eine scherzhafte Wendung. Carlos fragte: „Was möchtest du lieber sein, der Stuhl, auf dem du sitzest, oder der Stuhl, auf dem ich sitze?“

Da griff gewöhnlich Herr Dr. Bürstenfeger in diese Unterhaltung ein, weil er sie zu albern fand, und schlug etwas Nützlicheres vor. Er holte einen Band Fabeln oder ein Märchenbuch aus seiner Reisetasche und las den Knaben vor.

Damit waren sie auch einverstanden, und mit pochenden Herzen und roten Gesichtern hörten sie zu, und ihre Blicke hingen an seinen Lippen.

Bei besonders aufregenden Stellen, wie z. B. da, wo die böse Hexe sagt: Heda, Gretel, sei flink und trag Wasser, Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen, fuhr Carlos von seinem Stuhl auf und zuckte mit der Nase.

Herr Dr. Bürstenfeger klappte das Buch über seinen Zeigefinger zusammen und sagte mißbilligend: „Verhalte dich still, Karl, und mache keine Grimassen!“ Und um zu zeigen, wie häßlich das aussähe, fuhr er selbst von seinem Stuhl auf und zuckte ein paarmal mit der Nase, hielt sich aber dabei den Kneifer fest, damit er nicht herunterfalle. Dann las er in seiner Geschichte weiter ...

Gegen Abend wurde verkündet, daß man in einer Stunde die ersten Ausläufer der Kordilleren sehen würde.

Sofort knieten Carlos und Nicolás ans Fenster und ihr Blick war unverwandt nach dem Horizont gerichtet; sie rührten sich nicht von der Stelle, bis die Berge auftauchten, aber da waren sie enttäuscht, denn sie hatten sie sich viel, viel höher vorgestellt ...

Am nächsten Morgen um sechs Uhr kamen sie in Mendoza an.

Die Stadt Mendoza

Herr Dr. Bürstenfeger trat, Carlos und Nicolás an der Hand, aus seinem Zimmer im Hotel, hinaus auf den ersten Hof. Ein Orangenbaum stand dort, an dem drei große Knochen hingen.

„Was sind das für Knochen?“ wandte sich Herr Dr. Bürstenfeger an einen Kellner.

„Menschenknochen, eine Erinnerung an das große Erdbeben vor dreißig Jahren.“

„Barbarisch!“ dachte der Hauslehrer, blieb eine Weile in Gedanken versunken vor dem Baum stehen, und dann erinnerte er sich plötzlich, daß er den Eltern einen Brief zu schreiben habe.

Er überließ Carlos und Nicolás eine kleine Viertelstunde sich selbst und ging zurück in sein Zimmer.

Er schrieb, daß sie heute gesund angekommen seien, Karl und Nikolaus seien ganz artig, er werde ein wenig Toilette machen und sich mit ihnen zu Don Pablo Romero begeben und dann auch der Familie Igarzabal Grüße bringen, wie er es am Tage der Abreise versprochen habe.

Carlos und Nicolás gingen unterdessen nach dem zweiten Hof und sahen dort einen kleinen barfüßigen Indianer, der Ball spielte. Carlos fragte, ob sie mitspielen dürften, er sagte ja, und sie waren drei Parteien.

Das erste Mal gewann der Indianer, das zweite Mal Nicolás, das dritte Mal wieder der Indianer.

Darauf kauerten die drei sich an die Wand hin.

Carlos fragte den Indianer, wie er heiße.

„Julio!“ antwortete er. „Ich bin von Julio Roca bei seinem letzten Ausfall im Azul erbeutet worden.“

„Also bist du ein wilder Indianer?“ fragte Carlos nicht ohne Respekt.

„Ich bin Indio Pampa!“ sagte Julio mit Würde, „mein Vater wurde getötet, meine Mutter ist in Stellung in Entre-Rios.“

„Siehst du oft deine Mutter?“ fragte Carlos.

„Ich habe sie seit dem Tage, an dem ich gefangen wurde, nicht mehr gesehen.“

„Warst du sehr traurig, als dein Vater getötet wurde?“ fragte Nicolás.

Julio grinste.

Herr Dr. Bürstenfeger trat auf. Er nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, und sie gingen zu Don Pablo Romero.

Der Hauslehrer wußte, daß alle Häuser in Mendoza, die bekleideten und die unbekleideten, aus Lehm waren, seit dem letzten fürchterlichen Erdbeben.

Aber man begann bereits das Unglück zu vergessen, und von Zeit zu Zeit wagte sich wieder ein Ziegelsteinbau empor.

Es war heute ein trüber Tag, in der Luft lag ein seltsamer Geruch, den Herr Dr. Bürstenfeger sich nicht zu deuten wußte.

Es war der Geruch von Kräutern auf den nahen kahlen Bergen, womit die Ziegenhirten ihr Feuer anzündeten.

Den Knaben schien es, als ob die Menschen auf den ziemlich leeren Straßen unheimlich langsam gingen und als ob auch die Wagen und Karren unheimlich langsam fuhren.

Vor dem Hause Don Pablo Romeros wartete ein Kabriolett.

Herr Dr. Bürstenfeger klopfte mit dem bronzenen Klopfer an die Tür.

Eine alte, schmutzige Mulattin, gefolgt von einer Meute von Hunden, öffnete.

Mitten im Hof stand ein verkrüppelter Orangenbaum, überall lungerten Dienstboten herum. Im Hintergrund lehnte ein Bursche an einer Mauer und spielte auf einer Mundharmonika.

Ein großer zottiger Hund lag auf der Erde und wälzte sich nach den Sonnenstrahlen, die die Wolken durchbrachen, erschauerte aber, als zugleich ein feiner Sprühregen ihn bespritzte.

Die Mulattin führte die Gäste ohne weiteres in den Salon. Auf den Möbeln waren die Bezüge, auf dem unebenen Fließboden lagen Zigarettenstummel. Es roch nach Weihrauch.

Die Mulattin forderte sie auf, zu Don Pablo Romero einzutreten.

Der lag in seinem Zimmer, das von Zigarettenqualm erfüllt war, im Bett. Seine Füße schauten unter einer wollenen Decke hervor. Sie ruhten auf einem schwarzen, vollständig unbehaarten, mit Warzen bedeckten Hunde.

Der Hauslehrer erfuhr später, daß man solche Hunde dort als Bettwärmer gebrauchte.

Auf dem Nachttisch schwammen in einer braunen Brühe unzählige Zigarettenstummel.

Während sich Herr Dr. Bürstenfeger mit dem Hausherrn unterhielt, machten die Knaben ihre Beobachtungen; sie sahen, daß Don Pablo Romero kein Nachthemd trug, sondern ein Taghemd, sie sahen, daß aus der einen Warze des Hundes ein langes Haar wuchs. Sie beobachteten Herrn Dr. Bürstenfeger, wie er die Hände bewegte, während er sprach, denn weil er sich nur schwer auf spanisch verständlich machen konnte, mußte er stark durch Gestikulationen nachhelfen, und sie sahen, wie er bei seinen Erläuterungen Kreise zog, Dreiecke beschrieb, wie er die Hände auseinanderbreitete und sie beseligt wieder zusammenlegte, weil er das Wort gefunden hatte.

Don Pablo Romero sagte endlich, sein Kabriolett warte draußen, er habe beabsichtigt, heute hinauf nach seinem Gute zu fahren, aber es werde wohl nichts daraus werden.

Er lud den Hauslehrer und die Knaben ein, mit ihm eine Fahrt in die Umgebungen der Stadt zu machen, etwa in einer Stunde, wenn es ihnen recht sei.

Sie waren damit einverstanden, verabschiedeten sich und gingen ein paar Straßen weiter zur Familie Igarzabal. Herr Dr. Bürstenfeger klopfte. Nach einer langen Pause, in der sich nichts rührte, stellte sich Carlos auf eine Fußspitze, streckte den Arm aus und wollte noch einmal klopfen, aber Herr Dr. Bürstenfeger zog streng seinen Arm zurück. Schließlich mußte er sich selbst dazu entschließen. Jetzt hörte man eine Stimme, von der man nicht wußte, ob sie aus dem Munde einer Frau oder eines Mannes kam. „Pancha, man hat geklopft!“

Und dann nach einer Weile aus dem Hintergrund links eine andere Stimme, und diesmal war es bestimmt die einer Frau: „Es hat geklopft, Pancha!“

Darauf näherten sich träge Schritte, und eine Magd mit einem Kropf öffnete.

Illustration from Carlos und Nicolás

Herr Dr. Bürstenfeger machte ein schmerzliches Gesicht. Sie führte sie geradewegs in den Salon.

Dort waren elf Frauen versammelt und unter ihnen ein kleiner fetter Herr mit einem blassen weichen Gesicht und einer hängenden Unterlippe.

Es war die Familie Igarzabal. Wie Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás wußten, lauter Geschwister. Zwei hatten eine Häkelarbeit in der Hand. Zu ihrem großen Erstaunen sahen die Knaben, daß auch der Herr häkelte.

Don José Igarzabal erhob sich und sprach; und es war jene Stimme, von der man nicht wußte, ob sie einer Frau oder einem Mann angehörte.

Sie blieben nicht lange dort.

Um die Stunde auszufüllen, nach deren Ablauf sie bei Don Pablo Romero sein sollten, gingen sie ein wenig auf den Straßen spazieren.

Die Sonne hatte sich hinter den Wolken verkrochen, es regnete nicht mehr.

Alle drei waren ziemlich wortkarg, es erfüllte sie eine unbestimmte Traurigkeit. Besonders der Hauslehrer war sehr niedergeschlagen ...

Die Magd Don Pablo Romeros bat sie, sofort ins Schlafzimmer zu gehen.

Sie klopfte, es blieb still; da hatte Carlos, bevor Herr Dr. Bürstenfeger ihn daran hindern konnte, geöffnet.

Eingehüllt in Zigarettenqualm, schlief der Hausherr, der Hund knurrte. Der Lehrer nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, und sie verließen das Haus.

Sie kehrten ins Hotel zurück, Herr Dr. Bürstenfeger zuerst ungemein gekränkt über Don Pablo Romeros Empfang, dann aber gequält von einem Gefühl wachsender Traurigkeit.

Wieder schien die Sonne durch die Wolken, wieder rieselte ein feiner Regen herab.

Über ihnen spielte jemand immer wieder eine Tonleiter ...

Plötzlich trat der Hauslehrer auf eine tote Ratte, machte einen Sprung und wischte sich dann den Schweiß von der Stirne ab.

Sie gingen weiter. Da sah Herr Dr. Bürstenfeger ein Plakat, das er in Breslau bei seiner Abreise noch gesehen hatte. Seine Züge erhellten sich, aber bald umfing ihn wieder Traurigkeit.

Im Hotel bat er die Knaben, in den Hof zu gehen und Ball zu spielen, er wollte sich ein wenig ausruhen.

Kaum war er in seinem Zimmer, als Carlos auf einen Berg zeigte und Nicolás den Vorschlag machte, hinaufzusteigen, in einer Viertelstunde würden sie wieder zurück sein.

Sie gingen und gingen, länger als eine Stunde, weit zur Stadt hinaus, an Weinbergen vorbei, die von niedrigen Lehmmauern umschlossen waren, aber der Berg entfernte sich immer mehr von ihnen.

Da fragte Carlos einen Mann, der einen Kropf hatte, wie weit es wohl bis dahin sei.

Der Mann antwortete, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: „Etwa drei bis vier Stunden.“

Carlos und Nicolás konnten das nicht begreifen, aber sie mußten sich entschließen, zurückzukehren, denn es war spät und Herr Dr. Bürstenfeger würde wohl sehr unruhig sein. Der Mann begleitete sie ins Hotel zurück. Nicolás schaute manchmal verstohlen nach seinem Kropf.

Aber Herr Dr. Bürstenfeger hatte sonderbarerweise ihre lange Abwesenheit gar nicht beachtet. Er saß in seinem Bett und las in einem spanischen Buch mit Hilfe des dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht hatte, über das letzte fürchterliche Erdbeben in Mendoza.

„Warum haben die Menschen so viel Kröpfe hier?“ fragte Nicolás.

„Ja, das ist nicht schön!“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger. „Aber das macht das kalkige Wasser.“

Nach Tische ging Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben spazieren.

Ein Bettler bat um Geld. Er hatte beim letzten großen Erdbeben ein Bein eingebüßt; er war geschwätzig, und um sich interessant zu machen, erzählte er, daß er dabei seine Eltern und seine sämtlichen Geschwister verloren habe.

Sie kamen durch den Teil der Stadt, von dem nur noch Ruinen erhalten waren, ein eingestürzter Kirchturm, eingestürzte Tore, geborstene, mit Gras bewachsene Mauern.

Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: „In einer einzigen Nacht sind beinahe zwanzigtausend Menschen in dieser Stadt umgekommen.“

Der folgende Tag war stockfinster. Staub fegte durch die Straßen, aber es regnete nicht.

Der Hauslehrer ging mit den Knaben in der Stadt spazieren, er ging später in seinem Zimmer auf und ab über eine Stunde lang, von einer Aufregung ergriffen, die immer mächtiger wurde ...

Es war nach Mitternacht, als er sich zu Bett legte. Kaum war er im Bett, als er wieder aufstand und sich anzog; er drückte den Kopf an eine Fensterscheibe, würgte die Tränen hinab, die ihm gewaltsam in die Augen drangen, und ballte die Fäuste.

So war Herr Dr. Bürstenfeger noch nie gewesen.

Er setzte sich aufs Kanapee und pfiff mit einer fürchterlichen Miene ein lustiges Liedchen.

Dann zog er sich rasch aus und warf sich aufstöhnend ins Bett. Lange wälzte er sich herum, plötzlich begann er zu beten: „Unser Vater, der du bist im Himmel ...“

„Unser Vater, der du bist im Himmel ...“ wiederholte er.

Vier, fünfmal rekapitulierte er, aber er hatte in seiner maßlosen Aufregung die Fortsetzung vergessen.

Er saß in seinem Bett aufgerichtet und stierte ins Dunkle. Dann fiel er in wahnsinniger Erschöpfung zurück.

Er schlief zwei Stunden traumlos und dann träumte er, daß er von Bremen reise, und es war Sturm auf der See.

Er erwachte und hielt sich am Bettpfosten fest.

Draußen aber schwankten die Kirchtürme, daß die Glocken erklangen, die Menschenknochen im Orangenbaum bewegten sich; dann war es ruhig.

Die Leute im Hotel stürzten auf den Hof hinaus, die Einheimischen, die die Gefahr besser kannten, auf die Straßen.

Herr Dr. Bürstenfeger stürzte in Carlos’ und Nicolás’ Zimmer und dann mit ihnen ebenfalls auf den Hof hinaus.

Don Pablo Romero floh aus seinem Hause, in eine wollene Decke gehüllt, gefolgt von seinem schwarzen Hunde.

Don José Igarzabal floh im Hemd mit seinen elf Schwestern.

Aus allen Häusern stürzte man heraus; es war jetzt mit einem Mal eine furchtbare Bewegung in Mendoza.

Der Hotelhof war angefüllt mit Menschen.

In einem Zimmer aber saß eine schöne, blonde Frau und hielt einen kleinen Knaben und ein kleines Mädchen umfangen. Sie schämte sich, im Hemd zu fliehen.

Herr Dr. Bürstenfeger stand neben einer kaum bekleideten Engländerin.

Sie starrte nach der Hofmauer vor sich, in der ein breiter Riß gähnte ...

Eine halbe Stunde verging, es blieb ruhig.

Da erinnerte sich plötzlich Herr Dr. Bürstenfeger, daß er im Hemd war, und schämte sich.

Er ging in sein Zimmer, bekleidete sich schnell, holte zwei Decken und warf sie um Carlos und Nicolás.

Dann eilte er mit ihnen hinaus auf den Platz vor dem Hotel.

Eine Menschenmenge war dort versammelt.

Im Hintergrund kniete ein Priester und betete laut.

Die Knaben blickten erstaunt auf einen Zwerg mit einem Wasserkopf, der, ein Bündel in der Hand, laut heulte.

Über zwei Stunden stand dort Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás. Es blieb ruhig, die Sonne ging auf, die Luft war klar und schön.

Auf den Bergen zündeten die Hirten ihre Feuer an. Der Duft der Kräuter erfüllte die Stadt.

Carlos sagte zu Nicolás: Das ist der Geruch des Erdbebens.

Herr Dr. Bürstenfeger aber kehrte mit ihnen ins Hotel zurück. Auf seinen Lippen ruhte ein Lächeln großer Befreiung; er legte sich zu Bett und schlief zwölf Stunden hintereinander. Manchmal träumte er von seiner Heimat.

In den Kordilleren

Die Ansiedelung Don Pablo Romeros war eine kleine Oase, die aus einigen Wiesen, einem Obstgarten und einer Pappelallee bestand. Hinten erhoben sich die grauen, kahlen, nur mit dichtem Gestrüpp und Kakteen bewachsenen Berge, und vorn senkte sich ebenfalls kahl und grau die Ebene in die Pampa hinab.

Bloß zwei Zimmer seines Häuschens bewohnte Don Pablo, die übrigen hatte er Carlos’ und Nicolás’ Eltern überlassen, und weil trotzdem Raummangel war, waren noch drei Zelte aufgespannt worden. Das eine, etwas abseits gelegen, bewohnten die weiblichen Dienstboten, das zweite war als eine Art kleiner Salon hergerichtet, und im dritten schliefen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás.

Seine Sorge um die Knaben blieb immer gleich mustergültig. Morgens, wenn sie erwachten, stand er an ihrem Bett, beinahe den ganzen Tag ließ er sie nicht aus den Augen. Abends, wenn sie schlafen gingen, kam er noch und gab ihnen den Gutenachtkuß.

Zum nicht geringen Verdruß der beiden hielt er aber immer fest am Prinzip der weiten Spaziergänge. Nur an Tagen, an denen er besonders zufrieden mit ihnen war, durften sie, während er zu Fuß ging, rechts und links von ihm auf ihren Maultieren reiten. Wünschten sie zu galoppieren, mußten sie fragen, und Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: „Ja, aber nur bis zu jenem Strauch oder jener Kuh!“ oder er verweigerte auch die Erlaubnis.

In der Regel aber blieb es bei den gewöhnlichen Spaziergängen, und sie durchstreiften zusammen die Gegend nach allen Richtungen. Zu Hause banden sie sich, auf Wunsch von Herrn Dr. Bürstenfeger, Lappen um die Füße, um keine Blasen zu bekommen. Auch versahen sie sich mit einer kleinen Apotheke, mit Mitteln gegen den Sonnenstich, den Schlangenbiß, mit Pflastern und Pflästerchen gegen kleine Verletzungen, mit Pfeffermünzpastillen und Orangen und Zitronenessenzen gegen den Durst. Um die Schultern hingen sie sich zwei Feldflaschen mit Wasser und eine blecherne Büchse, auf der ein grasender Hirsch abgebildet war — gefüllt mit Brot, harten Eiern, Butter und „Landjäger“.

Und so zogen sie aus, zur Freude des gesamten Dienstpersonals; denn Fußgänger und dazu noch so ausgerüstete, waren hier seltene Leute.

Zu Anfang hielt Herr Dr. Bürstenfeger seine Leidenschaft ein wenig im Zügel, weil er fürchtete, sich zu verirren, und aus Angst vor den wilden Tieren, besonders auf den Spaziergängen in der Richtung nach den Bergen. Bald aber waren sie mit der Umgegend so vertraut, daß sie die ersten Gipfel ersteigen konnten, von denen aus man eine herrliche Aussicht auf die dahinter liegenden, höheren hatte. Herr Dr. Bürstenfeger zog seine Karte aus der Tasche, um nachzusehen, wie die wohl heißen möchten, aber es stand kein Name da, und als er später daheim fragte, wußte es auch niemand. Darüber mußte er heimlich den Kopf schütteln; er fand aber zugleich auch diese Kulturlosigkeit interessant.

Notes in this chapter

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