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Buddenbrooks

Siebenter Teil

Reading edition

Erstes Kapitel

Taufe!… Taufe in der Breiten Straße!

Alles ist vorhanden, was Mme. Permaneder in Tagen der Hoffnung träumend vor Augen sah, alles: Denn im Eßzimmer am Tische – behutsam und ohne Geklapper, das drüben im Saale die Feier stören würde – füllt das Folgmädchen Schlagsahne in viele Tassen mit kochend heißer Schokolade, die dicht gedrängt auf einem ungeheuren runden Teebrett mit vergoldeten, muschelförmigen Griffen beieinander stehen … während der Diener Anton einen ragenden Baumkuchen in Stücke schneidet und Mamsell Jungmann Konfekt und frische Blumen in silbernen Dessertschüsseln ordnet, wobei sie prüfend den Kopf auf die Schulter legt und die beiden kleinen Finger weit von den übrigen entfernt hält …

Nicht lange, und alle diese Herrlichkeiten werden, wenn die Herrschaften sich's im Wohnzimmer und Salon bequem gemacht haben, umhergereicht werden, und hoffentlich werden sie ausreichen, denn es ist die Familie im weiteren Sinne versammelt, wenn auch nicht geradezu im weitesten, denn durch die Överdiecks ist man auch mit den Kistenmakers ein wenig verwandt, durch diese mit den Möllendorpfs und so fort. Es wäre unmöglich, eine Grenze zu ziehen!… Die Överdiecks aber sind vertreten, und zwar durch das Haupt, den mehr als achtzigjährigen Doktor Kaspar Överdieck, regierender Bürgermeister.

Er ist zu Wagen gekommen und, gestützt auf seinen Krückstock und den Arm Thomas Buddenbrooks, die Treppe heraufgestiegen. Seine Anwesenheit erhöht die Würde der Feier … und ohne Zweifel: Diese Feier ist aller Würde würdig!

Denn dort im Saale, vor einem als Altar verkleideten, mit Blumen geschmückten Tischchen, hinter dem in schwarzem Ornat und schneeweißer, gestärkter, mühlsteinartiger Halskrause ein junger Geistlicher spricht, hält eine reich in Rot und Gold gekleidete, große, stämmige, sorgfältig genährte Person ein kleines, unter Spitzen und Atlasschleifen verschwindendes Etwas auf ihren schwellenden Armen … ein Erbe! Ein Stammhalter! Ein Buddenbrook! Begreift man, was das bedeutet?

Begreift man das stille Entzücken, mit dem die Kunde, als das erste, leise, ahnende Wort gefallen, von der Breiten in die Mengstraße getragen worden? Den stummen Enthusiasmus, mit dem Frau Permaneder bei dieser Nachricht ihre Mutter, ihren Bruder und – behutsamer – ihre Schwägerin umarmt hat? Und nun, da der Frühling gekommen, der Frühling des Jahres einundsechzig, nun ist er da und empfängt das Sakrament der heiligen Taufe, er, auf dem längst so viele Hoffnungen ruhen, von dem längst so viel gesprochen, der seit langen Jahren erwartet, ersehnt worden, den man von Gott erbeten und um den man Doktor Grabow gequält hat … er ist da und sieht ganz unscheinbar aus.

Die kleinen Hände spielen mit den Goldlitzen an der Taille der Amme, und der Kopf, der mit einem hellblau garnierten Spitzenhäubchen bedeckt ist, liegt ein wenig seitwärts und unachtsam vom Pastor abgewandt, auf dem Kissen, so daß die Augen mit einem beinahe altklug prüfenden Blinzeln in den Saal hinein und auf die Verwandten blicken. In diesen Augen, deren obere Lider sehr lange Wimpern haben, ist das Hellblau der väterlichen und das Braun der mütterlichen Iris zu einem lichten, unbestimmten, nach der Beleuchtung wechselnden Goldbraun geworden; die Winkel aber zu beiden Seiten der Nasenwurzel sind tief und liegen in bläulichem Schatten. Das gibt diesem Gesichtchen, das noch kaum eines ist, etwas vorzeitig Charakteristisches und kleidet ein vier Wochen altes nicht zum besten; aber Gott wird geben, daß es nichts Ungünstiges bedeutet, denn auch bei der Mutter, die doch wohlauf ist, verhält es sich so … und gleichviel: er lebt, und daß es ein Knabe ist, das war vor vier Wochen die eigentliche Freude.

Er lebt, und es könnte anders sein. Der Konsul wird niemals den Händedruck vergessen, mit dem der gute Doktor Grabow, als er vor vier Wochen Mutter und Kind verlassen konnte, zu ihm gesagt hat: »Seien Sie dankbar, lieber Freund, es hätte nicht viel gefehlt …« Der Konsul hat nicht zu fragen gewagt, woran nicht viel gefehlt hätte. Er weist den Gedanken, daß es mit diesem lange vergebens ersehnten, winzigen Geschöpfe, das so sonderbar lautlos zur Welt kam, beinahe gegangen wäre wie mit Antoniens zweitem Töchterchen, mit Entsetzen von sich … Aber er weiß, daß es für Mutter und Kind eine verzweifelte Stunde gewesen ist, vor vier Wochen, und er beugt sich glücklich und zärtlich zu Gerda nieder, welche, die Lackschuhe auf einem Sammetkissen gekreuzt, vor ihm und neben der alten Konsulin in einem Armsessel lehnt.

Wie bleich sie noch ist! Und wie fremdartig schön in ihrer Blässe, mit ihrem schweren, dunkelroten Haar und ihren rätselhaften Augen, die mit einer gewissen verschleierten Moquerie auf dem Prediger ruhen. Es ist Herr Andreas Pringsheim, pastor marianus, der nach des alten Kölling plötzlichem Tode in jungen Jahren schon zum Hauptpastor aufgerückt ist. Er hält die Hände inbrünstig, dicht unter dem erhobenen Kinn gefaltet. Er hat blondes, kurzgelocktes Haar und ein knochiges, glattrasiertes Gesicht, dessen Mimik zwischen fanatischem Ernst und heller Verklärung wechselt und ein wenig theatralisch erscheint. Er stammt aus Franken, woselbst er während einiger Jahre inmitten von lauter Katholiken eine kleine lutherische Gemeinde gehütet hat, und sein Dialekt ist unter dem Streben nach reiner und pathetischer Aussprache zu einer völlig eigenartigen Redeweise, mit langen und dunklen oder jäh akzentuierten Vokalen und einem an den Zähnen rollenden r geworden …

Er lobt Gott mit leiser, schwellender oder starker Stimme, und die Familie hört ihm zu: Frau Permaneder, gehüllt in würdevollen Ernst, der ihr Entzücken und ihren Stolz verbirgt; Erika Grünlich, nun schon fast fünfzehnjährig, ein kräftiges, junges Mädchen mit aufgestecktem Zopf und dem rosigen Teint ihres Vaters, und Christian, der heute morgen von Hamburg eingetroffen ist und seine tiefliegenden Augen von einer zur anderen Seite schweifen läßt … Pastor Tiburtius und seine Gattin haben die Reise von Riga nicht gescheut, um bei der Feier zugegen sein zu können: Sievert Tiburtius, der die Enden seines langen, dünnen Backenbartes über beide Schultern gelegt hat, und dessen kleine, graue Augen sich hie und da in ungeahnter Weise erweitern, größer und größer werden, hervorquellen, beinahe herausspringen … und Klara, die dunkel, ernst und streng dareinblickt und manchmal eine Hand zum Kopfe führt, denn dort schmerzt es … Übrigens haben sie den Buddenbrooks ein prachtvolles Geschenk mitgebracht: einen mächtigen, aufrechten, ausgestopften, braunen Bären mit offenem Rachen, den ein Verwandter des Pastors irgendwo im inneren Rußland geschossen, und der jetzt, eine Visitenkartenschale zwischen den Tatzen, drunten auf dem Vorplatz steht.

Krögers haben ihren Jürgen zu Besuch, den Postbeamten aus Rostock: ein einfach gekleideter, stiller Mensch. Wo Jakob sich aufhält, weiß niemand außer seiner Mutter, der geborenen Överdieck, der schwachen Frau, die heimlich Silberzeug verkauft, um dem Enterbten Geld zu senden … Auch die Damen Buddenbrook sind anwesend, und sie sind tief erfreut über das glückliche Familienereignis, was aber Pfiffi nicht gehindert hat, zu bemerken, das Kind sehe ziemlich ungesund aus; und das haben die Konsulin, geborene Stüwing, sowohl wie Friederike und Henriette leider bestätigen müssen. Die arme Klothilde jedoch, grau, hager, geduldig und hungrig, ist bewegt von Pastor Pringsheims Worten und der Hoffnung auf Baumkuchen mit Schokolade … Von nicht zur Familie gehörigen Personen sind Herr Friedrich Wilhelm Marcus und Sesemi Weichbrodt zugegen.

Nun wendet der Pastor sich an die Paten und spricht ihnen von ihrer Pflicht. Justus Kröger ist der eine … Konsul Buddenbrook hat sich anfangs geweigert, ihn zu bitten. »Fordern wir den alten Mann nicht zu Torheiten heraus!« sagte er. »Täglich hat er die furchtbarsten Szenen mit seiner Frau wegen des Sohnes, und sein bißchen Vermögen verfällt, und er fängt wahrhaftig vor Kummer schon an, ein bißchen salopp in seinem Äußern zu werden! Aber was meint ihr? Bitten wir ihn zu Gevatter, so schenkt er dem Kinde ein ganzes Service aus schwerem Golde und nimmt keinen Dank dafür!« Onkel Justus indessen ist, als er von einem anderen Paten hörte – Stephan Kistenmaker, des Konsuls Freund, wurde genannt – in so hohem Grade pikiert gewesen, daß man ihn dennoch herangezogen hat; und der goldene Becher, den er gespendet, ist zu Thomas Buddenbrooks Befriedigung nicht übertrieben schwer.

Und der zweite Pate? Es ist dieser schneeweiße, würdige, alte Herr, der hier mit seiner hohen Halsbinde und seinem weichen, schwarzen Tuchrock, aus dessen hinterer Tasche stets der Zipfel eines roten Schnupftuches hervorhängt, sich in dem bequemsten Lehnstuhl über seinen Krückstock beugt: Bürgermeister Doktor Överdieck. Es ist ein Ereignis, ein Sieg! Manche Leute begreifen nicht, wie es zugegangen ist. Guter Gott, es ist doch kaum eine Verwandtschaft! Die Buddenbrooks haben den Alten an den Haaren herbeigezogen … Und in der Tat: es ist ein Streich, eine kleine Intrige, die der Konsul zusammen mit Mme. Permaneder eingefädelt hat. Eigentlich, in der ersten Freude, als Mutter und Kind in Sicherheit waren, ist es bloß ein Scherz gewesen. »Ein Junge, Tony! – Der soll den Bürgermeister zum Gevatter haben!« hat der Konsul gerufen; aber sie hat es aufgegriffen und ist mit Ernst darauf eingegangen, worauf auch er sich die Sache wohl überlegt und dann in einen Versuch gewilligt hat. So haben sie sich hinter Onkel Justus gesteckt, der seine Frau zu ihrer Schwägerin, der Gattin des Holzhändlers Överdieck, geschickt hat, die ihrerseits ihren greisen Schwiegervater ein wenig hat präparieren müssen. Dann hat ein ehrerbietiger Besuch Thomas Buddenbrooks bei dem Staatsoberhaupte das Seine getan …

Und nun sprengt, während die Amme die Haube des Kindes lüftet, der Pastor vorsichtig zwei oder drei Tropfen aus der silbernen, innen vergoldeten Schale, die vor ihm steht, auf das spärliche Haar des kleinen Buddenbrook und nennt langsam und nachdrücklich die Namen, auf die er ihn tauft: – Justus, Johann, Kaspar. Dann folgt ein kurzes Gebet, und die Verwandten gehen vorbei, um dem stillen und gleichmütigen Wesen einen glückwünschenden Kuß auf die Stirn zu drücken … Therese Weichbrodt kommt zuletzt, und die Amme muß ihr das Kind ein wenig hinunterreichen; dafür aber gibt Sesemi ihm zwei Küsse, die leise knallen und zwischen denen sie sagt: »Du gutes Kend!«

Drei Minuten später hat man sich im Salon und im Wohnzimmer gruppiert, und die Süßigkeiten machen die Runde. Auch Pastor Pringsheim in seinem langen Ornat, unter dem die breiten, blankgewichsten Stiefel hervorsehen, und seiner Halskrause sitzt da, nippt die kühle Schlagsahne von seiner heißen Schokolade und plaudert mit verklärtem Gesicht in einer ganz leichten Art, die im Gegensatze zu seiner Rede von besonderer Wirksamkeit ist. In jeder seiner Bewegungen liegt ausgedrückt: Seht, ich kann auch den Priester ablegen und ein ganz harmlos fröhliches Weltkind sein! Er ist ein gewandter, anschmiegsamer Mann. Er spricht mit der alten Konsulin ein wenig salbungsvoll, mit Thomas und Gerda weltmännisch und mit glatten Gebärden, mit Frau Permaneder im Tone einer herzlichen, schalkhaften Heiterkeit … Hie und da, wenn er sich besinnt, kreuzt er die Hände im Schoß, legt den Kopf zurück, verfinstert die Brauen und macht ein langes Gesicht. Beim Lachen zieht er die Luft stoßweise und zischend durch die geschlossenen Zähne ein.

Plötzlich entsteht draußen auf dem Korridor Bewegung, man hört die Dienstboten lachen, und in der Tür erscheint ein sonderbarer Gratulant. Es ist Grobleben: Grobleben, an dessen magerer Nase zu jeder Jahreszeit beständig ein länglicher Tropfen hängt, ohne jemals hinunterzufallen. Grobleben ist ein Speicherarbeiter des Konsuls, und sein Brotherr hat ihm einen Nebenverdienst als Stiefelwichser angewiesen. Frühmorgens erscheint er in der Breiten Straße, nimmt das vor die Tür gestellte Schuhwerk und reinigt es unten auf der Diele. Bei Familienfestlichkeiten aber stellt er sich feiertäglich gekleidet ein, bringt Blumen und hält, während der Tropfen an seiner Nase balanciert, mit weinerlicher und salbungsvoller Stimme eine Ansprache, worauf er ein Geldgeschenk entgegennimmt. Aber er tut es nicht darum!

Er hat einen schwarzen Rock angezogen – es ist ein abgelegter des Konsuls – trägt aber Schmierstiefel mit Schäften und einen blauwollenen Schal um den Hals. In der Hand, einer dürren, roten Hand, hält er ein großes Bukett von blassen, ein wenig zu weit erblühten Rosen, die sich zum Teil langsam auf den Teppich entblättern. Seine kleinen, entzündeten Augen blinzeln umher, scheinbar ohne etwas zu sehen … Er bleibt in der Tür stehen, hält den Strauß vor sich hin und beginnt sofort zu reden, während die alte Konsulin ihm nach jedem Worte ermunternd zunickt und kleine, erleichternde Einwürfe macht, der Konsul ihn betrachtet, indem er eine seiner hellen Brauen emporzieht, und einige Familienmitglieder, wie zum Beispiel Frau Permaneder, den Mund mit dem Taschentuch bedecken.

»Ick bün man 'n armen Mann, mine Herrschaften, öäwer ick hew 'n empfindend Hart, un dat Glück und de Freud von min Herrn, Kunsel Buddenbrook, welcher ümmer gaut tau mi west is, dat geiht mi nah, und so bün ick kamen, um den Hern Kunsel un die Fru Kunsulin un die ganze hochverehrte Fomili ut vollem Harten tau gratuleern, un dat dat Kind gedeihen mög', denn dat verdeinen sei vor Gott un den Minschen, un so'n Herr, as Kunsel Buddenbrook, giwt dat nich veele, dat is 'n edeln Herrn, un uns Herrgott wird ihn das allens lohnen …«

»So, Grobleben! Dat hewn Sei schön segt! Veelen Dank ook, Grobleben! Wat wolln Sei denn mit de Rosen?«

Aber Grobleben ist noch nicht zu Ende, er strengt seine weinerliche Stimme an und übertönt die des Konsuls.

»… uns Herrgott wird ihn das allens lohnen, segg ick, ihn un die ganze hochverehrte Fomili, wenn dat so wid is, un wenn wi vor sinen Staul stahn, denn eenmal müssen all in de Gruw fahrn, arm un riek, dat is sin heiliger Will' un Ratschluß, un eener krigt 'nen finen polierten Sarg ut düern Holz, un de andere krigt 'ne oll Kist', öäwer tau Moder müssen wi alle warn, wi müssen all tau Moder warn, tau Moder … tau Moder …!«

»Nee, Grobleben! Wi hebb'm 'ne Tauf' hüt, un Sei mit eern Moder!…«

»Un düs wärn einige Blumens«, schließt Grobleben.

»Dank Ihnen, Grobleben! Dat is öäwer tau veel! Wat hebb'm Sei sik dat kosten laten, Minsch! Un so 'ne Red' hew ick all lang nich hürt!… Na, hier! Maken Sei sik 'nen vergneugten Dag!« Und der Konsul legt ihm die Hand auf die Schulter, indem er ihm einen Taler gibt.

»Da, guter Mann!« sagt die alte Konsulin. »Haben Sie auch Ihren Heiland lieb?«

»Den hew ick von Harten leiw, Fru Kunselin, dat is so woahr …!« Und Grobleben nimmt auch von ihr einen Taler in Empfang, und dann einen dritten von Madame Permaneder, worauf er sich unter Kratzfüßen zurückzieht und die Rosen, soweit sie noch nicht auf dem Teppich liegen, in Gedanken wieder mitnimmt …

… Nun ist der Bürgermeister aufgebrochen – der Konsul hat ihn hinunter zum Wagen geleitet – und das ist das Zeichen zum Abschiede auch für die übrigen Gäste, denn Gerda Buddenbrook bedarf der Schonung. Es wird still in den Zimmern. Die alte Konsulin mit Tony, Erika und Mamsell Jungmann sind die letzten.

»Ja, Ida«, sagt der Konsul, »ich habe mir gedacht – und meine Mutter ist einverstanden – Sie haben uns alle einmal gepflegt, und wenn der kleine Johann ein bißchen größer ist … jetzt hat er noch die Amme, und nach ihr wird wohl eine Kinderfrau nötig sein, aber haben Sie Lust, dann zu uns überzusiedeln?«

»Ja, ja, Herr Konsul, und wenn's Ihrer Frau Gemahlin wird recht sein …«

Auch Gerda ist zufrieden mit diesem Plan, und so wird der Vorschlag schon jetzt zum Beschluß.

Beim Weggehen aber, schon in der Tür, wendet Frau Permaneder sich noch einmal um. Sie kehrt zu ihrem Bruder zurück, küßt ihn auf beide Wangen und sagt: »Das ist ein schöner Tag, Tom, ich bin so glücklich, wie seit manchem Jahr nicht mehr! Wir Buddenbrooks pfeifen noch nicht aus dem letzten Loch, Gott sei Dank, wer das glaubt, der irrt im höchsten Grade! Jetzt, wo der kleine Johann da ist – es ist so schön, daß wir ihn wieder Johann genannt haben – jetzt ist mir, als ob noch einmal eine ganz neue Zeit kommen muß!«

Zweites Kapitel

Christian Buddenbrook, Inhaber der Firma H. C. F. Burmeester & Comp. zu Hamburg, seinen modischen grauen Hut und seinen gelben Stock mit der Nonnenbüste in der Hand, kam in das Wohnzimmer seines Bruders, der mit Gerda lesend beisammen saß. Es war halb zehn Uhr am Abend des Tauftages.

»Guten Abend«, sagte Christian. »Ach, Thomas, ich muß dich mal dringend sprechen … Entschuldige, Gerda … Es eilt, Thomas.«

Sie gingen in das dunkle Speisezimmer hinüber, woselbst der Konsul eine der Gaslampen an der Wand entzündete und seinen Bruder betrachtete. Ihm ahnte nichts Gutes. Er hatte, abgesehen von der ersten Begrüßung, noch nicht Gelegenheit gehabt, mit Christian zu sprechen; aber er hatte ihn heute während der Feierlichkeit aufmerksam beobachtet und gesehen, daß er ungewöhnlich ernst und unruhig gewesen war, ja, daß er im Verlaufe von Pastor Pringsheims Rede einmal sogar aus irgendwelchen Gründen den Saal für mehrere Minuten verlassen hatte … Thomas hatte ihm keine Zeile mehr geschrieben seit jenem Tage in Hamburg, an dem Christian zehntausend Mark Kurant von seinem Erbe im voraus aus seinen Händen zur Deckung von Schulden empfangen. »Fahre nur so fort!« hatte der Konsul gesagt. »Dann werden deine Groschen rasch vertan sein. Was mich betrifft, ich hoffe, daß du künftig recht wenig meine Wege kreuzen wirst. Du hast meine Freundschaft während all der Jahre auf zu harte Proben gestellt« … Warum kam er jetzt? Etwas Dringendes mußte ihn treiben …

»Nun?« fragte der Konsul.

»Ich kann es nun nicht mehr«, antwortete Christian, indem er sich, Hut und Stock zwischen den mageren Knien, seitwärts auf einen der hochlehnigen Stühle niederließ, die den Eßtisch umstanden.

»Darf ich fragen, was du nun nicht mehr kannst, und was dich zu mir führt?« sagte der Konsul, der stehenblieb.

»Ich kann es nun nicht mehr«, wiederholte Christian, drehte mit fürchterlich unruhigem Ernst seinen Kopf hin und her und ließ seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen schweifen. Er zählte jetzt 33 Jahre, aber er sah weit älter aus. Sein rötlichblondes Haar war so stark gelichtet, daß fast schon die ganze Schädeldecke freilag. Über den tief eingefallenen Wangen traten die Knochen scharf hervor; dazwischen aber buckelte sich, nackt, fleischlos, hager, in ungeheurer Wölbung seine große Nase …

»Wenn es nur dies wäre«, fuhr er fort, indem er mit der Hand an seiner linken Seite hinunterstrich, ohne seinen Körper zu berühren … »Es ist kein Schmerz, es ist eine Qual, weißt du, eine beständige, unbestimmte Qual. Doktor Drögemüller in Hamburg hat mir gesagt, daß an dieser Seite alle Nerven zu kurz sind … Stelle dir vor, an der ganzen linken Seite sind alle Nerven zu kurz bei mir! Es ist so sonderbar … manchmal ist mir, als ob hier an der Seite irgendein Krampf oder eine Lähmung stattfinden müßte, eine Lähmung für immer … Du hast keine Vorstellung … Keinen Abend schlafe ich ordentlich ein. Ich fahre auf, weil plötzlich mein Herz nicht mehr klopft und ich einen ganz entsetzlichen Schreck bekomme … Das geschieht nicht einmal, sondern zehnmal, bevor ich einschlafe. Ich weiß nicht, ob du es kennst … ich will es dir ganz genau beschreiben … Es ist …«

»Laß nur«, sagte der Konsul kalt. »Ich nehme nicht an, daß du hierhergekommen bist, um mir dies zu erzählen?«

»Nein, Thomas, wenn es nur das wäre; aber das ist es nicht allein! Es ist mit dem Geschäft … Ich kann es nun nicht mehr.«

»Du bist wieder in Unordnung?« Der Konsul fuhr nicht einmal auf, er wurde nicht mehr laut. Er fragte es ganz ruhig, während er seinen Bruder von der Seite mit einer müden Kälte ansah.

»Nein, Thomas. Und um die Wahrheit zu sagen – es ist ja nun doch gleich – ich bin niemals recht in Ordnung gekommen, auch durch die Zehntausende damals nicht, wie du selbst weißt … Die waren eigentlich nur, damit ich nicht gleich zuzumachen brauchte. Die Sache ist die … Ich habe gleich darauf noch Verluste gehabt, in Kaffee … und bei dem Bankerott in Antwerpen … Das ist wahr. Aber dann habe ich eigentlich gar nichts mehr getan und mich still verhalten. Aber man muß doch leben … und nun sind da Wechsel und andere Schulden … fünftausend Taler … Ach, du weißt nicht, wie sehr ich herunter bin! Und zu allem diese Qual …«

»Also, du hast dich still verhalten!« schrie der Konsul außer sich. In diesem Augenblick verlor er dennoch die Fassung. »Du hast die Karre im Dreck gelassen und dich anderweitig unterhalten! Meinst du, daß ich nicht vor Augen sehe, wie du gelebt hast, im Theater und im Zirkus und in Klubs und mit minderwertigen Frauenzimmern.«

»Du meinst Aline … Ja, für diese Dinge hast du wenig Sinn, Thomas, und es ist vielleicht mein Unglück, daß ich zuviel Sinn dafür habe; denn darin hast du recht, daß es mich zuviel gekostet hat und noch immer ziemlich viel kosten wird, denn ich will dir eines sagen … wir sind hier unter uns Brüdern … Das dritte Kind, das kleine Mädchen, das seit einem halben Jahre da ist … es ist von mir.«

»Esel.«

»Sage das nicht, Thomas. Du mußt gerecht sein, auch im Zorne, gegen sie und gegen … warum sollte es nicht von mir sein. Was aber Aline betrifft, so ist sie durchaus nicht minderwertig; so etwas darfst du nicht sagen. Es ist ihr keineswegs gleichgültig, mit wem sie lebt, und sie hat meinetwegen mit Konsul Holm gebrochen, der viel mehr Geld hat als ich, so gut ist sie gesinnt … Nein, du hast keinen Begriff, Thomas, was für ein prachtvolles Geschöpf das ist! Sie ist so gesund … so gesund …!« wiederholte Christian, indem er eine Hand, ihren Rücken nach außen, mit gekrümmten Fingern vors Gesicht hielt, ähnlich wie er zu tun pflegte, wenn er von »That's Maria« und dem Laster in London erzählte. »Du solltest nur ihre Zähne sehen, wenn sie lacht! Ich habe solche Zähne auf der ganzen Welt noch nicht gefunden, in Valparaiso nicht und in London nicht … Ich werde nie den Abend vergessen, als ich sie kennenlernte … bei Uhlich in der Austernstube … Sie hielt es damals mit Konsul Holm; aber ich erzählte ein bißchen und war ein bißchen nett mit ihr … Und als ich sie dann nachher bekam … tja, Thomas! Das ist ein ganz anderes Gefühl, als wenn man ein gutes Geschäft macht … Aber du hörst nicht gern von solchen Dingen, ich sehe es dir auch jetzt wieder an, und es ist nun ja auch zu Ende. Ich werde ihr nun Adieu sagen, obgleich ich ja, wegen des Kindes, mit ihr in Verbindung bleiben werde … Ich will in Hamburg alles bezahlen, was ich schuldig bin, verstehst du, und dann zumachen. Ich kann es nun nicht mehr. Mit Mutter habe ich gesprochen, und sie will mir auch die fünftausend Taler im voraus geben, damit ich Ordnung machen kann, und damit wirst du einverstanden sein, denn es ist doch besser, man sagt ganz einfach: Christian Buddenbrook liquidiert und geht ins Ausland … als wenn ich Bankerott mache, darin wirst du mir recht geben. Ich will nämlich wieder nach London gehen, Thomas, in London eine Stelle annehmen. Die Selbständigkeit ist so gar nichts für mich, das merke ich mehr und mehr. Diese Verantwortlichkeit … Als Angestellter geht man abends sorglos nach Hause … Und in London bin ich gern gewesen … Hast du etwas dagegen?«

Der Konsul hatte während dieser ganzen Auseinandersetzung seinem Bruder den Rücken zugewandt und, die Hände in den Hosentaschen, mit einem Fuße Figuren auf dem Boden beschrieben.

»Schön, gehe also nach London«, sagte er ganz einfach. Und ohne sich auch nur halbwegs noch einmal nach Christian umzuwenden, ließ er ihn hinter sich und schritt zum Wohnzimmer zurück.

Aber Christian folgte ihm. Er ging auf Gerda zu, die dort allein bei der Lektüre saß, und gab ihr die Hand.

»Gute Nacht, Gerda. Ja, Gerda, ich gehe nun also demnächst wieder nach London. Merkwürdig, wie man umhergeworfen wird. Nun wieder so ins Ungewisse, weißt du, in solche große Stadt, wo es bei jedem dritten Schritt ein Abenteuer gibt und man soviel erleben kann. Sonderbar … kennst du das Gefühl? Es sitzt hier, ungefähr im Magen … ganz sonderbar …«

Drittes Kapitel

James Möllendorpf, der älteste kaufmännische Senator, starb auf groteske und schauerliche Weise. Diesem diabetischen Greise waren die Selbsterhaltungsinstinkte so sehr abhanden gekommen, daß er in den letzten Jahren seines Lebens mehr und mehr einer Leidenschaft für Kuchen und Torten unterlegen war. Doktor Grabow, der auch bei Möllendorpfs Hausarzt war, hatte mit aller Energie, deren er fähig war, protestiert, und die besorgte Familie hatte ihrem Oberhaupte das süße Gebäck mit sanfter Gewalt entzogen. Was aber hatte der Senator getan? Geistig gebrochen, wie er war, hatte er sich irgendwo in einer unstandesgemäßen Straße, in der Kleinen Gröpelgrube, An der Mauer oder im Engelswisch ein Zimmer gemietet, eine Kammer, ein wahres Loch, wohin er sich heimlich geschlichen hatte, um Torte zu essen … und dort fand man auch den Entseelten, den Mund noch voll halb zerkauten Kuchens, dessen Reste seinen Rock befleckten und auf dem ärmlichen Tische umherlagen. Ein tödlicher Schlaganfall war der langsamen Auszehrung zuvorgekommen.

Die widerlichen Einzelheiten dieses Todesfalles wurden von der Familie nach Möglichkeit geheimgehalten; aber sie verbreiteten sich rasch in der Stadt und bildeten den Gesprächsstoff an der Börse, im »Klub«, in der »Harmonie«, in den Kontors, in der Bürgerschaft und auf den Bällen, Diners und Abendgesellschaften, denn das Ereignis fiel in den Februar – den Februar des Jahres 62 – und das gesellschaftliche Leben war noch in vollem Gange. Selbst die Freundinnen der Konsulin Buddenbrook erzählten sich am »Jerusalemsabend« von Senator Möllendorpfs Tode, wenn Lea Gerhardt im Vorlesen eine Pause machte, selbst die kleinen Sonntagsschülerinnen flüsterten davon, wenn sie ehrfürchtig über die große Buddenbrooksche Diele gingen, und Herr Stuht in der Glockengießerstraße hatte mit seiner Frau, die in den ersten Kreisen verkehrte, eine ausführliche Unterredung darüber.

Allein das Interesse konnte nicht lange auf das Zurückliegende gerichtet bleiben. Gleich mit dem ersten Gerücht von dem Ableben dieses alten Ratsherrn war die eine große Frage aufgetaucht … als aber die Erde ihn deckte, war es diese Frage allein, die alle Gemüter beherrschte: Wer ist der Nachfolger?

Welche Spannung und welche unterirdische Geschäftigkeit! Der Fremde, der gekommen ist, die mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten und die anmutige Umgebung der Stadt in Augenschein zu nehmen, merkt nichts davon; aber welch Treiben unter der Oberfläche! Welche Agitation! Ehrenfeste, gesunde, von keiner Skepsis angekränkelte Meinungen platzen aufeinander, poltern vor Überzeugung, prüfen einander und verständigen sich langsam, langsam. Die Leidenschaften sind aufgeregt. Ehrgeiz und Eitelkeit wühlen im stillen. Eingesargte Hoffnungen regen sich, stehen auf und werden enttäuscht. Der alte Kaufmann Kurz in der Bäckergrube, der bei jeder Wahl drei oder vier Stimmen erhält, wird wiederum am Wahltage bebend in seiner Wohnung sitzen und des Rufes harren; aber er wird auch diesmal nicht gewählt werden, er wird fortfahren, mit einer Miene voll Biedersinn und Selbstzufriedenheit, das Trottoir mit seinem Spazierstock zu stoßen, und er wird sich mit diesem heimlichen Grame ins Grab legen, nicht Senator geworden zu sein …

Als James Möllendorpfs Tod am Donnerstage beim Buddenbrookschen Familienmittagessen besprochen worden war, hatte Frau Permaneder nach einigen Ausdrücken des Bedauerns begonnen, ihre Zungenspitze an der Oberlippe spielen zu lassen und verschlagen zu ihrem Bruder hinüberzublicken, was die Damen Buddenbrook veranlaßt hatte, unbeschreiblich spitzige Blicke zu tauschen und dann sämtlich, wie auf Kommando, während einer Sekunde Augen und Lippen ganz fest zu schließen. Der Konsul hatte einen Moment das listige Lächeln seiner Schwester erwidert und dann dem Gespräche eine andere Richtung gegeben. Er wußte, daß man in der Stadt den Gedanken aussprach, den Tony glückselig in sich bewegte …

Namen wurden genannt und verworfen. Andere tauchten auf und wurden gesichtet. Henning Kurz in der Bäckergrube war zu alt. Eine frische Kraft war endlich vonnöten. Konsul Huneus, der Holzhändler, dessen Millionen übrigens nicht leicht ins Gewicht gefallen wären, war verfassungsmäßig ausgeschlossen, weil sein Bruder dem Senate angehörte. Konsul Eduard Kistenmaker, der Weinhändler, und Konsul Hermann Hagenström behaupteten sich auf der Liste. Von Anfang an aber klang beständig dieser Name mit: Thomas Buddenbrook. Und je mehr der Wahltag sich näherte, desto klarer ward es, daß er zusammen mit Hermann Hagenström die meisten Chancen besaß.

Kein Zweifel, Hermann Hagenström hatte Anhänger und Bewunderer. Sein Eifer in öffentlichen Angelegenheiten, die frappierende Schnelligkeit, mit der die Firma Strunck & Hagenström emporgeblüht war und sich entfaltet hatte, des Konsuls luxuriöse Lebensführung, das Haus, das er führte, und die Gänseleberpastete, die er frühstückte, verfehlten nicht, ihren Eindruck zu machen. Dieser große, ein wenig zu fette Mann mit seinem rötlichen, kurzgehaltenen Vollbart und seiner ein wenig zu platt auf der Oberlippe liegenden Nase, dieser Mann, dessen Großvater noch niemand und er selbst nicht gekannt hatte, dessen Vater infolge seiner reichen, aber zweifelhaften Heirat gesellschaftlich noch beinahe unmöglich gewesen war und der dennoch, verschwägert sowohl mit den Huneus als mit den Möllendorpfs, seinen Namen denjenigen der fünf oder sechs herrschenden Familien angereiht und gleichgestellt hatte, war unleugbar eine merkwürdige und respektable Erscheinung in der Stadt. Das Neuartige und damit Reizvolle seiner Persönlichkeit, das, was ihn auszeichnete und ihm in den Augen vieler eine führende Stellung gab, war der liberale und tolerante Grundzug seines Wesens. Die legere und großzügige Art, mit der er Geld verdiente und verausgabte, war etwas anderes als die zähe, geduldige und von streng überlieferten Prinzipien geleitete Arbeit seiner kaufmännischen Mitbürger. Dieser Mann stand frei von den hemmenden Fesseln der Tradition und der Pietät auf seinen eigenen Füßen, und alles Altmodische war ihm fremd. Er bewohnte keines der alten, mit unsinniger Raumverschwendung gebauten Patrizierhäuser, um deren ungeheure Steindielen sich weißlackierte Galerien zogen. Sein Haus in der Sandstraße – der südlichen Verlängerung der Breiten Straße –, mit schlichter Ölfassade, praktisch ausgebeuteten Raumverhältnissen und reicher, eleganter, bequemer Einrichtung, war neu und jedes steifen Stiles bar. Übrigens hatte er in dieses sein Haus noch vor kurzem, gelegentlich einer seiner größeren Abendgesellschaften, eine ans Stadttheater engagierte Sängerin geladen, hatte sie nach Tische vor seinen Gästen, unter denen sich auch sein kunstliebender und schöngeistiger Bruder, der Rechtsgelehrte, befand, singen lassen und die Dame aufs glänzendste honoriert. Er war nicht der Mann, in der Bürgerschaft die Bewilligung größerer Geldsummen zur Restaurierung und Erhaltung der mittelalterlichen Denkmäler zu befürworten. Daß er aber der erste, absolut in der ganzen Stadt der erste gewesen war, der seine Wohnräume und seine Kontors mit Gas beleuchtet hatte, war Tatsache. Gewiß, wenn Konsul Hagenström irgendeiner Tradition lebte, so war es die von seinem Vater, dem alten Hinrich Hagenström, übernommene unbeschränkte, fortgeschrittene, duldsame und vorurteilsfreie Denkungsart, und hierauf gründete sich die Bewunderung, die er genoß.

Das Prestige Thomas Buddenbrooks war anderer Art. Er war nicht nur er selbst; man ehrte in ihm noch die unvergessenen Persönlichkeiten seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters, und abgesehen von seinen eigenen geschäftlichen und öffentlichen Erfolgen war er der Träger eines hundertjährigen Bürgerruhmes. Die leichte, geschmackvolle und bezwingend liebenswürdige Art freilich, in der er ihn repräsentierte und verwertete, war wohl das Wichtigste; und was ihn auszeichnete, war ein selbst unter seinen gelehrten Mitbürgern ganz ungewöhnlicher Grad formaler Bildung, der, wo er sich äußerte, ebensoviel Befremdung wie Respekt erregte …

Donnerstags, bei Buddenbrooks, war von der bevorstehenden Wahl in Gegenwart des Konsuls meist nur in Form von kurzen und fast gleichgültigen Bemerkungen die Rede, bei denen die alte Konsulin diskret ihre hellen Augen beiseiteschweifen ließ. Hie und da aber konnte Frau Permaneder sich trotzdem nicht entbrechen, ein wenig mit ihrer erstaunlichen Kenntnis der Staatsverfassung zu prunken, deren Satzungen sie, soweit sie die Wahl eines Senatsmitgliedes betrafen, ebenso eingehend studiert hatte wie vor Jahr und Tag die Scheidungsparagraphen. Sie sprach dann von Wahlkammern, Wahlbürgern und Stimmzetteln, erwog alle denkbaren Eventualitäten, zitierte wörtlich und ohne Anstoß den feierlichen Eid, der von den Wählern zu leisten ist, erzählte von der »freimütigen Besprechung«, die verfassungsmäßig von den einzelnen Wahlkammern über alle diejenigen vorgenommen wird, deren Namen auf der Kandidatenliste stehen, und gab dem lebhaften Wunsche Ausdruck, an der »freimütigen Besprechung« der Persönlichkeit Hermann Hagenströms teilnehmen zu dürfen. Einen Augenblick später beugte sie sich vor und begann, die Pflaumenkerne auf dem Kompotteller ihres Bruders zu zählen: »Edelmann – Bedelmann – Doktor – Pastor – – Ratsherr!« sagte sie und schnellte mit ihrer Messerspitze den fehlenden Kern auf den kleinen Teller hinüber … Nach Tische aber, unfähig, an sich zu halten, zog sie den Konsul am Arme beiseite, in eine Fensternische.

»O Gott, Tom! wenn du es wirst … wenn unser Wappen in die Kriegsstube im Rathause kommt … ich sterbe vor Freude! ich falle um und bin tot, du sollst sehen!«

»So, liebe Tony! Nun etwas mehr Haltung und Würde, wenn ich dich bitten darf! Das pflegt dir doch sonst nicht abzugehen? Gehe ich umher wie Henning Kurz? Wir sind auch ohne ›Senator‹ was … Und du wirst hoffentlich am Leben bleiben, im einen wie im anderen Falle.«

Und die Agitation, die Beratungen, die Kämpfe der Meinungen nahmen ihren Fortgang. Konsul Peter Döhlmann, der Suitier, mit seinem gänzlich verkommenen Geschäft, das nur noch dem Namen nach existierte, und seiner 27jährigen Tochter, deren Erbe er verfrühstückte, beteiligte sich daran, indem er bei einem Diner, das Thomas Buddenbrook gab, und bei einem ebensolchen, das Hermann Hagenström veranstaltete, jedesmal den betreffenden Wirt mit schallender und lärmender Stimme »Herr Senator« nannte. Siegismund Gosch aber, der alte Makler Gosch, ging umher wie ein brüllender Löwe und machte sich anheischig, ohne Umschweife jeden zu erdrosseln, der nicht gewillt sei, für Konsul Buddenbrook zu stimmen.

»Konsul Buddenbrook, meine Herren … ha! welch ein Mann! Ich habe an der Seite seines Vaters gestanden, als er anno 48 mit einem Worte die Wut des entfesselten Pöbels zähmte … Gäbe es eine Gerechtigkeit auf Erden, so hätte schon sein Vater, schon der Vater seines Vaters dem Senate angehören müssen …«

Im Grunde jedoch war es nicht sowohl Konsul Buddenbrook selbst, dessen Persönlichkeit das Innere des Herrn Gosch in Flammen setzte, als vielmehr die junge Frau Konsulin, geborene Arnoldsen. Nicht als ob der Makler jemals ein Wort mit ihr gewechselt hätte. Er gehörte nicht zu dem Kreise der reichen Kaufleute, speiste nicht an ihren Tafeln und tauschte nicht Visiten mit ihnen. Aber, wie schon erwähnt, Gerda Buddenbrook war nicht sobald in der Stadt erschienen, als der immer sehnsüchtig nach Außerordentlichem schweifende Blick des finsteren Maklers sie auch schon erspäht hatte. Mit sicherem Instinkte hatte er alsbald erkannt, daß diese Erscheinung geeignet sei, seinem unbefriedigten Dasein ein wenig mehr Inhalt zu verleihen, und mit Leib und Seele hatte er sich ihr, die ihn kaum dem Namen nach kannte, als Sklave ergeben. Seitdem umkreiste er in Gedanken diese nervöse und aufs äußerste reservierte Dame, der niemand ihn vorstellte, wie der Tiger den Bändiger: mit demselben verbissenen Mienenspiel, derselben tückisch-demütigen Haltung, in der er auf der Straße, ohne daß sie das erwartet hätte, seinen Jesuitenhut vor ihr zog … Diese Welt der Mittelmäßigkeit bot ihm keine Möglichkeit, für diese Frau eine Tat von gräßlicher Ruchlosigkeit zu begehen, welche er, bucklig, düster und kalt in seinen Mantel gehüllt, mit teuflischem Gleichmut verantwortet haben würde! Ihre langweiligen Gewohnheiten gestatteten ihm nicht, diese Frau durch Mord, Verbrechen und blutige Listen auf einen Kaiserthron zu erhöhen. Nichts ließ sie ihm übrig, als im Rathause für die Wahl ihres ingrimmig verehrten Gatten zu stimmen und ihr, vielleicht, dereinst, die Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen Dramen zu widmen.

Viertes Kapitel

Jede im Senate erledigte Stelle muß binnen vier Wochen wieder besetzt werden; so will es die Verfassung. Drei Wochen sind seit James Möllendorpfs Hintritt verflossen, und nun ist der Wahltag herangekommen, ein Tauwettertag am Ende des Februar.

In der Breiten Straße, vor dem Rathause mit seiner durchbrochenen Glasurziegelfassade, seinen spitzen Türmen und Türmchen, die gegen den grauweißlichen Himmel stehen, seinem auf vorgeschobenen Säulen ruhenden gedeckten Treppenaufgang, seinen spitzen Arkaden, die den Durchblick auf den Marktplatz und seinen Brunnen gewähren … vorm Rathause drängen sich mittags um 1 Uhr die Leute. Sie stehen unentwegt in dem schmutzig-wässerigen Schnee der Straße, der unter ihren Füßen vollends zergeht, sehen sich an, sehen wieder geradeaus und recken die Hälse. Denn dort, hinter jenem Portale, im Ratssaale, mit seinen vierzehn im Halbkreise stehenden Armsesseln, erwartet noch zu dieser Stunde die aus Mitgliedern des Senates und der Bürgerschaft bestehende Wahlversammlung die Vorschläge der Wahlkammern …

Die Sache hat sich in die Länge gezogen. Es scheint, daß die Debatten in den Kammern sich nicht beruhigen wollen, daß der Kampf hart ist, und daß, bis jetzt, der Versammlung im Ratssaale keineswegs ein und dieselbe Person vorgeschlagen wurde, denn sie würde vom Bürgermeister sofort als gewählt erklärt werden … Sonderbar! Niemand begreift, woher sie kommen, wo und wie sie entstehen, aber Gerüchte dringen aus dem Portale auf die Straße heraus und verbreiten sich. Steht dort drinnen Herr Kaspersen, der ältere der beiden Ratsdiener, der sich selbst nie anders als »Staatsbeamter« nennt, und dirigiert, was er erfährt, mit geschlossenen Zähnen und abgewandten Augen durch einen Mundwinkel nach draußen? Jetzt heißt es, daß die Vorschläge im Sitzungssaale eingelaufen sind, und daß von jeder der drei Kammern ein anderer vorgeschlagen wurde: Hagenström, Buddenbrook, Kistenmaker! Gott gebe, daß nun wenigstens die allgemeine Wahl durch geheime Abstimmung mittels Stimmzettel eine unbedingte Stimmenmehrheit ergibt! Wer nicht warme Überschuhe trägt, fängt an, die Beine zu heben und zu stampfen, denn die Füße schmerzen vor Kälte.

Es sind Leute aus allen Volksklassen, die hier stehen und warten. Man sieht Seeleute mit bloßem, tätowiertem Halse, die Hände in den weiten, niedrigen Hosentaschen, Kornträger mit ihren Blusen und Kniehosen aus schwarzem Glanzleinen und ihrem unvergleichlich biederen Gesichtsausdruck; Fuhrleute, die von ihren zu Hauf geschichteten Getreidesäcken geklettert sind, um, die Peitsche in der Hand, des Wahlergebnisses zu harren; Dienstmädchen mit Halstuch, Schürze und dickem, gestreiftem Rock, die kleine, weiße Mütze auf dem Hinterkopf und den großen Henkelkorb am nackten Arme; Fisch- und Gemüsefrauen mit ihren Strohschuten; sogar ein paar hübsche Gärtnermädchen mit holländischen Hauben, kurzen Röcken und langen, faltigen, weißen Ärmeln, die aus dem buntgestickten Mieder hervorquellen … Dazwischen Bürger, Ladenbesitzer aus der Nähe, die ohne Hut herausgetreten sind und ihre Meinungen tauschen, junge, gutgekleidete Kaufleute, Söhne, die im Kontor ihres Vaters oder eines seiner Freunde ihre drei- oder vierjährige Lehrzeit erledigen, Schuljungen mit Ränzeln und Bücherpaketen …

Hinter zwei tabakkauenden Arbeitsleuten mit harten Schifferbärten steht eine Dame, die in großer Erregung den Kopf hin und her wendet, um zwischen den Schultern der beiden vierschrötigen Kerle hindurch auf das Rathaus sehen zu können. Sie trägt eine Art von langem, mit braunem Pelz besetzten Abendmantel, den sie von innen mit beiden Händen zusammenhält, und ihr Gesicht ist gänzlich von einem dichten, braunen Schleier verhüllt. Ihre Gummischuhe trippeln rastlos in dem Schneewasser umher …

»Bi Gott, hei ward dat wedder nich, din Herr Kurz«, sagt der eine Arbeitsmann zum andern.

»Nee, du Döhsbartel, dat brukst mi nich mehr tau vertellen. Sei stimmen nu je all öwer Hagenström, Kistenmaker un Buddenbrook af.«

»Je, un nu is dat de Frag', wekker von de dre die annern öwer is.«

»Je, dat seg du man noch mal.«

»Weitst wat? Ick glöw, sei wählen Hagenström.«

»Je, du Klaukscheeter … Red' du un de Düwel.«

Dann speit er seinen Tabak vor sich nieder, denn das Gedränge erlaubt ihm nicht, ihn im Bogen von sich zu geben, zieht mit beiden Händen die Hosen höher unter den Leibriemen hinauf und fährt fort: »Hagenström, dat's so'n Freßsack, un krigt nich mal Luft durch die Näs, so fett is hei all … Nee, wo min Herr Kurz dat nu wedder nich warden daut, nu bün ick vör Buddenbrook. Dat's 'n fixen Kierl …«

»Je, dat segst du wull; öäwer Hagenström is all veel rieker …«

»Doar kömmp es nich auf an. Dat steiht nich in Frag'.«

»Un denn is Buddenbrook ook ümmer so höllschen fien mit sin Manschetten un sin sieden Krawatt un sin pielen Snurrboart … Hest em gehen seihn? Hei huppt ümmer so'n beeten as 'n Vagel …«

»Je, du Dömelklaas, doarvon is nich de Red'.«

»Hei het je woll 'ne Swester, die von twe Männern wedder aff kamen is?«

… Die Dame im Abendmantel erbebt …

»Je, dat's so'n' Saak. Öäwer doar weiten wi nix von, un denn kann der Kunsel doar ook nix för.«

Nein, nicht wahr?! denkt die Dame im Schleier, indem sie ihre Hände unterm Mantel zusammenpreßt … Nicht wahr? Oh, Gott sei Dank!

»Un denn«, fügt der Mann hinzu, der zu Buddenbrook hält, »un denn hat ook Bürgermeester Överdieck Gevadder bi sinen Söhn standen; dat will wat bedüden, will 'k di man vertellen …«

Nicht wahr? denkt die Dame. Ja, Gott sei Dank, es hat gewirkt!… Sie zuckt zusammen. Ein neues Gerücht ist herausgedrungen, läuft im Zick-Zack nach hinten und gelangt zu ihr. Die allgemeine Wahl hat keine Entscheidung gebracht. Eduard Kistenmaker, der die wenigsten Stimmen erhalten, ist ausrangiert worden. Der Kampf zwischen Hagenström und Buddenbrook dauert fort. Ein Bürger bemerkt mit gewichtiger Miene, daß, wenn sich Stimmengleichheit ergibt, es nötig sein wird, fünf »Obmänner« zu erwählen, die nach Stimmenmehrheit zu entscheiden haben …

Plötzlich ruft ganz vorn am Portal eine Stimme: »Heine Seehas is wählt!«

Und dabei ist Seehase ein immer und ewig betrunkener Mensch, der Dampfbrot auf einem Handwagen herumfährt! Alles lacht und stellt sich auf die Zehenspitzen, um sich den Witzbold anzusehen. Auch die Dame im Schleier wird von einem nervösen Lachen ergriffen, das einen Augenblick ihre Schultern erschüttert. Dann jedoch, mit einer Bewegung, die ausdrückt: Ist dies die Stunde, Späße zu machen?… nimmt sie sich ungeduldig zusammen und lugt wieder leidenschaftlich zwischen den beiden Arbeitsmännern hindurch zum Rathaus hinüber. Aber in demselben Augenblick läßt sie die Hände sinken, daß ihr Abendmantel sich vorne öffnet, und steht da, mit hinabgefallenen Schultern, erschlafft, vernichtet …

Hagenström! – Die Nachricht ist da, niemand weiß woher. Sie ist da, wie aus dem Erdboden hervorgekommen oder vom Himmel gefallen und ist überall zugleich. Es gibt keinen Widerspruch. Es ist entschieden. Hagenström! – Ja, ja, er ist es nun also. Da ist nichts mehr zu erwarten. Die Dame im Schleier hätte es vorher wissen können. So geht es immer im Leben. Man kann nun ganz einfach nach Hause gehen. Sie fühlt, wie das Weinen in ihr aufsteigt …

Und kaum hat dieser Zustand eine Sekunde lang gedauert, als ein plötzlicher Stoß, eine ruckartige Bewegung durch die ganze Menschenansammlung geht, ein Schub, der sich von vorn nach hinten fortsetzt und die Vorderen gegen ihre Hintermänner lehnt, während zu gleicher Zeit dort hinten im Portale etwas Hellrotes aufblitzt … Die roten Röcke der beiden Ratsdiener, Kaspersen und Uhlefeldt, welche in Gala, mit Dreispitz, weißen Reithosen, gelben Stulpen und Galanteriedegen, Seite an Seite erscheinen und durch die zurückweichende Menge hindurch ihren Weg gehen.

Sie gehen wie das Schicksal: ernst, stumm, verschlossen, ohne nach rechts oder links zu sehen, mit gesenkten Augen … und schlagen mit unerbittlicher Entschiedenheit die Richtung ein, die ihnen das Ergebnis der Wahl, von dem sie unterrichtet sind, gewiesen hat. Und es ist nicht die Richtung der Sandstraße, sondern sie gehen nach rechts die Breite Straße hinunter!

Die Dame im Schleier traut ihren Augen nicht. Aber rings um sie her sieht man es gleich ihr. Die Leute schieben sich in eben derselben Richtung den Ratsdienern nach, sie sagen einander: »Nee, nee, Buddenbrook! nich Hagenström!« … und schon kommen in angeregten Gesprächen allerlei Herren aus dem Portale, biegen um und gehen geschwinden Schrittes die Breite Straße hinunter, um die ersten bei der Gratulation zu sein.

Da nimmt die Dame ihren Abendmantel zusammen und läuft davon. Sie läuft, wie eine Dame sonst eigentlich nicht läuft. Ihr Schleier verschiebt sich und läßt ihr erhitztes Gesicht sehen; aber das ist gleichgültig. Und obgleich einer ihrer pelzbesetzten Überschuhe in dem wässerigen Schnee beständig ausschlappt und sie in der boshaftesten Weise behindert, überholt sie alle Welt. Sie erreicht zuerst das Eckhaus an der Bäckergrube, sie schellt am Windfang Feuer und Mordio, sie ruft dem öffnenden Mädchen zu: »Sie kommen, Kathrin, sie kommen!« sie nimmt die Treppe, stürmt droben ins Wohnzimmer, woselbst ihr Bruder, der wahrhaftig ein bißchen bleich ist, die Zeitung beiseite legt und ihr eine etwas abwehrende Handbewegung entgegen macht … sie umarmt ihn und wiederholt: »Sie kommen, Tom, sie kommen! Du bist es, und Hermann Hagenström ist durchgefallen!«

Das war ein Freitag. Schon am folgenden Tage stand Senator Buddenbrook im Ratssaale vor dem Stuhle des verstorbenen James Möllendorpf, und in Gegenwart der versammelten Väter sowie des Bürgerausschusses leistete er diesen Eid: »Ich will meinem Amte gewissenhaft vorstehen, das Wohl des Staates nach allen meinen Kräften erstreben, die Verfassung desselben getreu befolgen, das öffentliche Gut redlich verwalten und bei meiner Amtsführung, namentlich auch bei allen Wahlen, weder auf eigenen Vorteil noch auf Verwandtschaft oder Freundschaft Rücksicht nehmen. Ich will die Gesetze des Staates handhaben und Gerechtigkeit üben gegen jeden, er sei reich oder arm. Ich will auch verschwiegen sein in allem, was Verschwiegenheit erfordert, besonders aber will ich geheimhalten, was geheimzuhalten mir geboten wird. So wahr mir Gott helfe!«

Fünftes Kapitel

Unsere Wünsche und Unternehmungen gehen aus gewissen Bedürfnissen unserer Nerven hervor, die mit Worten schwer zu bestimmen sind. Das, was man Thomas Buddenbrooks »Eitelkeit« nannte, die Sorgfalt, die er seinem Äußeren zuwandte, der Luxus, den er mit seiner Toilette trieb, war in Wirklichkeit etwas gründlich anderes. Es war ursprünglich um nichts mehr, als das Bestreben eines Menschen der Aktion, sich vom Kopf bis zur Zehe stets jener Korrektheit und Intaktheit bewußt zu sein, die Haltung gibt. Die Anforderungen aber wuchsen, die er selbst und die Leute an seine Begabung und seine Kräfte stellten. Er war mit privaten und öffentlichen Pflichten überhäuft. Bei der »Ratssetzung«, der Verteilung der Ämter an die Mitglieder des Senates, war ihm als Hauptressort das Steuerwesen zugefallen. Aber auch Eisenbahn-, Zoll- und andere staatliche Geschäfte nahmen ihn in Anspruch, und in tausend Sitzungen von Verwaltungs- und Aufsichtsräten, in denen ihm seit seiner Wahl das Präsidium zufiel, bedurfte es seiner ganzen Umsicht, Liebenswürdigkeit und Elastizität, um beständig die Empfindlichkeit weit bejahrterer Leute zu berücksichtigen, sich scheinbar ihrer älteren Erfahrung unterzuordnen und dennoch die Macht in Händen zu behalten. Wenn das Merkwürdige zu beobachten war, daß gleichzeitig seine »Eitelkeit«, das heißt dieses Bedürfnis, sich körperlich zu erquicken, zu erneuern, mehrere Male am Tage die Kleidung zu wechseln, sich wiederherzustellen und morgenfrisch zu machen, in auffälliger Weise zunahm, so bedeutete das, obgleich Thomas Buddenbrook kaum 37 Jahre zählte, ganz einfach ein Nachlassen seiner Spannkraft, eine raschere Abnützbarkeit …

Bat der gute Doktor Grabow ihn, sich ein wenig mehr Ruhe zu gönnen, so antwortete er: »Oh, mein lieber Doktor! Soweit bin ich noch nicht.« Er wollte damit sagen, daß er noch unabsehbar viel an sich zu arbeiten habe, bevor er, dermaleinst vielleicht, sich einen Zustand erobert haben würde, den er, fertig und am Ziele, nun in Behagen würde genießen können. In Wahrheit glaubte er kaum an diesen Zustand. Es trieb ihn vorwärts und ließ ihm keinen Frieden. Auch wenn er scheinbar ruhte, nach Tisch vielleicht, mit den Zeitungen, arbeiteten, während er mit einer gewissen langsamen Leidenschaftlichkeit die ausgezogene Spitze seines Schnurrbartes drehte und an seinen blassen Schläfen die Adern sichtbar wurden, tausend Pläne in seinem Kopf durcheinander. Und sein Ernst war gleich heftig beim Ersinnen eines geschäftlichen Manövers oder einer öffentlichen Rede, wie bei dem Vorhaben, nun endlich einmal kurzerhand seinen gesamten Vorrat an Leibwäsche zu erneuern, um wenigstens in dieser Beziehung für einige Zeit fertig und in Ordnung zu sein!

Wenn solche Anschaffungen und Restaurierungen ihm vorübergehend eine gewisse Befriedigung und Beruhigung gewährten, so mochte er die Ausgaben dafür sich skrupellos gestatten, denn seine Geschäfte gingen in diesen Jahren so ausgezeichnet wie ehemals nur zur Zeit seines Großvaters. Der Name der Firma gewann nicht nur in der Stadt, sondern auch draußen an Klang, und innerhalb des Gemeinwesens wuchs noch immer sein Ansehen. Jedermann anerkannte mit Neid oder freudiger Teilnahme seine Tüchtigkeit und Geschicklichkeit, während er selbst vergeblich danach rang, mit Behagen in Reihe und Ordnung zu schaffen, weil er hinter seiner planenden Phantasie sich beständig zum Verzweifeln im Rückstande fühlte.

So war es nicht Übermut, daß Senator Buddenbrook im Sommer dieses Jahres 63 umherging und über dem Plane sann, sich ein großes, neues Haus zu bauen. Wer glücklich ist, bleibt am Platze. Seine Rastlosigkeit trieb ihn dazu, und seine Mitbürger hätten dies Unternehmen seiner »Eitelkeit« zurechnen können, denn es gehörte dazu. Ein neues Haus, eine radikale Veränderung des äußeren Lebens, Aufräumen, Umzug, Neuinstallierung mit Ausscheidung alles Alten und Überflüssigen, des ganzen Niederschlages vergangener Jahre: diese Vorstellungen gaben ihm ein Gefühl von Sauberkeit, Neuheit, Erfrischung, Unberührtheit, Stärkung … und er mußte alles dessen wohl bedürftig sein, denn er griff mit Eifer danach und hatte sein Augenmerk schon auf eine bestimmte Stelle gerichtet.

Es war ein ziemlich umfangreiches Grundstück in der unteren Fischergrube. Ein altersgraues, schlecht unterhaltenes Haus stand dort zum Verkaufe, dessen Besitzerin, eine steinalte Jungfer, die es als ein Überbleibsel einer vergessenen Familie ganz allein bewohnt hatte, kürzlich gestorben war. An diesem Platze wollte der Senator sein Haus erstehen lassen, und auf seinen Gängen zum Hafen passierte er ihn oft mit prüfenden Blicken. Die Nachbarschaft war sympathisch: gute Bürgerhäuser mit Giebeln; am bescheidensten unter ihnen erschien das vis-à-vis: ein schmales Ding mit einem kleinen Blumenladen im Erdgeschoß.

Er beschäftigte sich angestrengt mit diesem Unternehmen. Er machte einen ungefähren Überschlag der Kosten, und obgleich die Summe, die er vorläufig festsetzte, nicht gering war, fand er, daß er sie ohne Überanstrengung zu leisten vermochte. Dennoch erblaßte er bei dem Gedanken, daß das Ganze vielleicht ein unnützer Streich sein könne, und gestand sich, daß sein jetziges Haus für ihn, seine Frau, sein Kind und die Dienerschaft ja eigentlich Raum in Fülle hatte. Aber seine halbbewußten Bedürfnisse waren stärker, und in dem Wunsche, von außen her in seinem Vorhaben bekräftigt und berechtigt zu werden, eröffnete er sich zunächst seiner Schwester.

»Kurz, Tony, was hältst du von der Sache! Die Wendeltreppe zum Badezimmer ist ja ganz spaßhaft, aber im Grunde ist das Ganze doch bloß eine Schachtel. Es ist so wenig repräsentabel, wie? Und jetzt, wo du es richtig dahin gebracht hast, daß ich Senator geworden bin … Mit einem Worte: Bin ich's mir schuldig …?«

Ach, mein Gott, was war er sich in Madame Permaneders Augen nicht schuldig! Sie war voll ernster Begeisterung. Sie kreuzte die Arme auf der Brust und ging mit etwas erhobenen Schultern und zurückgelegtem Kopfe im Zimmer umher.

»Da hast du recht, Tom! O Gott, wie recht du hast! Da gibt es gar keinen Einwand, denn wer zum Überfluß eine Arnoldsen mit 100000 Talern hat … Übrigens bin ich stolz, daß du mich zuerst ins Vertrauen ziehst, das ist schön von dir!… Und wenn schon, Tom, dann auch vornehm, das sage ich dir …!«

»Nun ja, der Meinung bin ich auch. Ich will etwas daranwenden. Voigt soll es machen, und ich freue mich schon darauf, den Riß mit dir zu besehen. Voigt hat viel Geschmack …«

Die zweite Zustimmung, die Thomas sich einholte, war diejenige Gerdas. Sie lobte den Plan durchaus. Das Getümmel des Umzuges würde nichts Angenehmes sein, aber die Aussicht auf ein großes Musikzimmer mit guter Akustik stimmte sie glücklich. Und was die alte Konsulin betraf, so war sie sofort bereit, den Bau als logische Folge der übrigen Glücksfälle zu betrachten, die sie mit Genugtuung und Dank gegen Gott erlebte. Seit der Geburt des Erben und des Konsuls Wahl in den Rat äußerte sich ihr Mutterstolz noch unverhohlener als früher; sie hatte eine Art, »mein Sohn, der Senator« zu sagen, die die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße aufs höchste irritierte.

Die alternden Mädchen fanden wahrhaftig allzu wenig Ablenkung von dem Anblick des eklatanten Aufschwunges, den Thomas' äußeres Leben nahm. Am Donnerstag die arme Klothilde zu verhöhnen, bereitete wenig Genugtuung, und über Christian, der durch Vermittlung Mr. Richardsons, seines ehemaligen Prinzipals, in London eine Stellung gefunden und von dort aus ganz kürzlich den aberwitzigen Wunsch herübertelegraphiert hatte, Fräulein Puvogel als Gattin sich zu nehmen, worauf er allerdings von der Konsulin aufs strengste zurückgewiesen war … über Christian, der ganz einfach zur Rangordnung Jakob Krögers gehörte, waren die Akten geschlossen. So entschädigte man sich ein wenig an den kleinen Schwächen der Konsulin und Frau Permaneders, indem man zum Beispiel das Gespräch auf Haartrachten brachte; denn die Konsulin war imstande, mit der sanftesten Miene zu sagen, sie trage »ihr« Haar schlicht … während doch alle von Gott mit Verstand begabten Menschen, vor allen aber die Damen Buddenbrook sich sagen mußten, daß der unveränderlich rötlichblonde Scheitel unter der Haube der alten Dame längst nicht mehr »ihr« Haar genannt werden könne. Noch lohnender aber war es, Kusine Tony zu veranlassen, sich ein wenig über die Personen zu äußern, die ihr bisheriges Leben in hassenswerter Weise beeinflußt hatten. Tränen-Trieschke! Grünlich! Permaneder! Hagenströms!… Diese Namen, die Tony, wenn sie gereizt ward, wie ebenso viele kleine Trompetenstöße des Abscheus mit etwas emporgezogenen Schultern in die Luft hinein verlauten ließ, klangen den Töchtern Onkel Gottholds recht angenehm in die Ohren.

Übrigens verhehlten sie sich nicht – und übernahmen keineswegs die Verantwortung, es zu verschweigen –, daß der kleine Johann zum Erschrecken langsam gehen und sprechen lerne … Sie waren im Rechte damit, und es ist zuzugeben, daß Hanno – dies war der Rufname, den Frau Senator Buddenbrook für ihren Sohn eingeführt hatte – zu einer Zeit, als er alle Mitglieder seiner Familie mit ziemlicher Korrektheit zu nennen vermochte, noch immer außerstande war, die Namen Friederike, Henriette und Pfiffi in verständlicher Weise zu bilden. Was das Gehen betraf, so war ihm jetzt, im Alter von fünf Vierteljahren, noch kein selbständiger Schritt gelungen, und es war um diese Zeit, daß die Damen Buddenbrook mit hoffnungslosem Kopfschütteln erklärten, dieses Kind werde stumm und lahm bleiben für sein ganzes Leben.

Sie durften später diese traurige Prophezeiung als Irrtum erkennen; aber niemand leugnete, daß Hanno in seiner Entwicklung ein wenig zurückstand. Er hatte gleich in der frühesten Zeit seines Lebens schwere Kämpfe zu bestehen gehabt und seine Umgebung in beständiger Furcht gehalten. Als ein stilles und wenig kräftiges Kind war er zur Welt gekommen, und bald nach der Taufe hatte ein nur drei Tage dauernder Anfall von Brechdurchfall beinahe genügt, sein mit Mühe in Gang gebrachtes kleines Herz endgültig stillstehen zu lassen. Er blieb am Leben, und der gute Doktor Grabow traf nun, mit der sorgfältigsten Ernährung und Pflege, Vorkehrungen gegen die drohenden Krisen des Zahnens. Kaum aber wollte die erste weiße Spitze den Kiefer durchbrechen, als auch schon die Krämpfe sich einstellten, um sich dann stärker und einige Male in Entsetzen erregender Weise zu wiederholen. Wieder kam es dahin, daß der alte Arzt den Eltern nur noch wortlos die Hände drückte … Das Kind lag in tiefster Erschöpfung, und der stiere Seitenblick der tief umschatteten Augen deutete auf eine Gehirnaffektion. Das Ende schien fast wünschenswert.

Dennoch gelangte Hanno wieder zu einigen Kräften, sein Blick begann die Dinge zu fassen, und wenn auch die überstandenen Strapazen seine Fortschritte im Sprechen und Gehen verlangsamten, so gab es nun doch keine unmittelbare Gefahr mehr zu fürchten.

Hanno war schlankgliedrig und ziemlich lang für sein Alter. Sein hellbraunes, sehr weiches Haar begann in dieser Zeit ungemein schnell zu wachsen und fiel bald, kaum merklich gewellt, auf die Schultern seines faltigen, schürzenartigen Kleidchens nieder. Schon begannen die Familienähnlichkeiten sich vollkommen erkennbar bei ihm auszuprägen. Von Anbeginn besaß er ganz ausgesprochen die Hände der Buddenbrooks: breit, ein wenig zu kurz, aber fein gegliedert; und seine Nase war genau die seines Vaters und Urgroßvaters, wenn auch die Flügel noch zarter bleiben zu wollen schienen. Das ganze längliche und schmale Untergesicht jedoch gehörte weder den Buddenbrooks noch den Krögers, sondern der mütterlichen Familie – wie auch vor allem sein Mund, der frühzeitig – schon jetzt – dazu neigte, sich in zugleich wehmütiger und ängstlicher Weise verschlossen zu halten … mit diesem Ausdruck, dem später der Blick seiner eigenartig goldbraunen Augen mit den bläulichen Schatten sich immer mehr anpaßte …

Unter den Blicken voll verhaltener Zärtlichkeit, die sein Vater ihm schenkte, unter der Sorgfalt, mit der seine Mutter seine Kleidung und Pflege überwachte, angebetet von seiner Tante Antonie, mit Reitern und Kreiseln beschenkt von der Konsulin und Onkel Justus – begann er zu leben, und wenn sein hübscher kleiner Wagen auf der Straße erschien, blickten die Leute ihm mit Interesse und Erwartung nach. Was aber die würdige Kinderfrau Madame Decho betraf, die zunächst noch den Dienst versah, so war es beschlossene Sache, daß in das neue Haus nicht mehr sie, sondern an ihrer Statt Ida Jungmann einziehen sollte, während die Konsulin sich nach anderer Hilfe umsehen würde …

Senator Buddenbrook verwirklichte seine Pläne. Der Ankauf des Grundstückes in der Fischergrube machte keinerlei Schwierigkeiten, und das Haus in der Breiten Straße, zu dessen Übernahme der Makler Gosch sich sofort mit Ingrimm bereit erklärt hatte, brachte Herr Stephan Kistenmaker, dessen Familie wuchs und der mit seinem Bruder in Rotspohn gutes Geld verdiente, unmittelbar käuflich an sich. Herr Voigt übernahm den Bau, und bald schon konnte man Donnerstags im Familienkreise seinen sauberen Riß entrollen und die Fassade im voraus schauen: ein prächtiger Rohbau mit Sandstein-Karyatiden, die den Erker trugen, und einem flachen Dache, über welches Klothilde gedehnt und freundlich bemerkte, daß man nachmittags Kaffee darauf trinken könne … Selbst in betreff der Parterreräumlichkeiten des Mengstraßenhauses, die nun leer stehen würden, denn auch seine Kontors gedachte der Senator in die Fischergrube zu verlegen, ordnete sich rasch alles zum besten, denn es erwies sich, daß die städtische Feuer-Versicherungsgesellschaft gewillt war, die Stuben mietweise als Büros zu übernehmen.

Der Herbst kam, graues Gemäuer stürzte zu Schutt zusammen, und über geräumigen Kellern erwuchs, während der Winter hereinbrach und wieder an Kraft verlor, Thomas Buddenbrooks neues Haus. Kein Gesprächsstoff in der Stadt, der anziehender gewesen wäre! Es wurde tipptopp, es wurde das schönste Wohnhaus weit und breit! Gab es etwa in Hamburg schönere?… Mußte aber auch verzweifelt teuer sein, und der alte Konsul hätte solche Sprünge sicherlich nicht gemacht … Die Nachbarn, die Bürgersleute in den Giebelhäusern, lagen in den Fenstern, sahen den Arbeiten der Männer auf den Gerüsten zu, freuten sich, wie der Bau emporstieg, und suchten den Zeitpunkt des Richtfestes zu bestimmen.

Es kam heran und ward mit allen Umständlichkeiten begangen. Droben auf dem flachen Dache hielt ein alter Maurerpolier eine Rede, an deren Ende er eine Champagnerflasche über seine Schulter schleuderte, während zwischen den Fahnen die großmächtige Richtkrone aus Rosen, grünem Laub und bunten Blättern schwerfällig im Winde schwankte. Dann aber ward in einem nahen Wirtshause den sämtlichen Arbeitern an langen Tischen ein Festmahl mit Bier, belegtem Butterbrot und Zigarren gegeben, und mit seiner Gattin und seinem kleinen Sohne, den Madame Decho auf dem Arme trug, schritt Senator Buddenbrook in dem niedrigen Raume zwischen den Reihen der Tafelnden hindurch und nahm dankend die Hochrufe entgegen, die man ihm darbrachte.

Draußen ward Hanno wieder in seinen Wagen gesetzt, und Thomas überschritt mit Gerda den Fahrdamm, um noch einen Blick an der roten Fassade mit den weißen Karyatiden hinaufgleiten zu lassen. Drüben, vor dem kleinen Blumenladen mit der schmalen Tür und dem dürftigen Schaufensterchen, in welchem ein paar Töpfe mit Zwiebelgewächsen nebeneinander auf einer grünen Glasscheibe paradierten, stand Iwersen, der Besitzer des Geschäftes, ein blonder, riesenstarker Mann, in wollener Jacke, neben seiner Frau, die weit schmächtiger war und einen dunklen, südlichen Gesichtstypus zeigte. Sie hielt einen vier- oder fünfjährigen Jungen an der einen Hand, schob mit der andern ein Wägelchen, in dem ein kleineres Kind schlummerte, langsam hin und her und befand sich ersichtlich in guter Hoffnung.

Iwersen verbeugte sich ebenso tief wie ungeschickt, während seine Frau, die nicht aufhörte, das Kinderwägelchen hin und her zu rollen, aus ihren schwarzen, länglich geschnittenen Augen ruhig und aufmerksam die Senatorin betrachtete, die am Arme ihres Gatten auf sie zukam.

Thomas blieb stehen und wies mit dem Stock nach der Richtkrone hinauf.

»Das haben Sie schön gemacht, Iwersen!«

»Kömmt nich mir zu, Herr Senator. Dat's min Fru eer Saak.«

»Ah!« sagte der Senator kurz, wobei er mit einem kleinen Ruck den Kopf erhob und eine Sekunde lang hell, fest und freundlich in das Gesicht Frau Iwersens blickte. Und ohne ein Wort hinzuzufügen, verabschiedete er sich mit einer verbindlichen Handbewegung.

Sechstes Kapitel

Eines Sonntags, zu Beginn des Juli – Senator Buddenbrook hatte seit etwa vier Wochen sein neues Haus bezogen – erschien Frau Permaneder noch gegen Abend bei ihrem Bruder. Sie überschritt den kühlen, steinernen Flur, der mit Reliefs nach Thorwaldsen geschmückt war und von dem zur Rechten eine Tür in die Kontors führte, schellte an der Windfangtür, die von der Küche aus durch den Druck auf einen Gummiball geöffnet werden konnte, und erfuhr auf dem geräumigen Vorplatz, wo, am Fuße der Haupttreppe, der Bär, das Geschenk der Tiburtius', stand, von Anton, dem Bedienten, daß der Senator noch bei der Arbeit sei.

»Schön«, sagte sie, »danke, Anton; ich gehe zu ihm.«

Aber sie schritt zuvor noch am Kontoreingang vorbei, ein wenig nach rechts, dorthin, wo über ihr das kolossale Treppenhaus sich auftat, dieses Treppenhaus, das im ersten Stockwerk von der Fortsetzung des gußeisernen Treppengeländers gebildet ward, in der Höhe der zweiten Etage aber zu einer weiten Säulengalerie in Weiß und Gold wurde, während von der schwindelnden Höhe des »einfallenden Lichtes« ein mächtiger, goldblanker Lustre herniederschwebte … »Vornehm!« sagte Frau Permaneder leise und befriedigt, indem sie in diese offene und helle Pracht hineinblickte, die ihr ganz einfach die Macht, den Glanz und Triumph der Buddenbrooks bedeutete. Dann aber fiel ihr ein, daß sie in einer betrübenden Angelegenheit hierhergekommen sei, und sie wandte sich langsam dem Kontoreingang zu.

Thomas war ganz allein dort drinnen; er saß an seinem Fensterplatz und schrieb einen Brief. Er blickte auf, indem er eine seiner hellen Brauen emporzog, und streckte seiner Schwester die Hand entgegen.

»'n Abend, Tony. Was bringst du Gutes.«

»Ach, nicht viel Gutes, Tom!… Nein, das Treppenhaus ist gar zu herrlich!… Übrigens sitzest du hier im Halbdunkeln und schreibst.«

»Ja … ein eiliger Brief. – Also nichts Gutes? Jedenfalls wollen wir ein bißchen im Garten herumgehen dabei; das ist angenehmer. Komm.«

Ein Geigenadagio tönte tremolierend aus der ersten Etage herab, während sie über die Diele gingen.

»Horch!« sagte Frau Permaneder und blieb einen Augenblick stehen … »Gerda spielt. Wie himmlisch! O Gott, dieses Weib … sie ist eine Fee! Wie geht es Hanno, Tom?«

»Er wird gerade mit der Jungmann zu Abend essen. Schlimm, daß es mit seinem Gehen noch immer nicht so recht vorwärts will …«

»Das wird schon kommen, Tom, wird schon kommen! Wie seid ihr mit Ida zufrieden?«

»Oh, wie sollten wir nicht zufrieden sein …«

Sie passierten den rückwärts gelegenen steinernen Flur, indem sie die Küche zur Rechten ließen, und traten durch eine Glastür über zwei Stufen in den zierlichen und duftenden Blumengarten hinaus.

»Nun?« fragte der Senator.

Es war warm und still. Die Düfte der reinlich abgezirkelten Beete lagen in der Abendluft, und der von hohen lilafarbenen Iris umstandene Springbrunnen sandte seinen Strahl mit friedlichem Plätschern dem dunklen Himmel entgegen, an dem die ersten Sterne zu erglimmen begannen. Im Hintergrunde führte eine kleine, von zwei niedrigen Obelisken flankierte Freitreppe zu einem erhöhten Kiesplatze empor, auf welchem ein offener, hölzerner Pavillon stand, der mit seiner herabgelassenen Markise einige Gartenstühle beschirmte. Zur Linken ward das Grundstück durch eine Mauer vom Nachbargarten abgegrenzt; rechts aber war die Seitenwand des Nebenhauses in ihrer ganzen Höhe mit einem hölzernen Gerüst verkleidet, das bestimmt war, mit der Zeit von Schlinggewächsen bedeckt zu werden. Es gab zu den Seiten der Freitreppe und des Pavillonplatzes ein paar Johannis- und Stachelbeersträucher; aber nur ein großer Baum war da, ein knorriger Walnußbaum, der links an der Mauer stand.

»Die Sache ist die«, antwortete Frau Permaneder zögernd, während die Geschwister auf dem Kieswege langsam den vorderen Platz zu umschreiten begannen … »Tiburtius schreibt …«

»Klara?!« fragte Thomas … »Bitte, kurz und ohne Umstände!«

»Ja, Tom, sie liegt, es steht schlimm mit ihr, und der Doktor fürchtet, daß es Tuberkeln sind … Gehirntuberkulose … so schwer es mir fällt, es auszusprechen. Sieh her: dies ist der Brief, den ihr Mann mir schreibt. Diese Einlage, die an Mutter adressiert ist und in der, sagt er, dasselbe steht, sollen wir ihr geben, nachdem wir sie ein bißchen vorbereitet haben. Und dann ist hier noch diese zweite Einlage: auch an Mutter und von Klara selbst sehr unsicher mit Bleistift geschrieben. Und Tiburtius erzählt, daß sie selbst dabei gesagt hat, es seien ihre letzten Zeilen, denn es sei das Traurige, daß sie sich gar keine Mühe gäbe, zu leben. Sie hat sich ja immer nach dem Himmel gesehnt …« schloß Frau Permaneder und trocknete ihre Augen.

Der Senator ging schweigend, die Hände auf dem Rücken und mit tief gesenktem Kopfe neben ihr.

»Du bist so still, Tom … Und du hast recht; was soll man sagen? Und dies grade jetzt, wo auch Christian krank in Hamburg liegt …«

Denn so verhielt es sich. Christians »Qual« in der linken Seite war in letzter Zeit zu London so stark geworden, hatte sich in so reelle Schmerzen verwandelt, daß er alle seine kleineren Beschwerden darüber vergessen hatte. Er hatte sich nicht mehr zu helfen gewußt, hatte seiner Mutter geschrieben, er müsse nach Hause kommen, um sich von ihr pflegen zu lassen, hatte seinen Platz in London fahren lassen und war abgereist. Kaum aber in Hamburg angelangt, hatte er zu Bette gehen müssen, der Arzt hatte Gelenkrheumatismus festgestellt und Christian aus dem Hotel ins Krankenhaus schaffen lassen, da eine Weiterreise fürs erste unmöglich sei. Da lag er nun und diktierte seinem Wärter höchst trübselige Briefe …

»Ja«, antwortete der Senator leise; »es scheint, daß eins zum andern kommen soll.«

Sie legte einen Augenblick den Arm um seine Schultern.

»Aber du mußt nicht verzagt sein, Tom! Dazu hast du noch lange kein Recht! Du hast guten Mut nötig …«

»Ja, bei Gott, den hätte ich nötig!«

»Wieso, Tom?… Sage mal: Warum warst du eigentlich vorgestern, Donnerstag, den ganzen Nachmittag so schweigsam, wenn ich das wissen darf?«

»Ach … Geschäfte, mein Kind. Ich habe eine nicht ganz kleine Partie Roggen nicht sehr vorteilhaft … na, kurz und gut: eine große Partie sehr unvorteilhaft verkaufen müssen …«

»Oh, das kommt vor, Tom! Das passiert heute, und morgen bringst du's wieder ein. Sich dadurch gleich die Stimmung verderben zu lassen …«

»Falsch, Tony«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Meine Stimmung ist nicht unter Null, weil ich Mißerfolg habe. Umgekehrt. Das ist mein Glaube, und darum trifft es auch zu.«

»Aber, was ist denn mit deiner Stimmung?!« fragte sie erschreckt und erstaunt. »Man sollte annehmen … du solltest fröhlich sein, Tom! Klara ist am Leben … alles wird gut gehen mit Gottes Hilfe! Und im übrigen? Hier gehen wir in deinem Garten umher, und alles duftet nur so. Dort liegt dein Haus, ein Traum von einem Haus; Hermann Hagenström bewohnt eine Kate im Vergleiche damit! Das alles hast du zuwege gebracht …«

»Ja, es ist fast zu schön, Tony. Ich will sagen: es ist noch zu neu. Es verstört mich noch ein wenig, und daher mag die üble Stimmung kommen, die mir zusetzt und mir in allen Dingen schadet. Ich habe mich sehr auf dies alles gefreut, aber diese Vorfreude war, wie ja immer, das Beste, denn das Gute kommt immer zu spät, immer wird es zu spät fertig, wenn man sich nicht mehr recht darüber freuen kann …«

»Nicht mehr freuen, Tom! Jung wie du bist!«

»Man ist so jung oder alt wie man sich fühlt. – Und wenn es kommt, das Gute und Erwünschte, schwerfällig und verspätet, so kommt es, behaftet mit allem kleinlichen, störenden, ärgerlichen Beiwerk, allem Staube der Wirklichkeit, mit dem man in der Phantasie nicht gerechnet hat, und der einen reizt … reizt …«

»Ja, ja … Aber so jung oder alt wie man sich fühlt, Tom –?«

»Ja, Tony. Es mag vorübergehen … eine Verstimmung – gewiß. Aber ich fühle mich in dieser Zeit älter, als ich bin. Ich habe geschäftliche Sorgen, und im Aufsichtsrat der Büchener Eisenbahn hat mich Konsul Hagenström gestern ganz einfach zu Boden geredet, widerlegt, beinahe dem allgemeinen Lächeln ausgesetzt … Mir ist, als ob mir dergleichen früher nicht hätte geschehen können. Mir ist, als ob mir etwas zu entschlüpfen begönne, als ob ich dieses Unbestimmte nicht mehr so fest in Händen hielte, wie ehemals … Was ist der Erfolg? Eine geheime, unbeschreibliche Kraft, Umsichtigkeit, Bereitschaft … das Bewußtsein, einen Druck auf die Bewegungen des Lebens um mich her durch mein bloßes Vorhandensein auszuüben … Der Glaube an die Gefügigkeit des Lebens zu meinen Gunsten … Glück und Erfolg sind in uns. Wir müssen sie halten: fest, tief. Sowie hier drinnen etwas nachzulassen beginnt, sich abzuspannen, müde zu werden, alsbald wird alles frei um uns her, widerstrebt, rebelliert, entzieht sich unserem Einfluß … Dann kommt eines zum andern, Schlappe folgt auf Schlappe, und man ist fertig. Ich habe in den letzten Tagen oft an ein türkisches Sprichwort gedacht, das ich irgendwo las: ›Wenn das Haus fertig ist, so kommt der Tod‹. Nun, es braucht noch nicht grade der Tod zu sein. Aber der Rückgang … der Abstieg … der Anfang vom Ende … Siehst du, Tony«, fuhr er fort, indem er den Arm unter den seiner Schwester schob, und seine Stimme wurde noch leiser: »Als wir Hanno tauften, erinnerst du dich? Da sagtest du zu mir: ›Mir ist, als ob jetzt noch eine ganz neue Zeit beginnen müsse!‹ Ich höre es noch ganz deutlich, und es schien dann, als solltest du recht bekommen, denn es kam die Senatswahl, und ich hatte Glück, und hier wuchs das Haus aus dem Erdboden. Aber ›Senator‹ und Haus sind Äußerlichkeiten, und ich weiß etwas, woran du noch nicht gedacht hast, ich weiß es aus Leben und Geschichte. Ich weiß, daß oft die äußeren, sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und Symbole des Glückes und Aufstieges erst erscheinen, wenn in Wahrheit alles schon wieder abwärts geht. Diese äußeren Zeichen brauchen Zeit, anzukommen, wie das Licht eines solchen Sternes dort oben, von dem wir nicht wissen, ob er nicht schon im Erlöschen begriffen, nicht schon erloschen ist, wenn er am hellsten strahlt …«

Er verstummte, und sie gingen eine Weile schweigend, während der Springbrunnen in der Stille plätscherte und es in der Krone des Walnußbaumes flüsterte. Dann atmete Frau Permaneder so mühsam auf, daß es wie Schluchzen klang.

»Wie traurig du sprichst, Tom! So traurig wie noch nie! Aber es ist gut, daß du dich ausgesprochen hast, und nun wird es dir leichter werden, dir alles das aus dem Sinn zu schlagen.«

»Ja, Tony, das muß ich, so gut es geht, versuchen. Und nun gib mir die beiden Einlagen von Klara und dem Pastor. Es wird dir recht sein, wenn ich dir die Sache abnehme und morgen vormittag selbst mit Mutter spreche. Die gute Mutter! Aber wenn es Tuberkeln sind, so muß man sich ergeben.«

Siebentes Kapitel

»Und du fragst mich nicht?! Du gehst über mich hinweg?!«

»Ich habe gehandelt, wie ich handeln mußte!«

»Du hast über alle Grenzen verwirrt und vernunftlos gehandelt!«

»Vernunft ist nicht das Höchste auf Erden!«

»Oh, keine Phrasen!… Es handelt sich um die einfachste Gerechtigkeit, die du in empörender Weise außer acht gelassen hast!«

»Ich bemerke dir, mein Sohn, daß du deinerseits in deinem Tone die Ehrfurcht außer acht läßt, die du mir schuldest!«

»Und ich entgegne dir, meine liebe Mutter, daß ich diese Ehrfurcht noch niemals vergessen habe, daß aber meine Eigenschaft als Sohn zu Null wird, sobald ich dir in Sachen der Firma und der Familie als männliches Oberhaupt und an der Stelle meines Vaters gegenüberstehe!« …

»Ich will nun, daß du schweigst, Thomas!«

»O nein! ich werde nicht schweigen, bis du deine maßlose Torheit und Schwäche erkennst!«

»Ich disponiere über mein Vermögen wie es mir beliebt!«

»Billigkeit und Vernunft setzen deinem Belieben Schranken!«

»Nie hätte ich gedacht, daß du mich so zu kränken vermöchtest!«

»Nie hätte ich gedacht, daß du mir so rücksichtslos ins Gesicht zu schlagen vermöchtest …!«

»Tom!… Aber Tom!« ließ sich Frau Permaneders verängstigte Stimme vernehmen. Sie saß, die Hände ringend, am Fenster des Landschaftszimmers, während ihr Bruder mit furchtbar erregten Schritten den Raum durchmaß und die Konsulin, aufgelöst in Zorn und Schmerz, auf dem Sofa saß, indem sie sich mit einer Hand auf das Polster stützte und die andere bei einem heftigen Wort auf die Tischplatte niederfallen ließ. Alle drei trugen Trauer um Klara, die nicht mehr auf Erden weilte, und alle drei waren bleich und außer sich …

Was ging vor? Etwas Entsetzliches, Grauenerregendes, etwas, was den Beteiligten selbst als monströs und unglaublich erschien! Ein Streit, eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn!

Es war im August, an einem schwülen Nachmittage. Zehn Tage schon, nachdem der Senator seiner Mutter mit aller Vorsicht die beiden Briefe von Sievert und Klara Tiburtius überreicht hatte, war ihm die schwere Aufgabe geworden, die alte Dame mit der Todesnachricht zu treffen. Dann war er zum Begräbnis nach Riga gereist, war zusammen mit seinem Schwager Tiburtius zurückgekehrt, der einige Tage bei der Familie seiner entschlafenen Gattin verbracht, und auch Christian im Hamburger Krankenhause besucht hatte … und jetzt, da der Pastor seit zwei Tagen sich wieder in seiner Heimat befand, hatte die Konsulin ihrem Sohne mit ersichtlichem Zögern diese Eröffnung gemacht …

»Hundertsiebenundzwanzigtausendfünfhundert Kurantmark!« rief er und schüttelte die gefalteten Hände vor seinem Gesicht. »Sei's um die Mitgift! Hätte er doch die Achtzigtausend behalten mögen, obgleich kein Kind vorhanden ist! Aber das Erbe! Klaras Erbe ihm zuzusprechen! Und du fragst mich nicht! Du gehst über mich hinweg!« …

»Thomas, um Christi willen, laß mir Gerechtigkeit widerfahren! Konnte ich denn anders? Konnte ich es denn?!… Sie, die nun bei Gott, und all dem entrückt ist, sie schreibt mir von ihrem Sterbebette aus … mit Bleistift … mit zitternder Hand … ›Mutter‹, schreibt sie, ›wir werden uns hier unten niemals wiedersehen, und dies sind, das fühle ich so deutlich, meine letzten Zeilen … Mit meinem letzten Bewußtsein schreibe ich sie, das meinem Manne gilt … Gott hat uns nicht mit Kindern gesegnet; aber was mein gewesen wäre, wenn ich Dich überlebt hätte, laß es, wenn Du mir dereinst dorthin nachfolgst – laß es ihm zufallen, damit er es zu seinen Lebzeiten genieße! Mutter, es ist meine letzte Bitte … die Bitte einer Sterbenden … Du wirst sie mir nicht abschlagen …‹ Nein, Thomas! ich habe sie ihr nicht abgeschlagen; ich konnte es nicht! Ich habe ihr depeschiert, und sie ist in Frieden hinübergegangen …« Die Konsulin weinte heftig.

»Und man gönnt mir nicht eine Silbe! Man verheimlicht mir alles! Man geht über mich hinweg!« wiederholte der Senator.

»Ja, ich habe geschwiegen, Thomas; denn ich fühlte, daß ich die letzte Bitte meines sterbenden Kindes erfüllen mußte … und ich weiß, daß du versucht hättest, es mir zu verbieten!«

»Ja! bei Gott! Das hätte ich!«

»Und du hättest das Recht nicht dazu gehabt, denn drei meiner Kinder sind einig mit mir!«

»Oh, mich dünkt, meine Meinung wiegt die zweier Damen und eines maroden Narren auf …«

»Du sprichst so lieblos von deinen Geschwistern, wie hart zu mir!«

»Klara war eine fromme aber unwissende Frau, Mutter! Und Tony ist ein Kind, – das übrigens bis zur Stunde ebenfalls nichts gewußt hat, denn es hätte ja zur Unzeit geplaudert, nicht wahr? Und Christian?… Ja, er hat sich Christians Einwilligung verschafft, dieser Tiburtius … Wer hätte dergleichen von ihm erwartet?!… Weißt du noch nicht, begreifst du noch nicht, was er ist, dieser ingeniöse Pastor? Ein Wicht ist er! Ein Erbschleicher …!«

»Schwiegersöhne sind immer Filous«, sagte Frau Permaneder mit dumpfer Stimme.

»Ein Erbschleicher! Was tut er? Er fährt nach Hamburg, er setzt sich an Christians Bett und redet auf ihn ein. ›Ja!‹ sagt Christian. ›Ja, Tiburtius. Gott befohlen. Haben Sie einen Begriff von der Qual in meiner linken Seite?…‹ Oh, Dummheit und Schlechtigkeit sind gegen mich verschworen –!« Und der Senator – außer sich, an das Schmiedeeisengitter der Ofennische gelehnt – drückte seine beiden verschlungenen Hände gegen die Stirn.

Dieser Paroxysmus von Entrüstung entsprach nicht den Umständen! Nein, es waren nicht diese 127500 Kurantmark, die ihn in einen Zustand versetzten, wie ihn noch niemals irgend jemand an ihm beobachtet hatte! Es war vielmehr dies, daß in seinem vorher schon gereizten Empfinden sich auch dieser Fall noch der Kette von Niederlagen und Demütigungen anreihte, die er während der letzten Monate im Geschäft und in der Stadt hatte erfahren müssen … Nichts fügte sich mehr! Nichts ging mehr nach seinem Willen! War es so weit gekommen, daß man im Hause seiner Väter in den wichtigsten Angelegenheiten »über ihn hinwegging« …? Daß ein Rigaer Pastor ihn rücklings übertölpelte?… Er hätte es verhindern können, aber sein Einfluß war gar nicht erprobt worden! Die Ereignisse waren ohne ihn ihren Gang gegangen! Aber ihm schien, daß das früher nicht hätte geschehen können, daß es früher nicht gewagt haben würde, zu geschehen! Es war eine neue Erschütterung des eigenen Glaubens an sein Glück, seine Macht, seine Zukunft … Und es war nichts als seine innere Schwäche und Verzweiflung, die vor Mutter und Schwester während dieses Auftrittes hervorbrach.

Frau Permaneder stand auf und umarmte ihn.

»Tom«, sagte sie, »beruhige dich doch! Komm doch zu dir! Ist es so schlimm? Du machst dich ja krank! Tiburtius braucht ja nicht gar so lange zu leben … und nach seinem Tode fällt ja das Erbteil an uns zurück! Und es soll ja auch geändert werden, wenn du willst! Kann es nicht geändert werden, Mama?«

Die Konsulin antwortete nur mit Schluchzen.

»Nein … ach nein!« sagte der Senator, indem er sich zusammenraffte und mit der Hand eine schwach ablehnende Geste beschrieb. »Es ist, wie es ist. Meint ihr, ich werde in die Gerichte laufen und gegen meine Mutter prozessieren, um dem internen Skandal einen öffentlichen hinzuzufügen? Es gehe wie es will …« schloß er und ging mit erschlafften Bewegungen zur Glastür, wo er noch einmal stehenblieb.

»Nur glaubt nicht, daß es zum besten mit uns steht«, sagte er gedämpft. »Tony hat 80000 Kurantmark verloren … und Christian hat außer seiner Mitgift von 50000, die er vertan, schon an die 30000 Vorschuß verbraucht … die sich vermehren werden, da er ohne Verdienst ist und eine Kur in Öynhausen gebrauchen wird … Nun fällt nicht nur Klaras Mitgift für immer, sondern dereinst auch ihr ganzer Vermögensanteil für unbestimmbare Zeit aus der Familie hinaus … Und die Geschäfte gehen schlecht, sie gehen zum Verzweifeln, genau seit der Zeit, daß ich mehr als Hunderttausend an mein Haus gewandt habe … Nein, es steht nicht gut um eine Familie, in der Veranlassung gegeben wird zu Auftritten wie dieser hier. Glaubt mir – glaubt mir das eine: Wäre Vater am Leben, wäre er hier bei uns zugegen: er würde die Hände falten und uns alle der Gnade Gottes empfehlen.«

Achtes Kapitel

Krieg und Kriegsgeschrei, Einquartierung und Geschäftigkeit: Preußische Offiziere bewegen sich in der parkettierten Zimmerflucht der Bel-Etage von Senator Buddenbrooks neuem Hause, küssen der Hausdame die Hände und werden von Christian, der von Öynhausen zurückgekehrt ist, in den Klub eingeführt, während im Mengstraßenhause Mamsell Severin, Riekchen Severin, der Konsulin neue Jungfer, zusammen mit den Mädchen eine Menge Matratzen in das »Portal«, das alte Gartenhaus, schleppt, das voll von Soldaten ist.

Gewimmel, Verstörung und Spannung überall! Die Mannschaften ziehen zum Tore hinaus, neue rücken ein, überfluten die Stadt, essen, schlafen, erfüllen die Ohren der Bürger mit Trommelwirbeln, Trompetensignalen und Kommandorufen und marschieren wieder ab. Königliche Prinzen werden begrüßt; Durchmarsch folgt auf Durchmarsch. Dann Stille und Erwartung.

Im Spätherbst und Winter kehren die Truppen siegreich zurück, werden wiederum einquartiert und ziehen unter den Hochrufen der aufatmenden Bürger nach Hause. – Friede. Der kurze, ereignisschwangere Friede von fünfundsechzig.

Und zwischen zwei Kriegen, unberührt und ruhevoll in den Falten seines Schürzenkleidchens und dem Gelock seines weichen Haares, spielt der kleine Johann im Garten am Springbrunnen oder auf dem »Altan«, der eigens für ihn durch eine kleine Säulenestrade vom Vorplatz der zweiten Etage abgetrennt ist, die Spiele seiner 4½ Jahre … Diese Spiele, deren Tiefsinn und Reiz kein Erwachsener mehr zu verstehen vermag, und zu denen nichts weiter nötig ist als drei Kieselsteine oder ein Stück Holz, das vielleicht eine Löwenzahnblüte als Helm trägt: vor allem aber die reine, starke, inbrünstige, keusche, noch unverstörte und uneingeschüchterte Phantasie jenes glückseligen Alters, wo das Leben sich noch scheut, uns anzutasten, wo noch weder Pflicht noch Schuld Hand an uns zu legen wagt, wo wir sehen, hören, lachen, staunen und träumen dürfen, ohne daß noch die Welt Dienste von uns verlangt … wo die Ungeduld derer, die wir doch lieben möchten, uns noch nicht nach Anzeichen und ersten Beweisen quält, daß wir diese Dienste mit Tüchtigkeit werden leisten können … Ach, nicht lange mehr, und mit plumper Übermacht wird alles über uns herfallen, um uns zu vergewaltigen, zu exerzieren, zu strecken, zu kürzen, zu verderben …

Große Dinge geschahen, während Hanno spielte. Der Krieg entbrannte, der Sieg schwankte und entschied sich, und Hanno Buddenbrooks Vaterstadt, die klug zu Preußen gestanden hatte, blickte nicht ohne Genugtuung auf das reiche Frankfurt, das seinen Glauben an Österreich bezahlen mußte, indem es aufhörte, eine freie Stadt zu sein.

Bei dem Fallissement einer Frankfurter Großfirma aber, im Juli, unmittelbar vor Eintritt des Waffenstillstandes, verlor das Haus Johann Buddenbrook mit einem Schlage die runde Summe von zwanzigtausend Talern Kurant.

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