B e g i e r d e (continued 2)
Reading edition
»Ah, jetzt fange ich an zu verstehen, wie ihr denkt, und ich möchte dir einen Vorschlag machen. Ich will es versuchen, dich zur Stärke, zur Überwindung deiner Schwächen zu bringen, und du versuchst es, mich wankend zu machen und mich zu den Modernen hinüberzuziehen, wir wollen kämpfen, kämpfen mit offenem Visier, du siehst, ich bin ehrlich; nimmst du den Kampf an, Inge?«
»Ja, Tante Ebba, ich nehme an. Du bist doch ein famoser Mensch, und du gefällst mir, trotzdem du unmodern bist. Noch nie hat Mama oder eine von den andern Müttern so mit mir gesprochen, immer tun sie, als ob wir Kinder wären, und wissen ganz genau, daß wir es nicht sind, nicht sein können. Sie sind nicht ehrlich, nicht offen zu uns. Du kommst und nimmst mich so, wie du mich findest. Du siehst mich als Kind und schiltst mich aus, du siehst mich als denkenden Menschen und sprichst mit mir, wie du mit einem Erwachsenen sprichst, glaube mir, ich bin kein Kind mehr, und ich weiß genau, was ich will, du wirst sehen, ich bleibe fest und verteidige meine Ansichten. Ich freue mich jetzt ordentlich darauf, mit dir zu kämpfen. Eigentlich habe ich mich immer danach gesehnt, mich mit jemand aussprechen zu können. Ich habe wohl meine Freundin Blanka, aber die findet immer alles richtig, was ich sage, und das ist langweilig. Ich brauche sogar jemand, der mir widerspricht, das ist doch viel interessanter, Widerspruch reizt mich und bestärkt mich erst recht in meinem Willen.«
»Nun, habe ich es dir nicht gleich gesagt, daß wir uns schon zusammenfinden werden? Ich glaube, in deinem jungen Herzen ist doch ein Stückchen von der Liebe geborgen, die mein Bruder für mich hegte, und das will ich mir ausgraben, du böses ganz modernes Mädchen du.«
»Ach, Tante, sentimental ist nicht modern.«
»Ich bin ja auch noch nicht modern, ich will es ja erst werden.«
»Ich weiß eigentlich nicht — du — ich komme bald zu dir, kann ich auch mal Blanka mitbringen?«
»Gewiß kannst du das, aber nicht das erstemal, ein bißchen müssen wir uns noch allein aussprechen, und nun bestelle deiner Mutter viele Grüße und sage ihr, daß ich mich recht gut mit ihrer Tochter unterhalten habe.« — — —
Dieses also, dem Sumpf der Großstadt zuschwebende Geschöpf war ihre Nichte, die Tochter ihres Bruders! War es möglich, sie noch zurückzuhalten? Oder war es vielleicht schon zu spät?
Ebba schauderte.
Hatten der Vater, die Mutter jemals in die Seele ihres Kindes geschaut?
Die Mutter, welche ihr Leben genoß, die sich ledig wähnte ihrer Mutter- und Erzieherpflichten, weil ihr im Kultus ihrer Begehrlichkeiten keine Zeit für die eigene Familie übrigblieb? Oder der Vater, welcher im Herbeischaffen des harten, kalten Geldes vergaß, den Seinen Wärme und Liebe zu spenden? Der zu schwach war, die Zügel zu ergreifen, um ein strenges Regiment zu führen?
Du, Lukas, bist der Schuldige. An dir war es, deinem Weibe Einhalt zu gebieten auf dem Wege, den sie betreten. Du hast sie zur Mutter gemacht, du mußtest auch darauf achten, daß sie ihre Mutterpflichten ausübte.
Arme verwilderte Seele! Wo war die Hand, die dich geleiten sollte? Wo das Mutterherz, das dich liebevoll behütete vor Schlacken und Schmutz, die dein junges Gemüt vergiften mußten?
Unbehütet, ungeleitet griffen deine jungen Hände nach leuchtenden Blüten, nach schillerndem Kraut, welches dir entgegenwucherte. Wahllos fülltest du deine Hände, ohne zu wissen, daß Gift aus den Blüten drang, daß Unkraut deine Hände füllte. Denn dein Weg war voll davon, da der Gärtner, pflichtvergessen, nicht gejätet hatte.
* * *
»Weißt du, Tante Ebba, ich habe Papa einmal zu Weihnachten einen Spruch geschenkt: ›Mag draußen die Welt auch ihr Wesen treiben, mein Heim soll meine Ruhestatt bleiben.‹ — Den Spruch, auf schönem Holzbrett gezeichnet, habe ich gekauft und dann fein säuberlich die Buchstaben ausgepinselt. Ich hatte nicht über den Sinn der Worte nachgedacht. Ich fand nur das Brett sehr hübsch aussehend und war sehr ärgerlich, daß Papa, statt es aufzuhängen, es seufzend in seinen Schreibtisch schloß, ich habe nie mehr daran gedacht. Aber heut, hier bei dir kommt mir die Erinnerung an diesen Spruch, und ich verstehe, warum Papa ihn in seine Schublade getan. Tante Ebba, wir haben wohl ein Zuhause, aber wir haben kein Heim.«
»Wie meinst du das, Inge?«
»Daß es bei uns keine Ruhe, keine Gemütlichkeit gibt. Glaubst du denn, daß es möglich sei, mit den Eltern auch nur eine halbe Stunde allein zusammen zu sitzen und zu plaudern? Ausgeschlossen! Entweder es ist Besuch da, oder es klingelt das Telephon, oder Papa, der sich kaum gesetzt hat, springt auf: ›Kinder, ich hab’ ja keine Zeit, mein Gott, ich hätte ja beinah meine Konferenz vergessen.‹ Ich habe das ja alles gar nicht empfunden, aber jetzt, seit ich dich besuche — ach, Tante Ebba, ich wünschte, du wärest nicht zu uns gekommen!«
»Kommst du gern zu mir?«
»In acht Tagen ist es heute das dritte Mal, daß ich bei dir bin, da bedarf es wohl keiner Antwort. Aber ich komme jetzt nicht sobald wieder — nein, ich will nicht.«
»Und warum nicht?«
»Weil — nun ja — weil du etwas in mir erweckt hast — etwas, nach dem ich mich sehne und das ich doch nicht haben kann — und auch nicht haben will — nein, wir sind eben moderne Menschen und brauchen keine Liebe — Gefühlsduselei is Blech —«
Ärgerlich setzte sie ihre Kaffeetasse nieder, griff nach einem Stück Kirschkuchen und häufte sich einen Berg Schlagsahne auf ihren Teller. »Is auch so ’n Lockmittel von dir, Kirschtorte und Schlagsahne. Könnte ich mich tatsächlich totessen. Is schon das vierte Stück, wenn Mama übrigens wüßte, daß ich hier so oft herausflitze, die würde sich wundern.«
»So hast du nicht davon gesprochen, daß du bei mir gewesen bist?«
»Als ich das erstemal hier war, habe ich es erzählt und auch pflichtschuldigst deine Grüße bestellt. Aber sie hörte gar nicht hin. Sie hatte sich gerade in ihrem Klub geärgert, war wieder mal große Uneinigkeit zwischen den Vorstandsdamen, und das müssen wir dann ausbaden. Papa aber freute sich und sagte, ich solle recht oft zu dir gehen.«
»So kümmert sich deine Mutter gar nicht um deine Ausgänge?«
»I bewahre! Dazu hat sie gar keine Zeit. Ist auch sehr klug von ihr, denn ich ließe mich doch nicht kontrollieren. Du vergißt immer, Tante, daß die moderne Erziehung der Jugend die Freiheit nicht beschneidet. Wir sollen lernen, für uns selbst einzustehen.«
»Ich vergesse immer, daß Mutterliebe und Kinderliebe ein überwundener Standpunkt sind.«
»Vielleicht wäre es anders, Tante Ebba, wenn die Mütter so wären, wie du bist.«
»Ja, um des Himmels willen, glaubst du denn wirklich, daß alle Mütter so sind wie — —«
»Wie meine Mutter — sprich es ruhig aus. Ja, das glaube ich, denn ich kenne keine anderen.
Du mußt wissen, Tante, daß keine von all den Müttern als eine Mutter gelten will. Fange doch nur mal mit dem Äußeren an. Immer jung, immer schick, man darf ihnen nie die großen Kinder ansehen, sie machen es uns doch selbst unmöglich, Ehrfurcht vor ihnen zu haben. Ehrfurcht haben vor dem Alter ist eine Beleidigung, denn es gibt kein Alter. Alle sind sie und bleiben sie jung.
Weißt du, ich habe schon oft zu Blanka gesagt, ich verstehe gar nicht, warum die modernen Menschen eigentlich Kinder kriegen, wenn sie ihnen doch so lästig sind. Ich zum Beispiel möchte keine Kinder haben, und schon gar eine Tochter! Niemals!«
»Wenn nun alle so dächten wie du, dann würde ja die Welt entvölkert.«
»Das könnte mir gleich sein, wenn ich nur meine Bequemlichkeit hätte! Aber alle denken ja nicht so, das weiß ich wohl. Du, glaube ich, würdest gern eine Tochter haben.«
»Ich habe stets gewünscht, eine Tochter zu besitzen, aber jetzt —«
»Seit du mich kennst,« fiel Inge lachend ein, »fürchtest du dich. Tantchen mein, weißt du denn nicht, daß deine Tochter nie so sein könnte, wie ich bin, wie Blanka, wie all meine andern Freundinnen es sind? Du, du wärest eben eine wirkliche Mutter, mit Ehrfurcht und Respekt und wie die schönen Dinge alle heißen, ganz, ganz anders. Würdest du in Vereine rennen und zu Hause alles gehen lassen, wie es geht? Würdest du dir mit Herren Rendezvous geben? Würdest du alle vier Wochen zum Friseur laufen und dich auffärben lassen? Na, deine aufgerissenen Augen sprechen Bände. Siehste, wo bleibt da der Respekt, die Ehrfurcht?
Nee, Tante, überwundener Standpunkt. Schwächen haben wir ja alle, unsere Eltern eben auch, schadet nichts, wenn wir Kinder sie kennen, bringt uns ein bißchen in Vorteil. Ein Glück, daß du nicht meine Mutter bist, Tante Ebba.«
»So spricht dein Mund, dein Herz aber denkt anders, Inge.«
»Pah — Herz! Wenn man keins hat, legst du eins in einen hinein. Aber bei mir nich zu machen, ich lasse mich nicht rumkriegen.«
»Warum willst du nicht zugeben, daß du Gemüt hast?«
»Weil ich keins habe, keins haben will. Und nun will ich machen, daß ich davonkomme, sonst entdeckst du wirklich noch sogenannte gute Eigenschaften an mir.«
»Wirst du bald wiederkommen?«
»Nee, vorläufig nich, is mir zu gefährlich! Du entdeckst Herzen, das is nich mein Fall.«
»Du bist ein mit allerhand krausem Zeug angefüllter Kindskopf, Inge, es ist schade um dich. Aber möglich, daß du recht hast, mit Egoismus und Gefühllosigkeit kommt man vielleicht weiter, bleibe du nur vor allen Dingen modern.«
»Spottest du über mich?«
»Nicht im geringsten, ich versuche es, mich in deine Ideen hineinzufinden.
Daß du nicht sobald wiederkommen willst, tut mir übrigens leid, ich wollte dich gern mit Fräulein Wunsch bekanntmachen.«
»Lotte Wunsch, der Bildhauerin?«
»Eben der!«
»Die ist mir schrecklich interessant, Tante, natürlich komme ich. Klingle mich man an, is ja auch Blödsinn, du kannst in mir nich entdecken, was nich is, und bekehren lasse ich mich nich.«
* * *
In dichten weichen Flocken war der Schnee den ganzen Tag über zur Erde gefallen, Häuser, Bäume, Straßenlaternen mit seinem schneeigen Weiß bedeckend. Unaufhaltsam war das Geriesel heruntergestäubt, zum Jubel der Kinder, zur Freude der Erwachsenen, nun hatte man doch einen richtigen Weihnachtsabend.
Berlin im Schnee. Das war etwas Seltenes. Der Verkehr stockte. Die elektrischen Bahnen mußten den Betrieb teilweise einstellen. Die Wagen und Autodroschken wurden bestürmt und konnten sich nur mit Mühe den Weg bahnen durch die dichte weiße Masse.
Die hastigen Großstadtmenschen schimpften, daß sie nicht schnell genug vorwärtskämen, aber dem Schimpfen war ein Unterton beigelegt. Freude und Lust an dem Neuen, Ungewohnten hatten sie alle. Hastig stürmten sie vorwärts, die frische klare Winterluft in tiefen Zügen einatmend.
In der stillen Margaretenstraße stand eine Frau am Fenster und schaute auf die tanzenden und glitzernden Flocken. Unaufhörlich fiel der Schnee voll Gelassenheit und sehr dicht vom Himmel. Eine wunderbare Lautlosigkeit. Wenn ein Windhauch durch die Bäume ging, der die Zweige leicht anblies, rieselte weiße Streu herab. Die einsame Frau öffnete das Fenster, streckte die Hände hinaus, und leicht und locker fielen die glitzernden Sterne hinein. Mehr, immer mehr. Jetzt bildeten sie schon eine dichte Masse, und prickelnde Kühle durchdrang die Haut. Da kam ein Hauch und entführte die schimmernde Pracht. Mit leeren Händen stand sie da. Langsam rollten zwei Tränen über ihre Wangen. Mit ausgestreckten, leeren Händen und weiß nicht, ob das Schicksal gewillt ist, jemals wieder etwas hineinzulegen, was wert ist, festgehalten zu werden.
Von der nahen Matthäikirche läuteten soeben die Glocken den Heiligen Abend ein.
Man feierte das Andenken an die Geburt eines Menschensohnes, der durch seine Liebe zu den Menschen ein Gottessohn geworden.
Liebe! Ihr ganzes Herz war voll davon. Gern wollte sie schenken, in verschwenderischer Fülle ausschütten — aber wo — wohin damit? Wer wollte ihre Liebe? Wer fragte danach?
Es war ein Gefühl von Vereinsamung und grenzenloser Verlassenheit in ihr, wenn sie einen Menschen gewußt hätte, an den sie sich hätte anklammern können, der ihr half, ihrem Leben Inhalt zu geben. Niemand war da, den sie mit der Fülle ihrer Liebe überschütten dürfte, der nach ihr verlangte und dem sie etwas sein konnte, niemand.
»Tante Ebba!«
Sie fuhr herum.
»Inge, du?«
»Tante Ebba, ich wollte dir helfen, den Baum putzen, denn du — du hast doch heute abend Besuch, und weil du heute beim Baumschmücken so allein —« Hastig waren die Worte über ihre Lippen gekommen, jetzt stockte sie und sah unsicher zu Ebba empor.
»Und zu Haus? Wird man dich nicht zu Haus vermissen?«
Inge machte eine wegwerfende Handbewegung. »Merkt kein Mensch, daß ich nicht da bin. Um neun Uhr offizielle Bescherung — um zehn Uhr großes Weihnachtsessen — zwanzig Menschen. Baum habe ich schon am Vormittag geschmückt. Tante — bist du böse, daß ich gekommen bin? Habe ich dich gestört?«
»Böse? Du dummes, dummes Mädchen du, keine größere Freude hättest du mir antun können.« Fest zog sie das junge Mädchen in ihre Arme und drückte einen Kuß auf die frischen kalten Lippen.
»Puh, wie naß du bist! Mein Gott, du bist der reine Sturzbach. Bist wohl ohne Schirm gegangen?«
»Natürlich, was denkst du! Schnee, da geht man drunter weg, is doch fein. Hab’ mich draußen schon geschüttelt wie so’n nasser Köter, na, etwas bleibt schon hängen, macht nichts, alter Mantel, aber nun laß uns rasch den Baum schmücken, denn ein bißchen möchte ich gern still mit dir darunter sitzen. Ich möchte mal eine richtige stille und gemütliche Weihnachtsstunde haben.«
»Zum Baumschmücken kommst du zu spät, Inge. Auch mein Bäumchen steht schon schmuckbeladen und harrt nur noch, daß ich ihn im Kerzenschimmer erstrahlen lasse. Laß es dich nicht verdrießen, um so länger können wir bei seinem Schein zusammensitzen. Denn jetzt werden wir zwei zusammen das Weihnachtsfest feiern. Rasch, trage deine nassen Sachen hinaus, inzwischen werde ich für dich die Lichter entzünden, für dich ganz allein, Inge, du sollst deinen Weihnachtsabend haben hier bei mir.« — — —
Ebba und Inge standen sich unter dem im Silberschmuck und Kerzenschein schimmernden Baum gegenüber. Einen großen Strauß Christrosen hielt Inge der Tante entgegen. Strahlend schauten die jungen Augen zu ihr empor.
»Das ist alles, was ich dir geben kann, Tante Ebba. Diese schönen, ernsten und stillen Blüten sind meine Weihnachtsgabe für dich.«
»Viel, viel mehr gibst du mir mit diesen Blüten, Inge. Ich war allein, mutterseelenallein, ich fühlte mich so einsam und verlassen und sehnte mich nach ein bißchen Liebe. Ich sehnte mich nach einem warmen fühlenden Herzen, da tratest du in das Zimmer, — Inge, schenkst du mir mit diesen Blüten nicht auch ein wenig Liebe?«
Da umschlangen zwei weiche Arme ihren Hals, und eine zarte Wange schmiegte sich an die ihre, und zwei junge Lippen flüsterten:
»Ich wußte, daß du einsam sein würdest, und darum kam ich. Und es sieht doch beinahe so aus, als ob du mich erwartet hättest. All die schönen Bücher sind für mich? Der Kamm, du, der ist ja echt Schildpatt, soll ich den wirklich haben? Mama hat ja nicht mal nen echten! Nein, du bist zu lieb, Tante, mich so zu beschenken!«
»Kind, ich habe ja niemand sonst, den ich beschenken kann.«
»Aber Tante Ebba, da fällt mir ein, ich habe ja doch noch etwas für dich, das hätte ich beinahe vergessen! Steckt noch in meiner Manteltasche, warte einen Augenblick.«
Hastig lief sie aus dem Zimmer, um sogleich wieder mit einem in feuchtes Zeitungspapier eingewickelten Gegenstand zurückzukehren.
»Du schaust verwundert. Ja, vertrauenerweckend sieht das ja nun gerade nicht aus. Zum Unglück ist das Papier auch noch feucht geworden, und die ganze Chose wird wohl ziemlich feucht geworden sein.«
»Das tut nichts, Inge. Wenn nur der Inhalt nicht verdorben ist.«
Inge sah übermütig zur Tante empor. »Ich hab’ ein bißchen Angst, es fühlt sich ganz weich an und war doch ganz hart. Und weißt du, es war auch gar nicht meine Absicht, es dir zu schenken. Es kam ganz zufällig. An der Potsdamer Brücke brüllt mich so ’n kleiner Knirps an: ›Freileinchen, koofen Se mir mein letztes Herz ab, tun Se’s doch, denn kann ick bei Muttan jehn, sehn Se, so scheen rot, und een Herz kann doch jeder brauchen und bloß zehn Fennje.‹
»Na, du weißt ja, für Herzen habe ich nun gerade nichts übrig, aber der arme Bengel tat mir leid, und das Herz leuchtete mir so herrlich entgegen, und ich dachte, wenn ich auch keins gebrauche, so könnte ich es dir doch mitbringen. Ich zog also meine Börse und gab dem Jungen fünfzig Pfennig dafür. Der Mund blieb ihm vor Staunen offen stehen, seine Stupsnase ragte in die Luft, dann stieß er ein Indianergeheul aus, drückte mir das eingewickelte Herz in die Hand, schwenkte seinen Korb und lief wie besessen davon.«
Inge hatte das nasse Papier entfernt und hielt in ihren Händen ein mit rotem Zucker übergossenes Herz, auf dem die schönen Worte prangten: Ich liebe dich.
»Willst du es haben, Tante Ebba? Aber sieh, es ist wirklich ganz weich geworden, ich glaube, wir müssen es erst trocknen, damit es sich wieder verhärtet.«
Lächelnd nahm Ebba das Herz und legte es behutsam auf einen Bogen Seidenpapier. »Unter meinen Händen soll es sich wieder härten, bliebe es bei dir und hätte keine Pflege, würde es sich ganz verhärten, könnte Risse und scharfe Kanten bekommen, so daß es Gefahr liefe, in Stücke zu springen. Ich will es hüten und pflegen, wenn du es mir lassen willst.«
»Natürlich will ich es dir lassen, denn ich — ich weiß ja doch nichts damit anzufangen.« Und lachend wirbelte sie Ebba im Zimmer umher, dann plötzlich einhaltend: »Nun aber setzen wir uns ganz still unter den Baum und schauen in den Kerzenschimmer.«
Lange saßen sie schweigend Hand in Hand, dann flüsterten die jungen Lippen: »Wenn du meine Mutter wärest!«
»Ich will es sein, Inge.«
»Darf ich Mutter zu dir sagen?«
Schweigend nickte Ebba. Sprechen konnte sie nicht, denn ein Schluchzen saß ihr in der Kehle. Ihr wochenlanges Bemühen ward von Erfolg gekrönt. Es war ihr gelungen, diese junge Seele von Schmutz und Schlacken zu befreien, den Kern, der von Häßlichem überwuchert, an die Oberfläche zu bringen. Nun lag dieses junge Herz in ihren Händen, an ihr war es, es zu hüten und zu pflegen, es zu bewahren vor schlechten Einflüssen.
Eine junge Seele hatte sich ihr zu eigen gegeben, ein Mensch war da, der sie brauchte, dem sie etwas sein konnte.
Weihnachten, das Geburtsfest der Liebe, es spendete ihr der Gaben schönste, es gab und forderte Liebe. —
»Jeder Mensch trägt sein Schicksal in sich.«
»So glauben Sie an eine Vorbestimmung?«
»Nicht in dem Sinne des Sichbeugens. Unser Schicksal ist uns vorgezeichnet, es zu erfüllen — die Mittel und Wege dazu sind uns anheimgegeben. Wir lenken unser Schicksal auf Grund unserer Charakterbildung. Wir selbst sind verantwortlich für unser Leben.«
»Eine schwere Verantwortung wäre uns da aufgebürdet, Herr Gehring, und nicht viele würden bestehen.«
»Schwer wohl nur in dem Sinne, daß man sich seiner Verantwortung nicht bewußt wäre.«
»Ich empfinde umgekehrt! Das Bewußtsein meiner eigenen Verantwortlichkeit könnte mich zu Boden drücken.«
»Sie sagen wohlweislich: Könnte, Fräulein Wunsch, eine Natur wie die Ihrige kämpft mit dem Leben und zwingt das Schicksal.«
Lottes Augen flammten auf. »Sie haben recht, ich habe gekämpft, und ich werde weiter kämpfen. Ich werde das Schicksal zwingen nach meinem Willen, bin ich verantwortlich, so könnte man mich auch zur Verantwortung ziehen, etwas versäumt zu haben. Das darf nicht sein. Ich selbst bin mein Schicksal — Sie haben recht, Gehring.«
»Nein, nein, sagen Sie das nicht! Ich selbst sollte verantwortlich sein für mein verpfuschtes Leben? Das wäre eine Vorstellung, die mich zu Tode peinigen könnte.« Und Ebbas zarte weiße Hand strich nervös über die Stirn.
»Gnädige Frau, Sie sprechen von einem verpfuschten Leben und stehen erst im Anfang Ihres bewußten Lebensweges. Wie können Sie wissen, ob nicht gerade dies, das Sie verpfuscht nennen, für Ihr weiteres Leben notwendig war, ob nicht gerade dies Sie auf den Pfad gebracht hat, der zum Zweck und Ziel Ihres Lebens Ihnen bestimmt ist. Wenn man so jung ist wie Sie, darf man nicht von einem verfehlten oder verpfuschten Leben sprechen. Ihr Leben zu erfüllen steht Ihnen noch bevor. Warten Sie noch zwanzig Jahre, und dann überschauen Sie Ihren Lebensweg. Vielleicht empfinden Sie dann, daß Ihnen der Kampf mit Leid und Schmerzen zum Segen geworden und daß Sie keinen dieser Leidenstage aus Ihrem Leben streichen möchten, denn aus diesem Leid erwuchs Ihnen vielleicht, was Ihr Leben reich und glücklich machte. Hören Sie folgende Verse von Lulu von Strauß und Torney:
Sieh, auch der Schmerz ist unermeßlich reich! Und keinen möcht ich missen und vergessen Der Schmerzenstage, die mein Fuß durchmessen. Sie waren schwarzen Marmorstufen gleich. Stumm bin ich über sie hinweggeschritten, Hoch türmten sich die Stufen Stein auf Stein, Und meine Tränen, die mir niederglitten, Verlöschten immer vor den müden Schritten Des dunklen Marmors edlen Spiegelschein. Heut aber weiß ich, da ich rückwärts sehe: Der Zug der Stufen führte mich zur Höhe! Mir will das Herz in ernstem Dank sich weiten, Und auf der schwarzen Marmorstufen Glanz Leg ich als Opfer vor dem Weiterschreiten Noch einen vollen roten Rosenkranz.«
»Das ist schön gesagt, und ich danke Ihnen. Zweimal bin ich heute am Heiligen Abend wirklich beschenkt worden. Vor wenigen Stunden schenkte sich mir ein Kinderherz, um das ich ehrlich und eindringlich geworben, und jetzt zeigen Sie mir den Weg, mir meine Schmerzenstage nutzbar zu machen. Das allein schon braucht mich nicht gereuen zu lassen, daß ich mein Lebensschifflein nach hier, nach der großen kalten Weltstadt Berlin gelenkt habe.«
»Fingen Sie schon an zu bereuen, Ebba?«
»Ja, Lotte. Sie wissen, den Anschluß an meine Familie konnte ich nicht finden. Die Menschen sind gleichgültig und egoistisch, und alles um mich herum stößt mich ab. Ich werde nie recht heimisch werden können?«
»Und wir? Haben Sie nicht uns?«
»Daß ich Sie, Lotte, und auch Sie, Herr Gehring, gefunden habe und Sie zu meinen Freunden rechnen darf, das läßt mich an meinen glücklichen Stern glauben. Und nun lassen Sie mich danken, Ihnen beiden danken, daß Sie gekommen sind, mit mir den Weihnachtsabend zu verleben und mich mein Alleinsein vergessen zu machen.«
Sie hob das bis zum Rand mit dem perlenden Sekt gefüllte Glas und stieß an die ihr entgegengehaltenen Kelche. Schweigend tranken sie den edlen Saft.
»Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen mehr Dank schulde? Mich, den einsamen Junggesellen, dulden Sie hier in der Sphäre Ihres heimischen Herdes und schaffen mir einen rechten und wahren Weihnachtsabend.«
»Na, und ich erst! Glauben Sie, es wäre mir gemütlich gewesen, die offizielle Feier in der Pension mitzumachen oder allein in meinem Zimmer am Kamin zu hocken und meinen Punsch zu schlürfen? Oder in meinem Atelier den weißen Marmorstatuen zuzutrinken? Also, nach reiflicher Überlegung — nicht wahr, Gehring — nicht Sie — sondern wir haben zu danken.«
»Lotte, als ob Sie es nicht auch verständen, es gemütlich zu machen.«
»Das schon. Gewiß, wir haben oft nette und trauliche Stunden auch bei mir gehabt. Aber Weihnachten — Weihnachten sollte man immer im gemütlichen Heim, nicht im Pensionszimmer, nicht im Restaurant verbringen. Weihnachten ist ein Familienfest und sollte nur in der Familie oder in ganz intimem kleinem Kreis gefeiert werden.«
»So denke ich auch. Und doch, ist es nicht sonderbar, Familien, die still und glücklich dieses herrliche Fest in dem Kreise der Ihrigen verbringen können, laden sich fremde Menschen ein oder gehen gar zu einem üppigen Weihnachtsessen in ein feines Weinrestaurant. Wir, die wir keine Familie haben, tun uns zusammen und suchen uns gegenseitig das Familienglück zu ersetzen.«
»Ja, es geht wunderbar zu in der Welt. Das ist ja vielfach das Mißgeschick unseres Lebens, daß wir nie das, was wir besitzen, richtig einschätzen, nie das Glück mit Bewußtsein uns zur Seite sehen, es immer erst erkennen, wenn es uns verlassen will.«
Friedvoll und ruhig brannten die Kerzen. Der Geruch von Wachs und Tanne schwebte im Zimmer. Schweigend saßen die drei und schauten auf das durch die ausstrahlende Wärme leise zitternde silberne Engelshaar. Der Geruch und die flimmernden Flämmchen spannen sie ein. Sie waren entrückt und saßen in einer Sphäre vollkommener Weltabgeschiedenheit. Gehrings Blicke ruhten auf Lotte. Ihr klares offenes Gesicht, in welchem die großen forschenden Augen die herrschende Stellung einnahmen, hatte sie nachdenklich in die auf den Armstuhl gestützte Rechte gelegt. Ihre Augen waren sehr ausdrucksvoll. Zuweilen blitzte ein gütiger, oft ein zorniger Strahl darin auf. Die Reife der Lebensanschauung gaben ihrem Gesicht etwas überaus Anziehendes.
Sie schien die Blicke Gehrings zu fühlen. Ruhig erhob sie den Blick, schaute und sah ihm geradeswegs in die Augen. Und ein Strom gewaltiger Freude durchzitterte ihr Herz und schwoll zum gewaltigen Meer. Ihr lange umkrampftes Herz konnte sich wieder dehnen, die Kette war ihr von den Gliedern gefallen, wie ein Feuer, wie eine Gewitterwolke erhob die Liebe sich.
Fest wurzelten die Blicke ineinander. Groß und dunkel glänzten ihm die Augen entgegen, und sie strahlten und flammten, als bräche ein sprühendes, geheimes Innenleben unaufhaltsam aus ihnen hervor. Und sein Blut kam in Wallung. Oft schon hatte er diese Frau getroffen, und noch nie war sie ihm begehrenswert erschienen. Ihre Klugheit und Lebenserfahrung hatte er geschätzt, stets war es ihm ein Vergnügen gewesen, mit ihr eine Unterhaltung zu pflegen, und oft waren sie sich im Meinungsaustausch begegnet. Aber nie, niemals war ein Funke aufgesprungen, aus dem hätte ein Feuer entstehen können. Und heut? Heut war er da, dieser Funke, es schien, als bedürfe es nur eines leisen Anhauches, und er wollte aufglimmen und anschwellen zu lodernder Flamme. Was war geschehen?
Und die Blicke wurzelten ineinander, und seine Lippen flüsterten in die Stille hinein: »Was haben Sie?«
»Den Willen zum Glück.«
Und die Augen ließen voneinander.
Ebba war zusammengezuckt und sprach: »Das sagen Sie so laut, Lotte? Ich denke, vom Glücklichsein träumt man nur!«
»Nein, ich will nicht nur träumen, ich will es erjagen und will es halten, fest, ganz fest, und wäre es auch nur ein ganz, ganz kleines Weilchen — das Glück.«
* * *
Lotte hatte angestrengt den ganzen Vormittag gearbeitet. Jetzt legte sie die Modellierstäbchen zur Seite, griff zu den nassen Tüchern und umhüllte ihr Werk. Ermüdet warf sie sich in einen tiefen Sessel und gab sich der Ruhe hin. Ach, es tat so wohl, den Nerven eine kurze Schonung zu gönnen.
Rasch war sie mit ihrem Werk vorangekommen. Damals, als der Gedanke in ihr aufsprang, hatte sie in kurzer Zeit die Skizzen entworfen, und jetzt war sie daran, ihr Werk auszuführen. Sie fühlte, wie mit jedem Tag die Arbeit sie mehr und mehr befriedigte, wie sie hineinwuchs in ihr Werk. Wie Gestalten und Gedanken sich ihr entgegendrängten, um festgehalten zu werden, und wie es wuchs, gigantisch, groß, weit über das, was sie gewollt, hinaus. Sie war sich ihres Talentes bewußt, die Anerkennung ihres Könnens berechtigte sie, daran zu glauben. Aber dies — dies konnte sie noch emporwachsen lassen, dies konnte etwas werden, was auf die Knie zwang.
Sie fröstelte. Das Feuer im Ofen war heruntergebrannt. Im Eifer der Arbeit hatte sie vergessen, Kohlen aufzuschütten. Oben auf den Dächern lag die klare, strahlende Wintersonne. Ihre tief unten gelegenen Fenster hatten keinen Anteil daran.
Sonne! Wer dich halten könnte und sich in deine Strahlen hüllen dürfte. War es ein unbilliges Verlangen, im Sommer des Lebens sich zu sehnen nach weichen, warmen Sonnenstrahlen?
Sie schloß die Augen. Und nun war sie eingehüllt in weiche, warme Strahlen, und aus den Strahlen leuchteten ihr liebeverlangend zwei Augen entgegen, zwei Arme umfingen sie zärtlich und nahmen sie sanft an ein liebeheischendes Herz.
Da sprang sie auf, reckte die Arme empor und jubelte: »Ach du, ach du, kommst du dennoch?«
Nicht dem Herbst entgegengehen müssen, ohne den Frühling und Sommer genossen zu haben!
Wird es kommen, das Glück? Ihr Weibesglück? — — Sie hatten sich nicht wiedergesehen seit dem Weihnachtsabend. Schweigend waren sie durch die stille, weiße Weihnachtsnacht gegangen. Einmal war er stehengeblieben und hatte gesagt: »Heut sehe ich Sie anders als sonst, Fräulein Wunsch.« »Ich weiß es.« Und er hatte ihr die Hand entgegengestreckt: »Geben Sie mir die Hand und lassen Sie uns wie Kinder nach Hause gehen.« — Nach Hause — und Hand in Hand, schweigend, waren sie durch die Nacht gegangen.
Und sie wußte nun, daß sie ihn liebte, liebte mit all der aufgespeicherten Zärtlichkeit, mit dem nach Liebe und Glück verlangenden Herzen.
»Ach du, ach du, liebst du mich?«
Wer die Spannkraft des Wünschens und festen Wollens hat, der hat die Erfüllung schon in sich. Es ist in dem Menschen oft eine Intensivität des Wollens und Wünschens, der das Schicksal meist nicht widerstehen kann.
Das Blut rauschte ihr in den Ohren, es war noch jung, dieses Blut, noch so unverbraucht! Und so voller Sehnsucht und Glückshunger! Schaffen ist Schöpferfreude. Zur Freude gehört die Liebe. Ein einziger Mensch muß das Echo der Welt sein. Ein einziger Mensch, der nur ihr gehörte!
* * *
»Bitte, meine gnädige Frau, wer ist diese vornehme, auffallend schöne Erscheinung dort am Kamin?«
Der junge Gardeleutnant stand, das Monokel im Auge, vor Thea Westphal.
»Das ist ein aufgehender Stern an unserm Konzerthimmel, mein lieber Herr von Zedlitz, eine angehende Konzertsängerin. Wird heut bei mir ihr erstes kleines Debüt haben. Ich bin überzeugt, sie wird Karriere machen.«
»Mit dieser Erscheinung ohne Zweifel.«
»Mit dieser Bemerkung dürften sie sich bei der Dame nicht gut einführen, Herr von Zedlitz. Sie scheinen nicht zu wissen, daß Künstler ihre Karriere nur ihrer Kunst zu verdanken wünschen — wenigstens offiziell.«
»Pardon, Gnädigste, ich bin zwar gänzlich unmusikalisch, nichtsdestoweniger zweifle ich keinen Augenblick, daß das Talent der Dame der äußeren Erscheinung entspricht. Einfach fabelhaft. Und der Name, wenn ich bitten darf?«
»Gerda von Wangenheim.«
»Wangenheim? Mein Vater kannte einen Oberstleutnant von Wangenheim in einem ostpreußischen Nest, dicht an der russischen Grenze. Könnte —«
»Kann wohl stimmen. Ihr Vater ist Oberstleutnant, und sie kommt aus Ostpreußen.«
Er pfiff leise durch die Zähne. »Feudale alte Familie. Und Sie sagten, sie geht zur Bühne?«
»Sie will Konzertsängerin werden.«
»Nun, jedenfalls Sängerin von Beruf. Darf ich Sie bitten, mich der Dame vorzustellen?«
Gerda, die, von einem Kreis von Herren umgeben, lässig am Kamin stand, neigte flüchtig das blonde Haupt, als Thea ihr den jungen Zedlitz zuführte.
Thea war stehengeblieben. Die Gegenüberstellung dieser beiden Frauengestalten wirkte als Folie und gegenseitige Unterstreichung. Die pikante, prickelnde und soubrettenhafte Schönheit Theas machte die kühle und vornehme Atmosphäre Gerdas noch wirkungsvoller. Winkelmann, der neben Gerda am Kamin lehnte, ließ seine Blicke zwischen den beiden Frauengestalten wandern. Er, der Frauenkenner, stellte sich vor eine Wahl. Bei dieser — Pikanterie, toller Leichtsinn, lockende Genußsucht. Bei jener — kühle Gelassenheit, Eiseskälte, die Feuerströme decken konnte. Ihn reizten Berge von Eis und Schnee, durch die er seinen Weg finden wollte, um Glut und Leidenschaft anzufachen zu siedender Flamme.
Thea sah prüfend auf Gerda. Wie modern war sie heute gekleidet. Ein mattblaues Chiffonkleid, auf veilchenfarbener Seide gearbeitet, umspannte eng den schlanken Körper. Die goldfarbenen Haare, welche kein Hut verdeckte, waren leicht gewellt und am Hinterkopf lose von einem Kamm gehalten. Kein Schmuck beeinträchtigte die zarte, opalfarbene Haut. Ihr Gesicht, welches für gewöhnlich blaß, war heute übergossen von einem zarten rosa Hauch, ein Zeichen der Erregung, hervorgerufen durch ihr erstes öffentliches Singen.
Winkelmann sah sie an und flüsterte: »Haben Sie Lampenfieber?«
»Bitte, sprechen Sie nicht davon.«
Lotte Wunsch näherte sich der Gruppe.
»Ah, da ist ja unsere große Bildhauerin! Gnädiges Fräulein, man erzählt sich Wunderdinge von einem furchtbaren Scheusal, welches Sie jetzt unter den Händen haben. Bitte, verraten Sie uns Ihr neuestes Werk.«
»Fällt mir gar nicht ein. Ich liebe es nicht, von meinen Arbeiten zu sprechen, ehe sie vollendet sind. Weiß ich doch nicht, ob ich sie vollenden werde. Ob nicht Umstände oder Geschehnisse oder auch Unvermögen mich hindern, mein Werk zu Ende zu führen.«
»Aber etwas ganz scheußlich Fratzenhaftes soll es doch sein,« beharrte ein schlanker, grünbleich aussehender Jüngling.
»Ich möchte nur wissen, wo in aller Welt Sie zu einem solchen Scheusal die Modelle hernehmen. Denn ein Modell kann wohl nicht alle Scheußlichkeiten in sich vereinen.«
»Da mögen Sie wohl recht haben! Und was das Hernehmen betrifft, so finden sich diese Modelle unter uns, ich brauche wirklich nicht viel zu suchen.«
Der grünbleiche Jüngling riß die müden, schwarz umrandeten Augen auf und stammelte erschreckt: »Scheusäler unter uns? Wie müssen Ihnen die Menschen erscheinen! Ich beneide Sie nicht um Ihr Sehen, gnädiges Fräulein.«
»Ich sehe eben durch die Maske hindurch. Doch lassen wir das!« und sich zu Gerda wendend: »Sie sind erregt, Fräulein von Wangenheim. Bedürfen Sie der Ruhe? Kommen Sie, ruhen Sie ein wenig, ehe Sie singen werden. Ich kenne den Zustand des ersten öffentlichen Auftretens, wenn auch auf andere Art.«
Dankbar sah Gerda auf sie, legte ihren Arm auf den ihren und ließ sich hinausbegleiten.
Lotte führte sie in das kleine Empfangszimmer der Hausfrau, das einsam und verlassen war, brachte ihr das Notenheft und sagte:
»So, nun schauen Sie in Ihre Noten und denken Sie an nichts anderes als an Ihre Musik. In einer halben Stunde komme ich und hole Sie.«
Als sie die Tür zum großen Empfangszimmer erreicht hatte, trat ihr Gehring und Ebba Holm entgegen.
»Endlich finden wir Sie, Lotte. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich schon zu Inge hinübergeflüchtet wäre, wenn Herr Gehring sich nicht meiner angenommen hätte. All die fremden Menschen um mich herum verursachen mir wahrhaftig Schrecken. Wie kann man nur an derartigen Veranstaltungen Vergnügen finden. Das ist mir ganz unbegreiflich.«
»Meine liebe Frau Ebba, Sie gehen von einem ganz falschen Gesichtspunkt aus, wenn Sie meinen, die Leutchen kommen nur zum Vergnügen zusammen. Diese Veranstaltungen sind Zweck-Vergnügungen, jeder dieser Gäste kommt mit einer bestimmten Absicht oder zu einem bestimmten Zweck hierher.«
»Erlauben Sie mal, Fräulein Wunsch, Sie sagten: Jeder!« unterbrach Gehring.
»Natürlich, ein paar Ausnahmen sind wohl darunter,« lachte sie ihm mit aufleuchtendem Blick entgegen. »Ich für mein Teil bin auch nicht ohne Absicht hier. Sie wissen, wir wollen Fräulein von Wangenheim einführen und für ihr Konzert vorarbeiten. Sie sehen, ein guter Zweck.«
»Das kann ich so unbedingt nicht glauben.«
»Ist es nicht immer gut, zu helfen?«
»Nein. Man kann einem Menschen oft mehr Gutes tun, wenn man ihm nicht hilft.«
Lotte sah nachdenklich vor sich hin. »Sie mögen recht haben, Gehring. Doch hier hoffe ich gut zu tun, wenn ich helfe die Wege ebnen.«
»Wer ist der Herr, den meine Schwägerin eben so liebenswürdig begrüßt, Lotte? Ein interessanter Kopf. Schauen Sie die grauen Haare und die lebhaft blitzenden jugendlichen Augen.«
»Da haben Sie gleich einen Magnet, der so manche Sterne, große und kleine, hierhergezogen hat. Ihr Zweck ist es, sich ihm in den Weg zu stellen, von ihm beachtet zu werden und, wenn irgend möglich, eine kleine Attacke auf sein noch immer jugendliches Herz zu vollführen. Es ist einer unserer ersten Theaterkritiker.«
»Und die Wirkung?«
Lotte lachte. »Je nachdem. Aber was die Kritiken anbelangt, so bleibt die beabsichtigte Wirkung allerdings aus. Er läßt sich in seinem Urteil nicht durch girrende Blicke beeinflussen. Und dort, jener schlanke Mann, mit den nervösen Gesichtszügen, den graumelierten Haaren, ist ein Musikkritiker. Es ist gut, daß er gekommen ist, vielleicht schneidet Fräulein von Wangenheim gut ab und er wird aufmerksam auf sie.«
»Und die Dame, die mit ihm gekommen ist? Sie scheint mir weniger schön als auffallend graziös in ihren Bewegungen.«
»Das ist eine unserer modernen Tänzerinnen. Ein wunderbar schmiegsamer Körper. Die müssen Sie einmal tanzen sehen, Frau Ebba.«
»Und nun schauen Sie dorthin, gnädige Frau,« wandte sich Gehring an Ebba, »so stempelt man sich zur Tragödin, wenn man noch keine ist. Wie gefällt Ihnen dieses Gesicht?«
»Widerlich! Mein Gott, wie kann man so aussehen. Verlebt, welk und müde! Und mir scheint, alles gekünstelt, maskenhaft.«
»Für wie alt halten Sie die Person?«
»Es will mir scheinen, als sei sie jung — sie sieht aber aus wie eine Frau von vierzig, fünfzig Jahren.«
»Sie ist achtzehn Jahre alt! Eine Theaterschülerin, die eben die Reinhardtschule durchgemacht hat und sich durch ihr Aussehen interessant machen will. Was ihr ja auch tatsächlich gelingt. Durch ihr bleich gepudertes Gesicht, durch ihr künstlich gemachtes, verlebtes Aussehen fällt sie überall auf. Wenn man sich auch voll Abscheu von ihr wendet, das ist ihr gleichgültig, sie wird bekannt dadurch, ihre Absicht ist erreicht. Sie sehen, auf welche Art man berühmt werden kann!«
»Und hat sie ein Engagement gefunden?«
»Nein, bisher nicht. Das ist ihr auch nicht die Hauptsache. Sie will nur als Schauspielerin gelten und will sich interessant machen.«
Ebba schüttelte den Kopf. »Wo hat meine Schwägerin nur all die Menschen her?«
»Wer hier in der Gesellschaft lebt, ein großes Haus macht, zu dem kommt alles ins Haus geflogen,« sagte Lotte.
»Ja, alles, gnädige Frau. Gesichtet wird nicht. Wenn nur die Außenseite gut gefirnißt und blank poliert ist, ins Innere hinein, da schaut man nicht. Was wollen Sie auch? Es ist doch nur die Interessensphäre, die diese Menschen zusammenbringt. Ganz unabhängig von Sympathie und Antipathie,« sagte Gehring.
Ebba seufzte. »Ich glaube, ich werde an dieser Art zu leben nie Gefallen finden.«
»Das sollen Sie auch nicht, Frau Ebba,« fuhr Lotte erregt auf. »Sie wurzeln so ganz in einem andern Erdreich, und ich meine, Sie haben so gut Wurzel gefaßt, daß es niemand, weder Menschen noch Schicksal, gelingen wird, Sie zu entwurzeln.«
»Begnügen Sie sich mit der Rolle des Zuschauers und bleiben Sie abseits, gnädige Frau.«
»Abseits von jenen, die, nur dem eigenen Ich huldigend, rücksichtslose Interessenmenschen werden, Ebba.«
»Aber Ebba, dazu bist du doch nicht hergekommen, um dich hier in eine Ecke zu verkriechen mit deinen getreuen Zwei, du sollst Menschen kennen lernen.« Und Thea Westphal trat zu den drei Plaudernden.
»Ich habe eine Scheu vor all den fremden Menschen, Thea.«
»Unsinn, das gibt sich, glaube mir, du kannst interessante Menschen kennen lernen, wichtige Beziehungen anknüpfen. Auf meinen Festen hat so manche Künstlerin ihren Direktor gefunden, hat so mancher Schriftsteller Interesse für seine Arbeiten erregt.«
»Haben sich so viele Fäden von Herz zu Herz gesponnen, Frau Westphal.«
»Auch dies ist der Fall, Fräulein Wunsch, ohne die Liebe kein Leben! Aber nun kommen Sie, meine Herrschaften, mischen Sie sich unter die Gesellschaft, dich, Ebba, muß ich mit unserer Präsidentin bekannt machen, ich habe ihr von dir und deinen Ansichten erzählt. Sie brennt darauf, dich kennen zu lernen. Sie wird natürlich versuchen, dich einzufangen. Du bist ja wie geschaffen, für das Familienleben Propaganda zu machen.«
Sie nahm Ebba unter den Arm und drängte mit ihr durch die Menge.
Lotte und Gehring waren stehengeblieben.
»Das wirbelt nun so durchs Leben.«
»Was wollen Sie, Gehring? Die Begierde nach Gold und Genuß, welche diese Menschen beherrscht, hat sie in einen Taumel versetzt, der Sitte, Moral und Pflichtgefühl untergräbt. Wer einmal in diesen Strudel geraten ist, dem wird es schwer, sich daraus zu befreien.«
»Und Sie, Fräulein Wunsch, Sie waren und sind zum Teil ja noch mitten drin in diesem Wirbeltanz. Ist es Ihnen schwer geworden, sich daraus zu befreien?«
»Ich bin abseits geblieben. Ich habe zu früh gelernt, durch die Menschen hindurchzuschauen. Und dann hatte ich auch meine Kunst. Wer es mit der Kunst ernst meint, der hat viel zu arbeiten.«
»Sie sind ein ernster Mensch.«
»Ich stecke nun mal in einer Haut, aus der ich nicht heraus kann und auch gar nicht heraus will. Mir graut, wenn ich daran denke, ich könnte so geworden sein wie Thea Westphal.«
»Und eine Frau wie Sie konnte das Glück nicht finden?«
Sie wurden während ihres Gesprächs durch neu hereintretende Gäste seitwärts gedrängt und standen jetzt in einer Fensternische sich gegenüber. Gehring sah fragend auf Lotte.
Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte nicht den Mut, daran zu glauben.«
»Haben Sie nie einen Mann geliebt, Lotte?«
»Nie.« Herb kam es von ihren Lippen. Dann kam ein sanftes Rot auf ihre Wangen. Mit aufleuchtendem Blick preßte sie die Hand aufs Herz und sagte leise und innig: »Jetzt habe ich den Mut gefunden.«
»Frauen wie Sie können beglücken und finden ihr Glück darin.«
Das Fünkchen war entfacht und leckte empor, züngelte und flammte, knisterte und glühte und wurde Flamme, rotglühende lodernde Flamme. Und wieder senkten sich die Augen ineinander und hielten sich fest und sprachen von Liebe und Glück.
Immer deutlicher sprachen die Augen.
»Wie jung du noch bist!« flüsterten die Lippen des Mannes.
Da lösten sich ihre Blicke von den seinen, und ein Zittern erfaßte den Körper des Weibes. Eine Scheu, eine grenzenlose Angst stieg in ihr auf. Nicht sehen jetzt, Herr Gott, gib eine Binde mir über die Augen! Nicht sehen bei diesem die weißglühende Flamme der Begierde. Und sie schloß die Augen. Da fühlte sie zwei Lippen auf ihrer Stirn, sanft wie ein Hauch. Scheu, fast ehrfurchtsvoll streifte sie sein Mund. Und sie wußte, diese Liebe war nicht von jener Art. Da öffnete sie die Augen, sah auf den Mann und umhüllte ihn mit grenzenloser, hingebender Liebe. — —
Die Klänge eines Chopinschen Walzers klangen zu ihnen hinüber. Lotte fuhr empor. Gerda von Wangenheim! Sie sollte nach dem Pianisten singen. Sie mußte sie holen.
»Ich hole Fräulein von Wangenheim,« flüsterte sie Gehring zu.
Er schaute ihr nach. War es möglich? Konnte die Liebe den Menschen so verwandeln, oder war er wirklich nur gedankenlos an Lotte Wunsch vorübergegangen? Sie, die Kluge, die Gedankenvolle hatte nie vermocht, ihm einen Anreiz zur Liebe zu geben. Und auch sie selbst. Nie hatte sie ihm etwas anderes als Freundschaft entgegengebracht. Am Weihnachtsabend hatte er entdeckt, daß sie ihn liebte. Sie, die Kühle, der nüchterne Verstandesmensch brachte ihm Liebe entgegen. Was hatte sie zusammengebracht und ihre Liebe auflodern lassen? Liebte er sie denn? Oder war nur ihr Altern, verbunden mit der jugendlichen Frische ihres Gemütes und der erwachenden Liebe, ein pikanter Anreiz für ihn? Er wehrte den Gedanken von sich. Nein, das war keine Frau, die man liebte und dann beiseite schob. Kein Spiel, keine Leidenschaft. Wenn man sie begehrte, so liebte man sie auch. Rein und wahrhaftig als liebenswertes Weib, als Gattin und Mutter. Ja, aus diesem Holz wurden die Mütter geschnitzt. Dies war keine Frau, die man mit den Sinnen begehrte, dieser Frau brachte man das Herz, brachte man Achtung entgegen. —
»Kommen Sie, sie wird jetzt singen. Ich möchte sie sehen und hören, was man über sie spricht.« Ein wenig blaß und erregt stand sie vor ihm. —
Das Lied war zu Ende. Rauschender Beifall erklang, umprasselte die sich dankend Verneigende.
»Herrliches Geschöpf!« »Ein entzückendes Weib.« »Donnerwetter, das ist eine Erscheinung!« »Wie fanden Sie den Gesang?« »Gesang? Weiß ich nicht, habe nur auf die Erscheinung gesehen.« »Still doch, sie singt noch einmal.«
Und Gerda sang, und wieder umfing sie begeistertes Händeklatschen. Die Herren umringten sie und überschütteten sie mit Schmeicheleien. Ruhig und kühl stand sie inmitten der Schar. Ruhig und kühl von außen, aber mit dem Rot der Erregung auf den Wangen und mit einer wallenden Glut im Herzen. Also doch. Sie war eine Gottbegnadete, sie war eine Künstlerin. Ihr Gesang hatte gewirkt. Mein Gott, war das ein Gefühl, umbrandet von Beifallsrauschen, Worte der Anerkennung und Blicke der Bewunderung zu hören und zu sehen.
Thea Westphal stürzte auf sie zu und drückte ihr die Hände. Sie war überglücklich, sie ›entdeckt‹ zu haben. »Ich bitte Sie, meine Herren, vergessen Sie nicht, in meinem Hause hat diese gottbegnadete Künstlerin das erstemal gesungen. Und nun kommen Sie, Fräulein von Wangenheim, ich werde Sie mit unserm gefürchteten Musikkritiker bekannt machen.«
Der Kritiker sah lächelnd auf Gerda. »Gnädiges Fräulein, Sie haben viel Beifall gehabt. Wenn ich Ihnen raten darf, so vergessen Sie aber über dem Beifall nicht, noch recht fleißig zu studieren.«
Ein kalter Strahl war auf sie herniedergefahren, sang sie für einen oder sang sie für die Menge? Die Menge hatte ihr zugejubelt. Einer hatte ihr gesagt: Du bist noch am Anfang deines Könnens. Einer gegen viele. Aber dieser eine wog die hundert auf, denn er war der Kenner, und was er sagte, galt. Er hatte es nur zu ihr gesagt. Sagte er es laut, so sagten die hundert wie er.
»Gnädiges Fräulein, einfach gottvoll haben Sie gesungen. Ich bin noch ganz hin. Mein Gott, diese Stimme! Sie werden bald zu den ganz Großen gezählt werden.« Und Herr von Reitzenstein legte die Hand aufs Herz und sah Gerda bewundernd an.
Sie seufzte. »Ach, das kann noch lange dauern.«
»Aber, gnädiges Fräulein, so mutlos nach diesem Erfolg? Was verlangen Sie denn noch mehr? Mehr als die Handschuhe zerklatschen und Ihnen sein Herz zu Füßen legen, mehr kann man doch nicht tun.« Und er zeigte ihr seine Hände mit den geplatzten Handschuhnähten.
Sie lächelte. »Nein, wahrhaftig, mehr verlange ich auch nicht. Ihnen habe ich ein gut Teil meines Erfolges zu verdanken, wie mir scheint.«
Er wehrte ab. »Wenn gnädiges Fräulein nicht so entzückend gesungen hätten und so blendend aussehen würden, hätte ich wohl schwerlich die andern mit fortgerissen.«
»Fräulein von Wangenheim, endlich kann ich mich zu Ihnen hindurchdrängen.« Und Lotte Wunsch streckte ihr die Hand entgegen. »Gut haben Sie Ihre Sache gemacht. Und tapfer haben Sie die erste Angst bekämpft. Ich wurde etwas ängstlich, als Sie anfingen und Ihre Stimme so stark vibrierte. Aber Sie haben sich durchgesungen.«
»Sie glauben also, daß ich zufrieden sein kann?«
»Na, erlauben Sie mal. Sie haben sich hier in diesem großen Kreis gut eingeführt, haben Beifall geerntet, und da fragen Sie noch, ob Sie zufrieden sein können? Man ist aufmerksam auf Sie geworden, man ist vorbereitet, Sie im Konzertsaal zu hören, man erwartet etwas von Ihnen; daß Sie nicht enttäuschen, das ist Ihre Sache, Kind.«
Kurt Winkelmann, der sich abseits der Gerda umgebenden Gruppe gehalten hatte, gesellte sich zu ihnen. Ohne Gerda von Wangenheim zu beachten, trat er zu Lotte Wunsch und unterhielt sich mit ihr. Gerda, aufgestachelt durch die sie umgebenden Huldigungen, wandte sich ihm zu und sprach hochmütigen Tones: »Sie, Herr Winkelmann, sind der einzige, welcher nichts über meinen Gesang zu sagen weiß.«
Ein kleines, mokantes Lächeln ging über seine Züge. »Ich liebe es nicht, mit der Masse zu gehen, gnädiges Fräulein. Ihr erstes Auftreten hat einen viel zu tiefen Eindruck auf mich gemacht, als daß ich imstande wäre, Ihnen mit ein paar banalen Redensarten aufzuwarten.«
Der Hochmut und die spöttische Überlegenheit wichen aus ihren Mienen. Welcher Ton! Hatte sie ihm dennoch Unrecht getan? War er wirklich tieferer Eindrücke fähig? Und ihr Gesang sollte das zu Wege gebracht haben? Da hätte sie ja die erwartete Wirkung. Sie sah ihm voll in die Augen. Dann hielt sie ihm die Rechte entgegen und erwiderte: »Diese Worte sagen mir mehr als all die Komplimente.«
Kühl und gelassen verbeugte er sich, berührte mit seinen Lippen die ihm entgegengestreckte Hand und fragte: »Ist es Ihnen unangenehm, wenn ich den heutigen Gesellschaftsabend in Ihrer Pension besuche?«
»Unangenehm, mir? Wie kommen Sie darauf?« Und wieder schlich sich der Hochmut auf ihre Züge.
»Ich glaube bemerkt zu haben, daß Sie, gnädiges Fräulein, mir eine gewisse Antipathie entgegenbringen.«
»Sie täuschen sich, Herr Winkelmann, dazu liegen doch wohl zu wenig Berührungspunkte zwischen uns.«
Er biß sich auf die Lippen. »Verzeihen gnädiges Fräulein meine Anmaßung.«
»Gnädiges Fräulein, Sie machen doch auch mit? Wir sind schon eine große Gesellschaft beisammen, Sie müssen auch dabei sein, unbedingt!«
Herr von Reitzenstein war zu Gerda getreten.
»Wobei denn, was soll ich mitmachen?«
»Das Kostümfest der Kunstschule. Ein herrliches, ungezwungenes Fest. Da kann man seiner Laune so ganz die Zügel schießen lassen.«
»Vorausgesetzt, daß man die passende Partnerin dazu findet, Herr von Reitzenstein,« wandte Lotte ein.
»Findet man immer, gnädiges Fräulein. Auswahl zur Genüge.«
»Wählerisch scheinen Sie gerade nicht zu sein.«
»Sie irren, meine Gnädige. Aber man hat eben die Wahl. Das sagt alles.«
»Sie mögen recht haben. Sagen Sie zu, Fräulein von Wangenheim, ich nehme Sie in meinen Schutz. Sie müssen so ein Künstlerfest einmal mitmachen. Allerdings ist in meinen Augen immerhin eine Gefahr damit verbunden. Diese Berliner Kostümfeste können zweierlei Wirkung haben. Entweder sie verwirren die Begriffe, oder aber, sie festigen den Charakter.«
»Na, erlauben Sie mal, verfehlter Zweck eines Kostümfestes. Amüsieren, amüsieren und noch einmal amüsieren — das allein soll die Wirkung sein und ist es auch, wenigstens für uns gewöhnliche Sterbliche. Solche Künstlernaturen, wie unsere große Bildhauerin, mögen ja wohl mit anderen Augen schauen. Schäumender Übermut, prickelnde Lebensfreude, so ist auf mich die Wirkung. Leben und genießen.«
»Mir scheint, Sie huldigen diesem Wahlspruch auch außerhalb der Kostümfeste, Herr von Reitzenstein.«
»Na ob, gnädiges Fräulein. Man ist doch nur einmal jung. Wenn ich erst ein oller Tapergreis bin, bleibt mir ja doch nichts weiter als die Erinnerung.«
»Wenn Ihnen Ihre Erinnerungen von nichts anderem zu erzählen wissen als von Genuß und schäumendem Übermut, so können Sie mir leid tun.«
»Das Schicksal meint es gut mit mir, Fräulein Wunsch. Bis jetzt bin ich immer auf der heiteren Seite des Lebens gewandelt, aber glauben Sie mir, wenn es mal anders kommen sollte, so werde ich schon fest stehen und werde beweisen, daß man trotz Liebe zum Genuß auch imstande ist, etwas zu leisten.«
»Wenn Sie bis dahin nicht schon zu verweichlicht sind.«
»Das bleibt erst abzuwarten.«
* * *
Um Lotte Wunsch glühten und knisterten Flammen. Eingehüllt in eine Feuerwolke ging sie umher. Er war gekommen und hatte sie in seine Arme genommen. Still, mit großen Augen, hatte sie zu ihm emporgeblickt. Da schlossen seine Lippen die forschenden Augen. Es kam wie eine leise, leise Wonne das Bewußtsein des Erwachens aus einem bösen Traum über sie. Sie war unterjocht, bedrückt gewesen von diesem Häßlichen und Starren. Es war in ihren Augen, in ihren Ohren gewesen und hatte ihre Gedanken vergiftet. Und das Häßliche sank ohnmächtig in stille Tiefen, und empor stieg die Flamme der reinen stillen Liebe. Er hielt sie fest in seinen Armen und küßte ihren Mund. Oh, diese glühende Gewalt. All ihr Denken und Fühlen verwehte in diesem Brande. Der Gedanke der Hingabe an diesen Mann, den sie liebte, dem sie sich zu eigen gab, machte sie glückselig. Das war die Erfüllung ihres Weibtums.
* * *
»Lotte, ist es möglich, kann mit dem Kleid auch der Mensch sich wandeln? Sie stellen eine Feuerwolke dar und scheinen es auch zu sein. Kostüm und Laune scheinen eins zu sein. Wählten Sie das Kleid zur Stimmung oder kam Ihnen die Stimmung im Kleide? Mir scheint, es brennt um Sie her.«
»Es brennt, es brennt, Frau Ebba, heiß und lichterloh.«
»Woher kam der Wind, das Feuer zu entfachen?«
Lachend fiel Lotte der Freundin um den Hals. »Aus den Falten des Kleides.«
»Das ist nicht wahr. Das Feuer ist in Ihnen und durchleuchtet Ihr Kleid. Doch nun stehen Sie einen Augenblick ganz still, damit ich mir das Kunstwerk genau betrachten kann.«
Und Lotte stand in der Mitte ihres Zimmers und ließ sich bewundern. Brandrote geschlitzte Seide fiel flatternd und spielend in der Bewegung wie eine Flamme über ein gleichfarbenes Unterkleid. Die dunklen Haare fielen leichtgelockt bis auf die Schultern. Über die Stirn hatte sie eine Korallenschnur gelegt, deren Ende am Hinterkopf zusammengeknotet über Nacken und Rücken liefen, um auf den Brüsten in zwei Rubinsteinen zu enden. Die Seide bauschte und wirbelte und brachte Unruhe.
»Nun?«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Lotte. Wenn Sie mir dies Kostüm vorher beschrieben hätten, würde ich Ihnen gesagt haben, Sie passen nicht hinein. Heut kann ich Ihnen nur sagen, Sie hätten nichts Passenderes und Kleidsameres wählen können.«
»Das finde auch ich,« sagte Fräulein von Wangenheim, die soeben eintrat.
Die beiden sahen ihr entgegen.
»Wie eine Königin sehen Sie aus, Fräulein von Wangenheim.«
»Für heut wollen Sie ja wohl auch eine vorstellen, wie mir scheint. Das Kleid der Königin der Nacht soll es doch sein?«
»An eine Königin habe ich weniger gedacht. Ich will nur einen Stern vorstellen.«
»Flimmernd und gleißend in unerreichbarer Höhe,« fiel ihr Lotte ins Wort. »Aber ein bißchen königlich sehen Sie doch aus, trotz des kurzen Rockes.«
Gerdas schlanke Figur war von einem schwarzen, mit silbernen Sternen bestickten Chiffonkleid umgeben, das ganz aus Volants bestand.
Aus der stark markierten Taille tauchten Schultern und Arme kühl und weiß aus diesem Chiffongewirr hervor. In den goldroten Haaren funkelte und zitterte ein einzelner Stern.
»So, meine Damen, nun muß ich Sie bitten, ehe wir gehen, mit mir dieser Flasche den Hals zu brechen. Sie müssen ein bißchen in Stimmung kommen und dazu ist ein Glas Wein das beste Mittel.«
Lotte hatte die bereitgestellte Flasche entkorkt und goß den Wein in die Kelche.
»Sie sind wirklich in Karnevalstimmung, Lotte.«
»Vergessen Sie nicht, daß ich Künstlerblut in den Adern habe, Ebba.
Trinken Sie, Fräulein von Wangenheim, Sie sehen wirklich nicht aus, als ob Sie zu einem Ball gehen wollten.«
»Ich muß Ihnen gestehen, daß mir etwas unbehaglich zumute ist. Wenn dies auch nicht das erste Maskenfest ist, welches ich besuche, so habe ich doch einen Schrecken vor all den fremden Menschen, die unter der Maske verborgen sind. Bei uns war man doch stets in seinem Kreise, fremde Elemente konnten nicht eindringen — aber hier — man kann nicht wissen, mit wem der Zufall einen zusammenführt.«
Lotte lachte. »Sie sind Künstlerin, Sie brauchen die Menschen und fürchten sich vor ihnen?«
»Ja, ich scheue mich, mit ihnen in Berührung zu kommen.«
»Ihnen steckt der Aristokrat im Blut. Sie werden in Ihrer Laufbahn harte Kämpfe bestehen müssen, oder aber — — — trinken Sie, Frau Ebba, auch Ihnen würde ein wenig Farbe kleidsam sein. Sie sehen beide noch viel zu blaß aus.«
Ebba, im Gewand einer Griechin, lehnte das Haupt zurück, trank und sagte: »Auch ich liebe solche Massenfeste nicht und trotzdem besuche ich sie ab und zu gern einmal, um mich an den gut gekleideten Menschen, an dem künstlerischen Rahmen, an dem ganzen Bild, das solche Feste bieten, zu erfreuen. Ich käme nicht auf den Gedanken mitzutollen, mitzumachen, nein, ich genieße als Zuschauerin.«
»Ich bin Zuschauerin, oft Durchschauerin, und mache auch mit, wenn es mir paßt und ich mir zusagende Menschen finde.« Und Lotte schenkte noch einmal die Gläser voll. »Doch nun ist es Zeit, nehmen Sie Ihre Masken zur Hand und schalten wir uns ein mit dem letzten Schluck zum fröhlichen Genießen.« — — —
Eine heiße schwere Luft schlägt ihnen entgegen, als sie den Saal betreten. Die Lampen sind mit orangefarbenen Schleiern verhängt und verbreiten ein mattopalisierendes Licht. Seide, Sammet und Spitzen rauschen und flattern in sinnverwirrenden Farben vorüber. Ketten und Spangen klirren. Perlengehänge und Steine funkeln und gleißen. Und aus all dem Gewirr tauchen Arme, weiß und kühl, locken blühende Schultern und feurig atmende Brüste. Eine Gruppe, sich an den Händen haltend, wirbelt durch den Saal, zerrt bald nach rechts, bald nach links. Sie eilen auf die drei Frauen zu und nehmen sie mit Hallo in ihre Mitte. Und nun geht der Spektakel los. Unter Johlen und Jauchzen vollführen sie einen Indianertanz um ihre Opfer. Gerda steht atemlos und klammert sich an Lotte. »Mein Gott, was sind das für Menschen!« Lotte lacht. »Junge, übermütige Künstler. Passen Sie auf, gleich werden wir aufgegriffen werden und auseinandergewirbelt.« Ein wilder Freudensprung, begleitet von ohrenzerreißendem Aufschrei, macht Gerda zusammenzucken. Dann fühlt sie sich um die Taille genommen und wie toll umhergewirbelt. Sie wehrt sich und versucht sich aus den sie haltenden Armen zu befreien. »Ich mag das nicht,« stößt sie hervor. Aus einem braungeschminkten bärtigen Männerantlitz funkeln ihr nachtschwarze, feurige Augen entgegen, und heiße Lippen lachen: »Mummenschanz, schlanke Maske!« Und fester umspannen sie die starken Arme, und sie muß tanzen, tanzen. »Laß mich in deinem kühlen Licht gesunden, holder Stern. Wisse, heiße Glut tobt mir in den Adern, ich brauche milde Strahlen, um diese Glut zu dämpfen. Sei du mein Stern in dieser Nacht.« Er hat aufgehört zu tanzen. Mit einem Ruck reißt sie sich los. Ihre Augen sprühen ihn an. »Ich liebe dergleichen Scherze nicht.« »Gnädigste sollten nur Hoffestlichkeiten besuchen.« Er verbeugt sich tief und geht von dannen. Zwei schlanke Rattenfänger umkreisen sie und suchen sie im Charakter ihrer Rollen zu locken. Sie achtet nicht darauf. Unruhig sucht sie das feuerfarbene Gewand zu erspähen oder der Griechin sich nähern zu können. Fortgewirbelt waren auch sie.
»So einsam, schöne Königin?«
»Ich bin keine Königin.«
»In meinen Augen bist du es. Gestattest du, daß ich dich führe?«
Und der zierliche Ritter verneigt sich und bietet ihr den Arm.
Gerda atmet auf. Wirklich ein Ritter! Sie neigt das Haupt und legt ihren Arm in den seinen. — —
»Ich weiß, wer du bist, du flackerndes Feuer du! Ich weiß, wer du bist.«
Junge starke Arme haben auch Lotte umschlungen und von ihren Gefährtinnen getrennt.
Sie lacht leise und schüttelt den Kopf.
»Gib deine Hand,« und er zeichnet ihren Namen in ihre Hand.
Wieder verneint sie.
»Und doch bist du es, scheinst du auch heut anders.« Sie versucht zu entschlüpfen, er hascht die rote Seide. »Du wirst dich verbrennen.«
»Tut nichts. Wunden, die man schlägt, muß man auch heilen.«
»Das kann man nicht immer.«
»Ha, jetzt hast du dich verraten! Lotte Wunsch, Lotte Wunsch!«
Sie hatte mit ihrer natürlichen Stimme gesprochen, hatte vergessen, ihre Stimme zu verstellen. Sie eilt davon. Er hinter ihr her. Sie rennt lachend im Übermut durch den Saal, drängt und stößt die Menschen auseinander, daß alles hinter ihr her schreit. Aufatmend bleibt sie endlich stehen. Da sieht sie an der Tür gegenüber eine dunkle schlanke Gestalt suchend in den Saal spähen. Sie eilt hinüber und fliegt dem schlanken Manne um den Hals.
»Da hast du mich, da bin ich.«
»Lotte, was bist du für ein tolles Kind. Und das nennst du Verstecken spielen? Du wolltest dich suchen lassen, und kaum, daß du mich siehst, fliegst du mir entgegen.«
»Ach du, wie kann ich denn!« Sie reißt sich die Maske vom Gesicht und sieht ihn mit ihren klaren, ernsten Augen an. »Als ich dich sah, da wollte ich eben bei dir sein, alles andere ist ja so gleichgültig.«
»Lotte, ich wußte nicht, daß du so ungestüm sein kannst.«
Er nimmt ihren Kopf zwischen seine Hände und sieht sie an. »Wie schön du heute aussiehst.«
Sie erglüht unter seinem Blick.
»Hast du mich gesucht?«
»Auf der Suche nach dir fand ich Frau Ebba. Wir haben uns schon mit Winkelmann und einigen Bekannten zusammengefunden.«
Sie hing sich in seinen Arm. »Du, Paul, wenn sie nun hellsichtig sind und merken, wie es zwischen uns steht?«
»Wäre das so schlimm?«
»Schlimm, nein. Aber du weißt, ehe ich nicht mein großes Werk vollendet, möchte ich unsere Verlobung nicht bekanntgeben. Es würden gesellschaftliche Verpflichtungen entstehen die mich von meiner Arbeit abhielten. Auch ist eine lange Verlobung nicht in deinem Sinne. Folglich müssen wir noch Masken tragen.«
»Das wird mir schwer fallen. Ich habe kein Talent zum Komödiespielen.«
»Nun, heute unter dem Schutz der Maskenfreiheit darfst du schon ein wenig aus der Rolle fallen.«
»Hallo, Gehring, Sie laufen ja an uns vorüber — hier, hier sitzen wir!«
Gehring und Lotte traten an den Tisch.
»Ah, Sie haben das Feuer eingefangen, hoffentlich haben Sie sich nicht die Finger daran verbrannt.«
»Die Finger nicht, wohl aber das Herz.«
»Kann also gefährlich werden?«
»Vielleicht.«
Winkelmann war aufgestanden und bot Lotte seinen Stuhl.
»Gnädiges Fräulein, so sollten Sie immer aussehen.«
»Ich kann doch nicht alle Tage brennen und als Flamme umherlaufen.«
»Ich meine nicht das Kleid, Fräulein Wunsch, Sie wissen es wohl.
Es ist etwas in Ihrem Gesicht, in Ihrem Wesen — was das ist und woher das kommt — das kann ich noch nicht feststellen — ich muß Sie erst daraufhin beobachten.«
»Das lassen Sie lieber bleiben,« lachte sie ihn an, »lohnt sich nicht der Mühe. Ich bin eben in Karnevalsstimmung, morgen ist alles wieder grau.«
»Das wäre schade. Wenn Sie wüßten, wie —«
»viel jünger Sie erscheinen,« vollendet sie.
»Das wollte ich nun nicht gerade sagen.«
»Sie dachten es aber und wollten es nur anders ausdrücken.«
»Man ist immer nur so alt, als man sich fühlt, das wissen Sie doch.«
»Dann scheine ich heute nicht nur jung, sondern bin es wirklich.«
Sie reckt sich in die Höhe und wirft einen liebkosenden Blick zu Gehring hinüber.
Winkelmann sah den Blick und lächelt. Er nimmt sein Glas in die Hand, beugt sich zu ihr und sagt: »Auf daß Ihre Jugend lange währe.«
»Nun, was sagen Sie zu dem Leben hier, gnädige Frau?« wandte sich Gehring zu Ebba.
Ebba saß neben dem braunen, bärtigen Antlitz, dem Manne, der Gerda in den Saal gewirbelt hatte, Arno Stürmer, einem der bekanntesten Maler. Er hatte sich angelegentlich mit Ebba unterhalten und ihr die Namen anwesender bekannter Persönlichkeiten genannt. Sie hatten einen Tisch gewählt, an dem alles, was in den großen Tanzsaal drängte, an ihnen vorüberfluten mußte. War der Türrahmen nicht von Herumstehenden gefüllt, so konnten sie auch einen großen Teil des Saales übersehen.
»Das Bild als solches finde ich berauschend schön. Der geschmackvoll dekorierte Saal, das gedämpfte Licht und die wogende buntfarbene Menge geben unbedingt Fest- und Freudestimmung. Bis jetzt habe ich das Bild als Ganzes auf mich wirken lassen, nun bin ich daran, es zu zergliedern. Ich habe noch nie so wundervolle Kostüme gesehen.«
»Ja, dafür sind Sie auch auf einem Künstlerfest,« versetzte der Maler. »Sehen Sie diese Inderin, gnädige Frau, das ganze Kostüm ist echt. Und wie wundervoll sie die Haut getönt hat. Es ist die Frau eines bekannten Bildhauers. Und dort den entzückend aussehenden italienischen Strauchdieb mit den melancholischen, bettelnden Augen. Ja, die Künstler verstehen es, sich in die Haut, die sie für den Abend gewählt haben, hineinzuschmiegen.«
»Das liegt wohl daran, weil sie wissen, was für ihre Eigenart passend ist.«
»Es ist eben der Künstlerblick,« warf Gehring dazwischen.
Die zwei Rattenfänger waren in die Tür getreten und näherten sich flötend dem Tisch.
»Macht, daß ihr fortkommt, ihr Verführer. Könnte euch passen, unsere Liebsten zu locken.« Der Maler wetterte ihnen entgegen.
Die beiden spielten, lockten und umkreisten den Tisch.
Es waren zwei schlanke jugendliche Gestalten, die eine blond, die andere schwarz. Die eine das Urbild der germanischen Rasse, die andere von pikantem Reiz erinnerte an Bilder altjüdischer Frauen. Der Maler war aufgesprungen und haschte nach ihnen. Er bekam die Blonde zu fassen und umschlang sie. »Loskaufen, du Lockvogel,« und er versuchte, sie zu küssen.
Sie zappelte und wehrte sich. Da eilte die Schwarze zur Hilfe und kitzelte ihn mit ihrer langen Hutfeder. Da war das Zappeln an ihm. Die Blonde entwischte seinen Armen, und beide hänselten ihn mit ihren Federn. Die ganze Tischgesellschaft lachte und hatte ihre Freude an seinen Krümmungen und Sprüngen.
Endlich rief Gehring ihnen zu: »Genug, Jungens, schließt Frieden und gibt ihn frei. Kommt an unsern Tisch und trinkt mit uns, aber laßt unsere Frauen in Ruh, das will ich euch geraten haben. Sonst bekommt ihr es auch mit mir zu tun.«
»Hu,« schrien die Rattenfänger, »was für Angst wir haben! Unsere Waffe wird ja auch bei dir ihre Dienste tun.« Und sie hielten ihm die Feder unter die Nase.
Ebba hob die Hand. »Laßt es gut sein, kommt und plaudert.« Und sie setzten sich zu ihnen.
»Das werdet ihr mir noch büßen müssen, ihr Racker,« grollte der Maler. Er stürzte ein Glas Wein hinunter. Seine Augen blieben auf Lotte haften. »Du großes Feuer, komm, tanz’ mit mir.« Er war aufgestanden und zu Lotte getreten. Sie zögerte. »Na, zum Stillsitzen sind wir doch nicht hergekommen. Hier tollt man sich aus. Wer genug getollt hat, mag sich setzen, ich fange erst an, komm.« Sie war aufgestanden, er umfaßte sie und tanzte mit ihr in den Saal hinein.
»Lottes durchgeistigte feine Züge neben diesem Urbild der Kraft zu sehen, ist reizvoll,« sagte Ebba. »Wenn die beiden einen Kampf miteinander zu bestehen hätten, wer würde siegen? Brutalität oder Geist?«
»Wie kommen Sie auf den Gedanken, Frau Ebba?«
»Ich muß bei Männern von ausgesprochenem Despotismus immer an Kampf und Auflehnung denken.«
»So lieben Sie den Mann als Herrn nicht?«
Sie sah ihn an. »Glaubten Sie das?«
»In Ihnen, Frau Ebba, steckt soviel echte Weiblichkeit, ein so großes Gefühl des Sichanschmiegenmüssens, daß man annehmen sollte, Sie würden so empfinden.«
»Es ist doch sonderbar, daß es so wenig Männer gibt, die Mann und Frau als nicht gleichberechtigt betrachten können. Die den Mann als Krone der Schöpfung immer über das Weib stellen, zu dem wir anbetend emporschauen sollen.«
»Sie irren, Frau Ebba. Wir Männer wissen, daß wir die Frau von heut mit anderen Augen betrachten müssen, als die Frau von vor dreißig Jahren. Die Frauen haben gezeigt, was sie zu leisten imstande sind, sie haben sich Berufe geschaffen und erobert. Sie haben gezeigt, daß sie imstande sind, auf eigenen Füßen im Leben zu stehen. Sie haben sich eine Bildung angeeignet, die vollwertig der des Mannes ist. Heut ist die Frau die Kameradin des Mannes geworden. Und doch — trotzalledem wird die Kameradschaft zwischen Mann und Frau in die Brüche gehen — allemal — wenn die Frau nicht zum Manne emporblicken kann. Ich glaube, auch Sie empfinden so, Frau Ebba. — Jede echte Frau muß meines Erachtens nach so empfinden — und in diesem Sinne bitte ich meine Worte von vorhin zu deuten.«
Ebba sagte nachdenklich: »In dem Sinne haben Sie allerdings recht. Ich würde es auch für beide Teile als ein großes Unglück betrachten, wenn die Frau in irgendeiner Weise sich höherstehend als den Mann betrachten müßte.«
»Ergo — holde Griechin — er soll dein Herr sein.«
Sie lachte. »Unsinn! Aber schauen Sie, da kommt Fräulein von Wangenheim. Wer mag der schlanke Ritter sein, mit dem sie wandelt?«
Gerda war mit ihrem Begleiter an den Tisch getreten.
»Die Sternenkönigin,« begrüßte sie Winkelmann.
»Und Sie ein Mönch?? Man muß gestehen, Sie haben wirklich eine Maske gewählt.«
»Keine Maske, meine Königin. Ein neuer Mensch steht vor dir. Einer, der in sich gegangen. Der den Versuchen dieser Welt entsagt hat.«
»Und wenn ich einen Versuch machen wollte?«
»Du wolltest?«
»Um dich Lügen zu strafen.«
»Bist du deiner Macht so sicher?«
Sie wurde einer Antwort enthoben, atemlos kam Lotte an den Tisch gestürzt, der Maler hinter ihr her.
»Er gibt mich nicht frei, rettet mich.« Sie sank auf Gehrings Stuhl, der aufgesprungen war.
Der Maler versuchte sie wieder emporzuziehen.
»Ich kann nicht mehr, du Ungeheuer. Willst du, daß ich mich zu Tode tanze?«
»In meinen Armen zu Tode getanzt — da hättest du einen schönen Tod gefunden.«
»Ich danke. Ich würde doch einen anderen Tod vorziehen.«
Des Malers Augen fielen auf Gerda. »Ah, da ist ja die Gnädige, und wie mir scheint, die passende Gesellschaft ist auch gefunden.«
Durch die Tür drängte sich jetzt eine Gruppe spielender Kinder. Frauen in Hängekleidchen, Wadenstrümpfen und Babyhauben. Ein paar junge Herren in Matrosenanzügen. Ein alter, dicker Herr als Kinderfrau jagte die Gesellschaft vor sich her, schlug und neckte die kleinen Mädchen. Eine ›Kleine‹ in weißen Spitzenröckchen mit hellblauen Wadenstrümpfen, einem Häubchen auf dem blonden Lockenkopf, hängte sich dem Alten um den Hals und bettelte: »Nicht böse sein, Tinnerfrau. Ich dans artig bin.« Und der Alte schmatzte einen Kuß auf die jugendlich rosenrot gemalte Wange.
»Ist das nicht der Gipfel der Geschmacklosigkeit?« höhnte der Maler. »Glauben die Damen wirklich dadurch jugendlich zu wirken? Ich taxiere keines dieser Kinder unter dreißig Jahre alt. Wie finden Sie die Maskerade, gnädige Frau,« wandte er sich an Ebba. Die hörte ihn nicht. Blaß, mit großen, entsetzten Augen saß sie da und starrte auf die Gruppe. Ihre Hand krampfte sich in die Schulter der neben ihr sitzenden Lotte Wunsch, und sie murmelte: »Thea — Lotte, es ist Thea — wie schrecklich.«
»Ob sie uns sehen wird?«
Nein, sie tollten vorüber, und Thea hatte sie nicht gesehen. Sie wurde von den Knaben umringt, die bettelten: »Komm, spiel mit uns,« und sie warf ihnen ihren Ball zu, um den sie sich balgten.
Ebba atmete befreit und schaute nach dem Maler. Der hatte ihre Verlegenheit bemerkt, ahnte den Zusammenhang, und hatte sich derweilen an eine neue Flasche Sekt gemacht.
»Wie wäre es, wenn Sie Ihre Studien ein wenig weiter betrieben? Ich stelle mich Ihnen gern zur Verfügung. Die Stimmung ist jetzt so recht auf der Höhe. Kommen Sie, lassen Sie uns ein wenig umherstreifen.« —
In dem großen Saale ist ein Gedränge, daß es schier unmöglich scheint, vorwärts zu kommen. Er nimmt sie fest unter den Arm, drängt und schiebt mit Scherz und Lachen die Umstehenden auseinander und dringt unaufhaltsam voran. Getanzt wird in Ecken und Winkeln, auf den Korridoren und Treppenabsätzen. Man tanzt fest aneinandergeschmiegt — voll Gier — im Taumel.
In einer Ecke steht ein Kreis von Menschen um ein Tango tanzendes Paar. Tanzen sie? Nein, sie führen eine Pantomime auf. Eine Pantomime des Blutes, der Wollust, der Sinnlichkeit. Die Umstehenden schauen atemlos, mit gierigen Augen, auf das Paar. Als sie geendet, klatschen sie Beifall. Ein bleicher Jüngling stürzt zitternd auf das Weib zu, umschlingt sie und flüstert heiß: »Komm«. Sie lacht. »Komm, tanzen,« drängt er. Er nimmt sie in seine Arme und flüstert heiße, bettelnde Worte in ihr Ohr.
Ebba ist blaß. Sie gehen weiter. Wieder eine Gruppe von Zuschauern um ein einzeln tanzendes Weib. Ein überschlanker, weißer Körper, über den ein Kleid von schwarzen Pailetten wie eine Haut gespannt. Nur der Leib ist von rosenfarbenem Trikot bekleidet. Oberkörper und Beine schimmern nackt durch das flimmernde Gewand. Eine der Achseln, die das Kleid halten, ist heruntergerutscht, so daß die eine Seite der Brust sichtbar wird. Sie tanzt. Ist ganz aufgelöst, wie in taumelnder Ekstase. Tanzt mit geschlossenen Augen und bebend geöffneten Lippen. Plötzlich bleibt sie stehen, stößt einen Schrei aus und taumelt einem der Umstehenden in die Arme. Der drückt seine Lippen auf die nackte Brust. Die Umstehenden lachen, und einer sagt: »Donnerwetter, das ist stark.« Ein anderer antwortet: »Was wollen Sie. Man lebt sich nur ein bißchen aus.« »Na, ich danke.«
»Bitte, lassen Sie uns zurückgehen,« bittet Ebba. Der Maler lacht. »Sie hörten ja, gnädige Frau: man tollt sich nur aus.«
Sie waren an die große Treppe gelangt, die zu den unten liegenden Garderoben führte. Die ganze Treppe ist malerisch belagert. In großen und kleinen Gruppen liegen sie umher, Männlein und Weiblein, in buntem Gemisch. Meist sind es Pärchen. Er und sie. Eng umschlungen. Küssend und kosend.
Karneval!
Eine glutäugige Zigeunerin kommt ihnen entgegen und hängt sich dem Maler an den Arm. »Komm, trink mit mir, du Wilder. Ich habe dich schon lange gesucht. Laß die Griechin, die hat Fischblut in den Adern. Komm, ich verschmachte.«
»Geh, und laß mich in Ruhe. Kühle dein Blut mit anderen!«
»Ich will, daß du kommst!« zischt sie.
»Geh,« und mit einem Ruck schüttelte er sie ab.
Sie sieht ihn böse an. »Du willst es — ich gehe.«
Sie gehen zurück. An der Tür, die zu dem Nebensaal führt, in welchem sie ihren Tisch haben, hat ein Leierkastenmann mit seinem Weibe Posten gefaßt. Unentwegt dreht er seine Orgel, während das junge Weib jedem Vorübergehenden einen Teller entgegenhält. Die großen braunen Sammetaugen schauen bittend und bettelnd auf Ebba. Der Maler hat die Börse gezogen und legt ein Geldstück auf den Teller. »Was du für schöne Auge hast.« Und er greift nach dem Kinn der Bettelfrau, um ihr das Antlitz zu heben. Einen Schritt nur, einen einzigen, weicht sie zurück, ernst und vorwurfsvoll treffen ihn ihre Augen — und seine ausgestreckte Hand sinkt zurück.
Ebbas Blicke leuchten auf. Mit einem warmen Blick umfängt sie das Weib, und zu dem Maler spricht sie: »Nicht alle tollen sich aus.« — —
Gerda hatte mit Winkelmann getanzt.
Er hält sie noch umschlungen und flüstert: »Führe mich in Versuchung.«
Sie lacht. »Mönchlein, Mönchlein, gelüstet es dich, deine Standhaftigkeit zu zeigen?«
»Ich will schon auf Erden im Fegefeuer schmachten.«
»Schwörst du mir, standhaft zu bleiben?«
»Ich schwöre. Wie du auch locken magst, ich widerstehe. Das heißt, der Packt gilt nur für heut.«
»Glaubst du, daß mir morgen noch die Laune danach steht? Also komm, tanzen wir noch einmal!«
Er schlingt seinen Arm um sie, und sie schmiegt sich fest, immer fester an ihn an. Er fühlt ihren Körper. Er spürt jeden Schlag ihres Herzens an seiner Haut. Das Blut rollt ihm wild durch die Adern. Dicht unter seinen Augen, an seiner Schulter, ruht der weiße Hals. Jetzt sieht sie verführerisch zu ihm auf. Die geöffneten Lippen fordern: küsse mich doch! Er lockert seinen Arm ein wenig und lächelt ruhig. »Tanz schneller,« flüstert sie. Nun drückt er sie fest an sich und tanzt im wilden Tempo mit ihr durch den Saal.
Fest — immer fester.
»Halt, halt, ich kann nicht mehr!« stöhnt sie.
Sofort hält er ein und gibt sie frei. Ganz atemlos legt sie ihre Hand auf seine Schulter, lehnt sich leicht an ihn und sagt: »Du tanzest gut.«
Er nickt nur. Wilder jagt ihm das Blut durch die Adern. Er hätte sie an sich reißen und sie mit seinen Küssen ersticken mögen. Wie sie ihn reizen, wie sie mit ihm spielen konnte! War es wirklich nur Spiel? Blieb sie innerlich kalt?
Quälen wollte sie ihn, und sie tat es mit Vergnügen. Ja, er fühlte, daß sie Freude daran hatte. Warte nur, das sollst du mir büßen. Mir bist du doch verfallen. Ich liege auf der Lauer und werde deine schwache Stunde erspähen.
»Wollen wir ein Glas Sekt trinken?« fragt sie ihn.
»Willst du an den Tisch zurück?«
»Nein, ich will mit dir allein sitzen.«
»Was so einem Mönch doch alles in den Schoß fällt. Also komm. Dort das Pärchen macht uns gerade Platz. Eine behagliche, dunkle Ecke, geschaffen zum Kosen.«
Sie schlürft langsam den Wein und sieht ihn an. Er hält seine Augen fest in die ihren gesenkt, als wollte er sie zwingen.
»Ich glaube, du kannst grausam sein.«
»Ich weiß das nicht.«
»Macht es dir Freude, mich zu quälen?«
»Ja,« lacht sie girrend.
»Du bist kokett.«
»Vielleicht.«
»Ich muß dir aber gestehen, daß es mir durchaus nicht schwerfällt, deiner Lockung zu widerstehen.«
Sie sieht ihn an. Spricht er die Wahrheit? Sie wußte, er war in ihrem Bann, sie wußte, daß er sie als seine Beute betrachtete. Oh, daß er es wagte! Es reizte sie, diesen Mann zu quälen, zu peinigen. Ja, es war wahr, eine grausame Freude fühlte sie. Am Narrenseile wollte sie ihn führen. Das sollte ihre Rache sein.
Sie lachte, ein leises, girrendes Lachen. Sie hatte schnell getrunken. Das Blut prickelte ihr in den Adern. Sie schloß für einen Moment die Augen. Herrschen und beherrschen. Eine Welt zu ihren Füßen. Das war lachendes, jauchzendes Leben.
»Oh — ein vom Himmel gefallener Stern.« Der schlanke Ritter stand vor den beiden und sah sie mit kläglicher Miene an.
»Sanft vom Himmel herniedergeglitten, um die Menschenkinder zu ergründen, mein Ritter,« spricht Gerda.
»Eine schwere Aufgabe hast du dir da gestellt, mein schimmernder Stern.«
»Ich wähnte sie schwer und fand sie spielend leicht.«
»So hast du deine Aufgabe schon gelöst?«
Sie nickt.
»Und darf man fragen, wie hast du die Menschen gefunden?«
»Bah —,« sie verzieht höhnisch den Mund. »In allen wohnt eine grenzenlose Gier, ein wütender Hunger nach Liebe. Sie sind toll nach Liebe, nach Zweisamkeit.«
Sie hat es verächtlich gesprochen, daß die beiden Männer sie überrascht ansahen.
»Und das gefällt dir nicht? Daraus machst du den Menschen einen Vorwurf?« Winkelmann hatte sie gefragt.
»Jawohl, das tue ich.«
»Sie, eine Frau, Sie wollen die Liebe verbannen?« sagt Reitzenstein.
»Das will ich nicht. Aber ich will nicht, daß die Menschen sich von ihr beherrschen lassen. Daß sie zügellos ohne Besinnen sich ihr hingeben. Und daß die Liebe schmutzig, häßlich und gemein wird.«
»Aber, mein gnädiges Fräulein,« Reitzenstein sagt es erregt, »wie können Sie so sprechen? So sprechen, als von allen Menschen. Diese Vorwürfe können Sie doch nur einer kleinen Minderheit machen!«
Gerda lächelt ironisch. »Sie glauben?« Sie macht eine kleine Handbewegung und deutet in die Runde. »Bitte, schauen Sie um sich, und sehen Sie den Menschen in die Augen.«
Und da waren Augen, hungrige, bettelnde Augen, die flehten um Liebe. Und andere, flackernd und heiß, die forderten Lust. Und gierige, die fraßen sich fest und wühlten und wühlten durch Mark und Bein und machten das Blut aufpeitschen, daß die Sinne schrien nach Befriedigung. Und noch andere, lüstern und scheu, die sprachen von heimlichen Sünden, von Tollheit und Rausch. Und Arme umschlangen sich. Lippenpaare lagen aufeinander und tauschten Kuß um Kuß.
Dann sahen die beiden Männer auf die Augen, die kühl und klar, herrisch sie anblickten.
»Sterne sind nicht von dieser Welt. Kehre an deinen Himmel zurück, Königin.«
»Oh, nein, ich werde bleiben. Bleiben in dieser Welt. Gehöre ich auch nicht zu ihr, so will ich doch leben in ihr. Doch nun an die Arbeit. Kommen Sie, Herr von Reitzenstein, jetzt tanzen wir. Und du, Mönch, geh’ und predige Entsagung!« — —
* * *
Es war zwei Tage nach dem Künstlerfest. Ebba saß in der Kaminecke und erwartete ihre Freunde. Ein wenig würden sie wohl noch auf sich warten lassen. Zeit für sie, ihren Gedanken nachzuhängen. Die Scheite im offenen Kaminfeuer knisterten und verbreiteten eine wohlige Wärme. Ebba dachte an Thea Westphal. Ob Inge ›das ballspielende Kind‹ gesehen hatte? Und Lukas! Wo war Lukas gewesen? Kümmerte er sich denn gar nicht um seine Frau? Hatte er sich auch mit seiner Frau auseinandergelebt, so war doch Inge da, ihr gegenüber hatte er Pflichten. Sie konnte ihm den Vorwurf der Schwäche und Charakterlosigkeit dieser Frau gegenüber nicht ersparen. Und doch hatte sie ein grenzenloses Mitleid für ihn.
Leise öffnete sich die Tür, und der, an den sie eben so lebhaft gedacht, stand vor ihr.
»Lukas, du?«
Er sah blaß und übernächtigt aus. In seinen Augen lag ein scheues, flackerndes Zucken. Schwer ließ er sich in den Sessel fallen. Er sah sich um. Hier war es still und milde. Ja, hier war seine Zuflucht.
Eine sanfte Helle lag über dem zierlich gedeckten Teetisch, während der andere Teil des Zimmers in Halbdämmer lag. Die Bilder, die ruhigen Möbel! Er dachte an grell bestrahlte Räume voll Prunk und an eine Frau, die nur von Vergnügungen und Eitelkeiten wußte.
Es schien, als fröre ihn.
»Lukas, was hast du! Du frierst?«
»Ich friere innerlich, Ebba.«
Sie schenkte ihm Tee ein und beobachtete ihn. Er schien verstört, sein Aussehen beunruhigte sie.
»Was ist geschehen?«
Er lächelte mühsam und wehrte ab.
»Mir ist nicht ganz wohl. Die Aufregungen — Geldsachen —«
»Lukas, du kannst so nicht weiterleben, du gehst ja zu Grunde.«
Da sank der Mann zusammen und stöhnte qualvoll: »Hilf mir, Ebba, ich bin am Ende!«
»Ich helfe dir, Lukas, aber sprich offen mit mir, was dich bedrückt.«
Er sprach stoßweise. »Meine aufreibendste Arbeit ist, in nächtlichen Stunden ausgleichende Rechnungen aufzustellen, Gelder aufzunehmen — Ordnung zu schaffen. — Thea — weißt du — jeder Begriff von Zahlen fehlt ihr — das Geld muß herbeigeschafft werden — es ist nicht immer leicht — weißt du — und das letzte Mal — ich konnte nicht aus eigenen Mitteln decken — war nach anderer Seite zu stark engagiert — glaube mir, ich habe entsetzlich gelitten — habe eine ganze Woche die Hand am Revolver gehabt — — —«
Ebba war, leichenblaß, aufgefahren.
»Bleib ruhig. Es ist noch mal vorübergegangen. Und nie wieder — das verspreche ich dir — sie muß vernünftig sein — wir müssen uns einschränken — es ist immer noch genug, um anständig zu leben — aber sie — Thea — sie kann das Leben nicht so genießen, wie sie es wünscht —«
»Wir sind nicht zum Genießen auf der Welt, das hättest du deiner Frau längst beibringen sollen. Daran geht ihr modernen Menschen ja zu Grunde. An der Gier nach Geld und Genuß. Du und Thea, ihr habt in dieser eurer Gier eure Pflichten versäumt. Zweck des Daseins ist: Pflichterfüllung. Meinst du nicht, du hättest mehr für deine Frau und dein Kind getan, wenn du ihre Seelen und ihren Charakter gebildet hättest, statt sie mit kaltem Gold zu versehen?«
Schuldbewußt senkte er das Haupt. »Ich bin schwach gewesen, ich weiß es. Meine Inge! Ja, sie wird nicht erzogen. Und ich — ich kann mich nicht um sie kümmern — ich habe keine Zeit — ja, wenn man Zeit hätte —«
»Du wirst jetzt Zeit haben, Lukas. Du wirst dich zurückziehen, und ihr werdet von den Zinsen deines Kapitals leben können.«
»Ebba, — nachdem ich den — den Fehlbetrag gedeckt — besitze ich kein Vermögen mehr.«
»Ist alles gedeckt, Lukas? Sprichst du auch offen zu mir? Du weißt, ich helfe dir.«
»Alles.«
»Dann mußt du natürlich bleiben, aber du mußt deine anderen Tätigkeiten einschränken. Du darfst deine Nerven nicht ruinieren, du mußt dich deiner Tochter erhalten.«
»Aber Thea?«
»Du mußt mit ihr sprechen. Sie muß vernünftig werden.«
Er seufzte. »Du weißt nicht, wie oft ich sie schon gebeten habe, weniger Geldausgaben zu machen, nur auf kurze Zeit. Hätte sie es getan, wir wären nicht so weit gekommen. Sie kann es nicht, Ebba, sie kann nicht.«
»Sie muß. Sprich offen mit ihr, beschönige nichts. Du wirst sie an deiner Seite finden, Lukas, vielleicht findet ihr euch dadurch wieder zusammen. Sie wird einsehen, daß ein großes Teil der Schuld auf ihrer Seite ruht. Und das wird sie vernünftig machen.«
»Du siehst sehr rosig, Ebba. Ich glaube nicht an Theas Einsicht.«
Lukas war gegangen. Lotte Wunsch und Gehring saßen jetzt Ebba gegenüber. Man sprach von dem Künstlerfest.
»Ja, meine Gnädige, da haben sie das Resultat. Der Kultus des lieben ›Ich‹, die Predigten vom Rechte der Sinnlichkeit, hat viel Lebensverwirrung gezeitigt.«
Ebbas feines Gesicht verzog sich schmerzlich. »Mir scheint, als tanze man hier auf einem Vulkan, als müsse der Krater sich öffnen und Verderben speien. Als müßten rotglühende Flammen hervorschießen und alles mit sich reißen in Nacht und Grauen.«
Gehring sah sinnend vor sich nieder und erwiderte: »Wir leben in einer Zeit verächtlicher Gleichgültigkeit der Menschen untereinander. Die Menschen müssen wieder lernen, einander entgegenkommen, müssen aus der Oberflächlichkeit unseres heutigen Gesellschaftslebens zurückkehren zu einfachen Sitten.«
»Mir scheint, das hieße neue Menschen schaffen.«
»Die Menschen müssen erwachen. Sie müssen den Abgrund sehen, dem sie entgegensteuern. Große Ereignisse müssen sie aufrütteln.«
»Ja, die Menschheit befindet sich auf einer schiefen Ebene, von der nur ein großes Naturereignis sie ablenken kann,« sagte Lotte.
»Ich denke nicht an ein Naturereignis. Nein, Schmerz und Leid, Elend und Grauen, kann nur der Mensch dem Menschen bereiten. Die Menschheit muß zur Tiefe des Gemüts gelangen, das kann sie nur durch Wunden, die der Mensch dem Menschen schlägt.«
Ebba schauerte zusammen. »Ein Wüten von Mensch zu Mensch? Auf eine so niedere Stufe wollen Sie die Menschheit stellen? Uns, die zivilisierte Welt?«
»Zivilisation ist etwas Anerzogenes. Sie kann hinweggespült werden. Ein Teil Bestie steckt in jedem Menschen.«
»Man könnte wirklich vor sich selbst schaudern, wenn man Sie beide hört.«
Lotte lachte. »Die Bestie wird nur gefährlich, wenn sie gereizt wird. Lassen wir sie in Frieden ruhen und sprechen wir von anderen Dingen. Wie geht es Inge, Ihrem Schützling?«
»Ich habe viel Freude an ihr. Das Mädel hat Herz und Gemüt, und ich hoffe, daß sie auf dem jetzigen Wege bleiben und vorwärtsschreiten wird.«
»Hüten Sie sie nur vor dem Einfluß der — — anderen jungen Mädchen, Ebba.«
»Ich glaube, jetzt ist nichts mehr zu fürchten.«
»Solange sie in Liebe und Verehrung an Ihnen hängt, sicher nicht. Ach, wenn die Mütter doch bedenken wollten, welche erzieherische Wirkung ein gutes Vorbild bei der jungen Generation hat.«
Gehring sah nachdenklich auf die beiden Frauen.
Mutter!
Lotte seine Frau und Mutter seiner Kinder! Sie, die Künstlerin — Mutter! Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, daß sie einen Beruf hatte, einen Beruf, den sie liebte, der sie ausfüllte. Wem würde sie gehören? Ihm oder ihrer Kunst. Ging nicht eines auf Kosten des anderen?
Er suchte ihre Augen. Und in den Augen lag ihre Seele. Eine Woge von Liebe und Verlangen schoß ihm entgegen, daß ihm war, als müsse er in dieser Flut sanft versinken. — —
Eine große Stille lag über dem Raum.
Sie saßen schweigend beisammen und hingen ihren Gedanken nach.
Und in diese Stille plötzlich ein lauter, scharfer Ton.
Thea Westphal stand in der Tür.
Ebba war aufgefahren. Hatte sie denn die Macht, Menschen, an die sie intensiv dachte, herbeizuziehen?
»Störe ich?«
»Nicht im mindesten, komm, nimm Platz.«
»Gott, wie gemütlich. Eigentlich möchte ich mich gar nicht setzen, denn es sieht aus, als bliebe man in dieser Gemütlichkeit hier kleben, und dazu habe ich ganz und gar keine Zeit.«
»Das kann ich mir denken, Thea. Aber soviel Zeit, eine Tasse Tee zu trinken, wirst du wohl haben.«
»Ach, Fräulein Wunsch, wie entzückend haben Sie neulich auf dem Künstlerfest ausgesehen, rot ist Ihre Farbe, Sie sollten sie mehr bevorzugen, habe ich nicht recht, Herr Gehring? Übrigens, Ebba, wie hast du dich amüsiert? War es nicht herrlich? Auf so einem Fest kann man sich doch richtig austoben. Ach, ich liebe diese Berliner Karnevalfeste.«
»Haben Sie, gnädige Frau, einmal in Süddeutschland einen Karneval mitgemacht?« fragte Gehring.
»Leider nein. Da soll es ja noch toller und ungezwungener hergehen.«
»Scheint Ihnen das so lockend?«
»Ich möchte mich amüsieren bis zur Bewußtlosigkeit.«
»Und wenn du dann erwachst, Thea?«
»Dann habe ich eben mein Leben genossen. Sieh mich nicht so strafend an, Ebba. Ein paar Jahre Rausch muß ich noch haben. Sagen Sie, Fräulein Wunsch, habe ich nicht recht? Wenn wir Frauen wissen, daß unsere Schönheit im Schwinden begriffen, greifen wir gierig nach der Schale des Lebens und schlürfen doppeltes Maß.«
»Ich kann da nicht mitsprechen, denn ich habe vergessen, auf meine Schönheit zu achten.«
»Da haben Sie sich selbst das größte Unrecht getan, Fräulein Wunsch. Und ich kann Ihnen nur dringend raten, machen Sie dieses Unrecht gut, und holen Sie nach, was Sie versäumt haben.«
Lotte lächelte. »Ich will es versuchen.«
»Gott, Ebba! Das hätte ich ja beinahe vergessen! Ich soll dich fragen, ob du unserem Verein beitreten willst, die Exzellenz ist natürlich, wie ich vorausgesagt, entzückt von dir.«
Ebba wehrte erschrocken ab. »Um Gottes willen, laß mich mit Vereinsgeschichten in Ruhe, dafür bin ich nicht zu haben.«
»Aber warum denn nicht? Du solltest das nicht von der Hand weisen. Bedenke, du kannst dich nützlich machen, kannst vielleicht auch eine Rolle spielen.«
»Wozu ich nicht die mindeste Lust und auch kein Talent habe, Thea.«
»Du bist mir unbegreiflich, Ebba. Nichts scheint dich aus deiner Gleichgültigkeit herausbringen zu können. Wenn ich du wäre! Jung und — frei —«
»Thea!«
»Ich weiß schon, ja, ich bin undankbar! Das alte Lied! Aber sagen Sie, Herr Gehring, jung, schön und begehrt und lustlos zum Lebensgenuß, begreifen Sie das?«
»Gnädige Frau, es kommt doch darauf an, wo man den Lebensgenuß sucht. Der eine sucht ihn in Vergnügen, der andere in der Arbeit und Pflichterfüllung.«
»Puh — Arbeit nennen Sie Genuß?«
»Sicherlich.«
»Das ist mir unverständlich.« Sie zuckte die Achseln und erhob sich. »Da habe ich mich ja richtig festgeschwatzt. Ich muß auch an die Arbeit, zur Anprobe einer großen Gesellschaftstoilette. Und da möchte ich Ihnen eigentlich beipflichten, diese Arbeit kann unter Umständen auch ein Genuß sein, wenn nämlich das Kleid schick wird, Aufsehen erregt und den Neid meiner lieben Mitschwestern hervorruft.« Und lachend verabschiedete sich Thea.
* * *
Gnädiges Fräulein!
Ihr hohes Kunstinteresse und der außergewöhnliche Genuß, der Ihnen durch Benutzung beigelegter Karte bereitet werden dürfte, läßt mich wagen, Ihnen dieses Billett zu übersenden.
Ich nehme an, daß Sie als Künstlerin groß genug denken, um sich über kleinliche Bedenken hinwegzusetzen. Mit den ergebensten Grüßen
zeichne als Ihr gehorsamster Sklave
Kurt Winkelmann.
Caruso sang und Gerda hielt ein Billett zur Don Juan Aufführung in Händen. Ein schier unerreichbarer Wunsch sollte in Erfüllung gehen! Aber — nein, es war unmöglich, wie konnte sie sich hinwegsetzen über Sitte und Erziehung. Sie, Gerda von Wangenheim, durfte das nicht. Auf welchen Weg war sie geraten?
Wie konnte er glauben — — —
Wie hatte er geschrieben? Er nähme an, daß sie sich über kleinliche Bedenken hinwegsetzen würde.
Nein, für kleinlich sollte man sie nicht halten, aber Töchter solcher Häuser, aus denen sie stammte, ließen sich nicht von Herren ins Theater führen.
Sie war aber nicht mehr die Tochter des Hauses, sie war Künstlerin, für sie gab es andere Grenzen als für jene. Ihr, der Künstlerin, war erlaubt, was jenen versagt war.
Aber — er suchte sie zu verpflichten! Und nicht nur das! Man würde sie zusammen in der Oper sehen, sie beide in der Loge. Sie würde sich kompromittieren, nein, sie mußte das Billett zurücksenden. Caruso! Wie das lockte! Wirklich, mußte sie sich diesen Genuß entgehen lassen? Schließlich war sie mit einem schönen Dank der Verpflichtung enthoben. Und geklatscht? Was machte das schließlich aus, sie würde sich darüber hinwegsetzen. Solange sie vor sich selbst bestehen konnte, hatte sie nichts zu fürchten. Sie, die Künstlerin, war frei und unabhängig. Es gab nur eines, was sie veranlassen mußte, abzulehnen — wenn sie ihrer selbst nicht sicher war. Er begehrte sie, da war kein Zweifel möglich.
Sie liebte ihn nicht. Eigentlich wunderte sie sich, daß er keinen Reiz auf sie ausübte. Im Grunde war er doch ein begehrenswerter Mann, und es schien ihr, daß er bei jeder Frau, mit der er zusammenkam, ein wärmeres Gefühl erregte. Ob nicht doch schon, ihr unbewußt, ein Feuerfünkchen im Herzen glühte?
Sie fühlte seine schönen, etwas verschleierten Augen auf sich gerichtet, die sie unerbittlich prüften. Unerbittlich jegliche Hülle durchdrangen. Die den Körper umschmeichelten und für sich in Anspruch nahmen.
Sie schauderte.
»Nein,« sagte sie hart und laut, »nichts von Liebe fühle ich für ihn.«
* * *
Der Beifall wollte nicht enden. Immer wieder mußte der berühmte Gast sich dankend verneigen, und immer von neuem tobte der Sturm. Gerda von Wangenheim saß mit Kurt Winkelmann in der Loge, sie saß wie betäubt. Sie vermochte es nicht, die Hände zu rühren. Das war Kunst — nein, mehr als das — ein Genie von Gottes Gnaden stand dort auf der Bühne. Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Ihr Atem ging erregt.
Winkelmann neigte sich zu ihr und flüsterte: »Ich höre ihn nun zum vierten Male als Don Juan, und immer wieder ist man hingerissen von dem Gesang dieses Künstlers.«
Gerda sah auf. »Ich war in einer anderen Welt.« Sie streckte ihm die Hand entgegen. »Haben Sie Dank, daß Sie mir zu diesem Genuß verholfen.«
»Gnädiges Fräulein, ich bitte — keinen Dank. Ich bin glücklich, Ihnen dienen zu können, Sie können jederzeit über mich befehlen.«
»Bitte, keine Phrasen jetzt, Herr Winkelmann.«
»Ich spreche die Wahrheit. Meine Person, mein Vermögen steht Ihnen zur Verfügung.«
Ihre Augenbrauen zogen sich schmerzhaft zusammen. Ihre Lippen schürzten sich hochmütig.
»Glauben Sie, daß ich dessen bedarf?«
»Gnädiges Fräulein, Sie sind die geborene Herrscherin. Sie wollen herrschen und beherrschen. Dazu bedürfen Sie der Menschen und des Geldes.«
»Sie mögen recht haben.« Sie erhob sich hastig. »Kommen Sie, ich sehe dort Herrn und Frau Direktor Westphal und möchte sie begrüßen.« — — —
»Ich weiß nicht — ich möchte lieber doch direkt nach Hause fahren.«
»Aber gnädiges Fräulein, die Verabredung ist getroffen. Was würde man sagen, wenn ich ohne Sie ins Esplanade käme. Nein, das ist unmöglich! Sie haben doch gesehen, wie Frau Thea sich mit Ihnen gefreut hat.« Er stürzte auf das anfahrende Auto zu, öffnete den Schlag, und half ihr hinein.
»Überhaupt nach solch einem Abend muß man noch ein wenig in angenehmer Gesellschaft zusammen sein, und ich muß gestehen, ich preise den glücklichen Zufall für dieses Zusammentreffen. Denn ohne die Familie Westphal hätte ich das Vergnügen, mit Ihnen zu Abend speisen zu können, doch wohl nicht gehabt.«
Sie sah im fahlen Schein der vorüberhuschenden Glühlampen seine lauernd auf sie gerichteten Blicke. Und wieder kam ihr die prickelnde Lust, ihn zu quälen und zu reizen, um ihn dann von sich zu stoßen.
Sie lachte ihr girrendes Lachen. »Vielleicht — — —«
»Oh — dann — darf ich dem Schofför — —?«
»Nichts dürfen Sie, wir fahren ins Esplanade, wie besprochen, Sie haben ja selbst noch eben gesagt, daß es unmöglich ist, die Verabredung nicht einzuhalten.«
— — — Als sie den Speisesaal betraten, war die Gesellschaft schon beim Studium der Speisekarte. Gerda hätte am liebsten umkehren mögen. Noch war ihr der Klang der Musik im Ohr, noch stand sie im Bann der Persönlichkeit dieses Don Juan, und nun sollte sie mit gleichgültigen Menschen zusammensitzen, von Banalitäten schwatzen, Redensarten anhören. Wieviel lieber wäre sie allein gewesen, um den Genuß in sich ausklingen zu lassen. Aber Thea hatte sie so bedeutungsvoll angesehen, als sie sie aufforderte, mit ihnen zusammen zu sein. Hätte sie es abgeschlagen, so hätte man mit Sicherheit angenommen, sie wolle mit Winkelmann allein bleiben. Nein, es war besser so.
Oh, sie hatte es schon gelernt, die Masken zu durchschauen. Früher sah sie nur auf die Gesichter, hörte sie nur die Worte. Sie sah die Gesichter so, wie sie sich zeigten, nahm die Worte als das, was sie sagten. Jetzt aber sah sie, daß die Gesichter Masken trugen, sah dahinter die Menschen, wie sie wirklich waren, hörte hinter ihren Worten lange Geschichten, die sie verschwiegen.
Gerda saß zwischen Thea und Herrn von Reitzenstein. Thea war von ausnehmender Lustigkeit, von sprühender Laune. »Fangen Sie endlich an, sich in den Berliner Strudel zu stürzen, Fräulein von Wangenheim? Übrigens eine kluge Wahl, die Sie da getroffen haben.«
Gerda sah sie verständnislos an.
Thea deutete mit den Blicken auf Winkelmann. »Sehr reich und viele Beziehungen, kann Ihnen nur nach jeder Richtung hin von Nutzen sein.«
»Daran habe ich wirklich noch nicht gedacht.« Gerda sagte es kühl und abweisend.
»Nur Liebe?« Und Thea lächelte mokant.
»Auch das nicht.«
»Gnädiges Fräulein, wissen Sie, daß mich der heutige Abend glücklich und unglücklich gemacht hat?« Reitzenstein sagte es mit betrübter Miene zu Gerda.
»Da wäre ich begierig, Ihren jetzigen Zustand zu kennen. Ging das Glück dem Unglück voran oder umgekehrt?«
»Sie spotten, mein gnädiges Fräulein. Aber um Ihre Frage zu beantworten, muß ich Ihnen schon klassisch kommen:
›Es tut mir lang schon weh, daß ich dich in der Gesellschaft seh!‹
Wie glücklich war ich, Sie heut abend zu sehen, doch —«
»Bitte, Herr von Reitzenstein, geben Sie sich keinen Vermutungen hin, und bleiben Sie ein Weilchen glücklich.«
»Hören Sie, Fräulein von Wangenheim,« wandte sich Thea an diese. »Ich gebe jeden Winter in der Saison ein großes Fest mit Vorträgen erster Künstler, wollen Sie an dem Abend singen?«
»Gnädige Frau, kann ich das wagen? Ich, eine unbekannte Anfängerin?«
»Ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, Sie einzuführen. Sie müssen nur Vertrauen zu sich selbst haben. Ich will Ihnen etwas sagen: So wie Sie sich einschätzen, so werden Sie von den Menschen bewertet. Also: Selbstbewußtsein, viel Selbstbewußtsein, und Sie sind das, was Sie sein wollen.«
»Gnädiges Fräulein haben doch allen Grund, an sich selbst zu glauben,« warf Reitzenstein ein, »oder zweifeln Sie an Ihrem Können?«
»Nein, ich glaube an mich.«
* * *
»Thea,« sagte Lukas, als sie in ihrem Auto saßen und nach Hause fuhren, »du sprachst von deinem großen Fest, welches du geben willst, du hättest dich erst mit mir darüber verständigen sollen.«
Thea lachte. »Seit wann das? Habe ich nicht stets nach Belieben Gäste versammelt, ohne vorher deine gütige Erlaubnis einzuholen? Seit wann kümmerst du dich um unsere geselligen Verpflichtungen? Ich habe unser Haus zu repräsentieren, ich weiß, was ich deiner Stellung schuldig bin, und du weißt, daß du dich auf mich verlassen kannst.«
»Thea« — Lukas legte seine Hand auf die Schulter seiner Frau und sagte bittenden Tones: »Thea, ich möchte, daß du auf dieses Fest verzichtest.«
Maßlos erstaunt sah sie ihn an. »Verzichten? Ich soll verzichten? Was für eine Laune von dir.«
»Es ist keine Laune, es ist ein Muß, ein dringendes Muß. Wir müssen uns einschränken, wir können nicht mehr in diesem Luxus weiterleben.«
Sie stieß seine Hand von ihrer Schulter und sagte rauh: »Verlangst du das im Ernst von mir?«
»In vollem Ernst, Thea. Ich besitze kein Vermögen mehr. Du brauchst nicht zu erschrecken. Wir können immerhin noch sehr anständig leben, denn ich beziehe hohe Gehälter, aber deine Ansprüche mußt du herabmindern.«
»Hast du gespielt?«
»Thea — alles ist draufgegangen für dich — unser Haus. Ich habe dich oft gebeten, sparsamer zu sein — du hast nicht auf mich gehört —«
»So — nun bin ich wohl gar an deinem Ruin schuld?« Sie lachte hart auf. »Du machst es dir leicht. Wälzest alle Schuld auf mich ab. Du bist doch der Mann, was ließest du mich gewähren?«
Er senkte das Haupt. »Ich habe es dir oft gesagt, Thea, du wolltest es nicht glauben. Aber du hast recht. Der Schuldige bin ich allein, ich bin zu schwach gewesen, ich fürchtete deine Tränen, deine Verzweiflung.«
»Ich werde nicht verzweifeln, ich werde mich abfinden, aber eines verlange ich noch von dir, wir geben dieses Fest wie alle Jahre, bis dahin soll niemand merken, daß wir arm sind, niemand, hörst du?«
»Ich bitte dich, wozu sich noch diese Ausgabe machen? Dieses Fest würde einen großen Teil meines Jahreseinkommens verschlingen. Es wäre besser angewandt für deine und Inges Bequemlichkeit.«
»Ich bestehe darauf.«
Das Auto hielt vor ihrem Hause.
»Ich will noch nicht nach Hause. Meinst du, daß ich schlafen kann, nach dem, was du mir mitgeteilt? Ich will Menschen sehen, strahlende Helligkeit, will Wein trinken und lustig sein! Noch schlürfen den Becher der Freude — schnell, wir fahren in den Pavillon Mascotte!«
»Thea, was fällt dir ein, du bist von Sinnen, komm, sei vernünftig!«
»Wenn du nicht mitkommst, fahre ich allein.« Und sie riß die Tür auf und gab dem Schofför die Weisung. Thea hatte sich auf das Polster geworfen und lachte. »Noch sind wir nicht arm, hörst du, noch nicht! Noch sechs Wochen Galgenfrist, dann hinunter zu den Proletariern!«