VIII. Brief. Abaelard an Heloise.
P. Baumgärtner translation
Zu einem Teil habe ich deine Bitte erfüllt, so gut ich’s vermochte. Es bleibt mir noch übrig, mit Gottes Beistand zu erledigen, was noch im Rückstand ist und so deine und deiner geistigen Töchter Wünsche zu befriedigen. Der weitere Inhalt eurer Forderung geht dahin: ich soll euch eine bestimmte Vorschrift, die euch als Regel für euren Orden dienen könnte, aufsetzen und zusenden, damit ihr an dem geschriebenen Buchstaben einen sicherern Anhaltspunkt für euer Thun und Lassen habet als an dem bloßen Herkommen. So habe ich mir denn vorgenommen, teils altbewährte Gebräuche, teils die Zeugnisse der heiligen Schrift und der Vernunft zu Grunde zu legen und daraus ein Ganzes zu bilden. Den geistigen Tempel Gottes, welcher ihr seid, möchte ich damit ausschmücken wie mit schönen Malereien und aus verschiedenen Bruchstücken ein einheitliches Werk aufbauen. Dabei will ich mir den Maler Zeuxis zum Vorbild nehmen und bei der Ausschmückung meines geistigen Tempels so verfahren, wie er es einst bei einem sichtbaren gemacht hat. Cicero erzählt nämlich in seinem Buch „Rhetorica“ folgendes: „Die Bürger von Kroton beriefen den Zeuxis, um einen Tempel, der ihnen besonders heilig war, von ihm mit prächtigen Gemälden ausschmücken zu lassen. Zu diesem Zweck wählte er sich aus der Bevölkerung die fünf schönsten Mädchen, die bei seiner Arbeit vor ihm standen und deren Schönheit ihm zum Muster diente. Dies ist aus zwei Gründen ganz wohl glaublich: einmal, weil dieser Maler nach der Mitteilung des genannten Schriftstellers eine besondere Geschicklichkeit darin hatte, Frauen zu malen; sodann auch, weil weibliche Formen selbstverständlich einen feineren, lieblicheren Eindruck machen als männliche. Mehrere Mädchen aber, sagt der erwähnte Philosoph, habe er ausgewählt, weil er nicht glaubte, daß er eine finden werde, bei der alle Glieder gleich formvollendet wären, und daß die Natur eine einzige mit so reicher Schönheit ausgestattet habe, daß sie lauter gleich schöne Körperteile aufzuweisen hätte. Die Natur, das war seine Meinung, bilde in der Körperwelt nichts durchaus und gleichmäßig Vollendetes, als fürchtete sie, wenn sie alle Vorzüge auf einen Gegenstand vereinige, für die anderen nichts mehr übrig zu haben.“
So will auch ich verfahren, indem ich mich anschicke, die Schönheit der Seele zu malen und die Vollkommenheit der Braut Christi zu beschreiben. Möget ihr mein Werk als einen Spiegel der rechten gottgeweihten Jungfrau allezeit vor Augen haben und daraus eure Schönheit oder Häßlichkeit erkennen. Ich will zu dem Zweck aus den zahlreichen Schriften der heiligen Väter und aus den bewährtesten Klostergebräuchen eine Regel für euch zusammenstellen. Von allem, was mir ins Gedächtnis kommt, will ich das Beste nehmen und alles gleichsam in Ein Bündel sammeln, was mit eurem heiligen Berufe sich berührt. Und zwar werde ich dabei nicht bloß die Bestimmungen für Nonnen berücksichtigen, sondern auch diejenigen für Mönche; denn wie euch Ein Name und dasselbe Gelübde der Enthaltsamkeit mit uns verbindet, so gelten auch fast alle unsere Bestimmungen ebenso für euch. Aus diesem Vorrat, wie gesagt, will ich dieses und jenes auswählen, gleichsam eine Blumenlese, mit der ich die Lilien eurer Keuschheit schmücken will, und zu dem Zweck werde ich auf die Beschreibung der Braut Christi mehr Fleiß verwenden müssen als Zeuxis auf sein Götzenbild. Er glaubte es sei genug, wenn er fünf Jungfrauen habe, um ihre Schönheit nachzubilden. Uns aber steht der ganze Reichtum von Schriften der Väter zu Gebote und so hoffen wir im Vertrauen auf die göttliche Hilfe, euch ein vollkommeneres Werk zu hinterlassen, das euch tüchtig macht zu dem Los und zu den Tugenden jener fünf klugen Jungfrauen, die uns der Herr im Evangelium zeigt als Vorbilder christlicher Jungfräulichkeit. Mögen eure Gebete mir dazu helfen, daß dem Wollen das Vollbringen nicht mangle. Seid in Christo gegrüßt, ihr Bräute Christi!
Ich habe beschlossen, die Schrift, welche ich zu eurer Belehrung verfassen will und in welcher ich euren frommen Stand beschreiben und fest umgrenzen, sowie über die würdige Begehung des Gottesdienstes reden werde, in drei Abschnitte einzuteilen. Denn drei Stücke sind, so glaube ich, der Hauptsache nach wesentlich für das klösterliche Leben: Keuschheit, Besitzlosigkeit und Schweigen; das heißt nach der Vorschrift, welche der Herr im Evangelium giebt: die Lenden umgürten, allem entsagen, müßige Worte vermeiden. Unter Keuschheit aber ist diejenige Enthaltsamkeit zu verstehen, welche der Apostel empfiehlt mit den Worten: „Welche nicht freiet, die sorget was dem Herrn angehöret, daß sie heilig sei, beide an Leib und auch am Geist“. Am Leib, sagt er, und meint damit den ganzen, nicht bloß ein einzelnes Glied, damit nicht irgend eines in Worten oder Handlungen zur Unreinigkeit abirre. Heilig an der Seele ist sie dann, wenn weder in ihrem Herzen ein unreiner Gedanke aufsteigen darf noch auch der Stolz sie aufbläht, wie die fünf thörichten Jungfrauen, die, während sie zurückliefen, um Öl zu kaufen, hinausgeschlossen wurden. Und als sie nun vergebens an die geschlossene Thür pochten und riefen: „Herr, Herr, thue uns auf!“ — da wird ihnen von diesem selbst die furchtbare Antwort zu teil: „Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht“.
Sodann aber verlassen wir alles und folgen nackt dem nackten Christus nach, wie es die heiligen Apostel gemacht haben. Dazu gehört, daß wir um seinetwillen nicht bloß irdischen Besitz oder Bande des Blutes, sondern auch unsern eigenen Willen hintansetzen, so daß wir nicht nach eigenem Gutdünken leben, sondern durch den Willen unseres Vorgesetzten uns lenken lassen und uns dem, der an Christi Statt unser Oberhaupt ist, völlig unterwerfen wie Christo selbst. Er sagt selbst von solchen: „Wer euch höret, der höret mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich“. Selbst wenn jener, was Gott verhüte, einen üblen Lebenswandel führen sollte — wenn er nur gute Vorschriften giebt; denn um der schlechten Menschen willen darf man Gottes gute Absicht nicht verachten. In dieser Beziehung sagt der Herr selbst: „Was sie euch sagen, das haltet und thut, aber nach ihren Werken sollt ihr nicht thun“. Worin aber diese Bekehrung von der Welt zu Gott bestehe, darüber äußert er sich deutlich also: „Wer nicht entsagt allem, das er hat, der kann nicht mein Jünger sein“. Ferner: „So jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kind, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein“. Seinen Vater oder seine Mutter hassen heißt aber so viel als: sich nicht durch die Rücksicht auf Bande des Blutes halten lassen; gleichwie sein Leben hassen so viel ist als: auf seinen eigenen Willen verzichten. Dieses Verlangen stellt der Herr selbst ein anderes Mal an uns mit den Worten: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir“. Denn also gehen wir hinter ihm drein auf seiner Spur, wir folgen ihm nach, indem wir mit Eifer sein Beispiel nachahmen, der gesagt hat: „Ich suche nicht meinen Willen, sondern des Vaters Willen, der mich gesandt hat“. Als wollte er sagen: wir sollen alles im Gehorsam thun. Denn was heißt „sich selbst verleugnen“ anderes als: das Behagen des Fleisches und den eigenen Willen hintansetzen und sich von fremdem, nicht vom eigenen Gutdünken leiten lassen? Und so empfängt der Mensch sein Kreuz nicht aus eines anderen Hand, sondern er nimmt es selbst auf sich, und durch dasselbe ist ihm die Welt gekreuzigt und er der Welt, wenn er durch ein freiwilliges Gelübde allen weltlichen und irdischen Wünschen entsagt, d. h. auf seinen eigenen Willen verzichtet. Denn was wollen die, die vom Fleische sind, anderes als ihren Willen durchsetzen? Und giebt es eine höhere irdische Lust, als die Befriedigung des eigenen Willens, wenn dieselbe gleich mit höchster Mühe und Gefahr erkauft werden muß? Dagegen das Kreuz tragen, d. h. eine Qual aushalten — was ist es anderes, als etwas geschehen lassen, was unserem Willen zuwider ist, wiewohl die Durchsetzung desselben uns leicht und angenehm wäre? Darum spricht ein anderer Jesus, der freilich an den wahren nicht hinanreicht, im Buch Sirach die Warnung aus: „Folge nicht deinen bösen Lüsten, sondern brich deinen Willen, denn wo du deinen bösen Lüsten folgest, so wirst du dich deinen Feinden selbst zum Spott machen“. Wenn wir aber so unsern Wünschen wie uns selber ganz und gar entsagen, dann geben wir in Wirklichkeit jeden Eigenbesitz auf und führen jenes apostolische Leben, dem alles gemeinsam ist, wie geschrieben steht: „Die Menge aber der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele; auch keiner sagete von seinen Gütern, daß sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemein, und es wurde jedem zugeteilt nach dem ihm not war“. Nicht alle hatten ja die gleichen Bedürfnisse, darum teilte man nicht allen das gleiche Maß zu, sondern jedem, nachdem ihm not war. „Ein Herz“ — im Glauben, denn mit dem Herzen glaubt man. „Eine Seele“ — denn aus Liebe kamen sie einander mit ihren Wünschen entgegen; jeder wünschte dem andern das, was er selbst wollte, und niemand war mehr auf den eigenen Vorteil bedacht als auf den des Nächsten, sondern alles wurde dem allgemeinen Wohl dienstbar gemacht. Niemand suchte und erstrebte das Seine, sondern das, was Jesu Christi ist. Denn anders wäre ein Leben ohne persönliches Eigentum nicht denkbar, das mehr im Ehrgeiz als im eigentlichen Besitz seinen Grund hat.
Jedes überflüssige, müßige Wort ist ebensogut wie Schwatzhaftigkeit. Der heilige Augustin sagt im ersten Buch seiner Retraktationen: „Es sei ferne von mir, den Vorwurf der Schwatzhaftigkeit zu erheben, wo Notwendiges geredet wird, sei es auch mit großer Wortfülle und Ausführlichkeit“. Und Salomo seinerseits sagt: „Wer viel redet, der wird leicht in Sünden fallen; wer aber seine Zunge im Zaum hält, der ist klug“. Wir dürfen uns also wohl hüten vor einem Ding, das so leicht zur Sünde führt; je gefährlicher die Krankheit ist und je schwieriger zu vermeiden, desto ängstlicher müssen wir vor ihr auf der Hut sein. Im Hinblick darauf sagt der heilige Benedikt: „Die Mönche sollen sich allezeit des Schweigens befleißigen“. Aus dem Schweigen eine förmliche Übung zu machen, ist sicherlich mehr als einfach Schweigen beobachten. Denn zum Begriff der Übung gehört es, daß man den Willen streng dazu anhält, irgend etwas zu thun. Denn vieles thun wir nachlässig oder unwillkürlich; soll aber etwas herauskommen, so muß unser Wille und unsere Aufmerksamkeit dabei sein.
Wie schwer, aber auch wie nützlich es ist, seine Zunge im Zaume zu halten, das weiß der Apostel Jakobus wohl und sagt deshalb: „Wir fehlen alle manchfältiglich; wer aber auch in keinem Wort fehlet, der ist ein vollkommener Mann“. Und weiter sagt er: „Alle Natur der Tiere und der Vögel und der Schlangen und der Meerwunder werden gezähmet und sind gezähmet von der menschlichen Natur“. Indem er sich aber deutlich macht, wie die Zunge eine Urheberin von so viel Bösem und alles Guten Zerstörerin ist, sagt der Apostel weiter oben und weiter unten in seinem Brief: „Die Zunge ist ein klein Glied, aber welch ein Feuer! Welch einen Wald zündet’s an!… eine Welt voll Ungerechtigkeit, ein unruhiges Übel, voll tödlichen Giftes“. Was aber ist gefährlicher und mehr zu fürchten als Gift? Wie also durchs Gift das Leben vernichtet wird, so zerstört die Geschwätzigkeit alle Frömmigkeit. Darum heißt es im gleichen Briefe weiter vorn: „So aber sich jemand unter euch lässet dünken, er diene Gott und hält seine Zunge nicht im Zaum, sondern verführet sein Herz, des Gottesdienst ist eitel“. So heißt es auch in den Sprüchen: „Ein Mann, der seinen Geist nicht halten kann, ist wie eine Stadt ohne Mauern“. So meinte es auch jener Greis, als ihm Antonius in Beziehung auf einige vielredende Brüder, welche sich zu ihm gesellt hatten, sagte: „Du hast rechtschaffene Brüder angetroffen, mein Vater.“ Jener antwortete: „Rechtschaffene wohl, aber ihr Haus hat keine Thüre. Wer nur will, kann in ihren Stall eintreten und den Esel losbinden“. Denn unsere Seele ist gleichsam angebunden an die Krippe des Herrn, und nährt und erquickt sich da mit frommen Betrachtungen. Von dieser Krippe wird sie gelöst und schweift mit ihren Gedanken in der ganzen Welt herum, wenn das Gebot des Schweigens sie nicht zurückhält. Durch Worte wird die vernunftbegabte Seele veranlaßt, auf das, was sie hört, aufzumerken und darüber nachzudenken. Mit Gott aber reden wir in Gedanken, wie mit den Menschen in Worten. Während wir nun hier auf die Worte der Menschen hören, muß unsere Aufmerksamkeit notwendig von dort abgezogen werden, denn wir können nicht Gott und den Menschen zugleich unsere Aufmerksamkeit schenken.
Und nicht bloß müßige Worte sollen wir vermeiden, sondern auch solche, mit denen vielleicht einiger Nutzen verbunden sein könnte; denn allzuleicht kommt man vom Notwendigen aufs Unnütze und vom Unnützen aufs Schädliche. Denn „die Zunge, sagt Jakobus, ist ein unruhiges Übel“. Je kleiner und feiner sie ist als die übrigen Glieder, desto beweglicher, und während die andern durch Bewegung müde werden, ermattet sie, wenn sie nicht in Bewegung gesetzt wird, und gerade die Ruhe ist ihr unerträglich. Je feiner und biegsamer sie aber infolge der Weichheit unseres Körpers ist, desto lebhafter ist ihre Neigung, sich zu bewegen und zu sprechen, und so kann sie zur Pflanzstätte alles Bösen werden.
Der Apostel wußte, daß die Zunge hauptsächlich euch viel zu schaffen mache und untersagt deshalb den Frauen das Sprechen in der gottesdienstlichen Versammlung, selbst das Reden über religiöse Fragen; sie sollen zu Hause ihre Männer fragen, und auch wenn sie über solche Dinge belehrt werden, sollen sie, wie überhaupt bei all ihrem Thun, demütiges Schweigen beobachten. Dem Timotheus schreibt er hierüber: „Ein Weib lerne in der Stille mit aller Unterthänigkeit; einem Weib aber gestatte ich nicht, daß sie lehre, auch nicht daß sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei“. Wenn nun der Apostel Laien und verheirateten Frauen solche Vorschriften in Betreff des Schweigens giebt — was werdet dann ihr zu thun haben? Indem er dem Timotheus solche Vorschriften giebt, will er damit sagen, daß die Frauen wortreich seien und gern reden, wo es nicht nötig ist.
Um diesem Übel nun einigermaßen zu steuern, soll die Zunge im Zaum gehalten und vollständiges Schweigen beobachtet werden an folgenden Orten und zu folgenden Zeiten: beim Gottesdienst, im Kloster, im Schlafsaal, im Refektorium, beim Essen, in der Küche und ganz besonders nach dem Kompletorium. Wenn es notwendig ist, kann man an den genannten Orten und zu den vorgeschriebenen Zeiten statt der Worte Zeichen anwenden. Man hat dafür Sorge zu tragen, daß jedermann diese Zeichen erlerne. Durch dieselben kann man einander, wenn man notwendig etwas zu sagen hat, auch an einen geeigneten, dazu bestimmten Ort bestellen. Und nachdem man sich mit möglichst wenig Worten verständigt hat, gehe man an seinen vorigen Platz zurück oder thue, was zu thun ist. Auch soll man den Mißbrauch von Worten oder Zeichen schonungslos tadeln, besonders aber das Übermaß von Worten, weil hier die größte Gefahr droht.
In dem lebhaften Wunsche, dieser vielfachen und großen Gefahr zu steuern, giebt uns der heilige Gregorius im achten Buch seiner „Moralia“ folgende Vorschrift: „Wenn wir uns nicht vor überflüssigen Worten hüten, so kommen wir bald bei den wirklich schädlichen an. Daraus entstehen dann Reibereien und Streitigkeiten, der Zündstoff des Hasses gerät in Flammen und mit dem Frieden des Herzens ist es vorbei“. Daher sagt Salomo mit Recht: „Wer Wasser verschüttet, der ruft Streit hervor“. Wasser verschütten, das heißt: seiner Zunge den Lauf lassen. Dagegen sagt er in lobendem Sinn: „Tiefes Wasser kommt aus dem Munde des Mannes“. Also wer Wasser verschüttet, der ruft Streit hervor: denn wer seine Zunge nicht im Zaum hat, der sät Zwietracht. Darum heißt es in der Schrift: „Wer einem Narren Schweigen gebietet, der lindert den Zorn“.
Das ist eine deutliche Mahnung für uns, gegen diesen Fehler die größte Strenge walten zu lassen und ja keine Nachsicht ihm gegenüber zu üben, wodurch die Frömmigkeit schwer gefährdet würde. Denn aus dieser Quelle entspringen Verleumdung, Streit, Verunglimpfung, ja manchmal Zusammenrottungen und Verschwörungen, welche das Gebäude der Religion erschüttern, ja über den Haufen werfen. Ist dieses Laster ausgerottet, so werden damit freilich nicht auch zugleich die bösen Gedanken unterdrückt, doch werden wenigstens andere vor Ansteckung bewahrt.
Der Abt Macarius warnte vor diesem Laster so nachdrücklich, als glaubte er, daß die Vermeidung desselben allein schon zur Frömmigkeit genüge. Es wird von ihm erzählt: „Der Abt Macarius in Skythien gab seinen Mönchen die Weisung: ‚Nach der Messe meidet einander, meine Brüder‘. Da sagte einer der Mönche: ‚Vater, wohin sollen wir, um eine größere Einsamkeit zu finden als diese?‘ Da legte er den Finger an die Lippen und sagte: ‚Das ist es, was ihr fliehen sollt‘. Damit trat er in seine Zelle, schloß die Thür hinter sich zu und blieb allein“. Diese Tugend des Schweigens, die nach Jakobus den Menschen vollkommen macht und von der Jesaias sagt: „Schweigen ist Pflege der Gerechtigkeit“ — sie wurde von den heiligen Vätern mit so glühendem Eifer geübt, daß z. B. der Vater Agatho drei Jahre lang einen Stein im Munde trug, bis er schweigen lernte.
Wiewohl die Seligkeit nicht am Ort hängt, so kann er doch unter Umständen zur Bewahrung und Festigung der Frömmigkeit förderlich sein, und je nachdem trägt er zur Förderung oder zur Beeinträchtigung derselben bei. Darum zogen sich auch die Schüler der Propheten, von denen Hieronymus sagt, sie seien die Mönche des alten Bundes, in die Einsamkeit zurück und bauten sich an den Ufern des Jordans ihre Hütten. Auch Johannes und seine Schüler, die Begründer unserer Lebensweise, ferner Paulus, Antonius, Macarius und alle hervorragenden Vertreter unseres Standes haben dem Lärm der an Versuchungen so reichen Welt den Rücken gekehrt und haben sich in der Einsamkeit eine Stätte frommer Betrachtung errichtet, um ganz ungestört des Umgangs mit Gott zu pflegen.
Selbst unser Herr, der doch für keine Versuchung zugänglich war, giebt uns in dieser Hinsicht ein Beispiel, indem er, wenn er etwas Großes vorhatte, mit Vorliebe die Einsamkeit aufsuchte und dem Lärm des Volks aus dem Wege ging. So hat der Herr selbst durch sein vierzigtägiges Fasten die Wüste für uns geheiligt, in der Wüste hat er die Menge gespeist, und um von seinem Gebet jede Störung fernzuhalten, hat er sich nicht bloß von der Menge, sondern auch von seinen Jüngern zurückgezogen. Auch die Jünger hat er abseits auf einem Berg unterrichtet und erwählt, die Einöde war es, die vom Glanze seiner Verklärung wiederstrahlte, auf einem Berge teilte er den versammelten Jüngern die freudige Gewißheit seiner Auferstehung mit, und vom Berge fuhr er gen Himmel, und außerdem verrichtete er noch viele mächtige Thaten in der Wüste oder an einsamen Örtern.
Auch dem Moses und den alten Vätern ist Gott in der Wüste erschienen; durch die Wüste hat er sein Volk ins gelobte Land geführt, in der Wüste hat er es festgehalten, ihm sein Gesetz gegeben, Manna regnen lassen, Wasser aus dem Fels gespendet, durch häufige Erscheinungen sein Volk getröstet und viel Wunder gethan. Durch all das hat das einzigartige Wesen uns deutlich gezeigt, wie sehr es die Einsamkeit für uns liebe, weil wir in derselben reineren Umgangs mit ihm pflegen können.
Ja, unter dem mystischen Bilde des Waldesels, der die Wildnis liebt, die Freiheit beschreibend und preisend, spricht Gott zu dem frommen Hiob: „Wer hat den Waldesel so frei lassen gehen, wer hat die Bande des Wildes aufgelöst? Dem ich das Feld zum Hause gegeben und die Wüste zur Wohnung. Er verlacht das Getümmel der Stadt, das Pochen des Treibers hört er nicht. Er schauet nach den Bergen, da seine Weide ist und suchet, wo es grün ist“.
Es ist als wollte er sagen: Wer hat das gemacht? Bin Ich es nicht? Unter dem, was wir Waldesel nennen, ist der Mönch zu verstehen, der ledig aller weltlichen Bande die ruhevolle Freiheit des einsamen Lebens aufgesucht hat und der Welt entflohen ist. Er wohnt in der Wüste, denn seine Glieder sind ausgetrocknet und abgemagert vom Fasten. Das Pochen des Treibers hört er nicht, wohl aber seine Stimme, weil er seinen Magen nicht überladet, sondern ihm nur das Notwendige zukommen läßt. Denn wer ist tagtäglich ein ungestümerer Treiber als der Magen? Er erhebt ein Geschrei, d. h. er verlangt mit Ungeduld nach überflüssigen und leckeren Speisen, und darauf darf man durchaus nicht hören. Die Berge, da seine Weide ist, das sind die Lebensbilder und Lehren der ehrwürdigen Väter, die wir zu unserer Stärkung lesen und betrachten. Unter dem Grünen sind zu verstehen alle die Schriften, die uns den Weg zum himmlischen, unverwelklichen Leben zeigen.
Eine Mahnung zur Einsamkeit enthält auch das Wort, welches Hieronymus an den Mönch Heliodorus schreibt: „Besinne dich auf die Bedeutung des Wortes ‚Mönch‘, d. h. des Namens, den du trägst. Was thust du unter der Menge, der du der Einsamkeit gehörst?“ Derselbe Schriftsteller unterscheidet unsere Lebensweise von derjenigen der Kleriker in einem Brief an den Presbyter Paulus folgendermaßen: „Wenn du das Amt eines Presbyters verwalten willst, wenn dir die Würde oder vielmehr die Bürde eines Bischofs gefällt, dann wohne in Städten und festen Plätzen und suche dein Glück im Seelenheil anderer. Willst du aber sein, was du heißest, nämlich ein Mönch, d. h. ein Einsamer, was thust du dann in den Städten, die doch nicht Aufenthaltsorte für Einsame sind, sondern für die Menge? Jeder Stand hat seine obersten Vertreter … um nun auf den unsrigen zu kommen: Bischöfe und Presbyter mögen sich die Apostel und apostolischen Männer zum Vorbild nehmen und sich bestreben, ihnen nicht bloß an Rang, sondern auch an Tugend gleichzukommen. Wir aber sollen als unsere Vorbilder betrachten Männer wie Paulus, Antonius, Hilarion, Macarius. Und um wieder auf das zu kommen, was die Schrift uns sagt: unsere Oberhäupter sind Elias, Elisäus, auch die Prophetenschüler sind unsere Führer, welche wohnten im wüsten Gefilde und sich Hütten bauten an den Ufern des Jordans. Zu ihnen gehören auch jene Söhne des Rechab, die keinen Wein und kein gegorenes Getränke tranken, die in Zelten wohnten und welche durch die aus Jeremias ertönende Stimme Gottes gelobt wurden: es solle in ihrem Stamme nie an Männern fehlen, die in Gottes Dienst stehen“.
So sollen also auch wir unsere Wohnung in der Einsamkeit aufschlagen, damit wir fähig sind, vor Gott zu stehen und seinem Dienste uns widmen können. Da wird kein Zudrang von Menschen unsere Ruhestätte erschüttern, unser Stillleben stören, uns mit Versuchungen nahen und die Gedanken von unserem heiligen Beruf abziehen.
Uns allen mag der heilige Arsenius ein deutliches Vorbild sein, den der Herr zur Freiheit eines beschaulichen Lebens geführt hat. Von ihm wird erzählt: „Der Vater Arsenius, als er noch in seinem Palast lebte, betete zu Gott: ‚Herr, führe mich auf den Weg des Heils‘. Da ertönte eine Stimme, die sprach: ‚Arsenius, fliehe die Menschen und du wirst gesund werden‘. Er ergab sich nun dem Mönchsleben und betete wieder einmal mit denselben Worten: ‚Herr, führe mich auf den Weg des Heils‘. Und er vernahm eine Stimme, die sprach: ‚Arsenius, fliehe, schweig, halte Ruh’, das sind die Wurzeln der Sündlosigkeit‘“. Diese göttliche Vorschrift machte er sich zu seiner Regel und floh nicht bloß selber die Menschen, sondern sorgte auch dafür, daß sie vor ihm flohen. Als einmal der Erzbischof in Begleitung einer Magistratsperson ihn besuchen und ein erbauliches Gespräch mit ihm führen wollte, sagte Arsenius: „Und wenn ich euch etwas sagen werde, werdet ihr euch danach richten?“ Als sie dies bejahten, sagte er: „Überall, wo ihr hören werdet: Arsenius ist da — da bleibet ferne“. Als ihn der Erzbischof ein zweites Mal besuchen wollte, schickte er zuvor zu ihm, um zu sehen, ob er ihn empfangen werde. Arsenius ließ ihm sagen: „Wenn du kommst, so werde ich dir zwar meine Thür öffnen; habe ich aber dir geöffnet, so muß ich auch allen andern öffnen, und dann wird meines Bleibens hier nicht länger sein“. Darauf sagte der Bischof: „Wenn ihn mein Besuch nur vertreibt, so will ich nie mehr zu dem heiligen Manne gehen“. Einer römischen Dame, die gekommen war, um seiner Heiligkeit zu huldigen, sagte er: „Was ist dir eingefallen, eine so weite Reise zu machen? Weißt du nicht, daß du ein Weib bist und nicht in der Welt herumfahren sollst? Oder willst du den andern Frauen in Rom erzählen: ich habe den Arsenius gesehen — so daß das Meer bald von Weibern wimmeln wird, die mich besuchen wollen?“ Die Frau antwortete: „Wenn Gott mir die Rückkehr nach Rom verstattet, so will ich dafür sorgen, daß niemand hierher kommt. Aber bitte für mich und gedenke allezeit meiner.“ Darauf Arsenius: „Ja, ich will Gott bitten, daß er die Erinnerung an dich aus meinem Herzen verwische“. Als die Dame dies vernahm, entfernte sie sich ganz betroffen.
Es wird weiter von ihm erzählt: als der Vater Markus ihn fragte, warum er den Menschen so sehr aus dem Wege gehe, habe er geantwortet: „Weiß Gott, ich liebe die Menschen, aber ich kann nicht mit Gott und mit den Menschen zugleich verkehren“.
Die heiligen Väter scheuten den Verkehr und die Bekanntschaft mit den Leuten so sehr, daß einige von ihnen, nur um die Menschen ganz fern von sich zu halten, sich wahnsinnig stellten, ja, was fast unglaublich ist, sich selbst für Ketzer ausgaben. In dem „Leben der Altväter“ kann man es lesen, was der Vater Simeon für Anstalten machte, als der Statthalter der Provinz ihn besuchen wollte: er bedeckte sich mit einem Sack, nahm ein Stück Brot und Käse in die Hand, setzte sich unter die Thür seiner Zelle und fing an zu essen. Man lese auch die Geschichte von jenem Einsiedler, der, als er erfuhr, daß Leute mit Fackeln zu ihm kommen, seine Kleider auszog, sie in den Fluß warf und alsdann ganz nackt sich anschickte, sie zu waschen. Sein Diener errötete bei diesem Anblick und bat die Leute: „Kehret um, der Alte hat den Verstand verloren“. Als er wieder zu ihm kam, fragte er ihn: „Was hast du denn gemacht, Vater? Alle, die dich sahen, sagten: der Alte ist besessen“. Da antwortete der Greis: „Das eben wollte ich hören“.
Von dem Vater Moses ist ferner zu lesen, daß er, um dem Besuch des Statthalters zu entgehen, sich in einen Sumpf flüchtete. Unterwegs begegnete ihm der Statthalter mit seinen Leuten und fragte ihn: „Sag uns, Alter, wo ist die Zelle des Moses?“ Dieser antwortete: „Was wollt ihr von ihm? Er ist ein Narr und ein Ketzer“. Was soll man dazu sagen, daß der Vater Pastor sich nicht von dem Statthalter besuchen ließ, obgleich er dadurch den Sohn seiner Schwester, die ihn flehentlich darum bat, aus dem Gefängnis hätte befreien können? Wie seltsam! Die Mächtigen dieser Welt kommen voll Verehrung und Demut, die Heiligen zu besuchen, und diese sind bestrebt, sie gänzlich von sich fernzuhalten, selbst auf Kosten ihres guten Rufes.
Damit ihr aber auch euer eigenes Geschlecht in der Ausübung dieser Tugend kennen lernet: wer vermöchte jene Jungfrau würdig zu preisen, welche selbst den Besuch des heiligen Martinus zurückwies, um in ihrer Andacht nicht gestört zu werden? Hieronymus schreibt darüber an den Mönch Oceanus: „Im Leben des heiligen Martinus erzählt Sulpitius: der heilige Martinus wollte, da sein Weg ihn vorbeiführte, eine durch ihre Sittenstrenge berühmte Jungfrau besuchen. Allein diese wollte nicht, sondern schickte ihm ein Geschenk und rief dem frommen Mann vom Fenster aus zu: bete dort, mein Vater, denn noch niemals hat mich ein Mann besucht. Martinus, dies vernehmend, dankte Gott, daß sie, von solchem sittlichen Ernst erfüllt, ihrem keuschen Vorsatz treu geblieben war. Er segnete sie und ging fröhlich von dannen“. Diese Jungfrau verschmähte es oder scheute sich, von dem Lager ihrer frommen Betrachtung aufzustehen und war bereit, dem Freunde, der an ihre Thür pochte, zu antworten: „Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?“ Wie würden sich Bischöfe und Prälaten in unserer Zeit gekränkt fühlen, wenn sie eine solche Zurückweisung von Arsenius oder von dieser Jungfrau erfahren hätten! Möchten sich durch diese Beispiele die Mönche beschämen lassen, die jetzt in der Einsamkeit leben und sich so sehr über den Besuch von Bischöfen freuen, daß sie zu ihrer Aufnahme eigene Häuser bauen. Statt die Herren dieser Welt, die gewöhnlich großes Gefolge mitbringen, zu meiden, laden sie dieselben ein, und unter dem Vorwand der Gastfreundschaft vergrößern sie ihre Niederlassungen und machen die Einsamkeit, die sie aufgesucht haben, zur belebten Stadt. Gewiß ist es das Werk des alten listigen Versuchers, daß fast alle heutigen Klöster, während sie in alter Zeit, um den Menschen zu entgehen, in der Abgeschiedenheit gegründet worden waren, später, als die Glut der Frömmigkeit erkaltete, Leute herbeigezogen, Knechte und Mägde in Menge angestellt und große Baulichkeiten an den der Einsamkeit geweihten Orten errichtet haben; so sind sie selber in die Welt zurückgekehrt oder haben vielmehr die Welt bei sich eingeschleppt. In die größten Erbärmlichkeiten verwickelt und von weltlicher wie von geistlicher Gewalt geknechtet, haben sie zugleich Namen und Wesen des Mönchs, d. h. des Einsiedlers, verloren, während sie müßig und von der Arbeit anderer leben wollten. Ihre Lage ist oftmals eine so bedrängte, daß sie, mit der Verteidigung ihrer Schutzbefohlenen und ihres Eigentums beschäftigt, oft ihr eigenes Besitztum einbüßen, und daß bei dem häufigen Brande der benachbarten Häuser auch die Klöster selbst vom Feuer ergriffen werden. Und dennoch legen sie ihrem Übermut keine Zügel an.
Solche Menschen halten es innerhalb des Klosterbezirks nicht aus, sondern selbzweit und selbdritt, manchmal auch allein, durchstreifen sie Dörfer, Schlösser und Städte, ohne um eine Ordensregel sich zu kümmern. Sie sind viel schlechter als die Weltmenschen, weil sie an ihrem Gelübde zu Verrätern werden. Die Häuser, in welchen sie wohnen, nennen sie mißbräuchlich „Obedientien“, und doch wird hier keine Regel eingehalten und nur dem Bauch und dem Fleische wird Gehorsam geleistet. Hier hausen sie mit ihren Verwandten und guten Freunden und leben ungestört nach ihres Herzens Gelüste, da sie von ihrem Gewissen nichts zu fürchten haben. Solchen frechen Verrätern werden gewiß auch solche Ausschweifungen zum Verbrechen, die bei anderen Menschen verzeihlich sind.
Mit derartigen Menschen dürfet ihr nicht bloß nicht in Berührung kommen — ihr solltet nicht einmal von ihnen hören. Für eure Schwachheit aber ist die Einsamkeit darum so notwendig, weil wir hier den Angriffen fleischlicher Versuchungen weniger ausgesetzt sind und unsern Sinnen weniger Gelegenheit geboten ist, uns zum Stofflichen hinabzuziehen. Darum sagt auch der heilige Antonius: „Wer in der Einsamkeit wohnt und ein beschauliches Leben führt, dem bleiben dreierlei Kämpfe erspart, der mit dem Gehör, der mit der Zunge und der mit den Augen, und nur Ein Kampf bleibt ihm zu bestehen: der mit dem Herzen“. Diese Vorzüge der Einsamkeit hat auch der große Kirchenlehrer Hieronymus gar wohl erkannt, und dem Mönche Heliodorus sie vorhaltend, ruft er aus: „O Einsamkeit, die du dich des vertrauten Umgangs mit Gott erfreust! Mein Bruder, was machst du dir in der Welt zu schaffen, der du über der Welt stehst!“
Nachdem ich nun im allgemeinen darüber gesprochen habe, wo ein Kloster passend anzulegen sei, will ich noch zeigen, wie die Lage des Ortes selbst des näheren beschaffen sein soll. Bei der Wahl des Ortes für ein Kloster ist, soweit dies irgend geschehen kann, der Rat des heiligen Benediktus zu befolgen: innerhalb des klösterlichen Bezirkes soll womöglich alles das beschlossen sein, was für ein Kloster unumgänglich notwendig ist: nämlich Garten, Brunnen, Mühle, Bäckerei mit Backofen und Räumlichkeiten, wo die Schwestern ihre täglichen Geschäfte verrichten können, so daß kein Anlaß vorhanden ist, draußen herumzuschweifen.
Wie im Kriegslager eines weltlichen Heeres, so muß auch in den Lagern des Herrn, d. h. in den klösterlichen Gemeinschaften, ein Oberhaupt sein, das den andern zu gebieten hat. Dort steht Ein Befehlshaber, dessen Wink in allem befolgt wird, an der Spitze des Ganzen. Wegen der Größe des Heeres und seiner zahlreichen Amtspflichten überträgt er einen Teil seiner Last auf andere und setzt zu diesem Zweck mehrere Unterbefehlshaber ein, welche die einzelnen Abteilungen beaufsichtigen und den Dienst überwachen. So soll es auch in den Klöstern gehalten werden: eine würdige Schwester soll die Oberaufsicht über die andern haben; nach ihrer Meinung und nach ihrem Gutdünken sollen sich die andern richten, keine soll sich unterstehen, ihr Schwierigkeiten zu machen oder gegen ihren Befehl zu murren. Denn keine menschliche Gemeinschaft, nicht einmal die kleine Genossenschaft auch nur Einer Familie kann bestehen, wenn man nicht streng auf Einigkeit hält und nicht das Regiment in der Hand eines Einzigen liegt. Darum schloß auch die Arche, das Abbild der Kirche, mit Einer Elle ab, obwohl sie deren in die Länge und Breite viele hatte. Und in den Sprüchen steht geschrieben: „Um ihrer Sünden willen hat die Erde viele Herren“. Auch nach dem Tod Alexanders vermehrte sich mit den Königen zugleich das Unheil, und in Rom hatte die Eintracht keinen Bestand, als mehrere sich in die Herrschaft teilten; daher sagt Lukanus im ersten Buch seiner Gedichte:
„Den Grund deiner Leiden Schufst du dir selbst, o Rom, da du drei Herren gehorchtest: Nie noch ward ein Vertrag, der die Herrschaft teilte, zum Segen.“
— — — Und einige Verse weiter unten heißt es:
„Ja, so lange die Erde das Meer, der Äther den Erdball Trägt, und die Sonne den Lauf in weiten Bahnen vollendet, Und den Tag ablösend die Nacht mit denselben Zeichen heraufzieht: So lang traut von mehreren Herrn nicht einer dem andern, Und kein Herrscher trägt mit Geduld den Genossen der Herrschaft.“
So ging es gewiß auch mit den Jüngern des frommen Abtes Frontonius. Er hatte deren in seinem Geburtsort gegen siebzig um sich versammelt und große Gnade bei Gott und den Menschen erlangt. Auf einmal verließ er das Kloster in der Stadt und alles, was er an Gütern besaß, und nahm seine Jünger, von allem entblößt, mit sich in die Wüste. Nach kurzer Zeit murrten sie, wie einst das Volk Israel gegen Moses, weil er sie von den Fleischtöpfen Ägyptens und dem Überfluß des Landes in die Wüste geführt habe, und sprachen: „Ist die Keuschheit nur in der Wüste zu Hause, nicht auch in den Städten? Warum kehren wir nicht zurück in die Stadt, die wir nur auf kurze Zeit verlassen wollten? Oder erhört Gott nur in der Wüste Gebete? Wer kann von der Speise der Engel leben? Wer macht sich gern zum Genossen der wilden Tiere? Was nötigt uns, hier zu bleiben? Warum kehren wir nicht zurück in die Heimat, um dort Gott zu preisen?“
Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: „Liebe Brüder, unterwinde sich nicht jedermann Lehrer zu sein und wisset, daß wir desto mehr Urteil empfahen werden“. Und Hieronymus schreibt in der Lebensregel, die er dem Mönch Rusticus gab: „Keine Kunst lernt sich ohne Lehrer. Selbst die unvernünftigen Geschöpfe und die Rudel wilder Tiere haben ihre Führer, denen sie folgen. Bei den Bienen geht Eine voran und die andern folgen. Die Kraniche folgen ihrem Führer in geschlossener Ordnung. Ein Herrscher, Ein Richter der Provinz. Als Rom gegründet wurde, konnte es die beiden Brüder nicht zugleich als Herrscher ertragen, und es kam darob zum Brudermord. Im Leib der Rebekka haben Esau und Jakob einander bekämpft. Jeder Bischof, jeder Oberpriester, jeder Archidiakon und überhaupt der ganze hierarchische Stand hat seinen Vorgesetzten. Im Schiff Ein Steuermann, im Haus Ein Herr. Im größten Heere sieht alles auf den Wink eines Einzigen. Durch all dies will ich nur soviel klar machen, daß man im Kloster nicht nach seinem eigenen Willen lebt, sondern unter der Zucht eines einzigen Vorgesetzten und in der Gemeinschaft mit vielen“.
Um aber die Einigkeit aufrecht zu erhalten, ist es notwendig, daß Eine Schwester allen andern vorstehe, und daß ihr alle übrigen gehorchen. Unter ihr sollen dann wieder andere gleichsam als Hilfsbeamte stehen, welche sie nach eigenem Ermessen wählen mag. Diese sollen ihres Amtes warten in dem Umfang, wie es ihnen von der Oberin übertragen worden ist, und gleichsam die Anführer und Berater im Heere des Herrn sein. Die Gesamtheit der übrigen aber soll als der Truppenkörper unter ihrer Leitung gegen den Bösen und seine Trabanten tapfer ankämpfen.
Ich bin der Meinung, daß für die gesamte Verwaltung des Klosters nicht mehr und nicht weniger als sieben Schwestern notwendig sind: nämlich eine Pförtnerin, eine Kellermeisterin, eine Kleiderbewahrerin, eine Krankenpflegerin, eine Vorsängerin, eine Sakristane, endlich eine Diakonisse, oder, wie man sie jetzt nennt, eine Äbtissin. Diese Diakonisse bekleidet gleichsam die Stelle des Feldherrn, dem alles gehorcht, in diesem geistlichen Lager, in diesem Kriegsdienst des Herrn; steht ja doch geschrieben: „Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kriegsdienst“ — und anderswo: „Schrecklich wie Heeresspitzen“. Die sechs andern Schwestern, die wir Offizialen nennen, stehen unter dem Befehl der ersten und nehmen den Platz der Führer und Konsuln ein. Alle übrigen Nonnen aber, die wir Klausnerinnen nennen, verrichten nach Art von Kriegern den göttlichen Dienst, in welchem sie stehen. Solche Schwestern aber, die sich bekehrt und, ebenfalls der Welt entsagend, sich den Nonnen angeschlossen haben und ein frommes, wenngleich nicht klösterliches Leben führen, nehmen eine mehr untergeordnete Stellung ein, wie der Troß bei einem weltlichen Heer.
Nun aber bleibt noch übrig, unter der Leitung des göttlichen Geistes die einzelnen Rangstufen in diesem Heerwesen genau festzusetzen, damit sie den Angriffen der bösen Geister gegenüber wirkliche „Heeresspitzen“ seien.
Bei der Aufstellung unserer Regel wollen wir mit dem Oberhaupte, nämlich mit der Diakonisse, beginnen und unsere Anordnungen über diejenige Person feststellen, die dann wiederum alles andere anzuordnen hat. Ich habe schon in meinem letzten Brief erwähnt, wie der Apostel Paulus dem Timotheus ihre Frömmigkeit als eine solche beschreibt, die ganz besonders hervorragend und erprobt sein müsse; nämlich also: „Laß keine Witwe erwählt werden unter sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat, so sie den Trübseligen Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich“. Derselbe Apostel sagt in seiner Unterweisung für Diakonen über die Diakonissen: „Desselbengleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein, nicht Lästerinnen, nüchtern, treu in allen Dingen“. Den Zweck und die Absicht, welche der Apostel mit diesen Bestimmungen verfolgt, glaube ich in meinem letzten Brief genügend besprochen zu haben, besonders auch die Frage, warum die Diakonisse nach dem Willen des Apostels Eines Mannes Weib und vorgerückten Alters sein soll. Darum können wir uns auch nicht genug wundern, daß in die Kirche der verderbliche Brauch sich eingeschlichen hat, lieber Jungfrauen als gewesene Ehefrauen mit diesem Amte zu betrauen und öfters Jüngere den Älteren vorzuziehen, da doch der Prediger sagt: „Wehe dir, Land, des König ein Kind ist“ — und da wir doch alle gewiß dem Worte des frommen Hiob recht geben: „Bei den Großvätern ist Weisheit und Verstand bei den Alten“. Darum heißt es auch in den Sprüchen: „Graue Haare sind eine Krone der Ehren, die auf den Wegen der Gerechtigkeit gefunden werden“. Und im Buche Sirach: „O wie fein steht’s, wenn die grauen Häupter weise und die Alten klug und die Herren vernünftig und vorsichtig sind! Das ist der Alten Krone, wenn sie viel erfahren haben; und ihre Ehre ist, wenn sie Gott fürchten.“ Weiter heißt es da: „Der Älteste soll reden, denn es gebühret ihm, als der erfahren ist … Ein Jüngling mag auch wohl reden einmal oder zwei, wenn’s not ist; und wenn man ihn fragt, soll er’s kurz machen, und sich halten als der nicht viel wisse und lieber schweige. Und soll sich nicht den Herrn gleich achten und wenn ein Alter redet, nicht drein waschen“.
Darum nennt man auch die Priester, welche in der Kirche über dem Volk stehen, Älteste; schon ihr Name will ausdrücken, was sie sein sollen. Und in den Lebensbeschreibungen der Heiligen heißen diejenigen, die wir jetzt Väter nennen, Alte.
Mit allem Ernst also hat man darauf zu sehen, daß bei der Wahl und Weihe der Diakonisse vor allem der Rat des Apostels befolgt und eine Schwester gewählt werde, welche durch ihre Lebensführung und durch ihr Wissen den andern überlegen ist; ihr reifes Alter soll eine Bürgschaft sein auch für die Zuverlässigkeit ihrer Sitten; durch Gehorsam soll sie sich das Recht zum Befehlen erworben haben; die Regel soll sie nicht bloß vom Hörensagen, sondern vom Ausüben kennen gelernt und sich fest eingeprägt haben. Wenn sie nicht durch Gelehrsamkeit glänzt, so mag sie sich darüber trösten: sie ist ja nicht zu philosophischen Verhandlungen und dialektischen Übungen da, sondern sie soll sich mit der Kunst des regelrechten Lebens und mit der Ausübung guter Werke befassen. So heißt es vom Herrn: er fing an zu thun und zu lehren — also zuerst thun, dann erst lehren. Denn die Kunst des Handelns ist besser und vollkommener als die des Redens, die That ist mehr wert als das Wort. Wir wollen uns das Wort merken, das vom Vater Ipitius überliefert ist: „Der ist der rechte Weise, der nicht durch Worte, sondern durch Thaten andere belehrt“. Diese Äußerung ist dazu angethan, uns in dieser Hinsicht Kraft und Vertrauen mitzuteilen.
Wir wollen uns auch den Ausspruch des heiligen Antonius merken, mit dem er phrasenreiche Philosophen abwies, die über seine Art zu lehren spotteten, als sei er ein einfältiger, ungebildeter Mensch. „Antwortet mir“ — sagte er zu ihnen — „was ist älter: der gesunde Menschenverstand oder die Gelehrsamkeit? Und welches von beiden ist aus dem andern entstanden, der Verstand aus der Gelehrsamkeit oder die Gelehrsamkeit aus dem gesunden Menschenverstand?“ Auf ihre Antwort, daß der Verstand Urheber und Erfinder der Gelehrsamkeit sei, erwiderte Antonius: „Also braucht sich, wer gesunden Menschenverstand besitzt, um Gelehrsamkeit nicht zu kümmern“.
Man vernehme auch das Wort des Apostels, das uns Stärke verleiht im Herrn: „Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Thorheit gemacht?“ Und wiederum; „Was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die Weisen zu schanden mache, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er zu schanden mache, was stark ist, und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da nichts ist, daß er zu nichte mache, was etwas ist, auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme“. Denn das Reich Gottes besteht, wie er selbst sagt, nicht in Worten, sondern in Kraft.
Hält es die Äbtissin jedoch für nötig, zu gründlicherer Erkenntnis dieses oder jenes Gegenstandes sich an die Schrift zu wenden, so mag sie, ohne zu erröten, sachverständige, gelehrte Leute darüber befragen, etwas Neues lernen und hierbei die Aufschlüsse, welche die Wissenschaft giebt, nicht gering achten, sondern sich dieselben bescheiden und sorgfältig aneignen; hat doch auch das Haupt der Apostel sogar die Rüge seines Mitapostels Paulus geduldig hingenommen. Auch der heilige Benedikt bestätigt es, daß der Herr oft gerade den Geringsten sich am herrlichsten offenbart.
Um aber dem göttlichen Willen, so wie der Apostel ihn oben gekennzeichnet hat, noch weiter zu willfahren; so soll man bei der Wahl der Äbtissin, wenn nicht die gebieterische Not und triftige Gründe eine andere Maßregel erheischen, von vornehmen, in der Welt einflußreichen Personen absehen. Denn solche könnten im Vertrauen auf ihre Abkunft leicht hochfahrend, anspruchsvoll und stolz werden; die Wahl solcher Frauen würde dem Kloster zum Verderben ausschlagen, besonders dann, wenn dieselben Landeskinder sind. Denn es steht zu befürchten, daß die Nähe ihrer Angehörigen sie in ihrer Anmaßung bestärke, daß das Kloster durch den häufigen Besuch ihrer Verwandten belastet und in seiner Ruhe gestört werde, daß sie selbst durch die Ihrigen die Klosterordnung antasten lasse oder die Mißbilligung anderer sich zuziehe nach dem Worte der Wahrheit; „Der Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande“.
Dies hat auch der heilige Hieronymus im Auge, wenn er nach Aufzählung alles dessen, was einem Mönche, der in seiner Heimat bleibe, zum Schaden gereichen könne, in seinem Brief an Heliodorus sagt: „Aus diesen Erwägungen geht hervor, daß ein Mönch in seinem Vaterlande nicht zur Vollkommenheit gelangen kann. Nicht vollkommen werden wollen ist aber so viel wie Sünde begehen“. Wie großen Schaden aber werden die anvertrauten Seelen nehmen, wenn es diejenige mit den Pflichten der Religion nicht genau nimmt, die dazu bestellt ist, über die Erfüllung derselben zu wachen? Für die Menge der untergeordneten Schwestern genügt es, wenn sie die eine oder andere Tugend aufzuweisen haben. Die Äbtissin muß alle Tugenden mustergültig in sich vereinigen, so daß sie in allem, was sie von den andern verlangt, selbst mit gutem Beispiel vorangehen kann, und nicht etwa ihre Sitten mit ihren eigenen Geboten im Widerspruch stehen, oder daß sie nicht mit Worten aufbaut und mit Thaten selbst wieder einreißt und so das Wort der Zurechtweisung aus ihrem Munde verloren gehe, daß sie erröten müßte andere zu tadeln über Fehler, deren sie sich selber schuldig macht.
Diesem Fehler zu entgehen, bittet der Psalmist den Herrn: „Laß die Wahrheit nimmer ferne sein von meinem Munde“; denn er gedenkt der schweren Drohung des Herrn, die er an anderer Stelle erwähnt, wenn er sagt: „Zu dem Sünder aber hat Gott gesprochen: Was verkündigest du meine Rechte und nimmst meinen Bund in deinen Mund, so du doch Zucht hassest und wirfst meine Worte hinter dich?“ Und der Apostel Paulus, diesem Vorwurf zu entgehen, sagt: „Ich betäube meinen Leib und zähme ihn, daß ich nicht den andern predige und selbst verwerflich werde“. Denn wessen Leben verächtlich ist, der darf sich nicht wundern, wenn auch seine Predigt und Lehre mißachtet wird. Und wenn der, der einen andern heilen sollte, an der nämlichen Krankheit selbst leidet, so kann ihm der Kranke mit Recht zurufen: „Arzt, hilf dir selber!“
Möchte sich doch jeder, der in der Kirche eine gebietende Stellung einnimmt, klar machen, welch große Zerstörung sein eigener Fall verursacht, da er seine Untergebenen mit hinunterreißt in den Abgrund des Verderbens. Die Wahrheit spricht: „Wer eines von diesen kleinsten Geboten auflöset und lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich“. Es löst aber das Gebot auf, wer das Gegenteil davon thut, und ein solcher Mann, der durch sein schlimmes Beispiel auch andere verdirbt, sitzt auf seinem Stuhl als ein Lehrer der Pestilenz. Wenn nun einer, der sich also verschuldet, der Kleinste heißen soll im Himmelreich: wofür soll dann ein schlechter Vorgesetzter gelten, von dessen Pflichtvergessenheit der Herr nicht bloß das Blut seiner eigenen Seele, sondern auch aller ihm untergebenen Seelen Blut verlangen wird?
Darum spricht die „Weisheit“ folgende Drohung aus: „Denn euch ist die Obrigkeit gegeben vom Herrn und die Gewalt vom Höchsten, welcher wird fragen, wie ihr handelt, und forschen, was ihr ordnet. Denn ihr seid seines Reiches Amtleute; aber ihr führet euer Amt nicht fein, und haltet kein Recht, und thut nicht nach dem, das der Herr geordnet hat. Er wird gar greulich und kurz über euch kommen, und es wird ein gar scharf Gericht gehen über die Oberherrn. Denn den Geringen widerfähret Gnade; aber die Gewaltigen werden gewaltiglich gestraft werden, und über die Mächtigen wird ein stark Gericht gehalten werden“.
Der Untergebene hat genug gethan, wenn er seine eigene Seele vor Sünde bewahrt. Den Vorgesetzten droht der Tod auch für fremde Vergehungen. Denn mit der Größe der anvertrauten Gabe wächst auch die Verantwortung, und wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert werden. Das Buch der „Sprüche“ warnt uns vor dieser großen Gefahr eindringlich mit den Worten: „Mein Kind, wirst du Bürge für deinen Nächsten und hast deine Hand bei einem Fremden verhaftet, so bist du verknüpft mit der Rede deines Mundes und gefangen mit den Reden deines Mundes. So thue doch, mein Kind, also und errette dich, denn du bist deinem Nächsten in die Hände gekommen. Eile, dränge und treibe deinen Nächsten. Laß deine Augen nicht schlafen noch deine Augenlider schlummern“.
Bürge für einen Freund werden wir, indem unsere Liebe irgend jemand in unsere Lebensgemeinschaft aufnimmt. Wir sagen ihm unsere liebevolle Fürsorge zu, wie er seinerseits uns Gehorsam verspricht. Und unsere Hand „verhaften“ wir insofern bei ihm, als wir infolge des Gelübdes ihn zum Gegenstand unserer thätigen Fürsorge machen. Endlich sind wir ihm auch „in die Hände gekommen“, denn, wenn wir uns nicht vor ihm vorsehen, so kann er zum Mörder unserer Seele werden. Um dieser Gefahr zu entgehen, ist der Rat zu befolgen: „Eile, dränge und treibe“ u. s. w.
So soll denn die Äbtissin gleich einem umsichtigen, unermüdlichen Feldherrn bald hier bald dort sein und ihr Lager in Ordnung halten und mustern, damit nicht durch Nachlässigkeit dem ein Zugang sich öffne, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Alle Schäden des Hauses soll sie zuerst bemerken, damit sie von ihr gutgemacht werden können, ehe sie von andern bemerkt werden und böses Beispiel geben. Möge es ihr nicht so gehen, wie den thörichten oder nachlässigen Leuten, denen der heilige Hieronymus den Vorwurf macht: „Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, wenn in unserem Hause etwas nicht in Ordnung ist und wissen nichts von den Fehlern unserer Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon sprechen“.
Die Schwester, die den andern vorsteht, mag allezeit bedenken, daß sie die Verantwortung für Leib und Seele der Ihrigen übernommen hat. Für die Obhut des Leibes findet sich eine Mahnung im Jesus Sirach: „Hast du Töchter, so bewahre ihren Leib und zeige ihnen kein allzu heiteres Angesicht“. Und weiter: „Eine Tochter macht dem Vater viel Wachens, davon niemand weiß, und das Sorgen für sie nimmt ihm viel Schlaf, da sie möchte geschändet werden“. Wir schänden aber unsern Körper nicht bloß durch Unzucht, sondern durch jede unreine That, geschehe sie nun mit der Zunge oder mit irgend einem andern Glied, indem wir es zu irgend einem flüchtigen sinnlichen Genuß mißbrauchen. Es steht geschrieben: „Der Tod dringt ein durch unsere Fenster“, d. h. die Sünde gelangt ins Herz auf dem Weg unserer fünf Sinne. Giebt es einen schrecklicheren Tod als den Tod der Seele, und ist irgend etwas schwerer zu behüten als sie? „Die Wahrheit“ spricht: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten“. Von allen, die diesen Rat vernehmen: wer fürchtet nicht mehr den leiblichen Tod als den der Seele? Wer flieht nicht ängstlicher das Schwert als die Lüge? Und doch steht geschrieben: „Der Mund, der da lüget, tötet die Seele“. Was ist so leicht zu töten wie die Seele? Welcher Pfeil ist so schnell fertig wie die Sünde? Wer ist auch nur über seine Gedanken Herr? Wer ist fähig, sich selbst vor Sünde zu bewahren, geschweige denn andere? Welcher menschliche Hirte ist imstande, seine geistlichen Schafe vor den geistlichen Wölfen, eine unsichtbare Schar vor dem unsichtbaren Feinde zu bewahren? Wer hätte nicht Angst vor dem Räuber, der nicht aufhört uns anzugreifen, den kein Wall auszuschließen, kein Schwert zu töten oder zu verwunden vermag? der ohn’ Unterlaß uns nachstellt und besonders die Frommen verfolgt nach dem Wort des Propheten Habakuk: „Seine Lockspeisen sind auserlesen“. Der Apostel Petrus warnt uns vor ihm mit den Worten: „Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er verschlinge“. Und wie sicher er in der Hoffnung ist, uns zu verschlingen, das sagt der Herr in dem Wort an Hiob: „Siehe, er schluckt in sich den Strom und achtet es nicht groß; läßt sich dünken, er wolle den Jordan mit seinem Munde ausschöpfen“. Denn was sollte der nicht anzugreifen wagen, der den Herrn selbst zu versuchen sich nicht gescheut hat? Der schon die ersten Menschen im Paradies überlistet und aus der Schar der Apostel dem Herrn einen Jünger geraubt hat? Welcher Ort wäre sicher vor ihm? Welches Schloß vermöchte er nicht zu sprengen? Wer vermag sich zu schützen gegen seine Nachstellungen, wer seinen Anläufen zu widerstehen?
Er ist es, der durch Einen Stoß die vier Wände des frommen Hiob zu Fall gebracht und seine unschuldigen Söhne und Töchter gewaltsam umgebracht hat. Was wird vollends das schwache Geschlecht gegen ihn vermögen? Wer hat seine Verführungskünste mehr zu fürchten als die Frau? Denn bei ihr hat er mit der Verführung angefangen und hat durch sie den Mann und die ganze Nachkommenschaft überlistet. Die Begierde nach dem Besitz eines noch höheren Gutes hat das Weib auch um den des geringeren gebracht.
Diese Verführungskunst wird er auch jetzt noch beim Weib mit Erfolg anwenden, da sie lieber herrschen als gehorchen will und sich durch das Verlangen nach Besitz und Ehre bestimmen läßt. Das was nachfolgt, wirft ein Licht auf das, was vorangegangen ist. Wenn die Vorgesetzte ein genußreicheres Leben führt als die Untergebene oder wenn sie sich etwas erlaubt, was über das eigentliche Bedürfnis hinausgeht, so ist doch außer Zweifel, daß sie danach Verlangen getragen hat. Wenn sie jetzt nach kostbarerem Schmuck trachtet als sie früher hatte, so muß ihr Herz doch gewiß von eitlem Wahn erfüllt sein. Ihr Vorleben wird durch ihr späteres Verhalten gerichtet. Ob das, was sie früher gethan hat, echte Tugend oder nur Heuchelei war, das kommt nach ihrer Erhöhung an den Tag. Sie soll sich auf ihren hohen Ehrenplatz eher mit Gewalt ziehen lassen als von selber kommen — nach dem Worte des Herrn; „Alle, die kommen, sind Diebe und Räuber“. — „Es sind gekommen,“ sagt Hieronymus, „die nicht gesandt waren.“ Man soll sich eine Ehre lieber aufzwingen lassen als sie erzwingen. „Denn niemand,“ sagt der Apostel, „nimmt sich selbst die Ehre, sondern der auch berufen sei von Gott, gleichwie Aaron.“ Wirst du berufen, so traure wie eine, die zum Tode geführt wird, wirst du verschmäht, so freue dich, als wärest du dem Tode entgangen.
Wir erröten über Worte, durch welche wir uns anderen überlegen zeigen; wenn wir aber zu einem Ehrenamt erwählt werden, und durch die Verhältnisse selbst unsere Tüchtigkeit dargelegt wird, dann sind wir ohne Schüchternheit und Scham. Und doch weiß jedermann, daß es die Besseren sind, die den anderen vorgezogen werden. Darum heißt es in den Moralia, Kapitel XXIV: „Wer die Menschen nicht gut zu vermahnen und zurechtzuweisen versteht, der soll auch nicht die Leitung derselben übernehmen. Wer dazu erwählt wird, daß er die Fehler anderer verbessere, der darf nicht selber begehen, was er ausrotten soll“.
Wenn wir aber bei einer solchen Wahl einen oberflächlichen Widerstand leisten mit angenommener Bescheidenheit und uns der angebotenen Ehre für unwürdig erklären, so klagen wir uns gewiß nur darum an, weil wir dadurch den Schein um so größerer Gerechtigkeit und Würdigkeit erwecken wollen. Wie viele habe ich bei ihrer Wahl mit den Augen weinen und mit dem Herzen lachen sehen! Des Unwertes zeihen sie sich, um dadurch nur noch mehr Beifall und Gunst bei den Menschen zu erjagen. Sie wissen, daß geschrieben steht: „Der Gerechte klagt sich selber zuerst an“. Und wenn sich später einmal wirklich eine Anklage gegen solche Leute erhebt und ihnen Gelegenheit geboten wäre zu weichen, dann halten sie aufs unpassendste und unverschämteste an der Ehrenstelle fest, und doch haben sie einst mit falschen Thränen und wahren Anklagen gegen sich selbst bewiesen, daß sie ihnen aufgenötigt worden sei.
Wie oft habe ich es mit angesehen, daß Kanoniker ihren Bischöfen, die ihnen die heiligen Weihen aufnötigen wollten, widerstrebt und erklärt haben, sie seien eines solchen Amtes unwürdig und könnten es nicht mit gutem Gewissen annehmen. Wenn sie dann der Klerus später zum Bischofsamt erwählte, fand er geringen oder gar keinen Widerstand. Und solche, die gestern noch das Diakonat ausschlugen, um, wie sie sagten, nicht für ihre Seele Gefahr zu laufen, fürchteten sich schon am andern Tage nicht mehr vor dem Sturz von viel höherer Stufe, als wären sie über Nacht tüchtig geworden. Von ihnen gilt das Wort, das in den „Sprüchen“ geschrieben steht: „Ein Thor klatscht in die Hände, wenn er für seinen Freund Bürge geworden ist“. Denn der Unglückliche freut sich da, wo er viel eher Ursache zur Trauer hätte: nämlich wenn er den Oberbefehl über andere erhält und sich selbst verpflichtet, für seine Untergebenen zu sorgen, von denen er mehr geliebt als gefürchtet werden soll.
Um solchem Verderben nach Möglichkeit zu steuern, verbieten wir durchaus, daß die Äbtissin ein besseres und gemächlicheres Leben führe als ihre Untergebenen. Weder beim Essen noch beim Schlafen soll sie sich von den übrigen absondern, sondern sie soll alles in Gemeinschaft der ihr anvertrauten Herde thun und dadurch, daß sie immer zugegen ist, Gelegenheit haben, um so besser für sie zu sorgen. Es ist uns zwar wohl bekannt, daß der heilige Benedikt, in seiner Fürsorge für Pilger und Gäste, dem Abt gestattete, mit diesen an einem besonderen Tische zu sitzen. Diese Bestimmung ist damals in gutem Glauben getroffen worden, später aber ist sie zum Besten der Klöster dahin geändert worden, daß der Abt den Konvent nicht verlassen, sondern daß ein zuverlässiger Hausmeister die Sorge für die Pilger übernehmen solle. Denn während der Mahlzeit kann gar leicht ein Verstoß vorkommen, und gerade bei dieser Gelegenheit muß besonders streng auf Ordnung gehalten werden. Es kommt auch vor, daß man unter dem Vorwand der Gastfreundschaft mehr sich selber etwas Gutes gönnt als den Gästen. Dadurch setzt man sich bei denen, die nicht dabei sind, dem schlimmsten Verdacht aus und erregt ihre Unzufriedenheit. Je weniger die Lebensführung des Abtes den Seinigen bekannt ist, desto geringer ist sein Ansehen. Jede Art von Entbehrung erscheint dagegen allen dann erträglicher, wenn alles gleicherweise daran trägt, und in erster Linie die Vorgesetzten. Dies lehrt uns das Beispiel Catos. Denn von ihm wird berichtet: sein Heer mußte mit ihm Durst leiden; als man ihm nun ein wenig Wasser anbot, verschmähte er die Gabe und goß es zur allgemeinen Befriedigung aus.
Da also den Vorgesetzten vor allen Dingen Nüchternheit not thut, so müssen sie selber um so genügsamer leben, da sie ja auch noch für andere zu sorgen haben. Um die Gabe Gottes, d. h. das ihnen verliehene Ehrenamt, nicht in Übermut zu verkehren und dadurch besonders bei ihren Untergebenen Anstoß zu erregen, mögen sie sich zu Herzen nehmen, was geschrieben steht: „Sei nicht ein Löwe in deinem Hause und nicht ein Wüterich gegen dein Gesinde, denn Hochmut ist bei Gott und Menschen verhaßt. Gott hat die hoffärtigen Fürsten vom Stuhl heruntergeworfen und demütige darauf gesetzt. Man hat dich zum Lenker gemacht: wolle dich darum nicht überheben, sondern sei wie einer von den andern“. Auch der Apostel, indem er dem Timotheus Verhaltungsmaßregeln gegen Untergebene giebt, sagt: „Einen Alten schelte nicht, sondern ermahne ihn als einen Vater, die Jungen als die Brüder, die alten Weiber als die Mütter, die jungen als die Schwestern“. — „Nicht ihr habt mich erwählt“ — spricht der Herr — „sondern ich habe euch erwählt“. Alle andern Vorgesetzten werden von den Untergebenen gewählt und eingesetzt, denn man nimmt sie weniger zum Herrschen als zum Dienen. Gott allein ist der wahre Herr und kann sich seine Unterthanen auswählen zu seinem Dienst. Und doch hat er sich weniger als Herrn denn als Diener gezeigt, und die Seinigen, welche nach der höchsten Ehre trachten, weist er zurecht durch sein eigenes Vorbild und indem er sagt: „Die weltlichen Könige herrschen und die Gewaltigen heißet man gnädige Herrn. Ihr aber nicht also“.
Die weltlichen Könige ahmt also nach, wer über seine Untergebenen nur herrschen will, statt ihnen zu dienen, und wer lieber gefürchtet als geliebt sein will; wer, aufgebläht durch sein hohes Amt, bei Tische gern oben sitzt und in der Synagoge auf dem vordersten Platz; wer sich gern grüßen läßt auf dem Markt und sich gern Rabbi nennen läßt von den Leuten. Diesen Ehrentitel verbietet der Herr anzunehmen, damit wir auch unserer Namen uns nicht rühmen und in allen Stücken auf Demut gehalten werde. Darum sagt er: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen und niemand Vater heißen auf Erden“. Und endlich, um allem Rühmen ein Ende zu machen, sagt er: „Wer sich selbst erhöhet, der wird erniedriget werden“.
Auch das muß vermieden werden, daß die Herde durch Abwesenheit der Hirten Gefahr laufe, und daß, während die Vorgesetzten draußen herumschweifen, im Kloster die Regel beiseite gesetzt werde. Wir bestimmen daher, daß die Äbtissin mehr für die geistlichen als für die leiblichen Bedürfnisse ihrer Schwestern sorgen und das Kloster nicht um äußerlicher Angelegenheiten willen verlassen soll. Vielmehr möge sie ihre ganze Sorgfalt mit allem Eifer auf die ihr anvertrauten Seelen wenden; auch wird sie unter den Menschen ein um so größeres Ansehen genießen, je seltener sie sich unter ihnen sehen läßt — wie geschrieben steht: „Wenn du von einem Mächtigen gerufen wirst, so halte dich ferne; denn er wird dich nur um so dringender rufen“. Wenn aber das Kloster eine Sendung zu verrichten hat, so mögen dies Mönche oder deren Laienbrüder besorgen. Denn allezeit sollen die Männer für die Bedürfnisse der Frauen Sorge tragen. Und je frömmer die letzteren sind, desto mehr Zeit verwenden sie auf den Dienst des Herrn, und desto mehr sind sie auf die Hilfe der Männer angewiesen. Darum wird auch dem Joseph die Sorge für die Mutter des Herrn vom Engel übertragen, wiewohl er ihr nicht beiwohnen durfte. Und der Herr selbst hat seiner Mutter sterbend gleichsam einen zweiten Sohn bestellt, der für ihr zeitliches Wohl Sorge tragen sollte. Wie sehr auch die Apostel für die frommen Frauen besorgt waren, ist allgemein bekannt, wir haben davon schon anderswo gesprochen. Zu ihrer Unterstützung haben sie ja auch die sieben Diakonen eingesetzt. Ihrer Autorität folgend, und da die Verhältnisse es gebieterisch verlangen, bestimmen wir, daß Mönche und Laienbrüder nach der Weise der Apostel und Diakonen in den Frauenklöstern diejenigen Besorgungen auf sich nehmen, die zum äußeren Leben notwendig sind. Und zwar braucht man die Mönche hauptsächlich für die Messen, die Laienbrüder für die sonstigen Arbeiten.
Es ist also notwendig, daß den Frauenklöstern Mönchsklöster zur Seite stehen, und daß die äußeren Angelegenheiten der Frauen von Männern besorgt werden, welche durch das gleiche Gelübde gebunden sind. Dieser Brauch bestand schon in den Anfangszeiten der Kirche zu Alexandria unter der Leitung des Evangelisten Markus. Und ich glaube, daß in den Nonnenklöstern die Ordensregel strenger gehalten wird, wenn dieselben der Sorgfalt und Leitung geistlicher Männer unterstellt sind und für Schafe und Widder ein und derselbe Hirte eingesetzt wird, so daß derjenige, der über die Männer gebietet, auch über die Frauen die Aufsicht führe und die apostolische Verordnung bestehen bleibe: „Der Mann ist des Weibes Haupt, wie Christus des Mannes Haupt ist, Gott aber ist Christi Haupt“.
So wurde auch das Kloster der heiligen Scholastica, das auf dem Grund und Boden eines Mönchsklosters lag, durch ihren Bruder geleitet, und seine oder der anderen Brüder häufige Besuche dienten den Frauen zur Belehrung und zum Trost. Die Regel des heiligen Basilius giebt an irgend einer Stelle über eine derartige Oberleitung folgende Verhaltensmaßregeln: „Frage: Darf außer der Äbtissin auch der Abt eines benachbarten Mönchsklosters mit den Nonnen seelsorgerliche Gespräche führen? Antwort: Ja, wenn dabei die Vorschrift des Apostels bewahrt wird: ‚lasset alles ehrlich und ordentlich bei euch zugehen‘“. Ebenso im folgenden Kapitel: „Frage: Darf ein Abt mit einer Äbtissin häufig reden, besonders wenn einige von den Brüdern daran Ärgernis nehmen? Antwort: Der Apostel sagt zwar: ‚Warum sollte ich meine Freiheit lassen urteilen von eines andern Gewissen‘ — aber es ist gut, sich nach seinen folgenden Worten zu richten: ‚Wir haben solcher Macht nicht gebraucht, damit wir nicht dem Evangelium Christi eine Hindernis machten‘. Man soll die Frauen so selten wie möglich besuchen und die Unterredung möglichst kurz machen.“
Daher auch der Beschluß des Konzils von Hispalis: „Einstimmig haben wir beschlossen, daß die Frauenklöster in der Provinz Bätica von Mönchen bedient und verwaltet werden sollen. Denn wir glauben für das Wohl der Christo geweihten Jungfrauen zu sorgen, wenn wir geistliche Väter für sie erwählen, nicht bloß um ihnen durch eine solche Oberleitung einen Schutz zu verschaffen, sondern auch damit sie von ihnen belehrt und erbaut werden. Doch soll in Betreff der Mönche die Einschränkung gelten, daß sie in kein näheres Verhältnis zu den Nonnen treten, auch keinen Zutritt in den Vorraum des Kloster haben sollen. Auch soll der Abt, oder wer sonst die Oberaufsicht hat, nicht mit Umgehung der Äbtissin den Nonnen Anweisung über ihr sittliches Verhalten geben. Auch mit der Äbtissin selbst soll er nicht zu oft und nicht unter vier Augen reden, sondern in Gegenwart von zwei oder drei Schwestern; sein Besuch soll selten sein, und die Unterredung kurz“.
Ferne sei es von uns, zu wollen, was auch nur auszusprechen schon eine Sünde wäre, daß die Mönche mit den Jungfrauen Christi in vertrauten Umgang kämen, sondern sie sollen gemäß den Bestimmungen der Regeln und Vorschriften in strenger Geschiedenheit von ihnen leben. Wir stellen die Frauenklöster nur unter die Oberleitung von Mönchen und bestimmen, daß aus den Mönchen ein besonders erprobter Mann erwählt werde, dessen Sorge es sein soll, ihre Güter auf dem Lande oder in der Stadt zu überwachen, die nötigen Bauten auszuführen und für die sonstigen Bedürfnisse des Klosters zu sorgen, damit die Dienerinnen Christi allein mit dem Heil ihrer Seele beschäftigt ausschließlich dem Dienste des Herrn leben und frommen Werken obliegen können. Auch soll, wer von seinem Abte zu solchem Amte vorgeschlagen wird, die Bestätigung des Bischofs einholen.
Die Nonnen aber sollen den Mönchen, deren Schutz sie erwarten, die nötigen Kleider anfertigen, wofür sie dann wiederum die Früchte ihrer Arbeit und die helfende Fürsorge derselben zu genießen haben sollen.
Dieser weisen Einrichtung folgend wollen wir, daß die Frauenklöster allezeit Männerklöstern unterstellt werden, damit die Brüder für die Schwestern sorgen und beide Ein gemeinsames väterliches Oberhaupt haben, auf dessen Fürsorge beide Klöster angewiesen sind: so wird dann Eine Herde und Ein Hirte im Herrn sein. Eine solche brüderliche geistige Genossenschaft ist darum vor Gott und Menschen so angenehm, weil sie den Bedürfnissen beider Geschlechter, soweit sie sich dem Klosterleben weihen, entgegenkommt. Die Mönche sollen Männer, die Nonnen Frauen aufnehmen, und so wird jede Seele, die um ihr Heil bekümmert ist, finden, was ihr not thut. Und wenn einer zugleich mit seiner Mutter oder Schwester oder Tochter oder einer Pflegebefohlenen sich dem Klosterleben weihen will, so wird er hier vollen Trost finden. Solche Mönchs- und Nonnenklöster werden um so liebevoller miteinander verbunden und füreinander besorgt sein, je mehr unter den Insassen derselben Freunde und Verwandte sich befinden, welche nun dieses neue Band noch enger umschlingt.
Wir wollen aber, daß der Vorgesetzte der Mönche, den man Abt nennt, die Aufsicht über die Nonnen in der Weise führe, daß er in ihnen, die Gottes Bräute sind — und er ist Gottes Diener — seine Herrinnen erblicke, über die er nicht gebieten, sondern denen er nur nützen soll. Er soll sein wie der Kämmerer im königlichen Palaste, der auch nicht durch sein Regiment die Fürstin belästigt, sondern nur auf ihr Wohl bedacht ist. Was sie braucht, wird er ihr ohne Widerrede beschaffen; für das, was ihr nachteilig sein könnte, wird er kein Ohr haben; alle äußeren Angelegenheiten wird er so erledigen, daß er niemals das Innere ihrer Gemächer betritt, außer wenn er befohlen wird.
In dieser Weise soll — das ist unser Wille — der Knecht Christi Sorgen tragen für die Bräute Christi und ihnen an des Herrn Statt ein treuer Haushalter sein. Alle ihre Bedürfnisse soll er mit der Diakonisse besprechen und ohne sie zu Rat gezogen zu haben, soll er über die Dienerinnen Christi und ihre Angelegenheiten keine Bestimmung treffen, auch soll er keiner von ihnen etwas vorschreiben und mit keiner reden ohne die Vermittlung der Äbtissin. So oft ihn die letztere ruft, soll er bereitwillig kommen und soll das, was die Äbtissin selbst oder ihre Untergebenen nötig haben, unverzüglich und so gut wie möglich erledigen. Wird er von der Äbtissin gerufen, so soll er stets nur öffentlich und in Gegenwart erprobter Personen mit ihr reden, nicht allzu nahe zu ihr hintreten und sie nicht mit langer Rede hinhalten.
Alles, was an Mundvorräten, Kleidern, auch an Geld vorhanden ist, soll bei den Dienerinnen Christi niedergelegt und aufbewahrt werden, und von dem, was den Schwestern übrig bleibt, soll den Brüdern mitgeteilt werden. Das, was draußen zu holen ist, sollen die Brüder beschaffen, und die Schwestern sollen nur das thun, was im Innern des Klosters passenderweise von Frauen besorgt werden kann: den Brüdern Kleider anfertigen oder reinigen, Brot bereiten, zum Backen einliefern und das Gebackene wieder in Empfang nehmen. Ihnen liegt auch die Milchwirtschaft, sowie die Hühner- oder Gänsezucht ob, überhaupt alle Verrichtungen, die besser für Frauen passen als für Männer.
Der Abt selbst soll nach seiner Einsetzung in Gegenwart des Bischofs und der Schwestern schwören, daß er ihnen ein treuer Haushalter im Herrn sein und sie vor aller Befleckung des Fleisches sorglich behüten wolle. Und wenn er, was ferne sei, vom Bischof über der Vernachlässigung der übernommenen Pflichten betroffen werden sollte, so soll er alsbald als ein Meineidiger abgesetzt werden. Auch alle Brüder sollen bei Ablegung ihres Gelübdes sich den Schwestern gegenüber eidlich verpflichten, daß sie dieselben in keiner Weise werden belästigen lassen und daß sie zur Erhaltung ihrer Keuschheit ihr möglichstes beitragen werden.
Keinem Mann soll der Zutritt zu den Schwestern verstattet sein ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Oberen, und alles, was ihnen von den Schwestern zugeschickt wird, muß durch die Hand des Oberen gehen. Nie soll eine Schwester die Umfriedigung des Klosters überschreiten, sondern alle äußeren Angelegenheiten sollen, wie gesagt, von den Brüdern besorgt werden — die Starken mögen im Schweiß ihres Angesichtes die schwere Arbeit verrichten. Auch soll keiner der Brüder den Bereich des Klosters betreten, er habe denn die ausdrückliche Erlaubnis dazu vom Abt und von der Diakonisse im Fall einer dringlichen, ehrbaren Angelegenheit. Wenn jemand sich untersteht, diesem Gebote zuwiderzuhandeln, soll er ohne Verzug aus dem Kloster ausgewiesen werden.
Damit aber die Männer ihre überlegene Stärke nicht zu irgend welchen Bedrückungen der Frauen mißbrauchen, so bestimmen wir, daß sie nichts gegen den Willen der Äbtissin unternehmen dürfen, sondern auch sie sollen in allem ihres Winkes gewärtig sein. Alle, Männer wie Frauen, sollen vor der Äbtissin das Gelöbnis des Gehorsams ablegen! Friede und Eintracht werden um so fester gewahrt werden, je weniger man dem starken Geschlecht erlaubt. Und die Starken werden um so williger den Schwachen Folge leisten, je weniger sie von den letzteren etwas zu fürchten haben, und je gewisser es ist, daß der erhöht wird, der sich hienieden vor Gott erniedrigt. Die Bestimmungen, betreffend die Äbtissin, mögen damit erledigt sein, und ich will mich nunmehr zu den verschiedenen Klosterämtern wenden.
Die Meßnerin, die zugleich auch Schatzmeisterin ist, hat die Aufsicht über das Gotteshaus; sie bewahrt die Schlüssel dazu und alles was zum Gottesdienst notwendig ist. Gaben, welche dem Kloster dargebracht werden, hat sie in Empfang zu nehmen und für alles, was im Gotteshaus zu machen oder wiederherzustellen ist, sowie für die gesamte Ausschmückung desselben Sorge zu tragen. Außerdem fällt ihr die Sorge zu für die Hostien, für die Gefäße und Becher, die auf den Altar gehören und überhaupt für dessen Ausschmückung; ferner für die Reliquien, für den Weihrauch, für die Kerzen, für den Stundenzeiger und für die verschiedenen Glockenzeichen. Die Hostien sollen womöglich die Jungfrauen selbst bereiten und das Mehl dazu reinigen, auch sollen sie die Altargefäße reinhalten. Doch soll weder die Meßnerin noch sonst eine der Nonnen die Reliquien oder die Altargefäße oder Altardecken berühren, wenn sie ihnen nicht zum Zweck der Reinigung übergeben werden. Zu diesem Behuf soll man Mönche oder Laienbrüder herbeirufen und auf ihre Ankunft warten. Wenn nötig, sollen unter Aufsicht der Meßnerin aus ihrer Zahl etliche zu diesem Geschäft bestellt werden, die würdig sind, die Gefäße zu berühren. Die Schwester soll die Schränke öffnen, und die Mönche sollen die Gefäße daraus nehmen und wieder hineinstellen. Diejenige Schwester, welche diese Aufsicht über das Sanktuarium hat, muß sich durch Reinheit ihres Lebenswandels besonders auszeichnen. An Leib und Seele soll sie, soweit möglich, tadellos und von erprobter Enthaltsamkeit und Keuschheit sein. Auch muß sie in der Berechnung der kirchlichen Festtage nach dem Lauf des Mondes bewandert sein, damit die Festzeiten im Gottesdienst genau eingehalten werden.
Die Vorsängerin hat die Aufsicht über den ganzen Chor; sie hat für die Musik beim Gottesdienst zu sorgen und lehrt die anderen singen, Noten lesen, schreiben und diktieren. Sie führt auch die Aufsicht über die Bücherschränke, giebt Bücher daraus ab und reiht solche ein und sorgt für das Abschreiben und Ausschmücken der Bücher. Sie ordnet an, wie man im Chor zu sitzen hat, und verteilt die Plätze; sie bestimmt diejenigen, welche vorzulesen oder zu singen haben, und hat ein Verzeichnis der Abschnitte, die wöchentlich im Kapitel gelesen werden sollen, anzulegen. Darum muß sie im Schriftwesen wohl bewandert sein und vor allem Kenntnisse in der Musik haben. Auch soll sie nächst der Äbtissin für die Aufrechterhaltung der Klosterzucht überhaupt sorgen, und wenn diese anderweitig in Anspruch genommen ist, soll sie ihre Stelle vertreten.
Die Krankenwärterin hat den Dienst der Kranken unter sich und soll dieselben vor Sündenschuld wie vor leiblicher Not bewahren. Was Kranke nötig haben an Speise, an Bädern oder sonstigen Dingen, das soll ihr ohne weiteres zur Verfügung gestellt werden. Denn hier gilt das bekannte Sprichwort: „Für Kranke giebt es kein Gesetz“. Fleisch soll ihnen nicht vorenthalten werden, es sei denn am Freitag, an den Hauptfestvigilien, an den Quatember- und an den Osterfasten. Vor Sünde sollen die Kranken um so mehr bewahrt werden, je näher es jedem liegt, an sein Ende zu denken. Vor allem wird hier Schweigen zu beobachten sein, denn in diesem Punkt vergeht man sich gar so leicht, und anhalten soll man am Gebet, wie geschrieben steht: „Mein Sohn, in deiner Krankheit verzweifle nicht an dir selbst, sondern bitte Gott, und er selbst wird dich heilen. Wende dich ab von der Sünde und strecke die Hand nach ihm aus und reinige dein Herz von aller Sünde“. Es ist notwendig, daß eine Krankenwache eingerichtet werde, die jederzeit zur Hilfeleistung für die Kranken bereit ist, und das Haus muß mit allem, was für Kranke notwendig ist, versehen sein. Auch für die Beschaffung von Arzneimitteln soll man Sorge tragen, so gut es die örtlichen Verhältnisse erlauben. Zu dem Zweck wird es sehr gut sein, wenn die Krankenwärterin etwas von der Heilkunde versteht. Auch das Verfahren der Blutentziehung ist ihre Sache. Sie muß zur Ader lassen können, damit man nicht zu einer solchen Verrichtung einem Mann den Eintritt zu den Frauen verstatten muß. Die Krankenwärterin hat auch für die Einhaltung der kanonischen Stunden und für die Kommunion bei den Kranken zu sorgen; am Sonntag wenigstens sollten sie kommunizieren nach jedesmal vorangegangener Beichte und Buße, soweit dies möglich ist.
Die letzte Ölung der Kranken soll genau nach der Vorschrift des heiligen Apostels Jakobus vollzogen werden. Wenn der Zustand einer Kranken hoffnungslos geworden ist, soll man aus dem Mönchskloster zwei Priester von gesetztem Alter und einen Diakonen holen. Die sollen das geweihte Öl mitbringen und in Gegenwart der versammelten Schwestern, aber durch eine besondere Wand von ihnen getrennt, die heilige Handlung vollziehen. Ähnlich soll man es auch mit der Kommunion halten, wenn sie nötig geworden ist.
Das Krankenhaus muß daher so angelegt sein, daß die Mönche zu diesen Verrichtungen bequem ab und zu gehen können, ohne den Konvent der Schwestern zu sehen und von diesem gesehen zu werden.
Zum mindesten einmal jeden Tag soll die Äbtissin mit der Kellermeisterin die Kranken, und in ihnen Christum, besuchen, um für ihre Bedürfnisse zu sorgen, sowohl in geistlicher als in leiblicher Hinsicht, damit das Wort des Herrn von ihnen gelte: „Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht“. Geht es mit einer Kranken zu Ende, und tritt der Todeskampf ein, so soll alsbald die dienende Schwester mit der Klapper in den Konvent eilen, und durch das Geräusch, das sie mit derselben macht, den Tod der Schwester ankündigen, und der ganze Konvent, zu welcher Stunde des Tages oder der Nacht es auch sei, soll zu der Sterbenden eilen, außer wenn kirchliche Pflichten davon abhalten. Ist das letztere der Fall, so genügt es auch — denn nichts geht über den Dienst des Herrn — daß die Äbtissin mit einigen auserlesenen Schwestern herbeieile, und der übrige Konvent später nachfolge. Alle aber, die auf den Ton der Klapper herbeikommen, sollen alsbald die Litanei anstimmen und bei ihrer Anrufung die ganze Zahl aller männlichen und weiblichen Heiligen durchmachen. Darauf mögen die Psalmen folgen und die übrigen Gesänge, die bei Leichenbegängnissen üblich sind.
Wie segensreich es sei, zu Kranken und Toten zu gehen, das spricht der Prediger deutlich aus: „Es ist besser in das Klagehaus gehen, denn in das Trinkhaus; in jenem ist das Ende aller Menschen, und der Lebendige nimmt’s zu Herzen“. Ferner: „Das Herz der Weisen ist im Klaghause“. Der Leichnam der Verstorbenen soll alsbald von den Schwestern gewaschen, mit einem einfachen aber reinen Hemd bekleidet und mit Schuhen angethan werden. Dann soll man ihn auf eine Bahre legen und das Haupt mit einem Schleier verhüllen. Die Kleider sollen fest zusammengenäht und dem Körper so angefügt sein, daß kein Spielraum übrig bleibt. Der Leichnam soll von den Schwestern in die Kirche getragen und, wenn es Zeit ist, von den Mönchen bestattet werden. Während dessen sollen die Schwestern im Oratorium Psalmen singen und beten. Die Äbtissin soll bei ihrem Begräbnis nur das vor den übrigen voraushaben, daß ihr Körper in ein härenes Hemd gehüllt und sie darin eingenäht werden soll wie in einen Sack.
Die Kleiderverwalterin hat die Sorge für die gesamten Kleidungsstücke auf sich zu nehmen, sowohl was das Schuhwerk als was die andern Sachen betrifft. Sie hat die Schafschur zu veranlassen und nimmt das Leder für das Schuhzeug in Empfang. Sie versieht alle Schwestern mit Faden, Nadel und Schere. Sie hat den Schlafsaal zu beaufsichtigen und für die Betten zu sorgen. Ferner liegt ihr ob die Sorge für Tischdecken, Handtücher und für die gesamte übrige Wäsche, sowie für das Zuschneiden, Nähen, Waschen derselben. Auf sie bezieht sich im besonderen das Schriftwort: „Sie gehet mit Wolle und Flachs um und arbeitet gern mit ihren Händen. Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. Sie fürchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache Kleider, und sie lacht am letzten Tage. Sie schauet, wie es in ihrem Haus zugehet, und isset ihr Brot nicht mit Faulheit. Ihre Söhne kommen auf und preisen sie selig“. Die Werkzeuge, die sie zu ihren Arbeiten nötig hat, sollen ihr zur Verfügung stehen, und sie soll jede der Schwestern mit der für sie passenden Arbeit versehen. Denn auch der Novizen soll sie sich annehmen, bis zu ihrer Aufnahme in den Orden.
Die Kellermeisterin hat Sorge zu tragen für alles was ins Gebiet des Lebensunterhaltes gehört: sie hat die Aufsicht über den Keller, das Refektorium, die Küche, die Mühle, die Bäckerei mit dem Backofen, über den Baum- und den Gemüsegarten und über den gesamten Feldbau, auch über die Bienenzucht, über das Groß- und Kleinvieh und über das Geflügel. Von ihr wird geholt, was man zum Essen braucht. Sie darf vor allem nicht knauserig sein, sondern freigebig und gern bereit, zu liefern was man braucht. Denn „einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“. Überhaupt warnen wir sie davor, daß sie nicht ihr Amt in eigennütziger Weise mißbrauche, daß sie nicht sich selber eine bessere Schüssel gönne oder etwas für sich behalte auf Kosten der anderen. „Der beste Haushalter — sagt Hieronymus — ist der, der nichts für sich zurückbehält“. Judas, der sein Amt dazu mißbrauchte, sich selber zu bereichern, ging aus der Zahl der Jünger verloren. Auch Ananias und Sapphira mußten’s mit dem Tode büßen, als sie unrecht Gut zurückbehielten.
Zum Amt der Thürhüterin oder Pförtnerin gehört die Aufnahme der Gäste. Sie muß alle Ankömmlinge anmelden und dahin führen, wohin sie begehren; ihr liegt die Fürsorge für die Bewirtung ob. Sie muß reif an Alter und Verstand sein, damit sie Red’ und Antwort zu geben vermag und beurteilen kann, wie und wer überhaupt aufzunehmen ist und wer nicht. Sie soll gleichsam der Vorhof des Herrn sein, von dem aus ein lichter Schimmer aufs ganze Kloster fällt, denn bei ihr empfängt der Ankömmling den ersten Eindruck vom Kloster. Demgemäß sei sie freundlich in ihren Worten, mild in der Anrede. Auch diejenigen, die sie abweisen muß, sollen durch die Art, wie sie ihre Gründe darlegt, in der Liebe erbaut werden. Denn es steht geschrieben: „Eine linde Antwort stillet den Zorn, aber ein hart Wort richtet Grimm an“. Und anderswo: „Ein gütiges Wort mehrt die Freunde und besänftigt die Feinde“. Sie soll auch öfters nach den Armen sehen und je nachdem sie ihre Bedürfnisse kennen gelernt hat, sie mit Speise oder Kleidern unterstützen. Bedarf sie oder eine der andern Schwestern in ihrer Amtsführung eine Hilfe oder Erleichterung, so sollen ihnen von der Äbtissin Gehilfinnen zugewiesen werden. Diese soll man womöglich aus den Laienschwestern nehmen, damit keine der Nonnen vom Gottesdienst abgehalten werde oder im Kapitel und Refektorium fehle.
Die Pförtnerin soll ihre Zelle neben der Eingangsthür haben, woselbst sie oder ihre Stellvertreterin allezeit der Ankommenden gewärtig sein soll. Doch sollen sie während dem nicht müßig sein und sich des Schweigens um so mehr befleißigen, je weniger ihre Geschwätzigkeit denen, die draußen sind, verborgen bleibt. Die Aufgabe der Pförtnerin ist es, nicht allein den Männern unbefugten Eintritt zu versagen, sondern überhaupt jeden Lärm fernzuhalten, damit er nicht die Stille des Klosters störe, und sie trägt für alle Ausschreitungen in dieser Hinsicht die Verantwortung. Hört sie etwas, was zu wissen wichtig ist, so hat sie es in aller Stille der Äbtissin zu hinterbringen, und diese mag dann, wenn es ihr der Mühe wert scheint, darüber beraten.
Sobald ans Thor geklopft oder draußen gerufen wird, soll die Schwester, welche an der Pforte ist, die Ankömmlinge nach ihrem Namen und Begehren fragen, und wenn es nötig ist, die Pforte öffnen und die Fremden hereinlassen. Nur Frauen dürfen im Innern des Klosters beherbergt werden; die Männer sind zu den Mönchen zu weisen; keiner darf unter irgend einem Vorwand eingelassen werden, es sei denn, daß die Äbtissin vorher befragt worden sei und es befohlen habe. Frauen dagegen sollen ohne weiteres Zutritt haben. Die aufgenommenen Frauen und die Männer, die wegen irgend welcher besonderen Sache eingelassen worden sind, soll die Pförtnerin zunächst in ihre Zelle führen, bis sie von der Äbtissin oder von den Schwestern, wenn dies nötig und ratsam ist, empfangen werden. Armen aber, welche der Fußwaschung bedürfen, soll dieser Dienst der Gastfreundschaft von der Äbtissin selbst oder von den Schwestern mit Sorgfalt geleistet werden. Denn auch der Apostel hat sich gerade durch diesen Liebesdienst den Namen des Diakonen verdient. So sagt auch im „Leben der Altväter“ einer von ihnen: „Um deinetwillen ist der Erlöser Knecht geworden. Er hat sich mit einer Schürze umgürtet und seinen Jüngern die Füße gewaschen, und hat ihnen geboten, den Brüdern die Füße zu waschen“. Und der Herr selbst spricht: „Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherberget“. So sagt auch der Apostel von der Diakonisse: „So sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen Füße gewaschen hat“. Alle mit Ämtern beauftragten Schwestern, die sich mit den Wissenschaften nicht befassen, sollen mit diesen Pflichten bekannt gemacht werden mit Ausnahme der Vorsängerin und derjenigen Schwestern, die für das Studium sich tauglich erweisen. Diesen soll man freie Zeit für die Wissenschaften lassen.
Der Schmuck des Gotteshauses soll sich auf das Notwendige beschränken; es ist mehr auf Sauberkeit als auf Prunk zu sehen. Nichts in demselben soll aus Gold oder Silber gefertigt sein, außer ein silberner Kelch oder auch mehrere, wenn es nötig ist. Verzierungen aus Seide sollen nur an den Stolen und Armbinden angebracht sein. Keine Bildhauerarbeiten sollen im Gotteshaus sein. Nur ein hölzernes Kreuz soll am Altar errichtet werden, worauf das Bild des Erlösers gemalt werden kann, wenn man will. Aber andere Bildwerke sollen den Altären fremd bleiben. Das Kloster soll sich mit zwei Glocken begnügen. Ein Gefäß mit Weihwasser soll außen am Eingang zum Oratorium angebracht werden, damit sich die in der Frühe Eintretenden, und wer nach dem Gottesdienst hinausgeht, damit weihen. Keine der Nonnen soll bei den Horen fehlen; vielmehr sobald das Zeichen mit der Glocke gegeben wird, sollen sie alles andere beiseite legen und zum Gottesdienst eilen, doch bescheidenen Ganges. Beim Eintritt ins Oratorium sollen die, die es können, für sich sprechen: „Ich gehe ein in dein Haus und bete an in deinem heiligen Tempel“ u. s. w. Im Chor darf kein anderes Buch geduldet werden als das, welches zum jedesmaligen Gottesdienst gerade nötig ist. Die Psalmen sollen laut und deutlich gesprochen werden, die Psalmodie oder der Gesang soll so gemäßigt sein, daß auch die, welche eine schwache Stimme haben, aufkommen können. In der Kirche soll nichts gelesen oder gesungen werden, was nicht der Heiligen Schrift selbst entnommen ist, also dem Neuen oder Alten Testament, welche beide so in Leseabschnitte einzuteilen sind, daß sie jedes Jahr in der Kirche einmal zur Verlesung kommen. Abhandlungen oder Predigten der Kirchenlehrer oder sonst erbauliche Schriften werden bei Tisch oder im Kapitel vorgelesen; doch soll das Lesen auch sonst überall gestattet werden. Doch soll keine Schwester sich etwas vorzulesen oder zu singen erlauben, wovon sie nicht vorher Kenntnis genommen hat. Wenn eine im Oratorium etwas Unpassendes vor die Versammlung bringt, so soll sie in Gegenwart aller Schwestern um Verzeihung bitten, indem sie für sich die Worte spricht: „Verzeihe mir, Herr, auch dieses Mal meine Nachlässigkeit“.
Um Mitternacht erhebt man sich nach der Anweisung des Propheten zu den nächtlichen Vigilien. Es ist darum notwendig so frühe schlafen zu gehen, daß die zarte Natur der Schwestern diese Nachtwachen ertragen und das Tagewerk mit Sonnenaufgang begonnen werden kann, wie dies auch der heilige Benediktus vorschreibt. Nach den Vigilien soll man sich wieder zur Ruhe begeben, bis das Zeichen zur Matutine ertönt. Während des übrigen Teils der Nacht soll die Natur zu ihrem Recht kommen. Denn der Schlaf vor allem erquickt den müden Körper, macht ihn wieder arbeitsfähig und erhält ihn gesund und munter. Wer aber das Bedürfnis hat, über die Psalmen oder irgend welche Lektionen zu meditieren, wie dies auch der heilige Benediktus erwähnt, der soll dies so thun, daß die Ruhenden nicht im Schlafe gestört werden. Benedikt hat für diesen Ort weniger das Lesen als das Meditieren empfohlen, damit nicht durch das Lesen die Ruhe der anderen gestört werde. Übrigens hat er auch zu dieser Meditation die Mönche nicht gezwungen; er sagt nur: „Wer von den Brüdern das Bedürfnis hat“. Auch beim Einüben von Gesängen soll man diese Rücksichten walten lassen. Die Matutine soll beim ersten Tageslicht gefeiert werden, und das Zeichen dazu beim Sonnenaufgang selbst, wenn man ihn sehen kann, ertönen. Im Sommer, wo die Nacht kurz und die Morgenzeit lang ist, verbieten wir den Schwestern nicht, vor der Prima noch etwas zu schlafen, bis das Zeichen dazu ertönt. Von dieser Ruhe nach den Matutinen spricht auch der heilige Gregorius im zweiten Kapitel seiner Dialoge, wo er von dem ehrwürdigen Libertinus folgendes sagt: „Auf den folgenden Tag war eine für das Kloster wichtige Maßnahme beschlossen worden. Nach Vollendung der feierlichen Matutinen ging Libertinus an das Bett des Abtes und erbat sich von ihm demütig den Segen“. Diese Morgenruhe soll also verstattet sein von Ostern bis zur Herbst-Tag- und Nachtgleiche, von wo an die Tage wieder kürzer werden.
Nach dem Verlassen des Schlafsaals sollen sich die Schwestern waschen, ihre Bücher in Empfang nehmen und lesend oder singend im Kreuzgang sitzen, bis es zur Prima läutet. Nach der Prima begiebt man sich in den Kapitelsaal; dort setzt sich alles nieder und nach Verkündigung des Datums wird ein Abschnitt aus der Märtyrergeschichte vorgelesen. Darauf kann eine erbauliche Besprechung folgen oder ein Abschnitt der Regel vorgelesen und erklärt werden. Endlich soll hier erledigt werden, was etwa zu tadeln oder neu anzuordnen ist.
Man darf übrigens nicht vergessen, daß weder ein Kloster noch sonst überhaupt ein Haus ohne weiteres ungeordnet genannt werden darf, wenn irgend etwas Ordnungswidriges darin geschieht, sondern nur dann, wenn derartige Vorkommnisse nicht sorgfältig wieder gut gemacht werden. Denn welcher Ort bleibt völlig rein von Sünde? Dessen war auch der heilige Augustinus wohl bewußt, wenn er in einer Unterweisung an seinen Klerus sagt: „Mag ich die Ordnung in meinem Haus noch so streng aufrecht erhalten: ich bin ein Mensch und muß mit Menschen leben. Ich wage auch nicht mir anzumaßen, daß mein Haus reiner sein soll als die Arche Noah, da doch unter den acht Menschen, die darin waren, sich ein Schlechter fand; oder besser als Abrahams Haus, wo es auch einst hieß: ‚treibe aus die Magd mit ihrem Kinde‘; oder besser als Isaaks Haus, wo der Herr sprach: ‚Den Jakob habe ich geliebt und den Esau habe ich gehaßt‘. Oder besser als das Haus Jakobs, in dem der Sohn des Vaters Ehebett schändete; oder besser als das Haus Davids, dessen einer Sohn sich mit seiner eigenen Schwester vergangen, und der andere sich gegen seinen Vater empört hat; oder besser als die Gesellschaft des Paulus, der, wenn er mit guten Menschen zusammengelebt hätte, wohl kaum gesagt hätte, er habe ‚auswendig Streit, inwendig Furcht‘; oder: ‚niemand ist, der so herzlich für euch sorget; denn sie suchen alle das ihre‘; oder besser als die Gesellschaft Christi selbst, in welcher die elf Guten den Verräter und Dieb Judas ertragen mußten; oder endlich gar besser als der Himmel, von dem die Engel gefallen sind“.
Derselbe Kirchenvater, der uns so eindringlich zur Befolgung der klösterlichen Regel ermahnt, fügt die Worte bei: „Ich bekenne vor Gott, seitdem ich Gott zu dienen angefangen habe, habe ich selten vollkommenere Menschen gesehen als die, welche in Klöstern sich gut gehalten haben; andererseits aber habe ich auch keine schlechteren gesehen, als Mönche, die gefallen waren“. So ist auch das Wort der Offenbarung zu verstehen; „Wer heilig ist, der sei immerhin heilig und wer unrein ist, der sei immerhin unrein“.
In der Bestrafung soll insofern ein Unterschied gemacht werden, als diejenige, welche bei einer andern einen Fehler gesehen hat und ihn verheimlicht, strenger bestraft werden soll als die eigentlich Schuldige. Darum soll niemand säumen, seine eigenen Vergehen wie diejenigen der anderen anzugeben. Diejenige Schwester, die der Anklage durch andere zuvorkommt, indem sie sich selbst angiebt — nach dem Worte der Schrift: „Der Gerechte klagt sich selber zuerst an“ — soll mit einer milderen Strafe wegkommen, wenn sie von ihrem Fehler abläßt. Keine soll die andere zu entschuldigen versuchen, wenn nicht die Äbtissin, falls ihr der wahre Sachverhalt unbekannt ist, danach fragt. Keine soll sich unterstehen, eine Schwester wegen irgend einer Verschuldung zu schlagen, außer wer von der Äbtissin dazu beauftragt wird. Von der Strafe der Züchtigung aber steht geschrieben: „Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er und hat Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn“; ferner: „Wer seiner Rute schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtiget ihn bald. Schläget man den Spötter, so wird der Alberne witzig; straft man den Spötter, so wird der Geringe verständig. Dem Roß eine Geißel und dem Esel einen Zaum und dem Narren eine Rute auf den Rücken. Wer einen Menschen züchtiget, der findet hernach mehr Dank bei ihm, als der ihn mit Schmeichelworten täuscht. Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübet sind. Ein närrischer Sohn ist seines Vaters Betrübnis, und eine thörichte Tochter gereicht ihm zur Schande. Wer sein Kind lieb hat, der hält es stets unter der Rute, daß er hernach Freude an ihm erlebe. Wer sein Kind in der Zucht hält, der wird sich seiner freuen und darf sich seiner bei den Bekannten nicht schämen. Ein verwöhnt Kind wird mutwillig wie ein wild Pferd. Zärtle mit deinem Kinde, so mußt du dich hernach vor ihm fürchten; spiele mit ihm, so wird es dich hernach betrüben“.
Bei gemeinsamer Beratung steht es jeder Schwester frei, ihre Meinung zu äußern, aber der Beschluß der Äbtissin soll unumstößlich sein, sollte sie selbst, was ferne sei, in Irrtum verfallen und das weniger Zweckmäßige beschließen. Daher das Wort des heiligen Augustinus in seinen Konfessionen: „Schwer versündigt sich, wer seinen Vorgesetzten in irgend einem Stück ungehorsam ist, selbst wenn das, was er selber zu thun erwählt, besser sein sollte, als das, was ihm befohlen worden ist“. Es ist uns besser, recht zu thun als das Rechte zu thun, und nicht darauf kommt es an, was geschieht, sondern wie und in welcher Gesinnung etwas gethan wird. Alles was im Gehorsam geschieht, ist gut, wenn es auch keineswegs so aussieht. In allen Stücken muß darum den Vorgesetzten Gehorsam geleistet werden, selbst wenn dies zum größten Schaden ausschlüge, wenn nur die Seele nicht dadurch gefährdet wird.
Der Vorgesetzte soll darauf sehen, seine Befehle vernünftig einzurichten, weil die Untergebenen einfach zu gehorchen haben und ihrem Gelübde gemäß nicht nach ihrem eigenen Willen handeln, sondern nach dem ihrer Vorgesetzten. Wir sind durchaus dagegen, daß jemals die Gewohnheit den Vorzug vor der Vernunft erhalte und daß etwas damit entschuldigt werde, daß es Gewohnheit sei. Nicht weil etwas Herkommen ist, soll es festgehalten werden, sondern weil es gut ist, und je besser eine Anordnung ist, desto bereitwilliger soll sie aufgenommen werden. Sonst müßten wir ja nach jüdischer Art dem alten Gesetzeswesen vor dem Evangelium den Vorzug geben. So sagt auch der heilige Augustinus, indem er sich mehrfach auf das Zeugnis des Cyprianus beruft: „Wer die Wahrheit außer acht läßt und blindlings der Gewohnheit folgt, der handelt neidisch oder boshaft an den Brüdern, denen die Wahrheit geoffenbart ist, oder aber ist er undankbar gegen Gott, durch dessen Eingebung die Kirche erleuchtet wird“. Ferner sagt er: „Im Evangelium sagt der Herr: ‚Ich bin die Wahrheit‘, nicht aber: ‚Ich bin die Gewohnheit‘. Darum soll die Gewohnheit der offenbaren Wahrheit weichen“. Weiter: „Ist die Wahrheit offenbar geworden, so soll der Irrtum der Wahrheit weichen, wie auch Petrus, der zuerst für die Beschneidung war, dem Paulus, der die Wahrheit predigte, gewichen ist“.
Derselbe Kirchenvater sagt in seinem Buch „über die Taufe“ Kapitel IV: „Vergebens halten uns diejenigen, die durch die Vernunft besiegt werden, das Recht der Gewohnheit vor, als wäre die Gewohnheit mehr als die Wahrheit, und als müßte man nicht in geistlichen Dingen dasjenige thun, was uns vom heiligen Geist als das Bessere geoffenbart worden ist“.
Das ist sicher wahr, daß Vernunft und Wahrheit über das Herkommen zu stellen sind. Gregor VII. schreibt an den Bischof Vimund: „Sicherlich, um des heiligen Cyprianus’ Meinung zu folgen, ist jede Gewohnheit, sei sie auch noch so alt und noch so verbreitet, der Wahrheit ohne weiteres zu unterwerfen, und ein Brauch, der mit der Wahrheit im Widerspruch steht, abzuschaffen“. Mit welcher Liebe wir an der Wahrheit auch in Worten festhalten sollen, sagt uns Jesus Sirach: „Schäme dich nicht, für deine Seele das Recht zu bekennen“; weiter: „Rede nicht wider die Wahrheit“; und wiederum: „Laß all deinem Werk das Wort der Wahrheit vorausgehen und all deinem Thun einen festen Ratschluß“. Man soll auch nicht darauf sehen, ob viele etwas thun, sondern ob etwas den Beifall der Weisen und Guten hat. „Der Narren Zahl, sagt Salomo, ist unendlich.“ Und die Wahrheit versichert: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“. Alles was kostbar ist, ist selten, und was in Überfluß vorhanden ist, verliert an Wert. Niemand soll in der Ratsversammlung der größeren Partei folgen, sondern der besseren. Nicht auf das Alter eines Menschen soll man sehen, sondern auf seine Weisheit; nicht gutes Einvernehmen, sondern Wahrheit soll man suchen. Daher das Wort des Dichters: „Auch vom Feind sollst du dich lassen belehren“.
So oft eine Beratung nötig ist, soll sie ohne Verzug abgehalten werden. Bei dringenden Angelegenheiten soll der Konvent zusammenberufen werden; bei weniger wichtigen Dingen genügt es, wenn die Äbtissin einige ältere Schwestern zu sich beruft. Vom Rat steht auch geschrieben: „Wo nicht Rat ist, da gehet das Volk unter; wo aber viel Ratgeber sind, da gehet es wohl zu. Der Weg des Narren ist recht in seinen Augen; aber ein vernünftiger Mann verachtet nicht guten Rat. Mein Sohn, thue nichts ohne Rat, so gereut’s dich nicht nach der That“. Wenn auch dann und wann eine Angelegenheit ohne Beratung glücklich erledigt wird, so entbindet die Wohlthat des Geschickes den Menschen doch nicht von seiner Aufgabe. Und wenn umgekehrt auch nach gepflogener Beratung falsche Maßregeln ergriffen werden, so soll man den, der den Rat eingeholt hat, nicht der Fahrlässigkeit beschuldigen. Denn ihn, der in gutem Glauben gehandelt hat, trifft weniger Schuld als diejenigen, auf die er sich irrtümlicherweise verlassen hat.
Haben die Schwestern den Kapitelsaal verlassen, so sollen sie die vorgeschriebenen Arbeiten vornehmen und sich mit Lesen oder Singen oder mit Handarbeit beschäftigen bis zur Terz. Nach der Terz soll die Messe gelesen werden, wozu ein Mönchspriester den Wochendienst hat. Dieser soll, wenn Leute genug vorhanden sind, einen Diakon und Subdiakon mitbringen, welche ihm administrieren und ihres Amtes walten. Sie sollen in der Weise kommen und gehen, daß sie mit den Schwestern nicht zusammentreffen. Sind mehrere nötig, so ist auch dafür zu sorgen, und zwar soll man dabei darauf sehen, daß die Mönche niemals wegen der Messen im Nonnenkloster ihrem eigenen Konvent beim Gottesdienst entzogen werden.
Wenn die Schwestern kommunizieren wollen, so soll dazu ein älterer Priester ausgewählt werden, der ihnen nach der Messe das Abendmahl giebt; vorher aber sollen sich der Diakon und Subdiakon entfernen, um jeden Anlaß einer Anfechtung zu entfernen. Mindestens dreimal im Jahr sollen alle Nonnen kommunizieren, an Ostern, an Pfingsten und an Weihnachten, wie dies von den Vätern auch für die Laien angeordnet ist. Zu diesen Kommunionen sollen sie sich so vorbereiten, daß alle sich drei Tage vorher der Beichte und entsprechenden Buße unterziehen, und in aller Demut und Furcht drei Tage mit Fasten bei Wasser und Brot und unter anhaltendem Gebet verbringen, immer wieder den furchtbaren Spruch des Apostels sich ins Gedächtnis zurückrufend: „Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset und von dem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der Mensch prüfe aber sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch. Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht damit, daß er nicht unterscheidet den Leib des Herrn. Darum sind auch so viele Schwache und Kranke unter euch, und ein gut Teil schlafen. Denn so wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet“.