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Carlos und Nicolás

Carlos und Nicolás Kinderjahre in Argentinien (continued 2)

Reading edition

Was seine Angst vor den wilden Tieren betraf, so brauchte er geraume Zeit, bis er sie überwunden hatte.

Zu den wilden Tieren zählte er aber auch die Schlangen, obgleich er wußte, daß sie zoologisch eigentlich nicht dazu gehörten. Ein abgebrochener Ast auf der Erde, der Schatten seines eigenen Stockes ... überall sah er welche.

Einmal sahen sie wirklich ein Puma in einiger Entfernung. Herr Dr. Bürstenfeger blieb stehen, erblaßte, sammelte sich aber und flüsterte: „der Silberlöwe greift nicht den Menschen an, sondern flieht ihn.“ Ein andermal, als sie durch eine Schlucht gingen, kreiste in ziemlicher Höhe über ihnen ein Kondor, und obwohl der Hauslehrer wußte, daß er ihnen nicht gefährlich sein konnte, zog er doch krampfhaft die Knaben an sich und neigte einen Augenblick sehr erschrocken den Kopf ...

Die Spaziergänge nahmen einen nicht kleinen Teil des Tages ein, oft gab Herr Dr. Bürstenfeger dabei seine Lektionen. Den eigentlichen Unterricht erteilte er hinter dem Hause im Garten unter einem Nußbaum, wo ein Tisch und zwei Bänke standen.

Jeden Morgen mußte sie José, der Knecht, auf Befehl Herrn Dr. Bürstenfegers mit heißem Wasser scheuern, weil sie inzwischen wieder von den Vögeln beschmutzt worden waren; dann folgten ein paar Schulstunden, die auch nicht ohne Zwischenfälle abliefen. Es trieb sich z. B. José mit einer der Mägde weiter hinten herum, oder es wurde Obst von den Bäumen geschlagen, eine Kuh verirrte sich in den Garten, oder gar die Säue.

Diese zu hüten war ein kleiner, dreijähriger Indianer angestellt, der zusammen mit Julio beim letzten Ausfall im Azul erbeutet worden war. Er hieß Manuelito und hielt eine lange Gerte in der Hand, Beinkleider, die einem halbwüchsigen Knaben gehört hatten, umschlotterten seine Beine. Auf dem Kopfe trug er einen riesigen Filzhut, dessen Krempen auf seinen Schultern ruhten. So ausgerüstet, hatte er die Schweine auf die Weide zu treiben, die ihn aber gar nicht respektierten.

Einmal drangen sie durch eine schadhafte Stelle der Hecke in den Garten. Manuelito hatte sich ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegengestellt und geschrien: „Kehrt um, kehrt um, ihr Schweinchen!“ Sie aber waren einfach über ihn hinweggetrampelt.

Als Carlos und Nicolás das sahen, schnellten sie von ihrer Bank auf und eilten Manuelito, der heulend auf dem Rücken lag, zu Hilfe.

Illustration from Carlos und Nicolás

Herr Dr. Bürstenfeger stand im Hintergrund und kämpfte einen harten Kampf zwischen Pflicht und Wohlwollen, aber die Pflicht siegte, und Carlos und Nicolás hatten hundertmal einen Satz abzuschreiben, der sich auf den Schulunterricht und Manuelito und seine Schweine bezog. Dieser Zwischenfall aber änderte durchaus nichts am Programm des Schultages. Zum Schluß nahm der Hauslehrer das Lineal in die Hand, reichte den Knaben ein Liederbuch, und sie stimmten alle drei an, er mit ungemein kräftigem Baß, Carlos und Nicolás mit sehr falscher Stimme:

Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald, Lasset uns singen, tanzen und springen.

„Tanzen und springen!“ brüllte Herr Dr. Bürstenfeger und schlug mit dem Lineal auf den Tisch, daß ein Huhn, das sich in der Nähe aufhielt, gackernd davonstelzte, denn Carlos hatte drei Noten daneben gesungen. Im Hintergrund aber, den Knaben zugekehrt, stand Zenobia, die Mulattin, wiegte den Kopf, fletschte die Zähne und ahmte Herrn Dr. Bürstenfeger mit einem Besenstiel nach ...

Am gleichen Nachmittag noch machten sie einen Spaziergang in die Berge. In einer Schlucht sahen sie ein Pferd liegen, das abgestürzt war und die Vorderbeine gebrochen hatte. Als die drei herankamen, bewegte es mit einem unsäglich schmerzhaften Ausdruck der Augen den Kopf ein wenig in die Höhe und stöhnte.

Der Hauslehrer erlaubte, daß sofort der Spaziergang unterbrochen wurde, und die Knaben gingen zu Don Pablo und baten ihn, das Tier töten zu lassen. Aber Don Pablo antwortete: „Das Pferd ist in unser Gebiet eingedrungen, es gehört dem Nachbar, töte ich es, so muß ich es bezahlen.“

Die Knaben ritten zu Don Andrés (so hieß der Nachbar) und stellten an ihn die gleiche Bitte. Don Andrés lächelte und erwiderte, er werde heute jemanden hinschicken.

Abends aber lag das Pferd zu Carlos’ und Nicolás’ Entsetzen noch immer in der Schlucht und stöhnte.

Es fiel ihnen ein, daß es zu seinen Schmerzen auch noch Hunger und Durst leiden müsse, sie kehrten daher zum Gut zurück, Nicolás nahm ein Bündel Gras und Carlos einen Eimer mit, den er in einer Quelle, die halbwegs von der Schlucht entfernt war, füllte.

Das Pferd hob schnaubend den Kopf, sobald es das Wasser roch, wollte sich auf seinen beiden Vorderbeinen aufrichten und fiel mit einem Schmerzenslaut zurück. Carlos und Nicolás hoben seinen Kopf ein wenig in die Höhe, und so konnte es, ohne sich sonst zu bewegen, saufen.

Am folgenden Abend hatte man das Pferd noch nicht getötet, Don Andrés hatte es scheint’s ganz vergessen.

Der Gedanke an das Tier ließ Carlos und Nicolás in der Nacht nicht ruhen.

„Ich höre es ächzen!“ rief Carlos und richtete sich im Bett auf.

„Es ist nicht möglich, es ist zu weit“, antwortete Nicolás; aber ihm tat das Tier nicht weniger leid.

Pause.

„Weißt du was, wir wollen es töten, jetzt sofort, dann leidet es nicht mehr“, meinte Carlos.

Nicolás antwortete nicht gleich, dann aber sagte er ebenfalls entschlossen: „Ja!“ ...

Sie standen auf, nahmen eine Axt aus der Küche, sattelten ihre Maultiere und ritten davon.

Es war eine wunderbare, sternklare Nacht, die Sträucher mit ihren harten, öligen Blättern, die harten Kräuter, gespeist vom trockenen, vulkanischen Boden, dufteten.

In der Schlucht lag das Pferd und stöhnte.

Nicolás sagte zu seinem Bruder: „Carlos, du bist der Ältere, du wirst das Pferd töten!“

Aber kaum hatte er das ausgesprochen, als ihn Beschämung und Mitleid mit Carlos ergriff.

„Losen wir!“ sagte er mit gepreßter Stimme, rupfte zwei Gräser aus, die aus einem Riß in einem Steine wuchsen, und hielt sie ihm hin.

Carlos, das Beil in der Linken, zog zitternd einen Halm und hatte den kürzeren gezogen.

Da ging sein Bruder zehn Schritte weg, kehrte sich ab und hielt sich die Ohren zu.

Carlos ging entschlossen zum Pferd, streichelte es und hob dann das Beil in die Höhe, ließ es aber kraftlos sinken und weinte.

Nicolás hatte sich wieder umgewandt, stand da und sah ihn dumpf an.

Am folgenden Morgen ließen sie durch José, für eine kleine Geldsumme, die sie aus ihren Sparbüchsen nahmen, das Tier umbringen ...

Drei Tage später kam der General Acevedo zu Besuch aufs Gut. Er war ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit bereits ergrautem Haar, groß und breit und mit einem starken Ansatz von Embonpoint. Er kam auf einem großen, schwarzen Maultier geritten, trug einen Poncho um die Schultern und ein weißes flatterndes Tuch um den Hals.

Das war ein Fest für die Knaben; er war immer sehr gut zu ihnen gewesen; stets brachte er ihnen Geschenke mit.

Diesmal holte er aus seiner Reisetasche zwei große Schachteln mit Bleisoldaten heraus und dazu noch für jeden eine Kinderpistole mit roten Zündhütchen.

Die Knaben schossen und stellten ihre Soldaten auf. Obgleich der General morgen schon wieder reisen mußte, fand er doch noch Zeit, ihnen einen großen Drachen zu machen.

Am nächsten Morgen vor dem Unterricht traten Carlos und Nicolás in sein Zimmer; das Fenster ging nach dem Garten.

Der General schlief noch, er trug ein elegantes, seidenes Nachthemd mit einer Brusttasche, in der ein Batisttaschentuch steckte. Die linke Hand lag auf der Bettdecke, sie war weiß, aber kräftig und gut gepflegt, die Nägel rosig und schön gestutzt.

Auf dem primitiven Waschtisch sah man ein Schlachtgewühl von Flakons. Es roch im Zimmer nach allen möglichen Essenzen. Auf dem Nachttisch stand eine offene Pomadenbüchse, in die drei Fliegen ihre Rüssel getaucht hielten. Daneben lag ein Revolver mit elfenbeinernem Griff und kleinen silbernen Initialen.

Auf der Erde lag offen seine Reisetasche aus indischem Strohgeflecht, in der ein Durcheinander herrschte.

Carlos und Nicolás schlichen auf den Fußzehen aus dem Zimmer, um den General nicht zu wecken; aber gleich nach der ersten Pause machten sie ihm wieder ihren Besuch. Er war eben erwacht, streckte seine Arme mit geschlossenen Fäusten in die Höhe und gähnte.

Die Knaben krochen zu ihm ins Bett und rupften ihm am Schnurrbart.

„Macht das eurem Schulmeister, verfluchte Bengels!“ rief der General. „Wollen wir wetten, ihr habt ihm noch nie einen Streich gespielt?!“

Herr Dr. Bürstenfeger saß unter dem Nußbaum und las Klopstock, er war ganz darin versunken.

„Habt ihr ihm denn noch keinen einzigen Streich gespielt?“ forschte der General.

Carlos und Nicolás schwiegen und sahen ihn mit großen Augen an.

„Ihr seid Kerls, ihr wollt Argentinier sein und wagt euch nicht an diesen gringo[2] heran! In eurem Alter war ich doch ein anderer Kerl, da habe ich meinen Lehrern ...“

Der General schwieg und schmunzelte.

„Was haben Sie ihnen getan?“ fragten Carlos und Nicolás.

„Ich habe ihnen Honig auf die Bank geschmiert, Schwänze an die Röcke gehängt, einem habe ich ein Loch in seinen blechernen Nachttopf gebohrt, und da er die Gewohnheit hatte, nachts den Topf ins Bett zu nehmen, hat es ein großes Unglück gegeben.“

Carlos und Nicolás mußten lachen.

Der General höhnte: „Ihr wollt Argentinier sein? Schämt euch!“

Er strich Carlos über den Schopf und sagte: „Was dich betrifft, so traue ich dir sowieso nicht viel zu, du bist viel zu blond!“

Carlos war gekränkt. Er schwieg eine Weile, dann sagte er, jedoch ziemlich zaghaft: „So schlagen Sie doch was vor!“

„Bravo!“ rief der General. Dann sann er nach.

„Um einen kleinen Anfang zu machen, nehmt eine Hand voll Zündhütchen, geht zu eurem Dr. Burstenfecherr und streut sie ihm in seiner Nähe auf den Boden. So wie ich ihn kenne, wird er Luftsprünge machen, wenn er darauf tritt.“

Die Knaben machten einen harten Kampf durch, aber die höhnische Miene des Generals trieb sie zum Entschluß.

Sie griffen in ihre Taschen, wo sie noch einen Haufen Zündhütchen hatten, traten aus dem Zimmer und schlichen auf den Hauslehrer zu.

Wie sie ganz nahe bei ihm standen, blickte Herr Dr. Bürstenfeger von seinem Buch auf und fragte: „Na, was wollt ihr, Karl und Nikolaus?“

Hinten aber saß der General aufgerichtet in seinem Bett, schwang den einen Arm in die Höhe und spornte die Knaben zum Kampf an.

Carlos antwortete: „Wir wollten sehen, was Sie da lesen, Herr Dr. Bürstenfeger.“

„Was ich da lese?“ antwortete er nicht ohne leises Erstaunen, „ist der Messias von Klopstock, aber es wird noch manches Jahr vergehen, bis ihr auch darin lesen könnt, Karl und Nikolaus.“

Sie fragten nicht mehr, sie schlichen weiter, mit blutroten Köpfen; sie schämten sich vor dem General und schämten sich, daß sie nie gute Argentinier werden könnten.

Der General aber war ins Bett zurückgesunken und hielt sich den Bauch vor Lachen ...

Am Nachmittag reiste er wieder fort ...

Weiter oben, den Bergen näher, wuchs neben einer großen schattigen Weide bei einer Quelle ein Pfirsichbaum, der jedes Jahr um diese Zeit die schönsten Früchte trug.

Niemand wußte, wie er dahingekommen war, kein Mensch hatte ihn gepflanzt, vielleicht hatte irgendein Vorübergehender bei der Quelle einen Kern fallen lassen. Auch Carlos und Nicolás kannten ihn, und eines Tages baten sie ihren Lehrer, einen Ausflug mit ihnen dorthin zu machen, denn Pfirsiche waren ihre Lieblingsfrucht.

Da Herr Dr. Bürstenfeger heute sehr mit ihnen zufrieden gewesen war, so durften sie auf ihre Maultiere steigen, Herr Dr. Bürstenfeger stellte sich in die Mitte, und man brach auf.

Am Ziel angelangt, blieben die Knaben, auf seinen Befehl hin, auf ihren Tieren sitzen, Herr Dr. Bürstenfeger schritt zum Baume, von dem sich eine bunte Schar von Singvögeln kreischend erhob, und rüttelte am Stamm.

Eine ganze Anzahl Pfirsiche fiel herab, er hob einige auf, prüfte sie, bewegte unentschlossen den Kopf und sagte endlich: „Karl und Nikolaus, wartet eine Woche noch, dann sind sie ganz reif.“

Und nach diesem Bescheid kehrte er mit ihnen, ohne daß sie einen einzigen Pfirsich gegessen hatten, zum Gut zurück.

Als die Woche vorbei war, ließ er sie noch zwei Tage warten, dann sagte er: „Ich werde euch nicht begleiten, reitet allein!“

Er nahm Carlos’ Hand in seine Rechte und die des Bruders in die Linke und fügte mit nachdrücklichem Ernst hinzu: „Karl und Nikolaus, ihr wißt, daß ich es gut mit euch meine, ihr seid bisher gehorsame Knaben gewesen, ich kann es ruhig sagen: bis auf gewisse Ausnahmen. Ich habe beschlossen, von nun an euch nicht mehr auf Schritt und Tritt zu folgen, ihr seid selbständig genug.“

Pause! — Darauf feierlich: „Karl und Nikolaus, ich nehme euch das Versprechen nicht ab, ihr seid frei, zu handeln, wie ihr wollt. Aber Karl und Nikolaus“ — und jetzt lag ein Ausdruck von wehmütiger Sorge auf seinem Gesicht: „Ich bitte euch, als euer väterlicher Freund, eßt nicht mehr als vier Pfirsiche jeder!“

Carlos und Nicolás, glücklich, überhaupt Pfirsiche essen zu dürfen, gelobten ihm das, Herr Dr. Bürstenfeger aber zog die Hände zurück zum Zeichen, daß sie sich nicht durch ein Versprechen binden sollten.

So waren sie aus seiner Hut entlassen und ritten davon.

Bei der Quelle banden sie ihre Maultiere an die Weide und stiegen auf den Pfirsichbaum hinauf. Singvögel stoben kreischend auseinander.

Nun pflückte jeder von ihnen vier der schönsten Pfirsiche, und sie wollten schon wieder herabsteigen, als Carlos den Vorschlag machte, sie oben zu essen, weil es ihm schien, daß sie dann besser schmeckten; und so saßen sie sich denn gegenüber, jeder auf einem dicken Ast, lautlos und beobachteten sich gegenseitig aufmerksam, und wenn einer einen Biß tat, wartete der andere eine Weile und biß ein etwas kleineres Stück ab; denn jeder wollte, um einen längeren Genuß zu haben, der letzte sein. Bei diesem stummen Ringen verhielten sie sich so mäuschenstill, daß sämtliche verscheuchten Vögel sich wieder zurückwagten, und es war ganz still bis weithin. Unten nur hörte man die Quelle murmeln, und oben war ein Kauen und Picken.

Als nun Carlos seine vier Pfirsiche verzehrt hatte, hatte Nicolás noch einen, den wollte er auf dem Heimweg essen. Sie kletterten wieder herab und stiegen auf ihre Maultiere, Nicolás in etwas gedrückter Stimmung, Carlos tief melancholisch.

Stumm ritten sie nebeneinander her. Nicolás hielt seinen Pfirsich in der Hand, strich mit den Fingerspitzen darüber hin, manchmal roch er daran, einmal wollte er hineinbeißen, besann sich aber und steckte ihn wieder in die Tasche.

Carlos schaute zu, seine Augen füllten sich mit Tränen, er wollte sich zur Resignation zwingen, aber der innere Kampf dauerte fort.

Plötzlich hielt er sein Maultier an, stieß einen schweren Seufzer aus und sagte zu seinem Bruder: „Ich reite zu Bernabé, dem Ziegenhirten, sage Herrn Dr. Bürstenfeger, ich werde in einer Stunde nachkommen.“ Dann wandte er sein Maultier, ritt zum Pfirsichbaum zurück und setzte sich auf den Ast, auf dem er vorhin gesessen war. Beschämt und zaghaft biß er in den ersten Pfirsich, dann aber wurde er kühner, und bald dachte er an nichts weniger, als an Herrn Dr. Bürstenfeger und seine inständige Bitte.

Als er endlich genug hatte, stieg er hinunter, setzte sich faul an den Baumstamm und war in kurzer Zeit, ohne daß er wußte wie, eingeschlafen.

Als er erwachte, verschwand gerade die Sonne hinter den Bergen, langsam krochen die Schatten die Ebene hinab.

Sein erster Gedanke war, daß er Herrn Dr. Bürstenfeger jämmerlich hintergangen hatte, und eine tiefe Traurigkeit erfüllte ihn. Er saß da, den Kopf an den Baum gelehnt, und weinte vor Reue.

Aber es war schon spät, und er mußte an die Rückkehr denken.

Im Schritt, die losen Zügel in der Hand, ritt er heimwärts; er war aber noch keine Viertelstunde geritten, als er sich mit Schrecken erinnerte, daß unter dem Baume die Kerne der vielen gegessenen Pfirsiche lagen, die würden ihn verraten, er kehrte daher um und vergrub sie nahe bei der Quelle. Schon wollte er wieder aufs Pferd steigen, als ihn plötzlich der Gedanke überfiel, aus den Kernen könnten Pfirsichbäume wachsen, und obgleich er wußte, daß es noch in weiter Ferne lag, ließ der Gedanke ihm doch keine Ruhe, er scharrte die Kerne wieder aus und steckte sie in seine Rocktasche.

Als er im Gut ankam, war die Ebene schon ganz vom Abend beschattet. Aber fern am Horizont stieg blutrot der Mond auf.

Vor ihm stand Herr Dr. Bürstenfeger.

„Du warst beim Ziegenhüter Bernabé“, sagte er, „du hättest nicht so spät heimkommen sollen, Karl.“

Ganz harmlos, etwas vorwurfsvoll sagte er das, und doch war etwas wie leises Mißtrauen in seiner Stimme.

„Ich war beim Ziegenhirten Bernabé“, antwortete Carlos. Seine Stimme zitterte, er blickte Herrn Dr. Bürstenfeger nicht in die Augen. Trotz der ziemlichen Dunkelheit sah Herr Dr. Bürstenfeger, daß Carlos über und über rot war.

Da wußte er, daß er ihn belogen hatte, und stumm wandte er sich ab, von Beschämung überwältigt.

Carlos aber ging ins Zelt, legte sich zu Bett und schluchzte in die Kissen hinein.

Nach Paraguay

Im Garten blühten die Veilchen, es duftete der Mimosenbaum; aber der Winter hatte schon lange begonnen.

In der Frühe standen Carlos und Nicolás im Garten vor dem Springbrunnen. Der bronzene Reiher streckte den Kopf in die Höhe, und kalte Tropfen rieselten ihm über Hals und Brust in das Bassin herab, wo sich eine dünne Eisschicht gebildet hatte. Die Knaben drückten den Finger darauf, daß sie brach, und sie dachten: Hundertmal so dick und tausendmal so weit, und es ist ein Fest in Europa, die roten Lampions leuchten, auf großen Tribünen spielt die Musik, und man schwebt wie auf weiten Flügeln über die Fläche.

So hatte es Tia Lolita erzählt und ähnlich auch Herr Dr. Bürstenfeger.

Tia Lolita war die jüngste Schwester ihrer Mutter; die Knaben nannten sie aber gewöhnlich nur Lolita.

Sie war sechzehn Jahre alt, hatte langes, goldblondes Haar und trug ein blaues Kleid mit Matrosenkragen. Jedermann sagte, sie sei ein ungewöhnlich schönes Mädchen. Carlos und Nicolás meinten: vielleicht das schönste auf der ganzen Welt.

Damals, als sie noch im Kloster erzogen wurde, sahen die Knaben sie nur manchmal des Sonntags. Dann aber spielte sie mit ihnen, erzählte ihnen schöne Geschichten und ritt mit ihnen aus. Jetzt, da sie von Europa zurück war, wo sie sich mit der Großmama zwei Jahre aufgehalten hatte, kam sie beinahe jeden Tag zu ihnen auf Besuch.

In Herrn Dr. Bürstenfeger aber schien seitdem etwas Seltsames vorzugehen.

Oft mitten im Unterricht, wenn Carlos und Nicolás über einem Rechenexempel saßen oder aus dem Gedächtnis ein Lesestück niederschrieben, erhob er sich plötzlich, stampfte auf, ballte die Fäuste, setzte sich ans Klavier und phantasierte mit flammenden Backen, und seine Hände rasten über die Tasten, wie losgelassene Pferde auf der Pampa; mit einem Schlage aber hielt er inne, seufzte tief auf, und es war ein sehr wehmütiges Spiel, das nun folgte.

Manchmal, wenn Carlos und Nicolás hinten im Garten waren, sahen sie ihn auf der Terrasse auf und ab gehen, den Blick zu Boden gerichtet, wie in tiefe, melancholische Gedanken versunken. Es war die Zeit, wo er sonst immer die Hefte korrigierte; die Knaben wußten nicht, was es zu bedeuten hatte.

Eines Morgens, während der ersten Pause — Carlos und Nicolás schnitten Figuren aus einem Pappdeckel — klopfte es, und Tia Lolita stand im Zimmer.

Herr Dr. Bürstenfeger machte einen Schritt zurück, über und über errötend, verbeugte sich und wischte sich die Finger, die voll Kreide waren, an den Rockschößen ab.

Die Knaben sprangen auf, packten die Tante an beiden Armen und drehten sie im Kreise herum.

„Carlos und Nicolás“, sagte sie, die Hand an der Stirne, denn es war ihr schwindlig, „wir reisen in einigen Tagen alle miteinander nach der Kolonie Trinidad. Mama hält es nicht mehr aus!“

Die Knaben stürzten ins Zimmer ihrer Mutter: es war wahr, in einer Woche reiste man. —

Es goß in Strömen an dem Tage der Abfahrt.

Carlos und Nicolás knieten auf dem Sofa im Salon des Dampfers und schauten zum Fenster hinaus. Die Wolken hingen zerfetzt und niedrig. Aus dem Schornstein stieg schwarz der Rauch auf. Die Knaben folgten ihm mit den Blicken, und als er ganz hoch war, glaubten sie, er sei jetzt auch eine Wolke.

Man hatte vor drei Stunden Campana verlassen; große beladene Barken strichen vorüber, langsam, mit eingezogenen Segeln, die dunkel vom Regen waren. Carlos und Nicolás schauten auf die trübe Fläche des Stromes, auf der fortwährend Blasen entstanden und platzten. Leise pochte die Maschine.

Darauf setzten sie sich zu Tia Lolita, die melancholisch in einem großen roten Album blätterte, und verlangten, daß sie ihnen eine Geschichte erzählte.

„Das Märchen von Amlet!“ bat Carlos.

Herr Dr. Bürstenfeger, der in der Nähe saß und eine Idylle von Voß las, sah auf.

„Meinst du Hamlet? ... Aber das ist doch kein Märchen, sondern ein Trauerspiel!“

Carlos begriff das nicht recht, es war doch keine wahre Geschichte, sondern ausgedacht.

„Erzähle uns lieber das Märchen vom Swinegel und sine Fru, es ist viel schöner!“ rief Nicolás.

Herr Dr. Bürstenfeger sah manchmal auf, die Parallele schmerzte ihn.

Und Tia Lolita erzählte, um Carlos zu befriedigen, „das Märchen von Amlet“ und dann das Märchen vom Swinegel und sine Fru, um Nicolás zu befriedigen.

Herr Dr. Bürstenfeger hatte zugehört und war entzückt, er sagte sich: Hamlet ist doch eigentlich nichts für Kinder, aber wie hat sie gewußt, es ihnen nahezubringen, mit welch feinem Eindringen in die kindliche Seele!

Hundertmal schon hatte Tia Lolita ihnen das Märchen von Amlet erzählt, und hundertmal schon das Märchen vom Swinegel und sine Fru; aber es war immer wieder eine neue Geschichte für sie.

Carlos sagte: „Armer, armer Amlet, aber auch armer Polonius!“

Über das Schicksal der Ophelia jedoch waren sie sehr erfreut, Tia Lolita hatte nämlich, um ihre Gemüter nicht zu sehr zu belasten, es von Grund aus umgestaltet und einen fröhlichen Ausgang erdacht.

Nicolás sagte: „Beim Märchen vom Swinegel und sine Fru kann man auch traurig und lustig sein, die Swinegels sind komisch, aber der Hase tut mir leid.“

Tia Lolita bestätigte das, und Herr Dr. Bürstenfeger lächelte nachsichtig und milde.

Es wurde zu Tische geläutet, nachher ging Herr Dr. Bürstenfeger in seine Kabine, um ein Mittagsschläfchen zu halten.

Carlos und Nicolás spielten mit Tia Lolita Fangen, und dann versteckten sie sich, und sie mußte sie suchen.

Carlos war schlau; er wußte, daß sie schwerlich auf Deck gehen würde, weil es in Strömen regnete, ging hinauf und duckte sich in eine Taurolle.

Nach seinem Mittagsschläfchen begab sich Herr Dr. Bürstenfeger in den Salon; er fand die Knaben nicht, suchte sie und sah sie schließlich oben auf Deck mit aufgespannten Regenschirmen bei Backbord sitzen, jeder eine lange Angelrute in der Hand. Die gehörten dem Schiffskommissär. Sie hatten sie vor seiner Kabine stehen sehen, und auf ihre Frage, ob er erlaube, daß sie damit Fische für das Abendessen fingen, war er überaus erfreut darüber gewesen; und nun saßen Carlos und Nicolás bereits dreiviertel Stunden lang da und fingen nichts.

Der Lehrer legte ihnen die Hand auf die Schulter und belehrte sie, es sei bei der schnellen Fahrt nicht gut möglich, Fische zu fangen, und der Schiffskommissär, der weiter hinten unter Dach stand, lachte und meinte, die Fische müßten lange Beine haben, und warnte sie vor dem Kapitän, der beleidigt sei, denn sein Schiff sei kein lahmer Klepper.

Bei Tisch sahen Carlos und Nicolás nach der Spitze, wo der Kapitän saß, und waren nachher furchtbar froh, weil er nichts gesagt hatte.

Heute hatte man frei gehabt, aber morgen war Schule ...

„Wir werden gesattelt“, sagte Carlos zu Nicolás, als Herr Dr. Bürstenfeger sie zum Unterricht abholte. Sie meinten, so müsse es auch ihren Ponys zumute sein, wenn die Knaben mit ihren Zäumen kamen.

Übrigens war es ungewiß, wer diesen Witz erdacht hatte, Carlos oder Nicolás. Der Witz war alt, jeder nahm ihn für sich in Anspruch, und sie hatten sich manchmal ernstlich darüber gestritten.

Auf Carlos’ Vorschlag führten sie seit einiger Zeit ein Notizbuch in der Tasche, und machte einer von ihnen einen Witz, so wurde er sofort in beide Hefte eingetragen und darunter geschrieben:

Diesen Witz hat Carlos (oder Nicolás) am 5. November 18.. um 4 Uhr nachmittags auf einem Ritt nach Flores gemacht.

Es folgten dann beide Unterschriften.

Aber auch dies lief nicht immer ohne Streitigkeiten ab, denn oft war der andere geneigt, den Witz zu schlecht zu finden, als daß er notiert werden sollte, was ihn aber manchmal nicht daran hinderte, später, als er bereits längst vergessen schien, darauf zurückzukommen und für sich die Autorschaft zu beanspruchen. —

In Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine lag alles fein säuberlich nebeneinander: das Rechenbuch, das Lesebuch, die französische Grammatik, zwei Hefte und zwei gespitzte Bleistifte.

Sie setzten sich. Zuerst kam das Rechnen, dann folgte Französisch.

Draußen vor der Tür aber war Geräusch zu hören, ganz sicher stand dort jemand und horchte.

Carlos wurde unruhig. Herr Dr. Bürstenfeger aber tat, als höre er nichts. Er öffnete die Grammatik und las:

„Ma tangt a oublie song parablü“, und Carlos übersetzte: „Meine Tante hat ihren Regenschirm vergessen.“

Herr Dr. Bürstenfeger las: „Hannibal frangschi les Alp.“

Carlos starrte nach der Tür. Er hörte kichern, ganz deutlich sah er ein Auge durch das Schlüsselloch.

Er würgte und übersetzte: „Hannibal hat seinen Regenschirm vergessen.“

Herr Dr. Bürstenfeger fuhr auf, er glaubte, Carlos erlaube sich einen Scherz. Dann aber erkannte er seine Verwirrung.

Er stand auf, ging entrüstet nach der Tür und öffnete.

Es war Tia Lolita gewesen, die schnell entschlüpft war, ohne daß Herr Dr. Bürstenfeger sie gesehen hatte.

Der Unterricht wurde fortgesetzt.

Zum Schluß kam das Freiturnen, der Gesang wurde ausgelassen.

Herr Dr. Bürstenfeger öffnete die Luke, damit frische Luft herein käme, und es wurde mit der Kniebeuge begonnen, zuerst er und Carlos allein, weil zu wenig Raum in der Kabine war.

Carlos dachte: Wir bewegen uns auf und ab wie die Kolben unten in der Maschine. Er empfand es aber nicht als einen Witz, weil er zu erbittert war ...

In der Nacht schliefen Carlos und Nicolás lange nicht ein vor Aufregung; am Morgen würden sie ihr Landgut passieren, noch nie waren sie im Schiff daran vorbeigefahren. Außerdem hatten sie einige Tage vor ihrer Abfahrt einen Brief an den Verwalter geschrieben, unter welchen die Mama ihre Unterschrift gesetzt hatte. Darin stand, daß, wer Zeit hätte: der Capataz, Ramon der Stallknecht, Juanita die Tochter des Schafhirten, Juan der Sohn des Capataz, sich, sobald das Schiff in Sicht wäre, ans Ufer begeben sollte, weil Carlos und Nicolás mit dem Taschentuch winken wollten.

Die Knaben baten den Kapitän, sich möglichst nahe an der Küste zu halten, und gaben ihm den Grund an.

Der Kapitän, der ihnen scheinbar das Fischen gar nicht übelgenommen hatte, erklärte sich bereit, und wirklich fuhr er so nahe daran vorbei, als er konnte.

Von allem Gesinde aber waren nur Ramon der Stallknecht und Miguel der Koch anwesend.

Illustration from Carlos und Nicolás

Carlos und Nicolás waren ganz außer sich vor Freude, winkten und schrieen, man konnte aber nichts verstehen.

In gestrecktem Galopp kam plötzlich Juan auf Carlos’ Pony, das er ihm für die Zeit seiner Abwesenheit geliehen hatte, dahergeritten.

Um zu zeigen, daß er so schnell als das Schiff sei, ritt er in Karriere mit diesem parallel und hieb unbarmherzig auf das Pferd ein; mit seinem dicken Bauch und seinem kurzen Halse glich es einer dahinstürmenden Wildsau.

Carlos hatte sich anfangs gefreut, dann aber begann er, sich über Juan zu ärgern.

„Hau nicht so! Hau mein Pferd nicht so!“ schrie er, „sonst hau ich dich!“

Juan aber kehrte sich nicht daran, erstens weil er nichts hörte, und zweitens, weil Carlos ihn doch nicht hauen konnte.

Die Passagiere aber lachten. —

Man hatte bereits San Nicolas, Rosario und Santa Fé hinter sich.

Die warme Luft des Nordens begann sich schon bemerkbar zu machen. Heute war ein schöner, windstiller Tag.

Nach dem Mittagessen lag man auf Deck unter dem aufgespannten Toldo auf langen Strohstühlen und trank schwarzen Kaffee und rauchte Zigaretten.

Auch Herr Dr. Bürstenfeger war oben, lag aber nicht, sondern saß, auch rauchte er nicht Zigaretten, sondern eine leichte Bremer Zigarre, von denen er einen großen Vorrat aus Deutschland mitgebracht hatte, ohne sie dem Zoll vorzuenthalten.

Zwei Stunden später hielt plötzlich das Schiff mit starkem Erbeben an, die Schaufelräder bohrten sich in den Grund, ein Dutzend Gläser und sechs Flaschen zerbrachen, ein Buch fiel in Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine vom Netz. Es war Wassertiefstand, und man war auf eine Sandbank aufgefahren. Es war aber weiter kein Unglück geschehen.

Gegen Dämmerung kam ein großes Dampfschiff den Strom herab; mit Tauen versuchte es das andere frei zu machen, aber es war umsonst.

Am Morgen jedoch, als Carlos und Nicolás erwachten, war man bereits wieder in voller Fahrt begriffen. Ein Sturm hatte in der Nacht das Schiff flott gemacht.

Vor Ablauf einer Woche langte man in Formosa an. Man ging ans Land. Auf einem Balkon saß ein schönes kleines Mädchen, fächelte sich mit einem Papierfächer und kokettierte zu Carlos und Nicolás herab. Carlos und Nicolás blieben stehen und lächelten hinauf, Herr Dr. Bürstenfeger drängte vorwärts; das schöne kleine Mädchen klappte den Papierfächer zu und lachte.

Sieben Stunden war man bereits wieder unterwegs; ein Dampfer mit Militärbesatzung fuhr stromabwärts. Es galt, Formosa zu Hilfe zu kommen, das soeben von Horden von Tobasindianern angegriffen worden war.

Carlos und Nicolás hörten die Nachricht und waren trostlos, daß ihr Schiff so früh abgefahren war, so daß sie sich nicht am Kampfe beteiligen konnten. Es fiel ihnen plötzlich ein, daß das kleine schöne Mädchen, das in Formosa auf dem Balkon gestanden hatte, in großer Lebensgefahr sein müsse. Niemals würden Carlos und Nicolás erfahren, ob sie tot sei, denn sie hatten die Straße, wo sie wohnte, vollständig vergessen, auch konnten sie sich ihres Gesichtes gar nicht mehr erinnern, so starken Eindruck es auch auf sie gemacht hatte. Und sie waren erfüllt von Traurigkeit.

Ganz in der Frühe hielt wieder der Dampfer an. Vom Lande wurde eine lange Brücke bis zum Schiff geschlagen, ein langer Zug von Indianern und Indianerinnen brachte Orangen an Bord in großen Körben, die sie auf den Köpfen trugen.

Bis spät nachmittags dauerte das Verladen. Auf dem vorderen Teil des Schiffes ragte ein goldener Berg von Orangen, ein leiser Wind ging und brachte den Duft herüber.

Carlos und Nicolás gruben sich ein Loch in den Berg, kauerten hinein und aßen Orangen.

Der Kapitän sah es, auch die Verlader sahen es, sagten aber nichts.

Die Knaben jedoch glaubten von niemandem beobachtet zu sein und fanden es romantisch und abenteuerlich.

Gegen Dunkelwerden fuhr man ab. —

Am Morgen nach dem Frühstück — die Knaben saßen im Eßzimmer — erscholl plötzlich auf Deck Gewehrschießen. Sie sprangen auf und eilten hin, Herr Dr. Bürstenfeger sehr besorgt hinter ihnen her.

Oben wurde auf Alligatoren geschossen, die sich auf dem nahen Ufer sonnten.

Vor einer Stunde hatten sich die ersten gezeigt, bis jetzt zählte man bereits über zwanzig; zwei Passagiere hatten ihre „Remingtons“ heraufgebracht, und andere eilten, es ihnen nachzutun.

„Karl und Nikolaus,“ rief streng Herr Dr. Bürstenfeger, „kommt zum Unterricht herab!“

Carlos begann zu weinen, Nicolás war sehr niedergedrückt. Aber es half nichts.

Es wurde die Grammatik aufgeschlagen, und Carlos las: „Après la bataille de Marathon ...“

Oben auf Deck aber krachte ein Schuß nach dem andern.

„Après la bataille de Marathon ...“ heulte Carlos. „Oh, Herr Dr. Bürstenfeger, lassen Sie uns hinauf!“

Aber Herr Dr. Bürstenfeger wehrte streng ab.

Er hätte wohl den Unterricht verschoben, wenn es sich um eine würdigere Sache gehandelt hätte, aber er wollte nicht, daß Carlos und Nicolás ihren Spaß daran hätten, daß Tiere getötet werden.

Da ging die Türe auf, und Tia Lolita stand in der Kabine.

„Herr Dr. Bürstenfeger,“ bat sie, „lassen Sie die Knaben hinauf!“

Herr Dr. Bürstenfeger war blutrot. Er verbeugte sich und sagte flehend: „Mein gnädiges Fräulein, ich bitte ... ich bitte Sie ... nein ... mein gnädiges Fräulein ...!“

Es war umsonst, Tia Lolita kehrte unverrichteter Sache zurück.

Es waren aber nicht drei Minuten vergangen, da schlug er plötzlich sein Buch zu und rief, während seine Stimme vor Beschämung bebte: „Geht hinauf, Karl und Nikolaus, geht hinauf!“ —

Am Abend war man in Asuncion.

Paraguay

„Nach dieser langen Flußfahrt ist es nötig, daß wir uns endlich einmal gründlich Bewegung machen“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger und nahm Carlos und Nicolás bei der Hand.

Und sie spazierten auf den Straßen von Asuncion, der Stadt mit den blendend weißen Häusern, den vorgebauten Holzgitterfenstern, den bedeckten Galerien, in denen Hängematten hingen, und den breiten, ungepflasterten Straßen mit der roten, weichen Erde. Der Duft der Orangenblüte erfüllte die Stadt. Frauen, eingehüllt in lange, weiße Tücher, wandelten langsam und sehr aufrecht, bunte Krüge auf den Köpfen. In ihren Gärtchen, unter Orangenbäumen, lagen die Männer, manchmal nur mit einem Hemd bekleidet, und schliefen.

„Es ist dies ein paradiesisches Land,“ sagte der Lehrer, „ohne Hast und Qual und ohne Arg verbringen die Menschen hier ihre Tage, brauchen, um zu leben, nur die Hand auszustrecken nach den herrlichen Früchten, die diese gütige Erde ihnen spendet.“

Der Weg führte sie am Markt vorbei.

Carlos und Nicolás sahen zwei Affen je auf einem großen Kürbis kauern. Vier uralte, verschrumpfte Indianerinnen saßen um einen großen Kessel, kauten Mais und spuckten ihn hinein.

„Der Speichel bringt den Mais zum Gären, daraus wird Schnaps“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger und schüttelte sich.

Aber die Aufmerksamkeit der Knaben war auf die beiden Affen gerichtet.

Wenn man nach Paraguay käme, sollten sie einen haben, hatte die Mama gesagt.

Eine der alten Indianerinnen erhob sich, setzte auf jede Hand einen Affen und hielt sie dem Hauslehrer hin.

Sie wimmerten und kratzten sich.

„Herr Dr. Bürstenfeger, kaufen Sie uns einen Affen!“ baten Carlos und Nicolás zugleich.

Herr Dr. Bürstenfeger machte eine erschrockene Bewegung; er erinnerte sich an das Versprechen, das ihnen die Mama gegeben hatte.

Aber kein Tier war ihm so unsympathisch wie ein Affe.

„Kaufen Sie uns einen Affen!“ wiederholten die Knaben.

Nach einigem Zaudern begann er mit der Indianerin zu unterhandeln.

Carlos und Nicolás waren sich nicht einig in der Wahl; schließlich einigten sie sich auf den, der auf der linken Hand saß, und der Lehrer gab seine Einwilligung.

Als aber die Indianerin die Kiste, in die er hineingehörte, in die Höhe hob und ihn an der Schnur zog, an der er angebunden war, fielen sich beide Tiere in die Arme und begannen laut zu heulen.

Sie wußten es von manchen Vorgängern, daß es galt, Abschied zu nehmen.

„Arme Affen!“ sagten Carlos und Nicolás.

Auch Herr Dr. Bürstenfeger war voller Mitleid.

Die Affen hielten sich umklammert, der Lehrer war ratlos.

„Kaufen Sie beide!“ baten die Knaben.

Herr Dr. Bürstenfeger rang mit sich.

„Es wäre eine Grausamkeit, die armen Tiere zu trennen!“ entschied er endlich.

Er gab der Indianerin eine Weisung, die Knaben jubelten, und einige Minuten später zogen sie heim, Carlos und Nicolás rechts und links von Herrn Dr. Bürstenfeger, jeder mit seiner Kiste und seinem Affen. —

Zwei Tage später fand die Weiterreise nach Trinidad statt; es war ein Ritt von fünf Stunden.

Zum erstenmal in seinem Leben mußte sich Herr Dr. Bürstenfeger entschließen, auf ein Pferd zu steigen. In ganz Asuncion war kein einziger Wagen aufzutreiben. Sie hätten kaum fortkommen können auf der weichen, lockeren Erde der Wege.

Da der Tag zu heiß war, entschloß man sich, nachts zu reisen.

Man brach um 11 Uhr auf, bei herrlichem Mondschein, um mit beginnender Dämmerung anzukommen.

Die Pferde waren zahm und mager, und es war gesorgt worden, daß Herr Dr. Bürstenfeger das zahmste erhielt. Die Eltern, Tia Lolita und die übrigen ritten voraus. Carlos und Nicolás ritten neben ihrem Lehrer und waren beschäftigt, sein Tier anzutreiben, wenn sie traben wollten. Gewöhnlich aber ging es im Schritt, da der Weg zum größten Teil durch Urwälder führte. —

Die Kolonie Trinidad war von Urwäldern umgeben, nachts drang von dort das Geschrei der Brüllaffen herüber.

Der größte Teil der Einwohnerschaft bestand aus deutschen Bauern und Handwerkern, die beinahe alle eine zweifelhafte Vergangenheit hatten.

Sie waren zusammengewürfelt aus allen Teilen des Reiches, und man hörte sämtliche Dialekte nebeneinander.

Es lebten aber auch dort Leute aus anderen Gesellschaftsklassen: verbummelte deutsche Studenten, durchgefallene Mediziner, die sich um die Praxis rauften, verlotterte Richter und Advokaten. Sie nannten sich „alte Semester“ und berauschten sich nachts an billigem Schnaps; es wimmelte in Trinidad von Wirtshäusern. Des Tages aßen sie Orangen, Bananen und Mandioca, das kostete wenig.

Alle Einwohner lebten in Haß und Hader miteinander.

Ging Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im Dorfe spazieren, widerhallten seine Ohren von böswilligem Klatsche.

Der Bäcker lauerte ihm auf und begeiferte den Schuster, der Schuster ging ihnen heimlich nach, und sobald Herr Dr. Bürstenfeger frei war, redete er schmählich über den Bäcker, der Tischler folgte und erzählte Ruchloses von der Frau des Bienenzüchters.

Und ganz so war es auch mit den Ärzten, Richtern und Advokaten bestellt.

Anfangs ließ Herr Dr. Bürstenfeger wortlos den Schwall über sich ergehen. Dann aber wehrte er mit den Händen ab und floh nach dem Urwald.

Aber als er nach Hause zurückkehrte, umging er das Dorf. —

Zweimal in der Woche war es Carlos und Nicolás erlaubt, allein auszureiten. Herr Dr. Bürstenfeger erlaubte es, weil die Gegend sicher war, von den friedlichen Guarangsindianern war keine Gefahr zu erwarten.

Auf ihren mageren, struppigen Pferden schlugen die Knaben am liebsten die Richtung dahin ein, wo bald nach dem Urwald die Steppe begann.

Da konnten sie lange Galopp reiten, und es erinnerte sie an die Pampas in Argentinien. Nur erhoben sich hier von Zeit zu Zeit kleine Palmenhaine. Die Palmen aber standen nicht dicht beieinander, sondern so, daß die Sonne breit hineinfluten konnte.

Sie ritten, bis der Urwald ein schwarzer Streifen am Horizont war, stiegen von den Pferden und legten sich ins Gras, wie sie es oft auf ihrem Gute getan hatten, und lauschten in die Stille hinein; eine Heuschrecke klapperte, irgendwo sang ein Vogel. Diese Geräusche und die Hitze des Tages wiegte sie in Halbschlaf ein.

Carlos träumte, er jage hinter Straußen, dann träumte er, daß er mit den wilden Tobasindianern kämpfe. Plötzlich erwachte er. Er rieb sich die Augen, und es war seltsam, was er eben geträumt hatte, sah er deutlich aber regungslos in die Wolken gezeichnet, die über dem Horizonte lagerten, und je länger er hinstarrte, um so lebendiger wurde das Bild. Er schloß die Augen und sah es langsam vergehen, er öffnete sie, und das Bild schwebte über dem Horizonte. —

Eines Tages, als Carlos und Nicolás in den Urwald ausritten, begegneten sie einem kleinen Indianer. Er hielt eine große bunte Schlange, die er eben getötet hatte, auf einem Stocke.

Illustration from Carlos und Nicolás

Carlos fragte, ob er sie verkaufen oder gegen irgend etwas vertauschen wollte.

Da er nickte, sie aber kein Geld hatten, sprang er vom Pferd und gab ihm eine Satteldecke dafür.

Auf dem Heimritt beschlossen sie, eine Schlangensammlung zu machen.

Sie verschafften sich Flaschen, denen sie die Köpfe abschlugen, und füllten sie mit Spiritus.

Einen Teil ihrer Mußestunden aber verbrachten sie damit, Schlangen aufzustöbern, die sie töteten, in die Flaschen taten und sorgfältig in ihrem Kleiderschrank verschlossen, weil sie wußten, welchen Abscheu Herr Dr. Bürstenfeger vor diesen Reptilien hatte.

Aber das Unglück wollte es, daß einmal der Schrank aufblieb und Herr Dr. Bürstenfeger hineinsah und mit einer Miene, als blicke er in Blaubarts Kammer.

Er strafte sie aber nicht, er war nur sehr blaß und sagte: „Karl und Nikolaus, ihr habt mich unendlich betrübt!“

Carlos und Nicolás gelobten ihm unter Tränen, nie mehr eine Schlange zu fangen, flehten ihn aber an, diese behalten zu dürfen, da sie ja tot seien und dabei so wunderbar schöne Tiere.

Diese letztere Bemerkung erregte in Herrn Dr. Bürstenfeger wieder ein Gefühl des Grausens. Mit großem Nachdruck erwiderte er: „Daß ihr nie mehr welche fangen werdet, weiß ich — im übrigen habe ich euch nichts mehr zu sagen!“

Damit entfernte er sich.

Seine Unterhaltung mit den Knaben beschränkte sich von nun an auf das Allernotwendigste; er hatte durch Zenobia in Erfahrung gebracht, daß die Schlangen noch immer im Schrank seien.

In der Schule sagte er mit höchst betrübtem Tonfall: „Jetzt gehen wir zum Kopfrechnen über“, oder „Karl, schlag deine Grammatik auf!“

Und das trieb er so lange, bis Carlos und Nicolás es nicht mehr ertragen konnten und die Schlangen vergruben.

Herr Dr. Bürstenfeger zuckte mit keiner Miene, als er es erfuhr. Abends aber, als sie zu Bett gegangen waren, gab er ihnen mit ungleich mehr Herzlichkeit, als in den letzten Tagen, den Gutenachtkuß. —

Eines Vormittags während der großen Pause saßen Carlos und Nicolás rechts und links von Tia Lolita unter dem Bananenbaum vor dem Hause.

Carlos hatte ihr die Zöpfe aufgeflochten und das Haar auf die Schultern gelegt, daß auch ihr Gesicht umrahmt war. So fand er sie noch viel schöner als gewöhnlich und nannte sie Genovefa.

„Du siehst wie Sneewittchen aus,“ sagte Nicolás, „das war die schönste Königstochter.“

Tia Lolita lachte: „Ich kann doch nicht Sneewittchen gleichen; ihr Haar war doch so schwarz wie Ebenholz, und ich bin blond!“

„Aber der Gänsemagd gleichst du“, meinte er.

Herr Dr. Bürstenfeger kam vorbei. Er blieb stehen und starrte Tia Lolita an.

„Mit einer Gänsemagd vergleicht Nicolás mich, was meinen Sie dazu, Herr Dr. Bürstenfeger?“ sagte sie und stellte sich gekränkt.

„Oh, oh!“ meinte Herr Dr. Bürstenfeger, fand aber keine Worte mehr, er schien verwirrt.

Nicolás war geärgert: „Ich meine doch nicht eine gewöhnliche Gänsemagd, sondern die Gänsemagd, die in Wirklichkeit eine Königstochter war, ihr Haar war eitel Gold, und sie mußte mit Kurtchen die Gänse hüten.“

Mit dieser Erklärung war Tia Lolita zufrieden, sie gab Nicolás einen Kuß, und er schmiegte seinen Kopf an ihre Schulter.

Herr Dr. Bürstenfeger machte ganz unwillkürlich eine rasche Bewegung und ging weiter. Dann begab er sich hinauf in den Salon, setzte sich ans Klavier und phantasierte.

Tia Lolita und Carlos und Nicolás lauschten, ohne ein Wort zu sprechen.

Carlos sagte: „Wie schön spielt doch Herr Dr. Bürstenfeger!“

„Sehr schön spielt er“, antwortete sie aufrichtig. —

Einige Tage später hatten die Landbewohner Tanz weiter draußen unter einem uralten Baum.

Ein alter Indianer spielte die Gitarre und sang leise dazu.

Es war Mondnacht, und die jungen Indianerinnen tanzten. Sie hatten feine, schmale Gesichter und große, dunkle Augen. Die dicken Haarflechten fielen auf die braunen nackten Schultern. Sie trugen weiße Leinenhemden und weiße Sommerröcke, eine Korallenkette um den Hals und sämtliche Finger mit Ringen geschmückt.

Der Duft der Orangenblüte wehte herüber.

Tia Lolita schwatzte mit Herrn Dr. Bürstenfeger. In einem Anfall von Laune lachte sie ihm zu und neckte ihn harmlos.

Herr Dr. Bürstenfeger starrte sie wortlos an mit klopfendem Herzen.

„Wollen wir auch einmal tanzen!“ sagte sie.

„Ja, ja ...!“ stammelte Herr Dr. Bürstenfeger; er wußte selbst nicht recht, was er sagte.

Und sie tanzten. —

Als Carlos und Nicolás im Begriff waren, zu Bett zu gehen, ging Herr Dr. Bürstenfeger nebenan in seinem Zimmer langsam auf und ab und murmelte leise etwas vor sich hin.

Plötzlich blieb er stehen, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte: „Ich liebe dich, Lolita ... sei mein Weib, ich liebe dich mit meiner ganzen Seele!“

Carlos und Nicolás hörten das, und maßloses Erstaunen ergriff sie.

Sie saßen sprachlos auf ihren Stühlen und konnten es lange nicht fassen.

... Seine Frau sollte sie werden, Tia Lolita! Aber armer Herr Dr. Bürstenfeger!!

Sie waren von tiefem Mitleid mit ihm erfüllt, waren aber weit entfernt, den Umfang seines Schmerzes zu ehren.

Tia Lolita würde ja den Prinzen heiraten, mit ihm auf sein Schloß ziehen und die schönste Königin der Welt werden. Niemals würde sie Herrn Dr. Bürstenfeger heiraten! ...

Am nächsten Tag während des Unterrichts war der Lehrer sehr seltsam, er hörte kaum auf die Antworten, die Carlos und Nicolás gaben.

Ein dunkles Gefühl sagte ihnen, er wisse, daß sie den Prinzen heiraten werde, und darüber sei er so traurig.

Abends bei anbrechender Dunkelheit saßen sie mit Tia Lolita in ihrem Zimmer am offenen Fenster.

„Wirst du den Prinzen heiraten?“ fragte Carlos.

„Gewiß“, antwortete sie.

„Armer Herr Dr. Bürstenfeger!“

Tia Lolita lachte.

Was sich gestern ereignet hatte, hatten sie ihr arglos erzählt. Anfangs war sie betroffen gewesen und dann aufs höchste belustigt.

Da, unten im Garten, kam Herr Dr. Bürstenfeger daher.

Er ging, den Kopf zu Boden gerichtet, und bewegte die Hände, wie im Selbstgespräch.

Er ging zur Bank und setzte sich.

Ganz deutlich hörten sie, wie er leise sagte: „Lolita!“

Carlos ahnte nicht, was in Herrn Dr. Bürstenfeger vorging; aber ein Mitleid ergriff ihn, unbestimmt, doch übergewaltig.

Er lief die Treppe herab, zum Garten hinaus, Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen: „Armer Herr Dr. Bürstenfeger!“

Aufs höchste betroffen, sah ihn der Lehrer an.

„Armer Herr Dr. Bürstenfeger, sie wird ja den Prinzen heiraten!“

Oben am Fenster war Bewegung.

Herr Dr. Bürstenfeger sah hinauf und sah Tia Lolita dort sitzen.

Da erkannte er, daß er belauscht worden war, und erhob sich jäh, während ihm das Blut ins Gesicht strömte.

Dann aber fiel er zurück, ließ den Kopf sinken und begann zu schluchzen, aufgelöst in wahnsinnige Beschämung.

Carlos stand da, sah ihn an und begriff das große Rätsel nicht.

Plötzlich aber fiel er ihm um den Hals und brach ebenfalls in Schluchzen aus.

Aus den Urwäldern aber ertönte laut das Konzert der Brüllaffen.

Die Revolution

Ein paar Jahre waren vergangen.

Man wohnte seit einigen Wochen in der Stadt, da die Villa restauriert wurde.

In zehn Tagen aber sollten Carlos und Nicolás mit Herrn Dr. Bürstenfeger nach Europa reisen.

Carlos wurde nächstens zehn Jahre. Sie waren in ihrem Unterricht so weit, daß sie in die erste Klasse des Gymnasiums eintreten konnten, und es war dafür eine kleine Stadt irgendwo in Deutschland bestimmt worden.

Nach Europa! jauchzten Carlos und Nicolás, das war endlich einmal eine weite Reise. Übers Meer reiste man, wo die Wellen wie Berge waren. Man sah Walfische und Haifische. Man erlebte vielleicht auch Schiffbruch, man strandete auf einer einsamen Insel und nährte sich von Gräsern und Kräutern, bis die Vorräte des Wracks ans Land geschafft waren. Dann kam ein Schiff vorbei, Carlos und Nicolás würden die Hemden ausziehen und damit winken, und dann würden sie endlich nach Europa kommen und eine herrliche Robinsongeschichte erlebt haben.

In Europa aber versank man bis zum Hals in den Schnee, wenn man auf den Straßen ging. Das erschien ihnen lustig. Dann waren auch dort die großen Schlittenfahrten. Sechs Pferde waren vor die Schlitten gespannt, und in Karriere ging es über Berge und Täler und durch den Wald. Oft verfolgten sie Wölfe.

In der Schule war es schön. Man ging mit einem Tornister auf dem Rücken dahin, und um zehn Uhr war Picknick, das mußte man sich von zu Hause mitnehmen.

Die Schule fand in einem großen Saale statt, darin wimmelte es von Schülern. Der Lehrer sprach mit lauter Stimme, alle lauschten, und jeder wollte der Beste sein. Wenn man so allein zu zweit im Hause Schule hatte, war man lange nicht so ehrgeizig.

So war es in Europa! Carlos und Nicolás wußten es, obgleich Herr Dr. Bürstenfeger es nur zum Teil so dargestellt hatte. —

Heute aber saßen sie noch in Buenos Aires im Spielzimmer und stellten eine Liste auf von den Knaben und Mädchen, die sie für übermorgen einladen wollten, zu Carlos’ Geburtstag.

Carlos wollte, daß auch sein bester Freund dabei sein sollte, ein Junge in seinem Alter, der auf einem lahmen Schimmel ritt mit einem Schafspelz als Sattel, und dessen Vater Knecht bei den Schlächtereien in Barracas war.

Herr Dr. Bürstenfeger aber fand es durchaus nicht statthaft, und so verließen denn die drei das Haus, ohne daß Carlos’ Wunsch willfahrt worden wäre, um die Einladungen zu besorgen.

Zuerst gingen sie zu Aguieres, die nicht weit von ihnen wohnten.

Sie wurden zum älteren Bruder des Freundes, der zwanzig Jahre alt war und einen Schnurrbart hatte, ins Zimmer gebeten.

Er saß vor einem großen Schreibtisch, auf dem ein Haufen Papiere lagen, schien nachdenklich und besorgt und versprach zerstreut, daß sein kleinerer Bruder, der augenblicklich noch in der Schule sei, zu Carlos’ Geburtstag kommen werde. Dann schrieb er sich das auf einen Zettel auf.

Im Sagnan begegneten Herr Dr. Bürstenfeger und die Knaben der Mama, einer Dame aus den nördlichen Provinzen mit mattem Teint und großen, sanften Augen. Sie gab den Knaben einen Kuß und bestätigte die Erlaubnis.

An Carlos’ Geburtstag erwachten die Knaben ganz in der Frühe. Im Dämmerlicht sahen sie die vor den Betten aufgestellten Geschenke.

Nicolás wurde ebenfalls zu Carlos’ Geburtstag beschenkt, weil der seine kurz nach Weihnachten fiel.

Auf einer großen Kiste lag ein Zettel, darauf zu lesen stand: Von Herrn Dr. Bürstenfeger.

Nachdem sie von den übrigen Sachen fieberhaft Kenntnis genommen hatten, eilte Carlos im Hemd nach der Küche und holte ein Brecheisen, um die Kiste zu öffnen.

Darin fanden sie eine Pappschachtel, die beinahe die ganze Kiste einnahm. Als sie diese öffneten, fanden sie wieder eine Schachtel darin, und in dieser ein Paket. Es war aber kein Paket, sondern zusammengeknülltes Zeitungspapier.

Wie sie bereits verzagen wollten, stießen sie auf einen großen Zettel, auf dem zu lesen stand:

„Diese Kiste mit allem, was darin ist, nennt man bei uns einen Julklapp.“

Unzufrieden mit dieser Erklärung, suchten sie jetzt ohne alle Hoffnung weiter, fanden aber zuletzt, in braunes Papier eingewickelt, zwei schöne Bücher als Geschenk, in die Herr Dr. Bürstenfeger eine herzliche Widmung geschrieben hatte.

Carlos und Nicolás zogen sich an und gingen ins Spielzimmer; es war noch ganz still im Hause.

Auch draußen war es still, die Tramways fuhren noch nicht, nur ein Bäckergeselle ritt auf seinem Maultier pfeifend die Straße herab.

Carlos und Nicolás hatten eine Menge Bleisoldaten erhalten, die wurden ihren Armeen einverleibt. Dann zogen sie einen Kreidestrich mitten über den großen Tisch, die Kanonen wurden mit Erbsen geladen, und die Schlacht begann.

Unten auf der Straße aber ertönte gedämpfter Trommelschlag, die Knaben sprangen zum Balkon, ein Bataillon Infanterie zog vorüber.

Inzwischen war es ganz hell geworden, die Dienstboten waren aufgestanden.

An der Straßenecke stand ein Trupp Leute, ein Stück weiter wieder einer.

Eine Schwadron Polizei mit Gewehren ritt im Trabe vorbei, von einigen Neugierigen gefolgt.

Immer noch fuhren die Tramways nicht ...

Herr Dr. Bürstenfeger war mittlerweile aufgestanden. Er beglückwünschte Carlos zu seinem Geburtstag, die Knaben dankten für das schöne Geschenk; darauf gingen sie ins Eßzimmer, um zu frühstücken.

Auf dem Gang hörten sie die Köchin laut und aufgeregt sprechen.

Herr Dr. Bürstenfeger stand auf, um zu hören, was geschehen war.

Ganz aufgelöst erzählte sie, man hätte sie nicht auf den Markt gelangen lassen, die Plaza sei mit Militär besetzt, Kanonen stünden dort, das Pflaster sei ausgehoben.

„Revolution!“ sagte Mauricio, der Diener aus Galicien.

„Waas ...!“ entgegnete Herr Dr. Bürstenfeger.

„Das ist die Revolution!“ riefen Carlos und Nicolás und stürmten nach dem Balkon.

Auf der Plaza aber krachte eine Salve, daß die Fenster klirrten; das war der Beginn. —

Es dauerte eine geraume Weile, bis Herr Dr. Bürstenfeger sich von seinem ersten großen Schreck erholt hatte, sofort aber nahm er die Knaben unter seine Obhut.

„Die Revolution, die Revolution!“ schrieen Carlos und Nicolás und waren ganz außer sich.

Herr Dr. Bürstenfeger beschwor sie, zu schweigen, und faßte sie dann streng an beide Hände.

Darauf befahl er Mauricio, alle Fenster, die auf sein sollten, zu schließen.

Um nun kümmerlich sehen zu können, was auf der eigenen Straße geschah, mußte man auf Stühle steigen.

Von Zeit zu Zeit ertönte von der nahen Plaza wieder eine Salve.

Aber auch in anderen Teilen der Stadt begann es lebendig zu werden; Bürger stiegen bewaffnet auf die flachen Dächer ihrer Häuser, aus Fenstern und Balkonen wurde geschossen.

Mit anbrechender Dunkelheit aber wurde es allmählich überall still.

Losgelöste Rotten durchzogen schreiend die Straßen.

Man verriegelte die Häuser, um sich gegen Einbrecher zu schützen.

Auch bei Carlos und Nicolás wurde das Tor sorgfältig geschlossen, und Herr Dr. Bürstenfeger ging hinunter, um sich davon zu überzeugen. —

Als die Knaben zu Bett gegangen waren, unterhielten sie sich noch lange über die Lage.

Es waren Flugschriften von der Regierung und auch von der Revolutionspartei herausgegeben worden, die vom Gange der Ereignisse berichteten.

Herr Dr. Bürstenfeger und der Papa hatten heute bei Tische darüber gesprochen, und Carlos und Nicolás versuchten, sich davon ein Bild zu machen: sie waren sich klar, der Präsident hatte viel gestohlen, und wer ein guter Argentinier war, mußte Revolution machen.

Gewiß wollten Carlos und Nicolás sich Mühe geben, gute Deutsche zu sein, aber sie wollten auch gute Argentinier bleiben.

„Weißt du was!“ sagte Carlos. „Sollte der Präsident daran sein, zu gewinnen, so ziehen wir beide auch in die Revolution, und alle unsere Freunde müssen mit. Auf unseren Ponys reiten wir einher und helfen den Präsidenten schlagen.“

Mit diesem Entschlusse schliefen sie beruhigt ein ...

Bei anbrechendem Tage wurden sie durch lautes und ununterbrochenes Schießen geweckt. Auch auf nahen Straßen schoß man.

Ein Bataillon Infanterie zog unten auf der Straße mit aufgepflanztem Bajonett nach der Plaza, ohne Trommelschlag.

Gleich würden sie dort sein. Carlos und Nicolás erschauerten.

Wenige Minuten, und eine neue, das allgemeine Krachen übertönende Salve erfolgte.

Das war der Empfang.

„Mein Gott!“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger und entfärbte sich.

Wieder zog eine Rotte schreiender Menschen vorüber, mit Stößen von Flugblättern beladen.

Sie türmten sie zu Bergen auf und verbrannten sie.

Dabei brüllten sie: „Viva la revolucion!“

„Viva la revolucion!“ schrien Carlos und Nicolás, von Begeisterung ergriffen.

„Schweigt, um Himmels willen,“ rief Herr Dr. Bürstenfeger; „enthaltet euch jeder Meinungsäußerung!“

Illustration from Carlos und Nicolás

Gegen Mittag erschien das Geschwader, das eine Tagreise südlich von Buenos Aires stationiert hatte. Es kam den Revolutionären zu Hilfe.

Und jetzt begann von dorther ein Bombardement auf die Stadt.

Die weiblichen Dienstboten hatten sich schreiend in die Küche geflüchtet, denn schon eines der ersten Geschosse war nicht sehr weit vom Hause geplatzt.

Die Eltern, Carlos und Nicolás und Herr Dr. Bürstenfeger saßen zusammen im Eßzimmer.

„Recht töricht,“ meinte der Papa, „jetzt gilt ja Freund und Feind gleich.“

„Büberei!“ hauchte Herr Dr. Bürstenfeger, er war kreidebleich.

„Wenn wir aufs Dach stiegen, könnten wir alles sehen“, sagte Carlos zu Nicolás.

Niemand hatte es gehört. Die Mama stand bei der Tür, Herr Dr. Bürstenfeger war ganz aufgelöst, der Papa sprach über die Aussichten der Revolution.

Die Knaben stiegen die Treppe zum flachen Dach hinauf.

Die fünf Panzer des Geschwaders standen etwa einen Kilometer entfernt in Schlachtlinie.

Sie schossen abwechselnd.

„Klingt es nicht wie eine Eisenbahn, die vorübersaust?“ sagte Carlos zu Nicolás, wenn eine Bombe vorbeiflog.

... Plötzlich stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihnen.

„Karl und Nikol...!“ mehr brachte er nicht heraus. Aschfahl war er im Gesicht. Er packte jeden an einem Arm, und seine Hände waren wie Schraubstöcke.

Ohne ein Wort zu sagen, stieg er mit ihnen die Treppe hinab und brachte sie zu Papa und Mama.

Die ganze Zeit hielt jetzt Herr Dr. Bürstenfeger die Hände der Knaben erfaßt.

Das Bombardement dauerte fort.

„Herr Dr. Bürstenfeger,“ flehten sie, „lassen Sie unsere Hände los!“

„Nein“, sagte er.

„Wir bitten Sie, Herr Dr. Bürstenfeger!“

Er ließ sie los.

„Wir möchten ins Spielzimmer“, sagten sie und standen auf.

Herr Dr. Bürstenfeger folgte ihnen.

Sie stellten ihre Bleisoldaten auf, schossen mit Erbsen und spielten Revolution. Jeder von ihnen war die Revolutionspartei. Sie vergaßen sich ganz und rückten einander auf den Leib.

„Haltet ein!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff sie bei den Armen. Dann legte er seine Hände auf ihre Schultern und sagte emphatisch: „Karl und Nikolaus!“ und nun zeigte er mit einer raschen Bewegung nach draußen, „euren braven Eltern und dann mir habt ihr es zu verdanken, daß ihr nicht werdet, wie jene bübischen ... dort ...“

Bei diesen letzten Worten platzte nicht weit eine Bombe, daß die Scheiben barsten.

Carlos und Nicolás aber, sinnlos vor Aufregung, sprangen zum Fenster, rissen es auf und sahen einige Häuser weiter eine große rote Wolke Ziegelstaubes aufsteigen — dort, wo die Bombe geplatzt war ...

Was in den nächsten drei Stunden vorging, sahen Carlos und Nicolás nicht.

Herr Dr. Bürstenfeger hatte sie ins Schulzimmer eingesperrt, das hinten auf den Hof hinausging; er war ganz ratlos.

Sie sahen nicht, wie der ältere Bruder ihres Freundes, der zwanzigjährige Augiere, der, so jung er auch war, zu den Häuptern der Revolution gehörte, von vier bewaffneten jungen Bürgern auf einer Bahre am Hause vorbeigetragen wurde.

Er war von einer Kugel unterhalb der Brust getroffen worden, und man brachte ihn, weil er es wünschte, zu seiner Mutter nach Hause. Er würde wohl heute noch sterben.

Sie hörten nur das Sausen und Krachen der Bomben.

Herr Dr. Bürstenfeger aber saß, ohne daß die Knaben es wußten, draußen bei der Tür.

Er wollte nahe bei ihnen sein in diesen gefährlichen Stunden, kein Vorwurf sollte ihn treffen ...

Gegen Abend hörte das Bombardement auf, und auch auf Plätzen und Straßen wurde es ruhiger.

Herr Dr. Bürstenfeger entließ sie aus ihrer Haft.

Als sie einige Augenblicke später im Eßzimmer auf den Stühlen standen und auf die Straße herabsahen, kam ein langer Zug Karren vorbeigefahren. Leichen von Soldaten, Polizisten und Bürgern lagen darauf gehäuft.

Nicolás wandte sich ab, Carlos aber blickte wie festgebannt hin, und da sah er, wie in diesem Haufen sich Arme und Beine bewegten, es waren noch Verwundete darunter.

Von Schauder und Angst ergriffen, floh er in sein Zimmer und vergrub sein Gesicht in die Kissen.

Den Plan, der Revolution zu Hilfe zu kommen, falls der Präsident siegen sollte, hatten sie jetzt plötzlich ganz fallen gelassen ...

Als sie nachts im Bett lagen — sie konnten lange vor Aufregung nicht einschlafen —, klopfte es mit einem Mal laut an die Haustür, es war gegen zwölf Uhr.

Carlos fuhr auf.

„Öffnen, öffnen, um Gottes willen, öffnen!“ rief jemand unten.

Carlos sprang aus dem Bett und eilte in Herrn Dr. Bürstenfegers Zimmer.

„Herr Dr. Bürstenfeger, jemand klopft unten und verlangt herein!“

Der Hauslehrer saß aufrecht in seinem Bett, stierte ihn an und antwortete nicht.

Carlos lief ins Zimmer seines Vaters:

„An der Haustür klopft jemand und bittet por el amor de Dios, daß man ihn hereinläßt!“

Der Papa stand auf und ging ans Fenster.

Unten stand ein Polizist, über und über mit Kot bedeckt, ganz verstört.

Der Papa schlüpfte in seine Beinkleider und zog den Rock an.

Draußen war Herr Dr. Bürstenfeger.

„Wir müssen ihm öffnen!“ meinte der Lehrer düster.

Beide gingen, von Carlos und Nicolás gefolgt, hinunter.

Der Polizist trat schnell in die geöffnete Tür, sein linker Arm blutete.

Er hatte einen Streifschuß bekommen.

Man führte ihn in die Küche, weckte den Diener und verband seinen Arm.

Armer Gallego! dachten Carlos und Nicolás, von Mitleid erfüllt.

Es war ein spanischer Galicier, einer der vielen eingewanderten armen Teufel, die sich mit der ersten besten Anstellung zufriedengeben mußten.

„Man schießt auf uns, von den Dächern, zu dieser Zeit noch. Wie Fliegen tötet man uns, ich bin der letzte der Patrouille!“ sagte er.

Sein angstverstörtes Gesicht war auf Herrn Dr. Bürstenfeger gerichtet.

Er bat, man möchte ihm die glänzenden Knöpfe seiner Uniform abschneiden, damit er nicht auf den ersten Blick kenntlich sei.

Carlos und Nicolás holten zwei Messer aus der Schublade und machten sich sofort daran.

„Legen Sie auch Ihr Käppi ab,“ sagte Nicolás, „und setzen Sie einen alten Hut von Papa auf, so glaubt jeder, Sie seien ein Zivilist!“

Der Polizist sah Nicolás einen Augenblick an, als leuchte ihm dieser Vorschlag ein.

Dann aber meinte er kläglich: „Nein, das geht doch nicht ... ich darf nicht ... die Knöpfe höchstens.“

Man hatte ihm Wein gebracht, er trank drei Gläser.

Nach einer halben Stunde aber sagte er, er müsse fort, er dürfe nicht länger bleiben.

Er konnte sich anfangs kaum auf den Beinen halten: die Wirkung des Weines, die durchwachten Nächte und die Angst.

Der Diener begleitete ihn hinunter und öffnete ihm.

Nicolás sagte: „Armer Polizist, ich habe so große Furcht, daß man ihn tötet.“

Er aber huschte an den Häusern entlang, sah manchmal verstohlen in die Höhe, ob nicht jemand herunterziele, und verschwand dann um die Straßenecke ...

Als Carlos und Nicolás am Morgen erwachten, hörten sie unten auf der Straße die Trambahn fahren, der Kutscher stieß in sein Horn, es waren die ausgelassensten Melodien; polternd fuhren die Karren. Auf ihren kleinen dickbäuchigen Pferden ritten die Milchmänner. Man hörte das Klatschen der Milch in ihren Blecheimern.

Carlos öffnete das Fenster.

„Nicolás,“ rief er seinem Bruder zu, der eben erwachte, „die Revolution ist zu Ende, glaube ich!“ ...

„Wir haben Frieden“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, als die Knaben zum Frühstück erschienen. „Gott sei Dank, Frieden ... Karl und Nikolaus, jetzt dürft ihr wieder ungehindert auf den Balkon!“

In dem Augenblick zog unten eine Rotte Menschen vorbei. Sie schrien: „Fort ist sie, fort ist die Canaille!“

Damit war der Präsident gemeint, er war gestürzt; gestern war er fort nach Paris mit einigen Millionen.

„Fort ist sie, fort ist die Canaille!“ Der Jubel griff um sich, alles Volk stimmte mit ein.

Acht Tage später reisten Carlos und Nicolás nach Europa ...

Sie waren im Zimmer ihrer Mutter und sagten ihr Adieu.

Sie wollte nicht mit aufs Schiff, um nicht die Qual des Abschieds zu verlängern.

Der Papa aber würde die Knaben bis nach Montevideo begleiten.

Sie weinte, Carlos und Nicolás weinten.

„Nicht wahr, du besuchst uns bald!“ Nicolás hielt die Mama umarmt.

„In einem Jahr reise ich hinüber“, schluchzte sie.

Plötzlich begann Carlos laut zu heulen: „Ich will nicht nach Europa, ich will bei dir bleiben!“

Und Nicolás heulte: „Ich will auch nicht nach Europa, ich will bei dir bleiben!“

Draußen aber stand Herr Dr. Bürstenfeger mit seiner Reisetasche, auf der Veilchen und Rosen gestickt waren, die Uhr in der Hand.

Eine Viertelstunde später fuhren die drei an der Calle Horida vorbei.

Carlos wandte sich dreimal schnell nach der großen Holzflasche um und dachte schluchzend: Wann werde ich die wiedersehen?! ...

Auf der Landungsbrücke wartete der Papa.

Die Knaben fielen ihm um den Hals: „Nicht wahr, bis nach Montevideo begleitest du uns ...?!“

„Ja, meine lieben Jungens“, sagte er und wischte sich eine Träne ab, die ihm über die Backe lief.

Notes in this chapter

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