(Friedrichshagen. Abendstunde daheim.) (continued 3)
Reading edition
Der Widerspruch in den Angaben über die Zunahme der Wärme in den Bergwerken und unsern (immer ja noch so winzigen) Bohrlöchern ist nicht nur innerhalb der Thomsonschen Grenzen da: er ist zur Stunde derartig, daß sich überhaupt keine Rechnung auf ihn begründen läßt.
Sämtliche Angaben des weitern über einen im Erdinnern noch erhaltenen Rest ursprünglicher Erdwärme sind gegenwärtig mit Glück angezweifelt. Das ganze Schulbild der Erdkugel mit einer dünnen Erstarrungsrinde bloß über einem ungeheuren Glutkern fängt unverkennbar an, in der Geologie „mythisch“ zu werden. Weder zur Erklärung des Vulkanismus noch vollends zu der der Gebirgsbildung ist das aufdrängende einheitliche Innen-Glutmeer mehr nötig — von dieser Seite hat die Hilfe so gut wie ganz aufgehört.
Wenn die Erde heute noch Wärme in ihrem Innern hegt, so gibt es Gedankengänge, die selbst das erklären ohne Rücksicht auf Reste von Urwärme; auch ein Körper, der sich zusammenzieht, erzeugt mechanisch Wärme; Wärme entsteht bei allen Gesteinsverschiebungen, Wärme entsteht aus örtlichen chemischen Prozessen.
Ich will wenigstens mit einem Wort andeuten, daß selbst die Kant-Laplacesche Theorie heute wieder schwächer in ihrer Beweiskraft erscheint.
Das soll nicht sagen, daß die Erde nie ein Sonnenstadium gehabt habe. Aber es kann unendlich viel früher erloschen sein, als alle unsere Rechnungen erreichen. Wenn die Erde überhaupt heute kein sicher erweisbares Glutmeer als unmittelbares Erbe jener Sonnenzeit mehr in sich birgt, erlahmt mit der Gesamtrechnung auch die Vermutung, wie lange sie schon in diesem Zustande ist. Nichts hemmt dann, zu den Zahlen der Geologie und Biologe zurückzukehren und sie umgekehrt als einzigen Anhalt auszuspielen. Wenn das Leben zu seiner Entwickelung eine Milliarde und mehr brauchte, so muß eben so lange die Erdrinde schon so sein, daß Leben auf ihr existieren konnte.
Sehr viel Zeit!
Das bleibt das Resultat.
Nicht feste Ziffern, — grade die trügen am leichtesten. Aber unendlicher Spielraum!
Und wenn etwas je Ziffern geben könnte, so wären es ganz kleine, eng umrissene Beobachtungsreihen inmitten des hellen Tages von heute. Wie ein nackter Fels heute vom Leben erobert wird gleich jener Krakatauschlacke; und wie dieses isolierte Leben dann lokalen Wandel vielleicht erfährt in Jahrtausenden; das wäre so eine Reihe. Und wie zugleich der Boden sich wandelt, wie Zuwachs, Abzug, Hebung oder Senkung sich zeigt, das wäre echtes geologisch-chronologisches Material.
Bescheiden sein gilt es da, bescheiden vorgehen von Schritt zu Schritt, um als Krone der Bescheidenheit zu ernten — die Milliarde.
* * *
Ich blättere wieder in den Büchern. Man merkt es noch an anderem, daß der Darwinismus aus dem Schwabenalter kommt.
Es lösen sich persönliche Beziehungen.
Die Taufpaten, die das Kind aus der Wiege hoben — Darwin, Lyell, Huxley — sind fast alle schon hin. Die zweite große Generation aber fängt an, ihr Testament zu schreiben. August Weismann gibt seine „Vorträge über Deszendenztheorie“ heraus, in zwei dicken Bänden. Haeckel hat seine „Gemeinverständlichen Vorträge und Abhandlungen aus dem Gebiete der Entwickelungslehre“ ebenso in zwei Bände gesammelt.
Gleich in der Vorrede lese ich da bei Weismann: „Wenn ein arbeitsfreudiges Leben sich seinem Ende zuneigt, so regt sich wohl der Wunsch, die Hauptergebnisse desselben zu einem abgerundeten und in sich harmonischen Bild zusammenzufassen und gewissermaßen als ein Vermächtnis den nach uns Kommenden zu hinterlassen. — Das ist der Hauptgrund, der mich zur Veröffentlichung dieser Vorträge veranlaßte.“ Ein Werk, das solche Sätze an der Spitze trägt, legt eine neue Verpflichtung auf.
Es verlangt, daß man historisch auf eine Lebensarbeit zurückschaut.
Denke ich allerdings wieder an die Leutchen, die dem ganzen Darwinismus schon diese „Heiligsprechung des Historischwerdens“ zugestehen möchten, mit dem behaglichen Gefühl dabei, daß so stillschweigend auch die klassische Antiquierung mit Absetzung von der Tagesordnung vollzogen sei, so ist das Weismannsche Buch eine der hübschesten Widerlegungen dieses frommen Wunsches. Es fixiert, historisch wie aktuell, eine Schattierung innerhalb des Darwinismus, die spezifische Weismann-Lehre, die im Grunde ebensoviel Anrecht auf einen Personennamen hat wie die Gesamtschule auf den des Charles Darwin oder wie die Mutations-Theorie wieder auf den des Hugo De Vries.
Eine Lehre aber ist nach meiner Auffassung in der Vollblüte ihrer Leistungsfähigkeit als Geistesquelle, wenn sie noch Raum hat für so verschiedene, jederseits für sich geistvoll-eigenartige Schattierungen. Wobei es dem Spitzfindigen wirklich ruhig überlassen bleiben mag, ob er bei dem Wettstreit dieser Schattierungen von Kämpfen im Darwinismus oder um den Darwinismus reden will. Ich selbst erachte es als eine Pflicht historischer Anständigkeit, der Gesamtbewegung zu einer wissenschaftlichen Deszendenztheorie, wie sie eine ungeheure, fort und fort wachsende Litteratur heute vertritt, den Namen „Darwinismus“ zu lassen; im übrigen aber wünsche ich dem Kampf der Meinungen innerhalb dieser Theorie Tür und Tor geöffnet, so weit es geht.
Wir reden ja auch, und reden ganz gewiß mit Recht, von einem kopernikanischen Weltsystem, obwohl Kopernikus noch keine Keplerschen Gesetze und kein Newtonsches Gravitationsgesetz kannte, obwohl wir heute genau wissen, daß auch die Sonne nicht still steht und dadurch die ganze Figur des Systems beständig verschoben wird, und obwohl Kopernikus noch an eine Drehung des Achsenwinkels der Erde bei jedem Jahresumlauf dachte, die in dieser Form völliger Irrtum war.
Wollen wir jeden Zwist um ein engeres Deszendenzgesetz als Entscheidungskampf um Wohl und Wehe des Darwinismus fassen, so wird nur eine Verwechslung in die Laienwelt getragen: als wenn nämlich der Gedanke der Entwickelung im Gebiet der modernsten Biologie selbst wieder bedroht oder gar wieder in den Hintergrund gedrängt sei, — eine Behauptung, der kein ehrlicher Mensch, der die Dinge verfolgt, Verbreitung wünschen kann, da sie den nacktesten Tatsachen widerspricht.
Auch Weismanns eigene Anschauungen haben aber innerhalb der vierundvierzig Jahre Darwinismus schon ihre besondere Geschichte.
Sie sind zu ihrer Zeit als unvollkommener Keim sichtbar geworden, sind in vielfältigem Hader gewachsen und sind heute, soweit Weismann als Person in Betracht kommt, ausgewachsen. Ganz ausgewachsen im ideellen Sinne sind sie natürlich noch so wenig wie irgend ein menschlicher Gedanke, der in die vorläufig unserem Blick einmal „ewige“ Menschheit gesäet worden. Mit Bedauern lese ich, daß August Weismann durch ein Augenleiden mehr und mehr im praktischen Forschen gehemmt wird, wobei ich doch von seinem theoretischen Denken mir noch reiche Frucht verspreche, trotz seines „Testaments“. Inzwischen stelle ich fest, — und ich denke, hier wird Freund wie Feind des Darwinismus und aller seiner Schattierungen mir anstandslos recht geben —, daß im ganzen Darwinismus nächst Darwin selbst kein zweiter so sittlich vornehm, so liebenswürdig, ja, ich möchte sagen: so graziös zu hadern verstanden hat wie er. Und das auf einem Gebiete, wo gelegentlich unverkennbar mit Dreschflegeln und verwandten, nicht völlig einwandfreien Instrumenten in Sachen der Weltanschauung operiert worden ist — nomina sunt odiosa.
Neben diesem Charakter ist zur Sache zu sagen, daß Weismann zwar nicht im Sinne eines Kampfschlusses objektiv gesiegt hat, — wer hat denn in diesen vier Jahrzehnten irgendwo „gesiegt“ vor Problemen, die mindestens der Beobachtungskontrolle von Jahrtausenden bedürften! Aber er hat seine „Schattierung“ klar herausgearbeitet. In diesem Buche feiert das seinen Triumph.
Es ist ein Werk von solcher stilistischen Klarheit, wie der Darwinismus höchstens noch zwei oder drei besitzt unter seinen allerbesten. Es ist alles so abgeschliffen und ausgeklärt, jedes Beispiel genau blankgewischt und an seinen Fleck gestellt, wie bei Schauobjekten einer am Schnürchen laufenden Schuldemonstration. Sehen muß hier jeder, was gemeint ist, — mag er das Begriffene danach schelten.
Von keiner Linie des Darwinismus wird heute mit mehr Eifer behauptet, daß sie falsch sei, wie von der Zuchtwahl-Theorie. Nun denn: Weismann ist zur Zeit der extremste Vertreter gerade dieser Zuchtwahl-Theorie. Das bestimmt eben seine Eigenart.
Man muß, um seine Stellung andeutend zu fixieren, auf den alten Gegensatz zurückgehen zwischen Lamarck und Darwin, einen Gegensatz, der überhaupt mit den Jahren wieder immer interessanter geworden ist.
Als Darwin sich an den Entwickelungsgedanken wagte, schien es ihm vor allem nötig, ihn aus dem Schutt herauszuarbeiten, in den er mit Lamarck geraten war. Heute haben wir umgekehrt wieder eine feste Schule von Neo-Lamarckisten, die ungefähr etwas Ähnliches von Darwin sagen.
Umgekehrt ist aber auch aus dem immer noch vorsichtigen Darwinschen Vorstoß contra Lamarck eine Lehre erwachsen, die dann erst mit Stumpf und Stiel den letzten Lamarcksrest austreiben möchte. Und das ist die Farbe Weismann im Bilde.
Lamarck hatte eines deutlich erfaßt, und das ist übriggeblieben in allen späteren Meinungen.
In der Entwickelung der Tier- und Pflanzenarten sind zwei Faktoren zu beachten.
Ein äußerer und ein innerer.
Außen wechseln die Bedingungen des Lebens auf Erden. Sie ziehen vorbei wie ein großes Wandelpanorama.
Innen, in den Lebewesen selbst, reagiert aber etwas darauf. Sie passen sich diesen Bedingungen an.
Wie aber ist nun das wahre Verhältnis von drüben und hier? Wir suchen in der Natur Kausalzusammenhänge. Wo sind sie hier?
Lamarck sagte: Außen wirkt auf innen. Die äußeren Bedingungen treten nach innen auf als Forderungen. Und diese Forderungen finden Gehör bei einer Eigenschaft des Innern. Sie rufen „Übung“ hervor. Der Arm, der zum Schlagen gefordert wird, stählt sich, der Hals, der hoch reichen soll, streckt sich. Das Resultat dieser Übung aber wird auf die Nachkommen vererbt. Ihr Arm wächst sogleich muskelstärker, ihr Hals gleich in der nötigen Länge. So fixiert sich die Übung hier bereits als angeborene Anpassung. Und so fort.
Nun Darwin.
Das langt nicht. Durch Übung wird kein Laubfrosch grün, kein Blattschmetterling seinem Blatte ähnlich. Und doch haben wir auch solcher Anpassungen die Fülle. Es muß noch ein besonderes Wechselverhältnis geben zwischen dem Außen und irgend einer andern Eigenschaft des Innen, die auch hier entgegenkommt. Und Darwin findet es in der Zuchtwahl, der Selektion. Neben der Übung gehört zu den entgegenkommenden Möglichkeiten die Variation. Ein beständiges Spiel waltet da von allerhand Hervorbringungen, die unabhängig von der Übung herausgeworfen werden. Diese Variation macht z. B. einen Frosch, der sonst braun war, auch einmal grün. Und jetzt darauf reagiert das Äußere nicht erzieherisch, wie bei der Übung, sondern gewaltsam. Der grüne Frosch wird als zweckmäßige Anpassung auf Grün erhalten, weitergezüchtet, während alle nicht grünen Formen eingehen müssen. Das ist die berühmte Auslese der Passendsten.
Ein sinnvoller Gedanke, der zunächst durch seine Einfachheit fortriß. Aber man sieht: er wirft Lamarck nicht um. Er ergänzt ihn nur für die unzähligen Fälle, vor denen die Anpassung durch Übung als Erklärungsgrund versagt.
Aber nun wieder einen Spatenstich tiefer.
Was steckte hinter dieser Variation? Was war ihr Geheimnis, ihr Gesetz? Mit dieser Frage sind wir mitten in den Kämpfen der Schule Darwins.
Eine Linie beschäftigte sich bloß mit der Schrittweite, dem Maß dieser Variation. Ob schon winzige, gesetzmäßige Gleichgewichtsschwankungen zur Artbildung führten oder bloß kräftige, das Innerste erschütternde Stöße? Hier setzt heute de Vries ein, der experimentell festgestellt zu haben glaubt, daß stets ein wirklicher Stoß, ein Ruck oder Sprung nötig sei, eine Mutation. Doch der Darwinsche Grundgedanke bleibt in dieser Linie unangetastet.
Über Darwin mußte dagegen in irgend einer Weise hinausführen jede Meinung über die tieferen Ursachen der artbildenden Variation.
Die eine Richtung grub ausschließlich nach innen, ins Innerste des Innern hinein weiter. Gab es nicht doch ein festes inneres Hausgesetz der Variation, das schon der ersten Urzelle eingeprägt war?
Hier wurde Nägeli bedeutend. Er verknüpfte die Frage mit einem älteren, vordarwinistischen Gedanken. Er suchte ein „Entwickelungsgesetz“ schon in der Variation. Aber er ließ es teleologisch arbeiten. Es drängte selber schon, in einem allerdings schwer definierbaren „Hellsehen“, auf nützliche Anpassungsvarianten, wie sie außen gefordert wurden, direkt hin. Damit wurde die Selektion überflüssig. Und so führte Nägeli allerdings folgerichtig wieder aus Darwin heraus, ohne zu Lamarck zurückzukehren, — in ein Drittes hinein.
Aber das hatte man ja gerade an Darwin geschätzt, daß er keine teleologische Grundveranlagung brauchte, sondern das Zweckmäßige erst vor unseren Augen entstehen ließ. Die ganze Hauptmasse der Schule schwenkte also hier nicht mit. Aber wo lag denn das Gesetz der Variation?
Im „Zufall“?
Das ist oft als Hilfs- und Notwort gesagt worden. Jeder wußte aber, daß Zufall einen eigentlichen Sinn in einem Spiel von Kausalzusammenhängen, wo alle Karten aufgedeckt sind, gar nicht besitzt. Und nach solchem Spiel suchte man doch.
So sah man sich unhemmbar wieder ins „Außen“ gedrängt.
Steckten die Anstöße zur Variation nicht doch irgendwie im Druck der Verhältnisse, im Milieu selbst, — also außen?
Hier lag eine unverkennbare Möglichkeit, in äußerster Schwenkung doch noch wieder auf einen vertieften Lamarck zu kommen. Darwin hat in späteren Jahren selbst etwas paktiert mit dieser Richtung. Die Neo-Lamarckisten haben sie offen proklamiert.
Das jetzt ist aber die Stelle, wo Weismann vor Jahren zuerst in die Debatte mit einem wahren Blitzschlage eingegriffen hat.
Er versuchte, den ganzen Lamarckismus nachträglich in Grund und Boden zu schlagen durch die Behauptung, daß die Ergebnisse dieser ganzen direkten Einflüsse von außen auf innen, wie Übungsstärkung u. s. w., also jene vom Individuum erworbenen Eigenschaften, nicht vererbt werden könnten.
War das richtig, so konnte auf dem Lamarckswege niemals eine neue Art entstanden sein, denn jeder Anlauf zu einer Anpassung blieb individuell und starb mit dem Tode des Individuums wieder aus, ohne in die Unsterblichkeit der Generationenfolge durch Kinder und Enkel einzutreten.
Mochte das nun bestritten werden — und wie ist es bestritten worden bis auf diesen Tag nicht bloß von Lamarckisten, sondern auch von engeren Darwinisten und auch von ganz indifferenten Physiologen und Vererbungstheoretikern —: für Weismann war damit seine weitere Bahn endgültig gegeben. Ihm galt es, den Darwinismus vom letzten Rest Lamarckismus reinzuputzen. Da er kein drittes Prinzip im Sinne Nägelis hatte, blieb schlechterdings nichts übrig, als die natürliche Zuchtwahl auch in allen Fällen, wo Darwin noch Lamarck Raum gelassen, für die absolute Macht zu erklären. Es wurde die Allmacht der Naturzüchtung proklamiert.
Das für sich vollzogen, wurde aber nun wieder etwas hochinteressant.
Nämlich: wie endlich Weismann ohne Nägeli und auch ganz ohne Lamarck den geheimen Mechanismus der Variation für sich deuten werde.
Abermals wird hier eine neue, zunächst unabhängige Linie der Darwinschen Schule wichtig: der Ideengang von Wilhelm Roux.
Roux faßte den Gedanken — einen der genialsten nach Darwin, — daß es nicht bloß eine äußerliche Zuchtwahl geben müsse, sondern auch eine im Innern. Eine Zuchtwahl nicht bloß des Milieus gegenüber den Individuen, sondern auch eine Zuchtwahl durch den Kampf ums Dasein der Teile im Individuum selbst.
Wir wissen ja, daß jedes Individuum, jedes echte Einzeltier, jede echte Einzelpflanze, aus Teilen besteht, die mehr oder minder jeder für sich etwas Selbständiges in ihm darstellen. Das einfachste Beispiel in allen etwas entwickelteren Lebensformen sind die Organe. Goethe stand schon tief bewegt vor diesem Geheimnis. In dem ersten seiner morphologischen Hefte sagt er: „Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine Mehrheit; selbst insofern es uns als Individuum erscheint, bleibt es doch eine Versammlung von lebendigen, selbständigen Wesen, die der Idee, der Anlage nach gleich sind, in der Erscheinung aber gleich oder ähnlich, ungleich oder unähnlich werden können. Diese Wesen sind teils ursprünglich schon verbunden, teils finden und vereinigen sie sich. Sie entzweien sich und suchen sich wieder und bewirken so eine unendliche Produktion auf alle Weise und nach allen Seiten.“ Einundzwanzig Jahre, nachdem diese Stelle gedruckt, einunddreißig, nachdem sie geschrieben war, wurde in der „Zelle“ ein noch viel fundamentaleres Bauelement der Lebewesen entdeckt. Seit Schleiden, Schwann und vor allem seit Virchows bahnbrechenden Arbeiten wissen wir, daß alle höheren Pflanzen wie Tiere ungeheure Komplexe, Genossenschaften, Staaten solcher Zellen sind. Erst tief an der Wurzel alles Lebendigen fällt Zelle und Individuum zusammen. Aber selbst vor der Zelle macht die Auflösung noch nicht Halt. Selbst sie noch erscheint als ein verwickeltes Sozialgebilde aus einer ungeheuren Masse noch einfacherer Lebensträger.
Nun denn: auch diese Teile und Teilchen bis ins Winzigste, Unsichtbare hinein, sie müssen in einem unausgesetzten Konkurrenzkampfe stehen. Besser gelagerte, besser genährte überwinden die minderwertigen. Bestimmte Gruppen siegen und unterliegen; eine große Zuchtwahl waltet.
So weit im Kern der Ideengang Roux’. Nun darüber hinaus wieder Weismann.
Dieser Kampf der Teilchen mit seiner inneren Auslese findet auch in dem Allergeheimnisvollsten statt, was die lebenden Wesen besitzen: in ihrem körperlichen „Unsterblichkeitsteil“, nämlich dem sogenannten Keimplasma, dem Kraftreservoir, das bei der Fortpflanzung mitgegeben wird. Und sein Resultat ist die Variation der neu entstehenden Gesamtindividuen, die natürlich erblich sein muß, da es sich ja um Resultate sozusagen im Herzen aller Vererbung, im ewigen Keimplasma, handelt. Bei den Ergebnissen dieser Variation mag dann die Zuchtwahl höheren Grades, die Darwin zunächst nur gesehen hatte, sie, die feste Arten mit zweckmäßigen Anpassungen bildet, einsetzen.
Erst in diesem „Testament“ kommt Weismanns Gedankengebäude zum ersten Mal völlig klar heraus. Erst jetzt wird deutlich, was der Satz von der Allmacht der Zuchtwahl schließlich doch für Wahrscheinlichkeiten selbst wieder öffnet.
Wohl: außen ist jetzt Zuchtwahl, innen Zuchtwahl, Zuchtwahl überall. Doch gerade dabei zeigt sich plötzlich erst recht eine feine, aber sichere Brücke von „außen“ nach „innen“.
Das Milieu, das außen die Individuen ausliest, wirkt doch auch in ihnen als Ernährung mit. Wenn dieser Einfluß lange Zeit ein gleichartiger ist, so muß er im inneren Kampf der Teile bis in das entscheidende Keimplasma hinein schließlich auch schon eine ganz bestimmte Auslese, einen bestimmten Sieg, eine bestimmte Richtung der Variation dort bewirken.
Und damit ist die endgültige „Möglichkeit“ wenigstens geschaffen, daß der äußeren Zuchtwahl bestimmte nützliche Varianten schon in die Hände arbeiten. Äußere und innere Zuchtwahl, im letzten Ende vom Gleichen bewegt, können aufeinander losarbeiten wie in einem Ansatz wenigstens zu einer „prästabilierten Harmonie“.
Man sieht, was das bedeutet.
Es ist der beste Kern des Nägelischen Gedankens gerettet, ohne daß doch ein unklares teleologisches Entwickelungsgesetz nötig würde, und auch ohne daß die Zuchtwahl überflüssig würde; die äußere Zuchtwahl wird nur in etwas entlastet durch die innere.
Zugleich aber ist trotz aller Allgewalt des Zuchtwahlprinzips doch auch wiederhergestellt und anerkannt der wichtigste Kerngedanke des Lamarckismus, daß nämlich zuletzt der Druck der äußeren Verhältnisse die Anpassung schafft.
In dieser Form umfaßt der Weismannismus alle kräftigen Triebe, die das Deszedenzprinzip bisher hervorgebracht hat und genügt damit formal zweifellos den Anforderungen an eine Schlußhypothese. Weismann selber muß das genügen; er darf mit Befriedigung auf eine Bahn blicken, die für sein Teil konsequent durchlaufen ist. Den Fortgang mögen andere suchen, meinetwegen auch den Rückgang. Die Geschichte der Wissenschaft hat etwas von Penelope, die in der Nacht trennt, was sie am Tage gewebt hat. Darum kann einer doch den Ruhm eines guten Webers behalten.
Was ich hier angedeutet habe, ist nur der größte Gerüstbalken des Buches, roh wie die Tragbalken in der Goldelfenbeinmasse des olympischen Zeus. Das Werk selbst wirkt so ungemein fesselnd, weil es sich breiter und breiter vor dem Leser aufbaut. Man fühlt mit, wie Weismann sich allmählich die ganze Deszendenzlehre neu aufzimmern, mit ihrem gesamten Apparat neu ordnen mußte. Dann aber kam er wirklich an die Grenze, wo es eine individuelle Biologie zu schaffen galt und schließlich eine ganze Weltanschauung mit der spezifischen Weismann-Farbe. Das letzte Kapitel verrät davon wenigstens noch einiges. Ein Gedanke sehr allgemeiner Art taucht dabei noch auf, der mir wert scheint, daß man ihn bespricht, vielleicht auch, daß man ihm widerspricht.
Weismann empfindet, was jeder vor jedem ganz tief gefaßten Problem zuletzt empfinden muß: man kommt auf die Urfragen.
Hinter außen und innen, Vererbung und Zuchtwahl erwachsen die großen Türhüter des ganz Rätselhaften. Was ist Leben, was Materie, Geist, Zweck, Zeit, Kausalität?
Und er meint, wir müssen da ewig resignieren.
Muß es nicht so sein? fragt er.
Auch wir sind Anpassungsprodukte jener großen Lebensmühle, angepaßt an ganz bestimmte Forderungen des Lebens. Zu diesen Forderungen gehört aber nicht, daß unser Verstand etwas ergrübelt über jene letzten Fragen. Lassen wir also den Versuch, über uns selbst hinausgreifen zu wollen; bescheiden wir uns.
Ich kann diesem Schluß Weismanns nicht zustimmen.
Seit drei Jahrtausenden mindestens besteht eine ganz bestimmte Beziehung zwischen dem Glück grade der edelsten, denkenden, voranschreitenden Menschen und diesem innigen Ringen um die Grundfragen der Philosophie, diesem immer erneuten Ringen um das „du segnest mich denn“ an dieser Stelle.
Das Glück der Menschheit verlangt nicht mehr bloß nach Anpassung an die äußeren Bedingungen der Welt im Sinne einer immer mehr vervollkommneten Technik — fester und fester verspinnt es sich mit jenen Fragen nach Sinn und Wesen der Welt, mit der einfachen Frage der Philosophie.
Es gibt sich nicht mit der Resignation allein zufrieden. In ihr muß der Mensch hungern, wie nur je ein schlecht angepaßtes Tier gehungert hat.
Aber gerade in Weismanns Buch wird so hinreißend deutlich gemacht, wie der Hunger, das Bedürfnis das Ideal, die vollkommnere Anpassung selbst herausgezogen, heranentwickelt hat — damals, bei den Pflanzen und Tieren, so tief da unten.
Und oben bei uns soll das nicht mehr so gehen?
Bei unserem Geisteshunger ...?
* * *
Haeckel hat mit seiner Person zu lange im Brennpunkte des Darwinismus gestanden, um bloß eine Schattierung zu spiegeln. Bei ihm macht man den ganzen Kampf der ersten vier Jahrzehnte auf den Vorposten mit. Für mich hat es vor seinem Buche einen unwillkürlichen Reiz, eigensten Erinnerungen nachzuhängen. Sie haben etwas Charakteristisches, ich weiß, wie vielen in der Generation, die mit Darwin aufgewachsen ist, ich ihre eigenen Erlebnisse erzähle.
Meine frühesten Erinnerungen gehen zurück auf Darwins Porträt. Ich war zu jung, um das Buch von der „Entstehung der Arten“ lesen zu können. Aber der eigenartige Kopf mit der fast abnormen, tiefgefurchten Stirn und dem weißen Patriarchenbart prägte sich ein. Es war ein Kopf, den auch ein Knabe nicht vergaß. Als Schuljungen stritten wir uns, ob der Name Darwin oder Darwin auszusprechen sei.
Die neue Gedankenwelt kam mir zum ersten Mal äußerlich in gewissen Schlagworten wie „Affenmensch“ nahe, als in meinem Elternhaus die Falstaffgestalt Karl Vogts auftauchte. Er reiste schon in Darwinismus, hielt zwischen einem Menschen- und einem Gorillageripp seine bekannten geistsprühenden Vorträge und war nebenher nicht abgeneigt, sich die brave volkstümliche und wissenschaftliche Arbeit durch reichliche Festessen versüßen zu lassen, was er dann wieder seinerseits mit den köstlichsten Bonmots vergalt. Das war noch der Darwinismus der sechziger Jahre, für Vogt genau damit abgegrenzt, daß er nach 1870 als öffentlicher Redner sich aus politischen Gründen nicht mehr in Deutschland hat sehen lassen.
In dieses erste Jahrzehnt weisen noch die vier ersten Vorträge des ersten Haeckelschen Bandes. Mit dem frühesten, am 19. September 1863 auf der Naturforscherversammlung in Stettin gehalten, setzte die Entwickelungslehre in Deutschland ein. Die alten Schul-Zoologen und -Geologen schüttelten die Köpfe, als der hübsche junge Herr aus Jena mit dem Blondkopf und den strahlenden Blauaugen in hohem Stimmton eine neue Ära für eingeleitet erklärte. Das zähle in eine Sorte mit der berüchtigten Od-Lehre und anderem spiritistischen Unfug, meinten sie, daß Arten sich verändern könnten und wohl gar der Mensch vom Affen abstammen solle! Unter den Kollegen aber saß damals Virchow und stimmte mit Haeckel. Bloß für das menschliche Bewußtsein wollte er schon ein Separatkonto gewahrt wissen, die natürliche Entwickelung gab er ruhig zu.
Drei Jahre darauf erschien Haeckels bestes biologisches Werk, die „Generelle Morphologie“, so schwer für den Laien aus Fachgründen, daß es dort niemand las, und so fremdartig für den Fachgelehrten aus philosophischen Gründen, daß es dort nahezu niemand verstand. In einer guten Stunde aber schmuggelte nochmals zwei Jahre später Haeckel seine ketzerischsten und verwegensten Ideen in ganz schlicht populärer Form an einem Orte ein, wo man sie am wenigsten vermutete: in der Virchow-Holtzendorffschen „Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge“. Es sind die Nummern II und III des neuen Buches: „Über die Entstehung des Menschengeschlechtes“ und „Über den Stammbaum des Menschen“.
Darwin hatte sich gerade über dieses heikelste Thema noch nicht entscheidend geäußert. Auch jetzt war es aber noch Virchow selbst, der ohne jeden Skrupel das bedenkliche Manuskript passieren ließ, ja sogar Haeckel persönlich seine Freude darüber aussprach. Auf alle Fälle war der Ort, wo die Bombe sich diesmal barg, in der allgemeinen Geltung der denkbar harmloseste. Diese Hefte waren ob ihres friedlichen Deckschildes tatsächlich das erste von Haeckel, was ich als Junge in die Hand bekam und wirklich las.
Inzwischen war die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ rasch nachgefolgt, in der ersten, noch kalenderhaft primitiv illustrierten Ausgabe. Zu ihrer Lektüre bildeten wir als Gymnasiasten einen Geheimbund mit den rigorosesten Satzungen wie Vehme oder Freimaurer. In der verborgenen Hinterstube einer ziemlich anrüchigen Kölner Bierwirtschaft hielten wir Sitzungen ab, deren Mittelpunkt „das Buch“ bildete, mit seinen Embryo- und Monerenbildern, seinen Kühnheiten gegen Himmel und Kirche (wir wurden zwischendurch konfirmiert!), nebenbei tranken wir das erste verbotene Glas Wirtshausbier, was den Reiz der Situation erhöhte. In den Debatten aber steckte eine jugendlich-frische Inbrunst der Anteilnahme an einem jäh eröffneten unendlichen Gedankenreich, daß ich mich heute noch an der Erinnerung wärme und mit Dank auf diesen kleinen Kreis echter „Leser“, wie man sie Büchern wünscht, zurückschaue.
Das waren die siebziger Jahre des Darwinismus.
Die Vorträge Haeckels über „Zellseelen und Seelenzellen“, „Perigenesis der Plastidule“, „Urkunden der Stammesgeschichte“ und „Ursprung und Entwickelung der Sinneswerkzeuge“ in der Sammlung gehören alle hierher. Den letzteren Vortrag hielt Haeckel auch einmal in Köln.
Der Kulturkampf hatte in der Stadt der Kirchenglocken eine mächtige darwinfreundliche Strömung geschaffen; nicht nur Schüler, sondern auch eisgraue Oberlehrer fingen an, der neuen Ketzerei zu folgen. Unser Religionslehrer an einem Kölner Gymnasium, ein trefflicher, hochgebildeter Mann, gab sein Amt auf, da er sich zum Darwinismus bekehrt hatte, und wesentlich durch Anteilnahme tüchtiger Gymnasial- und Realschullehrer entstand der naturwissenschaftliche Verein, der Haeckel zu einem Vortrag einlud. Hier habe ich ihn zum erstenmal gesehen. Wir wunderten uns, daß der „junge“ Darwinianer schon einen Anflug von grauen Haaren hatte, er hatte schon ein ernsteres Stück schwerer Lebenspilgerschaft hinter sich, als wir ahnten. Aber er machte doch auch ein paar gute Witze, wie es immer seine Art gewesen ist, bis in die „Welträtsel“ hinein, wo es ihm als besonders frivole Sünde angekreidet worden ist. Glücklich, wer auf solcher Vorpostenstellung in vier Jahrzehnten wildesten Kampfes gegen alle Sorten roher und feiner Geschosse die Naturgabe hat, daß ihm der gutmütige Gelegenheitswitz nicht ausgeht! Damals warf er mitten im tiefernsten Vortrag die Frage hin, ob die Wagnersche Musik uns wohl neue Gehörwerkzeuge anzüchten werde. Der dicke Komponist Ferdinand Hiller, der schon die Wassersucht hatte und nur mühsam, aber tapfer im Saale aushielt, lachte sich zu Tränen darüber. Es ist lange her heute, man fühlt es in jeder Kleinigkeit.
Am Ende dieses Jahrzehnts steht dann der große Zwist mit Virchow auf der Naturforscherversammlung in München. Auch zu ihm liegen die Dokumente jetzt für Haeckels Seite vollzählig in dem zweiten Bande der Sammlung: zuerst der Vortrag „Über die heutige Entwickelungslehre im Verhältnis zur Gesamtwissenschaft“, dann die ganze Streitschrift „Freie Wissenschaft und freie Lehre“ mit ihren sieben Kapiteln und ihrem Anhang.
Die Dinge hatten auf dieser Zeithöhe wieder ein etwas anderes Gesicht. Die Kirchenangst war allgemein für eine Weile auch bei den zartesten Gemütern zurückgetreten. Dafür begann jetzt die Sozialistenangst zu herrschen. Die Frage kam, ob nicht jeder Darwinianer schließlich „gar ein Sozialdemokrat“ werden müsse. Virchow warf das in seiner Münchener Rede so hin, wie den gelegentlichen Einfall einer schlaflosen Nacht. Er wußte aber gut genug als alter Praktiker, wie sehr er damit ein Signal gebe: das Signal für eine ganz neue Sorte Reaktion dem Darwinismus gegenüber. Der Darwinismus staatsgefährlich, gesellschaftsgefährlich! Das wurde plötzlich Parole, und es wird immer fatal in der Geschichte der modernen Naturforschung bleiben, daß ein Naturforscher grade die Stirn gefunden hatte, diese Parole auszusprechen zu einer Stunde, da selbst die reaktionärsten Kreise außerhalb der Naturforschung sich so weit noch nicht getraut hatten.
Für mich selbst setzte es einige Jahre später wie eine Offenbarung ein: welche wunderbare Anteilnahme sich bei der Arbeiterschaft für darwinistische Probleme zeigte. Ich lernte das kennen bei den Vorträgen über Entwickelungslehre, die ich Jahre hindurch in Berliner Arbeitervereinen selbst gehalten habe, vor ungezählten Massen immer neuer Zuhörer und immer vor einem gleich dankbaren und aufmerksamen Publikum.
Dem eigentlichen politischen Wirken stets fern, verzeichne ich diese Tatsache gerade erst recht als eine der erfreulichsten Erfahrungen meines Lebens. Sie bewies natürlich nicht, daß Darwinismus und Sozialdemokratie identisch seien, aber sie war ein Beweis für das unaufhaltsam machtvolle Aufblühen eigener Geisteskeime und Geistesbedürfnisse in der Arbeiterschaft in diesen Jahren. Eine neue Schicht Menschen begann nachzudenken über die Welt, über sich selbst, über Bedingungen wie Möglichkeiten ihres Daseins. In solcher Stimmung und Stunde führt jedes beliebige Material, das aus der freien Geisteswerkstatt kommt, zu freieren Ausblicken und hilft schließlich mit zu aktiven Freiheitsbewegungen, mag auch der stille Denker im Kämmerlein noch so wenig daran gedacht haben. Wie sollte die große Lehre es nicht tun, die von einem unaufhaltsamen Flusse aller Dinge sprach, eine Entwickelung predigte, die Sonnen und Planeten und den Menschen selbst gebaut hatte?
Diese Erlebnisse geben mir in der Rückschau heute ein so lebhaft jungfrisches Bild, daß es mir Mühe macht, mich in die Greisenhaftigkeit jener Virchow-Aussprüche gerade für diese Jahre auch nur noch historisch hineinzufinden. Was Haeckel damals geantwortet hat und was für Polemik sich an seine Definition des Verhältnisses von Darwinismus und Sozialdemokratie wieder anknüpfte, braucht heute nicht wiederholt zu werden. Er hat es nach vierundzwanzig Jahren wörtlich wieder so abdrucken lassen, und im Grunde mit Recht. Es hat heute auch den Wert eines historischen Aktenstücks. Und der schärfste Gegner findet ja auch den Satz wieder mit abgedruckt: „Ich bin nichts weniger als Politiker.“
Ich blättere noch ein paar Seiten in dem zweiten Bande weiter und zugleich ein paar in meiner Erinnerung.
Das achtziger Jahrzehnt ist in der Sammlung nur vertreten durch den Vortrag auf der Eisenacher Naturforscher-Versammlung von 1882 über „Die Naturanschauung von Darwin, Goethe und Lamarck“. Fünf Monate vorher war der alte Darwin gestorben. Der Darwinismus stand im Zeichen seiner Siegessonne. In diesem Augenblick interessierte nur noch als Sensation, wie weit Darwin selber in den äußersten Konsequenzen mitgegangen sei. Das Zugstück dieser Rede war also eine Briefstelle, in der der Alte von Down den Begriff der „Offenbarung“ mit kühler Gelassenheit über Bord warf und die Unsterblichkeit der Seele unter die „widersprechenden unbestimmten Wahrscheinlichkeiten“ verwies.
In diesen achtziger Jahren brannte aber an einer ganz anderen Ecke des geistigen Lebens ein Leuchtfeuer für sich auf: die naturalistische Bewegung in der Kunst. Am Schlusse des Jahrzehnts führte sie zu stürmischen Theaterszenen, — bei der armseligen Rolle, die das Theater heute bei uns leider spielt, an und für sich Stürme im Glase Wasser. Aber auch hier brach das Politische, die soziale Färbung der Zeit, sich Bahn. Über die Bühne rauschten die „Weber“, aus der naturalistischen Bühne für neue Kunst entwickelte sich für eine Weile die Zeitschrift „Freie Bühne“, die wenigstens für ein paar Jahre den Versuch machte, weit über das Litterarische hinauszugreifen. Hier, bei der Leitung dieser „Freien Bühne“, die ein unruhiges, aber doch an Anregungen reiches Kapitel für mein eigenes Leben bedeutet, bin ich wieder stark mit Haeckel in Berührung gekommen.
Diesmal hatten sich persönliche Beziehungen angesponnen, die ungetrübt dauern sollten, mir zu reichem Gewinn, denn jenseits all seiner Leistungen, wie sie die Bücher geben, und jenseits alles Streites um diese Meinungen steckt in Haeckel ein Persönlichkeitszauber, den alle empfunden haben, denen er je einmal die Hand gedrückt hat. Viele Dinge haben in ihm zusammengewirkt: das kleine Jena und die ungeheure Tropenferne, die seine Reisen ihm erschlossen, die Linie strenger Gelehrtenarbeit und die Arabeske des Künstlertemperamentes, das Schlichte eines halben Menschenlebens vor dem Mikroskop und die Romantik einer solchen Geistesrevolution, wie sie der Darwinismus in die Zeit warf, der Ernst eines einsamen Vorkämpfers für ein selbstgestelltes Programm über die höchsten Dinge des Himmels und der Erden und die burschikose Studentenheiterkeit bis unters weiße Haar.
Von den beiden Aufsätzen, die Haeckel damals für die „Freie Bühne für den Entwickelungskampf der Zeit“ geschrieben hat, hat besonders der erste: „Die Weltanschauung des neuen Kurses“ starkes Aufsehen gemacht. Wieder einmal hatte die Front sich etwas verschoben: die Kirche wurde von oben begünstigt. So sind die Dinge hin- und hergependelt in den vierundzwanzig Jahren, immer wieder mit anderen Gesichtern gegen den Darwinismus, aber im Grunde immer die gleichen Feinde.
Es hatte wenig Aussicht, zum Frieden läuten, während die Parteiwellen gegeneinander brandeten. In jenen „Freie Bühne“-Jahren wurde in Berlin die Gesellschaft für „Ethische Kultur“ gegründet, von ethisch und intellektuell hochstehenden Männern, deren Liebe nicht bloß eine klingende Schelle war, aber mit einem praktischen Unstern, der bis heute darüber geblieben ist und auch aus gewissen innersten Gründen meiner Ansicht nach bleiben mußte.
Die Kunde davon ging aber damals weit herum. Auch Haeckel kam von Jena herüber und hoffte. Doch schon die Anfangsverhandlungen stießen ihn ab. Man konnte sich über seine Weltanschauung schließlich streiten — aber was sollte er in einem Kreise, wo es von der Weltanschauung überhaupt hieß, daß man von ihr in der Praxis absehen könne und daß es eine „absolute Ethik“ zu finden gälte, die auf alle verschiedensten Weltanschauungen passe, — auf den Jesuitismus schließlich wie auf das Glaubensbekenntnis Goethes oder die Toleranzlehre Lessings? Es war nicht Haeckel allein, der die Existenzmöglichkeit dieses ethischen Universalzugtiers bestritt.
Aber eine gewisse Sehnsucht nach Vertragen, nach Frieden kennzeichnet doch auch bei ihm den Eintritt in das vierte Jahrzehnt des Darwinismus, die neunziger Jahre.
Aus ihr heraus ist, unabhängig von der „Ethischen Kultur“-Bewegung, das „Glaubensbekenntnis eines Naturforschers“ entstanden, das zuerst in der „Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes“ zu Altenburg 1892 abgelegt wurde und das mit den Worten schloß: „Das walte Gott, der Geist des Guten, des Schönen und der Wahrheit“. Für Haeckel war es das Maximum, was er an Versöhnlichkeit von seinem Naturell und Standpunkt aus geben konnte. Zum Lohne der guten Absicht und zur Kritik der unabhängigen Ethik ist es mehr und gröber befehdet worden als frühere Schriften weit polemischeren Inhalts. Und die Gegenstimmung von dieser Ecke hat dann wieder viel mitgewirkt bei dem herben Ton des nachfolgenden Buches „Die Welträtsel“.
Dieses Werk bildet den Abschluß gewiß nicht des Darwinismus, aber in mancher Hinsicht doch wirklich seiner ersten Vierzigjahresepoche in ihrer entscheidendsten philosophischen Färbung. Ich beurteile es hier absichtlich nicht, die großen Fragen mögen für sich selbst sprechen, so und so. Aber ich meine, daß es einen Zug hat, den ihm Freund wie Feind in der Folge danken werden. Die konsequente Klarheit meine ich, mit der eine ganz bestimmte Weltanschauung darin bis auf das letzte Tipfelchen herausgearbeitet ist. In einer Reinheit der Linienführung, die ich so bei keinem zweiten Naturforscher und Naturphilosophen unserer Zeit kenne, gibt sich Haeckel als das, was er sein will.
Es erscheint sein Zug zum Materialismus, der doch vom gewöhnlichen Schulmaterialismus sich wieder eigenartig abhebt durch seine Schwenkung in der Seelenfrage zum Panpsychismus, zur Urbeseelung der Materie. Es erscheint seine unbedingte Verwerfung dessen, was sich heute für „christliche“ Philosophie ausgibt, und seine individuelle Abneigung wenigstens gegen alle kühneren Feldzüge der rein spekulativen Erkenntnistheorie auch außerhalb der christlichen Dogmatik. Mögen heute die Leute sagen, Haeckel sei gar kein Philosoph. In der Dauergeschichte der menschlichen Geistesarbeit haben sich von jeher nicht die Werke an hellster Stelle gehalten, die am meisten reine Wahrheit enthielten. Wer wollte das auch schon nach so kurzen Fristen, wie sie unsere Geschichte gibt, abwägen. Und die alte Pilatusfrage lebt immer noch: Was ist Wahrheit? ...
Aber immer sind es die Werke gewesen, die irgend ein System der Welterklärung ganz klar dargestellt haben, es herausgearbeitet haben zum blanken Kristall, daß fortan jeder darnach greifen konnte wie nach einem Hausgerät, so oft er darnach greifen wollte. Und das hat Haeckel gemacht, es gibt seinen Werken den monumentalen Bezug zum Geschichtlichen, es erhebt sie zu Quellen, die dermaleinst Freund und Feind als solche schätzen werden.
* * *
Was wollt Ihr an die Stelle der darwinistischen Grundideen setzen? Immer kann es doch nur eine Vertiefung sein, die das Große, was da geleistet worden ist, voraussetzt und anerkennt, um dann weiterzukommen, — und nicht eine wirkliche Umkehr.
Umkehr, — ja wohin?
Unter meinen Papieren finde ich ein altes Blatt, das ich mir selber als Mene Tekel gelegentlich aufgezeichnet habe.
Heute habe ich Lust, es noch einmal ganz zu veröffentlichen, — als ein Kapitelchen, klein aber mein, zu diesem großen Schlagwort Umkehr. Inhaltlich ist es entschieden noch nicht vergilbt.
Es ist das Protokoll einer eigenen Sitzung mit dem Medium Valeska Töpfer aus den achtziger Jahren, wie ich es mir selber zu späterer Kontrolle und Beruhigung damals sofort niedergeschrieben.
Sachliches Interesse für alles, was mit Weltanschauungsfragen zusammenhängt, und der Wunsch zugleich, für eine bestimmte dichterische Arbeit Stoff zu sammeln, veranlaßten mich damals zu Studien über den Spiritismus. Was ich sonst da an Materialien erlangt, ist in meinem Roman „Die Mittagsgöttin“ (Zweite Auflage, 1902, im Verlage von Eugen Diederichs in Leipzig) enthalten und kritisch verarbeitet. Diese Töpfer-Sitzung aber blieb als solche dort unbenutzt.
Sie ist auch kein „großer Fall“.
Trotzdem glaube ich, daß sie gerade mit ihren ganz schlichten Angaben einen gewissen Beitrag zur Klärung bieten kann.
Sie führt in die Anfangsgründe dieser Dinge ein — wenn aber irgendwo, so gilt vom Spiritismus dieser groben Art der Satz: Es ist nur der erste Schritt, der etwas kostet.
Ich lasse den Wortlaut genau so, wie er damals niedergeschrieben wurde.
— — —
Unsere spiritistischen Wortführer behaupten zwar mit besonderer Energie, jedem Zweifler werde täglich an allen möglichen Orten ausreichend Gelegenheit gegeben, Augenzeuge der seltsamsten und überzeugendsten Geistermanifestationen zu werden, man brauche nach dem Worte Richard Wagners „nur zu wollen“ und man werde schon die neue Kunst sehen. In Wahrheit ist es nicht ganz so leicht, als irrende Seele im Chaos einer Weltstadt wie Berlin die Pforte einer Gespensterkammer aufzuspüren; Vereine für diese Sachen sind ja vorhanden und lassen sich auch finden, aber man ist dort unter Gläubigen und entbehrt der wichtigsten Freiheit: in bekannten Räumen und im Verein mit Freunden, auf die man vollkommen rechnen darf, Experimente anzustellen.
Der Zufall ist in solchem Falle der Glücksgott.
Er ließ mich und ein paar gleichgesinnte Freunde einen Mann finden, der, selbst begeisterter Jünger der neuen Lehre, uns trotz unsrer zugestandenen Skepsis mit vollendeter Liebenswürdigkeit seine geräumige Wohnung zur Verfügung stellte, viele Nachmittage seiner kostbaren Zeit — er war ausübender Künstler von Beruf — widmete und schließlich die Bekanntschaft eines weiblichen Mediums verschaffte, von dem ich nach späteren Erfahrungen nicht annehmen darf, daß es von uns allein ohne eine Verstellungskunst, die wir kaum besessen haben dürften, hätte gewonnen werden können.
Unser freundlicher Gastgeber, den ich O. nennen will — der Name tut ja nichts zur Sache — war noch nicht lange Spiritist, aber er war mit desto glühenderem Eifer bei der Sache. Seine Bibliothek umfaßte die spiritistische Literatur in einer Vollzähligkeit, wie ich sie noch nicht in Privatbesitz gefunden, und seine Kenntnis der „Theorie“ war eine entsprechend erschöpfende.
Dazu kam der praktische Stolz, selbst ein werdendes Medium zu sein.
Es war ihm das von einem alten Manne, der die Rolle eines Taxators in mediumistischen Kräften zu spielen schien und die Stärke eines jeden für solche Leistungen in Ziffern anzugeben wußte, ausdrücklich zugesagt worden. Und Ereignisse seines früheren Lebens schienen diese Diagnose zu bestätigen.
Er berichtete, daß seine Hände nicht nur den Pinsel zu führen verständen, sondern nicht selten auch eine übernatürliche „Führung“ hätten, bei der sein Wille aufhöre und die Finger Bewegungen, Griffe und Stöße ausübten, die vollkommen „unbewußt“ seien.
Uns war es, nachdem die Bekanntschaft einmal gemacht war, selbstverständlich vor allem um Vorführung eines ausgereiften, einwandfreien Mediums selbst zu tun, und er versprach auch diese zu bewerkstelligen, da er ein starkes weibliches Medium, das bereits Hellenbach und Zöllner ins nachhaltigste Erstaunen versetzt, kenne und besuche. Vorher aber müßten wir eine Reihe einleitender Sitzungen mit ihm allein abhalten, da erst ein „magnetischer Austausch“ stattfinden, ein harmonischer Kreis geschaffen werden müsse.
Da er selbst schon das Medium in sich wachsen fühlte und möglicherweise auch in uns unerwartete Keime zu einem solchen stecken konnten, so war die Wahrscheinlichkeit gegeben, daß auch in diesen vorläufigen Studiensitzungen bereits seltsame Sachen aus dem Gebiete jener „Mehr Dinge“ sich ereignen würden.
Vor Beginn des ersten Experiments wurden große weiße Bogen mit Geisterschrift vorgezeigt, die aus Sitzungen bei jenem weiblichen Medium (eben der heute noch vielgenannten und bekannten Frau Valeska Töpfer) stammten, denen O. beigewohnt hatte.
Die Wahrheit der Sache zugestanden, eröffnete sich hier anscheinend ein neues Forschungsgebiet für die Goethe-Philologie, nämlich die transcendentale Goetheforschung. Die Blätter waren mit der Unterschrift des Altmeisters versehen, eine gewisse Verwandtschaft mit echten Autographen ließ sich nicht leugnen, nur fand sich die Schreibweise des Namens mit ö statt mit oe, die bekanntlich Goethe selbst nicht anwandte. Der Inhalt der Offenbarung selbst war leider der allertieftraurigste Blödsinn; Goethe mußte zur Strafe seiner Sünden wohl im spiritistischen Jenseits vollkommen versimpelt sein oder sich der Flasche ergeben haben.
Das zweite, was uns vorgelegt wurde, war ein viereckiges, sehr dünnes und gebrechliches Holzkästchen ohne Boden.
Solche Kästchen und Pappschachteln sind der Theorie nach gewissermaßen die Tür des Geisterlandes. Sobald Menschen mit hinreichender mediumistischer Veranlagung ihre Hand lose darauflegen, öffnet sich diese Tür, die bereitstehenden Geister fahren in das Kästchen, lassen es nach Belieben auf einer größeren Tischplatte herumkriechen und beantworten Fragen vermittelst hörbarer Klopflaute im Holz oder regelmäßigen Auftickens der einen Seite des Kästchens bei schwebender Stellung an der Tischkante.
Der Dinge harrend, die da kommen wollten, nahmen mein Freund Bruno Wille, unser freundlicher Gastgeber O. und ich zunächst jetzt am Tische Platz und legten unsre sechs Hände lose auf das Deckbrett der Schachtel.
Lange Zeit ereignete sich absolut nichts.
Die bunte Ausstattung des Ateliers um uns her mit ihren fertigen und halbfertigen Studienköpfen, Staffeleien und Paletten versank allmählich in Dämmerung.
Die Spannung bei uns war trotz aller Vorurteile immerhin eine ziemlich bedeutende.
Zuweilen, wenn einer von uns sich etwas bewegte, krachte das Kästchen.
O. geriet dann in lebhafte Erregung, beschrieb wilde Kreise mit den Händen in der Luft, um den magnetischen Strom überzuleiten, und begann schließlich in einer Weise mit der Holzschachtel zu reden, als handle es sich allen Ernstes um ein lebendiges Wesen. „Liebes Kästchen, willst Du uns etwas sagen? Bitte, bitte, liebes Kästchen, sei so gut, antworte uns, bewege Dich, rücke auf einen von uns zu, den Du auszeichnen willst“ etc.
Dann, und, nachdem inzwischen auch noch die Gebrüder Heinrich und Julius Hart erschienen waren und damit unser Beobachterkreis vollzählig geworden, begannen denn allerdings die ersten seltsamen Vorgänge, alle für heute lokalisiert auf das bewußte Kästchen.
Ich will sie zunächst bloß dem Tatsächlichen gemäß beschreiben und die aufklärenden Bemerkungen, die ich machen kann, zusammenhängend folgen lassen.
Die Schachtel fängt also an, sich unter unseren Händen zu bewegen, nach rechts, nach links, bald rascher, bald langsamer, bald auf Momente wie angenagelt verharrend, um dann in kurzen krachenden Stößen wieder weiter zu rücken — endlich kommt es zu einer tollen Wirbelbewegung, der die einzelnen kaum folgen können.
Nachdem diese Sache so glänzend gelungen, versucht die vergrößerte Kette den ganzen Tisch zu bewegen, was aber mißlingt.
Freund O. pocht wiederholt kräftig auf den Deckel des Kästchens und wenn dann alles hinhorcht, um antwortende Klopflaute zu vernehmen, so hört man mehrfach ein unendlich feines Knistern im Holz.
Nun wird mit dem Kästchen experimentiert, um zu ergründen, ob es unter den Händen auf einen in der Kette (etwa ein besonderes starkes Medium) über den Tisch wegkriechen könne.
Es rutscht in der Tat auf mehrere zu, zuletzt besonders nachdrücklich auf mich, und klappt mehrfach an der Tischkante auf. Nach O.s Interpretation bedeutet das einen „Geistergruß“.
Nunmehr soll ein Anwesender, der nicht in der direkten Kette ist, also die Hände nicht auf dem Kästchen liegen hat, sich einen in der Kette Befindlichen denken, zu dem die Geisterschachtel hinrücken soll.
Neben mehreren mißlungenen Versuchen tritt ein eklatantes Gelingen ein in einem Falle, wo Heinrich Hart in Gedanken seinen Bruder Julius als den Betreffenden bezeichnet hat und das Kästchen tatsächlich und mit förmlicher Leidenschaft auf Julius zusteuert.
Der Höhepunkt der Sitzung wird schließlich erstiegen, als die Holzschachtel sich hartnäckig an der Tischkante in schräg schwebender Lage festsetzt. O. stellt in gesellschaftshöflicher Form die laute Anfrage an den Geist, ob er uns jetzt bestimmte Fragen durch Aufticken beantworten wolle. Das Kästchen schwankt gegen die Tischplatte herunter und tickt sehr vernehmbar dreimal auf. Drei Schläge bedeuten im spiritistischen Geistervolapük „Ja“!
Die Frage wird also gestellt: „Wovon wirst Du bewegt?“
Einer zählt das Alphabet, immer von neuem anhebend, laut her, und jedesmal tickt bei irgend einem Buchstaben das Kästchen dreimal mehr oder minder stark auf, so daß der Satz zustande kommt: „Von Geist Heochios.“
Die Anwesenden ergehen sich mit ganzem Aufgebot ihrer philologischen Kenntnisse in den kühnsten Hypothesen über den Ursprung dieses Namens.
Auf die neue Frage „Woher?“ antwortet der Geist in der Schachtel: „Aus Südosten.“ Bei dem Wunsche, den genaueren Namen des Landes zu hören, kommt noch ein M., dann scheint die Leitung gestört, und es erfolgt nichts mehr.
Man versucht also neue Experimente.
Ich selbst stelle im Nebenzimmer den großen Zeiger meiner Uhr auf die Ziffer drei, und das Aufticken des Kästchens ergibt für die Experimentierenden im andern Raume richtig „drei“.
Ein zweiter analoger Versuch, bei dem O. seine Uhr nebenan auf zehn stellt, mißlingt allerdings, indem der Kasten auch diesmal nur drei Schläge tut.
Gegen 9 Uhr abends wird die Sitzung infolge äußerster Erschöpfung aller Anwesenden abgebrochen.
So das Protokoll, das von O. in ähnlicher Fassung festgestellt und auf seinen Wunsch von sämtlichen Zeugen als richtig anerkannt und unterschrieben worden ist.
Nun einige kritische Bemerkungen dazu.
Die Beschaffenheit der äußeren Umstände brachte es mit sich, daß es sich für mich bei dieser ersten Probesitzung in keiner Weise um eine „Entlarvung“ handeln konnte. Bei den bedenklichen Dingen, die mir O. von den Experimenten seiner Frau Töpfer erzählte, mußte ich allerdings an bewußte Täuschung seitens des Mediums denken, wenn gewöhnliche Erklärungen zulässig sein sollten. Bei unsrem Freunde selbst aber konnte lediglich unbewußte Selbsttäuschung ins Spiel kommen. Diese galt es zu beobachten und das erforderte ein sehr vorsichtiges Prüfen.
Während jener ersten halben Stunde, in der, wie erzählt, durchaus nichts sich ereignete, das Kästchen vielmehr regungslos unter den sechs Händen von Wille, O. und mir lag, hatte ich hinlänglich Zeit, mir über einen gewissen Feldzugsplan klar zu werden.
Wenn das Kästchen sich ohne mein Zutun bewegte, so war dreierlei möglich; entweder es mischte sich wirklich eine fremde Kraft, sagen wir also einmal, ein „Geist“, in die Sache; oder winzige, mit Bewußtsein nicht kontrollierbare Zuckungen und Druckdifferenzen aller Beteiligten brachten in der Weise, wie längst von Physikern (Faraday z. B.) das Tischrücken erklärt worden ist, allmählich eine Bewegung zustande; oder Freund O. arbeitete im leidenschaftlichen Drange, Bewegungen bestimmter Art zu sehen, ohne eigenes Wollen mit und dirigierte den Kasten.
Von Wille durfte ich annehmen, daß er vollkommen passiv blieb und bloß vermöge der größeren Schwere seiner Hände den zweiten Fall beeinflussen konnte.
Nun zeigte sich lange Zeit überhaupt nichts. Geister schienen nicht da zu sein, jene unwillkürliche Muskelbewegung (die ich bei späteren Gelegenheiten, wo Wille und ich allein experimentierten, in voller Wirkung gesehen habe) ließ sich wenigstens für diesen Anfang noch nicht verspüren.
Nunmehr stellte sich bei mir folgender Gedankengang ein.
Es war psychologisch unwahrscheinlich, daß die Selbsttäuschung bei O. so weit gehen würde, daß er selbständig das Kästchen zu schieben begann. Dagegen sprach alles dafür, daß er, wenn einmal die geringste Bewegung sich gezeigt, die Herrschaft über seine Hände so weit verlieren würde, daß er jetzt auch aktiv eingriff.
Ich beschloß also, einen Anstoß zu geben, gleichsam als psychologische Falle, und ich hatte dabei zugleich ein lebhaftes Interesse an Feststellung der größeren oder geringeren Leichtigkeit, mit der man absichtlich eine Bewegung hervorbringen könne.
Die Leichtigkeit, so zeigte sich sofort, war die denkbar größte.
Ich brauchte nur den minimalsten Seitendruck mit der Fläche irgend eines Fingers auszuüben, so rückte der Kasten. Mir selbst war es vollständig unmöglich, an der Oberseite meiner fest auf dem Deckel schwebenden Hände irgend welche Bewegung bei diesem Drücken wahrzunehmen. Drückte ich mit dem kleinen Finger der linken Hand, so rutschte das Kästchen nach rechts, und umgekehrt.
Für O. aber hatte ich absolut richtig gerechnet. Sobald einmal die Bewegung da war, fühlte ich das lebhafteste Mitarbeiten von seiner Seite her.
Ich konnte nun die eigenen Hände ganz aufheben, das Kästchen lief doch, und bei der Leidenschaft, die unsern Freund ergriffen, sah man sogar deutlich jetzt das Arbeiten seiner Hand darauf.
Je schneller der Kasten lief, desto mehr fühlte ich selbst, wie die Entscheidung, ob ich drückte oder bloß folgte, immer schwerer wurde, und da es den übrigen Teilnehmern ebenso ging, so hat von einem bestimmten Punkte ab, wo die Kette größer war, zweifellos jeder bald mitgeschoben, bald im Wunsche, nicht zu schieben, sondern bloß zu folgen, unbewußt gehemmt oder dem Gange eine neue Richtung gegeben. Vollends beim Kreisen der Schachtel kreisten alle Arme und Hände unwillkürlich derartig mit, daß man die Schachtel getrost hätte wegnehmen können und doch noch einen Augenblick unsre leeren Hände wie toll hätte durch die Luft herumwirbeln sehen.
So viel zur Erläuterung des „Ur-Phänomens“, wie es Goethe genannt haben würde.
Nun zu Einzelheiten.
„Geklopft“ hat es in dem Kasten niemals. Das kam in klassischer Vollendung erst bei der später zu schildernden Sitzung mit jenem echten Medium vor, und hier ist es uns zweifellos geworden, daß bewußter Betrug im Spiele war.
Ein Knistern und Krachen im Holze ließ sich dagegen wiederholt vernehmen, ich konnte es ebenso wie die Bewegung in jedem beliebigen Moment durch bewußte Konzentrierung des Druckes erzeugen, und von den andern ist es unbewußt mehrfach auf die gleiche Weise hervorgebracht worden.
Wenn Freund O. mit ziemlich bedeutender Kraft seines Zeigefingergelenks auf den ohnehin an einer Stelle brüchigen Kasten schlug, so war es durchaus kein Wunder, wenn beim folgenden Hinhorchen ein schwaches Knistern in den sich wieder aufrichtenden Fasern des dünnen Deckels dem Ohre bemerkbar wurde.
Das Hinrutschen der Schachtel zu irgend einem der Anwesenden ist mehrmals von mir selbst bewußt beeinflußt worden.
In andern Fällen hat jedenfalls unbewußtes Ziehen einzelner stattgefunden, da bei noch soviel Skepsis doch der eine oder der andere im entscheidenden Moment, wo es sich darum handelte, wen der Geist für das größte anwesende Medium erklären werde, im Zwange der kleinen harmlosen Eitelkeit stand, er selbst möchte der Erwählte sein.
Den eklatanten Treffer, daß Julius Hart, den der außerhalb des Kreises stehende Heinrich sich in Gedanken ausgewählt hatte, vom Kästchen begrüßt wurde, verdankte man lediglich mir; bei so wenigen Möglichkeiten war das zufällige Treffen leicht genug gemacht, und ich hatte auf das Nächstliegende, den Bruder, geraten.
Nachdem ich nun in der genannten Weise genügend auf eigene Faust in die Phänomene hineinexperimentiert, beschloß ich, für den Rest der Sitzung bloß noch zu beobachten, und nahm der schärferen Kontrolle wegen an den nächsten Experimenten überhaupt nicht mehr aktiv teil. Ich schützte Ermattung vor und trat aus der Kette aus.
Es folgten die Kunststücke an der Tischkante. Wie vorhin das Schieben, so war jetzt das Überkippen- und Aufschlagenlassen der Schachtel ein Kinderspiel für jeden Beteiligten, ja es war noch leichter gemacht, da das Kästchen in der äußersten Schwebe hing und sich niederbog, wenn einer auch nur den Gedanken hatte, es solle es tun, — und dabei war die Nervosität in sämtlichen beteiligten Fingern jetzt eine derartige geworden, daß die Kontrolle durch das Bewußtsein fast nicht mehr möglich war.
Folgendes ist im einzelnen zu der seltsamen Antwort „Von Geist Heochios“ zu sagen.
Das — den andern ziemlich unerwartete — „von Geist“ hatte sich Heinrich Hart, dessen Hände an der kritischen Stelle lagen, eingestandenermaßen als mögliche Antwort gedacht und nahezu mit Bewußtsein erzeugt.
Bleibt noch das famose „Heochios“.
Dieses Wort ist nach unserm (d. h. der Beobachter) einstimmigem Urteile ein Produkt der verschiedensten Einflüsse.
Heinrich Hart gibt an, er habe „Hart“ herausbringen wollen, das „a“ jedoch verpaßt und den Rest dann dem Zufall und den andern überlassen.
Ein Erklärung aus „reinem Zufall“, in dem doch ein gewisser logischer Zwang steckte, ließe gerade die Entstehung des H., wie ich nebenbei und für analoge Fälle erwähnen will, auch zu. Man bedenke, daß acht Hände auf dem lose schwankenden Kasten liegen. Einer zählt laut das Alphabet her. Jeder erwartet, daß bei irgend einem Buchstaben die Schachtel sich beugen werde. Anfangs wartet jeder. Die ersten Buchstaben gehen vorüber, die Spannung wächst. Es liegt eine psychologische Wahrscheinlichkeit darin, daß gerade in der Gegend vom H., also am Ende ungefähr des ersten Drittels vom Alphabet, ein Höhepunkt eintritt, bei dem einem in der Kette die Hände entweder ganz lose oder ganz schwer werden; sobald das aber erfolgt, klappt das Kästchen auf, und daß es dreimal klappt, ist unvermeidlich, teils weil jeder erwartet, es müsse dreimal klappen, und teils schon, weil überhaupt durch den Rückstoß ein Geschaukel entsteht, das wiederholt sogar zu vier oder fünf Schlägen führte. Ein oder zwei Schläge mehr gelten aber nur als besondere Bestätigung seitens des Geistes.
Beim Suchen nach dem zweiten Buchstaben durch erneutes Hersagen des Alphabetes ist dann mit höchster Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß ein Vokal und nicht ein Konsonant kommen wird. Jeder hat, er mag wollen oder nicht, im Kopfe sich irgend eine oder auch mehrere Fortsetzungen zu dem H gebildet, bei denen allen aber natürlich ein Vokal folgt. Daß gerade E, der zweite Vokal, kommt, liegt auch wieder nahe, bei A will jeder noch abwarten, bei E ist die Spannung schon genügend gesteigert, bei I würde die Wahrscheinlichkeit vollends ganz groß sein, da die meisten sich kaum noch weiter werden bezwingen können, die Erwartung „Jetzt muß es kommen“ wird zu stark.
O und C mögen mehr durch Zufall entstanden sein, obwohl die Vermutung, es komme ein ans Griechische anklingender Name, jetzt bereits ausgesprochen war und einer laut auf „Henoch“ geraten hatte, womit O in den Ohren klang.
H nach C ist einfach selbstverständlich, die griechische Endung erschien unter dem Zwange des laut eingestandenen „Das muß kommen, da es unbedingt ein griechischer Name ist!“
Dem „Südosten“ ging die Vermutung voraus: es braucht nicht direkt Griechenland zu kommen, es kann auch Kleinasien oder sonst so etwas werden.
Bei M mag einer an Makedonien oder Medien gedacht haben, doch entstanden bei diesem allzu bestätigenden Fortgang jetzt offenbar selbst bei O. Zweifel, ob unsre Gedanken nicht beeinflussend wirkten, jeder beeiferte sich, einmal ganz und gar nichts zu tun, und — sofort stand die Maschine wirklich still.
Das Experiment mit der Uhr endlich ist ohne alle Beweiskraft, da in beiden Fällen lediglich der gewohnte Rhythmus der drei Schläge wiederkehrte; als der Zeiger zufällig auf drei wies, ergab sich eine Übereinstimmung, bei zehn blieb sie ebenso naturgemäß aus.
Der Leser wird den Kopf schütteln über diese Haarspaltereien.
Und doch ist diese Zergliederung grade der allereinfachsten spiritistischen Kunststücke das unbedingt Nötige als Vorschule zur Auflösung der schwierigeren Probleme.
Der Fundamentalfehler, der immer wieder begangen wird und dem dann selbst gute geschulte Beobachter erliegen, ist, daß man gleich ein Medium der hohen Schule prüfen will, ein ungeheures Raffinement in verwickeltsten Kunststücken überwinden zu müssen glaubt und dann grade durch die ganz einfachen, haarsträubend simplen Sachen, die man als zu einfach gar nicht in Rechnung zieht, überlistet und gefangen wird. Fritz Schultze, der ein an Material ziemlich reichhaltiges, dafür im Raisonnement allerdings schwaches und stellenweise ziemlich ungeschicktes Buch gegen den Spiritismus geschrieben hat (Die Grundgedanken des Spiritismus. Leipzig, Günthers Verlag, 1883), hat bei Gelegenheit dieses Punktes nicht mit Unrecht an eine Kriminalnovelle Edgar Poes erinnert, in der ein wichtiger Brief gerade deswegen von der Polizei, die doch jeden Winkel des Hauses durchstöbert, nicht gefunden wird, weil er gar nicht versteckt ist, sondern offen vor jedermann auf dem Tische liegt.
— — —
Nachdem die Ergebnisse der ersten Sitzung bei O. im engeren Kreise der unbefangenen Beobachter genügend durchgesprochen waren, kam es acht Tage später zu einem zweiten Experiment.
Bruno Wille und ich hatten diesmal ein Stichwort „Merkwürdig“ verabredet, das zur Kontrolle für den andern dienen sollte, wenn der eine mit Bewußtsein und zum Zwecke irgend einer Probe oder Falle in die Handlung eingriff.
Zunächst wurden noch einmal die meisten Phänomene der vorigen Sitzung der genaueren Bestätigung wegen wiederholt, wobei zur Abwechslung an Stelle des Uhren-Experiments das Kästchen heute angeben sollte, wieviel Kleingeld sich in meinem und in einem zweiten Falle in Willes Portemonnaie befinde.
In beiden Fällen wußte ich die Zahl nicht genau, habe aber doch durch leichte Drucknachhilfe einmal genau und einmal beinah das richtige Resultat hervorgebracht, zum guten Beweise dafür, wie leicht auf Grund auch nur annähernd richtiger Kombination einiger bekannter Anhaltspunkte das genau richtige Erraten der Wahrheit gemacht wird und wie gutmütig der Zufall in solchen Fällen auszuhelfen pflegt, wenn man nur den Mut hat, überhaupt zu raten.
Der wesentlichste Fortschritt in dieser zweiten Sitzung war aber in einem Experiment mit dem „spiritistischen Schreibapparat“ gegeben.
Dieser Apparat besteht in einem runden Holzplättchen, das eben gerade Raum für zwei aufgelegte Handflächen bietet, und an dessen unterer Seite drei Stützen (gewissermaßen drei Stuhlfüßchen) angeleimt sind; eine dieser Stützen ist ein Bleistift. Man setzt das Ganze auf einen großen Bogen weißen Schreibpapiers. Einer legt die Hände auf die Platte und eventuell noch ein zweiter seine auf die des andern, und dann erwartet man regungslos das Eintreten einer Bewegung des Holzapparats, die den Bleistift aufkratzen läßt und so, bei korrekter „Geisterführung“, eine Schrift hervorbringt, — eine „Geisterschrift“ mit individueller „Geisterhandschrift“ und einem vom „Geiste“ gewollten Inhalt.
Freund O. hatte seine Hände kaum auf die Holzplatte gelegt, als der Apparat auch bereits mächtig zu wirbeln begann.
Der Bleistift beschrieb eine große Spirale und raste dann förmlich über das Papier dahin, den Bogen mit kindlich ungeschickten, aber doch lesbaren Buchstaben bedeckend.
Aber O. klagte dabei selbst, er fürchte unbewußte Selbsttäuschung, er „schreibe nur, was er denke“. Ein andrer möge an seine Stelle treten, vielleicht hätten wir ein noch unerkanntes gutes „Schreibmedium“ unter uns.
So legte ich denn meine Hände auf, er wollte seine eigenen nur lose darüber legen, „um die Kraft zu verstärken“. Ohne daß ich im geringsten bewußt mithalf, kamen auch jetzt mehrmals lange Schriften zu stande.
„Gott zum Gruß“, begann jede der Offenbarungen, dann folgten ein paar allgemeine Redensarten und zum Schluß, Wunder über Wunder, kam zweimal mit gewaltigen Lettern die famose Unterschrift „Heochios“!
O. war entzückt, da er diese Fälle, wo seiner Ansicht nach unbedingt nicht er geschrieben hatte, ich aber bestimmt versichern konnte, auch nicht absichtlich hineingearbeitet zu haben, für beweisend hielt sowohl für die Existenz eines uns umschwebenden Geistes Heochios, als auch für meine Befähigung zum Schreibmedium.
So weit auch hier wieder der rein äußerliche Sachverhalt und Folgendes zur Aufklärung.
Von den drei oben erwähnten Erklärungsmöglichkeiten: Geist, unwillkürliche Muskelbewegung, Selbsttäuschung, die äußerlich zum entscheidenden Mitwirken wird, fällt die mittelste hier von vornherein fort. Wenn ich — ich habe es in einer der nächsten Sitzungen bis zur Dauer von 20 Minuten fortgesetzt — meine Hände ohne O. auf den Apparat legte, so ergaben sich nachher die Spuren dieser Muskelzuckungen auf dem Papier als eine ganz kleine, blitzartig zackige Linie, die aus einzelnen Punkten gebildet schien und aus der, wie ich annehmen muß, bei einem gesunden Menschen niemals auch nur ein einzelner Buchstabe hervorgehen könnte, geschweige denn eine fortlaufende Schrift, die am Zeilenende von selbst absetzt und eine neue Reihe anfängt.
Mit vollkommenster Deutlichkeit dagegen fühlte ich, sobald O. seine Hände auf meine legte, wie er drückte, über meine sehr kleine Hand mit seiner weit größeren weggriff und wie er nach allen Regeln der irdischen Physik so die Schrift selbst zustande brachte.
Das scheint mir ein Maximum von Selbsttäuschung, das im höchsten Grade interessant ist.
Freund O., so muß ich mir den Fall erklären, hat bei Frau Töpfer, die bewußt täuschte, oftmals gläubig dem Schreiben zugesehen. Er hat sich die traditionellen Formeln des Geisterschreibens (das Beginnen mit der Spirale etc.) gradezu in Fleisch und Blut übergehen lassen, er hat jene Beigaben auswendig gelernt, wie das „Gott zum Gruß“, das der wohl hauptsächlich amerikanischen Verquickung des spiritistischen Versuchs mit frömmelndem Sektiererwesen seinen Ursprung verdankt. Er hat dann in Mußestunden mit Bewußtsein Proben angestellt, wie man mit dem Apparat schreiben muß, — ohne diese Schulung wäre es nicht möglich, daß er es überhaupt so glatt fertig brächte.
Das alles hat er getan mit dem sehnsüchtigen Wunsche, eines Tags möchte nicht seine Hand den Apparat, sondern der Apparat wirklich seine Hand führen. Als er nun meine Hände statt des Holzdeckels unter sich fühlte, vollzog sich in der Leidenschaft der psychologische Prozeß der Selbsttäuschung, er glaubte nicht mehr aktiv zu sein, und dennoch schrieb er in Wahrheit selbst, er schrieb mechanisch dasselbe nieder, was er so oft in letzter Zeit zur Probe mit Bewußtsein geschrieben, und er schrieb den Namen Heochios unter das Ganze, weil ihm dieser seit acht Tagen beständig auf der Zunge schwebte und weil er fest erwartete, ein Geist Heochios führe den Apparat.
Unsere kühle Erklärung der Entstehungsgeschichte jenes unglücklichen Spruchs „Von Geist Heochios“ existierte ja nicht für ihn, ihm war Heochios ein wirklich erschienener Geist.
Ich habe so viel Worte gebraucht, um für den Fall unseres Freundes, bei dem ich nicht den geringsten Grund habe, mala fides vorauszusetzen, die Selbsttäuschung wahrscheinlich zu machen. Jetzt bedenke man aber die Chancen, die bewußte Täuschung in analogen Fällen mit einer zweifelhafteren Persönlichkeit notwendig gerade bei diesem „Geisterschreiben“ hat. Die Möglichkeiten sind gar nicht auszudenken.
Nur kurz erwähnen will ich die Ergebnisse einer dritten Sitzung, bei der ich mehrere Stunden lang mit O. allein experimentierte, ohne nennenswerte Erfolge zu erzielen.
Wir berührten Grenzgebiete des eigentlichen Spiritismus: Gedankenlesen und Telepathie.
Jene wissenschaftliche, leicht erklärliche Art des groben Gedankenlesens — Auffinden eines von A. versteckten Gegenstands durch B. dadurch ermöglicht, daß B. den A. bei der Hand nimmt und beim Durchwandern des Zimmers am Zucken dieser Hand und ihrem unbewußten Ziehen oder Widerstreben den Ort ermittelt, wo der Gegenstand liegt — gelang auffallend gut, wenn ich der Suchende war und O. der unbewußt Führende.
Doch hier lag, wie gesagt, absolut nichts Mystisches vor, da diese Dinge überzeugend auch von Nicht-Spiritisten öffentlich vorgeführt worden sind.
Eine heiklere Sache ist aber schon die echte sogenannte „Telepathie“ (Fern-Empfindung). Hier denkt einer der Beteiligten sich möglichst lebhaft eine Figur, eine Zahl oder Ähnliches, und der andre rät angeblich ohne Handberührung das Gedachte, d. h. es findet der Theorie nach eine „mystische Fernwirkung von Seele zu Seele“ statt, bei der das Vorstellungsbild sich ohne Hilfe der physikalischen Wege und der Sinnesorgane von Gehirn zu Gehirn überträgt, ohne Luft- und Lichtwellen also und ohne Auge und Ohr.
Für unsern Fall kann ich nur feststellen, daß die Experimente dieser Art bei O. ebenso mißlungen sind, wie sie vorher und nachher ausnahmslos mißlangen, als ich mit Wille allein und mit andern Versuche anstellte.
Zufällige Annäherungen beim Raten sind vorgekommen, beweisen mir aber gar nichts. Wenn ich mir eine 8 dachte und O. einen ganzen Bogen mit allerlei Kreisen, Spiralen und sonstigen Krackelfüßen bedeckte und unter denen in der Tat auch einmal eine brezelartige Verschlingung, die an eine 8 gemahnte, auftauchte, so wird man nicht verlangen, daß ich dem irgendwelche Beweiskraft beimesse.
Etwas Besseres aber habe ich nicht gesehen, und die schönen Figurentafeln in der spiritistischen Zeitschrift Sphinx, die von dem fabelhaften Glück anderer, spiritistisch gläubiger Beobachter Zeugnis ablegen sollen, treffen bei mir also vorläufig auf eine unerschütterte Skepsis.
Doch zurück zur Hauptsache, zu den eigentlichen Medien und ihren Gespenstern. Eine besondere Einladung von seiten unseres Freundes versammelte uns an einem Montag in O.s Wohnung, um endlich denn auch das große Orakel, das altbewährte Medium, Frau Valeska Töpfer, selber in Augenschein zu nehmen und auf seine Wunderkraft zu prüfen.
Etwa eine Stunde lang hatten wir Zeit, uns auf einen würdigen Empfang vorzubereiten, da O. sich erst, nachdem wir bereits vollzählig erschienen waren, auf den Weg machte, um die ehrwürdige Dame zu uns zu geleiten.
Wir verabredeten uns inzwischen von neuem auf das Stichwort „Merkwürdig“, und wir schwärzten einen genau bezeichneten Papierbogen über der Lampe, damit die Geister materialisierte Hände oder Füße in der Weise, wie es bei Zöllner geschehen, darauf abdrücken könnten.
Der Gedanke ergötzte uns im voraus, es möchte auch heute wieder jener treffliche „Heochios“ auftreten, was denn wohl dem Faß sofort den Boden ausschlagen müßte.
Im ganzen aber schuf doch auch heute die zu erwartende Nähe einer fremden Persönlichkeit eine beklommenere Stimmung, die bei einigen durch etwas überraschendere Leistungen leicht in höchste Empfänglichkeit für Mystik hätte gesteigert werden können.
Erst lange nach Einbruch der Dunkelheit erschien die Seherin, und zwar nicht bloß von O., sondern merkwürdigerweise auch von ihrem Mann begleitet.
Sie selbst eine mittelgroße, ziemlich beleibte Dame mit spitzer Nase, kleinen Augen, das Gesicht gepudert, die ergrauenden Haare glatt emporgeknotet, — der Herr Gemahl ein kleiner Berliner Grünkrambesitzer, dessen erste Äußerung darin bestand, daß er sich ein Glas Bier erbat.
Wir nahmen in langer Kette um den Tisch, auf dem die Lampe stand, Platz, leider, wie Frau Töpfer sogleich bemerkte, auf tiefen Sesseln, die für solche Sitzungen höchst ungeeignet seien.
Die Luft, so wurde im übrigen zugestanden, sei bereits stark „mediumisiert“, es müßten „kräftige Naturen“ unter uns sein.
In der Tat begann es denn auch, da wir kaum einen Augenblick unsere Hände auf den Tisch gelegt, sehr vernehmlich irgendwo zu pochen, bald dumpf, bald lauter, und die Täuschung, der das Gehör in Bezug auf die Richtung des Schalls unterlag, war eine vollkommene. Der eine riet auf die Wand hinter dem Rücken der Frau Töpfer, ein andrer auf den Ofen, bisweilen schienen die ganz dumpfen Laute sogar aus dem Nebenzimmer zu kommen.
Man muß dieses Klopfen im eigenen Zimmer mit Muße durchprobiert haben, um die Erkenntnis zu erlangen, daß das falsche Lokalisieren die Regel ist, und daß verschieden starke Pochlaute, die unmittelbar vor uns unter dem Tisch erzeugt werden, in Wahrheit aus den verschiedensten Richtungen und Entfernungen zu kommen scheinen.
Ich glaube, jeder empfand im Moment, daß Frau Töpfer die Sache äußerst geschickt mache, aber nichts sprach dagegen, daß sie die einzige — allerdings bewußt täuschende — Quelle dieser Geisterstimmen sei. Ihre eigenen Füße wie die ihres Mannes waren unsichtbar unter der Tischplatte verborgen, dank dem festen Kettebilden aller, und ob sie sonst noch besondere Apparate unter den Kleidern verborgen trug, war selbstverständlich erst recht nicht zu ermitteln.
Unsre Mienen mochten das denn auch ziemlich deutlich erkennen lassen, denn nach dem günstigen Anfang trat eine Stockung ein, die Pochlaute blieben dumpf und undeutlich, die Frau erklärte: „So kann ich’s nicht leiden! Dabei wird mir’s unheimlich!“
Der Tisch machte plötzlich zur Abwechslung einen Ruck auf Wille zu (Frau Töpfer schob zweifellos kräftig mit dem Fuße), aber auch hier schien der rechte Mut zu mangeln, vor allem hob sich der Tisch keineswegs empor, wie es sonst in Sitzungen bei dem Medium nach O.s Aussage überraschend zu gelingen pflegte.
Nunmehr ergriff aber der Gemahl das Wort, er schalt auf die Geister energisch ein und rief endlich im derbsten Tone: „Na, wollt Ihr jetzt oder nicht? Ich verlange, daß Ihr Euch jetzt anständig betragt und was tut, sonst warten wir nicht mehr.“ Er wurde so grob, daß die Frau ihn beschwichtigen mußte. „Laß doch, sie werden sonst ganz böse.“
Wozu diese ganze Posse diente, weiß ich nicht. Jedenfalls wirkte sie auf uns unsäglich lächerlich und als das beste Mittel, jede ernsthafte Stimmung dauernd zu zerstören.
Die Scherze aus unserm Kreise mehrten sich auch so, daß die Hexenmeisterin sich wohl bewogen fühlen mochte, rasch etwas vorzuführen, um wieder Spannung zu wecken.
Sie meinte plötzlich, der große Tisch sei den Geistern (ihren Füßen!) zu schwer, es wurde also ein kleiner sogenannter stummer Diener herangeholt, der unter der oberen Platte zwischen den vier Füßen noch eine zweite Platte zum Tragen von Büchern oder Nippessachen hatte.
Dieser Tisch war denn nun ein wahres Ideal, wenn es sich darum handelte, durch geschickt verdeckte Bewegungen ruckweises Wandern oder sogar scheinbares Emporfliegen zu bewerkstelligen.
Der Bodenteppich wurde entfernt, um kein Hemmnis beim Rutschen zu geben, auf das Tischchen wurden ein Bogen Papier und ein Bleistift gelegt und unter den Tisch gleiches Material. An dem letzteren geschah nichts, da wir zu gut kontrollierten. Man sah wohl den Schuh der Frau T. danach langen, auch erklärte sie einmal, einen Lichtschein unten zu sehen (wohl um unsere Aufmerksamkeit von irgendetwas anderm abzulenken), gleichwohl erfolgte nichts.
Theoretisch wäre es ja nicht gerade allzu schwer gewesen, trotz unsres Aufpassens im guten Moment mit einem schon vorher präparierten und in die Stiefelsohle geklemmten Bleistiftspitzchen auch diesen Bogen mit einer lesbaren Schrift zu bedecken.
Über dem oberen, offen aufliegenden Blatt bekam die Hand der Frau natürlich sofort „Führung“, es entstanden wieder folgerichtig jene berühmte Spirale, das „Gott zum Gruß“ und ein paar ähnliche alberne Phrasen, wie sie O. stets geliefert hatte. Die Unterschrift lautete „Werner“.
Das letztere war offenbar eine Art von Probepfeil. Es wurde rundgefragt, ob keiner einen Bekannten dieses Namens besitze, was zufällig einmal nicht der Fall war. Der Name „Müller“ dürfte für dieses „Experiment ins Blaue“ allerdings noch empfehlenswerter sein.
Wille erhielt im weiteren auf eine Frage nach seinem Bruder durch Klopflaute den Namen „Gustav“, und die Geisterschrift auf dem Blatte meldete, Gustav sei auf dem Schlachtfelde gestorben. Beides, Name wie Tatsache, war unrichtig, der einzige Bruder lebte und hieß anders.
Wille ging indessen mit scheinbarer Erregung auf die Sache ein, und von da ab verstärkte sich der Mut der Töpfer — und mit dem Mut kamen verstärkte Wunder.
Der „Zimmermann“ begann jetzt im Tische zu rumoren.
Um zu verstehen, um was es sich hier handelte, muß man Kenntnis nehmen von der unsäglichen Einförmigkeit und Enge der Phantasie, die in diesen spiritistischen Zirkeln herrscht. Wie das berühmte Kölner Hänneschen-Theater, so hat jedes Medium seine paar stereotypen Rollen, die immer wiederkehren, seine drei oder vier Spezialregister, auf die es eingedrillt ist. So bei Frau Töpfer die kleine „Abila“, der Schutzgeist „Zwibos“ und der „Zimmermann“.
Das Nahen des letzteren betätigte sich durch sägende und hobelnde Geräusche im Tisch, endlich auf Verlangen durch ein gewaltiges Gepoche, wie wenn jemand einen Nagel einschlüge, — übrigens keine einzige Leistung in allem, die nicht Wille und ich später zu Hause hätten annähernd ebenso täuschend durch unmerkliches Nagelkratzen und Bewegungen der Füße hervorbringen können.
Schließlich fuhr der Poltergeist noch in die Hand des Mediums und schrieb mit eckigen Zügen und schlechter Orthographie ein paar Sätze auf ein Blatt, unterzeichnet: „Hunger, Chemnitz, Neue Gasse“.
Von neuem begann nach diesem der Tisch zu schwanken.
Meine laut ausgesprochene Befürchtung, die Petroleumlampe möchte dabei zu Schaden kommen, wurde zuerst mit der Versicherung abgewiesen: „Und wenn der Tisch sich auf den Kopf stellt, die Lampe fällt bei Geistermanifestationen niemals.“
Gleich darauf, als Wille mit dem Rufe „merkwürdig“ den gegen ihn anrückenden Tisch selbsttätig etwas herabdrückte, wurde die Versicherung aber eilfertig eingeschränkt durch Zugeben von „unberechenbaren Ausnahmen“, und der Mann setzte die Lampe jetzt selbst vorsorglich auf das Klavier.
Der leichter gewordene Tisch spazierte nunmehr durch das halbe Gemach, es kam aber auch jetzt nicht zum Fliegen.
Ein sehr gelungenes Kunststück bei dieser Gelegenheit bestand darin, daß Frau Töpfer, wie mehrere von uns deutlich sahen, mit weit zurückgerecktem Fuße einen etwas entfernt stehenden Schaukelstuhl heranriß und gleich darauf höchst verwundert ausrief: „Sehen Sie bloß, der Stuhl ist uns allein nachgekommen!“
Damit schloß der erste Akt der Sitzung.
Eine Pause wurde benutzt, jenes oben erwähnte geschwärzte Papier unter das Sofa zu legen und vermittelst eines vorgeschobenen Teppichs gegen jedes auffallende Licht abzuschließen.
Ich will gleich vorausschicken, daß es dort unversehrt noch gegen Schluß des Ganzen gelegen hat. Während dieser Zeit hat zwar Herr Töpfer hartnäckig als unbeteiligter Zuschauer, zeitweise anscheinend sogar schlafend, seinen Platz auf diesem Sofa behauptet. Ferner ist das immer längere Zeit hindurch verdunkelt worden und alle Beobachter haben ihre Aufmerksamkeit andern Dingen zuwenden müssen, die sich entfernt vom Sofa abspielten. Anfangs hatte ich wohl beschlossen, nicht aus der gerade über dem Papier liegenden Sofaecke zu weichen, aber das konsequente Wegrücken des Tisches, auf dem doch meine Hände aufliegen sollten, hinderte mich an der Durchführung.
So muß ich auch hier konstatieren, daß wohl die infolge andrer, gleich zu erzählender Umstände wieder wachsende Ängstlichkeit des Ehepaars es nicht zu einem Versuche dieser Art hat kommen lassen, daß aber die Gelegenheit zu einem solchen auch diesmal so günstig war (der Mann konnte beispielsweise im Dunkeln sehr leicht an das Papier heranlangen und seine Hand oder auch ein im Rock verborgenes Wachsglied darauf drücken), daß ein wirklicher „Geisterabdruck“ uns kaum hätte überraschen dürfen.
Die wichtigste wirkliche Episode im zweiten Teil unsrer Sitzung bildete eine „Dunkelsitzung“.
Mit Ausnahme des Herrn Töpfer saßen wir alle in fester Kette, die Hände auf der Platte, um den kleinen Tisch. Die Vermutung war ausgestreut, in der Finsternis würden bei einzelnen in der Kette „Berührungen“ durch materialisierte Geister-Hände oder -Füße stattfinden, und zum Schluß werde der Tisch nun endlich emporfliegen.
Es dauerte auch nicht lange, so hörte man Willes Stimme: „Es klopft dreimal an meinen Stiefel!“ und gleich darauf: „Es hat wieder geklopft, — sehr merkwürdig!“
Was sich da, den andern unsichtbar, abgespielt, schildere ich so, wie es mir Wille unmittelbar nach der Sitzung berichtet hat.
Er, der zur Rechten der Frau saß, ging von dem Gedanken aus, Frau Töpfer werde versuchen, mit ihren Füßen von unten her den Tisch zu heben. In aller Stille versuchte er also das dunkle Gebiet unter der zweiten (unteren) Tischplatte zu kontrollieren, indem er seinen rechten Fuß bis etwa in die Mitte vorschob. Der linke Fuß blieb lange nahe am Stuhl — wie man nicht vergesse: auf der Seite der Frau Töpfer.
An der Spitze dieses linken Fußes nun verspürte er plötzlich eine Berührung: es klopfte dreimal hörbar auf das Leder. Allem Anschein nach ging die Berührung aus von dem Fuße der Frau Töpfer. Nicht lange und das Klopfen kam wieder, diesmal am Absatz von Willes linkem Fuß.
Schnell entschlossen folgte er aber jetzt mit seinem Stiefel dem sich zurückziehenden Klopfer, er stieß richtig auf einen echten andern Stiefel, und während er ihm einen leichten Tritt versetzte, fühlte er mit zweifelloser Deutlichkeit, wie der fremde Fuß unter die hörbar knitternden Röcke der guten Frau Töpfer zurückfuhr.
Von diesem Moment an, der eine offenkundige Entlarvung wenigstens für einen der Beobachter umschloß, war Frau Töpfer vollkommen verstört, unruhig, traurig, jedermann merkte, daß etwas vorgefallen war, obwohl wir andern erst später erfuhren, was.
Ein zweites Abenteuer bestand, nachdem die Frau jetzt in der ganzen Dunkelsitzung absolut nichts mehr zu unternehmen wagte, darin, daß der vorgeschobene rechte Fuß Willes mit einem plötzlich vorrückenden Fuße unsres Freundes O. dort zusammentraf.
Hier war nun wiederum charakteristisch, den Grad der unbewußten Selbsttäuschung bei O. zu beobachten.
O. bebte vor Ungeduld nach einer Geisterberührung. Wahrscheinlich ohne jede Spur von Willen, bloß im Drange, den Geistern sich als Objekt darzubieten, schob er seinen Fuß langsam bis in die Mitte des Raums unter dem Tische vor. Als er dabei auf Willes Stiefel stieß, durchzuckte es ihn übermächtig: „Jetzt muß es dreimal klopfen!“ Es klopfte in der Tat, aber sein eigener Stiefel war der Urheber, wie Wille, der vollkommen passiv blieb, genau feststellte.
So hatten wir auch hier wieder Betrug und Selbstbetrug in schönster Blüte nebeneinander.
Da aber schlechterdings nichts weiter kommen wollte, gesellte sich der Scherz hinzu — der Tisch flog plötzlich empor, so schön, daß jetzt selbst Frau T. hätte an echte „Geister“ glauben dürfen.
In Wahrheit war der Urheber unser humorvoll veranlagter Freund Heinrich Hart, dem das Spiel längst zum Ekel geworden und der uns wenigstens den Gefallen tun wollte, zu zeigen, wie leicht die Sache sei.
Der dritte Akt war der jämmerlichste von allen.
Frau Töpfer, die ihren Boden schwanken sah, wagte ein letztes Radikalmittel.
Vor eine Ecke des Ateliers wurde ein weißes Leinentuch gespannt, hinter ihm nahm das Medium Platz. Sie sollte in „Verzückungsschlaf“ verfallen und Geisterstimmen sollten durch den Vorhang zu uns reden.
Die Zuhörer setzten sich im Halbkreise vor das mystische Theater, Herr Töpfer hielt sich im Hintergrunde, anscheinend bereit, jeden Störenfried, der etwa an der Hülle zerren würde, zurückzuhalten; es bedurfte dessen nicht; was wir hörten, genügte vollauf....
Zuerst ertönte ein zartes Kinderstimmchen: der Geist Abila.
Die Stimme hatte sich Frau Töpfer offenbar bis zu vollkommener Meisterschaft eingeübt.
„Gott zum Gruß, Brüder!“ begann auch diese Offenbarung. Das Geistchen redete mit jedem einzeln, bei jedem sah es „unsichtbare Brüder“ (Verstorbene) stehen, die es beschrieb und bei denen es, wenn man fragte, Antwort holte. Aber die Weisheit Schön-Abilas hatte einen traurigen Fehler: ihre geistige Urheberin, Frau Töpfer, mußte blind raten, und sie riet entsetzlich schlecht.
Bei Julius Hart sah Abila den Vater der Gebrüder stehen, er sollte Adolf heißen und ein leiblich sehr großer Mann sein. Der treffliche Vater Hart lebte aber, wie die meisten von uns wußten, in Wahrheit noch fröhlich unter dieser Sonne, er hieß weder Adolf, noch hatte jemals von ihm, einem kleinen beleibten Herrn, behauptet werden können, daß er ein Herkules sei.
Bei mir stand meine Großmutter Lottchen und ließ mich an das letzte Gespräch erinnern, das wir beide miteinander geführt. Und auch hier paßte der Name nicht und vollends nicht die Tatsache, denn meine beiden Großmütter sind viele Jahre vor dem Tage gestorben, an dem ich das Licht der Welt erblickt.
Am meisten von allen interessierte sich Abila für den „dicken Bruder mit der Brille und den roten Backen“, nämlich Bruno Wille.
Dieser Bruder lohnte nun freilich solche Liebe schlecht, denn anknüpfend an den famosen Bruder Gustav von vorhin, entlockte er durch geschickt zugespitzte Fragen der Frau Töpfer einen Kriminalroman voll grausigster Tatsachen. Ich erwähne nur, daß ein Onkel darin vorkam, der an „Galle, die ins Blut ging“, gestorben sein sollte. „Das ist in der Tat merkwürdig“, sagte Wille halblaut, „ein Onkel von mir ist am gelben Fieber gestorben.“
Von einer Seite her wurde im Zuhörerraum ebenso halblaut, aber auch der Frau T. vernehmbar, angedeutet, das gelbe Fieber hänge wirklich mit der Galle zusammen.
Zum Schluß gab sich der „Geist“ dann noch die böseste Blöße, die möglich war: er ermahnte den Bruder, doch nur ja nicht zu glauben, in der Dunkelsitzung vorhin habe der Schuh der Schwester Töpfer an seinen Stiefel geklopft: es sei ein echter materialisierter Geisterfuß gewesen. Überhaupt sollten wir alle nicht so viel zweifeln, sondern lesen und dann glauben lernen.
Die alte Wahrheit: „Wer sich entschuldigt, ist’s gewesen!“
Nach Abilas Verschwinden redete noch eine grobe Männerstimme, der Geist eines „Schusters aus Plauen“, durch den Vorhang.
Hier verließen aber Frau Töpfer selbst ihre deklamatorischen Fähigkeiten, man hörte den Dialektklang ihrer eigenen Stimme störend deutlich durch.
Ohnehin waren alle des dummen Spiels müde, man weckte das Medium, das nun zum Schlusse noch einmal in besonderer Weise, durch Ablesen von einem geschriebenen Alphabet mit Hilfe eines auftickenden Bleistiftes, einen Geist „Zwibos“ reden ließ. Er bestätigte unter ziemlich unverhohlener Heiterkeit der Hörer, jener Onkel Willes sei in der Tat am gelben Fieber gestorben.
Wir hatten genug und gingen nach Hause.
So weit meine alten Aufzeichnungen.
Ich mag sie nicht durch Theorie abschwächen.
Aber ich sage heute wie damals: mir graut vor einer „Weltanschauung“, die das höchste, heiligste Urteil eines wahrheitsuchenden Menschen über sich und alle Dinge um ihn her darstellen soll, — und die sich aufbauen sollte auf einer solchen Valeska Töpfer und ihren Möglichkeiten ...
* * *
Was wir zur Verständigung im Kampfe moderner Weltanschauungen brauchen, das sind wirklich gar nicht in diesem Sinne neue Tatsachen. Es sind neue Deutungen, neue Wertungen, es ist Tiefenschau im schon Vorhandenen.
Das ist der schwere Schaden ja in solchen Versuchen wie dem Spiritismus: daß er auf ein paar, noch dazu angebliche, neue Tatsachen sofort die unerhörtesten Schlüsse mit einem methodologischen Leichtsinn ohne gleichen baut, Geisterhypothesen in einer materialistisch groben Form, und das alsbald wieder mit starrem Dogmatismus, der nicht zugeben will, daß diese „Tatsachen“, selbst wenn sie richtig wären, die verschiedensten Deutungen zulassen würden.
Aber wichtig ist auch, daß er grade diesen methodologischen Schaden teilt mit Arabesken der modernen Naturphilosophie, die ihm sonst in allem entgegen sind und nicht einmal seine „Tatsachen“ anerkennen. Sie steifen sich dafür auf ihre und, geben wir zu, an sich richtige Tatsachen, — in der Methode verderben sie es aber ebenso durch starre Einseitigkeit und Fanatismus für „Eindeutigkeit“.
Umgekehrt aber werden an dieser Ecke Denker für uns wichtig, die den Tatsachenbau unserer einheitlichen Forschung und den exakten Beobachterweg als solchen niemals angefochten, sondern sogar als Palladium verteidigt haben — und die doch, mit dem und trotz dem, eine eigene Tiefenschau versucht haben, die ohne jeden Dogmatismus ihren individuellen Weg ging — und die uns so das Tor überhaupt weit aufgetan haben für die Masse der „Möglichkeiten“, die noch in die Tiefe aller Tatsachen hinein denkbar sind.
Ein solcher Mann war Fechner.
Fechner grade hat aber noch eine besondere Farbe dabei in die Dinge gebracht, die wieder mein Grundthema berührt.
Man muß sich heute mit Fechner auseinandersetzen. Er wird eine Macht, — trotz aller oberflächlichen Urteile, die auch mit ihm „fertig“ zu sein glaubten.
Vor kurzem ist sein naturphilosophisches Hauptwerk, „Zend-Avesta“, neu herausgekommen. In einem halben Jahrhundert war das Buch nicht wieder aufgelegt worden, — überhaupt nicht nach der ersten Ausgabe.
Ich sehe die ursprünglichen Bändchen noch vor mir in dem alten, schmutzigen, zerfetzten Exemplar der Berliner Universitäts-Bibliothek, das Jahrzehnte hindurch immer einmal wieder zu erlangen ein Ereignis war.
Jetzt sind es zwei schöne Bände in Lexikonformat geworden, mit besonders hellem, freundlichem Druck, man kennt den alten Sonderling kaum wieder. Kurd Laßwitz, der ausgezeichnete Gothaer Physiker und Dichter, hat die Vorrede dazu geschrieben, in der er erklärt, daß dieses Buch zu seiner Neuauflage keiner erklärenden Vorrede bedarf, sondern daß es einfach wiederkommt, weil es heute wiederkommen muß.
Als der alte Gellert in Audienz beim alten Fritz ist, sprechen sie über ein Buch, und der alte Fritz sagt: „Das haben sie mir gebracht, aber das hab’ ich fortgeworfen.“ So hat es das neunzehnte Jahrhundert mit Zend-Avesta gemacht.
Ich weiß noch heute eine ganze Anzahl trefflicher, kenntnisreicher, ethisch hochstehender Männer, die es genau so machen. Man braucht dem Gespräch nur eine bestimmte Wendung zu geben und dann plötzlich einen Fechnerschen Zend-Avesta-Gedanken mitten aus dem Zusammenhang dazwischen zu werfen, — etwa: man spricht über die Spektral-Analyse der Gestirne im Anschluß an das treffliche Buch unseres Potsdamer Astrophysikers Scheiner und wirft hinein, daß Fechner noch im Jahre 1851 die Gestirne für „beseelt“ gehalten habe; auch über das Antlitz eines sehr milden, sehr sachlichen Zuhörers wird ein Lächeln fliegen, das so viel besagt, wie: werfen wir den Mann fort aus jeder ernsthaften Debatte.
Vielleicht gibt es in der ganzen Tragödie menschlicher Irrungen nichts Bittereres als eben dieses Lächeln des Mißverständnisses bei Besten, — dieses Lächeln, das doch im Grund der Dinge nur ein Lachen der tatsächlichen nackten Unkenntnis ist.
Denn nicht um einen solchen einzelnen, aus dem Text gerissenen Satz geht die wahre Frage, nicht er bildet den echten Hintergrund, vor dem die den Fechner heute wieder suchen, — nun die ihn eben suchen.
Das Fortwerfen eines Jahrhunderts ist selber kein End-Urteil.
Dieses gleiche Jahrhundert hatte auch Schopenhauer schon einmal fortgeworfen, gründlich, bis zum Makulaturwerden eines Hauptbuchs. Es gab eine Zeit in diesem Jahrhundert, da es ebenso ein Hohn war, wenn ein paar tüchtige Köpfe beisammen waren und über Physik redeten, etwa über das eben begründete große Gesetz von der Erhaltung der Energie — und wenn da einer dazwischen warf, es habe der Naturphilosoph Schopenhauer alle Kraftäußerungen der Natur auf den „Willen“ zurückgeführt. Mit diesem Willen im Energiegesetz wäre Schopenhauer nie über das Achselzucken der Leute hinausgestiegen. Eines Tages aber trat das Jahrhundert in seine eigentümliche graue Epoche, die Welt erschien ihm nichtig, der Pessimismus die Lösung. In dieser Stimmung hat es plötzlich die Ansatzstelle zu Schopenhauer gefunden, die Ansatzstelle, von der aus es dann auch überhaupt begriffen hat, daß dieser Mann einer der schärfsten und ehrlichsten Denkerköpfe der Menschheit gewesen ist, ganz einerlei, wie viel von seiner Willenstheorie oder selbst von seinem Pessimismus ewige Wahrheit bleiben soll, — ein Denkerkopf, den „wegzuwerfen“ eine himmelschreiende Versündigung an dem wahrlich nicht zum Vergeuden reichen Denkschatze dieser Menschheit gewesen wäre.
Was heute nun wieder zu Fechner zurückdrängt und auch da eine ganz neue Ansatzstelle öffnet, das ist in gewissem Sinne ja genau das Umgekehrte an Stimmung von dem, was damals zu Schopenhauer führte.
Aber es ist genau ebenso eine Gesamtstimmung.
Das neunzehnte Jahrhundert zwar kann sich in ihr nicht mehr rektifizieren, denn es ist um. Aber Jahrhundert hebt Jahrhunderturteil auf, wie es in dem Spruche heißt: „Nemo contra Deum, nisi Deus ipse.“ Es sind nicht ein paar Antiquare und antiquarische Gemüter, die den fortgeworfenen Schriften Fechners heute wieder nachspüren.
Optimismus sucht unsere Zeit.
Das ist wahrlich ein größeres Wort als Gestirnseele oder als der antiquarische Buchname Fechner, — wie Pessimismus ein ander Ding war als der mystische Wille und Schopenhauer.
Um ihres Strebens, ihrer lang verhaltenen, überall aber elementar durchbrechenden philosophischen Sehnsucht nach konsequentem Optimismus willen klammert sich unsere Stimmung an Goethe, der zwar nie fortgeworfen, aber auch gründlich mißverstanden worden war. Und darum auch kommt sie auf Fechner zurück.
Sein Name ist ein Zeichen heute, das kein Lächeln und Lachen über Pflanzenseelen und Gestirnseelen mehr fortschaffen kann. Er ist ein Symptom einer äußerst charakteristischen Wende, und das muß ernst genommen werden.
Was Fechner wollte?
Wie der Faden eines großen Kunstwerks läßt sich der Kerngedanke auch seiner ganzen Philosophie auf eine Nußschale schreiben.
Der Angelpunkt liegt in dem schlichtesten Wort, über das auch im exaktesten Kreise doch unmöglich als solches gelacht werden kann: in dem Wörtchen Natur.
In diesem Wörtchen steckt eben noch mehr als bloß etwas Spektral-Analyse oder Energiegesetz. Unsere größte Lebens- und Herzensfrage steckt allmählich darin. In vierhundert Jahren ist das langsam über uns gekommen, und es hilft keine Phrase mehr darüber fort. Das ganze achtzehnte und das ganze neunzehnte Jahrhundert ist eine einzige fortgesetzte Krisis vor diesem Begriff.
Rekapitulieren wir noch einmal.
Zuerst kam die große Zeit von Kopernikus bis auf Newton mit ihren überwältigenden äußeren Bildern der Natur. Die ungeheure negative Rolle des Neuen setzte ein. Vor den Sternen in Galileis Fernrohr verblaßte ein ganzer alter Lichthimmel. Vor dem Naturgesetz Newtons versank der Wunderbegriff. Wo einst Überwelt und kleine Erdenwelt eng aufeinander geprallt waren, da schob sich jetzt das Riesending dazwischen, das wir eben im neueren Sinne „Natur“ nennen: Myriaden Sonnen im Raum, Äonen der Vergangenheit, natürliche Entwickelung in der eisernen Hand des Naturgesetzes — und diese Welt dem Forscher zugänglich, das leise Ticken ihres Lebens sich wiederspiegelnd auf seiner Uhr, ihr in allen Äonen gleichmäßig geregelter Schritt sich aufprägend auf seiner Wage.
Auf einmal ist das da, gigantisch groß, zermalmend für unzählige altvertraute Vorstellungen, mit nichts mehr fortzudisputieren. Wir lieben es, das neunzehnte Jahrhundert im engeren hervorzuheben als die Epoche der Naturforschung, der Naturerkenntnis. In Wahrheit bezeichnet es nur den Wellenkamm, wo das Bewußtsein des Erreichten einsetzt. Ein Werk wie Humboldts „Kosmos“ ist charakteristisch für dieses Jahrhundert als eine Zusammenfassung, ein erster, ganz großer Rechnungsabschluß.
Lange ehe es dazu kommt, setzt aber bereits eine ganz andere Linie ein, — eine, die ebenso folgerichtig einsetzen mußte.
Der Begriff Natur hat die ganze sichtbare Welt erobert. Streng genommen sogar die unsichtbare. Wo der alte Glaube Himmel und Hölle jenseits der Schranke unseres Sehens träumte, träumt er immer noch wieder Sterne. In die Ewigkeit reicht sein Naturgesetz.
Aber ob nun da oben durch die Fugen der Aetherglocke der Schimmer des Paradieses blitzt oder ob Sterne kreisen im leeren Raum, getragen vom Gravitationsgesetz: auf der Erde sitzt der gleiche Mensch, stützt den Kopf auf die Hand und fragt sich, wie er sich in ein Verhältnis setze zur Welt.
Ist die Welt „Natur“ geworden, — wie also zu dieser Natur?
Einen Augenblick, unter dem Krachen der alten Säulen, kann er vielleicht meinen, mit diesen Säulen sei jenes Anschlußbedürfnis selber zerstört. Aber das ist nur ein negativ übertäubter Moment. Mensch bleibt Mensch. In dem alten Tempelbau ließ sich leben. Wie ist’s nun in der Natur?
Wenn die Flut eine halbe Insel wegreißt und die Leute auf ein Viertel des alten Raumes drängt; wenn ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch eine ganze Stadt wegtilgen: die verschüchterten Menschen meinen auch zuerst, jetzt würden sie ewig im Chaos bleiben; in ein paar Jahren haben sie sich doch wieder eingerichtet, so gut es geht, und die nächste Generation weiß es schon nicht anders.
Die Naturerkenntnis verhieß nun umgekehrt sogar unendlichen Zuwachs. Für den engen Tempel eine Sternenwelt. Immerhin lag das alte Haus für den Moment unter der Lava und es wollte ein neues Dach gebaut sein, unter dem der Mensch die Sterne ruhig ertragen konnte.
Die Linie, die von hier heraufkommt, darf man gar nicht in der Weise, wie jene erste, grundlegende, zunächst bei den Naturforschern suchen, ja nicht einmal bei den Naturphilosophen vom abstrakten Feld.
Die Frage, wie man praktisch, als ganzer Mensch mit allen echten, unzerstörbaren Menschenbedürfnissen, mit der „Natur“ leben solle, ist in ihrer eigentlichen Intensität auch von den intensivsten Ganzmenschen zuerst brennend gestellt worden: den künstlerischen und ethischen Köpfen.
Ihre größte erste Entladung in der Tiefe des achtzehnten Jahrhunderts liegt nicht bei irgend einem exakten Naturforscher (nicht einmal bei Newton), sondern bei Rousseau.
Rousseau kämpfte im Kleinen noch einmal den ganzen Kampf des Alten und Neuen bei sich aus.
Als eine durch und durch ethische Natur lief er zunächst mit dem harten Kopf gegen moralische Widersprüche in seiner Zeit. An der Unmöglichkeit, sie mit dem alten Glauben noch zu lösen, erkannte er die Krisis des neuen Menschen. Der Mensch mußte sich mit irgend etwas neu einrichten, um diesen Dampf zu durchdringen.
In dieser Stimmung bot sich ihm das Wort „Natur“.
Die Natur erschien ihm als die Erlösung. Heim ans Herz der Natur!
Rousseau zuerst suchte in der Natur mit der ganzen Inbrunst des Erlösungsringers nicht die Ziffern irgend einer Naturforscherrechnung, ja nicht einmal philosophische Spekulation: er suchte in ihr einen neuen ethischen Grundwert und Urwert, den Fels, an den der neue Mensch sich klammern könnte, den ruhenden Punkt des Gemütes, das Herz, an das dieses Gemüt heim wollte.
Es ist die Tragik in Rousseaus Leben, daß der Begriff Natur bei alle dem ihm selber ein schwankender, halber, phantastisch-unklarer blieb. Er mußte eine sentimentale Natur erfinden, die in dieser Form für die nächste Folge dem Fortschritt der echten Naturerkenntnis schroff entgegenstand. Und selbst darin blieb er halb.
Hätte Rousseau die Kraft des Wissens und der Phantasie gehabt, seinen Naturbegriff wirklich groß und suggestiv zu machen, so wäre er mit seiner ethischen Wucht ein Religionsstifter geworden, wozu er in vielen Zügen das Zeug hatte. So blieb er in der Natur-Krisis stecken, allerdings mit einer ungeheuren Wirkung innerhalb dieser Krisis. Ein Gewaltigerer löste ihn ab: Goethe.
Auch Goethes Leben ist ein unausgesetzter Kampf um den Natur-Begriff.
Goethe ist eine unendlich viel positivere Gestalt als Rousseau, schon weil er viel stärker Künstlernatur ist.
Er geht für sich niemals so herb von dem Riß zwischen Alt und Neu aus. Viel mehr Naturforscher auch als Rousseau, steht er von Anfang an fester auf dem Natur-Boden. Von Spinoza her ist er zugleich auf den Einheitsbegriff gedrillt. Ihm kann der Schnitzer nicht passieren, daß er nun doch noch wieder den Riß in die Welt hineinprojiziert und einen Schnitt macht zwischen Natur und Kultur, die Kultur als Abfall ansieht von einer künstlich konstruierten „Natur“.
Goethe ist es, der, nicht abstrakt wie Spinoza, sondern künstlerisch schauend, das Wort einführt: „Gott-Natur“.
Wenn ein Wort die Probleme hier wie irgendwo endgiltig lösen könnte, so wäre die Schlacht für diese ganze Linie damit gewonnen gewesen.
Aber Goethe selbst hat in unablässigem Ringen, Tasten, Versuchen deutlich genug gezeigt, wie sehr er sich bewußt war, daß das Wort erst eine Direktive sei, keine Erfüllung. Vielleicht das Größte, was er uns im Kampfe um den Naturbegriff geleistet hat, war aber der Mut, mit dem er dem Ding ins Auge schaute, ohne jede Sorge, es könne ihn fressen, statt ihn zu erlösen.
Es lag schon in der Luft damals, dieses Gefressenwerden durch den Natur-Begriff. Ganz langsam hatte sich in die große Linie der Naturforschung der seltsame Faden hineinversponnen, von dem ich schon gesprochen habe.
Da stand der große neue Lichtbau der Welt, aufgemauert mit cyklopischen Quadern der Forschung. Aber nun der Mensch sich darin einrichten wollte, hing über der Tür plötzlich etwas wie ein Gorgonenschild.
Die Natur ist das Absolute; aber dieses Absolute ist ein sinnloser Blödsinn!
Eine närrische Ausgeburt des Chaos, diesem Chaos wieder verschrieben mit Leib und Seele!
In herrlichem Siegeszuge hatte die Naturforschung in der Rechnung ein Mittel erkannt, dem Geheimgewebe der Natur in die Maschen zu rücken; jetzt hieß es: die Natur selber ist nichts anderes, als eine dürre Ziffernfolge. Wir selbst sind auch nur gleichgültige Ziffern darin. Ein wahnsinniger Totentanz rast die Wirklichkeit an uns vorüber. An uns, — an ein paar Spiegelplättchen für Momente. Morgen ist alles aus. Was war im Grunde die ganze Erkenntnisjagd? Ein tappender Gang im Labyrinth, Kammer um Kammer durch, von Treppe zu Treppe. Bis endlich, unentrinnbar, in der tiefsten Zelle, der schwarze Minotaurus saß, der uns alle fraß. Warum? Danach durfte man nicht mehr fragen.
Goethe kannte diese Auffassung ganz genau.
Er hat sein Leben lang Aug in Auge mit ihr gestanden.
Er wußte, daß hier die Stelle war, wo der Natur-Begriff seinen wildesten Versucher in sich selbst hatte, wo er, mit einem Schritt nur über die Kante, hoffnungslos abstürzte in den Pessimismus.
Wenn der Natur-Begriff über diese innerlichste Krisis nicht gerettet wurde, so war seine ganze Zukunftsrolle verspielt. Denn im Pessimismus dieser absolut hoffnungslosen Art würde die Menschheit sich nicht dauernd zufrieden geben. Durch irgend eine Spalte würde die alte, überwundene Weltanschauung, die vor Copernikus und Galilei zersplittert war, wieder zurückkriechen und von dieser verrannten Ecke aus den ganzen wundervollen Lichtbau der Naturforschung überhaupt wieder auseinandersprengen.
Was Goethe sich bei dem Begriffe Gott-Natur dachte, war in allen Phasen seines Lebens immer der schärfste Protest gegen diese Nachtansicht der Natur.
Aber obwohl er ein unendliches Stück darin weiter als Rousseau kam, lag es doch gerade in seiner Art, den ganz festen Formulierungen aus dem Wege zu gehen. In einzelnen glücklichen Momenten glaubte er an optimistische Grundfäden der Natur auch als Forscher zu rühren, — so wenn er dem Begriff der Steigerung in der Naturentwickelung nachsann. Am sichersten aber hat er sich immer nur in der Dichtung, als Künstler, ausgesprochen. Da war er sich völlig klar und goß seine lichte Klarheit auch über andere aus, ein Apostel eines Natur-Begriffs, der den Menschen wirklich mit ganzer Erlöserglut wieder emporzog, anstatt ihn in die Minotaurus-Höhle zu stoßen.
Nur so konnte er, der Naturforscher, der in jeder Faser das echteste Kind des Natur-Zeitalters nach Copernikus und Galilei war, die Erlösungsdichtung des Faust schreiben: die Dichtung vom Menschen, der nicht vom Minotaurus gefressen wird, sondern am Bande eines ehernen optimistischen Naturgesetzes durch alle Sphären der Welt strebend emporwandelt, selber ein aktives Stück Welt, nicht ein sinnloses Spiegelplättchen.
Sehr bezeichnend für die Auffassungen des Natur-Begriffs ist im Engeren im Faust die Szene mit dem Erdgeist.
In ihrer veredeltsten, abgeklärtesten Form erscheint in des Erdgeists Worten jene Natur-Definition, die für das einsame Ringen des Menschen keinen Anschluß hat. Nicht in der Minotaurus-Gestalt, sondern so groß, daß das Wort auch für sie fallen darf von der Gottheit lebendigem Kleid. Und doch als absolut fremde, in sich geschlossene Welt, die auf und ab webt in Lebensfluten und Tatensturm als völlig in sich stimmende Rechnung, in der nur unsere Qual, unsere Sehnsucht, unser Erlösungsbedürfnis nicht mitverrechnet sind. Ein kosmisches Schauspiel, das uns im Grunde gar nicht berührt, das sich abrollt vollkommen ohne uns.
Mag das eherne Antlitz dieses Erdgeistes ein Ziel sogar für sich haben, auf das es starrt, — unser Ziel ist es jedenfalls nicht, nie werden wir es begreifen; wir werden blutend auf dem Opferstein liegen und nicht einmal wissen, warum wir geopfert werden. Ein furchtbares Phantom in all seiner Größe steigt der Erdgeist auf, singt sein Lied und versinkt; Faust, der ringende Mensch, bleibt auf den Knieen liegen und ist im Grunde so klug wie zuvor. Schließlich ergibt er sich lieber dem Teufel, dem Pessimismus, bloß um wenigstens irgend eine Tat zu tun und damit aktiv in der Welt zu bleiben, — anstatt sich dort dauernd zum hilflosen Zuschauer verdammt zu sehen vor dem Tatensturm einer Natur, die ihn innerlich nichts angeht.
Es liegt nahe, von Goethes Erdgeist auf Fechner zu kommen.
Doch nicht so um des äußeren Wortes willen und weil es gerade auch bei ihm eine Rolle spielt; sondern wegen jenes tieferen Zusammenhangs in der Natur-Idee.
Im neunzehnten Jahrhundert wurde der Anstieg der Naturforschung zum Triumph, zum wohlberechtigten. Aber auch die Verwickelung des Natur-Begriffs wurde trotz Goethe eine immer größere.
Erst in diesem Jahrhundert, in der Epoche Darwins, geriet der Mensch endgiltig in den Naturzusammenhang hinein, in einer prachtvollen logischen Verknüpfung. Und doch, seltsam genug: je fester, je energischer man den Menschen körperlich und seelisch, geschichtlich und individuell in die Natur verknotete, in sie ein-, in ihr aufgehen ließ, desto größer schien die Lust, eben diese Natur so unwirtlich und unwohnlich für alle praktischen Bedürfnisse des Ganz-Menschen zu definieren, wie nur irgend denkbar.
Weil ihr Verlauf ein gesetzmäßiger ist, sollte er ein sinnloser sein.
Weil wir eine tiefe Logik der Dinge gewahren, die auch aus einer scheinbar chaotischen Zertrümmerung aller kosmischen Gebilde dennoch immer wieder eine der Harmonie sich annähernde Welt heraufentwickeln würde, sollte der Kosmos in Wahrheit ein Chaos sein.
Weil es die Natur war, die im Menschengeiste sich zu grenzenlosen Herrlichkeiten der Erkenntnis, der Kunst, der Ethik emporgearbeitet hatte, sollten alle diese Errungenschaften plötzlich gleichgültige Seifenblasen eines törichten Spieles sein.
Immerfort hat dieses Jahrhundert dem Menschen einschärfen wollen, daß er in der Natur als seiner umfassenden Idee aufgehe, — aufgehen müsse, weil diese Natur im monistischen Sinne Goethes das wahre All sei, in dem es nicht ein Außen und Innen gebe. Und immer hat dieses gleiche Jahrhundert dem Menschen tatsächlich an den Kopf geworfen, daß er in der Natur unterzugehen habe, unterzugehen wie ein armer Schwimmer, der sich sträubt und sträubt und den der tückische Strudel endlich doch in seinen schwarzen Abgrund saugt.
Und der Erfolg ist Pessimismus gewesen, Pessimismus bis über die Ohren, während draußen alle bunten Triumphraketen der grandiosesten Naturerschließung prasselten.
Ein Mann aber, der sich gewehrt hat gegen diese Definitionen mit aller Kraft seines unsagbar reichen und logischen Geistes, war Fechner.
Es ist äußerst bezeichnend für Fechner, daß er gerade das war, was Goethe Zeit seines Lebens am wenigsten der Anlage nach gewesen ist: exakter Physiker.