Neunter Teil
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Erstes Kapitel
Hinter den beiden Herren, dem alten Doktor Grabow und dem jungen Doktor Langhals, einem Angehörigen der Familie Langhals, der etwa seit einem Jahre in der Stadt praktizierte, trat Senator Buddenbrook aus dem Schlafzimmer der Konsulin in das Frühstückszimmer und schloß die Tür.
»Darf ich Sie bitten, meine Herren … auf einen Augenblick«, sagte er und führte sie die Treppe hinauf, über den Korridor und durch die Säulenhalle ins Landschaftszimmer, wo des feuchten und kalten Herbstwetters wegen schon geheizt war. »Meine Spannung wird Ihnen begreiflich sein … nehmen Sie Platz! Beruhigen Sie mich, wenn es irgend möglich ist!«
»Potztausend, mein lieber Senator!« antwortete Doktor Grabow, der sich, das Kinn in der Halsbinde, bequem zurückgelehnt hatte und die Hutkrempe mit beiden Händen gegen seinen Magen gestemmt hielt, während Doktor Langhals, ein untersetzter, brünetter Herr mit spitzgeschnittenem Bart, aufrecht stehendem Haar, schönen Augen und einem eitlen Gesichtsausdruck, seinen Zylinder neben sich auf den Teppich gestellt hatte und seine außerordentlich kleinen, schwarzbehaarten Hände betrachtete … »Für irgendwelche ernstliche Beunruhigung ist natürlich fürs erste platterdings keine Ursache vorhanden; ich bitte Sie … eine Patientin von der verhältnismäßigen Widerstandskraft unserer verehrten Frau Konsulin … Meiner Treu, als gedienter Ratgeber kenne ich diese Widerstandskraft. Für ihre Jahre wirklich erstaunlich … was ich Ihnen sage …«
»Ja, eben, in ihren Jahren …«, sagte der Senator unruhig und drehte an der langen Spitze seines Schnurrbartes.
»Ich sage natürlich nicht, daß Ihre liebe Frau Mutter wird morgen wieder spazierengehen können«, fuhr Doktor Grabow sanftmütig fort. »Diesen Eindruck wird die Patientin nicht auf Sie gemacht haben, lieber Senator. Es ist ja nicht zu leugnen, daß der Katarrh seit vierundzwanzig Stunden eine ärgerliche Wendung genommen hat. Der Schüttelfrost gestern abend gefiel mir nicht recht, und heute gibt es da nun wahrhaftig ein bißchen Seitenstechen und Kurzluftigkeit. Etwas Fieber ist auch vorhanden – oh, unbedeutend, aber es ist Fieber. Kurz, lieber Senator, man muß sich wohl mit der vertrakten Tatsache abfinden, daß die Lunge ein bißchen affiziert ist …«
»Lungenentzündung also?« fragte der Senator und blickte von einem Arzte zum andern …
»Ja, – Pneumonia«, sagte Doktor Langhals mit ernster und korrekter Verbeugung.
»Allerdings, eine kleine, rechtsseitige Lungenentzündung«, antwortete der Hausarzt, »die wir sehr sorgfältig zu lokalisieren trachten müssen …«
»Danach ist immerhin Grund zu ernster Besorgnis vorhanden?« Der Senator saß ganz still und sah dem Sprechenden unverwandt ins Gesicht.
»Besorgnis? O … wir müssen, wie gesagt, darum besorgt sein, die Erkrankung einzuschränken, den Husten zu mildern, dem Fieber zu Leibe zu gehen … nun, das Chinin wird seine Schuldigkeit tun … Und dann noch eins, lieber Senator … Keine Schreckhaftigkeit den einzelnen Symptomen gegenüber, nicht wahr? Sollte sich die Atemnot ein wenig verstärken, sollte in der Nacht vielleicht etwas Delirium stattfinden, oder morgen ein bißchen Auswurf sich einstellen … wissen Sie, so ein rotbräunlicher Auswurf, wenn auch Blut dabei ist … Das ist alles durchaus logisch, durchaus zur Sache gehörig, durchaus normal. Bereiten Sie, bitte, auch unsere liebe, verehrte Madame Permaneder darauf vor, die ja die Pflege mit soviel Hingebung leitet … A propos, wie geht es ihr? Ich habe ganz und gar zu fragen vergessen, wie es in den letzten Tagen mit ihrem Magen gewesen ist …«
»Wie gewöhnlich. Ich weiß nichts Neues. Die Sorge um ihr Befinden tritt ja jetzt naturgemäß etwas zurück …«
»Versteht sich. Übrigens … mir kommt dabei ein Gedanke. Ihre Frau Schwester hat Ruhe nötig, besonders in der Nacht, und Mamsell Severin allein dürfte doch wohl nicht ausreichen … wie wäre es mit einer Pflegerin, lieber Senator? Wir haben da unsere guten katholischen Grauen Schwestern, für die Sie immer so wohlwollend eintreten … Die Schwester Oberin wird sich freuen, Ihnen dienen zu können.«
»Sie halten das also für nötig?«
»Ich bringe es in Vorschlag. Es ist so angenehm … Die Schwestern sind unschätzbar. Sie wirken mit ihrer Erfahrenheit und Besonnenheit so beruhigend auf die Kranken … gerade bei diesen Krankheiten, die, wie gesagt, mit einer Reihe von etwas unheimlichen Symptomen verbunden sind … Also, um es zu wiederholen: ruhig Blut, nicht wahr, mein lieber Senator? Übrigens werden wir ja sehen … wir werden ja sehen … Wir sprechen ja heute abend noch einmal vor …«
»Zuversichtlich«, sagte Doktor Langhals, nahm seinen Zylinder und erhob sich gleichzeitig mit seinem älteren Kollegen. Aber der Senator blieb noch sitzen, er war noch nicht fertig, hatte noch eine Frage im Sinne, wollte noch eine Probe machen …
»Meine Herren«, sagte er, »ein Wort noch … Mein Bruder Christian ist nervös, kurz, verträgt nicht viel … Raten Sie mir, ihm von der Erkrankung Mitteilung zu machen? Ihm vielleicht … die Rückkehr nahezulegen –?«
»Ihr Bruder Christian ist nicht in der Stadt?«
»Nein, in Hamburg. Vorübergehend. In Geschäften, soviel ich weiß …«
Doktor Grabow warf seinem Kollegen einen Blick zu; dann schüttelte er dem Senator lachend die Hand und sagte: »Also lassen wir ihn ruhig bei seinen Geschäften! Warum ihn unnütz erschrecken? Sollte irgendeine Wendung in dem Befinden eintreten, die seine Anwesenheit wünschenswert macht, sagen wir: um die Patientin zu beruhigen, ihre Stimmung zu heben … nun, so wird ja immer noch Zeit sein … immer noch Zeit …«
Während die Herren über Säulenhalle und Korridor zurückgingen und auf dem Treppenabsatz ein Weilchen stehenblieben, sprachen sie über andere Dinge, über Politik, über die Erschütterungen und Umwälzungen des kaum beendeten Krieges …
»Nun, jetzt kommen gute Zeiten, wie, Herr Senator? Geld im Lande … Und frische Stimmung weit und breit …«
Und der Senator stimmte dem halb und halb bei. Er bestätigte, daß der Ausbruch des Krieges den Verkehr in Getreide von Rußland zu großem Aufschwung gebracht habe und erwähnte der großen Dimensionen, die damals der Haferimport, zum Zwecke der Armeelieferung angenommen habe. Aber der Profit habe sich sehr ungleich verteilt …
Die Ärzte gingen, und Senator Buddenbrook wandte sich, um noch einmal in das Krankenzimmer zurückzukehren. Er überlegte, was Grabow gesagt hatte … Es hatte soviel Hinterhältiges darin gelegen … Man hatte gefühlt, wie er sich vor einer entschiedenen Äußerung hütete. Das einzige klare Wort war »Lungenentzündung« gewesen, und dieses Wort wurde nicht tröstlicher dadurch, daß Doktor Langhals es in die Sprache der Wissenschaft übersetzt hatte. Lungenentzündung in den Jahren der Konsulin … Schon, daß es zwei Ärzte waren, die kamen und gingen, gab der Sache einen beunruhigenden Aspekt. Grabow hatte das ganz leichthin und fast unmerklich arrangiert. Er gedenke, sich über kurz oder lang zur Ruhe zu setzen, hatte er gesagt, und da der junge Langhals berufen sei, seine Praxis zu übernehmen, so mache er – Grabow – sich ein Vergnügen daraus, ihn hie und da schon jetzt heranzuziehen und einzuführen …
Als der Senator in das halbdunkle Schlafzimmer trat, war seine Miene munter und seine Haltung energisch. Er war so gewöhnt daran, Sorge und Müdigkeit unter einem Ausdruck von überlegener Sicherheit zu verbergen, daß beim Öffnen der Tür diese Maske beinahe von selbst infolge eines ganz kurzen Willensaktes über sein Gesicht geglitten war.
Frau Permaneder saß an dem Himmelbett, dessen Vorhänge zurückgeschlagen waren, und hielt die Hand ihrer Mutter, die, von Kissen gestützt, den Kopf dem Eintretenden zuwandte und ihm mit ihren hellblauen Augen forschend ins Gesicht sah. Es war ein Blick voll beherrschter Ruhe und von angespannter, unausweichlicher Eindringlichkeit, der, da er ein wenig von der Seite kam, beinahe etwas Lauerndes hatte. Abgesehen von der Blässe der Haut, die auf den Wangen ein paar Flecke von fieberiger Röte hervortreten ließ, zeigte dies Gesicht durchaus keine Mattigkeit und Schwäche. Die alte Dame war sehr aufmerksam bei der Sache, aufmerksamer noch als ihre Umgebung, denn am Ende war sie die zunächst Beteiligte. Sie mißtraute dieser Krankheit und war ganz und gar nicht gewillt, sich aufs Ohr zu legen und den Dingen nachgiebig ihren Lauf zu lassen …
»Was haben sie gesagt, Thomas?« fragte sie mit so bestimmter und lebhafter Stimme, daß sich sofort ein heftiger Husten einstellte, den sie mit geschlossenen Lippen zurückzuhalten suchte, der aber hervorbrach und sie zwang, die Hand gegen ihre rechte Seite zu pressen.
»Sie haben gesagt«, antwortete der Senator, als der Anfall vorüber war, und streichelte ihre Hand … »Sie haben gesagt, daß unsere gute Mutter in ein paar Tagen wieder auf den Füßen sein wird. Daß du das noch nicht kannst, weißt du, das liegt daran, daß dieser dumme Husten natürlich die Lunge ein bißchen angegriffen hat … es ist nicht gerade Lungenentzündung«, sagte er, da er sah, daß ihr Blick noch eindringlicher wurde … »obgleich ja auch das noch nicht das Ende aller Dinge wäre, ach, da gibt es Schlimmeres! Kurz, die Lunge ist etwas gereizt, sagen die beiden, und damit mögen sie wohl recht haben … Wo ist denn die Severin?«
»Zur Apotheke«, sagte Frau Permaneder.
»Seht ihr, die ist schon wieder in der Apotheke, und du, Tony, siehst aus, als wolltest du jeden Augenblick einschlafen. Nein, das geht nicht länger. Wenn es auch nur für ein paar Tage ist … wir müssen eine Pflegerin hier haben, meint ihr nicht auch? Wartet, ich lasse jetzt gleich bei meiner Grauen-Schwester-Oberin anfragen, ob eine disponibel ist …«
»Thomas«, sagte die Konsulin jetzt mit behutsamer Stimme, um den Hustenreiz nicht wieder zu entfesseln, »glaube mir, du erregst Anstoß mit deiner beständigen Protektion der Katholischen gegenüber den Schwarzen Protestantischen. Du hast den einen direkte Vorteile verschafft und tust nichts für die anderen. Ich versichere dich, Pastor Pringsheim hat sich neulich mit deutlichen Worten bei mir darüber beklagt …«
»Ja, das nützt ihm gar nichts. Ich bin überzeugt, daß die Grauen Schwestern treuer, hingebender, aufopferungsfähiger sind als die Schwarzen. Diese Protestantinnen, das ist nicht das Wahre. Das will sich alles bei erster Gelegenheit verheiraten … Kurzum, sie sind irdisch, egoistisch, ordinär … Die Grauen sind degagierter, ja, ganz sicher, sie stehen dem Himmel näher. Und gerade, weil sie mir Dank schulden, sind sie vorzuziehen. Was ist Schwester Leandra uns nicht gewesen, als Hanno Zahnkrämpfe hatte! Ich will nur hoffen, daß sie frei ist …«
Und Schwester Leandra kam. Sie legte still ihre kleine Handtasche, ihren Umhang und die graue Haube ab, die sie über der weißen trug, und ging, während der Rosenkranz, der an ihrem Gürtel hing, leise klapperte, mit sanften und freundlichen Worten und Bewegungen an ihre Arbeit. Sie pflegte die verwöhnte und nicht immer geduldige Kranke Tag und Nacht und zog sich dann stumm und fast beschämt über die menschliche Schwäche, der sie unterlag, zurück, um sich von einer anderen Schwester ablösen zu lassen, zu Hause ein wenig zu schlafen und dann zurückzukehren.
Denn die Konsulin verlangte beständigen Dienst an ihrem Bette. Je mehr sich ihr Zustand verschlimmerte, desto mehr wandte sich ihr ganzes Denken, ihr ganzes Interesse ihrer Krankheit zu, die sie mit Furcht und einem offenkundigen, naiven Haß beobachtete. Sie, die ehemalige Weltdame, mit ihrer stillen, natürlichen und dauerhaften Liebe zum Wohlleben und zum Leben überhaupt, hatte ihre letzten Jahre mit Frömmigkeit und Wohltätigkeit erfüllt … warum? Vielleicht nicht nur aus Pietät gegen ihren verstorbenen Gatten, sondern auch aus dem unbewußten Triebe, den Himmel mit ihrer starken Vitalität zu versöhnen und ihn zu veranlassen, ihr dereinst trotz ihrer zähen Anhänglichkeit an das Leben einen sanften Tod zu vergönnen? Aber sie konnte nicht sanft sterben. Manches schmerzlichen Erlebnisses ungeachtet war ihre Gestalt vollständig ungebeugt und ihr Auge klar geblieben. Sie liebte es, gute Mahlzeiten zu halten, sich vornehm und reich zu kleiden, das Unerfreuliche, was um sie her bestand oder geschah, zu übersehen, zu vertuschen und wohlgefällig an dem hohen Ansehen teilzunehmen, das ihr ältester Sohn sich weit und breit verschafft hatte. Diese Krankheit, diese Lungenentzündung war in ihren aufrechten Körper eingebrochen, ohne daß irgendwelche seelische Vorarbeit ihr das Zerstörungswerk erleichtert hätte … jene Minierarbeit des Leidens, die uns langsam und unter Schmerzen dem Leben selbst oder doch den Bedingungen entfremdet, unter denen wir es empfangen haben, und in uns die süße Sehnsucht nach einem Ende, nach anderen Bedingungen oder nach dem Frieden erweckt … Nein, die alte Konsulin fühlte wohl, daß sie trotz der christlichen Lebensführung ihrer letzten Jahre nicht eigentlich bereit war, zu sterben, und der unbestimmte Gedanke, daß, sollte dies ihre letzte Krankheit sein, diese Krankheit ganz selbständig, in letzter Stunde und in gräßlicher Eile, mit Körperqualen ihren Widerstand zerbrechen und die Selbstaufgabe herbeiführen müsse, erfüllte sie mit Angst.
Sie betete viel; aber fast noch mehr überwachte sie, sooft sie bei Besinnung war, ihren Zustand, fühlte selbst ihren Puls, maß ihr Fieber, bekämpfte ihren Husten … Der Puls aber ging schlecht, das Fieber stieg desto höher, nachdem es ein wenig gefallen war und warf sie aus Schüttelfrösten in hitzige Delirien, der Husten, der mit inneren Schmerzen verbunden war und blutigen Auswurf zutage förderte, nahm zu, und Atemnot ängstigte sie. Das alles aber kam daher, daß jetzt nicht mehr nur ein Lappen der rechten Lunge, sondern die ganze rechte Lunge in Mitleidenschaft gezogen war, ja, daß, wenn nicht alles täuschte, auch schon an der linken Seite Spuren des Vorganges bemerkbar waren, den Doktor Langhals, indem er seine Fingernägel besah, »Hepatisation« nannte und über den Doktor Grabow sich lieber gar nicht weiter ausließ … Das Fieber zehrte unablässig. Der Magen begann zu versagen. Unaufhaltsam, mit zäher Langsamkeit, schritt der Kräfteverfall vorwärts.
Sie verfolgte ihn, nahm, wenn sie irgend dazu imstande war, eifrig die konzentrierte Nahrung, die man ihr bot, hielt sorglicher noch als ihre Pflegerinnen die Stunden des Medizinierens inne und war von all dem so in Anspruch genommen, daß sie beinahe nur noch mit den Ärzten sprach und wenigstens nur im Gespräche mit ihnen aufrichtiges Interesse an den Tag legte. Besuche, die anfänglich vorgelassen wurden, Freundinnen, Mitglieder des »Jerusalemsabend«, alte Damen aus der Gesellschaft und Pastorsgattinnen, empfing sie apathisch oder mit zerstreuter Herzlichkeit und entließ sie rasch. Ihre Angehörigen empfanden peinlich die Gleichgültigkeit, mit der die alte Dame ihnen begegnete; sie nahm sich wie eine Art Geringschätzung aus, die besagte: »Ihr könnt mir ja doch nicht helfen.« Selbst dem kleinen Hanno, der in einer erträglichen Stunde eingelassen wurde, strich sie nur flüchtig über die Wange und wandte sich dann ab. Es war, als wollte sie sagen: »Kinder, ihr seid alle liebe Leute, aber ich – ich muß vielleicht sterben!« Die beiden Ärzte dagegen empfing sie mit lebhafter und interessierter Wärme, um eingehend mit ihnen zu konferieren …
Eines Tages erschienen die alten Damen Gerhardt, die Nachkommen Paul Gerhardts. Sie kamen mit ihren Mantillen, ihren tellerartigen Hüten und ihren Provianttaschen von Armenbesuchen, und man konnte ihnen nicht verwehren, ihre kranke Freundin zu sehen. Man ließ sie allein mit ihr, und Gott allein weiß, was sie zu ihr sprachen, während sie an ihrem Bette saßen. Als sie aber gingen, waren ihre Augen und Gesichtszüge noch klarer, noch milder und selig verschlossener als vorher, und drinnen lag die Konsulin mit ebensolchen Augen und ebensolchem Gesichtsausdruck, lag ganz still, ganz friedlich, friedlicher als jemals, ihr Atem ging selten und sanft, und sie fiel ersichtlich von Schwäche zu Schwäche. Frau Permaneder, die den Damen Gerhardt ein starkes Wort nachmurmelte, schickte sofort zu den Ärzten, und kaum erschienen die beiden Herren im Rahmen der Tür, als eine vollständige, eine verblüffende Veränderung mit der Konsulin vor sich ging. Sie erwachte, sie geriet in Bewegung, sie richtete sich beinahe auf. Der Anblick dieser Männer, dieser beiden notdürftig unterrichteten Mediziner gab sie mit einem Schlage der Erde wieder. Sie streckte ihnen die Hände entgegen, beide Hände, und fing an: »Seien Sie mir willkommen, meine Herren! Die Sachen stehen nun so, daß heute im Lauf des Tages …«
Aber es war längst der Tag gekommen, da die doppelseitige Lungenentzündung nicht mehr wegzuleugnen gewesen war.
»Ja, mein lieber Herr Senator«, hatte Doktor Grabow gesagt und Thomas Buddenbrooks Hände genommen … »Wir haben es nicht verhindern können, es ist nun doppelseitig, und das ist immer bedenklich, wie Sie so gut wissen wie ich, ich mache Ihnen kein X für ein U … Es ist, ob der Patient nun zwanzig oder siebenzig Jahre alt ist, in jedem Falle eine Sache, die man ernst nehmen muß, und wenn Sie mich daher heute noch einmal fragten, ob Sie Ihrem Herrn Bruder Christian schreiben, ihm vielleicht ein kleines Telegramm schicken sollten, so würde ich nicht abraten, ich würde mich besinnen, Sie davon abzuhalten … Wie geht es ihm übrigens? Ein spaßhafter Mann; ich habe ihn immer herzlich gern gehabt … Um Gottes willen, ziehen Sie keine übertriebenen Folgerungen aus meinen Worten, lieber Senator! Nicht als ob nun eine unmittelbare Gefahr vorläge … ach was, ich bin töricht, das Wort in den Mund zu nehmen! Aber unter diesen Verhältnissen, wissen Sie, muß man immer aus der Ferne mit unvorhersehbaren Zufälligkeiten rechnen … Mit Ihrer verehrten Frau Mutter als Patientin sind wir ja ganz außerordentlich zufrieden. Sie hilft uns wacker, sie läßt uns nicht im Stich … nein, ohne Kompliment, als Patientin ist sie unübertrefflich! Und darum hoffen, mein lieber Herr Senator, hoffen! Lassen Sie uns immer das Beste hoffen!«
Aber es kommt ein Augenblick, von dem an die Hoffnung der Angehörigen etwas Künstliches und Unaufrichtiges ist. Schon hat sich eine Veränderung mit dem Kranken vollzogen, und etwas der Person Fremdes, die er im Leben darstellte, ist in seinem Benehmen. Gewisse, seltsame Worte kommen aus seinem Munde, auf die wir nicht zu antworten verstehen und die ihm gleichsam den Rückweg abschneiden und ihn dem Tode verpflichten. Und wäre er uns der Liebste, wir können nach all dem nicht mehr wollen, daß er aufstehe und wandle. Würde er es dennoch tun, so würde er Grauen um sich verbreiten wie einer, der dem Sarge entstiegen …
Gräßliche Merkmale der beginnenden Auflösung zeigten sich, während die Organe, von einem zähen Willen in Gang gehalten, noch arbeiteten. Da, seit die Konsulin sich mit einem Katarrh hatte zu Bette legen müssen, Wochen vergangen waren, so hatten sich durch das Liegen an ihrem Körper mehrere Wunden gebildet, die sich nicht mehr schlossen und in einen fürchterlichen Zustand übergingen. Sie schlief nicht mehr; erstens, weil Schmerz, Husten und Atemnot sie daran hinderten, dann aber, weil sie selbst sich gegen den Schlaf auflehnte und sich an das Wachsein klammerte. Nur für Minuten ging ihr Bewußtsein im Fieber unter; aber auch bei bewußten Sinnen sprach sie laut mit Personen, die längst gestorben waren. Eines Nachmittags in der Dämmerung sagte sie plötzlich mit lauter, etwas ängstlicher, aber inbrünstiger Stimme: »Ja, mein lieber Jean, ich komme!« Und die Unmittelbarkeit dieser Antwort war so täuschend, daß man nachträglich die Stimme des verstorbenen Konsuls zu hören glaubte, der sie gerufen hatte.
Christian traf ein; er kam von Hamburg, woselbst er, wie er sagte, Geschäfte gehabt hatte, und verweilte übrigens nur kurze Zeit im Krankenzimmer; dann verließ er es, indem er sich über die Stirn strich, die Augen wandern ließ und sagte: »Das ist ja furchtbar … Das ist ja furchtbar … Ich kann es nun nicht mehr.«
Auch Pastor Pringsheim erschien, streifte Schwester Leandra mit einem kalten Blick und betete mit modulierender Stimme am Bette der Konsulin.
Und dann kam die kurze Besserung, das Aufflackern, ein Nachlassen des Fiebers, eine täuschende Rückkehr der Kräfte, ein Stillewerden der Schmerzen, ein paar klare und hoffnungsvolle Äußerungen, die den Umstehenden Tränen der Freude in die Augen treiben …
»Kinder, wir behalten sie, ihr sollt sehen, wir behalten sie trotz alledem!« sagte Thomas Buddenbrook. »Wir haben sie Weihnachten bei uns und erlauben nicht, daß sie sich dabei aufregt wie sonst …«
Aber schon in der nächstfolgenden Nacht, kurze Zeit nachdem Gerda und ihr Gatte zu Bette gegangen waren, wurden sie von seiten Frau Permaneders in die Mengstraße berufen, da die Kranke mit dem Tode kämpfe. Der Wind fuhr in den kalten Regen, der herniederging, und trieb ihn prasselnd gegen die Fensterscheiben.
Als der Senator und seine Frau das Zimmer betraten, das von den Kerzen zweier Armleuchter erhellt war, die auf dem Tische brannten, waren die beiden Ärzte schon zugegen. Auch Christian war aus seinem Zimmer heruntergeholt worden und saß irgendwo, indem er dem Himmelbette den Rücken zuwandte und die Stirn, tief gebückt, in beide Hände stützte. Man erwartete den Bruder der Kranken, Konsul Justus Kröger, nach dem ebenfalls geschickt worden war. Frau Permaneder und Erika Weinschenk hielten sich leise schluchzend am Fußende des Bettes. Schwester Leandra und Mamsell Severin hatten nichts mehr zu tun und blickten betrübt in das Gesicht der Sterbenden.
Die Konsulin lag, von mehreren Kissen gestützt, auf dem Rücken, und ihre beiden Hände, diese schönen, mattblau geäderten Hände, die nun so mager, so ganz abgezehrt waren, streichelten hastig und unaufhörlich, mit zitternder Eilfertigkeit die Steppdecke. Ihr Kopf, mit einer weißen Nachthaube bedeckt, wandte sich ohne Unterlaß, mit entsetzenerregender Taktmäßigkeit, von einer Seite zur anderen. Ihr Mund, dessen Lippen einwärts gezogen zu sein schienen, öffnete und schloß sich schnappend bei jedem qualvollen Atmungsversuch, und ihre eingesunkenen Augen irrten hilfesuchend umher, um hie und da mit einem erschütternden Ausdruck von Neid auf einer der anwesenden Personen haften zu bleiben, die angekleidet waren und atmen konnten, denen das Leben gehörte und die nichts weiter zu tun vermochten, als das Liebesopfer zu bringen, das darin bestand, den Blick auf dieses Bild gerichtet zu halten. Und die Nacht rückte vor, ohne daß eine Veränderung eingetreten wäre.
»Wie lange kann es noch dauern?« fragte Thomas Buddenbrook leise und zog den alten Doktor Grabow in den Hintergrund des Zimmers, während Doktor Langhals gerade irgendeine Injektion an der Kranken vornahm. Auch Frau Permaneder, das Taschentuch am Munde, trat herzu.
»Ganz unbestimmt, lieber Senator«, antwortete Doktor Grabow. »Ihre Frau Mutter kann in fünf Minuten erlöst sein, und sie kann noch stundenlang leben … ich kann Ihnen nichts sagen. Es handelt sich um das, was man Stickfluß nennt … ein Ödem …«
»Ich weiß es«, sagte Frau Permaneder und nickte in ihr Taschentuch, während die Tränen über ihre Wangen rannen. »Es kommt bei Lungenentzündungen oft vor … Es hat sich dann so eine wässerige Flüssigkeit in den Lungenbläschen angesammelt, und wenn es schlimm wird, so kann man nicht mehr atmen … Ja, ich weiß es …«
Die Hände vor sich gefaltet, blickte der Senator zum Himmelbette hinüber.
»Wie furchtbar sie leiden muß!« flüsterte er.
»Nein!« sagte Doktor Grabow ebenso leise, aber mit ungeheurer Autorität und legte sein langes, mildes Gesicht in entschiedene Falten … »Das täuscht, glauben Sie mir, liebster Freund, das täuscht! Das Bewußtsein ist sehr getrübt … Es sind allergrößten Teiles Reflexbewegungen, was Sie da sehen … Glauben Sie mir …«
Und Thomas antwortete: »Gott gebe es!« – Aber jedes Kind hätte es an den Augen der Konsulin sehen können, daß sie ganz und gar bei Bewußtsein war und alles empfand …
Man nahm seine Plätze wieder ein … Auch Konsul Kröger war eingetroffen und saß, über die Krücke seines Stockes gebeugt, mit geröteten Augen am Bette.
Die Bewegungen der Kranken hatten zugenommen. Eine schreckliche Unruhe, eine unsägliche Angst und Not, ein unentrinnbares Verlassenheits- und Hilflosigkeitsgefühl ohne Grenzen mußte diesen, dem Tode ausgelieferten Körper vom Scheitel bis zur Sohle erfüllen. Ihre Augen, diese armen, flehenden, wehklagenden und suchenden Augen schlossen sich bei den röchelnden Drehungen des Kopfes manchmal mit brechendem Ausdruck oder erweiterten sich so sehr, daß die kleinen Adern des Augapfels blutrot hervortraten. Und keine Ohnmacht kam!
Kurz nach drei Uhr sah man, wie Christian aufstand. »Ich kann es nun nicht mehr«, sagte er und ging, indem er sich auf die Möbelstücke stützte, die an seinem Wege standen, lahmend zur Tür hinaus. – Übrigens waren Erika Weinschenk sowohl wie Mamsell Severin, eingelullt wahrscheinlich von den einförmigen Schmerzenslauten, auf ihren Stühlen eingeschlafen und blühten rosig im Schlummer.
Um vier Uhr ward es schlimmer und schlimmer. Man stützte die Kranke und trocknete ihr den Schweiß von der Stirn. Die Atmung drohte gänzlich zu versagen, und die Ängste nahmen zu. »Etwas zu schlafen …!« brachte sie hervor. »Ein Mittel …!« Aber man war weit entfernt davon, ihr etwas zu schlafen zu geben.
Plötzlich begann sie wieder zu antworten, auf etwas, was die anderen nicht hörten, wie sie es schon einmal getan hatte. »Ja, Jean, nicht lange mehr!« … Und gleich darauf: »Ja, liebe Klara, ich komme!…«
Und dann begann der Kampf aufs neue … War es noch ein Kampf mit dem Tode? Nein, sie rang jetzt mit dem Leben um den Tod. »Ich will gerne …«, keuchte sie … »ich kann nicht … Was zu schlafen!… Meine Herren, aus Barmherzigkeit! was zu schlafen …!«
Dieses »aus Barmherzigkeit« machte, daß Frau Permaneder laut aufweinte und Thomas leise stöhnte, indem er einen Augenblick seinen Kopf mit den Händen erfaßte. Aber die Ärzte kannten ihre Pflicht. Es galt unter allen Umständen, dieses Leben den Angehörigen so lange wie nur irgend möglich zu erhalten, während ein Betäubungsmittel sofort ein widerstandsloses Aufgeben des Geistes bewirkt haben würde. Ärzte waren nicht auf der Welt, den Tod herbeizuführen, sondern das Leben um jeden Preis zu konservieren. Dafür sprachen außerdem gewisse religiöse und moralische Gründe, von denen sie auf der Universität sehr wohl gehört hatten, wenn sie ihnen im Augenblick auch nicht gegenwärtig waren … Sie stärkten im Gegenteil mit verschiedenen Mitteln das Herz und brachten durch Brechreiz mehrere Male eine momentane Erleichterung hervor.
Um fünf Uhr konnte der Kampf nicht mehr furchtbarer werden. Die Konsulin, im Krampfe aufgerichtet und mit weit geöffneten Augen, stieß mit den Armen um sich, als griffe sie nach einem Haltepunkt oder nach Händen, die sich ihr entgegenstreckten, und antwortete nun unaufhörlich in die Luft hinein nach allen Seiten auf Rufe, die nur sie vernahm, und die immer zahlreicher und dringlicher zu werden schienen. Es war, als ob nicht nur ihr verstorbener Gatte und ihre Tochter, sondern auch ihre Eltern, Schwiegereltern und mehrere andere, ihr im Tode vorangegangene Anverwandte irgendwo anwesend waren, und sie nannte Vornamen, von denen niemand im Zimmer sofort hätte sagen können, welche Verstorbenen damit gemeint seien. »Ja!« rief sie und wandte sich nach verschiedenen Richtungen … »Jetzt komme ich … Sofort … Diesen Augenblick noch … So … Ich kann nicht … Ein Mittel, meine Herren …«
Um halb sechs Uhr trat ein Augenblick der Ruhe ein. Und dann, ganz plötzlich, ging über ihre gealterten und vom Leiden zerrissenen Züge ein Zucken, eine jähe, entsetzte Freude, eine tiefe, schauernde, furchtsame Zärtlichkeit, blitzschnell breitete sie die Arme aus, und mit einer so stoßartigen und unvermittelten Schnelligkeit, daß man fühlte: zwischen dem, was sie gehört, und ihrer Antwort lag nicht ein Augenblick – rief sie laut mit dem Ausdruck des unbedingtesten Gehorsams und einer grenzenlosen angst- und liebevollen Gefügigkeit und Hingebung: »Hier bin ich!« … und verschied.
Alle waren zusammengeschrocken. Was war das gewesen? Wer hatte gerufen, daß sie sofort gefolgt war?
Jemand zog den Fenstervorhang zurück und löschte die Kerzen, während Doktor Grabow mit mildem Gesicht der Toten die Augen schloß.
Alle fröstelten in dem fahlen Herbstmorgen, der nun das Zimmer erfüllte. Schwester Leandra verkleidete den Toilettenspiegel mit einem Tuche.
Zweites Kapitel
Durch die offene Tür sah man im Sterbezimmer Frau Permaneder im Gebete liegen. Sie befand sich allein und kniete, ihre Trauergewänder um sich her auf dem Boden ausgebreitet, in der Nähe des Bettes, an einem Stuhle, indem sie die fest gefalteten Hände auf dem Sitze ruhen ließ und gebeugten Hauptes murmelte … Sie hörte sehr wohl, daß ihr Bruder und ihre Schwägerin das Frühstückszimmer betraten, in dessen Mitte sie unwillkürlich stehen blieben, um das Ende der Andacht zu erwarten; aber sie beeilte sich deswegen nicht sonderlich, ließ zum Schlusse ihr trockenes Räuspern ertönen, nahm mit langsamer Feierlichkeit ihr Kleid zusammen, erhob sich und ging ihren Verwandten ohne eine Spur von Verwirrung in vollkommen würdiger Haltung entgegen.
»Thomas«, sagte sie nicht ohne Härte, »was die Severin betrifft, so scheint es mir, daß die selige Mutter eine Natter an ihrem Busen genährt hat.«
»Wieso?«
»Ich bin voll Ärger über sie. Man könnte die Fassung verlieren und sich vergessen … Hat dies Weib ein Recht, einem den Schmerz dieser Tage in so ordinärer Weise zu vergällen?«
»Aber was ist es denn?«
»Erstens einmal ist sie von einer empörenden Habsucht. Sie geht an den Schrank, nimmt Mutters seidene Kleider heraus, packt sie über den Arm und will sich zurückziehen. ›Riekchen‹, sage ich, ›wohin damit?‹ – ›Das hat Frau Konsul mir versprochen!‹ – ›Liebe Severin!‹ sage ich und gebe ihr in aller Zurückhaltung das Voreilige ihrer Handlungsweise zu bedenken. Meinst du, daß es etwas nützt? Sie nimmt nicht nur die seidenen Kleider, sie nimmt auch noch ein Paket Wäsche und geht. Ich kann mich doch nicht mit ihr prügeln, nicht wahr?… Und nicht sie allein … auch die Mädchen … Waschkörbe voll Kleider und Leinenzeug werden aus dem Hause geschafft … Das Personal teilt sich unter meinen Augen in die Sachen, denn die Severin hat die Schlüssel zu den Schränken. ›Fräulein Severin!‹ sage ich, ›ich wünsche die Schlüssel.‹ Was antwortet sie mir? Sie erklärt mir mit deutlichen und gewöhnlichen Worten, ich hätte ihr nichts zu sagen, sie stände nicht bei mir in Dienst, ich hätte sie nicht engagiert, sie werde die Schlüssel behalten, bis sie gehe!«
»Hast du die Schlüssel zum Silberzeug? – Gut. Laß dem übrigen seinen Lauf. Dergleichen ist unvermeidlich, wenn ein Haushalt aufgelöst wird, in dem zuletzt sowieso schon ein bißchen lax regiert wurde. Ich will jetzt keinen Lärm machen. Das Weißzeug ist alt und defekt … Übrigens werden wir ja sehen, was noch da ist. Hast du die Verzeichnisse? Auf dem Tische? Gut. Wir werden ja gleich sehen.«
Und sie traten in das Schlafzimmer, um ein Weilchen still nebeneinander an dem Bette stehenzubleiben, nachdem Frau Antonie das weiße Tuch vom Gesicht der Toten genommen hatte. Die Konsulin war schon in dem seidenen Gewand, in welchem sie heute nachmittag im Saale droben aufgebahrt werden sollte; es war achtundzwanzig Stunden nach ihrem letzten Atemzuge. Mund und Wangen waren, da die künstlichen Zähne fehlten, greisenhaft eingefallen, und das Kinn schob sich schroff und eckig aufwärts. Alle drei bemühten sich schmerzlich, während sie auf diese unerbittlich tief und fest geschlossenen Augenlider blickten, in diesem Antlitz das ihrer Mutter wiederzuerkennen. Aber unter der Haube, die die alte Dame Sonntags getragen, saß wie im Leben das rötlichbraune, glattgescheitelte Toupet, über das die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße sich sooft lustig gemacht hatten … Blumen lagen verstreut auf der Steppdecke.
»Es sind schon die prachtvollsten Kränze gekommen«, sagte Frau Permaneder leise. »Von allen Familien … ach, einfach von aller Welt! Ich habe alles auf den Korridor hinaufschaffen lassen; ihr müßt es euch später ansehen, Gerda und Tom. Es ist traurigschön. Atlasschleifen von dieser Größe …«
»Wie weit ist es mit dem Saal?« fragte der Senator.
»Bald fertig, Tom. Fast bereit. Tapezierer Jacobs hat sich alle Mühe gegeben. Auch der …«, und sie schluckte einen Augenblick … »auch der Sarg ist vorhin gekommen. Aber ihr müßt nun ablegen, ihr Lieben«, fuhr sie fort und zog behutsam das weiße Tuch an seinen Platz zurück. »Hier ist es kalt, aber im Frühstückszimmer ist ein bißchen geheizt … Laß dir helfen, Gerda; mit einem so prachtvollen Umhang muß man vorsichtig umgehen … Darf ich dir einen Kuß geben? Du weißt, ich liebe dich, wenn du mich auch immer verabscheut hast … Nein, ich verderbe dir nicht die Frisur, wenn ich dir den Hut abnehme … Dein schönes Haar! Solches Haar hat Mutter auch in ihrer Jugend gehabt. Sie war ja niemals so herrlich wie du, aber es hat doch eine Zeit gegeben, und ich war schon auf der Welt, wo sie eine wirklich schöne Erscheinung gewesen ist. Und nun … Ist es nicht wahr, was euer Grobleben immer sagt: Wir müssen alle zu Moder werden –? Ein so einfacher Mann er ist … Ja, Tom, das sind die hauptsächlichsten Verzeichnisse.«
Sie waren ins Nebenzimmer zurückgekehrt und setzten sich an den runden Tisch, während der Senator die Papiere zur Hand nahm, auf welchen die Gegenstände verzeichnet standen, die unter die nächsten Erben verteilt werden sollten … Frau Permaneder ließ das Gesicht ihres Bruders nicht aus den Augen, sie beobachtete es mit erregtem und gespanntem Ausdruck. Es gab etwas, eine schwere unabwendbare Frage, auf die ihr ganzes Denken ängstlich gerichtet war, und die in der nächsten Stunde zur Sprache kommen mußte …
»Ich denke«, fing der Senator an, »wir halten den üblichen Grundsatz fest, daß Geschenke zurückgehen, so daß also …«
Seine Frau unterbrach ihn.
»Verzeih, Thomas, mir scheint … Christian … wo ist er denn?«
»Ja, mein Gott, Christian!« rief Frau Permaneder. »Wir vergessen ihn ja!«
»Richtig«, sagte der Senator und ließ die Papiere sinken. »Wird er denn nicht gerufen?«
Und Frau Permaneder ging zum Glockenzug. Aber in demselben Augenblick öffnete schon Christian selbst die Tür und trat ein. Er kam ziemlich rasch ins Zimmer, schloß die Tür nicht ganz geräuschlos und blieb mit zusammengezogenen Brauen stehen, indem er seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen ohne jemanden anzublicken von einer Seite zur anderen wandern ließ und seinen Mund unter dem buschigen, rötlichen Schnurrbart in unruhiger Bewegung öffnete und schloß … Er schien sich in einer Art trotziger und gereizter Stimmung zu befinden.
»Ich höre, daß ihr da seid«, sagte er kurz. »Wenn über die Sachen gesprochen werden soll, so muß ich doch benachrichtigt werden.«
»Wir waren im Begriffe«, antwortete der Senator gleichgültig. »Nimm nur Platz.«
Dabei aber blieben seine Augen auf den weißen Knöpfen haften, mit denen Christians Hemd geschlossen war. Er selbst war in tadelloser Trauerkleidung, und auf seinem Hemdeinsatz, welcher, am Kragen von der breiten, schwarzen Schleife abgeschlossen, blendend weiß aus der Umrahmung des schwarzen Tuchrockes hervortrat, saßen statt der goldenen, die er zu tragen pflegte, schwarze Knöpfe. Christian bemerkte den Blick, denn während er einen Stuhl herbeizog und sich setzte, berührte er mit der Hand seine Brust und sagte: »Ich weiß, daß ich weiße Knöpfe trage. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir schwarze zu kaufen, oder vielmehr, ich habe es unterlassen. Ich habe mir in den letzten Jahren oft fünf Schillinge für Zahnpulver leihen und mit einem Streichholz zu Bette gehen müssen … ich weiß nicht, ob ich so ausschließlich schuld daran bin. Übrigens sind schwarze Knöpfe in der Welt ja nicht die Hauptsache. Ich liebe die Äußerlichkeiten nicht. Ich habe nie Wert darauf gelegt.«
Gerda betrachtete ihn, während er sprach, und lachte nun leise. Der Senator bemerkte: »Die letzte Behauptung kannst du wohl auf die Dauer nicht vertreten, mein Lieber.«
»So? Vielleicht weißt du es besser, Thomas. Ich sage nur dies, daß ich auf solche Sachen kein Gewicht lege. Ich habe zuviel von der Welt gesehen, habe unter zu verschiedenen Menschen mit zu verschiedenen Sitten gelebt, als daß ich … Übrigens bin ich ein erwachsener Mensch«, sagte er plötzlich laut, »ich bin dreiundvierzig Jahre alt, ich bin mein eigener Herr und darf jedem verwehren, sich in meine Angelegenheiten zu mischen.«
»Mir scheint, du hast etwas auf dem Herzen, mein Freund«, sagte der Senator erstaunt. »Was die Knöpfe betrifft, so habe ich ja, wenn mich nicht alles täuscht, noch kein Wort darüber verloren. Regle deine Trauertoilette ganz nach Geschmack; nur glaube nicht, daß du mit deiner billigen Vorurteilslosigkeit Eindruck auf mich machst …«
»Ich will gar keinen Eindruck auf dich machen …«
»Tom … Christian …«, sagte Frau Permaneder. »Wir wollen doch keinen gereizten Ton anschlagen … heute … und hier, wo nebenan … Fahr' fort, Thomas. Geschenke gehen also zurück? Das ist nicht mehr als billig.«
Und Thomas fuhr fort. Er fing mit den größeren Gegenständen an und schrieb sich diejenigen zu, die er für sein Haus gebrauchen konnte: die Kandelaber des Eßsaales, die große geschnitzte Truhe, die auf der Diele stand. Frau Permaneder war mit außerordentlichem Eifer bei der Sache und hatte, sobald der künftige Besitzer irgendeines Dinges nur ein wenig zweifelhaft war, eine unvergleichliche Art zu sagen: »Nun, ich bin bereit, es zu übernehmen« … mit einer Miene, als verpflichte sie sich mit ihrer Opferwilligkeit die ganze Welt zu Danke. Sie erhielt für sich, ihre Tochter und ihre Enkelin weitaus den größten Teil des Ameublements.
Christian hatte einige Möbelstücke, eine Empire-Stutzuhr und sogar das Harmonium bekommen, und er zeigte sich zufrieden damit. Als aber die Verteilung sich dem Silber- und Weißzeug, sowie dem verschiedenen Speiseservice zuwandte, begann er zu dem Erstaunen aller einen Eifer merken zu lassen, der sich fast wie Habsucht ausnahm.
»Und ich? Und ich?« fragte er … »Ich bitte doch, mich nicht ganz und gar zu vergessen …«
»Wer vergißt dich denn? Ich habe dir ja … sieh doch her, ich habe dir ja schon ein ganzes Teeservice mit silbernem Tablett zugeschrieben. Für das Sonntagsservice mit der Vergoldung haben doch wohl nur wir Verwendung, und …«
»Das alltägliche mit Zwiebelmuster bin ich bereit zu übernehmen«, sagte Frau Permaneder.
»Und ich?!« rief Christian mit jener Entrüstung, die ihn zuweilen befallen konnte, seine Wangen noch hagerer erscheinen ließ und ihm so seltsam zu Gesichte stand … »Ich möchte doch an dem Eßgeschirr beteiligt werden! Wie viele Löffeln und Gabeln bekomme ich denn? Ich sehe, ich bekomme beinahe nichts!…«
»Aber Bester, was willst du denn mit den Sachen anfangen! Du wirst ja gar keine Verwendung dafür haben! Ich begreife nicht … Es ist doch besser, solche Dinge bleiben im Familiengebrauch …«
»Und wenn es auch nur als Andenken an Mutter wäre«, sagte Christian trotzig.
»Lieber Freund«, erwiderte der Senator ziemlich ungeduldig … »ich bin nicht aufgelegt, zu scherzen … aber deinen Worten nach zu urteilen, scheint es, als wolltest du dir als Andenken an Mutter eine Suppenterrine auf die Kommode stellen? Ich bitte, doch nicht anzunehmen, daß wir dich übervorteilen wollen. Was du an Effekten weniger erhältst, wird dir natürlich demnächst in anderer Form ersetzt werden. Es ist mit dem Weißzeug ebenso …«
»Ich wünsche kein Geld, ich wünsche Wäsche und Eßgeschirr.«
»Aber wozu denn, um alles in der Welt?«
Jetzt aber gab Christian eine Antwort, die bewirkte, daß Gerda Buddenbrook sich ihm eilig zuwandte und ihn mit einem rätselhaften Ausdruck in ihren Augen musterte, der Senator sehr rasch das Pincenez von der Nase nahm und ihm starr ins Gesicht blickte, und Frau Permaneder sogar die Hände faltete. Er sagte nämlich: »Na, mit einem Worte, ich denke, mich über kurz oder lang zu verheiraten.«
Er tat diesen Ausspruch ziemlich leise und schnell, mit einer kurzen Handbewegung, als würfe er seinem Bruder über den Tisch hin etwas zu, worauf er sich zurücklehnte und mit einer mürrischen, gleichsam beleidigten und merkwürdig zerstreuten Miene seine Augen haltlos umherschweifen ließ. Eine längere Pause trat ein. Endlich sagte der Senator: »Man muß gestehen, Christian, diese Pläne kommen etwas spät … gesetzt natürlich, daß es reelle und ausführbare Pläne sind, nicht von der Art derer, die du aus Unüberlegtheit früher schon einmal der seligen Mutter vorgelegt hast …«
»Meine Absichten sind dieselben geblieben«, sagte Christian, immer ohne jemanden anzusehen und immer mit dem gleichen Gesichtsausdruck.
»Das ist doch wohl unmöglich. Du hättest Mutters Tod abgewartet, um …«
»Ich habe diese Rücksicht genommen, ja. Du scheinst der Ansicht zuzuneigen, Thomas, daß du allein alles Takt- und Feingefühl der Welt in Pacht hast …«
»Ich weiß nicht, was dich zu dieser Redensart berechtigt. Übrigens muß ich den Umfang deiner Rücksichtnahme bewundern. Am Tage nach Mutters Tode machst du Miene, den Ungehorsam gegen sie zu proklamieren …«
»Weil das Gespräch darauf kam. Und dann ist die Hauptsache die, daß Mutter sich über meinen Schritt nicht mehr alterieren kann. Das kann sie heute so wenig wie in einem Jahre … Herr Gott, Thomas, Mutter hatte doch nicht unbedingt recht, sondern nur von ihrem Standpunkt aus, auf den ich Rücksicht genommen habe, solange sie lebte. Sie war eine alte Frau, eine Frau aus einer anderen Zeit, mit einer anderen Anschauungsweise …«
»Nun, so bemerke ich dir, daß diese Anschauungsweise in dem Punkte, der hier in Frage kommt, durchaus auch die meine ist.«
»Darum kann ich mich nicht kümmern.«
»Du wirst dich darum kümmern, mein Freund.«
Christian sah ihn an.
»Nein –!« rief er. »Ich kann es nicht! Wenn ich dir sage, daß ich es nicht kann?!… Ich muß wissen, was ich zu tun habe. Ich bin ein erwachsener Mensch …«
»Ach, das mit dem ›erwachsenen Menschen‹ ist etwas sehr Äußerliches bei dir! Du weißt durchaus nicht, was du zu tun hast …«
»Doch!… Ich handle erstens als Ehrenmann … Du bedenkst ja nicht, wie die Sache liegt, Thomas! Hier sitzen Tony und Gerda … wir können nicht ausführlich darüber reden. Aber ich habe dir doch gesagt, daß ich Verpflichtungen habe! Das letzte Kind, die kleine Gisela …«
»Ich weiß von keiner kleinen Gisela und will von keiner wissen! Ich bin überzeugt, daß man dich belügt. Jedenfalls aber hast du einer Person gegenüber, wie der, die du im Sinne hast, keine andere Verpflichtung als die gesetzliche, die du wie bisher weitererfüllen magst …«
»Person, Thomas? Person? Du täuschst dich über sie! Aline …«
»Schweig!« rief Senator Buddenbrook mit Donnerstimme. Die beiden Brüder starrten einander jetzt über den Tisch hinweg ins Gesicht, Thomas blaß und zitternd vor Zorn, Christian, indem er seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen, deren Lider sich plötzlich entzündet hatten, gewaltsam aufriß und auch seinen Mund in Entrüstung geöffnet hielt, so daß seine hageren Wangen ganz ausgehöhlt erschienen. Ein Stückchen unter den Augen zeigten sich ein paar rote Flecken … Gerda blickte mit ziemlich spöttischer Miene von einem zum anderen, und Tony rang die Hände und sagte flehend: »Aber Tom … Aber Christian … Und Mutter liegt nebenan!«
»Du bist so sehr jeden Schamgefühles bar«, fuhr der Senator fort, »daß du es über dich gewinnst … nein, daß es dich gar keine Überwindung kostet, an dieser Stelle und unter diesen Umständen diesen Namen zu nennen! Dein Mangel an Takt ist abnorm, er ist krankhaft …«
»Ich begreife nicht, warum ich Alines Namen nicht nennen soll!« Christian war so außerordentlich erregt, daß Gerda ihn mit wachsender Aufmerksamkeit betrachtete. »Ich nenne ihn gerade, wie du hörst, Thomas, ich gedenke, sie zu heiraten – denn ich sehne mich nach einem Heim, nach Ruhe und Frieden – und ich verbitte mir, hörst du, das ist das Wort, das ich gebrauche, ich verbitte mir jede Einmischung von deiner Seite! Ich bin frei, ich bin mein eigener Herr …«
»Ein Narr bist du! Der Tag der Testamentseröffnung wird dich lehren, wie weit du dein eigener Herr bist! Es ist dafür gesorgt, verstehst du mich, daß du nicht Mutters Erbe verlotterst, wie du bereits dreißigtausend Kurantmark im voraus verlottert hast. Ich werde den Rest deines Vermögens verwalten, und du wirst nie mehr als ein Monatsgeld in die Hände bekommen, das schwöre ich dir …«
»Nun, du selbst wirst wohl am besten wissen, wer Mutter zu dieser Maßregel veranlaßt hat. Aber wundern muß ich mich doch, daß Mutter mit dem Amte nicht jemanden betraut hat, der mir nähersteht und mir brüderlicher zugetan ist als du …« Christian war nun ganz und gar außer sich; er fing an, Dinge zu sagen, wie er sie noch niemals hatte laut werden lassen. Er hatte sich über den Tisch gebeugt, pochte unaufhörlich mit der Spitze des gekrümmten Zeigefingers auf die Platte und starrte mit gesträubtem Schnurrbart und geröteten Augen zu seinem Bruder empor, der seinerseits aufrecht, bleich und mit halb gesenkten Lidern auf ihn hinabblickte.
»Dein Herz ist so voll von Kälte und Übelwollen und Mißachtung gegen mich«, fuhr Christian fort, und seine Stimme war zugleich hohl und krächzend … »Solange ich denken kann, hast du eine solche Kälte auf mich ausströmen lassen, daß mich in deiner Gegenwart beständig gefroren hat … ja, das mag ein sonderbarer Ausdruck sein, aber wenn ich es doch so empfinde?… Du weisest mich ab … Du weisest mich ab, wenn du mich nur ansiehst, und auch das tust du beinahe nie. Und was gibt dir das Recht dazu? Du bist doch auch ein Mensch und hast deine Schwächen! Du bist unseren Eltern immer der bessere Sohn gewesen, aber wenn du ihnen wirklich so viel näherstehst als ich, so solltest du dir doch auch ein wenig von ihrer christlichen Denkungsart aneignen, und wenn dir schon alle geschwisterliche Liebe fremd ist, so sollte man doch eine Spur von christlicher Liebe von dir erwarten dürfen. Aber du bist so lieblos, daß du mich nicht einmal besucht … nicht ein einziges Mal im Krankenhause besucht hast, als ich in Hamburg mit Gelenkrheumatismus daniederlag …«
»Ich habe Ernsteres zu bedenken als deine Krankheiten. Übrigens ist meine eigene Gesundheit …«
»Nein, Thomas, deine Gesundheit ist prächtig! Du säßest hier nicht als der, der du bist, wenn sie nicht im Verhältnis zu meiner ganz ausgezeichnet wäre …«
»Ich bin vielleicht kränker als du.«
»Du wärest … Nein, das ist stark! Tony! Gerda! Er sagt, er sei kränker als ich! Was! Hast du vielleicht in Hamburg mit Gelenkrheumatismus auf dem Tode gelegen?! Hast du nach jeder kleinsten Unregelmäßigkeit eine Qual in deinem Körper auszuhalten, die ganz unbeschreiblich ist?! Sind vielleicht an deiner linken Seite alle Nerven zu kurz?! Autoritäten haben mich versichert, daß es bei mir der Fall ist! Passieren dir vielleicht solche Dinge, daß, wenn du in der Dämmerung in dein Zimmer kommst, du auf deinem Sofa einen Mann sitzen siehst, der dir zunickt und dabei überhaupt gar nicht vorhanden ist?!…«
»Christian!« stieß Frau Permaneder entsetzt hervor. »Was sprichst du!… Mein Gott, worüber streitet ihr euch eigentlich? Ihr tut, als sei es eine Ehre, der Kränkere zu sein! Wenn es darauf ankäme, so hätten leider Gerda und ich auch noch ein Wörtchen mitzureden!… Und Mutter liegt nebenan …!«
»Und du begreifst nicht, Mensch«, rief Thomas Buddenbrook leidenschaftlich, »daß alle diese Widrigkeiten Folgen und Ausgeburten deiner Laster sind, deines Nichtstuns, deiner Selbstbeobachtung?! Arbeite! Höre auf, deine Zustände zu hegen und zu pflegen und darüber zu reden!… Wenn du verrückt wirst – und ich sage dir ausdrücklich, daß das nicht unmöglich ist – ich werde nicht imstande sein, eine Träne darüber zu vergießen, denn es wird deine Schuld sein, deine allein …«
»Nein, du wirst auch keine Träne vergießen, wenn ich sterbe.«
»Du stirbst ja nicht«, sagte der Senator verächtlich.
»Ich sterbe nicht? Gut, ich sterbe also nicht! Wir werden ja sehen, wer von uns beiden früher stirbt!… Arbeite! Wenn ich aber nicht kann? Wenn ich es nun aber auf die Dauer nicht kann, Herr Gott im Himmel?! Ich kann nicht lange Zeit dasselbe tun, ich werde elend davon! Wenn du es gekonnt hast und kannst, so freue dich doch, aber sitze nicht zu Gericht, denn ein Verdienst ist nicht dabei … Gott gibt dem einen Kraft und dem anderen nicht … Aber so bist du, Thomas«, fuhr er fort, indem er sich mit immer verzerrterem Gesicht über den Tisch beugte und immer heftiger auf die Platte pochte … »Du bist selbstgerecht … ach, warte nur, das ist es nicht, was ich sagen wollte und was ich gegen dich vorzubringen habe … Aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, und das, was ich werde sagen können, ist nur der tausendste … ach, es ist nur der millionste Teil von dem, was ich gegen dich auf dem Herzen habe! Du hast dir einen Platz im Leben erobert, eine geehrte Stellung, und da stehst du nun und weisest kalt und mit Bewußtsein alles zurück, was dich einen Augenblick beirren und dein Gleichgewicht stören könnte, denn das Gleichgewicht, das ist dir das Wichtigste. Aber es ist nicht das Wichtigste, Thomas, es ist vor Gott nicht die Hauptsache! Du bist ein Egoist, ja, das bist du! Ich liebe dich noch, wenn du schiltst und auftrittst und einen niederdonnerst. Aber am schlimmsten ist dein Schweigen, am schlimmsten ist es, wenn du auf etwas, was man gesagt hat, plötzlich verstummst und dich zurückziehst und jede Verantwortung ablehnst, vornehm und intakt, und den anderen hilflos seiner Beschämung überläßt … Du bist so ohne Mitleid und Liebe und Demut … Ach!« rief er plötzlich, indem er beide Hände hinter seinen Kopf bewegte und sie dann weit vorwärts stieß, als wehrte er die ganze Welt von sich ab … »Wie satt ich das alles habe, dies Taktgefühl und Feingefühl und Gleichgewicht, diese Haltung und Würde … wie sterbenssatt!…« Und dieser letzte Ruf war in einem solchen Grade echt, er kam so sehr von Herzen und brach mit einem solchen Nachdruck von Widerwillen und Überdruß hervor, daß er tatsächlich etwas Niederschmetterndes hatte, ja, daß Thomas ein wenig zusammensank und eine Weile wortlos und mit müder Miene vor sich niederblickte.
»Ich bin geworden wie ich bin«, sagte er endlich, und seine Stimme klang bewegt, »weil ich nicht werden wollte wie du. Wenn ich dich innerlich gemieden habe, so geschah es, weil ich mich vor dir hüten muß, weil dein Sein und Wesen eine Gefahr für mich ist … ich spreche die Wahrheit.«
Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann in kürzerem und befestigtem Tone fort: »Übrigens haben wir uns weit von unserem Gegenstande entfernt. Du hast mir eine Rede über meinen Charakter gehalten … eine etwas verworrene Rede, die vielleicht einen Kern von Wahrheit enthielt. Aber es handelt sich jetzt nicht um mich, sondern um dich. Du trägst dich mit Heiratsgedanken, und ich möchte dich möglichst gründlich davon überzeugen, daß die Ausführung in der Weise, wie du sie planst, unmöglich ist. Erstens werden die Zinsen, die ich dir werde auszahlen können, von keiner sehr ermutigenden Höhe sein …«
»Aline hat manches zurückgelegt.«
Der Senator schluckte hinunter und bezwang sich.
»Hm … zurückgelegt. Du gedenkst also Mutters Erbe mit den Ersparnissen dieser Dame zu vermischen …«
»Ja. Ich sehne mich nach einem Heim und nach jemandem, der Mitleid mit mir hat, wenn ich krank bin. Übrigens passen wir ganz gut zusammen. Wir sind beide ein bißchen verfahren …«
»Du gedenkst ferner, die vorhandenen Kinder zu adoptieren, beziehungsweise zu … legitimieren?«
»Jawohl.«
»So daß also dein Vermögen nach deinem Tode an jene Leute überginge?« – Als der Senator dies sagte, legte Frau Permaneder ihre Hand auf seinen Arm und flüsterte beschwörend: »Thomas!… Mutter liegt nebenan!…«
»Ja«, antwortete Christian, »das gehört sich doch so.«
»Nun, du wirst das alles nicht tun!« rief der Senator und sprang auf. Auch Christian erhob sich, trat hinter seinen Stuhl, erfaßte ihn mit einer Hand, drückte das Kinn auf die Brust und sah seinen Bruder halb scheu und halb entrüstet an.
»Du wirst es nicht tun …«, wiederholte Thomas Buddenbrook beinahe sinnlos vor Zorn, blaß, bebend und mit zuckenden Bewegungen. »Solange ich über der Erde bin, geschieht dies nicht … ich schwöre es dir!… Hüte dich … nimm dich in acht …! Es ist genug Geld durch Unglück, Torheit und Niedertracht verloren gegangen, als daß du dich unterstehen dürftest, ein Viertel von Mutters Vermögen diesem Frauenzimmer und ihren Bastarden in den Schoß zu werfen!… Und das, nachdem schon ein anderes Viertel von Tiburtius erschlichen worden!… Du hast der Familie genug der Blamage zugefügt, Mensch, als daß es noch nötig wäre, uns mit einer Kurtisane zu verschwägern und ihren Kindern unseren Namen zu geben. Ich verbiete es dir, hörst du? ich verbiete es dir!« rief er mit einer Stimme, daß das Zimmer erdröhnte und Frau Permaneder sich weinend in einen Winkel des Sofas drückte. »Und wage es nicht, gegen dies Verbot zu handeln, das rate ich dir! Ich habe dich bis jetzt bloß verachtet, ich habe über dich hinweggesehen … aber forderst du mich heraus, läßt du es zum Äußersten kommen, so werden wir sehen, wer den kürzeren zieht! Ich sage dir, hüte dich! Ich kenne keine Rücksicht mehr! Ich lasse dich für kindisch erklären, ich lasse dich einsperren, ich mache dich zunichte! Zunichte! Verstehst du mich?!…«
»Und ich sage dir …«, fing Christian an … Und nun ging das Ganze in einen Wortstreit über, einen abgerissenen, nichtigen, beklagenswerten Wortstreit ohne ein eigentliches Thema, ohne einen anderen Zweck als den, zu beleidigen, einander mit Worten bis aufs Blut zu verwunden. Christian kam auf den Charakter seines Bruders zurück und suchte aus alter Vergangenheit einzelne Züge, peinliche Anekdoten hervor, die Thomas' Egoismus belegen sollten und die Christian nicht hatte vergessen können, sondern mit sich umhergetragen und mit Bitterkeit durchtränkt hatte. Und der Senator antwortete ihm in übertriebenen Worten der Verachtung und der Drohung, die er zehn Minuten später bereute. Gerda hatte das Haupt leicht in die Hand gestützt und beobachtete die beiden mit verschleierten Augen und einem nicht bestimmbaren Gesichtsausdruck. Frau Permaneder wiederholte beständig in Verzweiflung: »Und Mutter liegt nebenan … Und Mutter liegt nebenan …«
Christian, der sich schon während der letzten Repliken im Zimmer hin und her bewegt hatte, räumte endlich den Kampfplatz.
»Es ist gut! Wir werden ja sehen!« rief er, und mit verwildertem Schnurrbart und roten Augen, den Rock offen, das Taschentuch in der herabhängenden Hand, hitzig und exaltiert, ging er zur Tür und ließ sie hinter sich ins Schloß fallen.
In der plötzlichen Stille stand der Senator noch einen Augenblick aufrecht und sah dorthin, wo sein Bruder verschwunden war. Dann setzte er sich schweigend, nahm mit kurzen Bewegungen die Papiere wieder zur Hand und erledigte mit trockenen Worten, was noch zu erledigen war, worauf er sich zurücklehnte, die Spitzen seines Bartes durch die Finger gleiten ließ und in Gedanken versank.
Frau Permaneders Herz pochte so voller Angst! Die Frage, die große Frage war nun nicht länger hinauszuschieben; sie mußte zur Sprache kommen, er mußte sie beantworten … aber ach, war er jetzt in der Stimmung, Pietät und Milde walten zu lassen?
»Und … Tom –«, fing sie an, indem sie zuerst in ihren Schoß blickte und dann einen zagen Versuch machte, in seiner Miene zu lesen … »Die Möbel … Du hast natürlich schon alles in Erwägung gezogen … Die Sachen, die uns gehören, ich meine Erika, der Kleinen und mir … sie bleiben hier … mit uns … kurz … das Haus, wie ist es damit?« fragte sie und rang heimlich die Hände.
Der Senator antwortete nicht sogleich, sondern fuhr eine Weile fort, den Schnurrbart zu drehen und mit trüber Nachdenklichkeit in sich hineinzublicken. Dann atmete er auf und richtete sich empor.
»Das Haus?« sagte er … »Es gehört natürlich uns allen, dir, Christian und mir … und komischerweise auch dem Pastor Tiburtius, denn der Anteil gehört zu Klaras Erbe. Ich allein habe nichts darüber zu entscheiden, sondern bedarf eurer Zustimmung. Aber das Gegebene ist selbstverständlich, so bald als möglich zu verkaufen«, schloß er achselzuckend. Dennoch ging etwas dabei über sein Gesicht, als erschräke er über seine eigenen Worte.
Frau Permaneders Kopf sank tief herab; ihre Hände hörten auf, einander zu pressen und erschlafften plötzlich in allen Gliedern.
»Unserer Zustimmung!« wiederholte sie nach einer Pause, traurig und sogar mit einiger Bitterkeit. »Lieber Gott, du weißt gut, Tom, daß du tun wirst, was du für richtig hältst, und daß wir anderen dir unsere Zustimmung nicht lange versagen können!… Aber wenn wir ein Wort einlegen … dich bitten dürfen«, fuhr sie beinahe tonlos fort, und ihre Oberlippe begann zu beben … »Das Haus! Mutters Haus! Unser Elternhaus! In dem wir so glücklich gewesen sind! Wir sollen es verkaufen …!«
Der Senator zuckte wieder die Achseln.
»Du wirst mir glauben, Kind, daß alles, was du mir vorhalten kannst, mich ohnehin so sehr bewegt wie dich … Aber Gegengründe sind das nicht, sondern Sentiments. Was zu tun ist, steht fest. Da haben wir dies große Grundstück … was sollen wir jetzt damit beginnen? Seit langen Jahren, schon seit Vaters Tode, verfällt das ganze Rückgebäude. Im Billardsaal lebt eine freie Katzenfamilie, und tritt man näher, so läuft man Gefahr, durch den Fußboden zu brechen … Ja, hätte ich nicht mein Haus in der Fischergrube! Aber ich habe es, und wohin damit? Soll ich vielleicht lieber das verkaufen? Urteile doch selbst … an wen? Ich würde ungefähr die Hälfte des Geldes verlieren, das ich hineingesteckt. Ach Tony, wir haben Grundstücke genug, wir haben viel zuviel davon! Die Speicher und zwei große Häuser! Der Wert der Grundstücke steht ja kaum noch in einem Verhältnis zu dem beweglichen Kapital! Nein, verkaufen, verkaufen!…«
Aber Frau Permaneder hörte nicht. Niedergebeugt und in sich gekehrt saß sie da und blickte mit feuchten Augen ins Leere.
»Unser Haus!« murmelte sie … »Ich weiß noch, wie wir es einweihten … Wir waren nicht größer als so damals. Die ganze Familie war da. Und Onkel Hoffstede trug ein Gedicht vor … Es liegt in der Mappe … Ich weiß es auswendig … Venus Anadyomene … Das Landschaftszimmer! Der Eßsaal! Fremde Leute …!«
»Ja, Tony, so werden damals die auch gedacht haben, die das Haus verlassen mußten, als Großvater es kaufte. Sie hatten ihr Geld verloren und mußten davonziehen und sind gestorben und verdorben. Alles hat seine Zeit. Freuen wir uns und danken wir Gott, daß es mit uns noch nicht so weit ist, wie es damals mit Ratenkamps war, und daß wir noch unter günstigeren Umständen von hier Abschied nehmen als sie …«
Schluchzen, ein langsames, schmerzliches Aufschluchzen unterbrach ihn. Frau Permaneders Hingebung an ihren Kummer war so groß, daß sie nicht einmal daran dachte, die Tränen zu trocknen, die über ihre Wangen rannen. Sie saß vornüber gebeugt und zusammengesunken, und ein warmer Tropfen fiel auf ihre matt im Schoße ruhenden Hände hinab, ohne daß sie dessen achtete.
»Tom«, sagte sie und gewann ihrer Stimme, die die Tränen zu ersticken drohten, eine leise, rührende Festigkeit ab. »Du weißt nicht, wie mir zumute ist in dieser Stunde, du weißt es nicht. Es ist deiner Schwester nicht gut ergangen im Leben, es hat ihr übel mitgespielt. Alles ist auf mich herabgekommen, was sich nur ausdenken ließ … ich weiß nicht, womit ich es verdient habe. Aber ich habe alles hingenommen, ohne zu verzagen, Tom, das mit Grünlich und das mit Permaneder und das mit Weinschenk. Denn immer, wenn Gott mein Leben wieder in Stücke gehen ließ, so war ich doch nicht ganz verloren. Ich wußte einen Ort, einen sicheren Hafen, sozusagen, wo ich zu Hause und geborgen war, wohin ich mich flüchten konnte, vor allem Ungemach des Lebens … Auch jetzt noch, als doch alles zu Ende war, und als sie Weinschenk ins Gefängnis fuhren … ›Mutter‹, sagte ich, ›dürfen wir zu dir ziehen?‹ ›Ja, Kinder, kommt‹ … Als wir klein waren und ›Kriegen‹ spielten, Tom, da gab es immer ein ›Mal‹, ein abgegrenztes Fleckchen, wohin man laufen konnte, wenn man in Not und Bedrängnis war, und wo man nicht abgeschlagen werden durfte, sondern in Frieden ausruhen konnte. Mutters Haus, dies Haus hier war mein ›Mal‹ im Leben, Tom … Und nun … und nun … verkaufen …«
Sie lehnte sich zurück, verbarg ihr Gesicht im Schnupftuch und weinte bitterlich.
Er zog eine ihrer Hände herunter und nahm sie in die seinen.
»Ich weiß es ja, liebe Tony, ich weiß es ja alles! Aber wollen wir nun nicht ein wenig vernünftig sein? Die gute Mutter ist dahin … wir rufen sie nicht zurück. Was nun? Es ist unsinnig geworden, dies Haus als totes Kapital zu behalten … ich muß das wissen, nicht wahr. Sollen wir eine Mietskaserne daraus machen?… Der Gedanke ist dir schwer, daß fremde Leute hier wohnen sollen; aber da ist es doch besser, du siehst es nicht mit an, sondern nimmst dir und den Deinen ein kleines, hübsches Haus oder eine Etage irgendwo vorm Tore zum Beispiel … Oder wäre es dir lieber, hier mit einer Anzahl von Mietsparteien zusammen zu hausen?… Und deine Familie hast du doch immer noch, Gerda und mich und Buddenbrooks in der Breiten Straße und Krögers und auch Mademoiselle Weichbrodt … ohne von Klothilde zu reden, von der ich nicht weiß, ob ihr der Umgang mit uns genehm ist; seit sie Klosterdame geworden, ist sie ein wenig exklusiv …«
Sie stieß einen Seufzer aus, der halb ein Lachen war, wandte sich ab und drückte das Taschentuch fester gegen die Augen, schmollend wie ein Kind, das man mit einem Spaß seinem Leide abwendig zu machen sucht. Dann aber enthüllte sie mit Entschlossenheit ihr Gesicht und setzte sich zurecht, indem sie, wie immer, wenn es galt, Charakter und Würde zu zeigen, den Kopf zurücklegte und dennoch versuchte, das Kinn auf die Brust zu drücken.
»Ja, Tom«, sagte sie, und ihre verweinten Augen zwinkerten mit ernstem und gefaßtem Ausdruck zum Fenster hinüber, »ich will auch verständig sein … ich bin es schon. Du mußt verzeihen … und du auch, Gerda … daß ich geweint habe. Das kann einem ankommen … es ist eine Schwäche. Aber es ist nur äußerlich, glaubt mir. Ihr wißt sehr wohl, daß ich im Grunde eine vom Leben gestählte Frau bin … Ja, Tom, das mit dem toten Kapital leuchtet mir ein, so viel Verstand habe ich. Ich kann nur wiederholen, daß du tun mußt, was du für richtig hältst. Du mußt für uns denken und handeln, denn Gerda und ich sind Weiber, und Christian … nun, Gott sei mit ihm!… Wir können dir nicht Widerpart halten, denn was wir vorbringen können, sind keine Gegengründe, sondern Sentiments, das liegt auf der Hand. An wen wirst du es wohl verkaufen, Tom? Meinst du, daß es bald vonstatten gehen wird?«
»Ja, Kind, wenn ich das wüßte … Immerhin … ich habe schon heute morgen ein paar Worte mit Gosch, dem alten Makler Gosch, gewechselt; er schien nicht abgeneigt, die Sache in die Hand zu nehmen …«
»Das wäre gut, ja, das wäre sehr gut. Sigismund Gosch hat natürlich seine Schwächen … Das mit seinen Übersetzungen aus dem Spanischen, wovon man erzählt – ich kann nicht wissen, wie der Dichter heißt – ist etwas sonderbar, das mußt du zugeben, Tom. Aber er war schon ein Freund vom Vater und ist ein grundehrlicher Mann. Und dann hat er Herz, dafür ist er bekannt. Er wird begreifen, daß es sich hier nicht um irgendeinen Kauf handelt, um irgendein beliebiges Haus … Was denkst du, Tom, was wirst du verlangen? Hunderttausend Kurantmark sind doch das wenigste, wie?…«
»Hunderttausend Kurantmark sind doch das wenigste, Tom!« sagte sie noch, die Tür in der Hand, als ihr Bruder und seine Frau schon die Treppe hinunterstiegen. Dann, allein geblieben, stand sie inmitten des Zimmers still, und die hinabhängenden Hände vor sich gefaltet, derart, daß die Flächen nach unten gewandt waren, blickte sie mit großen, ratlosen Augen rund um sich her. Ihr mit einem Häubchen aus schwarzen Spitzen geschmückter Kopf, den sie unaufhörlich leise schüttelte, sank, von Gedanken beschwert, langsam tiefer und tiefer auf eine Schulter hinab.
Drittes Kapitel
Der kleine Johann war gehalten, sich von der sterblichen Hülle seiner Großmutter zu verabschieden; sein Vater ordnete dies an, und er ließ keinen Laut des Widerspruches vernehmen, obgleich er sich fürchtete. Am Tage nach dem schweren Todeskampfe der Konsulin hatte der Senator, bei Tische und, wie es schien, geflissentlich in Gegenwart seines Sohnes, gegen seine Gattin mit ein paar harten Worten das Betragen Onkel Christians verurteilt, der, als es der Kranken am schlimmsten ging, davongeschlichen und zu Bette gegangen war. »Das sind die Nerven, Thomas«, hatte Gerda geantwortet; aber mit einem Blick auf Hanno, der dem Kinde keineswegs entgangen war, hatte er ihr in fast strengem Tone zurückgegeben, daß hier kein Wort der Entschuldigung am Platze sei. Die selige Mutter habe so sehr gelitten, daß man sich hätte schämen müssen, allzu schmerzlos dabei zu sitzen, und sich nicht feige dem bißchen Leiden entziehen, das der Anblick ihrer Kämpfe in einem hervorgerufen hätte. Hieraus hatte Hanno geschlossen, daß er es nicht wagen dürfe, gegen den Besuch am offenen Sarge etwas einzuwenden.
Wie beim weihnachtlichen Einzuge war ihm der große Raum entfremdet, als er ihn am Tage vorm Begräbnisse zwischen Vater und Mutter von der Säulenhalle aus betrat. Geradeaus, weiß leuchtend gegen das dunkle Grün großer Topfgewächse, die, mit hohen, silbernen Armleuchtern abwechselnd, einen Halbkreis bildeten, stand auf schwarzem Postamente die Kopie von Thorwaldsens Segnendem Christus, die draußen auf dem Korridor ihren Platz gehabt hatte. Überall an den Wänden bewegte sich im Luftzuge schwarzer Flor und verhüllte das Himmelblau der Tapete sowohl wie das Lächeln der weißen Götterstatuen, die zugeschaut hatten, wenn man in diesem Saale wohlgemut tafelte. Und umgeben von seinen ganz in Schwarz gekleideten Anverwandten, den breiten Trauerflor um den Ärmel seines Matrosenanzuges, den Sinn umnebelt von den Düften, welche den Mengen von Blumengebinden und Kränzen entströmten, und mit denen sich, ganz leise und nur bei diesem oder jenem Atemzug bemerkbar, ein anderer fremder und doch auf seltsame Art vertrauter Duft vermengte, stand der kleine Johann zur Seite der Bahre und blickte auf die regungslose Gestalt, die vor ihm zwischen weißem Atlas streng und feierlich ausgestreckt lag …
Dies war nicht Großmama. Es war ihre Gesellschaftshaube mit den weißseidenen Bändern und ihr rotbrauner Scheitel darunter. Aber diese spitze Nase, diese nach innen gezogenen Lippen, dieses hervorgeschobene Kinn, diese gelben, durchsichtigen, gefalteten Hände, denen man Kälte und Steifheit ansah, gehörten nicht ihr. Dies war eine fremde, wächserne Puppe, die in dieser Weise aufzubauen und zu feiern, etwas Grauenhaftes hatte. Und er blickte zum Landschaftszimmer hinüber, als müßte dort im nächsten Augenblick die wirkliche Großmama erscheinen … Aber sie kam nicht. Sie war tot. Der Tod hatte sie für immer mit dieser wächsernen Figur vertauscht, die ihre Lider und Lippen so unerbittlich, so unnahbar fest geschlossen hielt …
Er stand, auf dem linken Beine ruhend, das rechte Knie so gebogen, daß der Fuß leicht auf der Spitze balancierte, und hielt mit einer Hand den Schifferknoten auf seiner Brust umfaßt, während die andere schlaff hinabhing. Sein Kopf mit dem lockig in die Schläfen fallenden hellbraunen Haar war zur Seite geneigt, und unter zusammengezogenen Brauen blickten seine goldbraunen, von bläulichen Schatten umlagerten Augen blinzelnd, mit einem abgestoßenen und grüblerischen Ausdruck in das Antlitz der Leiche. Er atmete langsam und zögernd, denn bei jedem Atemzuge erwartete er den Duft, jenen fremden und doch so seltsam vertrauten Duft, den die Wolken von Blumengerüchen nicht immer zu übertäuben vermochten. Und wenn er kam, wenn er ihn verspürte, so zogen sich seine Brauen fester zusammen, und seine Lippen gerieten einen Augenblick in zitternde Bewegung … Schließlich seufzte er; aber es klang so sehr wie ein tränenloses Schluchzen, daß Frau Permaneder sich zu ihm niederbeugte, ihn küßte und ihn fortführte.
Und nachdem der Senator und seine Frau, zusammen mit Frau Permaneder und Erika Weinschenk, während langer Stunden im Landschaftszimmer die Kondolationen der Stadt entgegengenommen hatten, ward Elisabeth Buddenbrook, geborene Kröger, zur Erde bestattet. Auswärtige Verwandte waren aus Frankfurt und Hamburg dazu eingetroffen und hatten zum letzten Male gastliche Aufnahme im Mengstraßenhause gefunden. Und die Menge der Leidtragenden füllte Saal und Landschaftszimmer, Säulenhalle und Korridor, als bei brennenden Kerzen, in aufrechter Majestät zu Häupten des Sarges, das rasierte Antlitz, dessen Ausdruck zwischen düsterem Fanatismus und milder Verklärung wechselte, über der breiten, gefalteten Halskrause gegen Himmel gewandt und die Hände dicht unterm Kinn gefaltet, Pastor Pringsheim von St. Marien die Trauerrede hielt.
Er lobpries in schwellenden und verhallenden Lauten die Eigenschaften der Dahingeschiedenen, ihre Vornehmheit und Demut, ihre Heiterkeit und Frömmigkeit, ihre Wohltätigkeit und Milde. Er erwähnte des »Jerusalemsabends« und der »Sonntagsschule«, er ließ das ganze lange, reiche und glückselige Erdenleben der Verewigten noch einmal im Glanz seiner Dialektik erstrahlen … und da das Wort »Ende« ein Beiwort haben muß, so sprach er zuletzt von ihrem sanften Ende.
Frau Permaneder wußte wohl, was sie in dieser Stunde sich selbst und der ganzen Versammlung an Würde und repräsentativer Haltung schuldete. Sie hatte, zusammen mit ihrer Tochter Erika und ihrer Enkelin Elisabeth, die sichtbarsten Ehrenplätze dicht beim Pastor, neben dem Kopfende des mit Kränzen bedeckten Sarges, in Besitz genommen, während Thomas, Gerda, Christian, Klothilde und der kleine Johann, sowie der alte Konsul Kröger, der auf einem Stuhle saß, gleich den Verwandten zweiten Grades es sich gefallen ließen, der Feier an minder ausgezeichneten Plätzen beizuwohnen. Hochaufgerichtet, mit ein wenig emporgezogenen Schultern, das schwarzgeränderte Batisttuch zwischen den zusammengelegten Händen, stand sie da, und ihr Stolz über die erste Rolle, die ihr bei dieser Feierlichkeit zufiel, war so groß, daß er manchmal den Schmerz vollständig zurückdrängte und in Vergessenheit geraten ließ. Ihre Augen, die sie in dem Bewußtsein, den beobachtenden Blicken der ganzen Stadt ausgesetzt zu sein, meistens gesenkt hielt, konnten es sich hie und da nicht versagen, über die Menge hinzuschweifen, in der sie auch Julchen Möllendorpf, geborene Hagenström, und ihren Gatten gewahrte … Ja, sie hatten alle kommen müssen, die Möllendorpfs, Kistenmakers, Langhals und Oeverdiecks! Bevor Tony Buddenbrook ihr Elternhaus räumte, hatten sie sich noch einmal hier zusammenscharen müssen, um ihr, trotz Grünlich, trotz Permaneder und trotz Hugo Weinschenk, ihre mittrauernde Ehrerbietung zu erweisen …!
Und Pastor Pringsheim bohrte mit seiner Trauerrede in der Wunde herum, die der Tod geschlagen hatte, er führte mit Berechnung einem jeden vor Augen, was er verloren, er verstand es, Tränen auch dort hervorzupressen, wo von selbst keine geflossen wären, und dafür waren die Gerührten ihm dankbar. Als er den »Jerusalemsabend« zur Sprache brachte, begannen alle alten Freundinnen der Verstorbenen zu schluchzen, mit Ausnahme von Madame Kethelsen, die nichts vernahm und mit der verschlossenen Miene der Tauben geradeaus blickte, und der Schwestern Gerhardt, der Nachkommen Paul Gerhardts, die Hand in Hand mit klaren Augen in einem Winkel standen; denn sie waren fröhlich über den Tod ihrer Freundin, und beneideten sie nur deshalb nicht, weil Neid und Mißgunst ihren Herzen fremd war.
Was Mademoiselle Weichbrodt betraf, so putzte sie unaufhörlich ihre Nase mit einem kurzen und energischen Akzent. Aber die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße weinten nicht; dies war nicht ihre Gewohnheit. Ihre Mienen, weniger spitz immerhin als gewöhnlich, drückten eine milde Genugtuung über die unparteiische Gerechtigkeit des Todes aus …
Dann, als Pastor Pringsheims letztes Amen verklungen, kamen mit ihren schwarzen Dreispitzen, leise und dennoch so schnell, daß die schwarzen Mäntel hinter ihnen sich bauschten, die vier Träger herein und legten Hand an den Sarg. Es waren vier Lakaiengesichter, die jedermann kannte, Lohndiener, die bei jedem Diner in den ersten Kreisen die schweren Schüsseln reichten und auf den Korridoren Möllendorpfschen Rotwein aus den Karaffen tranken. Aber auch bei jedem Begräbnis erster und zweiter Klasse waren sie unentbehrlich, und ihre Gewandtheit bei dieser Arbeit war groß. Sie wußten wohl, daß dieser Augenblick, da der Sarg, aus der Mitte der Verbliebenen heraus, von Fremden ergriffen und für immer davongeschleppt wird, durch Takt und Behendigkeit überwunden werden muß. Mit zwei oder drei hurtigen, geräuschlosen und kräftigen Bewegungen hatten sie die Last von der Bahre auf ihre Schultern gehoben, und kaum, daß jemand Zeit hatte, sich das Schreckliche des Augenblicks klar zu machen, so schwankte der blumenbedeckte Schrein schon ohne Verzögerung und dennoch gemessenen Tempos davon und verschwand durch die Säulenhalle.
Die Damen drängten sich behutsam zum Händedruck um Frau Permaneder und ihre Tochter, wobei sie mit niedergeschlagenen Augen nicht mehr und nicht weniger murmelten, als was bei dieser Gelegenheit gemurmelt werden mußte, während die Herren sich anschickten, zu den Wagen hinunterzusteigen …
Und es kam, in langem, schwarzem Zuge, die lange, langsame Fahrt durch die grauen und feuchten Straßen, durchs Burgtor hinaus, die entblätterte, im kalten Sprühregen schauernde Allee entlang bis zum Friedhof, woselbst man, während hinter einem halbkahlen Gesträuch ein Trauermarsch erklang, zu Fuß dem Sarge über die aufgeweichten Wege folgte, bis dorthin, wo am Rande des Gehölzes das Buddenbrooksche Erbbegräbnis seine von dem großen Sandsteinkreuz gekrönte gotische Namensplatte emporragen ließ … Der steinerne Deckel des Grabes, mit dem plastisch gearbeiteten Familienwappen geziert, lag neben der schwarzen, von feuchtem Grün umrahmten Gruft.
Der Platz war dort unten dem neuen Ankömmling bereitet. Unter der Aufsicht des Senators war dort in den letzten Tagen ein wenig geräumt und Überreste alter Buddenbrooks waren beiseite geschafft worden. Nun schwebte, während die Musik verklang, der Sarg an den Stricken der Träger über der ausgemauerten Tiefe; mit einem leisen Gepolter glitt er hinab, und Pastor Pringsheim, welcher Pulswärmer angezogen hatte, begann aufs neue zu sprechen. Seine geschulte Stimme klang klar, beweglich und fromm über das offene Grab und die gebeugten oder wehmütig zur Seite gelegten Köpfe der anwesenden Herren hin in die kühle und stille Herbstluft hinein. Schließlich beugte er sich über die Gruft, redete die Tote mit ihrem vollständigen Namen an und segnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes. Als er verstummte und alle Herren mit ihren schwarz bekleideten Händen den Zylinder vor das Gesicht hielten, um still zu beten, kam ein wenig Sonne hervor. Es regnete nicht mehr, und in das Geräusch der Tropfen, die vereinzelt von Bäumen und Sträuchern fielen, klang hie und da ein kurzes, feines und fragendes Vogelzwitschern hinein.
Und dann machte sich ein jeder daran, den Söhnen und dem Bruder der Toten noch einmal die Hand zu drücken.
Thomas Buddenbrook, den dicken und dunklen Stoff seines Überziehers mit feinen, silbernen Regentropfen betaut, stand zwischen seinem Bruder Christian und seinem Onkel Justus bei diesem Defilee. Er begann in letzter Zeit ein wenig stark zu werden – das einzige Anzeichen des Alterns an seinem sorgfältig gepflegten Äußeren. Seine Wangen, über die der spitz ausgezogene Schnurrbart hinausragte, rundeten sich; aber sie waren weißlich, bleich, ohne Blut und Leben. Seine leicht geröteten Augen blickten jedem Herrn, dessen Hand er während eines Augenblicks in der seinen hielt, mit einer matten Höflichkeit ins Gesicht.
Viertes Kapitel
Acht Tage später saß in Senator Buddenbrooks Privatkontor, auf dem Ledersessel zur Seite des Schreibtisches, ein kleiner, glattrasierter Greis mit tief in Stirn und Schläfen gestrichenem, schlohweißem Haar. In gebückter Haltung stützte er sich mit beiden Händen auf die weiße Krücke seines Stockes, ließ das spitz hervorspringende Kinn auf den Händen ruhen und hielt mit bösartig zusammengepreßten Lippen und abwärts gezogenen Mundwinkeln von unten herauf einen so abscheulichen und durchdringend tückischen Blick auf den Senator gerichtet, daß es unbegreiflich erschien, warum dieser die Gemeinschaft mit einem solchen Menschen nicht lieber mied. Aber Thomas Buddenbrook saß ohne merkliche Unruhe zurückgelehnt und sprach zu dieser hämischen und dämonischen Erscheinung wie zu einem harmlosen Bürger … Zwischen dem Chef der Firma Johann Buddenbrook und dem Makler Sigismund Gosch ward über die Kaufsumme für das alte Haus in der Mengstraße beratschlagt.
Das nahm eine lange Zeit in Anspruch, denn das Angebot von 28000 Talern Kurant, das Herr Gosch gemacht hatte, schien dem Senator zu niedrig, während der Makler sich zur Hölle verschwur, wenn dieser Summe auch nur einen Silbergroschen hinzuzufügen nicht eine Tat des Wahnwitzes wäre. Thomas Buddenbrook sprach von der zentralen Lage und dem ungewöhnlichen Umfange des Grundstückes, aber Herr Gosch hielt mit zischender, gepreßter und verbissener Stimme, verzerrten Lippen und grauenerregenden Gesten einen Vortrag über das erdrückende Risiko, das er übernähme, eine Explikation, die in ihrer lebensvollen Eindringlichkeit beinahe ein Gedicht zu nennen war … Ha! Wann, an wen, für wieviel er dieses Haus wohl wieder würde absetzen können? Wie oft im Rollen der Jahrhunderte denn eine Nachfrage nach einem solchen Grundstück laut würde? Ob sein hochverehrter Freund und Gönner ihm etwa versprechen könne, daß morgen mit dem Zuge von Büchen ein Nabob aus Indien eintreffen werde, um sich im Buddenbrookschen Hause einzurichten? Er – Sigismund Gosch – werde damit sitzenbleiben … damit sitzenbleiben werde er, und dann sei er ein geschlagener, ein endgültig vernichteter Mensch, der nicht mehr die Zeit haben werde, sich zu erheben, denn seine Uhr sei abgelaufen, sein Grab sei geschaufelt, geschaufelt sei es … Und da diese Wendung ihn fesselte, so fügte er noch etwas von schlotternden Lemuren und dumpf auf den Sargdeckel fallenden Erdschollen hinzu.
Dennoch gab der Senator sich nicht zufrieden. Er sprach über die vortreffliche Teilbarkeit des Grundstückes, betonte die Verantwortung, die er seinen Geschwistern gegenüber trage, und beharrte bei dem Preise von 30000 Talern Kurant, um dann aufs neue mit einem Gemisch von Nervosität und Wohlgefallen eine wohlpointierte Entgegnung des Herrn Gosch anzuhören. Das dauerte wohl zwei Stunden lang, in deren Verlaufe Herr Gosch Gelegenheit hatte, alle Register seiner Charakterkunst zu ziehen. Er spielte gleichsam ein doppeltes Spiel, er spielte einen heuchelnden Bösewicht. »Schlagen Sie ein, Herr Senator, mein jugendlicher Gönner … 84000 Kurantmark … es ist das Angebot eines alten, ehrlichen Mannes!« sagte er mit süßer Stimme, indem er den Kopf auf die Seite legte, sein von Grimassen verwüstetes Gesicht zu einem Lächeln der treuherzigen Einfalt verzog und seine Hand, eine große, weiße Hand, mit langen und zitternden Fingern, von sich streckte. Aber das war Lüge und Verräterei! Ein Kind hätte diese heuchlerische Maske durchschauen müssen, unter welcher die tiefinnere Schurkenhaftigkeit dieses Menschen gräßlich hervorgrinste …
Endlich erklärte Thomas Buddenbrook, daß er sich eine Bedenkzeit erbitten und jedenfalls mit seinen Geschwistern Rücksprache nehmen müsse, bevor er die 28000 Taler akzeptiere, was wohl kaum jemals geschehen könne. Er brachte vorderhand das Gespräch auf ein neutrales Gebiet, erkundigte sich nach den geschäftlichen Erfolgen des Herrn Gosch, nach seinem persönlichen Wohlergehen …
Herrn Gosch ging es schlecht; mit einer schönen und großen Armbewegung wies er die Annahme zurück, er könne zu den Glücklichen gehören. Das beschwerliche Greisenalter nahte heran, es war da, wie gesagt, seine Grube war geschaufelt. Er konnte abends kaum noch sein Glas Grog zum Munde führen, ohne die Hälfte zu verschütten, so machte der Teufel seinen Arm zittern. Da nützte kein Fluchen … Der Wille triumphierte nicht mehr … Immerhin! Er hatte ein Leben hinter sich, ein nicht ganz armes Leben. Mit wachen Augen hatte er in die Welt gesehen. Revolutionen und Kriege waren vorübergebraust, und ihre Wogen waren auch durch sein Herz gegangen … sozusagen. Ha, verdammt, das waren andere Zeiten gewesen, als er während jener historischen Bürgerschaftssitzung an der Seite von des Senators Vater, neben Konsul Johann Buddenbrook dem Ansturm des wütenden Pöbels getrotzt hatte! Der schrecklichste der Schrecken … Nein, sein Leben war nicht arm gewesen, auch innerlich nicht so ganz. Verdammt, er hatte Kräfte verspürt, und wie die Kraft, so das Ideal – sagt Feuerbach. Und auch jetzt noch, auch jetzt … seine Seele war nicht verarmt, sein Herz war jung geblieben, es hatte nie aufgehört, würde nie aufhören, grandioser Erlebnisse fähig zu sein, seine Ideale warm und treu zu umschließen … Er würde sie mit ins Grab nehmen, gewiß! Aber waren Ideale dazu da, erreicht und verwirklicht zu werden? Keineswegs! Die Sterne, die begehrt man nicht, aber die Hoffnung … oh, die Hoffnung, nicht die Erfüllung, die Hoffnung war das beste im Leben. L'espérance toute trompeuse qu'elle est, sert au moins à nous mener à la fin de la vie par un chemin agréable. Das hatte Larochefoucauld gesagt, und es war schön, nicht wahr?… Ja, sein hochverehrter Freund und Gönner brauchte dergleichen nicht zu wissen! Wen die Wogen des realen Lebens hoch auf ihre Schultern genommen hatten, daß das Glück seine Stirn umspielte, der brauchte solche Dinge nicht im Kopfe zu haben. Aber wer einsam tief unten im Dunkel träumte, der hatte dergleichen nötig!…
»Sie sind glücklich«, sagte er plötzlich, indem er eine Hand auf des Senators Knie legte und mit schwimmendem Blick zu ihm emporsah. »… O doch! Versündigen Sie sich nicht, indem Sie das leugnen! Sie sind glücklich! Sie halten das Glück in den Armen! Sie sind ausgezogen und haben es sich mit starkem Arm erobert … mit starker Hand!« verbesserte er sich, weil er die zu schnelle Wiederholung des Wortes »Arm« nicht ertragen konnte. Dann verstummte er, und ohne ein Wort von des Senators abwehrender und resignierter Antwort zu vernehmen, fuhr er fort, ihm mit einer dunklen Träumerei ins Gesicht zu blicken. Plötzlich richtete er sich auf.
»Aber wir plaudern«, sagte er, »und doch sind wir in Geschäften zusammengekommen. Die Zeit ist kostbar – verlieren wir sie nicht mit Bedenken! Hören Sie mich an … Weil Sie es sind … verstehen Sie mich? Weil …« Es sah aus, als wollte Herr Gosch aufs neue in ein schönes Sinnen versinken, aber er raffte sich auf und rief mit einer weiten, schwungvollen und enthusiastischen Geste: »Neunundzwanzigtausend Taler … Siebenundachtzigtausend Mark Kurant für das Haus Ihrer Mutter! Top?…«
Und Senator Buddenbrook schlug ein.
Frau Permaneder fand, wie zu erwarten stand, den Kaufpreis zum Lachen gering. Würde jemand, in Anbetracht der Erinnerungen, die sich für sie daran knüpften, eine Million für das Haus auf den Tisch gezählt haben, sie hätte dies als eine anständige Handlungsweise empfunden – weiter nichts. Indessen gewöhnte sie sich rasch an die Zahl, die ihr Bruder ihr genannt hatte, besonders, da ihr Denken und Trachten von Zukunftsplänen in Anspruch genommen war.
Sie freute sich von Herzen über die vielen guten Möbel, die ihr zugefallen waren, und obgleich fürs erste niemand daran dachte, sie aus ihrem Elternhause zu verjagen, betrieb sie das Auffinden und Mieten einer neuen Wohnung für sich und die Ihren mit vielem Eifer. Der Abschied würde schwer sein … gewiß, der Gedanke daran trieb ihr die Tränen in die Augen. Aber andererseits hatte die Aussicht auf Neuerung und Veränderung doch ihren Reiz … War es nicht fast wie eine neue, eine vierte Etablierung? Wieder besichtigte sie Wohnräume, wieder nahm sie Rücksprache mit dem Tapezierer Jacobs, wieder unterhandelte sie in den Läden über Portieren und Läuferstoffe … Ihr Herz pochte, wahrhaftig, das Herz dieser alten, vom Leben gestählten Frau schlug höher!
So vergingen Wochen, vier, fünf und sechs Wochen. Der erste Schnee kam, der Winter war da, die Öfen prasselten, und Buddenbrooks überlegten traurig, wie diesmal das Weihnachtsfest vergehen werde … Da plötzlich geschah etwas, etwas Dramatisches, etwas über alle Maßen Überraschendes; der Lauf der Dinge nahm eine Wendung, die das allgemeinste Interesse verdiente und auch erhielt; ein Ereignis trat ein … es schlug ein, es machte, daß Frau Permaneder inmitten ihrer Geschäfte stille stand und erstarrte!
»Thomas«, sagte sie, »bin ich verrückt? Phantasiert vielleicht Gosch? Es kann nicht möglich sein! Es ist zu absurd, zu undenkbar, zu …« Sie verstummte und hielt ihre Schläfen mit beiden Händen erfaßt. Aber der Senator zuckte die Achseln.
»Liebes Kind, noch ist nichts entschieden; aber der Gedanke, die Möglichkeit ist aufgetaucht, und bei einiger ruhigen Überlegung wirst du finden, daß an der Sache gar nichts Undenkbares ist. Ein bißchen frappierend ist es, gewiß. Ich trat auch einen Schritt zurück, als Gosch es mir sagte. Aber undenkbar? Was steht denn im Wege?…«
»Ich überlebe es nicht«, sagte sie, setzte sich in einen Stuhl und blieb regungslos.
Was ging vor? – Schon hatte sich ein Käufer für das Haus gefunden oder doch eine Person, die Interesse für den Fall an den Tag legte und bereits dem Wunsche Ausdruck gegeben hatte, das feilstehende Besitztum behufs weiterer Unterhandlungen einmal gründlich in Augenschein zu nehmen. Und diese Person war Herr Hermann Hagenström, Großhändler und Königlich Portugiesischer Konsul.
Als das erste Gerücht Frau Permaneder erreicht hatte, war sie gelähmt gewesen, verblüfft, vor den Kopf geschlagen, ungläubig, unfähig, den Gedanken in seiner Tiefe zu erfassen. Nun aber, da die Frage mehr und mehr an Form und Gestalt gewann, da der Besuch Konsul Hagenströms in der Mengstraße ganz einfach schon vor der Türe stand, nun raffte sie sich zusammen, und es kam Leben in sie. Sie protestierte nicht, sie bäumte sich auf. Sie fand Worte, glühende und scharfschneidige Worte, und sie schwang sie wie Brandfackeln und Kriegsbeile.
»Dies geschieht nicht, Thomas! So lange ich lebe, geschieht dies nicht! Wenn man seinen Hund verkauft, so sieht man danach, was für einen Herrn er bekommt. Und Mutters Haus! Unser Haus! Das Landschaftszimmer!…«
»Aber ich frage dich ja, was denn eigentlich im Wege steht?«
»Was im Wege steht? Grundgütiger Gott, was im Wege steht! Berge sollten ihm im Wege stehen, diesem dicken Menschen, Thomas! Berge! Aber er sieht sie nicht! Er kümmert sich nicht darum! Er hat kein Gefühl dafür! Ist er denn ein Vieh?… Seit Urzeiten sind Hagenströms unsere Widersacher … Der alte Hinrich hat Großvater und Vater schikaniert, und wenn Hermann dir noch nichts Ernstliches hat antun können, wenn er dir noch keinen Knüppel zwischen die Beine geworfen hat, so geschah es, weil sich ihm noch keine Gelegenheit dazu bot … Als wir Kinder waren, habe ich ihn auf offener Straße geohrfeigt, wozu ich meine Gründe hatte, und seine holdselige Schwester Julchen hat mich dafür beinahe zuschanden gekratzt. Das sind Kindereien … gut! Aber sie haben voll Hohn und Freude zugesehen, wenn wir Unglück hatten, und meistens war ich diejenige, die ihnen dies Vergnügen verschaffte … Gott hat es so gewollt … Aber inwiefern der Konsul dir geschäftlich geschadet, und mit welcher Unverschämtheit er dich überflügelt hat, das mußt du selbst am besten wissen, Tom, darüber kann ich dich nicht belehren. Und als zu guter Letzt noch Erika eine gute Heirat machte, da hat es sie gewurmt, so lange, bis sie es fertig gebracht hatten, den Direktor aus der Welt zu schaffen und einzusperren, durch die Hand ihres Bruders, dieses Katers, dieses Satans von Staatsanwalt … Und nun wollen sie sich erfrechen … sie entblöden sich nicht …«
»Höre, Tony, erstens haben wir in der Sache ja ernstlich gar nicht mehr mitzureden, denn wir haben mit Gosch abgeschlossen, und es ist nun an ihm, das Geschäft zu machen mit wem er will. Ich gebe dir ja zu, daß eine gewisse Ironie des Schicksals darin läge …«
»Ironie des Schicksals? Ja, Tom, das ist nun deine Art, dich auszudrücken! Ich aber nenne es eine Schmach, einen Faustschlag mitten ins Gesicht, und das wäre es!… Bedenkst du denn nicht, was es bedeutet? So bedenke doch, was es bedeuten würde, Thomas! Es würde bedeuten: Buddenbrooks sind fertig, sie sind endgültig abgetan, sie ziehen ab, und Hagenströms rücken mit Kling und Klang an ihre Stelle … Nie, Thomas, niemals wirke ich mit bei diesem Schauspiele! Niemals biete ich die Hand zu dieser Niederträchtigkeit! Mag er nur kommen, laß ihn nur sich unterstehen, hierher zu kommen, um das Haus zu besichtigen. Ich empfange ihn nicht, das glaube mir! Ich setze mich mit meiner Tochter und meiner Enkelin in ein Zimmer und drehe den Schlüssel um und verwehre ihm den Eintritt, das tue ich …«
»Du wirst das machen, wie du es für klug hältst, meine Liebe, und vorher überlegen, ob es nicht ratsam sein wird, den gesellschaftlichen Anstand aufmerksam zu wahren. Vermutlich glaubst du, daß Konsul Hagenström sich durch dein Benehmen tief getroffen fühlen würde? Nein, weit gefehlt, mein Kind. Er würde sich weder erfreuen noch erbosen darüber, sondern er würde erstaunt sein, kühl und gleichgültig erstaunt … Die Sache ist die, daß du bei ihm dieselben Gefühle gegen dich und uns voraussetzest, die du gegen ihn hegst. Irrtum, Tony! Er haßt dich ja gar nicht. Warum sollte er dich hassen? Er haßt keinen Menschen. Er sitzt in Erfolg und Glück und ist voll Heiterkeit und Wohlwollen, glaube mir das eine. Ich habe dir schon mehr als zehnmal versichert, daß er dich auf der Straße in der liebenswürdigsten Weise grüßen würde, wenn du dich überwinden könntest, einmal nicht gar zu kriegerisch und hochmütig in die Luft zu blicken. Er wundert sich darüber, zwei Minuten lang empfindet er ein ruhevolles und etwas mokantes Erstaunen, unfähig, einen Mann, dem niemand etwas anhaben kann, aus dem Gleichgewicht zu bringen … Was wirfst du ihm vor? Wenn er mich geschäftlich weit überflügelt hat und mir hie und da mit Erfolg in öffentlichen Angelegenheiten entgegentritt – schön und gut, so muß er denn wohl ein tüchtigerer Kaufmann und ein besserer Politiker sein als ich … Durchaus kein Grund, so sonderbar wütend zu lachen, wie du da tust! Um aber auf das Haus zurückzukommen, so hat ja das alte längst kaum noch eine tatsächliche Bedeutung für die Familie, sondern die ist allmählich ganz auf das meine übergegangen … ich sage das, um dich für jeden Fall zu trösten. Andererseits ist es ja klar, wodurch Konsul Hagenström auf Kaufgedanken gebracht worden ist. Die Leute sind emporgekommen, ihre Familie wächst, sie sind mit Möllendorpfs verschwägert und an Geld und Ansehen den Ersten gleich. Aber es fehlt ihnen etwas, etwas Äußerliches, worauf sie bislang mit Überlegenheit und Vorurteilslosigkeit verzichtet haben … Die historische Weihe, sozusagen das Legitime … Sie scheinen jetzt Appetit danach bekommen zu haben, und sie verschaffen sich etwas davon, indem sie ein Haus beziehen wie dieses hier … Paß auf, der Konsul wird hier alles möglichst konservieren, er wird nichts umbauen, er wird auch das ›Dominus providebit‹ über der Haustür stehen lassen, obgleich man billig sein und ihm zugestehen muß, daß nicht der Herr, sondern er ganz allein der Firma Strunck & Hagenström zu einem so erfreulichen Aufschwung verholfen hat …«
»Bravo, Tom! Ach, wie das wohltut, einmal von dir eine Bosheit über ihn zu hören! Das ist ja eigentlich alles, was ich will! Mein Gott, hätte ich deinen Kopf, wie wollte ich ihm zusetzen! Aber da stehst du nun …«
»Du siehst ja, daß mein Kopf mir tatsächlich wenig nützt.«
»Aber da stehst du nun, sage ich, und sprichst über die Sache mit dieser unfaßlichen Gelassenheit und erklärst mir Hagenströms Handlungsweise … Ach, rede wie du willst, du hast ein Herz im Leibe so gut wie ich, und ich glaube einfach nicht, daß es dich innerlich so ruhig läßt, wie du tust! Du antwortest mir auf meine Klagen … vielleicht willst du dich selbst nur trösten …«
»Jetzt wirst du vorlaut, Tony. Wie ich ›tue‹, das gilt – bitte ich mir aus! Alles übrige geht niemanden etwas an.«
»Sage nur das eine, Tom, ich flehe dich an: Wäre es nicht ein Fiebertraum?«
»Vollkommen.«
»Ein Alpdrücken?«
»Warum nicht.«
»Eine Katzenkomödie zum Heulen?«
»Genug! Genug!« –
– Und Konsul Hagenström erschien in der Mengstraße, er erschien zusammen mit Herrn Gosch, der, seinen Jesuitenhut in der Hand, gebückt und verräterisch um sich blickend, an dem Folgmädchen vorbei, das die Karten überbracht hatte und die Glastür offen hielt, hinter dem Konsul ins Landschaftszimmer trat …
Hermann Hagenström, in einem fußlangen, dicken und schweren Pelze, der vorne offen stand und einen grüngelben, faserigen und durablen englischen Winteranzug sehen ließ, war eine großstädtische Figur, ein imposanter Börsentypus. Er war so außerordentlich fett, daß nicht nur sein Kinn, sondern sein ganzes Untergesicht doppelt war, was der kurzgehaltene, blonde Vollbart nicht verhüllte, ja, daß die geschorene Haut seiner Schädeldecke bei gewissen Bewegungen der Stirn und der Augenbrauen dicke Falten warf. Seine Nase lag platter als jemals auf der Oberlippe und atmete mühsam in den Schnurrbart hinein; dann und wann aber mußte der Mund ihr zu Hilfe kommen, indem er sich zu einem ergiebigen Atemzuge öffnete. Und das war noch immer mit einem gelinde schmatzenden Geräusch verbunden, hervorgerufen durch ein allmähliches Loslösen der Zunge vom Oberkiefer und vom Schlunde.
Frau Permaneder verfärbte sich, als sie dieses altbekannte Geräusch vernahm. Eine Vision von Zitronensemmeln mit Trüffelwurst und von Straßburger Gänseleberpastete suchte sie heim dabei und hätte beinahe für einen Augenblick die steinerne Würde ihrer Haltung erschüttert … Das Trauerhäubchen auf dem glattgescheitelten Haar, in einem vortrefflich sitzenden schwarzen Kleid, dessen Rock mit Volants bis oben hinauf besetzt war, saß sie mit gekreuzten Armen und etwas emporgezogenen Schultern auf dem Sofa und richtete noch beim Eintritt der beiden Herren eine gleichgültige und ruhevolle Bemerkung an ihren Bruder, den Senator, der es nicht hätte verantworten können, sie in dieser Stunde im Stiche zu lassen … Sie blieb auch noch sitzen, während der Senator, der den Gästen bis zur Mitte des Zimmers entgegengeschritten war, eine herzliche Begrüßung mit dem Makler Gosch und eine korrekt höfliche mit dem Konsul tauschte, erhob sich dann auch ihrerseits, vollführte eine gemessene Verbeugung vor beiden zugleich und beteiligte sich dann ohne jedweden Übereifer mit Wort und Hand an den Aufforderungen ihres Bruders, gefälligst Platz zu nehmen. Übrigens hielt sie hierbei vor unberührter Gleichgültigkeit ihre Augen beinahe ganz geschlossen.
Während man sich setzte und im Verlaufe der ersten darauf folgenden Minuten sprachen abwechselnd der Konsul und der Makler. Herr Gosch bat mit abstoßend falscher Demut, hinter der allen sichtbar die Tücke lauerte, gütigst die Störung zu entschuldigen, doch hege Herr Konsul Hagenström den Wunsch, einen Rundgang durch die Räumlichkeiten des Hauses zu tun, da er eventuell als Käufer darauf reflektiere … Und dann wiederholte der Konsul mit einer Stimme, die Frau Permaneder wiederum an belegte Zitronensemmeln gemahnte, dasselbe noch einmal in anderen Worten. Ja, in der Tat, der Gedanke sei ihm gekommen, und er sei schnell zum Wunsche geworden, den er sich und den Seinen erfüllen zu können hoffe, gesetzt, daß nicht Herr Gosch ein gar zu gutes Geschäft dabei zu machen beabsichtige, ha, ha!… nun, er zweifle nicht, daß sich die Angelegenheit zur allseitigen Zufriedenheit werde ordnen lassen.
Sein Gehaben war frei, sorglos, behaglich und weltmännisch, was seinen Eindruck auf Frau Permaneder nicht verfehlte, besonders da er aus Courtoisie sich mit seinen Worten fast immer an sie wandte. Er ließ sich sogar darauf ein, seinen Wunsch in beinahe entschuldigendem Ton ausführlich zu begründen. »Raum! Mehr Raum!« sagte er. »Mein Haus in der Sandstraße … Sie glauben es nicht, gnädige Frau, und Sie, Herr Senator … es wird uns effektiv zu eng, wir können uns manchmal nicht mehr darin rühren. Ich rede nicht einmal von Gesellschaft … bewahre. Es ist effektiv nur die Familie nötig, Huneus', Möllendorpfs, die Angehörigen meines Bruders Moritz … und wir befinden uns effektiv wie die Heringe. Also warum – nicht wahr?«
Er sprach in dem Tone einer leichten Entrüstung, mit einem Ausdruck und mit Handbewegungen, welche besagten: Sie werden das einsehen … ich brauche mir das nicht gefallen zu lassen … ich wäre ja dumm … da es doch, Gott sei Dank, am Nötigsten nicht fehlt, der Sache abzuhelfen …
»Nun habe ich warten wollen«, fuhr er fort, »ich habe warten wollen, bis Zerline und Bob ein Haus gebrauchen würden, um ihnen erst dann das meine abzutreten und mich nach etwas Größerem umzutun; aber … Sie wissen«, unterbrach er sich, »daß meine Tochter Zerline und Bob, der Älteste meines Bruders, des Staatsanwaltes, seit langen Jahren verlobt sind … Die Hochzeit soll nun nicht allzu lange mehr hinausgeschoben werden. Zwei Jahre höchstens noch … Sie sind jung – desto besser! Aber kurz und gut, warum soll ich auf sie warten und mir die günstige Gelegenheit entgehen lassen, die sich mir augenblicklich bietet? Es läge effektiv kein vernünftiger Sinn darin …«
Zustimmung herrschte im Zimmer, und die Unterhaltung blieb ein wenig bei dieser Familienangelegenheit, dieser bevorstehenden Verehelichung stehen; denn da vorteilhafte Heiraten zwischen Geschwisterkindern in der Stadt nichts Ungewöhnliches waren, so nahm niemand Anstoß daran. Man erkundigte sich nach den Plänen der jungen Herrschaften, Pläne, die sogar schon die Hochzeitsreise betrafen … Sie gedachten an die Riviera zu gehen, nach Nizza usw. Sie hatten Lust dazu – und warum also nicht, nicht wahr?… Auch der jüngeren Kinder wurde erwähnt, und der Konsul sprach mit Behagen und Wohlgefallen von ihnen, leichthin und mit Achselzucken. Er selbst besaß fünf Kinder und sein Bruder Moritz deren vier: Söhne und Töchter … ja, danke sehr, sie waren alle wohlauf. Warum sollten sie übrigens nicht wohlauf sein – nicht wahr? Kurzum, es ging ihnen gut. Und dann kam er wieder auf das Anwachsen der Familie und die Enge in seinem Hause zu sprechen … »Ja, dies hier ist etwas anderes!« sagte er. »Das habe ich schon auf dem Wege hier herauf sehen können – das Haus ist eine Perle, eine Perle ohne Frage, gesetzt, daß der Vergleich bei diesen Dimensionen haltbar ist, ha! ha!… Schon die Tapeten hier … ich gestehe Ihnen, gnädige Frau, ich bewundere, während ich spreche, beständig die Tapeten. Ein scharmantes Zimmer effektiv! Wenn ich denke … hier haben Sie bislang Ihr Leben verbringen dürfen …«
»Mit einigen Unterbrechungen – ja«, sprach Frau Permaneder mit jener besonderen Kehlkopfstimme, die ihr manchmal zu Gebote stand.
»Unterbrechungen – ja«, wiederholte der Konsul mit zuvorkommendem Lächeln. Dann warf er einen Blick auf Senator Buddenbrook und Herrn Gosch, und da die beiden Herren im Gespräche begriffen waren, rückte er seinen Sessel näher zu Frau Permaneders Sofasitz heran und beugte sich zu ihr, so daß nun das schwere Pusten seiner Nase dicht unter der ihren ertönte. Zu höflich, sich abzuwenden und sich seinem Atem zu entziehen, saß sie steif und möglichst hoch aufgerichtet und blickte mit gesenkten Lidern auf ihn nieder. Aber er bemerkte durchaus nicht das Gezwungene und Unangenehme ihrer Lage.
»Wie ist es, gnädige Frau«, sagte er … »Mir scheint, wir haben früher schon einmal Geschäfte miteinander gemacht? Damals handelte es sich freilich nur … um was noch gleich? Leckereien, Zuckerwerk, wie?… Und jetzt um ein ganzes Haus …«
»Ich erinnere mich nicht«, sagte Frau Permaneder und steifte ihren Hals noch mehr, denn sein Gesicht war ihr unanständig und unerträglich nahe …
»Sie erinnern sich nicht?«
»Nein, ich weiß, ehrlich gesagt, nichts von Zuckerwerk. Mir schwebt etwas vor von Zitronensemmeln mit fetter Wurst belegt … einem recht widerlichen Frühstücksbrot … Ich weiß nicht, ob es mir oder Ihnen gehörte … Wir waren Kinder damals … Aber das mit dem Hause heute ist ja ganz und gar Sache des Herrn Gosch …«
Sie warf ihrem Bruder einen raschen, dankbaren Blick zu, denn er hatte ihre Not gesehen und kam ihr zu Hilfe, indem er sich die Frage erlaubte, ob es den Herren genehm sei, vorerst einmal den Gang durchs Haus zu unternehmen. Man war bereit dazu, man verabschiedete sich vorläufig von Frau Permaneder, denn man hoffte, später noch einmal das Vergnügen zu haben … und dann führte der Senator die beiden Gäste durch den Eßsaal hinaus.
Er führte sie treppauf, treppab und zeigte ihnen die Zimmer der zweiten Etage sowie diejenigen, die am Korridor des ersten Stockwerks gelegen waren, und die Parterreräumlichkeiten, ja selbst Küche und Keller. Was die Büros betraf, so nahm man Abstand davon, einzutreten, da der Rundgang in die Arbeitszeit der Versicherungsbeamtenschaft fiel. Ein paar Bemerkungen über den neuen Direktor wurden gewechselt, den Konsul Hagenström zweimal hintereinander für einen grundehrlichen Mann erklärte, worauf der Senator verstummte.