B e g i e r d e
Reading edition
Ein Berliner Roman
von
Jolanthe Marès

16. bis 20. Tausend
Wilhelm Borngräber Verlag Berlin
Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vom Verleger gewahrt.
In dem eleganten kleinen Teeraum der Pension Mohrmann lag Miß Webb tief in einen der bequemen Sessel geschmiegt, rauchte ihre Zigarette und gab ihrem Erstaunen über Deutschland im allgemeinen und Berlin im besonderen Ausdruck.
»Oh, ich muß Ihnen sagen, Miß Wunsch, daß ich sehr erstaunt bin über alles, was ich hier in Deutschland sehe. Ich habe immer gehört, die deutsche Frau ist nicht elegant und versteht sich nicht zu kleiden. Sie ist nur Hausfrau, hat viele Kinder, kocht, wäscht und besorgt im Haushalt alles selbst. Und nun sehe ich, daß es ganz anders ist. Die deutsche Frau ist eine elegante Dame. Sie kleidet sich nach der Mode, hat Schick und versteht zu flirten. O nein, ich finde die ›Deutsche Hausfrau‹ nicht.«
Lachend warf die der Sprecherin gegenübersitzende Lotte Wunsch den Rest ihrer Zigarette in den Aschenbecher, schlürfte langsam ihren Tee und erwiderte spöttisch: »Auf Ihren Wegen werden Sie auch die deutsche Hausfrau schwerlich finden, Miß Webb.«
»Ich bin sicher, daß es einige gibt. Aber was will das sagen im Vergleich zu den vielen?«
»Geht man nachmittags zum five o’clock tea, man trifft viele Damen, Frauen, die Haus und Kinder haben. Abends in den Restaurants, alles Familien! Ich sehe, es ist nicht richtig mit Ihren drei K — Kirche, Küche, Kinder — ich finde, man amüsiert sich sehr viel bei Ihnen.«
»Man arbeitet aber auch bei uns.«
»Das ist wahr. Ich habe es bemerkt. Die Herren bei Ihnen arbeiten viel, beinahe so viel wie bei uns. Es gibt viele Frauen in Deutschland, die einen Beruf haben und die sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Das imponiert mir sehr. Aber Zeit für Amüsement haben sie trotzdem. Oh, ich denke lange in Berlin zu bleiben to amuse myself.« Miß Webb zündete sich eine neue Zigarette an, warf den Kopf weit zurück, schlug die Beine übereinander, daß die schlanken, in spinnwebfeinen schwarzen Seidenstrümpfen steckenden Beine sichtbar wurden, und den Rauch der Zigarette in leichten Wölkchen in die Luft blasend, fragte sie: »Haben Sie auch den Schrei nach dem Kinde gehabt, Miß Wunsch?«
Fräulein Wunsch starrte auf ihr Gegenüber: »Ob ich was?«
»Nun — ob Sie auch den Schrei nach dem Kinde haben? Man sagt bei uns, die deutsche Frau mit einem Beruf will sehr oft ein Kind, aber keinen Mann, sie will Mutter sein, ohne zu heiraten. Ist das richtig? Wie kann man wünschen, ein Kind zu bekommen? Kleine Kinder sind schrecklich. Niemals möchte ich Kinder haben, sie sind lästig und machen so viel Mühe.«
Mit einem energischen Ruck warf sie den Oberkörper nach vorn, setzte die Füße fest auf den Boden und fragte eindringlich zu Fräulein Wunsch hinüber: »Wollen Sie ein Kind?«
»Es wäre wirklich schade, wenn Ihre Mutter ebenso gedacht hätte wie Sie. Im übrigen scheinen Sie aus Schlagwörtern Ihre Kenntnis der deutschen Frau herzuleiten. Ich würde Ihnen auch raten, länger hierzubleiben, um Ihr Wissen an der Quelle zu vervollständigen.«
»Oh, Sie sind böse, weil ich das gefragt habe, das müssen Sie nicht sein. Ich frage nicht aus Neugierde, ich habe viel Interesse für die deutsche Frau, ich suche sie zu studieren. Ich weiß, die Deutschen haben viel Herz, oder sagen Sie Gemüt? Ich kann es wohl verstehen, daß man wünscht, Kinder zu haben, wenn man verheiratet ist, aber wie eine Frau, die nicht verheiratet ist, sich ein Kind wünschen kann, das begreife ich nicht. Sagen Sie, Mrs. Holm, wünschen Sie sich ein Kind?«
»Ich wäre unendlich glücklich, wenn mir in meiner Ehe ein Kind beschieden wäre.«
»Well, Sie waren verheiratet. Aber Sie, Fräulein von Wangenheim, wie denken Sie darüber?« Die lebhaften braunen Augen wandten sich gespannt und voller Neugierde der ihr zur Rechten sitzenden jungen Dame zu.
Ein flammendes Rot überzog die zarten bleichen Wangen, kühle, abweisende Blicke trafen die Augen der Fragenden: »Aber — ich bitte —«
Erstaunt blickte die Amerikanerin sie an: »Ich denke, Sie sind Künstlerin und wollen zur Bühne gehen? Da darf man nicht prüde sein, Fräulein von Wangenheim, da werden Sie noch ganz andere Dinge zu hören bekommen.«
»Ich will nicht zur Bühne gehen, ich will Konzertsängerin werden.«
»Einerlei. Nicht wahr, Sie studieren bei Professor Sommer?«
»Jawohl.«
»Es soll ein sehr interessanter Mann und guter Lehrer sein. Ich habe viel von ihm gehört. Ich wollte auch Gesang studieren. Sie müssen wissen, wir Amerikaner lieben die Musik sehr. Aber ein Studium nimmt viel Zeit. Ich bin zu praktisch, ohne Vorteil Geld auszugeben. Ich habe keine Zeit zum Studieren, ich liebe es mehr, mich zu amüsieren.«
»Ja, das Studium kostet viel Geld.«
»Die Ausbildung Ihrer Stimme ist eine Kapitalsanlage, die Ihnen später Zinsen bringen wird, vorausgesetzt, daß Sie wirklich Stimme haben.«
»Der Professor hat mir große Hoffnungen gemacht.«
»Waren Ihre Eltern denn mit Ihrer Ausbildung einverstanden? Sie sind aus einer Offiziersfamilie, Ihr Vater ist, wie ich gehört habe, Oberstleutnant. Ist man in diesen Kreisen nicht etwas ablehnend gegen das Künstlertum, wenigstens wenn es die eigene Familie betrifft?«
Ein leichter Zug der Pein huschte über die jetzt wieder bleichen Züge Fräulein von Wangenheims, aber sich bezwingend erwiderte sie:
»Im allgemeinen wohl, Miß Webb. Auch ich hatte einen Kampf zu bestehen, ehe mir die Einwilligung meiner Eltern zuteil wurde, aber — wie Sie sehen — ich bin siegreich aus dem Kampf hervorgegangen und — der Oberstleutnant mußte sich dem Rekruten ergeben.«
»Also: Siegerin. Sie werden auch hier siegen, glauben Sie mir —« und ein so prüfender Blick flog über Gerda von Wangenheim, daß ihr wieder das Erröten kam.
»Good Evening, Mr. Winkelmann, es ist nett, daß Sie kommen, um mich zu entführen. Ach, wie wohltuend wirken Sie in diesem bunten Raum und unter uns farbenfreudig gekleideten Damen!«
»Als dunkler Punkt,« warf Lotte Wunsch dazwischen.
»Wirklich, ich wurde schon ganz nervös. Schauen Sie dieses Schwelgen in Farben, Sie in Ihrem Smoking bringen etwas Ruhe hinein, Sie wirken direkt dekorativ.«
»Sollte ich nicht auch noch anders wirken?«
Kurt Winkelmann neigte sich über die ihm entgegengestreckte Hand der Amerikanerin, begrüßte kameradschaftlich Lotte Wunsch und verbeugte sich verbindlich vor Ebba Holm.
»Und hier, unsere jüngste Mitpensionärin, Fräulein von Wangenheim.«
Kurt Winkelmann war eine schlanke und vornehme Erscheinung mit schmiegsamen, lässigen Bewegungen. In dem bartlosen Antlitz saß eine kühne, etwas scharf hervorspringende Nase und dunkle, von langen Wimpern beschattete Augen. Volles, kastanienbraunes Haar fiel in die hohe klare Stirn. Es war sein Sport, der bestgekleidetste Weltmann zu sein und als der schickste und eleganteste Lebemann der Welt zu gelten.
Sein geübtes weltmännisches Auge, das sich nur mit Schönheit und Eleganz beschäftigte, nahm die neue Erscheinung in sich auf. Sie ist sehr schön, das ist wahr. Die Haare, die Haut, der zarte Teint, die Figur, alles ist herrlich! Und dennoch — sie war nicht mit dem Schick angezogen, ohne den eine moderne Frau in seinen Augen ein Unding war. Ihr Kleid hatte nicht den tadellosen Schnitt, es war nicht der letzten Mode entsprechend. Das Haar von jenem schönen rötlichen Blond, welches wie Gold schimmert, war zu wenig gelockert, ihm fehlten die von der Mode vorgeschriebenen Wellen. Alles in allem eine eigenartige Schönheit von außergewöhnlichem Reiz, aber — keine elegante Frau nach seinem Geschmack.
Leicht hatte sie das Haupt geneigt und einen flüchtigen Blick über den Ankömmling gleiten lassen, dann plauderte sie ruhig weiter. Sie schien nicht das Interesse für ihn zu empfinden, das er gewöhnlich im Entgegenkommen aller Frauen fühlte, denen man ihn vorstellte. Eine Persönlichkeit wie er, Weltmann vom Scheitel bis zur Sohle, und diese junge, provinzialisch angezogene Person war gar nicht neugierig, ihn kennenzulernen?
»Mr. Winkelmann, wo werden Sie mich hinführen? Bitte, sagen Sie, Sie hatten mir einen besonders netten Abend versprochen.«
»Erst werden wir ein Konzert besuchen, in welchem die Hempel singt.«
»Oh, wonderfull,« sie klatschte in die Hände — »und dann —«
»Ja, das ist eine Überraschung, kann ich noch nicht verraten.«
»Aber bin ich auch richtig gekleidet, look at me?« Sie war aufgesprungen, stellte sich in die Mitte des Zimmers und drehte sich langsam gleich einer Mannequin herum.
Ihren schlanken zierlichen Körper umspannte gleich einer Haut ein weicher, grasgrüner Seidenstoff, jede Linie scharf abzeichnend. Der schlanke Hals, um den eine dreifache Perlenschnur gewunden war, tauchte gleich einer Lilie aus dem grünen, zarten Gewebe, welches den spitzen Ausschnitt umgab, hervor.
Übermütig blitzten ihm die braunen Augen aus dem leicht gepuderten, pikanten Antlitz entgegen.
»Immer allright, Miß Webb.«
»Eigentlich hätten Sie dieses Konzert auch besuchen müssen, Fräulein von Wangenheim, so etwas sollten Sie sich nicht entgehen lassen.«
»Gnädiges Fräulein interessieren sich für Musik?« und er neigte sich zu Gerda von Wangenheim.
»Ich studiere Gesang.«
»Ah — also angehende Künstlerin —« und er heftete einen seiner verschleierten und heißen Blicke auf sie.
»Fräulein von Wangenheim wird Karriere machen,« rief die Amerikanerin, indem sie sich von dem eintretenden Zimmermädchen den Mantel um die Schultern legen ließ.
»I’m ready, Mr. Winkelmann.« — — —
»Naseweis und frech wie ein Spatz.«
»Sagen Sie lieber gänzlich unerzogen, Fräulein Wunsch.«
»Nein, das möchte ich nicht sagen, Frau Holm. Ich habe schon zuviel gut erzogene junge Damen ein schlechtes Benehmen zeigen sehen, daß ich nicht auf dem Standpunkt stehe, daß schlechtes Benehmen stets eine Folge schlechter Erziehung ist.
Was hier zutrifft, weiß ich nicht. Im allgemeinen wird den amerikanischen jungen Damen eine sehr gute, sogar strenge Erziehung zuteil. Allerdings genießen sie im Umgang mit jungen Männern eine große Freiheit, wobei ›drüben‹ gar keine Gefahr besteht, denn die Frau genießt ja in Amerika einen ganz andern Schutz als hier bei uns. Sie ist dem Manne tatsächlich ein Wesen, dem man Achtung schuldig ist und dem kein Mann wagen wird, sich unehrerbietig zu nahen.«
»Sie können doch im Ernst nicht behaupten wollen, daß ein gut erzogenes junges Mädchen unserer Kreise sich derartig benehmen kann, wie es diese Dame tut?«
»Unter Umständen noch viel schlimmer. Sie kennen unsere Großstadtluft nicht — die zersetzt. Man ist so vielen Einflüssen ausgesetzt. Es gehört schon Charakter dazu, sich rein zu halten und den verwilderten Elementen fern zu bleiben. Glauben Sie mir, ich spreche nicht so obenhin. Seit zwanzig Jahren lebe ich hier, stehe mitten im Leben, habe viel wohlerzogene Töchter guter Familien an mir vorüberziehen sehen. Viele sind bergab geschritten — moralisch — denn der Weg bergab führte oft zur Höhe des gesellschaftlichen Lebens — zu Ruhm und Glanz.«
»Sie wollen uns schon verlassen, Fräulein von Wangenheim?«
»Ich habe mich heute mit dem Studium überanstrengt. Ich möchte die Stunde bis zum Abendessen zum Ruhen benutzen.«
Gerda von Wangenheim stand in ihrer schlanken Höhe vor den beiden Damen, reichte ihnen die Hand und schritt schwebenden Schrittes aus dem Zimmer.
»Eine herrliche Erscheinung.«
»Und eine gut erzogene junge Dame, Frau Holm. Ob sie nach einem Jahre noch so wirken wird?«
»So lassen Sie doch Ihren Skeptizismus aus dem Spiel. Man muß an das Gute im Menschen glauben; das wäre ja entsetzlich, wenn man allen Menschen nur das Schlechte und Gemeine zutrauen wollte. Sie sind ein ganz unglücklich veranlagtes Wesen, wenn Sie bei den Menschen nur die Anlage zum Bösen sehen.«
»Keine Veranlagung, Frau Ebba, das Leben hat mich so denken gelehrt! Glauben Sie mir, als ich mit achtzehn Jahren hier einzog, in die große Stadt, an die Quelle des pulsierenden Lebens, da lag es vor mir, das Leben, voll eitel Sonnenschein, da glaubte ich an die Menschen, die Glückbringer. Mit ausgestreckten Händen stand ich da: gebt, was gut und schön ist in euch, um euch. Auch ich will euch beschenken, ich bringe meine Jugendkraft, mein heiliges Glühen für alles Schöne und Edle, helft mir schaffen, genießen — leben. Ich war jung, Frau Ebba, da hat man noch Blütenträume!«
»Das Leben erfüllt uns selten die Blütenträume.«
Lotte Wunsch nickte. »Und es ist gut so. Wir Künstler brauchen Bitternisse, Hindernisse! So erst kommen wir zum Schaffen. Die große Enttäuschung im Leben einer Frau ist gewöhnlich der Mann. So war es auch bei mir.
Mit achtzehn Jahren kam ich nach Berlin, um mich der Kunst zu widmen. Nach den Studienjahren in der Kunstschule ging ich in das Atelier des Professor Stein, um unter seiner Leitung zu arbeiten. Ich war eine eifrige Schülerin und, wie mir der Professor versicherte, sehr talentvoll. Er mochte ausgangs der Fünfziger gewesen sein, als ich bei ihm arbeitete. Er war verheiratet und hatte zwei Töchter, von denen die eine mit einem Offizier verlobt war. Er sprach wenig während der Arbeit, liebte es aber, sich in den Pausen und nach Schluß der Arbeitszeit mit mir zu unterhalten. Wir saßen dann gemütlich in der Plauderecke des Ateliers und rauchten Zigaretten. Ab und zu tranken wir auch wohl ein Glas Wein zusammen. Wir sprachen über Kunst und Theater. Er erzählte mir auch mal einen derben Atelierwitz und amüsierte sich, wenn ich darüber in Verlegenheit geriet. Er meinte: daran müssen Sie sich gewöhnen, Kleine, das ist Atelierton. Ich hatte auch weiter keinen Arg, war er doch mein Lehrer und in meinen Augen der alte Herr mit zwei erwachsenen Töchtern. Das ging nun so eine Weile. Eines Tages, als wir wieder saßen, plauderten und rauchten — er hatte hastig drei Gläser Wein hinuntergestürzt — sah er mich scharf an und sagte: ›Du mußt übrigens ein vorzügliches Aktmodell abgeben.‹ Ich erschrak. ›Zieh dich einmal aus.‹ Ich sprang entsetzt in die Höhe. Da fing er unbändig an zu lachen und schrie mich an: ›Willst eine Künstlerin sein und tust so zimperlich? Weißt doch, daß wir den menschlichen Körper studieren, wo wir ihn finden. Brauchst doch selbst die Leiber der anderen für deine Zwecke, also herunter mit dem Firlefanz, ich will Studien machen an dir — weiter nichts.‹
Zitternd und bebend war ich in eine Ecke geflüchtet. Er war an den großen schwarzen Sammetvorhang getreten, dessen Falten er ordnete. Jetzt wendete er sich und sah mich stehen. Er kam auf mich zu, streichelte mir das Haar und sagte: ›Kind, ich tue dir doch nichts, du als Künstlerin mußt mich doch verstehen. Ich suche wochenlang nach einem Körper wie der deine, tue mir den Gefallen und sträub’ dich nicht, du weißt doch, du dienst der Kunst damit. Komm, hier, trink noch ein Glas, und dann laß uns arbeiten.‹
Ebba Holm — eine Stunde habe ich vor dem Vorhang gestanden — es waren Qualen der Hölle, die ich erlitt. Ich schwor mir zu, der Kunst zu entsagen und nie, nie mehr den Meißel anzurühren. Und kehrte wieder des anderen Tags und arbeitete wie eine Rasende. Und nach der Arbeit stand ich wieder eine Stunde vor dem schwarzen Vorhang und diente seinem Werk. Als ich ging, flüsterte er heiser vor Aufregung: ›Nur noch morgen, Kind, ich danke dir.‹
Und als ich kam, bat er: ›Laß heut deine Arbeit, wir wollen gleich anfangen.‹
Ich stand — stand und krampfte den emporgestreckten rechten Arm in die Falten des Vorhanges — so war die Stellung — da — da sah ich zwei gierige, lüsterne Augen, hörte ich stöhnen — ich wollte schreien — doch schon umkrampften mich seine Arme, bedeckten brennende Küsse meinen jungen Leib — ich wehrte mich wie eine Rasende — immer fester umschlang er mich — wir stürzten zur Erde — im Fallen riß ich den Vorhang herunter — das war meine Rettung. Er verwickelte sich und suchte sich zu befreien — dabei mußte er mich loslassen — ich entschlüpfte und stürzte nach meinen Sachen. — Als ich, in Eile bekleidet, forteilen wollte, kam er zitternd auf mich zu: ›verzeih‹ — ich spie ihm ins Gesicht, ging — und kam nie wieder — — —
Da starb, was edel ist, in den Menschen, da versank die Schönheit des Menschengeschlechts. Nur noch die Begierde sah ich nackt und häßlich, wie sie die Menschen beherrscht.
Ich lernte sehen. Ich sah nicht nur das, was mir geschehen — nein — ich sah auch, was um mich war — was in meiner Umgebung geschah. Im Taumel der Lust, im Begehren nach Gold und Sinnenreiz sah ich die Menschen. Vor meinen Augen war der Vorhang des Idealismus gesunken. Ich sah die Menschen nackt — sah sie so, wie sie sind. Ich habe das Vertrauen zu den Menschen verloren.«
»Sollten Sie nicht ungerecht urteilen?«
»Es gibt Ausnahmen — aber daß es eben Ausnahmen sind, ist gewiß.«
»Und — haben Sie nie jemand liebgehabt?«
»Ich konnte nicht. Verschüttet war mir der Weg zur Liebe, Ebba Holm. Wohl streckte sich manche Hand aus, wollte mich führen und deutete glückverheißend auf das geöffnete Tor — aber — auf dem Weg lag ein Gespenst — zwei gierige, lüsterne Augen — ich konnte nicht an ihnen vorbei — ich fand nicht den Mut, einzutreten in das Land der Liebe — ich hatte sehen gelernt.«
»Sie Arme!«
»Nein, nicht arm — zum starken, willensfesten Menschen hat mich das Schicksal geformt — ich habe meine Arbeit, meine Kunst. Meine Arbeit, meine Aufgaben haben mich ausgefüllt.«
»Sind Sie ganz befriedigt, sind Sie ganz glücklich?«
»Darauf hat, glaube ich, kein Mensch berechtigten Anspruch. Auch Sie sind nicht glücklich, Frau Ebba, und hatten doch die Liebe zur Seite.«
»Sie haben recht, vom Glücklichsein träumt man nur.«
Das Läuten zum Abendessen klang durch das Haus.
Lotte Wunsch fuhr empor aus ihrer Gedankenwelt. Jetzt unter Menschen — unter viele Menschen — schwatzen — lachen — oberflächliches Zeug reden — nein — sie verzichtete lieber auf das gemeinschaftliche Abendessen.
Sie streckte sich auf den Diwan und schloß die Augen.
Vom Glücklichsein träumt man nur!
Wovon sollte sie träumen? Konnte sie mit ihren achtunddreißig Jahren überhaupt noch träumen? Sie ein Verstandesmensch? Sie, die das Denken über das Fühlen stellte!
Wo suchte sie ihr Glück?
In der Arbeit.
Nein — nein — das ist nicht wahr — die Arbeit allein, sie brachte nicht das Glück.
Ihrer Kunst, ihrem großen Ziele hatte sie sich hingegeben mit Eifer und Glut, alles andere von sich gewiesen. Die hohe Aufgabe, die sie sich gestellt, hatte sie ganz erfüllt, und der Erfolg, sich als tüchtige, gefeierte Bildhauerin zu sehen, hatte ihr große Befriedigung gebracht — und doch, und doch dieses Verlangen — wonach? Wie kam es, daß sie oft ein Gefühl ängstlichen, ungestillten Sehnens schmerzlich erfaßte, ein Gefühl der Leere, des Bangens sie beschlich?
War dieses, durch Arbeit und Erfolg im Beruf glücklich sein, nicht ein kühles Verstandesglück, das mit dem eigentlichen Glück gar nichts gemein hat?
Was fehlte ihrem Leben? — — —
Sie lebte ein Leben ohne Liebe, das war es — ein verfehltes Leben für eine Frau.
Ihr war das Schicksal etwas schuldig geblieben — noch konnte sie fordern — oder — —
Sie sprang empor und lief zum Spiegel. Noch war sie nicht alt, aber schon im Stadium unbarmherzigen Welkens, jenes frühen Welkens, das in einem Verlöschen aller Farben, in einem Rücktritt jeglicher Frische besteht. Nie hatte sie etwas für ihren Körper, für ihren Teint getan. Das glatt gebürstete, im Nacken zu einem Knoten zusammengedrehte Haar gab ihrem Antlitz einen strengen, scharfen Ausdruck, machte sie älter, als sie in Wirklichkeit war. Wenn es nach Liebe war, wonach sie hungerte, wie kam es, daß keiner von denen, die sich ihr genaht, ihr Liebe eingeflößt hatte? Keiner ihr Herz angezogen, ihre Sinne in Wallung gebracht?
Die Begierde hatte sie erschreckt, hatte das, was Liebe hatte werden können, erstarren lassen. Wohl hatte sie dieses Erlebnis, diese Enttäuschung auf ihrem Lebensweg für die Kunst reifen lassen, aber den Glauben an die reine, tiefe Liebe hatte sie verloren.
Sie nennen es Liebe und ist doch nur Sinnlichkeit — das, was sich anzieht. — —
Nein — nicht nach dem Manne stand ihr Verlangen, nicht nach dem Rausch der Sinne — das Kind war es, das sie begehrte, und darum mußte die Liebe rein sein — rein, ohne Begehrlichkeit — das war das Glück. Dieses vorlaute, dreiste Wesen dort drüben im Teezimmer hatte die Glocke in ihrem Herzen zum Schwingen gebracht, und nun läutete sie, läutete: ich sehne mich — oh, wie sehne ich mich — ich habe noch nicht das Glück genossen — — und ich sehne mich so namenlos danach — —
Es klopfte.
»Darf ich ein bißchen zu Ihnen kommen?«
»Herzlich erfreut, Frau Ebba, kommen Sie herein und lassen Sie uns gemütlich weiterplaudern, es ist gut, daß Sie da sind — sehr gut — und jetzt spüre ich auch wahrhaftig Hunger — einen Wolfshunger. Ich lasse mir noch etwas kaltes Fleisch bringen, mache uns eine Tasse Tee, und dann erzählen auch Sie mir von Ihrem Blütentraum.«
Sie eilte geschäftig im Zimmer umher, ordnete das Gerät des Teetisches, schob zwei bequeme Sessel an den Kamin, entzündete die Spiritusflamme unter dem kleinen silbernen Teekessel, gab dem eintretenden Mädchen ihren Auftrag und bot sich niederlassend Ebba die Zigarettendose.
»Arg vom Sturm zerzaust sind diese Blüten.«
»Es werden Ihnen neue erstehen, Sie sind noch jung, Frau Ebba.«
»Was nutzt mir die Zahl der Jahre, wenn Erlebtes mich alt macht? Ich bin eine Frau ohne Heim, ohne Pflichten, ein vom Wind verwehtes Blatt.
Ich deutete Ihnen an, was mir geschehen. Wir liebten uns, er, der junge, elegante Rechtsanwalt, und ich, die reiche Fabrikantentochter. Unserer Heirat stand nichts im Wege, nur daß ich eigentlich noch zu jung war. Mit achtzehn Jahren sollte man noch nicht heiraten. Doch gleichviel, wer weiß, ob ich, wenn ich später geheiratet, nicht dieselben Erfahrungen gemacht hätte — möglicherweise mit einem anderen Mann auf andere Art, es sollte wohl so sein — Schicksalsbestimmung, — ich glaube daran. Wir lebten sehr glücklich und zufrieden. Mein Mann gehörte zu den gesuchtesten Rechtsanwälten Hamburgs. Wir hatten einen großen geselligen Kreis. Ich wäre restlos glücklich gewesen, wenn in mir nicht die Sehnsucht nach einem Kindchen, einem kleinen lieben Ding, welches mein ureigenstes Mein gewesen wäre, gelebt hätte.
So vergingen drei Jahre, da fing ich an, bei meinem Manne ein unstetes, flackerndes Wesen zu beobachten. Von mir aufmerksam gemacht, wurde er noch nervöser. Ich beobachtete ihn und hielt ihn für überanstrengt in seiner Arbeit. Er schonte sich nicht, arbeitete oft bis spät in die Nacht hinein, wie ich meinte. Er wurde aufgeregt und mißtrauisch, weil er sich beobachtet wußte. Es kam zu Szenen zwischen uns, in welchen er sich die Spioniererei verbat. Genug, ich kam dahinter, daß mein Mann ein leidenschaftlicher Spieler war. In seinem Büro, welches nicht mit unserer Wohnung in Verbindung stand, fanden nachts Zusammenkünfte statt, bei denen wahnsinnig gespielt wurde. Mein Mann verlor. Er verspielte sein ganzes nicht unbedeutendes Einkommen und hatte bereits mein eingebrachtes Vermögen verspielt. Mein Vater stellte ihn zur Rede — er zeigte Reue und gab sein Ehrenwort, keine Karte mehr anzurühren. Er hat sein Ehrenwort gebrochen. Nach zwei Monaten war er verschwunden, nach Unterschlagung ihm anvertrauter Depots. — — —
Da haben Sie meine Blüten.
Ich löste meinen Haushalt auf, Sie können sich wohl denken, daß ich nicht mehr sein mochte, wo alle mein Unglück kannten. Das Mitleid, die bedauernde Neugierde, sie machten mich elend, und so siedelte ich nach hier über.«
»Und warum gerade nach hier?«
»Weil hier mein Bruder mit seiner Familie lebt, so habe ich doch wenigstens einen Anhalt und Menschen, die mir nahe stehen. Sie wissen, die Pensionszeit hier ist nur ein Übergang, ich will wieder mein eigenes Heim haben, meine eigene Häuslichkeit. Und Sie, Lotte Wunsch, müssen recht, recht oft zu mir kommen. Lassen Sie uns Freunde sein.«
»Mit tausend Freuden. Ich bin Ihnen in treuer Freundschaft zugetan und will es bleiben.«
Und mit kräftigem Druck nahm sie die ihr entgegengestreckte Rechte.
»Wissen Sie, daß ich Angst um Sie habe, Ebba?«
»Inwiefern?«
»Jung, schön, reich, alleinstehend — in jeder Gestalt wird die Versuchung an Sie herantreten: Fangarme werden sich nach Ihnen ausstrecken. Aber, Sie haben einen Tugendwächter — ehe der nicht zur Strecke gebracht ist —«
»Das dürfte wohl gar nicht so schwer sein.«
»Achtunddreißig Jahre alt und noch einen ungeküßten Mund.«
»Kein Beweis. Spät in Brand geraten, desto lodernder. Aber wäre es nicht doch ratsamer, wenn ich auf den Schutz meines Bruders baute? Um an ihm eine Stütze zu haben, bin ich hergekommen.«
»Rechnen Sie nicht zu sehr damit. Väter, Gatten und Gattinnen, Brüder und Schwestern haben selten Zeit für die Ihren, immer nur für die anderen.
Darf ich übrigens mal den Namen Ihres Bruders erfahren? Ich kenne so ziemlich alles, was zur Gesellschaft gehört, da wird mir auch Ihre Familie nicht entgangen sein.«
»Mein Bruder ist der Bankdirektor Lukas Westphal.«
Lotte Wunsch sprang auf, warf ihre Zigarette in den Aschenbecher und stieß einen Pfiff hervor.
»Frau Thea Westphal also ist Ihre Schwägerin?«
»Allerdings, Sie kennen Sie?«
Lotte nickte. »Da suchen Sie Halt und Familienanschluß? Haben Sie Ihre Verwandten schon gesehen?«
»Nein. Nur telephonisch haben wir uns gesprochen. Wir konnten uns noch nicht auf einen bestimmten Tag einigen, da meine Schwägerin stets etwas vorhatte.«
»Und wie lange sind Sie schon hier?«
»Zwei Wochen.«
»Da haben wir es ja! In zwei Wochen keine Stunde Zeit für die Schwester und Schwägerin. Eine moderne Frau in Berlin hat keine Zeit, selbst nicht für Mann und Kinder, Sie werden es schon sehen.
Ich will Ihnen etwas sagen, Ebba. Unsere Großstadtmenschen huldigen dem Ichkultus, der Hingabe an ihre eigene Persönlichkeit. Ein grenzenloser Egoismus lockert das Wurzelreich von Sitte, Moral und Pflichtgefühl — und was das schlimmste ist, er untergräbt den Familiensinn. Man lebt für sich, nicht für die anderen.«
»Nein, nein, Sie malen zu schwarz. So ist es nicht, ich kann das nicht glauben.«
»So werden Sie es lernen. Warum wollen Sie schon gehen, es ist nicht spät, so bleiben Sie noch ein wenig.«
»Ich bin müde, Berlin greift an, ich bin den Trubel in den Straßen nicht gewöhnt, lassen Sie mich gehen.«
»Dann auf morgen, Frau Ebba, und — gute Freundschaft, dabei bleibt es.«
»Gewiß — und gute Nacht.« — — —
Lotte stand vor dem Spiegel und löste den Knoten ihres kastanienbraunen Haars. Da fiel es in kurzen Locken auf ihre Schultern, die Straffheit des Scheitels löste sich, leicht fiel eine Strähne nach vorn und bedeckte die linke Ohrmuschel. Wohl schimmerten Silberfäden hier und da, und doch, war dies das strenge, ältliche Gesicht, welches ihr aus dem Spiegel entgegenschaute? Ein erstauntes Lächeln verjüngte ihre Züge. Sie fühlte sich erlöst und befreit.
Ja, sie hat mich getroffen, wo es am wehesten brennt.
Ich habe geschrieen nach dem Kinde. Es ist etwas Unnatürliches, das Leben einer Frau ohne Kind. Es macht uns zu zwecklosen Wesen. Taube Nüsse am Baum des Lebens!
Hinweg mit dir, du grinsendes Gespenst, welches mir den Weg versperrte, den Zweck meines Lebens zu erfüllen, ich werde dich bezwingen.
Festhalten will ich dich, dich, das Tier im Menschen, durch meine Kunst. Dich, die Begierde, die Gier nach Lust, will ich ihnen zeigen in einer Fratze, so grauenhaft, daß ihnen das Blut erstarren wird und Entsetzen sie erbeben macht, wenn sie darin ihr eigenes Selbst erkennen. — — —
»Das ist ja eine wenig angenehme Lage, in der du dich befindest, liebe Ebba. Hat denn dein Mann gar nichts von sich hören lassen, hast du keine Ahnung, wo er sich befindet?«
»Ich weiß nichts, absolut nichts.
Ich fand seinen Abschiedsbrief auf meinem Schreibtisch. Er bat mich um Verzeihung für das Leid, das er über mich bringe. Er hätte geglaubt, seine Liebe zu mir würde seine Spielleidenschaft verdrängen. Er habe auch wirklich das erste Jahr unserer Ehe keine Karten angerührt, aber dann sei es mit doppelter Macht über ihn gekommen, er könne nicht anders, er wüßte, daß er daran zugrunde gehen wird, aber seine Leidenschaft sei stärker als sein Wille. Er bereue es, mich an sich gekettet zu haben und mir Kummer bereiten zu müssen, aber seine Spielleidenschaft sei so groß, daß sie alles hinwegfege: Liebe, Ehrlichkeit und Rücksichtnahme.«
»Unerhört, bodenlos! Keine Rücksichtnahme, das ist es! Denkt nur an sich und seine Spielwut, ohne der Familie, der er durch seine Heirat angehört, zu gedenken. Wenn unser Vater nicht die veruntreuten Gelder gedeckt und alles getan hätte, um die Untersuchung niederzuschlagen, würde dein Mann, mein famoser Schwager, jetzt steckbrieflich verfolgt! Meine ganze Stellung wäre ins Wanken gekommen! Eine saubere Geschichte hat uns der Herr da eingebrockt!«
»Entsetzlich, entsetzlich!« hauchte Frau Thea, »wir hätten Berlin verlassen müssen.«
»Ich bitte, regt euch nicht auf. Die Geschichte ist ja nicht an die große Glocke gekommen, hier in Berlin weiß niemand davon. Die einzige Leidtragende bin doch nur ich.«
»Gott sei Dank, daß es uns nicht trifft. Ebba — ich hätte es nicht ertragen, einen solchen Skandal in der Familie! Gewiß, du bist beklagenswert, aber du hast recht, hier weiß ja niemand etwas von der ganzen Geschichte. Du bist jung, schön, hast dein gutes Auskommen, du wirst ein nettes Haus machen, und in kurzer Zeit bist du darüber hinweg. Das Berliner Leben wird dich trösten. Hier kommt man gar nicht zum Nachdenken. Meinst du nicht auch, Lukas? Wir werden Ebba in die Gesellschaft einführen, wer weiß, vielleicht findet sich das Vergessen noch gar in Gestalt einer guten Partie.«
»Ich danke dir für deine gute Absicht, Thea. Für eine sogenannte gute Heirat bin ich nicht zu haben, im übrigen vergißt du, daß ich nicht geschieden bin.«
»Das ist schlimm — sehr schlimm — wie soll man dich da überhaupt einführen? Nicht Witwe, nicht geschieden, und doch ohne Mann.«
»Du giltst selbstverständlich als geschiedene Frau, denn es unterliegt doch keinem Zweifel, daß wir alle Schritte tun werden, um eine Scheidung für dich zu erlangen,« warf der Direktor ein.
»Mir wäre es lieb, Lukas, die ganze Ehegeschichte ruhen zu lassen. Ich denke nicht daran, mich wieder zu verheiraten, da ist es doch ganz gleichgültig, ob ich frei bin oder nicht.«
»Da irrst du, liebes Kind, irrst du ganz gewaltig. Ganz entschieden protestiere ich dagegen, daß du die Frau dieses Lumpen bleibst! Wer kann wissen, was dieser saubere Herr noch alles auf dem Kerbholz hat — oder — was noch alles kommen kann! Urkundenfälschung — Falschspieler — und wie die schönen Dinge, in welche diese Art aalglatt hineinschlüpft, alle heißen. Ich danke für diese Verwandtschaft! Du mußt los, ganz los! Willst du die Frau eines Zuchthäuslers sein?« Aufgeregt ging er im Zimmer auf und ab.
»Du magst recht haben, Lukas — ich fürchte auch nur all die Unannehmlichkeiten.«
»Hast du gar nicht. Ganz einfache Chose. Ich nehme einen tüchtigen Rechtsanwalt und gebe ihm die nötigen Informationen. Du wirst überhaupt gar nicht behelligt. Erfährst nachher nur das Resultat der ausgesprochenen Scheidung.«
»Wenn es so einfach wäre.«
»Aber natürlich. Das Schwerste und Schlimmste hast du hinter dir. Muß ja eine scheußliche Zeit für dich gewesen sein.«
»Wenn du wüßtest, wie ich gelitten! Ich habe ihn geliebt, Lukas, von ganzem Herzen. — Du kannst begreifen, welches Weh die herbe Enttäuschung über mich gebracht hat.«
»Ich begreife, Ebba. Es ist ein harter Schlag für dich gewesen, aber ich hoffe, du kommst darüber hinweg. Du bist noch jung, in der Jugend überwindet man leicht. Es ist sehr vernünftig, daß du nach Berlin gekommen bist, hier ist der richtige Ort, um dich deinen Kummer vergessen zu machen. Halte dich nur an Thea und stürze dich mit ihr in die Geselligkeit, paß auf, wie bald dein Leid versunken und vergessen ist.«
»Hältst du mich für so oberflächlich, Lukas?«
»Oberflächlich! Warum das so ausdrücken! Mit Dingen, die nicht zu ändern sind, muß man sich abfinden können. Du warst von jeher geneigt, alles zu schwer zu nehmen. Nimm das Leben leichter, es lohnt nicht, sich abzuquälen.«
Erstaunt hefteten sich ihre Augen auf den Bruder. War dieser nur an sich, an seine Stellung und Ansehen denkende Mann, der ihr riet, sich möglichst schnell über schicksalsschwere Erlebnisse hinwegzusetzen, ihr ernster Bruder?
Und — klang da nicht ein leichter Unterton von Bitternis aus seinen Worten?
»Ich will es versuchen, Lukas,« und sie streckte ihm die Hand über den Tisch hinüber. »Ich weiß, du meinst es gut mit mir, aber daß mir das glücken wird — ich meine, das Leben leicht zu nehmen — das glaube ich nicht.«
»Unsinn, Ebba,« warf Thea, welche ungeduldig in ihrem Sessel auf die Beendigung des Gesprächs gewartet hatte, ein. »Du mußt nur wollen. Ohne einen Schuß Leichtsinn wäre das Leben überhaupt nicht lebenswert; wer ihn nicht hat, der muß sich eben dazu zwingen.«
»Und wer ihn gleich mit auf die Welt gebracht, hat manchmal zuviel davon,« bemerkte Lukas.
»Besser als zu wenig! Da ich weiß, wohin du zielst, lieber Mann, kann ich mein überschüssig Teil gleich auf Ebba übertragen, dann wäre uns beiden geholfen.«
Er wehrte müde ab. »Du wirst dich nicht ändern, Thea.«
»Habe auch nicht die Absicht, ich bin mit mir zufrieden, wie ich bin.«
»Du bist beneidenswert. Wo ist übrigens Inge? Ich habe sie heute noch nicht zu Gesicht bekommen.«
»Wie solltest du auch, wenn du verhindert bist, mit uns zu speisen.«
»Es war mir leid genug, aber die Sitzung ging vor. Mit großer Mühe konnte ich mich frei machen, um Ebba diese Stunde widmen zu können. Bitte, laß doch Inge rufen.«
Thea klingelte und fragte das eintretende Stubenmädchen nach Fräulein Inge.
»Fräulein Inge ist mit einer Freundin spazieren gegangen.«
»Hattest du ihr denn nicht gesagt, daß wir meine Schwester erwarteten?«
»Ich kam so abgehetzt zu Tisch, habe tatsächlich vergessen, davon zu sprechen, entschuldige, Ebba. Es ist auch so schwer, das Kind von seiner Tageseinteilung abzuhalten.«
Dieses Mal traf der erstaunte Blick die Schwägerin.
»Ja, ja, ich bin eine schwache Mutter. Aber sage selbst, soll ich mich die wenigen Stunden, in denen ich mit meiner Tochter zusammen bin, herumärgern?«
»Warum bist du so wenig mit ihr zusammen?«
»Mein Gott, weil ich keine Zeit habe. Du glaubst gar nicht, wie ich in Anspruch genommen bin. Man hat doch Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber, unsere Stellung bringt das mit sich. Dann gehöre ich zwei Vereinen an, bin natürlich im Vorstand, das kostet auch Zeit.«
»Aber warum tust du das, wenn dich dies deiner Familie abspenstig macht?«
Thea lachte.
»Liebste Ebba, heute ist doch eine Frau nicht dazu da, nur in Häuslichkeit aufzugehen, man hat doch auch andere Interessen.«
»Du kennst die moderne Ehefrau nicht,« sagte Lukas, »kennst nicht die Befriedigung der eigenen Interessen — rücksichtslos.«
»Ja, liegen denn die Interessen der Frau nicht in der Familie, wenn sie so glücklich ist, Mann und Kind zu besitzen?«
Lukas zündete sich eine Zigarre an, sah nachdenklich vor sich hin und erwiderte: »Du bist weltfremd, liebes Kind.«
»Manchmal hat man gerade als Familienmutter seinen Beruf verfehlt, Ebba.«
»Wie kannst du so etwas sagen, Thea. Niemals kann ich dir da beistimmen. Bist du denn nicht glücklich, deinen Mann und eine blühende Tochter zu haben?«
»Glücklich — natürlich bin ich glücklich, aber weil ich außer dem Gatten und der Tochter noch meine Stellung in der Gesellschaft habe — —«
»Weil sie Vorstandsdame verschiedener Vereine ist und ihren sonstigen Interessen nachgehen kann —« fiel ihr ihr Gatte ins Wort. »Ja, liebe Schwester, die Welt sieht hier anders aus als daheim, ich habe auch umlernen müssen, es wird dir ebenso ergehen.«
Er war aufgestanden und hielt ihr beide Hände hin.
»Ebba, zum erstenmal seit langer Zeit habe ich meine Arbeit vergessen, habe in Ruhe geplaudert, das kommt selten vor, wir haben nie Zeit, weder Thea noch ich, die Verpflichtungen — du begreifst! Aber komm, wenn du magst, du bringst die Ruhestimmung mit aus alter Zeit. Ich sagte, du wirst auch umlernen müssen — weißt du — ich möchte wünschen, du tust es nicht.
Doch nun leb wohl, also um elf Uhr treffe ich dich bei Bissings, Thea. Auf Wiedersehen.«
Ebba, die sich gleichfalls erhoben hatte, wollte sich von ihrer Schwägerin verabschieden.
»Es tut mir wirklich leid, Inge nicht gesehen zu haben, ich hatte mich so darauf gefreut. Inge muß doch jetzt bald fünfzehn sein, weißt du, ich habe sie seit meiner Hochzeit nicht gesehen, das werden jetzt fünf Jahre.«
»Ach, entsetzlich, wie die Zeit vergeht. Weißt du, das ist doch was Schreckliches im Leben einer Frau, die großen Kinder, dadurch wird man alt. Heutzutage gibt es Mittel und Wege genug, sich jung zu erhalten, kein Mensch sieht einem die Jahre an, aber wenn dann die großen Kinder auftauchen, dann geht das Rechnen los. Du kannst froh sein, daß du keine Kinder hast!«
»Aber, Thea, du versündigst dich.«
»Natürlich wäre ich unglücklich, wenn ich sie hergeben sollte. Mein Gott, das mag wohl keine Mutter — aber das Leben ist doch so viel bequemer ohne Kinder.«
»Mir scheint, du machst es dir auch trotzdem bequem.«
»Ich bin nun mal nicht dafür geschaffen, im Haus zu sitzen, Kinder zu hüten und Strümpfe zu stopfen, das gibt es heute überhaupt nicht mehr, wer wird in solchem Kleinkram aufgehen.«
»Du mußt nicht übertreiben, es gibt doch einen Mittelweg. Man kann viel geistige Interessen haben und doch seinem Haushalt vorstehen, seine Kinder erziehen und dem Mann ein angenehmes Heim schaffen.«
Thea lachte.
»Du bist köstlich! Du, da fällt mir ein, ich werde dich mit Exzellenz Werner, Vorstandsmitglied unseres Vereins zur Bekämpfung des Geburtenrückganges, bekannt machen. Die wettert ja gegen uns moderne Frauen. Wir wären nur zu bequem, Kinder zu kriegen, wir wollten unsere Schönheit nicht verderben, wollten uns die Mühe nicht nehmen, die Kinder zu erziehen, um ungehindert unsern Vergnügungen nachgehen zu können, ja, wir modernen Frauen seien schuld an dem Zerfall der Familie. Ihr würdet ja großartig zusammenpassen, die hätte eine Freude an dir! Und ich stiege in ihrer Achtung — woran mir allerdings nichts liegt —, denn du bist ja meine Schwägerin.«
»Diesem Verein gehörst du an?«
»Ich bin sogar im Vorstand. Was willst du, man muß eine Rolle spielen in der Welt. Man muß von sich reden machen, so — oder so.«
* * *
Nachdenklich schritt Ebba Holm die Tiergartenstraße entlang. Der Besuch bei ihrem Bruder hatte ihr kaum erst zur Ruhe gekommenes Innere wieder in Aufruhr gebracht. Bis zum Abendessen in der Pension hatte sie noch eine Stunde Zeit, und so hatte sie den kleinen Umweg durch den Tiergarten gewählt, um zum Steinplatz zu gelangen.
War es möglich?
Mein Gott, sie hatte sie gekannt, öfter war Lukas mit ihr in Hamburg gewesen, auch sie hatte auf der Hochzeitsreise einige Tage mit ihrem Gatten in Berlin zugebracht, niemals zuvor hatte sie diese Oberflächlichkeit bei Thea erkannt.
Sah sie heute die Menschen anders als damals, als sie noch mit ungebeugter Seele durchs Leben schritt?
Hatten die Menschen — oder hatte sie sich gewandelt? Um des Himmels willen, nicht Hausfrau sein! Nein — schöngeistigen Interessen nachgehen! Um eine Rolle zu spielen, sich einem Verein zur Verfügung stellen, der das Zusammenhalten der Familie predigte, um darüber die eigenen Familienbande zu lockern!
Ein schmerzliches Lächeln glitt über ihr Antlitz, und eine Bitterkeit drang ihr ins Herz.
Alles, alles, was sie entbehren mußte, hielt diese Frau in Händen! Mit vollen Händen hatte das Schicksal sie beschenkt, und achtlos warf sie das, was ihr als das höchste Glück einer Frau erschien, zur Seite. Eine moderne Frau! Eine Frau für alle andern, nur nicht für die eigene Familie! Das war ihres Bruders Frau.
Und er? War dies die Gefährtin, die er sich erhofft?
›Weißt du, Ebba, meine Frau muß nur für mich leben, darf keine Modepuppe sein, sie braucht nicht hübsch zu sein, nein, es wäre mir viel lieber, wenn sie häßlich wäre, denn, weißt du, mit einer hübschen Frau in Berlin leben, was doch mein jetziger Posten erfordert, das ist eine gefährliche Sache.
Meine Tätigkeit ist aufreibend. Meine Stellung bringt auch Repräsentationspflichten mit sich. Ich möchte mir eine kleine Insel schaffen, auf die ich mich rette aus Arbeit und Gesellschaft und Menschentrubel. Eine Oase, auf welcher liebende, fürsorgende Hände mich umschlingen, die mir Hast und Sorge von der Seele nehmen.‹
So sprach Lukas, als er das erste Mal hinüberkam nach seiner Berliner Anstellung. Sechs Monate später heiratete er Thea Weil, die Tochter eines reichen Berliner Fabrikanten. Armer Bruder, du hattest umlernen müssen! Ob es dir schwer geworden? Mußtest du Herzblut darüber lassen?
Das Leben leicht nehmen! Ja, wenn das so ginge!
Wie oft hatte sie versucht, über das, was ihrem Herzen Wunden geschlagen, hinwegzukommen. Es ging nicht, die Narben brannten sie und verursachten ihr Schmerzen. Langsam rollten zwei Tränen über ihre Wangen.
Es war dunkel geworden, als sie über die Corneliusbrücke schritt und beim Einbiegen auf den Kurfürstendamm mit Lotte Wunsch zusammentraf.
»Guten Abend, Frau Ebba, was schleichen Sie so müde einher, als lägen tausend Lasten auf Ihrer Seele?«
Ebba war aus ihrem Sinnen emporgefahren und blickte auf die Bildhauerin, die fröhlich mit geröteten, frischen Backen sie anlachte.
»Und Sie jagen im Sturm daher, als wollten Sie alles, was Ihnen hinderlich in den Weg tritt, verjagen.«
»Will ich auch. Sie haben genau das Richtige gesagt — alles fege ich hinweg — auch Ihr schweres Herz, kleine Frau.«
Und sie hakte sich in Ebbas Arm und zog sie von dannen.
»Ebba, hören Sie. Ich muß mich befreien von — dem Häßlichen, was da auf meinem Weg war — um das zu können, muß ich es festhalten — muß ich ihm noch einmal ins Auge schauen, um dann befreit zu sein. Fort« — sie machte eine fortschiebende Handbewegung. »Sie sehen mich so fragend an, ich kann Ihnen das hier auf der Straße nicht erklären. Auch sind wir gleich at home — Sie kommen in mein Atelier — dann will ich Ihnen von meiner Arbeit sprechen — die mich befreien soll von dem, das mein Verlangen nach Liebe zerstörte. — — Was sind Sie schweigsam, Liebe — wo kommen Sie her?«
»Ich war bei meinen Verwandten.«
»Ach so — eine geplagte moderne Frau, Frau Thea Westphal — nicht wahr?«
Ebba nickte nur. »Nicht sprechen jetzt, Lotte Wunsch.«
* * *
Es war Gesellschaftsabend in der Pension Mohrmann. In Gruppen hatte man sich im Besuchs- und Teezimmer zusammengefunden und saß plaudernd umher.
Diese Gesellschaftsabende in der Pension waren sehr beliebt. Nicht nur, daß die jeweiligen Gäste sich zusammenfanden, auch diejenigen, welche vorzeiten hier gelebt, jetzt ihr eigenes Heim hatten oder anderswo untergekommen waren, fanden sich an diesem Abend ein. Auch Freunde und Bekannte konnten durch Pensionsgäste eingeführt werden. Durch den Zufluß neuer Elemente wurde die Unterhaltung angeregt, neuer Gesprächsstoff geschaffen, und neue Beziehungen knüpften sich an.
Die Ecke des Teezimmers mit den bunt bespannten tiefen Sesseln war wieder von Miß Webb, Ebba Holm und Lotte Wunsch mit Beschlag belegt worden. Zu ihnen fanden sich jetzt Fräulein von Wangenheim, die sich bemühte, an Ebbas Seite zu kommen, Herr Winkelmann, Architekt Gehring und ein junger Baron, welcher, durch Winkelmann eingeführt, heute das erste Mal erschienen war.
Miß Webb winkte den Baron an ihre Seite, während Winkelmann zwischen sie und Fräulein von Wangenheim zu sitzen kam.
»Sie berufen sich auf mein Herz, Mr. Winkelmann. Das, was die Deutschen Herz nennen, das gibt es nicht in Amerika, an der Stelle, wo bei Ihnen das Herz sitzt, sitzt bei uns die Vernunft.«
»Ich dachte, die säße bei normalen Menschen im Kopf.«
»Bei uns hat man zweimal Vernunft, im Kopf und im Herzen.«
»Wie muß es da mit der Liebe bestellt sein, Miß Webb,« warf der Baron ein.
Sie saß in ihren Sessel geschmiegt. Die Hand, auf der ein rosafarbener Hauch lag, machte eine fortscheuchende Bewegung. Alles an ihr zeigte die verfeinerte Lebenskultur der Dame von Welt. Der Kopf mit den reichen Haarwellen saß auf schlankem, edelgeformtem Halse. Der weiße Nacken war von zarter Rundung, und unter den halbgeschlossenen Augenlidern blitzte Lebensdrang und versteckte Neugier.
»Die Liebe! Ein Zeitvertreib, ein Spiel, um das Leben prickelnd und amüsant zu gestalten.«
Winkelmann lachte auf. »Sie fassen die Liebe richtig auf, nur daß ich eine derartige Auffassung noch nie bei einer Frau gefunden habe.«
»Sie können sich also niemals verlieben oder eine Leidenschaft zu einem Manne empfinden?«
»Ich hasse Aufregungen, Baron — ich wünsche zu herrschen — beides schließt die Liebe aus.«
»Also tatsächlich kein Herz.«
»Nun, vielleicht könnte ich mir ja während meines Aufenthaltes in Deutschland versuchsweise eins anschaffen — wenn es ohne Schmerzen abgeht.« Und sie warf ihm einen aufmunternden, koketten Blick zu.
Er sah sie an. »Wer so aussieht wie Sie, wird niemals Schmerzen durch die Liebe leiden.«
»Das hoffe ich!« Und wieder traf ihn ein feuriger Blick.
Winkelmann hatte sich zu Gerda von Wangenheim gewandt. Seine Blicke gingen über die elegante, vornehme, aber unmodisch gekleidete Erscheinung, die ihm mit ruhigen, klaren Augen gerade ins Gesicht blickte. Kein aufmunternder Blick, kein mißtrauisches Zurückweichen, an das ihn die Frauen gewöhnt hatten.
Er fragte sich, ob diese Gleichgültigkeit nicht nur erkünstelt wäre, aber er kannte die tausend kleinen, weiblichen Schliche zu genau, um nicht sehr bald ihre absolute Aufrichtigkeit zu fühlen.
Ihre ruhige Gelassenheit erregte sein Interesse, er war es nicht gewöhnt, von den Frauen mit solcher Gleichgültigkeit behandelt zu werden.
Mußte es nicht köstlich sein, auf diesem ruhigen Antlitz die Leidenschaft zu entfesseln, diesen schlanken Körper bebend und zitternd in den Armen zu halten und in diesen leuchtenden, unschuldig blickenden Augen den lodernden Funken zu wecken, diesem Weibe den Stempel des Wissens aufzudrücken?
Er wußte, daß jede Frau ihre schwache Stunde hat. Sich nur nicht durch Vornehmheit, tadellosen Ruf oder sichtbare Kälte zurückschrecken lassen.
Vornehmheit und eisige Kälte wehte ihm entgegen.
Begierde — tolles Begehren war es, das sein Blut für das ruhige schöne Geschöpf zu erhitzen begann.
»Gnädiges Fräulein, ist die Liebe für Sie auch nur Zeitvertreib?« Und er hüllte sie ein mit einem jener durchdringenden Blicke, unter denen das Blut aufspringt und wild durch die Adern jagt.
Sie errötete wie ein kleines Kind. Das Blut schimmerte durch ihre zarte Haut und brachte auf derselben matte, opalfarbene Lichter hervor. Sie zog die fein geschwungenen Augenbrauen in die Höhe und erwiderte:
»Einen Zeitvertreib habe ich nicht nötig, da ich mit meinem Studium vollauf beschäftigt bin.«
Sie wußte zu antworten. Er war entzückt.
»Gnädiges Fräulein betreiben Ihr Studium wirklich ernsthaft, als ausübende Künstlerin?«
»Berufs wegen, wenn man von der Kunst so sprechen darf.«
»Und gnädiges Fräulein haben keine Zeit für — für andere Dinge?«
Sie lächelte. »Oh, ich finde schon Zeit, wenn mich gerade etwas Besonderes interessiert.«
»Wozu die Liebe nicht zu rechnen ist?« Und er sah ihr lachend in die Augen.
»Interessiert mich allerdings nicht.«
»Schon die zweite Dame heute abend, welche von diesem schönen Gefühl nichts wissen will.«
»Mein Gott, ich habe schon zu schlimme Erfahrungen gemacht und habe es abgeschworen, mich jemals wieder damit zu befassen.«
Er sah sie verblüfft an. »Gnädiges Fräulein hatten unglücklich geliebt?«
Sie nickte. »Es war schrecklich! Nicht nur einmal, sondern dreimal hatte ich eine unglückliche Liebe. Da werden Sie verstehen, daß man Schluß machen will.«
»Gnädiges Fräulein belieben zu scherzen. Bei Ihrer Jugend —«
»Gott, ich habe eben früh angefangen. Mit zwölf Jahren verliebte ich mich sterblich in meine Erzieherin, eine dunkeläugige leidenschaftliche Polin, die eines schönen Tages mit der Wirtschaftskasse meiner Mutter verschwand. Dann kam mein Klavierlehrer an die Reihe, der meine Liebe tötete, als er mir freudestrahlend erzählte, daß er sich verlobt hätte und sich als Glücklichster der Sterblichen fühle; seine Braut sei ein Engel. Sie werden begreifen, daß dies mich ernüchterte. Nichtsdestoweniger kam dann die übliche Tanzstundenliebe, welche höchst tragisch endete. Mein Vater traf mich und den Erwählten meines Herzens in der Konditorei unseres kleinen Garnisonstädtchens bei Apfelkuchen und Schlagsahne. Ihm wurde in meiner Gegenwart eine Ohrfeige angeboten, bedenken Sie — und ich wurde schreckensbleich und bebend in Erwartung der Strafpredigt hinweggeführt. Sie sehen, ich habe kein Glück in der Liebe.«
»Allerdings unerhörtes Pech, gnädiges Fräulein. Ich begreife vollkommen, daß Ihnen die Lust vergangen ist. Doch trotzdem möchte ich raten, es noch einmal auf einen Versuch ankommen zu lassen, gnädiges Fräulein müssen Ihre Liebe nur einem Würdigeren zuwenden.«
»Und Sie glauben, daß ich den hier finden werde?«
»Ich bin sicher.«
»Und ich bin sicher, daß dies nicht der Fall ist.«
»Warum, wenn ich fragen darf?«
Das liebenswürdige und amüsierte Lächeln, welches auf dem Antlitz Gerda von Wangenheims geruht hatte, schwand. Ihre Züge wurden kalt und abweisend, hochmütig zog sie die Brauen in die Höhe und erwiderte: »Weil die Männer es hier nicht ehrlich meinen, weil sie die Achtung vor der Frau verloren zu haben scheinen.«
»Gnädiges Fräulein, darauf kann ich Ihnen nur erwidern: Ich bitte Sie zu bedenken, daß es die Frau ist, welche den Ton angibt, der zwischen Mann und Frau herrscht.«
»Sie wollen damit sagen, daß die Frau selbst es ist, die die Herabminderung der ihr schuldigen Achtung verursacht hat?«
»Genau das. Es sind nicht alle Damen wie Sie, gnädiges Fräulein.«
Nachdenklich blickte sie ihn an. Ein lautes Lachen Miß Webbs ließ sie zu dieser hinüberschauen. »Sie mögen recht haben — wie traurig für uns Frauen.«
»Darf ich mir einen Rat gestatten, gnädiges Fräulein? Sie wollen Künstlerin werden, ausübende Künstlerin, ich kenne den Werdegang der Künstlerinnen ziemlich genau — es ist ein schwerer — oft ein bitterer Weg. Gnädigste, für die Art Ihrer Persönlichkeit doppelt schwer, Sie sollten anders sein.«
»So wie diese vielleicht?« Verächtlich schürzte sie die Lippen und blickte auf die Amerikanerin.
»Wir lassen aber nicht mit uns spielen! Wir spielen!« rief Miß Webb über den Tisch hinüber, Lotte Wunsch zu. »Es hat eine jede Frau in der Hand, richtig einzusteigen. Sie müssen wissen, ich betrachte den Weg des Lebens als einen langen Schienenstrang, auf welchem die Wagen rollen, rollen auf und ab. Es gibt erster, zweiter und dritter Klasse — was hindert mich, bequem erster Klasse zu fahren?«
»Vielleicht der Zufall der Geburt?«
»Man kann aussteigen unterwegs! Was hindert mich, aus der dritten Klasse in die erste überzugehen? Was hindert mich, mein Gepäck als Ballast zum Fenster hinauszuwerfen? Wer kann mir verbieten, Station zu machen, wo es mir beliebt? Zum Mitfahren aufzufordern, wer mir genehm ist? Wir müssen uns das Leben einrichten, wie es uns beliebt, wir haben ein Recht auf Genuß und Freude.«
»Und die Pflichten?«
»Überflüssiges Gepäck!«
»Von Ihnen kann man lernen,« gab ihr Lotte Wunsch zur Antwort, dann sich zu Gehring wendend: »Das ist auch eine Auffassung des Lebens.«
»Was wollen Sie? Gibt sie nicht eine Illustration unserer heutigen Gesellschaft? Sind nicht viele auf dem Wege, den sie gezeichnet? Pflichten! Wer denkt denn heute an die ihm auferlegten Pflichten? Viele sicher nicht. Ich finde, daß der größte Teil der Menschen nur seinen persönlichen Interessen nachgeht, daß das liebe Ich ganz in den Vordergrund gerückt ist und daß das Bewußtsein des Pflichtgefühls im Schwinden begriffen ist.«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Gehring. Wer wie ich zwanzig Jahre hier mit offenen Augen gelebt hat, der weiß, wie es mit dem Pflichtgefühl und der Moral bestellt ist, weiß es nur zu gut. Aber ich wollte mich zwingen, anders zu sehen. Frau Holm hat mir den Vorwurf gemacht, daß ich zu skeptisch sei, ich sehe nur immer das Schlechte und Gemeine in dem Menschen und lasse das Gute nicht gelten. Ich wollte das, was Sie Illustration unserer heutigen Gesellschaft nannten, nicht wahr haben, nun kommen Sie und setzen mir gleich wieder die schwarze Brille auf.«
»Gnädige Frau,« sinnend sah der Architekt auf Ebba Holm. »Ich bin überzeugt, daß Fräulein Wunsch bei Ihnen nur das Gute sieht.«
»Wie könnte es anders sein,« sprach Lotte.
»Sie ersehen daraus, daß Fräulein Wunsch wohl zu unterscheiden vermag und daß schwarz ist, was sie schwarz sieht. Sie stehen dem Leben hier noch fremd gegenüber. Sie werden es anders finden, als Sie es sich vorgestellt, haben es vielleicht schon empfunden. Enttäuschungen stehen für jeden Menschen bereit, sie führen uns oft erst auf den richtigen Pfad. Sehen lernen ist für starke Naturen immer von Vorteil.«
»Ich bin keine starke Natur, Herr Gehring.«
»Das sind Sie doch, Sie wissen es nur nicht.«
»Übrigens, Herr Gehring, können Sie uns nicht zu einer netten Wohnung für Frau Holm verhelfen? Sie sitzen doch an der Quelle, wir suchen und suchen und können nicht das Rechte finden.«
»Ja, wenn Sie hier draußen im modernen Westen suchen, werden Sie niemals das Passende für die gnädige Frau finden, das heißt, nach meinem Empfinden. Ich kann mir Frau Holm nur in dem nach meinem Sinne für sie passenden Rahmen vorstellen.«
»Und der wäre?«
»Eine kleine, ruhige Straße, ein paar verträumte Bäume, ein altes, gemütliches Haus mit einem Erker, an welchen die Zweige einer alten Kastanie schlagen, verstohlene Sonnenstrahlen —«
»Oh, Sie Künstler,« rief Lotte Wunsch, »wie Sie zu zeichnen verstehen! Und im Erker die Hausfrau im Gewand von matten Farben, schwere fließende Falten —«
Ebba lachte auf. »Das soll für mich passen? Man merkt die Phantasie der Künstler! Sie malen ja da ein Märchen aus.«
»Welches Wirklichkeit werden könnte,« erwiderte Gehring.
»Schnell, schnell, wo ist es, sagen Sie,« eiferte Lotte.
»Und keine ›schicken‹ Möbel, keine Moderichtung, Biedermeier oder dergleichen, nein, einige schwere, gediegene Stücke, gut verteilt, dunkle, satte Vorhänge statt Türen, an den Fenstern lichte, feine Gewebe — doch — gnädige Frau müssen mit vorhandenen Möbeln rechnen?«
»Nein,« hart und scharf klang es ihm entgegen, daß er erschrocken zusammenzuckte.
Sie bemerkte es und fühlte sich veranlaßt, dieses harte Nein zu erklären.
»Ich wünsche mich loszulösen von allem.«
Er neigte verstehend das Haupt.
»Aber wo in aller Welt ist dieses Nest, wenn Sie es schon so genau beschreiben, wissen Sie es auch zu finden?«
»Geduld, Fräulein Wunsch, gewiß, es ist schon vorhanden und wartet nur auf die Einwohnerin, es liegt im alten Westen, in der Margaretenstraße.«
»Ich weiß, ich weiß,« jubelte Lotte, »ich kenne das Haus.«
»Eine Wohnung von vier Zimmern im zweiten Stock — gerade die Höhe der Baumkronen.«
»Morgen schon will ich hinaus und sehen, ob mir die Wohnung zusagt.«
»Gestatten Sie, daß ich Sie hinführe, gnädige Frau?«
»Wenn Sie mir Ihre Zeit widmen können, so wäre das sehr liebenswürdig von Ihnen.«
»Also abgemacht, morgen vormittag holen Sie uns ab, denn selbstverständlich bin ich die Dritte im Bunde,« rief Lotte.
»Es ist recht schade, gnädige Frau, daß Sie uns verlassen wollen,« wandte sich Gerda von Wangenheim zu Ebba. »Ich werde Ihr Fortgehen als eine große Lücke empfinden. Sie waren für mich so eigentlich der ruhende Punkt in diesem Getriebe und schienen mir ein Stückchen Heimat.«
»Sie müssen mich recht oft besuchen. Wirklich, denn glauben Sie, ich werde mich doch recht einsam fühlen.«
»Warum bleiben Sie eigentlich nicht hier? Sie können doch auch hier alle Bequemlichkeiten haben, ohne die Last der Wirtschaftssorgen, und Sie wären nicht ganz allein.«
»Immer hier unter fremden Menschen, ohne eigenes Heim, ohne meine kleinen Sorgen, ein Leben ohne Zweck und Ziel? Ich wäre totunglücklich.«
»Einen Haushalt führen, sich mit Dienstboten herumärgern müssen, das denke ich mir schrecklich. Das ist doch alles so kleinlich, der Alltag tritt so direkt an einen heran.«
»Was wollen Sie, Fräulein von Wangenheim, wir haben sechs Tage Alltag und nur einen Tag Festtag. Sie sind Künstlerin, Sie haben sich diesen Beruf gewählt, Sie dürfen so denken, aber wie traurig wäre es für das Familienleben, wenn alle Frauen so dächten.«
»Glauben Sie nicht, daß es viele Frauen gibt, ich meine verheiratete Frauen, welche die Sorgen des Haushaltes für nicht vereinbar halten mit ihrer höheren Bildung und mit ihren geistigen Interessen?«
»Ich weiß, es gibt« — und vor ihren Augen tauchte das Bild ihrer Schwägerin auf — »der arme Mann.«
»Sie sagen: der arme Mann! Ich kann die Männer nicht bedauern, denn sie selbst sind es, die dieses Mißverhältnis geschaffen. Vor der Ehe wollen sie die Frau als eine elegante, schicke, ich möchte beinah sagen pikante Dame, sonst gehen sie achtlos an ihr vorüber und — heiraten sie dann eine solche Dame, dann soll sie mit einem Male all dies hintenansetzen und nur im Kleinkram aufgehen.«
Gehring, welcher dem Gespräch gefolgt war, wandte sich an Gerda. »Gnädiges Fräulein, es ist wohl schwierig, einem Teil die Schuld beimessen zu wollen. Eine junge Dame, welche kein Interesse für den ›Kleinkram‹ — wie Sie es zu nennen belieben — hat, sollte eben nicht heiraten, und ein Mann, welcher eine Hausfrau und Mutter für seine Kinder wünscht, sollte vorsichtig sein in seiner Wahl. Glauben Sie mir, eine Frau kann eine gute Hausfrau sein, ohne dadurch ihre geistigen Interessen zu schädigen. Gerade weil sie geistig auf einer Höhe steht, wird sie verstehen, daß sie es ist, welche den Grundstein des Hauses in Händen hat, daß auf dem Fundament, auf welchem sie ihr Haus errichtet, das Wohlergehen und die Zukunft des Hauses beruhen.«
* * *
Müde und abgespannt lag Gerda auf ihrem Lager und konnte den Schlaf nicht finden. ›Es ist ein bitterer Weg, Gnädigste, der Weg der Künstlerinnen — für die Art Ihrer Persönlichkeit doppelt schwer — Sie sollten anders sein.‹ Anders sein — das hieß: sich hinwegsetzen über Anstand und gute Erziehung — hieß Konzessionen machen dem Künstlertum. Nein, niemals — wie könnte sie bestehen vor Ihrer Familie und vor sich selbst. Sie wußte, was sie der Stellung ihres Vaters, ihrem Namen schuldig war.
Oh, sie kannte sie bereits, die krummen Wege, die auf zur Höhe führten. Die Studiengenossinnen hatten sie unterrichtet, hatten auch kein Hehl daraus gemacht, daß sie durchaus nicht abgeneigt, diese Wege zu wandeln, die Hände, die sich ihnen dort entgegenstrecken würden, um sie möglichst schnell zum Ruhm, zu Ehre und Verdienst zu führen; daß sie mit tausend Freuden bereit wären, diese Hände zu ergreifen. Ehre! Sie lachte verächtlich, was hatten die für einen Begriff von der Ehre! Wie sagte doch eine ihrer Kolleginnen! ›Was nutzt mir meine Ehre, wenn ich ewig am Boden kleben soll? Ich will auf zur Höhe, zur Höhe des Ruhms. Und hätte ich zehn Mädchenehren zu vergeben, ich würde sie alle hingeben, gelangte ich dadurch nach oben.‹ Nein — zu diesem Grundsatz würde sie sich nie bekennen — für sie gab es nur den geraden Weg. — Auch er mußte nach oben führen — zur Höhe des Ruhmes. Sie ließ sich nicht beirren. Und dennoch, lag nicht in diesen Worten eine gewisse Größe? War diese nicht bereit, ihrer Kunst alles zum Opfer zu bringen, alles — wenn es sich um die Kunst handelte? Gehörte nicht zum Künstlertum ein Hinwegsetzen über vieles? Sie selbst, hatte sie nicht ihrer Kunst schon Konzessionen machen müssen? Der leichte Ton der Kollegen und Kolleginnen, war es ihr nicht schwer, sehr schwer geworden, sich daran zu gewöhnen? Sie, die wohl gehütete Tochter aus vornehmem Hause, allein in der großen Stadt, war allen möglichen Nachstellungen ausgesetzt. Lebte sie nicht schon in einem ganz anderen Kreis, war sie sich nicht anfangs deplaciert vorgekommen? Waren dies nicht alles schon Opfer, welche sie ihrem Künstlertum gebracht hatte? Kleine Opfer — würde sie zurückschrecken vor größeren?
Nein — mit weißem Kleide wollte sie oben stehen, auf lichter Höhe, auch nicht der Saum ihres Kleides sollte besudelt werden, rein vor der Welt, rein vor sich selbst wollte sie ihr Ziel erreichen — sonst war es wertlos für sie, es erreicht zu haben.
Sie schloß die Augen. Und Traumbilder umgaukelten sie.
Sie sah sich auf lichter Wolke stehen, im schneeigen Gewande. Mit ausgebreiteten Armen, auf dem Haupt ein funkelndes Diadem, dem Ziele ihrer Sehnsucht entgegenschwebend. Dunkle Wolken kamen ihr entgegen und hinderten sie, ihren Weg fortzusetzen. Sie strebte vorwärts, umsonst — Schattenhände streckten sich ihr entgegen — drohten und forderten — da löste sie einen Stein aus dem Diadem, das sie auf dem Haupte trug, warf ihn ihnen zu — und ein Stück des Weges schwebte sie voran. Doch immer wieder vertraten ihr dunkle Schatten den Weg. Stein um Stein der funkelnden Strahlenkrone brachte sie zum Opfer, und noch nicht war sie am Ende ihres Weges. Den Saum ihres Kleides hatte sie emporgerafft, in Reinheit hatte sie ihn bewahrt, aber die Strahlenkrone war ihr vom Haupt gesunken, nun hatte sie zu opfern nichts mehr.
Da traf sie an eine Biegung ihres Weges, und als sie sich wendete, lag das Ziel ihr greifbar vor den Augen. In schimmernder Pracht lag er vor ihr, der Thron, welchen die Menschheit der Kunst errichtet hatte. Gold und Juwelen funkelten ihr entgegen, purpurne Rosenblüten bedeckten den Boden, Lorbeergewinde bildeten den Hintergrund. Jubelnd und jauchzend setzte sie den Fuß auf die Stufe, welche hinaufführte. Da packte eine rauhe Hand den Saum ihres Kleides und höhnte ihr entgegen: Da hinauf im weißen Kleide? Gib her das Kleid. Hier dies güldene Gewand soll deine Glieder decken, und die Hand riß und zerrte an ihrem Kleide. Sie wehrte sich und schrie: In meinem Kleide bleibe ich und schreite dort hinauf, genug der Opfer schon brachte ich dar, mir blieb nichts als dieses Gewand, nehmt ihr mir auch dies, so verliere ich mich selbst! Und ihr Fuß versuchte die zweite Stufe zu erreichen. Da wich sie zurück, denn drohend wuchs ein Schatten ihr entgegen, aus welchem Blicke ihr entgegenfunkelten, die sie beschmutzten. ›Nicht hinauf, wenn du nicht imstande bist, dich selbst als letztes Opfer darzubringen. Ich stehe zwischen dir und diesem Thron.‹
Und sie wich zurück, wich grausend zurück und wandte das Haupt. Umsonst die Strahlenkrone geopfert, umsonst den langen schweren Weg — vor dem letzten, da schreckte sie zurück, und weinend sank sie zusammen.
Noch einmal wendete sie sehnsüchtig den Blick, so nahe dem Ziel, so nahe der Höhe, und nun zurück auf die Erde, geheftet an den Boden. Lüstern funkelten die Augen aus dem Schatten ihr entgegen, Arme streckten sich gleich langen, feinen Saugadern nach ihr aus. Zu Füßen des Schattens auf der untersten Stufe aber, da lag ihr geopfertes Diadem. Matt, trübe und glanzlos lag es da. Da riß sie sich ihr weißes Gewand ab, legte es zu der Krone und warf sich in die ausgestreckten Arme. Und sie stand auf dem Thron im güldenen Gewand, ein neues Diadem auf dem Haupte, sie stand auf purpurnen Rosen, und die Rosenblätter flüsterten zu ihr empor: ›Herzblut gibt Purpur.‹ — — —
* * *
»Und dadurch denken Sie das Häßliche, das Ihnen den Weg zum Liebesleben versperrte, hinwegzuschaffen?«
»Ja, Ebba, das denke und hoffe ich.«
Erregt ging Lotte in ihrem Atelier auf und ab.
»Einer Gorgo sollen sie ins Antlitz schauen, von deren Grauenhaftigkeit die Phantasie der Antike noch keine Ahnung hatte. Die Begierde, dieser Moloch hält sie alle in seinem Bann. Abreißen will ich ihnen die Maske vom Gesicht und ihnen das wahre Antlitz zeigen, wie es darunter verborgen: eine Fratze, verzerrt von Leidenschaft, wilder Gier und niedrigen Gelüsten. Ein unerbittlicher Ankläger soll vor ihnen stehen!«
Sie war vor Ebba, die schweigend auf dem Diwan saß, stehengeblieben. Ihre Augen glühten fieberhaft, eine lange niedergerungene Leidenschaftlichkeit kam zum Ausdruck.
»Begreifen Sie doch, daß ich nicht stumm bleiben darf, es würde mich zermalmen!
Ach, diese Sehnsucht — dieser stets gewaltsam niedergehaltene Schrei in der Brust — nach Liebe, Ebba — nach Glück,« flüsterte sie.
»Ich glaube, Sie sind grausam, Lotte! Sie hatten sich Idealmenschen geschaffen, und da Sie enttäuscht wurden, sind Sie hart geworden.«
Lotte lachte bitter auf: »Ist das nicht grausam, die Seele eines jungen Mädchens in den Schmutz zu treten, ihren Körper zur Erfüllung niederer Begierden zu begehren? Meinen Sie, daß es mir allein so gegangen? Grausam hat man mir den Altar der Liebe besudelt, ich will ihn wieder rein waschen, indem ich meine Stimme erhebe und anklage.«
»Und glauben Sie die Menschen bessern zu können, indem Sie ihnen einen Spiegel vorhalten?«
»Nein, dazu bin ich wohl nicht berufen — aber mich — meine Seele will ich von ihrem Druck befreien.
Ich habe einen großen Abscheu kennen gelernt vor der Liebe — ich habe gelacht und geweint in bitterem Weh — und doch — man hat nur ein einziges Leben zur Verfügung — das ist kein Leben ohne Liebe — ich will leben, das ist mein Recht!«
»Ich glaubte immer, Frauen Ihrer Art finden ihre Befriedigung in ihrem Beruf, sind voll ausgefüllt vom Leben. Es erstaunt mich, Sie so sprechen zu hören.«
»Glauben Sie doch das nicht! Eine Frau, welche behauptet, einzig und allein durch ihren Beruf Befriedigung zu finden, welche das Bedürfnis nach Liebe ableugnet, ist nicht ehrlich. Wir Frauen, wenn wir echte Frauen sind, können nur das Glück durch die Liebe erfahren, alles übrige ist nichts, ist nur Betäubung unseres ungestillten Verlangens. Unsere Kunst, unsere Arbeit, das alles ist nichts, das wahre Glück bringt uns erst die Erfüllung unserer Sehnsucht, das Stillen unseres flammenden liebeglühenden Herzens.«
»Und die freie Liebe? Lassen Sie auch diese gelten?«
»Unbedingt, sobald sie nicht niedrigen Begierden entspringt. Ich habe soviel gesehen in meinem Leben, daß ich gelernt habe, jedes gewaltige Gefühl als ein natürliches Recht anzusehen.«
»Ich glaube, daß Sie recht haben, ich halte das Leben einer Frau für verfehlt, wenn sie ohne Liebe durchs Leben gegangen, trotz all des Leids, welches die Liebe für uns im Gefolge hat.«
* * *
Einen Strauß herrlich roter Rosen hielt Gerda von Wangenheim in den Händen.
Kurt Winkelmann.
Welches Recht hatte er dazu? Achtlos legte sie den Strauß auf den Tisch, zerriß die beigefügte Karte in kleine Stückchen und warf sie in den Papierkorb. Der hochmütige Ausdruck ihrer Gesichtszüge vertiefte sich. Der Rosenduft erfüllte das Zimmer, sie konnte ihn nicht vertragen, sie klingelte dem Stubenmädchen und gab ihr die Weisung, den Strauß fortzunehmen, in das Gesellschaftszimmer oder sonstwo hinzustellen, der Duft bereite ihr Kopfschmerzen.
Tat sie ihm unrecht? Hatte man ihr nicht oft Blumensträuße gesandt? Und sie hatte sie genommen, freudig, gleichgültig, gemessen nach den Gefühlen, welche sie dem Spender entgegenbrachte.
War sie zu feinfühlig?
Was war es, das beim Gedenken an diesen Mann ein Gefühl der Empörung in ihr emporflammen ließ? Daß sie diesen Rosenstrauß als eine Beleidigung empfand?
Gestern abend im Konzert hatte sie ihn getroffen.
Er hatte gebeten, sie nach Hause begleiten zu dürfen, und sie, deren Blut und Nerven durch den wunderbaren Gesang der Hempel in Aufregung waren, hatte seine Begleitung gern angenommen. Ungern wäre sie mit der Bahn nach Haus gefahren, der Gang durch den Tiergarten war ihr eine Wohltat, um so mehr, da es ein wundervoller Abend war und sie jetzt so selten dazu kam, spazierenzugehen, ihr Studium ließ ihr nicht die Zeit dazu. Seine Begleitung ermöglichte ihr den Gang durch die klare, kalte Nacht.
Sie waren über den Potsdamer Platz geschritten und lenkten in die Bellevuestraße ein. Als sie an dem hellerleuchteten Restaurant Rheingold vorüberkamen, sah er sie von der Seite an und bemerkte:
»Ich darf es wohl nicht wagen, Ihnen, gnädiges Fräulein, ein Glas Wein anzubieten?«
Mit großen, erstaunten Augen sah sie abweisend zu ihm auf: »Wenn es Ihnen leid tut, mir Ihre Begleitung angeboten zu haben —«
»Um Gottes willen, gnädiges Fräulein, ich konnte nur dem Versuch nicht widerstehen, Ihre Gesellschaft noch länger zu genießen.«
»Es ist ein reichlich langer Weg bis zum Steinplatz, mir will es jetzt fast scheinen, daß ich Ihre Zeit zu lange in Anspruch nehme.«
»Gnädiges Fräulein, verzeihen Sie mir.«
Sie zog ihre Hand aus dem Muff und machte eine wegwerfende Bewegung. Dann schritt sie fest und gerade in die Höhe gereckt voran. Eine Atmosphäre von Kühle und Unnahbarkeit um sich ziehend.
Er biß sich auf die Lippen. Diese feindselige, fast verächtliche Kälte, welche sie ihm gegenüber zur Schau trug, reizte ihn bis aufs Blut. Niemals bis heut hatte er um eine Frau zu kämpfen brauchen, gleich reifen Früchten waren sie ihm in die Arme gesunken, er hatte nur die Hand auszustrecken brauchen — und diese hier — lächerlich — diese Kälte wollte er — mußte er durchdringen — alles wollte er daransetzen, sie zu zwingen — der Besitz dieser war von Wert — er kostete Kampf. Das war ein anderer Reiz. Eine nie empfundene, aber vorgeahnte Lust erfüllte ihn. Einen verzehrenden, glühenden Blick warf er auf die ruhig neben ihm einherschreitende Gestalt.
Schweigend waren sie so die Tiergartenstraße entlanggeschritten und bis zur Ecke der Regentenstraße gekommen, da brach Gerda das Schweigen und begann in leichtem Plauderton über das heutige Konzert zu sprechen.
»Ich glaube wohl, es muß ein herrliches Gefühl sein, dort oben zu stehen, umrauscht vom tobenden Beifall der Menge.«
»Wenn Sie erst so weit sein werden, gnädiges Fräulein.«
»Wieviel Arbeit, Kraft — und Kummer, ehe man eine solche Höhe erreicht — und wenn es auch wirklich immer zur Höhe ginge.«
»So kleinmütig? Glauben Sie nicht an Ihr Künstlertum?«
»Ist es nicht begreiflich, sich klein zu fühlen, wenn man eine solche Künstlerin gehört hat? Oh, wer diese Höhe erreichen könnte — einmal — ein einziges Mal so die Herzen treffen können, aufrühren die Menschen bis in ihr tiefstes Sein. Mein Gott, muß das ein Gefühl sein!«
Leidenschaftlich hatte sie die Worte hervorgestoßen, in heftiger Bewegung preßte sie den Muff gegen die Brust und atmete stoßweise. Winkelmann sah auf die Erregte. Da war es ja, das Temperament, welches er geahnt, verborgen, ihr unbewußt schlummerte es in ihr — seine Aufgabe wird es sein, es zu lenken auf Bahnen —
Schweigend gingen sie weiter.
Sie waren den Kurfürstendamm entlang gegangen und näherten sich der Gedächtniskirche.
»Gnädiges Fräulein, es ist unbedingt notwendig, daß Sie Beziehungen anknüpfen, wenn Sie die Absicht haben, hier in Berlin ein Konzert zu geben, ich möchte Sie bitten, über mich zu verfügen, ich kann Ihnen von großem Nutzen sein nach dieser Richtung hin. Sie müssen Tees und Gesellschaften besuchen, müssen sich einen Kreis schaffen, der sich für Sie persönlich interessiert. Ich kann Sie bekannt machen mit Agenten, Kritikern, Direktoren und so weiter.«
»Mit einem Wort, Sie können mich lancieren, wenn Sie wollen?« Sie sprach es verächtlich.
»Mein Gott, ohne diesen Klimbim geht es eben nicht, und wenn es Ihnen Ernst ist mit Ihrem Streben, dann müssen Sie das alles mit in den Kauf nehmen. Klappern gehört zum Handwerk! Sie müssen sich in Positur setzen, das ist hier, in unserer Gesellschaft, besonders nötig. Je mehr Sie selbst aus sich machen, desto höher schätzen Sie die anderen.«
»Ekelhaft.«
»Was wollen Sie! Diese kleinen Opfer werden Ihnen hundertfach belohnt, wenn Sie dort oben stehen, umrauscht und umjubelt. Also schlagen Sie ein und verfügen Sie über mich.« — —
Sie hatte ihm die Hand gegeben, und sie hatten sich an der Tür der Pension verabschiedet voneinander, und als sie auf ihrem Zimmer angelangt, da hatte sie den Muff auf einen Sessel geworfen, die Handschuhe abgestreift und in die Ecke geschleudert, hatte schluchzend die Hände vor das Gesicht geschlagen und geweint. — Was sollte das alles? Konnte sie nicht allein ihren Weg finden? Sie, Gerda von Wangenheim, sollte buhlen um die Gunst der Menschen?
Warum hatte sie geweint? Mußte sie sich nicht freuen der angebotenen Hilfe, wollte er nicht die Steine zusammentragen, um den Thron zu errichten, auf welchen sie hinaufstrebte?
Sie empfand sein Anerbieten als eine Beleidigung, es lag etwas darunter verborgen, das fühlte sie. Die Gedanken dieses Mannes waren nicht rein, das Tasten seiner Blicke empfand sie als einen körperlichen Schmerz.
Wo waren die Rosen, daß sie sie unter die Füße trat?
* * *
Ebba probierte die Wirkung einer bronzenen Vase, welche, gefüllt mit herrlichem blaßlila Flieder, ihr von ihrer Schwägerin heute übersandt worden war. Sie besaß nun ihr Heim, nach welchem sie sich gesehnt hatte. Ein Gefühl wohligen Behagens empfing sie. Sie stellte den Fliederstrauß auf ihren Schreibtisch, trat zurück und prüfte die Wirkung. Wundervoll hoben sich die zarten Blüten gegen den tiefblauen Ton der Tapete. Sie war zufrieden. Aber dort, der hellrote Tulpenstrauß, er tat ihren Augen weh. Sie haßte grelle Farben. Sie konnte sie nur vorübergehend ertragen. Beim Umherschweifen ihrer Blicke freute sie sich wohl oft eines hellfarbenen, freudigen Tones, er brachte Abwechselung in gedämpfte Farben, die sie bevorzugte, aber lange war es ihr nicht möglich, darauf zu verweilen, er machte sie unruhig. Um sie herum mußten weiche, satte Töne sein. Sie trug den Rosenstrauß in den Vorflur, setzte ihn dort auf das kleine weißlackierte Tischchen, neben welchem die weißen, mit dunkellila Leinen bespannten Sessel zum Sitzen einluden. So, hier paßte er hin, die satte lila Farbe dämpfte das leuchtende Rot. Sie trat in ihr Arbeitszimmer zurück, rückte hier noch an einem Sessel, gab einer Bronze noch einen andern Platz und schritt in das anstoßende Speisezimmer, um selbst den Abendtisch zu arrangieren. Es war eigentlich noch zu früh dazu, aber was machte es, sie freute sich so sehr, tätig sein zu können, es machte ihr Spaß, ihre Schätze auskramen und die Wirkung des Geschirrs auf dem feinen Damast zu probieren. Ob wohl jene Gläser sich besser machen würden unter dem gelben Scheine des Seidenschirms, welcher über dem runden Tisch leuchtete? Oder ob sie die matt bernsteinfarbenen nahm? Welches Blumenarrangement sollte sie für die Mitte wählen? Sie war reichlich mit Blumen bedacht. Sträuße und ganze Körbe hatte man ihr als Glücksspende für die neue Wohnung ins Haus gesandt. Sie brauchte nur die Wahl zu treffen. Hier dieses Arrangement, es war zu prunkvoll, paßte nicht für die intime kleine Feier, erwartete sie doch nur zwei Gäste, Lotte Wunsch und Gerda von Wangenheim. Ihre Hand griff nach einem Strauß dunkelroter Rosen, sie setzte ihn auf den Tisch. Sie empfand ihn als zu glutvoll unter der starken Beleuchtung. Die dunkelrote Pracht schien ihr intensiver, duftender, wenn sie abgedämpft. Sie brachte einen feinen venezianischen Kelch, in welchem mattrosa japanische Blüten steckten, in die Mitte des Tisches, und die Blüten behaupteten ihren Platz.
Die Uhr im Speisezimmer schlug mit tiefen, dunklen Tönen sieben Uhr. Nun hatte sie noch eine Stunde Zeit. Sie wollte dem Mädchen in der Küche ein wenig behilflich sein, ihr zeigen, wie sie das Anrichten der Schüsseln liebte. Wenn sie dem Mädchen auch selbständiges Arbeiten zutrauen konnte, so war es für sie doch Bedürfnis, daß in ihrem Haushalt in allem ihren eigenen Wünschen entsprochen wurde. Die persönliche Note liebte sie nicht nur in ihrer Kleidung, in dem Arrangement der Möbel und Blumen, auch bis hinein in das Küchenreich wünschte sie damit zu dringen. Als sie eben die Küche betreten, sich eine große Wirtschaftsschürze vorgebunden, klingelte es.
Ihr Bruder, der Bankdirektor Westphal, wünschte sie zu sprechen.
»Lukas, du kommst zu mir, beraubst dich deiner Zeit?«
»Du hast recht, dich zu wundern. Möchte ich doch selbst darüber erstaunen, daß ich Zeit finde, mich mit der Angelegenheit anderer zu beschäftigen.«
»Sage mir nur, warum bringst du eine solche Unruhe in dein Leben? Du hast dein gutes Auskommen, hast deine Stellung, hast erreicht, was dir wünschenswert erschien, ich sollte meinen, du könntest dir wirklich ein wenig Ruhe gönnen.«
»Du hast ja recht, Ebba — aber du kennst eben den modernen Großstadtmenschen nicht, dem ist keine Ruhe vergönnt. Ruhe ist Stillstand, und Stillstand ist Rückschritt.«
»Ich bitte dich, es muß doch einen Ruhepunkt geben im Leben eines jeden. Jeder sollte sich doch der Früchte freuen, die er gesäet hat.«
»Dazu haben wir keine Zeit.«
»Also über dem ewigen Vorwärtsstreben kommt ihr nicht zum Genuß dessen, was ihr erreicht habt. Es ist dies etwas Ungesundes, etwas Krankhaftes. Ich kann nicht glauben, daß sich ein jeder sein Leben so zimmert. Was zum Beispiel treibt dich immer wieder, immer mehr zu erraffen, warum genügt dir das Erworbene nicht? Warum überbürdest du dich mit Direktionsposten, bist Aufsichtsrat mehrerer Gesellschaften, gönnst dir Tag und Nacht keine Ruhe, erkläre mir das. Warum?«
»Kind, das ist schwer zu erklären. Wenn ich offen sein soll, so muß ich dir gestehen, daß mir das alles selbst nie zum Bewußtsein gekommen ist. Erst jetzt, als du und mit dir unsere schöne ruhige Jugendzeit mir wieder vor Augen trat, sah ich, daß ich niemals zum Atemschöpfen gekommen bin. Warum? Wieso? Es ist hier nun einmal so der Kurs. Man steuert hinein und merkt es kaum, in welches Eilzugtempo man gekommen ist. Verschnaufen, aussteigen, das gibt es nicht, dann nimmt ein anderer deinen Platz ein, und du kannst sehen, wo du bleibst. Das Leben kostet viel, sehr viel, wenn man eine elegante Frau hat, die Ansprüche an einen stellt. Man versteht eben heute nicht mehr anspruchslos zu sein. Die gesteigerte Kultur der großen Städte ist ein Moloch, dem wir alle anheim fallen. Ich muß arbeiten, um das alles aufbringen zu können, viel arbeiten.« Und seinen Mund umspielte ein zerstreutes müdes Lächeln.
»Und Thea? Kann sie es mit ansehen, daß du dich aufreibst bei diesem Leben?«
»Meinst du wirklich, daß sie das sieht? Das alte Wort, daß Mann und Frau eins sein sollen, hat für uns keine Bedeutung. Unsere Wege haben sich schon seit langem getrennt.
Nein, sie weiß nichts von mir. Niemals fragt sie nach meinen innerlichen Gedanken, nach dem, was mein Inneres bewegt. Wir sind einander tatsächlich Fremde. Sie weiß nicht einmal von jenem Verständnis, mit welchem das Weib die Erde dem Manne zum Paradiese machen kann.«
»Aber ihr habt doch aus Liebe geheiratet, es kann doch nicht immer so gewesen sein zwischen euch?«
»Was man so Liebe nennt! Was weiß man denn voneinander vor der Ehe! Du — du hast doch deinen Mann auch aus Liebe geheiratet, es ist das Sonderbare im Leben, daß immer die nichtzusammenstimmenden Menschen zueinander finden. Ja: wenn ich eine Frau gefunden hätte, wie du es bist! Sie geht auf in den gesellschaftlichen Zerstreuungen. Sie lebt von fremden Menschen mit fremden Menschen.
Ich bin ein einsamer Mann, Ebba.«
»Aber Inge, ihr habt eine Tochter, du hast Pflichten gegen sie.«
Er zuckte die Achseln. »Ich hatte so wenig Zeit, und jetzt — ist es wohl schon zu spät.«
Tränen verdunkelten ihren Blick. »Nein, nicht zu spät. Schick mir oft Inge, Lukas. Willst du? Sieh, ich bin einsam — ohne Zweck, ohne etwas, das mir Freude macht, ich meine ohne etwas, um dessentwillen es sich lohnt, zu leben, vielleicht kann ich ihr etwas sein.«
»Gern, wie gern, Ebba — das heißt, wenn sie mag.«
Die Uhr im anstoßenden Speisezimmer schlug die achte Stunde. Erschrocken sprang er auf.
»Um des Himmels willen, ich sollte Thea begleiten, es ist Premierenabend im Deutschen Theater — und ich habe dir noch nicht einmal gesagt, was mich zu dir geführt hat. Ich habe deine Scheidungsklage meinem Anwalt übergeben, es wird alles in die Wege geleitet. Er hat mir die Versicherung gegeben, daß es kaum nötig ist, dich persönlich zu belästigen.«
Sie waren aufgestanden. Die schlanke brünette Frau, deren Antlitz unendliche Güte und tiefe Traurigkeit spiegelte, streckte ihm beide Hände entgegen: »Willst du zu mir kommen, wenn du dich nach Ruhe sehnst, Lukas? Willst du mein Haus als das deine betrachten?«
Und der müde schlaffe Mann fühlte etwas in sich aufsteigen, eine würgende Bitterkeit kam über ihn, doch er bezwang sich. Sein gebeugter Körper reckte sich empor, er legte seine Hände in die ihm entgegengestreckten und sprach: »Ich will.« — — —
»Ebba, stellen Sie sich einen Moment in den Erker — so — so ist es recht — ganz wundervoll,« jubelte Lotte Wunsch, »schauen Sie, Fräulein von Wangenheim, ist es nicht wie ein Bild? Der passendste Rahmen, den Sie sich schaffen konnten, ist diese Umgebung!«
»Sie sind ein Kind, Lotte.«
»Danke für das Kompliment, fehlte nur noch, daß Sie mir die Saugflasche umhängen.«
»Na, wenn nicht gerade umhängen, vielleicht noch in die Hand drücken,« neckte Ebba.
Und Lottes Augen strahlten. Ein Lächeln von Glückseligkeit verjüngte ihre Züge. Sie ergriff eine blaßrosa Rose aus dem auf dem Tisch stehenden Blumenarrangement und warf sie nach Ebba.
»Sie Übermut, Sie,« drohte diese, »aber nun vertreten Sie mich einmal und zeigen Sie Fräulein von Wangenheim mein kleines Nest, derweilen ich schnell in die Küche husche.«
»Sehr geschmackvoll, wirklich harmonisch das Ganze,« sprach Gerda. »Diese schweren dunklen Mahagonimöbel wirken herrlich zu der blauen Farbe der Vorhänge, sie geben dem Raum etwas Ruhiges, Abgedämpftes.«
»Und hier, vom Erker aus überschauen Sie die kleine ruhige Straße. Die Zweige der Kastanie vor dem Fenster können Sie greifen.«
»Ich hätte nie geglaubt, daß man hier in Berlin so etwas Abgeschiedenes, ich möchte beinahe sagen, so eine weltentrückte Stimmung finden könne. Ein Hauch von Ruhe und Frieden weht einem entgegen. Mir ist, als würde hier dem ärgsten Sturm Halt geboten, als sei dies ein stilles Hafenbecken, in welches Schiffbrüchige sich retten müßten.«
Ebba war zurückgekommen und stand vor dem hinter ihr wieder zurückfallenden Vorhang. Das dunkle Haar, welches locker zurückgekämmt, ließ die klare weiße Stirn, auf welcher zwei Falten eingegraben waren, die sie älter erscheinen ließen, frei. Das Dunkel der Haare verschwamm mit dem Dunkel des Sammets. Das veilchenfarbene Tuchkleid fiel in langen Falten herab und bedeckte ihre Füße, wie es bei einem Marmorbild zu sein pflegt. Die Handgelenke umschlossen die eng anliegenden Ärmel. Das Kleid hatte keinen Ausschnitt, sondern war bis zum Halse herauf geschlossen. Ihre in die Falten greifende Hand und ihr weißes Gesicht wirkten plastisch, wirkten als verkörperte Ruhe.
»Sie verstehen es, sich ein Heim zu schaffen und gemütlich zu machen, Frau Holm, jetzt begreife ich Ihre Sehnsucht nach ureigener Umgebung.« Gerda war zu ihr getreten. Ebba zog Gerdas Arm durch den ihren, und beide betraten zusammen das Speisezimmer, während Lotte ihnen folgte. »Ich muß gestehen, ich wäre nicht imstande, mir eine so stilvolle Umgebung zu schaffen, ich habe gar keinen Sinn dafür, ich lebe einzig und allein meiner Kunst.«
»Ich meine, andere glücklich machen ist auch eine Kunst, und das ist das Bereich von Ebba Holm,« erwiderte Lotte.
Ebba lächelte traurig. »Und fand doch nicht Verständnis bei dem einen —«
»Lassen Sie es gut sein, Verständnislose wird es immer geben, das darf Sie nicht mutlos machen. Bewahren Sie sich den Glauben an das Gute im Menschen, erhalten Sie sich Ihre Ideale. Uns modernen Großstadtmenschen sind die Ideale im Kampf des Lebens erstickt worden. Die Gebote der Nächstenliebe werden mit Füßen getreten. Kein Mensch kennt heutzutage mehr als seine eigenen Interessen. Jeder erfüllt nur die Wünsche seines eigenen Selbst. Wir leben im Zeitalter des Egoismus, des Ich-Kultus. Bleiben Sie der ruhende Pol, der den Glauben an die Menschheit nicht verliert.«
»An meinem Wollen soll es nicht mangeln, aber die Erfahrungen, die uns das Leben bringt! Sie selbst, sind Sie nicht mit geschwellten Segeln hinausgezogen, und waren Sie es nicht gerade, welche meinen Glauben zerstören wollte?«
»Ebba, gerade Sie sind es ja, welche den Glauben an die Menschheit wieder in mir erweckt hat, Sie haben einen Zwiespalt in mir geschaffen. Es kann so schlecht doch nicht um die Menschen beschaffen sein, wenn man Geschöpfen, wie Sie es sind, begegnet.«
»Sie werden überschwänglich, Lotte, aber daß Ihnen das Vertrauen zu den Menschen wiedergekehrt ist, das freut mich herzlich. Doch nun lassen Sie uns bitte von etwas anderem sprechen, bis jetzt ist in unverantwortlicher Weise von mir die Rede gewesen, als Hausfrau muß ich energisch dagegen Einspruch erheben. Schnell, erzählen Sie mir etwas aus der Pension. Was gibt es Neues dort, Fräulein von Wangenheim?«
»Die neueste Attraktion ist ein bleicher, griechischer Jüngling mit großen melancholischen Augen, sämtliche jungen Damen huldigen ihm. Er selbst scheint sich noch nicht schlüssig zu sein, welcher er die Gnade seiner Gunst zuteil werden lassen soll.«
»Und Miß Webb ist wieder auf einer neuen Station angelangt, Baron Reitzenstein, mit welchem sie eine kleine Strecke im Luxuszug zu fahren beliebte, ist zum Aussteigen aufgefordert, und Graf Wietersheim ist eingestiegen,« sprach Lotte.
»Eine schreckliche Person.« Und Gerda verzog verächtlich die Mundwinkel.
»Was wollen Sie, sie versteht es, sich die Männer nutzbar zu machen, echt amerikanisch! Für sie sind die Männer nur dazu da, um die Launen der Frau zu befriedigen. Sie fordert Luxus, Amüsement und Flirt! Glauben Sie, daß sie auch nur einem einzigen der vielen Verehrer eine Spur von Gefühl entgegenbringt?«
Gerda sah erstaunt auf Lotte. »So glauben Sie wirklich, das alles hat mit Liebe gar nichts zu tun?«
»Nicht das Geringste! Das ist es ja, was ich ihr zum Vorwurf machen möchte. Sie versteht die Kunst, alles zu nehmen und nichts zu geben, alle Hoffnungen zu erwecken, die Sinne zu schüren und bis zu glühender Flamme emporlodern zu lassen und nichts zu erfüllen. Das Spiel einer seelenlosen Kokette.«
»Daraus möchte ich ihr keinen Vorwurf machen. Warum? Wenn die Männer auf solch eine Kokette hereinfallen, geschieht ihnen schon recht, wenn sie genarrt werden. Von diesem Gesichtspunkt betrachtet, übrigens ein Spiel, das mich reizen könnte.«
Ebba und Lotte sahen auf Gerda, in deren Augen eine gewisse Grausamkeit aufblitzte.
»Es könnte Ihnen von nicht geringem Nutzen in Ihrer Laufbahn sein, Fräulein von Wangenheim, wenn Sie es verständen, sich die Leidenschaften der Männer nutzbar zu machen, aber — ich warne Sie — kalt wie Marmor, hart wie Stahl müssen Sie sein, wenn Sie triumphieren wollen. Es ist ein gefährliches Spiel.«
»Lassen Sie das,« sprach Ebba unwillig zu Lotte, »hören Sie nicht darauf,« wandte sie sich dann an Gerda, »überlassen Sie die Koketterie den seelenlosen Puppen, ich nehme an, daß Sie zuviel Gemüt besitzen, um mit der Leidenschaft, sei es auch immer, welche es sei, zu spielen. Gewiß, das Begehren des Mannes geht oft über das Maß des Erlaubten hinaus, an uns ist es, ihn in seine Schranken zu verweisen und sein Begehren zu zügeln, nicht noch zu stacheln durch berechnete Herzlosigkeit.« —
Man war beim Nachtisch angelangt. Sie knabberten Schokolade, aßen kleine Kuchen, und Ebba bot Lotte die Zigaretten an, »Sie rauchen doch auch, Fräulein von Wangenheim?«
Lotte reichte das Feuerzeug hinüber. »Ich kann mir nun mal nicht helfen, den Genuß einer Zigarette möchte ich mir nicht nehmen lassen.«
In kleinen kurzen Wölkchen blies sie den Rauch in die Höhe, dann ergriff sie ihr Glas und sprach grüßend zu Gerda: »Auf Ihre Zukunft, Fräulein von Wangenheim, wann werden Sie an die Öffentlichkeit treten?«
»Nächsten Herbst gedenke ich mein erstes Konzert zu geben.«
»Dann müssen wir tüchtig vorarbeiten. Es ist notwendig, daß Sie mehr hervortreten. Was haben Sie für Beziehungen angeknüpft?«
»Eigentlich keine. Ich kenne außer unsern Pensionsleuten niemand.«
»Nun, dann müssen wir Sie einführen. Jetzt vor Weihnachten ist nicht mehr viel los, da ist alle Welt mit dem Fest beschäftigt. Aber in den Monaten Januar bis März ist Hochflut in Berlin, da müssen Sie sich in den Strudel stürzen. Versuchen Sie auf Privatfestlichkeiten, auf den jetzt so beliebten Tees, bei denen alle Welt zusammentrifft, zu singen und Interesse zu erregen.«
»Ach, Fräulein Wunsch, ich finde das so entsetzlich! Es liegt mir so gar nicht, die Menschen zu umwerben und zu umschmeicheln. Ich habe immer gemeint, die Kunst allein sollte die Menschen zwingen.«
»Im Grunde tut sie das auch. Aber was nützt Ihnen Ihre Kunst, wenn Sie niemand haben, auf den Sie sie wirken lassen können? Sie müssen bedenken, niemand kennt Sie, weiß etwas von Ihnen. Gerade hier in Berlin tauchen eine Unmenge Künstler auf, die sich berufen fühlen und denen eine jede Berechtigung eines öffentlichen Auftretens abzusprechen ist. Das Publikum ist mißtrauisch geworden und verhält sich ablehnend unbekannten Künstlern gegenüber.«
»Wozu ist dann aber die Kritik da?«
»Gute Kritiken sind allerdings sehr notwendig und beeinflussen Publikum und Agenten, doch volle Häuser schaffen sie Ihnen nicht. Sie müssen doch auch die Kosten eines Konzerts in Berechnung ziehen. Wollen Sie alles aus Ihrer Tasche bezahlen, soll Ihnen durch Verkauf der Billetts nichts zurückfließen? Wollen Sie vor leeren Wänden singen? Mit vornehmer Zurückgezogenheit ist es nicht zu machen, glauben Sie mir, ich meine es gut mit Ihnen.«
»Ich weiß es, Fräulein Wunsch, nur dies alles entspricht so wenig meinem Charakter.«
Lotte zuckte die Achseln und zündete sich eine neue Zigarette an.
»Unsinn! Sie haben sich doch nun mal diesen Beruf gewählt, haben sogar darum kämpfen müssen mit den Traditionen Ihres Hauses, haben diese überwunden, nun müssen Sie weiter auf selbstgewählter Bahn. Im übrigen denken Sie es sich viel schwieriger, als es in Wirklichkeit ist. Ich glaube sogar, daß man es gerade Ihnen leicht machen wird, sich durchzusetzen, denn bei Ihnen sind die Vorbedingungen, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, vorhanden. Sie sind jung, von selbstbewußter vornehmer Haltung. Sie brauchen nur aufzutauchen, und das Interesse ist erweckt.«
»Wie wäre es, wenn Fräulein von Wangenheim auf dem Tee meiner Schwägerin im Januar sänge?«
»Das wollte ich eben vorschlagen, Frau Ebba. Bei Thea Westphal verkehrt ganz Berlin, alles, was sich zur Gesellschaft rechnet, kommt da einmal im Monat zusammen. Eine bessere Gelegenheit, sich in Szene zu setzen, können Sie nicht finden. Und wie ich Frau Thea kenne, wird sie entzückt sein, ihren Gästen einen neuen angehenden Star vorsetzen zu können, für die nötige Stimmungsmache ist sie besonders geeignet.«
»Ich bin Ihnen beiden von Herzen dankbar, es ist mir viel leichter ums Herz, wenn ich Sie zur Seite weiß und auf Ihre Hilfe zählen kann, so allein, ganz allein zwischen wildfremden gleichgültigen Menschen, der Gedanke macht mich ein wenig schaudern.«
* * *
»Unangemeldet zu Mama zu kommen, Tante Ebba, das ist riesenhaft leichtsinnig von dir. Nun hast du den ganzen Weg umsonst gemacht, Mama ist doch nie zu Hause.«
»Es tut nichts, Inge, dann plaudere ich eben ein bißchen mit dir.«
»Mit mir? Ist dir das nicht langweilig?« Und ein erstaunter Blick flog zu Ebba hinüber.
»Gar nicht langweilig, im Gegenteil, ich denke es mir gerade recht interessant, sich einmal mit dir zu unterhalten.«
Und sich setzend, zog sie Inge auf den nebenstehenden Sessel hernieder. »Du weißt, ich bin fremd hier. Ich will nicht nur die Stadt, ich will auch die Menschen, ihre Art und ihr Wesen kennen lernen. So ein junges Mädchen von heut ist doch beneidenswert. Wieviel Gelegenheit hat sie, sich auszubilden, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und einen Beruf zu ergreifen; ihr jungen Großstadtkinder sitzt an der Quelle, braucht nur zuzugreifen, alle Wege stehen bereit. Als ich so alt war wie du, war es noch anders, da waren uns noch die Hände gebunden.«
»Da führte man euch noch am Gängelbande und beschnitt euch die Flügel,« fiel Inge ein. »Ein Glück, daß ich später auf die Welt gekommen bin. Heute fangen doch die Eltern an, vernünftig zu werden und sehen ein, daß auch wir ein Recht auf Freiheit haben und daß man auch schon bei der Jugend mit Charakterveranlagungen zu rechnen hat.«
»So — und welches ist denn nun deine Charakterveranlagung, wenn ich fragen darf?«
Inge sah sie nachdenklich an.
»Du scheinst doch ernsthaft darüber nachgedacht zu haben, folglich mußt du auch über dich selbst im klaren sein.«
»Bin ich auch, und es macht mir auch gar nichts aus, dir meine Veranlagung zu gestehen, denn schließlich ist man ja nicht verantwortlich dafür.«
»Du machst mich aber wirklich neugierig, es scheint ja etwas ganz Gefährliches zu sein.«
»Ich bin veranlagt, Verbrechen zu begehen.«
Ebba lachte hell auf.
»Du lachst. Wenn du wüßtest, wie nahe ich daran war, eine Mörderin zu werden, zweimal, Tante Ebba. Das erstemal war ich neun Jahre alt. Es war in der Schule, wir hatten einen Streit bekommen und schrien aufeinander ein, ich überschrie sie alle, denn ich war im Recht. Unsere Klassenälteste war die einzige, welche sich an unserm Streit nicht beteiligte. Sie stand mir gegenüber und sah mich ruhig an. Plötzlich schnitt sie mir eine höhnende Grimasse und schrie mir zu: ›Pfui, siehst du häßlich aus.‹ Da stürzte ich voller Wut auf sie zu, packte sie an der Kehle und würgte sie, bis ihr der Atem ausging. Wäre die Lehrerin nicht auf das Geschrei der anderen herbeigestürzt, so hätte ich sie erwürgt. Und dann das zweitemal, das war noch viel schlimmer. Da, da wollte ich meine Mutter vergiften.«
Ebba fuhr auf.
»Ja, nun bekommst du doch einen Schreck. Es ist noch gar nicht lange her, vielleicht drei Monate. Ich verliebte mich in einen Oberleutnant, einen himmlischen Menschen, eigentlich ein bißchen zu alt für mich, aber wie es eben trifft, gegen die Liebe kann man nicht an. Er merkte, daß ich in ihn verschossen war, und begann mir Blicke zuzuwerfen, Blicke — ich sage dir, die Augen — ich war ganz futsch. Eines Tages, als ich wieder auf dem Wege war, um ihm zu begegnen — denn ich kannte genau die Stunde seines Ausganges, wenn er mit seinem Freund auf den Bummel ging — was sehe ich da? Meine Mutter mit ›ihm‹ Aug’ in Auge zärtliche Blicke austauschen. Ich stand dicht neben ihnen, sie sahen mich nicht, ich wollte vorstürzen und ihnen entgegenrufen: ›Hier steht die große Tochter‹, ich tat es nicht, denn mein Herz krampfte sich zusammen, und ich konnte keinen Laut hervorbringen. Als ich wieder atmen konnte, waren sie verschwunden. Zu Haus angelangt, nahm ich die Schwefelholzschachtel und schnitt von allen Hölzchen die Köpfe ab, verwahrte sie sorgfältig und tat sie andern Tags der Mutter in den Morgenkaffee und wartete auf ihren Tod. Ich weiß nicht, ob sie den Kaffee getrunken hat, sie starb nicht, du weißt es.«
»Pfui, du hast eine häßliche Seele und bist ein böses Kind.« Empörten Blickes maß Ebba die junge Gestalt. »Schämst du dich nicht?«
»Warum? Kann ich dafür? Damals tat es mir leid, es ist wahr, ich hatte das Gefühl, schlecht und böse gehandelt zu haben. Aber dann las ich über die Veranlagung zum Bösen, daß der Mensch gar nicht schlecht handeln könne, wenn er nicht die Veranlagung dazu in sich trüge. Ich habe zweimal ein Verbrechen begehen wollen — da ich es wollen konnte — lag der Keim in mir — ich war nicht schuld, sondern der, der das Wollen in mich gelegt, trägt die Verantwortung.«
Ebba sprang auf. »Du hast ja nette Ideen in dich aufgenommen. Ich hätte dich doch für verständiger gehalten. Was schwatzest du für einen Unsinn zusammen. Wie ein jeder Mensch die Keime des Bösen in sich trägt, ebenso birgt er auch das Gute in sich. Den Menschen ist die Fähigkeit gegeben, das Böse zu bekämpfen, das Gute zu fördern. Je mehr das Gute überwiegt, desto höher steht der Mensch. Veranlagung nennst du, was verletzte Eitelkeit, was unbeherrschte Wut und Eifersucht ist. Nicht deine kindische Ansicht über deine Charakterveranlagung empört mich, nein, daß du in so unehrerbietiger Weise von deiner Mutter sprichst, das ist es, was mich zornig macht. Wie darfst du das wagen?«
»Ich verstehe dich nicht, Tante, was habe ich denn gesagt? Daß Mama mit dem Oberleutnant geflirtet hat? Mein Gott, du mußt mich doch nicht für so dumm halten, daß ich das nicht merken sollte. Oder glaubst du etwa, es sei nicht wahr?
Tante Ebba, ich glaube, du bist ganz anders als die anderen alle. Du — du findest es wohl schrecklich, wenn man einen Freund hat? Sieh mal, Papa hat doch nie Zeit —«
»Um Gottes willen sei still, schweig, ich kann dich nicht anhören —« Und Ebba preßte die schlanken Hände gegen die Schläfen und stöhnte qualvoll — »wie furchtbar, welch Abgrund.«
»Aber, Tante Ebba, wir sind doch moderne Menschen, wir wissen, daß ein jeder das Recht hat auf Persönlichkeit, daß wir der Veranlagung Rechnung tragen müssen.«
»So höre endlich auf mit deinem dummen Geschwätz. Du hast dir das Hirn angefüllt mit Ideen, die für dich noch unverdaulich sind, du sprichst über Dinge, die — doch wie kann ich dir Vorwürfe machen, nicht du trägst die Schuld — Inge, ich kann es nicht glauben, daß du verdorben bist, es kann nicht sein, bist du doch das Kind meines Bruders. Ich will dir etwas sagen, Inge, komm oft zu mir, besuche mich und erzähle mir all deine Leiden und Freuden, auch von deinen — Liebschaften kannst du mir sprechen, ich werde dir keine Vorwürfe machen, nein, wahrlich nicht, denke, ich sei deine ältere Freundin, ich will versuchen, mich in deinen Gedanken zurechtzufinden, ich will lernen, ›modern‹, wie du es nanntest, zu denken, vielleicht finden wir uns zusammen. Ich habe meinen Bruder, deinen Vater, sehr geliebt und möchte ein Teilchen dieser Liebe auf seine Tochter übertragen. Willst du mir nicht helfen, Inge?«
Bittend sahen die ernsten Augen zu dem jungen Mädchen hinüber, mit sanftem Druck legte sie die zarte, weiße Hand auf ihre Schulter.
»Ich glaube kaum, daß wir uns verstehen werden, Tante. Ich bin ein so durch und durch moderner Mensch und du — verzeihe mir, wenn ich es ausspreche — aber du bist so altmodisch in deinen Ansichten, wie könntest du da Verständnis für mich haben?«
»Wenn du auch ein moderner Mensch bist, so bist du doch mit vierzehn Jahren noch kein ganz fertiger Mensch, wenn du mir auch weit über dein Alter hinaus zu ragen scheinst in mancher Beziehung, so ist doch immer noch die Möglichkeit vorhanden, daß du deine Ansichten änderst oder ergänzt.«
»Ändern — nie.«
»Nun gut. Du änderst dich nicht, aber es wäre ja möglich, daß ich mich ändern könnte, sieh mal, dein Vater war auch einmal ein ganz unmoderner Mensch, genau so wie ich — und heut — oder ist er auch altmodisch?«
»Papa,« fiel Inge lebhaft ein, »nein, Papa ist ja mein Ideal als Mann. Das heißt zum Heiraten. Er läßt Mama alles tun und machen, was sie will, kümmert sich kaum um sie und mich, denn er hat keine Zeit, da er eine Stellung einnimmt und für uns arbeiten muß. Papa ist ein ganz moderner Ehemann. Du sagst, er hatte auch Ansichten wie du? Das kann ich nicht glauben!«
»Und doch ist es wahr.«
»Wenn du es sagst, muß ich es glauben, denn schwindeln tust du nicht.«
Ebba lächelte. »Du siehst, es wäre also Aussicht, auch mich umzumodeln.«
Inge sah sie ungläubig an. »Bei dir wird es viel schwerer sein, ich glaube, mit dir ist nichts anzufangen nach dieser Richtung. Du scheinst mir zu verbohrt in deine Ideen, aber besuchen kann ich dich ja doch. Es ist ja nicht nötig, daß ich dir alles erzähle, ich werde heraussuchen, was ich für dich passend finde.«
»Du kannst mich ja so nach und nach an alles ›Moderne‹ gewöhnen, vielleicht werde ich noch moderner als du und erwache eines Morgens als Übermensch — das ist ja wohl auch so ein Schlagwort?«
»Längst abgetan, Tante. Wir ganz Modernen wollen gar nicht Übermensch sein, im Gegenteil, wir wollen unsere kleinen Sünden und Schwächen haben, das ›Über‹ verpflichtet zu Stärke, das ist uns zu schwierig.«