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Buddenbrooks

Fünfter Teil

Reading edition

Erstes Kapitel

»Guten Abend, Justus«, sagte die Konsulin. »Geht es dir gut? Nimm Platz.«

Konsul Kröger umarmte sie zart und flüchtig und schüttelte seiner ältesten Nichte die Hand, die gleichfalls im Eßsaale zugegen war. Er zählte nun ungefähr fünfundfünfzig Jahre und hatte sich zu seinem kleinen Schnurrbart einen starken runden Backenbart wachsen lassen, der das Kinn frei ließ und ganz grau war. Über seine breite und rosige Glatze waren sorgfältig ein paar spärliche Haarstreifen frisiert. Ein breiter Trauerflor saß an dem Ärmel seines eleganten Leibrockes.

»Weißt du das Neueste, Bethsy?« fragte er. »Ja, Tony, dich wird es besonders interessieren. Kurz, unser Grundstück vorm Burgtor ist nun verkauft … an wen? Nicht etwa an einen Mann, sondern an zwei, denn es wird geteilt, das Haus wird abgebrochen, ein Zaun quer hindurchgezogen, und dann baut sich rechts Kaufmann Benthien und links Kaufmann Sörenson eine Hundehütte … nun, Gott befohlen.«

»Unerhört«, sagte Frau Grünlich, indem sie die Hände im Schoße faltete und zum Plafond emporblickte … »Großvaters Grundstück! Gut, damit ist das Besitztum verpfuscht. Der Reiz bestand gerade in der Weitläufigkeit … die eigentlich überflüssig war … aber das war das Vornehme. Der große Garten … bis zur Trave hinunter … und das zurückliegende Haus mit der Auffahrt, der Kastanienallee … Nun wird es also geteilt. Benthien wird vor der einen Tür stehen und seine Pfeife rauchen, und Sörenson vor der anderen. Ja, ich sage auch ›Gott befohlen‹, Onkel Justus. Es ist wohl niemand mehr vornehm genug, um das Ganze zu bewohnen. Gut, daß Großpapa es nicht mehr zu sehen bekommt …«

Die Trauerstimmung lag noch zu schwer und ernst in der Luft, als daß Tony ihrer Entrüstung in lauteren und stärkeren Worten hätte Ausdruck geben mögen. Es war am Tage der Testamentseröffnung, zwei Wochen nach des Konsuls Ableben, nachmittags halb sechs Uhr. Die Konsulin Buddenbrook hatte ihren Bruder in die Mengstraße gebeten, damit er sich mit Thomas und Herrn Marcus, dem Prokuristen, an einer Unterredung über die Verfügungen des Verstorbenen und die Vermögensverhältnisse beteilige, und Tony hatte den Entschluß kundgetan, gleichfalls an den Auseinandersetzungen teilzunehmen. Dieses Interesse, hatte sie gesagt, sei sie der Firma sowohl wie der Familie schuldig, und sie trug Sorge, dieser Zusammenkunft den Charakter einer Sitzung, eines Familienrates zu verleihen. Sie hatte die Fenstervorhänge geschlossen und trotz der beiden Paraffinlampen, die auf dem ausgezogenen, grüngedeckten Speisetisch brannten, zum Überfluß sämtliche Kerzen auf den großen vergoldeten Kandelabern entzündet. Außerdem hatte sie auf der Tafel eine Menge Schreibpapiers und gespitzter Bleistifte verteilt, von denen niemand wußte, wozu sie eigentlich gebraucht werden sollten.

Das schwarze Kleid gab ihrer Gestalt eine mädchenhafte Schlankheit, und obgleich sie den Tod des Konsuls, dem sie während der letzten Zeit so herzlich nahegestanden, vielleicht von allen am schmerzlichsten empfand, obgleich sie noch heute bei dem Gedanken an ihn zweimal in bittere Tränen ausgebrochen war, vermochte die Aussicht auf diesen kleinen Familienrat, diese kleine ernsthafte Unterredung, an der sie mit Würde teilzunehmen gedachte, ihre hübschen Wangen zu röten, ihren Blick zu beleben, ihren Bewegungen Freude und Wichtigkeit zu geben … Die Konsulin dagegen, ermattet vom Schrecken, vom Schmerz, von tausend Trauerformalitäten und den Begräbnisfeierlichkeiten, sah leidend aus. Ihr Gesicht, von den schwarzen Spitzen der Haubenbänder umrahmt, erschien noch bleicher dadurch, und ihre hellblauen Augen blickten matt. In ihrem glattgescheitelten, rotblonden Haar aber war noch immer kein einziges weißes Fädchen zu sehen … War auch dies noch die Pariser Tinktur oder schon die Perücke? Das wußte Mamsell Jungmann allein, und sie würde es nicht einmal den Damen des Hauses verraten haben.

Man saß am Ende des Speisetisches und wartete, daß Thomas und Herr Marcus aus dem Kontor kämen. Weiß und stolz hoben sich die gemalten Götterbilder auf ihren Sockeln von dem himmelblauen Hintergrunde ab.

Die Konsulin sagte: »Die Sache ist diese, mein lieber Justus … ich habe dich bitten lassen … kurz zu sein, es handelt sich um Klara, das Kind. Mein lieber seliger Jean hat die Wahl eines Vormundes, dessen die Dirn noch während dreier Jahre bedarf, mir überlassen … Ich weiß, du liebst es nicht, mit Verpflichtungen überhäuft zu werden; du hast Pflichten gegen deine Frau, gegen deine Söhne …«

»Gegen meinen Sohn, Bethsy.«

»Gut, gut, wir sollen christlich und barmherzig sein, Justus. Wie wir vergeben unseren Schuldigern, heißt es. Gedenke unseres gnädigen Vaters im Himmel.«

Ihr Bruder sah sie ein wenig verwundert an. Man hatte bisher nur aus des verstorbenen Konsuls Munde solche Redewendungen vernommen …

»Genug!« fuhr sie fort, »es sind so gut wie keine Mühseligkeiten mit diesem Liebesamte verbunden … Ich möchte dich bitten, die Vormundschaft zu übernehmen.«

»Gern, Bethsy, wahrhaftig, das tu ich gern. Darf ich mein Mündel nicht sehen? Ein bißchen zu ernst das gute Kind …«

Klara ward gerufen. Schwarz und bleich erschien sie langsam, mit traurig zurückhaltenden Bewegungen. Sie hatte die Zeit nach ihres Vaters Tode fast unaufhörlich mit Beten auf ihrem Zimmer verbracht. Ihre dunklen Augen waren unbeweglich; sie schien erstarrt in Schmerz und Gottesfurcht.

Onkel Justus, galant wie er war, schritt ihr entgegen und verbeugte sich beinahe, als er ihr die Hand drückte; dann richtete er einige wohlgesetzte Worte an sie, und sie ging wieder, nachdem sie von der Konsulin einen Kuß auf ihre unbeweglichen Lippen entgegengenommen hatte.

»Wie geht es dem guten Jürgen?« begann die Konsulin aufs neue. »Wie fühlt er sich in Wismar?«

»Gut«, antwortete Justus Kröger, indem er sich mit einem Achselzucken wieder niedersetzte … »Ich glaube, er hat nun seinen Platz gefunden. Er ist ein braver Junge, Bethsy, ein Junge von Ehre; aber … nachdem ihm das Examen zweimal mißglückt, war es das beste … Die Jurisprudenz machte ihm selbst keinen Spaß, und die Position an der Post in Wismar ist ganz akzeptabel … Sage mal, ich höre, dein Christian kommt?«

»Ja, Justus, er wird kommen, und Gott behüte ihn auf der See! Ach, es dauert so fürchterlich lange! Obgleich ich ihm am nächsten Tage nach Jeans Tode geschrieben habe, hat er den Brief noch lange nicht, und dann braucht er mit dem Segelschiff noch ungefähr zwei Monate. Aber er muß kommen, ich habe so sehr das Bedürfnis, Justus! Tom sagte zwar, Jean würde es niemals zugegeben haben, daß er seine Stelle in Valparaiso fahren läßt … aber ich bitte dich: acht Jahre beinahe, daß ich ihn nicht gesehen habe! Und dann unter diesen Umständen! Nein, ich will sie alle um mich haben in dieser schweren Zeit … das ist natürlich für eine Mutter …«

»Sicherlich, sicherlich!« sagte Konsul Kröger, denn ihr kamen die Tränen.

»Jetzt ist auch Thomas einverstanden«, fuhr sie fort, »denn wo ist Christian besser aufgehoben als in dem Geschäft seines seligen Vaters, in Toms Geschäft? Er kann hierbleiben, hier arbeiten … ach, ich bin auch beständig in Angst, daß ihm dort drüben das Klima ein Übel tut …«

Nun kam, begleitet von Herrn Marcus, Thomas Buddenbrook in den Saal. Friedrich Wilhelm Marcus, des verstorbenen Konsuls langjähriger Prokurist, war ein hochgewachsener Mann in braunem Schoßrock mit Trauerflor. Er sprach sehr leise, zögernd, ein wenig stotternd, jedes Wort eine Sekunde lang überlegend, und pflegte mit dem gerade ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger seiner Linken langsam und vorsichtig über seinen rotbraunen, ungepflegt den Mund bedeckenden Schnurrbart zu streichen oder sich mit Sorgfalt die Hände zu reiben, wobei er seine runden, braunen Augen so bedächtig zur Seite wandern ließ, daß er den Eindruck völliger Konfusion und Abwesenheit machte, obgleich er stets aufmerksam prüfend bei der Sache war.

Thomas Buddenbrook, in so jungen Jahren bereits der Chef des großen Handelshauses, legte in Miene und Haltung ein ernstes Würdegefühl an den Tag; aber er war bleich, und seine Hände im besonderen, an deren einer nun der große Erbsiegelring mit grünem Steine glänzte, waren weiß wie die Manschetten, die aus den schwarzen Tuchärmeln hervorsahen, von einer frostigen Blässe, die erkennen ließ, daß sie vollkommen trocken und kalt waren. Diese Hände, deren schön gepflegte ovale Fingernägel dazu neigten, eine bläuliche Färbung zu zeigen, konnten in gewissen Augenblicken, in gewissen, ein wenig krampfhaften und unbewußten Stellungen einen unbeschreiblichen Ausdruck von abweisender Empfindsamkeit und einer beinahe ängstlichen Zurückhaltung annehmen, einen Ausdruck, der den ziemlich breiten und bürgerlichen, wenn auch fein gegliederten Händen der Buddenbrooks bis dahin fremd gewesen war und wenig zu ihnen paßte … Toms erste Sorge war, die Flügeltür zum Landschaftszimmer zu öffnen, um die Wärme des Ofens, der dort hinter dem schmiedeeisernen Gitter brannte, dem Saale zugute kommen zu lassen.

Dann wechselte er einen Händedruck mit Konsul Kröger und nahm, Herrn Marcus gegenüber, Platz an der Tafel, wobei er seine Schwester Tony mit erhobener Augenbraue ziemlich verwundert ansah. Aber sie legte in einer Weise den Kopf zurück und das Kinn auf die Brust, daß er jede Bemerkung über ihre Gegenwart unterdrückte.

»Also man darf noch nicht ›Herr Konsul‹ sagen?« fragte Justus Kröger … »Die Niederlande hoffen vergebens auf deine Vertretung, alter Tom?«

»Ja, Onkel Justus; ich habe es für besser gehalten … sieh mal, ich hätte das Konsulat sofort übernehmen können, mit so manch anderer Verpflichtung; aber erstens bin ich noch ein bißchen jung … und dann habe ich mit Onkel Gotthold gesprochen; er freute sich und akzeptierte.«

»Sehr vernünftig, mein Junge. Sehr politisch … Vollkommen gentlemanlike.«

»Herr Marcus«, sagte die Konsulin, »mein lieber Herr Marcus!« Und sie reichte ihm die Hand, deren Fläche sie ganz weit herumdrehte, und die er langsam, mit einem bedächtigen und verbindlichen Seitenblick entgegennahm. »Ich habe Sie heraufgebeten … Sie wissen, um was es sich handelt, und ich weiß, daß Sie einig mit uns sind. Mein seliger Mann hat in seinen letztwilligen Verfügungen den Wunsch ausgesprochen, Sie möchten nach seinem Heimgang Ihre treue, bewährte Kraft nicht länger als fremder Mitarbeiter, sondern als Teilhaber in den Dienst der Firma stellen …«

»Gewiß, allerdings Frau Konsulin«, sprach Herr Marcus. »Ich bitte ergebenst, überzeugt zu sein, daß ich die Ehrung meiner Person, welche in diesem Anerbieten liegt, mit Dankbarkeit zu schätzen weiß, denn die Mittel, welche ich der Firma entgegenzubringen vermag, sind nur allzu geringe. Ich weiß vor Gott und den Menschen nichts Besseres zu tun, als Ihre und Ihres Herrn Sohnes Offerte dankbarst zu akzeptieren.«

»Ja, Marcus, dann danke ich Ihnen herzlich für Ihre Bereitwilligkeit, einen Teil der großen Verantwortlichkeit zu übernehmen, die für mich vielleicht zu schwer wäre.« Dies sprach Thomas schnell und leichthin, indem er seinem Associé über den Tisch hinüber die Hand reichte, denn die beiden waren längst einig, und dies alles war Formalität.

»Kumpanie is Lumperie … na, Sie beide werden den Schnack ja wohl zuschanden machen!« sagte Konsul Kröger. »Und nun wollen wir die Verhältnisse mal durchgehen, Kinder. Ich habe hier bloß auf die Mitgift meines Mündels zu achten; das übrige ist mir egal. Hast du eine Kopie des Testamentes da, Bethsy? Und du, Tom, einen kleinen Überschlag?«

»Den habe ich im Kopf«, sagte Thomas und begann, während er sein goldnes Crayon auf der Tischplatte hin und her bewegte und, zurückgelehnt, ins Landschaftszimmer hinüberblickte, den Stand der Dinge auseinanderzusetzen …

Die Sache war die, daß des Konsuls hinterlassenes Vermögen beträchtlicher war, als irgendein Mensch geglaubt hatte. Die Mitgift seiner ältesten Tochter freilich war verlorengegangen, die Einbuße, die die Firma gelegentlich des Bremer Konkurses im Jahre 51 erlitten, war ein schwerer Schlag gewesen. Und auch das Jahr 48 sowie das gegenwärtige Jahr 55 mit ihren Unruhen und Kriegsläuften hatten Verluste gebracht. Aber der Buddenbrooksche Anteil an der Krögerschen Hinterlassenschaft von 400000 Kurantmark hatte, da Justus eine Menge im voraus verbraucht, volle 300000 betragen, und obgleich Johann Buddenbrook nach Kaufmannsart beständig geklagt hatte, war den Verlusten doch durch einen etwa fünfzehnjährigen Verdienst von 30000 Talern Kurant die Waage gehalten worden. Das Vermögen also betrug, abgesehen von jedem Grundbesitz, in runder Zahl 750000 Mark Kurant.

Selbst Thomas war, bei aller Einsicht in den Geschäftsgang, von seinem Vater über diese Höhe im unklaren gelassen worden, und während die Konsulin mit ruhiger Diskretion die Zahl entgegennahm, während Tony mit einer allerliebsten und verständnislosen Würde geradeaus blickte und dennoch einen ängstlichen Zweifel aus ihrer Miene nicht verbannen konnte, welcher ausdrückte: Ist das auch viel? Sehr viel? Sind wir auch reiche Leute?… während Herr Marcus sich langsam und anscheinend zerstreut die Hände rieb und Konsul Kröger sich ersichtlich langweilte, erfüllte ihn selbst diese Zahl, die er aussprach, mit einem nervösen und treibenden Stolz, der sich beinahe wie Unmut ausnahm.

»Wir müßten längst die Million erreicht haben!« sagte er mit vor Erregung gepreßter Stimme, indes seine Hände zitterten … »Großvater hat in seiner besten Zeit schon 900000 zur Verfügung gehabt … Und welche Anstrengungen seitdem, welch hübscher Erfolg, welche guten Coups hie und da! Und Mamas Mitgift! Mamas Erbe! Ach, aber die beständige Zersplitterung … Mein Gott, sie liegt in der Natur der Dinge; verzeiht, wenn ich in diesem Augenblick allzu ausschließlich im Sinne der Firma rede und wenig familiär … Diese Mitgiften, diese Auszahlungen an Onkel Gotthold und nach Frankfurt, diese Hunderttausende, die dem Betrieb entzogen werden mußten … Und das waren damals nur zwei Geschwister des Firmenchefs … Genug, wir werden zu tun bekommen, Marcus!«

Die Sehnsucht nach Tat, Sieg und Macht, die Begier, das Glück auf die Knie zu zwingen, flammte kurz und heftig in seinen Augen auf. Er fühlte die Blicke aller Welt auf sich gerichtet, erwartungsvoll, ob er das Prestige der Firma, der alten Familie zu fördern und auch nur zu wahren wissen werde. An der Börse begegnete er diesen musternden Seitenblicken aus alten jovialen, skeptischen und ein bißchen mokanten Geschäftsmannsaugen, welche zu fragen schienen: »Wirst de Saak ook unnerkregen, min Söhn?« Ich werde es, dachte er …

Friedrich Wilhelm Marcus rieb sich bedächtig die Hände, und Justus Kröger sagte:

»Na, ruhig Blut, alter Tom! Die Zeiten sind nicht mehr wie damals, als dein Großpapa preußischer Heereslieferant war.« –

Und nun begann ein ausführliches Gespräch über die großen und kleinen Anordnungen des Testamentes, ein Gespräch, an dem sich alle beteiligten, und in welchem Konsul Kröger die gute Laune vertrat, indem er von Thomas beständig als von »Seiner Hoheit dem nunmehr regierenden Fürsten« sprach. »Der Speicher-Grundbesitz bleibt der Tradition gemäß ohne weiteres bei der Krone«, sagte er.

Im übrigen gingen, wie sich versteht, die Bestimmungen dahin, daß alles nach Möglichkeit beisammengelassen werden sollte, daß Frau Elisabeth Buddenbrook im Prinzip Universalerbin sei und das ganze Vermögen im Geschäfte verbleibe, wobei Herr Marcus konstatierte, daß er das Betriebskapital als Teilhaber um 120000 Kurant verstärke. Für Thomas waren als vorläufiges Privatvermögen 50000 ausgesetzt und die gleiche Summe für Christian, in dem Falle, daß er sich selbständig etabliere. Justus Kröger war eifrig bei der Sache, als der Passus verlesen ward: »Die Fixierung der Mitgiftsumme für meine inniggeliebte jüngere Tochter Klara im Falle ihrer Verehelichung überlasse ich dem Ermessen meiner inniggeliebten Frau« … »Sagen wir 100000!« schlug er vor, indem er sich zurücklehnte, ein Bein über das andere schlug und mit beiden Händen seinen kurzen grauen Schnurrbart empordrehte. Er war die Kulanz selbst. Aber man setzte die hergebrachte Summe von 80000 Kurantmark fest.

»Im Falle einer abermaligen Verheiratung meiner inniggeliebten ältesten Tochter Antonie«, hieß es weiter, »darf, angesichts der Tatsache, daß bereits an ihre erste Ehe 80000 Kurantmark gewendet worden, als Aussteuer die Summe von 17000 Talern Kurant nicht überschritten werden …« Frau Antonie bewegte mit ebenso graziöser wie erregter Geste die Arme nach vorn, um die Ärmel der Taille zurückzuschieben, und sie blickte zur Decke empor, indem sie ausrief: »Grünlich – ha!« Es klang wie ein Kriegsruf, wie ein kleiner Trompetenstoß. »Wissen Sie eigentlich, wie es sich mit dem Manne verhält, Herr Marcus?« fragte sie. »Wir sitzen eines harmlosen Nachmittags im Garten … vorm Portal … Sie wissen, Herr Marcus: unser Portal. – Gut! Wer erscheint? Eine Person mit einem goldfarbenen Backenbart … Was für ein Filou!…«

»So«, sagte Thomas. »Wir reden nachher von Herrn Grünlich, nicht wahr?«

»Gut, gut; aber das wirst du mir zugeben, Tom, du bist ein kluger Mensch, und die Erfahrung habe ich gemacht, weißt du, obgleich ich vor kurzer Zeit noch so sehr einfältig war, nämlich daß im Leben nicht alles immer mit ehrlichen und gerechten Dingen zugeht« …

»Ja …«, sagte Tom. Und man fuhr fort, man ging ins Detail, man nahm Kenntnis von den Bestimmungen über die große Familienbibel, über des Konsuls Diamantknöpfe, über viele einzelne Dinge … Justus Kröger und Herr Marcus blieben zum Abendbrot.

Zweites Kapitel

Zu Beginn des Februar 1856, nach achtjähriger Abwesenheit, kehrte Christian Buddenbrook in die Vaterstadt zurück. Er kam, in einem gelben und großkarierten Anzug, der durchaus etwas Tropisches an sich hatte, mit der Postkutsche von Hamburg, brachte den Schnabel eines Schwertfisches und ein großes Zuckerrohr mit und nahm in halb zerstreuter, halb verlegener Haltung die Umarmungen der Konsulin entgegen.

Diese Haltung bewahrte er auch, als gleich am nächsten Vormittag nach seiner Ankunft die Familie vors Burgtor hinaus zum Friedhofe ging, um auf dem Grabe einen Kranz niederzulegen. Sie standen alle beieinander auf dem verschneiten Wege vor der umfangreichen Platte, auf welcher die Namen der hier Ruhenden das in Stein gearbeitete Wappen der Familie umgaben … vor dem aufrechten Marmorkreuz, das sich an den Rand des kleinen, winterlich kahlen Friedhofgehölzes lehnte: Alle, ausgenommen Klothilde, die auf »Ungnade« weilte, um ihren kranken Vater zu pflegen.

Tony legte den Kranz auf den in goldenen Buchstaben frisch in die Platte eingelassenen Namen des Vaters und kniete dann trotz des Schnees am Grabe nieder, um leise zu beten; der schwarze Schleier umspielte sie, und ihr weiter Kleiderrock lag ein wenig malerisch schwungvoll neben ihr ausgebreitet. Gott allein wußte, wieviel Schmerz und Religiosität, und andererseits wieviel Selbstgefälligkeit einer hübschen Frau in dieser hingegossenen Stellung lag. Thomas war nicht in der Stimmung, darüber nachzudenken. Christian aber blickte seine Schwester mit einem Mischausdruck von Moquerie und Ängstlichkeit von der Seite an, als wollte er sagen: »Wirst du das auch verantworten können? Wirst du auch nicht verlegen werden, wenn du aufstehst? Wie unangenehm!« Tony fing diesen Blick auf, als sie sich erhob; aber sie geriet durchaus nicht in Verlegenheit. Sie legte den Kopf zurück, ordnete Schleier und Rock und wandte sich mit würdevoller Sicherheit zum Gehen, was Christian sichtlich erleichterte.

War der verstorbene Konsul, mit seiner schwärmerischen Liebe zu Gott und dem Gekreuzigten, der erste seines Geschlechtes gewesen, der unalltägliche, unbürgerliche und differenzierte Gefühle gekannt und gepflegt hatte, so schienen seine beiden Söhne die ersten Buddenbrooks zu sein, die vor dem freien und naiven Hervortreten solcher Gefühle empfindlich zurückschreckten. Sicherlich hatte Thomas mit reizbarerer Schmerzfähigkeit den Tod seines Vaters erlebt, als etwa sein Großvater den Verlust des seinen. Dennoch pflegte er nicht am Grabe in die Knie zu sinken, hatte er sich niemals, wie seine Schwester Tony, über den Tisch geworfen, um zu schluchzen wie ein Kind, empfand er als im höchsten Grade peinlich, die großen, mit Tränen gemischten Worte, mit denen Madame Grünlich zwischen Braten und Nachtisch die Charaktereigenschaften und die Person des toten Vaters zu feiern liebte. Solchen Ausbrüchen gegenüber hatte er einen taktvollen Ernst, ein gefaßtes Schweigen, ein zurückhaltendes Kopfnicken … und gerade dann, wenn niemand des Verstorbenen erwähnt oder gedacht hatte, füllten sich, ohne daß sein Gesichtsausdruck sich verändert hätte, langsam seine Augen mit Tränen.

Es war anders mit Christian. Er vermochte bei den naiven und kindlichen Ergüssen seiner Schwester schlechterdings nicht, seine Haltung zu bewahren; er bückte sich über seinen Teller, wandte sich ab, zeigte das Bedürfnis, sich zu verkriechen und unterbrach sie mehrere Male sogar mit einem leisen und gequälten: »Gott … Tony …«, wobei seine große Nase in unzählige Fältchen gezogen war.

Ja, er legte Unruhe und Verlegenheit an den Tag, sobald das Gespräch sich dem Verstorbenen zuwandte, und es schien, als ob er nicht nur die undelikaten Äußerungen tiefer und feierlicher Gefühle, sondern auch die Gefühle selbst fürchtete und mied.

Man hatte ihn noch keine Träne über den Tod des Vaters vergießen sehen. Die lange Entwöhnung allein erklärte dies nicht. Das Merkwürdige aber war, daß er, im Gegensatze zu seinem sonstigen Widerwillen gegen derartige Gespräche, immer wieder seine Schwester Tony ganz allein beiseite nahm, um sich von ihr die Vorgänge jenes fürchterlichen Sterbenachmittages so recht anschaulich und im einzelnen erzählen zu lassen: denn Madame Grünlich erzählte am lebhaftesten.

»Also gelb sah er aus?« fragte er zum fünften Male … »Was schrie das Mädchen, als es zu euch hereinstürzte?… Er sah also ganz gelb aus?… Und hat nichts mehr sagen können, bevor er starb?… Was sagte das Mädchen? Wie hat er nur noch machen können? ›Ua … ua‹?…« Er schwieg, schwieg lange Zeit, indes seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen schnell und gedankenvoll im Zimmer umherirrten. »Gräßlich«, sagte er plötzlich, und man sah, daß ein Schauer ihn überlief, während er aufstand. Und immer mit unruhigen und grübelnden Augen ging er auf und nieder, während Tony sich wunderte, daß ihr Bruder, der sich aus unbegreiflichen Gründen zu schämen schien, wenn sie laut den Vater betrauerte, mit einer Art schauerlicher Nachdenklichkeit ganz laut die Todeslaute desselben wiederholen mochte, die er mit vieler Mühe von Line, dem Mädchen, erfragt hatte …

Christian hatte sich durchaus nicht verschönt. Er war hager und bleich. Die Haut umspannte überall straff seinen Schädel, zwischen den Wangenknochen sprang die große, mit einem Höcker versehene Nase scharf und fleischlos hervor, und das Haupthaar war schon merklich gelichtet. Sein Hals war dünn und zu lang, und seine mageren Beine zeigten eine starke Krümmung nach außen … Übrigens schien sein Londoner Aufenthalt ihn am nachhaltigsten beeinflußt zu haben, und da er auch in Valparaiso am meisten mit Engländern verkehrt hatte, so hatte seine ganze Erscheinung etwas Englisches angenommen, was nicht übel zu ihr paßte. Es lag etwas davon in dem bequemen Schnitt und dem wolligen, durablen Stoff seines Anzuges, in der breiten und soliden Eleganz seiner Stiefel und in der Art, wie sein rotblonder, starker Schnurrbart mit etwas säuerlichem Ausdruck ihm über den Mund hing. Ja selbst seine Hände, die von jenem matten und porösen Weiß waren, wie die Hitze es hervorbringt, machten mit ihren rund und kurz geschnittenen sauberen Nägeln aus irgendwelchen Gründen einen englischen Eindruck.

»Sage mal …« fragte er unvermittelt, »kennst du das Gefühl … es ist schwer zu beschreiben … wenn man einen harten Bissen verschluckt und es tut hinten den ganzen Rücken hinunter weh?« Dabei war wieder seine ganze Nase in straffe kleine Fältchen gezogen.

»Ja«, sagte Tony, »das ist etwas ganz Gewöhnliches. Man trinkt einen Schluck Wasser …«

»So?« erwiderte er unbefriedigt. »Nein, ich glaube nicht, daß wir dasselbe meinen.« Und ein unruhiger Ernst bewegte sich auf seinem Gesichte hin und her …

Dabei war er der erste, der im Hause eine freie und der Trauer abgewandte Stimmung vertrat. Er hatte von der Kunst, den verstorbenen Marcellus Stengel nachzuahmen, nichts verlernt und redete oft stundenlang in seiner Sprache. Bei Tische erkundigte er sich nach dem Stadttheater … ob eine gute Truppe dort sei, was gespielt werde …

»Ich weiß nicht«, sagte Tom mit einer Betonung, die übertrieben gleichgültig war, um nicht ungeduldig zu sein. »Ich kümmere mich jetzt nicht darum.«

Christian aber überhörte dies völlig und fing an, vom Theater zu sprechen … »Ich kann gar nicht sagen, wie gern ich im Theater bin! Schon das Wort ›Theater‹ macht mich geradezu glücklich … Ich weiß nicht, ob jemand von euch dies Gefühl kennt? Ich könnte stundenlang stillsitzen und den geschlossenen Vorhang ansehen … Dabei freue ich mich wie als Kind, wenn wir hier herein zur Weihnachtsbescherung gingen … Schon das Stimmen der Orchesterinstrumente! Ich würde ins Theater gehen, nur um das zu hören!… Besonders gern habe ich die Liebesszenen … Einige Liebhaberinnen verstehen es, den Kopf des Liebhabers so zwischen beide Hände zu nehmen … Überhaupt die Schauspieler … ich habe in London und auch in Valparaiso viel mit Schauspielern verkehrt. Zu Anfang war ich wahrhaftig stolz, mit ihnen so im ganz gewöhnlichen Leben sprechen zu können. Im Theater achte ich auf jede ihrer Bewegungen … das ist sehr interessant! Einer sagt sein letztes Wort, dreht sich in aller Ruhe um und geht ganz langsam und sicher und ohne Verlegenheit zur Tür, obgleich er weiß, daß die Augen des ganzen Theaters auf seinem Rücken liegen … wie man das kann!… Früher habe ich mich fortwährend gesehnt, einmal hinter die Kulissen zu kommen – ja, jetzt bin ich da ziemlich zu Hause, das kann ich sagen. Stellt euch vor … in einem Operettentheater – es war in London – ging eines Abends der Vorhang auf, als ich noch auf der Bühne stand … Ich unterhielt mich mit Miß Watercloose … einem Fräulein Watercloose … ein sehr hübsches Mädchen! Genug! plötzlich öffnet sich der Zuschauerraum … mein Gott, ich weiß nicht, wie ich von der Bühne heruntergekommen bin!«

Madame Grünlich lachte so ziemlich allein in der kleinen Tafelrunde; aber Christian fuhr mit umherwandernden Augen zu sprechen fort. Er sprach von englischen Kaffee-Konzertsängerinnen, er erzählte von einer Dame, die mit einer gepuderten Perücke aufgetreten sei, mit einem langen Stock auf die Erde gestoßen und ein Lied namens »That's Maria«! gesungen habe … »Maria, wißt ihr, Maria ist die Schändlichste von allen … Wenn eine das Sündhafteste begangen hat: that's Maria! Maria ist die Allerschlimmste, wißt ihr … das Laster …« Und das letzte Wort sprach er mit abscheulichem Ausdruck, indem er die Nase krauste und die rechte Hand mit gekrümmten Fingern erhob.

»Assez, Christian!« sagte die Konsulin. »Dies interessiert uns durchaus nicht.«

Allein Christians Blick schweifte abwesend über sie hin, und er hätte auch wohl ohne ihren Einwurf zu sprechen aufgehört, denn, während seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen rastlos wanderten, schien er in ein tiefes, unruhiges Nachdenken über Maria und das Laster versunken.

Plötzlich sagte er: »Sonderbar … manchmal kann ich nicht schlucken! Nein, da ist nichts zu lachen; ich finde es furchtbar ernst. Mir fällt ein, daß ich vielleicht nicht schlucken kann, und dann kann ich es wirklich nicht. Der Bissen sitzt schon ganz hinten, aber dies hier, der Hals, die Muskeln … es versagt ganz einfach … Es gehorcht dem Willen nicht, wißt ihr. Ja, die Sache ist: ich wage nicht einmal, es ordentlich zu wollen.«

Tony rief ganz außer sich: »Christian! mein Gott, was für dummes Zeug! Du wagst nicht, schlucken zu wollen … Nein, du machst dich ja lächerlich! Was erzählst du uns eigentlich alles …!«

Thomas schwieg. Die Konsulin aber sagte: »Das sind die Nerven, Christian, ja, es war höchste Zeit, daß du nach Hause kamst; das Klima drüben hätte dich noch krank gemacht.« –

Nach Tische setzte er sich an das kleine Harmonium, das im Eßsaale stand, und machte einen Klaviervirtuosen. Er tat, als ob er sein Haar zurückwürfe, rieb sich die Hände und blickte von unten herauf ins Zimmer; dann, lautlos, ohne die Bälge zu treten, denn er konnte durchaus nicht spielen und war überhaupt unmusikalisch wie die meisten Buddenbrooks, begann er, emsig vornübergebeugt, den Baß zu bearbeiten, vollführte wahnsinnige Passagen, warf sich zurück, blickte entzückt nach oben und griff mit beiden Händen machtvoll und sieghaft in die Tasten … Selbst Klara geriet ins Lachen. Sein Spiel war täuschend, voll von Leidenschaft und Charlatanerie, voll von unwiderstehlicher Komik, die den burlesken und exzentrischen englisch-amerikanischen Charakter trug und weit entfernt war, einen Augenblick unangenehm zu berühren, denn er selbst fühlte sich allzu wohl und sicher darin.

»Ich bin immer sehr häufig in Konzerte gegangen«, sagte er; »ich sehe es gar zu gern, wie die Leute sich mit ihren Instrumenten benehmen!… Ja, es ist wahrhaftig wunderschön, ein Künstler zu sein!«

Dann begann er von neuem. Plötzlich jedoch brach er ab. Ganz unvermittelt wurde er ernst: so überraschend, daß es aussah, als ob eine Maske von seinem Gesicht hinunterfiel; er stand auf, strich mit der Hand durch sein spärliches Haar, begab sich an einen anderen Platz und blieb dort, schweigsam, übellaunig, mit unruhigen Augen und einem Gesichtsausdruck, als horche er auf irgendein unheimliches Geräusch.

… »Manchmal finde ich Christian ein bißchen sonderbar«, sagte Madame Grünlich eines Abends zu ihrem Bruder Thomas, als sie allein waren … »Wie spricht er eigentlich? Er geht so merkwürdig ins Detail, dünkt mich … oder wie soll ich sagen! Er sieht die Dinge von einer so fremdartigen Seite an, wie?…«

»Ja«, sagte Tom, »ich verstehe recht wohl, was du meinst, Tony. Christian ist herzlich indiskret … es ist schwer, es auszudrücken. Ihm fehlt etwas, was man das Gleichgewicht, das persönliche Gleichgewicht nennen kann. Einerseits ist er nicht imstande, taktlosen Naivitäten anderer Leute gegenüber die Fassung zu bewahren … Er ist dem nicht gewachsen, er versteht nicht, es zu vertuschen, er verliert ganz und gar die Contenance … Aber andererseits kann er auch in der Weise die Contenance verlieren, daß er selbst in das unangenehmste Ausplaudern gerät und sein Intimstes nach außen kehrt. Das mutet manchmal geradezu unheimlich an. Ist es nicht, wie wenn einer im Fieber spricht? Dem Phantasierenden fehlt in ganz derselben Weise die Haltung und die Rücksicht … Ach, die Sache ist ganz einfach die, daß Christian sich zu viel mit sich selbst beschäftigt, mit den Vorgängen in seinem eignen Inneren. Manchmal ergreift ihn eine wahre Manie, die kleinsten und tiefsten dieser Vorgänge ans Licht zu ziehen und auszusprechen … Vorgänge, um die ein verständiger Mensch sich gar nicht bekümmert, von denen er gar nichts wissen will, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er sich genieren würde, sie mitzuteilen. Es liegt so viel Schamlosigkeit in solcher Mitteilerei, Tony!… Siehst du: auch ein anderer Mensch als Christian mag sagen, daß er das Theater liebt; aber er wird es mit einem anderen Akzent, beiläufiger, kurz: bescheidener sagen. Christian aber sagt es mit einer Betonung, die bedeutet: Ist meine Schwärmerei für die Bühne nicht etwas ungeheuer Merkwürdiges und Interessantes? Er kämpft mit den Worten dabei, er tut, als ringe er danach, etwas ausbündig Feines, Verborgenes und Seltsames zum Ausdruck zu bringen …«

»Ich will dir eines sagen«, fuhr er nach einer Pause fort, indem er seine Zigarette durch die schmiedeeiserne Gittertür in den Ofen warf … »Ich selbst habe manchmal über diese ängstliche, eitle und neugierige Beschäftigung mit sich selbst nachgedacht, denn ich habe früher ebenfalls dazu geneigt. Aber ich habe gemerkt, daß sie zerfahren, untüchtig und haltlos macht … und die Haltung, das Gleichgewicht ist für mich meinerseits die Hauptsache. Es wird immer Menschen geben, die zu diesem Interesse an sich selbst, diesem eingehenden Beobachten ihrer Empfindungen berechtigt sind, Dichter, die ihr bevorzugtes Innenleben mit Sicherheit und Schönheit auszusprechen vermögen und damit die Gefühlswelt der anderen Leute bereichern. Aber wir sind bloß einfache Kaufleute, mein Kind; unsere Selbstbeobachtungen sind verzweifelt unbeträchtlich. Wir können zur Not hervorbringen, daß das Stimmen von Orchesterinstrumenten uns ein merkwürdiges Vergnügen macht, und daß wir manchmal nicht wagen, schlucken zu wollen … Ach, wir sollen uns hinsetzen, zum Teufel, und etwas leisten, wie unsere Vorfahren etwas geleistet haben …«

»Ja, Tom, du sprichst meine Ansicht aus. Wenn ich bedenke, daß diese Hagenströms sich immer mehr aufnehmen … O Gott, das Geschmeiß, weißt du … Mutter will das Wort nicht hören, aber es ist das einzig richtige. Glauben sie vielleicht, daß es außer ihnen keine vornehmen Familien mehr gibt in der Stadt? Ha! ich muß lachen, weißt du, ich muß laut lachen …!«

Drittes Kapitel

Der Chef der Firma »Johann Buddenbrook« hatte seinen Bruder bei dessen Ankunft mit einem längeren, prüfenden Blick gemessen, er hatte ihm während der ersten Tage eine ganz unauffällige und beiläufige Beobachtung zugewandt, und dann, ohne daß ein Urteil auf seinem ruhigen und diskreten Gesicht zu lesen gewesen wäre, schien seine Neugier befriedigt, seine Meinung abgeschlossen zu sein. Er sprach mit ihm im Familienkreise mit gleichgültigem Tone über gleichgültige Dinge und amüsierte sich wie die übrigen, wenn Christian irgendeine Vorstellung gab …

Nach acht Tagen etwa sagte er zu ihm: »Wir werden also zusammen arbeiten, mein Junge?… Soviel ich weiß, bist du mit Mamas Wunsch im Einverständnis, nicht wahr?… Na, wie du weißt, ist Marcus mein Kompagnon geworden, gegen die Quote, die seinem eingezahlten Vermögen entspricht. Ich denke mir, daß du äußerlich, als mein Bruder, ungefähr seinen früheren Platz einnehmen wirst, eine Prokuristenstellung … wenigstens repräsentativ … Was deine Beschäftigung betrifft, so weiß ich ja nicht, wie weit deine kaufmännischen Kenntnisse vorgeschritten sind. Ich denke mir, daß du bislang ein bißchen gebummelt hast, wie?… Jedenfalls wird dir in der Hauptsache die englische Korrespondenz am meisten zusagen … Dann aber muß ich dich um eines bitten, mein Lieber! In deiner Eigenschaft als Bruder des Chefs nimmst du natürlich tatsächlich unter den übrigen Angestellten eine bevorzugte Stellung ein … aber ich brauche dir nicht zu sagen, nicht wahr, daß du ihnen viel mehr durch Gleichstellung und energische Pflichterfüllung imponierst, als indem du von Vorrechten Gebrauch machst und dir Freiheiten nimmst. Also die Kontorstunden innehalten und immer die dehors wahren, wie?…«

Und dann machte er ihm einen Vorschlag in betreff der Prokura, den Christian ohne Besinnen und Handeln akzeptierte: mit einem verlegenen und zerstreuten Gesicht, das von sehr wenig Habsucht und einem eifrigen Bestreben zeugte, die Sache rasch zu erledigen.

Am folgenden Tage führte Thomas ihn in die Kontors ein, und Christians Tätigkeit im Dienste der alten Firma begann …

Die Geschäfte hatten nach dem Tode des Konsuls ihren ununterbrochenen und soliden Gang genommen. Aber bald wurde bemerkbar, daß, seitdem Thomas Buddenbrook die Zügel in Händen hielt, ein genialerer, ein frischerer und unternehmenderer Geist den Betrieb beherrschte. Hie und da ward etwas gewagt, hie und da ward der Kredit des Hauses, der unter dem früheren régime eigentlich bloß ein Begriff, eine Theorie, ein Luxus gewesen war, mit Selbstbewußtsein angespannt und ausgenützt … Die Herren an der Börse nickten einander zu. »Buddenbrook will mit avec Geld verdienen«, sagten sie. Aber sie fanden es doch ganz gut, daß Thomas den ehrenfesten Herrn Friedrich Wilhelm Marcus wie eine Bleikugel am Fuße hinter sich drein zu ziehen hatte. Herrn Marcus' Einfluß bildete das retardierende Moment im Gang der Geschäfte. Er strich mit zwei Fingern sorgsam über seinen Schnurrbart, rückte mit peinlicher Ordnungsliebe seine Schreibutensilien und das Glas Wasser zurecht, das stets auf seinem Pulte stand, prüfte eine Sache mit abwesendem Gesichtsausdruck von mehreren Seiten und hatte übrigens die Gewohnheit, fünf- oder sechsmal während der Kontorzeit hinaus auf den Hof und in die Waschküche zu gehen, um seinen ganzen Kopf unter den Strahl der Wasserleitung zu halten und sich so zu erfrischen.

»Die beiden ergänzen sich«, sagten die Chefs der größeren Häuser zueinander: Konsul Huneus vielleicht zu Konsul Kistenmaker; und unter Schiffsleuten und Speichereiarbeitern wie in den kleinen Bürgersfamilien wiederholte man sich dieses Urteil, denn die Stadt nahm Anteil daran, wie der junge Buddenbrook »de Saak woll befingern« werde … Auch Herr Stuht in der Glockengießerstraße sagte zu seiner Frau, welche in den ersten Kreisen verkehrte: »Die beiden ergänzen sich ganz gaut, will 'k di man vertellen!«

Die »Persönlichkeit« im Geschäfte aber, darüber bestand kein Zweifel, war dennoch der jüngere der beiden Kompagnons. Das zeigte sich schon darin, daß er es war, der mit den Bediensteten des Hauses, mit den Kapitänen, den Geschäftsführern in den Speicherkontors, den Fuhrleuten und den Lagerarbeitern zu verkehren wußte. Er verstand es, mit Ungezwungenheit ihre Sprache zu reden und sich dennoch in unnahbarer Entfernung zu halten … Wenn aber Herr Marcus zu einem biederen Arbeitsmann: »Verstahn Sie mich?« sagte, so klang dies so völlig unmöglich, daß sein Sozius, ihm gegenüber am Pulte, einfach anfing zu lachen, auf welches Zeichen das ganze Kontor sich der Heiterkeit überließ.

Thomas Buddenbrook, ganz voll von dem Wunsche, der Firma den Glanz zu wahren und zu mehren, der ihrem alten Namen entsprach, liebte es überhaupt, im täglichen Kampf um den Erfolg seine Person einzusetzen, denn er wußte wohl, daß er seinem sicheren und eleganten Auftreten, seiner gewinnenden Liebenswürdigkeit, seinem gewandten Takt im Gespräche manch gutes Geschäft verdankte.

»Ein Geschäftsmann darf kein Bürokrat sein!« sagte er zu Stephan Kistenmaker – von »Kistenmaker & Söhne« – seinem ehemaligen Schulkameraden, dessen geistig überlegener Freund er geblieben war, und der auf jedes seiner Worte horchte, um es dann als seine eigene Meinung weiterzugeben … »Es gehört Persönlichkeit dazu, das ist mein Geschmack. Ich glaube nicht, daß ein großer Erfolg vom Kontorbock aus zu erkämpfen ist … wenigstens würde er mir nicht viel Freude machen. Der Erfolg will nicht bloß am Pulte berechnet sein … Ich habe stets das Bedürfnis, den Gang der Dinge ganz gegenwärtig mit Blick, Mund und Geste zu dirigieren … ihn mit dem unmittelbaren Einfluß meines Willens, meines Talentes, meines Glückes, wie du es nennen willst, zu beherrschen. Aber das kommt leider allmählich aus der Mode, dies persönliche Eingreifen des Kaufmannes … Die Zeit schreitet fort, aber sie läßt, wie mich dünkt, das Beste zurück … Der Verkehr erleichtert sich immer mehr, die Kurse sind immer schneller bekannt … Das Risiko verringert sich und mit ihm auch der Profit … Ja, die alten Leute hatten es anders. Mein Großvater zum Beispiel … er kutschierte vierspännig nach Süddeutschland, der alte Herr mit seinem Puderkopf und seinen Eskarpins, als preußischer Heereslieferant. Und dann scharmierte er umher und ließ seine Künste spielen und machte ein unglaubliches Geld, Kistenmaker! – Ach, ich fürchte beinahe, daß der Kaufmann eine immer banalere Existenz wird, mit der Zeit …«

So klagte er manchmal, und darum waren es im Grunde seine liebsten Geschäfte, wenn er ganz gelegentlich, auf einem Familienspaziergange vielleicht, in eine Mühle eintrat, mit dem Besitzer, der sich geehrt fühlte, plauderte und leichthin, en passant, in guter Laune, einen guten Kontrakt mit ihm abschloß … Dergleichen lag seinem Sozius fern.

… Was Christian betraf, so schien er sich zunächst mit wirklichem Eifer und Vergnügen seiner Tätigkeit zu widmen; ja, er schien sich ausnehmend wohl und zufrieden darin zu befinden und hatte während mehrerer Tage eine Art, mit Appetit zu essen, seine kurze Pfeife zu rauchen und seine Schultern in dem englischen Jackett zurechtzuschieben, die seiner behaglichen Genugtuung Ausdruck gab. Er ging morgens ungefähr gleichzeitig mit Thomas ins Kontor hinunter und nahm neben Herrn Marcus und seinem Bruder schräg gegenüber in seinem verstellbaren Armsessel Platz, denn er hatte wie die beiden Chefs einen Armsessel. Zunächst las er die »Anzeigen«, wobei er in Gemütlichkeit seine Morgenzigarette zu Ende rauchte. Dann holte er sich aus dem unteren Pultschranke einen alten Kognak, streckte die Arme aus, um sich Bewegungsfreiheit zu verschaffen, sagte »Na!« und ging, während er die Zunge zwischen den Zähnen umherwandern ließ, guten Mutes zur Arbeit über. Seine englischen Briefe waren ganz außerordentlich gewandt und wirksam, denn wie er das Englische sprach, schlechthin, ungewählt, gleichgültig und mühelos dahinplätschernd, so schrieb er es auch.

Seiner Art gemäß verlieh er im Familienkreise der Stimmung Worte, die ihn erfüllte.

»Der Kaufmannsstand ist doch ein schöner, wirklich beglückender Beruf!« sagte er. »Solide, genügsam, emsig, behaglich … ich bin wahrhaftig ganz dafür geboren! Und so als Angehöriger des Hauses, wißt ihr … kurz, ich fühle mich so wohl wie nie. Man kommt morgens frisch ins Kontor, man sieht die Zeitung durch, raucht, denkt an dies und jenes und wie gut man es hat, nimmt seinen Kognak und arbeitet mal eben ein bißchen. Es kommt die Mittagszeit, man ißt mit seiner Familie, ruht sich aus, und dann geht's wieder an die Arbeit … Man schreibt, man hat gutes, glattes, reinliches Firmenpapier, eine gute Feder … Lineal, Papiermesser, Stempel, alles ist prima Sorte, ordentlich … und damit erledigt man alles, emsig, nach der Reihe, eins nach dem anderen, bis man schließlich zusammenpackt. Morgen ist wieder ein Tag. Und wenn man zum Abendbrot hinaufgeht, fühlt man sich so durchdringend zufrieden … jedes Glied fühlt sich zufrieden … die Hände fühlen sich zufrieden …!«

»Gott, Christian!« rief Tony. »Du machst dich ja lächerlich! Die Hände fühlen sich zufrieden …«

»Doch! Ja! Das kennst du also nicht? Ich meine …« Und ereiferte sich in dem Bestreben, dies auszudrücken, dies zu erklären … »Man schließt die Faust, weißt du … sie ist nicht besonders kräftig, denn man ist müde von der Arbeit. Aber sie ist nicht feucht … sie ärgert einen nicht … Sie fühlt sich selbst gut und behaglich an … Es ist ein Gefühl von Selbstgenügsamkeit … Man kann ganz stillsitzen, ohne sich zu langweilen …«

Alle schwiegen. Dann sagte Thomas ganz gleichgültig, um seinen Widerwillen zu verbergen: »Mir scheint, daß man nicht arbeitet, damit …« Aber er brach ab, er wiederholte nichts. »Ich wenigstens habe andere Ziele dabei vor Augen«, fügte er hinzu.

Christian jedoch, dessen Augen wanderten, überhörte dies, denn er befand sich in Gedanken, und alsbald begann er eine Geschichte aus Valparaiso zu erzählen, eine Mord- und Totschlagaffäre, bei der er persönlich zugegen gewesen war … »Aber da reißt der Kerl das Messer heraus – –« Aus irgendwelchen Gründen wurden solche Erzählungen, an denen Christian reich war, und über die Madame Grünlich sich köstlich amüsierte, während die Konsulin, Klara und Klothilde sich entsetzten und Mamsell Jungmann nebst Erika mit offenem Munde zuhörten, von Thomas stets ohne Beifall aufgenommen. Er pflegte sie mit kühlen und spöttischen Bemerkungen zu begleiten und sich den deutlichen Anschein zu geben, als glaube er, daß Christian übertreibe und blagiere … was sicherlich nicht der Fall war; aber er erzählte mit Verve und Farbe. Erfuhr Thomas es nicht gern, daß sein jüngerer Bruder weiter herumgekommen sei und mehr gesehen habe als er? Oder empfand er mit Widerwillen ein Lob der Unordnung und der exotischen Gewalttätigkeit in diesen Messer- und Revolvergeschichten?… Feststeht, daß Christian sich durchaus nicht um die Ablehnung seiner Erzählungen von seiten seines Bruders bekümmerte; er selbst war allzusehr in Anspruch genommen von seinen Schilderungen, als daß er auf Erfolg oder Mißerfolg bei anderen geachtet hätte, und wenn er geendet hatte, so blickte er nachdenklich und abwesend im Zimmer um.

Wenn überhaupt das Verhältnis der beiden Buddenbrooks zueinander mit der Zeit sich nicht zum Guten gestaltete, so war Christian dabei nicht derjenige, der es sich beifallen ließ, irgendwelche Gehässigkeit gegen seinen Bruder zu zeigen oder zu hegen, sich irgendeine Meinung, ein Urteil, eine Abschätzung desselben anzumaßen. Er ließ mit stillschweigender Selbstverständlichkeit keinen Zweifel darüber, daß er die Überlegenheit, den größeren Ernst, die größere Fähigkeit, Tüchtigkeit und Respektabilität des Älteren anerkannte. Aber gerade diese unbegrenzte, gleichgültige und kampflose Unterordnung reizte Thomas, denn Christian ging bei jeder Gelegenheit leichten Herzens so weit darin, daß es den Anschein gewann, als lege er überhaupt gar keinen Wert auf Überlegenheit, Tüchtigkeit, Respektabilität und Ernst.

Er schien es durchaus nicht zu bemerken, daß der Firmenchef ihm mehr und mehr mit stillem Unwillen entgegenkam … wozu derselbe Gründe hatte, denn leider begann Christians geschäftlicher Eifer bereits nach der ersten Woche, mehr noch jedoch nach der zweiten, sich erheblich zu verringern. Dies äußerte sich zuerst darin, daß die Vorbereitungen zur Arbeit, die anfangs wie eine künstlich und raffiniert verlängerte Vorfreude ausgesehen hatten: das Zeitunglesen, Frühstückszigarettenrauchen und Kognaktrinken immer mehr Zeit in Anspruch nahmen und sich schließlich über den ganzen Vormittag erstreckten. Dann aber machte es sich ganz von selbst, daß Christian sich über den Zwang der Kontorstunden hinwegzusetzen begann, daß er des Morgens immer später mit seiner Frühstückszigarette erschien, um Vorbereitungen zur Arbeit zu treffen, daß er mittags zum Essen in den Klub ging und zu spät, zuweilen erst abends, zuweilen auch gar nicht zurückkehrte …

Dieser Klub, dem vorwiegend unverheiratete Kaufleute angehörten, besaß im ersten Stock eines Weinrestaurants ein paar komfortable Lokalitäten, woselbst man seine Mahlzeiten nahm und sich zu zwanglosen und oft nicht ganz harmlosen Unterhaltungen zusammenfand: denn es gab eine Roulette. Auch einige ein wenig flatterhafte Familienväter, wie Konsul Kröger und selbstverständlicherweise Peter Döhlmann, waren Mitglieder, und der Polizeisenator Cremer war hier »der erste Mann an der Spritze«. So drückte Doktor Gieseke, Andreas Gieseke, Sohn des Branddirektors, sich aus, Christians alter Schulkamerad, der in der Stadt sich als Rechtsanwalt niedergelassen hatte, und dem sich, trotzdem er für einen ziemlich wüsten Suitier galt, der junge Buddenbrook alsbald in erneuerter Freundschaft anschloß.

Christian oder, wie er schlecht und recht meistens genannt wurde, Krischan, der aus früherer Zeit mit allen mehr oder weniger bekannt oder befreundet war – denn die meisten waren Schüler des seligen Marcellus Stengel –, ward hier mit offenen Armen empfangen, denn wenn auch weder Kaufleute noch Gelehrte seine Geistesfähigkeiten für groß hielten, so kannte man doch seine amüsante, gesellschaftliche Begabung. In der Tat gab er hier seine besten Vorstellungen, erzählte er hier seine besten Geschichten. Er machte am Klubklavier einen Virtuosen, er ahmte englische und transatlantische Schauspieler und Opernsänger nach, er gab in der harmlosesten und unterhaltendsten Art Weiberaffären aus verschiedenen Gegenden zum besten – denn kein Zweifel: Christian Buddenbrook war ein »Suitier« –, er berichtete Abenteuer, die er auf Schiffen, auf Eisenbahnen, in St. Pauli, in Whitechapel, im Urwald erlebt hatte … Er erzählte bezwingend, hinreißend, in mühelosem Fluß, mit leicht klagender und schleppender Aussprache, burlesk und harmlos wie ein englischer Humorist. Er erzählte die Geschichte eines Hundes, der in einer Schachtel von Valparaiso nach San Franzisko geschickt worden und obendrein räudig war. Gott weiß, worin eigentlich die Pointe der Anekdote bestand; aber in seinem Munde war sie von ungeheurer Komik. Und wenn dann ringsumher sich niemand vor Lachen zu lassen wußte, so saß er selbst, mit seiner großen, gebogenen Nase, seinem dünnen, zu langen Halse und seinem rötlichblonden, schon spärlichen Haar und ließ, einen unruhigen und unerklärlichen Ernst auf dem Gesichte, eins seiner mageren, nach außen gekrümmten Beine über das andere geschlagen, seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen nachdenklich umherschweifen … Beinahe schien es, als lache man auf seine Kosten, als lache man über ihn … Aber daran dachte er nicht.

Zu Hause erzählte er mit besonderer Vorliebe von seinem Kontor in Valparaiso, von der unmäßigen Temperatur, die dort geherrscht, und von einem jungen Londoner namens Johnny Thunderstorm, einem Bummelanten, einem unglaublichen Kerl, den er, »Gott verdamm' mich, niemals hatte arbeiten sehen«, und der doch ein sehr gewandter Kaufmann gewesen sei … »Du lieber Gott!« sagte er. »Bei der Hitze! Na, der Chef kommt ins Kontor … wir liegen, acht Mann, wie die Fliegen umher und rauchen Zigaretten, um wenigstens die Moskitos wegzujagen. Du lieber Gott! ›Nun‹, sagt der Chef, ›Sie arbeiten nicht, meine Herren?!‹ … ›No, Sir!‹ sagt Johnny Thunderstorm. ›Wie Sie sehen, Sir!‹ Und dabei blasen wir ihm alle unseren Zigarettenrauch ins Gesicht. Du lieber Gott!«

»Warum sagst du eigentlich fortwährend ›Du lieber Gott‹?« fragte Thomas gereizt. Aber das war es nicht, was ihn ärgerte. Sondern er fühlte, daß Christian diese Geschichte nur deshalb mit soviel Freude erzählte, weil sie ihm eine Gelegenheit bot, mit Spott und Verachtung von der Arbeit zu sprechen.

Dann ging ihre Mutter diskret zu etwas anderem über.

Es gibt viele häßliche Dinge auf Erden, dachte die Konsulin Buddenbrook, geborene Kröger. Auch Brüder können sich hassen und verachten; das kommt vor, so schauerlich es klingt. Aber man spricht nicht davon. Man vertuscht es. Man braucht nichts davon zu wissen.

Viertes Kapitel

Im Mai geschah es, daß Onkel Gotthold, Konsul Gotthold Buddenbrook, nun sechzigjährig, in einer traurigen Nacht von Herzkrämpfen befallen ward und in den Armen seiner Gattin, der geborenen Stüwing, eines schweren Todes starb.

Der Sohn der armen Madame Josephine, der, gegenüber seiner nachgeborenen und mächtigeren Geschwisterschaft von seiten Madame Antoinettens, im Leben zu kurz gekommen war, hatte sich längst mit seinem Geschicke beschieden und in den letzten Jahren, besonders nachdem ihm sein Neffe das niederländische Konsulat überlassen, ganz ohne Ranküne aus seiner Blechdose Brustbonbons gegessen. Wer den alten Familienzwist in Form einer allgemeinen und unbestimmten Animosität hegte und bewahrte, das waren vielmehr seine Damen: seine gutmütige und beschränkte Gattin nicht sowohl, wie die drei ältlichen Mädchen, die weder die Konsulin, noch Antonie, noch Thomas ohne ein kleines giftiges Flämmchen in den Augen anzublicken vermochten …

Donnerstags, an den überlieferungsgemäßen »Kindertagen«, um vier Uhr, fand man sich in dem großen Hause in der Mengstraße zusammen, um dort zu Mittag zu speisen und den Abend zuzubringen – manchmal erschienen auch Konsul Krögers oder Sesemi Weichbrodt mit ihrer ungelehrten Schwester – und hier war es, wo die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße mit ungezwungener Vorliebe die Rede auf Tonys verflossene Ehe brachten, um Madame Grünlich zu einigen großen Worten zu veranlassen und sich dabei kurze, spitzige Blicke zuzusenden … oder wo sie allgemeine Betrachtungen darüber anstellten, welche unwürdige Eitelkeit es doch sei, sich das Haar zu färben, und allzu anteilnehmende Erkundigungen über Jakob Kröger, den Neffen der Konsulin, einzogen. Sie gaben der armen, unschuldigen und geduldigen Klothilde, der einzigen, die sich in der Tat auch ihnen noch unterlegen fühlen mußte, einen Spott zu kosten, der durchaus nicht so harmlos war wie der, den das mittellose und hungrige Mädchen alltäglich von Tom oder Tony mit gedehnter und erstaunter Freundlichkeit entgegennahm. Sie mokierten sich über Klaras Strenge und Bigotterie, sie fanden schnell heraus, daß Christian mit Thomas sich nicht zum besten stand, und daß sie ihn überhaupt, Gott sei Dank, nicht zu achten brauchten, denn er war ein Hans Quast, ein lächerlicher Mensch. Was Thomas selbst betraf, an dem durchaus keine Schwäche erfindlich war, und der ihnen seinerseits mit einem nachsichtigen Gleichmut entgegenkam, welcher andeutete: Ich verstehe euch, und ihr tut mir leid … so behandelten sie ihn mit leicht vergifteter Hochachtung. Von der kleinen Erika aber, rosig und wohlgepflegt, wie sie war, mußte denn doch gesagt werden, daß sie in beunruhigender Weise im Wachstum zurückgeblieben sei. Worauf Pfiffi, indem sie sich schüttelte und Feuchtigkeit in die Mundwinkel bekam, zum Überfluß auf die erschreckende Ähnlichkeit des Kindes mit dem Betrüger Grünlich aufmerksam machte …

Nun umstanden sie weinend mit ihrer Mutter das Sterbebett des Vaters, und trotzdem es ihnen schien, als ob selbst dieser Tod noch von der Verwandtschaft in der Mengstraße verschuldet sei, ward doch ein Bote dorthin entsandt.

Mitten in der Nacht hallte die Haustürglocke über die große Diele, und da Christian spät nach Hause gekommen war und sich leidend fühlte, machte Thomas sich allein auf den Weg, in den Frühlingsregen hinaus.

Er kam nur zur rechten Zeit, um die letzten konvulsivischen Zuckungen des alten Herrn zu sehen, und dann stand er lange mit gefalteten Händen im Sterbezimmer und blickte auf diese kurze Gestalt, die sich unter den Umhüllungen abzeichnete, in dieses tote Gesicht mit den etwas weichlichen Zügen und den weißen Koteletts …

»Du hast es nicht sehr gut gehabt, Onkel Gotthold«, dachte er. »Du hast es zu spät gelernt, Zugeständnisse zu machen, Rücksicht zu nehmen … Aber das ist nötig … Wenn ich wäre wie du, hätte ich vor Jahr und Tag bereits einen Laden geheiratet … Die dehors wahren!… Wolltest du es überhaupt anders, als du es gehabt hast? Obgleich du trotzig warst und wohl glaubtest, dieser Trotz sei etwas Idealistisches, besaß dein Geist wenig Schwungkraft, wenig Phantasie, wenig von dem Idealismus, der jemanden befähigt, mit einem stillen Enthusiasmus, süßer, beglückender, befriedigender als eine heimliche Liebe, irgendein abstraktes Gut, einen alten Namen, ein Firmenschild zu hegen, zu pflegen, zu verteidigen, zu Ehren und Macht und Glanz zu bringen. Der Sinn für Poesie ging dir ab, obgleich du so tapfer warst, trotz dem Befehl deines Vaters zu lieben und zu heiraten. Du besaßest auch keinen Ehrgeiz, Onkel Gotthold. Freilich, der alte Name ist bloß ein Bürgername, und man pflegt ihn, indem man einer Getreidehandlung zum Flor verhilft, indem man seine eigene Person in einem kleinen Stück Welt geehrt, beliebt und mächtig macht … Dachtest du: Ich heirate die Stüwing, die ich liebe, und schere mich um keine praktischen Rücksichten, denn sie sind Kleinkram und Pfahlbürgertum?… Oh, auch wir sind gerade gereist und gebildet genug, um recht gut zu erkennen, daß die Grenzen, die unserem Ehrgeize gesteckt sind, von außen und oben gesehen nur eng und kläglich sind. Aber alles ist bloß ein Gleichnis auf Erden, Onkel Gotthold! Wußtest du nicht, daß man auch in einer kleinen Stadt ein großer Mann sein kann? Daß man ein Cäsar sein kann an einem mäßigen Handelsplatz an der Ostsee? Freilich, dazu gehört ein wenig Phantasie, ein wenig Idealismus … und den besaßest du nicht, was du auch von dir selbst gedacht haben magst.«

Und Thomas Buddenbrook wandte sich ab. Er trat ans Fenster und blickte, die Hände auf dem Rücken, ein Lächeln auf seinem intelligenten Gesicht, zu der schwachbeleuchteten und in Regen gehüllten gotischen Fassade des Rathauses hinüber.

Wie es in der Natur der Dinge lag, gingen Amt und Titel des königlich niederländischen Konsulats, das Thomas sofort nach dem Tode seines Vaters hätte für sich in Anspruch nehmen können, zu Tony Grünlichs maßlosem Stolze jetzt an ihn über, und das gewölbte Schild mit Löwen, Wappen und Krone war nunmehr wieder an der Giebelfront in der Mengstraße unter dem »Dominus providebit« zu sehen.

Gleich nach Erledigung dieser Angelegenheit, im Juni bereits desselben Jahres, trat der junge Konsul eine Reise an, eine Geschäftsreise nach Amsterdam, von der er nicht wußte, wieviel Zeit sie in Anspruch nehmen werde.

Fünftes Kapitel

Todesfälle pflegen eine dem Himmlischen zugewandte Stimmung hervorzubringen, und niemand wunderte sich, aus dem Munde der Konsulin Buddenbrook nach dem Dahinscheiden ihres Gatten diese oder jene hochreligiöse Wendung zu vernehmen, die man früher nicht an ihr gewohnt gewesen war.

Bald jedoch zeigte es sich, daß dies nichts Vorübergehendes war, und rasch war in der Stadt die Tatsache bekannt, daß die Konsulin gewillt war, das Andenken des Verewigten in erster Linie dadurch zu ehren, daß sie, die schon in den letzten Jahren seines Lebens, und zwar seit sie alterte, mit seinen geistlichen Neigungen sympathisiert hatte, nun seine fromme Weltanschauung vollends zu der ihren machte.

Sie strebte danach, das weitläufige Haus mit dem Geiste des Heimgegangenen zu erfüllen, mit dem milden und christlichen Ernst, der eine vornehme Herzensheiterkeit nicht ausschloß. Die Morgen- und Abendandachten wurden in ausgedehnterem Umfange fortgesetzt. Die Familie versammelte sich im Eßsaale, während das Dienstpersonal in der Säulenhalle stand, und die Konsulin oder Klara verlasen aus der großen Familienbibel mit den ungeheuren Lettern einen Abschnitt, worauf man aus dem Gesangbuch ein paar Verse zum Harmonium sang, das die Konsulin spielte. Auch trat oft an die Stelle der Bibel eines der Predigt- und Erbauungsbücher mit schwarzem Einband und Goldschnitt, dieser Schatzkästchen, Psalter, Weihestunden, Morgenklänge und Pilgerstäbe, deren beständige Zärtlichkeit für das süße, wonnesame Jesulein ein wenig widerlich anmutete und von denen allzu viele im Hause vorhanden waren.

Christian erschien nicht oft zu den Andachten. Ein Einwand, den Thomas bei Gelegenheit ganz vorsichtig und halb im Scherze gegen die Übungen erhoben hatte, war mit Milde und Würde zurückgewiesen worden. Was Madame Grünlich anging, so benahm sie sich leider nicht immer völlig korrekt dabei. Eines Morgens – es war gerade ein fremder Prediger bei Buddenbrooks zu Gast – war man genötigt, zu einer feierlichen, glaubensfesten und innigen Melodie die Worte zu singen:

»Ich bin ein rechtes Rabenaas, Ein wahrer Sündenkrüppel, Der seine Sünden in sich fraß, Als wie der Rost den Zwippel. Ach Herr, so nimm mich Hund beim Ohr, Wirf mir den Gnadenknochen vor Und nimm mich Sündenlümmel In deinen Gnadenhimmel!«

… worauf Frau Grünlich vor innerlicher Zerknirschung das Buch von sich warf und den Saal verließ.

Die Konsulin selbst aber verlangte weit mehr noch von sich, als von ihren Kindern. Sie richtete zum Beispiel eine Sonntagsschule ein. Am Sonntagvormittag klingelten lauter kleine Volksschulmädchen in der Mengstraße, und Stine Voß, die an der Mauer, und Mike Stuht, die in der Glockengießerstraße, und Fike Snut, die an der Trave oder in der Kleinen Gröpelgrube oder im Engelswisch zu Hause waren, wanderten mit ihrem semmelblonden, mit Wasser gekämmtem Haar über die große Diele in das helle Gartenzimmer, dort hinten, das als Kontor seit längerer Zeit nicht mehr benutzt wurde, wo Sitzbänke aufgeschlagen waren und wo die Konsulin Buddenbrook, geborene Kröger, mit ihrem Kleid aus schwerem schwarzem Atlas, ihrem weißen, vornehmen Gesicht und ihrer noch weißeren Spitzenhaube, ihnen an einem Tischchen, auf welchem ein Glas Zuckerwasser stand, gegenübersaß und sie eine Stunde lang katechisierte.

Auch begründete sie den »Jerusalemsabend«, und an diesem mußte außer Klara und Klothilde auch Tony sich wohl oder übel beteiligen. Einmal wöchentlich saßen an der langausgezogenen Tafel im Eßsaale beim Scheine von Lampen und Kerzen etwa zwanzig Damen, die in dem Alter standen, wo es an der Zeit ist, sich nach einem guten Platze im Himmel umzusehen, tranken Tee oder Bischof, aßen fein belegtes Butterbrot und Pudding, lasen sich geistliche Lieder und Abhandlungen vor und fertigten Handarbeiten an, die am Ende des Jahres in einem Basar verkauft wurden und deren Erlös zu Missionszwecken nach Jerusalem geschickt ward.

Der fromme Verein ward in der Hauptsache von Damen aus der Gesellschaftssphäre der Konsulin gebildet, und die Senatorin Langhals, die Konsulin Möllendorpf und die alte Konsulin Kistenmaker gehörten ihm an, während andere alte Damen, die weltlicher und profaner angelegt waren, wie Madame Köppen, sich über ihre Freundin Bethsy mokierten. Auch die Predigersgattinnen der Stadt sowie die verwitwete Konsulin Buddenbrook, geborene Stüwing, und Sesemi Weichbrodt nebst ihrer ungelehrten Schwester waren Mitglieder. Vor Jesu jedoch ist kein Rang und kein Unterschied, und so nahmen am Jerusalemsabend auch armseligere und seltsamere Gestalten teil, wie zum Beispiel ein kleines, runzeliges Geschöpf, reich an Gottgefälligkeit und Häkelmustern, das im Heiligen-Geist-Hospitale wohnte, Himmelsbürger hieß und die Letzte ihres Geschlechtes war … »Die letzte Himmelsbürgern« nannte sie sich wehmütig, und dabei fuhr sie mit der Stricknadel unter ihre Haube, um sich zu krauen.

Weit bemerkenswerter aber waren zwei andere Mitglieder, ein Zwillingspaar, zwei sonderbare alte Mädchen, die mit Schäferhüten aus dem achtzehnten Jahrhundert und seit manchem Jahr schon verblichenen Kleidern Hand in Hand in der Stadt umhergingen und Gutes taten. Sie hießen Gerhardt und beteuerten, in gerader Linie von Paul Gerhardt abzustammen. Man sagte, daß sie durchaus nicht mittellos seien; aber sie lebten aufs jämmerlichste und gaben alles den Armen … »Liebe!« bemerkte die Konsulin Buddenbrook, die sich ihrer zuweilen ein bißchen schämte, »Gott sieht ins Herze, aber Ihre Kleider sind wenig adrett … Man muß auf sich halten …« Aber dann küßten sie ihre elegante Freundin, welche die Weltdame nicht verleugnen konnte, nur auf die Stirn … mit der ganzen nachsichtigen, liebevollen und mitleidigen Überlegenheit des Geringen über den Vornehmen, der das Heil sucht. Es waren keineswegs dumme Geschöpfe, und in ihren kleinen, häßlichen, verschrumpften Papageiköpfen saßen blanke, sanft verschleierte braune Augen, die mit einem seltsamen Ausdruck von Milde und Wissen in die Welt schauten … Ihre Herzen waren voll von wunderbaren und geheimnisvollen Kenntnissen. Sie wußten, daß in unserer letzten Stunde all unsere zu Gott vorangegangenen Lieben in Sang und Seligkeit kommen, uns abzuholen. Sie sprachen das Wort »der Herr« mit der Leichtigkeit und Ursprünglichkeit von ersten Christen, die aus des Meisters eigenem Munde noch das »Über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen« vernommen haben. Sie besaßen die merkwürdigsten Theorien über innere Lichter und Ahnungen, über Gedankenübertragung und -wanderungen … denn Lea, die eine von ihnen, war taub und wußte gleichwohl fast immer, wovon die Rede war.

Da Lea Gerhardt taub war, war sie es gewöhnlich, die an den Jerusalemsabenden vorlas; auch fanden die Damen, daß sie schön und ergreifend läse. Sie nahm aus ihrem Beutel ein uraltes Buch, welches lächerlich und unverhältnismäßig viel höher als breit war und vorn, in Kupfer gestochen, das übermenschlich pausbäckige Bildnis ihres Ahnherrn enthielt, nahm es in beide Hände und las, damit sie selbst sich ein wenig hören konnte, mit fürchterlicher Stimme, die klang, wie wenn der Wind sich im Ofenrohre verfängt:

»Will Satan mich verschlingen …«

Nun! dachte Tony Grünlich. Welcher Satan möchte die wohl verschlingen! Aber sie sagte nichts, hielt sich ihrerseits an den Pudding und dachte darüber nach, ob sie wohl auch dermaleinst so häßlich sein werde wie die beiden Fräulein Gerhardt.

Sie war nicht glücklich, sie empfand Langeweile und ärgerte sich über die Pastoren und Missionare, deren Besuche nach dem Tode des Konsuls sich vielleicht noch vermehrt hatten und die nach Tonys Meinung im Hause allzusehr das Regiment führten und allzuviel Geld bekamen. Der letztere Punkt ging Thomas an; aber er schwieg darüber, während seine Schwester hie und da etwas von Leuten vor sich hin murmelte, die der Witwen Häuser fressen und lange Gebete vorwenden.

Sie haßte diese schwarzen Herren aufs bitterlichste. Als gereifte Frau, die das Leben kennengelernt hatte und kein dummes Ding mehr war, sah sie sich nicht in der Lage, an ihre unbedingte Heiligkeit zu glauben. »Mutter!« sagte sie; »o Gott, man soll seinem Nächsten nichts Übles nachsagen … gut, ich weiß es! Aber das eine muß ich denn doch aussprechen, und ich würde mich wundern, wenn das Leben dich das nicht gelehrt hätte, nämlich, daß nicht alle, die einen langen Rock tragen und ›Herr, Herr!‹ sagen, immer ganz makellos sind!«

Es blieb unaufgeklärt, wie Thomas sich zu solchen Wahrheiten verhielt, die seine Schwester mit ungeheurem Nachdruck vertrat. Christian aber hatte gar keine Meinung; er beschränkte sich darauf, die Herren mit krauser Nase zu beobachten, um hernach im Klub oder in der Familie ihre Kopie zu liefern …

Aber es ist wahr, daß Tony am meisten von den geistlichen Gästen zu leiden hatte. Eines Tages geschah es wahr und wahrhaftig, daß ein Missionar namens Jonathan, der sowohl in Syrien als auch in Arabien gewesen war, ein Mann mit großen, vorwurfsvollen Augen und betrübt herniederhängenden Wangen, vor sie hintrat und sie mit trauriger Strenge zur Entscheidung der Frage aufforderte, ob ihre gebrannten Stirnlocken sich eigentlich mit der wahren christlichen Demut vereinbaren ließen … Ach! er hatte nicht mit Tony Grünlichs spitzig sarkastischer Redegewandtheit gerechnet. Sie schwieg während einiger Augenblicke, und man sah, wie ihr Hirn arbeitete. Dann aber kam es: »Darf ich Sie bitten, mein Herr Pastor, sich um Ihre eigenen Locken zu bekümmern?!« … Und hinaus rauschte sie, indem sie die Schultern ein wenig emporzog, den Kopf zurückwarf und trotzdem das Kinn auf die Brust zu drücken suchte. – Und Pastor Jonathan besaß äußerst wenig Haupthaar, ja, sein Schädel war nackt zu nennen!

Einst aber wurde ihr ein noch größerer Triumph zuteil. Pastor Trieschke nämlich, Tränen-Trieschke aus Berlin, der diesen Beinamen führte, weil er allsonntäglich einmal inmitten seiner Predigt an geeigneter Stelle zu weinen begann … Tränen-Trieschke, der sich durch ein bleiches Gesicht, rote Augen und wahre Pferdekinnbacken auszeichnete und acht oder zehn Tage lang bei Buddenbrooks wechselweise mit der armen Klothilde um die Wette aß und Andachten abhielt, verliebte sich bei dieser Gelegenheit in Tony … nicht etwa in ihre unsterbliche Seele, o nein, sondern in ihre Oberlippe, ihr starkes Haar, ihre hübschen Augen und ihre blühende Gestalt! Und dieser Gottesmann, der zu Berlin ein Weib und viele Kinder besaß, entblödete sich nicht, durch den Bedienten Anton in Madame Grünlichs Schlafzimmer im zweiten Stock einen Brief niederlegen zu lassen, der aus Bibelextrakten und einer sonderbar anschmiegsamen Zärtlichkeit wirksam gemischt war … Sie fand ihn beim Zubettegehen, sie las ihn und ging festen Schrittes die Treppen hinunter ins Zwischengeschoß und ins Schlafzimmer der Konsulin, woselbst sie ihrer Mutter beim Kerzenscheine das Schreiben des Seelsorgers völlig ungeniert und mit lauter Stimme vortrug, so daß Tränen-Trieschke fortan in der Mengstraße unmöglich war.

»So sind sie alle!« sagte Madame Grünlich … »Ha! so sind sie alle! O Gott, ich war eine Gans früher, ein dummes Ding, Mama, aber das Leben hat mir das Vertrauen zu den Menschen genommen. Die meisten sind Filous … ja, das ist leider wahr. Grünlich – –!« Und der Name klang wie eine Fanfare, wie ein kleiner Trompetenstoß, den sie mit etwas erhobenen Schultern und emporgerichteten Augen in die Luft hinein ertönen ließ.

Sechstes Kapitel

Sievert Tiburtius war ein kleiner schmaler Mann mit großem Kopfe und trug einen dünnen, aber langen blonden Backenbart, der geteilt war und dessen Enden er manchmal, der Bequemlichkeit halber, nach beiden Seiten hin über die Schultern legte. Seinen runden Schädel bedeckte eine Unzahl ganz kleiner wolliger Ringellöckchen. Seine Ohrmuscheln waren groß, äußerst abstehend, an den Rändern weit nach innen zusammengerollt und oben so spitz, wie die eines Fuchses. Seine Nase saß wie ein kleiner platter Knopf in seinem Gesicht, seine Wangenknochen standen hervor, und seine grauen Augen, die gemeinhin eng zusammengekniffen ein wenig blöde umherblinzelten, konnten in gewissen Momenten sich in ungeahnter Weise erweitern, größer und größer werden, hervorquellen, beinahe herausspringen …

Dies war der Pastor Tiburtius, welcher aus Riga stammte, einige Jahre in Mitteldeutschland amtiert hatte und nun, auf der Reise nach seiner Heimat, wo eine Predigersstelle ihm zugefallen war, die Stadt berührte. Versehen mit der Empfehlung eines Amtsbruders, der ebenfalls einst in der Mengstraße Mockturtlesuppe und Schinken mit Schalottensauce gegessen hatte, machte er der Konsulin seine Aufwartung, ward für die Dauer seines Aufenthaltes, der einige wenige Tage in Anspruch nehmen sollte, zu Gaste geladen und bewohnte das geräumige Fremdenzimmer im ersten Stockwerk am Korridor.

Aber er verweilte länger, als er erwartet hatte. Es vergingen acht Tage, und noch immer hatte er diese oder jene Sehenswürdigkeit, den Totentanz und das Aposteluhrwerk in der Marienkirche, das Rathaus, die »Schiffergesellschaft« oder die Sonne mit den beweglichen Augen im Dom nicht besucht. Es vergingen zehn Tage, und er sprach wiederholt von seiner Abreise; infolge des ersten Wörtchens jedoch, das ihn zum Bleiben aufforderte, verzog er aufs neue.

Er war ein besserer Mensch als die Herren Jonathan und Tränen-Trieschke. Er bekümmerte sich durchaus nicht um Frau Antoniens gebrannte Stirnlöckchen und schrieb ihr keinerlei Briefe. Desto aufmerksamer aber beschäftigte er sich mit Klara, ihrer jüngeren und ernsthafteren Schwester. In ihrer Gegenwart, wenn sie sprach, ging oder kam, konnte es geschehen, daß seine Augen sich in ungeahnter Weise erweiterten, größer und größer wurden, hervorquollen, fast heraussprangen … und beinahe den ganzen Tag hielt er sich bei ihr auf, indem er geistliche und weltliche Gespräche mit ihr pflog oder ihr vorlas … mit seiner hohen, sich überschlagenden Stimme und in der drollig hüpfenden Aussprache seiner baltischen Heimat.

Gleich am ersten Tage hatte er gesagt: »Erbarmen Sie sich, Frau Konsulin! Welch einen Schatz und Gottessegen besitzen Sie an Ihrer Tochter Klara. Das ist wohl ein herrliches Kind!«

»Sie haben recht«, erwiderte die Konsulin. Aber er wiederholte es so oft, daß sie ihre hellen blauen Augen in diskreter Prüfung zu ihm hinschweifen ließ und ihn veranlaßte, ein wenig eingehender von seiner Herkunft, seinen Verhältnissen, seinen Aussichten zu erzählen. Es ergab sich, daß er aus einer Kaufmannsfamilie stammte, daß seine Mutter bei Gott sei, daß er Geschwister nicht besitze und daß sein alter Vater zu Riga als Privatier mit einem auskömmlichen Vermögen lebe, welches einstmals ihm selbst, dem Pastor Tiburtius, gehören werde; übrigens sichere sein Amt ihm ein hinreichendes Einkommen.

Was Klara Buddenbrook betraf, so stand sie nun im neunzehnten Jahre und war, mit ihrem dunklen, glattgescheitelten Haar, ihren strenge und dennoch träumerisch blickenden braunen Augen, ihrer leicht gebogenen Nase, ihrem ein wenig zu fest geschlossenen Munde und ihrer hohen, schlanken Gestalt, zu einer jungen Dame von herber und eigentümlicher Schönheit erwachsen. Im Hause hielt sie am festesten mit ihrer armen und ebenfalls frommen Cousine Klothilde zusammen, deren Vater kürzlich gestorben war und die mit dem Gedanken umging, sich demnächst einmal zu »etablieren«, das heißt, mit einigen Groschen und Möbeln, die sie ererbt, sich irgendwo in Pension zu begeben … Von Thildas gedehnter, geduldiger und hungriger Demut freilich kannte Klara nichts. Im Gegenteil eignete ihr im Verkehr mit den Dienstboten, ja, auch mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter ein etwas herrischer Ton, und ihre Altstimme schon, die sich nur mit Bestimmtheit zu senken, nie aber fragend zu heben verstand, trug einen befehlshaberischen Charakter und konnte oft eine kurze, harte, unduldsame und hochfahrende Klangfarbe annehmen: an Tagen nämlich, wo Klara an Kopfschmerzen litt.

Sie hatte, bevor der Tod des Konsuls die Familie in Trauer hüllte, mit unnahbarer Würde die Gesellschaften im Elternhause und den Häusern von gleicher Rangstufe mitgemacht … Die Konsulin betrachtete sie, und sie konnte sich nicht verhehlen, daß es trotz der stattlichen Mitgift und Klaras häuslicher Tüchtigkeit schwer halten werde, dies Kind zu verehelichen. Keinen der skeptischen, rotspontrinkenden und jovialen Kaufherren ihrer Umgebung, wohl aber einen Geistlichen konnte sie sich an der Seite des ernsten und gottesfürchtigen Mädchens vorstellen, und da dieser Gedanke die Konsulin freudig bewegte, so fanden des Pastors Tiburtius zarte Einleitungen von ihrer Seite ein maßvolles und freundliches Entgegenkommen.

Und wahrhaftig entwickelte sich die Angelegenheit mit großer Präzision. An einem warmen und wolkenlosen Julinachmittag machte die Familie einen Spaziergang. Die Konsulin, Antonie, Christian, Klara, Thilda, Erika Grünlich mit Mamsell Jungmann und in ihrer Mitte Pastor Tiburtius zogen weit vors Burgtor hinaus, um bei einem ländlichen Wirte im Freien an Holztischen Erdbeeren, Sattenmilch oder Rote Grütze zu essen, und nach der Vespermahlzeit erging man sich in dem großen Nutzgarten, der bis zum Flusse sich hinzog, im Schatten von allerlei Obstbäumen zwischen Johannis- und Stachelbeerbüschen, Spargel- und Kartoffelfeldern.

Sievert Tiburtius und Klara Buddenbrook blieben ein wenig zurück. Er, sehr viel kleiner als sie, den geteilten Backenbart über beiden Schultern, hatte den geschweiften schwarzen Strohhut von seinem großen Kopfe genommen und führte, indem er sich hie und da mit dem Tuche die Stirn trocknete, mit großen Augen ein langes und sanftes Gespräch mit ihr, in dessen Verlaufe sie beide einmal stehenblieben und Klara mit ernster und ruhiger Stimme ein Ja sprach.

Dann, nach der Rückkehr, als die Konsulin, ein wenig ermüdet und erhitzt, allein im Landschaftszimmer saß, setzte sich Pastor Tiburtius – draußen lag die nachdenkliche Stille des Sonntagnachmittags – zu ihr in den sommerlichen Abendglanz und begann auch mit ihr ein langes und sanftes Gespräch, an dessen Ende die Konsulin sagte: »Genug, mein lieber Herr Pastor … Ihr Antrag entspricht meinen mütterlichen Wünschen, und Sie Ihrerseits haben nicht schlecht gewählt, dessen kann ich Sie versichern. Wer hätte gedacht, daß Ihr Eingang und Aufenthalt in unserem Hause so wunderbar gesegnet sein werde!… Ich will heute mein letztes Wort noch nicht sprechen, denn es gehört sich, daß ich zuvor meinem Sohne, dem Konsul, schreibe, der sich augenblicklich, wie Sie wissen, im Auslande befindet. Sie reisen bei Leben und Gesundheit morgen nach Riga ab, um Ihr Amt anzutreten, und wir gedenken, uns für einige Wochen an die See zu begeben … Sie werden in Bälde Nachricht von mir empfangen, und der Herr gebe, daß wir uns glücklich wiedersehen.«

Siebentes Kapitel

Amsterdam, den 20. Juli 56. Hotel »Het Haasje«

Meine liebe Mutter!

Soeben in den Besitz Deines inhaltreichen Schreibens gelangt, beeile ich mich, Dir auf das herzlichste für die Aufmerksamkeit zu danken, die darin liegt, daß Du in der bewußten Angelegenheit meine Zustimmung einziehst; ich erteile selbstverständlicherweise nicht nur sie, sondern füge auch meine freudigsten Glückwünsche hinzu, vollauf überzeugt, daß Ihr, Du und Klara, eine gute Wahl werdet getroffen haben. Der schöne Name Tiburtius ist mir bekannt, und ich glaube bestimmt, daß Papa mit dem Alten in geschäftlicher Verbindung stand. Klara kommt jedenfalls in angenehme Verhältnisse, und die Position als Pastorin wird ihrem Temperamente zusagen.

Tiburtius ist also nach Riga abgereist und wird seine Braut im August noch einmal besuchen? Nun, es wird wahrhaftig munter zugehen alsdann bei uns in der Mengstraße – munterer noch, als Ihr alle vorausseht, denn Ihr wißt nicht, aus welchen absonderlichen Gründen ich so überaus froh erstaunt über Mademoiselle Klaras Verlobung bin und um welches allerliebste Zusammentreffen es sich dabei handelt. Ja, meine ausgezeichnete Frau Mama, wenn ich mich heute bequeme, meinen gravitätischen Konsens zu Klaras irdischem Glücke von der Amstel zur Ostsee zu senden, so geschieht es ganz einfach unter der Bedingung, daß ich mit wendender Post aus Deiner Feder einen ebensolchen Konsens in betreff einer ebensolchen Angelegenheit zurückempfange! Drei harte Gulden würde ich dafür geben, könnte ich Dein Gesicht, besonders aber dasjenige unserer wackeren Tony sehen, wenn Ihr diese Zeilen lest … Aber ich will zur Sache reden.

Mein kleines, reinliches Hotel ist mit hübscher Aussicht auf den Kanal, inmitten der Stadt, unweit der Börse gelegen, und die Geschäfte, denen zuliebe ich hierher gekommen (es handelte sich um die Anknüpfung einer neuen, wertvollen Verbindung: Du weißt, ich besorge dergleichen mit Vorliebe persönlich), entwickelten sich vom ersten Tage an in erwünschter Weise. Von meiner Lehrzeit her aber wohlbekannt in der Stadt, war ich, obgleich viele Familien sich in den Seebädern befinden, auch gesellschaftlich sofort sehr lebhaft in Anspruch genommen. Ich habe kleinere Abendgesellschaften bei Van Henkdoms und Moelens mitgemacht, und schon am dritten Tage meines Hierseins mußte ich mich in Gala werfen, um einem Diner bei meinem ehemaligen Prinzipale Herrn van der Kellen beizuwohnen, das er so außerhalb der Saison, ersichtlich mir zu Ehren, arrangierte. Zu Tische aber führte ich … habt Ihr Lust zu raten? Fräulein Arnoldsen, Gerda Arnoldsen, Tonys ehemalige Pensionsgenossin, deren Vater, der große Kaufmann, und beinahe noch größere Geigenvirtuos, sowie seine verheiratete Tochter und ihr Gatte ebenfalls zugegen waren.

Ich erinnere mich sehr wohl, daß Gerda – gestattet, daß ich mich bereits ausschließlich des Vornamens bediene – schon als ganz junges Mädchen, als sie noch bei Mademoiselle Weichbrodt am Mühlenbrink zur Schule ging, einen starken und nie ganz verlöschten Eindruck auf mich gemacht hat. Jetzt aber sah ich sie wieder: größer, entwickelter, schöner, geistreicher … Erlaßt mir, da sie leicht ein wenig ungestüm ausfallen könnte, die Beschreibung ihrer Persönlichkeit, die Ihr bald von Angesicht zu Angesicht werdet schauen können!

Ihr könnt Euch denken, daß sich eine Menge von Ausgangspunkten zu einem guten Tischgespräche darboten; aber wir verließen schon nach der Suppe das Gebiet der alten Anekdoten und gingen zu ernsteren und fesselnderen Dingen über. In der Musik konnte ich ihr nicht Widerpart halten, denn wir bedauernswerten Buddenbrooks wissen allzuwenig davon; aber in der niederländischen Malerei war ich schon besser zu Hause, und in der Literatur verstanden wir uns durchaus.

Wahrlich, die Zeit verging im Fluge. Nach Tische ließ ich mich dem alten Arnoldsen präsentieren, der mir mit ausgesuchter Verbindlichkeit entgegenkam. Später, im Salon, trug er mehrere Konzertpiecen vor, und auch Gerda produzierte sich. Sie sah prachtvoll dabei aus, und obgleich ich keine Ahnung vom Violinspiel habe, so weiß ich, daß sie auf ihrem Instrument (einer echten Stradivari) zu singen verstand, daß einem beinahe die Tränen in die Augen traten.

Am folgenden Tage machte ich Besuch bei Arnoldsens, Buitenkant. Ich wurde zunächst von einer alten Gesellschaftsdame empfangen, mit der ich mich französisch unterhalten mußte; dann aber kam Gerda hinzu, und wir plauderten wie tagszuvor wohl eine Stunde lang: nur daß wir uns diesmal noch mehr einander näherten, uns noch mehr bestrebten, einander zu verstehen und kennenzulernen. Es war wieder von Dir, Mama, von Tony, von unserer guten, alten Stadt und meiner Tätigkeit daselbst die Rede …

Schon an diesem Tage stand mein Entschluß fest, welcher lautete: Diese oder keine, jetzt oder niemals! Ich traf mit ihr noch gelegentlich eines Gartenfestes bei meinem Freunde van Svindren zusammen, ich ward zu einer kleinen musikalischen Soiree bei Arnoldsens selbst gebeten, in deren Verlauf ich der jungen Dame gegenüber das Experiment einer halben und sondierenden Erklärung machte, die ermutigend beantwortet wurde … und nun ist es fünf Tage her, daß ich mich vormittags zu Herrn Arnoldsen begab, um mir die Erlaubnis zu erbitten, um die Hand seiner Tochter zu werben. Er empfing mich in seinem Privatkontor. »Mein lieber Konsul«, sagte er, »Sie sind mir aufs höchste willkommen, so schwer es mir altem Witwer fallen würde, mich von meiner Tochter zu trennen! Aber sie? Sie hat bislang ihren Entschluß, niemals zu heiraten, mit Festigkeit aufrechterhalten. Haben Sie denn Chancen?« Und er war äußerst erstaunt, als ich ihm erwiderte, daß Fräulein Gerda mir in der Tat Veranlassung zu einiger Hoffnung gegeben habe.

Er hat ihr einige Tage Zeit zum Besinnen gelassen, und ich glaube, er hat ihr aus argem Egoismus sogar abgeraten. Aber es hilft nichts: ich bin der Auserwählte, und seit gestern Nachmittag ist die Verlobung perfekt.

Nein, meine liebe Mama, ich bitte Dich jetzt nicht um Deinen schriftlichen Segen zu dieser Verbindung, denn schon übermorgen reise ich ab; aber ich nehme das Versprechen der Arnoldsens mit, daß sie uns, der Vater, Gerda und auch ihre verheiratete Schwester, im August besuchen werden, und dann wirst Du nicht umhin können zuzugestehen, daß dies die Rechte für mich ist. Denn es liegt für Dich doch kein Einwand darin, daß Gerda nur drei Jahr jünger ist als ich? Du wirst wohl niemals angenommen haben, hoffe ich, daß ich irgendeinen Backfisch aus dem Kreise Möllendorpf-Langhals-Kistenmaker-Hagenström heimführen würde.

Und was die »Partie« betrifft?… Ach, ich ängstige mich beinahe davor, daß Stephan Kistenmaker und Hermann Hagenström und Peter Döhlmann und Onkel Justus und die ganze Stadt mich pfiffig anblinzeln wird, wenn man von der Partie erfährt; denn mein zukünftiger Schwiegervater ist Millionär … Mein Gott, was läßt sich darüber sagen? Es gibt so viel Halbes in uns, das so oder so gedeutet werden kann. Ich verehre Gerda Arnoldsen mit Enthusiasmus, aber ich bin durchaus nicht gesonnen, tief genug in mich selbst hinabzusteigen, um zu ergründen, ob und inwiefern die hohe Mitgift, die man mir gleich bei der ersten Vorstellung in ziemlich zynischer Weise ins Ohr flüsterte, zu diesem Enthusiasmus beigetragen hat. Ich liebe sie, aber es macht mein Glück und meinen Stolz desto größer, daß ich, indem sie mein eigen wird, gleichzeitig unserer Firma einen bedeutenden Kapitalzufluß erobere.

Ich schließe, liebe Mutter, diesen Brief, der in Anbetracht des Umstandes, daß wir uns in wenigen Tagen schon mündlich über mein Glück werden bereden können, schon allzulang geworden ist. Ich wünsche dir einen angenehmen und erholsamen Badeaufenthalt und bitte Dich, alle die Unsrigen auf das Herzlichste von mir zu grüßen.

In treuer Liebe Dein gehorsamer Sohn T.

Achtes Kapitel

In der Tat, es gab dieses Jahr einen lebhaften und festlichen Hochsommer im Buddenbrookschen Hause.

Am Ende des Juli traf Thomas wieder in der Mengstraße ein und besuchte, gleich den übrigen Herren, die in der Stadt geschäftlich in Anspruch genommen waren, seine Familie einige Male am Meere, während Christian sich daselbst vollkommene Ferien gemacht hatte, denn er klagte über einen unbestimmten Schmerz im linken Bein, mit dem Doktor Grabow durchaus nichts anzufangen wußte, und über den Christian daher desto eingehender nachdachte …

»Es ist kein Schmerz … so kann man es nicht nennen«, erklärte er mühsam, indem er mit der Hand an dem Beine auf und nieder fuhr, seine große Nase krauste und die Augen wandern ließ. »Es ist eine Qual, eine fortwährende, leise, beunruhigende Qual im ganzen Bein … und an der linken Seite, an der Seite, wo das Herz sitzt … Sonderbar … ich finde es sonderbar! Was denkst du eigentlich darüber, Tom …«

»Ja, ja …« sagte Tom. »Du hast nun Ruhe und Seebäder …«

Und dann ging Christian an die See hinunter, um der Badegesellschaft Geschichten zu erzählen, daß der Strand von Lachen widerhallte, oder in den Kursaal, um mit Peter Döhlmann, Onkel Justus, Doktor Gieseke und einigen Hamburger Suitiers Roulette zu spielen.

Und Konsul Buddenbrook besuchte mit Tony, wie immer, wenn man in Travemünde war, die alten Schwarzkopfs in der Vorderreihe … »Good'n Dag ook, Ma'm' Grünlich!« sagte der Lotsenkommandeur und redete vor Freude platt. »Na, weetens woll noch? Dat's nu all bangig lang her, öäwer dat wier ne verdammt nette Tied … Un uns Morten, de is nu all lang Dokter in Breslau, un hei hett ook all ne ganz staatsche Praxis, der Bengel …« Dann lief Frau Schwarzkopf umher und machte Kaffee, und sie vesperten in der grünen Veranda wie ehemals … nur daß alle um volle zehn Jahre älter waren nunmehr, daß Morten und die kleine Meta, die den Ortsvorsteher von Haffkrug geheiratet hatte, fern waren, daß der Kommandeur, schon ganz weiß und ziemlich taub, im Ruhestand lebte, daß seine Frau in ihrem Netze ebenfalls sehr graues Haar trug und Madame Grünlich keine Gans mehr war, sondern das Leben kennengelernt hatte, was sie aber nicht hinderte, eine Menge Scheibenhonig zu essen, denn sie sagte: »Das ist reines Naturprodukt; da weiß man doch, was man verschluckt!«

Zu Anfang des August jedoch kehrten Buddenbrooks wie die meisten anderen Familien in die Stadt zurück, und dann kam der große Augenblick, wo, fast gleichzeitig, Pastor Tiburtius von Rußland und die Arnoldsens von Holland her zu längerem Besuche in der Mengstraße eintrafen.

Es war eine sehr schöne Szene, als der Konsul zum ersten Male seine Braut ins Landschaftszimmer und zu seiner Mutter führte, die ihr mit ausgebreiteten Armen, den Kopf zur Seite geneigt, entgegenkam. Gerda, die mit freier und stolzer Anmut auf dem hellen Teppich dahinschritt, war hoch und üppig gewachsen. Mit ihrem schweren dunkelroten Haar, ihren nahe beieinander liegenden, braunen, von feinen bläulichen Schatten umlagerten Augen, ihren breiten, schimmernden Zähnen, die sie lächelnd zeigte, ihrer geraden, starken Nase und ihrem wundervoll edel geformten Munde war dieses siebenundzwanzigjährige Mädchen von einer eleganten, fremdartigen, fesselnden und rätselhaften Schönheit. Ihr Gesicht war mattweiß und ein wenig hochmütig; aber sie neigte es dennoch, als die Konsulin ihr Haupt mit sanfter Innigkeit zwischen beide Hände nahm und ihr die schneeige, makellose Stirne küßte … »Ja, nun heiße ich dich willkommen in unserem Hause und unserer Familie, du liebe, schöne, gesegnete Tochter«, sagte sie. »Du wirst ihn glücklich machen … sehe ich es nicht schon, wie glücklich du ihn machst?« Und sie zog mit dem rechten Arme Thomas herbei, um ihn ebenfalls zu küssen.

Niemals, höchstens vielleicht zu Großvaters Zeiten, war es heiterer und geselliger zugegangen in dem großen Hause, das mit Leichtigkeit die Gäste aufnahm. Nur Pastor Tiburtius hatte aus Bescheidenheit sich im Rückgebäude beim Billardsaale ein Zimmer erwählt; die übrigen, Herr Arnoldsen, ein beweglicher, witziger Mann am Ende der Fünfziger mit grauem Spitzbart und einem liebenswürdigen Elan in jeder Bewegung, seine ältere Tochter, eine leidend aussehende Dame, sein Schwiegersohn, ein eleganter Lebemann, der sich von Christian in der Stadt umher und in den Klub führen ließ, und Gerda verteilten sich in den überflüssigen Räumen zu ebener Erde, bei der Säulenhalle, im ersten Stock …

Antonie Grünlich war froh, daß Sievert Tiburtius zur Zeit der einzige Geistliche im elterlichen Hause war … sie war mehr als froh! Die Verlobung ihres verehrten Bruders, die Tatsache, daß ausgemacht ihre Freundin Gerda die Erwählte war, das Glänzende dieser Partie, die den Familiennamen und die Firma mit neuem Schimmer bestrahlte, die 300000 Kurantmark Mitgift, von der sie hatte munkeln hören, der Gedanke, was die Stadt, was die anderen Familien, was im besonderen Hagenströms dazu sagen würden … das alles trug dazu bei, sie in einen Zustand beständiger Entzückung zu versetzen. Dreimal stündlich zum wenigsten umarmte sie ihre zukünftige Schwägerin mit Leidenschaft …

»Oh, Gerda!« rief sie. »Ich liebe dich, weißt du, ich habe dich immer geliebt! Ich weiß ja, du kannst mich nicht leiden, du hast mich immer gehaßt, aber …«

»Aber ich bitte dich, Tony!« sagte Fräulein Arnoldsen. »Wie sollte ich wohl dazu gekommen sein, dich zu hassen? Darf ich fragen, was du mir eigentlich Greuliches angetan hast?«

Aus irgendwelchen Gründen jedoch, wahrscheinlich ganz allein aus übermäßiger Freude und bloßer Lust am Reden, beharrte Tony störrisch dabei, daß Gerda sie immer gehaßt habe, daß sie aber ihrerseits – und ihre Augen füllten sich mit Tränen – diesen Haß stets mit Liebe vergolten habe. Hierauf nahm sie Thomas beiseite und sagte zu ihm: »Das hast du gut gemacht, Tom, o Gott, wie hast du das gut gemacht! Nein, daß Vater dies nicht mehr erlebt … es ist zum Heulen, weißt du! Ja, hiermit wird manches ausgewetzt … nicht zuletzt die Sache mit jener Persönlichkeit, deren Namen ich nicht gern in den Mund nehme …« Worauf es ihr einfiel, Gerda in ein leeres Zimmer zu ziehen und ihr ihre ganze Ehe mit Bendix Grünlich in fürchterlicher Ausführlichkeit zu erzählen. Auch plauderte sie lange Stunden mit ihr von der Pensionszeit, von ihren abendlichen Gesprächen damals, von Armgard von Schilling in Mecklenburg und Eva Ewers in München … Um Sievert Tiburtius und seine Verlobung mit Klara bekümmerte sie sich beinahe gar nicht; aber die beiden trachteten auch nicht danach. Sie saßen meist stille Hand in Hand und sprachen sanft und ernst von einer schönen Zukunft.

Da das Trauerjahr der Buddenbrooks noch nicht abgelaufen war, so wurden die beiden Verlobungen nur in der Familie gefeiert; Gerda Arnoldsen aber war dennoch rasch genug berühmt in der Stadt, ja, ihre Person bildete den hauptsächlichen Gesprächsstoff an der Börse, im Klub, im Stadttheater, in Gesellschaft … »Tipptopp«, sagten die Suitiers und schnalzten mit der Zunge, denn das war der neueste hamburgische Ausdruck für etwas auserlesen Feines, handelte es sich nun um eine Rotweinmarke, um eine Zigarre, um ein Diner oder um geschäftliche Bonität. Aber unter den soliden, biederen und ehrenfesten Bürgern waren viele, die den Kopf schüttelten … »Sonderbar … diese Toiletten, dieses Haar, diese Haltung, dieses Gesicht … ein bißchen reichlich sonderbar.« Kaufmann Sörensen drückte es aus: »Sie hat ein bißchen was Gewisses …«, und dabei wand er sich und machte ein krauses Gesicht, wie wenn ihm an der Börse eine faule Offerte gemacht wurde. Aber es war Konsul Buddenbrook … es sah ihm ähnlich. Ein bißchen prätentiös, dieser Thomas Buddenbrook, ein bißchen … anders: anders auch als seine Vorfahren. Man wußte, besonders der Tuchhändler Benthien wußte es, daß er nicht nur seine sämtlichen feinen und neumodischen Kleidungsstücke – und er besaß deren ungewöhnlich viele: Pardessus, Röcke, Hüte, Westen, Beinkleider und Krawatten – ja auch seine Wäsche aus Hamburg bezog. Man wußte sogar, daß er tagtäglich, manchmal sogar zweimal am Tage, das Hemd wechselte und sich das Taschentuch und den à la Napoleon III. ausgezogenen Schnurrbart parfümierte. Und das alles tat er nicht der Firma und der Repräsentation zuliebe – das Haus »Johann Buddenbrook« hatte das nicht nötig –, sondern aus einer persönlichen Neigung zum Superfeinen und Aristokratischen … wie sollte man das ausdrücken, Teufel noch mal! Und dann diese Zitate aus Heine und anderen Dichtern, die er manchmal bei den praktischsten Gelegenheiten, bei geschäftlichen oder städtischen Fragen in seine Rede einfließen ließ … Und nun diese Frau … Nein, auch an ihm selbst, an Konsul Buddenbrook war »ein bißchen was Gewisses« – – was selbstverständlich mit jederlei Respekt bemerkt werden sollte, denn die Familie war hoch achtbar, und die Firma war von höchster Bonität, und der Chef war ein gescheuter, liebenswürdiger Mann, der die Stadt liebte und ihr sicher noch erfolgreich dienen würde … Und es war ja auch eine höllisch feine Partie, man sprach von runden 100000 Talern Kurant … Indessen … Und unter den Damen befanden sich manche, die Gerda Arnoldsen ganz einfach »albern« fanden; wobei daran zu erinnern ist, daß »albern« einen sehr harten Ausdruck der Verurteilung bedeutete.

Wer aber, seitdem er sie zum ersten Male auf der Straße erschaut, Thomas Buddenbrooks Braut mit einer ingrimmigen Begeisterung verehrte, das war der Makler Gosch. »Ha!« sagte er im Klub oder in der »Schiffergesellschaft«, indem er sein Punschglas emporhielt und sein Intrigantengesicht in greulicher Mimik verzerrte … »Welch ein Weib, meine Herren! Here und Aphrodite, Brünhilde und Melusine in einer Person … Ha, das Leben ist doch schön!« fügte er unvermittelt hinzu; und keiner der Bürger, die um ihn her auf den schweren geschnitzten Holzbänken des alten Schifferhauses unter den Seglermodellen und großen Fischen, die von der Decke herabhingen, saßen und ihren Schoppen tranken, keiner verstand, welches Ereignis das Erscheinen Gerda Arnoldsens in dem bescheidenen und nach Außerordentlichem sehnsüchtigen Leben des Maklers Gosch bedeutete …

Nicht verpflichtet, wie gesagt, zu größeren Festlichkeiten, hatte die kleine Gesellschaft in der Mengstraße desto bessere Muße, vertraut miteinander zu werden. Sievert Tiburtius erzählte, Klaras Hand in der seinen, von seinen Eltern, seiner Jugend und seinen Zukunftsplänen; die Arnoldsens erzählten von ihrem Stammbaum, der in Dresden zu Hause war, und von dem nur dieser eine Zweig in die Niederlande verpflanzt worden sei; und dann verlangte Madame Grünlich nach dem Schlüssel zum Sekretär im Landschaftszimmer und schleppte ernsthaft die Mappe mit den Familienpapieren herbei, in denen Thomas auch die neuesten Daten bereits vermerkt hatte. Sie kündete mit Wichtigkeit von der Geschichte der Buddenbrooks, von dem Gewandschneider zu Rostock an, der sich bereits so sehr gut gestanden, sie las alte Festgedichte vor:

»Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne Sich vor unsrem Blick verband: Venus Anadyomene Und Vulcani fleiß'ge Hand …«

wobei sie Tom und Gerda anblinzelte und die Zunge an der Oberlippe spielen ließ; und aus Achtung vor der Historie überging sie keineswegs das Eingreifen in die Familiengeschichte von seiten einer Persönlichkeit, deren Namen sie eigentlich nicht gern in den Mund nahm …

Donnerstags um vier Uhr aber kamen die gewohnten Gäste: Justus Kröger kam mit seiner schwachen Gattin, mit der er sehr in Unfrieden lebte, weil sie selbst nach Amerika noch dem ungeratenen und enterbten Jakob Geld über Geld sandte … sie ersparte es ganz einfach vom Wirtschaftsgelde und aß mit ihrem Manne beinahe nichts als Buchweizengrütze, da war nichts zu machen. Es kamen die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße, die denn doch der Wahrheit die Ehre geben und feststellen mußten, daß Erika Grünlich wieder nicht zugenommen habe, daß sie ihrem Vater, dem Betrüger, noch ähnlicher geworden sei, und daß des Konsuls Braut eine ziemlich auffällige Frisur trage … Und auch Sesemi Weichbrodt kam, stellte sich auf die Zehenspitzen, küßte Gerda mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn und sagte bewegt: »Sei glöcklich, du gutes Kend!«

Dann sprach bei Tische Herr Arnoldsen einen seiner witzigen und phantasievollen Toaste zu Ehren der Brautpaare, und hernach, während man den Kaffee nahm, spielte er die Geige wie ein Zigeuner, mit einer Wildheit, einer Leidenschaft, einer Fertigkeit … aber auch Gerda holte ihre Stradivari herbei, von der sie sich niemals trennte, und griff mit ihrer süßen Cantilene in seine Passagen ein, und sie spielten pompöse Duos, im Landschaftszimmer, beim Harmonium, an derselben Stelle, wo einstmals des Konsuls Großvater seine kleinen, sinnigen Melodien auf der Flöte geblasen hatte.

»Erhaben!« sagte Tony, die weit zurückgebeugt in ihrem Lehnsessel saß … »O Gott, wie finde ich es erhaben!« Und ernst, langsam und gewichtig, mit aufwärts gerichteten Augen fuhr sie fort, ihre lebhaften und aufrichtigen Empfindungen auszudrücken … »Nein, wißt ihr, wie es im Leben so geht … nicht jedem wird ja immer eine solche Gabe zuteil! Mir hat der Himmel dergleichen versagt, wißt ihr, obgleich ich ihn in mancher Nacht darum angefleht … Ich bin eine Gans, ein dummes Ding … Ja, Gerda, laß dir sagen … ich bin die Ältere und habe das Leben kennengelernt .... Du solltest täglich deinem Schöpfer auf den Knien dafür danken, ein solch gottbegnadigtes Geschöpf zu sein …!«

»… Begnadetes«, sagte Gerda und zeigte lachend ihre schönen, weißen, breiten Zähne.

Später aber rückten alle zusammen, um gemeinsam über die nächste Zukunft das Nötige zu beratschlagen und Weingelee dazu zu essen. Am Ende des Monats oder Anfang September, so ward beschlossen, würden Sievert Tiburtius sowohl wie Arnoldsens in die Heimat zurückkehren. Gleich nach der Weihnacht sollte Klaras Trauung in der Säulenhalle mit allem Aufwand gefeiert werden, während die Hochzeit in Amsterdam, der »bei Leben und Gesundheit« auch die Konsulin beizuwohnen gedachte, bis zum Beginn des nächsten Jahres verschoben werden mußte: damit eine Ruhepause vorherginge. Es half nichts, daß Thomas sich widersetzte. »Bitte!« sagte die Konsulin und legte die Hand auf seinen Arm … »Sievert hat das prévenir!«

Der Pastor und seine Braut verzichteten auf eine Hochzeitsreise. Gerda und Thomas aber wurden sich einig über eine Route durch Oberitalien nach Florenz. Sie würden etwa zwei Monate abwesend sein; unterdessen aber sollte Antonie, zusammen mit dem Tapezierer Jacobs aus der Fischstraße, das hübsche kleine Haus in der Breiten Straße bereitmachen, das einem nach Hamburg verzogenen Junggesellen gehörte, und dessen Ankauf der Konsul bereits betrieb. Oh, Tony würde das schon zur Zufriedenheit ausführen! »Ihr sollt es vornehm haben!« sagte sie; und davon waren alle überzeugt.

Christian aber ging mit seinen dünnen, gebogenen Beinen und seiner großen Nase in diesem Zimmer umher, in dem zwei Brautpaare sich an den Händen hielten, und in dem von nichts anderem als von Trauung, Aussteuer und Hochzeitsreisen die Rede war. Er empfand eine Qual, eine unbestimmte Qual in seinem linken Bein und sah alle aus seinen kleinen, runden, tiefliegenden Augen ernst, unruhig und nachdenklich an. Schließlich sagte er in der Aussprache Marcellus Stengels zu seiner armen Kusine, die ältlich, still, dürr und selbst nach Tische noch hungrig inmitten der Glücklichen saß: »Na, Thilda, nun heiraten wir auch bald; das heißt … jeder für sich!«

Neuntes Kapitel

Ungefähr sieben Monate später kehrte Konsul Buddenbrook mit seiner Gattin aus Italien zurück. Märzschnee lag in der Breiten Straße, als fünf Uhr nachmittags die Droschke an der schlichten, mit Ölfarbe gestrichenen Fassade ihres Hauses vorfuhr. Ein paar Kinder und erwachsene Bürger blieben stehen, um die Ankömmlinge aussteigen zu sehen. Frau Antonie Grünlich stand, stolz auf die Vorbereitungen, die sie getroffen, in der Haustür, und hinter ihr hielten sich, gleichfalls zum Empfange bereit, mit weißen Mützen, nackten Armen und dicken, gestreiften Röcken, die beiden Dienstmädchen, die sie ihrer Schwägerin kundig erwählt hatte.

Eilfertig und erhitzt von Arbeit und Freude lief sie die flachen Stufen hinunter und zog Gerda und Thomas, die in ihren Pelzen den mit Koffern bepackten Wagen verließen, unter Umarmungen in den Hausflur hinein …

»Da seid ihr! Da seid ihr, ihr Glücklichen, die ihr so weit herumgekommen seid! Habt ihr das Haus gesehen: auf Säulen ruht sein Dach?… Gerda, du bist noch schöner geworden, komm, laß mich dich küssen … nein, auch auf den Mund … so! Guten Tag, alter Tom, ja, du bekömmst auch einen Kuß. Marcus hat gesagt, es sei hier alles sehr gut gegangen unterdessen. Mutter erwartet euch in der Mengstraße; aber zuvor macht ihr es euch bequem … Wollt ihr Tee haben? Ein Bad nehmen? Es ist alles bereit. Ihr werdet euch nicht zu beklagen haben. Jacobs hat sich angestrengt, und ich habe auch getan, was ich konnte …«

Sie gingen zusammen auf den Vorplatz, während die Mädchen mit dem Kutscher das Gepäck hereinschleppten. Tony sagte: »Die Zimmer hier im Parterre werdet ihr vorläufig nicht viel gebrauchen … vorläufig«, wiederholte sie und ließ die Zungenspitze an der Oberlippe spielen. »Dies hier ist hübsch« – und sie öffnete gleich rechts beim Windfang eine Tür. – »Da ist Efeu vor den Fenstern … einfache Holzmöbel … Eiche … Dort hinten, jenseits des Korridors, liegt ein anderes, größeres. Hier rechts sind Küche und Speisekammer … Aber wir wollen hinaufgehen; oh, ich will euch alles zeigen!«

Sie stiegen auf dem breiten, dunkelroten Läufer die bequeme Treppe empor. Droben, hinter einer gläsernen Etagentür, war ein schmaler Korridor. Es lag das Speisezimmer daran, mit einem schweren runden Tisch, auf dem der Samowar kochte, und dunkelroten, damastartigen Tapeten, an denen geschnitzte Nußholzstühle mit Rohrsitzen und ein massives Büfett standen. Ein behagliches Wohnzimmer in grauem Tuche war da, nur durch Portieren getrennt von einem schmalen Salon mit grüngestreiften Ripsfauteuils und einem Erker. Ein Viertel des ganzen Stockwerkes aber nahm ein Saal von drei Fenstern ein. Dann gingen sie ins Schlafzimmer hinüber.

Es lag zur rechten Hand am Korridor, mit geblümten Gardinen und mächtigen Mahagonibetten. Tony aber ging zu der kleinen, durchbrochenen Pforte dort hinten, drückte die Klinke und legte den Zugang zu einer Wendeltreppe frei, deren Windungen ins Souterrain hinabführten: ins Badezimmer und die Mädchenkammern.

»Hier ist es hübsch. Hier will ich bleiben«, sagte Gerda und sank aufatmend in den Lehnsessel an einem der Betten.

Der Konsul beugte sich zu ihr und küßte ihr die Stirne. »Müde? Aber es ist wahr, ich habe auch Lust, mich ein bißchen zu säubern …«

»Und ich werde nach dem Teewasser sehen«, sagte Frau Grünlich; »ich erwarte euch im Eßzimmer …« Und sie ging dorthin.

Der Tee stand dampfend in Meißener Tassen bereit, als Thomas herüberkam. »Da bin ich«, sagte er, »Gerda möchte noch eine halbe Stunde ruhen. Sie hat Kopfschmerzen. Wir wollen nachher in die Mengstraße … Alles wohlauf, meine liebe Tony? Mutter, Erika, Christian?… Aber nun«, fuhr er mit seiner liebenswürdigsten Bewegung fort, »unseren herzlichsten Dank, auch Gerdas, für all deine Mühen, du Gute! Wie hübsch du das alles gemacht hast! Es fehlt nichts, als daß meine Frau ein paar Palmen für ihren Erker bekommt, und daß ich mich nach einigen brauchbaren Ölgemälden umsehe … Aber nun erzähle mal! Wie geht es dir, was hast du getrieben unterdessen!«

Er hatte seiner Schwester einen Stuhl zu sich herangezogen, trank langsam seinen Tee und aß ein Biskuit, während sie sprachen.

»Ach, Tom«, antwortete sie. »Was soll ich treiben? Mein Leben liegt hinter mir …«

»Unsinn, Tony! Du mit deinem Leben … Aber wir langweilen uns wohl ziemlich stark?«

»Ja, Tom, ich langweile mich ganz ungemein. Manchmal heule ich vor Langerweile. Die Beschäftigung mit diesem Hause hat mir Freude gemacht, und du glaubst nicht, wie glücklich ich über eure Rückkehr bin … Aber ich bin nicht gern zu Hause, weißt du; Gott strafe mich, wenn das eine Sünde ist. Ich bin nun im Dreißigsten, aber das ist noch nicht das Alter, um mit der letzten Himmelsbürgern oder den Damen Gerhardt oder einem von Mutters Dunkelmännern, die der Witwen Häuser fressen, Busenfreundschaft zu schließen … Ich glaube nicht an sie, Tom, es sind Wölfe in Schafspelzen … Otterngezücht … Wir sind alle schwache Menschen mit sündigen Herzen, und wenn sie mitleidig auf mich armes Weltkind herabsehen wollen, so lache ich sie aus. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß alle Menschen gleich sind, und daß es keiner Mittlerschaft bedarf zwischen uns und dem lieben Gott. Du kennst auch meine politischen Grundsätze. Ich will, daß der Bürger zum Staate …«

»Also du fühlst dich ein wenig vereinsamt, wie?« fragte Thomas, um sie wieder auf den Weg zu bringen. »Aber höre, du hast doch Erika?«

»Ja, Tom, und ich liebe das Kind von ganzem Herzen, obgleich eine gewisse Persönlichkeit behauptete, ich sei nicht kinderlieb … Aber, siehst du … ich bin offen zu dir, ich bin ein ehrliches Weib, ich rede, wie's mir ums Herz ist und halte nichts vom Wortemachen …«

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