(Friedrichshagen. Abendstunde daheim.) (continued 2)
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Die Darwinsche Schule, so will ich einmal etwas allgemeiner hier sagen, hat durchweg angenommen, daß für die große Entwickelungslinie wesentlich jene kleinen individuellen Varianten in Betracht kämen, die, wie erwähnt, ungefähr unter jene statistischen Schwankungsgesetze Quetelets fallen, — also im groben Bilde etwa, was bei uns Menschen sich als Unterschiede in der Nasenlänge oder so etwas Ähnlichem äußert.
Eine solche kleine Variante sollte gelegentlich schon ein kleines Plus im Daseinskampfe geben. Durch bessere Erhaltung auf Grund dieses Plus sollte dieser Daseinskampf sie so zu sagen mehr und mehr in Reinkultur herausarbeiten und allmählich so steigern, daß sie endlich unter die Dauermerkmale der ganzen Art geriet. Ein Komplex solcher endlich fest herangezüchteten Plus-Varianten mochte schließlich das ganze frühere Art-Bild so verwandeln, daß wir Systematiker die ausgelesene Varianten-Elite der Ur-Ur-Enkel gradezu für eine neue Art ansprachen. Und ein Hauptstützmittel dieser Auffassung waren eben die Erfahrungen unserer Gärtner und Tierzüchter, die mit großer Sicherheit behaupteten, genau in dieser Weise, durch stete Auslese der passenderen Varianten, völlig neue Dauerformen „erzeugt“ zu haben.
So die darwinistische offizielle Lehrmeinung.
Nun ist aber in hohem Grade bemerkenswert, daß Darwin selbst mindestens ursprünglich in diesem heikelsten Punkte gar kein extrem waschechter „Darwinianer“ war.
Er betonte, daß sich in der „Variation“ zwei Dinge zu verstecken schienen, zwei nicht ohne weiteres gleiche Dinge.
Erstens nämlich ein stetiges individuelles Wechselspiel von Plus und Minus im Sinne eben jenes Nasenbeispiels. Zweitens aber gewisse plötzliche, unvermittelte Abweichungen vom Grundschema der Art, Varianten, die nicht in die Linie Plus und Minus ausbogen, sondern so zu sagen in eine neue Dimension hinein, in etwas ganz abrupt Neues.
In der ersten hellsichtigen Genieschau durch das ganze neue Lichtfeld der Dinge sah das Darwin sehr gut.
Als er sich aber dann mehr in die praktischen Gärtner- und Tierzüchter-Versuche hineinarbeitete, vermischte sich ihm die Zweiheit.
Dort fielen die beiden Arten der Variation anscheinend für die Praxis so durcheinander und in eins, daß es unwichtig schien, die Trennung noch zu betonen.
Es folgte die Hochflut der Darwinschen Schule. Insbesondere Wallace trieb den Zuchtwahl-Gedanken aufs gedanklich Äußerste hinauf. Hier war von irgend einer Beachtung des feinen Unterschiedes gar keine Rede mehr. Die Variation war Eines nur und in diesem Einen war entscheidend ausgesprochen bloß die Plus- und Minusschwankung. Aus ihr wuchsen die neuen Arten.
Ist das doch selbstverständlich, meinte Wallace, wenn wir nur etwa ein so einfaches Beispiel anschauen wie unsere tausend Kulturspielarten aus der einzigen Ur-Art des wilden Apfelbaums. Dieser Apfelbaum hat nach Plus und Minus variiert und diese Varianten haben die Gärtner benutzt, um alle die prächtigen süßen Apfelsorten unserer Obstgärten allmählich herauszufixieren. Dabei sind die Äpfel aber keineswegs bloß süß geworden. Es sind so und so viel echte Apfelspielarten von recht verschiedenem Bau dabei herausgekommen, — ein Beweis, daß die ursprüngliche einfache Plus-Variante auch den Keim solcher Artbildung bot.
Und das schien wirklich schlagend. Eine ganze Generation beugte sich. Wer da oder dort zweifelte, der geriet in das Dilemma, ob er etwa mit dem ganzen Darwinismus brechen wollte ob seiner Ketzergedanken. So unzertrennbar fest schien diese Masche im großen Netz der Theorie zu stecken, daß man gradezu glaubte, sie trüge das Ganze und der große Entwickelungsgedanke müsse unten durchfallen, wenn man sie löse.
Nun, meint de Vries, die Entwickelungslehre als solche steht heute auf so breiten Füßen, daß man diese Skrupel wahrlich abtun kann. Eine neue Prüfung des Variationsproblems ändert da auch nicht ein Titelchen. Zumal wir eigentlich nur auf Darwins eigene erste Ideenlinie zurücklenken. Und so steht denn hier die Lamarcksche Nachtkerze mit ihren „Mutationen“ und wirft eine ganz neue Farbe ins Bild.
Sie besagt mit ihrer proteisch vielseitigen Person zunächst klipp und klar, daß es jene Doppelgestalt hinter dem einfachen Wörtchen „Variation“ wirklich gibt. Es gibt neben dem Variieren im Sinne von Hin- und Herpendeln der Plus- und Minus-Varianten auf der Art-Kante noch ein regelrechtes Umkippen in neue Art-Merkmale hinein, eine Sorte Variation, die eben mit besserem Wort als „Mutation“ von der gewöhnlichen geschieden wird.
Das aber geklärt, kommt nunmehr ein Vorstoß allerdings über Darwin hinaus und sogar gegen ihn.
Über diese Mutations-Varianten und nicht über die einfachen Schwankungs-Varianten läuft nach de Vries und ist immer gelaufen die wahre Neubildung von Arten. Alle Behauptungen und angeblichen Resultate der Gärtner und Tierzüchter, alle noch so sicheren Schlüsse und Thesen der hyperdarwinistischen Theoretiker sind falsch, so weit sie die Entstehung irgend einer neuen Art durch künstliche oder natürliche Weiterzüchtung einfacher Plus-Minus-Varianten behaupten.
Wo ein Ergebnis dieser Sorte durch Zuchtwahl mit „Varianten überhaupt“ zustande gekommen ist, da steckten eben Mutationen mit darunter, sie haben nachgeholfen ganz in der Stille und ein Gewinnlos in die an sich falsch gestellte Nietenlotterie eingeschmuggelt. Beispiel: eben die Wallacesche Geschichte der Gartenäpfel.
Die künstliche Gärtnerzuchtwahl konnte wohl aus sauren Wildäpfeln süße Kulturäpfel durch einfache Ausnutzung der kleinen Schwankungs-Varianten machen. Hier handelte es sich bloß um Steigerung einer Plus-Variante im Zuckergehalt bis auf ein extremes Maximum. Das ist genau der gleiche Erfolg wie bei dem allbekannten Beispiel der Zuckerrüben, über das die einwandfreieste Statistik vorliegt. Niemals wird so ein eigentlich konstanter Wert geschaffen. Läßt man die künstliche Auslese ruhen, läßt die süße Kulturform wieder verwildern, so sinkt sie binnen kurzem wieder auf den zuckerärmeren Urstand zurück, der Kulturapfel wird wieder Holzapfel, die Zuckerrübe in unserm Zuchtsinne verschwindet wieder von der Erde. Vollends aber niemals entsteht bei einfachem Zuchtprozeß auf diesem Wege der Variantennutzung eine feste neue Spielart, die sich nicht bloß in einem einseitigen Plusmerkmal von der Stammart unterschiede und darin in alle Nachkommenschaft hinein konstant bliebe. Nie ist es bei den Zuckerrüben passiert.
Aber doch bei den Äpfeln? Keineswegs auch da, sagt de Vries. Die wahre Tatsache ist in diesem Falle, daß schon der wilde Holzapfel eine gewaltig mutierende Pflanze war, die sich bereits wild in so und so viel Unterarten zerspalten hatte, in echte Mutations-Varianten also, die natürlich als solche konstant waren und das schönste Ur-Material bereits lieferten. Die Gärtner haben sie durch Ausnutzung ihrer jedesmal „auch“ vorhandenen Plus-Varianten des Zuckergehalts einzeln zu Kulturäpfeln umgeformt. Dabei sind die Spielarten als solche eben geblieben, — niemals aber sind sie erst bei dem Gärtnerprozeß der Versüßung, den alle parallel erlebten, selber „erzeugt“ worden.
Dieser Fall gibt nach de Vries gradezu den Schlüssel für alle jene Irrtumsquellen, wo Arten durch Steigerung der einfachen Variation gewonnen worden sein sollten. Immer war Mutation im Spiel, ungewollte, unberechenbare, einfach in den Schoß fallende Mutation als Akt des tiefsten Eigenlebens der Pflanze, — wenn die Sache gelang! Fehlte sie als Kräutchen Nießmitlust, so mochte die Pastete hundert Jahre schmoren, es gab keinen Erfolg.
Daher die Klagen der Gärtner, daß sie mit aller Variations-Nutzung keine blauen Georginen, großen weißen Kannablüten, hochgelben Hyazinthen „erzeugen“ konnten. Die stille Helferin Mutation warf eben diese Nummern bisher nicht ins Spiel. Daher der alte tiefsinnige Praktikersatz: „Die erste Bedingung, um eine Neuheit hervorzubringen, ist, sie bereits zu besitzen.“ Zu besitzen: das heißt, vom Glück so begünstigt zu werden, daß die Mutation, selber unbeherrschbar wie sie ist, sie einem grade ins Spiel setzt. Sonst hilft alle Zuchtwahl und alles Rübenglück nichts.
Wenn es aber mit der künstlichen, uns zugänglichen Züchtung so steht, dann wird es wohl mit der natürlichen, auf die wir ja nur von hierher schließen, ebenso sein.
Auch der freie Daseinskampf wird nur echte Neuheiten mit Dauerwert durch die Arbeit der Mutation seit alters zur Verfügung gehabt haben, von denen er dann die einen bestehen lassen, die andern, unpraktischen ausroden konnte.
Mit den Varianten der einfachen Sorte aber wird auch er nichts weiter haben anfangen können, als daß er diese oder jene eine Weile ins Extrem trieb; zog er die Hand von solchem Schützling, weil sich in seinen eigenen Bedingungen lokal etwas änderte, so fiel das sofort wieder ab, ohne daß je eine wirkliche innere Erneuerung damit angeregt gewesen wäre.
Es ist sehr wichtig, daß im Augenblick, da man bis hierher mitgeht, ein tatsächliches Sachverhältnis in der Tier- und Pflanzenwelt sich plötzlich ganz von selbst aufhellt.
So lange die Zuchtwahl-Theorie mit ihrer Anpassungs-Idee jetzt in der Welt ist, so lange ist auch von Freund, wie Gegner (am schärfsten wieder von Darwin selbst) erkannt und betont worden, daß ihr ein Zug im Bilde der Arten, wenn nicht direkt widerspricht, so doch zäh widerstrebt.
Die charakteristischen Eigenschaften der einzelnen Tier- und Pflanzenarten lassen sich in ungezählten Fällen in zwei scharfe Gruppen sondern.
Die einen fallen unter den Anpassungsbegriff.
Sie sind dem lebenden Geschöpf im Lebenskampfe ausgesprochen nützlich, z. B. wenn ein Laubfrosch, der auf grünen Blättern lebt, grün ist. Zur Verteidigung der Zuchtwahl-Theorie im ganzen sind diese Fälle stets sehr hell beleuchtet worden und kein Mensch mit gesunden Sinnen kann auch wirklich leugnen, daß sie Legion sind und für ihr Teil alles beweisen, was die kühnste Theorie hier verlangen kann.
Die zweite Gruppe bilden auch daneben nicht etwa umgekehrt Nichtanpassungen im Sinne von offenbaren Schädlichkeiten, groben Unzweckmäßigkeiten. Wo solche auffällig beständen, da könnte man ja sagen, die ganze Anpassungs-Idee sei unmöglich — aber man könnte wohl ebenso sicher sagen, das Tier oder die Pflanze mit solchem Selbstgift der angeborenen Unzweckmäßigkeit sei unmöglich.
Was aber nicht unmöglich ist, vielmehr ebenso tausendfältig wie die Schutzanpassungen uns vor Augen steht, das ist die Existenz von völlig indifferenten Merkmalen, bei allen Tier- und Pflanzenarten, — Merkmalen, die schlechterdings mit Schutz im Lebenskampfe nichts zu tun haben — und die doch da sind.
Eine Tiersorte, die auf grünen Blättern lebt, sei im ganzen grün. Gut, das ist die Schutzseite. Aber jetzt spaltet diese grüne Tiersorte sich noch wieder in eine Portion Einzelarten, die sich durch allerhand kleine, meist von fern so gut wie garnicht sichtbare Merkmale voneinander unterscheiden, — Merkmale, die mit Anpassung auch im weitesten Sinne unbedingt nichts zu tun haben, sondern in Hinsicht auf sie reinweg wie Spielereien der Natur, wie ein unabhängiges Durchproben von hundert indifferenten Möglichkeiten jenseits von Schutz und Nichtschutz sich ausnehmen. Bei unserer systematischen Trennung der einzelnen Arten spielen diese Merkmale vielfältig die Hauptrolle. Und doch finden wir keinen „Zweck“ in ihnen vom Boden der Anpassungstheorie.
Wie ist es nun gekommen, daß sie sich überhaupt erhalten konnten, fixieren konnten, wenn alle Eigenschaften der Tiere und Pflanzen erst durch die Anpassungsmaschine des Daseinskampfes aus kleinen Plus- und Minus-Varianten langsam heraufgezüchtet worden sind?
Diese Maschine hatte ja nicht das leiseste Interesse an irgend einem vom Schutzzweck aus indifferenten Plus oder Minus. Wie konnte es dennoch dahin kommen, daß solche Merkmale konstant wurden, ja sich schließlich dem Systematiker gradezu strenger aufdrängten als die Anpassungssachen?
Darwin suchte vor dieser Frage in allen Jahren seines Hauptschaffens nach Auswegen, kühn und ehrlich mit dem Blick auf den Tatsachen.
Einen Teil jener Merkmale, gewisse rhythmische Gebilde besonders in Farben und Formen, schob er bei den höheren Tieren auf den Schönheitssinn bei der Liebeswahl, er führte seine sogenannte „geschlechtliche Zuchtwahl“ ins Spiel. Er wußte selbst, daß er damit nur einen ganz bestimmten Ausschnitt packte, niemals die Hauptsache, um die es ging.
Dann betonte er scharfsinnig ein Gesetz, daß, wenn ein Merkmal bei einer Tierart so und so durch Züchtung werde, so und so viel andere Merkmale sich auf Grund eines geheimen Zusammenhangs, der aber nicht im Schutzzweck lag, mit veränderten, — das sogenannte „Gesetz der Korrelation“. Wurde ein Tier aus Schutzzwecken grün, so konnte das eine Portion anderer Merkmale an ihm erwecken, die an sich nichts mit Grün und Schutz zu tun hatten, aber so lange der Art verbleiben mußten, wie sie grün blieb.
Aber auch das traf nur gewisse Einzelfälle, in der Masse aber versagte es, — ganz abgesehen noch davon, daß es ein „Gesetz“ mit ganz dunklen Faktoren in sich war. Unzählige Arten waren sämtlich aus Schutzzwecken grün und hatten dabei erst recht nicht alle übrigen Artmerkmale gemeinsam und gleich bekommen, sondern sie waren grade sonst so verschieden, daß man sie als selbständige Arten zählte.
Diese ganze Schwierigkeit aber hebt sich im gleichen Augenblick, da wir von der Mutationstheorie ausgehen.
Bei ihr züchtet der Lebenskampf nicht erst die Artmerkmale aus kleinen Schwankungsvariationen allmählich heran. Sondern er merzt bloß aus dem anmarschierenden Heer ewig neuer Mutations-Arten, die alle Sortenmerkmale zur Probe mitbringen, alle die aus, die aufdringlich unzweckmäßige Merkmale zeigen. Alle Mutationen mit nützlichen oder mit indifferenten Merkmalen läßt er dagegen durchpassieren. Diese sind sofort als „Art“ da, pflanzen sich konstant fort und bilden das Material unserer Systeme. Naturgemäß müssen ihre Merkmale sich fort und fort zusammensetzen aus den beiden Urgruppen: nützlichen — und indifferenten, — genau wie es wirklich im Tatbestande der Fall ist.
In der schönsten Weise ordnet sich der ungeheure Formenreichtum der lebendigen Natur hier in die Theorie ein, ohne daß alles durch das Prokrustesbett der reinen „Nützlichkeit“ durch muß. So und so viel fällt auf die, — aber es braucht durchaus nicht alles hierher zu fallen, was da ist. Denn bei freiem Durchmutieren in alle Möglichkeiten hinein muß mindestens ebenso viel Indifferentes sich einstellen, wie ausgespart Nützliches, wahrscheinlich sogar sehr viel mehr.
Grade an dieser Stelle aber lenkt die gesamte Frage doch auch wieder zurück zu jener schon einmal gestreiften Grundfrage: wie es sich mit den Ursachen der Mutation selbst verhalte und ob es nicht doch möglich sei, in sie hinein noch ein letztes formbildendes Gesetz zu verfolgen.
Es ist keine Frage: in der Darwinschen Linie sieht man zunächst mehr von den treibenden Ursachen des ganzen Hergangs, als bei de Vries.
Die Hauptursache liegt dort im hellen Lichte der Naturzüchtung und nur ein kleines Sätzchen bleibt als Unbekanntes, als „Sprung“: die schlichte Plus- und Minus-Schwankung, mit der die Mühle zu mahlen anfängt. Bei de Vries springt die Mutation allsogleich auf den Plan wie ein fertiger Ritter — und alles, was wir sehen, ist bloß der Ausweis, ob es ein sieghafter Held oder ein armer Don Quixote vor der Praxis sei.
De Vries verwahrt sich zwar gegen den „Sprung“. Es bleibe zu recht, daß die Natur non facit saltus, keine Saltomortales mache. Ein Ruck sei die Mutation, kein Sprung. Aber auch der Ruck ist doch ein herzhafter, auf alle Fälle. Und das gibt mit größerer Dunkelheit auch erhöhte Grübellust.
Der rein theoretische Gedanke, daß die Entwickelung sich stoßweise vollziehe, — von Art zu Neu-Art ohne die Vermittelung einer langen, langsam gesteigerten Varietätenkette, — dieser Gedanke brauchte nicht erst als solcher von de Vries eingeführt zu werden.
Er ist dagewesen, so lange wir überhaupt wissenschaftliche Formen der Entwickelungslehre haben. So lange wir den Darwin hatten, hatten wir auch den Kölliker, den trefflichen Anatomen, der die „sprungweise Entwickelung“, wie er es ruhig nannte, als sein Evangelium lehrte. Beweise gab es freilich nicht. Aber man hatte die Idee. Und da man bestritt, daß Darwin scharf beweisbar sei, hielt man sich die Möglichkeit offen. Bisweilen schien es sogar, als melde sich eine wahre Tatsache dazu.
Da war ein absonderlicher Molch im See von Mexiko, das „Axolotl“. Die alten Azteken zu Cortez des Eroberers Zeiten hatten ihn schon als Leckerbissen in einer Pfefferbrühe verspeist. Heute kennt ihn jeder Junge, der ein Aquarium hat.
Als man ihn wissenschaftlich beschrieb (Humboldt hatte ihn mitgebracht), lebte er als sogenannter „Kiemenmolch“ in seinem See, mit Kiemen zur Wasseratmung wie ein Fisch, und so fortpflanzungsfähig, — im übrigen aber doch schon ein Molch aus der Verwandtschaft unserer lungenatmenden echten „Salamander und Molche“. Im Pflanzengarten zu Paris nun geschah eines Tages das große Wunder: besagtes Axolotl kletterte, als man ihm Raum gab, aus dem Wasser aufs Land und verwandelte sich selber regelrecht in einen echten Land- und Lungenmolch gleich unserm Feuersalamander. Die Kunde lief also, es habe sich durch einen (immerhin gradezu riesenhaften) Sprung schon hier einmal vor Forschers Augen eine völlig neue, höhere Tierform gebildet.
Aber die Freude hat beim Axolotl nicht lange gedauert. Kritische Köpfe stellten nämlich die triftige Gegentheorie auf, das fischhaft kiemenatmende Axolotl des Sees von Mexiko sei trotz seiner selbständigen Fortpflanzung gar kein fertiges Tier, sondern eine noch unvollkommene Larve. Bekanntlich leben so gut wie alle Amphibien in ihrer frühen Jugend als Larve ebenso fischhaft kiemenatmend im Wasser, Molche wie Frösche und Kröten.
Für gewöhnlich entwickelt sich eine solche Amphibienlarve allerdings schon vor der Geschlechtsreife zum Lungenatmer. Aber es kommen doch auch Hemmungen vor, wo die Tiere sich so wohl bei ihrer Fischstufe fühlen, daß sie schon auf dieser in die Liebeszeit eintreten. So machen es unsere kleinen Teichmolche bereits ab und zu. Das Axolotl aber hatte, scheint es, das auf eine gewisse Zeit dauernd ins Große getrieben. Es hatte nämlich seine Gründe dafür.
Ehemals stieß der See von Mexiko an feuchten Urwald, ein Eldorado für Luft-Molche. Später schwand der Wald, der See schmolz weithin ein und es bildete sich um sein verkleinertes Wasserfeld ein Kranz dürrster Salzsteppe. Da zogen es die Axolotl vor, Generation für Generation fischhaft im Wasser zu verbleiben als „ewige Larven“. Und erst als man ihnen in Paris wieder die alte Gelegenheit eines grünen Pflanzenufers bot, besannen sie sich (bildlich gesprochen) auf ihr altes Schlußkapitel im Lebensroman, krochen ans Land und wurden zum ersten Mal wieder „fertig“. Das war denn nun durchaus kein Köllikerscher „Sprung“: — die angeblich „neue“ Art war in Wahrheit bloß die Wiederherstellung grade der „alten“, die eine Weile etwas in Unordnung geraten war.
Solche Fälle mußten erst recht vorsichtig machen, anstatt den kühnen Sprung-Theoretikern Türen zu öffnen.
Kein Zweifel aber, daß des de Vries Beobachtungen, wenn sie stand halten, jetzt aus dem allgemeinen Behauptungsheer der Sprung-Theorie einen gewissen engeren Teil als wirklich brauchbar herauslösen.
Sie geben aber sofort als Gegengift auch die richtige Einschränkung dazu.
In dem Nachtkerzen-Beispiel von Hilversum ist kein leisester Anhalt für einen so groben Mutationsstoß wie etwa bei dem Axolotl.
Durchaus nicht etwa hat die Lamarcksche Kerze jählings die Wunderkraft gezeigt, eine Winde oder Rose zu produzieren. Sie hat zunächst nur Nachtkerzen, allerdings andere Arten, gebildet. In einer ungeheuren Kette solcher Mutationen möchte man ja auch vermuten (vermuten!), daß die Gattung schließlich überschritten, ja endlich der Kreis der Familie und so weiter von der Mutation Stufe für Stufe gesprengt werde. Aber immer bliebe eine ungeheure Kette, — wenn schon keine so ganz ungeheuerlich lange, wie sie im streng darwinistischen Sinne durch die jedesmal einzuschiebende Varietäten-Unterkette zwischen je zwei Hauptkettengliedern gefordert wird.
Mit großem Nachdruck weist de Vries darauf hin, daß eine seiner „Mutationen“ unter Umständen als eine geringere Abweichung gradezu vom Urtypus erscheinen könnte als eine extreme Varietät jener bewußten belanglosen Sorte, — oder daß sie wenigstens nicht notwendig abweichender sein „müßte“. Ihre entscheidende Sache bleibt eben allemal die Dauerhaftigkeit bei der Fortpflanzung und eine gewisse innere Harmonie ihrer Neuerungen, die uns in jenem guten Bilde sagen läßt: hier hat der Kristallblock nicht nur im Rollen gezittert, geschwankt, sondern er ist regelrecht auf eine neue Fläche gefallen, er ist übergekippt bis zur Basis-Änderung.
Etwas Verschiedenheit ist natürlich immer nötig. Aber es braucht keineswegs rein summarisch viel zu sein. Damit aber schwindet ein gar gewaltiges Stück des eigentlich Trennenden für den Anblick zwischen der also reformierten „Sprung-Theorie“ und der offiziellen darwinistischen Lehrmeinung.
Auch so bleibt ein Stammbaum der Lebewesen mit relativ ganz kleinen Ruckstellen des Wachstums, kleinen Schußstellen von Knoten zu Knoten.
Ein ganzes Bisserl „Schuß“ oder „Ruck“ oder „Sprung“ oder wie man es nun nennen will, war ja wohlverstanden auch jede einfachste darwinistische Varietätenbildung schon.
Wenn ein Mensch mit einer kurzen Nase plötzlich einen Sohn hat mit einer langen: ein Sprünglein liegt auch darin.
Fragt sich bloß, wie groß es im äußersten Falle sein darf, — und das wieder führt auf die Tiefenfrage: welche mechanische Ursache wir hinter ihm zu suchen haben und wie viel Kraft wir der schon für das Ganze beimessen sollen.
Schon aus jenem Kristallflächen-Beispiel erhellt aber sehr nett, wie schlicht mechanisch de Vries da denkt.
Es ist nicht zu leugnen: in der alten Sprung-Theorie war, besonders je größer sie ihre Sprünge sich gedehnt dachte, immer ein Zug auf eine mystische Ausbeutung merkbar. Ob nicht ein „Wunder“ hier lag, so riesig, daß es ewig über unseren Verstand ging?
In dem Bilde des de Vries wird mindestens bildlich absolut klar, was er von der Sache hält. Der Kristallblock kommt ins Rollen. Das ist nichts Mystisch-wunderhaftes, sondern das Bild arbeitet mit einfachsten mechanischen Voraussetzungen. Der Rollblock fängt an zu kippen, zu zittern, zu balanzieren, — abermals nur ein rein natürlicher, im richtig verstandenen Sinne „mechanischer“ Prozeß. Endlich kommt der Block gar zum völligen Kippen, aber doch offenbar wiederum nur durch ein Plus der ursprünglichen naturgesetzlich arbeitenden Kraft, die schon das Rollen und Balanzieren beherrschte.
Was aber im Bilde gilt, faßt hier zugleich die Sache: auch Fortpflanzung, Variation und Mutation erscheinen durchaus nur im festen Banne einer und derselben natürlichen Gesetzlichkeit. Wenn auch unsere Kenntnis die Einzelheiten noch nicht erfassen kann: das natürliche Glaubensbekenntnis des Naturforschers, der Glaube an unzerstörbare Gesetzmäßigkeit ohne Ignorabimus-Lücke, bleibt im Prinzip vollkommen gewahrt.
Das ist aber für den Fortschritt all unserer Sachweisheit doch eigentlich wieder die Hauptsache, — viel wichtiger als etwas Lehrmeinungs-Sieg oder Nicht-Sieg in darwinistischen Einzelheiten.
Die alte Sprung-Theorie, wie sie vor de Vries schon bestand, hatte ja stets da noch eine besondere Liebhaberei gehabt. Sie liebäugelte nämlich mit einem Gedanken, der als solcher wieder noch viel älter als Darwin ist.
Könnte es nicht doch ein besonderes „Entwickelungsgesetz“ geben in diesen Sprüngen — und zwar eines, das der Anpassung schon entgegenkäme?
Nehmen wir wieder das einfachste Beispiel.
Auf einem braunen Boden leben braune Tiere, hübsch als solche durch ihre gut angepaßte Farbe geschützt. Nun wird durch Wechsel der Verhältnisse, etwa durch Schnee, der Boden weiß. Braun ist jetzt nicht mehr Trumpf. Die Tiere müßten weiß sein, wenn ihre Feinde sie nicht sehen sollen. Tritt nun nicht am Ende doch grade in solchem Moment prompt der „Sprung“, die Mutation so ein, daß alle nach „Weiß“ springen und mutieren, also daß die nächste Generation genau dem neuen Zweck entsprechend schon eine weiße wäre?
Wie schon erwähnt, ist de Vries selbst radikaler Gegner dieser Meinung.
Seine Nachtkerzen mutierten zwar, aber sie taten es keineswegs nach einer Seite, wie um irgend einem neuen Anpassungsbedürfnis entgegen zu kommen, etwa irgend einem Vorteil, den das neu eroberte Kartoffelfeld bestimmt umgeformten Neuerern gewährt hätte.
Ihr Mutieren verriet nicht das Genie eines Erfinders vor einer äußeren Forderung.
Es glich einem blinden Darauflos-Phantasieren mit dutzenden von neuen Motiven, die unmöglich alle zum Zweck passen konnten.
Das ist also genau, was Darwin auch meinte, bloß daß hier die Mutation trifft, was dort von der angeblich artbildenden Variation galt.
Und wie sollte es denn auch anders sein, meint de Vries. Jedes entgegenarbeitende Entwickelungsgesetz jener Art wäre „Mystik“. „Die Annahme,“ sagt er wörtlich, „einer bestimmten Variierungstendenz, welche das Auftreten zweckmäßiger Änderungen bedingen oder doch nur begünstigen sollte, liegt außerhalb des Rahmens unserer heutigen Naturwissenschaft. Darin liegt ja der große Vorzug der Darwinschen Selektionstheorie, daß sie die ganze Entwickelung des Tier- und Pflanzenreiches ohne die Hülfe außernatürlicher Voraussetzungen zu erklären strebt.“ Eine solche Stelle wird alle beruhigen, die fürchteten, de Vries führe aus dem Darwinismus heraus zu den alten Zweckursachen zurück. Oder, vorsichtiger und weiter noch gesagt: sie wird auch denen die Hoffnung abschneiden, die da wünschten und erwarteten, daß der Ketzer an einigen darwinistischen Grundpunkten, de Vries, mit seinen Nachtkerzen den ganzen Darwinismus an dieser teleologischen Stelle umrennen werde. Im Gegenteil.
Hier grade lockt es mich aber wieder, dazu selber noch ein Wörtchen zu sagen.
Ich möchte nämlich betonen, daß wir mit dem einfachen Sprüchlein von der „Mystik“ an solcher Stelle allein noch nicht auskommen, soll die Sache ganz reinlich werden.
Angenommen doch einmal, die Nachtkerzen hätten wirklich das Umgekehrte bewiesen.
Unumstößlich, so weit ein Einzelbeispiel unumstößlich ist, hätten sie dargetan, daß die Mutation jedesmal genau auf die äußere Forderung reagiert, — also in jenem Exempel von vorhin so, daß etwa der Forderung „Weiß“ ohne jedes Schwanken nun sofort Weiß als Mutation überall antwortete.
Ich frage, was dann?
Sollten wir im gleichen Moment auch schon die ganze Naturforscher-Bude zuschließen müssen und sagen: hier ist ein teleologisches Verhalten, folglich Mystik, folglich Aufhören der Naturwissenschaft, folglich legen wir die Hände in den Schoß?
Ich meine, es würde das ganz andere gelten: daß wir nämlich schlicht auch mit dieser Tatsache naturwissenschaftlich zunächst fertig zu werden suchten.
Wir haben ja den bekanntesten Fall wirklich und viel näher bei uns selbst.
Wir Menschen handeln „zweckmäßig“, wir suchen vor einer neuen äußeren Forderung bewußt nach der zweckmäßigsten Reaktion, — also in jenem Bilde, wenn „Weiß“ gefordert wird, so machen wir uns einfach selber „weiß“. Trotzdem geht unser ganzes neueres Denken dahin, den Menschen nicht mystisch und unwissenschaftlich, sondern grade erst recht als Gegenstand innerhalb der besonnenen Naturforschung zu nehmen. Wir suchen den Menschen einzuordnen in die Natur, suchen ihn mitsamt seinem Bewußtsein, das dieses teleologische Verhalten ermöglicht, in einer Natur unterzubringen, die denn allerdings vernünftiger Maßen so definiert werden muß, daß er auch wirklich mit hinein paßt.
Je nun, die Nachtkerze wäre kein Mensch, also fiele das dort Heranzuziehende hier fort. Aber wenn nun auch die Nachtkerze bei ihrer Mutation gewisse anscheinend zweckmäßige Reaktionen zeigte, so müßten wir wenigstens nach der Analogie doch zunächst auch hier versuchen, natürlich durchzukommen.
Nun ist interessant, daß wir in der Welt der Tiere wie Pflanzen noch eine ganze Reihe Vorgänge haben, wo (tief unterhalb schon des Menschen) eine Art prästabilierter Harmonie zwischen äußerer Forderung und innerer Entwickelungsreaktion wirklich besteht, — nämlich in der Ontogenie, in der Bildung der Tiere und Pflanzen aus Ei und Keim.
Das Hühnchen im Ei entwickelt aus sich heraus Augen, mit denen es im Moment, da es die Eierschale bricht, sehen kann. Jenes Axolotl entwickelt nach innerem Gesetz sich zu bestimmter Zeit, wo es aufs Land soll, die zum Landleben nötigen Lungen. Es ist genau, als sei im werdenden Wesen, in Eizelle, Embryo, Larve, eine Uhrfeder so eingestellt, daß zur rechten Zeit grade das zur äußeren Forderung Zweckmäßigste ausgelöst wird. Im Moment, da das kleine Menschlein das Licht der Welt erblickt, sind seine Augen da, wirklich zu sehen, sind seine Lungen da, wirklich zu atmen. Der Schmetterling bildet sich in der Puppe schon zum Fliegen vor, was die Raupe nicht konnte. Und so ist der Beispiele Legion.
In all diesen Fällen aber fällt es keinem Naturforscher ein, diese ausgesprochen teleologischen Vorgänge als „Mystik außerhalb des naturwissenschaftlichen Denkens“ zu bezeichnen.
Man fühlt bloß das Bedürfnis, zur natürlichen General-Erklärung dieser wunderbaren „prästabilierten Harmonie“ hier noch eine besondere Hülfskette natürlicher Erklärungen hinzunehmen.
Den Schmetterling in der Puppe bildet individuell weder die zu durchfliegende Luft draußen, noch bildet ihn eine unfaßbare mystische Flugsehnsucht ohne Kausalzusammenhang. Sondern es waltet die Vererbung. Die Eltern haben schon die Flugfähigkeit erworben, einerlei jetzt wie, das ist Frage für sich. Dem neu werdenden jungen Schmetterling, ihrem Kinde, haben sie aber durch Vererbung das Uhrwerk so zu sagen schon in den Leib gesetzt, daß es auf die Flügelentwickelung genau losarbeite und rechtzeitig wie eine automatische Weckuhr vor dem „Zweck“ abschnurre.
So wunderbar fein die Sache also auch funktioniert: ein wahres „Wunder“ ist sie keineswegs. Kein vernünftiger Naturforscher bezweifelt, daß bei der „Vererbung“, so verwickelt sie auch sei, alles mit natürlichen Ursachen zugehe.
Jetzt setzen wir den Fall, solche Anzeichen prästabilierter Harmonie von Zweckforderung und Reaktion zeigten sich aber nicht bloß in der Ontogenie, sondern auch in dem bereits, was Haeckel die Phylogenie genannt hat, nämlich eben in der geschichtlichen Entwickelung der ganzen Tier- und Pflanzenarten.
Jede Mutation wäre stets eine zweckmäßige, und das arbeitete genau so wie das kleine teleologische Uhrwerk in der Schmetterlingspuppe. Es hätte für sein Teil die ersten Flügel der Schmetterlingsahnen schon ebenso für den „Zweck“ gebaut, wie heute die Vererbung in der Puppe sie wiederholt.
Der einfache Schluß müßte sein, daß auch das nicht „Mystik“ sei, sondern bloß auf etwas noch Früheres hinweise.
Auch hier schon waltete irgend eine Art Vererbung. Die ganze Phylogenie wäre selber schon etwas wie eine versteckte Ontogenie. Der Stammbaum mit all seinen Arten wäre eigentlich nur die große Auswickelung eines einzigen Individuums, das von dieser Ur-Vererbung als Zweckuhrwerk innerlich beherrscht würde, wie den Schmetterling in seiner Puppe seine Vererbung zweiten Grades beherrscht. Das Leben in den vielen Millionen Jahren seiner Erdgeschichte wäre bereits das Produkt einer ungeheuren Vorgeschichte, die in der ersten Urzelle als „Eizelle“ schon die ganze Zweckmäßigkeits-Uhr für alle folgenden Reaktionen aufgezogen hätte. Und in jeder Mutation sähen wir diese Uhr bloß laufen.
Die „Erwerbung“ der jetzt automatisch bestimmten Dinge aber läge in uns unfaßbaren Aeonen einer unbekannten Vorgeschichte.
So würde ich, wenn es eben not täte, jenes seltsame „innere Entwickelungsgesetz“ zu deuten suchen, nach Analogie des Gegebenen und ganz ohne Mystik.
Gewiß: es läge in der Sache in gewissem Sinne etwas Mißliches.
Wir hätten die Ontogenie zurückgeführt auf die Phylogenie. Aber die Phylogenie wäre selber wieder abhängig von einer hypothetischen Vor-Phylogenie. Immer nur aufgezogene Uhren zweiter Hand. Das Ursprüngliche schöbe sich historisch ganz über unser Gesichtsfeld hinaus. Mißlich! Aber noch nicht mystisch. Solcher Mißlichkeiten haben wir mehr. Auch das Gravitationsgesetz ist für uns „gegeben“ von jenseits unserer Zeit-Weisheit her. Wo hat es sich „entwickelt“ als Eigenschaft der Stoffe? Fragen! Aber doch nur Fragen unserer Beschränkung im geschichtlichen Blick. Nicht das ewige absolute „Tür zu!“ der Mystik!
Je nun, die Sache steht trotz mancher gegenteiligen Behauptung vorläufig tatsächlich nicht so, daß wir auf derartig verwickelte Straßen müßten, — mit de Vries weniger als je.
Aber philosophisch sollte man sich darüber klar bleiben, — das ist immer ein unendlich wichtiges prophylaktisches Mittel!
Wie man sich, um es noch einmal zum Schluß zu betonen, darüber klar bleiben muß, daß selbst die strengste Zuchtwahl-Theorie noch nicht jede Fassung von Teleologie ausschließt. Sie schließt eben bloß eine ganz bestimmte herkömmlich grobe Form aus, die den Zweck als spiritistisches Gespensterpferdchen neben den einfachen völlig ausreichenden braven Gaul des Kausalzusammenhangs einspannen möchte. Nicht dagegen schließt sie eine feinere Teleologie aus, die eben bloß auf das faktische Schlußergebnis schaut und aus dem tatsächlichen schließlichen Herauskommen einer zweckmäßigen Welt, eines „harmonischen“ Verhältnisses der Dinge die Vermutung entnimmt, es müsse schon in der Uranlage der Welt eine Anlage mitgegeben gewesen sein, die das bedingte, — das Ideal einer zweckmäßigen Welt, das sich aber dann realisierte auf dem rein natürlichen Wege undurchbrechbarer Kausalzusammenhänge.
In dieser Betrachtung ist es völlig offen gelassen, welche Wege diese Weltteleologie nahm, es kommt alles bloß auf das Resultat an.
Und es steht nicht das Leiseste entgegen, unter diese Wege auch die Auslese des Passendsten im Daseinskampfe aufzunehmen.
Wobei ich freilich den Anhängern jener anderen, wie ich es nenne: groben Teleologie anheimstellen muß, ob sie das, was ich meine, überhaupt noch Teleologie nennen wollen.
Mir genügt es vollständig zur Rettung einer philosophischen Weltauffassung, die zwar absieht von jedem Durcheinanderwerfen von Teleologie und Kausalität, die aber dabei keineswegs auf ein wüstes Welt-Kuddelmuddel hinauskommt, sondern sich sehr wohl auch etwas denken kann bei einem vernünftigen Sinn der gesamten Weltentwickelung.
* * *
Eine Frage aber, die hinter diesen darwinistischen Problemen immer wieder auftauchen muß, ist die Zeit-Frage.
Haben wir Zeit genug in der Weltgeschichte, in der Erdgeschichte für solche schrittweisen Entwickelungen?
Es ist die Stelle, wo der starre Bibel-Glaube mit seiner alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte zuerst gescheitert ist, — bei dieser Zeit-Frage.
Noch immer aber herrscht über sie trotz dieses wahrlich schon nicht gering zu achtenden Kampf-Wertes vielfältig eine Unklarheit, wie kaum über einen zweiten Darwin-Punkt. Auch hier wird — erst mißverstanden — und dann losgeredet.
Ich erinnere mich auch dazu einer kleinen Geschichte, die mir symbolisch bedeutsam scheint.
Am 27. August 1883 explodierte in der Sunda-Straße zwischen Sumatra und Java der Vulkan Krakatau.
Er explodierte buchstäblich, als das Meereswasser sich in seinen halb geschmolzenen Krater ergoß.
Das Wasser wurde an der glühenden Lava zu Dampf, und auf diesen ungeheuerlichen Druck hin platzte die ganze Krakatau-Insel.
Die Dampfsäule schoß dreißig Kilometer hoch empor.
Eine Sturzwelle, wie die Phantasie sie für die Sintflut sich ausmalt, bis zu sechsunddreißig Meter hoch, verwüstete die nahen Küsten von Java und Sumatra und kostete vierzigtausend Menschen das Leben.
Das Gebrüll der Katastrophe hörte man bis Ceylon, bis zu den Philippinen, bis Perth in Australien, also so weit, wie es etwa von Berlin bis Kairo ist.
Zehn Stunden nach der Explosion fingen selbst in Berlin die automatisch registrierenden Barometer an, unruhig zu werden: es war die Luftwelle, die über Ostindien kam; sechzehn Stunden später folgte die zweite auf dem längeren Wege über Amerika; so schlug der Stoß um die ganze Erdkugel. Die aufgeschleuderten Aschenteilchen aber haben noch Jahre lang als erhöhte Dämmerglut und leuchtende Nachtwolken auch in unseren Landen die Forscher beschäftigt.
In diesem Sommer wurden es zwanzig Jahre seit diesem Tage der Schrecken für eine paradiesisch schöne Gegend. Das Paradies hat sich wieder hergestellt, so gut es konnte, — in der tropischen Üppigkeit wurde es ja nicht allzu schwer. Nur auf der See schaukeln da und dort noch treibende Bimssteinfelder. Und aus der blauen Sunda-Straße ragt als düstere Ruine das letzte Stück Kesselwand, der bis ins Herz zerborstene Vulkan. Aber auch auf diese Ruine hat die schaffende Natur leise schon wieder ihre Hand gelegt mit neuem Leben.
Die Insel Krakatau war bis zum Tage ihrer Explosion dreiunddreißig Quadratkilometer groß. Diesen Raum bedeckte dichter Wald in vollkommener Tropen-Üppigkeit. Als sich der furchtbare Qualm später verzogen hatte, stand von der ganzen Insel nur noch die Südhälfte des Vulkanpiks. Mehr als die Hälfte des Landes war verschwunden, und es wäre noch mehr fort gewesen, hätten nicht die vulkanischen Massen selbst sich wieder angelagert; hatte der Vulkan doch nachweisbar allein mindestens 18 Kubikkilometer Asche und Bimsstein gespieen. Was stand, war aber in diesem Moment ausnahmslos und bis aufs letzte Hälmchen gründlich nackte Schlacke, ohne Pflanzenwuchs, ohne Tierwelt. Ein soeben aus seiner Urglut erstarrter Planet konnte nicht radikaler vom Leben frei, gleichsam kosmisch sterilisiert sein.
In den zwanzig Jahren seither aber sind zweimal Botaniker auf den Ruinenpik geklettert. Und ihnen ist vergönnt gewesen, etwas zu beobachten, was in dieser Reinheit des Exempels wohl noch nie zeitlich genau von kundigen Menschenaugen verfolgt worden ist: die stufenweise Neueroberung einer einsamen irdischen Brandstätte im Ozean durch Flora auf ihrer Wanderschaft.
Drei Jahre nach der Katastrophe, im Juni 1886, besuchte der hochverdiente Direktor des prachtvollen botanischen Gartens zu Buitenzorg (Batavia), Melchior Treub (sprich: Tröb), die Insel.
Er traf den Prozeß der Neubesiedelung durch Pflanzen bereits in vollem Gange. Zunächst machte sich auf der vulkanischen Zerstörungsdecke aus Asche, Lava und Bimsstein eine schwarzgrüne, gallertartige Schicht „Leben“ bemerkbar: Genossenschaften von (einzeln mikroskopisch winzigen) Algen. Sie waren zweifellos der Urstamm der Pioniere. Sechs Arten ließen sich unterscheiden, alle aus der Gruppe der Cyanophyceen. Die Cyanophyceen oder Schizophyceen, zu deutsch Blaualgen oder Spaltalgen, gehören jener alleruntersten, allereinfachsten Reihe pflanzenähnlicher Urwesen an, zu denen auch die vielbesagten Bakterien oder Bazillen gerechnet werden. Im Engeren gehört dazu das wunderliche Volk der sogenannten Nostoc-Algen, die es in ihrer gemeinsten Sorte bei uns bis zu handgroßen, hirnartig verfalteten Gallertbrocken bringen, wenn die nötige Feuchtigkeit sie trifft; gerät solcher Nostocteller umgekehrt in eine ganz trockene Jahreszeit, so schmilzt er fast zur Unsichtbarkeit ein, unbeschadet doch seiner fröhlichsten Lebenszähigkeit. Auch jene allbekannte Erscheinung unserer Seen, die „Wasserblüte“, ein plötzliches Trüb- und Grünwerden des Wassers, beruht auf einer jähen grenzenlosen Vermehrung solcher Spaltalgen.
All dieses niedrigste Pflanzenvolk weiß sich nun zum Zweck der Ausbreitung aufs Wunderbarste zu „verflüchtigen“. Wir kennen das ja von den Bakterien, den allgegenwärtigen, besser als uns lieb ist. Als trockene Keime (Sporen) reisen sie mit jedem Luftzug dahin, über Berg und Tal, Eis und Wasser, — Herren der Erde, die keine räumliche Schranke anerkennen.
Ganz zweifellos sind auch jene Algen des Krakatau auf solchem Wege der Luftpost angesegelt. Das Wunder der „Urzeugung“, von dem wir so wenig wissen, brauchte sich auf der verbrannten Insel nicht neu einzustellen.
Rings lag ja die weite Erde üppig nach wie vor unter ihrer grünen Pflanzendecke. Mit dem Winde entsandte sie ihre mikroskopisch kleinen Boten. Der Botaniker Kerner von Marilaun hat vor Jahren einmal in einem Tiroler Gebirgstal eine Tafel mit feucht erhaltenem weißen Filtrierpapier dem Südwinde ausgesetzt: kaum ein paar Stunden waren herum und an der Tafel haftete schon ein buntes Stück solchen windgeführten Wanderlebens: Pollenzellen und Sporen von allerhand Pflanzen, aber immer dabei auch ausschwärmende Zellgruppen jener Nostoc-Algen.
Wie die künstliche Tafel, so diente aber auch der natürliche nackte Fels, den der Tropenregen netzte: reisenden Algen bot auch er Quartier.
Die Algen hatten dann mit ihrem Schleimüberzug wieder den Keimboden, den ersten Humus gleichsam geschaffen für höhere, bereits etwas anspruchsvollere Pflanzen.
Auch von denen reisten Sporen durch die Luft: die Sporen von Farnkräutern und Moosen. Sie landeten und gingen auf, wo die Algen das Bett bereitet. Elf Arten tropischer Farnkräuter beobachtete Treub bereits an den Abhängen der Vulkanruine.
Solches Farnkraut steht aber selber immer noch wieder tief unter den eigentlichen Samenpflanzen, den Phanerogamen, wie sie unsere Wälder und Wiesen in der Masse zusammensetzen. Es war, als wiederhole dieser kleine Fels im Südmeer noch einmal den uralten Heraufgang des pflanzlichen Lebens auf der Gesamterde, in dem auch der Farnwald sich an zweiter Stelle über den Algenteppich erhoben, um selber dann dem echten Nadelholz- und Laubwald und der bunten Blumenmatte als der endlichen Krone der Entwickelung zu weichen. Die Insel Krakatau stand aber bereits auch an der Schwelle dieses höchsten Zeitalters, wie Treub des weiteren feststellte.
Auch diese obersten Pflanzengeschlechter haben ja noch gar manche Möglichkeit zu Luftreisen. Bald ist der ganze befruchtete Samen auch bei ihnen noch so staubhaft winzig, daß er mitgeht gleich Alge und Farnspore. So glückt es besonders ohne Mühe den schönen farbenfrohen Orchideen. Bald aber auch hat das Früchtlein allerhand Anhängsel, wie Flügel, Ruder und Luftschrauben, ich erinnere bloß an die allbekannten lustigen Luftschifflein des Ahorns. So sammelte unser Botaniker im Innern des Inselchens zwei Grasarten und vier Arten jener formenreichsten heutigen Pflanzenfamilie, die zusammengesetzte Blüten trägt, der Kompositen. Auch für ihre leichten, flugfähigen Samen war der Wind sicherlich noch Postillon gewesen.
Endlich aber wuchsen am Strande auch noch neun unterschiedliche Sorten Strandpflanzen, für die es am wahrscheinlichsten war, daß die Welle sie heranverfrachtet.
Das ist ja auch ein im oberen Pflanzenleben öfter benutzter Transportweg. Es ist dazu nur nötig, daß die Frucht ihre Keimfähigkeit im Salzwasser behält und daß sie schwimmen kann. Von manchen Samen hat man sicher beobachtet, daß sie über ein Jahr im Meerwasser liegen können, ohne ihre Keimkraft zu verlieren. Ein Muster von Schwimmfähigkeit bietet beispielsweise die Kokosnuß, die durch ein luftgefülltes Faserhemd und einen für Wasser unzugänglichen Fettpanzer wie in einen Schwimmgürtel eingeschnallt ist; ohne Mühe reist sie denn auch von Strand zu Strand und trägt ihr Paradies in den kahlsten Tropenwinkel. Die ganze Strandflora des Krakatau war entsprechend in den drei Jahren angeschwommen, von Meeresströmungen herangelotst und von der Welle dann als Spülicht abgesetzt wie Muscheln und Tange.
Nach dieser ersten Sondierung vergingen mehr als zehn Jahre.
Erst im März 1897 machte sich abermals ein kleiner Botanikerkreis, Treub an der Spitze, von Buitenzorg auf, um den Fortschritt vom nackten Höllengrund zum Paradiese abermals zu messen.
Diesmal war auch der bewährte deutsche Pflanzenkenner Professor O. Penzig mit von der Partie, der ausführlich und anschaulich darüber berichtet hat (in den Annalen des botanischen Gartens zu Buitenzorg 2. III. S. 92–113).
Die kleine Expedition, mit allem wohl ausgerüstet, verweilte auf der Ruine einen halben Tag. Den Vulkanrest selber zu besteigen — er ist noch seine 800 Meter hoch wie der stehen gebliebene Zacken eines abbröckelnden Zahns — gelang nicht wegen der tiefen Klüfte, die sich wohl durch Zusammenziehung der erkaltenden Lava wie Risse in erstarrendem Pech gebildet haben und allenthalben den Weg versperren. Um so wertvoller aber war die botanische Ausbeute.
An der westlichen Hälfte der Nordseite der Insel zeigt sich die einzige echte, zum Landen erträgliche Strandstelle. Bimssteinblöcke und Korallenbruchstücke bauen sie hauptsächlich auf.
Hier ist ein kleines Strandparadies im vollen Werden.
Überall blüht es und treibt es, stellenweise ist das ganze Ufer völlig pflanzengrün. Da wachsen ein Pandanus, eine Wolfsmilch (Euphorbia), eine Scävola, unverkennbare Stammgäste sandiger und kiesiger Tropenufer der Gegend. In Massen kriechen die langen Stengel einer Trichterwinde dahin, dazwischen Vigna-Arten und die giftige, aber weithin duftende Leguminose Canavalia obtusifolia, die auch eine typische Strandpflanze ist. Endlich fehlt es nicht an Gräsern (von der berüchtigt stacheligen Sorte Spinifex) und Cypergräsern.
Neben den schon regelrecht aufgeblühten Gewächsen aber fanden sich eine Masse frisch angeschwemmter Früchte und Samen, zum Teil in munterem Keimen begriffen, so daß man recht in die lebendige Werkstatt des Fortschrittes sehen konnte. Hier lag vor allem die Kokosnuß selber, dann der Same des Mangobaumes, dessen terpentinartig schmeckende Goldfrucht jeder Indienfahrer kennt, zweier Eichen, zweier Cäsalpinien (aus der Gruppe der berühmten Färbholzpflanzen), der Zuckerpalme, von der der Palmzucker kommt, und vieler anderen mehr.
Das Bild änderte sich, als die Besucher mehr ins Innere drangen.
Sie betraten eine Grassteppe.
Über mannshoch ragten die Grashalme, den Weg versperrend, und in den Halmwald verspannen sich zu zähem Dschungel die Trichterwinden und anderen Schlinggewächse. Wieder aus der Steppe aber erhebt sich der Fels. Noch ist ihm treu, was der erste Besucher einst fand: die blaugrünen oder schwärzlichen Schleimpolster der Algen und dann in reichster Fülle die Farnkräuter. Aber schon mischen sich auch hier oben in die Flora schöne echte Blütenpflanzen höherer Art. Da leuchtet es von weißen und rosaroten Blumen: es ist eine Erd-Orchidee (Spathiglottis plicata), deren feiner Samen also jetzt wirklich glücklich auch den Weg über die blaue See gefunden hat. Daneben prangt eine über meterhohe Composite, die „Blumea balsamifera“, die alles mit ihrem Duft erfüllt.
Den Schluß der Expedition bildete ein Besuch auf einem Inselchen „Verlaten Eiland“, das ein paar Kilometer entfernt liegt.
Als der Krakatau hier Weltuntergang spielte, mußte das nahe Eiland mit. Auch auf ihm verbrannte jedes letzte Hälmchen und dicke Schichten von Asche und Bimsstein begruben die Stätte. Grade hier aber hatte Floras Hand das höchste Wunder aufgespart, die äußerste Leistung tropischer Schnellproduktion.
Denn an der Südspitze dieses Friedhofs von 1883 stand bereits wieder ein ganzes Wäldchen von fünf bis sechs Meter hohen Bäumen. Casuarinen waren es. „Casuarbäume“, aus jenem seltsamen Geschlecht, dessen eigentliche Heimat das Wunderland Australien bildet. Wie gerupft, wie abgefressen hängen die scheinbar ganz blattlosen, düsteren Zweige herab, eher an Schachtelhalme als an Laubpflanzen erinnernd, eine echte Staffagepflanze von urweltlichem Habitus zu dem Erdteil der Schnabeltiere und Molchfische.
Als die Besucher ihre Ausbeute musterten, hatten sie im ganzen gesammelt: 22 niedere Kryptogamen (Algen und anderes), 12 Farne und 50 höhere Pflanzen (Phanerogamen). Treub bei seiner ersten Fahrt hatte 8 Kryptogamen, ein Farnkraut weniger und nur 15 Phanerogamen erbeutet. So trat der Fortschritt ganz deutlich hervor, wenn er auch nicht eben mit Siebenmeilenstiefeln gelaufen war, — der Fortschritt in elf Jahren genau gemessener Zeit.
Interessant war dabei noch die weitere Einsicht in die Transportart der neuen Ankömmlinge.
Penzig verrechnet da alle Algen und Farne nach wie vor auf den Wind. Von den Phanerogamen gibt er siebzehn Arten mit meist kleinen und teilweise mit Flugapparaten ausgestatteten Samen den gleichen Weg: es sind sämtlich Gräser, Compositen oder Orchideen. Zweiunddreißig Arten dagegen fallen auf Wassertransport: es sind fast durchweg Strandpflanzen, darunter die Casuarinen, Euphorbien, Canavalien und die Kokospalme.
Endlich für ein paar Arten (Melastoma und Ficus) kommt noch ein ganz besonderes Luftschifflein in Betracht, an das man früher gar nicht für solche Fälle zu denken gewagt hätte: nämlich Verschleppung durch früchtefressende Tiere, — Vögel oder Fledermäuse (Flughunde). Diese Pflanzen haben wohlschmeckende Früchte, deren Samen den Verdauungsprozeß überstehen. Der Weg ist also kein ungewöhnlicher. Darwin hat, wie so vieles, auch diese Art der Pflanzenverbreitung zuerst genau studiert und in unsere Rechnungen eingeführt. Er fand, daß Körner lustig aufkeimten, nachdem sie Tage lang in einem Vogelinnern zugebracht hatten; der Vogel konnte in dieser Zeit aber mehrere hundert Meilen weit geflogen sein.
So viel vom Krakatau, seiner Explosion und seinem neu erblühenden Garten.
Warum ich aber grade an diese Geschichte mich erinnert habe, damit hat es diese Bewandtnis. Ein Zeit-Beispiel steht uns hier wirklich vor Augen von außergewöhnlicher Art. Im Rahmen ganz fester Jahresziffern, 1883, 1886, 1897, erleben wir stufenweise mit einen Naturvorgang typischer Sorte: die Neuumfassung eines vegetationslosen Landes im Meer durch die „Biosphäre“, den großen Lebenskörper, der in Gestalt von Pflanze, Tier und Mensch die Oberfläche unseres Erdplaneten überlagert.
Hätten wir solche Zeitbeispiele, wo sich eine meßbare Zeit mit einem konkreten „Werden“ für uns füllt und deckt, in größerer Zahl, so träte jene Zeitfrage der Entwickelungslehre auf ein ganz anderes, ein exaktes Feld für uns über.
So wie hier, müßten wir dabei gewesen sein bei der Erdgeschichte, sollten unsere Antworten ganz unmittelbare sein.
Statt dessen sind wir angewiesen auf Indizienbeweise. Tatsächlich sind aber auch sie wenigstens für die größten Linien von zwingender Gewalt. Um ihnen zu folgen, ist aber wieder ein verwickelter Weg nötig, der weit fort führt von allen Schlagworten.
Ein Stück menschlicher Denkgeschichte ist dazu nötig.
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Wen man von einem mittelhohen, aber kahlen Berggipfel in die Ebene schaut — etwa von der Schneekoppe — so bekommt man ein gutes Bild, wie die „Biosphäre“, die Gesamtmasse des „Lebendigen“, zu dem ungeheuren Erdplaneten sich verhält.
Dunkler Fichtenwald, lichter, grüner Busch, endlich Wiesen und Kornfelder liegen da nicht mehr plastisch, sondern als Farbflecke. Nur noch die Unterlage, Hügel, Täler, Erdwellen aller Art steigen auf oder sinken ab. Die Farbfelder aber gehen mit, eben wie eine einfache Farbe, an deren Dicke man nicht noch einmal besonders denkt.
So liegt das Leben im ganzen um die Erde.
Der Fels aus Urgestein hier oben hat noch einen Vergleich: an seiner Flanke klebt die gelbe Flechte, auch sie fast nur ein Farbfleck ohne Tiefe, aber doch ein „Etwas“, das nicht selber Fels ist, sondern das man abschaben kann.
Wie eine solche feine bunte Flechtenkruste überzieht das Leben den rein mineralischen Block des Planeten in seinen kolossalen Größenverhältnissen eines Kugelberges von mehr als 12000 Kilometer Durchmesser.
Wer aus dem Weltraum sich der eilig sausenden Kugel näherte, der würde etwa die Urwälder des tropischen Südamerika sich andeuten sehen wie einen grünen Schimmel. Näherte er sich von der Nachtseite und schwebte über dem Ozean, so würde ein solcher Schimmel ihm vielleicht phosphorisch auf der Fläche zu funkeln scheinen: in der Tat läge auch hier in den oberen Wasserschichten eine riesige Schicht Leben winziger Organismen, deren vereinte Kraft das „Meerleuchten“ erzeugt.
Beim tieferen Eindringen merkte er dann die große Leistung, wie dieser Planetenschimmel der Gliederung der Planetenoberfläche wunderbar folgt.
Wo diese Oberfläche eine Meile tief zum Ozeansgrunde abstürzt, da senkt sich auch der Teppich mit, tierisches Leben geht bis zur Sohle die ganze Meile mit hinab.
Aus dem schwarzen Abgrund hebt es sich dann wieder zum Licht: grüne Tangstämme, wie die Macrocystis pyrifera der Südsee, recken sich 200 Meter empor, ein Medusenschwarm dehnt sich über mehrere Kilometer aus, eine rötliche Alge färbt ein halbes Meer.
Auf der Feste wieder wächst ein einzelner Eukalyptusstamm anderthalb hundert Meter vom Boden an aufwärts durch die Luft. Knieholz folgt den viel höheren oberen Gebirgsterrassen. Zuletzt hängt die gelbe Flechte selbst als äußerstes Faserwerk des Teppichs am Granit. Über dem schneebedeckten Hochgebirgshorn aber schwebt noch der Geier. Und vielleicht noch weit über der Meile Gestein, die die höchste Gebirgserhebung über das Meeresniveau hinausgipfelt, ziehen mit dem Winde Bakteriensporen.
Dem Vertikalen dieser Doppelmeile wiederum entspricht die horizontale Eroberung durch alle Zonen. In der Steppe durchmißt der Reisende wochenlang immer neuen Blumenflor. Selbst über der nackten Wüste zaubert die Fata Morgana Palmen herauf. Eisberge des Pols färbt die Volvox-Alge der Karmoisinklippen mit zauberhaftem Rot. Unter 81 Grad 26 Min. nördlicher Breite fand Nansen die Tümpel des schmelzenden Eises noch mit Diatomeen und Bakterien erfüllt.
Und dieser räumlichen Anschmiegung entspricht eine innerliche, eine physiologische: die unendlich vielseitige Anpassung an alle Bedingungen dieses Lebensraumes. Der Tiefseefisch leuchtet, der Käfer Leptoderus in der finsteren Adelsberger-Grotte ist blind, der Eisbär ist behaart bis auf die Tatzensohle, und die Haut des Nilpferdes ist ganz nackt; die Flechte am Fels verträgt das Austrocknen, das Murmeltier unserer Alpen überschläft die kalte Jahreszeit und der Tanrek-Igel Madagaskars die ausdörrend heiße, und der Zugvogel überquert ganze Erdteile, um für sich den Unterschied der Zonen aufzuheben.
Aber es wird Nacht, und über dieser lebensfrohen Erde beginnen die Sterne aufzufunkeln.
Du sagst Dir, daß jedes dieser Lichtpünktchen des Fixsternhimmels eine Welt für sich ist, so groß oder größer als unsere Sonne. Und sie alle müssen, damit wir sie sehen können, leuchten, müssen eine Hülle glühender Gase um einen Kern in Weißglut mit sich dahintragen. Trotzdem sind die Stoffe dort die gleichen wie bei uns. Nur der Wärmestand ist ein unvergleichlich viel höherer. Das Gewicht unserer Erde verrät uns, daß sie im Herzen wohl nichts anderes ist, als eine riesige Metallkugel, vielleicht hauptsächlich aus Eisen, dem gleichen Element, das auch in dem Meteorblock steckt, der vom freien Raum her zu uns stürzt und der vielleicht ein solches Herzstück eines anderen Weltkörpers ist, und dem gleichen, ohne das hier an der Oberfläche in der Sphäre des Lebendigen kein Pflanzenblatt sein wundervolles Grün entwickeln könnte. Der Raum aber, aus dem dieses Meteoreisen fällt, ist selber eiskalt, kälter als die tiefste Polarkälte. Wenn dieser Meteorblock einst glühend gleich den Sonnen dort hinein geworfen worden ist, so ist er längst darin bis ins Innerste so kalt geworden, daß unsere Haut daran kleben bliebe, wollten wir ihn greifen; wohl erhitzt er sich durch die Reibung unserer Atmosphäre flüchtig noch einmal, aber im Innern ist noch mehrfach die ganze Kälte festgestellt worden, die schaurige Weltraumkälte. Was aber dem Zentnerblock geschah, warum nicht das Gleiche dem ganzen Erdplaneten?
Auch er war einst im Lose derer da oben, sein Metallkern strahlte Weißglut, und blutrote Wasserstoffdämpfe schossen als Protuberanz darüber hinaus. Aber die Kälte kroch zäh heran und legte ihre Hand darauf. Bis die Schlacke eine Rinde hatte. Bis das Eisen sich härtete und Rost setzte. Und bis der Wasserstoff sich dem Sauerstoff vermählte zu Wasser. Die großen Sonnen glühen noch fort, — die kleine Erde ist schon gestrichen im Chor der Glutatmenden.
So ist der Gedanke schon dem René Descartes im siebzehnten Jahrhundert aufgestiegen: die Erde ist nur eine verkrustete, eine erloschene Sonne.
Athanasius Kircher in seinem Folianten von der „Unterirdischen Welt“ (Mundus subterraneus) hat 1668 auf einer prächtigen Tafel die ganze Kugel durchschnitten wie eine Apfelsine dargestellt; im Innern, verborgen unter unermeßlichen Lasten starren Gesteins, zeigt sich nur noch wie in einem Gefängnis der alte Stern, als Zentralfeuer, von dem glühende Kanäle mit knotenartigen Feuerinseln durch die Feste sich schlängeln bis zu den lavaspeienden Feuerbergen der Rinde. Es ist die Anschauung, die sich bis an die Schwelle der neuesten Geologie fest erhalten hat.
Hat sie aber recht, so wäre diese gesamte Erdoberfläche, über die sich heute die Lebenssphäre zieht, einst auch als Ganzes nur ein solcher nackter Krakatau-Fels gewesen, — einmal damals, als zum ersten Male die Glut oben endgültig ausbrannte, die Urlava starr wurde.
Ein Krakatau-Fels der ganze Planet, kahl aufstarrend gegen den öden Weltenraum. Und dann erst hätte auf ihm irgendwie (worüber denn Theorien zu bauen wären) das Leben eingesetzt, um allmählich seine große Eroberung der zwei Meilen vertikalen Teppichspielraums und der Horizontale von den beiden Polen zum Äquator zu beginnen.
Wann aber war das?
Heute ist die Erde grün und lebensbunt, wie der Krakatau in seinen zwanzig Jahren noch lange nicht.
Werden wir irgend einen Anhalt finden können, auch bei ihr diese Besiedelung auf eine Jahresziffer festzulegen, ihre Krakatau-Periode zu bestimmen, wie es auf der Ruine der Sundastraße Treub und Penzig gelang?
In den achtziger Jahren hörte ich in Bonn ein Kolleg bei dem trefflichen alten Historiker Arnold Schäfer, — über Chronologie in der alten Geschichte. Er ging bis zu den damals noch ältesten Daten der Ägypter und Babylonier. Immerhin blieb’s ein kleiner Kreis von Jahrtausenden. Dahinter aber, sagte er, wird’s ganz düster; dort, meine Herren, beginnt nämlich der Naturforscher, und der hat’s ja sehr viel leichter, wenn Sie ihn fragen wollen: der spielt mit Millionen; aber mit Wissenschaft hat das nichts mehr zu tun.
Das hörte ich vormittags. Nachmittags las der Anthropologe Schaaffhausen. Er legte uns den Neandertal-Schädel vor, den er damals für einen uralten, noch ausgesprochen tierähnlichen Menschenrest hielt; in der Folge ist das stark bestritten worden, heute aber glaubt man nach Schwalbes Forschungen und nach anderen prähistorischen Funden wieder entschieden daran.
Nun denn: dieser Schädel und Verwandtes führte so weit vom alten Babylonier und Ägypter fort, daß man in unfaßbare Zwischenräume zu sehen glaubte. Und doch war er gewiß nicht älter, als nur erst das Diluvium. Dahinter erst begannen die großen Epochen der organischen Erdgeschichte, Tertiär, Kreide, Jura und so weiter. Erdteile zerspalteten sich da vor dem Blick, Meere überbrückten sich, die großen Gebirge von heute wurden zu Koralleninseln oder Seeboden und andere kreuzten die völlig verwandelte Karte. Die klimatischen Grenzen von heute paßten nicht mehr. Tier- und Pflanzenwelt bekamen einen fremden Zug. Der Mensch fehlte vollkommen. Vor solchen Änderungen schien das Wörtchen Million auf einmal ganz klein. Nicht wir waren die Könige, die mit Millionen spielten. Da drunten wuchs, von uns nicht gewollt, sondern einfach nur in Empfang genommen, eine Welt der zeitlichen Riesendimensionen auf, der unsere Nullen hinter der Eins umgekehrt ein Zwergenspiel wurden, Strohfäserchen, die eine Ameise schleppt, gegen ein Weltmeer.
Der ganze Kontrast war in den beiden Bildern: des Historikers in seiner „Weltgeschichte“ alten Schlages, der schon ein Rechnen mit einem Jahrhunderttausend für einen schlechten Dilettantenscherz voll leichtsinnigster Verwegenheit hält; — und des modernen Naturforschers, dem bei sorgfältigster Selbstkritik der eigene Leichtsinn immer wieder darin steckt, daß er noch zu kurze Zeitmaße ansetzt.
Aber jener Vorwurf ist mir seitdem immer wieder aufgetaucht, er ist noch jetzt zäh.
Heute, da die Meinung Modefarbe bekommt, die ganze Entwickelungslehre gehe wieder zurück, kann man auch ihn wieder lebhafter hören. Wenn der ganze Ideengang Darwins erst wieder abgetan ist, heißt es, so werden wohl auch diese tollen Ziffern, mit denen wir unsern armen Kopf quälen sollten, endlich verschwinden.
Und dabei ist der wahre Sachverhalt heute der ganz genau gleiche wie früher.
Höchstens ist er noch schärfer geworden, — schärfer in der unbedingten Forderung größtmöglichster Zeiträume für die Geologie.
Es gibt eine Hauptquelle für diese Mißverständnisse.
Sie sprudelt, solange wir eine echte Geologie haben.
Immer haben wir von außerordentlich viel Zeit gehört, die dort nötig sei, — aber wir haben auch immer das größte Schwanken gesehen innerhalb der Naturforschung über die eigentlichen Ziffern. Um diese engeren Ziffern ist jedesmal der erbittertste Zwist geführt worden, sobald eine genannt war, und so oft der Fernstehende einen solchen Kampf mit dem Sturz einer Ziffer enden sah, machte er sich seinen Vers, es sei nun aus dort mit der ganzen Zeitrechnung der Millionen.
Wer aber tiefer in die Karten schaut, dem erscheint gerade als das Entscheidende, daß jeder Sturz der Ziffer immer nur ein Sieg war des noch ausgedehnteren Maßes überhaupt. Als zu klein ist noch jede echte geologische Ziffer verworfen worden.
Das spielt jetzt seit anderthalb hundert Jahren.
Der erste geologische Rechner modernen Stils ist Buffon im achtzehnten Jahrhundert.
Man muß heute wieder öfter auf Buffon zurückkommen. Von seinen Zeitgenossen vergöttert, ist er im neunzehnten Jahrhundert durchweg schlecht behandelt worden. Man hat ihm nachgerechnet, was er im Detailwerk der Forschung an neuen exakten Tatsachen gegeben habe, und diese Wage schien immer leichter. Sein Kultureinfluß in seiner Zeit war aber unberechenbar groß. Er gab diesem allenthalben geweckten, nach neuen Weltfundamenten lechzenden Jahrhundert der Voltaire, Rousseau, Lessing, Kant, Herder, Schiller zum ersten Mal das große geschlossene Weltpanorama des Naturforschers als „Macht“ in den Besitz. Es entscheidet nicht dabei, wie viel kühne Hypothese war. Die Lücken füllte er mit glänzenden Hypothesen. Was tun wir heute anderes? Das Wesentliche war das Einheitliche des Natur-Weltbildes. Er malte es so, daß jeder gepackt wurde. Keiner bis auf ihn hatte es annähernd noch gekonnt. Nach ihm sind Humboldt und alle die Kosmologieen gekommen. Er war der erste.
Man kann behaupten, daß keine große geistige Debatte bis ins Extremste des Moralischen und Ästhetischen hinein im letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts geführt worden ist, ohne daß dieses Panorama einer vom Naturforscher gefaßten Ganz-Welt, einer ganz gefaßten Welt auf Naturgesetzen, dabei einen Hintergrund gebildet hätte, mit dem jeder rechnete; es war aber Buffons Naturgemälde, an das man dachte.
Man braucht allein auf Goethe zu sehen, wo dieses naturwissenschaftliche Bild schon die ganze Anschauung der Dinge auch im Ästhetischen beherrscht, um Buffons Einfluß in seiner Kraft zu fühlen. Ich halte Buffon in allem Naturgeschichtlichen für gradezu bestimmend bei Goethe. Die unmittelbare Berührung läßt sich durch viele Stellen belegen. Die feine geistige Beziehung ist aber noch viel weiter deutlich. Von Buffon hatte auch Goethe zu den überliefert religiösen, den philosophisch-moralischen, den ästhetischen Weltbildern seiner Zeit das große Kosmosbild des Naturforschers, das damals eine ganz neue Kraft war, stählend zugleich, aber auch beängstigend; wie er sich damit auseinander gesetzt hat, war ja dann sein eigenes Werk.
Nun also: Buffon hatte jenen oben gestreiften Ideengang schon ganz klar.
Die Erde war ein Stück Sonne, das in der Weltraumkälte eines Tages erstarren mußte. An dem Tage begann auf ihm das Leben wie auf der nackten Schlacke des Krakatau. Eher konnte es nicht beginnen, denn es ist kein Salamander der Sage, der im Feuer leben kann. Immerhin ist es auch nur möglich auf einer noch erwärmten Rinde. Wenn der Block einst ganz erkaltet und eine ewige Eisperiode anhebt, wird es wieder verschwunden sein. So stellt es eine Intervall-Erscheinung des Planeten zwischen zwei Grenzen dar, gebunden an ein Temperatur-Intervall. Sollten wir aber diese so scharf gegebene Zeitspanne nicht wirklich ziffernmäßig berechnen können?
Buffon machte ein ganz einfaches, aber zunächst verblüffendes Experiment.
Er stellte eine Anzahl kleiner Metall- und Steinkugeln auf, erhitzte sie bis zur Weißglut und ließ sie sich dann bei einer mäßigen Lufttemperatur allmählich wieder abkühlen. Die Grade dieser Abkühlung legte er in festen Ziffern nieder, die vor allem zwei Zeitpunkte genau fixierten: den Augenblick, da man die Kugel zuerst wieder berühren konnte, ohne daß unsere lebendige Haut Schaden dabei nahm; und den andern, da die gewöhnliche heutige Temperatur der Kugel bei dieser bestimmten Luftwärme wieder erreicht war, also die Eisenkugel sich wieder anfühlte wie jedes Eisen sonst. Diese einfachen Ziffern wurden dann im Verhältnis umgerechnet für eine Kugel von der Größe der Erde und sofort erschienen auch hier ganz feste Zahlen.
Wenn der heutige Temperaturzustand dieser großen Erdkugel auch nur ein Produkt der Abkühlung aus Weißglut war, so ergab das für die Dauer des Abkühlungsprozesses bei den Größenverhältnissen des Erdballs (unter Anrechnung einiger kleiner Begleitumstände) im ganzen bis heute genau 74832 Jahre.
In diesen rund vierundsiebzigtausend Jahren bildete wie bei den kleinen Versuchskugeln einen wichtigen Einschnitt die Jahresziffer, bei der wir die Erdoberfläche zum ersten Mal hätten berühren können, ohne daß unsere Haut Brandblasen bekam.
Den entsprechend umgerechneten Experimentziffern nach mußte das vor genau 40062 Jahren geschehen sein.
Das bedeutete aber dann zugleich ein ungemein wichtiges Geschichtsdatum. Denn wenn unsere Hand sich damals nicht mehr verbrannt hätte, so heißt das: Leben war damals möglich geworden auf der Erde. Vor rund vierzigtausend Jahren hatte das Pflanzen- und Tierleben begonnen: es war die Krakatau-Ziffer des ganzen Erdfelsens!
Buffon war in Hinsicht der Lebenserscheinungen ein eminent aufgeklärter Kopf, seiner Zeit weit voraus. Wo die nötigen Temperaturbedingungen gegeben waren, da nahm er Entstehung von Leben als notwendigen Naturprozeß an. Wenn zwei Länder ähnliche Wärmeverhältnisse hatten, so brachten sie auch ähnliche Tiere und Pflanzen ganz von selbst hervor, ohne daß man an Wanderungen zu denken brauchte. „Die gleiche Temperatur nährt, erzeugt überall die gleichen Wesen,“ sagt er wörtlich (Ausgabe von Richard, Paris 1839, Bd. I., S. 463).
Wenn also vor vierzigtausend Jahren die Lebenswärme erreicht war, so war nicht einzusehen, warum wir nicht mit dieser Ziffer auch den wirklichen Lebensanfang in Händen hatten.
Buffon schloß aber noch weiter.
Zunächst gab diese Rechnung auch einen scharfen Zukunfts-Grenzwert.
Die Abkühlung der Erde ging weiter, auch über unsern heutigen Zustand hinaus. In 93291 Jahren mußte die Erdkugel bis auf ein Fünfundzwanzigstel der heutigen Temperatur abgekühlt sein. Das bedeutete aber Vereisung, — endgültigen Kältetod alles Lebens. Es war die Schlußziffer, mit der die Lebensära nach einer ruhmreichen Dauer von rund hundertdreiunddreißigtausend Jahren wieder abschnitt, Pflanze, Tier und Mensch begrabend.
Die zweite Folgerung ging auf die übrigen Planeten und Monde unseres Systems. Überall dort rechnete Buffon nach der gleichen Methode. Die kleineren waren früher in ihre Lebensperiode eingetreten, hatten sie aber auch rascher schon durchlaufen, die größeren umgekehrt folgten erst langsam nach. Der fünfte Trabant des Saturn war beispielsweise die erste Welt in unserem System gewesen, die lebensfähig geworden war, seit mehreren Jahrtausenden aber war sie auch schon wieder zu Todesstarre vereist. Unser eigener Mond hatte höchstens sechzigtausend Jahre lang geblüht und war seit über zweitausend Jahren auch im Lebenssinne wieder erloschen. Auch der Mars war längst gestorben, auf dem vierten Saturn-Trabanten lag alles in den letzten Zügen der Verschmachtung, die Venus dagegen war noch etwas wärmer als wir, auf dem Saturnring stand das Leben in erster Vollkraft und gar der Jupiter war heute noch überhaupt zu heiß zur Bildung organischer Wesen.
Auch alle diese Angaben kamen in Ziffern bis auf halbe Jahre genau. Daß auch diese andern Weltkörper ihr Leben entwickelten zu ihrer Zeit, stand ein für allemal fest. Man darf glauben, sagt Buffon, daß alle diese gewaltigen Himmelskörper, deren Temperatur in der rechten Periode ist, „gleich dem Erdball bedeckt seien mit Pflanzen und selbst bevölkert mit empfindenden Wesen, die den Tieren der Erde ungefähr ähnlich sind.“
Buffon erfuhr mit diesen kühnen Rechnungen das größte Leid seines sonst so schönen Denkerlebens. Obwohl die Ziffern gar nicht so außerordentlich groß waren, stimmten sie nämlich doch nicht mit den hergebrachten Zahlen der Bibel.
Selbst eine tief religiöse Natur mit innerlich fein geklärtem Standpunkt, hatte Buffon friedlich losgerechnet, ohne sich etwas Verfängliches zu denken. Aber man begreift, daß das für seine Zeit eine starke Zumutung war: über 74000 Jahre Weltexistenz allein für die Erde gefordert statt der üblichen paar tausend Jahre für das Ganze, — Mehrheit bewohnter Welten bis zu empfindenden Wesen von Tierähnlichkeit, also wohl gar Menschen auf Venus und Saturn — endlich, wie wir heute sagen würden, unverfälschter Darwinismus, der den Planeten Leben treiben ließ zu seiner Zeit und Pflanzen- wie Tierarten sich entwickeln ließ wie ein Kristall unter bestimmten Umständen naturgesetzlich anschießt ... das war für den Hof Ludwigs XV. und XVI. denn doch des Guten an Ketzerei zu viel.
Man machte dem harmlosen Gelehrten das Dasein sauer genug. Doch das ist mit den Zeiten verschollen. Was uns als übrig allein interessiert, ist die Wahrheitsgrundlage seiner Rechnungen und Ideen selbst. Und da ist denn auch für uns manches zu sagen.
Wer aus der schlichten Vorstellung der sieben Schöpfungstage kam, dem mußte gewiß schon Buffons großer Erd-Roman wie etwas Überwältigendes an Handlung und Verwickelung erscheinen.
Der nächste Fund aber über Buffon hinaus war: er hatte die Dinge zu klein gesehen.
Wohl schwebte er im Geiste wie ein Herrscher über der Glutkugel, die sich abkühlte, bis Pflanze, Tier und Mensch auf ihrer Rinde wohnen konnten. Doch bei dieser „Rinde“ hatte er immer nur an die Schlackendecke aus Schmelzfluß gedacht, an etwas Einheitliches, wie es auch seine Metallkugeln im Experiment wiesen. Die Forschung noch neben ihm und unmittelbar nach ihm besah sich aber die wirkliche Erdrinde, auf der wir Menschen hausten, etwas genauer und sie geriet auf ein besonderes Bau-Geheimnis noch in ihr, zu dem Buffons einfaches Modell des Erdenhauses nicht auslangen wollte.
Gewiß war das, was wir von dieser „Rinde“ im Oberflächenbilde mit seinem Wechsel von Berg und Tal, Ebene und Wasserbett oder auch im Aufschnitt und angerissenen Innern zu sehen bekamen, nur ein kleines Stückchen zu der ungeheuren Kugel, wirklich nur eine Art dünner Haut. Noch heute, da wir ein paar für unsere Ameisen-Technik ganz kolossal tiefe Bohrlöcher hineingetrieben haben, geht das längste dieser Löcher (das von Paruschowitz in Oberschlesien) nur erst 2003 Meter in die Erde hinab, zwei Kilometer von zwölftausend; die tiefsten natürlichen Aushöhlungen im Ozeansgrunde reichen immer noch mehr als viermal tiefer und selbst das wäre schließlich auch nur eine kleine Ziffer. Nehmen wir den Gaurisankargipfel, den tatsächlich noch keiner wirklich betreten hat, als oberste Ecke und jene Riesentiefen des Meeres, wie sie die Challenger-Expedition und neuere gelotet haben (auch von hier kennen wir nur einige oberflächlichste Schlammproben und die Druck- und Temperaturziffern), so kommen rund kaum achtzehntausend Meter heraus, — als das Äußerste, was wir annähernd von der Erdrinde als idealer Kante überschauen. Achtzehn Kilometer gegen zwölftausend! Damals, zu Goethes Manneszeiten, hatte man aber noch viel weniger.
Und doch merkte man etwas.
Dieses Stückchen Rindenerde machte durchaus nicht bloß den Eindruck von Krakatau-Schlacke. Allenthalben, wo diese Rinde geborsten, aufgewühlt, in ihre „Eingeweide“ hinein entblößt war, erschien sie wie durchsetzt mit aller Art Brocken und Fetzenstücken eigentümlicher konzentrischer Steinhäute, die aus der einfachen Rinde ein so unglaublich kompliziertes Ding machten, wie wenn einer in eine Zwiebel schneidet und statt einer einfachen Fruchtschale eine Zwiebelhaut über die andere losschält.
Und es bedurfte wirklich nur eines ziemlich geringen Durchdenkens der Sache, so mußte klar werden, daß diese bald aufeinander gepackten, bald wieder gelösten, zerrüttelten, zerstückelten Zwiebelhäute zum teil jedenfalls ein Ergebnis von Wasserniederschlägen in einer Reihe von einander folgenden Zeitabschnitten sein mußten. Nur das Wasser konnte diese zwar oft nachträglich gestörte, aber immer wieder durchschimmernde horizontale Butterbrot-Schichtung der Gesteine bewirkt haben, und auf alten, erst nachher verhärteten Wasserschlamm deutete allzu klärlich auch die sandige, schieferige, kalkige Natur dieses Gesteins.
Das war die grundlegende neue Weisheit unseres deutschen geologischen Altmeisters Werner, der geboren wurde, als der erste Band von Buffons Naturgeschichte eben heraus war, 1750. Werner saß Zeit seines Lebens im Erzgebirge, er reiste nicht, er spekulierte wenig mit großen Werten und er schrieb keinerlei packende Werke in vielen Bänden. Aber er ritt auf einem Prinzip, und das war in der Tat unendlich wichtig: daß der Hauptteil mindestens der Gesteine der Erdrinde, die wir heute sehen, ein Produkt des Wassers sei, angesetzt auf einer Grundrinde, etwa wie sich nachträglich Kesselstein auf das Metall eines Dampfkessels auflagert, und, ursprünglich wenigstens, angesetzt in wirklichen konzentrischen Lagen Schicht auf Schicht in einer Reihe einander folgender Zeitperioden.
Mochte es nun mit der anfänglichen Glutkugel sein, wie es wollte: jedenfalls schob sich zwischen ihre erste eigene Erkaltungsrinde und unsere schließliche, heute greifbare „Oberfläche“ noch ein gewichtiges Zwischending: diese ungeheure, viele tausende von Metern dicke Lage steinerner Butterbrote, die den darüber stehenden Meeren verdankt wurden. Ihre ganze Masse war im Meer einmal einigermaßen aufgelöst, lose verteilt gewesen und dann langsam abgelagert worden, wie heute noch allerorten die Schlammteilchen im ruhigen Wasser allmählich abwärts sinken und einen Bodensatz bilden.
Zu diesem Akt des Wassers aber gehörte — Zeit.
Buffon hatte gerufen: Zeit für die Temperatur, 74000 Jahre für die heutige Abkühlung der Ur-Rinde! Werner verlangte: Zeit für das Wasser; Zeit für seine dicken Kesselsteinschichten auf dieser Rinde; wie viel, mochte zunächst offen sein, und es brauchte vorläufig auch keine Debatte zu sein, ob die Buffonsche Ziffer stimmte, auf alle Fälle handelte es sich jetzt um ein Separatkonto.
Und das ist für die ganze Folge das Entscheidende auch geblieben in allem Wechsel: daß hier eine zweite, von der Wärmerechnung ganz unabhängige Zeitforderung in die Geologie eintrat. Die ganze Buffon-Forderung konnte leerer Traum sein: so blieb doch hier von einer ganz anderen Ecke her eine neue Zeitforderung bestehen, die für sich bewiesen werden konnte oder widerlegt werden wollte. Aber — und das ist das noch wieder Entscheidende — auch diese Forderung verlangte viel Zeit.
Es ist nicht Werner selbst, der große alte „Thales der Geologie“, der Wassergeologe, der diese Forderung des „viel Zeit“ am schärfsten zieht, sondern ein zweiter Mann der gleichen Tage.
Wer die Geschichte der Geologie in ihrer großen denkwürdigen Genesis im 18. Jahrhundert knapp aus dem Leitfaden lernt, der pflegt sich einzupauken: zwei Schulen des Anfangs, zwischen 1750 und 1800; Neptunisten und Plutonisten; erstere leiteten alle Bildungen der Erdrinde geschichtlich aus dem Wasser ab, letztere aus dem Feuer; Haupt der ersten Schule ist Werner von Freiberg; Haupt der letzteren Hutton in England. Wer das konfus ausdrückt, dem wird es zu einem wirklichen Wiederaufleben des alten Philosophengegensatzes von Thales und Heraklit: der eine baut die ganze Erde bloß aus Wasser, der andere bloß aus Feuer auf. So kahl waren aber die Extreme in Wahrheit nicht.
Hinter beiden Anschauungen stand Buffon mit seinem sich abkühlenden Glutstern. Werner kam bloß in der Folge zum Ruf des Allverwässerers, weil er einzelne Gesteine, die wir heute sicher zu den lavaartigen, aus Glutfluß unmittelbar erstarrten, rechnen, auch noch für Wasserniederschläge nahm, so den als Exempel und Kampfobjekt berühmt gewordenen Basalt. Aber an der Basis aller Schichten blieb auch ihm ein ursprünglicher „Grund der Hölle“ wie Goethe im Faust sagt, als er seinen Helden mit Mephisto auf dem Granit des Hochgebirges Halt machen läßt.
Und umgekehrt war James Hutton kein einseitiger Feuermeister, sonst hätte er nur für den Buffonschen und nicht für jenen anderen, zweiten Zeit-Begriff in Betracht kommen können.
Huttons umfassende Bedeutung ist erst in späteren, zum Teil erst in neueren Tagen recht gewürdigt worden. Kürzlich hat Friedrich Ratzel in einer auch sonst ausgezeichneten Studie (in Ostwalds „Annalen der Naturphilosophie“) ihn trefflich grade in seiner Rolle auch als nicht-plutonischer Zeit-Forderer charakterisiert.
Obwohl Hutton die Erdwärme überall brauchte und sich ohne sie das Stein-Werden alter Schlammschichten überhaupt nicht denken konnte, lag ihm doch an Buffons Ur-Roman eigentlich noch weniger als Werner. Sein Blick faßte die Erde viel lieber als etwas von Ewigkeit her Gegebenes, an dem wir bloß gewisse harmonische, gleichsam rhythmische Kreisläufe von Erscheinungen beobachten könnten. Zu solchen Erscheinungen gehörte auch die Bildungsgeschichte jedes Stückes Kalk, jeder Platte Sandstein. Das Bild, das wir uns von dem Vorgang der Entstehung nach schlichter Gesetzmäßigkeit machen wollten, bestimmte die dabei verflossene Zeit. Wo konnte uns aber bei der ewigen Ähnlichkeit dieses Erden-Rhythmus etwas Besseres ausgesagt sein über jenes Bild als in den heute noch sichtbaren Vorgängen der Kalk-Bildung, der Sand-Anhäufung auf Erden?
Noch heute häufte der Fluß vor seiner Mündung eine Barre von Sand auf, noch heute baute sich, erhöhte sich, wanderte, festigte sich die Sand-Düne am Gestade des Ozeans. Heute auch noch häuften sich im Seegrunde die Kalkschalen von Tieren, heute noch bauten die kleinen Korallenwesen hohe Mauern aus solider Kalkmasse auf. Hier und nur hier konnte der Schlüssel auch zum Verständnis des alten Werdens liegen.
Grade diese Vorgänge von heute aber liefen nicht im Siebenmeilenschritt: sie verlangten Zeit zuerst, Zeit zuzweit, Zeit immer wieder.
Sandkörnchen um Sandkörnchen wuchs die Düne. Jahr um Jahr prägte sich das Stromdelta an der Mündung etwas schärfer aus, aber an der Spule dieses „Etwas“ spann sich der Faden durch die Jahrtausende, bis ein großes Bild wirklich da sein konnte.
Die Ewigkeit der Vergangenheit hatte nun weite Arme für solche Zeitforderung der Gegenwart. Genau so langsam mochten die Sandberge, die Kalkquadern der Vorwelt sich gebildet haben. Zumal wenn wir uns dachten, daß all dieses Material, das vom Wasser etwa als Schlamm abgelagert werden konnte, vorher durch langsames Abnagen und Zerstören wieder vom Urfels oder von noch älteren, schon landgewordenen Ablagerungen gewonnen sein mußte. Und der Blick tauchte und tauchte in geradezu endlose Zeiten allein für diese Wasserarbeit. Es hatte nicht vom Kosmos her plötzlich vierzig Tage lang Sand geregnet oder der Erdenschlund hatte nicht Sand gespieen, sondern Teilchen zu Teilchen war atomhaft winzig in den Wassergrund gesunken wie heute — und doch waren jene Butterbrotschichten von vielen Kilometern Dicke geworden, die heute bald in Brocken durch die zerborstene Rinde verstreut liegen, bald sich Kilometer um Kilometer noch als einheitliche Fläche horizontal unter unserem Schritt dahin ziehen.
Zeit war die große Melodie, die aus all diesen grundlegenden Tatsachen heraufklang. Unabsehbare Zeiträume, allein nötig für die Wasserleistung und organische Kalkproduktion des Planeten.
Die Veröffentlichung von Huttons Ideen fällt erst ganz in den Ausgang des Jahrhunderts.
Auch da war die unmittelbare Wirkung gerade seines Werkes geringer, als wir heute denken sollten, wenn sein Name im Leitfaden als der eines Kirchenvaters der Geologie, als des scheinbaren Gegenpapstes zu Werner, erklingt. Als eigentliches Dokument ist es, wie gesagt, erst später gewürdigt worden. Aber die Gedankengänge, die es ausspricht, müssen wir in der ganzen Zeit damals als eine (wenn auch nicht so scharf formulierte) Grundströmung suchen.
Goethe ist das beste Beispiel bei uns.
Goethes Geologie, wie wir sie jetzt in zwei Bänden der Weimarer Ausgabe vollständig vor Augen haben, besteht nur aus einer scheinbar regellosen Fragmentenreihe. Aber es geht wie bei allen naturwissenschaftlichen Studien Goethes. Die Stücke sind alle nur Bruchstücke eines einheitlichen Werkes, einer Morphologie der Erde. Man fühlt die große Linie durch, die ihm vorschwebte, und man fühlt auf Schritt und Tritt das Wehen des geologischen Zeitgeistes dabei von damals.
Goethes Geologie schiebt sich zeitlich fast ziffernmäßig genau zwischen Buffon und Lyell. Für die Ur-Anfänge seiner Erde schweben ihm Buffons Bilder vor: die Erde als erkaltender Stern. Das reicht bis auf eine Ur-Erkaltungsrinde, die er im Granit sucht. Auf ihr (und zeitlich nach ihr) spielt sich aber dann der ganze Zwischenakt im Sinne Werners und Huttons ab. Die Sedimentgesteine bilden sich. Langsam, schlicht, nach Art, wie heute sich etwas ablagert.
Goethe nahm in Plutonismus und Neptunismus anfangs eine sehr besonnene Vermittlerstellung ein. Später, als die Katastrophen-Lehre sich geltend machte, war er entschieden gegen das Gewaltsame, die wüste „Polterei“ auf vulkanistischer Grundlage; es war aber nur eine Stellungnahme bei ihm gegen ein Extrem, und im Untergrunde revoltierte in ihm gerade das Festhalten an dem Prinzip des Langsamen, der reichen Zeit, des harmonischen Kreislaufes kleiner, noch heute ebenso zu beobachtender Wirkungen.
Gerade an den Stellen, wo man von Goethe als Detailforscher reden kann, äußert sich am durchsichtigsten, wie selbstständig und klar er sich den Standpunkt auch errungen hatte, an dem man jetzt bei Huttons Namen denkt. Das Geheimnis der erratischen Blöcke beispielsweise hat ihn viele Jahre lang beschäftigt, jener Blöcke, die weitab von der Stelle, da ihr Gestein als Fels ansteht, jäh, unerklärlich zunächst, als loses Trümmerstück auftauchen, nicht abgerollt durch Wassertransport, sondern hingeworfen, als habe eine Riesenhand sie meilenfern vom Gebirge gesprengt und als scharfkantige Scherbe ins Land gestreut. Goethe löste das Problem in dem Sinne, der heute fester Besitz unserer Wissenschaft ist, — es war aber just ein Sinn aus jenem weiteren Gedankengang heraus. Er suchte nicht mit blühender Phantasie wirkliche gespenstische Riesenursachen der Vorwelt, die mit hausgroßen Granitblöcken spielten wie mit Kindermurmeln. Er sammelte Material über die heute noch sichtbare Art, wie Urgestein fernweg von seiner Gebirgsader verfrachtet wird. Wasser im gewöhnlichen Sinne, das Sand verschleppt, paßte nicht. Aber Wasser trat heute auch auf als Eis. Die Alpengletscher brachten Granitscherben langsam, aber sicher heute noch vom Firngipfel bis an ihren schmelzenden Fuß im Tal. Eisschollen trugen eingebackene Gesteinsbrocken als natürliches Schiff sogar übers Meer. Mit unermüdlichem Eifer sammelte Goethe Material über den Gletschertransport in den Schweizer Alpen. Eine Nachricht über große Eisschollen, die mit Granitstücken beladen, durch den Sund geschwommen seien, versetzte ihn in Entzücken, — es war gerade, was er brauchen konnte: eine heute beobachtete Tatsache, die das Vergangene jäh erhellte. Wo heute erratische Blöcke lagen, da war einst ein Meer mit solchem blockbeladenen Treibeis gewesen, oder ein Gletscher hatte seine Moränen gehäuft. Zu all diesen Vorgängen aber war Zeit erforderlich. Dem Auge des Reisenden war ein Gletscher ein starres Gebilde. Seine Arbeit konnten erst Generationen gewahren. Gerade von dieser Arbeit aber sahen wir aus alten Tagen nun die unvergänglichen Spuren, unvergänglicher als selbst seine eigene Existenz.
Das war nur möglich, wenn man „einer freiwirkenden Natur Jahrtausende Zeit“ ließ (Worte Goethes, Weimarer Ausgabe Band IX S. 20 in dem Aufsatze über die „Joseph Müllerische Sammlung“) und mit Thales im „Faust“ sprach:
„Nie war Natur und ihr lebend’ges Fließen Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.“
Bedürfte es noch einer Probe für Goethes geologisch-chronologisches Bekenntnis, so steckt sie, auch dem Skeptischsten offen, in seiner Stellungnahme zu dem geologischen Werke des deutschen Karl Ernst Adolf von Hoff in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Es war ihm „ein Schatz“. Aber mehr als das. Es erging ihm dabei wie bei dem berühmten vor-darwinistischen Streit Geoffroy St. Hilaires gegen Cuvier, wo er seine eigenen vieljährigen Überzeugungen über die Entwickelung des Organischen in einer jungen Generation unabhängig aufleben und sich durchringen sah. Das Gleiche erlebte er mit Hoff für seine geologischen Ideen: er fand sein Eigenstes, das Resultat unendlichen stillen Nachdenkens, im strengsten wissenschaftlichen Gewande jetzt bei einem Jüngeren vor, der aber nicht wirklich sein Jünger war, sondern nur durch eigenen Blick vor den Dingen auf das Gleiche gekommen war. Selbstlos freute er sich des immer erneuten logischen Durchbrechens der Wahrheit.
Was aber lehrte Hoff?
Es gilt hier, die Linie ein Stück weiter geschichtlich heranzuleiten.
Noch in Goethes größten Jahren folgte auf Werner und Hutton eine Arabeskenkurve des geologischen Betrachtens.
Es folgte die sogenannte Katastrophen-Lehre.
Man hatte jetzt gelernt, eine sichere Reihe geologischer Epochen diesseits des Buffonschen Rindenabkühlungsmoments wirklich zu unterscheiden, die Epochen der verschiedenen Gesteinsbildungen durch Meeresniederschläge. Innerhalb jeder einzelnen dieser Epochen ließ man das langsame Werden im Sinne der Huttonschen, der Goetheschen Ideen durchweg zu. Aber zwischen Epoche und Epoche schob man ein Interregnum besonderer Erdtätigkeit, eine katastrophenhafte Unterbrechung.
Man hatte gemerkt, daß die meisten Tiere mit den Epochen wechselten. Neue Arten tauchten auf, alte verschwanden. Gerade an diesem Wechsel der Tierformen in den versteinerten Resten hatte Smith die ursprüngliche Reihenfolge und Sonderung der Butterbrotschnitten in der Rinde unterscheiden gelehrt.
Jetzt übertrieb man das, als habe keine Tierart von einer Epoche in die nächste hinein ausgedauert. Und aus dem Untergang wieder schloß man auf eine tötende Katastrophe.
Die Voraussetzung war falsch, der Schluß war es entsprechend. Es handelte sich nicht um gerade Fortschrittsbahn der geologischen Auffassung, sondern um eine Arabeske.
Immerhin war es, was den Begriff der langen geologischen Zeit anbetraf, nicht unbedingt nötig, daß er von hier aus litt. Die Zwischenzeiten zwischen je zwei Katastrophen, also die eigentlichen geologischen Epochen, mochten als solche eine ungeheure Zeit nach wie vor füllen. Cuvier dachte an Millionen von Jahren, die uns im ganzen etwa von den Ichthyosauriern trennen könnten.
Aber es war doch auch wahr, daß das Plötzlichkeits-Element ohne jede Analogie zum heutigen Geschehen, das in den Katastrophen steckte, auch innerhalb der ruhigen Epochen schließlich zu Gewalt-Phantasien verführen mußte, die von den Ideen Huttons und Goethes fortlenkten. Das jähe, aus keiner Analogie begreifbare Neu-Entstehen der Tiere und Pflanzen auf der nackten Krakatau-Schlacke jeder neuen Katastrophe war schon eine solche Verführung. Wenn das möglich gewesen war, dann möchte die Urwelt auch Kolossalmittel des Moments gehabt haben, um in einer Stunde eine ganze Sandbarre, groß wie die Sächsische Schweiz, aufzuhäufen.
Der Maßstab von heute fiel ab als Wahrscheinlichkeitsmaß.
Wenn man also auch in der Katastrophenlehre gern mit Riesenziffern herumwarf, so geschah das eigentlich nicht mehr auf dem Boden des gesunden Huttonschen Prinzips. Es geschah vielmehr aus Liebe zum überhaupt Kolossalischen, in die man die Geologie hineinerzogen. Riesige Ichthyosaurier und riesige Mammute; riesige Explosionen, Dämpfe, Lavastöße, Glut- und Wasserfluten; dazu paßten am besten auch „riesige“ Zeiten. Aber man war aus der beobachtenden Forschung heraus im Roman.
Der Dichter Goethe, der ein so wundervolles Beobachterauge und so viel schlichten Respekt vor der nicht zu übertreibenden Majestät des Einfachen, der „Alltagsnatur“ hatte, sah das klar ein und tat danach: er verschloß seine Tür vor dieser Polter-Geologie der analogiefreien Erfindung. Die wissenschaftliche Herrschaft der Katastrophenlehre dauerte aber offiziell bis zu seinem Ende. Dann brach sie merkwürdig schnell wieder zusammen.
Der erste Vorbote dieses Zusammenbruchs war aber eben jener deutsche Geologe zu Gotha, von Hoff, im ersten Bande seiner „Geschichte der durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der Erdoberfläche“ 1822. Hoff lenkte durchaus wieder in Huttons besonnene Bahnen zurück. Mit vollem Nachdruck lehrte er wieder die Gegenwart mit ihrem alltäglichen geologischen Geschehen als Lehrmeisterin der Urwelts-Geologie betrachten. Und beredt wußte er zu schildern, daß hier die ungeheure Länge der geologischen Zeit eine echte Forderung der strengen Kritik sei, nicht ein phantastisches Riesenspiel. Das war der Hoff, den Goethe begrüßte.
Anfang der dreißiger Jahre, in Goethes spätestem Abendrot, trat dann der Engländer Lyell auf, mit dem die Katastrophenlehre wirklich einstürzt.
Lyell führte die Ansichten von Hutton, von Goethe und von Hoff hinsichtlich der geologischen Arbeitsart zum vollständigen Siege. Das heißt: er entwickelte sie für sich und erfocht den Sieg auf seinen Namen. Hutton verscholl dabei mehr oder minder, Goethe war nie bekannt geworden, Hoff trat bescheiden bei Seite und ist erst ganz spät gegen den Wunsch der Lyellianer in seine Prioritätsrechte eingesetzt worden.
Einerlei aber: die Ideen gewannen diesmal endgiltig die Oberhand. Und damit triumphierte um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch jene zweite Forderung langer geologischer Zeit endgiltig, die tief im 18. unabhängig von Buffon eingesetzt hatte.
Diesmal sollte sie aber gleich noch eine dritte Quelle auslösen, — eine auch schon früher geahnte.
Als Darwin 1831 seine Weltreise antrat, war eines der wenigen Bücher, die er mit in seine Kajüte nahm, der eben erschienene erste Band von Lyells Geologie.
Auf der Reise selbst wurde er zum Geologen und zum Schüler Lyells. Er lernte, die Dinge alle im Sinne langsamen Werdens anzusehen. Langsam hoben sich Küsten, langsam zermalmte der Gebirgsbach den harten Stein, langsam baute die Koralle sich auf sinkendem Grunde immer wieder zäh empor, langsam verschleppte der Eisberg Granitbrocken. Allenthalben arbeitete heute noch die Erde geologisch weiter. Dieser Arbeit Vergangenheit zugestanden und Zeit, unabsehbare Zeit — und das Antlitz der Erde faltete sich und glättete sich, das ganze ungeheure Wandelpanorama zog und zog vorbei, von dem die Sedimentschichten erzählten, ohne erdumwälzende Katastrophen.
Wenn es aber keine Katastrophen gab, so mußte auch der Wechsel der Tierwelt in der Geologie anders begriffen werden. Was verschwunden war, wie die Mammute, die Ichthyosaurier, mußte allmählich ausgestorben sein. Wir hatten das unter unsern Augen erlebt, wie Tierarten sterben, am Vogel Dronte, an der Seekuh von Kamtschatka. Was aber neu entstanden war, in späteren geologischen Schichten in versteinerten Resten lag, während es in früheren fehlte, — das hatte sich auf natürliche Weise entwickelt. Diese Neu-Entwickelung von Arten hatten wir allerdings noch nicht gesehen. Aber Darwin suchte und glaubte zu finden eine erdrückende Fülle von Indizienbeweisen dafür. Es war das nächstliegende, daß Art sich von Art abgespalten hatte, daß das Vorhandene stets das Treibbeet des Neuentstehenden gewesen war.
So hatten schon vor Darwin die gedacht, die den alten Buffonschen Grundgedanken, daß Arten da entstehen, wo ihre Möglichkeit gegeben ist, sich irgendwie auszudenken, in Bildern zu denken gewagt hatten.
Warum aber erlebten wir diesen Prozeß heute nicht mehr? Darwin fand jene einfache Antwort auch da, die aber unendlich schwerwiegend sein mußte für das Zeit-Problem. Der Vorgang der Art-Entstehung war so langsam, daß wir ihn mit unseren paar Beobachter-Jahrhunderten noch gar nicht fassen konnten. Eine geologisch im Lyellschen Sinne zweifellos so gewaltig lange Zeitperiode wie etwa die ganze Tertiär-Zeit mochte dagegen etwa die höheren Säugetier-Arten alle hervorgebracht haben, sie langte.
Der alte Huttonsche, Goethesche, Hoffsche, jetzt Lyellsche geologische Zeitbeweis trat hier in die Kette der biologischen Indizien ein.
Aber dann zahlten Darwin und die Seinen auch zurück von ihrer Seite.
Die älteren geologischen Zeiten verlangten noch ganz andere Tierumformungen als nur die Zerspaltung des Säugetiers in so und so viel Ordnungen, Familien, Gattungen, Arten. Das älteste Säugetier sollte sich einmal vom Reptil, das Reptil vom Molch und Fisch abgespalten, schließlich das Wirbeltier aus dem Wirbellosen geworden sein. Das waren so riesige Umwandlungen, daß die Zeiträume selbst im höchsten geologischen Maß, an das man bisher gedacht, sich strecken mußten.
Die Biologie, von Darwin inspiriert, ging noch einmal für sich auf chronologische Maximalziffern.
Erst durch Darwin ist es geläufig geworden, von Jahrmillionen im größten Stil zu reden, von zwei-, dreihundert Millionen Jahren, die für das Leben allein auf der Erde nötig seien, — bis an die tausend Millionen, also die regelrechte Milliarde heran.
Rechnete man doch jetzt nicht mit dem Krakataufels, zu dem Wind und Welle und Vogel Geschlecht um Geschlecht schon anderswo vorhandenen Lebens trägt: auf dem ursprünglichen Fels hatte man nur die primitivste einzellige Alge etwa und aus der sollten je nach Ort und Gelegenheit auf dieser Ecke der Erdeninsel diese, auf jener jene Abarten sich entwickelt haben, die wiederum in Enkel- und Urenkelketten Wandel erlitten, bis der Fels endlich von immer höherem Leben autochthon grünte und so weiter bis zur höchsten Krone des Lebens.
Überschauen wir auf dieser Ebene die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, so bleiben wir trotz allem, was heute wohl gesagt wird, auf einheitlichem Boden.
Bei allem Zweifel an den engeren Darwinschen Sätzen ist der Grundgedanke einer langsamen natürlichen Entwickelung von Form zu Form immer fester und fester geworden.
Längst ist er nicht mehr bloß ein Anhängsel der rein geologischen Anschauung, wenn schon er sich nach wie vor aufs beste mit der modernen Geologie verträgt. Vor allem durch die vergleichende Anatomie, die heute alle biologische Systematik von Grund aus trägt, ist er zu einer völlig selbständigen Macht geworden, mit völlig eigenen Beweisketten, die bestehen blieben, auch wenn es gar keine Geologie gäbe.
Und so läßt sich der Zeitbegriff für die Spanne seit jener alten Buffon-Grenze, „seit Möglichwerden organischen Lebens auf der Erde“, heute tatsächlich rein biologisch begründen, ohne Rücksicht noch wieder auf jene zweite geologische Chronologie, wie sie in der Linie zwischen Werner und Lyell liegt.
Und wir mögen die Dinge wenden und drehen, wie wir wollen: wir kommen hier nach wie vor auf die denkbar größte Forderung.
Alle irgendwie sinnvollen Versuche, die ursprünglichen Darwinschen Erklärungsprinzipien für den Hergang der Entwickelung durch bessere zu ersetzen, kommen ja doch, wie gesagt, über den einen Punkt nicht hinaus: daß die Entwickelung langsam, Schritt für Schritt, sich vollzogen habe.
Immer, wenn man die Formreihen der Lebewesen entlang blickt, kommt der alte Goethe-Spruch zur Geltung, das Goethesche Gesetz, wie man es nennen könnte: daß in jeder anatomischen Einzelheit uns die greifbaren Spuren eines großen geschlossenen harmonischen Kunstwerks entgegentreten, eines Kunstwerks, in dem es keine abrupten Töne, sondern nur wunderbar miteinander verknüpfte Tonfolgen, unendliche Melodieen ohne Lücken gibt. Der Ort, wo der alte Goethe sich seine Weisheit holte, ist noch immer der geeignetste dazu: ein Gang durch die Skelettsammlung eines anatomischen Museums führt auch den Ungläubigsten mitten in das ungeheure Notenblatt dieser biologischen Symphonie. Ein einzelnes Organ, wie etwa das Handskelett der Wirbeltiere bis zum Menschen herauf, läßt eine solche Melodie überwältigend erklingen, zumal, wenn man noch etwas Paläontologie und Embryologie hinzunimmt, — ich persönlich verlasse einen solchen Raum und seine Schau nie, ohne den ganzen tiefen Genuß mitzunehmen wie aus einem Konzertsaal; der fortreißende Zauber steckt aber in nichts anderem hier wie dort, als in dem unendlichen harmonischen Hingang von Ton zu Ton ohne Riß in immer weiter schreitender feinster Verschränkung und Steigerung. Jeder grobe Stoß von Form jäh in gänzlich andere Form wäre ein Schlag ins Gesicht dieser anatomischen Harmonie und zerstörte uns den Genuß des Herrlichsten, was überhaupt die Biologie bietet, des wahrhaft Erhabenen, in eine edle Weltenschau Entrückenden, das diese scheinbar kahlste Wissenschaft des „Beinhauses“ unserm größten Dichter (der allerdings auch ein großer Kenner war) einst so verklärt hat, daß er vor ihr sein heiligstes Bekenntnis sprach:
„Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen, Als daß sich Gottnatur ihm offenbare?“
Es ist entscheidend, daß auch alle neueren und neuesten wirklichen Versuche, über Darwin hinaus die Artentstehung zu deuten, den „kurzen Schritt“ nicht angreifen. Auch jene Mutationstheorie von Hugo de Vries trägt doch an ihrer Spitze den Satz: die Natur macht keine Sprünge. Auch in ihr ist die Umwandlung zwar stets ein fester, aber doch ein kleiner Schritt.
Und interessant auch ist, wenn man der gemeinsamen Arbeit heute von Geologie und biologischer Entwickelungslehre folgt, wie beide sich beständig in die Hände arbeiten zu gunsten noch immer größerer Zeiträume.
Einerseits dehnt die Geologie ihre Strecken noch beständig.
Die Epochen der echten Sedimentgesteine werden länger und länger.
Vor gar nicht so sehr langer Zeit konnte man noch hören, der Anfang der Eiszeit sei uns vielleicht ganz nahe gewesen, sie habe sich möglicherweise im Norden erst abgespielt, als im Orient schon die alten Kulturreiche blühten, also ein paar Jahrtausende bloß vor Christus. Heute scheinen den besten Kennern hunderttausend Jahre schon eine viel zu kleine Ziffer für die Dauer auch nur der eigentlichen Vergletscherung. Penck rechnet 23000 Jahre vom Ende der Eiszeit bis heute, wobei er nicht etwa vage astronomische Ziffern, die auf Ursachen-Hypothesen über die Eiszeit beruhen, zu Grunde legt, sondern in der streng geologischen Schätzung bleibt. Die Quartärzeit, das alte „Sündflut-Gebiet“ zwischen dem Ende der Tertiärzeit und unserer Gegenwart, kommt bei diesen Rechnungen auf seine gute halbe Million Jahre.
Eine Idee von der Größe dann der Tertiärzeit mag rein geologisch die jetzt ziemlich sichere Vorstellung geben, daß auf einen engeren Abschnitt darin die Bildung unserer größten Gebirgserhebungen (Alpen, Himalaya, Kordilleren) fällt, wohlverstanden im Sinne heutiger Annahmen kein jäher Polter-Akt, sondern eine ganz allmähliche Bildung.
Die ganze Tertiärzeit ist aber wieder winzig gegen die Kreide- oder Jura-Zeit. Von der Jura-Zeit hat schon vor Jahren ein feiner Kenner wie Neumayr gesagt, die ganze Quartärzeit gehe mindestens an die dreißig Mal in ihre Länge hinein.
Wie man auch mit solchen rein geologischen Maßstäben an die Milliarde Jahre tatsächlich herankommen kann, mag jene schon einmal von mir gestreifte Rechnung von Mellard Reade andeuten. Er geht davon aus, daß zur Bildung einer Kalksteinschicht von einem Meter Dicke auf dem Meeresgrund über drei Millionen Jahre nötig seien. Nun rechnet er, daß sämtliche Kalksteine der Erde, die aus den geologischen Epochen übrig sind, gleichmäßig ausgewalzt eine Schicht von mehr als 160 Metern Dicke ergeben müßten. Und er schließt also, daß zu deren Entstehung annähernd 600 Millionen Jahre erforderlich seien. Bei der schwimmenden Grenze solcher Ziffern wird der Weg gegen die tausendste Million, also die Milliarde, offen!
Auf der anderen Seite aber ist die Entwickelungslehre immer mehr bestrebt, grade ihre größten, schwersten, also zweifellos längsten Umformungen organischer Gruppen immer weiter rückwärts in diesen geologischen Perioden zu schieben.
Daß der Mensch bis hinter die Eiszeit geht, wird nachgerade nicht mehr ernstlich bestritten werden, — damit wären wir also einige Hunderttausend Jahre vor den heute so viel genannten Babyloniern von vier- oder dreitausend v. Chr. Man kann aber auch schon (von Klaatsch zum Beispiel) die Meinung lesen, daß der Mensch im mittleren Tertiär, in der Miocän-Zeit, bereits Steinwaffen hinterlassen habe, ja daß er ein unmittelbarer Sprößling der urtümlichen eocänen Säugetierwelt sei und also allen Ernstes selber bis in dieses Eocän, also die älteste Epoche des Tertiär, zurückreiche.
Diese in der Tat höchst merkwürdige eocäne Säugerfauna, in der später so himmelweit getrennte Gruppen wie Raubtiere, Huftiere und gar Halbaffen noch eng in eine Ordnung zusammenfallen, tritt aber selber schon so im ersten Morgenrot dieser „Morgenrotsperiode“ des Tertiär auf, daß man ihre eigene Entstehung trotz mangelhafter paläontologischer Funde unbedingt bis in die Kreide-Zeit, also noch in die Sekundär-Periode, zurückdenken muß.
Noch wieder aus dieser Periode schieben sich die Säugetiere in ihren allerfrühesten, noch reptil- oder amphibienhaften Anfängen über die ältesten Trias-Funde hinaus bis an die Grenze der Primär-Periode zurück.
Wenn aber schon diese Primär-, also die sogenannte Erstlings-Periode der Geologie, es zu solchem Gipfel gebracht hatte, wie dem Säugetier, wie lang sollen wir sie allein denken?
Die Sache wird in Wirklichkeit hier noch viel chronologisch großartiger. Diese Primär-Periode setzt an ihrer untersten verschwimmenden Grenze, bei oder dicht unter dem sogenannten Kambrium, ein mit Versteinerungen eines schon damals relativ ganz hoch entwickelten Lebens, mit echten Vertretern fast aller großen Tierstämme, und beispielsweise bei den Gliedertieren schon mit einer so hohen, komplizierten Gruppe wie den Krebsen. Unterhalb dieser Schichten hören dann, wie gesagt, die Versteinerungen jäh ganz auf. Geschichtetes Gestein liegt ja da noch weiter in enormster Dicke. Die Geologie für sich zankt sich aber seit Alters darüber, wie das jetzt entstanden sei, ob plutonisch oder neptunisch. Einerseits sprechen gute Merkmale für weitere ungeheure uralte Wasserablagerungen. Andererseits ist die Struktur so, daß Wärme unbedingt eine Rolle dabei gespielt zu haben scheint, sei es auch im Sinne nur einer nachträglichen Metamorphose.
Mögen sich aber Pluto und Neptun geologisch in den Haaren liegen, so lange sie wollen: die biologische Entwickelungslehre fordert hier für ihr Teil einfach eine unabsehbare chronologische Rückausdehnung der Lebensmöglichkeit auf Erden noch über das Kambrium hinaus. Denn wenn auch alle versteinerten Reste zerstört sind: sie fordert Zeit für das Werden der großen Tierstämme, fordert Zeit für den unendlichen Wandel solcher Stämme etwa wie dort bis zu den Krebsen hinauf. Da ihr Gebäude sonst fest steht, darf sie das verlangen. Hinter dem Kambrium kann sich ihr die Lebenschronologie nicht schon schließen und etwa bereits die Buffonsche Urerde, die Gluterde ohne Lebensmöglichkeit, geschichtlich beginnen.
Sieht man aber auf das, was da geleistet worden sein soll, denkt man, daß alle Anfänge am schwersten sind und daß es ganz gewiß unvergleichlich viel mehr Mühe gemacht hat und also Zeit gebraucht hat, daß aus einem einzelligen Urtier ein Trilobiten-Krebs wurde, als aus dem ein Hummer — so wird man dieser hypothetischen vorkambrischen Lebensperiode mit ihren Meeren und sonstigen Lebensbedingungen eine Zeit ansetzen müssen, viel länger als alles noch, was seit dem Kambrium und seinen Krebsen verflossen ist.
Mit diesem Zuwachs langt die Milliarde schwerlich.
Und so ist es wirklich wie ein Wettlauf zwischen Geologie und Biologie, — wo die eine zögert, reißt die andere mit, und beide zusammen zerren schließlich den Faden der Chronologie in die Unfaßbarkeit an Länge.
Der Chronologie, wohl verstanden, zwischen dem alten Krakatau-Termin der oberflächlich erkalteten Erdschlacke Buffons und der Gegenwart!
Eine Milliarde Jahre als kleinste Annäherungsziffer dort, wo Buffon vor seinen sich abkühlenden Metallkügelchen des Experiments die schlichte Ziffer Vierzigtausend auf den Schild des Chronos geschrieben, zweifelnd und verlästert ob des chronologischen Ketzermutes, der Vierzigtausend gegen die Zahl Sechstausend der Theologie zu setzen wagte!
Aber wir sind mit der einen Linie bis ans Ende des 19. Jahrhunderts gestiegen. In dieser langen Zeit seit Buffon hatte auch der spezielle Gedanke jener Buffonschen Rechnung seine Sonderbahn beschrieben und war tatsächlich sein eigenes Stück auch weiter gekommen.
Eine Weile ist es im 19. Jahrhundert allerdings gewesen, als sei Buffons Ziffer rein fortgefegt, so stark wurden jene anderen Zeit-Argumente. Sie war wie erdrückt, erlebte selber das Schicksal der biblischen Ziffer.
Aber grade in dieser Zeit fügen sich fortgesetzt Züge in das geologische Bild, die doch merkwürdig gut wenigstens ihre Voraussetzungen zu bestätigen scheinen.
Die Kant-Laplacesche Theorie wird fast allgemein angenommen und gibt eine ganz anders anschauliche Grundlage für die Vorstellung einer Abstammung der Erde von der glühenden Sonne und eines ursprünglich selber sonnenhaft glühenden Erdballs, als Buffon besessen hatte.
Vulkane, heiße Quellen, die Hebekräfte bei der Gebirgsbildung und vor allem eine ziffernmäßige Zunahme der Temperatur in den Bergwerken und Bohrlöchern machen vereint die Meinung wirklich einmal ganz fest, ganz „exakt“, daß das Innere der Erde noch jetzt glühendflüssig, ja im Herzen gar gasförmig sei.
Bloß über die Dicke der Erkaltungsrinde von heute bleibt noch Streit, die Grundangabe dagegen kommt in jedes Schulbuch.
Gelegentlich, schon recht tief im 19. Jahrhundert, wird sogar einmal von einem Gelehrten auch wieder ein umfangreiches Schmelz-Experiment gemacht: Bischof läßt große Kugeln geschmolzenen Basalts sich abkühlen, bohrt Löcher hinein und senkt Thermometer nach, um die Abkühlungsgesetze zu ergründen.
Schließlich scheint das ganze Material so wundervoll neu da zu liegen und doch ganz im Rahmen zugleich der alten Voraussetzungen, daß es nur eines findigen Kopfs braucht, um auch ohne Rücksicht auf den alten Buffon selbst eine reine Wärme-Rechnung von neuem in der Geologie auferstehen zu lassen.
Rund ein Jahrhundert nach Buffon nimmt denn auch William Thomson in England die Sache richtig auf und sucht abermals eine feste Ziffer.
Buffons Angabe ist natürlich in jedem Betracht zu klein. Eine so ungeheure Differenz kann unmöglich herauskommen zwischen der Temperatur-Rechnung und jenen Ziffern Lyells und Darwins. Aber Thomson geht im Übrigen doch wieder seinen Eigenweg, genau wie einst Buffon selbst.
Er holt die neuen Temperatur-Materialien zusammen und sucht mit ihnen durchzudringen, indem er sie aneinander reiht. Da merkt er denn freilich etwas Störendes.
Die Grundziffern sind doch nicht so bequem. Beispielsweise: wie viel ursprüngliche Erkaltungswärme hat die Erde heute noch? Jene Thermometer-Steigerung beim Eindringen in Bohrlöcher müßte es lehren. Wie verläuft sie? Bei welcher Tiefe müssen wir uns denken, daß sie so hoch wird, daß noch jetzt alle Gesteine im Schmelzfluß sind? Die Angaben über die Steigerung differierten leider. Es gab eine Maximalbehauptung und eine Minimalbehauptung, die sich widersprachen.
Ferner: wie hoch war die Anfangstemperatur der Urerde? Und wie stand es mit der Wärmeleitung der Gesteine? Auch da gab es schwankende Ziffern.
Also beschied sich Thomson, zwei Grenzzahlen zu finden.
Eine, wenn jene Grundziffern so hoch, wie es ihm noch zulässig erschien, angenommen wurden, und eine, wenn sie so tief wie tunlich gesetzt waren.
Das Resultat war jedenfalls interessant.
Thomson errechnete, daß seit Erstarrung der Erdkruste nicht weniger als zwanzig Millionen Jahre verflossen sein könnten, — aber auch nicht mehr als vierhundert Millionen.
Schlug die Minimalziffer immer noch gründlich Buffons Zahl tot, so war die Maximalziffer doch immer noch nicht genügend für jene Forderungen der modernen Geologie und der Entwickelungslehre der Biologie. Vollends entsprach diesen nicht die von Thomson befürwortete Mittelzahl von bloß etwas über hundert Millionen. Und später ist Thomson sogar noch von der beträchtlich heruntergegangen.
Es konnte scheinen, als bereite sich da noch einmal ein ernsthafter Konflikt trotz allem zwischen der echten Nachfolge Buffons in der Physik und der Nachfolge Lyells und Darwins vor. Wo man besonders Darwin etwas am Zeuge flicken wollte, wurde denn auch die Thomson-Ziffer gelegentlich ausgespielt als Dämpfer.
Andererseits diente sie mit ihrem riesigen Spielraum von hunderten von Millionen auch wohl wieder denen als Zielscheibe, die über das müßige „Spiel mit Millionen“ in der Chronologie des Naturforschers wohlfeil zu scherzen beliebten.
Der wahre Sachverhalt ist, daß auch über diesen heutigen physikalischen Rechnungen schließlich doch ein Unstern schwebt.
Grade sie wollen uns wirkliche Zahlen „exakt“ geben und verwirren doch nur das Bild, das Geologie und Biologie aufgerollt haben, dabei ins ganz Unsichere hinein. Die Voraussetzungen, die Thomson vermeintlich so sicher vorfand, schwankten nicht nur ihm im Laufe seiner Rechnung: sie sind überhaupt heute wieder schwankendster Grund, — so schwankend, daß sich grade auf sie gar nichts bauen läßt.