VII. Brief. Abaelard an Heloise. (continued 2)
P. Baumgärtner translation
Aber nicht bloß in Belehrung und Unterweisung der Frauen haben die heiligen Väter eine wunderbare Liebe an den Tag gelegt: auch wenn es galt, sie zu trösten, ist dieser Liebeseifer zuweilen so heftig zum Ausbruch gekommen, daß es fast scheint, als hätten sie sich durch ihr unbegrenztes Mitleid, nur um den Schmerz der Frauen zu lindern, zu Versprechungen verleiten lassen, die mit dem christlichen Glauben im Widerspruch standen. Derart ist der Trost, welchen der heilige Ambrosius nach dem Tode des Kaisers Valentinian dessen Schwestern zu schreiben wagte, indem er sie versicherte, daß ihr Bruder, der doch als Katechumen gestorben ist, der Seligkeit teilhaftig geworden sei — eine Behauptung, die mit dem katholischen Glauben und mit der evangelischen Lehre durchaus nicht übereinstimmt. Sie wußten wohl, wie angenehm vor Gott allezeit die Tugend des schwächeren Geschlechtes gewesen sei.
So kommt es, daß wir zwar eine unzählige Schar von Jungfrauen dem Beispiel der Mutter des Herrn folgen und den sittlich vollkommeneren Stand erwählen sehen, daß wir aber nur wenige Männer kennen, welche die Gnadengabe dieser Tugend erlangt haben, vermöge deren sie dem Lamme selbst überall hin folgen konnten. Im Eifer um diese Tugend haben mehrere Frauen sogar Hand an sich selber gelegt, damit sie die Keuschheit auch des Leibes, welche sie Gott gelobt hatten, sich erhielten, und man hat sie darob nicht nur nicht getadelt, sondern bei den meisten wurde ihr freiwilliger Opfertod Anlaß zu ihrer kirchlichen Verehrung. Ja, sogar bereits verlobte Jungfrauen, wenn sie sich vor der fleischlichen Vereinigung mit ihren Männern für die Wahl des Klosterlebens entschließen, ihren Mann aufgeben und sich Gott verloben wollen, haben darin freie Hand, während wir von einer solchen Rechtsbestimmung für die Männer nichts wissen.
Einige Frauen waren von solchem Eifer für ihre Keuschheit erfüllt, daß sie nicht allein unerlaubterweise, um ihre Keuschheit zu wahren, sich für Männer ausgaben, sondern dann auch, unter den Mönchen lebend, sich durch ihre Tugenden also auszeichneten, daß sie des Abtstuhls für würdig befunden wurden, wie wir dies von der heiligen Eugenia lesen, welche mit Wissen, ja, auf Zureden des frommen Bischofs Helenus Männerkleider anlegte, von ihm getauft und in ein Mönchskloster aufgenommen wurde.
Die erste deiner Fragen, geliebte Schwester in Christo, das Ansehen eures Standes und die Hoheit seiner ihm eigenen Würde betreffend, glaube ich hiemit genügend beantwortet zu haben. Je mehr ihr die Herrlichkeit eures Berufes nun erkannt habt, mit desto größerem Eifer werdet ihr ihn erfassen. Möchten eure Verdienste und Gebete bewirken, daß ich weiterhin mit Gottes Zustimmung auch deine zweite Frage beantworten kann. — Lebe wohl!