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Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band

Kapitel XXVI. Der grönländische Eskimo.

Mathilde Mann translation

A. Einleitung. Die Verbreitung der Eskimos. Ihre Wanderungen.

er Eskimo gehört einem der merkwürdigsten lebenden Völkerstämme an, er liefert einen schlagenden Beweis dafür, daß sich der Mensch den Naturverhältnissen anpaßt und sich über die Erde verbreitet. So weit wie man bis zum Nordpol vorgedrungen ist, ist man auf Spuren dieses widerstandsfähigen Volkes gestoßen.

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So kraß, wie sich der Eskimo durch seine ganze Lebensweise, durch seine sinnreichen Geräthschaften, sein Aussehen und seinen Körperbau von allen anderen Volksstämmen unterscheidet, so gleichartig sind in jeder Beziehung die verschiedenen Eskimostämme untereinander. Ein ungemischter Eskimo von der Beringsstraße ist einem Ostgrönländer so sprechend ähnlich, daß man keinen Augenblick darüber im Zweifel sein kann, daß die Beiden derselben Rasse angehören. Auch ihre Sprache hat eine so auffallende Aehnlichkeit, daß ein Alaskaeskimo und ein Grönländer sicher ohne große Schwierigkeiten eine Unterhaltung miteinander führen könnten.

Kapitän Adrian Jakobsen, der Grönland und Alaska bereist hat, erzählte mir, daß er sich in dem letztgenannten Lande mit dem wenigen Grönländisch, das er konnte, zu behelfen vermochte. Und diese Völker sind durch mehr als 600 geographische Meilen — eine Strecke, die der Entfernung von London bis zum Sudan gleichkommt — getrennt. Eine solche Einheit in der Sprache bei so fern voneinander wohnenden Volksstämmen ist wohl einzig dastehend in der Geschichte der Menschheit.

Die Aehnlichkeit, welche nach jeder Richtung hin unter den Eskimostämmen herrscht, läßt darauf schließen, daß sie ursprünglich ein kleiner Stamm gewesen sind, der sich erst in späteren Zeiten über die jetzt von ihnen bewohnten Länder verbreitet hat.[43]

Daß sie sich über diese in verhältnißmäßig kurzer Zeit haben verbreiten können, ohne doch wie bei den größeren Völkerwanderungen in Horden aufgetreten zu sein, ist leicht erklärlich, wenn man bedenkt, daß ihre jetzige Heimath zu den ungastlichsten Ebenen unserer Erde gehört, zu Ebenen, die kaum jemals bewohnt gewesen sind, jedenfalls nicht für beständig, bis die Eskimos sie in Besitz nahmen, und wo sich ihrer Ausbreitung folglich nichts anderes als die Natur selber feindlich gegenübergestellt hat.

Der Strich, den die Eskimos jetzt bewohnen, erstreckt sich von der Westküste der Beringsstraße über Alaska, Nordamerikas Nordküste, die nordamerikanischen arktischen Inselgruppen und die Westküste Grönlands bis an dessen Ostküste.

Durch seine abgesonderte Stellung hat der Eskimo den Anthropologen viel Kopfzerbrechen verursacht, und über seine Zukunft haben sich die widerstreitendsten Ansichten geltend gemacht.

Es ist hier nicht der Ort, tiefer auf dies Thema einzugehen, das noch längst nicht abgeschlossen ist. Nur soviel läßt sich mit annähernder Sicherheit sagen, daß die Eskimos zuletzt von der an der Beringsstraße oder dem Beringsmeer gelegenen Küste (möglicherweise von der amerikanischen Seite) gekommen sind und sich von dort aus östlich über das arktische Amerika bis Grönland ausgebreitet haben.

Dr. Rink, der sich das Studium Grönlands und der Eskimos zur Lebensaufgabe gemacht hat, und der ohne Frage die größte Autorität auf diesem Gebiete ist, meint, daß die Waffen der Eskimos und ihre Geräthschaften jedenfalls im wesentlichen aus Amerika stammen. Er hält es für möglich, daß die Eskimos einmal im Innern von Alaska gewohnt haben, wo sich noch eine nicht geringe Anzahl von „Inlandseskimos“ findet. In verhältnißmäßig später Zeit soll ein Theil derselben nach den Küsten des Beringsmeeres oder Eismeeres ausgewandert sein, entweder von den Schätzen des Meeres[44] gelockt oder von feindlichen, kriegerischer gesonnenen Indianerstämmen vertrieben.[45]

Rink weist ferner nach, wie die Nordwestindianer sowohl auf dem festen Lande jagten, als auch Fischfang auf den Seen und Flüssen in ihren Kanoes aus Birkenrinde betrieben. Dasselbe müssen denn auch die ursprünglichen Inlandseskimos gethan haben,[46] und in ihren Kanoes sind sie wahrscheinlich auf die Nordwestseite Alaskas zu seewärts gezogen. Je weiter sie kamen, desto spärlicher wurden die Waldungen, so mußten sie denn darauf sinnen, ein Ersatzmittel für die Baumrinde zum Beziehen ihrer Kanoes zu finden, und da ist es denn nicht unwahrscheinlich, daß sie sich schon auf den Flüssen der Felle der gefangenen Seethiere bedient haben, denn noch jetzt sieht man Beispiele davon bei einzelnen Indianerstämmen.[47]

Erst als die Eskimos mit Seegang und Flußmündungen in Berührung kamen, fingen sie allmählich an, ihren Böten ein Deck zu geben, bis sie schließlich die Oberfläche ganz überzogen. Damit war der Kajak fertig, der auch in seiner ganzen Form und seinem Bau mehr an die indianischen Birkenkanoes als an jegliche andere nordasiatische Bootsform erinnert.[48]

An der Küste angelangt, entdeckten sie, daß ihre Existenz im wesentlichen von dem Seehundsfang abhängig sei, sie setzten infolgedessen ihre ganze Kraft darauf ein und die Kajaks führten zu der Erfindung der zahlreichen eigenartigen und bewunderungswürdigen Geräthschaften zum Kajakfang, die sich zu immer größerer Vollkommenheit entwickelten. Das Material zu diesen Geräthschaften erhielten sie abermals aus Amerika, indem die indianischen Pfeile mit den Steuerfedern, welche für die Landjagd benutzt wurden, ihnen die erste Wurfwaffe für die Seejagd lieferten. Solche kleine Harpunen oder Wurfpfeile mit Steuerfedern sind noch heutzutage auf dem südlichen Theil der Westküste von Alaska in Gebrauch.

Wenn man in nördlicher Richtung an dieser Küste entlang geht, so verschwinden die Vogelfedern jedoch bald, und eine kleine an dem Harpunenschaft befestigte Blase tritt an ihre Stelle. Man sah sich genöthigt, solche Mittel anzuwenden, um dem Untertauchen und dem Schwimmen der Seehunde ein Hinderniß in den Weg zu legen, ferner hielt man es für nothwendig, die Spitze so einzurichten, daß sie bei den Bewegungen des Seehundes nicht abbrach, sondern abfiel und in einem Riemen am Schaft hängen blieb. Auf die Weise entstand der sogenannte Blasenpfeil, der allen Eskimos bekannt ist.

Hieraus hat sich möglicherweise auch die sinnreiche Harpune mit Fangriemen und Blase entwickelt. Um größere Seethiere zu fangen, wurde die Blase dann größer und größer gemacht, der Uebelstand aber, daß sich dadurch ein zu großer Luftwiderstand bildete, so daß der Pfeil nicht weit und mit genügender Kraft geworfen werden konnte, hat sich bald eingestellt.

Man trennte ihn dann von der Harpune und ließ ihn nur mit derselben oder vielmehr mit deren Spitze, von der er abfällt, mit einer langen, starken Leine, dem Fangriemen, verbunden sein; die Harpune selber wurde von nun an allein geworfen, den Riemen nach sich ziehend, die Blase warf man erst aus, nachdem das Thier getroffen war.[49]

Das zweiblättrige Kajakruder hat sich möglicherweise auch aus dem einblättrigen Ruder der Indianer entwickelt. Bei den Eskimos im südlichen Alaska findet man auch nur ausschließlich solche; erst auf der Nordseite des Jukonflusses trifft man zweiblättrige Ruder, die einblättrigen sind aber doch noch überwiegend. Weiter nach Norden und Osten zu findet man beide Formen, bis das zweiblättrige Ruder östlich vom Mackenzieflusse die Alleinherrschaft erhält.

Die Aleuten — ein Seitenzweig der Eskimos — scheinen wunderbarerweise nur die zweiblättrigen Kajakruder zu kennen.[50]

Die Kenntniß der asiatischen Eskimos ist in dieser wie in anderen Beziehungen spärlich, es scheint, als ob sie im wesentlichen nur zweiblättrige Ruder haben.[51]

Dies alles scheint also auf den Zusammenhang der Eskimos mit den Indianern hinzudeuten. Ein Geräth indessen unterscheidet ihn deutlich von diesen und nähert ihn den asiatischen Nomadenvölkern, nämlich der Hundeschlitten.

Wenn man die Inka-Peruaner ausnimmt, die das Lama als Lastthier benutzen, so kannte die amerikanische Urbevölkerung die Benutzung der Thiere zum Ziehen oder Tragen nicht. Allerdings hatten die Indianer eine Art halbgezähmter Hunde, aber diese wurden kaum zu irgend etwas verwendet. Der Schlitten und das Hundefuhrwerk bringt folglich den Eskimo Asien beträchtlich näher. Auch sollen die Hunde der Eskimos (nach Lütke)[52] dem kamtschadalischen Hund sehr ähnlich sein.

Die Anwendung des Hundes zum Ziehen verräth zweifelsohne einen hohen Grad der Entwickelung, und dieser Zug läßt den Zusammenhang der Eskimos mit den asiatischen Polarvölkern als sehr glaubhaft erscheinen. Es muß jedoch gleichzeitig hervorgehoben werden, daß die Eskimos selber das Rennthier niemals gezähmt und zum Ziehen benutzt haben, obwohl in ihren Sagen die Rede davon ist. Dagegen ist dies der Fall bei den meisten asiatischen Polarvölkern. Die Kamtschadalen bilden freilich eine Ausnahme, wodurch sie sich abermals den Eskimos nähern.

Es ist indessen nicht undenkbar, daß die Eskimos, die im übrigen einen so ausgeprägt erfinderischen Geist haben, selber auf den Gedanken gekommen sind, Zugthiere abzurichten und Schlitten anzufertigen.

Wenn sie noch keine Hunde gehabt haben, so haben sie möglicherweise den Polarwolf gezähmt, und es kann sein, daß ihre Hunde von diesem abstammen; einzelne der eskimoischen Sagen scheinen auch hierauf hinzudeuten. In diesem Falle würden also die Asiaten das Benutzen der Hunde zum Fahren von den amerikanischen Eskimos gelernt, wie auch von ihnen ihre Hunde erhalten haben.

Ein Geräth, welches den Eskimo sowohl von den Indianern Nordamerikas, wie von den asiatischen Völkern unterscheidet, ist das Wurfbrett.

Merkwürdigerweise kennt man nur in wenigen Gegenden — wahrscheinlich nur in dreien — diese höchst sinnreiche Erfindung, durch welche die Länge und die Kraft des Armes bedeutend erhöht wird, indem es wie eine Schleuder wirkt, — nämlich in Australien, wo das Wurfbrett sehr primitiv ist, im Lande der Coniboer und Picouer in dem oberen Amazonendistrikt, wo es ungefähr auf derselben Stufe steht wie in Australien, und endlich in den von den Eskimos bewohnten Ländern, wo es seine höchste Entwickelung erreicht.[53] Es ist kaum anzunehmen, daß das Wurfbrett an so verschiedenen Stellen erfunden worden ist. Um welche Zeit die Eskimos Grönland erreichten und sich für immer dort niederließen, ist meiner Meinung nach unmöglich zu bestimmen. Daß es wahrscheinlich erst spät geschah, geht aus dem bereits Gesagten hervor, es scheint mir aber durchaus nicht bewiesen, daß sie erst im 14. Jahrhundert an der grönländischen Westküste eingewandert sind, wie man aus den isländischen Sagen schließen will. Allerdings scheint es, daß die norwegischen Kolonien Vesterbygden und Österbygden erst um diese Zeit den ernsthaften Angriffen der Skrällinger (Eskimos) ausgesetzt gewesen sind, die in Horden aus dem Norden herangezogen kamen; deswegen können sie aber lange vor jener Zeit, ja lange vorher, ehe die Norweger nach Grönland kamen, dort ansässig gewesen sein. Sie scheinen in den ersten 400 Jahren, während die Norweger dort ansässig waren, nicht auf dem südlichen Theil der Küste gewohnt zu haben (bei Öster- und Vesterbygden), da nichts davon in den Sagen erwähnt wird, aber es wird ausdrücklich hervorgehoben, daß die ersten Nordländer (Erik der Rothe u. A.), die sowohl nach Öster- wie nach Vesterbygden kamen, menschliche Wohnungen, Ueberreste von Böten und Steingeräthschaften fanden, so daß man daraus schließen konnte, daß die Skrällinger oder Eskimos früher dort gehaust hatten, und da man solche Ueberreste in beiden Ansiedelungen fand, liegt die Annahme ja nahe, daß sie sich nicht grade auf flüchtigen Besuchen dort aufgehalten haben. Es ist keine Unmöglichkeit, daß sich die Eskimos Hals über Kopf aus dem Staube gemacht haben, als die Schiffe der Vikinger herangesegelt kamen, daß dies aber so schnell geschehen sein sollte, daß die Nordländer sie nicht zu Gesicht bekamen, erscheint mir nicht wahrscheinlich. Ich neige mehr zu der Annahme, daß die Eskimos damals ihre festen Wohnsitze weiter nordwärts an der Küste, nördlich vom 68° N. Br. gehabt haben, wo sich eine reiche Seehunds- und Walfischjagd findet, und wohin sie auf ihrer Wanderung nach Norden (vgl. unten) zuerst gekommen sind.[54]

Von diesen ihren festen Wohnsitzen aus haben sie auf Eskimoart häufig kürzere oder längere Besuche nach dem südlicheren Theil der Westküste gemacht und dort ihre Spuren hinterlassen. Als die Norweger während ihres Aufenthalts im Lande gen Norden streiften, trafen sie schließlich mit den Eskimos zusammen. Prof. G. Storm[55] ist der Ansicht, daß dies erst im 12. Jahrhundert geschehen ist.[56] Die „Historia Norvegiae“ berichtet, daß die grönländischen Jäger in den unbewohnten Gegenden des nördlichen Grönland kleine Menschen trafen, welche sie Skrällinger nannten, und die steinerne Messer und Pfeilspitzen aus Fischbein benutzten. Nachdem die nördlichen Ansiedelungen übervölkert wurden, rückten die Eskimos gen Süden, und da die Norweger überall, wo sie ihnen begegneten, feindlich auftraten, haben sie vielleicht um das Ende des 14. Jahrhunderts Vergeltung geübt, indem sie zuerst (nach 1331) Vesterbygden angriffen und zerstörten und später im Jahre 1379 einen Raubzug nach Österbygden unternahmen; in dem dann folgenden Jahrhundert scheinen sie diese Kolonien gänzlich zerstört zu haben.[57] Um diese Zeit sollen also die Eskimos zuerst festen Fuß in dem südlichen Theil des Landes gefaßt haben.

Daß zwischen den alten Norwegern und den Eskimos Kämpfe stattgefunden haben, darüber haben sich auch bei den Letzteren mehrere Sagen erhalten. (Vergl. Rink, eskimoische Märchen und Sagen.) Daß aber die Eskimos förmliche Raubzüge unternommen haben sollen, scheint sehr wenig mit ihrem jetzigen Charakter in Einklang zu stehen. Daher kann ein Ausrottungskrieg wohl kaum der Grund zu dem Verfall der Kolonien gewesen sein; möglicherweise hat die Mischung der Kolonisten mit den Eskimos seinen Theil dazu beigetragen, da die Europäer der damaligen Zeit kaum weniger empfänglich für den Liebreiz der Eskimoschönheiten gewesen sein werden, als es die jetzigen sind.

Ueber den Weg, auf welchem die Eskimos nach der Westküste Grönlands eingewandert sind, hat eine große Meinungsverschiedenheit geherrscht. Dr. Rink stellt die Behauptung auf, daß die Eskimos, indem sie über den Smithsund kamen, nicht in südlicher Richtung an der Westküste entlang gezogen sind, was das Natürlichste zu sein scheint, sondern daß sie nördlich um die Nordspitze des Landes herumzogen und an der Ostküste herunterkamen, von hier aus sollen sie dann später ihren Weg südwärts um die Südspitze des Landes bis zu der Westküste genommen haben. Diese Annahme basirt im wesentlichen darauf, daß Thorgils Orrabeinsfostre die Eskimos an der Ostküste traf, — und dies war das erste Mal, daß die Norweger mit ihnen zusammenstießen. Auf die Unzuverlässigkeit dieses Berichts ist bereits bei früherer Gelegenheit aufmerksam gemacht worden. Uebrigens steht eine solche Annahme von der Einwanderung der Eskimos in direktem Widerspruch mit den Berichten der Sagen, indem aus denselben hervorgeht (vergl. oben), daß die Eskimos von Norden her und nicht aus dem Süden kamen (Vesterbygden wurde vor Österbygden zerstört). Noch ein anderer Umstand deutet meiner Meinung nach auf die Unwahrscheinlichkeit einer solchen Wanderung hin, — wenn sie nämlich in nördlicher Richtung um die Nordspitze des Landes vorgedrungen sein sollen, so müssen sie während der Zeit, in welcher sie sich dort oben befanden, wie die arktischen Hochländer gelebt haben (d. h. wie die Eskimos bei Kap York und nördlich davon), sich wesentlich von der Jagd auf dem Eise ernährend, mit Hundeschlitten fahrend und weder Kajaks noch Frauenböte besitzend, da das stets mit Eis bedeckte Meer den Kajakfang und den Gebrauch der Böte fast zur Unmöglichkeit macht. Daß sie sich dann, wenn sie wieder in südlichere, eisfreie Gewässer an der Ostküste kamen, abermals Frauenböte und Kajaks gebaut haben, ist freilich an und für sich nicht unmöglich, da sie die Tradition wohl bewahrt haben müssen, daß sie aber, nachdem sie mit dem Kajakfang außer Uebung gekommen waren, diesen wie die dazu gehörigen Geräthschaften sogar zu einer größeren Vollkommenheit entwickeln konnten, als in anderen Gegenden, das muß denn doch unwahrscheinlich, um nicht zu sagen unmöglich genannt werden.

Meiner Meinung nach ist es die natürlichste Erklärung, daß die Eskimos, als sie über den Smithsund kamen — und diesen Weg müssen sie natürlich eingeschlagen haben — südwärts an der Küste entlang zogen und sich dann später um die Südspitze des Landes herum bis an die Ostküste begaben. Ob dies Letztere bereits geschehen ist, ehe die Norweger nach Grönland kamen, wissen wir nicht.

Auf ihrem Wege nach Süden vom Smithsund aus stellte sich ihnen ein großes Hinderniß in Gestalt des Melville-Gletschers (ungefähr auf dem 76° N. Br.) entgegen; derselbe geht direkt in das Meer hinaus, dort, wo die Küste eine lange von Inseln unbeschützte Linie bildet; aber einestheils haben sie auf der Innenseite des Treibeises in ihren Fellböten vordringen können, und anderntheils sind diese Schwierigkeiten jedenfalls nicht größer als diejenigen, welche mit einer Wanderung nördlich um das Land herum verbunden sein würden.

Freilich wird diese letztere Annahme ein wenig dadurch erschwert, daß die Eskimos der Ostküste Hunde und Hundeschlitten haben, welche an der südlichen Westküste nicht benutzt werden. Bedenkt man indessen, wie verhältnißmäßig schnell die Eskimos in ihren Frauenböten reisen und wie sie in früheren Zeiten an der Küste auf und ab streiften, so liegt die Annahme nahe, daß die Hunde von demjenigen Theil der Westküste Grönlands, wo sie noch heute benutzt werden (Holsteinborg und das nördlicher gelegene Land), bis zum Kap Farvel mitgebracht worden sind, selbst wenn die südlicher wohnenden Völker die Hundezucht aufgegeben hatten, was freilich nicht anzunehmen ist, wenn man bedenkt, daß die Eskimos noch heute an der ganzen Westküste entlang Hunde halten. Wenn im wesentlichen auf Grundlage von Eigenthümlichkeiten die Behauptung aufgestellt ist, daß die Eskimos der Ostküste mehr Verbindung mit den Alaska-Eskimos gehabt haben sollen, als mit den Eskimos der Westküste (auf dem Wege nördlich um Grönland herum), da scheint die Einwendung nahe zu liegen, daß in diesem Falle ihre Sprache den Ersteren näher stehen müsse, was jedoch keineswegs der Fall ist.

Die jetzige Ausbreitung der Eskimos an der Westküste von Grönland erstreckt sich vom Smithsund bis zum Kap Farvel. Ihre Zahl in dem dänischen Theil der Westküste beläuft sich auf ca. 10000. An der Ostküste wohnen, wie wir von der dänischen Frauenboot-Expedition (1884–1885) wissen, Eskimos bis zu der Angmagsalik-Gegend (auf dem 66° N. Br.). Nördlich davon wohnten, wie die Eskimos Kapitän Holm mittheilten, soweit es ihnen bekannt war, keine für beständig.

Indessen werden häufig Reisen nach dem Norden unternommen, wahrscheinlich bis zum 68. oder 69. Breitengrad, und vor einigen Jahren hatten zwei Frauenböte den Weg eingeschlagen, ohne daß man später je wieder von ihnen gehört hätte. Ob nördlich vom 70. Breitengrad noch Eskimos wohnen, weiß man nicht mit Bestimmtheit. Clavering fand i. J. 1823 bekanntlich zwei Familien ungefähr auf dem 74° N. Br., seit jener Zeit hat man aber keine wieder gesehen, und die deutsche Expedition, die i. J. 1869–70 an dieser Küste entlang reiste und dort überwinterte, fand wohl Häuser und andere Ueberreste, welche die Eskimos dort hinterlassen hatten, aber keine Menschen, weshalb man annahm, daß diese ausgestorben seien. Dies kommt mir jedoch ziemlich unwahrscheinlich vor, denn die Eskimos sind eine sehr widerstandsfähige Rasse; daß man dort kein lebendes Wesen antraf, muß einen anderen Grund haben. Sie können grade zu jener Zeit weiter nordwärts oder gen Süden gezogen sein, und selbst, wenn dies nicht der Fall gewesen sein sollte, so wohnen sie oft so zerstreut, daß man ihnen ganz zufällig nicht begegnet sein mag. Man darf nicht vergessen, um welche ungeheuren Strecken zerklüfteten Landes es sich hier handelt, auch ist es nicht sicher, daß, selbst wenn man in die Nähe ihres Aufenthaltsortes gekommen ist, man sie dort angetroffen hat, denn sie sind sehr furchtsamer Natur und können das Weite gesucht oder sich versteckt haben, und ihre Zelte und Häuser sind in einiger Entfernung nicht leicht zu entdecken. Meiner Meinung nach können noch heute sehr wohl Eskimos an jener Küste wohnen, und infolge ihrer abgesonderten Stellung, die jegliche direkte oder indirekte Verbindung mit der civilisirten Welt unmöglich gemacht hat, müssen diese zu den in ethnologischer Hinsicht interessantesten Völkern der Erde gehören.

B. Das Aussehen, die Kleidung, der Kajakfang, die Häuser.

Das Aussehen der ursprünglichen Eskimos hatte ich bereits früher Gelegenheit zu schildern.

Sie haben, wie dort gesagt wurde, ein breites, gutmüthiges Gesicht mit großen Zügen, kleine, dunkle, zuweilen ein wenig schrägliegende Augen, eine flache Nase, runde, fette Wangen, einen breiten Mund und starke Kiefern. Auf Schönheit können sie infolgedessen ja eigentlich keinen Anspruch machen, und doch können die ursprünglichen Eskimogesichter etwas sehr Anziehendes haben. Die Mischrasse, die durch Kreuzung von Europäern und Eskimos entstanden ist, pflegt hübscher zu sein als die ursprüngliche Rasse. Diese Mischeskimos haben in der Regel ein gewisses südländisches, zuweilen auffallend jüdisches Aussehen, mit dunklem Haar, dunklen Augenbrauen und theilweise sehr bräunlicher Hautfarbe. Es kommen häufig ganz edle Schönheiten unter ihnen vor, sowohl bei dem starken wie bei dem schwachen Geschlecht. Ein Beispiel dieser grönländischen Mischrasse findet sich auf Seite 203.

Illustration from Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band

Eskimos von der Ostküste.

(Nach einer durch die dänische „Konebaad“-Expedition aufgenommenen Photographie.)

Die Hautfarbe ist bei den ursprünglichen Grönländern bräunlich oder bläulichgelb, und selbst bei den Mischlingen kann eine fast kastanienbraune Farbe vorkommen. Die neugeborenen Kinder sind heller, aber schon Saaby hat darauf aufmerksam gemacht, daß sie einen blauschwarzen Fleck auf dem Rückenkreuz haben, von dem sich die dunkle Farbe dann später verbreitet. Holm erwähnt etwas Aehnliches von der Ostküste,[58] ich selber habe indessen keine Gelegenheit gehabt, mich davon zu überzeugen, was das Gewöhnliche ist; es wird ein ähnliches Verhältniß sein, wie bei den Kindern der Japanesen.

Ueber die Kleidung der Eskimos wird man sich nach den in diesem Werke enthaltenen Illustrationen einen Begriff bilden. Die Männer in Südgrönland tragen auf dem Oberkörper einen sog. Timiak aus Vogelfell. Auf dem Lande verwendet man meistens das Fell der Eidergans, aus dem die Federn ausgerupft sind, so daß nur die Daunen sitzen bleiben, in den Kajaks dagegen Pelze aus Dohlenfell. Auch das Fell von Graculus carbo oder Scharf wird angewendet, das letztere ist das stärkste und beste von allen. Ueber dem Timiak haben sie einen Ueberzug aus Stoff (Anorak). Der Timiak ist mit einer Kapuze versehen, die über den Kopf gezogen werden kann. Die Beine sind mit Beinkleidern von Seehundsfell oder von europäischen Stoffen bekleidet, an den Füßen tragen sie eine eigene Art von Stiefeln, „Kamikker“ aus Seehundsfell. Diese haben inwendig eine Art Strümpfe aus Fell mit nach innen gekehrten Haaren, nach außen bilden sie einen Stiefel aus wasserdichtem Fell. Die Füße stecken bloß in den Kamikkern. Die Bekleidung der Frauen ist derjenigen der Männer sehr ähnlich, auf dem Oberkörper tragen sie einen Pelz aus Vogelfell, doch ohne Kapuze, dagegen mit einem breiten Perlenkragen um den Halsausschnitt. Sowohl bei den Männern wie bei den Frauen ist der Pelz an Hals und Handgelenken mit Hundefell eingefaßt, vorzugsweise mit schwarzem. Die Beine stecken in Beinkleidern aus Seehundsfell, die jedoch kürzer sind als bei den Männern; sie sind an der Vorderseite reich mit farbigem Leder und weißen Streifen aus Rennthierleder oder Hundeleder verziert. Zuweilen bestehen die Beinkleider der Frauen auch aus Rennthierfell. Die Kamikker sind länger als bei den Männern und gehen bis über die Kniee. Sie haben in der Regel eine krasse Farbe, vorzugsweise sind sie roth, aber auch blau, violett und weiß. Sie sind an der Vorderseite mit einem herunterlaufenden Streifen verziert.

Ursprünglich trugen die Frauen lange Pelze aus Vogelfell oder Anoraks wie die Männer,[59] nachdem aber die Europäer sie die Benutzung der weißen Leinwand lehrten, fanden sie dies zu schön, um es zu verbergen, und statt ihre Gewandung wie die europäischen Damen oben auszuschneiden, brachten sie nach unten zu einen Ausschnitt an, indem sie die Anoraks so kurz machten, daß zwischen denselben und den Beinkleidern, die ganz unterhalb der Hüften sitzen, ungefähr ein handbreites Stück unbedeckt blieb, so daß die Leinwand sichtbar wurde.

Die Eskimos an der Ostküste haben eine ähnliche Tracht, doch verwenden sie fast gar kein Vogelfell zu ihren Pelzen, sondern größtentheils Seehundsfell. Dasselbe ist auch sehr häufig im nördlichen Grönland der Fall.

Im Hause ging der ursprüngliche Eskimo, sowohl Mann als Frau, vollständig nackend, mit Ausnahme des bereits früher erwähnten Nâtit, eines Bandes, das um die Lenden gebunden wurde. Dasselbe ist noch jetzt an der Ostküste Gebrauch.

Illustration from Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band

Mädchen gemischter Herkunft aus „Sukkertoppen“.

(Nach einer Photographie.)

Dies ist natürlich eine sehr gute und gesunde Sitte, denn die Fellkleider hindern die Ausdünstung der Haut, und deshalb ist es besonders ungesund, sie in warmen Räumen zu tragen. Ein natürliches Bedürfniß hat sie veranlaßt, sich im Hause der Kleider zu entledigen, wenn sie sie dort überhaupt jemals getragen haben. Als die Europäer ins Land kamen, verletzte indessen diese Sitte deren Anstandsgefühl, und die Missionare besaßen so wenig Einsicht, daß sie dagegen predigten. So ist denn diese Sitte jetzt an der Westküste abgeschafft, ob sich dadurch aber die Moral verbessert hat, wage ich nicht zu entscheiden, — ich bezweifle es freilich sehr, eins aber ist sicher, der Gesundheitszustand ist nicht dadurch gehoben worden.

Die Westländer geniren sich noch heutzutage sehr wenig davor, sich zu entblößen. Viele decken sich freilich zu, sobald Europäer ihre Hütten betreten, meiner Ansicht nach ist dies aber mehr Ziererei, von der sie glauben, daß sie uns gefällt, als wirkliches Schamgefühl, denn sie verrichten im übrigen die undenklichsten Dinge auf die natürlichste Weise von der Welt, ohne sich zu geniren. Entdecken sie, daß ein Europäer ihre Versuche, schamhaft zu sein, gar nicht beachtet, so bemühen sie sich auch nicht mehr.

Die Frauen nehmen ihr Haar in einem Knoten oben auf dem Kopfe zusammen. Dies geschieht, indem sie es von allen Seiten fest zusammenbinden. An der Westküste umbinden sie es dann mit einem farbigen Bande: die unverheiratheten Frauen tragen ein rothes Band, haben sie Kinder gehabt, so tragen sie ein grünes, während die Farbe der verheiratheten Frauen blau ist. Das Band der Witwen ist schwarz; gehen sie mit dem Gedanken um, sich wieder zu verheirathen, so bringen sie ein wenig Roth auf dem schwarzen Bande an. Aeltere Witwen, welche die Hoffnung auf eine abermalige Verehelichung aufgegeben haben, legen oft ein weißes Band an. Bekommt eine Witwe ein Kind, so muß auch sie ein grünes Haarband tragen.

Die Grönländerinnen sind kaum weniger eitel als ihre europäischen Schwestern, und da es sich darum handelt, daß der Haarknoten so steif wie möglich in die Höhe stehen soll, so ziehen sie es so stramm in die Höhe, daß sie es aus der Stirn, aus den Schläfen und dem Nacken förmlich herausreißen, weswegen sie im Alter fast alle kahlköpfig werden und dann weniger anziehend sind. Man hat da den besten Maßstab für ihre Eitelkeit.

Um dem Haar einen recht schönen Glanz zu verleihen, pflegen sie es, wenn sie es aufstecken, in Urin zu baden. Sie sind auch der Ansicht, daß ihnen dieses einen eigenartigen, jungfräulichen Duft verleiht. In derselben Flüssigkeit waschen sie sich auch mit Vorliebe. Der Geruch, der ihnen infolgedessen anhaftet, ist, wenigstens für europäische Nasen, durchaus nicht angenehm. Ich habe von einem Europäer in Nordgrönland gehört, der sich in eine Grönländerin verliebt hatte, den Geruch konnte er jedoch nicht ertragen. Er half sich dadurch, daß er eine Ladung Eau de Cologne aus der Heimath verschrieb, und damit wurde die Geliebte jeden Morgen besprengt. Auf die Weise machte er es wirklich möglich, sich mit ihr zu verheirathen.

Da die Existenz der Grönländer ausschließlich auf dem Kajakfang beruht, der ihnen die Mittel für ihren Lebensunterhalt liefert, so scheint es mir ganz natürlich, bei der Schilderung ihres Lebens hiermit zu beginnen. Ich komme indessen später noch häufiger darauf zurück und will mich deswegen hier nur ganz kurz fassen.

Der Kajak besteht aus einem hölzernen Speilerwerk, das von außen mit Fell bezogen ist, vorzugsweise mit dem Fell der Phoca grönlandica oder der Klappmütze;[60] das Fell der letzteren wird jedoch nicht für so stark und wasserdicht gehalten, kann man dagegen Fell von jungen Klappmützen bekommen, in dem die Poren der Haut nicht so groß sind, so soll auch dies sehr zweckmäßig sein.

Illustration from Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band

Eskimo im Kajak.

(Von A. Bloch nach einer Photographie.)

Für das Speilerwerk benutzte man in früheren Zeiten fast ausschließlich Treibholz, und für die Rippen außerdem Weidenzweige, die an der Küste wachsen. In den letzten Jahren hat man in den Kolonien an der Westküste angefangen, für die Kajaks europäische Schiffsränder von der grönländischen Handelscompagnie zu kaufen, obwohl man das Treibholz für ein besseres Material hält. Ein gewöhnlicher grönländischer Kajak pflegt ungefähr 15 Fuß lang und 18–20 Zoll breit zu sein. Er hat in der Mitte eine Höhe von ca. 5–6 Zoll. Die Größe richtet sich natürlich nach dem Manne. Auf der Unterseite ist er ziemlich flach und hat keinen Kiel. Nach dem Vorder- und Hinterende zu verjüngt er sich langsam. Der Kajak ist so leicht, daß er mit seinem ganzen Zubehör und allen Geräthschaften ohne Schwierigkeit meilenweit auf dem Kopfe über Land getragen werden kann.

Es liegt klar auf der Hand, daß ein Fahrzeug von dieser Form schwer auf dem rechten Kiel gehalten werden kann, wenn man darin sitzt, dafür kann man es aber auch, wenn man die nöthige Uebung erlangt hat, mit Hülfe des zweiblättrigen Kajakruders mit erstaunlicher Schnelligkeit durch das Wasser vorwärtsbewegen, und der Kajak ist ohne Frage das beste existirende Fahrzeug für eine Person. Bei gutem Wetter benutzt der Kajakruderer den sog. Halbpelz, der mit seinem unteren Ende wasserdicht auf den Ring paßt, welcher das Loch umgiebt, in dem er sitzt, und der ihm mit seiner oberen Kante bis unter die Arme reicht. Dies genügt, um kleinere Wellen an dem Eindringen in den Kajak zu hindern. Bei schlechtem Wetter bedient man sich des ganzen Pelzes, der gleich dem Halbpelz aus wasserdichtem, enthaartem Seehundsfell gemacht und mit Sehnen zusammengenäht ist. Er umschließt gleichfalls den Kajakring nach unten zu, hat aber Aermel und eine Kapuze, die man ganz über den Kopf ziehen kann und die rund um das Gesicht zugeschnürt wird, wie auch die Aermel an den Handgelenken fest geschlossen werden. Mit diesem Pelz bekleidet, kann der Eskimo quer durch die heftigsten Sturzseen fahren, kann kentern und sich wieder aufrichten, ohne naß zu werden oder auch nur einen einzigen Tropfen Wasser in seinen Kajak zu bekommen.

Die zum Kajakfang nöthigen Geräthschaften habe ich bereits früher erwähnt, ich will mich hier nicht weiter damit aufhalten, sondern nur die Harpune nennen, die mit Riemen und Blase[61] die wichtigste Waffe des grönländischen Fängers ist. Dieses äußerst sinnreiche Geräth zeugt von einem hohen Grade von Erfindungsgeist und steht in der Beziehung bedeutend über den meisten Geräthschaften, die man bei wilden oder halbwilden Völkerstämmen antrifft. Die Harpune besteht aus einem Schaft, dem Harpunenschaft, an dessen Vorderende eine 4–6 Zoll lange Fischbeinspitze durch eine eigene Verbindung oder ein Glied derartig befestigt ist, daß sie nach der Seite umgebogen werden kann. Diese Fischbeinspitze paßt wie ein Zapfen in ein Loch an der Spitze der Harpune selber; letztere ist an dem Fangriemen befestigt, der durch ein kleines Stück Fischbein, in dem ein Loch angebracht ist, ein Stück von der Mitte entfernt nach hinten zu mit dem Harpunenschaft verbunden ist; an dem anderen Ende des Fangriemens ist die Blase angebracht. Die Harpune wird, wie alle Waffen der Eskimos, mit Hülfe eines Wurfbrettes geschleudert.[62]

Um ein tüchtiger Kajakruderer zu werden, muß man früh anfangen. Die grönländischen Knaben versuchen sich oft schon im Alter von sechs und acht Jahren mit dem Kajak ihres Vaters, und in einem Alter von zehn bis zwölf Jahren giebt der tüchtige Fänger seinen Söhnen oft ein eigenes Boot — wenigstens war das früher die allgemeine Regel. Von der Zeit an fahren sie immer in ihren Kajaks, im Anfang pflegen sie Fische zu fangen, später beginnen sie auch mit dem schwierigen Seehundsfang. Um ihren Arm und ihr Auge zu üben, giebt der vernünftige Grönländer seinen Söhnen, noch während sie ganz jung sind, kleine Vogelpfeile und Harpunen als Spielzeug, und hiermit kann man die 3–4jährigen angehenden Fänger sich an Vögeln, an den Hühnern und Enten des Koloniedirektors und allem üben sehen, was ihrer Jägerlust würdig ist und ihnen vor die Augen kommt. Es ist natürlich von hoher Bedeutung für die grönländische Bevölkerung, daß die Jugend zu tüchtigen Fängern erzogen wird, denn darauf beruht ja die ganze Zukunft.

Illustration from Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band

Ein „Kajakmann“ mit der Harpune nach einem Seehund werfend.

(Von A. Bloch.)

Die wichtigste Bedingung, um ein vollendeter Kajakruderer zu werden, ist die Erwerbung der Kunst, sich wieder auf den rechten Kiel aufrichten zu können, wenn man mit dem Kajak gekentert ist. Dies geschieht dadurch, daß man das Ruder an dem einen Ende ergreift, es auf die Seite des Kajak aufsteckt, so daß das andere Ende nach vorne zu auf die Spitze zeigt, und es dann schnell nach der Seite[63] hin umdreht, so nahe wie möglich dem Wasserspiegel, wobei man den Oberkörper fest gegen den Kajak preßt und sich dann mit dem Ruder in die Höhe hebt; kommt man nicht ganz in die Höhe, so ist noch ein Winkelzug mit dem Ruder erforderlich. Ein wirklich tüchtiger Kajakruderer richtet sich selbst ohne das Ruder vermittelst des Wurfbrettes oder auch ohne dies, nur mit Zuhülfenahme des einen Armes auf. Dies ist von großer Wichtigkeit, denn es kommt zuweilen vor, daß das Ruder beim Kentern verloren geht. Derjenige, welcher in dieser Kunst nicht bewandert ist, muß, falls Niemand in der Nähe sich befindet, um zu helfen in dem Augenblick, in welchem er kentert, als verloren angesehen werden. Das Kentern aber ist leicht genug möglich, eine einzige Sturzwelle oder das Festhängen des Fangriemens in dem Augenblick, wo ein Seehund harpunirt wird, kann ein solches Unglück veranlassen, oft genug geschieht es auch bei stillem Wetter durch eine einzige unbedachtsame Bewegung.

Gar mancher Eskimo findet jahraus, jahrein seinen Tod auf diese Weise. Als Beispiel mag hier angeführt werden, daß im Jahre 1888 von 162 in Südgrönland vorgekommenen Todesfällen 24 durch Ertrinken in dem Kajak verursacht waren, also 15%.

In früheren Zeiten verstand sich jeder tüchtige Kajakruderer an der Westküste Grönlands auf diese Kunst, in den letzten Jahren aber, nach Einführung der europäischen Civilisation und dem damit unvermeidlich in Zusammenhang stehenden Verfall ist es auch damit zurückgegangen. Es ist jedoch an manchen Stellen noch etwas ganz Gewöhnliches bei den Fängern; so kann ich aus eigener Erfahrung anführen, daß bei Kangek (in der Nähe von Godthaab) die meisten Fänger dieser Kunst mächtig waren. An der Ostküste scheint es nach Kapitän Holms Berichten etwas ganz Gewöhnliches zu sein, daß man im stande ist, sich wieder aufzurichten, obwohl es auch dort nicht mehr so allgemein ist, wie es früher an der Westküste war. Hierüber kann man sich ja auch gar nicht wundern, da es an der Westküste, wo nur wenig Treibeis und fast stets Seegang ist, vielmehr Zweck hat.

Ein Kajakruderer, der die Kunst, sich aufzurichten, vollkommen besitzt, kann jeglichem Wetter trotzen; wenn er umgeworfen wird, so richtet er sich eben wieder auf.

Sehr oft wird gegen den Eskimo die Beschuldigung ausgesprochen, daß er einen sehr feigen Charakter hat; dies hat seinen Grund theilweise darin, daß Diejenigen, welche dies sagen, ihn hauptsächlich auf dem Lande oder bei gutem Wetter auf der See gesehen haben, und da ist er zu gutmüthig oder theilweise auch zu bequem, um Muth zu zeigen; oft ist er auch wohl zu etwas aufgefordert worden, wozu er keine Lust oder keinen Verstand hat. Ich persönlich hege eine ganz andere Auffassung. Um zu entscheiden, ob ein Mensch groß ist, soll man ihn in seinem Wirkungskreis sehen, man muß deswegen den Eskimo bei schlechtem Wetter auf die See begleiten, ihn dort sehen, wo sein Beruf liegt, und man wird gar bald eine andere Ansicht von ihm erhalten. Wie aus dem eben Angeführten hervorgeht, führt der Kajakfang viele Gefahren mit sich, aber trotzdem und obwohl möglicherweise Vater und Brüder in dem Kajak umgekommen sind, geht der Eskimo tagaus tagein ruhig an seine Arbeit. Ist das Wetter gar zu stürmisch, geht er nicht gern hinaus, denn er weiß aus Erfahrung, daß in einem solchen Wetter Viele umkommen, ist er aber erst einmal draußen, so bewahrt er die größte Seelenruhe und fährt dahin, als sei es das Natürlichste von der Welt; es ist ein stolzer Anblick, ihn gegen die hohen Wellen ankämpfen zu sehen, die ihn ganz unter sich begraben, oder ihn wie einen Sturmvogel durch Wellen und Unwetter hindurchfliegen zu sehen mit der gleichgültigsten Miene von der Welt und einer ganz überlegenen Tüchtigkeit. Da ist er groß!

Oder man muß ihn in seinem kleinen Kajak sehen, wie er mit der ihm angeborenen Ruhe die Klappmützen oder das Walroß angreift, das ihm jeden Augenblick den Tod bringen kann, wenn seine Hand nicht sicher ist. Dieser Anblick allein kann uns davon überzeugen, daß es ihm, wenn es darauf ankommt, nicht an Muth fehlt.

Ich will ein paar Beispiele von der Widerstandsfähigkeit der Eskimos anführen, wie von den Gefahren, die er tagtäglich zu bestehen hat, da mir das eine gute Hülfe zu sein scheint, wenn man seinen Charakter kennen lernen will.

Ein Kajakmann aus Tornait bei Fiskernaesst ging eines Tags im Februar d. J. 1876 gen Norden in See. Als er an den Fangplatz kam, tauchte vor ihm ein Seehund auf, er holte die Büchse aus dem Kajak, um zu schießen, die Kugel prallte aber ab und ging ihm selbst durch den Unterleib. Als er wieder zur Besinnung kam, stieg er auf ein Stück Eis und legte sich flach darauf nieder, dann aber erhob sich ein starker Nordwind, der die Wellen über die Eisscholle hinweg trieb, so daß er sich gezwungen sah in den Kajak zurückzugehen und gen Süden zu rudern, man muß sich aber — so heißt es in dem Bericht — über die Zähigkeit des Mannes verwundern, der sich mit seiner schweren Verletzung auf die See hinauswagte, man denke nur! er umschiffte die Inseln, erreichte die Heimath, zog sein Kajak ans Land und stellte ein Merkmal auf, dann aber sank er am Rande des Eises nieder, denn er vermochte nicht bis an die Häuser zu gehen, die eine Strecke vom Landungsplatz entfernt lagen. Als man ihn später fand und sein Kajak sah, konnte Niemand verstehen, daß er noch lebte, nachdem er einen so starken Blutverlust erlitten hatte. Als sie ihn hinaufgetragen hatten, glaubten sie, daß er die Nacht nicht würde überleben können, doch starb er erst am dritten Tage darauf!

Sie sagten, er habe keine Angst vor dem Tode gehabt, sei aber gewesen wie Einer, dem eine große Gnade widerfahren sei.

Ein andermal, ebenfalls im Februar, waren sechs Fänger von Kangarmiut nach einem Walroß aus, und als sich ein Sturm erhob, zogen sie sich mit dem Walroß im Schlepptau auf eine kleine Insel am äußersten Rande des Meeres zurück. Diese Insel aber umtobte eine so heftige Brandung, daß sie in ihren Kajaks nicht in die See hinausgehen konnten, ohne zurückgeworfen zu werden. Da aber die Insel keinen Schutz gegen den Sturm bot, fingen ihre dünnen und durchnäßten Kleider an zu erstarren, nachdem sie die ganze Nacht hindurch auf der niedrigen Insel zusammengekauert gesessen hatten. Da versuchten erst zwei von ihnen, sich, in den Kajaks sitzend, in die Brandung hinauszustürzen, der eine trieb kieloben weiter, richtete sich aber doch glücklich wieder auf, und Beide kamen mit dem Leben davon. Bei diesem Wagestück waren aber Diejenigen, welche ihnen behülflich gewesen waren, fast von der See fortgerissen, so daß ihnen die Lust verging, denselben Versuch zu wagen. Drei von ihnen setzten sich ruhig hin, der Vierte aber entdeckte eine Höhlung in dem felsigen Ufer, die eine Rinne bildete, gerade groß genug, um ein Kajak hindurchgleiten zu lassen. Allerdings endete sie mit einem Abgrund über dem Meere, so daß der Kajakmann kopfüber ins Wasser fallen mußte, doch glaubte er bei Hochwasser das Wagestück unternehmen zu können. Als nun die Andern diese Stelle sahen, erschraken sie anfänglich sehr, aber sie dachten: wenn wir noch eine Nacht hier bleiben, so erfrieren wir, und ob wir nun auf der See oder dem Land umkommen, das bleibt sich ja im Grunde einerlei. Sie versuchten die gefährliche Rutschbahn und gelangten glücklich nach Hause.

Ein Kajakmann aus Kornok hat mir erzählt, wie er in Gemeinschaft mit seinem Bruder und einem andern Begleiter von einem Sturm in der Bucht von Godthaab überfallen wurde und Zuflucht auf dem Lande suchte. Hier war indessen der Rand des Eises so hoch und steil, daß sie nicht landen konnten, aber sie wurden von der See förmlich hinauf geschleudert.[64] Als er sich ein wenig besonnen hatte und den Bruder noch am Leben fand, befreite er ihn von seinem Kajak und versuchte eine Häuserruine zu erreichen, um Schutz vor dem Sturm zu finden, der ihre Glieder in den nassen Kleidern zu erstarren drohte. Den Bruder bald tragend, bald leitend, erreichte er die Ruine und grub ein Loch in den Schnee für ihn und seinen Begleiter. Aber während er ein wenig Stroh sammelte, das aus dem Schnee hervorguckte, merkte er erst, daß sein Begleiter, der weniger gut gekleidet war als er, schwächer und schwächer wurde und schließlich seinen Geist aufgab. Bald begannen auch die Arme des Bruders zu erstarren, der heftige Schneesturm machte alle seine Anstrengungen zu Schanden. Als er nun den hoffnungslosen Zustand seines Bruders erkannte, redete er zu ihm von einem Leben nach dem Tode, bis er merkte, daß er nichts mehr hörte. Da ergriff mich, so erzählte er, eine Angst und ein Beben, und während ich ihn anstarrte, wandte er sich nach mir um, lächelte mir zu und hauchte seinen letzten Seufzer aus.[65]

Ich will noch ein Beispiel anführen, das sich in Sukkertoppen im Frühling des Jahres 1889 zutrug und das mir von den Grönländern, als wir bald nachher dort hinkamen, mitgetheilt wurde. Eines Tages waren drei Fänger zur See gegangen, um Seehunde zu fangen, sie wurden von einem Unwetter überrascht und mußten den Heimweg antreten, indessen kenterte der Eine von ihnen und konnte sich nicht wieder aufrichten; da eilten die beiden Anderen herbei, um ihm zu helfen; aber bei der erregten See, die über sie hereinbrach, war dies nicht leicht, und bei dem Versuch gerieth der Gekenterte aus dem Kajak, der sich selbstverständlich sofort mit Wasser füllte. Jetzt verschlimmerte sich ihre Lage. Sie versuchten jedoch ihn über Wasser zu halten, während sie sein Kajak zwischen sich nahmen und sich bemühten, ihn von Wasser zu entleeren, um ihn dann wieder hinein zu praktiziren. Dies war indessen eine schwierige Sache, wieder und wieder schlugen die Wellen über sie hin und füllten den Kajak, sobald er leer war. Bei diesen Versuchen kenterte auch der zweite Kajakmann und konnte sich nur mit Mühe und Noth wieder aufrichten; sie wandten sich nun dem zuerst Gekenterten wieder zu, aber ihre Kräfte begannen zu schwinden und die See war zu erregt, sie konnten ihn nicht retten und mußten sich allein nach Hause begeben.

Ich könnte lange damit fortfahren, ähnliche Erlebnisse von diesem Volk zu erzählen, das feige und erbärmlich genannt wird und auf das so viele Europäer mit Verachtung herabsehen. Es ist ganz an der Tagesordnung, daß der Beruf des Eskimo Leiden und Gefahren mit sich bringt, und doch giebt er sich ihm mit Lust und Liebe hin.

Die grönländischen Eskimos bringen den größten Theil ihrer Zeit in ihren Kajaks zu; wenn der Morgen graut, ziehen sie aus, um erst spät am Tage mit ihrem Fang heimzukehren. Die Frauen dagegen halten sich zu Hause und besorgen ihre Wirthschaft.

Im Winter wohnen die Eskimos in festen Häusern, die aus Stein und Torf gebaut sind, und deren Fußboden oft niedriger liegt als die Erdoberfläche. Diese Häuser haben nur einen Raum, in dem sich die ganze Familie aufhält, oft bewohnen auch mehrere Familien ein solches Haus, — Männer und Frauen, Alte und Junge, alles bunt durcheinander.

Illustration from Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band

Eine Eskimo-Wohnung im Winter.

(Vom Verfasser gezeichnet nach einer in Sukkertoppen aufgenommenen Photographie.)

Dieser Raum ist in der Regel so niedrig, daß man nur zur Noth aufrecht darin stehen kann, und hat eine länglich viereckige Form. An der ganzen Hinterwand entlang läuft die Hauptpritsche, die 5–6 Fuß tief ist, und auf der die Bewohner des Hauses schlafen, d. h. größtentheils nur die Verheiratheten sowie die unverheiratheten Töchter; hier liegen sie Seite an Seite nebeneinander, mit den Beinen nach der Wand zu und den Köpfen nach dem Zimmer hinein, die unverheiratheten Männer pflegen auf kleineren Pritschen unter den Fenstern zu liegen, die sich an der entgegengesetzten Wand befinden und deren es eine, in wohlhabenden Häusern zwei, selten jedoch mehr giebt. An den Seitenwänden — den Kurzwänden — befinden sich in der Regel gleichfalls Pritschen; hier wie auf den Pritschen unter den Fenstern, falls dort Platz ist, pflegen die Gäste zu schlafen. Wohnen mehrere Familien in demselben Hause, was ziemlich allgemein ist, so ist die Hauptpritsche durch ganz niedrige Querwände in verschiedene Stände für je eine Familie getheilt.

In den alten grönländischen Häusern gab es keine Feuerherde, man erwärmte die Häuser durch Thranlampen, die Tag und Nacht brannten — ein Eskimo schläft nur im äußersten Nothfall im Dunkeln — und die gleichzeitig zum Kochen benutzt wurden, was in dem gemeinsamen Raum geschah. So ist es noch heute an der Ostküste, auch an der Westküste werden die Häuser in der Regel noch jetzt ausschließlich durch Thranlampen[66] erwärmt, das Essen aber wird jetzt doch gewöhnlich mit Torf oder Mövenhaufen auf eigenen Herden gekocht, die neben dem Hause errichtet sind (als Seitentheil des unten beschriebenen Hausganges). Früher benutzte man Kochtöpfe aus Stein, an der Westküste sind an deren Stelle jedoch auch eiserne Töpfe getreten, die man von der grönländischen Handelscompagnie kaufen kann.

Ein langer, enger Gang, der noch niedriger liegt als das Haus, und in den man von der Erdoberfläche vermittelst eines Loches zu gelangen pflegt, führt in das Haus. Er pflegt so eng und so niedrig zu sein, daß man nur kriechend hindurchgelangen kann, und wenn man groß ist, so kostet es Mühe, überhaupt in die Häuser zu kommen. Der Zweck dieser Gänge ist es, den Zutritt der kalten und das Entweichen der warmen Luft zu verhindern, deswegen sind sie auch so eng und liegen so tief.

Früher verließen die Grönländer, sobald der Sommer kam, ihre räucherigen Häuser, deren Dächer zum besseren Auslüften aufgerissen zu werden pflegten, und streiften den ganzen Sommer mit ihren Zelten von dem einen Fangplatz bis zum andern, einen Monat (im Juli oder August) verweilten sie dort, wo sich Rennthiere fanden, und diese Jagdzeit pflegte die schönste Zeit des Jahres für sie zu sein mit Rennthiertalg und Mägen.[67] Dies Sommerleben in den Zelten ist auch nebenbei sehr gesund für die Grönländer. Leider ist es infolge der in letzter Zeit eingetretenen Veränderungen an der Westküste nicht mehr so allgemein, denn die Zahl der Fänger, die im stande sind, genügend Felle für die Zelte und Frauenböte zu schaffen, ist sehr im Abnehmen begriffen — beides ist aber selbstverständlich für diese Reisen ganz unentbehrlich. Statt dessen sind sie jetzt gezwungen, das ganze Jahr in den engen, dumpfen Winterhäusern zu verbringen. Der Rückschritt in dieser Beziehung ist in den letzten Jahren ganz beunruhigend gewesen.

C. Das bürgerliche Leben in Grönland. Eigenthumsbegriffe. Gefälligkeit. Gastfreundschaft.

Es ist keineswegs eine leichte Aufgabe, eine Schilderung von der westgrönländischen Bevölkerung und ihrer jetzigen socialen Einrichtung zu machen, denn infolge des Einflusses der Europäer wie ihres vielfach direkten Eingreifens während der letzten 150 Jahre sind die alten bürgerlichen Verhältnisse theilweise in Verfall gerathen.

Ursprünglich herrschte dort ein sehr geregeltes bürgerliches Leben, mit bestimmten Sitten und Vorschriften für alles Dahingehörige, und diese umging man selten oder niemals, denn die Bevölkerung bestand aus guten, friedlichen Menschen, die einander ungern Verdruß bereiteten. Dann kamen die Europäer ins Land. Ohne das Volk zu kennen, gingen sie selbstverständlich von der Annahme aus, daß es von Grund auf einer Reform bedürfe und griffen so störend in seine bürgerliche Ordnung ein. Sie suchten ihm ein ganz neues Gepräge aufzuzwingen, gaben ihm eine neue Religion, untergruben die Achtung vor den alten Sitten, ohne ihnen statt dessen neue zu geben. Kurz, die Europäer machten es in Grönland genau so, wie sie es überall zu machen pflegen, wo sie im Namen der christlichen Religion auftreten, um „die wilden, unmündigen Völker der Segnungen der ewigen Wahrheit theilhaftig zu machen“.

Anfänglich lauschten die Eskimos den fremden Menschen ganz verwundert. Sie waren sehr zufrieden mit sich selber und dem ganzen Dasein gewesen, hatten keine Ahnung davon, daß das Leben und die Menschen so elend seien und verstanden nicht, wie eine Religion so grausam sein könne, daß sie die Menschen zum ewigen Höllenfeuer verdammen ließ. „Die Erbsünde konnten sie wohl als etwas ganz Allgemeines bei den Kavdlunakkern (Europäern) anerkennen, denn daß diese zum größten Theil schlecht waren, das sahen sie wohl,[68] da aber die Kalatlit (Eskimo) gute Menschen waren, so mußten sie ohne Frage in den Himmel kommen.“ Und sie lachten die dummen Europäer aus, die nichts von ihrem Fang oder alledem verstanden, was das Wichtigste im Leben ist.

Durch die Macht, welche eine höhere Kultur verleiht, siegten diese jedoch bald und haben im Laufe der Zeiten das westgrönländische bürgerliche Leben zu einer unsicheren Mischung von ursprünglich eskimoischen und europäischen Sitten gemacht.

Viele wesentliche Züge von dem ursprünglich eskimoischen Leben haben sich jedoch erhalten, und mich hauptsächlich an diese haltend, will ich es versuchen, eine Schilderung von der Einrichtung des bürgerlichen Lebens zu geben.

Wie bei allen Jagdvölkern ist bei den Grönländern der Eigenthumsbegriff sehr beschränkt, wenn man aber glaubt, daß ein solcher Begriff gar nicht bei ihnen vorhanden ist, so irrt man.

In Bezug auf die meisten Sachen herrscht eine gewisse Gütergemeinschaft, die sich aber stets auf weitere oder engere Kreise, je nach der Natur des Gegenstandes, beschränkt. Der engste Kreis ist die Familie, dann kommen die Hausgenossen und die nächsten Verwandten und endlich alle am Orte ansässigen Familien. Als strengstes Privateigenthum werden die Kajaks, die Kajakkleidung und die Fanggeräthschaften betrachtet. Diese Gegenstände gehören dem Fänger allein, und Niemand darf sie anrühren, denn durch sie erhält er sich und seine Familie, und er muß natürlich immer sicher sein, sie dort finden zu können, wohin er sie gelegt. Er verleiht sie nur sehr selten. In früheren Zeiten hielten sich gute Fänger gewöhnlich zwei Kajaks, dies ist jetzt nur noch selten der Fall. Etwas, was man auch zu den Fanggeräthschaften rechnen kann, sind die Schneeschuhe, da diese jedoch erst durch die Europäer eingeführt worden sind, gilt ihnen das Eigenthumsrecht nicht in so hohem Grade, und während ein Eskimo niemals die Fanggeräthschaften eines Andern anrührt, besinnt er sich nicht, die Ski Anderer zu benutzen, ohne vorher um Erlaubniß zu fragen. Die Flinte und die Hagelbüchse scheinen ebenfalls nicht in den Begriff strengen Privateigenthums mit aufgenommen zu sein.

Nach den Fanggeräthschaften und den privaten Kleidungsstücken kommen andere, im Hause verwendete Geräthschaften, z. B. Messer, Aexte, Sägen, Nähutensilien, Fellmesser u. s. w. Diese darf man zur Noth als Privateigenthum betrachten, für mehrere derselben macht sich jedoch oft eine weitbegrenzte Gütergemeinschaft geltend.

Anderes Hausgeräth ist Gemeingut der Familie oder doch der Hausgenossen. Das Frauenboot gehört dem Hausvater, Nekor, oder seiner Familie, ebenso das Zelt, wenn eins vorhanden ist. Auch das Haus gehört der Familie, und falls mehrere zusammenwohnen, was ursprünglich allgemein Sitte war, so ist es gemeinsames Eigenthum derselben.

Einen Grundbesitz kennen die Eskimos nicht, doch scheint die Regel zu herrschen, daß sich Niemand dort, wo Leute wohnen, ein Zelt aufschlagen oder eine Hütte erbauen darf, ohne deren Zustimmung einzuholen.

Als Beispiel ihrer Rücksichtnahme aufeinander in dieser Beziehung kann ein Zug angeführt werden, der vor über hundert Jahren von dem früher erwähnten Dalager beschrieben worden ist.

„Im Sommer, wenn sie ihre Zelte und Bagage mitnehmen und sich an einem Orte niederzulassen gedenken, wo sich bereits andere Grönländer aufhalten, rudern sie sehr langsam dem Ufer zu; haben sie es auf Schußweite erreicht, halten sie still, ohne etwas zu sagen. Schweigen die Leute am Ufer ebenfalls still, so glauben die Ankömmlinge, daß sie nicht gern gesehen werden und rudern deswegen so schnell sie können fort, um einen öden Fleck aufzusuchen. Wenn man aber am Lande, was gewöhnlich der Fall ist, ihnen Komplimente zuruft wie: „Seht hier! Hier sind gute Zeltplätze, gutes Lager für eure Frauenböte, kommt und ruht euch von den Beschwerden des Tages aus,“ — so rudern sie nach kurzer Berathschlagung auf das Ufer zu, wo man bereit ist, sie zu empfangen und ihnen beim Heraufschaffen der Bagage behülflich zu sein. Wenn sie aber wieder von dannen ziehen, so helfen sie ihnen nur dabei, das Frauenboot in die See zu schaffen, die übrige Arbeit überlassen sie ihnen allein, nur falls der Davonziehende ein besonders guter Freund ist, wird er mit denselben Ehrenbezeugungen entlassen, wie die, mit denen er empfangen wurde. Die Abschiedsworte lauten: „Euer Scheiden wird bei uns eine stille Erinnerung hervorrufen.“[69]

Ein Anklang an das Eigenthumsrecht scheint auch darin zu liegen, daß es dort, wo sie in lachsreichen Strömen Dämme gebaut haben, um die Fische zu sammeln, nicht gern gesehen wird, wenn Fremde kommen und ihre Dämme verändern oder Netze innerhalb derselben auswerfen, wie es die Europäer häufig in früheren Zeiten gethan haben. (Ebenfalls von Dalager erwähnt.)

Treibholz gehört Demjenigen, der es zuerst in der See treiben fand, gleichviel wo. Um sein Recht zu wahren, ist der Finder verpflichtet, es ans Land zu bugsiren und es bis an das Hochwassermerkzeichen zu wälzen. Vor diesem Eigenthum hat der Eskimo einen großen Respekt, und Derjenige, welcher Treibholz anrührt, das über das Hochwasserzeichen an den Strand geschafft ist, wird als Schurke betrachtet.

Gegen diese Regel haben sich nun freilich die Europäer bis in die jüngste Zeit mit oder ohne ihr Wissen versündigt (vgl. Dalager, Seite 23–24). Als Beweis für die Ehrlichkeit des Eskimos mag angeführt werden, daß Jeder, der Treibholz auf den Strand hinauf geschafft hat, falls nicht Europäer dort gewesen sind, sicher sein kann, es jeder Zeit, ja selbst noch nach Jahren wieder zu finden.

Zur Beleuchtung ihrer Auffassung in betreff des durch Handel und Tausch erworbenen Eigenthumsrechts will ich hier anführen, was Dalager darüber erwähnt: „Leiht ein Mann einem Anderen etwas, als da sind Böte, Pfeile, Angelschnüre oder irgend welche andere Seegeräthschaften und kommt selbiges zu Schaden, entweder dadurch, daß der Seehund oder das Thier mit dem Pfeil fortläuft oder der Fisch die Schnur zerreißt, oder auch daß der Fisch oder Seehund dem Boot einen Schaden zufügt, so geht dies alles auf Kosten des Besitzers, und der Leihende hat nichts dafür zu erstatten. Entleiht Jemand ohne das Wissen des Besitzers Pfeile oder Geräthschaften und kommt selbiges zu Schaden, so ist der Leihende verpflichtet, dem Besitzer einen Schadenersatz zu geben. Dies geschieht jedoch nur sehr selten, ein Grönländer muß auch schon sehr bedürftig sein, ehe er einen Anderen bittet, ihm etwas zu leihen, aus Furcht, daß selbiges zu Schaden kommen könne.“

„Kauft Jemand von einem Anderen kostbare Dinge wie Böte oder Flinten und ist der Käufer nicht im stande, den Verkäufer zu kontentiren für die geforderte Bezahlung, so wird ihm Kredit gegeben, bis er es prästiren kann. Stirbt aber der Debitor vorher, so macht der Kreditor seine Ansprüche niemals geltend. Dies ist — fügt Dalager hinzu — ein sehr nachtheiliger Artikel für die Kaufleute der Kolonie, die stets Kredit geben müssen, ich selber habe das in diesem Jahre mehrmals empfunden, da mehrere meiner Debitoren entschlafen sind und mich dadurch in ein ziemliches Labyrinth versetzt haben“.

Mehr als das oben Erwähnte[70] kann ein Grönländer infolge der ursprünglich dort herrschenden Sitte nicht wohl besitzen.

Selbst wenn er Sinn dafür hätte, sich Reichthümer zu sammeln, was jedoch nur sehr selten der Fall ist, würden seine Genossen Ansprüche auf sein überflüssiges Eigenthum machen können. So entsteht denn in Grönland das natürliche Mißverhältniß, daß die ins Land gezogenen Europäer, die von den Eingeborenen leben, sich Reichthum sammeln und im Ueberfluß leben können, während die Eingeborenen selber es nicht können, selbst wenn sie es wollten.

Nicht einmal über seinen Fang hat der Grönländer freie Verfügung. Es giebt aus alten Zeiten herstammende Regeln, wonach derselbe vertheilt wird, und nur ganz einzelne Thierarten darf er einigermaßen für sich und seine Familie behalten. Hierzu gehört der Atak (Phoca grönlandica) aber auch hiervon muß er jedem der Kajakmänner, die gleich nach dem Fang herbeikommen, ein Stück Speck geben, ebenso erhält jedes Kind des Wohnortes, sobald es nach Hause gekommen ist, ein kleines Stück Speck. Für andere Seehundsarten giebt es bestimmte Regeln, nach denen das ganze gefangene Thier unter die beim Fang Anwesenden oder doch unter die verschiedenen Häuser des Wohnortes vertheilt wird. Das letztere ist besonders bei Walrossen und bei verschiedenen Walarten der Fall, wie z. B. beim Delphin, von dem der Fänger nur einen verhältnißmäßig kleinen Theil erhält, selbst wenn er ihn ganz allein gefangen hat. Werden größere Wale an Land gebracht, so soll es ein ganz unheimlicher Anblick sein, alle Bewohner des Ortes mit Messern bewaffnet über das Thier herstürzen zu sehen, während es noch im Wasser ist, um Jeder sein Theil zu ergattern.[71]

Nicht allein für die größeren Thiere gelten solche Regeln, sondern auch für einzelne Fische ist dies der Fall. Wird z. B. eine Hellflunder gefangen, so ist es die Pflicht des Fängers, den anderen Kajakmännern, die auf dem Fangplatz liegen, jedem ein Stück von der Haut zu geben, die als großer Leckerbissen gilt. Außerdem theilt er, wenn er nach Hause kommt, den Hausgenossen und Nachbarn von seinem Fange mit.

Aus dem hier Angeführten wird zu ersehen sein, daß die Gesetze darauf ausgehen, den Fang, soweit es möglich ist, dem ganzen Wohnort zu gute kommen zu lassen, so daß die einzelnen Familien nicht ganz davon abhängig zu sein brauchen, daß ihre Fänger jeden Tag etwas fangen. Diese Gesetze haben sich auf Grundlage einer langen Erfahrung begründet und durch die Gewohnheit vieler Jahrhunderte eingebürgert.

Selbst wenn ein Fänger den eben angeführten Gesetzen Genüge gethan hat, so kann er doch nicht immer den ihm gesetzmäßig zukommenden Theil seines eigenen Fanges unangefochten behalten. Fängt er z. B. in einer Zeit, wo Mangel und Hungersnoth herrscht, da ist es seine Pflicht, entweder ein Gastmahl zu veranstalten oder den anderen Häusern, deren Bewohner möglicherweise lange kein frisches Fleisch gesehen haben, vom Fang mitzutheilen.

Hat ein guter Fang stattgefunden, so werden Festmahlzeiten abgehalten, und man ißt, so lange man kann. Wird nicht alles aufgegessen und ist auch in den anderen Häusern genug, so wird das übrige als Wintervorrath aufbewahrt, herrscht aber Hungersnoth, so kann man sicher sein, daß alle Diejenigen, die keine Vorräthe mehr haben, sich bei Denjenigen einfinden, die noch mit Lebensmitteln versehen sind, und da ist es denn die Pflicht dieser zu helfen, so lange sie etwas haben, nachher hungern sie gemeinsam und zuweilen verhungern sie auch. Daß Einige im Ueberfluß leben, während Andere Noth leiden, wie es in den europäischen Ländern an der Tagesordnung ist, das ist etwas ganz Unerhörtes in Grönland, natürlich abgesehen von den dort wohnenden Europäern, die mit der ihnen eigenen Fürsorglichkeit oft im Ueberfluß sitzen, während die Grönländer Hunger leiden. Bei den Grönländern untereinander würde dies ganz unerlaubt sein.

Die Grönländer sind überhaupt der Noth Anderer gegenüber die mitleidsvollsten Seelen von der Welt. Ihr erstes Gesetz ist, Anderen zu helfen. Auf diesem Gesetz wie auf dem festen Zusammenhalten im Guten wie im Bösen beruhen alle die kleinen grönländischen Existenzen. Ein hartes Leben hat ihn gelehrt, daß, selbst wenn er ein tüchtiger Mensch ist und sich in der Regel selber helfen kann, doch Zeiten kommen können, wo er ohne die Hülfe seiner Mitmenschen unterliegen würde, deswegen ist es am besten, stets hülfbereit zu sein. „Was ihr wollt, daß Andere euch thun, das thut auch ihr ihnen,“ diese Lehre, eine der vornehmsten und wichtigsten des Christenthums, hat die Natur selber den Grönländer gelehrt, und er führt sie wirklich im Leben aus, was kaum immer von den Christen gesagt werden kann. Zu beklagen ist es, daß diese Lehre ihre Kraft auch hier in dem Maße zu verlieren scheint, in dem die grönländische Gemeinde von der Civilisation beeinflußt wird. Doch ist der Trieb, ihren Nebenmenschen zu helfen, so mit dem Charakter dieser Naturkinder verwachsen, daß ich fest überzeugt bin, sie würden selbst einem Europäer, der einem Grönländer seinen Beistand verweigerte, ihre Hülfe nicht versagen, wenn er in Noth käme.

Ebenso wie diese aufopfernde Nächstenliebe ist auch die Gastfreundschaft gegen Fremde ein wichtiges Gesetz in Grönland. Der Reisende kehrt in die erste, beste Hütte ein, zu der er kommt, und bleibt dort, so lange es nöthig ist. Man nimmt ihn freundlich auf und bewirthet ihn nach besten Kräften, selbst wenn er ein Feind ist. Wenn er fortzieht, giebt man ihm sehr häufig noch Speisen mit. Ich habe Kajakmänner mit Hellbuttfleisch beladen von den Häusern fortziehen sehen, wo sie des Sturmes wegen hatten einkehren müssen. Es ist unmöglich, eine Bezahlung für den Aufenthalt zu entrichten. Selbst ein Europäer, der sich auf der Reise befindet, wird überall gastfrei empfangen, obwohl der Grönländer gar nicht auf den Gedanken kommen würde, dieselbe Anforderung an ihn zu stellen, wenn er auf der Reise an sein Haus kommen sollte. Die Europäer geben jedoch häufig eine Art Vergütung, indem sie Kaffee und dergl. bei sich haben, womit sie ihre Wirthe traktiren und worauf die Grönländer großes Gewicht legen. Deswegen sind die Europäer als Gäste gerne gesehen, wenigstens so lange sie traktiren können.

Kapitän Holm erzählt mehrere merkwürdige Beispiele, welche beweisen, daß die Gastfreundschaft auch an der Ostküste Grönlands als Pflicht betrachtet wird. Ich erinnere an seine Erzählung von dem Mörder Maratuk, der seinen Stiefvater ermordet hatte, und der ein schlechter Mensch war, mit dem Niemand zu schaffen haben wollte. Trotzdem wurde er doch, wenn er zu den nächsten Angehörigen des Ermordeten kam, gastlich aufgenommen und lange unterhalten, sobald er aber abgereist war, sprach man schlecht von ihm.

Zur Gastfreiheit zwingen den Grönländer selbstverständlich auch die harten Naturverhältnisse, denn er wird häufig fern von der Heimath von einem Unwetter überfallen und gezwungen, in dem nächstgelegenen Hause Zuflucht zu suchen.

Leider scheint die Gastfreiheit in den letzten Jahren an der Westküste in der Abnahme begriffen zu sein. Die Europäer geben den Ton darin an. Es soll sogar vorgekommen sein, daß sie die genossene Gastfreundschaft geradezu bezahlt haben, und daß so etwas demoralisirend wirkt, liegt klar auf der Hand.

D. Mahlzeiten. Speisen. Genußmittel.

Der Grönländer hält keine bestimmten Mahlzeiten inne, sondern ißt, wenn er hungrig ist und Speisen hat. Die Fänger essen in der Regel des Morgens, ehe sie in ihre Kajaks gehen, nichts. In früheren Zeiten tranken sie nur ein wenig Wasser, jetzt nehmen sie eine oder zwei Tassen Kaffee zu sich. Sie behaupten, daß sie dann leichter in den Kajaks sitzen. Mit diesem kärglichen Imbiß können sie es dann den ganzen Tag aushalten. Fangen sie etwas, so nehmen sie gerne ein Stück Seehundsspeck zu sich. Sie besitzen eine ganz merkwürdige Fähigkeit zu hungern, können dafür aber auch ganz erstaunliche Mengen auf einmal zu sich nehmen.

Illustration from Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band

Mahlzeit in einer Eskimo-Hütte.

(Von E. Nielsen nach einer Photographie.)

Die Speisen werden gewöhnlich in einer Schüssel mitten auf den Fußboden gesetzt, dann nehmen Alle ringsumher auf den Pritschen Platz und langen nach besten Kräften mit den Fingern zu. Die Schalen auf eine Kiste oder dergleichen zu setzen, — Tische haben sie nicht —, wie wir es thun würden, das fällt ihnen nur selten ein. Es scheint fast, als wenn sie eine gewisse Vorliebe für das Bücken haben. Die Erzählung einer jungen Frau, die nach Grönland gekommen war, giebt uns ein Beispiel davon. Sie hatte mehrere Grönländerinnen zu einer Wäsche im Hause. Als sie in die Waschküche hinaus kam, sah sie sie über den Zuber, der auf der Erde stand, gebeugt dastehen, und da sie dies natürlich sehr beschwerlich fand, gab sie ihnen einige Bänkchen, auf die sie den Zuber stellen sollten. Eine Weile darauf kam sie abermals herein, war aber nicht wenig erstaunt, als sie den Zuber noch immer auf demselben Fleck vorfand, während die Grönländerinnen nun auf den Bänkchen standen und wuschen. Si non e vero, e ben trovato!

Die Zubereitung der Speisen des Eskimos ist ziemlich einfach, auch kennen sie nur wenige Abwechselungen in ihren Speisen. Fleisch und Fisch wird theils in rohem, theils in gefrorenem Zustand gegessen, und zwar ist dies das Gewöhnlichste, theils wird es gekocht und theils läßt man das Fleisch eine Art Fäulnißprozeß durchmachen, ehe es gegessen wird. Ein außerordentlich beliebtes Gericht ist verfaulter Seehundskopf. Der Speck des Seehundes und des Walfisches wird nicht gekocht, sondern roh gegessen. Die Annahme, daß die Eskimos geschmolzenen Thran trinken, ist völlig aus der Luft gegriffen. Die ursprünglichen Grönländer aßen allerlei Pflanzen, wie Engelwurz (Angelika), Cichorie, Sauergras, Krähenbeeren, Bickbeeren und verschiedene Tangarten. Eine ihrer größten Delikatessen ist der Inhalt der Rennthiermägen. Dies liegt ohne Zweifel hauptsächlich darin, daß sie ein so großes Verlangen nach vegetabilischer Nahrung haben, denn der Inhalt dieser Rennthiermägen besteht ja ausschließlich aus Moos und anderen Pflanzenstoffen, die das Rennthier gefressen hat, und die nur eine kleine Veränderung durchgemacht haben infolge ihrer Mischung mit dem Magensaft; ein wenig säuerlich schmeckt das Gericht freilich. Der Inhalt eines Rennthiermagens mit Krähenbeeren und Speck zusammen gekocht, ist ein Leibgericht des Eskimos. Von anderen Leckerbissen will ich noch die Haut (Matak) der verschiedenen Walfischarten nennen. Sie wird zusammen mit der obersten Speckschicht abgezogen und roh verzehrt, besonders die Delphin-Matak gilt als höchst delikat. Ich stimme vollständig mit den Eskimos in der Vorliebe für dies Gericht ein, das wie eine Mischung von Nußkernen und Austern schmeckt. Die meisten in Grönland ansässigen Europäer mögen diese Matak gerne, doch kochen sie sie in der Regel, wodurch sie meiner Ansicht nach sehr verliert.

Fleisch, das nicht fett ist, findet der Grönländer weniger wohlschmeckend, deswegen zieht er die Wasservögel den Schneehühnern vor, obwohl diese in großen Mengen vorkommen. Die Eingeweide werden allerdings mit dem größten Appetit verzehrt, die Schneehühner selber aber pflegen sie an die Europäer zu verkaufen.

Es geschah einmal in einer der Kolonien Südgrönlands, daß ein Pfarrer, der gerade erst ins Land gekommen war, einige Grönländer zu einem Gastmahl einlud und seine Gattin die Gäste mit dem Besten, was sie hatte, traktirte, nämlich mit gebratenen Schneehühnern. Die Grönländer nahmen aber nur sehr wenig zu sich, die Frau des Pfarrers nöthigte sie und fragte, ob sie denn keine Schneehühner möchten. „Ja, gegessen würden sie schon, aber nur im Falle großer Hungersnoth,“ lautete die Antwort.

Von europäischen Waren ist es hauptsächlich der Kaffee, dem die Grönländer verfallen sind. Das Kaffeetrinken ist an der Westküste Grönlands fast bis zum Laster ausgeartet, — Branntwein können sie glücklicherweise nicht kaufen. Sie machen sehr starken Kaffee und trinken selten weniger als zwei gute Tassen auf einmal. In der Regel trinken sie 4–5 mal des Tages Kaffee, „er schmeckt so gut und erheitert,“ sagen sie. Ueber den schädlichen Einfluß sind sie sich jedoch völlig klar, deswegen erhalten junge Männer nur wenig oder gar keinen Kaffee, damit sie gute Fänger werden. Der Schwindel, an dem die Fänger häufig leiden, und der schuld daran ist, daß sie sich nicht grade in dem Kajak halten können, soll ihrer Meinung nach einzig und allein von dem Genuß des Kaffees herrühren. Diese Erfahrung stimmt auffallend mit den neueren physiologischen Untersuchungen überein, durch welche festgestellt worden ist, daß die gefährlichsten Gifte des Kaffees, das Kaffeïn etc., gerade den Theil des Nervensystems angreifen, der das Gleichgewicht berührt.

Nächst dem Kaffee schätzen sie Tabak und Brot am höchsten. Der Tabak wird an der Westküste hauptsächlich geraucht und gekaut, das Schnupfen ist die Leidenschaft der Ostgrönländer, doch wird es auch von den Frauen an der Westküste viel gethan, und man kann häufig die unangenehme Entdeckung machen, daß eine schöne, anziehende Grönländerin eine Prise nimmt.

Der Kautabak wird gewöhnlich in hohen, dänischen Porzellanpfeifen bereitet, indem man diese zur Hälfte voll Rauchtabak stopft, der mit Wasser angefeuchtet wird, worauf man den übrigen Theil der Pfeife voll trockenen Tabak stopft. Die Pfeife wird dann so weit geraucht, bis das Feuer den nassen Tabak erreicht und von ihm gelöscht wird. Dann klopft man die Asche aus, schüttet den Schmirgel, der aus dem Pfeifenrohr, dem Schmirgelbehälter etc. zusammengekratzt werden kann, über die schon tüchtig durchgezogenen Reste, und der Tabak ist fertig.

Der Verkauf von Branntwein an die Grönländer ist von der Regierung verboten. Die in Grönland ansässigen Europäer haben dagegen die Erlaubniß, sich Branntwein aus der Heimath zu verschreiben und den Grönländern davon abzugeben. So kennen sie diesen Genuß also, und es ist etwas ganz allgemeines, daß sie auf Bootsreisen und nach jedem abgeschlossenen Geschäft etwas Branntwein erhalten. Frauen wie Männer lieben ihn leidenschaftlich, nicht weil er gut schmeckt, wie sie mir oft erzählten, sondern weil es eine so herrliche Empfindung ist, betrunken zu sein, und betrunken waren sie denn auch bei jeder Gelegenheit. Im Gegensatz zu den Frauen anderer Länder fanden die Grönländerinnen in der Regel ihre Männer, wenn sie betrunken waren, so besonders anziehend. Sie nennen den Branntwein silakrangitsok, d. h. das, wodurch man den Verstand verliert.

E. Die Stellung der Frauen. Die Ehe. Die Tugend. Die Geburt. Die Kinder.

Die Stellung der Frau in Grönland muß im allgemeinen eine gute genannt werden, jedenfalls ist sie nicht unterdrückt, obwohl sie als weit unter dem Manne stehend angesehen wird. So will ein Grönländer sehr gern Söhne, dagegen aber sehr ungern Töchter haben, und sowohl Vater als Mutter sind in der Regel unzufrieden oder doch betrübt, wenn eine Tochter geboren wird.

Es herrscht eine bestimmte Arbeitseintheilung. Der Mann hat sein schweres Leben als Fänger und Familienversorger, wenn er aber ans Land oder in sein Haus kommt, so ist seine Arbeit beendet, und der Fang wird den Frauen überlassen. Sie empfangen den Fänger am Strande, wenn er, seine Beute bugsirend, naht, helfen ihn ans Land ziehen, und während er seinen Kajak und seine Waffen in Sicherheit bringt und sie an ihren bestimmten Platz trägt, liegt es den Frauen allein ob, die Beute ins Haus zu bringen. In früheren Zeiten war es unter der Würde eines Fängers, bei dieser Arbeit zu helfen, und so ist das Verhältniß auch noch heute im großen und ganzen geblieben. Die Frauen ziehen den Seehunden die Haut ab und zerschneiden den Fang nach bestimmten Regeln, während die Hausfrau der Vertheilung vorsteht. Außerdem ist es die Aufgabe der Frau, Essen zu kochen, die Häute zuzubereiten, die Kajaks und Frauenböte mit Fell zu beziehen, die Kleider der Männer zu nähen und alle häuslichen Arbeiten zu verrichten. Sie müssen auch die Häuser bauen, Zelte aufschlagen und die Frauenböte rudern (daher der Name), wenn sich die Familie auf der Reise befindet. Früher wenigstens war es unter der Würde eines Fängers, ein Frauenboot zu rudern, dagegen war es das Amt des Hausvaters, es zu steuern. Jetzt kommt es allerdings häufig vor, daß ein Eskimo im Boote sitzt und rudert, besonders, wenn dieses von Europäern zu ihren Reisen gemiethet ist. Es macht keinen guten Eindruck, sie so zu sehen, statt in ihren stolzen Kajaks, welche ihre eigentliche Lebensbedingung sind und bleiben, weshalb sie keine Gelegenheit unbenutzt lassen sollten, sich in ihrer Handhabung zu üben. Ein Großfänger hält sich auch noch heute für zu gut, um in einem Frauenboot zu sitzen, es sei denn als Steuermann.

Daheim in den Häusern wird man die Frauen in der Regel fleißig mit irgend einer Arbeit beschäftigt sehen, während die Männer nichts thun als essen, faulenzen, einander Geschichten erzählen und schlafen. Nehmen sie etwas anderes vor, so beschäftigen sie sich höchstens mit ihren Waffen, verzieren sie mit Knochenschnitzereien oder bessern sie aus, wenn es nöthig ist.

Wenn die Familien auf die Rennthierjagd ziehen, so schießen natürlich die Männer die Rennthiere, während es den Frauen obliegt, das erlegte Thier bis an das Zelt zu schleppen, was oft eine anstrengende Arbeit ist, bei der sie eine große Ausdauer nöthig haben.

Die Frauen bedienen sich nur sehr selten der Kajaks, der einzige Fang, den sie betreiben, ist der Angmasaetfang (Mallobus villosus). Dieser findet im Frühsommer statt, wenn der Angmasaet in so dichten Schwärmen an die Küste kommt, daß man ihn förmlich in das Frauenboot hineinschöpfen kann. Man fährt dann so lange mit dem Fang fort, bis man genug für den Wintervorrath zu haben meint, und wenn auch noch Unmengen von Fischen da sind, hält man es nur selten der Mühe werth, mehr zu fangen. Die gefangenen Fische werden von den Frauen zum Trocknen über den Steinen und Felsen ausgebreitet und dann zusammengestaut.

Illustration from Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band

Mit dem Ueberziehen von Kajaks beschäftigte Frauen. Diese Arbeit wird stets mit Kaffee bezahlt.

(Von E. Nielsen nach einer Photographie.)

Kapitän Holm erzählt, daß in Imarsivik an der Ostküste zwei Frauen in Kajaks fuhren. Es herrschte ein ungleiches Verhältniß zwischen Männern und Frauen, indem von 21 Bewohnern nur 5 dem männlichen Geschlecht angehörten. Ob diese Frauen eine ebensolche Fertigkeit im Fangen erreicht hatten, erwähnt er leider nicht.

Diese beiden Frauen waren gänzlich zu der Lebensweise der Männer übergegangen; sie kleideten sich wie Männer, trugen ihr Haar wie diese und traten überhaupt ganz auf, als gehörten sie dem männlichen Geschlecht an. Als sie die Erlaubniß erhielten, zwischen Holms Tauschgegenständen zu wählen, fiel ihre Wahl nicht auf Nähnadeln und ähnliche weibliche Geräthschaften, sondern auf Pfeilspitzen und dergleichen zu ihren Waffen. Es muß sehr schwer gewesen sein, sie von Männern zu unterscheiden, und es ist sehr wahrscheinlich, daß wir sie am 5. August bei Singiartuarfik gesehen haben, ohne zu wissen, welchem Geschlechte sie angehörten.[72]

Holm erzählte, daß noch zwei andere Mädchen am selben Ort zu Fängern ausgebildet werden sollen, daß sie damals aber noch zu jung gewesen seien.

Die Ehen wurden in früheren Zeiten in Grönland ohne viele Umstände geschlossen. Hatte man Neigung zu einem Mädchen, so begab man sich nach ihrem Hause oder ihrem Zelte, zog sie an den Haaren, oder wo man sie sonst zu fassen bekam, ohne weitere Umstände mit sich in sein Haus,[73] wo ihr ein Platz auf der Pritsche angewiesen wurde; wenn es hoch kam, schenkte ihr der angehende Gatte einen neuen Wassereimer oder dergleichen, und damit war die Geschichte fertig. Jetzt dagegen gehört es in Grönland ebenso wie an anderen Orten zum guten Ton, daß die betreffende Dame es sich unter keiner Bedingung anmerken lassen darf, daß sie ihren Freier haben will, selbst wenn sie ihn noch so sehr liebt; sie muß sich deswegen widersetzen, muß jammern und klagen, so daß es weithin schallt; wenn sie recht wohlerzogen ist, so jammert und weint sie wohl gar mehrere Tage, ja entflieht ein oder mehrere Male aus dem Hause ihres Gatten. Wenn die Wohlerzogenheit zu weit geht, kann es wohl vorkommen, daß der Mann, falls er ihrer nicht bereits überdrüssig geworden ist, sie ein klein wenig unter die Fußsohlen ritzt, so daß sie nicht gehen kann, und bis die Wunden geheilt sind, pflegt sie dann eine glückliche Hausfrau geworden zu sein.

Diese Art und Weise, sich zu verheirathen, ist noch heute die einzige Art der Eheschließung in Grönland, und bei einer solchen Entführung kann es oft sehr gewaltsam zugehen, aber die Angehörigen der betreffenden Dame sehen doch mit der größten Gemüthsruhe zu, — die ganze Sache ist eben völlig privater Natur. Die Vorliebe der Grönländer, in gutem Einverständniß mit ihren Landsleuten zu leben, bewirkt, daß sie sich nur ungern in die Angelegenheiten Anderer mischen.

Es kommt natürlich auch vor, daß das junge Fräulein seinen Freier wirklich nicht haben will; in dem Falle setzt es seinen Widerstand so lange fort, bis es sich endlich in sein Schicksal gefunden hat, oder bis sein Freier es aufgiebt. Wie schwierig es für einen Zuschauer ist, zu entscheiden, was ihre wirklichen Wünsche sind, davon theilt uns Graah ein schlagendes Beispiel mit.[74]

Kellitiuk, eine tüchtige Ruderin seines Bootes, wurde eines Tages von einem Ostgrönländer namens Siorakitsok geraubt und in die Berge geschleppt, obwohl sie den heftigsten Widerstand leistete. Da Graah der Ansicht war, daß sie ihn durchaus nicht haben wollte, was auch von ihren nächsten Angehörigen bestätigt wurde, ging er ihr nach und befreite sie. Einige Tage später, als sie im Begriff waren, sich reisefertig zu machen, und das Boot grade flott gemacht war, sprang Kellitiuk in dasselbe, kroch unter eine Ruderbank und deckte sich mit Säcken und Fellen zu. Es verlautete bald, daß sie dies gethan, weil Siorakitsok im nämlichen Augenblick auf der Insel gelandet war, seinen Vater als Sekundanten mitbringend. Graah wurde hiervon benachrichtigt, und überzeugt, daß sie wirklich Widerwillen gegen ihren brutalen Freier nähre, hielt er es für seine Pflicht, sie zu befreien. Als er herzukam, hatte der Freier sie schon halb aus dem Boot herausgezogen, und der Vater stand am Ufer, bereit, bei der Entführung behülflich zu sein. Als Graah sie ihm entriß und ihm eine Anweisung auf die „schwarze Dorthe“, eine andere Ruderin gab, die er gern los sein wollte, hörte ihm der Enttäuschte ruhig zu, murmelte einige unverständliche Worte in den Bart und entfernte sich mit böser Miene und drohendem Blick. Der Vater nahm sich das Schicksal des Sohnes nicht weiter zu Herzen, „er half uns, das Fahrzeug zu beladen,“ berichtet Graah, „und sagte uns dann sein sicher aufrichtig gemeintes Lebewohl.“ Als sie abfahren wollten, war indessen Kellitiuk nirgends zu finden, obwohl man überall auf der kleinen Insel nach ihr suchte und sie rief; sie mußte sich irgendwo versteckt haben, und man fuhr schließlich ohne sie von dannen. Sie hatte doch eine Neigung zu Siorakitsok genährt.

Die ursprünglichen Grönländer trennen ihre Ehen ebenso schnell wie sie sie eingehen. Wird der Mann seiner Frau überdrüssig oder umgekehrt (was jedoch seltener der Fall ist), so sammelt sie ihr Pelzwerk zusammen und kehrt in das Haus ihrer Eltern zurück, als ginge sie die Sache nicht weiter an.

Hat ein Mann eine Neigung zu der Frau eines Anderen, so nimmt er sie ohne weiteres, falls er der Stärkere ist. Als Papik, ein angesehener Fänger an der Ostküste bei Angmagsalik, ein Auge auf Patuaks junge Frau geworfen hatte, begab er sich nach Patuaks Zelt und nahm einen leeren Kajak mit. Er ging hinauf, führte die Frau an den Strand hinab, wo er sie den leeren Kajak besteigen hieß und ruderte mit ihr fort. Patuak, der jünger ist als Papik und sich in Tüchtigkeit und in Kräften nicht mit diesem messen kann, mußte sich ruhig in den Verlust seiner Frau finden.[75]

Es giebt an der Ostküste Beispiele, daß Frauen mit einem Dutzend Männer verheirathet gewesen sind. Utukuluk aus Angmagsalik hatte 8 verschiedene Männer ausprobirt, zum 9. Mal verheirathete sie sich wieder mit ihrem 6. Mann.[76]

Die Scheidung läßt sich, so lange keine Kinder da sind, sehr leicht ausführen; hat die Frau ein Kind bekommen und besonders wenn dies ein Knabe ist, so tritt gewöhnlich ein festeres Verhältniß ein. Der ursprüngliche Grönländer pflegt sich zu verheirathen, sobald er eine Frau versorgen kann. Der Grund hierzu ist häufig der Umstand, daß er einer Frau bedarf, die ihm bei Zubereitung seiner Felle und dergl. mehr behülflich ist. Er verheirathet sich oft, ehe er im stande ist, Kinder zu zeugen, ja an der Ostküste ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß er vor der Zeit bereits 3 bis 4 mal verheirathet war. Ist jedoch erst ein Kind geboren, so wird, wie gesagt, die Scheidung seltener.[77]

Kann ein Fänger an der Ostküste mehr als eine Frau unterhalten, so nimmt er gern noch eine dazu, die meisten guten Fänger haben deshalb zwei Frauen, aber niemals mehr.[78] In der Regel scheint die erste Frau es nicht gern zu sehen, wenn sie eine Rivalin bekommt; zuweilen geschieht dies jedoch auf ihren ausdrücklichen Wunsch, wenn sie der Hülfe bei ihren häuslichen Arbeiten bedarf. Der Grund hierzu kann auch ein anderer sein. „Einmal fragte ich eine Frau,“ erzählt Dalager, „weshalb ihr Mann eine Nebenfrau genommen habe. Ich bat ihn selber darum, antwortete sie, da ich des Kindergebärens überdrüssig bin.“ (Grönländische Relationen Seite 8.)

Bei der Einführung des Christenthums wurde natürlich diese ursprüngliche bequeme Art und Weise der Eheschließung an der Westküste Grönlands abgeschafft, und dort wird man jetzt unter ähnlichen religiösen Ceremonien verehelicht wie in Europa. Auch braucht die Braut sich jetzt nicht mehr so sehr zu widersetzen wie früher.

Wenn es aber früher leicht war, eine Frau zu bekommen, so ist das jetzt um so mehr erschwert worden. Die Trauung muß nämlich von einem Pfarrer vollzogen werden, die eingeborenen Katecheten, welche die Stellvertreter der Pfarrer an den verschiedenen Wohnorten sind, dürfen es nämlich nicht thun. Wenn man nun an einem Ort wohnt, wohin der Pfarrer nur vielleicht einmal im Jahre kommt, muß man sich also danach einrichten, gerade um die Zeit einig mit seiner Braut zu sein. Hat aber ein junger, kräftiger Bursche Lust sich kurz nach der Abreise des Pfarrers zu verheirathen, so muß er also ein ganzes Jahr warten, bis der Pfarrer wiederkommt und seiner Ehe den obligaten Segen verleiht.

Daß eine solche Ordnung dazu führt, daß man losere Verbindungen eingeht oder als Ehepaar ohne kirchlichen Segen miteinander lebt, scheint unvermeidlich zu sein, selbst wenn die Grönländer nicht schon von Natur dazu neigten. Diese Ordnung kann daher nur schädlich und herabwürdigend für die Handlung wirken, der man wohl im Grunde dadurch mehr Ansehen hat verleihen wollen, daß nur der Pfarrer sie vollziehen kann.

Bei der Einführung des Christenthums wurde natürlich auch die Vielweiberei abgeschafft. Im Jahre 1745 hatte ein Heide bei Frederikshaab Lust, Christ zu werden, als er aber dazu kam, daß er sich von seiner Nebenfrau trennen sollte, wurde er schwankend, weil er zwei Söhne von ihr hatte, von denen er sich bei der Gelegenheit also ebenfalls trennen mußte, deswegen sattelte er um und ging seiner Wege![79] Verdenken kann man dem Mann das eigentlich nicht.

Aehnliche Fälle, wo verlangt wird, daß ein Mann sich von der einen seiner Frauen trennen soll, mit der er möglicherweise lange Jahre glücklich gelebt hat, kommen noch heute vor, wenn sich die Grönländer von der Ostküste an der Westküste (in der Nähe von Kap Farvel) niederlassen und getauft werden. Es braucht wohl kaum darauf hingewiesen zu werden, zu welchem Unrecht der Mann hier gegen seine einmal angenommene Frau gezwungen wird. Schon Dalager hält dies für eine Ungerechtigkeit und „es scheint ihm ein Problema zu sein,“ inwiefern es gegen Gottes Ordnung streitet, daß ein Mann mehr als eine Frau hat.

Vielweiberei kommt noch zuweilen an der Westküste vor, und eine Nebenfrau scheint das Erste zu sein, was ein tüchtiger Grönländer sich anschafft, wenn er sich überhaupt auf Weitläufigkeiten einläßt. In Godthaab wurde mir ein Beispiel hiervon erzählt.

Renatus, der tüchtigste Fänger am Grädefjord, hatte sich in ein junges Weib verliebt und nahm sie zur Nebenfrau. Das Verhältniß zwischen ihm und seiner ersten Frau schien indessen ein gutes zu sein, und alles verlief ruhig, bis der Missionar[80] davon Kunde erhielt. Dieser hielt dem Manne die große Sünde vor, die er beging, und versuchte es, ihn zu bewegen, daß er seine Nebenfrau aufgeben sollte, was ihm jedoch nicht gelang. Inzwischen wurde von dem Vorstand[81] in Godthaab eine Klage eingereicht. Renatus erschien und allmählich brachte man ihn dahin, sich gutwillig zu fügen. Er sandte seine Frau nach Kangek (außerhalb Godthaab), wo sie im Hause des Katecheten Simons aufgenommen wurde. Gleichzeitig zog er jedoch weiter nördlich in die Nähe von Narsak, und da er dadurch einen gemeinsamen Fangplatz mit den Kangekern erhielt, geschah es häufiger, daß er mit ihnen zusammentraf und sie nach Hause begleitete, wodurch er Gelegenheit hatte, mit seiner zweiten Frau zusammen zu sein. Da indessen später von seinem früheren Wohnplatz aus große Klage geführt wurde, weil man dort Noth litt, nachdem er, der beste Fänger des Ortes, fortgezogen war, so kehrte er wieder dorthin zurück und hat seither ein sittsames Leben geführt. Dies geschah vor einigen Jahren, die Nebenfrau lebt noch immer in Kangek, wo ich sie gesehen habe. Sie trägt ein grünes Haarband zum Zeichen, daß die von ihr geborenen Kinder als unehelich betrachtet werden.

Ein anderer tüchtiger Fänger in der Nähe von Lichtenfels hatte ebenfalls eine Nebenfrau genommen. Als der Missionar dies hörte, ließ er ihn zu sich kommen und versuchte auf ihn einzuwirken, was ihm aber nichts half, denn es trat keine Veränderung ein. Da schrieb der Missionar, erhielt aber keine Antwort, er schrieb strenger und strenger und ließ schließlich ernsthafte Drohungen einfließen; hierauf erhält er eine Antwort, die nur das eine Wort „Susa“ enthielt, was ungefähr so viel bedeutet als: „Ich scher mich den Teufel darum!“ Später scheint der Mann jedoch seiner Nebenfrau überdrüssig geworden zu sein, denn er ließ sich von ihr scheiden.

Die Stellung der Frau in der Ehe ist in Grönland wie in anderen Ländern der Welt sehr verschieden und hängt im wesentlichen von den Individuen ab. In der Regel führt der Mann das Regiment, aber ich habe auch Beispiele gesehen, daß er unter dem Pantoffel der Frau war; im ganzen gehört dies jedoch zu den Ausnahmen. Bei den ursprünglichen Eskimos scheint die Frau im Grunde als Eigenthum des Mannes betrachtet zu werden.

An der Ostküste geschieht es nicht selten, daß bei der Verehelichung ein förmlicher Handel geschlossen wird, indem „ein Jüngling dem Vater eine Harpune oder dergl. bezahlen muß, um seine schöne Tochter zur Ehe zu erhalten“, wie umgekehrt gute Fänger von den Eltern bezahlt werden, wenn sie die Töchter nehmen, und die Letzteren sind gezwungen, sich zu verheirathen, wenn die Väter es wünschen.[82] An der Ostküste geschieht es auch nicht selten, daß zwei Fänger sich darüber einigen, auf kürzere oder längere Zeit mit den Frauen zu tauschen, zuweilen behalten sie die eingetauschte Frau auch ganz. Das Austauschen der Frauen findet auch noch jetzt an der Westküste statt, besonders wenn man im Sommer in Zelten landeinwärts wohnt und sich auf der Rennthierjagd befindet, zu welcher Zeit man sich allerlei Freiheiten erlaubt.

Das Verhältniß zwischen den Ehegatten scheint in der Regel ein sehr gutes zu sein. Ich habe es niemals gesehen oder gehört, daß zwischen Mann und Frau ein unfreundliches Wort gewechselt wurde. Dies ist auch die allgemeine Erfahrung. Die grönländischen Gatten sind überhaupt äußerst rücksichtsvoll gegeneinander, ja man kann häufig sehen, daß sie sich liebkosen. Sie küssen sich, indem sie die Nasen gegeneinander drücken oder sich anschnupfen.

Auch an der Ostküste scheint das Verhältniß zwischen Mann und Frau in der Regel sehr gut zu sein, doch kommen dort nach Kapitän Holms Angaben oft blutige Auftritte vor.

Als Sanimuinak eines Tages mit einer neuen Frau (der vorhin erwähnten Utukuluk mit den 9 Männern) zu seiner Gattin Puitek nach Hause kam, ward diese böse und schalt ihren Mann. Er wurde wüthend, ergriff sie beim Schopf und schlug sie mit der Faust auf den Rücken und ins Gesicht. Schließlich ergriff er ein Messer und stach sie in das Knie, so daß das Blut herausspritzte.[83] Dergleichen Fälle scheinen jedoch bei diesem friedliebenden Volk zu den Ausnahmen zu gehören.

Eine tiefere Liebe zu einander scheinen die Ehegatten nur ausnahmsweise zu haben, und stirbt der eine Theil, so tröstet der Hinterbliebene sich in der Regel sehr schnell. „Verliert ein Mann seine Frau,“ sagt Dalager, „so kondoliren ihm in der Regel nicht sehr Viele seines eigenen Geschlechts. Die Frauen dagegen postiren sich bei ihm hinter der Pritsche und beweinen die Verstorbene, wozu er schluchzt und sich die Nase trocknet.“ Nur wenige Tage später fängt er jedoch bereits wieder an, sich zu schmücken, und gleich wie in den Tagen seiner Junggesellenzeit werden sein Kajak und seine Waffen aufgeputzt, denn hiermit macht der Grönländer am meisten Staat. Wenn er dann in so glänzender Ausrüstung zu den andern Eskimos auf die See kommt, so sagen sie: „Gebt acht, da kommt ein neuer Schwager.“ Hört er das, so schweigt er und lächelt still vor sich hin. Nimmt der Mann eine neue Frau, so läßt sie es sich angelegen sein, über ihre eigenen Unvollkommenheiten zu klagen und die Tugenden der früheren Frau zu loben, „woraus man ersieht, daß die Grönländerinnen ebensosehr danach angethan sind, interessirte Rollen zu spielen wie die Evastöchter anderer Länder und Zonen.“

Aus dem Obenangeführten wird man ersehen können, daß die Tugend in keinem besonders hohen Ansehen in Grönland steht. Die ursprünglichen Grönländer scheinen in der Beziehung sehr vage Begriffe zu haben, und ein Vergehen gegen das sechste Gebot wird kaum als ein Unrecht betrachtet.

Dies geht ganz deutlich aus alledem hervor, was wir jetzt von den Ostgrönländern kennen, ebenso wie aus den Berichten Egedes und der ersten Missionare über die Heiden an der Westküste. Es gilt weder bei den Heiden an der Ostküste noch bei den Christen an der Westküste als Schande für ein unverheirathetes Frauenzimmer, Kinder zu bekommen. Hiervon habe ich sehr häufig Beispiele erlebt. Zwei Mädchen in der Nähe von Godthaab, die guter Hoffnung waren, bemühten sich keineswegs, dies zu verbergen, ja sie legten schon lange, ehe es nöthig war, ein grünes Haarband[84] an, sie schienen beinahe auf ihre grüne Farbe stolz zu sein. Ich habe Grönländerinnen gesehen, welche die grüne Farbe nicht nur zum Haarband benutzten, sondern die auch ihren Anorak damit verzierten, was weder vorgeschrieben noch gebräuchlich ist.

Obwohl die Pfarrer gegen diese schlaffe Moral geeifert haben und bemüht gewesen sind, von der Schulbank aus eine strengere Zucht einzuführen, so ist dadurch ihre Auffassung nur wenig verändert worden, und die jungen Grönländerinnen versuchen es gar nicht, ein Hehl daraus zu machen, wenn sie in einem Verhältniß zu einem Manne stehen; ist dies ein Europäer, so prahlen sie geradezu damit. Hieran sind freilich die Europäer zum großen Theil Schuld, denn die jungen unverheiratheten Männer, die nach Grönland gekommen sind, haben sich in der Beziehung den Grönländerinnen gegenüber schlecht benommen, und infolge des Respekts, in den man sich zu setzen gewußt hat, ist es so weit gekommen, daß der gewöhnlichste europäische Matrose dem besten grönländischen Fänger vorgezogen wird. Dies hat denn auch sichtbare Folgen getragen, indem die Rasse in den 150 Jahren, seit die Europäer sich im Lande niedergelassen haben, derartig mit europäischem Blut vermischt ist, daß es jetzt an der ganzen Westküste äußerst schwer ist, einen unvermischten Eskimo zu finden, wenn es deren überhaupt noch giebt.[85] Und dies ist der Fall, obwohl die Zahl der Europäer im Lande nur einen geringen Bruchtheil der Eingeborenen beträgt, es kommen etwa einige wenige hundert Europäer auf 10000 Eskimos.

Es ist ganz selbstverständlich, daß die Vergehen der Europäer gegen das sechste Gebot nicht dazu beigetragen haben, den Pfarrern die Arbeit mit der Einführung der neuen Moral zu erleichtern. Meine eigene, wie wohl auch die allgemeine Erfahrung geht darauf hinaus, daß die Grönländerinnen in der Nähe der Kolonien, wo sich viele Europäer befinden, leichtfertiger sind als bei den ausschließlich eskimoischen Wohnplätzen. Als Beispiel will ich anführen, daß die Frauen bei Sardlok und theils auch bei Kornok einen weit besseren und tugendhafteren Eindruck machten als die Frauen bei Godthaab, Neu-Herrnhut und Sukkertoppen.

Uebrigens nehmen es nicht allein die unverheiratheten Grönländerinnen in dieser Beziehung so leicht. Die Verheiratheten sind, besonders bei den Heiden, wenn möglich noch weniger eigen damit. Es ist bereits erwähnt worden, daß man an der Ostküste häufig die Frauen austauscht, dies geschieht jedoch stets zwischen bestimmten Männern, und ein Gatte sieht es in der Regel nicht gern, daß Andere als Derjenige, dem er seine Frau überlassen hat, in einem Verhältniß zu ihr stehen, er selber behält sich volle Freiheit vor. Im Winter, während sie in ihren Hütten wohnen, spielen sie jedoch häufig das sogenannte „Lampenauslösch- oder Frauenaustauschspiel“, bei dem die Lampen gelöscht werden und allen Anwesenden völlige Freiheit gestattet ist.

Ein ganz ähnliches Spiel gab es auch bei den Westgrönländern, ehe sie getauft wurden, ob es nicht noch jetzt im Geheimen an den Orten gespielt wird, wo der Pfarrer und die Autoritätspersonen es schwerlich entdecken können, dafür will ich nicht einstehen.

Die Grönländer scheinen indessen nicht von Natur allen Sittlichkeitsgefühls bar zu sein. Sie führen sich im täglichen Leben sehr anständig auf, darüber sind alle Reisenden sich einig, und selbst die Heiden geben im täglichen Leben keine Veranlassung zu irgend welchem Aergerniß.

Wenn ein Heide (und wohl auch mancher christliche Grönländer) die Frau eines anderen Mannes nicht anrührt, obwohl er Lust dazu hat, so scheint in der Regel der Grund hierzu mehr die Furcht zu sein, daß er sich deswegen mit dem anderen Manne entzweien könnte, als der Gedanke ein Unrecht zu begehen. Daß die Grönländer aber nur einen sehr schwachen Begriff in dieser Beziehung haben, davon zeugt unter anderem folgende Redensart, die bei Angmagsalik gebräuchlich ist: „Die Walfische, Moschusochsen und Rennthiere haben sich verlaufen, weil die Männer zu viel Umgang mit den Frauen anderer Leute gepflegt haben.“ Viele Männer behaupten freilich, der Grund hierzu sei der Umstand, „daß die Frauen eifersüchtig waren, weil die Männer zu viel Umgang mit den Frauen anderer Leute pflegten“.

Dies letztere soll auch bewirkt haben, daß der Sund, der das Land früher vom Sermilikfjord bis zur Westküste durchschnitt, sich mit Eis gefüllt hat.[86] Egede erzählt, daß das Gebot von der Monogamie besonders den Frauen sehr zugesagt habe und daß sie ihn häufig aufforderten, es den Männern beim Religionsunterricht recht nachdrücklich vorzuhalten.

In anderer Beziehung scheint dagegen das moralische Bewußtsein der Grönländer weit mehr entwickelt zu sein als dies bei uns der Fall ist. So wird es z. B. als unstatthaft betrachtet, sich mit einem Geschwisterkind oder mit irgend einem nahen Verwandten zu verheirathen, am liebsten soll man eine Ehe mit Jemand schließen, der auswärts ansässig ist. Dies ist eine Regel, die eine kräftige Nachkommenschaft sichert.

Die ungemischten Grönländer sind in der Regel sehr wenig fruchtbar. Zwei bis vier Kinder sind das Gewöhnliche in einer Ehe, doch giebt es auch Ehen mit sechs bis acht, ja mit noch mehr Kindern. Die Grönländerinnen gebären ungeheuer leicht. Graah erzählt ein Beispiel davon, wie wenig Umstände sie sich damit machen. Als er auf seiner Reise an der Ostküste entlang den Bernstorff-Fjord passirte, sollte eine der Frauen gebären. Sie ruderten schleunigst ans Ufer und landeten an einem kahlen Berg auf der Nordseite des Fjords. Während die Entbindung vor sich ging, streckte sich der Ehemann der Länge nach auf dem Berge aus und schlief, bald aber weckte man ihn mit der erfreulichen Nachricht, daß ihm ein Sohn geboren sei. Dies wird, wie bereits erwähnt, als ein Glück angesehen, während die Töchter etwas Unbedeutendes sind. „Auch gab Emenek, so hieß der Mann, seiner Gattin seine Zufriedenheit zu erkennen, indem er ihr ein „Ajungilatit“ (Du bist nicht übel) zulächelte. Mit unserm neuen Passagier setzten wir dann unsere Reise fort.[87]“

Die heidnischen Grönländer tödten verwachsene wie kränkliche Kinder, von denen man annimmt, daß sie nicht leben können, auch solche Kinder, deren Mutter bei der Geburt stirbt und die Niemand säugen kann, werden umgebracht. Dies pflegt zu geschehen, indem man sie im Freien an die Erde oder auch ins Meer wirft.[88]

So grausam dies auch manchen europäischen Müttern vorkommen mag, so kann man doch im Grunde nicht leugnen, daß es eine vernünftige Einrichtung ist, denn bei den harten Lebensbedingungen, unter welchen der Grönländer sein Dasein fristet, wird es begreiflich erscheinen, daß man ungern eine schwächliche Nachkommenschaft aufzieht, die niemals im stande sein wird, Nutzen zu schaffen, sondern darauf angewiesen ist, sich von der Gemeinde ernähren zu lassen. Aus demselben Grunde stehen auch Leute, welche so alt geworden sind, daß sie keinen Nutzen mehr schaffen können, nur in geringem Ansehen, weshalb sie sich oft sehnen, aus der Welt zu kommen.

An der Ostküste soll es vorkommen, daß man alte Leute, von denen man glaubt, daß sie sterben werden, ertränkt oder daß sie sich selber ertränken.

Die grönländischen Kinder werden sehr lange gesäugt. Drei bis vier Jahre ist nichts Ungewöhnliches, und ich habe sogar erzählen hören, daß Knaben von zehn bis zwölf Jahren noch die Brust erhielten.

So theilte mir ein Europäer in Godthaab mit, daß er gesehen habe, wie ein junger 12jähriger Held mit einem eben gefangenen Seehund in seinem Kajak heimgekehrt und sofort zu der Mutter ins Haus gestürzt sei, wo er zwischen ihren Knien stehend, einen Skondrok verzehrte und sein Getränk aus der mütterlichen Brust sog.

Die Grönländer sind ungewöhnlich stolz auf ihre Kinder und thun alles, um sie zufriedenzustellen, besonders wenn es Knaben sind, die stets als angehende Fänger und Stützen der Familie betrachtet werden.

Illustration from Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band

Eskimo-Knabe aus Godthaab.

(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)

Illustration from Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band

Eskimo-Knabe aus Godthaab. (Nach einer Photographie von C. Ryberg.)

Diese kleinen Tyrannen pflegen in der Regel das ganze Haus zu regieren, und das Wort des Weisen Salomo: „Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es beizeiten,“ wird nicht anerkannt; die Grönländer züchtigen ihre Kinder nie oder nur selten, und ich habe nicht einmal einen Eskimo ein hartes Wort zu einem seiner Kinder sagen hören. Man sollte erwarten, daß die Eskimokinder bei dieser Erziehung unartig und ungezogen würden. Dies ist jedoch keineswegs der Fall; obwohl ich mich ziemlich viel unter den Eskimos an der Westküste bewegt habe, so sind mir nur ein einziges Mal unartige Eskimokinder begegnet, und zwar in einem mehr europäischen als grönländischen Hause. Wenn die Kleinen einigermaßen zur Vernunft gekommen sind, so reicht ein vernünftiges Wort von seiten des Vaters oder der Mutter aus, um sie zu regieren. Niemals habe ich weder im Freien noch in den Häusern gesehen, daß Eskimokinder uneinig waren, sich zankten oder gar sich prügelten. Ich habe sie stundenlang bei ihren Spielen beobachtet, habe sogar an ihrem „Fußball“ theilgenommen (ein eigenartiges Spiel, das viel Aehnlichkeit mit dem englischen Football hat), und dabei kann bekanntlich gar leicht eine Uneinigkeit entstehen, nie aber sah ich unfreundliche Mienen oder Heftigkeit. Wo in Europa würde das wohl möglich sein? Was der Grund zu diesem auffallenden Unterschied zwischen europäischen und Eskimokindern ist, kann ich nicht mit Gewißheit sagen, im wesentlichen beruht es wohl in der äußerst friedlichen und gutmüthigen Natur der Grönländer. Zum Theil mag es auch darin liegen, daß sich die Eskimofrau stets mit ihren Kindern in einem Raum aufhält und sie, wenn sie sich im Freien bewegt, in der Amaute auf ihrem Rücken trägt, ja sie sogar mit auf ihre Arbeit nimmt; sie giebt sich folglich weit mehr mit ihren Kindern ab (sie säugt sie ja auch viel länger), als die europäischen Mütter selbst in den niederen Schichten thun, geschweige denn in den höheren, wo ja die Kinder den Mädchen oder Bonnen fast gänzlich überlassen sind. Infolgedessen herrscht natürlich in Grönland ein weit innigeres Familienleben zwischen Kindern und Eltern als in Europa. Daß die Eskimojungen sich hin und wieder einmal damit belustigen, nach den Enten und Hühnern des Koloniedirektors oder des Pfarrers zu werfen, muß man ihnen nicht zur Last legen, ebensowenig, wenn sie einmal in den Garten des Koloniedirektors eindringen und dort Unheil anstiften.

Illustration from Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band

Eskimo-Knabe und -Mädchen aus Sukkertoppen. Das Mädchen mit einer kleinen Schwester in der Amaute ihrer Mutter.

(Nach einer Photographie.)

Man darf nicht vergessen, daß die Achtung vor dem Grundeigenthum völlig außerhalb ihres Fassungsvermögens liegt, wie sie auch nicht begreifen können, daß man nicht alles fangen und nehmen darf, was auf dem Felde wächst und sich dort bewegt; man mag ihnen das noch so viel einprägen, sie werden es doch niemals fassen.

Es ist bereits früher erwähnt worden, daß die Knaben schon zeitig zu ihrem Beruf erzogen werden; auf gleiche Weise erlernen auch die Mädchen den ihren; sie müssen schon in jungen Jahren nähen und der Mutter in ihren häuslichen Verrichtungen zur Hand gehen.

F. Charakter, Verbrechen, Trommeltanz und Gerichtsverfahren. Freiheitsgefühl.

Der Grönländer hat einen äußerst munteren und sorglosen Sinn, er gleicht in dieser Hinsicht einem Kinde. Wenn er einen Kummer hat, was jedoch nur selten vorkommt, so giebt er sich ihm im Augenblick vielleicht mit Heftigkeit hin, er ist aber schnell vergessen und gar bald ist er wieder so strahlend, so munter und so zufrieden mit seinem Geschick wie gewöhnlich.

Notes in this chapter

Note 1 · Diese Aehnlichkeit ließe sich ja übrigens auch dahin erklären, daß es eine sehr alte Rasse ist, bei der alles zu bestimmten Formen erstarrt Note 2 · Diesen Grund giebt Dr. Rink in seiner Abhandlung: „The Eskimo Tribes“ an. Mittheilungen über Grönland, Bd. XI., Kopenhagen 1887, S. 32.Note 3 · Dr. Rink „Eskimoische Märchen und Sagen“, Supplement, Kopenhagen 1871, S. 217.Note 4 · Die Inlandseskimos in Alaska betreiben noch heutzutage Fischfang auf den Flüssen in Kanoes aus Birkenrinde.Note 5 · Das Beziehen der Böte mit Fellen scheint an mehreren Stellen der Erde, ganz unabhängig voneinander, erfunden zu sein. Coracle oder Korbböte Note 6 · Die Türken haben ein Wort „Kajek“ für eine gewisse Bootsart. Dasselbe Wort kommt auch in der serbischen, der bulgarischen wie in den meistenNote 7 · Die Nordwestindianer und Tschuktschernen benutzen übrigens auch Harpunen und die große Blase zum Fang der großen Seethiere, indem sie diese Note 8 · Siehe u. A. Cook and King, „A voyage to the Pacific Ocean etc. third edition“, London 1785, vol. II., S. 513. Siehe ebenfalls spätere SchrifNote 9 · Merkwürdig ist es, daß die Bewohner der Insel St. Lawrence die Kajaks gar nicht zu kennen scheinen. Sie haben nur große, offene Fellböte vomNote 10 · F. v. Lütke Ermans Archiv, Bd. III., Seite 446–464, 1843.Note 11 · Ueber die verschiedenen Formen des Wurfbrettes bei den Eskimos siehe Masons Abhandlung darüber: Annual Report etc. of Smithsonian InstitutioNote 12 · Dort oben haben sie den ganzen Winter viele Seehunde auf dem Eise fangen können und dies ist eine Fangart, die sie höher im Norden erlernt hNote 13 · Gustav Storm, Studien über die Vinlandsreisen u. s. w. Jahrbücher für Nordische Alterthumskunde und Geschichte 1887, Kopenhagen 1888, Seite Note 14 · Ueber das Zusammentreffen mit den alten Norwegern besitzen auch die Eskimos selber mehrere Sagen. Siehe Rinks eskimoische Sagen und Märchen.Note 15 · Man hat gewöhnlich aus der Flóamannasage den Schluß ziehen wollen, daß der früher bereits erwähnte Thorgils Orrabeinsfostre bereits um das JNote 16 · Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 58.Note 17 · Die ursprünglichen Frauenpelze pflegten nach unten zu in eine Schnippe auf dem Magen und eine auf dem Rücken zu enden, die einem Schwanze glNote 18 · Zuweilen benutzt man auch das Fell des blauen Seehundes (phoca barbata) oder das des Ringseehundes phoca foetida. Das Erstere ist das stärksNote 19 · Dieselbe pflegt aus dem ganzen Fell eines jungen Ringseehundes (Phoca hispidia) gemacht zu sein, das enthaart, aufgepustet und dann getrocknNote 20 · Eine Ausnahme hiervon bildet eine besondere Art Harpune (Siga gut), die bei Kangamiut und nördlich davon zur Walroßjagd benutzt wird. Sie isNote 21 · Man hält das Ruder, indem man damit nach der Seite ausholt, in einer etwas schrägen Lage, so daß das Ruderblatt durch die Bewegung das WasseNote 22 · Wo das Wasser im Winter an Grönlands Westküste offen ist, staut sich doch stets Eis am Strande auf, und bei Ebbe kann dies ungefähr eine 10 Note 23 · Diese und viele ähnliche Berichte sind von den Grönländern selbst in ihrer eigenen Sprache geschrieben und in dem grönländischen früher erwäNote 24 · In einer ganzen Anzahl von Häusern, namentlich in der Nähe der Kolonien, findet man jetzt jedoch häufig Oefen, die von der grönländischen HaNote 25 · Der Inhalt dieser Rennthiermägen ist, wie bereits früher in diesem Buche erwähnt wurde, eine große Delikatesse für die Grönländer.Note 26 · Es kann uns nicht wundern, daß die Eskimos, besonders im Anfang, eine sehr schlechte Meinung von den Europäern erhielten, denn viele von denNote 27 · Dalagers „Grönlands Relationer“ 1752, Kopenhagen, S. 15–16.Note 28 · Für die nördlicher wohnenden Grönländer kommen noch Hunde und Hundeschlitten dazu.Note 29 · Wenn Mehrere zusammen auf Jagd gegangen sind, so giebt es auch da bestimmte Regeln. Schießen zwei oder mehrere Personen auf ein Rennthier, sNote 30 · Holm erzählt nämlich von der einen, daß sie die Tochter eines Zwerges bei Imarsivik gewesen, und dieser wird gewiß mit dem kleinen buckeligeNote 31 · Es kam auch wohl vor, daß man Andre bat, dies für sich zu besorgen, doch mußte es stets in Form eines Ueberfalles oder Raubes geschehen.Note 32 · Graahs Entdeckungsreise an die Ostküste von Grönland, Kopenhagen 1832, S. 145–148.Note 33 · Siehe Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 96.Note 34 · Siehe Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 103.Note 35 · Siehe ebendaselbst S. 94.Note 36 · Dalager erwähnt, daß zu seinen Lebzeiten an der Westküste kaum der zwanzigste Theil der Grönländer zwei Frauen hatte, sehr selten hatten sieNote 37 · Dalager, Grönl. Relat. S. 9.Note 38 · Die Bewohner des Grädefjords gehören der Herrnhuter Gemeinde an.Note 39 · Dies ist eine Art von Thing oder Versammlung, die im wesentlichen aus Abgesandten der verschiedenen Wohnorte des Distrikts besteht. Die EuroNote 40 · Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 96.Note 41 · Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 102.Note 42 · Wie bereits erwähnt wurde, wird ein grünes Haarband von solchen Frauen getragen, die in unverehelichtem Stande Kinder geboren haben.Note 43 · Ein weiterer Grund hierzu ist auch die natürliche Wahl der Geschlechter, indem die Abkommen solcher Mischlinge gewöhnlich schöner sind als dNote 44 · Siehe Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 100.Note 45 · Graah, Entdeckungsreise, S. 141.Note 46 · Siehe Holm, Mittheilungen über Grönland, Bd. 10, S. 91.
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