(Friedrichshagen. Abendstunde daheim.)
Reading edition
Die stille Lampe leuchtet über allerlei bunte Farben. Ein blasses Grün, ein grelles Orangegelb.
Buchumschläge sind’s. Bücher haben sich angehäuft, während ich im Gebirge war, neue Bücher, eine ganze Schicht. Unheimlich schnell mahlt sie, diese große Geistesmühle der Menschheit. Ein paar Monate will man allein sein, mit Felsen, Bäumen, Tieren. Man schaut auf vom Traum und das Zimmer ist voll gemahlen von der Rastlosen, — wie Max und Moritz steckt man halb im frischen Korn. Alles riecht nach Korn.
Ich blättere. Darwinistisches, Antidarwinistisches. Das letztere kommt jetzt immer in einer gewissen Prozentziffer. Geht der Strom wirklich von hier fort? Sind wir so rasch fertig mit dem neunzehnten Jahrhundert? Mit der Idee schon, die es für seine größte hielt?
Ich muß an ein Gespräch denken, droben in den Bergen, während Rübezahl seine Wolken warf.
Wir unterhielten uns von den großen Problemen unserer Zeit. Mein Freund war ein geistvoller, außergewöhnlich kenntnisreicher, echt moderner Mensch. In allen Hauptpunkten waren wir einig über den Fortschritt, über den Kampf gegen das Veraltete, Absterbende, über den notwendigen Sieg der Aufklärung und das Wachstum freiheitlicher Ideen überall.
„Aber die Haupt-Störenfriede, die alles hemmen,“ sagte er schließlich, „sind doch der Marx und der Darwin.“
Ich wußte, was er an Marx auszusetzen hatte. Wissenschaftliche Details, wissenschaftlich diskutierbar, jedenfalls auf ernsten Fachstudien bei ihm beruhend. Ziemlich ebenso war es bei Darwin. Er war auch da Fachmann und seine eigentliche Kritik setzte wenigstens bei diskutabeln zoologischen und botanischen Einzelheiten ein.
Aber seit langem polemisierte er so auch allgemein gegen die beiden. In seinem Kopfe hatten sich die Dinge allmählich so zurecht gestellt, daß er an diese Namen wie an Symbole dachte für das Äußerste, was ihm überhaupt befehdenswert schien. Er brachte sie auch jetzt vor, daß ein unbefangener Zuhörer, der beider Werk nicht genauer kannte, sie als Trumpf auf unser vorhergehendes Gespräch auffassen mußte, — als verkörpere sich in Marx heute etwa alle Unterdrückung, soziale Unfreiheit, starre Reaktion gegenüber jedem Versuch sozialen Fortschritts; und als sei Darwin der Typus des Obskurantentums, der geistigen Vergewaltigung und Rückschrittlerei auf dem Gebiete der Weltanschauung.
Lassen wir Marx hier auf sich beruhen und bleiben bei Darwin. Leute, die, vor die Wahl gestellt, unbedingt für freie Ideen etwa gegenüber dem Kirchendogma eintreten würden, hauen in einer Weise neuerdings auf den Darwinismus los, als sei er plötzlich der böse Dämon.
Aus der Fachliteratur läuft das dann in die Menge. Bei halben und flachen Geistern wird der Ton „Mode“, weil er wenigstens Abwechslung bietet. Die wirklich finstern Kreise aber freuen sich, daß ein gefährlicher Name plötzlich preisgegeben ist und sie ziehen, selber mit unverkennbarer Logik, ihren Vorteil davon.
Ich bin in den letzten Jahren auch in guten, aber nicht naturwissenschaftlichen Schriften mehr und mehr einer Stimmung des Zweifels, der Unsicherheit gegenüber den Darwinschen Ideen begegnet. Man weiß nicht recht, wo selber angreifen, aber es kommt wie ein vages Echo: im Fache selbst sieht man ja schon wieder über die Sache hinaus. Der eine oder andere „Professor“ wird genannt, der bereits offen den „Zusammenbruch des Darwinismus“ lehre. Schwerwiegende neue „Tatsachen“ werden natürlich dahinter vom Laien vorausgesetzt, — Tatsachen, die Darwins Behauptungen widerlegt oder die sie doch nicht gestützt hätten.
Dabei ist es merkwürdig: der Verdacht scheint sich meist auf das eigentliche Wort „Darwinismus“ zu konzentrieren, das Wort in Anführungszeichen.
Der große Entwickelungsgedanke lebt, auch ohne Schlagwort, als das Lebendigste der ganzen Zeit in uns allen, beherrscht unser ganzes Denken und Handeln.
Jener Mann, der in Darwin den Hemmschuh sah, war praktisch ein wahrer Entwickelungsfanatiker.
So scheint es fast, als löse sich nachträglich bloß ein Wort, das Jahrzehnte hindurch die Bewegung gekennzeichnet, wieder von ihr ab. Das Wort ist aber gleichzeitig so mit ihr verquickt, daß der Mißverständnisse kein Ende werden will.
Ist es wirklich möglich, heute „Darwin“ wieder aus der großen Entwickelungs-Richtung in unserem Geistesleben herauszuwerfen, — wegen irgend welcher subjektiven Begleitumstände, irgend welcher naturwissenschaftlichen Fach-Einwürfe?
Oder äußert sich unter der Hülle des Kampfes gegen den „Darwinismus“ am Ende doch eine beginnende Abschwenkung von dieser ganzen Entwickelungs-Richtung, über die sich bloß manche neueren Darwin-Angreifer selber in der Tragweite noch nicht klar sind?
Ich gestehe, daß ich in dem ganzen Auftauchen und Weiterverbreiten solcher Zweifelfragen schon etwas Mißverständliches sehe.
Es ist richtig, daß im engeren Fachgebäude des sogenannten Darwinismus gegenwärtig wieder einmal besonders lebhafte Kämpfe stattfinden. Diese Kämpfe sind überaus fruchtbar und segensreich, soweit sie gewisse allgemeine Gesichtspunkte nicht ganz verlieren und soweit persönliche Gehässigkeiten herausbleiben. Aber gerade diese echten Kämpfe sind in jeder Faser etwas total anderes, als der Laie, Freund wie Feind, dahinter zu suchen beginnt.
Der Darwinismus mit diesem seinem Namen ist heute genau 44 Jahre alt, datiert vom Erscheinen des „Origin of species“ von Charles Darwin im November 1859.
Wenn Darwin noch lebend unter uns weilte, so würde er ganz zweifellos der erste sein, der jenen heute fortbrennenden Fach-Zwist mit Freuden, ja mit Genugtuung begrüßte. Er würde in ihm nichts anderes finden als sein eigenes Entwickelungsprinzip, das unablässig weiterwaltet, — das sich jetzt auf einen Fels rettet als die endlich erreichte Feste, — und das morgen diesen Fels selber anbohrt, um abermals weiter zu kommen.
Darwin hatte in eigner Bahn die volle Wucht gefühlt, was es hieß, einen Ideengang umwerfen. Er hatte sich zuerst von der Theologie freigemacht, immerhin das noch ohne allzuviel Nöte. Dann war er in die strenge Wissenschaft gekommen, als halber Dilettant zunächst. Seine ganze Sorge war, sich nur überhaupt als berechtigt zur Fachforschung zu erweisen. Inmitten dieses Strebens aber geht ihm auf, daß ein allgemein angenommener Lehrsatz dieser Wissenschaft, der Satz von der Unveränderlichkeit der Tier- und Pflanzenarten, falsch sei.
Immer ist es ihm als etwas Ungeheures erschienen, daß er gerade berufen sein sollte, so verwegen den Revolutionär zu spielen.
Sein endloses Zögern, das seinen Ruhm bedroht hat, vielleicht zum teil selbst seine physische Krankheit hingen damit zusammen.
Doch er wagt es, muß es als ehrlicher Mann wagen, und er bricht durch. Er erlebt mit einem gewissen Grauen, daß ein einzelner den Kampf aufnehmen kann mit einer ganzen, über lange Jahrhunderte heraufkommenden Wissenschaft und daß er siegen kann.
Nie hat er das vergessen. In allem Triumph seiner Lehre, wo mancher vom Weihrauch erstickt wäre, schaut er beständig sich nach dem Manne um, der nun ihn wieder umwerfen wird. Er rechnete mit der Wissenschaft, die er an einer Stauungsstelle entfesselt hatte, und die ihn dafür verschlang, indem sie auch über seinen Fleck strömte.
Buchstäblich hat er die ganzen Jahre seines rauschenden Erfolges gegrübelt, wo er sich geirrt haben könnte. Hinter den späteren Auflagen der „Entstehung der Arten“ glaubt man einen Menschen zu sehen, der beständig aus dem Schlaf aufschreckt mit dem Gedanken: „Ich habe etwas vergessen.“
Wenn ich mir heute den Alten von Down denken soll, wie er in irgend eine zoologische Sektion tritt, zwischen einen Kreis junger, leidenschaftlich schimpfender Entwickelungs-Mechaniker, er könnte nur mit den Worten kommen: „Na endlich, Kinder, seid ihr endlich drauf, wo die Sache hapert!“
Ob er freilich grade diese Einwürfe anerkennen würde, wäre ja eine andere Frage. Sicherlich aber würde er eins vorweg betonen.
Wenn ich in den Kampf der Meinungen heute offen hinaustrete — hinaus aus der Studierstube in die große ringende Welt — so finde ich zwei Dinge im Streit, im unversöhnlichen Streit. Zwei Weltanschauungen mögen wir sie nennen. Man könnte ziemlich ebenso gut auch sagen: zwei Geschichtsepochen, die heute beide nebeneinander (noch und schon) Vertreter haben.
Nach der einen Ansicht ist die Welt ein Ding unter einer Käseglocke. Jenseits der Glocke schaltet und waltet etwas absolut anderes. Es holt heraus, stellt hinein, macht was es will. Drunten rechnen sie, inventarisieren sie. Droben wird nicht gerechnet und aus dem Droben kommt, in das Droben geht ein unbegrenzter loser Inventarbestand. Wenn das „Droben“ will, so rauscht von der Glocke der Wind, rinnt der Regen. Und jeder Windstoß, jeder Regentropfen kommt eigentlich als „Wunder“. Das Droben setzt Tiere herunter, heute Trilobiten, morgen Ichthyosaurier, übermorgen Menschen. Und zu den Menschen übermenschliche Wesen noch wieder von jenseits der Glocke. Alles als unberechenbares Wunder. In der Existenz der Glocke steckt ein ewiger Riß, eine immer erneute Unfaßbarkeit, ein Hin und Her, das uns Menschen keine andere Rolle finden läßt, als die Hände in den Schoß legen und resigniert abwarten, was kommt.
Dem gegenüber steht ebenso schlicht die Anschauung, daß es keine Käseglocke gibt. Daß alles eins ist im Sinne des Ur-Zusammenhangs. Das Drüben, das die Schäfchen und die Bäumchen setzt, sind diese Schäfchen und Bäumchen selbst, es ist nicht noch einmal besonders da. Wir selbst sind wir selbst. Alle Dinge der Natur, der Welt, sind da bloß als Ausfluß von Eigenschaften dieser Natur.
Nun blicken diese beiden Ansichten in die Geschichte zurück.
Die eine sieht da dieselbe Willkür. Eingriffe von jenseits der Glocke. Unberechenbare. Was ist ihr überhaupt die Gewähr des Geschichtlichen? Jene Übermacht ohne Raum und Zeit könnte auch rückwärts ja noch einmal hineingreifen.
Die andere aber gerät unabänderlich auf den Begriff natürlicher Entwickelung. Weil es überhaupt eine Geschichte, eine Zeitenfolge gibt, die eins an Stelle des andern zeigt; und weil es ihr nichts gibt als die Dinge selbst; so folgt ihr einfach Wandel dieser Dinge: Entwickelung. Hier steht etwas. Morgen etwas anderes. Aus der Versenkung ist nichts gekommen. Folglich hat das eine sich entwickelt zum andern. Zu den Eigenschaften der Natur gehört auch Werden, Verwandlung, Entwickelung. Und die Geschichte ist das Reich dieser Eigenschaft.
Nun denn: in den Kampf dieser beiden Grund-Meinungs-Verschiedenheiten greift auch nicht eine einzige jener „neuen“ Tatsachen oder Ideen ein, die heute den Mittelpunkt der Fachkämpfe um den Darwinismus bilden.
Ob die Zuchtwahl-Theorie richtig ist. Ob ältere Lamarcksche Ansichten besser sind als die neueren Darwinschen. Ob es eine Vererbung erworbener Eigenschaften gibt. Was Vererbung ist. Wie die ersten Varianten entstehen, aus denen der Kampf ums Dasein nach Darwin ausliest. Ob neue Arten entstehen aus den einfachen Variationen oder (im Sinne von de Vries) aus plötzlichen Mutationen. Ob die bisher aufgestellten Entwickelungsgesetze der organischen Welt sämtlich falsch sind. Ob alle bisher entworfenen Stammbäume verkehrt sind. Ob der Haeckelsche Zusammenhang von Ontogenie und Phylogenie stimmt oder nicht. Ob selbst die Methoden, mit denen man bisher solche Gesetze, solche Stammbäume gesucht, alle grundirrig sind. Ob es ganz neuer experimenteller Wege bedarf, um nur erst einmal das Anfangsmaterial dazu notdürftig zu erlangen. Ob wir seit und mit Darwin in einem Überschwang von geistreichen Konstruktionen geschwelgt oder ob wir, wie andere meinen, in dürrer Heide uns im Kreise herumgetrieben und das Nächstnötige noch gar nicht gesehen haben. Ob es in der einheitlichen Natur als Grundeigenschaften dieser Natur noch zweitausend verschiedene Entwickelungsgründe, Entwickelungsgesetze, direkte oder indirekte Wege der Umwandlung gibt, von denen die ganze Darwinsche Richtung keine Ahnung besessen hat. Und so weiter. Das alles und noch ungezähltes mehr, das jüngere, besonders höfliche Kritiker heute gelegentlich veranlaßt hat, Darwin einen Tropf zu nennen und alle seine Schüler in Haeckel’s Richtung samt diesem unwissenschaftliche Stümper, hinter die die ganze Entwickelungsforschung erst wieder zurückgehen müsse, wenn je etwas aus ihr werden solle, — — das alles miteinander hat nämlich auch nicht die leiseste Beziehung zu jenem General-Zwist der beiden Weltanschauungen.
Es kann sie nicht haben, denn dieser Zwist ist viel älter als Darwin, er ist weder entfacht noch beendet durch Darwin, er ist viel größer, viel umfassender, viel tiefer als Darwin.
Und in ihm haben noch ganz andere Leute mitzureden als bloß naturwissenschaftliche Spezial-Forscher.
Im neunten Bande der großen Weimarer Goethe-Ausgabe (S. 268–79) steht ein loser Entwurf, ein „Schema“, von Goethes Hand, mutmaßlich von 1806.
Er gibt die Grundzüge einer Kosmogonie auf Grund natürlicher Entwickelung, oder wenigstens des ersten Kapitels einer solchen. Die Erde erscheint zuerst als Stern. „Als ein Wandelstern. Die neuen Erfahrungen zeigen das Universum selbst nicht als fertig. Die Nebelsterne sieht man als Massen werdender Welten an. Ja den Jupiter als nicht erstarrt. Die Kometen, die man ehemals als Weltenzerstörer ansah, betrachtet man als werdende Erdkörper.“ So geht das weiter. Die Erde erstarrt. Die Urwasser schlagen sich nieder. „Sinken des Wassers. Hervortreten des Soliden. Gebirge im Kreuz.“ Der Granit erscheint als das frühste Gebirge. Überall ist „eine genetische Betrachtung wünschenswert.“ „Alles was wir entstanden sehen und eine Succession dabei gewahr werden, davon verlangen wir dieses successive Werden einzusehen. So wie die wahre Geschichte überhaupt nicht das Geschehene aufzählt; sondern wie sich das Geschehene auseinander entwickelt und darstellt.“
Goethe verwarf die Katastrophen in der Erdgeschichte, weil sie ihm nicht genug Entwickelung enthielten. Er predigte die Lehren Lyells lange vor Lyell; er begrüßte Lyells großen deutschen Vorgänger, Hoff, als einen, der endlich in seine (Goethes) Bahn einlenke.
Man fragt sich, wie jener Entwurf, der leider beim Gestein abbricht, ohne je ausgeführt zu werden, ins Organische hinein hätte weiter gehen können. Und es ist nur selbstverständlich, daß er auch da Entwickelung annahm. Goethe hat ja an anderen Orten seine Ansichten auch darüber klar genug ans Licht gestellt. Inwiefern seine engeren Ideen über den Weg dieser Entwickelung von der späteren Darwins abwichen, ist dabei sehr belanglos. Er dachte sich wohl, daß gewisse Grundtypen des Lebendigen naturgesetzlich bestimmt zu ihrer Zeit auf der Erde anschießen wie Krystalle. Die äußeren Umstände, das Milieu, die Lebensweise modelten dann im Einzelnen während des Werdens an der Reinheit dieser Krystallformen, bis das unendlich wechselvolle Spiel der heutigen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten entstand. Man kann sich bei dieser Auffassung über die Gesetze streiten, nach denen der Typus sich bildet. Aber man kann sich ja auch in der Mineralogie über die Gesetze streiten, die dort die anorganischen Krystalle bilden, und heute noch weiß keiner da Rat.
Das Wesentliche bleibt, daß beides innerhalb der Natur gedacht wird. Jenes ganze Weltbild, zu dem Darwin nur ein letztes Stiftchen hinzutun konnte, war unzweifelhaft in Goethes Tagen schon vollkräftig da.
Wie sollte es nicht.
Wenn man das übernatürliche Eingreifen von jenseits der Käseglocke auch nur auf einen Moment vergißt, so werden Entwickelungstatsachen auch dem schlichtesten Sinn sofort übermächtig.
Unser eigenes Leben unterliegt der Entwickelung; zwischen Kind und Mann, Mann und Greis liegt nicht ein göttlicher Wunderakt, sondern eine kontinuierliche Folge.
Wie unsagbar einfach ist die Lehre der Geschichte. Ist der heutige Franzose aus dem alten Gallier entstanden durch glatte Entwickelung oder trennt die beiden ein mystisches Wunder? Sind die romanischen Sprachen, ist das heutige Schriftdeutsch nicht kontrollierbar „natürlich“ durch Entwickelung herauf gekommen? Zu solchen Gedankengängen ist kein Darwin erst nötig gewesen. Man kann die ganze Ideenunterlage zum „Darwinismus“ in diesem Sinne aus Goethes „Wahrheit und Dichtung“ oder aus Schlossers Weltgeschichte lernen, ohne den „Origin of species“ je gesehen zu haben.
Aber Bücher sind überhaupt nicht dazu nötig.
Wie oft bin ich gefragt worden, ob mich nicht manchmal ein Bangen anwandle, wenn ich mir sagen müßte, auf was für verwickeltem, spitzfindigem, haarspalterischem biologischen Material meine „darwinistische“ Weltanschauung im Grunde beruhe. Wenn nun ein Stäbchen wankt, hieß es, eins von den ganz zerbrechlich dünnen der biologischen Fachforschung, irgend so ein Sätzchen aus der Zellenlehre, ein statistisches Zifferchen über Variieren der Arten, ein Müschelchen oder Zähnchen der Paläontologie? Und das immer als Stoß in der Weltanschauung zu fühlen, im Heiligsten, das man für sich selbst, über sich selbst hat! Jeden Morgen zittern, wenn der Briefbote kommt und eine grüne oder blaue Broschüre bringt: ob da nicht der ganze „Darwinismus“ doch jetzt den Gnadenstoß hat durch ein Knöchelchen in einer verkehrten Erdschicht, oder eine neueste Superklugheit über den Zellkern, oder einen Froschembryo, der zwischen zwei quetschenden Glasplatten aufgezogen ist, — zittern um den Zusammenbruch der ganzen Weltauffassung!
Und wie oft habe ich diesem wohlmeinenden Bedauern lachend entgegnen müssen, daß meine Welt- und Lebensanschauung über Entwickelung im Gegensatz zum Wundereingriff gar nicht aus dem „Darwinismus“ in diesem Sinne stamme, also auch nicht mit ihm fallen könne, — zugestanden selbst einmal (wozu nicht der geringste Anlaß ist), der ganze Darwinismus fiele heute oder morgen durch eine solche Einzelheit.
Der Entwickelungsbegriff, auf dem ich nicht meine biologischen Spezialüberzeugungen, sondern meine Weltanschauung aufbaue, fließt mir aus der persönlichen Erfahrung meines ganzen Lebens zu, nicht aus Büchern.
Als ich ein Kind war, habe ich gelernt, daß die weiße Blüte, die über Nacht an den Birnbaum im Garten gekommen war, nicht durch ein Wunder vom Himmel gefallen war, sondern sich aus der Knospe entfaltet hatte. Ich habe gelernt, daß die Suppe nicht per Wunder aus einer mystischen Versenkung kam, sondern aus dem Kochtopf, wo sie sich aus bestimmten Substanzen unter bestimmten Bedingungen vor meinen Augen entwickelte.
Als ich älter wurde, bildete das ganze Leben nur eine einzige fortgesetzte Weitererziehung nach dieser Seite.
Ich saß im Hörsaal und hörte griechische Geschichte vortragen. Ich hätte die Gesichter der Studenten sehen mögen, wenn unser scharfsinniger Dozent bei der Darstellung des „Peloponnesischen Krieges aus den Quellen“ plötzlich hätte den klaren Verlauf der Dinge durchbrechen wollen mit dem Satz: die Armeen in dieser Schlacht, die Verteidigungsmauern dieser Stadt, die Kasse, die diese Mittel lieferte, stammten nicht aus den und den gegebenen Verhältnissen, sondern sie waren plötzlich per Wunder da. Gegen diesen Dozenten wäre eine Disziplinaruntersuchung eingesetzt worden, die ihn schleunigst seines Amtes enthoben hätte.
Ich wohnte einer Gerichtsverhandlung bei und hörte die Rede des Staatsanwalts. Gibt es eine blasseste Möglichkeit auch nur, sich auszudenken, daß ein Staatsanwalt in der logischen Entwickelungskette eines Indizienbeweises vor einer Mordtat irgendwo das „Wunder“ einführen sollte anstatt einer ursächlichen Begründung aus den Verhältnissen und dem Zusammenhang?
Es ist einfach jede Minute und jede Regung meines Lebens, es ist mein ganzes Ich als objektive Erfahrung aus so und so viel Jahren, was ich in die Wagschale lege, wenn ich mich für eine natürlich-einheitliche Weltanschauung und einen natürlichen Entwickelungsbegriff entscheide, — nicht ein Paragraph oder eine Figur aus einem modernen biologischen Lehrbuch.
Gewiß, auch mein ganzes Wissen steckt darin und dabei selbstverständlich auch mein ganzes Naturwissen. Aber es ist nicht das Erste, sondern erst das Sekundäre jenseits der unmittelbar eingepaukten Lebenserfahrung.
Und es ist wieder in diesem Naturwissen zunächst noch lange nicht Darwin oder irgend etwas mit seinem Gebiet auch nur Zusammenhängendes der engere Fels, auf den ich das Stück meiner Weltanschauung baue, das speziell zur Naturforschung gehört. (Ein armer Kopf, der seine Weltanschauung bloß auf „Naturwissenschaft“ im Fachsinne bauen wollte!) Lange vor Darwin, Jahrhunderte vor Darwin, hat aber auch die Naturforschung den Begriff geschaffen, der allerdings ein Pfeiler jeder einheitlichen Weltanschauung ohne Wunderbegriff sein muß: den Begriff der Naturgesetzlichkeit.
Das simpelste Experiment gelingt nicht ohne ihn, die alltäglichste wissenschaftliche Rechnung bis in ein so banales Ding wie das Benutzen einer Uhr hinein ist ein Kinderspott ohne ihn.
Er ist gewissermaßen die exakte naturwissenschaftliche Formel für jenes große Massenbild unserer Lebenserfahrungen.
Die stärksten Geister der neueren Zeit haben gerungen, diesen Begriff zu klären, zu festigen als Formel, und sie haben damit allerdings jener zunächst intuitiv erlebten Weltanschauung einen Bewußtseinsausdruck gegeben, der heute leicht als ihre festeste Säule erscheinen kann.
Diese Naturgesetzlichkeit ist es, auf der sich Goethes Idee von der Gott-Natur erhebt, und von der Fechner gesagt hat, daß sie der einzige strenge Beweis vom Dasein Gottes sei; auch er meinte natürlich Gott im Sinne der einheitlichen Gott-Natur, und seinem klaren Denkerkopf mußte folgerichtig das „Wunder“ umgekehrt als Beweis erscheinen, daß es keinen Gott, d. h. keine Einheit in der Welt gebe.
Das alles steht vor Darwin, wie Newton und Galilei vor Darwin stehen und so viele, die für diesen Begriff der Naturgesetzlichkeit gelebt, gefochten, geblutet haben.
Erst auf einem weiten Wege von da komme ich zu Darwin und ich komme zu ihm mit einer im Prinzip bereits vollkommen fertigen Weltanschauung, an der er im Ganzen nichts mehr ab-, noch zutun kann.
Zweifeln wir doch nicht: er selber ist an seine eigenen Spezialgedanken über Entwickelung der Tiere und Pflanzen auch schon seiner Zeit ebenso damit herangekommen als echt moderner Mensch.
Seine Idee war, einen Gedanken, den das Leben und all sein Wissen ihm sonst genugsam eingepaukt hatten, auch in eine Spezialecke zu treiben, wo man sich ihm durch eine sonderbare Konstellation der Dinge bisher hartnäckig verschlossen hatte: nämlich in die Entstehung der wechselnden Tier- und Pflanzenarten auf Erden bis zur Tierart Mensch herauf.
Zweierlei hat er dann versucht, und im Prinzip also jedenfalls versucht im Sinne und zu Gunsten einer monistischen Entwickelungs-Weltanschauung, wenn auch keineswegs als erstes Fundament einer solchen im Menschheitsdenken.
Zunächst hat er versucht, die natürliche Entstehung der Tier- und Pflanzenarten nicht bloß als allgemeine Weltanschauungs-Folgerung zu behaupten, sondern sie in sich so reinlich herauszuarbeiten, daß sie schließlich selber als Exempel für die ganze Allgemeinidee gelten und wirken könnte.
Dann hat er im notgedrungenen Zusammenhang damit einen höheren naturgesetzlichen Zusammenhalt gesucht, der als „Gesetz“ diese biologische Entwickelungslinie beherrscht und gelenkt haben könnte; das war für sein Vermuten die natürliche Selektion oder Zuchtwahl.
Fragt sich, ob er in beidem das Rechte getroffen hat.
Das erste könnte ihm mangels ausreichenden Materials mißlungen sein.
Im zweiten könnte er sich über das spezielle Naturgesetz getäuscht haben, wie es so und so viel Forschern auf andern Gebieten gründlich und häufig auch passiert ist, ohne daß deshalb jemand Lärm gemacht hätte, die naturgesetzlichen Prinzipien der Forschung seien überhaupt erschüttert und die (unter anderm auch hier verankerte) natürliche Weltanschauung sei bankerott.
Immerhin läßt sich nach 44 Jahren mit kühlem Kopfe diese Doppelfrage stellen.
Vor diesen beiden Möglichkeiten setzt der heutige Kampf um Darwin ein, — kein Weltanschauungs-Kampf mit hie Entwickelung, hie Wunder. Sondern eine höchst interessante Debatte mit zwei schlichten Fragen: erstens ob sich von der Entwickelung auch an dieser (über ein paar hundert Jahrmillionen verzettelten) Ecke heute schon oder noch ein Bild gewinnen läßt; — und zweitens, ob in diesem Bilde die natürliche Zuchtwahl eine Rolle spielt.
— — —
Als Darwin, gedrängt von der ganzen Geistesrichtung seiner Zeit, sich mit dem Entwickelungsgedanken in die Geschichte der Tier- und Pflanzenwelt wagte, stieß er dort, wie gesagt, auf eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Situation.
Zwei Dinge waren in unvereinbaren Widerspruch miteinander geraten.
Auf der einen Seite stand das Dogma, daß die Arten in der Geologie und Botanik unveränderlich, konstant seien.
Auf der andern wies die neuaufgeblühte Geologie nach, daß beim Zurückgehen in frühere Epochen der Erdgeschichte das Bild der Tier- und Pflanzenwelt tatsächlich ein anderes wird, daß andere Arten erscheinen wie heute, während die heutigen durchweg noch fehlen.
In der Not hatte hier, unwissenschaftlich genug, eine Weile wirklich das „Wunder“ herhalten müssen. Die Art war in sich konstant. Aber ab und zu im Laufe der Jahrmillionen kam eine Hand von jenseits der Glocke, brach allem Vorhandenen den Hals und setzte neue Arten herunter.
Darwin trat dem entgegen, nicht eigentlich als Revolutionär, wenn man die Dinge ganz streng mißt, sondern einfach als Vertreter der schlichten wissenschaftlichen Methode, wie sie für alle anderen Zweige der Forschung längst fest eingeführt war.
Vom Boden einer Naturgesetzlichkeit, erklärte er, ist der Ausweg des Wunders unzulässig. Zulässig ist dagegen, anzunehmen, daß ein wissenschaftliches Dogma falsch sein könne, — in diesem Falle das Dogma von der Konstanz der Arten. Es kann eine natürliche Entwickelung von Arten zu anderen Arten stattgefunden haben, — und das würde in Einklang mit der Geologie sein.
Die Geologie wurde damit von einer Art Ketzerrolle befreit, zugleich wurde ihr aber auch eine große, neue, positive Aufgabe zugewiesen. Gab man ihr zu, daß Arten sich entwickelt haben könnten, so schien nun ihr der Beweis obzuliegen, daß es tatsächlich der Fall gewesen sei.
Mit Forderungen an die Geologie aber ist es eine seltsame Sache.
Es ist das hübsche Los aller Wissenschaften, die auf den Zufall historischer Dokumente angewiesen sind, daß „Fordern“ in ihnen einen komischen Beigeschmack hat. Ich suche Daten über Wallensteins Leben und finde die vollständigen Akten über Herrn Müller oder Schulze, die dessen Leben bis in jeden Punkt aufhellen. Ich suche schmerzlich Angaben über das mir größte Ereignis des Altertums, die Taten Christi; der Vesuv liefert mir eine ganze römische Stadt mit Haut und Haaren aus und in dieser ganzen Stadt hat man von Christus keine Notiz genommen.
Der Laie sieht ein prachtvolles Museum aufgebaut: geologische Fundstücke aus dem Leben der Vorwelt. Er kommt mit der Idee Darwins zwischen die Megatherien und Ichthyosaurier und verlangt, daß ihm die gesamten Darwinschen Übergangsketten, die in der Entwickelung jede Tierart mit der nächsten verknüpfen, vorgezeigt werden. Man zuckt die Achseln, und nun fängt er an zu schmollen. 44 Jahre nach Darwin und noch immer dieses Material nicht zur Stelle? Da ist es doch wohl mit dem ganzen Darwin nichts.
In Wahrheit ist unsere gesamte Versteinerungskunde heute wenig über 100 Jahre alt. In den letzten 50 dieser Jahre, also auch in der Ära Darwin, hat sich trotz alles Aufblühens an gewissen Dingen für sie gar nichts geändert und es wird sich noch lange nichts, zum teil nie etwas daran ändern.
In den 50 ersten so wenig, wie in den 50 letzten Jahren des Jahrhunderts haben ihr, die mit vielen Millionen von Jahren rechnet, auch entsprechende Millionen von Mark zur Verfügung gestanden.
So ist ihre Materialsuche Stückwerk ohne jedes systematische Vorgehen geblieben. Ihr Stoff, die ganze Masse dessen, was an alten Tier- und Pflanzenresten überhaupt erhalten ist, durchsetzt, oft in homöopathischer Verdünnung, alle jüngeren Schichtgesteine der Erde. Dieses Musterbuch ganz zugänglich machen, hieße nichts viel anderes, als die ganze Erdrinde abblättern, aufrollen von den höchsten Alpengipfeln bis unter die Sohle unserer heutigen tiefsten Bohrlöcher, — nicht zu vergessen den Boden aller Ozeane und den Sockel der polaren Eiskappen.
Erst wenn die Millionen, die Arbeitskräfte, die technischen Erfindungen da vorhanden und die Sache geleistet wäre, könnten wir von einer ersten Inventaraufnahme sprechen, die dann auf Darwin zu prüfen wäre.
So, wie die Dinge liegen, sind wir bisher trotz der 100 Jahre auf ein paar Stichproben angewiesen. Ein Schieferblock etwa wie der Solnhofener lithographische Stein, der eine prachtvolle ganze Schriftseite der Jura-Zeit liefert, ist zu technischen Zwecken wirklich im Abbau und steuert langsam sein Teil zu. Hier, dort hat ein Privatmann sein Geld und seine Energie ähnlich auf einen einzelnen Punkt konzentriert. Punkte gegen eine Erde!
Schon diese Stichproben haben aber genügt, um etwas noch viel Fundamentaleres, selbst mit allen Milliarden aller Staatskassen der Welt Unverrückbares zu offenbaren.
Das in der ganzen Erdrinde versteinert Erhaltene ist überhaupt nur wieder eine Stichprobe dessen, was lebendig da war.
Sicherste Anzeichen lehren das. An sich ist es ja ein wahres Wunder anstatt einer dicken Wahrscheinlichkeit, daß überhaupt etwas so erhalten ist. Der Laie hat da gut fordern. Wenn ich ein paläontologisches Museum besuche, so ist mir immer wieder das staunenswerteste Rätsel, daß das alles die ungezählten Zerstörungsmöglichkeiten in Jahrmillionen überdauert hat. Um so selbstverständlicher, daß schließlich Grenzen kommen. Es ist im ganzen doch nur ein kleiner Bruchteil, eben eine Stichprobe, da.
Das Wort Stichprobe paßt aber wieder in anderem Sinne schlecht dabei. In so und so viel Fällen geht es wie oben in dem Beispiel: ich steche auf Wallenstein und dringe in die Käserechnungen des Herrn Schulze. Wenn die Stichproben mich nun aber gar unzweideutig lehren, daß Wallenstein überhaupt nicht mehr dabei ist? Diese Sachlage steht fest für das ganze Altbuch der Paläontologie.
Da liegen ungeheure Schichtgesteine, die sogenannten krystallinischen Schiefer. Jede Spur von Versteinerungen ist nachträglich darin gelöscht, — durch irgend einen seltsamen Prozeß, der das Gestein durcheinander gearbeitet hat, vielleicht die Wärme, die bei der nachträglichen Zusammenziehung des Erdballs entstand, es gibt da nur Vermutungen. Was wir auch wollen: wir müssen bei allen geologischen Streifzügen abwarten, bis diese verwunschene Schichtenfolge aufhört, erst dann setzt die Möglichkeit von Versteinerungsfunden ein. Das Leben der Urzeit selber aber hat offenbar keineswegs die Freundlichkeit gehabt, für uns so lange mit zu warten. Als der Vorhang für uns endlich, mit der kambrischen Epoche, aufgeht, ist es schon im vollen Spiel. Ja, fast hat es den Anschein, als schneiten wir mindestens in den vierten Akt. Von Entwickelungsanfängen kann keine Rede mehr sein. Schon treten Muscheln, Stachelhäuter, hoch organisierte Krebse, ja gar bald bereits Fische auf. Aus den Steinabdrücken werden wir nie erfahren, durch welche Formreihen hindurch sie sich entwickelt haben könnten, denn tiefer geht unser irdisches Dokument überhaupt nicht.
Was heißt hier „fordern“?
Fordern wir vom Astronomen, daß er uns die Rückseite des Mondes zeige und machen wir davon den Wert der Astronomie abhängig! So ist es genau mit dem Darwinismus in der Geologie jenseits der ersten Muscheln und Trilobitenkrebse.
Auf solche Löcher im Material hat schon Darwin selbst hinweisen müssen. Geändert hat sich aber in den 44 Jahren seither nicht das Mindeste daran, — so wenig wie unsere Astronomie in den Jahren hinter den Mond gekrochen ist.
Es gibt aber noch mehr Lücken.
Als man zuerst Tier- und Pflanzenabdrücke fand und noch in biblischer Treue dabei nur an die Sintflut dachte, bürgerte die Idee sich ein, alles Versteinerte sei das Resultat irgend einer jähen Katastrophe, einer großen Wandlung im Erdenleben: verschüttete Wälder, in Hekatomben verunglückte Tiere. Einzeln ist es auch wohl so gewesen, in der Regel nicht. Die Regel zum Zustandekommen von Versteinerungen war gerade das Gegenteil: lange Epochen größter Ruhe und Regelmäßigkeit. Wälder von kryptogamischen Gewächsen grünen Jahrhunderttausende am gleichen Fleck und bilden eine ungeheure Torfschicht; die bleibt als Steinkohle erhalten. In eine seichte Bucht (wie die von Solnhofen) rinnen kalkhaltige Bäche, häufen in endlosen Zeiten immer neue ungestörte Häutchen feinsten Schlicks übereinander; an diesem Ort muß ein wahres Paradies an Ruhe gewesen sein und sein Ergebnis ist das wunderbare Bilderbuch im Schiefer abkonterfeiter Quallen, Libellen, Krebse, Fische und Urvögel. Gesellige Korallentiere bauen in ungestörter Ruhe berghohe Riffe; sie tauchen bei Faltungen der Erde in die Tiefe und liegen unzerstörbar. In den Abgründen der Tiefsee, tausende von Metern tief, lagern sich die mikroskopischen Schälchen einzelliger Wesen ab zwischen Seelilien, deren schwanken Stiel hier unten kein Sturm bedroht, — auch ein Reich des Friedens, stationär bis zu dem Maße, daß es seit Jahrmillionen bis heute fast das gleiche Gesicht, immer die gleichen Anpassungen und Formen, zeigt; aus solchem Tiefseeschlamm ist die weiße Kreide geworden, die selbst dem Laien durch die Masse ihrer Versteinerungen auffällt.
Gerade diese Zeiten der Ruhe, des unendlichen gleichartigen Fortzeugens bestimmter Arten sind es aber nicht, die der Darwinismus sucht!
Er möchte die Reste sehen der unruhigen Zeiten, die auch äußerlich, im Bilde der Erdverhältnisse, sei es lokal oder im ganzen, bewegt, im Fluß und beeinflussend erscheinen. In solchen Zeiten gab es nach ihm Wandel der Formen, Zwang zu neuer Entwickelung, veränderte Anpassungen, Degenerationen und Aufschwung. Aber grade die Spur ist verwischt — wegen der Unruhe. Erst nach langer Zeit, wenn alles sich so in Gleichtakt gesetzt hat, daß wieder viele Jahrtausende lang immer die gleichen Gewächse ihre Stämme im Torf begraben, dieselben Müschelchen in Millionen Generationen sich im Teichschlamm ablagern, geht von neuem in solcher Dauerschicht der Ruhe der Vorhang wieder für uns auf. Wir sehen dann wohl, daß alles ein Stück anders, ein Stück weiter ist. Aber grade der Zwischenakt fehlt uns in Spuren, auf die wir die Hände legen könnten.
Es ist eine bitterernste Wahrheit, daß das, was man hat, hier nichts beweist und daß man das, was beweisen könnte, nicht hat.
Nicht Darwin, sondern das Dilemma in unserm geologischen Material hat diese Ironie geschaffen.
Denken wir uns, in der Geschichte fehlte uns die Völkerwanderung. Wir hätten Pompeji und dann wieder unvermittelt das Reich Karls des Großen. Oder die Mumie eines römischen Cäsars und unmittelbar darauf das Grab eines Papstes, ohne Kenntnis des Christentums. Es gibt ja Orte, wo auch die Geschichtsdokumente ganz ähnlich abrupt aufeinanderliegen: im Lehmboden von Höhlen geraten einsinkend die Scherben von Porzellantassen moderner Kulturnomaden, vielleicht von Bahnarbeitern, die dort einmal bei Regenwetter ihren Kaffee gekocht haben, unmittelbar zwischen Knochen des Höhlenbären und Steinbeile der Mammutzeit. An Wunder glaubt aber hier niemand, bloß an Lücken der Überlieferung.
Grade bei solchem Sachverhalt ist es aber doppelt merkwürdig, doppelt lehrreich, daß sich nun dennoch — in Umkehrung des eigentlich Selbstverständlichen — darwinistische Züge in der Geologie haben aufweisen lassen.
Das erste, was immer wieder auffallen mußte und muß, ist eben die nachträgliche Existenz immer wieder so vieler neuer Tier- und Pflanzenformen von Epoche zu Epoche.
Haben wir auch durchweg nur Dauerbilder, so sind eben doch diese Dauerbilder stufenweise immer wieder verschieden.
Und dabei sehen wir klar, daß nicht etwa ein absolutes Muß der Verwandlung vorlag. Einzelne Tierformen sind tatsächlich viele Jahrmillionen bis heute unverändert stehen geblieben: die Gattung Ceratodus (Molchfisch) seit der Triaszeit; die Gattung Lingula (ein wurmartiges Tier in muschelähnlichen Schalen) gar seit jener kambrischen Epoche, mit der all unser Wissen beginnt. Warum ist nicht alles in dieser Weise seit Beginn seiner Existenz beim gleichen Leisten geblieben? Woher neben wenigen solcher Überlebenden mit jeder Epoche die Unmasse neuer, andersartiger Typen?
Und dabei ein weiterer, jetzt der eigentlich durchschlagende Zug.
Es zeigt sich, hält man Dauerbild zu Dauerbild von Epoche zu Epoche, ein Ansteigen von Unvollkommenerem zum Vollkommeneren.
Wir können da freilich nicht eigentlich von unten beginnen, da uns ja der ganze Anfang fehlt. Die kambrische Epoche setzt, wie gesagt, mit bereits relativ hohen Typen ein. Aber von da erleben wir doch noch ein Stück wenigstens mit.
Bis gegen die Sekundärperiode sehen wir ungeheure Gebiete der Erde bedeckt mit Wäldern farrnähnlicher kryptogamischer Pflanzen, also einer niedrigen Flora. Ganz allmählich erst treten dazu die systematisch niedrigsten Phanerogamen: Nadelhölzer und Palmfarrne. Erst in der Kreidezeit kommen auf einmal die höheren Blütenpflanzen.
Ganz ähnlich steigt der höchste Stamm der Tiere stufenweise von Bild zu Bild an, der der Wirbeltiere. Er erscheint mit Fischen, nur Fischen. Dann werden höher hinauf amphibische, reptilische Wesen sichtbar, erst urtümliche, dann vollkommenere. Vögel wie Säuger treten erst in der Sekundärzeit, viele Millionen von Jahren nach dem kambrischen Anfang, hervor. Der Vogel ist zuerst Archäopteryx, mit ausgesprochenen Eidechsenrückständen am Leibe. Das Säugetier ist Ursäuger und Beuteltier. Erst um die Wende zur Tertiärzeit erscheint eine Mischgruppe, die nicht mehr Beuteltier ist, aber die Merkmale von Raubtieren, Huftieren und selbst Halbaffen in sich vereinigt. Die Krone des Säugerstammes, der Mensch, endlich erscheint mindestens erst tief in dieser Tertiärzeit, selbst wenn wir ihn mit Klaatsch so weit zurückdatieren wollen, wie nur irgend zulässig. Er erscheint noch in der Eiszeit als Rasse mit primitiverem Schädel und erst nach der Eiszeit setzt seine höhere Kultur ein.
Gleiche Anpassungskreise werden dabei mehrfach in folgenden Epochen neu ausgefüllt, aber dann von einer im ganzen höheren Organisationsstufe: so ersetzen die Säuger der Tertiärzeit im gesamten Anpassungsumfang genau die Reptile der Sekundärzeit und wieder der Mensch mit seinem Werkzeug umgreift die ganze ältere Säugeranpassung.
An diesen großen Linien hat alle Kritik der Jahre seit Darwin aber auch rein nirgendwo rütteln können.
Versucht worden ist ja jeder Ausweg.
In den Steinkohlen sollten uns bloß die kryptogamischen Moore der älteren Zeit erhalten sein, wie wir deren aus Moosen heute noch genug haben, — die Nadel- und Laubwälder jener Tage aber sollten bloß zufällig keine Reste hinterlassen haben. Aber diese Farrn-, Bärlapp- und Schachtelhalmwälder von damals waren kein Moorwinkel irgendwo, sondern sie überzogen die Erde vom Nordpol bis zum Südpol in himmelragenden Stämmen. Ein Blick auf die räumliche Größe auch nur der heute bereits bekannten Kohlendistrikte genügt, um zu beweisen, daß es sich dabei um die Charaktervegetation der Erde in einer Weise handelt, wie es von keiner einzigen heutigen Pflanzengruppe behauptet werden kann. Und das eben ist das Bezeichnende.
Andere nahmen sich die Archäopteryx vor. Man hatte sie (die erst nach Darwins Auftreten gefunden worden war) als Mittelglied zwischen Eidechse und Vogel bezeichnet. Nun kommt ein feiner Kenner und zeigt, daß in der Mischung auf feinster Wagschale die Vogelmerkmale des Zwitterwesens die Eidechsenmerkmale um etwas überragen. Das wird ausgemünzt, als seien die Eidechsenzüge damit überhaupt gestrichen. Man bedenke: bei einem Tier mit Zähnen im Maul, Krallenfingern an den Flügeln, einem langen Eidechsenschwanz, primitiv geformten Wirbeln, einer Fülle noch anderer reptilischer Merkmale. Aber es ist nicht mathematisch genau die Mitte, und so wird geredet, bis der Laie betrübt abzieht und den Posten überhaupt verloren gibt.
Das Beispiel ist typisch, wie der Stoff von Gegnern behandelt worden ist und wie wertlos diese Sorte Gegnerschaft ist, die in so unendlich schwieriger, verwickelter Lage Wortspielereien treibt: ob man Mittelform, Übergangsform noch nennen dürfe, was nicht mathematisch genau den Mittelpunkt bezeichnet. Das alte Sophistenspiel, wann ein Häufchen zum Haufen wird. In dieser Welt der Annäherungswerte, wo es im abstrakt mathematischen Sinne weder Arten, noch Gattungen, noch überhaupt irgend etwas gibt!
Am verzweifeltsten ist natürlich um das kleine Endchen Paläontologie gefochten worden, das auf die Entwickelung des Menschen hinweist.
Ein Dogma häufte sich hier aufs andere. Es gibt keinen fossilen Menschen. Aber er kam, es half nichts. Zur Reserve, damit die beiden sich ja nicht begegneten, sollte es auch einmal keine fossilen Affen geben. In ganzen Reihen stehen sie heute in unseren Museen. Dann blieb: es gebe wenigstens keinen fossilen Affenmenschen. Ein in Zoologie dilettierender Theologe schrieb einmal als probates Rezept aus, man solle jede Erwähnung Darwins niederschmettern mit dem Satz: „Ist er gefunden, ja oder nein?“ Nämlich der Affenmensch. Jetzt ist er zum Schluß wirklich noch gefunden worden, ehe das Jahrhundert ausging, der Pithecanthropus von Java, mit dem Schädelinhalt haarscharf zwischen Gorilla und Mensch.
Bei manchem der wilden Kämpen in diesem Zwist tritt hier wirklich durch ihre eigene Schuld der früher erwähnte Fall ein: der Kampf wird um ein Schädelbruchstück mit der verzweifelten Überzeugung geführt, es hänge an dem Knöchelchen der Sieg oder Tod einer Weltanschauung.
Der Sieg einer einheitlichen Naturanschauung mit Entwickelungsideen ist nicht um ein so billiges zu erkaufen!
Aber feststellen darf diese Weltanschauung immerhin mit einiger Befriedigung, daß bisher auch nicht eine einzige Tatsache der Paläontologie, auch heute nach 44 Jahren nicht, existiert, die gegen eine natürliche Entstehung der höheren Tier- und Pflanzenformen aus den niederen, älteren spräche.
Etwas anderes aber ist heute nach 44 Jahren allerdings zu betonen.
Die Geologie dieser Stunde ist in vielen Zügen nicht mehr die Geologie, mit der Darwin rechnete. Komplizierter und, wenn man es nur nicht im alten Wunder-Sinne verstehen will: mysteriöser ist sie geworden.
Darwin sagte: die Tier- und Pflanzenarten haben sich im Laufe der geologischen Epochen langsam umgewandelt. Wodurch? Durch den Druck der äußerlichen Umwandlung der Verhältnisse, in denen das Lebendige auf Erden hing. Sei das einmal genug Erklärung. Jedenfalls dachte Darwin an Lyells Sätze dabei.
Lyell betonte, wie langsam, successive alles in der äußeren Geologie sich vollzogen habe: Wandel der Erdteile und Gewässer, Gesteinsbildungen, Klima, kurz der „Wechsel der Verhältnisse“.
Das war gut und paßte trefflich zu Darwins Selektions-Idee.
Lyell betonte, daß dieselben Kräfte wie heute ausgereicht hätten. Seine Verhältnisse der Vergangenheit behalten immer in ihrem stillen Strom eine größte Wesens-Ähnlichkeit mit den heutigen.
Auch das gab damals viel Hülfe. Man studierte die eigene Epoche und konstruierte danach die verflossenen, wie Mommsen aus der modernen Politik die Geschichte Cäsars ausgelegt hat.
Aber in der Weise hat sich das doch nur sehr bedingt als dauerndes Prinzip wahren lassen. Ehrlich gesagt, versagt das Prinzip heute an ganz auffälligen Stellen auch wieder. Die große Eiszeit hat da zuerst Bresche gelegt. Hier war ein Vorgang, der aus dem allzu korrekten Schema grob heraussprang. Die einfache Parole: zunehmende Abkühlung der einstmals heißen Erde in den geologischen Epochen, langte nicht aus. Warum lag diese Eiszeit schon wieder hinter uns? Vor ihr war in Europa Tropenklima. Warum? Heute ist die ganze Klima-Frage in der Geologie ein Labyrinth ungelöster Probleme. Schon dämmert die Idee auf, daß es mehrfach auch in früheren Epochen Eiszeiten gegeben habe. Periodische Erscheinungen der Erdkugel tauchen dahinter auf. Hängen sie mit periodischen Akten der Erdkugel zusammen? Hängen sie ab von Periodizitäten unseres Sonnensystems? Fragen.
Die ganze Abkühlungstheorie der Erde ist heute schwankend, wenigstens in der hergebracht einfachen Form.
Die Klimafrage ist aber nur ein krasses Beispiel. Wie hier sind erste, scheinbar sichere Schemata überall in der modernen Geologie in die Brüche gegangen. Ein ungeheurer Zuwachs von Tatsachen hat einen Berg ganz neuer Fragen aufgetürmt. Wenn wir sagen, die „Verhältnisse“ haben die Arten geschaffen, so muß uns beständig heute der Zweifel ins Ohr raunen, was wir denn von diesen Verhältnissen geologisch eigentlich wissen?
Wie viel Möglichkeiten umschließt das Wort noch, und wie wenig Klarheit!
In der Tier- und Pflanzengeschichte sehen wir einzelne besonders merkbare große Einschnitte. Wir träumen da besonders starke Umwandlungen. So vor der Trias-Periode und wieder in der Mitte der Kreide-Periode. Was ist da äußerlich auf Erden vorgefallen? „Wechsel der Verhältnisse“ ist an solchen Stellen ein Kryptogramm für uns, ein Deckwort für ein Bündel dunkler Dinge, deren Füße wir bloß gespenstisch hinter dem Vorhang arbeiten sehen.
Kaum eine einzige große Hypothese der älteren Geologie schließlich, die im Moment nicht wackelte. Sie ist ein unendlich viel merkwürdigeres Ungeheuer, diese alte Erde, als wir dachten. Man braucht bloß an die magnetischen Erscheinungen, die Polschwankungen und anderen Achsengeheimnisse, den Wechsel des Meeresniveaus, die immer wieder verwirrten vulkanischen Phänomene, die Geheimnisse der Innenwärme zu denken, um den Stich zu fühlen, wie wenig wir von diesem Ungeheuer wissen. Jene unerklärten krystallinischen Schiefer rufen es uns aus der Mineralogie zu. Von den rätselhaften Periodizitäten der Sonne, deren Fleckenperiode mit unsern magnetischen Mysterien über 20 Millionen Meilen hinweg in Kontakt steht, kommt es auf kosmischen Umwegen zu uns zurück.
Kein geologisch geschulter Mensch denkt daran, die Fäden dieses dunkelsten Gewebes außerhalb der Naturgesetzlichkeit zu suchen. Der Wechsel, das Andersartige grade der Bilder predigt aufdringlich genug Entwickelung.
Nichts also entfernt sich in dieser Geologie der unendlich höher gespannten Möglichkeiten im Prinzip von Darwin.
Aber wir dürfen uns grade in seinem Sinne nicht dagegen verschließen, daß nun der Entwicklungsprozeß des Lebendigen in diesem ungeheuren, kaum erst in seinem Umfang hier und da geahnten Spiel der geologischen Gesamtdinge, dem gigantischen Gesamtprozeß der Entwickelung des Erdplaneten, mit allen Fasern auch hängt, — in seinen Rätseln hängt.
Phasen dieser Gesamtentwickelung können in ihn eingreifen, von denen der Anblick der heutigen Verhältnisse wahrscheinlich ebenso wenig ein Bild gibt wie das enge, einer Uhrfeder gleich sich abrollende Leben eines kleinen Philisters in einer erstarrten Umgebung ein psychologisches und kulturgeschichtliches Bild geben würde von der ideellen Siedehitze eines Kopfes in einer sozialen Revolution oder in der ungeheuren Stunde einer Religionsgeburt.
Ich glaube zuversichtlich, daß die Geologie in diesem Sinne noch einmal reden wird, viel reden wird zu Darwin, — nicht in dem kleinlichen Sinne, daß sie die paar paläontologischen Daten, die jetzt schon allgemein eine Entwickelung befürworten, wieder umwerfen sollte, wohl aber so, daß sie Darwins Programm von den „Verhältnissen“ uns erst eigentlich erfüllte.
Unvermerkt wird dabei freilich auch der Begriff „Verhältnisse“ selbst eine leise, aber schließlich doch wichtige Umwandlung erfahren: — eine Erweiterung.
Der Prozeß wird wahrscheinlich ein ganz ähnlicher werden, wie heute in der von der Nationalökonomie in bestimmtem Sinne beeinflußten Geschichtsauffassung. Auch da spielt das Wort „Verhältnisse“ eine überwältigende Rolle. Je mehr die Forschung sich aber vertieft, desto mehr geht in sie alles, was man früher „Ideen“ nannte, doch auch wieder als Faktoren ein, man spricht von einem „Milieu der Ideen“ in bestimmter Zeit, und schließlich zeigt sich hier wie überall als Parole des Fortschritts, daß es nicht gilt, irgend etwas herauszuwerfen aus der Betrachtung, sondern nur immer mehr hinzu zu umgreifen.
Ich berühre damit schon etwas, was ich oben als zweite Stufe in Darwins Werk bezeichnet habe: seine Idee über das eigentliche Gesetz der Entwickelung im Tier- und Pflanzenreich.
Ein Naturgesetz in der biologischen Entwickelungslinie suchte Darwin — und er geriet auf die Selektion.
Seit 44 Jahren geht der Streit, ob er in diesem Punkte recht gesehen. Aber neben diesem Fachstreit gibt es noch einen anderen, der auch anknüpft an das Wort Selektion.
In ihm wird behauptet, daß Darwin gerade mit diesem seinem individuellsten Gedanken doch die ganze Entwickelungsidee entscheidend beeinflußt und umgestaltet habe.
Zerstört, sagen die einen.
Erst vollendet, die andern.
Ein Teil von Darwins Ruhm stammt aus dieser Ecke, weil er hier scheinbar Leuten entgegen gekommen ist. Ein Teil auch von dem Haß, den er erlitten, von der Reaktion einer aufgestörten Stimmung. Und immer wieder hat dieser große Hall auch in die engeren Fachkämpfe hinein nachgezittert.
Ist die Sache wahr?
Darwins Tat traf äußerlich mitten hinein in den erbitterten Zwist noch zweier anderer Weltanschauungen als bloß „Hie Wunder, Hie Naturgesetz.“
Ich kann das Wunder verwerfen und an eine natürliche Entwickelung, an eine einheitlich gebaute Natur glauben. So sind mir doch in dieser Überzeugung noch zwei Anschauungen möglich.
Ich kann in der Natur ein sinnloses Spiel sehen, ein Auf und Ab ohne inneren roten Faden, ein Welt-Kuddelmuddel.
Ich kann aber auch in dieser Natur ein allgemeines ungeheures Aufwärtsringen gewahren, ein Aufwärtsringen allerdings bloß mit natürlichen Mitteln, innerhalb und vermittelst der Naturgesetze, — aber doch ein Empor, in dem sich schließlich das Höchste erfüllt, — das erfüllt, was die ältere Betrachtungsweise noch einmal extra und außerhalb der Natur als Göttliches gesucht hatte.
Jene erste Ansicht ist eine unbedingt pessimistische, die zweite eine wenigstens bedingt optimistische. Goethe mit seinem Begriff „Gott-Natur“ stand stets der letzteren näher. Die erstere aber durchfärbte den Pessimismus des ganzen 19. Jahrhunderts mehr oder minder stark und gab dem Jahrhundert auch da, wo sie bloß halb und unklar auftrat, merkwürdig scharf seine Physiognomie; zumal gegen sein Ende hin.
Wahr ist nun, daß die Selektions-Idee, die Darwin in den Entwickelungsgedanken gebracht hat, zunächst nur auf die erstere, die Kuddelmuddel-Anschauung, energisch bezogen worden ist.
Darwin brachte als ganz, oder doch nahezu ganz neu den folgenden Gedanken.
Hier stehen zweckmäßige Gebilde in der Natur. Hat irgend eine Intelligenz sie sofort so zweckmäßig hergestellt?
Nein, sagt Darwin, sondern die Natur produzierte zunächst ohne Wahl ungezählte Varianten, zweckmäßige und unzweckmäßige durcheinander. In der logischen Notwendigkeit dieser gleichen Natur aber war enthalten, daß bei gleicher Konkurrenz nur die zweckmäßigen Gebilde sich erhielten, die unzweckmäßigen dagegen untergingen.
Alles Kosmische, Geordnete, Stabile der Welt, so kann man Darwins Idee verallgemeinern, ist ein Produkt bereits solcher logischen Auslese.
Der Kuddelmuddel-Pessimismus zog daraus den Schluß, daß also auch dieses Kosmische, Geordnete, Zweckmäßige bloß ein Produkt des Kuddelmuddels sei. Die Würfe der Natur, schloß er, erfolgten also nicht auf ein optimistisches Prinzip hin. Und erst die Auslese täusche eine Ordnung, eine immer zweckmäßigere Entwickelungswelt, vor.
Diese pessimistische Folgerung aus Darwin ist aber im tiefsten Kern nichts anderes als ein grober Trugschluß.
Das Resultat, das ist vorweg zu betonen, bleibt auch bei Darwin genau als das gleiche stehen. Es treten uns zweckmäßige, harmonische, kosmische Dinge (Kosmos gleich Ordnung!) als Resultate von Entwickelungen konkret in der Welt entgegen. Davon gehen wir aus, — also von einem Schluß-Phänomen, das für uns aber zugleich eine Art Ur-Phänomen bildet.
Das Neue, das Darwin hinzutut, steckt nun nicht in der Anfechtung dieses Resultats, sondern lediglich in einer neuen Analyse des Weges, der in der Natur dahin führt.
Über diesen Weg sagte aber auch jene optimistische Gott-Natur-Auffassung zunächst gar nichts aus, — er ist in ihr offenes Problem. Auch sie muß ja zu ihrer Welt über die Naturgesetze. Da nicht alles bereits Harmonie in der Welt ist, wird ein allzu bequemer Weg von vorne herein hier nicht wahrscheinlich sein, — die Existenz des Harmonischen scheint viel eher überall ein langes, umständliches Ringen vorauszusetzen, einen Kampf, wo jeder Schritt schwer bezahlt werden muß.
Jene andere, ältere Anschauung freilich, die eine überweltliche Intelligenz von jenseits der Glocke in die Natur eingreifen ließ: sie schrieb im Gegensatz dazu auch ihren Weg tatsächlich vor und sie konnte vom ersten Satz an sich also mit der Selektion Darwins nicht befreunden. Ihr eingreifender Schöpfer ist einfach ein aktiver Mensch, dessen Handlungen nur im Bilde eines solchen zu denken sind, bloß noch viel direkter, da er allmächtig ist.
In der Gott-Natur Goethes dagegen sind viele Wohnungen.
Sehen wir ruhig an, welchen Weg Darwin von ihr verlangt und ob er ihrem Bilde überhaupt widersprechen kann.
Darwins Selektionslehre, im weitesten Sinne als kosmosbauendes Naturprinzip gefaßt, rechnet mit der Existenz einer ganzen Reihe fester Naturveranlagungen.
Es ist eine solche Veranlagung, Potenz, Eigenschaft der Natur, daß sie überhaupt Varianten erzeugt, aus denen eine Auslese stattfinden kann.
Es ist eine weitere Veranlagung, daß sie auch als zweckmäßig verwertbare Varianten dabei wirft; daß sie es tut, zeigt das Schlußphänomen.
Ferner eine, daß eine Auslese in Frage kommt; sie findet in ihr statt, ist also als ganzes ihre Eigenschaft.
Ferner, daß eine Logik bei dieser Auslese die passenden Varianten bestehen läßt, ihnen ein Plus gibt vor den andern und damit der ganzen Weltentwickelung ein Übergewicht gegen harmonische Verhältnisse hin verleiht. Auch diese Logik steckt doch gegeben in der Natur. Es ist ja vielfach ein billiges polemisches Kunststück, derartige Logik als solche gleichsam noch einmal wieder abzuziehen vom Begriffe „Natur“, womit dieser dann allerdings leicht dem Kuddelmuddel ausgeliefert ist. Warum aber überleben die Passenden die Unpassenden? Aus einfacher Logik, sagt jeder. Nun grade an dieser Naturlogik als einer Eigenschaft der Natur hängt aber nach Darwin das Schlußentstehen eines geordneten Kosmos. Nicht auf regellosen Zufällen, sondern auf klar gegebenen Eigenschaften der Natur, die für sie ein absolutes Muß bilden, beruht auch in der extremsten Selektionstheorie die Entwickelung zu harmonischen, stabilen, zweckmäßigen Gebilden. Eine nur dieser Eigenschaften fehlend — und kein Zufall brächte je das geringfügigste „kosmische“ Verhältnis hervor!
Kein Mensch kann mir demnach logisch verbieten, den Sachverhalt im ganzen so zusammenzufassen, daß ich sage: die Natur hat die Eigenschaft, sich in der Richtung auf kosmische, geordnete, in ihrem Zusammenhang zweckmäßige Verhältnisse zu entwickeln; und die Selektion ist bloß der verwickelte Weg im Spiel dieser Eigenschaft.
Mit der kosmischen Tendenz als Eigenschaft der Natur (Tendenz fällt hier vollkommen zusammen mit Finalität!) bin ich aber vollständig heraus aus jeglicher Kuddelmuddel-Theorie und noch in dem alten optimistischen Entwickelungsgedanken samt und trotz der Selektions-Theorie.
Zugestanden: Darwins Weg ist ein umständlicher.
Es ist richtig, wie man gesagt hat: die Natur Darwins durchsetzt, um einen Hasen zu schießen, die Luft mit Millionen Kugeln nach allen Richtungen, anstatt eine Kugel senkrecht auf ihn los zu feuern.
Aber die Hauptsache bleibt, daß der Hase auch so geschossen wird, — geschossen werden muß nach unerbittlicher Logik.
Und was wissen wir im Grunde über Länge oder Kürze der Wege in der zum Kosmos sich entwickelnden Natur? Wir sehen über hunderttausende von Jahrmillionen der Geschichte allein unserer Erde im Sonnensystem zurück. Wer will da das Tempo, will Methoden kritisieren?
Es ist sogar wirklich höchst lehrreich, sich einen Augenblick zu vergegenwärtigen, wie in jenem Bilde vom Hasen das sicherste Ziel, — das Erlegen des Hasen um jeden Preis — überhaupt zu erreichen war.
Ganz streng ging es tatsächlich nur auf zwei Wegen an: entweder mit einem absolut treffsicheren Einzelschützen — oder mit jenem alles abrasierenden Kreuzfeuer.
Nun läßt sich aber immerhin ganz plausibel behaupten, wenigstens in der uns sichtbaren Naturlinie sei der annähernd treffsichere Einzelschütze erst eine ganz späte Errungenschaft: nämlich der Mensch selbst.
Es ist durchaus denkbar, daß, so lange die Natur den Menschen als graden Zweck-Weg noch nicht im Spiel hatte, sie den andern Weg wählen mußte in der einfachen Alternative der beiden einzigen absolut sicheren Möglichkeiten.
Es gibt einzelne gute Beispiele in der Welt des Lebendigen, wo man einen ganz ähnlichen Faden wirklich ad oculos demonstriert bekommt, z. B. bei den Zeugungsverhältnissen. Die Auster schwängert das ganze Wasser um sich her mit Samen, in Voraussetzung, daß bei diesem Kreuzfeuer ein einziges Samentierchen die Eizelle der Nachbarauster finden und befruchten werde. Bei den Schnecken und Tintenfischen schon und überhaupt bei den höchsten Vertretern der Tierstämme finden wir im Gegensatz dazu das Prinzip der Einzelflinte (wenn auch noch nicht der Einzelkugel): bestimmte Organe, die das befruchtende Element unmittelbar an seine Stelle im weiblichen Organismus einführen.
Fragt natürlich jemand: warum macht die Natur überhaupt erst Austern und warum übte sie nach Darwin zuerst blinde Selektion statt treffsicheren Schießens mit Menschenflinten, — so kann ich das nicht lösen. Es fällt zusammen mit der Frage: warum überhaupt Entwickelung? Ich meine aber, daß die einfache Existenz dieser ungelösten Frage an sich noch nichts für den Welt-Pessimismus und die Kuddelmddel-Theorie beweist.
Jeder Begriff der allmählichen Entwickelung vom Unvollkommenen zum Vollkommeneren schließt ja gewisse Faktoren des Mißlichen, des Schmerzes ein. Denn das Niedrigere, indem es vom Höheren überboten, besiegt wird, ist allemal in irgend einem Sinne ein Absterbendes, das unter die Füße getreten wird, und da die Natur nun einmal Empfindung mit sich gebracht hat, wird das schmerzlich empfunden werden.
Reicht es doch bis in unser höchstes Geistesleben. Jeder Irrtum, der abgetan wird, ist ein Stich, jeder vom besseren verdrängte Gedanke, der doch einmal in uns lebte, ein Tod mit Sterbeschmerz. Aber die Idee der aufsteigenden Entwickelung als optimistischer Generalfaktor überbietet das immer wieder, grade wenn man auf das Ganze sieht. Und von Kuddelmuddel ist keine Rede, so lange überhaupt nur ein kontinuierlicher Entwickelungsfaden mit Überbietung eines Minderguten durch ein Besseres sichtbar bleibt.
Wer da meinte, die Weltgeschichte sei mit Darwin nicht bloß einer gewissen Wegblindheit in älteren Tagen, sondern dem wahren absolut sinnlosen und blödsinnigen „Zufall“ ausgeliefert, der hatte übrigens noch ein drastischeres altes Bild gelegentlich zur Hand, als jene famose Hasenjagd. Ein Schwein wühlt in einem ungeheuren Haufen Buchstaben. Es wühlt ihn zu immer neuen zufälligen Kombinationen durcheinander. Als eine solche Kombination entsteht eines Tages die Ilias. So soll es mit den harmonischen, den kosmischen Gebilden in der Welt überhaupt sein, und zwar beweise das eben Darwins Selektions-Theorie.
Das Beispiel ist in der Tat aber höchst prägnant grade für das oben Entwickelte.
Auch hier ist das Resultat zunächst nur eines: nämlich eben die Ilias. Damit sie aber werde, sind eine ganze Reihe fester Voraussetzungen nötig, deren Summe der Kraft nach eben auch schon die ganze Ilias enthält.
Zunächst jener Buchstabenhaufe, in dessen Buchstabenkombinationen auch schon die Ilias einmal ganz steckt. Dann die unendliche Wühltätigkeit des Schweins, die nicht rastet, bis endlich auch die Kombination Ilias da ist. Das Gleichnis enthält eins nicht, das hier bei Darwin sehr wesentlich ist: das Harmonischere ist das Erhaltungsfähigere. Man müßte das Gleichnis ergänzen, indem man etwa sagte: im Moment, da das Schwein ein Stück Ilias herausgerüsselt hat, kleben jedesmal grade diese Buchstaben plötzlich so fest aneinander, daß der Rüssel sie nicht wieder zerstören und nicht wieder weiterverwühlen kann. Doch das nebenbei.
Die Hauptsache ist auch hier: der Buchstabenhaufe und das wühlende Schwein bezeichnen bloß einen Weg zum Auslösen des gleichen Ziels. Die Intelligenz des Schweines erzeugt allerdings nicht die Ilias, — das entspricht genau dem Gedanken Darwins, daß der auslesende Kampf ums Dasein selber durchaus nicht als zweckschauende Macht im Menschensinne zu deuten sei. Aber der Gesamterfolg wird gleichwohl einem Komplex von Gesamteigenschaften in dem umfassenden Organismus „Buchstaben — Logik — Zeit — Schwein — Wühleifer und Ausdauer dieses Schweins“ verdankt: — niemand wird bestreiten können, daß dieser so begabte Organismus die Tendenz hat, eine Ilias hervorzubringen.
Und mehr brauchen wir ja nicht für die Natur.
Die Dinge lagen hier bloß noch etwas verwickelter.
Die Selektion hat zunächst das Menschengehirn herausgewühlt. Dieses Menschengehirn dann erzeugte die wirkliche Ilias. Schließlich könnte man aber auch im Menschen noch einmal mit etwas Phantasie das Urbeispiel innerlich weitertreiben. Aus einer riesigen Auslese bleiben die griechischen Schriftzeichen, Sprachformen, Begriffe übrig. Aus einer unendlichen Auslese erhebt sich der (oder erheben sich die) Verfasser der Ilias grade mit dieser Wortkombination. Eine unendliche Auslese, Wahl, Verwerfung von Bildern, Ideen, Erfindungen ging ihr im Dichtergehirn vorauf. Es ließe sich wenigstens als Aufgabe stellen, in alledem die Selektion aufzuspüren.
Wahr ist ja, daß unsere feinste Gedankenarbeit bis ins tiefste dichterische Empfinden Züge zeigt, die sich immer noch auffallend gut mit Selektion vergleichen lassen.
Wir suchen ein Bild, einen Schluß. Eine ganze Kette von Vorschlägen gleichsam taucht aus der Tiefe, ohne daß wir den Prozeß irgendwie bewußt beherrschten. Sie treten in Konkurrenz, blitzschnell oft, oft auch sehr langsam. Es ist, als passierten sie Stück für Stück Revue vor einem logischen Prinzip, einem Messen an bestimmten Forderungen. Das fällt, jenes, noch eins, — da: endlich sitzt die dunkel in uns arbeitende Maschine. Das hier und kein anderes ist das erlösende Bild, die treffende Idee, — heureka, wir haben es.
Auch diese subtilsten Dinge beherrscht unsere bewußte Intelligenz keineswegs in ihren einzelnen Bedingungen. Wohl haben wir das Gefühl, daß etwas in uns sei, das auch das Ganze wieder umgreift, und in dem diese Bedingungen Eigenschaften sind. Und wohl hat das schließliche Resultat den klarsten Sinn für unsere Intelligenz. Aber auf dem Wege spielen sich eine Masse Prozesse ab, die uns vom Intelligenzboden aus da genau so fremdartig und so unnötig umständlich erscheinen könnten, wie in der Welt Darwins der Weg über die Selektion.
Warum gehorcht dem Wunsche nach einem Bild, einer Idee nicht sofort die höchste uns gegebene, zielsichere Intuition, — der Flintenschuß, der den Hasen mit einer einzigen Kugel fällt? Warum dieses Aufdrängen von Massen Varianten, von denen doch nur eine sich der Forderung wirklich verbinden kann, während alle andern ergebnislos wieder verpuffen wie die Million übriger Kugeln jenes Kreuzfeuers?
Ich glaube, daß wirklich nichts lehrreicher ist zum Begriffe „Verschwendung“ und „Umständlichkeit“ in der Natur, als ein wenig Beobachtung in unserem eigenen Denkapparat.
Es gibt bekanntlich eine philosophische Auffassung, die alles Reale der Welt eigentlich als ein Seelisches faßt und in der ganzen Weltentwickelung also einen ungeheuren Denkprozeß des Naturgeistes sieht.
Auf den ersten Blick hat es gewiß den Anschein, als werde eine derartige Weltanschauung nun wenigstens mit der Selektion nichts anfangen können. Und im Kampfe des Tages ist in der Tat sogar von dort gelegentlich recht demonstrativ die ganze Darwinsche Selektionstheorie der Kuddelmuddel-Theorie zugeworfen worden, — natürlich zur Freude der letzteren.
Aber was hätte solche Weltgedanken-Philosophie anderes an Analogie zur Hand, als eben unsere eigenen Denkprozesse — und wenn nun gerade in denen selektionsartige Dinge auftauchen, — weshalb sollte die große Naturseele beim Bauen ihrer kosmischen Gebilde nicht ähnlich ihre Ideen auf dem Selektionswege zustande gebracht haben?
Kuddelmuddel jedenfalls kommt damit so wenig in den Weltprozeß, wie unser eigener feinster Gedankenprozeß etwa beim Dichten oder dem Verfolgen einer wissenschaftlichen Idee trotz aller wieder ausgestrichenen Gedankenvarianten und zerrissenen Zettel irgend eine Ähnlichkeit mit Kuddelmuddel-Wirtschaft hat — was, wie ich hoffe, doch wohl jedermann zugeben wird.
So viel zur philosophischen Klärung.
Die letzten Sätze haben ja streng genommen schon in ein ganz anderes Gebiet eingelenkt: nämlich in das Gebiet der Frage, ob die Selektion wahr sei?
Diese Frage fällt nun selbstverständlich nicht mit der zusammen, ob sie gegebenen Falles jene Folgen für den großen Entwickelungsgedanken mit sich zöge.
Ich meine aber, daß wir, ich möchte wohl sagen: gemütlicher an die Dinge herangehen, wenn wir der Entscheidung über diese Eventualität vorweg sicher sind und damit erst vor die Wert-Frage im Wahrheitssinne selber treten.
Mir persönlich ist es so ergangen, wenn ich zurückblicke. Ob mit, ob ohne Selektion, habe ich mir eines Tages gesagt: in den Weltblödsinn hinein geht es auf alle Fälle nicht. Niemals kommen wir auch mit der Selektion auf ein wirkliches Chaos als Ausgangspunkt der sichtbaren Welt, — immer bleibt eine Ur-Logik des Naturganzen, die auf kosmische, harmonische, höhere Gebilde führen mußte.
Darwin hat seine Selektionsfrage auf ein ganz bestimmtes Gebiet beschränkt. Er fragte nach der Entstehung der Tier- und Pflanzenarten — allerdings ein Feld, wo seit Alters das gesteigert Harmonische, die innere höhere allgemeine Zweckmäßigkeit doch grade ganz besonders stark in die Augen gefallen war.
Ist ihm der Beweis zu Gunsten der Selektion in seinem Spezialfalle gelungen, so hat er ein famoses Exempel geschaffen.
Ist er nicht geglückt, so muß eine andere Deutung des Weges gesucht werden, den die Entwickelung hier genommen hat. Niemals aber ist diese Entwickelung selbst als Grundauffassung bedroht!
Es ist möglich, daß der antidarwinistische Stürmer und Dränger vom Modeschlage, wenn man ihn bis hierher geführt hat, die Sache überhaupt nicht mehr interessant findet.
Um den Preis bloß dieser kleinen Schwankungen mache ihm der ganze Feldzug gegen Darwin keinen Spaß mehr! Wenn nicht mehr herauskomme ....
Da kann ich ihm nun nicht helfen. Ich für mein Teil finde, daß der Fortgang der Debatte jetzt erst wirklich interessant wird. Freilich wird er’s nicht mehr zu gunsten von Modeschlagworten. Denn hier gilt das alte Wort: die Moral aus der Geschichte ist keine Rede, sondern eine Handlung. An dieser Ecke kann schlechterdings kein theoretisches Gerede den Darwinismus über sich selbst hinausführen, sondern nur noch ernste, strenge, wissenschaftliche Tat, — Tat in fachwissenschaftlicher Spezialarbeit.
Ich denke an eine solche Tat, — wie fruchtbar sie gleich ist! Die Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze.
* * *
Die Geschichte, an die ich mich erinnere, fängt streng genommen an mit der Entdeckung Amerikas, — mit der ja so vieles Merkwürdige für unsere Kenntnis wie Schätzung des Himmels und der Erden angefangen hat.
In der hübschen Morgenstunde des 12. Oktober 1492, als die Kanonen der „Santa Maria“ den großen Tag verkündeten, stellte sich das Zünglein der Wage auch schon auf die Entscheidung ein: wer nun Herr werden sollte, die alte Welt über die neue oder die neue über die alte. Es sollte noch gar manche Sprünge vor und zurück machen, dieses Zeigerlein. Was Kolumbus damals aber wohl am wenigsten geahnt hat, das war die rasche und endgültige Lösung der Frage durch einige der sanftesten Landeskinder der neuen Erdhälfte, wenigstens für ihr Gebiet: nämlich Pflanzen.
Im Laufe der jetzt verflossenen vier Jahrhunderte haben eine Anzahl amerikanischer Pflanzen unzweideutig die alte Welt erobert.
An jenem Entdeckungsmorgen berührte des Altweltlers Kolumbus Fuß auch den Erdteil der Nachtkerzen.
In bald hundert Arten wuchs das Geschlecht dieser lieblichen Blumen auf dem neuweltlichen Kontinent. Ein schwefelgelber Strauß Nachtkerzenblüten, in unsere sandige Mark gebracht, wäre damals ein eigenartig exotischer Genuß von jenseits des großen Wassers mit allem Zauber jungfräulicher Neuheit gewesen.
Uns nachkolumbisches Geschlecht nimmt das schon Wunder. Denn wir pilgern aus der Stadt in die märkische Heide und am Bahndamm zwischen den Kiefern stehen die Nachtkerzen Kopf an Kopf wie die gelben Flämmchen, ein echtes und rechtes Unkraut, das uns weder in Liebe noch Haß für gewöhnlich imponieren kann. Denn es gehört zwar zum altvertrauten Vaterlandsbilde, aber der schlichte Sinn achtet es doch durchweg eben als ein Unkraut sehr niederen Grades.
Nun denn: die erste Oenothera, wie die Nachtkerze als botanische Gattung heißt, kam um 1614 aus Virginien in Nordamerika zu uns herüber. Es war die sogenannte Oenothera biennis. Im Jahre 1778 führte John Fothergill eine zweite Art (muricata), 1789 John Hunnemann die dritte (suaveolens) aus Kanada ein. Europas Luft und Erde sagten den Gästen aber alsbald so zu, daß sie sich heimlich aus den Gärten, wo man sie als fremde Rarität gehegt, fortmachten und bald da, bald dort als freie Kolonisten auf eigene Faust ansiedelten. Seitdem besitzen sie Sandgrube und Düne und Waldrain bei uns, als hätte Thusnelda schon ihre Kränze aus ihren Gelblingen geflochten.
Das ist die ursprünglichste Voraussetzung der wunderbaren Historie, die es zu berichten gilt: die erste Station der Nachtkerze von Amerika bis zum märkischen Bahndamm.
Die nächste Wegstrecke ist freilich etwas länger. Sie führt nämlich von da bis ins Herz menschlicher Philosophie und Weltauffassung.
Am Ende des 18. Jahrhunderts lebte in Paris Lamarck, Botaniker und Zoologe, ein ebenso großer Mann wie Pechvogel der Weltironie. Er predigte die natürliche Entwickelung der Tiere und Pflanzen und die Wandelbarkeit der Arten zu einer Zeit, da nur ein halbes Dutzend Auserlesener (die sich meist untereinander nicht kannten) etwas davon wissen wollte, der nicht unbeträchtliche Rest dagegen solche Ideen als Kontrebande aus dem Heiligtum der Forschung hinausprügelte.
Dieser Lamarck fand wieder in einem Augenblick, da ihm alle Spekulation ganz fern lag, im Herbarium des Pariser Pflanzengartens einige getrocknete Exemplare auch so einer amerikanischen Nachtkerzen-Art, die er als erster wissenschaftlich beschrieb. Sie war von den genannten anderen verschieden und der Zufall wollte, daß sie in der Folge den Namen Oenothera Lamarckiana bekommen hat.
Heute, da jedermann den alten Lamarck als Vorläufer Darwins kennt, klingt das förmlich herausfordernd darwinistisch. Gedacht hat sich aber damals und noch lange später niemand etwas derart dabei. Es war wie ein prophetischer Donnerschlag der Olympischen, den zunächst jeder für ein ganz simples Gewitter hält.
Auch diese Lamarcksche Nachtkerze ging übrigens den Weg ihrer Schwestern. Sie wanderte zunächst in unsere Gärten hier und da ein, und wenn die Gartenpforte offen stand, rückte auch sie ein Schrittchen weiter, fühlte sich wieder als freie Farmerin mit dem Pioniermut des Westens und verwilderte. Das aber sollte grade ihr großes Schicksal bedingen.
Im Jahre 1886 war es.
Und in Holland war es, Nord-Holland, zwischen Hilversum und s’Graveland.
Dr. jur. J. Six hieß ein Mann dort und der Mann hatte einen Kartoffelacker. Er gehörte zu seinem Gute, Jagtlust mit Namen. Durch Kanalanlagen war das Feld von drei Seiten her unzugänglich geworden und infolgedessen hatte der Eigentümer es seit einer Reihe von Jahren nicht mehr verpachtet. Es lag da, in die Hand der Natur zurückgegeben, was sie mit ihm machen wollte. Und sie schenkte ihm, was sie für solchen Acker hat, von dem der Mensch seine Hand zieht: Unkraut unter dem Himmel.
Ich erzähle die Umstände so genau, denn der Leser wird die Behauptung zu hören bekommen, es habe sich auf diesem Kartoffelacker, der brach lag wie in einem Gleichnis des Evangeliums, nichts Geringeres vollzogen als eine Art Akt der Weltschöpfung. Den Lehm, aus dem eine Welt geschaffen wird, möchte man doch aber genau kennen.
Noch wieder in nicht allzuweiter Entfernung von diesem Acker hatte Herr Six Gartenanlagen und darin ein kleines Zierbeet. Als Gartenpflanze war dort neben anderem bunten Volk auch die gelbe Nachtkerze Lamarcks gelegentlich angepflanzt worden. Ihr aber war, treu dem alten Nachtkerzen-Gelüst, das Beet bald zu klein geworden. Da lag ja, gerade von dieser Seite zugänglich, der leere Acker, eine Fläche von 5000 Quadratmetern. Also dehnte sie sich allgemach dort hinüber, setzte ihre Kinder und Kindeskinder ins freie Feld und trieb zwischen den Kanälen des Herrn Six im Kleinen, was ihre Schwestern im großen Stil einst mit ganz Europa gemacht hatten.
So lagen die Dinge im Sommer 1886.
Das Kulturbeet war selber eingegangen, kaum daß man seinen Fleck noch erkannte. Ringsum aber in das Feld hinein und da und dort schon tief in diesem drängte es sich in zierlichen Blattrosetten und hohen Stauden von verwildertem Oenotherenvolk. Im Juli und August flammten mit ihrem verwegenen Leuchtgelb zahllose Blüten auf. Und da geschah’s.
Just auf diesen Goldacker geriet nicht ein harmloser Spaziergänger, den bloß die gelben Blumen freuten, sondern ein Mann, der seit Jahren auf der Lauer lag, ja dessen Geist so zu sagen ein großes Klappnetz darstellte, bereit, beim geringsten Einschlag mit energischstem Ruck zusammenzuschlagen.
Wenige Minuten davon hatte sich für drei Sommer der Professor der Botanik zu Amsterdam, Hugo de Vries, einquartiert.
1886, — das waren nicht mehr die Zeiten Lamarcks.
Dazwischen lag jenes Kolumbus-Jahr der neueren Biologie: 1859, da Darwin auftrat. Was bei Lamarck ein Traum eines einzelnen gewesen war, das hatte Darwin den Zeitgenossen als höchstes wissenschaftliches Arbeitsziel beigebracht: die Suche nach dem Werden der Tier- und Pflanzenarten, das Studium der Wandlungen, Umgestaltungen, Entwickelungen im Bereich des Lebendigen. Inzwischen waren indessen wiederum fast dreißig Jahre hingezogen. Die Generation nach Darwin hielt den Meister hoch in Ehren, aber sie grübelte selber schon wieder ein Stück weiter, wie das ihr gutes Recht war. „Was du ererbt von Deinem Darwin hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ De Vries war in den wesentlichsten Punkten Darwinianer, wie sich das beinahe von selbst verstand. Er zweifelte keinen Augenblick mehr an einer Entwickelung des Lebendigen nach natürlichen Gesetzen und an einer Wandelbarkeit der Arten. Aber der alte Darwin hatte auch jene Sätze über das „Wie“ dieser Entwickelung und Wandlung gelehrt: — von Vererbung, Anpassung, Kampf ums Dasein, Variieren, Zuchtwahl und Verwandtem. Dieser alte Darwin hatte dabei nie verfehlt, diese seine engeren Ansichten als alles eher, denn ein Dogma hinzustellen. Er verstand unter dem „Darwinismus“ nichts mehr und nichts minder als ein schweres Arbeitsprogramm für die Zukunft.
Die Generation, zu der de Vries (geboren 1848) gehörte, fing an, das mehr und mehr wirklich als Ernst zu fühlen. Man hatte im ersten Feuer doch etwas viel nur für die äußerliche Ausmünzung der Ideen Darwins gewirkt. Jetzt besann man sich auf des Meisters innerste esoterische Kernlehre: daß ja die Hauptsache erst noch zu leisten sei durch unermüdliche harte Beobachterarbeit. Auch de Vries hatte sich sein Programm gemacht, wo er arbeiten wollte.
De Vries war Botaniker.
Darwin hatte gelehrt, daß auch bei den Pflanzen die „Art“ veränderlich sei. Neue Arten entwickelten sich aus schon vorhandenen, und so fort. Ungeheure Linien dieser Entwickelungen lagen zweifellos in der Vorwelt, der Geschichte. Sie konnten in ihrem eigentlichen Verlauf, als Vorgang, von uns nicht mehr beobachtet werden. Aber Darwin neigte dazu, daß die Naturgesetze der Vergangenheit keine anderen seien als die unserer sichtbaren Gegenwart, — ein Punkt, in dem er wohl sicher recht hatte. Dann aber wurde im höchsten Grade wahrscheinlich, daß die Entstehung neuer Arten noch weitergehen und auch bis zu uns heranreichen müsse.
Darwin zog denn auch, um die Sache aufzuhellen, ganz folgerichtig die Experimente unserer heutigen Gärtner und Tierzüchter heran, die, wenn nicht Arten, so doch mindestens Abarten herangezüchtet zu haben glaubten durch planmäßiges Ausnutzen kleiner natürlicher Veränderungen.
Dieser Weg führte ihn auf gewisse mögliche Gesetze der wirklichen Artentstehung in der Natur. Aber grade er schien ihm auch zu beweisen, daß der wahre Naturweg in diesen Dingen ein ganz unglaublich langsamer sei. Die winzige Zeitspanne, in der wir beobachten, schien viel zu kurz, um eine wahre Artentstehung, die Entwickelung einer neuen Pflanzenart aus einer andern ohne menschliche Nachhilfe, darin schon erleben zu können. Das war denn nun eine mißliche Zwickmühle. Die eine Beweisinstanz geriet in die unfaßbare Vergangenheit, die andere in die nebelblaue Zukunft. Dort waren wir nicht mehr dabei, und hier noch nicht.
Es gab hitzige Köpfe, die da behaupteten, an diesen Dingen hinge ein großes Stück Weltanschauung. Es war nicht gerade angenehm, von dem entscheidendsten Ding dann sagen zu müssen, es schwebe wie Mohammeds Sarg einstweilen zwischen Himmel und Erde.
Leute der jüngeren Generation, wie de Vries, begannen zu fragen, ob Darwin hier unbedingt Recht behalten solle, — nicht mit seiner Entwickelungsidee, sondern mit seiner Skepsis. Wenn es nun bei sorgsamster Tatsachenprüfung doch einmal glückte, die Natur bei der Arbeit zu belauschen, wie ihr das Meisterstück gelang, heute noch unter unsern kritischen Augen eine neue Art zu schaffen?
Gelang es, so mußte ja im „Wie“ der Artbildung einiges anders sein, als Darwin sich gedacht hatte. Aber darauf kam ja grade gar nichts an. Man arbeitete nicht an einem toten Monument für Darwins Einzelmeinungen, sondern man arbeitete an einem lebendigen Werk der Wahrheit, das sein Name als der eines vorbildlichen Wahrheitssuchers bloß eingeweiht.
In solchen Gedanken schweifte seit Jahren jetzt de Vries Auge über jeden Fleck Erde, wo Pflanzen bei einander standen.
Wie einst Goethe in Palermo den Blick wandern ließ, ob er nicht in irgend einem bunten Beet doch die „Urpflanze“ entdecken möchte, die das reine Urbild des Pflanzenwesens heute noch verkörpere, so suchte de Vries die Wandelpflanze, die Pflanze, die ihr Artbild durchbricht einem Neuwerden zu Liebe. Gab es sie, — gab es sie nicht, mochte er die Blüten fragen wie Gretchen ihr Blumenorakel nach Fausts Liebe befragt.
Er besuchte auch den Kartoffelacker von Hilversum.
Ein Botaniker bringt seinen sichern Blick in solches Unkraut-Paradies mit. Er sah den Zusammenhang, wie diese Nachtkerzen-Gesellschaft sich seit etwa zehn Jahren hier auf die Eroberung begeben. Solcher freie Einfall in unbenutztes gutes Terrain ist für eine Pflanzenart aber stets ein Ereignis. Unerhört war ihre Üppigkeit, ihre Individuen-Zahl in den wenigen Generationen gesteigert worden. Was eine Art konnte, mußte hier geleistet sein.
Nun weiß man seit Alters, in besonderem Maße aber seit Darwin, daß jede Pflanzenart, die man in vielen Individuen vergleichen kann, ein solches Können hat: das sogenannte Variieren.
Die Individuen zeigen in den feinen Einzelheiten ihres Baues kleine Schwankungen, kleine individuelle Abweichungen von einander. Man lege beispielsweise eine Anzahl Blätter der gleichen Art nebeneinander und man findet nicht zwei absolut gleiche. Bei genauerem Zusehen findet man sogar bestimmte Reihen, in die diese Variationen des vorgesetzten Grundschemas sich einordnen lassen. Man kann sie unter gewisse Schwankungsgesetze einordnen, wie das (unabhängig von Darwin) durch Quetelet geschehen ist.
Darwin selbst war der Ansicht, daß diese kleinen Varianten jeder Art von großer Bedeutung für die Entstehungsgeschichte ganz neuer Arten seien, grade darauf aber baute er auch seine Theorie auf, daß diese Entstehung unendlich langsam in weiten Zeiträumen, also uns unfaßbar, herankrieche.
Einerlei: wer immer nach Verwandlungsspuren suchte, mußte das Variieren als interessant beachten. Und diese Nachtkerzen-Kolonie in der Kraft ihres Könnens wies dem Besucher sogleich solche individuellen Varianten in verschwenderischer Pracht. Notwendig mußte es ihn fesseln. Er blieb eine Weile beim Studium der Kolonie. Schade nur, dreifach schade, daß mit allem Studieren dieses Variierens grade in Darwins Sinn so wenig für die Grundfrage herauskam! Ging die Artbildung diesen Weg, so war es eine ewige Zukunftsvertröstung für uns, keine sichere Erkenntnis. Wir sahen von der Artentstehung nicht mehr als ein Astronom in seinem Leben von der Wiederkehr eines Kometen sieht, der tausend Jahre braucht, um wieder in unsere Erdsicht zu kommen. Der Astronom konnte wenigstens die Ziffern fest errechnen. Wir hatten bloß schwache Vermutungen ohne festen Halt!
Indessen schon bald geschah etwas Wunderliches, etwas Unerwartetes.
Die Nachtkerzen-Art, die den gelben Blütenteppich des Ackers bildete, war von dem Botaniker zunächst ohne Skrupel und Mühe im Ganzen als die Lamarckiana bestimmt worden. Die kleinen Abweichungen der einzelnen Individuen galten ihm als selbstverständliche Varianten dieser einen guten Art. Aber in den Sommern 1886 und 1887 stellte er etwas fest, was hierzu nicht stimmte.
Beim sorgfältigen Durchprüfen aller vorhandenen Einzelnachtkerzen entdeckte er zwei andere Arten mitten dazwischen, beide scharf geschieden von der Nachtkerze Lamarcks.
Schon am 20. August 1886 fand er zwei Individuen, eines im dichtesten Wald der Lamarckskerzen, eines etwas davon entfernt, beide aber ausgezeichnet durch sehr viel kürzeren Griffel und kleinere Früchte, auch sonst in Einzelheiten durchaus absonderlich.
Im nächsten Sommer zeigten sich ihm an einer Stelle tief im Felde als pionierhaft vorgedrungene Nachtkerzen-Kolonie zehn Individuen einer zweiten Sonderart, die durch sehr viel schönere Belaubung, nämlich glattere Blätter und durch anders gestaltete schmälere, oben nicht herzförmig ausgebuchtete Blumenblätter abermals von der Lamarckskerze grundverschieden war.
Die Sachlage war auffällig über alle Maßen.
Die Individuen der beiden fremden Arten steckten so eingekeilt in der Kolonistenlinie der Lamarckier, daß schlechterdings nicht zu begreifen war, wie sie als „fremd“ hier hineingeraten sein sollten. Trotz ihrer Verschiedenheit saßen sie genau so da, als seien sie schlichte Abkömmlinge der Lamarcks-Gesellschaft selbst gleich allen andern des Feldes. Waren sie es nicht wirklich? Und waren sie dann nicht doch bloß gewöhnliche, nur etwas extreme Varianten der Lamarckskerzen?
De Vries trat dem gegenüber zwei feste Beweise an, beide in sich völlig gelungen.
Er brachte beide Sonderlinge im botanischen Garten zu Amsterdam zur Fortpflanzung und stellte fest, daß sie in weiteren Generationen vollständig konstant bleiben: die kurzgriffelige Form erzeugt weiter immer nur Kurzgriffler, die glattblätterige nur Glattblättler. Das gilt im allgemeinen botanisch als Merkmal einer festen Art. Also doch zwei Arten! Keine Varianten von Lamarckskerzen!
Gleichzeitig aber stellte de Vries aus der Literatur und den Musterherbarien von Leiden, Paris und Kew fest, daß bisher weder in Europa noch in Amerika irgend ein Botaniker diese beiden Arten gesehen hatte.
Es waren beides neue Arten!
Zwei bisher unbekannte Nachtkerzen-Arten!
Die eine mußte Oenothera brevistylis, die kurzgriffelige, getauft werden, die andere Oenothera laevifolia, die glattblätterige.
Was war das?
Hatte jemand in aller Stille in einem undurchforschten Winkel Amerikas diese beiden Arten gefunden, hatte ihre Samen heimlich nach Holland gebracht und zwischen die Lamarckier geschmuggelt?
Aber diese ganze Pflanzenkolonie hier war ja grade ein Verwilderungsprodukt, das Ergebnis einer von Menschenhand unberührten Auswanderung sich selbst überlassener Pflanzen von einem unbeachteten Beet auf einen unbenutzten Acker!
Oder welcher unglaubliche Wind sollte diese Samen über den Ozean hinweg hierher geweht haben, — da doch vor dem siebzehnten Jahrhundert niemals offenbar ein einziger Nachtkerzensamen selbst der häufigsten amerikanischen Art auf solchem freien Naturwege zu uns gekommen war?
Je unwahrscheinlicher, unmöglicher alle diese Erklärungen wurden, desto deutlicher arbeitete sich aus dem Ganzen eine Möglichkeit heraus.
Auf dem ursprünglichen Beet war nur die Lamarckiana gewesen. Diese allein war auf den Acker ausgewandert. Dort hatte sie sich üppig vermehrt. Und bei der Gelegenheit hatte sie plötzlich zwei vollkommen neue Nachtkerzen-Arten aus sich erzeugt.
Plötzlich, — das heißt immerhin in der kurzen, übersehbaren Spanne der paar Jahre, seit denen nachweislich die Invasion auf den Acker erst statt haben konnte.
So wäre denn hier das ungeheure Wunder einer Art-Entstehung nicht von uns getrennt durch Jahrmillionen der Vergangenheit oder Äonen der Zukunft, — ganz dicht wäre es nur hinter uns gewesen, zu messen noch an ein paar Nachtkerzen-Generationen in ein paar Menschenjahren.
Eine winzige Spanne zurück — und der Botaniker wäre gradezu drauf gestoßen, — gestoßen auf den Schöpfungsakt zweier neuer Pflanzenarten auf einem Kartoffelacker zu Hilversum ....
De Vries aber sagte sich folgendes. Wenn diese gelbe Kerzenkolonie erst vor zwei Jahren dieses „Wunder“ hier vollbracht hat, so besteht eine höchste Wahrscheinlichkeit, daß sie es auch jetzt noch kann. Und wenn sie es vollbracht hat in der abgeschiedenen Stille dieses Kartoffelwinkels zwischen zwei Hilversumer Kanälen, so wird sie es auch vollbringen in der wissenschaftlichen Helle eines botanischen Gartens.
De Vries sah plötzlich eine Lebensaufgabe vor sich. Er entnahm dem geheimnisvollen Acker Zuchtpflanzen und Samen der echten Lamarckiana und der beiden neuen Arten und brachte sie in den botanischen Garten zu Amsterdam. Wenn diese Abkömmlinge der Schöpfungsstätte unter genauester Kontrolle aufblühten, wenn sie unter den denkbar günstigsten Verhältnissen tausende und tausende von Individuen entfalteten, — ob dann in diesem goldenen Blütenfelde noch einmal und sichtbar jetzt vor Menschenaugen das große Mysterium sich vollziehen würde: die Entstehung einer neuen Pflanzenart?
Es war das eigenartigste Experiment, das der ganze Darwinismus bisher erlebt hatte. Würde es glücken?
Wir sind im Herbst 1886. Zu dieser Zeit also entnahm de Vries dem rätselhaften Acker von Hilversum neun besonders schöne, große Rosetten der echten Lamarckskerze und pflanzte sie in den botanischen Garten zu Amsterdam.
Das bedeutsame Experiment begann.
Zweijährig, wie diese Pflänzchen waren, kamen sie im nächsten Sommer, also 1887, in üppige Blüte und lieferten reichlich Samen. Dieser Samen kam zu neuer Aussaat und lieferte für die Sommer 88 und 89 eine ungeheure Nachkommenschaft, von der rund fünfzehntausend Individuen genau geprüft, gleichsam steckbrieflich aufgenommen wurden.
Wenn die Nachtkerze auch im Garten unter Kontrolle eine neue Art zu erzeugen beliebte, so war jetzt erste Gelegenheit.
Und der Fall ließ in der Tat nicht auf sich warten.
Unter den fünfzehntausend Kerzchen von 88/89 waren genau zehn Stück, die nicht auf den Steckbrief der Lamarckskerze hören wollten.
Da standen zunächst fünf Individuen, die sich als „Zwerge“ gaben.
Trieb die echte Lamarckiana durchweg erst bei Meterhöhe Blüten, so sproßten sie diesen Zwergen schon bei zehn Zentimetern ihres Höhenwachstums. Dabei handelte es sich aber keineswegs um reine Miniaturausgaben im Sinne einfach schwacher Individuen, etwa wie auf so und so viel Menschen auch einmal ein Schwächling weit unter dem Normalmaß kommt. Gleich das erste Blättlein, mit dem die zierliche Rosette einsetzte, erschien schon anders als die Lamarcksblätter, breiter in der Basis, kürzer gestielt, kurz art-verschieden. Wiederum die Blüte, wenn sie kam, war selber gar nicht verkrüppelt, sondern im Verhältnis der Blätter ganz auffällig groß. Kurz: der Botaniker stand vor einer neuen Art. Und, wohlverstanden, vor einer Art, die diesmal nachweislich von echten Lamarcks-Eltern herstammte!
De Vries taufte sie ob ihrer Zwergenhaftigkeit die nanella.
Es erübrigte, sie auf ihre Artbeständigkeit in eigenen, weiteren Generationen zu prüfen, und auch das gelang. Samen der fünf Zwerge ergaben zwanzig neue Exemplare, die mit der höchsten Sorgfalt vor Vermischung mit echten Lamarckiern geschützt wurden. Es ist zur Abwehr solcher Vermischung ein besonderes Verfahren nötig, das erst einen rechten Begriff gibt, welche Arbeit überhaupt in solchen Versuchen steckt. Bekanntlich wird die Befruchtung bei den höheren Pflanzengruppen durchweg so vollzogen, daß männlicher Blütenstaub der einen Blüte auf den weiblichen Griffel einer anderen gebracht wird. Die Vermittler dieser Uebertragung sind bei den höchsten Gruppen (zu denen auch die Nachtkerze gehört) die ab- und zufliegenden Insekten, Bienen, Fliegen, Schmetterlinge, die auf ihrer Honigsuche ohne Willen hier den Staub einer Blüte sich aufpulvern lassen und dort, bei Einkehr in einer anderen, am rechten Fleck zurücklassen. Bei solcher Post wäre nun in unserm Falle nur zu leicht möglich, daß ein Insekt mit echtem Lamarckianastaub bepulvert in eine Nanellablüte kröche. Der Erfolg aber wäre eine Kreuzung der beiden Formen, die die Einsicht hemmte, ob die Nanella, allein gelassen, als echter Artanfang wieder reine Nanellae erzeugte anstatt Lamarckskindern. So mußte denn die Insektenpost hier vorsätzlich ausgeschaltet werden. Jedes Pflänzchen wurde, wenn es Blüten setzte, durch transparente Papierhütchen gegen anfliegende Gäste abgeschlossen, die nötige Befruchtung aber besorgte an Insektenstatt der Professor selbst und zwar stets so, daß er nur den Staub einer echten Nanella wieder auf eine Nanella brachte. Resultat war, daß aus den bewußten zwanzig Nanellae 2463 neue Keimpflanzen hervorgingen, die ausnahmslos Nanella-Zwerge waren. Das entschied.
Inzwischen waren aber die Wunder in den fünfzehntausend ursprünglichen Lamarcks-Abkömmlingen noch nicht zu Ende.
Dabei wuchsen nämlich nochmals genau fünf andere Exemplare, die auch ihren Sonderweg gingen.
Auch sie waren bereits im zweiten oder mindestens dritten Blättchen, das sie trieben, von den Lamarckiern streng unterscheidbar an der wunderbaren Breite und oberen Abrundung ihrer Blätter. Kamen sie ganz herauf, so erwies sich alles an ihnen entsprechend dick und geweitet.
„Dickköpfe“ wurden es, die jeder Laie schon auf den ersten Blick herauskannte. Lata, die Breite, taufte man also diese zweite Nachtkerzen-Art, die unter den Augen des unbestechlichen Beobachters sich aus der echten Lamarckskerze „entwickelt“ hatte.
Von allen bisher erkannten Neu-Arten wich sie am meisten von der Urform ab. Und schade nur, daß diesmal die Dauerhaftigkeit in weiteren Generationen nicht festzustellen war aus einem rein äußerlichen Grunde: diese (und alle später noch beobachteten) Individuen der Lata waren nur in ihren weiblichen Blütenteilen voll entwickelt, in den männlichen dagegen so verkümmert, daß eine Befruchtung mit echtem Lata-Staub unmöglich blieb.
Das Wirtschaften mit solchen Pflanzenkolonieen, die in die vielen Tausende hinein gehen, ist kein Kinderspiel. Trotzdem folgte de Vries zunächst unentwegt noch wieder einer Generation weiter. Er erzielte aus echtem Lamarckssamen der Fünfzehntausend von 88/89 eine Generation für 1890 und 91, die zehntausend gezählte und geprüfte Pflänzchen enthielt.
Unter diesen Zehntausend waren abermals drei Lata-Kerzen und drei Nanella-Kerzen!
Die Kraft, die zu erzeugen, bestand also bei den Lamarckiern auch jetzt noch fort.
Aber außerdem war diesmal ausgespart ein einziges Individuum dabei, das eine dritte Neu-Art darstellte!!
Diese Art war von hervorragender Schönheit. Sie wies rote Blattnerven und breite rote Streifen auf Kelch und Frucht. Die Blüte war größer und dunkler gelb. Ganz besonders auffällig aber war ihre Sprödigkeit. Stengel und Blätter zerbrachen bei jedem derberen Stoß. Schlug man von oben auf die blühende Pflanze, so zersprang „der Stengel förmlich in mehrere Stücke mit glatten Bruchflächen“. Den Grund bildete die sehr schwache Ausbildung der mikroskopischen Bastfasern, — ein interessanter Umstand als Beweis, wie tief bis in ihre feinste Struktur hinein diese Art von der echten Lamarckiana verschieden ist. Im übrigen war grade sie über allen Verdacht hinaus kräftig und fruchtbar.
Rubrinervis, die Rotnervige, nannte sie ihr Entdecker, und diese Rotnerven-Kerze gab in der Folge, als sie noch einmal und zahlreicher in einer Lamarckszucht „entstand“, aus acht Individuen Samen für tausend Nachkommen, von denen 999 echte Rotnerver waren, und nur ein einziges Exemplar die alte Lamarckierin.
Selbst dieser eine Rückschlag war höchstwahrscheinlich gar kein echter, sondern Ergebnis einer zufälligen Einschleppung in das Beobachtungsbeet. Denn eine weitere Samengeneration lieferte 1114 Pflanzen, die samt und sonders rote Blattnerven besaßen.
Leider wurden die Schwierigkeiten der Kultur jetzt so groß, daß für eine Weile das großartige Experiment ruhen mußte. Drei Jahre ruhten die Samen der Sommergeneration von 1891 unbenutzt und mit ihnen ruhte so lange das Schöpfungswunder von Amsterdam.
Endlich 1895 kam es zu neuer Aussaat.
Reichlicher als früher wurde diesmal der Boden gedüngt. In größerem Stil als je wurde alles aufgenommen. Alle Befruchtungen wurden mit raffiniertester Gewissenhaftigkeit künstlich unter Dütenschutz vollzogen, die Statistiken mit polizeilicher Sorgfalt geführt.
Und abermals wuchs eine Generation auf, eine einjährige diesmal, abermals vierzehntausend Individuen. Und staunenswertes Resultat: die Artbildung warf abermals Wellen, stärker als je zuvor.
Da standen unter den Vierzehntausend zunächst sechzig Nanella-Zwerge.
Dann dreiundsiebzig Lata-Dickköpfe.
Und endlich acht Rotnervchen.
Wie aber diese Rubrinervis das vorige Mal als einzige ihrer Art plötzlich aufgetaucht war, so erhob sich diesmal aus seiner Rosette ein Einzelindividuum je von zwei nochmals völlig neuen Arten.
Der eine dieser Revolutionäre auf eigene Faust war im Gegensatz zu den Zwergen ein Riese, kräftig, breitblätterig, mit gewaltigen Blüten bei kurzer Frucht.
Augenblicks, da das gelbe Feld der Vierzehntausend von 1895 in Flor trat, stachen diese Prachtblüten aus der Menge vor. Nie vorher konnte ein Exemplar solcher Größe dabei gewesen sein, — es war schlechterdings eine Neuheit wieder. Und doch eine Neuheit vom alten Stamm, — vom einen Stamm, der jetzt in der vierten Generation streng nachweislich reine Lamarckiana-Zucht war!
Gigas wurde der Riese mit Recht benannt.
Er erwies sich in 450 weiteren Sprößlingen aus Selbstbefruchtung konstant insofern, als er keine einzige Lamarckiana wieder hervorbrachte; dagegen erlaubte er sich schon in der nächsten Generation eine eigene neue Art in einem einzigen Exemplar zu zeugen: einen Riesen im Einzelwuchs, der doch in der Gesamthöhe nur das Zwergenmaß der Nanella erreichte. Weitere Generationen blieben dagegen unverändert beim Riesentypus, wahrten ihm also sein Art-Recht ungeschmälert fort.
Der andere Individualist der Vierzehntausend hatte schmale, langgestielte Blätter von eigenartig glänzender Oberfläche ohne Buckeln und von einer ganz besonderen dunkelgrünen Färbung, durch die sich die Nerven weißlich dehnten. Die Blüten waren diesmal klein wie bei der kleinblütigen Biennis-Nachtkerze, die sich grade in diesem Punkt so von der Lamarckierin schied.
Scintillans, die Glänzende, wurde diese Neu-Art getauft.
Ihre Dauerhaftigkeit unterlag in der Folge Zweifeln, doch ist die Sache noch nicht klar aufgehellt, weder positiv noch negativ.
Interessierte in diesen beiden Fällen das pionierhaft Vereinzelte der Neuschöpfung, so wirkte grade umgekehrt, daß eine dritte „Art“ diesmal sofort in ganzen hundertsechsundsiebzig Exemplaren aufmarschierte.
Schmal waren auch ihre Blätter und langgestielt, aber auffälliger noch als bei allen andern, und kenntlich dabei durch die breiten, blassen, oft rötlichen Nerven. Die Größe blieb hinter der Lamarckskerze zurück, ohne sie doch zum Zwerg zu degradieren. Und auch sonst fehlte es nicht an Sondermerkmalen. Die Dauerhaftigkeit erhellte sicher aus allen weiteren Kulturversuchen.
Oblonga wurde Taufname.
Endlich erwiesen sich noch fünfzehn Exemplare der Masse diesmal sicher als Neukerze, obwohl man ihnen Ähnliches schon in den früheren Generationen gewahrt, aber nicht als Neu-Art angesprochen hatte. Es handelte sich um schöne, aber stets sehr hinfällige Kerzen von weißlichgrauer Blattfarbe, viel kleiner als die Lamarckierin in Wuchs wie Blüte. Früher erschienen sie nur als Krankheits-Varianten. Jetzt erkannte de Vries auch in ihnen eine feste Art, deren Dauerhaftigkeit sich denn auch anstandslos bewährte.
Albida, die Weißliche, hieß sie fortan.
Auf vierzehntausend Kerzen aus Lamarckssaat also im ganzen dreihundertundvierunddreißig abweichende Exemplare in nicht weniger als sieben von der Lamarckskerze verschiedenen Arten!
Die Versuche in dieser Reihe wurden bis 1899 fortgesetzt, jedes Jahr mit einer neuen Folge-Generation. Mit der achten Folge war die ungeheuerliche Ziffer von fünfzigtausend genau untersuchten Individuen erreicht. Über achthundert hatten eigene Wege in die genannten sieben Arten eingeschlagen. Eine weitere Art über die sieben hinaus kam in dieser Reihe nicht mehr hinzu.
Inzwischen waren aber gleichzeitige Kulturen aus andern Samen des Hilversumer Ackers in Amsterdam durchgeführt worden, zum Beispiel von jener ursprünglich schon wild in Hilversum entdeckten glattblättrigen Art, und auch dort waren in langen Generationsketten neue Arten aufgetaucht, teils die gleichen, schon genannten, teils noch andere.
Endlich war das Hilversumer Wunderfeld selbst fort und fort unter Aufsicht geblieben und es hatte sich herausgestellt, daß fünf der Amsterdamer Neu-Arten auch dort im wilden Zustand in den Jahren erschienen waren, so die Breite und der Zwerg.
Das sind die Tatsachen.
Wie die ganze Fülle der Beobachtungen und Experimente in dem de Vriesschen Prachtwerke „Die Mutationstheorie“ (erster Band, Leipzig, Veits Verlag) ausführlich und mit schönen Farbentafeln in Wort und Bild dargelegt ist, macht sie nicht den Eindruck, als wenn an dem grundlegenden Material noch viel wesentliche Kritik geübt werden könnte.
Was de Vries gesehen hat, scheint fortan zu unserm wissenschaftlichen Stammstoff zu gehören und jede Theorie muß damit rechnen.
De Vries selber aber hat jedenfalls das erste Recht, auch zu einer solchen Theorie gehört zu werden.
Nachdem er seine Tatsachen einigermaßen beisammen hatte, verwertete er sie für folgende verallgemeinernde Sätze.
Diese hier beschriebenen neuen Nachtkerzen-Arten sind nicht gewöhnliche Varietäten.
Kleine, individuelle Variantenbildung lief während der ganzen Studie immer und überall nebenher, ohne die Sache irgendwie zu berühren. Die ersten Hilversumer Lamarckskerzen variierten so im kleinen, es variierten ihre fünfzigtausend Nachkommen in Amsterdam, es variierten innerhalb ihres typischen Bildes wieder die entstandenen Neuarten selbst in all ihren Reinkulturen, kurz, diese kleinen Schwankungen gingen immer und überall nebenher, änderten oder taten zur Sache, um die es sich handelt, aber gar nichts. Es war eben, wie wenn fünfzigtausend Menschen verschiedene Nasen haben: sie bleiben darum doch alle Mensch und es wird keiner zu einer außermenschlichen Art.
Solches Werden im letzteren Sinn aber entspräche nach de Vries tatsächlich dem, was bei Entstehung jener sieben und mehr Neuformen aus der Lamarckskerze vorliegt. Hier hat irgend ein Innenakt der Pflanze aus einer Art eine ganze Kolonie neuer Arten plötzlich, von Generation zu Generation, hervorbrechen lassen, — echte Arten mit allen Merkmalen von solchen.
So lautet denn de Vries’ erster Lehrsatz: eine Pflanzenart hat unter Umständen die Kraft, eine ihr verwandte, aber doch grundlegend verschiedene neue Art plötzlich, ruckweise aus sich bei der Fortpflanzung entstehen zu lassen. Im Gegensatz zur gewöhnlichen Variation bezeichnet er diesen Akt als eine „Mutation“, von mutare, verwandeln.
Es handelt sich dabei nicht um eine kleine individuelle Abweichung in irgend welchen Merkmalen, sondern um einen Ruck, bei dem die Tochterpflanze in ihrem tiefsten Wesen als Ganzes aufgerüttelt, umgerüttelt, neu fundiert, verwandelt erscheint.
De Vries gebraucht zur Klarlegung des Unterschiedes zwischen Variation und Mutation gelegentlich ein sehr hübsches Bild, das von F. Galton herrührt. Man denke sich ein sogenanntes Polyeder, einen Körper mit vielen verschiedenen Flächen nach allen Seiten. Als Bild kann gut einer jener schönen kristallenen Briefbeschwerer mit vielen Schliff-Flächen dienen, die man öfter sieht. Ein solcher Kristallblock gerate auf eine schiefe Ebene. Er liegt zunächst fest auf einer seiner Schliffflächen. Aber die Ebene senkt sich unter ihm und er beginnt zu rutschen, — zunächst auf dieser seiner Fläche. Die Rutschpartie geht schneller: er beginnt zu kippen. Er schwankt, balanziert auf der unteren Kante seiner Grundfläche, neigt sich etwas vor und zurück. Aber noch zwingt ihn die Schwere in die alte Lage zurück, er fällt wieder in die alte Basis, entfernt sich nicht dauernd von ihr, sondern oszilliert nun gleichsam um sie herum. Das wäre die Variation einer Art auf der schiefen Ebene ihrer Fortpflanzung! Indessen plötzlich jetzt ein Ruck: unser Kristallblock hat auf einer stärksten Neigungsstelle das Übergewicht bekommen, ist gekippt — und liegt jäh auf seiner nächsten Schlifffläche. Er hat seine Basis verändert. Um die mag er jetzt wieder schwanken, oszillieren, — jedenfalls ist es ein Oszillieren um einen ganz neuen, veränderten Schwerpunkt. Dieser Ruck, dieser Sturz, diese plötzliche Basisänderung — ist eine Mutation. Die Art oszilliert, variiert bei ihr nicht um ihre gegebene Basis, — sie fällt in sich um auf eine neue Basis: sie erzeugt eine neue Art.
Die Entdeckung dieser Mutation als einer experimentell gesicherten Sache hielt de Vries für seine wichtigste Leistung. Aber er blieb dabei nicht stehen.
Er folgerte weiter, daß die Mutation nicht wie die Variation eine beständige Begleiterscheinung im Leben der Pflanzenarten sei, sondern wahrscheinlich in gewissen Perioden sich einstelle.
Eine Art kann lange auf ihrer Fortpflanzungsbahn bloß oszillieren. Dann plötzlich macht sie Sprünge, bei denen die Basis jäh wechselt: sie tritt in eine Mutationsperiode.
Für diesen Sachverhalt spricht die Ruhe so vieler Pflanzenarten, die, lange beobachtet, keinerlei Mutationen zeigen, und umgekehrt dieser Nachtkerzenfall, wo in kürzester Frist die Neubildungen sich jagen und überall, oft in verhältnismäßig kolossaler Individuenzahl, hervorbrechen.
Hier lag ja nun die Frage nahe genug, welches Gesetz denn diesen Wechsel von Ruhezeit und Mutationszeit bestimme, — oder mit anderen Worten: was für ein Grund die Pflanze überhaupt zur Mutation zwinge? Diese Frage mit irgend einer Theorie zu beantworten, vermaß sich indessen de Vries vorläufig nicht.
Seine Experimente gaben keinen Anhalt dafür. Seine Nachtkerze war offenbar schon im wildesten Trubel einer Mutationsperiode, als er sie fand. Den Anfang der Dinge sah er nicht. Vermuten ließ sich höchstens ein Zusammenhang zwischen der äußerst üppigen und raschen Vermehrung durch Eroberung des Hilversumer Ackers und dem Eintritt dieser Periode. Doch warf das de Vries nur so als Denkbarkeit hin.
Im wesentlichen resignierte er: die äußeren Ursachen der Mutabilität seien uns noch völlig unbekannt. Um so energischer aber erörterte und entschied er einen verwandten Punkt.
Die Mutation arbeitet — richtungslos!
Die Lamarckskerze, wie sie gegeben war, erscheint als eine gute Anpassung an den Daseinskampf. Wir sehen sie in Amerika sich halten, in Europa fortblühen, sehen sie als Pionier, der sich wieder wild macht, den Hilversumer Acker erobern, kurz, sie steht ihren Mann.
Wie geht es nun mit den Neuarten? Sind sie noch besser? Sind sie schlechter? Ist etwas Besonderes in bestimmter Richtung an ihnen „verändert“? Etwas pro oder kontra?
Der Sachverhalt der vorhandenen Neuarten gibt eine feste Antwort.
Die Abänderungen umfassen alle Organe gradezu und gehen überall in fast jeder Richtung. Die Pflanzen werden stärker, sagt de Vries, oder schwächer, mit breiteren und schmäleren Blättern. Die Blumen werden größer und dunkler gelb, oder kleiner und blasser. Die Früchte werden länger oder kürzer. Die Oberhaut wird unebener oder glätter; die Buckeln auf den Blättern nehmen zu oder ab. Die Produktion der Pollen nimmt zu oder ab; die Samen werden größer oder kleiner, reichlicher oder spärlicher. Die Pflanze wird weiblich oder fast männlich; manche hier noch nicht beschriebene Formen waren völlig steril, einige nahezu ohne Blüten. Einige neigten mehr zur Zweijährigkeit, andere weniger, eine war fast rein einjährig. Das entscheidet jene Frage. Diese Abänderungen sind in kunterbunter Reihe teils nützlich, — teils indifferent — teils ausgesprochen schädlich. Die Riesenform Gigas ist der Lamarckiana anscheinend in jedem Betracht über. Die Zwergform Nanella und die zerbrechliche Rubrinervis sind wehrloser als die Lamarckskerze. Eine Neuart, die unfruchtbar ist, ist selbstverständlich ein unrettbarer Todeskandidat. Also: der Mutationsprozeß, was er nun auch für eine Triebfeder habe, arbeitet hinsichtlich der Anpassung, der Kampfstärke im Leben richtungslos, — bald pro, bald kontra. Er probt blind „Möglichkeiten“ durch, indem er bessere, schlechtere, gleiche Würfel regellos ausstreut.
Daraus aber mußte sich für de Vries folgerichtig noch ein weiterer Satz ergeben.
Über die Fortexistenz der regellos geschaffenen Mutationsarten entschied der Daseinskampf!
Er merzte die schlechteren Neuschöpfungen aus. Bei Gleichheit im Lebenswert ließ er je nachdem Mutterart und Mutationsarten nebeneinander bestehen. War dagegen ein Mutationsprodukt besser angepaßt, brauchbarer als alle Mitmutationen und als die Mutterart selbst, so ließ er diese beste Form allein bestehen und merzte alle anderen aus.
Die Rolle des Daseinskampfes war in diesem Sinne zwar eine gewaltige, — aber sie war rein — negativ. Er machte nicht die Mutation.
Er konnte an sie als gegebenes „Absolutes“ direkt in keiner Weise heran.
Aber er warf unablässig alle schlechten Mutationen wieder aus dem Spiel, einschließlich aller überbotenen Stammformen, und reichte einer besten oder einigen gleichberechtigt besten die Palme der Herrschaft.
Indem er ungeheure Ketten von Mißmutationen und wertlos gewordenen Stammformen wie welke Zweige beständig abschnitt, trennte er die überlebenden Sieg-Mutationen durch weite Räume voneinander.
Darum erscheinen uns im Dauerbilde die „Arten“ meist so getrennt, obwohl die Mutationen sich zunächst immer noch so verhältnismäßig nahe gestanden hatten, wie die Lamarckiana und ihre Zwergenkinder, Riesenkinder, Kurzgriffler, Rotnervchen und Glanzblättler.
Ganz scharf tritt in dieser „Mutationstheorie“ die Beziehung wie der Gegensatz hervor zu der engeren Darwinschen Lehre von den Bedingungen der Entwickelung.
De Vries nimmt den ganzen äußeren Besitz des Darwinismus vollzählig in sich auf, er umspannt ihn, wie jede gute neue Theorie alles Gute der älteren umspannen soll, anstatt künstliche Unterschiede zu schaffen.
Dem lauten Getriebe, das heute alle darwinistischen Grundtatsachen wieder aus der Welt reden möchte, steht ein so besonnener Kopf, der grade beim alten Darwin arbeiten gelernt hat, vollkommen fern.
Die fördernde oder hemmende Macht der äußeren Existenzbedingungen, in die die lebenden Wesen jedes für sich eintreten — der „Daseinskampf“, wie es Darwin nannte, ohne selbst in die Mißverständnisse überzulenken, die das vieldeutige Wort im Alltagsleben seitdem erfahren hat — sie bleibt in voller Wucht bestehen.
Wie sollte sie nicht?
Fällt doch jedes neue Pflänzchen auf dieser alten Erde nicht vom Blauen ins Blaue, sondern es tritt vom Tage seiner Entstehung an in ein ungeheures Netz bereits bestehender Verhältnisse, vor denen es sich ausweisen muß, ob es „lebensfähig“ ist. Wenn ein Fischlein im Wasser aus dem Ei kriecht und das Wasser rauscht um es her — und es hat plötzlich durch irgend eine individuelle Veranlagung keine Kiemen, so muß es augenblicks sterben, es ist untauglich zum Lebenskampf. Je besser dagegen seine Kiemen sind, desto flotter kann es das „Leben“, sein Leben in den gegebenen Bedingungen des Fischs im Wasser, aufnehmen. Die Logik dieses Gedankens ist eine immer wieder so schlichte, so schlechterdings zwingende, daß einer sich wirklich schon künstlich in den blinden Zweifel hineinreden muß, um das nicht mehr zu fassen. Wo immer in einer Tier- oder Pflanzenart individuelle Veränderungen auftreten, da muß diese logische Mühle weiter mahlen, da muß eine Selektion, eine Auslese des Besseren, vor den äußeren gegebenen Bedingungen Zweckmäßigeren, und eine Ausmerzung des Schlechteren stattfinden. Und das Resultat muß eine beständige Annäherung sein an eine immer bessere, eine beste „Anpassung“ der Gesamtmenge an diese Bedingungen, — also genau das, was wir in so ungezählten Beispielen wirklicher famosester Anpassung und Zweckdienlichkeit der Lebewesen allerorten auf Erden vor Augen sehen.
Damit ist der Kerngedanke aber der Darwinschen Zuchtwahltheorie immer und immer wieder gerettet als ein schlicht logisches Grundprinzip, um das wir außen und oben, auf der Kampffläche der Dinge, nicht herumkommen.
Was sich aber fragt und von Anfang an schon für alle ernsten Denker, vor allem Darwin selbst, gefragt hat, das ist: wie es sich mit jenen „individuellen Veränderungen“ selbst verhalte, also mit dem Korn, das die Daseinskampfmühle oder das Daseinskampfsieb, wie das Bild besser lautet, zu verarbeiten bekommt?