Kapitel XXVI. Der grönländische Eskimo. (continued 2)
Mathilde Mann translation
Dieser sein sorgloser Leichtsinn hat es indessen im Gefolge, daß er nur selten an die Zukunft denkt, und hat er, wie bereits erwähnt, genügend Speise für den Augenblick, so ist er unbesorgt und ißt so lange als etwas da ist, wenn er dann auch später Noth leiden muß, was jetzt leider nur zu oft geschieht und was mit jedem Jahr allgemeiner wird. Man hat ihm dies oft in starken Ausdrücken vorgehalten, aber die Sache hat doch auch ihre guten Seiten, denn dadurch spart er sich die Angst vor der Zukunft, die wohl das größte Leiden unserer Armen ist. Bekommt der Eskimo dann wieder Speisen, so ist er vergnügt wie immer, und die Erinnerung an erlittene Qualen ist ebensowenig im stande, seinen Frohsinn zu trüben, wie die Aussicht auf die ihm möglicherweise bevorstehenden. Das Einzige, was seiner Freude Abbruch thun kann, ist das Gefühl, daß Andere Noth leiden, während es ihm selber gut geht. Hierin findet er sich deswegen auch nur sehr schwer.
Wie bereits mehrfach berührt, sind Gutmüthigkeit, Friedfertigkeit und Bequemlichkeit die hervorragendsten Züge im Charakter des Eskimos. Er widerspricht ungerne einem Anderen, selbst wenn dieser etwas erzählt, was sich ganz anders verhält, jedenfalls kleidet er seine Einwendung in die denkbar mildeste Form. Er sagt einem Anderen selten gerade heraus eine Wahrheit, von der er annehmen kann, daß sie ihm unangenehm ist, er will sich gerne so gut wie möglich mit seinen Nebenmenschen stehen, und nur ganz ausnahmsweise hat er einen Feind. Seine Friedfertigkeit geht sogar so weit, daß er, wenn ihm Jemand etwas stiehlt, was freilich nur sehr selten der Fall ist, das gestohlene Gut niemals zurückfordert, selbst wenn er weiß, wer es ihm genommen hat. Infolgedessen entstehen denn auch nur selten oder eigentlich niemals Zwistigkeiten, das Leben gleitet eben und ruhig dahin. Die Ehrlichkeit ist ein hervorragender Zug in dem Charakter des Eskimos. Wenn die Europäer das Gegentheil behauptet haben, so beruht dies im wesentlichen auf dem Gesichtspunkt, von dem man die Sache betrachtet. Hausgenossen oder Leute zu bestehlen, die am selben Ort wohnen, gilt für verwerflich und geschieht nur höchst selten. Fremde zu bestehlen, ist weniger schlimm, obwohl es keineswegs als erlaubt betrachtet wird und daher auch zu den Ausnahmen gehört. Daß die Eskimos die Europäer häufig bestahlen, als sie zuerst mit ihnen zusammenkamen, kann Niemand wunder nehmen, wenn man bedenkt, wie diese sie behandelten und sogar Einige von ihnen mit sich nach Europa entführten. Die Eskimos betrachteten sie halbwegs wie Feinde, jedenfalls nicht als Freunde, deshalb sahen sie nichts Böses darin, zu stehlen, wo sich die Gelegenheit bot. Dieselbe Auffassung hat sich möglicherweise noch heute in gewisser Beziehung erhalten, jedenfalls gilt es als bedeutend weniger unrecht, Europäer zu bestehlen als die eigenen Landsleute. Und doch kommt das nur selten vor. Ich habe es freilich gesehen, daß gutartige Eskimos Mehl aus den Tonnen der Handelsgesellschaft mausten; es genirte sie nicht im geringsten, daß ich ihnen zusah, sie stahlen ja von der unpersönlichen grönländischen Handelsgesellschaft, was sie allem Anschein nach nicht als Unrecht ansahen.
Als Beweis für ihre Ehrlichkeit den Moralgesetzen gegenüber, die sie achten, mag auf die bereits erwähnten Verhältnisse hingewiesen werden, daß sie z. B. niemals Treibholz anrühren, das über das Hochwasserstandszeichen gelegt ist. Wenn nun die Europäer, was sehr oft geschieht, sich gegen dies Gesetz versündigen, so haben die Grönländer genau so viel Recht, uns zu verachten, wie wir es haben, wenn sie sich gegen unsere Gesetze versündigen.
Wie man aus dem friedlichen Charakter der Grönländer schließen kann, kommt ein Mord nur äußerst selten vor, und sie halten es für sehr grausam, einen Nebenmenschen zu tödten. Der Krieg ist deswegen in ihren Augen etwas Verabscheuenswürdiges, und Soldaten wie Offiziere, die geradezu dazu erzogen werden, ihre Mitmenschen todtzuschlagen, erscheinen ihnen als Unmöglichkeit.
Ein Mord oder ein Mordversuch kommt wohl ausnahmsweise an der Westküste vor. Häufig ist dann, wie auch anderwärts eine Frau die Veranlassung dazu, und der Ueberfall geschieht gewöhnlich auf der See, indem der Eine versucht, dem Andern das Kajak aufzuschlitzen. Die dänische Obrigkeit hat große Schwierigkeiten gehabt, dergleichen Vorfälle zu strafen, da man die Grönländer in der Regel ungerne bestraft und sich nur nothgezwungen in solche Angelegenheiten mischt. Bei Holstensborg wurde vor einer Reihe von Jahren ein Mann, der seine Mutter getödtet hatte, dadurch bestraft, daß man ihm einen neuen Kajak und einige Vorräthe mitgab und ihn auf eine öde Insel verbannte, wo er sehen konnte, wie er allein fertig wurde. Als er indessen eine Weile später nach der Kolonie zurückkehrte und sagte, daß er da draußen nicht leben könne, geschah ihm nichts weiter, und folglich bestand die ganze Strafe, die ihm für die Ermordung seiner Mutter zutheil wurde, darin, daß er ein neues Kajak erhielt.
An der Ostküste werden solche Verbrecher durch den Trommeltanz gestraft. Dies ist die eigentliche Gerichtsbarkeit der ursprünglichen Grönländer, und wie man in der sogenannten civilisirten Welt einander fordert und mit Säbeln und Pistolen duellirt, so fordern die Grönländer sich zum Trommeltanz. Diese Prozedur pflegt bei größeren Versammlungen vor sich zu gehen und besteht, falls sie zur Schlichtung von Streitigkeiten angesetzt wurde, darin, daß die beiden Kämpfenden sich in die Mitte eines Ringes stellen und, von Zuschauern umgeben, auf ein Tamburin oder eine Trommel schlagen, wobei sie Schimpflieder aufeinander singen. Derjenige, der die Lacher auf seiner Seite hat, geht als Sieger aus dem Kampfe hervor. Lächerlich gemacht oder von seinen Mitbürgern ausgelacht zu werden, ist die größte Strafe, die einem Grönländer widerfahren kann, und es kommt vor, daß er sich gezwungen sieht, aus diesem Grunde den Wohnort zu wechseln.
Es ist ganz klar, daß dieser Trommeltanz eine sehr nützliche Institution und ein vorzügliches, leichtausführbares Mittel zur Schlichtung von Streitigkeiten ist. Auch an der Westküste fanden in früheren Zeiten diese Trommeltänze statt, da aber die ersten Missionare es sich in den Kopf gesetzt hatten, daß sie unmoralisch und schädlich seien, wurden sie leider mit der Einführung des Christenthums unterdrückt und ausgerottet. Auch Dalager war durchaus nicht mit dieser Vorgangsmethode einverstanden, und man muß ihm völlig Recht geben, wenn er sagt: „Wahrlich, wenn man bei uns mit gleichem Nutzen und Zweck tanzen wollte, so würde man gar bald sehen, wie sich jeder zweite Moralist und Advokat in einen Tanzmeister verwandelte.“
Ein anderer Umstand, der die Missionare von der Abschaffung dieser Trommeltänze hätte zurückhalten müssen, ist der, daß dieselben ein großes Vergnügen für die Grönländer waren. Bekanntlich sind aber Vergnügungen gesund, und die Grönländer haben deren nicht allzu viele.
Der Eskimo hat ein ausgeprägtes Freiheits- und Selbstständigkeitsgefühl. Er ist daran gewöhnt, sein eigener Herr zu sein und nach eigenem Belieben umherzustreifen. Allerdings übt der Hausvater in jeder Familie ein gewisses Regiment aus, doch ist dies so gelinde und so wenig hervortretend, daß man es kaum empfindet. Dienstboten hat man in Grönland gewissermaßen auch, indem häufig Frauen im Hause des Großfängers aufgenommen werden, wo sie gemeinsam mit der Hausfrau, den Töchtern und Schwiegertöchtern die Arbeiten verrichten. Sie sind ihnen jedoch in der Regel gleichgestellt und leben ebenso wie sie im Hause, so daß das dienstbare Verhältniß mehr dem Namen nach als in Wirklichkeit existirt. Deswegen ist es kein Wunder, wenn es dem Grönländer schwer wird, in ein dienstbares Verhältniß zu treten, er betrachtet das als entwürdigend. Vor allen Dingen mag er sich nichts befehlen lassen. Der grönländische Fänger kann deswegen mit Fug und Recht auf die Frage, wen er für höher gestellt betrachte, sich oder den Landesinspektor (ungefähr was bei uns ein Gouverneur ist), die Antwort geben, daß er das nicht wisse, denn der Inspektor habe seine Vorgesetzten im Heimathslande, er selber aber habe Niemanden, der ihm etwas befehlen könne. Aus diesem Grunde war es anfänglich sehr schwer für die Europäer, Dienstboten zu bekommen. Allmählich hat jedoch die Civilisation die Eingeborenen in dieser Hinsicht genügend demoralisirt, so daß sie jetzt gerne in den Dienst der Europäer treten; es kommt sogar häufig vor, daß selbst Fänger Dienste bei der Handelscompagnie annehmen, sie sind sogar oft stolz darauf, denn dann erhalten sie wie andere dänische „Beamten“ jeden Morgen ihren Schnaps, und den können die übrigen Grönländer nicht bekommen.
Noch immer aber haben die Hausfrauen über den Stolz ihrer grönländischen Dienstmädchen viel zu klagen. Diese sind tüchtig und fügsam, so lange sie gut behandelt werden, sagt man ihnen aber ein einziges hartes Wort, so genügt das oft für sie, um ohne weiteres auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, und wenn die Hausfrau nicht zu Kreuz kriechen will, so muß sie sich nach einem andern Mädchen umsehen.
G. Ursprüngliche Religion, Aberglaube, Kunstsinn, Dichtung, Musik.
Ursprünglich besaßen die Grönländer keine entwickelte Religion. Sie hatten jedoch viel Aberglauben und viele Sagen, die von verschiedenartigen übernatürlichen Wesen handelten, von deren Kräften und Eigenschaften sie freilich nur sehr unklare Begriffe besaßen. Ihre Priester und Weisen, die sog. Angekak, suchten ihre Landsleute durch mancherlei wunderliche Künste zu mystifiziren, um die Herrschaft über sie zu erlangen. Sie waren übrigens in der Regel die Verständigsten unter ihnen und konnten oft auch mit wirklich vernünftigen Rathschlägen helfen. Die getauften Grönländer haben ihren alten Glauben übrigens durchaus nicht ganz aufgegeben, sie sind noch bis auf den heutigen Tag sehr abergläubisch und sprechen in vollem Ernst von den wunderbaren Fabelwesen, die auf dem Inlandseise, weiter ins Land hinein, am Strande und auf dem Meere hausen. Die alten Sagen werden noch vielfach des Abends von dem Einen oder dem Anderen einem aufmerksam lauschenden Kreise vorgetragen; die Grönländer sind vorzügliche Erzähler und begleiten ihren allerdings oft ein wenig breiten Vortrag mit lebhaften Gebärden, die häufig darauf berechnet sind, die Zuhörer ins Lachen zu bringen.
Der Grönländer hat einen sehr scharfen Verstand in Bezug auf alles, was innerhalb seines Erfahrungskreises liegt. Hiervon zeugen ja auch seine sehr sinnreichen Geräthschaften, bei denen das vorhandene Material so gut wie nur möglich ausgenutzt worden ist. Selbst der kleinste knöcherne Knopf, die geringste Schnalle ist so vorzüglich, daß sie nicht besser herzustellen ist, und wir können sie in der Beziehung nichts lehren. Ihre Bemerkungen den Europäern gegenüber können oft sehr treffend und verständig sein. Hiervon erhielten auch die ersten Missionare allerlei fühlbare Beweise, indem die Fragen der Grönländer in Bezug auf manche Punkte der christlichen Lehre sie oft in eine schiefe Stellung brachten. Als Beweis für ihre leichte Auffassung mag erwähnt werden, daß sie verhältnißmäßig leicht lesen und schreiben lernen, so daß die Mehrzahl von ihnen es jetzt kann, ja Viele haben es sogar sehr weit darin gebracht. Domino und Brettspiele, ja sogar Schach lernen sie sehr leicht.

„Venus“ und „Apollo“ der Eskimos.
(Von A. Bloch.)
Ihr Formsinn ist ziemlich entwickelt, und sie zeigen sogar häufig große Anlagen zur bildenden Kunst. Sie werden häufig gute Zeichner, und als Beweis ihrer Tüchtigkeit in der Schnitzkunst mag auf die beiden geschnitzten Köpfe, die auf Seite 330 abgebildet sind, hingewiesen werden. Man kann keinen Augenblick im Zweifel sein, daß der Verfertiger hier seine eigene Rasse hat nachbilden wollen.
Durch ihre obenerwähnte Sagendichtung, die von Dr. Rink[89] zusammengestellt und übersetzt worden ist, erhält man einen guten Einblick in das Seelenleben der Grönländer. Sie zeugt von einer großen Phantasie wie auch von Gefühl und von einer gewissen poetischen Auffassung vieler Dinge in der Natur. Außer der Sagendichtung und ihren Erzählungen von verschiedenen Heldenthaten haben die Eskimos ursprünglich noch eine andere Dichtung, die aus Gesängen verschiedener Art besteht. In früheren Zeiten waren dies entweder Spottlieder über Andere, die bei den früher erwähnten Trommeltänzen gesungen wurden, oder es waren gewöhnliche Lieder, die verschiedene Dinge oder Ereignisse schilderten und häufig auf eine eigenartig kindliche, ansprechende Weise bei den Schönheiten der Natur und des Lebens verweilen. Oft sind es auch Liebesgesänge sehr kindlicher Art, in denen die Sehnsucht des Liebenden und die Tugenden der Geliebten beschrieben werden.
Bei meinem vielfachen Umherstreifen hatte ich häufig Gelegenheit, die Bemerkung zu machen, daß die Grönländer viel Sinn für Naturschönheiten haben. So geschah es einmal, als ich mit meinem Freunde Joel, von dem ich später eingehender erzählen werde, in meinem Kajak im Ameralikfjord ruderte, daß wir an einer Bergspitze vorüberkamen und plötzlich die Felsen am Ende des Fjordes sonnenbeleuchtet daliegen sahen; es war nebliges Wetter, aber die Wolken hatten sich zertheilt und hingen in Fetzen über den Gipfeln, während die Schneemassen im Sonnenlicht erglänzten. Es war ein Anblick strahlender Schönheit; Joel hielt mit dem Rudern inne und brach in den Ruf „binne kaok“ (wie schön!) aus. Er war im übrigen ziemlich unbeleckt von der Kultur, so daß man ihm kaum derartige Gefühle zugetraut haben würde. Ich habe auch die Grönländer ihr Sommerleben, die Rennthierjagd und die Schönheit der Natur zu dieser Zeit in den schönsten Farben beschreiben hören.
Die Musik zu den Liedern wird häufig von dem Dichter selber komponirt, und da die Grönländer auffallend musikalisch sind, so kann diese Musik trotz ihrer Einförmigkeit oft einen ganz eigenthümlichen Charakter haben. Als Probe ihrer Lieder und ihrer Musik mag der untenstehende neue Gesang von Grönlands Ostküste mitgetheilt sein, der mir freundlichst von Frau Signe Rink überlassen wurde.[90] Dieselbe Dame hat verschiedene werthvolle Liederproben gegeben; leider gestattet mein Raum es nicht, sie hier aufzunehmen. Die Melodie ist von Frau Ganglen in Julianehaab aufgezeichnet worden.
Klagelied des Eskimos.
Eine Eskimogruppe, im Treibeise festgehalten, ist von Hungersnoth bedroht.
Langsam und durch die Nase.

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Bei der Einführung des Christenthums und der Civilisation wurde, wie wir gesehen haben, der Trommeltanz abgeschafft, und damit trat auch ein Verfall oder eine theilweise Veränderung der Verskunst ein. Noch immer aber ist das Dichten bei den Grönländern ganz allgemein.
Der Inhalt der Lieder kann zum Theil scherzhafter Art sein, indem sie auf mehr oder weniger unschuldige Art die Eigenheiten ihrer Mitmenschen lächerlich zu machen suchen, — die Grönländer haben nämlich einen scharfen Blick für das Komische. Es existiren auch mehrere derartige Lieder über die Mitglieder der Expedition, doch ist es mir leider niemals gelungen, derselben habhaft zu werden. Einzelne Lieder behandeln auch allerlei Ereignisse und Begebenheiten. Sehr allgemein sind die Kinderlieder, die häufig für irgend ein bestimmtes Kind gedichtet und diesem von dem Verfasser zum Geburtstag geschenkt werden.
Die Musik zu den Liedern wird zum Theil bekannten europäischen Melodien entlehnt, häufig werden aber auch eigene Melodien dazu gedichtet, die freilich in der Regel auch von europäischer Musik, sowohl weltlicher wie geistlicher, beeinflußt sind. Die Grönländer singen sehr gern; besonders im Sommer, wenn sie in den Frauenböten rudern, kann man sie häufig ihre Lieder, theils geistlicher, theils weltlicher Art, im Chor anstimmen hören. Es klingt sehr feierlich, wenn dieser Gesang des Abends über die spiegelblanke Wasserfläche dahinschallt, und er ersetzt das Hirtenhorn und das melodische Geläute der Herdenglocken, die daheim bei uns in den Bergen ertönen.
Der Kirchengesang ist sicher dasjenige, was den Grönländern beim Gottesdienst am meisten zusagt. Als Beweis für ihre musikalischen Fähigkeiten mag hier noch angeführt werden, daß sich in Godthaab ein Seminar zur Ausbildung von Katecheten befindet, in welchem das Hauptgewicht auf die Ausbildung in der Kirchenmusik gelegt wird. Alljährlich zur Jubelfeier wird ein Chorgesang von den am Orte ansässigen Grönländerinnen und den Katechetenlehrlingen des Seminars eingeübt. Dieser Chor singt ungemein schön und enthält viele gute Stimmen.
H. Der Einfluß der Civilisation. Die Zukunft der Grönländer.
Wenn man die Frage aufwirft, ob wir mit unserer Civilisation dem grönländischen Volke Nutzen gebracht haben, so muß die Antwort leider verneinend lauten. Wir haben den Grönländern nichts gebracht, was ihnen den Kampf ums Dasein erleichtert hat. Seine Waffen haben wir nach keiner Richtung hin verbessern können. Eisen hat er allerdings bekommen, aber theils besaß er es bereits vorher, theils kann er es sehr gut entbehren. Es wird den Anschein haben, als wenn die Einführung der Gewehre ein großer Fortschritt für ihn gewesen sein müsse, aber dies ist durchaus nicht der Fall, im Gegentheil, die Schußwaffen haben einen nicht geringen Schaden angestiftet. Durch die Büchse ist der weit wichtigere Fang mit Harpune und Blase in Verfall gerathen. Der Letztere kann bei jeglichem Wetter vorgenommen werden und ist weit sicherer als der Büchsenfang, wozu man gutes Wetter haben muß, und wobei man ungefähr doppelt so viele Thiere, wie man bekommt, anschießt oder tödtet. Außerdem hat die Schrotbüchse in manchen Gegenden die Fänger veranlaßt, über dem Vogelschießen den Seehundsfang zu vernachlässigen, der doch stets dasjenige ist und bleiben wird, worauf die Lebensfähigkeit der eskimoischen Bevölkerung beruht, denn der Seehund giebt Fleisch und Speck für die Speisen, wie zur Feuerung, er giebt Fell zu der Kajakbekleidung, zu der täglichen Kleidung, den Stiefeln, dem Kajak, dem Frauenboot, dem Zelt, dem Haus etc., — mit anderen Worten, es kann nicht ersetzt werden. Ein anderer Umstand, der in Bezug auf die Schrotbüchse nicht außer acht zu lassen ist, ist der, daß die Grönländer durch dieselbe in stand gesetzt sind, einen so intensiven Fang auf verschiedene Vögel, wie z. B. auf die Eidergans, zu betreiben, daß ihre Zahl jährlich bedeutend verringert wird, was sich bald genug bemerkbar machen muß. Dies wird um so schlimmer sein, als der Vogelfang jetzt zum Theil eine Lebensbedingung für viele Familien geworden ist, so z. B. lebt jetzt die Bevölkerung in der Gegend von Godthaab den größten Theil des Winters fast ausschließlich davon.
In früheren Zeiten fingen die Eskimos Vögel mit einem Wurfpfeil; sie konnten viele damit fangen, doch war die Zahl der erlegten Vögel nicht größer als ihr Zuwachs, und alles, was er verwundete, wurde die Beute des Jägers. Wenn er jetzt aber in eine Schar Eidergänse hineinschießt, so macht er viele lebensunfähig, ohne daß sie ihm zu gute kommen. Wir können uns deswegen nicht damit schmeicheln, daß wir seine Fangmethode verbessert haben.
Dagegen haben wir ihm einen unersetzlichen Schaden mit allen unseren europäischen Produkten zugefügt. Wir haben ihm Gefallen an Kaffee, an Tabak, Brot, europäischen Stoffen und Putz beigebracht, und er hat uns seine unentbehrlichen Seehundsfelle und seinen Speck verkauft, um sich diese augenblicklichen zweifelhaften Genüsse zu ermöglichen. Inzwischen verfielen sein Frauenboot sowie sein Zelt in Ermangelung von Fellen, ja, es geschah sogar, daß der Kajak, die Bedingung für sein Dasein, ohne Bezug am Strande lag, die Lampen im Hause mußten oft im Winter gelöscht werden, weil es an Speck fehlte, da man den Wintervorrath zum Theil schon im Herbst verkauft hatte. Der Grönländer selber hüllte sich während des Winters oft in schlechte europäische Lumpen statt in die guten, warmen Pelzkleider, die er früher getragen, die Armuth griff mehr und mehr um sich, die Sommerreisen mußten zum größten Theil eingestellt werden, da ja Frauenboot und Zelt fort waren, und man mußte das liebe lange Jahr in den engen Häusern leben, wo ansteckende Krankheiten mehr denn je herrschten.
Als schlagendes Beispiel, wie sehr es mit den Grönländern zurückgegangen ist, mag hier angeführt werden, daß sich an einem Wohnplatz in der Nähe von Godthaab vor einigen Jahren noch 11 Frauenböte[91] befanden, — jetzt war nur noch eins dort, und dies gehörte dem Missionar.
An diesem Platze herrschten jedoch ganz eigenartige Verhältnisse, die zu dem Rückschritt beigetragen hatten, wie das Fortziehen mehrerer guter Fänger etc. Allerdings hat es nach der Zählungsliste den Anschein, als wenn die Bevölkerung im Zunehmen begriffen sei, da sich eine schwache Vermehrung der Einwohnerzahl bemerkbar macht; aber dies sind nur übertünchte Gräber. Es ist noch nicht soweit gekommen, daß der Zuwachs im Stillstand begriffen ist, aber Niemand kann darüber im Zweifel sein, daß dies bevorsteht, und dann wird es ebenso sicher bergab gehen, und zwar mit großer Geschwindigkeit. Die Kränklichkeit hat in den letzten Jahren in beunruhigendem Maße zugenommen, besonders sind die Auszehrung und die Tuberkulose der Krebsschaden der grönländischen Bevölkerung. Es giebt kaum ein Volk, in dem eine so verhältnißmäßig große Zahl davon ergriffen ist. Während wir in Godthaab waren, starben 2 Auszehrungspatienten, und 10–12 andere gingen einem sicheren Tode entgegen, — einige von ihnen starben bereits im folgenden Jahre, und dabei zählte die ganze Gemeinde nur etwa 100 Seelen! Die Krankheit war so allgemein, daß es beinahe leichter war, Diejenigen aufzuzählen, welche sie nicht hatten, als Diejenigen, welche damit behaftet waren. Allerdings scheinen die Grönländer eine ganz ungewöhnliche Widerstandsfähigkeit gegen diese Krankheit zu besitzen, sie können so krank sein, daß sie schon in jungen Jahren starkes Blutspucken haben, und dabei doch ein verhältnißmäßig hohes Alter erreichen. Ich habe Fänger gekannt, die in hohem Grade schwindsüchtig waren, die einen Tag einen Blutsturz hatten, am nächsten aber schon wieder auf den Fang ausgingen.
In der Regel sind sie aber schwächlich und können nur wenig Nutzen schaffen, was natürlich in hohem Grade lähmend auf eine so kleine Gemeinde wirkt. Eine Seuche, die ihre Opfer schnell dahinrafft, wäre natürlich sehr vorzuziehen.
Es kann zwar nicht behauptet werden, daß wir Europäer die Krankheit ins Land geschleppt haben, sie war vor uns da, der europäische Einfluß hat sie aber zur Blüthe gebracht, indem er, wie bereits nachgewiesen wurde, bewirkt hat, daß die Grönländer jetzt zum größten Theil in den kleinen feuchten Häusern leben, wo die Ansteckungskeime selbstverständlich den vorzüglichsten Boden finden. Außerdem ist die magere europäische Kost nicht gesund für diese Leute, die gewohnt sind, von Fleisch und Speck zu leben. Der beste Beweis hierfür ist der Umstand, daß die Krankheit vorzugsweise in der Nähe der Kolonien vorkommt, wo die von der Handelscompagnie Angestellten zum großen Theil von europäischen Waren leben. Als andere mitwirkende Ursache könnte möglicherweise auch erwähnt werden, daß sie jetzt häufig im Winter Mangel an Speck leiden und in kalten Häusern und in schlechter Bekleidung sitzen müssen.
Ein stetig fortschreitender Rückgang von ehemaligem Wohlstand und Gedeihen zu theilweise hoffnungsloser Armuth und Schwäche, — das ist die Ausbeute, auf welche die Grönländer zurückblicken können!
Haben wir ihnen aber dafür nicht das Christenthum und die Aufklärung gebracht?
Ja, freilich, es kann nicht geleugnet werden, daß Egede einzig und allein nach Grönland ging, um den Heiden das Licht des Evangeliums zu bringen, und aus demselben Grunde haben die Europäer seine Wirksamkeit fortgesetzt. In der Beziehung ist ein schönes Resultat erreicht worden: alle Bewohner der Westküste Grönlands sind jetzt Christen, jedenfalls dem Namen nach, und die Aufklärung geht so weit, daß die meisten jetzt lesen und schreiben können.
Es liegt indessen klar auf der Hand, daß man einem Eskimo unmöglich höhere geistige Interessen beibringen und gleichzeitig verlangen kann, daß er ein ebenso guter Fänger ist wie zu jenen Zeiten, als ihn nur ein einziges Interesse beseelte, nämlich das, sich zu einem tüchtigen Kajakruderer und Seehundsfänger auszubilden. Er lebt sozusagen am Rande des Daseins, eine Anspannung aller seiner Kräfte ist erforderlich, wenn er den Kampf mit der harten Natur erfolgreich aufnehmen soll, — ein wenig mehr Ballast, und er wird sinken.
Da drängt sich uns die Frage auf: kann diese geistige Gelehrsamkeit den Rückgang ersetzen, den die Berührung mit der Civilisation nothwendigerweise im Gefolge hat? Was ist vorzuziehen, — ein getaufter Eskimo, der lesen und schreiben kann, der alle möglichen geistigen Interessen hat, der aber nicht im stande ist, seine Familie zu ernähren, dessen Gesundheit untergraben ist, und der tiefer und tiefer in das Elend versinkt, — oder ein Heide, der freilich, wie ein Missionar sagen würde, „in geistiger Finsterniß“ lebt, der aber eine kräftige Gesundheit hat, sich gut steht, seine Familie ernährt und immer zufrieden ist? Von dem Standpunkt der Eskimos betrachtet, kann man wohl kaum über die Antwort im Zweifel sein.
Und doch sind die Grönländer nachsichtiger behandelt worden als jegliches andere uncivilisirte Volk, das unseren Civilisationsversuchen ausgesetzt war. Man kann der dänischen Regierung für ihr Auftreten nur die höchste Anerkennung zollen.
Das wirkliche Wohl der Grönländer ist ihr wesentlicher Beweggrund gewesen. Es giebt kein zweites Beispiel, daß sich ein Jagdvolk, welches mit der Civilisation in Berührung kam, so gut und so lange gehalten hat, wie das hier der Fall gewesen, und die Behandlung der Grönländer kann in dieser Beziehung anderen Staaten als leuchtendes Beispiel dienen.
Trotzdem ist das Resultat, wie wir gesehen haben, ein sinkendes Volk. Dies ist wahrlich eine ernste Mahnung, nicht von dem Gedanken auszugehen, daß jegliche Missionswirksamkeit nützlich ist; freilich kann dadurch einzelnen Heiden das Licht des Christenthums gebracht werden, den meisten Völkern aber wird nur ein Rückschritt durch die plötzliche Berührung mit der Civilisation oder vielmehr deren Produkten verursacht, denn die civilisirten Völker theilen den uncivilisirten stets zuerst ihre Laster, nicht aber ihre Tugenden mit.
Stellt man dann zum Schluß die Frage, ob denn keine Rettung für die grönländische Bevölkerung möglich ist, so muß man einräumen, daß das einzige Mittel in dem Rückzuge der Europäer bestehen würde, — man müßte dem Grönländer das Land völlig wieder überlassen, dann würde er, von europäischen Produkten nicht in Versuchung geführt, möglicherweise im stande sein, sich wieder zu erheben. Aber eine solche Möglichkeit ist kaum denkbar; es würden andere civilisirte Völker kommen, und der schädliche Einfluß würde in gleichem Maße fortgesetzt werden. Außerdem droht dem Grönländer noch eine andere Gefahr, — nämlich das beunruhigende Abnehmen der Seehunde. Dies beruht nicht so sehr auf dem Fang, den er selber betreibt, da dieser so verschwindend ist im Verhältniß zu demjenigen, den die europäischen und amerikanischen Seehundsfänger betreiben, besonders auf dem Treibeis bei New-Foundland, wo die neugeborenen Jungen jährlich zu Hunderttausenden geschlachtet werden.
Es ist also abermals die weiße Rasse, die ihm Schaden zufügt. Aber selbst wenn er es wüßte, würde es nicht in seiner Macht liegen, diesem Vorgehen eine Grenze zu setzen.
So ist denn dies Volk ganz sicher und unwiderruflich dem Untergang geweiht, es wird in einer näheren oder ferneren Zukunft unterliegen und zu einem Schatten von dem, was es früher gewesen, hinschwinden. Und doch ist der Grönländer zufrieden und glücklich, vielleicht glücklicher als die Meisten von uns, er haßt uns nicht, sondern ist fröhlich und freundlich, wenn wir zu ihm kommen. Die europäischen Nationen könnten viel von den Eskimos lernen!