IV. Brief. Heloise an Abaelard.
P. Baumgärtner translation
(Ihrem Ein und Alles nach Christus die Seinige ganz in Christus.)
Es befremdet mich, teuerster Freund, daß du gegen den sonstigen Gebrauch, ja gegen die natürliche Ordnung der Dinge selbst in der Anrede deines Briefes meine Person vor die deinige zu setzen beliebtest: die Frau vor den Mann, die Gattin vor den Gatten, die Magd vor den Herrn, die Nonne vor den Mönch und Priester, die Diakonisse vor den Abt. Nach gutem Recht und Brauch setzt man den Namen des Briefempfängers vor den eigenen, wenn man an Vorgesetzte oder Gleichstehende schreibt. Schreibt man dagegen an Untergebene, so richtet sich die Reihenfolge der Namen nach derjenigen des Ranges der einzelnen.
Auch das hat uns nicht wenig befremdet, daß du die Angst derjenigen noch vermehrt hast, denen du den Balsam des Trostes hättest reichen sollen, und daß du, statt Thränen zu stillen, Thränen geweckt hast. Denn wer von uns kann mit trockenen Augen anhören, was am Schluß deines Briefes steht: „Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt, daß sie mich überwältigen und töten“ u. s. w. O mein Geliebter, wie konntest du so etwas denken und aussprechen! Möge Gott niemals seine Dienerinnen so weit vergessen, daß er sie deinen Tod erleben lasse. Möge er uns nimmermehr ein Leben fristen lassen, das schwerer ist als alle Qualen des Todes. Dir ziemt es, unsere Exequien zu feiern, du mußt Gott unsere Seelen empfehlen und diejenigen zu ihm vorangehen lassen, die du zu einer Gemeinde Gottes vereinigt hast. Von keiner Sorge um sie wirst du dann mehr beunruhigt werden, und um so freudiger wirst du uns nachfolgen, je gewisser du über unser Seelenheil geworden bist.
Verschone uns, ich beschwöre dich, mein Gebieter, mit solchen Worten, die unser Unglück zur Verzweiflung steigern; nimm uns nicht vor dem Tod, was uns das Leben noch möglich macht. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe, und jener Tag, ganz in Bitterkeit gehüllt, wird jedem, dem er anbricht, Angst genug bereiten. „Denn wozu soll man,“ sagt Seneca, „Übel heraufbeschwören und das Leben vor dem Tod verlieren?“
Du bittest darum, mein einzig Geliebter, wir sollen deinen Leichnam, falls du dein Leben fern von uns beschließen solltest, nach unserer Begräbnisstätte überführen lassen, auf daß dir die Gebete, in welchen wir deiner beständig gedenken, eine reiche Frucht des Segens schaffen mögen. Aber wie kannst du glauben, daß dein Andenken überhaupt aus unserm Gedächtnis schwinden könne? Oder wird es dann Zeit zum Gebet sein, wenn die höchste Seelenangst uns ruhelos umtreibt? wenn der Geist die Fähigkeit zum Denken verliert und die Zunge nicht mehr der Rede mächtig sein wird? Wenn das Herz in seinem Wahn sich gegen Gott empört und ihn mit seinem Murren zum Zorn reizt, statt ihn mit Gebeten zu begütigen? Dann werden wir Armen nur noch Thränen haben und kein Wort des Gebetes finden, und wir werden größere Eile haben, dir im Tode nachzufolgen als dich zu bestatten, und wir werden selbst für das Grab reif sein, statt daß wir dich begraben. Da uns mit dir unser Leben verloren geht — wie sollen wir weiter leben, wenn du von uns scheidest? Ach würde es uns erspart, auch nur bis dahin zu leben! Schon der Gedanke an deinen Tod ist so gut wie Tod für uns. Möge Gott nicht zugeben, daß wir am Leben bleiben, um an dir diese Liebespflicht zu erfüllen und diesen letzten Dienst dir zu erweisen, den wir vielmehr von dir erwarten. Darin wollen wir dir vorangehen, nicht folgen!
Darum schone unser, ich beschwöre dich, schone wenigstens derjenigen, die nur in dir lebt; laß uns nicht solche Worte hören, die gleich tödlichen Schwertern durch unsere Seele gehen, also daß was dem Tod vorangeht, schwerer ist als der Tod selbst. Ein kummerschweres Herz findet keine Ruhe und ein geängsteter Geist kann sich nicht wahrhaft mit Gott beschäftigen. Ich bitte dich, mach uns den Dienst des Herrn nicht unmöglich, dem kein anderer als du uns geweiht hat. Wenn uns eine schwere Heimsuchung droht, die unvermeidlich ist, dann möge sie lieber schnell hereinbrechen, damit nicht ein Geschick uns lange vorher mit unnützer Angst quält, das doch durch keine Vorsicht abzuwenden ist. So meint es auch der Dichter, wenn er Gott bittet:
„Plötzlich komme, was du verhängst, und blind für die Zukunft Bleibe des Menschen Sinn, und Hoffnung lindre die Furcht ihm.“
Aber welche Hoffnung bleibt mir, wenn ich dich verloren habe? Oder was könnte mich dann noch bestimmen, meine irdische Pilgerschaft fortzusetzen, in der ich keinen andern Trost habe als dich. Ja selbst von dir bleibt mir ja nur noch das frohe Bewußtsein, daß du lebst, da die Wonne, die ich einst bei dir fand, dahin ist. Ja, nicht einmal deine Gegenwart ist mir vergönnt, in deren Genuß ich doch von Zeit zu Zeit wenigstens mich wiederfinden könnte.
Ja, wenn’s kein Frevel wäre — wollte ich’s hinausrufen in alle Welt: „O du grausamer Gott, grausam in allen Stücken! O unbarmherzige Barmherzigkeit! O unseliges Geschick!“ Alle seine bitteren Geschosse hat es an mich verschwendet, und es bleibt ihm keines mehr übrig, um gegen andere zu wüten. Seinen ganzen vollen Köcher hat es an mir erschöpft, so daß niemand mehr seine Pfeile zu fürchten braucht. Ja, selbst wenn es noch ein Geschoß übrig hätte, es wäre kein gesunder Fleck an mir, der noch verwundet werden könnte. Nur das eine hat es bei so vielen Wunden zu fürchten, daß mein Tod diesen Qualen ein Ende mache! und obwohl es nicht aufhört, mich zu martern, so fürchtet es sich, daß mein Tod, an welchem es arbeitet, zu schnell herbeikommen möchte!
O ich Elendeste der Elenden! Ich aller Unglücklichen Unglücklichste! Stand ich nicht höher als alle Frauen der Welt, da du mich über alle stelltest? Um so tiefer und schwerer war der Fall, den ich an dir und mir zugleich erleben mußte. Denn je höher einer emporgestiegen, desto tiefer ist der Sturz, wenn er fällt. Gab es unter allen edlen und hohen Frauen eine, deren Glück das meinige überstiegen hätte oder ihm auch nur gleichgekommen wäre? Aber giebt es auch eine, die das Geschick so in die Tiefe gestürzt hat und so mit Leid überschütten konnte? Den höchsten Ruhm hat es mir durch dich gebracht und hat mir das tiefste Elend in dir bereitet. Nicht im Guten, nicht im Bösen hat es Maß gehalten, grenzenlos hat es mir beides beschert. Nur um mich zur elendesten aller Frauen zu machen, hat es mich vorher so glücklich gemacht, damit ich im Gedanken an das Verlorene desto lauter klagen sollte, je schwerer ich geschädigt worden war. Der Verlust sollte mich um so mehr schmerzen, je teurer mir der Besitz gewesen war. Und das Ende der höchsten Lust und Wonne sollte die tiefste Trauer sein.
Ja, um uns noch mehr zu reizen, wurden alle Gebote der Gerechtigkeit an uns in Ungerechtigkeit verwandelt. Denn so lange wir sorglos die Freuden der Liebe genossen und, um ein stärkeres aber bezeichnenderes Wort zu gebrauchen, der Buhlerei uns hingaben, so lange hat Gott seine Strenge nicht gegen uns angewandt. Als wir aber an Stelle der verbotenen Liebe die erlaubte setzten und das Anstößige unseres freien Liebesverkehrs durch ein ehrbares Ehebündnis gedeckt hatten, da erst hat uns der Herr in seinem Grimm seine gewaltige Hand fühlen lassen, und das reine Ehebett fand keine Gnade vor dem, der das befleckte vorher so lange geduldet hatte.
Für Männer, die man im Ehebruch betroffen hätte, wäre die Strafe hart genug gewesen, die dich ereilt hat. Was andere durch das Vergehen des Ehebruchs verdienen, das hast du infolge deiner rechtmäßigen Ehe erlitten, durch welche du alle Sünden glaubtest gebüßt zu haben. Was Buhlerinnen ihren Mitschuldigen zuziehen sollten, das hat deine Gattin über dich gebracht. Unser Geschick hat uns auch nicht ereilt, so lange wir in den alten Genüssen schwelgten; vielmehr lebten wir ja gerade damals in keuscher Trennung voneinander: du hieltest in Paris deine Schule, ich lebte auf deinen Wunsch unter den Nonnen zu Argenteuil. So hatten wir unsere Gemeinschaft aufgehoben, damit du desto eifriger dem Unterricht obliegen könntest, ich um so ungestörter dem Gebet und frommer Betrachtung mich widmete, und während wir keuscher und darum unsträflicher lebten als sonst, hast du an deinem Leib die Schuld allein bezahlt, die wir beide gemeinsam begangen hatten. Schuldig waren wir beide, gestraft wurdest nur du; du, der weniger schuldig war, hast die ganze Strafe getragen. Du hattest aller Gerechtigkeit genug gethan, da du dich um meinetwillen erniedrigtest, mich aber und mein ganzes Geschlecht zu dir emporhobst, um so weniger durftest du Strafe fürchten von Gott oder gar von den Verrätern, denen du zum Opfer gefallen bist.
Ich Unselige! mußte ich geboren werden, um die Ursache eines solchen Verbrechens zu werden? Daß doch den größten Männern allezeit von Frauen das tiefste Verderben droht! Darum steht auch in den Sprüchen die Warnung vor den Weibern: „Mein Sohn, höre mich und merke auf die Worte meines Mundes: laß dein Herz nicht weichen auf ihren Weg und laß dich nicht verführen auf ihrer Bahn. Denn sie hat viele verwundet und gefället und sind allerlei Mächtige von ihr erwürget. Ihr Haus sind Wege zur Hölle, da man hinunterfährt in des Todes Kammer.“ Und im „Prediger“ heißt es: „Ich habe alle Dinge durchforscht in meinem Geist und fand, daß ein solches Weib, welches Herz Netz und Strick ist und ihre Hände Bande sind, bitterer sei, denn der Tod. Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder wird durch sie gefangen.“
Schon das erste Weib im Paradies hat den Mann verführt und während sie ihm von Gott zur Gehilfin geschaffen war, ist sie ihm zum größten Fluch geworden.
Der starke Simson, der durch das Nasiräergelübde dem Herrn geweiht war und dessen Geburt seiner Mutter durch einen Engel verkündigt wurde — Delila allein hat ihn überwunden, sie war es, die ihn seinen Feinden in die Hände lieferte; sie war schuld daran, daß er des Augenlichtes beraubt, endlich in wildem Schmerz sich und seine Feinde unter den Trümmern des Tempels begraben hat.
Salomo, aller Weisen Weisester, wurde allein durch das Weib, mit dem er sich verbunden hatte, zum Thoren. Durch sie verlor er so gänzlich seinen Verstand, daß er, den doch der Herr zum Erbauer seines Tempels auserlesen hatte, während der fromme David, Salomos Vater, nicht dazu gewürdigt worden war, bis an sein Lebensende zum Götzendienst sich verleiten ließ und von dem wahren Gott, den er in Wort und Schrift predigte und lehrte, abfiel.
Der fromme Hiob hatte den letzten und härtesten Kampf mit seinem Weibe zu bestehen, die ihn dazu verleiten wollte, Gott zu fluchen. Der schlaue Versucher wußte wohl — er hatte es zu oft erprobt — daß die Männer am leichtesten durch ihre Frauen zu Fall kommen.
So hat er denn seine gewohnte Teufelei auch auf uns angewandt und hat dich durch die Ehe zu Fall gebracht, da er dich durch die verbotene Liebe nicht verderben konnte. Das Schlechte hatte er nicht zu unserem Schaden ausnützen dürfen, darum wirkte er aus dem Guten Schlechtes.
Gott aber sei Dank wenigstens dafür, daß mich der Versucher nicht wie die genannten Frauen mit meiner Zustimmung schuldig werden lassen durfte, wenn schon er meine Liebe als Werkzeug für seine Bosheit benutzt hat. Und doch, wenn ich auch in diesem Punkt ein reines Gewissen habe und mich keine Schuld an jenem Verbrechen trifft, so habe ich doch vorher so viele Sünden begangen, daß ich mich auch nicht ganz von der Schuld an diesem Vergehen freizusprechen wage.
Denn lange vorher schon hatte ich den Lockungen fleischlicher Lüste nachgegeben; schon damals hätte ich verdient, was ich jetzt leide und das Geschick, das mich später ereilte, ist die gerechte Strafe für meine früheren Sünden. Hat man schlimm angefangen, so muß man sich auch auf einen schlimmen Ausgang gefaßt machen. Ja, könnte ich nur wenigstens recht ernstlich bereuen, was ich gethan! Könnte ich durch anhaltende Reue und Zerknirschung die schreckliche Wunde, die man dir geschlagen hat, nur einigermaßen gut machen. Den Schmerz, den du einen Augenblick lang an deinem Körper aushalten mußtest — wie gerne wollte ich ihn — es wäre ja nur recht und billig — mein ganzes Leben lang in meinem trauernden Herzen tragen und so, wenn nicht Gott, doch wenigstens dir Genugthuung leisten.
Allein, laß mich die ganze Schwachheit meines geängsteten Herzens bekennen: ich finde in mir nicht die Kraft einer wahren Reue, mit der ich Gott versöhnen könnte; ja, ich muß ihn vielmehr ob jener ungerechten Heimsuchung der höchsten Grausamkeit zeihen, ich murre wider seine Fügung und reize ihn durch meine Widerspenstigkeit zum Zorn, statt ihn durch aufrichtige Bußfertigkeit zu begütigen. Denn mag man den Leib noch so sehr kasteien: kann man da von wahrer Reue sprechen, wo das Herz an der Lust zur Sünde noch festhält und nach den alten Genüssen noch immer glühend verlangt? Es ist wohl leicht, seine Sünden zu bekennen und sich selber anzuklagen, oder dem Leib durch äußerliche Bußübung wehe zu thun; aber schwer, unendlich schwer ist es, das Herz loszureißen von der Sehnsucht nach den süßesten Genüssen. Darum, wenn der fromme Hiob sagt: „Ich will meine Klage bei mir gehen lassen!“ d. h. ich will meinen Mund öffnen und mich frei und offen meiner Sünden anklagen — so fügt er mit Recht alsbald hinzu: „Ich will reden von Betrübnis meiner Seele“. Der heilige Gregorius erklärt diese Worte also: „Es giebt Leute, die mit lauter Stimme ihre Sünden bekennen; aber ihr Sündenbekenntnis entlockt ihnen keinen Seufzer, und mit fröhlicher Miene sprechen sie Dinge aus, über die sie weinen sollten.“ So ist es denn nicht damit gethan, daß man seine Sünden verurteilt und bekennt, sondern man muß sie in der Betrübnis seiner Seele bekennen, und diese Betrübnis muß eben die Strafe sein für die Sünden, welche die vom Gewissen geleitete Zunge bekennt.
Aber wie selten dieses bittere Gefühl wahrer Reue sich finde, das spricht der heilige Ambrosius aus in dem Satz: „Ich habe mehr Leute kennen gelernt, die ihre Unschuld unverletzt bewahrt als solche, die Buße gethan haben“. Ich fand in den Freuden der Liebe, die wir miteinander genossen, so viel Wonne, daß sie noch jetzt ihren Reiz für mich haben und mich der Gedanke daran kaum verläßt. Wohin ich mich wende, immer stehen sie mir vor Augen und wecken sehnsüchtiges Verlangen. Bis in meinen Schlummer verfolgen mich die lockenden Phantasien. Mitten im feierlichen Hochamt, wo das Gebet reiner zu Gott sich erheben soll als sonst, wird mein armes Herz so ganz von jenen wohllüstigen Gebilden eingenommen, daß ich nur für ihre Lüsternheiten Gedanken habe, nicht für das Gebet. Ich sollte über meine Sünden weinen und ich seufze nach dem, was ich verloren.
Und nicht allein was wir gethan steht lebendig vor meiner Seele; nein, auch die Orte, die Stunden, in denen wir gesündigt, haben sich so fest meinem Herzen eingeprägt, daß ich immer wieder aufs neue alles mit dir durchlebe und auch im Schlaf keine Ruhe finden kann. Dann und wann verrät eine unwillkürliche Bewegung des Körpers meines Herzens Gedanken oder ein Wort, das sich mir wider Willen auf die Lippen drängt. O gewiß, mein Elend ist groß! und ich darf wohl einstimmen in die Klage eines bangen Herzens: „Ich unglückseliger Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ O könnte ich auch die darauffolgenden Worte aus vollem Herzen nachsprechen: „Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn.“
Dir, mein Geliebter, ist die göttliche Gnade entgegengekommen und hat dich auf einmal von all diesen Anfechtungen befreit, durch eine körperliche Wunde hat sie dich aller Seelenleiden enthoben, und wo Gott es böse mit dir zu machen schien, gerade darin hat sich seine Güte gegen dich gezeigt: nach Art eines guten Arztes, der, um zu heilen, den Schmerz nicht erspart. Bei mir dagegen werden die Reizungen des Fleisches, die Begierde nach Genuß noch verschärft durch die Glut meines jungen Blutes und durch die Erinnerung an die wonnigen Genüsse, die ich einst gekostet habe. Und je schwächer die Natur ist, der der Angriff gilt, desto leichter erliege ich dem Ansturm der Leidenschaften. Man nennt mich keusch, weil man nicht weiß, daß alles nur Schein ist. Man rechnet mir die Reinheit des Fleisches als Tugend an, aber nicht Reinheit des Leibes, sondern Keuschheit der Seele ist Tugend! Menschen rühmen mich, vor Gott aber, der Herzen und Nieren prüft und ins Verborgene siehet, habe ich kein Verdienst. Man nennt mich fromm zu einer Zeit, in der nur der geringste Teil der Frömmigkeit nicht Heuchelei ist; wo der am meisten gelobt wird, der niemand vor den Kopf stößt.
Es ist ja wohl lobenswert und vor Gott gewiß angenehm, wenn jemand, was für eine Gesinnung er sonst habe, nicht durch seine Handlungen ein schlechtes Beispiel giebt und der Kirche Ärgernis dadurch bereitet, oder wenn er sich davor hütet, daß nicht um seinetwillen der Name Gottes gelästert werde unter den Heiden oder daß er den Kindern der Welt keinen Anlaß gebe, seinen heiligen Stand zu verunglimpfen. Aber auch das ist eigentlich nur ein Geschenk der göttlichen Gnade; von ihr allein kommt uns die Kraft, das Gute zu thun und das Böse zu lassen. Vergeblich aber ist es, das erstere zu thun, wenn das andere nicht auch geschieht; denn es steht geschrieben: „Wende dich ab vom Bösen und thue das Gute.“ Und beides ist wiederum vergeblich, wenn uns nicht die Liebe Gottes dazu treibt.
Ich aber habe — Gott weiß es — jederzeit mich mehr davor gescheut, dich zu beleidigen als Gott. Du bist es, dem ich gefallen will, nicht Gott. Dein Befehl hat mich zur Nonne gemacht, nicht die Liebe zu Gott. Ach sieh mein Unglück an, führe ich nicht das jammerwürdigste Leben, wenn das alles, was ich leide, umsonst ist und kein Dank in der Zukunft mich erwartet? Auch du hast dich, gleich vielen anderen, durch den Schein betrügen lassen und hast meine Heuchelei für Frömmigkeit gehalten. Darum empfiehlst du dich so dringend für mein Gebet und verlangst von mir, was ich von dir erwarte. Ich beschwöre dich, du wollest keine so hohe Meinung von mir haben und nicht aufhören, deinerseits für mich zu beten. Halte mich nicht für gesund, damit du mir nicht die Wohlthat deiner Arznei entziehest. Glaube nicht, ich brauche nichts und zögere nicht, mir in meiner Not zu helfen. Denke nicht, ich sei stark: ich möchte sonst stürzen, ehe du mich halten könntest. Vielen hat schon falsches Lob Schaden gebracht und ihnen die Stütze genommen, die sie brauchten. Durch den Mund des Jesaias ruft der Herr: „Mein Volk, deine Tröster verführen dich und zerstören den Weg, den du gehen sollst“. Und bei Ezechiel heißt es: „Wehe euch, die ihr Kissen machet den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beides Jungen und Alten, die Seele zu fahen“.
Dagegen finden wir bei Salomo den Spruch: „Die Worte der Weisen sind Spieße und tief eingeschlagene Nägel, die nicht die Haut ritzen, sondern tiefe Wunden reißen.“
Ich bitte dich, höre auf mich zu loben, damit du nicht den Vorwurf niedriger Schmeichelei dir zuziehest oder des Vergehens der Lüge dich schuldig machest. Oder wenn du wirklich glaubst, daß etwas Gutes an mir sei, so gieb acht, daß nicht das, was du an mir lobst durch den giftigen Hauch der Eitelkeit zu nichte werde. Kein erfahrener Arzt beurteilt eine innere Krankheit bloß nach dem Befund des äußerlichen Zustandes eines Kranken. Leistungen, welche Verworfene so gut aufweisen können wie Auserwählte, haben vor Gottes Augen keinen Wert. Derart sind aber die äußerlichen guten Werke und keiner der Heiligen ist so eifrig darauf bedacht, wie die Heuchler. „Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes Ding, wer kann es ergründen?“ Ferner: „Es gefällt manchem ein Weg wohl; aber endlich bringt er ihn zum Tode“. — „Der Mensch soll nicht voreilig über Dinge urteilen, die allein dem Urteil Gottes vorbehalten sind.“ Darum steht auch geschrieben: „Man soll keinen Menschen loben, so lange er lebt“. Das ist so viel als: lobe keinen Menschen, weil zu fürchten steht, daß du ihn durch dein Lob weniger lobenswert machest.
Für mich selber ist ein Lob von dir um so gefährlicher, je angenehmer es mir ist; und es klingt mir um so verführerischer und schmeichlerischer ins Ohr, weil ich dir in allem gefallen möchte. Ich bitte dich: laß allezeit deine Furcht um mich größer sein als das Vertrauen, das du auf mich setzest, damit mir stets deine fürsorgende Hilfe zur Seite stehe. Und jetzt hast du ganz besonderen Grund, für mich zu fürchten, weil mein sinnliches Verlangen bei dir keine Befriedigung mehr finden kann. Sage mir nicht: „Die Kraft ist in den Schwachen mächtig“ oder: „Niemand wird gekrönt, er kämpfe denn recht“. Ich verlange keine Siegeskrone; es ist mir genug, wenn ich der Gefahr entgehe. Es ist leichter, der Gefahr aus dem Wege zu gehen als den Kampf aufzunehmen. Welchen Winkel seines Himmels Gott mir anweisen will — ich werde zufrieden sein. Dort wird keiner den andern beneiden, jeder wird mit dem was er hat, sich begnügen. Um diese meine Ansicht durch das Gewicht einer Autorität zu stützen, will ich das Wort des heiligen Hieronymus anführen: „Ich gestehe meine Schwachheit ein, ich will nicht kämpfen in der Hoffnung auf Sieg, damit ich des Sieges nicht verlustig gehe.“ Sollten wir sicheres aufgeben und Unsicherem nachjagen?