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Begierde

B e g i e r d e (continued 3)

Reading edition

»Du bist krank, Thea, wie kannst du so sprechen? Ich habe ein Einkommen zwischen zwanzig und dreißigtausend Mark, das nennst du arm sein?«

»Bah — was ist das? Für Bekleidung brauche ich jährlich zehn bis vierzehntausend Mark. Eines meiner Feste kostet allein an sechstausend Mark. Der Haushalt, das Auto — lächerlich —.«

Der Wagen hielt.

»Thea, ich beschwöre dich, laß uns umkehren. Ich kann in dieser Stimmung nicht in ein Tanzlokal gehen. Du bist aufgeregt. Komm zu dir und sei vernünftig.«

Sie sprang aus dem Auto, stolperte und fiel gegen zwei Herren, welche soeben das Lokal verlassen hatten.

»Hopsa!« rief der eine und fing sie auf.

»Fußfall ist nicht vonnöten, Gnädigste.«

Die beiden schienen in angeheiterter Stimmung und einem Abenteuer nicht abgeneigt. Da stand Lukas neben seiner Frau, zog den Hut und dankte für die Hilfe.

»Herr von Gernsheim,« lachte Thea, »welch ein Zusammentreffen!«

Seine Augen blitzten ihr entgegen, und er verbeugte sich tief. »Ein Zufall, den ich glücklich preise, gnädige Frau.«

»Mein Mann,« stellte Thea vor.

»Gernsheim,« »Andersen.«

»Wenn die Herrschaften gestatten, kehren wir noch mit ihnen zurück.«

»Gern,« erwiderte Thea, »ich brauche lustige Gesellschaft,« und sie ging mit Gernsheim voraus.

»Einziges Weib, das ist ja ein göttlicher Zufall. Ich hatte rasende Sehnsucht nach dir, wollte mich hier betäuben, es ging aber nicht. Du ahnst ja nicht, welches Verlangen ich nach dir habe. Eine ganze Woche hast du mich warten lassen. Wann sehe ich dich?«

Er nahm ihr den Mantel von den Schultern und preßte einen heißen Kuß auf ihren Hals.

»Vorsicht, du Tollkopf!«

»Wann kommst du?«

»Morgen.«

Sie betraten den Saal.

Thea war von sprudelnder Lustigkeit, sie schüttete den Sekt hinunter, als wäre er Wasser. Sie tauchte ihre Fingerspitzen in das Eiswasser und fühlte ihr Blut prickeln. Sie fing die Blicke der Männer auf und gab sie strahlend zurück. Gernsheim wurde eifersüchtig. Hart setzte er sein Glas auf den Tisch, daß es zerbrach. Thea, die ihm gegenübersaß, lachte leise. Da fühlte er schmeichelnd und liebkosend einen kleinen, zarten Frauenfuß auf seinen Knien. Seine Hände preßten schmerzhaft diesen Fuß. Das Blut schoß ihm ins Gesicht, seine Blicke sprachen: ›Komm!‹

»Ja,« flüsterte sie über den Tisch hinüber und stand auf. Lukas und Andersen, im Gespräch vertieft, merkten nicht, daß auch Gernsheim verschwunden.

Als Thea bleich, mit glänzenden Augen, durch den Saal zurückkehrte, sah sie an den Blicken, die sie verfolgten, die Welt gehörte ihr, nur zuzugreifen brauchte sie. An jeder Ecke sah sie ein Abenteuer auf sich warten, und jeder Männerblick deutete ihr einen Sieg. Nein, wahrlich, sie brauchte nicht zu verzweifeln.

* * *

Gerda hatte auf ihrem Spaziergange Thea Westphal getroffen. Es war ein kalter, feuchter Märztag. Wind und Regen peitschten die Luft. Thea, ärgerlich auf der Suche nach einem Auto, fand sich plötzlich Gerda von Wangenheim gegenüber.

»Auch Sie unterwegs bei dem Wetter?«

»Das macht mir nichts. Ich bin an meinen täglichen Spaziergang gewöhnt und kann ihn nicht missen.«

»Kein Auto zu bekommen! Die feuchte Luft geht mir schon bis auf die Haut. Kommen Sie, wir gehen ins Kaffee des Westens, eine Tasse Kaffee wird uns gut tun.«

Plaudernd saßen sie beisammen. Thea, durch die wohlige Wärme, durch die bewundernden Männerblicke wieder ganz in Stimmung, sagte: »Ich freue mich, wie Sie sich den Berliner Verhältnissen angepaßt haben. Nicht nur, daß Sie sich elegant und schick, nein, mehr als das, raffiniert kleiden, scheint es, daß Sie auch von dem Vorrecht der Dame von Welt, freieren Sitten huldigen zu dürfen, Gebrauch machen. Sie fangen an, ein moderner Mensch zu werden.«

»Ich habe mir ein Ziel gesetzt, Frau Westphal. Ein Ziel, das ich unbeirrt verfolgen werde, ich gehe darauf zu. Ich muß ein moderner Mensch werden, um zum Ziele gelangen zu können.«

»Bravo, behalten Sie Ihr Ziel im Auge! Sie sind jung und schön, die Männer werden Ihnen zu Füßen liegen, nutzen Sie jede Situation aus, nur verlieren Sie nicht die Oberherrschaft. Ich glaube, Sie besitzen die nötige Kälte, um das zu können.«

Zwei Herren grüßten und wanden sich durch die dichtbesetzten Tische.

Gernsheim und Reitzenstein.

Thea strahlte. »Famoses Zusammentreffen! Die Herren kennen sich? Davon hatte ich ja keine Ahnung.«

»Bei diesem Wetter wagen die Damen sich hinaus?«

»Was wollen Sie, die Pflichten! Ich mußte zu einer Vorstandssitzung, von da wollte ich noch zur Putzmacherin, konnte jedoch kein Auto auftreiben, zitternd und fröstelnd traf ich Fräulein von Wangenheim, eine Tasse Kaffee lockte uns —« Thea hatte die Worte lebhaft hervorgesprudelt und sah Gernsheim mit beredten Augen an.

»Ich ahnte, daß ich Sie heute sehen würde, gnädiges Fräulein,« sagte Reitzenstein zu Gerda.

»Glauben Sie an Ahnungen?«

»So recht eigentlich nicht. Aber mir ist es oft passiert, daß ich sehr lebhaft von einem Menschen geträumt habe. Dann kann ich sicher sein, mit ihm in den nächsten Tagen zusammenzutreffen.«

»Sie haben also von mir geträumt? Da wäre ich neugierig, Ihren Traum kennenzulernen.«

»Es war ein sonderbarer Traum. Hören Sie. Sie hatten ein Konzert gegeben und waren mit Blumen überschüttet worden. Ich durfte Ihnen die Blumen nach Hause tragen. Büschel voll roter und weißer Rosen in meinen Armen, stand ich vor Ihnen. Der Duft betäubte mich. Sie kamen auf mich zu und wollten mir einen Teil der duftenden Last abnehmen. Ich preßte die Blumen fest an meine Brust und flüsterte: ›Küsse mich!‹ Da neigten Sie sich zu mir nieder und hauchten einen Kuß auf meine Lippen. Und als Sie mich küßten, durchdrang meine Glieder eine Eiseskälte, ich schauerte zusammen. ›Mein Blut erfriert unter deinem Kuß,‹ sagte ich, und die Blumen entfielen meinen Armen und fielen nieder zu Ihren Füßen. Und Sie setzten Ihren Fuß auf die Blüten und sagten zu mir: ›So küsse du mich!‹ Und ich neigte mich, um Sie zu küssen, da aber sprangen grüne Flammen aus Ihren Augen, eine Kröte saß auf Ihrer Stirn, und eine Schlange ringelte sich um Ihren Hals. Ich wich zurück und mochte Sie nicht küssen.«

Gerda lachte. »Ich bekomme ja Angst vor mir selber.«

»Das habe ich heute nacht geträumt.«

»Hören Sie, Fräulein von Wangenheim. Sind Sie frei heute abend? Gernsheim schlägt vor, daß wir zusammenbleiben. Hier ganz in der Nähe ist eine nette, kleine Weinstube, wo wir gemütlich zu Abend essen können. Seien Sie fesch und machen Sie mit.«

Gerda zögerte.

»Ach, bitte, gnädiges Fräulein. Ist ja eine famose Idee. Bei dem Hundewetter kann man überhaupt nichts Gescheiteres tun,« pflichtete Reitzenstein bei. »Oder versäumen Sie etwas? Vielleicht eine andere Verabredung?« Und er sah sie bedeutungsvoll an.

»Das nicht — aber —«

»Kein Aber — wir bleiben zusammen,« bestimmte Thea. — — —

Sie waren sehr lustig gewesen. Sie hatten vorzüglich gegessen und reichlich dem Alkohol zugesprochen. Thea konnte sich nicht genug tun im Genuß, das Leben auf ihre Art zu nehmen. ›Genießen, genießen, Kinder, man lebt ja nur einmal!‹ Und selig, daß sie lebte und verstand, das Leben zu genießen, war sie mit Gernsheim zu neuem Genuß davongefahren.

»Wir können nicht zu Fuß gehen, gnädiges Fräulein,« sagte Reitzenstein, und half Gerda in das Auto.

Schweigend fuhren sie durch die Nacht. Gerda lehnte lässig in ihrer Ecke. In ihrem Körper war eine wohlige Wärme, ihre Stirn umfing ein leichter Nebel. Plötzlich sagte Sie: »Küssen Sie mich!«

Reitzenstein fuhr auf und stammelte: »Gnädiges Fräulein —«

»Küssen Sie mich, ich will sehen, wie es mit der Kröte ist und mit den grünen Flammen.«

Da umschlang er sie und bedeckte ihr Gesicht mit leidenschaftlichen Küssen.

Sie ließ sich küssen, und als er Atem schöpfte, fragte sie: »Ist Ihr Blut zu Eis erstarrt?«

Da mußte er lachen. »Feuer tobt mir in den Adern, du Götterweib!«

Und wieder preßte er seinen Mund auf ihre Lippen und küßte sie, daß ihr der Atem verging. Da stieß sie ihn von sich und sagte kalt: »Genug, hören Sie auf.«

»Gerda, küsse mich! Wie kannst du so kalt bleiben unter dem Feuer meiner Küsse.« Und er wollte sie wieder an sich pressen.

»Lassen Sie mich jetzt.«

»Warum wolltest du, daß ich dich küssen sollte?«

»Ich wollte mein Blut erproben.«

»Meine Küsse ließen dich kalt?«

»Sie sehen es.«

»Aber die Küsse des anderen machen dir warm?«

»Er hat mich nicht geküßt.«

»Er wird es aber tun.«

»Vielleicht.« — — —

Gerda lag lange wach und dachte nach. Sie hatte sich küssen lassen. Nicht nur das. Sie, Gerda von Wangenheim, hat zu einem fremden Manne gesagt: ›Küsse mich!‹ Warum das? War es der Alkohol, der ihr Blut in Aufregung gebracht und sie Verlangen tragen ließ, nach der Umarmung eines Mannes? Liebte sie diesen Mann?

Nichts von alledem. Nichts, als der Wunsch, ihr Blut kennenzulernen, hatte sie getrieben, zu tun — wie sie getan. Er hatte sie geküßt, und nicht die leiseste Erregung ihres Blutes hatte sie verspürt. Und doch — eine Erregung hatte sie empfunden, einen Reiz hatte sie verspürt, einen Reiz, die Begierde eines Mannes auflodern zu sehen, sein Begehren anzufachen. An jenem Abend auf dem Künstlerfest, als sie festgeschmiegt an Winkelmann mit ihm tanzte, als sie sein fieberndes Verlangen nach ihr verspürte, hatte sie den prickelnden Reiz empfunden, den Mann verheißungsvoll an sich zu ziehen, um ihm den Fuß auf den Nacken zu setzen.

* * *

Lotte, glücklich im Gedanken an die nahe Vollendung ihres Werkes, stand und prüfte ihre Arbeit. Würde es die beabsichtigte Wirkung haben?

Die Wirkung nach beiden Richtungen?

War sie frei geworden vom Banne des Häßlichen, das wie eine Kette sie umgürtet hatte?

Sie atmete tief auf.

Ja, frei, ganz frei.

Durch ihr Werk oder durch seine Liebe?

Sie lächelte, reckte mit tiefem Atemzug die Arme empor, verschlang sie auf ihren Kopf und warf sich auf das Ruhebett.

Und nun kam das Glück, das märchenhafte Glück. Ihr Werk in der Ausstellung. Ihr Name in aller Munde. Emporgehoben aus der Schar der Mittelmäßigen, gestellt neben die Großen.

Und die Wirkung des Werkes auf die Menschen?

Würden sie sich erkennen in diesem fratzenhaften Ungeheuer? Würde Grauen und Entsetzen sie packen, sich so gegeißelt zu sehen? Würden sie Einkehr halten und ihr Inneres reinigen von Schmutz und Schlacken?

Lotte lachte.

Jeder würde nur das Bild des anderen in diesem Medusenhaupt erspähen. So bist du und du und du — aber nicht ich.

Zerfleischen würden sie die anderen, ein jeder aber ist frei von Schuld. — —

Und dann — — dann wurde sie Weib — — dann kam die Erfüllung.

Sie schloß die Augen.

Sie liebte ihn, ihn, den Vater ihres Kindes. Sie saß neben der Wiege, glättete die Kissen und strich sanft über die zarten, blonden Härchen.

»Paul,« flüsterte sie, »wie bin ich glücklich.« — — —

»Hallo, ist niemand hier?«

Sie springt erschrocken auf und reibt sich die Augen. Das Atelier liegt in graue Abendschatten gehüllt.

»Verzeihen Sie, daß ich eindringe, Fräulein Wunsch, Sie haben anscheinend mein Klopfen überhört.«

Arno Stürmer steht vor ihr.

»Ich hatte geträumt.«

»So habe ich gestört?«

»Sie störten mich in meinem Glück.«

»Das würde ich mir nie verzeihen. Möchte ich doch so gern das Füllhorn des Glückes über Sie schütten.«

Seine Blicke ruhen fragend auf ihrem Antlitz. Dann schweifen sie ab und bleiben auf dem Werk haften. Er zuckt zusammen und sieht sie erstaunt an. Dann tritt er näher an das Werk, schaut und schweigt. Und dann bricht er los, laut und schallend schreit er sie an: »Das haben Sie geschaffen? Dies ist Ihr Werk? Da haben Sie es ja, das Glück, das große Glück. Und ich will mich unterfahren Ihnen Glück zu schaffen? Sie, Sie tragen das Glück ja in sich, Ihr Glück ist Ihr Künstlertum — — ich beuge mich vor Ihrem Können, Fräulein Wunsch.«

»Meinen Sie wirklich, daß die Kunst allein Befriedigung gewährt?«

»Dem wahren Künstler unbedingt.«

»Und das Verlangen nach Liebe?«

»Aufregung, Rausch, Austoben — erhöht die Künstlerschaft! —«

»Sie sprechen als Mann!«

»Auch bei der Frau wird es so sein, wenn sie eine wahre Künstlerin ist. Lotte,« er ist nahe an sie herangetreten und sieht ihr leidenschaftlich in die Augen, »Lotte — ich liebe Sie, seit jenem Abend, als ich Sie im Ihrem Flammenkleide sah, verzehrt mich die Sehnsucht. Lotte« — er umschlingt sie und will sie an sich ziehen — »laß uns versinken in Flammen, zwei Künstlernaturen wie wir — — alle Flammen der Leidenschaft springen auf — —«

Da ist sie wieder und schlägt an ihr empor. Die Begierde!

Sie wehrt ihn von sich. Blaß, mit ausgestreckter Hand, weist sie auf ihr Werk. »Wie ich es verabscheue, dieses maßlose Begehren.«

»Und bist doch selbst ein einziges fieberndes Verlangen.«

»Nein, nein,« schreit sie auf. Dann bedeckt sie ihr Gesicht mit den Händen und stöhnt auf.

»Du liebst einen andern.«

Da nickte sie stumm.

»Und er nimmt dich nicht in seine Arme, er läßt dich —«

»Lassen Sie mich jetzt allein,« sagt sie kalt und beherrscht.

* * *

Gerda saß beim Frühstück und durchlebte noch einmal den gestrigen Abend. Das große Fest bei Westphals.

Was für Triumphe hatte sie gefeiert, ganz toll waren die Männer nach ihr, und Winkelmann — — sie mußte laut lachen. Eine Szene hatte er ihr gemacht, eine unerhörte Anmaßung! Aber sie hatte ihn zurechtgewiesen. Er würde es nicht noch einmal wagen. Und der Beifall, nachdem sie ihren Vortrag geendet. Sie hatte nicht weniger Applaus gehabt, als der berühmte Tenor. Sie konnte zufrieden sein.

Und Reitzenstein? Der machte ihr Spaß. Der wollte sie ergründen. Er hatte sie gebeten, sie nach Hause begleiten zu dürfen, und sie hatte seine Begleitung angenommen. Und da, als sie zusammen sich von Thea verabschiedeten, war es zu dem Auftritt mit Winkelmann gekommen.

Winkelmann war auf sie zugetreten und hatte mit erregter Stimme gesagt: »Ich begleite Sie nach Haus!«

»Ich danke Ihnen, Herr Winkelmann, aber Herr von Reitzenstein hat mich schon darum gebeten.«

Da packte er ihr Handgelenk und zischte mit heiserer Stimme: »Das wird er nicht tun.«

»Aber ja, er wird es tun,« und sie hatte ihn eisig angesehen und versucht, sich von seinem Griff zu befreien.

»Weib, du bringst mich um den Verstand,« zischte er und drückte ihr Gelenk, daß sie hätte aufschreien mögen.

Da ließ sie einen Blick über ihn gleiten, so voll Verachtung und Kälte — — und er gab sie frei.

Dann saß sie wieder mit Reitzenstein im Auto wie damals. Hungrig und erwartungsvoll hatte der kleine Leutnant sie angesehen. Schweigend saßen sie zusammen. Sie fühlte, wie er ihr näher kam, wie sein Körper an den ihren drängte. Jetzt versuchte er seinen Arm um ihren Nacken zu schlingen, da sagte sie: »Wollen Sie, daß ich den Wagen halten lasse?«

»Darf ich dich nicht küssen?« flehte er.

»Sie vergessen, Herr von Reitzenstein, daß mein neulicher Einfall einer Laune entsprang. Wenn ich geahnt hätte, daß Sie auch nur einen Gedanken daran verschwendeten, hätte ich ihre Begleitung nicht angenommen.«

»Das Spielen mit dem Feuer könnte Ihnen gefährlich werden, Fräulein von Wangenheim.« Sein Blut, das durch die Nähe dieser Frau und durch die Möglichkeit ihrer Hingabe in Aufruhr war, jagte wild durch seine Adern.

»Ich könnte Sie jetzt in meine Arme nehmen, könnte Sie zwingen, mir zu Willen zu sein,« preßte er leidenschaftlich hervor.

»Sie werden das Vertrauen einer Dame nicht mißbrauchen,« sagte sie ruhig.

»Ich bin kein Räuber. Sie taten gut, sich mir anzuvertrauen, ein anderer hätte die Situation ausgenutzt.«

»Mir gegenüber nicht.«

»Seien Sie nicht zu sicher. Es ist ein altes Sprichwort: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.«

Sie lachte. »Sprichwörter sind nie zutreffend und dieses schon gar nicht.« — — —

»Lächerlich,« murmelte Gerda, als sie an seine Warnung dachte. »Ich weiß mich zu schützen.«

Leichtsinn!

War sie leichtsinnig geworden?

Nein, leben wollte sie! Leben und herrschen!

Fort mit den Grübeleien und Bedenken.

Auf sie wartete das Leben, ein schillerndes, leuchtendes Leben.

Sie wurde sich ganz klar. Sie mußte vorwärts. Sie brauchte die Menschen, diese Menschen, deren Genossin sie geworden war. Sie erkannte die Wirrnis, der sie entgegenschwebte. Erkannte, daß sie im Begriffe stand, sich in einen wilden Strudel von Äußerlichkeiten zu stürzen.

Sie fühlte sich plötzlich unsäglich zurückgestoßen, ein tiefes Erschrecken überkam sie.

Sie mußte sich retten.

Wovor?

Was tat es, wenn die Seele verkümmerte?

Hoch, aufwärts, siegen und herrschen. Bezwingen die gemeine Masse!

Künstlerin!

Vor ihr lag der Weg zum Ruhm. — — —

Winkelmann steht Gerda gegenüber.

»Ich bin gekommen, Sie um Verzeihung zu bitten, gnädiges Fräulein.«

Sie neigt das Haupt und bedeutet ihm, Platz zu nehmen. Ihre Augen gleiten in grenzenloser Gleichgültigkeit über ihn hin, hochmütig schürzt sie die Lippen. »Es ist mir gänzlich unverständlich, was Sie zu diesem Benehmen veranlassen konnte. Ich bin mir nicht bewußt, Ihnen ein Recht dazu gegeben zu haben.«

»Fräulein von Wangenheim, Sie wissen es, daß ich von einer grenzenlosen Leidenschaft für Sie beherrscht werde. Einer Leidenschaft, wie ich sie so stark noch nie empfunden. Eifersucht raubte mir die Beherrschung. Verzeihen Sie mir.«

»Es tut mir leid für Sie, Herr Winkelmann, daß Ihr Begehren — denn Ihre Leidenschaft ist doch nur die Umschreibung dieses Begriffs — so ganz aussichtslos ist.«

Er fährt auf. »Kennen Sie eine Leidenschaft ohne Begehren? Ja, ich begehre Sie, mit all meinen Sinnen begehre ich Sie. Ich weiß, daß Sie keinen Funken von Gefühl für mich empfinden, und trotzdem liebe ich Sie. Ja, ich liebe Sie. Alles würde ich hingeben, um Sie besitzen zu können, selbst meine Freiheit. Ich würde Sie bitten, meine Frau zu werden, wenn ich nur die leiseste Hoffnung hätte, daß sie ›ja‹ sagten.«

»Und wenn ich nun aus Berechnung ja sagte? Sie sind reich, haben Einfluß —«

»Sie würden mich überglücklich machen.«

Sie sieht ihn spöttisch an. »Besitz ergreifen würden Sie! Nein, ich danke für einen goldenen Käfig, ich brauche meine Freiheit.«

* * *

Ebba saß auf ihrem Fensterplatz im Erker. Das Fenster hatte sie geöffnet, und eine warme, laue Luft strömte herein. Sonnenschein durchflutete die Straße. Es schien, als wollten die letzten Märztage den Frühling bringen.

Sie konnte sich nicht freuen des Sonnenscheins, es lag etwas in der Luft, was sie belastete.

Vor ihre Seele traten die beiden Menschen, die sie lieb hatte.

Lukas! Inge!

Lukas war nicht wiedergekommen, seit jener verhängnisvollen Stunde, in der er ihr seine Schuld bekannt. Schämte er sich? Reute ihn seine Offenheit? Wohl hatten sie sich ein paarmal getroffen, aber unter Menschen, wo sie keine Gelegenheit zu einem herzlichen Wort fand. Ob er sich mit Thea ausgesprochen? Ihre Schwägerin war lustig, oberflächlich und genußsüchtig wie stets. Sie streute mit vollen Händen das Geld zum Fenster hinaus. Wozu das große Fest? Warum ließ er sie noch immer gewähren?

Und Inge? Das Kind machte ihr Freude. Mit der ganzen Gewalt ihrer jungen fünfzehnjährigen Seele hatte sie sich an sie geklammert. Nur zu ernst war sie geworden. Brach auch oft der alte stürmende Übermut durch, so hatte sie doch meist schwermütige Tage. Dann seufzte sie und meinte, das Leben sei doch mehr ernst als heiter, und sie könne gar nicht begreifen, wie man so in den Tag hineinleben könne, wie Mama. Papa sei jetzt oft still und traurig. Oft bleibe er ruhig zu Hause sitzen und laufe gar nicht in Eile davon wie früher. Dann wollte er, daß sie bei ihm sitze, und ihm erzähle. Aber etwas bedrücke ihn. Sie hatte es wohl gemerkt. ›Ach, Tante Ebba, Papa tut mir eigentlich schrecklich leid, kannst du ihn denn nicht fragen, ob wir ihm helfen können?‹

›Weißt du, Tante Ebba‹, sagte sie dann nach einer Pause, ›ich glaube, es könnte viel gemütlicher bei uns sein, wenn Mama nicht da wäre.‹

›Aber Inge, wie kannst du so etwas sagen‹, hatte sie ihr vorgeworfen.

›Du kannst es mir glauben, sie bringt Unruhe ins Haus. Gemütlich ist es nur, wenn sie nicht da ist.‹

›Du darfst nicht so denken, Inge, und so etwas nicht aussprechen.‹

›Ich muß aber offen zu dir sein — ich denke doch so. Papa hätte es auch viel besser.‹

An dies Gespräch mußte sie denken.

Was würde werden?

Wie würde Thea die Forderung, sich einzuschränken, aufnehmen?

Da wurde die Tür aufgerissen und Inge stürzte bleich, in voller Aufregung, ins Zimmer.

»Tante Ebba, komm, komm schnell zu Papa! Er hat sich eingeschlossen. Ich habe gehört, wie er gestöhnt hat, und nun sitzt er ganz allein und läßt niemand zu sich, komm schnell, Tante Ebba, komm schnell!«

Ebba vermochte sich nicht zu rühren. Starr vor Schrecken starrte sie auf das junge Ding zu ihren Füßen. Inge war vor ihr niedergesunken, warf den Kopf auf ihren Schoß und weinte herzzerbrechend.

»Es ist schrecklich, Tante, denn ich bin schuld, ich habe es gewünscht, und nun ist es so gekommen. Ich dachte, es ist gut für Papa, und nun leidet er so!«

»So sage doch nur, was ist geschehen?«

»Sie ist fort, heut in der Früh. Als Papa nach Hause kam, lag der Brief auf seinem Schreibtisch. — Und sie kommt nicht wieder, hat sie geschrieben, er braucht gar nicht darum zu bitten — sie braucht viel Geld — Luxus ist ihr Lebensfreude — — Papa hat es halblaut gelesen und immer wieder gelesen und wußte nicht, daß ich neben ihm stand — und dann hat er so schrecklich gestöhnt und ist auf den Stuhl gesunken. — Ich weiß nicht, was noch drin stand — er stöhnte nur immer: ›Auch das noch, auch das noch!‹« — — —

Und nun stand Ebba vor dem gebrochenen Mann, der in Selbstanklagen sich erging.

»Nur auf Gelderwerb ging ich aus und vergaß darüber die Pflichten, die ich meiner Frau, meinem Kinde, schuldig bin. Statt sie vor den Gefährnissen, den Verführungen, die allerorten auf ein junges, schönes Weib lauern, zu schützen, ließ ich sie gehen — unbeaufsichtigt habe ich sie den Gefahren ausgesetzt. Ebba, sie war leichtsinnig, genußsüchtig, aber nicht schlecht! Mein Gott, die arme Inge! Inge — wo ist Inge? Hast du sie gesprochen?«

Also durchgebrannt! Richtig, auf und davon!

»›Und damit du nicht auf den Gedanken kommst, mich zurückholen zu wollen, ich gehe nicht allein — — deine Tür muß mir verschlossen bleiben‹ — — so hat sie geschrieben, Ebba. Und kein Wort über ihre Tochter.«

»Sie ist ein schlechtes, ehrvergessenes Weib, Lukas,« sagte Ebba hart, »streiche sie aus deinem Herzen und lebe für dein Kind.«

Da sah er sie an und seufzte: »Meinst du, daß ich an dem Kinde nachholen kann, was ich versäumt habe?«

»Das kannst du, Lukas, wenn du ernstlich den Willen hast.«

Da reichte er ihr beide Hände und sprach: »Und du wirst mir helfen?«

»Das will ich.«

* * *

Vor ihrem vollendeten Werk stand Lotte und wartete auf Gehring. Es war das erste Mal, daß er das Atelier betrat und daß er ihr Werk sehen würde.

Sie hatte ihm wohl erzählt, daß sie beim Schaffen einer großen Arbeit sei, und daß sie viel davon erwarte. Aber nicht hatte sie ihm gesagt, was ihre Absicht und was diese Arbeit für sie bedeutete. Frei und unbeeinflußt wollte sie die Wirkung dieses Werkes auf ihn erproben. —

Und er stand und schaute. Sah und schwieg. Und stand erschüttert.

Aus einem granitenen Felsenblock ragte ein Ungeheuer. Körper und Kopf waren eine einzige Fratze, umgeben von Hunderten von Fangarmen. Der Ausdruck dieses Hauptes machte das Blut erstarren. Gier, Lüsternheit und Mordlust thronten auf diesem Antlitz. Der Ausdruck dieser Leidenschaften, dieses menschlich scheinenden Hauptes, machten es zum Tier. Die Fangarme schienen zu leben, sich auszustrecken in unersättlicher, nie endenwollender Gier, und über dem allen war ausgegossen ein Ausdruck des Hohnes, als wollte dieses Ungeheuer sich selbst verspotten ob seiner Unmenschlichkeit.

Darunter stand in großen Lettern:

— Der Mensch —

»Das ist eine furchtbare Anklage.«

In ihr jubelte es.

Es wirkte. Er hatte sie verstanden.

Er trat auf sie zu, umschlang sie und sagte: »Armes Weib.« Sie setzten sich nieder und er bat: »Wie kamst du dazu?«

Und sie erzählte. Erzählte, wie durch jenes Vorkommnis ihr Leben und Fühlen ins Herz getroffen. Wie eine eiserne Kette sich um sie gelegt, fest und unlöslich, die sie einschnürte, jedes Liebesgefühl in ihr erdrückte, aber wie sie sich endlich durchgerungen, wie sie den Willen gefunden, sich zu befreien, und nun tatsächlich frei geworden sei, frei durch ihr Werk und durch ihn.

»Und nun will ich leben, durch dich, mit dir, ein Leben in Liebe,« schloß sie und schmiegte sich an ihn.

»Dein Leben gehört der Kunst — — Du bist eine große Künstlerin.« Er war aufgestanden und ging im Atelier auf und ab.

Sie sah ihn an. Erstaunt und dann voll Schrecken.

»Deine Kunst geht über deine Liebe.«

»Was sagst du?« Die Stimme versagte ihr, sie konnte nur flüstern. »Paul, weißt du nicht, daß ich dich liebe, wahr und wahrhaftig liebe?«

»Du liebst mich, Lotte — — ja — — aber du liebst auch deine Kunst — mußt sie lieben, denn sonst könntest du nicht so etwas schaffen. Sage, kannst du dir ein Leben denken ohne deine Kunst?«

»Nein!«

»Ich müßte teilen, Lotte.«

»Willst du, daß ich meiner Kunst entsage?« stammelte sie.

»Das wäre eine Sünde. Eine Künstlerin wie du gehört der ganzen Menschheit. Das ist es ja eben, ich darf dich der Kunst nicht abwendig machen, und — laß mich offen sein — ich kann mir kein Leben an der Seite einer Frau denken, einer bedeutenden Frau, in dem ich gezwungen wäre, die zweite Stelle in ihrem Leben einzunehmen.«

»Willst du damit sagen, daß du dich geirrt und daß du mich nicht liebst?«

»Ich liebe dich. Aber die Größe deines Künstlertums wird unsere Liebe töten. Ich liebe dich und habe dich als mein Weib, als die Mutter meiner Kinder geachtet. Aber heut, seit ich das gesehen« — — und er wies auf ihr Werk — — »heut weiß ich, daß du Frau und Mutter erst neben deiner Kunst sein kannst.«

Sie sah ihn an. Scharf standen seine herben Züge gegen den dunkelnden Abendhimmel. Sie sah, daß er litt.

Und eine Angst, eine grenzenlose Angst um ihr entschwebendes Glück ergriff sie. Mit einem schluchzenden Laut umklammerte sie seinen Hals.

»Sage doch das nicht. Wenn du wüßtest, wie die Liebe über mich gekommen ist. Erst die Liebe, Paul, und dann die Kunst.«

Er küßte sie. »Lieben sollt ihr schon, ihr gottbegnadeten Künstler, aber heiraten solltet ihr nicht!«

Da zuckte sie zusammen.

»Erschrick nicht. Ich — — ich kann das nicht — — mit dir nicht, Lotte — — du bist mir heilig — —«

Da wollte sie aufschreien: »So nimm mich doch — ich bin dir heilig — du stellst mich der gleich, die du zur Frau und Mutter begehrst — aber zur Ehe magst du mich nicht — aber so nimm mich doch!« — — Ins Gesicht hätte sie es ihm schreien mögen, aber sie brachte keinen Laut hervor. Fester nur krampften sich ihre Hände um seinen Nacken, und durstig senkten sich ihre Lippen auf die seinen.

Und er trank, trank von diesen dürstenden Lippen, preßte sie fest an sich und riß sich los. — — —

Armselig, verlassen, kam sie sich vor. Das Glück, das sie in Händen gehalten, — eine buntschillernde Seifenblase — aufgelöst in nichts!

Sie sprang auf. Nein, es konnte — konnte nicht sein.

Wie hatte er gesagt? ›Deine Kunst geht über deine Liebe.‹

Sie rang die Hände, und eine jammernde Qual stieg in ihr auf.

Ja, sie war Künstlerin — aber sie war auch Weib.

Ihr Gesicht verzerrte sich, und ihr Atem ging schwer.

»Weib,« stöhnte sie, »fieberndes, verlangendes Weib! Was soll mir die Kunst, wenn sie mich der Liebe beraubt?«

Mit drohend erhobener Faust schritt sie auf ihr Werk zu: »Oh, du, du — —«

Lüsterne Augen blickten ihr entgegen, schwellend geöffnete Lippen gierten nach den ihren, Arme tasteten und befühlten ihren Körper — — da sank sie laut schluchzend nieder und stammelte: »Gut, daß du gingst, du hast recht getan.«

Und die Schatten fielen, fielen auf das einsame Weib, das allein blieb mit seinem Werk, das ihr die Liebe gebracht und wieder geraubt.

* * *

»Es ist schwer, Ebba, die Flammen zu ersticken, wenn sie schon so hell brannten.«

»Lotte, — ich glaube, er wird den Weg wieder zurückfinden.«

Lotte schüttelte den Kopf. »Das wird er nicht. Seit ich ruhiger geworden, sehe ich klarer. Er fürchtet, verdunkelt zu werden. Es ist dies vielleicht kleinlich gedacht, aber — ich kann ihn verstehen. Mich quält jetzt nur eins: Warum mußte erst die Hoffnung in mir erstehen, um wieder erstickt zu werden?«

Ebba lächelte schmerzlich und legte ihre Hand auf Lottes Schulter. »Sehen nicht fast alle Menschen ihre Hoffnungen sterben? Was habe ich zu Grabe getragen, was mein Bruder? Noch viele könnte ich Ihnen nennen.«

Lotte wehrte ab. »Ich weiß — ich weiß. Ich stand in diesen Tagen außerhalb aller Vernunft. — Aber ich kehre schon wieder zurück. Wie gut Sie sind, Ebba. Und wie Sie Geduld mit mir haben. Ist es nicht sonderbar? Alles kommt mit seinen Schmerzen zu Ihnen gelaufen und bittet: ›Hilf mir tragen!‹ Und Sie gütige, liebe Frau, sind bereit dazu. In meinem nächsten Werk will ich Sie als leibhaftige Nächstenliebe verherrlichen. Auf einem Felsen sollen Sie thronen, Ebba — einsam — Ihr zuckendes Herz in den Händen — und zu Ihren Füßen die leidende Menschheit mit erhobenen Händen — hilf — gib — tröste — und Sie geben Ihr Herz und helfen — trösten, mildern die Leiden — und darunter soll stehen:

— Wie der Mensch sein soll.« —

»Nein, Lotte, darunter soll stehen: — Der Mensch. — Im Gegensatz zu dem anderen Menschen, den Sie geschaffen. Glauben Sie an das Gute im Menschen, und Sie werden gute Menschen finden.«

»Gute Menschen! Gut ist nicht gütig. Gütig sein, bedingt Nächstenliebe. Ich bin vielleicht ein guter Mensch, aber ich bin kein gütiger Mensch. Glauben Sie, daß ich Nächstenliebe empfinde? Sie glauben es? Nein, Ebba, da täuschen Sie sich. Ich ärgere mich viel zu sehr über die Menschheit, um sie lieben zu können.«

»Ihr Ärger beweist ja gerade, daß Sie die Menschen lieben.«

»Ich liebe nur Sie, Ebba, und ich möchte, daß Sie mir stets Ihre Freundschaft bewahren.« — — —

Morgen wird es von ihr gehen, ihr Werk, hinaus in die Werkstatt — dann wird sie ganz einsam sein — einsam und allein.

Und ihre Kunst? War sie einsam, solange sie die hatte? War es nicht immer so gewesen?

Warum fror sie?

In ihr war tobende, glühende Hitze. Ihr Blut brannte. Und dennoch fror sie.

Eine namenlose Sehnsucht ließ sie nicht zur Ruhe kommen.

Wenn er dennoch wiederkäme?

Wiederkäme und sie in seine Arme nähme und spräche: ›Sei mein Weib, aber entsage deiner Kunst!‹ — — Was würde sie antworten?

Ich kann nicht sein ohne dich, ich will entsagen. Liebst du diesen Mann so sehr, daß du deiner Kunst entsagen willst, du, eine geweihte Priesterin? flüsterte eine Stimme in ihr.

Und sie erschrak.

Nein, dieses Opfer konnte sie ihm nicht bringen. Die Liebe! Was war die Liebe gegen ihre Kunst? Endzweck nur für sie, ihrer Kunst zu dienen. — — —

»Was wollen Sie, Arno Stürmer?« Lottes Stimme scholl hart und laut durch den Raum.

»Ich wollte Ihr Werk noch einmal sehen, hier sehen, wo es geschaffen, denn ich weiß, daß es morgen von Ihnen geht, das ist immer ein großer Moment für den Künstler. Und ich wollte auch Sie noch einmal sehen, ehe ich reise, Lotte. Ich fahre morgen nach München.«

»München! Ich wollte, ich könnte mit.«

»So kommen Sie, werfen Sie alles hinter sich und kommen Sie mit. Oder« — er sah sie durchdringend an. »Lotte,« sagte er leidenschaftlich, »Sie sind frei —«

»Frei!« — sagte sie spöttisch.

»Nun wohl — machen Sie sich auch innerlich frei!«

Er sah in ihre bleichen Züge, und ein heißes, wildes Begehren überkam ihn.

»Lotte, ich liebe dich! Laß dich umhüllen von meiner Leidenschaft, komm mit mir!«

Er umschlang sie, bedeckte ihre Augen, ihren Mund mit Küssen.

Sie stand reglos, ohne Gedanken im betäubten Hirn, und dann kam ein Schmerzgefühl über sie, das zerrte und riß in ihr: wie arm, wie arm bist du doch! Liebe — Muttergefühl — Weibesschicksal, alles in weite, weite Fernen gerückt. Und dann wieder: nein, die Liebe ist nicht der Zweck des Lebens der Frau. Der Zweck, ihre Erfüllung, ist das Kind.

Und da ist ihr, als ob sie sich klammern müsse an diesen einen mit Leidenschaft und wilder Verzweiflung. Sie schlingt ihre Arme um seinen Nacken und küßt ihn mit wilden, wahnsinnigen Lippen. Eine bebende, hungernde Erwartung ist in ihr. Ihr unerlöstes Ich bettelt um Erfüllung ihres Daseins.

Und er bedeckt ihr Gesicht, ihren Nacken, ihre Schultern mit sengenden, glühenden Küssen.

Und sie geht unter in aufgelöste, glühende Wonnen. Ein Brand ist in ihr, ein Brand, der nichts übrigläßt als ein sinnlos seliges Gefühl und eine einzige jauchzende Hingabe. — — —

Sie schlägt die Augen auf und sieht über sich gebeugt ein wildes, bärtiges Gesicht, sieht in glutvolle, begehrliche Augen. Sie will empor, will ihre weißen Glieder lösen aus nervigen Männerarmen. Ihr Mühen ist vergebens. Fest geschmiedet liegt sie in seinen Armen. Wilde, sinnbetörende Worte klingen in ihr Ohr, und heiße Liebkosungen rauben ihr den Atem.

Und er jauchzt auf: »Hab ich dich endlich im Bann? Wirf deinen Stolz ab, sei mein wildes Zigeunerweib. Laß die Haare flattern und jauchze mit mir. Die Stunde ist da, in der dein Schicksal sich erfüllt.« Wild hat er sie emporgerissen, und die zwei Adamsmenschen stehen im Dämmer des weiten Raums und starren sich stumm in die begehrlichen Augen. Und ihre Augen lassen ab von dem Manne und wandern. Wandern und suchen. Da steht sie. Gespenstig aus dem tiefen Schatten taucht sie blendend weiß empor: begehrliche Augen — gierige Lippen — die Riesenfangarme öffnen sich, um neue Opfer aufzusaugen — sie regen sich zu Hunderten — auch der gierige Mund, er wird lebendig — ein Hohnlachen kommt auf seine Züge. — — —

Da hallt ein irrer Schrei. Das Weib stürzt durch den Raum, greift nach dem Meißel und stürzt auf die Gorgo zu. Und nun beginnt ein Ringen, ein heißes Ringen. Hoch in der Rechten schwingt das Weib den Hammer. Der Mann zerrt ihren Arm herunter. Er schwebt gerade über seinem Haupt. Ihre Linke reißt seinen Kopf an ihre Brust, und aus der schwach werdenden Rechten fällt der Hammer zur Erde nieder. Sie steht einen Augenblick ohne Besinnung, dunkle Nebel sind ihr vor den Augen. Sie beginnt zu zittern. Dann nimmt der Mann sie in seine Arme, trägt sie auf das Ruhebett, wickelt sie zart in die schützende Decke und kniet vor ihr nieder.

»Weib — geliebtes du — bedenke doch, daß du lebst, jetzt erst lebst! Ein Leben ohne Liebe, das ist ein Leben ohne Schicksal. Über allem Wissen, über aller Kunst steht die Liebe, die Leidenschaft. Sie erst macht das Leben blut- und glutvoll. Wolltest du kein Schicksal, schrie nicht alles in dir nach Erlösung, nach Befreiung? Was klagst du? Ist nicht Liebe — Glück? Rausch — Seligkeit?«

Und wieder fühlt sie heiße, sinnverwirrende Küsse auf ihren Lippen.

Und unter dieser Glut spürt sie einen Reiz und wollüstige Qual, und sie versinkt wieder.

»Siehst du, wie du mich liebst,« flüstern unter Liebkosungen seine Lippen.

Da schreit sie auf: »Nein, ich liebe dich nicht, ich liebe dich nicht! Ich liebe nur das Kind, das du mir schenken sollst. Hörst du es?«

Da lacht er auf: »Du urgesundes Weib du — — und inzwischen umhüllst du mich mit deiner Liebe.« — —

Und als er gegangen, als die Schatten der Nacht dunkel um sie lagerten, da kam ein blendendes Licht und erschreckte sie.

Sie hatte sich einem Manne hingegeben, der ihrem Herzen ein Fremder war. Etwas dunkel Unbegreifliches, daß sie nie hatte anerkennen wollen, hatte sie diesem Manne in die Arme getrieben.

War sie besser, als die anderen, die zu geißeln sie sich anmaßte? Hatte sie sich nicht aufpeitschen lassen zu wilder Leidenschaft, zu sinnlicher Begierde?

Warum? Was lebte in ihr?

Und wieder schoß die züngelnde Flamme in ihr empor. Aller Sehnsucht Erfüllung, aller Träume Endziel — das Kind. Rein bleibt die Frau, die sich einem ungeliebten Manne hingibt, zur Erfüllung ihrer Mutterschaft, wenn er der einzige bleibt. — — —

Und anderen Tags, als ihr Werk von ihr gegangen, stehen sie sich gegenüber.

Scheu sieht sie zu ihm empor.

Stark, fest und gesund steht er vor ihr. Seine schwarzen Augen sprühen Flammen und funkeln in die ihren.

Jetzt lacht er dröhnend auf, nimmt sie in seine Arme und setzt sich auf das Ruhebett, sie auf seinen Knien haltend.

»Mädchen, Mädchen, du weißt ja gar nicht, wie glücklich ich bin, du, mein kleines Zigeunerweib! Komm, reich mir deine Lippen und laß mich trinken —«

Den Kopf weit zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, ruht sie in seinem Arm.

»Nun führe ich dich in einen Zaubergarten, mein Mädchen, in den Zaubergarten der Liebe, in dem Wonnen dich erwarten. Untertauchen sollst du mit mir in ein Meer von Glückseligkeit.«

Und sie ließ sich küssen und dachte an den, der von ihr gegangen. Liebte sie jenen oder liebte sie diesen?

Sie konnte nicht begreifen, wie er so schnell in ihr Leben gekommen war, und daß er ihr Schicksal geworden.

Gleichwohl. Sie hatte einen Menschen gefunden, dem sie etwas sein durfte, dem sie Glück spenden konnte.

Sie liebte ihn, weil er ihre arme, hungernde und frierende Seele an sich genommen, und weil er sie zum Weibe machte.

»Lotte,« flüsterte er unter Küssen, »gibt es etwas hier, was Dich zurückhält?«

»Nein!«

»So fahren wir morgen zusammen nach München, willst du?«

Da nickte sie stumm, legte ihren Arm um seinen Nacken und schmiegte ihre Wange an die seine.

Es war ein heißer Strom, der sie verband. Hier die sinnliche Gier — dort die Begierde nach dem Kinde.

* * *

Ebba, ich weiß nicht, ob ich glücklich bin — denn ich lebe unbewußt. Ich bin eingehüllt in Wolken. Um mich sprühen Funken, zucken Blitze, die für Sekunden die Wolken vertreiben. Ich weiß nicht, ob ich, nachdem die Wolken zergangen sind, glücklich sein werde. Nur das weiß ich, daß ich so tun mußte, wie ich getan. Mein Schicksal hat mich erreicht.

Ebba — ich bin mit einem Manne fortgegangen. Er begehrte mich, und ich ließ mich nehmen. Wir leben in einem Rausch, in einem Taumel. Er liebt mich herzlich und ehrlich, das fühle ich — aber ohne Bestand.

Frei wir beide — so soll es sein.

Und ich, Ebba, ich liebe ihn, denn er soll der Vater meines Kindes werden.

Das Kind wird mich entsühnen. Bleibt mir das versagt, so gehöre ich zu den Gezeichneten, und Du wirst mich nicht wiedersehen.

Ich warte.

Werde ich zu den Verstoßenen oder zu den Auserwählten gehören? — — —

Lotte — — das Schicksal ist stärker als wir. Du gehst deiner Bestimmung entgegen. Sei nicht verzagt. Du gehörst zu den Auserwählten, auch wenn deiner Sehnsucht Erfüllung ausbliebe.

Einem, der die Menschen liebt, ist auch das Unbegreiflichste nicht fremd. — — —

* * *

Unter Stürmen und Regenschauern war der Herbst ins Land gezogen. Berlin rüstete für die beginnende Saison. Auch die letzten Zugvögel waren zurückgekehrt in den heimatlichen Hafen, bereit, sich mit neugewonnenen Kräften in Vergnügen, Geschäft und Modesorgen zu stürzen. Vor den Schaufenstern staute sich die Damenwelt, um die kommende Mode zu begutachten. Noch enger der Rock, noch schlanker die Linie. Die fülligen Damen seufzten. Wieder auf Süßigkeiten und Leibspeisen verzichten oder eine Entfettungskur durchmachen.

Oh, du törichte Mode, zwingst sie alle in deinen Bann. Auflehnen? Ein Ding der Unmöglichkeit!

Jede Mode ist schön. Sie wirkt unschön, sobald sie vorüber ist.

Vor den Auslagen des K. d. W. stand Gerda von Wangenheim und studierte eine grasgrüne Gesellschaftstoilette. Ein herrliches Kleid für ihr Konzert wäre dies! Sie seufzte. Unerschwinglich. Mit Schaudern dachte sie an die Vorwürfe ihrer Mutter. Immer nur Geldkosten! Keine Aussicht auf Einnahme! Du mußt sparen, mußt dich bescheiden! Weiter bekam sie nichts zu hören.

Der Vater war lieb und gut zu ihr gewesen. Hatte sie nur einmal in sein Zimmer genommen und sie gefragt, ob sie nun bald auf Einnahmen rechnen könne, denn lange — lange reichte es nicht mehr aus. Da hatte sie ihn liebevoll umhalst und ihm gedankt und gesagt: ›Noch diesen Winter werde ich mit Stundengeben anfangen. Es wird nicht viel sein, aber der Anfang ist dann gemacht. Ich habe viel Beziehungen angeknüpft, man wird mir helfen. Nur mein erstes Konzert, lieber, guter Papa, das kostet noch, aber dann — du mußt an mich, an meine Kunst glauben. Es wird schon kommen, dann zahle ich alles zurück, dann soll das alles den Geschwistern zugute kommen.‹ Da hatte er gelächelt und geantwortet: ›Ich habe immer an dich geglaubt, Gerda.‹

Geld verdienen! Stunden geben! Sie schauderte, wenn sie an dieses, ihr Versprechen, dachte. Wer sollte Stunde nehmen, bei ihr, der jungen, unbekannten Anfängerin? Wieviel Schüler müßte sie haben und welches Honorar müßte sie verlangen, um auf eigenen Füßen stehen zu können?

Das Leben in Berlin kostet Geld. Selbst in zwei, drei Jahren würde sie nicht soviel verdienen können, wie sie brauchte, oder aber — es geschähe ein Wunder. Um vorwärts zu kommen, gebrauchte sie den Luxus, es ging nun einmal nicht anders. Würde sie bescheiden auftreten, würde sie beiseite gestellt und vergessen werden.

Das grüne Kleid! Wie herrlich es zu ihrem Haar stehen würde! Man könnte es von einer Schneiderin nacharbeiten lassen.

»So in die Modenschau vertieft, gnädiges Fräulein?«

Sie wandte sich um. »Herr Winkelmann! Nein, wie sich doch alles wieder zusammenfindet.«

»Die Motten umschwirren das Licht.«

»Nehmen Sie nun sich als Motte und bin ich das Licht? Oder meinen Sie damit den Schwarm, der die Großstadtluft atmet?«

»Eigentlich meine ich beides. Wie die Insekten blindlings dem Lichte nachziehen, ob es ihnen auch Tod und Verderben bereitet — so zieht uns, die Weltkinder, immer und immer wieder die Großstadt in ihren Strudel hinein. Und ich — mein gnädiges Fräulein — ich kenne mein Schicksal nicht, aber ich weiß, daß ich dem Feuer, das mir leuchtet —« und er warf einen bezeichnenden Blick auf die Fülle ihres Haares — »folgen muß in Tod und Verderben oder in Seligkeit und Glück.«

»Also, Sie sind unverändert zurückgekehrt?«

»Unverändert.«

Langsam schlenderten sie die Tauentzienstraße entlang. »Und wo haben Sie die Sommermonate verlebt, gnädiges Fräulein?«

»Ich war erst mit einer Freundin an der Ostsee, wo wir fleißig gebadet haben, und die übrige Zeit habe ich in meinem Elternhaus verbracht.«

»Und jetzt studieren Sie fleißig für Ihr Konzert, wie ich vermute?«

»Sehr fleißig. Es gibt noch viel Arbeit bis dahin zu bewältigen. Je näher der Termin rückt, je weniger bin ich mit meinem Können zufrieden.«

»Haben Sie den Tag schon festgesetzt?«

»Ja, die Konzertdirektion drängt, ich werde mich morgen entscheiden.«

»Lassen Sie es mich zeitig wissen, damit ich für Sie arbeiten kann. Ich muß mich ja wohl doppelt ins Zeug legen, da Sie die Hilfe von Thea Westphal entbehren müssen.«

Sie sah ihn fragend an.

»So wissen Sie nicht?«

»Nichts weiß ich. Was ist es mit ihr?«

»Auf und davon ist sie gegangen.«

»Allein?« entfuhr es ihr.

Er lachte. »Natürlich mit Gernsheim. Sie sind erst nach Paris, dann Nizza, Monaco — den üblichen Weg. Dort hat er alles verspielt, und sie hat sich einem schwerreichen Russen ergeben, der sie mit nach Petersburg genommen hat.«

»Abscheulich!«

»Was wollen Sie? Naturanlage und Unbeherrschtheit! Modern, weiter nichts.«

»Sie können es doch nicht gutheißen, von Mann und Kind einfach davonzulaufen?«

»Warum nicht? Wenn es einen dazu treibt?«

»Würden Sie ebenso sprechen, wenn es Ihre Frau gewesen wäre?«

»Sicherlich. Ich würde keine Frau halten, die von mir strebt. Wozu?«

Sie waren am Steinplatz angekommen und bogen in die Uhlandstraße ein. Vor der Tür ihrer Pension verabschiedete sie sich. Er ging den Weg, den sie gekommen, zurück. Und er dachte an den Abend, an dem er sie zum ersten Male nach Hause begleitet hatte. Wie stolz und unnahbar sie gewesen, und wie sie ihn gereizt durch ihre Kälte. Ihm, der gewöhnt war, zu siegen, ihm wurde hier ein Halt geboten. Und wieder stieg das Begehren heiß in ihm empor: du mußt sie bezwingen, du mußt sie erkämpfen, diese Lippen in heißem Kuß entflammen, diesen Leib bebend an dich pressen.

Sie spielte mit ihm. Nein, er ließ nicht mit sich spielen. Sein mußte sie werden. — —

* * *

Winkelmann hatte sein Versprechen erfüllt. Er hatte für sie gearbeitet. Der Saal war dreiviertel gefüllt von einem Publikum, das seine Billetts bezahlt hatte! Etwas Unerhörtes für eine junge Anfängerin.

Und als sie stand, umrauscht vom Jubel ihrer Anhänger, ihrer Freunde, die, hingerissen von ihrer Schönheit, immer von neuem Beifall klatschten, als man ihr Blumenspenden aufs Podium reichte, da fühlte sie sich als große, gefeierte Künstlerin.

Und als sie nach dem Konzert bei einer Feier mit ihren Freunden und Bekannten beisammen saß und alle ihr Bewunderung zollten, da fühlte sie sich in einem Siegestaumel, da sah sie ihre Zukunft gesichert.

Strahlend gab sie am nächsten Tage eine Depesche an ihren Vater auf: »Großer Beifall. Unkosten gedeckt.«

Und als zwei Tage vergangen, da wurde aus der großen, gefeierten Künstlerin eine bescheidene Anfängerin. ›Stimme und Vortragstalent wohl vorhanden, aber noch viel Studium nötig. Für eine junge Anfängerin eine ganz respektable Leistung. Aber weiterarbeiten, sich bewußt sein, daß man Anfängerin ist, trotz des gezollten Beifalls der guten Freunde.‹

Und dann, dann wurde sie ganz klein. ›Mehr wohl die körperlichen Vorzüge, die entzückende, moderne, grüne Toilette, haben das Publikum veranlaßt, dieser jungen Anfängerin einen Beifall zu zollen, der ihrem Vortrag nicht entsprach.‹ — —

Also arbeiten — studieren — weiter. Noch lange nicht am Ziel!

Sie biß die Zähne zusammen und stürzte sich in ihr Studium. Ihr Lehrer war zufrieden gewesen. ›Was wollen Sie denn noch mehr?‹ hatte er gesagt. ›Sie sind doch eine Anfängerin. Stimme und Vortrag hat man gelten lassen, darauf bauen Sie auf. Dachten Sie denn, mit dem einen Konzert würden Sie erreichen, was andere in zwanzig, dreißig kaum erreichen? Und das wollte ich Ihnen auch sagen, allzuviel Beifall der Freunde schadet nur, wenigstens bei der Kritik. So — und nun arbeiten Sie fleißig weiter, und im Frühjahr geben Sie das zweite Konzert.‹ —

Und dann war einer gekommen, der hatte ihr ein Anerbieten gemacht. ›Ich will Sie berühmt machen. In einem Jahre sind Sie berühmt, ich garantiere Ihnen dafür. Sie müssen umsatteln. Sie sollen keine ernsthafte Konzertsängerin werden. Chansons sollen Sie singen. Fein pointierte, ein wenig pikante Chansons. Sie sind eine königliche Erscheinung — glänzend, ausgezeichnet würden Sie wirken — wir würden ein Geschäft machen — Geld verdienen — viel Geld! Sagen Sie ja und Sie sind in einem Jahre berühmt und haben ein glänzendes Einkommen.‹

Sie hatte ihm die Türe gewiesen.

Sie wußte wohl, daß er dieses Anerbieten nicht ihrer Stimme, sondern nur ihrem Körper gemacht hatte.

›Sie werden sich bedenken‹, hatte er gesagt. ›Hier haben Sie meine Adresse, Sie brauchen mich nur zu rufen, ich bin noch immer bereit.‹

Geld, viel Geld!

Es lag ihr im Ohr.

Berühmt! Berühmt im Varieté!

Verächtlich lachte sie auf. — — —

Und dann — dann war das Schreckliche gekommen. Das unglückliche Telegramm: Vater Schlaganfall, komme sofort. — — —

Voller Entsetzen war Gerda aus dem Elternhause geflohen.

Was sollte nun werden?

Unmögliches hatte man von ihr verlangt, hatte man ihr zugemutet.

Ihre Kunst sollte sie aufgeben? Sie sollte sich einsperren lassen in den Alltag?

Wie hatte die Mutter zu ihr gesprochen?

›Es ist eine brotlose Kunst, Jahre können vergehen, ehe du dir deinen Unterhalt damit erwerben kannst. Und selbst, wenn du mir die Garantie geben könntest, auch nur ein Jahr noch meiner Hilfe zu benötigen, so kann ich selbst dieses eine Jahr dir nicht gewähren, denn ich habe nichts als meine Pension. Der letzte Rest unseres kleinen Vermögens ist draufgegangen für dein Studium. Du hast es durchgesetzt beim Vater, dir gegenüber ist er ja immer schwach gewesen. Es bleibt dir nichts anderes übrig, du mußt hier mit unterkriechen. Du kannst dich der Wirtschaft annehmen, dich der Erziehung deiner beiden Geschwister widmen. Etwas anderes kann ich dir nicht bieten. Was willst du auch? Ich sollte meinen, du hast keinen Grund, unzufrieden zu sein, du weißt, ich war nie einverstanden mit deiner Kunst, gegen meinen Willen hast du es beim Vater durchgesetzt. Ein junges Mädchen unserer Kreise gehört nicht an die Öffentlichkeit.‹ — —

Den Vater hatte sie nicht mehr lebend angetroffen. Er war gestorben, ohne seine Lieblingstochter noch einmal ans Herz gedrückt zu haben.

»Vater, lieber Vater!« zuckten ihre Lippen, und langsam rannen die Tränen über ihre bleichen Wangen.

Was sollte nun werden?

Eingesperrt in den Kreis der Familie?

Hatte sie nicht eben angefangen, ihren vorbestimmten Weg zu gehen? Sie, die bestimmt war, durch ihre Kunst, durch ihre Schönheit, zu herrschen, sollte wieder untertauchen in die vergangene Welt? In eine Welt, in der ihr vielleicht die Versorgung in Gestalt eines Gatten winkte? Eheglück! Kindersegen! Häusliche Sorgen! Ihr schauderte. Nein! Sie hatte, umrauscht vom Beifall der Masse, auf dem Podium gestanden, sie hatte den Rausch des Künstlers, der beherrscht, in seinen Bann zwingt, kennengelernt — sie konnte nicht mehr zurück.

Sie mußte den einmal betretenen Weg gehen — bis zum Ziele gehen.

Geld! Wovon sollte sie leben? Die teuren Stunden bezahlen?

Ein Angstgefühl preßte ihr die Kehle zusammen, und würgend stiegen ihr die Tränen empor.

»Vater, lieber Vater, du hättest Rat geschafft! Nur ein einziges Jahr noch — und es wäre erreicht!«

Sie preßte ihre schlanken Hände an die schmerzende Stirn. Was tun? Zunächst die teure Pension verlassen. Versuchen, durch Stundengeben Geld zu verdienen.

Lächerlich! Auch nicht den vierten Teil dessen, was sie gebrauchte, um ihren Unterhalt und die Stunden zu bezahlen, würde sie verdienen können. Ja, wäre sie berühmt, anerkannte Künstlerin! In Scharen kämen die Schüler und zahlten jeden Preis. Aber so.

Dreihundert Mark — das war ihr ganzer Reichtum. Mit unsäglichen Schwierigkeiten hatte sie die Summe von ihrer Mutter erlangt, um noch einmal nach Berlin zurückkehren zu können, um — wie sie gebeten — in Ruhe mit sich zu Rate zu gehen.

›Es ist ein Verbrechen, das ich begehe,‹ hatte die Mutter gesagt — ›das viele Geld, ich könnte es besser im Haushalt verwenden, aber sei es drum. Es ist im Sinne deines Vaters, wenn ich dir willfahre — gehe noch einen Monat nach Berlin, und kehre vernünftig zurück!‹

Einen Monat!

Vernünftig zurück! Niemals, das war gewiß — aber wie sich weiterhelfen?

Wie angestrengt sie auch sann, sie konnte keinen Ausweg finden. — — —

Als Gerda nach einigen Tagen von einem Spaziergang in die Pension kam, trat ihr Winkelmann, der im Gesellschaftszimmer auf sie gewartet hatte, entgegen.

»Gnädiges Fräulein — ist es wahr, Sie wollen die Pension verlassen? Sind Sie unzufrieden?«

»Ich werde voraussichtlich Berlin verlassen.«

»Unmöglich! Ihr Studium, Ihre Karriere, die Sie eben erst begonnen —«

»Werde ich aufgeben.«

Sie sagt es bewegungslos. Ruhig und beherrscht sind ihre Züge. Die blasse Gesichtsfarbe erscheint durch das schwarze Kreppkleid noch bleicher, noch durchsichtiger. Aus den rötlichen Haaren scheinen Funken aufzusprühen, sie leuchten im dämmrigen Licht der hereinbrechenden Abendschatten.

Er sieht sie erstaunt an. »Aufgeben — habe ich recht verstanden? Sie wollen der Kunst entsagen? Freiwillig entsagen? Das ist unmöglich! Wer oder was sollte Sie dazu zwingen?«

»Die Verhältnisse.«

Das, worüber sie Tag und Nacht nachgrübelte, was unaufhörlich ihre Gedanken beschäftigte, war willenlos ihren Lippen entflohen.

Er beginnt zu verstehen und schweigt.

Stumm und bleich, hoch aufgerichtet, sitzt sie ihm gegenüber. Unnahbare Kühle weht ihn an. Er muß sie durchdringen. Jetzt gab es einen Weg.

»Wenn zwei Augen sich schließen, tritt oft ein Umschwung der Verhältnisse ein, ich weiß das. Ihr Studium kostet Geld — eine kurze Zeit noch — dann wird Ihnen zurückfließen, was Sie jetzt anwenden. Sie müssen unbeschränkt über eine größere Summe verfügen können, um schnell vorwärts zu kommen, Sparen hilft Ihnen nicht zum Ziel. Sie müssen auftreten können, kleinliche Verhältnisse sind Ihnen hinderlich — gnädiges Fräulein« — er sieht ihr fest und ernst in die Augen — »gestatten Sie, daß ich auf der Deutschen Bank zehntausend Mark auf Ihren Namen niederlege, zu Ihrer freien Verfügung — nein, fahren Sie nicht auf, hören Sie mich bitte ruhig zu Ende. Es ist dies nur eine Summe, welche ich Ihnen vorstrecke, Sie können Sie mir mit Zinsen zurückzahlen, ich schlage Ihnen nur ein Geschäft vor. Es ist für mich eine Kapitalsanlage, und eine gute, wenn ich Sie dadurch der Kunst erhalte. Sie dürfen der Kunst nicht entsagen um kleinlicher Geldsorgen willen.«

Gerda, welche bei seinen Worten aufgefahren war, hat sich beherrscht. Was sie seit Tagen gedacht, hatte er ausgesprochen — ›kleinliche Verhältnisse sind Ihnen hinderlich‹ — Nichts würde sie erreichen, wenn sie untertauchen wollte, gar nichts. Es galt, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen, sich eine Schar von Anhängern zu sichern. Dies waren die Stufen, die hinaufführten zur Höhe des Ruhms. Ihre Wangen sind leicht gerötet, durchdringend sieht sie ihn an und sagt mit eisiger Kälte: »Sie wollen mir diese Summe leihen, gegen Zinsen leihen und — ohne jeden Hintergedanken?«

»Ich sagte schon, ich schlage Ihnen ein Geschäft vor, weiter nichts.«

»Bei einem Geschäft könnten Sie auch meinen, mich mitzukaufen. Ich möchte die ausdrückliche Erklärung von Ihnen hören, daß Sie meine Person ganz außer acht lassen, daß Sie einzig und allein der Kunst halber —«

»Nur der Kunst halber, Fräulein von Wangenheim, die Versicherung kann ich Ihnen geben.«

»Nun wohl, ich nehme an. Sie bekommen Ihr Geld zurück, nebst 5 Prozent Zinsen. Die Zeit kann ich Ihnen allerdings nicht bestimmen —«

»Das ist auch nicht notwendig. Ich bin glücklich, Ihnen helfen zu dürfen und Sie der Kunst zu erhalten.« —

Gerda studierte mit Feuereifer, sie bereitete ihr zweites Konzert vor, welches im Februar stattfinden sollte. Ihrer Mutter hatte sie geschrieben, daß sie nicht nach Haus zurückkehren werde, denn sie könne ihre Kunst nicht aufgeben. Sie sehe ein, daß die Eltern ihretwegen Opfer gebracht hätten, und eben deswegen müsse sie weiterarbeiten, um dereinst zurückerstatten zu können. Sie werde versuchen, vorwärts zu kommen und durch Stundengeben Geld zu verdienen.

Darauf hatte die Mutter geantwortet, sie könne sie natürlich nicht halten. Wenn es ihr lockender erscheine, sich kümmerlich ihr Brot zu verdienen, statt in wohlgeordnetem Haushalt die Tochter des Hauses zu sein, mit der Aussicht auf eine gute Heirat, so solle sie nur bleiben, wo sie sei, aber — was sie dem Namen ihres Vaters schuldig sei — das solle sie niemals vergessen.

So war denn auch das geordnet, und sie war frei. — — Abgesehen von einigen kleinen Teegesellschaften, die sie der Beziehungen halber besuchte, lebte sie ihrer Trauer wegen zurückgezogen. In der Pension war sie wohnen geblieben, da ja der Grund des Sparenmüssens wegfiel.

Seit jenem Tag, da sie das Anerbieten Winkelmanns angenommen, waren drei Wochen vergangen, und sie hatte ihn nicht wiedergesehen, dessen war sie froh.

* * *

Winkelmann hatte sich absichtlich von Gerda ferngehalten. Tag und Nacht grübelte er, wie er sie gewinnen könne. Als er ihr das Geld angeboten, hatte er gemeint, sich ihr näher zu bringen. Aber als sie so ohne Umstände, kühl und sachlich, sein Anerbieten angenommen, wußte er auch, dies war kein Weg, der zu ihr führte. Er, der gewöhnt war, die Frauen zu beherrschen, fühlte sich hier beherrscht. Nicht durch Launen, nicht durch Liebe, nein, durch grenzenlose Kälte. Es war keine Kälte, die nur ihm galt, es war eine Kälte, überhaupt, die von ihr ausging. Viele Frauen hatte er besessen, junge, unberührte Mädchen, reife Frauen hatte er sein nennen können, bei allen hatte er verstanden, den Funken zur Flamme anzufachen, nur bei dieser war seine Mühe vergebens. Und doch — er mußte, mußte sie in seine Arme zwingen.

Er schloß die Augen. Sein Blut drängte zum Gehirn. Da tauchten gleichsam aus duftigen Nebelschleiern ihre bleichen Züge auf, unter den langen, dunklen, sich langsam hebenden Wimpern, drang der Blick ihrer kühlen, grauen Augen in sein Herz. Aus ihren duftenden Haaren sprühten und knisterten Funken, die ihn in Flammen setzten.

In diesem Augenblick wurde ihm klar, daß er von einer rückhaltlosen Leidenschaft besessen war, einer Leidenschaft, die zum Wahnsinn oder Verbrechen führen konnte.

Das Schicksal wollte es, er sollte alle jene Qualen erdulden, über die er so oft spöttisch zu Gericht gesessen. Liebe? War das Liebe?

Wieder schloß er die Augen.

Und da hielt er sie in seinen Armen, bedeckte ihren jungfräulichen, blühenden Leib mit glühenden Küssen. Ihre Wangen überkam ein leichtes Rot, ihre Augen sahen ihm gerade ins Gesicht, kalt und hart, und ihre Lippen sprachen: ›Du schändest meinen Körper — denn du liebst mich nicht!‹

In dem Rausch seiner Sinne überfiel ihn eine grenzenlose Wut. Er fühlte eine Lust, den zarten Körper zu zerstören. »Mein Blut verlangt nach dir, alle meine Sinne sind in Aufruhr — mein — — mein —«

Unter seinen Liebkosungen aber wich das Leben aus ihrem Körper, sie wurde kalt und starr, eine steinerne Masse.

Da schrie er auf: ›Meine Liebe hat dich getötet!‹

Da schlug sie noch einmal die Augen auf und sagte: ›Deine Liebe?? — Deine Begierde!‹ — —

* * *

Die Sommerferien hatte Ebba mit Lukas und Inge im Thüringer Wald verbracht. Sie hatten einen kleinen, von der großen Masse wenig besuchten Flecken zum Aufenthalt gewählt. Hatten lange Spaziergänge gemacht und waren erfrischt an Leib und Seele nach Berlin zurückgekehrt. Namentlich Lukas Seele war erstarkt. Er hatte im Umgang mit der klaren und ruhigen Frau sein erschüttertes Gleichgewicht wiedergefunden. Thea war ausgestrichen aus seinem Herzen, sein Leben, seine Ziele, waren andere geworden. Mit aller Zärtlichkeit, deren seine müde Seele fähig war, hatte er sich an Inge geklammert, die überglücklich ihre Liebe zwischen Vater und Tante verteilte. Es waren schöne, ruhige Tage gewesen, die sie zusammen verbracht, und mit Traurigkeit und Bangen vor dem Getriebe und der Hetzjagd der Weltstadt hatten sie ihre Heimreise angetreten. Die Trennung von Inge wurde Ebba schwer. Sie hatte sich so wohl gefühlt in ihrer Mutterrolle. Ihr Leben war von Sorge um die beiden Menschen so ausgefüllt, daß sie Angst hatte vor der Einsamkeit, und bange war, sich pflichtenlos zu fühlen.

Auch Inge standen die Tränen in den Augen, und sie hatte gejammert, jetzt ohne ihr ›Muttchen‹ sein zu müssen. — — —

Nun saßen sie seit Wochen wieder daheim. Ebba und Inge sahen sich täglich, denn ohne Tante Ebba konnte Inge nicht mehr leben, das wollte sie beschwören. Und gestern endlich war sie mit einem Vorschlag herausgerückt. »Du weißt doch, daß wir die große Wohnung aufgeben, Tante Ebba? Papa und ich allein in den vielen Gesellschaftsräumen — es ist schaurig in der großen, toten Wohnung. Und das Geld — du weißt ja, Papa will sparen. Wir haben uns schon Wohnungen angesehen. Eine gefällt uns sehr gut. — Aber — wir möchten gern, daß du zu uns kommst. Papa und ich haben das schon lange besprochen, aber Papa getraut sich nicht, dich darum zu bitten. Aber ich — ich habe mehr Mut, und mir — kannst du doch nichts abschlagen. Nicht wahr — du tust es doch?«

Ebba zog das junge, im Eifer seiner Rede erglühte Mädchen an ihre Brust. »Wenn du so genau weißt, daß ich dir nichts abschlagen kann, so bleibt mir doch gar nichts anderes übrig, Liebling.«

»Siehst du, siehst du, ich hatte recht, wir haben gewettet, Papa und ich. Papa sagte nämlich: ›Sie wird sich besinnen,‹ und ich sagte: ›Sie tat es ohne Besinnen!‹«

»So sicher warst du deiner Sache?«

Sie nickte.

»Inge,« Ebba nahm den Kopf des jungen Mädchens in ihre Hände und sah liebevoll in ihre Augen — »erinnerst du dich unserer ersten Unterhaltung? Weißt du, daß wir miteinander kämpfen wollten? Ich, die Unmoderne, mit dir, der ›ganz Modernen‹, wie du dich ausdrücktest. Du wolltest mich zu dir hinüberziehen, und ich wollte dich zur Überwindung deiner Schwächen bringen. Wer hat nun eigentlich gesiegt?«

»Du, Tante Ebba — denn du bist so geblieben wie du warst, und ich schäme mich, wenn ich an all das dumme Zeug denke, das ich im Kopfe getragen. Modern und unmodern, ist ja auch alles Unsinn — weißt du, man sollte zuerst Mensch sein — und das bist du — ein prächtiger Mensch. Ich aber — du, Muttchen —« und sie versteckte ihren Kopf an Ebbas Schulter — »ich habe gefunden, daß es sich mit Menschen, die ein Herz in der Brust haben, doch viel, viel besser leben läßt.« —

Die Wolken fangen an, sich zu zerteilen — dahinter verborgen lag das Glück, mein Glück!

Es schwebt auf mich hernieder, ich halte es in Händen. —

Der Rausch ist verflogen, wir müssen uns voneinander trennen.

Du wirst mich wiedersehen, Ebba.

Ein Kind. Mein Kind. Kannst Du es fassen?

Im Liebesrausch erschaffen, und unter dem Zeichen der Liebe und Zuneigung entwickelt.

Und mein allein.

Da wir nicht zusammenbleiben können, soll er keinen Teil daran haben.

›Vom Glücklichsein träumt man nur.‹ Weißt Du noch wie wir es sprachen?

Träume können sich erfüllen.

Der meine hat sich erfüllt.

Im Glück

Deine Lotte.

Ebba ließ den Brief auf den Tisch sinken. Erfüllt! So ward ihnen denn beiden das Glück beschert, eine junge Seele zu hüten und pflegen, und zu entwickeln. Lotte würde das Glück haben, Blut von ihrem Blut ans Herz drücken zu dürfen, und sie selbst würde der Tochter ihres Bruders zur Seite stehen. War es auch nicht ein Teil ihres Selbst, so liebte sie dennoch dieses junge Geschöpf, das ihre liebeshungrige Seele an sie gehängt, wie sie ihr eigenes Kind geliebt haben würde. Nun war sie nicht mehr einsam. Sie konnte nun mit anderen für andere leben! Dem Bruder wollte sie die langentbehrte Häuslichkeit schaffen, sie würde seinem Hause, das bisher der Treffpunkt oberflächlicher, vergnügungssüchtiger Genußmenschen gewesen, den Stempel der Ruhe und Gediegenheit aufprägen.

Auch ihre Wünsche hatten sich erfüllt.

Das Glück, von dem sie geträumt, hatte sie nicht gefunden und konnte sie auch nicht mehr finden. Es lag nicht in ihrer Art, sich über Enttäuschungen hinwegzusetzen. Sie hatte sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Aber vergessen, daß ein Mann in ihr Leben getreten, um es zu zerstören, um sie um alles zu bringen, was das Leben einer Frau wertvoll macht — vergessen konnte sie das nicht. Und darum würde sie auch niemals wieder ihr Leben an die Seite eines anderen Mannes ketten können. — —

* * *

Gerda saß mit Herrn von Reitzenstein in einem kleinen, eleganten Weinrestaurant. Sie hatten sich im Konzert getroffen, und er hatte sie gebeten, mit ihm zu Abend zu speisen.

Einen Augenblick hatte sie mit der Antwort gezögert, hatte ihn groß angesehen, dann aber sagte sie: »Aber ein kleines, ruhiges Lokal bitte, keine lärmenden Menschen — nicht, daß ich fürchte, gesehen zu werden — aber ich bin in Trauer, wie Sie wissen.« —

»Ich glaube, Sie arbeiten zu viel, gnädiges Fräulein, Sie sehen abgespannt aus.«

»Ich muß. Bedenken Sie, in kurzer Zeit muß ich wieder an die Öffentlichkeit. Ich muß vorwärts, schnell vorwärts, das bedingt angestrengtes Studium.«

»Sie sollten sich doch ein wenig mehr Ruhe gönnen, was schadet es denn, wenn Sie wirklich ein bißchen langsamer vorwärtskommen. Sie haben in kurzer Zeit schon soviel erreicht, Sie wollen alles im Sturm nehmen, wie es scheint.«

»Gar nichts habe ich erreicht, im Verhältnis zu dem was noch zu erreichen bleibt.«

Er goß den feurigen Burgunder in die Gläser. »Also, stoßen wir an auf einen schnellen Aufstieg. Das heißt, in meinen Augen sind Sie schon auf der Höhe.«

Sie ließ ihr Glas an das seine klingen und lachte: »Sie verstehen ja doch nichts von Musik!«

»Viel allerdings nicht,« gab er freimütig zu.

»Warum sind Sie heute eigentlich in das Konzert gegangen? Der Vortrag eines Geigenkünstlers und Sie ohne Gesellschaft im Saal! Kennen Sie den Künstler, haben Sie Beziehungen zu ihm?«

»Ich bin doch nur hingegangen, um Sie dort zu treffen.«

»Soo — darum. Welchen Zweck verbinden Sie damit?«

»Fräulein von Wangenheim, Sie wissen, daß ich Sie liebe.«

»Und Sie wissen, daß ich Ihre Liebe nicht erwidere.«

»Sie lieben Winkelmann.«

»Muß man denn immer einen anderen lieben?«

»Eine Frau, wie Sie, die unter den Bewerbern nur zu wählen braucht, muß einen bevorzugen.«

»Sie irren in der Tat, Herr von Reitzenstein. Ich bevorzuge niemand. Es ist bisher noch keinem gelungen, meine Pulse fiebern — mein Herz schneller schlagen zu machen.«

»Man sollte beinahe meinen, Sie hätten gar kein Herz.«

»Es kann wohl so sein, wenigstens denke ich das selbst oft. Meinen Sie nicht, daß es von Vorteil sei, ohne Seele zu leben?«

»Das ist ja überhaupt kein Leben — ohne Seele!«

»Im Gegenteil, erst dann lebt man, denn dann beherrscht man das Leben. Was wollen Sie, die Seele wird ja doch bloß unter die Füße getreten oder in Stücke gerissen!«

»Und wenn Sie meine Seele in hundert kleine Fetzen reißen und mir vor die Füße werfen — so würde mir das bitter weh tun und ich würde durch tausend Schmerzen gehen — aber niemals würde ich deshalb wünschen, keine Seele besessen zu haben. Ich kann Ihnen nur sagen, wenn Sie ohne Seele sind, lassen Sie sich schnell eine einblasen.«

»Vielleicht von Ihnen oder von Winkelmann?«

»Warum nicht?« —

»Ah — Herr Winkelmann — bitte, Sie dürfen mir schon guten Abend sagen.«

»Ich fürchtete, zu stören.«

Winkelmann trat an den Tisch und begrüßte die beiden. Als er das Lokal betrat, hatten seine scharfen Augen Gerda sofort erspäht, auch mit wem sie saß, wußte er, trotzdem er von Reitzenstein nur den Rücken sehen konnte. Erst war es seine Absicht gewesen, sich in eine Ecke zu setzen und die beiden zu beobachten, dann aber änderte er seinen Entschluß, und er ging langsam an dem Tisch vorbei, so tuend, als bemerke er sie nicht. Würden sie keine Notiz von ihm nehmen, so wollten sie nicht bemerkt werden, und er wußte Bescheid, andernfalls — da rief Gerda ihn an, und er begrüßte sie.

»Sie stören durchaus nicht. Im Gegenteil, wir sprachen gerade von Ihnen. Sie sollen mir nämlich eine Seele einblasen.«

»Das täte ich von Herzen gern — wenn Sie nämlich keine haben.«

»Ich habe keine!«

»Das bilden Sie sich doch nur ein! Dann wären Sie ja eine Melusine, ein unirdisch Lebewesen — kein Menschenkind.«

»Das bin ich vielleicht.«

»Haben Sie Ihren Vater lieb gehabt?« Reitzenstein sagte es leise und zart, ganz zart.

Sie senkte den Kopf. »Sehr lieb.«

Einen Augenblick schwiegen sie alle drei, dann sagte Winkelmann:

»Nun werden wir bald wieder die Trommel rühren müssen zu Ihrem Konzert.«

»Recht schade, daß das Westphalsche Haus seine Pforten geschlossen hat, da konnte man Beziehungen anknüpfen, und sich Publikum schaffen,« sagte Reitzenstein. »Ist es nicht dies Haus, so ist es ein anderes. Diese gastlichen Häuser, in denen man alle Welt trifft, finden Sie zu Dutzenden hier in Berlin, eine Kleinigkeit, dort eingeführt zu werden. Kennen Sie die Familie Menders? Kommerzienrat Menders, Fräulein von Wangenheim?«

»Nein.«

»Dort sollten Sie verkehren. Höchste Kreise — aber sehr stark gemischt. Ich werde Sie einführen.«

»Können Sie machen, daß ich dort singe?«

»Ich glaube wohl.«

»Sagen Sie, Fräulein von Wangenheim,« wandte sich Reitzenstein an Gerda, »hört man denn nichts von Fräulein Wunsch? Sie ist doch so gänzlich unsichtbar geworden. Ich hörte, ihr letztes Werk soll im Frühjahr ausgestellt werden, wissen Sie etwas Näheres?«

»Ich hörte gestern in der Pension, daß sie in diesen Tagen zurückerwartet wird.«

»Sie soll ja in der Nähe von München einen Traum geträumt haben,« bemerkte Winkelmann.

»Fräulein Wunsch sieht mir gar nicht nach träumen aus.«

»Nun, der Traum hatte Arme und Beine und einen Feuerkopf.«

»Ein famoser Mensch und eine große Künstlerin ist die Wunsch,« bemerkte Reitzenstein.

»Alle Welt ist gespannt auf ihre neueste Arbeit. Man erzählt, daß sie durch dieses Werk uns alle verspottet und der Menschheit ins Gesicht schlägt.«

»Wird wohl nur Stimmungsmache sein,« sagte Winkelmann.

»Man wird ja sehen. Aber eine bedeutende Arbeit soll es sein. Arno Stürmer sprach davon.«

* * *

Winkelmann hatte Gerda bei dem Kommerzienrat Menders eingeführt, und man hatte sie aufgefordert, auf dem nächsten Tee zu singen.

Wieder würde ihr Name genannt werden, wieder würde der Kreis ihrer Anhänger sich erweitern.

Sie brauchte Menschen, Publikum!

Wie ein Fieber war es über sie gekommen. Gesehen werden — von sich reden machen! Sie, die bisher eine kühle Reserviertheit allen fremden Menschen gegenüber gezeigt hatte, war jetzt von einer gewinnenden Liebenswürdigkeit. Hatte für jeden ein freundliches Lächeln und verbindliche Worte. Ihr Antlitz lächelte, aber ihr Inneres lachte. Lachte und höhnte. Ich brauche euch, daß ihr es nur wißt — Maske mein Lächeln, Lüge meine Worte — Mittel zum Zweck! Sprossen meiner Stufenleiter seid ihr mir, nichts weiter. Hinauf zum Ruhm und Glanz. Sie begann sich auffällig zu kleiden. War sie durch ihre Trauer auch an die schwarze Farbe gebunden, so verstand sie es doch, durch irgendeinen raffinierten Halsausschnitt, durch ein Arrangement ihres funkelnden Haares, die Aufmerksamkeit auf ihre Person zu lenken. Sie brachte sich zur Geltung, aber — sie wirkte stets vornehm. Sie besuchte mit Winkelmann zusammen die Konzerte. Ließ sich von ihm in Restaurants führen, wo sie gesehen wurden. Sie setzte sich dem Gerede aus, als Winkelmanns Geliebte zu gelten. Das war ihr gleichgültig. Sie lachte darüber. Sie brauchte einen Kavalier, und Winkelmann war ihr gerade recht dazu. Im übrigen war sie ihm auch zu Dank verpflichtet. Er ermöglichte es ihr, weiter zu studieren, er machte sie bekannt, mit Menschen, die ihr nutzen konnten — genug, sie brauchte ihn. Und er war glücklich, vor der Welt als ihr Geliebter gelten zu dürfen; daß er es in Wirklichkeit werden würde, davon war er überzeugt.

Auch heute wollten sie zusammen in die Oper gehen. Gerda erwartete ihn. Sie hatte versprochen, vorher mit ihm zusammen eine Tasse Tee zu trinken. Sie saß an dem nett arrangierten Teetisch, rauchte und lächelte. Der arme Reitzenstein! Er war tief unglücklich. Er hatte ihr Vorwürfe gemacht, daß sie sich öffentlich mit Winkelmann zeigte. ›Wenn er schon Ihr‹ — er begann zu stottern — ›wenn er schon — Ihr — Ihr Geliebter ist — so brauchen Sie das nicht allen Menschen ins Gesicht zu schreien.‹

›Ich habe keine Ursache, mich oder mein Tun und Treiben zu verbergen, Herr von Reitzenstein.‹

›Aber warum mußte gerade er es sein?‹

Gerda lachte: ›Warum nicht Sie?‹

›Ja, warum nicht ich?‹

›Nun, ich will Ihnen etwas sagen, Herr von Reitzenstein, weil Sie gar so unglücklich aussehen, Herr Winkelmann ist nicht mein Geliebter.‹

›Nicht??‹ hatte er ungläubig gefragt. Dann hatte er ihr stürmisch die Hände geküßt und war davongestürzt. — — —

»Ach, die wundervollen Rosen, ich danke Ihnen, Herr Winkelmann.«

Winkelmann hielt ihr einen herrlichen, dunkelroten Strauß Rosen entgegen.

»Ein wundervoller Duft! Ich liebe die tiefdunklen Rosen. So — und nun ist Ihr Wunsch erfüllt, Sie befinden sich in meinem ureigenen Reich. Ein etwas wirres Durcheinander, wie Sie sehen. Eben ein Pensionszimmer, mit Möbeln, die nicht mir gehören, zwischen denen die paar Stücke, die mein Eigentum, sich als fremde Gesellen ausnehmen.«

Sie legte den Rosenstrauß in ihren Schoß, zog eine Rose heraus und begann sie zu zerpflücken. Einzeln löste sie Blatt um Blatt und zerstreute die Blätter über den Tisch.

»So, und nun schenken Sie uns den Tee ein. Sie sehen, es steht alles bereit.«

Winkelmann goß den Tee in die japanischen Schalen, legte ihr kleine Kuchen auf und bestrich die gerösteten Brotscheiben mit Marmelade. Es war das erste Mal, daß er dem schönen Mädchen in ihrem eigenen Wohnraum gegenübersaß. Hatte das Zimmer auch nichts Persönliches, so war es doch der Raum, in dem sie lebte, die Möbel, die sie täglich benutzte, all die Gegenstände, die sie umgaben. Das Zimmer war erfüllt von ihrem Duft. Dort, hinter dem Schirm, stand ihr Bett. Er war in dem Zimmer einer jungen Dame, in welchem sie schlief, studierte, und ihre guten Bekannten empfing.

Eine Beklemmung überkam ihn. Wie lange sollte dieses Spiel noch dauern? War er toll, sich so am Gängelband führen zu lassen? Warum nahm er sie nicht einfach in seine Arme und zwang sie zu sich? Warum nicht heut? — jetzt gleich? Sie mußte doch wissen, daß sie ihm verfallen war!

Er sah zu ihr hinüber.

Sie trug ein schwarzes, tiefausgeschnittenes Kreppkleid. Ihre Schultern glänzten im matten Weiß, und das blasse, von einer zarten Röte gefärbte Gesicht atmete das volle Bewußtsein seiner Schönheit. Eine geheime, fast spöttische Freude blitzte aus ihren halbgeschlossenen Augen, zitterte um ihre Nasenflügel.

Sie ahnte seine Gedanken, und sie war voll fiebernder Neugierde.

»Gerda!« — Und er lag vor ihr und wühlte seinen Kopf in ihren Schoß.

»Oh — meine armen Rosen —« Und sie legte den Rosenstrauß auf den Tisch, legte ihre kühle, weiße Hand auf sein Haupt, und sprach: »Stehen Sie auf, und seien Sie vernünftig.«

»Du bringst mich um den Verstand mit deiner Kälte,« stöhnte er. »Gerda — was hast du aus mir gemacht!« Er umschlang sie leidenschaftlich und bedeckte ihren Hals mit glühenden Küssen.

Sie wehrte ihm nicht. Aber als seine Lippen die ihren suchten, stieß sie ihn zurück und sagte mit eisiger Ruhe: »Hören Sie auf, und nehmen Sie endlich Vernunft an, oder ich verbiete Ihnen, mich wiederzusehen.«

Da ließ er ab von ihr. Seine Züge verzerrten sich, und mit heiserer Stimme flüsterte er: »Sie sind das kälteste und herzloseste Weib, dem ich jemals begegnet.«

»Wenn Sie das wissen, so suchen Sie sich zu beherrschen.«

»Ich kann dieser Leidenschaft nicht Herr werden — ich kann nicht!« — — —

Nein — er kann nicht mehr los von ihr. Über eine Woche hatte er sich ferngehalten, hatte sich nicht blicken lassen — dann hielt er es nicht mehr aus. —

»Warum sind Sie fortgeblieben?« sagte sie.

»Das wissen Sie,« erwiderte er finster.

Sie lachte ihn aus.

»Wer hat Sie begleitet, als ich nicht zur Stelle war?«

»Reitzenstein natürlich!«

»Sie sind ein Dämon,« zischte er.

»Der Dämon sitzt in Ihnen.« — — —

Gerda hatte bei Kommerzienrat Menders gesungen. Sie hatte viel neue Menschen kennengelernt, und man hatte ihr viel Schönes gesagt über ihren Gesang, ihre Art, sich zu kleiden — dennoch kam sie verstimmt heim.

Der Zufall wollte es, daß sie ein Gespräch über ihre eigene Person anhören mußte. ›Ganz leidliche Stimme, aber nichts für den Konzertsaal. Soubrettenstimme.‹ ›Dazu paßt ihr Äußeres doch nicht,‹ erwiderte die andere Stimme. ›Viel zu vornehm, reserviertes Auftreten! Überhaupt eine königliche Erscheinung.‹ ›Sollte zum Kabarett oder zum Varieté gehen. Aus diesem Munde, in lässiger Vornehmheit, pikantes Genre vorgetragen — Donnerwetter — das würde ziehen.‹ — — —

Sie wollte die sprechenden Personen sehen, wollte wissen, wer so über sie urteilte — aber es gelang ihr nicht. Das Gespräch fand hinter einer nur angelehnten Tür statt, vor der sie mit Bekannten plaudernd stand. Als sie sich frei machen konnte, die Tür öffnete, waren im anstoßenden Zimmer so viel plaudernde Gruppen, daß es unmöglich war, die Stimmen herauszufinden. Dicht an der Tür stand niemand mehr. Sicher aber war, daß es Männerstimmen gewesen waren.

Der Kommerzienrat trat auf sie zu und dankte für ihren Vortrag. Er war ein kleiner, dicker Herr mit kleinen, blinzelnden Augen. Er unterhielt sich lebhaft mit ihr über ihre Stimme und ihre Pläne. »Also, im Februar ist Ihr Konzert?«

Sie nickte.

»Hundert Billette kann ich unterbringen. Lassen Sie mir dieselben in mein Bureau senden, wenn es so weit ist. Ich sage Ihnen das schon heut, mein gnädiges Fräulein, denn Sie müssen wissen, ich bin von Geschäften stark in Anspruch genommen — könnte vergessen — und möchte Ihnen doch gern dienlich sein.«

Gerda war empört. Wie unzart. Konnte er die Billette nicht von den Verkaufsstellen beziehen? Sie sollte wissen, was er für sie tat. Er verlangte einen Dank.

Er nahm hundert Billette gegen Bezahlung, folglich half er die Kosten decken.

Sie neigte hochmütig das Haupt: »Ich bin Ihnen dankbar für Ihr liebenswürdiges Interesse.«

Er sah sie stechend an. »Sie sind sehr schön, Fräulein von Wangenheim!«

Sie wehrte ab. »Oh — bitte.« — — —

Sie war verstimmt, und mißlaunisch schritt sie mit Winkelmann durch den Tiergarten dem Steinplatz zu. Als sie an der Gedächtniskirche waren, sagte sie plötzlich: »Ich will noch nicht heim, lassen Sie uns zusammen speisen.« — —

Als er sie im Wagen nach Hause brachte, nahm er ihren Kopf fest zwischen seine Hände und preßte seinen dürstenden Mund auf den ihren. Er trank, trank, und konnte keine Linderung finden. Wehrlos ruhte ihr Haupt in seinen Händen, still duldeten die kühlen Lippen seine Küsse. Doch als die suchenden Lippen weiterwanderten, da kam Leben in den schlaffen Körper, sie wehrte sich.

»Wann wirst du mir endlich gehören?« Er hielt sie fest in seinen Armen.

»Mit meinem Willen niemals.«

Da hielt der Wagen mit einem Ruck, und er mußte sie freigeben. — — —

Das letzte Band zwischen Dir und Deiner Familie hast Du zerschnitten.

Hauptmann von Kosewitz hat mir erzählt, wie Du in Berlin lebst. Nicht genug, daß Du ein luxuriöses Leben führst, kostbare Toiletten trägst, von denen man nicht weiß, wer sie bezahlt, zeigst Du Dich öffentlich mit Deinem Geliebten, besuchst Theater und Restaurants, und das alles, während Du noch die Trauerkleider um deinen Vater trägst.

Du bist unwürdig des Namens, den Du trägst. Kein Mitglied unserer Familie wird Dich zu den Unsrigen zählen. Du trägst den Namen Deines Vaters auf die Gasse und besudelst sein Andenken.

Wenn Du noch einen Funken von Ehrgefühl in Dir hast, so wirst Du meinem Befehl gehorchen und unter einem anderen Namen leben.

Jeder Annäherungsversuch Deinerseits an mich oder an Deine Geschwister würde scheitern, gleichviel, ob jetzt oder später.Eleonore von Wangenheim.

Verdammt, ohne gehört zu werden!

Wenn sie gesprochen, die Gründe ihres Handelns klargelegt hätte — würde die Mutter sie verstehen?

Nimmermehr!

Nun waren die Brücken abgebrochen, es gab kein Zurück mehr. Sie mußte den eingeschlagenen Weg zu Ende gehen. Sie war sich voll bewußt, daß er an Abgründen und Wirrnissen vorüberführte, daß tausend Widerwärtigkeiten ihrer harrten — sie ließ sich nicht abschrecken — sie wollte siegen, herrschen!

Nun fiel jede Rücksichtnahme fort — sie hatte nach niemand mehr zu fragen — für sie maßgebend war nur ihr eigenes Ich.

* * *

»Lotte, wie wunderbar du aussiehst. Ordentlich verklärt.«

»Ich bin glücklich, Ebba.«

Ebba zog die Freundin neben sich auf das Sofa.

»So hast du doch das Glück zu dir gezwungen!«

Lotte nickte. »Es kommt zu mir. Winzig und klein wird es sein, und wird mich anlächeln, und, ›Mutter‹ werden die zarten Lippen stammeln.«

»Warum wollt ihr nicht zusammenbleiben? Liebst du ihn nicht?«

»Wir können nicht glücklich werden. Er ist von zügelloser Leidenschaft und wird beherrscht durch seine Sinne. Eheliche Treue kennt er nicht. Mit Gehring hätte ich wohl eine Ehe führen können, mit Arno Stürmer nicht.«

»Liebst du Gehring noch?«

»Ja — ich liebe ihn noch, denn er ist ein Mann, mit dem eine Frau glücklich werden muß. Ich empfinde für ihn keine aufbrausende Leidenschaft, ich könnte nie mit ihm in einem Rausch leben. In einem Rausch, in dem mich Stürmer an sich genommen, er liebt mich mit dem Herzen, jener mit den Sinnen.«

»Glaubst du nicht, daß Gehring wieder zu dir zurückgefunden hätte?«

»Ich habe darüber nachgedacht, Ebba. Nein, ich glaube es nicht. Für ihn liegt die erste Pflicht der Frau im Hause als Gattin und Mutter. Will sie diese Pflicht erfüllen, darf sie keinen Beruf haben.«

»Er wußte aber, daß du Künstlerin bist, und daß du deine Kunst liebst.«

»Man könnte ihm diesen Vorwurf wohl machen, ich kann es nicht. Die Liebe zwischen uns war plötzlich da, zog uns zu einander hin, daß wir keine Schranken sahen. Er trat in mein Leben, weil er eben mußte. Er war mein Schicksal.«

»Und Arno Stürmer weiß nicht, daß du —«

»Das Kind gehört zu mir, ist mein alleiniges Eigentum, er soll keinen Teil daran haben. Wozu auch? Es würde seinen Weg nur beschweren.«

Lotte war aufgesprungen und ging erregt hin und her. »Um Mutter zu werden, habe ich mich ihm hingegeben. Ich habe einen hohen Einsatz gewagt. Wäre mein Leib nicht gesegnet worden, dann wäre ich jetzt unrein. Das Kind hat mich gereinigt.

Später mag er dann davon wissen, aber, teilen die Liebe meines Kindes mit ihm — niemals!

In zwei Monaten gehe ich fort von hier. Ich kaufe mir ein kleines Haus im Gebirge, ich muß reine Luft um mich haben, wenn das Kind zur Welt kommt. Höhenluft!

Dort werde ich schaffen und werde Mutter sein. Mein Kind und meine Kunst — weiter nichts!«

»Wirst du so einsam leben können?«

»Einsam! Als ob man einsam ist, wenn man Pflichten hat! Menschen! Was sind Menschen! Ich bin oft einsamer unter vielen Menschen, als wenn ich allein bin. Und du auch, Ebba. Wieviel Menschen hast du denn unter den vielen, die du hier kennengelernt hast, gefunden, die dir etwas sein konnten?«

Ebba seufzte.

»Du wirst zu mir kommen, Ebba. Wirst mich besuchen, und wirst mir helfen, mein neues Werk schaffen — du weißt — ›Menschenliebe‹ — dazu brauche ich dich. Nur du kannst mich dazu inspirieren — nur du kannst mein Modell sein.«

»Bist du endlich auf dem Wege zum Glauben an die Menschheit?«

»Du hast mir diesen Weg gewiesen und mußt mich bis zu Ende führen.«

»Auch mir sind inzwischen Pflichten erwachsen, Lotte, ich ziehe in das Haus meines Bruders und werde dort Hausfrau sein.«

»Das ist vernünftig! Dann bist du nicht mehr einsam und hast Inge, dein Töchterchen. Die bringst du natürlich mit. Leid ist es mir nur um dein schönes Heim,« sie ließ die Blicke umherschweifen, »das du mit soviel Liebe und Kunstsinn wohnlich gemacht hast.«

»Das werde ich mir wieder schaffen.«

»Ja, Behaglichkeit um dich zu verbreiten, das verstehst du. Du bist die idealste Hausfrau, die ich mir denken kann, und Lukas Westphal und Inge werden es gut bei dir haben.«

* * *

In berückender Schönheit stand Gerda auf dem Podium. Die schwarze Chiffonrobe hob die Blässe ihrer Haut, machte das Rot ihrer Haare funkelnd aufleuchten. Ein prasselndes Händeklatschen empfing sie. Sie lächelte und ließ ihre Blicke über den Saal schweifen.

Nur halb gefüllt.

Ihre Mundwinkel zuckten verächtlich.

Sie sang, aber es wollte nicht glücken. Das Publikum blieb kühl. Wohl wurde eifrig geklatscht, als sie geendet, aber sie fühlte es wohl heraus, ein Teil des Publikums verhielt sich zurückhaltend.

Zum Schluß mußte sie dreimal hervorkommen, ihre Freunde ruhten nicht eher. Sie erhielt Blumenarrangements — aber — der Abend entsprach nicht ihren Erwartungen.

Winkelmann hatte im Esplanade-Hotel einen Tisch reservieren lassen, und sie saßen zusammen mit ein paar Freunden und Bekannten. Kommerzienrat Menders, der Gerda ein kostbares Blumengebinde hatte überreichen lassen, sagte ihr viel Schönes über ihren Vortrag und daß sie in Kurzem ein Stern erster Größe sein würde. Seine kleinen, blinzelnden Augen verschlangen ihren aus dem schwarzen Geriesel hervortretenden schlanken Hals und ihre Büste mit seinen Blicken. Seine feuchten Lippen ruhten in Gedanken auf jeder Stelle dieses Halses.

Gerda zwang sich, ihm liebenswürdig zu antworten, und duldete es, daß er an ihrer Seite Platz nahm.

Es war eine lustige Gesellschaft, die da beisammensaß, die dem Wein eifrig Zuspruch tat und sich nicht genug tun konnte, die junge Künstlerin zu feiern.

Gerdas Unmut und üble Laune waren bald verflogen. Sie ließ sich den Hof machen und kokettierte nach allen Seiten. Sie ließ sich den schäumenden Sekt in ihren Kelch füllen, trank den prickelnden Schaum und goß den Rest in den Kühler.

»Donnerwetter,« flüsterte der Kommerzienrat, »Sie lieben nur den Schaum?«

Sie sah ihn an.

»Beim Sekt, ja.«

»Sie lieben das Prickelnde?«

»Beim Sekt, ja.«

»Hm. Auf die Art, wie Sie es machen, kommen Sie aber nicht zum Genuß. Sie sollten nicht nur nippen — Sie sollten schlürfen — austrinken bis auf den Grund — dann erst haben Sie den vollen Genuß.« Er drängte sein Knie dicht an das ihre, legte seine Hand auf ihre Hüfte und sah sie durchdringend an.

Sie blieb ganz ruhig, zog ihren Körper nur leicht zurück und sagte mit liebenswürdigem Lächeln: »Den Becher bis auf den Grund zu leeren, ist stets vom Übel, Herr Kommerzienrat — ich liebe es nur, zu nippen — dies ist für mich der wahre Genuß.«

»Fräulein von Wangenheim, machen Sie meinen Mann nicht unglücklich, gönnen Sie ihm ein Plätzchen an Ihrem Triumphwagen,« rief Frau Kommerzienrat Gerda zu. »Wie traurig er aussieht, machen Sie ihm ein klein wenig Hoffnung, ich habe sonst zu sehr unter seiner Laune zu leiden.«

»Aber von Herzen gern, gnädige Frau, auf einen Ritter mehr kommt es mir gar nicht an. Ich wußte nur bis jetzt nichts von Ihrer Absicht, Herr Kommerzienrat —,« und sie sah ihn listig an.

Er legte die Hand aufs Herz. »Ihr Sklave.«

Winkelmann saß schweigsam neben Gerda. Seine Blicke spähten nach ihren Augen, und hingen an dem zarten, hochmütigen Gesicht. Plötzlich erbleichten seine Wangen, zuckten seine Lippen krampfhaft, wild und starr blieb sein Blick auf der Hand des Kommerzienrats haften, die sich auf Gerdas Knie verirrt hatte.

Daß er es wagen durfte!

Er sah, wie Gerda die Hand zurückstieß. Keine Miene ihres Gesichts verzog sich, kein Blick streifte den Kommerzienrat, ruhig plauderte sie mit dem gegenübersitzenden Reitzenstein weiter.

Sein Blut kochte. Er hob sein Glas und rief laut über den Tisch: »Auf das Recht zu genießen, wo wir lieben.«

»Bravo! Genießen, wo wir lieben!« — Der Kommerzienrat schloß die blinzelnden Augen — die Gläser klangen aneinander.

Winkelmann sah Gerda fest in die Augen, dann ließ er sein Glas an das ihre klingen — »Trinken Sie aus!« — raunte er mit heiserer Stimme.

Sie löste ihre Blicke nicht von den seinen, schlürfte den Schaum von dem Glase und vergoß den Rest.

Er sah sie finster an. Er fühlte sich beleidigt und verletzt, und ein Zorn gegen dieses Weib, das so kalt und hochmütig neben ihm saß und ihn stachelte und reizte, stieg in ihm auf. — — —

Als sie im Wagen saßen, sagte er mit beherrschter Stimme: »Wir fahren zu mir, ich habe dem Schofför Weisung gegeben.«

»Daß man mich für Ihre Geliebte hält, weiß ich — daß ich es nicht bin und auch nicht werden will — wissen Sie. Oder glauben Sie, mich umstimmen zu können?«

»Vielleicht!«

»Wollen Sie mich zwingen?«

»Nein.«

»Ehrenwort?«

Er zögerte — dann: »Ich werde Sie nicht zwingen, mein Ehrenwort.« — — —

Sie sitzen in seinem Zimmer vor dem Kamin in tiefe Sessel geschmiegt. Er hat die elektrische Stehlampe entzündet. Ihr roter Schein verbreitet ein rosiges Licht über den Tisch, vor dem sie sitzen, während der übrige Teil des Zimmers in Dunkel liegt. Das Wasser im Teekessel fängt an zu kochen. Er bereitet den türkischen Kaffee und gießt ihn in die Schalen.

»Wie heimisch es bei Ihnen ist! Und wie gut Sie den Kaffee bereiten,« sagt sie.

Er gießt sich einen Kognak ein, stürzt ihn hinunter und schweigt.

Die Uhr schlägt drei.

»Warum haben Sie mich eigentlich hierher gebracht?«

»Weil ich dich zwingen will, die Meinige zu werden, heut, in dieser Nacht! Als ich sah, daß er es wagte, dich zu berühren, dieses Vieh — da kam über mich die Wut — mir gehörst du — mir — ich lasse dich keinem andern.«

Er stößt diese Worte mit rückhaltloser Leidenschaft hervor. Er springt auf, reißt sie mit aller Kraft an sich und küßt sie mit rasender Wut. Sie schließt unwillkürlich die Augen und liegt wie betäubt und schwer in seinen Armen. Er küßt den Hals, die Schulter, das Achselband hat sich gelöst, die zarte, jungfräuliche Brust ist ihm preisgegeben. Da schlägt sie die Augen auf und sieht ihn an mit einem Blick so voller Verachtung, daß sein Blut erstarrt. Der Boden unter seinen Füßen scheint zu schwanken. Er läßt sie in den Sessel gleiten und fällt vor ihr nieder, umklammert ihre Knie und stammelt: »Ich gehe ja zugrunde bei diesem Leben! Sage, was soll aus mir werden? Du mußt doch wissen, daß ich das nicht aushalten kann. So hab doch Mitleid mit mir.«

»Sie überfallen mich, und ich soll Mitleid mit Ihnen haben? Sie geben mir Ihr Ehrenwort, mich nicht zwingen zu wollen, und machen dennoch den Versuch dazu?«

»Hast du denn kein Verständnis für die Sprache der Sinne und des Blutes?«

»Ich verlange, daß Sie sich beherrschen.«

»Das kann ich nicht mehr. Gerda — Gerda —,« stöhnte er auf, »so quäle mich nicht so — habe doch Erbarmen — ich habe ja ein Recht auf dich —«

»Ein Recht auf mich!« fährt sie auf — »meinen Sie wegen des Geldes?«

»Unsinn!« Auch er ist aufgesprungen und steht ihr jetzt in empörter Wut gegenüber — »Wer denkt an Geld! Du duldest meine Liebe seit Monaten — du ließest dich küssen — du ließest mich hoffen, daß du —«

»Das ist nicht wahr!« wirft sie ein.

»Ich habe ein Recht auf dich — ich breche mein Ehrenwort — ich nehme dich — hörst du — ich zwinge dich —« und er umschlingt sie in wildem Taumel und will sie auf das Ruhebett tragen.

Sie hat die rechte Hand frei, schlägt ihm ins Gesicht und zischt: »Sie Ehrloser!«

Da wird er kreidebleich. Seine Arme zittern, und er läßt seine Last zur Erde fallen.

Sie springt auf, hüllt sich in ihren Mantel, und herrscht ihn an: »Nach Haus! Sofort holen Sie mir einen Wagen — ich fahre allein!«

»Der Wagen wartet,« stammelte er und begleitet sie hinaus. — — —

Gerda sitzt am Schreibtisch und rechnet. Das Geld muß sie so schnell als möglich an Winkelmann zurückzahlen. Das gestrige Konzert hat kaum die Hälfte der Unkosten gedeckt — die teuren Stunden — ihr Lebensunterhalt — an dreitausend Mark würde sie schon verbraucht haben — womit diese Summe decken — und wovon weiterleben?

Sollte sie jetzt — nachdem sie schon soviel Opfer gebracht — ihr ganzes Leben schon auf die künstlerische Laufbahn eingerichtet — sollte sie jetzt noch umkehren müssen — wieder versinken in den Alltag?

Reumütig in den Schoß der Familie zurückkehren?

Sie preßt die Lippen aufeinander.

Niemals!

Sie muß Rat schaffen. Woher — woher? Sie muß Geld in den Händen haben, so schnell wie möglich. Sie grübelt und sinnt. Der Kommerzienrat! Er muß helfen. Aber — ein Schütteln überkommt sie — es muß sein.

Eilig kleidet sie sich an, fährt in sein Bureau und läßt sich melden.

In seinem Privatkontor, einem elegant und luxuriös eingerichteten Herrenzimmer, welches durchaus nicht den Eindruck eines Geschäftsraumes macht, empfängt er sie.

»Welch unerwarteter Besuch, mein gnädiges Fräulein!« Er geht mit ausgestreckten Händen auf sie zu, führt sie zum Sofa, rückt einen der schweren, tiefen Ledersessel davor und versinkt in dessen Polster.

»Ich komme in einer geschäftlichen Angelegenheit zu Ihnen, Herr Kommerzienrat!«

»Das freut mich! Freut mich sehr, daß Sie Vertrauen zu mir haben. Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Fräulein von Wangenheim.«

Wieder blinzeln ihr seine Augen lüstern entgegen. Er hat den Sessel so dicht vor sie geschoben, daß seine Knie fast die ihren berühren.

Gerda hätte aufspringen mögen und davonlaufen.

»Herr Kommerzienrat,« — ihre Lippen zittern — »ich brauche Geld!«

»Geld? So, so! — Natürlich können Sie auf mich rechnen. Wieviel brauchen Sie?«

»Zehntausend Mark.«

Er sieht sie an. »Haben Sie sich mit — haben Sie sich entzweit?«

Eine flammende Röte schießt in ihre Wangen. Hochmütig und verächtlich schürzen sich ihre Lippen. Sie hätte ihn würgen mögen. So also dachte man über sie. Daß man sie für Winkelmanns Geliebte hielt, wußte sie, und es war ihr im Grunde gleichgültig gewesen. Daß man aber glauben würde, sie nehme Geld von ihm — —

Die Röte wich aus ihren Wangen und machte einer tödlichen Blässe Platz. Und — war es denn nicht so? War es nicht sein Geld, von dem sie lebte, ihre Stunden bezahlte? Nein — nein, schrie die Stimme in ihr, so ist es nicht! Sie hatte es geliehen — wie ein Freund dem andern borgen würde!

Aber — sie waren nicht zwei Freunde — Mann gegen Mann — zwischen ihnen stand das Geschlecht — und er liebte sie!

Der Kommerzienrat hatte sich neben sie auf das Sofa gesetzt.

»Haben Sie sich entzweit?« flüstert er mit erregter Stimme. »Kind, so sprechen Sie doch!«

»Ich habe mir von Winkelmann zehntausend Mark geborgt, um mein Studium beenden zu können. Ich bin niemals seine Geliebte gewesen; weil er mich gestern dazu machen wollte, sind wir in Zorn auseinandergegangen — Sie verstehen, daß ich ihm das Geld zurückgeben muß.«

Der Kommerzienrat, dessen kleine Augen immer größer geworden, fragt erstaunt: »Nicht seine Geliebte, ist das wahr?«

Sie will auffahren, bezwingt sich aber. »Das ist die Wahrheit!«

»Armer Kerl! Und nun wollen Sie, daß ich an seine Stelle trete?«

»Ich will Sie bitten, mir das Geld zu leihen, um ihm das seinige zurückgeben zu können. Sie bekommen alles gegen Zinsen zurück, ich denke, wir behandeln die Angelegenheit ganz geschäftlich.«

»Hm, ganz geschäftlich. Also zehntausend Mark gegen Zinsen. Welche Sicherheit bieten Sie mir, und wann und wie wollen Sie zurückzahlen?«

Sie sieht ihn verständnislos an. »Das weiß ich nicht.«

»Ja, Sie müssen sich doch eine Vorstellung gemacht haben, wie Sie Ihren Verpflichtungen nachkommen können und wollen.«

»Ich hoffe, bald viel Geld zu verdienen, und dann will ich zurückzahlen.«

»Viel Geld verdienen, als Konzertsängerin, die im Anfang ihrer Laufbahn steht? Es mag ja so sein, und ich will es Ihnen wünschen! Sie wären dann eine einzige unter tausend! Aber — mein liebes Kind, auf dieser Basis läßt sich kein Geschäft machen. Das wollte ich Ihnen nur beweisen, und darum sprach ich geschäftlich mit Ihnen, nun lassen Sie uns freundschaftlich verhandeln.« Er legt seinen Arm um ihre Taille und fährt fort: »Also — ich, als Ihr Freund, gebe Ihnen die zehntausend Mark und frage weder nach Zinsen noch nach Rückgabe. Ich verlange nur, daß Sie ein bißchen nett zu mir sind, so wie es ein guter Freund verlangen kann.«

»Sie wollen sich also durch die Hergabe des Geldes meine Gunst erkaufen! In klaren Worten ausgedrückt: Sie kaufen mich!«

Sie ist aufgesprungen und steht zornsprühenden Antlitzes vor ihm. »Kann denn ein Mann nie einer Frau gegenüber rein und uneigennützig helfen, muß denn immer das sinnliche Verlangen ins Spiel kommen? Ich verkaufe mich nicht, hören Sie? Ich will Ihr Geld nicht!«

»So beruhigen Sie sich doch, Kind, so habe ich es doch nicht gemeint. Ich sprach doch nur von Freundschaft, nicht von Liebe. Nur daß ich des öfteren ein Stündchen mit Ihnen plaudern darf, Sie besuchen kann, um Ihnen die Hand zu küssen.«

»Nein, ich will auch das nicht!«

Er ist an den Schreibtisch getreten und schreibt. »So — hier haben Sie einen Scheck über zehntausend Mark.« Er steht auf, tritt dicht zu ihr und sieht ihr in die Augen. »Überlegen Sie, ob Sie mir die Rechte eines Freundes zubilligen wollen — ich komme in ein paar Tagen und hole mir die Antwort.«

Gerda hält den Scheck in der Hand. Wie betäubt sieht sie darauf nieder. Hier die Befreiung von Winkelmann, dort die neue Fessel. — Freundschaft! — Heuchler, Betrüger! —

Sie steckt das Papier in ihr Täschchen, neigt kühl und gemessen das Haupt und schreitet zur Tür hinaus. —

Den ganzen Tag geht sie in dumpfer Betäubung umher. Unmöglich beides! Einen Ausweg, wo gab es einen Ausweg?

Er hatte gesagt: ›Wovon und wann wollen Sie zurückzahlen?‹

Sie konnte ja nichts versprechen!

Sie konnte etwas erreichen, vielleicht in einem Jahr, vielleicht bedurfte es deren sechs, sieben! Sie konnte ihre Stimme verlieren! Es war doch ganz ungewiß, ob sie ihr Ziel erreichen würde. Die Angst kam über sie. Wenn nicht? Was dann — was dann?

Den Scheck hatte sie in den Schreibtisch geschlossen, sie würde ihn dem Kommerzienrat geben, wenn er käme. Dies würde ihre Antwort sein.

Zwei Tage waren bereits vergangen, und Gerda hatte das Geld noch nicht an Winkelmann zurückerstattet. Sie war wie im Fieber. Arbeiten konnte sie nicht. Die Stunden hatte sie abgesagt, sie hätte ja doch keinen Ton hervorgebracht.

Was tun? Es mußte etwas geschehen.

Sie öffnete den Schreibtisch und nahm den Scheck zur Hand. In einer Stunde konnte das Geld an Winkelmanns Konto überwiesen sein.

›Ihr Freund, der Kommerzienrat Menders!‹ hörte sie die Leute sagen.

Sie sah seine blinzelnden Augen lüstern auf sich gerichtet, sah seine feuchten Lippen sich ihr nähern, fühlte seine tastenden Hände. — — Voller Ekel warf sie den Scheck in den Kasten zurück und verschloß ihn. —

Sie nahm die Zeitung zur Hand, wie konnte sie daran vergessen, heute mußten die Konzertkritiken darin stehen.

Sie fand ihren Namen und las. Auch das noch. Sie sprang auf und preßte die Hand an die pochenden Schläfen. Runtergerissen! Welche Mühe, welche Arbeit hatte sie aufgewandt, und nun dies! Noch nichts hätte sie erreicht! Weiterlernen — studieren — noch Jahre konnten vergehen, ehe sie eine fertige Künstlerin sein würde.

Man hatte ihr zugejubelt, und sie gefeiert, und nun kam da so ein Zeitungsschreiber und nannte sie eine Anfängerin mit mittelmäßiger Stimme.

Lächerlich! Wenn dem so wäre, so hätte sie diesen Beifall nicht gehabt! Aber sie wollte doch bis zu Ende lesen, was hatte er denn noch auszusetzen? So — deswegen der Beifall — ihre wundervolle, vornehme und aparte Erscheinung siegte über ihr Talent! ›Es ist ein Verbrechen des Publikums und der guten Freunde, wenn sie, bezaubert durch die Erscheinung, der Vortragenden einen Beifall zollen, der nicht ihren Leistungen, sondern ihrer Persönlichkeit gilt.‹ — So schrieb der Kritiker.

Gerda legte das Zeitungsblatt auf den Tisch und fuhr mit der flachen Hand darüber hin, als ob sie es glätten wollte.

War es wirklich nur ihre Schönheit, die wirkte?

Nicht ihre Stimme, ihre Kunst?

Dann brauchte sie ja nicht zu studieren, hatte nur nötig, sich zur Schau zu stellen.

Sie lachte auf.

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