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Anspruchslose Geschichten

IM HERBST.

Reading edition

Durfte Leonhard Gruber wie andere Menschenkinder einen Frühling haben? Wenn man es recht bedenkt, nein, denn er gehörte zu der bevorzugten Klasse zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter die eigentliche Jahreszeit, die Zeit der Ernte, der Lenz ein trauriger Uebergang zum gefürchteten, ertragsarmen Sommer, der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte Epoche ist, in welcher sich die Tretmühle wieder in Bewegung setzt. Und er wusste gut genug, dass all der beglückende Unsinn: Nachtigallenschlag, Rosenduft, eine kleine Hütte im Grünen, braune Augen und blonde Locken nichts für ihn seien. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte er die Hände davon gelassen, was insofern nicht schwer war, als er, vom frühen Morgen bis zum späten Abend rastlos umherlaufend, um unartige Bengel in die Mysterien der Dur- und Mollscalen einzuweihen, nicht mehr von der Versuchung, glücklich zu sein, empfand, als wenn er in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und Gebeten lebend, die Laufbahn eines Anachoreten eingeschlagen hätte. Aber da war das Schicksal boshaft genug, ihm den Frühling wie auf einem Präsentirbrett sozusagen unter die Nase zu rücken. Ohne die geringste Warnung war er da, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, in welcher sich obendrein eine Thüre befand, die sehr mangelhaft von einer Seite durch ein Clavier, von der anderen durch einen mit allerhand dünnen Fähnchen behängten Kleiderschragen verbarricadirt war. Am Abend pflegte Herr Leonhard Gruber die sacht und fein zusammengefalteten Pläne von Künstlerschaft und Triumph für ein Stündchen oder zwei hervor zu holen, ohne praktischen Nutzen, da ihn Andere, die mehr Zeit zu waghalsigen Fingerübungen hatten, weit überflügelten. Als er nun einmal wieder ein paar Töne auf seinem abgespielten Instrument angeschlagen hatte, erhob sich nebenan, in dem seit etlichen Wochen leerstehenden Zimmer eine helle, frische Mädchenstimme und sang Sonaten und Etuden tapfer mit, die Läufe selbst ahmte sie mit einem lustigen dideldideldidel nach. Den armen Leonhard gemahnte sie an eine Spottdrossel, die er als Knabe daheim in den Murecker Wäldern gehört, nicht allzu oft, denn als man ihm noch die dicksten Notenbücher unterschieben musste, damit er mit den Händen die Claviatur erreiche, bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines Lineal an den Klimperkasten fest.

Das Interesse an der Nachbarschaft hindert ihn nicht, fest zu schlafen, ja zu verschlafen, worüber sein erster Schüler, der wilde freche Junge vom »Selcher« (Metzger), den er an den Stuhl binden muss, um ihn eine Stunde lang festzuhalten, schwerlich betrübt sein wird. Als er erwachte, regten sich nebenan flinke, feste Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen, und als sie die Treppe hinabgingen, stellte er sich an's Fenster, zum erstenmal im Leben ein weibliches Wesen belauernd. Hübsch? das ist kein Wort; hübsch ist am Ende Jede mit achtzehn Jahren, aber nicht Jede hat solch ein pikantes feines Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem Halse wiegt, solche lustig in die Stirn fallende Locken, so ein rosiges Gesicht. Die Augen kann er nicht sehen, aber sicher blitzen sie in Uebermuth und Lebensfreude. Frau Lechleitner bringt ihm die obligate Cichorienbrühe herein, und er getraut sich, in unbefangener Weise die Worte hinzuwerfen: »Das Zimmer nebenan scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die Schleusse ist geöffnet. Frau Lechleitner würde kein alleinstehendes Mädchen in ihr Haus, diese Burg der Wohlanständigkeit, aufnehmen, man weiss ja, was dabei »herausschaut«. Aber die Franzi kennt sie schon von klein auf, hat ihr manchen Apfel zugesteckt, so lange sie noch keine Witwe mit dreizehn Gulden monatlicher Pension war, und die »Zimmerherrn« sind so unverlässlich, womit sie jedoch selbstverständlich Herrn Gruber nicht gemeint haben will, der pünktlich wie eine Uhr ist. Und was sie sagen wollte, Franzi's Mutter war ihre beste Freundin und ihren Vater hätte sie einmal heirathen sollen, und er war desperat, als sie mit Herrn Lechleitner Sonntag auf die Siebenbrunnerwiese spazieren ging.

»Das haben Sie mir schon erzählt!« ruft Leonhard verzweifelnd aus.

»Er hat dann meine Freundin genommen, und sie haben auch recht gut mit einander gelebt, sind aber beide vor zwei Jahren gestorben. Und die Franzi schlägt sich mit Kleidernähen durch und bleibt brav dabei.«

Frau Lechleitner wird nicht müde, die Tugenden ihres Schützlings zu rühmen. Vor ihm steigt dräuend das Bild einer mit tausend Spitzen und Stacheln gepanzerten Jungfrau auf, voll der herben Wehrhaftigkeit, dem pharisäischen Tugendstolze alleinstehender braver Mädchen. Und er weiss nicht, ob er sich über die Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf« freuen soll, mit welcher ihn die Hauswirthin, die Anwesenheit der hübschen Nachbarin in Aussicht stellend, für den nächsten Sonntag überrascht.

Ziemlich trübselig erwartet er, in die Ecke des alten Sophas gedrückt, sein Schicksal. Die Thür geht auf, lachend und schwatzend und ein wenig verlegen kommt die sanglustige Nachbarin herein. Sie ist keine Jungfrau in Wehr und Waffen, sondern ein herziges kleines Ding voll drolliger Einfälle und – gerade nur zur Würze – etwas schnippisch. Nach den ersten paar Minuten erscheint ihm die versessene Sophaecke als das behaglichste Plätzchen der Welt. Als er die ungeheuere Tasse Kaffee, die ihm die Hausfrau reicht, über das Tischtuch und Franziskas neues Kleid ausschüttet, weiss sie das Unglück mikroskopisch klein zu machen; natürlich lassen sich die Flecken entfernen, wird das Kleid gewaschen wie neu aussehen! Wie sich ihm das schüchterne Herz in der Brust dehnt, wie seine blauen Augen, das einzige Anziehende in dem unjugendlichen Gesicht, zu leuchten anfangen! Heute scheint die Sonne ganz anders als sonst, Frühling, Frühling! zwitschern die Spatzen auf der Strasse. – In seiner Stube entlockt er dem Flügel stürmische, jauchzende Weisen, stürmisch und jauchzend singt die Spottdrossel nebenan, und Frühling, Frühling! klingt es aus den Tönen.

Durfte Leonhard Gruber einen Frühling haben? In den Händen hielt er einen Brief; mit leisem Bangen, wegen dessen er sich herzlos und unkindlich schalt, öffnete er ihn. Oft kamen Episteln von derselben Hand, sie sind mit Klagen über Einschränkungen erfüllt, wie Luise noch immer im alten Kleide gehe, Lina einen Mantel brauchte, wie trostlos das Geschick einer Witwe und armer Waisen sei, die ihres Ernährers beraubt worden. Drei Viertheile von Leonhard's Verdienst wandern nach Mureck, seit Jahren hat er keine Oper, kein gutes Concert besuchen können, im Winter trägt er dünne und im Sommer dicke Kleider, wie sich das bei armen Teufeln trifft, aber so oft er ein solches Schreiben liest, erscheint er sich wie ein schwarzer Missethäter.

Diesmal jedoch enthält es eine Freudenbotschaft. Das heisst, einem Anderen würde sie vielleicht nicht so sehr verheissungsvoll klingen, da sie ihm zunächst noch mehr Entbehrungen auferlegen wird. Aber mein Leonhard Gruber verspricht sich leicht einen schönen Tag, so oft ein winziges Stückchen blauen Himmels durch graue Wolken bricht: der zweite Sohn des alten Organisten wird, Dank dem adeligen Schlossherrn von Mureck, der Leonhard's musikalische Ausbildung ermöglichte, einen Stiftplatz am Wiener Conservatorium erhalten. Was dem älteren Bruder versagt geblieben, soll dem jüngeren zu Theil werden. Leonhard wird ihm jeden Stein aus dem Weg räumen, damit er sich ungehindert der anspruchsvollen Frau Musica widmen könne, aber wenn nun Karl ein berühmter Künstler geworden, dann kann er die Sorge für die Familie übernehmen.

Und dann verlobte sich Leonhard. Warten? Ob es Franzi recht ist! so hat sie es stets geträumt, wenn in ihrem Köpfchen der Gedanke an ein eigenes Haus aufgetaucht. Stück für Stück zum Bau des Nestes herbeitragen, bis es gezimmert und ausgepolstert ist, das muss ungleich hübscher sein, als in ein von Tischler und Tapezierer fertig gestelltes Heim einzuziehen.

Daheim waren sie Anfangs geneigt, es Leonhard sehr übel zu nehmen, dass er sich mit vermessenen Gedanken an einen eigenen Herd trug, aber da an die Ausführung nicht gegangen werden sollte, bevor Karl eine feste Stelle in der Welt errungen, gab die Mutter in Gnaden ihre Einwilligung.

Aber Karl schlug nicht gut aus. Seine Lehrer knüpften hohe Erwartungen an ihn, aber dem genialen Burschen gebrach es an einer Kleinigkeit, es war ihm nicht ernst mit seiner Kunst, seiner Laufbahn, dem Leben. Das Glück heftete sich Anfangs an seine Fersen. Er hatte kaum den Schulstaub abgeschüttelt, da lud ihn der Gönner, der ihm den Stiftsplatz verliehen, zu einer Abendgesellschaft ein. Sein Beispiel fand Nachahmer, der junge Künstler kam in Mode. Aber die Mutter wandte sich nicht an ihn um Hülfe in ihren endlosen Nöthen, denn uneröffnet lag ein ganzer Stoss von Familienbriefen auf seinem Clavier. Während der Schülertage hatte er Bett und Tisch des Bruders getheilt, aber die kleine, schlecht beheizbare Stube im entlegenen Vorstadthaus war kein passender Aufenthalt für einen gefeierten Virtuosen. Auch verdarb ihm das lästige Mitsingen im Nebenzimmer – ganz so frühlingsfrisch wie vor sechs Jahren klang es freilich nicht mehr – jede Inspiration, griff ihm die Nerven an, machte ihm das Leben zur Qual. Er miethete sich ein passendes Künstlerheim an der Ringstrasse. So kirchenstill es in den Augenblicken, da er mit der Muse Zwiesprache hielt, um ihn sein musste, so laut liebte er seine Gesellschaft in den vielen Erholungsstunden. Er besass eine Leidenschaft für alle schäumenden Getränke, und die Gasflammen einer Wirthsstube lockten ihn wie eine Motte an.

Trat Ebbe in seiner Tasche ein, dann liess er sich wie in seiner Schulzeit vom älteren Bruder erhalten. Doch durfte sich dieser beileibe keine Vorstellungen erlauben, sonst liess sich der Virtuose Monate lang nicht blicken. Und Leonhard, gutmüthig, schwach und unaufhörlich von der Furcht gequält, er erfülle schlecht das Versprechen, das er dem sterbenden Vater gegeben, suchte ihn dann wohl zuerst auf und gab gute Worte.

Franziska, der in letzter Zeit zuweilen der Gedanke gekommen, dass man auch Pflichten gegen sich selber habe, vernahm es denn auch ohne das leiseste Bedauern – wenn sie auch aus Rücksicht auf ihren Bräutigam ihren Gefühlen keinen beredten Ausdruck lieh –, dass Meister Karl, eine ansehnliche Schuldenlast im Rücken, vor Thau und Tage aus Wien entwischt war. Es geschah ihm dadurch kein Leid, im Gegentheil, jetzt erst befand er sich in seinem richtigen Fahrwasser. Er wurde einer der modernen Landstreicher, die herrlich und in Freuden, von Bierquelle zum Weinborn pilgernd, leben, wenn ihnen ein insipides Getränk, das Wasser, bis in den Mund reicht, unter Aufzählung ihrer Titel und Orden »ein einziges Concert auf der Durchreise« in Krähwinkel veranstalten und dem geschmeichelten Localpatriotismus so viel erpressen, um ihren Kahn eine Weile flott zu erhalten.

Monate lang ging Leonhard niedergedrückt, eine Beute heftiger Gewissensbisse umher. Es war sträflicher Leichtsinn gewesen, ein blühendes, junges Leben an das seine, das er Anderen verpfändet hat, zu knüpfen. Wie ein Kartenhaus, in das der Wind gefahren, lagen seine Hoffnungen auf dem Boden.

»Wir müssen eben warten,« tröstete ihn Franzi, aber es klang anders als vor Jahren, da sie im Warten die eigentliche Würze ihres Brautstandes gesehen. »Wie könnte mir einfallen, Dich von Deiner Pflicht abwendig zu machen!« Leonhard's Stube blieb nicht lange ihm allein überlassen; ein anderer Bruder theilte sie. Der besondere Liebling Seiner Hochwürden, des Herrn Pfarrers von Mureck, sollte er einige Jahre Theologie studiren, dann war ihm ein Pfarramt gewiss. Das Brautpaar baute förmlich verwegene Pläne auf dieses künftige Glück: Natürlich wird das Pfarrhaus im Grünen liegen, Weinlaub daran emporklettern, ein Garten voll Aepfel- und Birnbäumen es umschliessen – Franzi wässert schon jetzt der Mund nach den saftigen Früchten –, man kann nicht allein darin hausen, Mutter und Schwester werden zum Seelenhirten ziehen. Wenn Ignaz es erlaubt, warum sollte er nicht? sein ältester Bruder theilt ja auch jeden Bissen mit ihm, dann kommt Leonhard mit seiner kleinen Frau im Sommer, wenn seine Schüler auf das Land geflohen sind, zur Erholung zu ihm hinaus. O, es wird herrlich sein, frische, stählende Bergluft Wochen, Monate lang einzuathmen. Franziska ist nun 26 Jahre alt und sehr praktisch. Ihre Augen haben viel von ihrem fröhlichen Glanz verloren, und die Lippen, statt zu lachen, schliessen sich oft fest auf einander. Aber wenn sie in glücklichen Träumen schwelgt, dann zeigen sich die Grübchen in Wange und Kinn, und ein rosiger Hauch färbt ihr Gesicht.

»Niemand würde sie für älter als zwanzig halten,« meint bewundernd Leonhard. Dass sein Bruder nicht in sein Entzücken einstimmt, nimmt ihn nicht Wunder. Was kümmert sich so ein angehender geistlicher Herr um Frauenschönheit? Aber freilich, etwas zugänglicher für Freud' und Leid der Menschen um ihn dürfte er sein! Wird er doch einmal seiner Gemeinde in Freud' und Leid beizustehen haben. Aber er gehört zu der neuen Schule kirchlicher Streiter, ist hohlwangig und blass und hat ein düsteres Licht in seinen Augen. Wenn Leonhard und Franziska Lustschlösser aufthürmen, wirft er verächtliche Blicke auf die Kinder der Welt. Zuweilen versucht er es, sie auf das Reich Gottes hinzulenken; leider vergeblich. Franzi, wie die Meisten ihrer Landsmänninnen, hat nicht das geringste Talent zur Asketin, und wie Leonhard's Anlagen auch beschaffen sein mögen, an der Seite seiner Braut, die er nun bald heimzuführen hofft, denkt er nicht an Weltentsagung.

Er war Enttäuschungen so gewohnt, dass er nicht zusammenbrach, als sein Bruder, einem unwiderstehlichen Drange gehorchend, in einen Mönchsorden der strengsten Regel eintrat und schwere Klosterpforten zwischen sich und die Welt, die etwa Ansprüche an ihn stellen konnte, schob. In Mureck waren sie fromm genug, nicht darüber zu murren. Ihnen blieb ja noch immer der Aelteste; »einen gar braven Buben«, nennt ihn Frau Gruber, aber sie ist doch stolzer auf den geistlichen Sohn, der es zu hohen Würden bringen wird, da er alle hemmenden Familienfesseln abzustreifen wusste.

Franziska wurde todtenbleich, als dieser Blitz ihre Lustschlösser zertrümmerte.

»Wir werden nie einander angehören!« rief sie und brach in Thränen aus. Wenn er sie verlor, dann schwand jede Freude aus seinem armseligen Leben, er wurde ärmer als ein zerlumpter Bettler auf der Strasse. Aber konnte er ihr zumuthen, noch länger zu harren, ihre besten Jahre einer fast aussichtslosen Neigung zu opfern. Das erste Wort, mit dem er sie, Verzweiflung in der Stimme, frei gab, brachte sie zu sich.

»Mein Leonhard, wir warten geduldig auf einander, wie bisher«; aber es war nur ein Zerrbild der alten Schalkhaftigkeit, als sie hinzusetzte: »Es sei denn, Du möchtest mich nicht mehr.«

Er schloss sie aufjubelnd in die Arme. Wieder arbeiteten sie Jahre lang neben einander, ohne ihrem Ziel näher zu rücken. Franziska wusste, dass sie verblühte. Sie baute keine Zukunftspläne mehr und gab sich Mühe, so rührend genügsam wie ihr Bräutigam zu werden, dessen Gesicht sich verklärte, wenn er einen Sonntag Nachmittag mit ihr im Wienerwald verbringen durfte.

Da griff der Zufall plötzlich in ihr Leben umgestaltend ein. Leonhard ging mit elastischen Schritten umher und summte die Melodien, die, wenn günstigere Sterne über ihm gewaltet, vielleicht den Weg in die Welt gefunden hätten.

Der Virtuose war auf seinen Irrfahrten, wie ein Schiffbrüchiger auf fremdem, unwirthlichem Strand in Amerika gelandet. Ach, da war kein Wirth, der borgen wollte, kein Concertsaal, der sich öffnete, so lange ihm der Wind durch die Taschen pfiff. Um nicht zu verhungern, sah er sich nach Schülern um und da er in der That glänzend spielte, eine unverlegene Zunge besass und mit einem Hoftitel aus einem kunstsinnigen deutschen Herzogthum die Leute zu blenden vermochte, fehlt es ihm bald nicht an gut bezahlten Clavierstunden. Nach einigen Monaten trat er öffentlich auf und fand Beifall. Das Unterrichten erschien ihm nun wieder als eines so grossen Pianisten wenig würdig. Auch plante er eine Kunstreise nach dem Westen. Da kam ihm der erleuchtete Gedanke, Leonhard könnte seine Lectionen übernehmen. Das Reisegeld schickte er nicht, er hätte seines ältesten Bruders Zartgefühl verletzen können, freilich dauerte es nun einige Zeit, bis es zusammengespart war; zu lange für Karl's Ungeduld. Als Leonhard nach thränenreichem Abschied von den Seinen in New-York landete, da war der Virtuose bereits nach Californien abgereist, und seine Stunden gab ein Anderer. Und der Ankömmling, der nicht mehr in den Jahren war und vielleicht nie die nöthige rücksichtslose Energie besessen hatte, um sich in der Fremde einen Wirkungskreis zu schaffen, sah sich ohne Mittel, ohne Freunde, von der Heimkehr abgeschnitten in der ungeheueren Stadt, die Hunderte solcher ungeschickter armer Teufel verschlingt, ohne dass nur das Kräuseln der Oberfläche, wie ihn ein Stein auf dem Wasserspiegel hervorruft, die Stelle ihres Unterganges bezeichnen würde. Er besass nicht seines Bruders siegesgewisses Auftreten, konnte nicht wie dieser durch seinen Künstlerruhm verblüffen. Wenn er Beschäftigung suchte, kamen ihm Flinkere, Gewandtere zuvor. Er verzweifelte nicht um seinetwillen, denn er hatte die Kunst, sich halb satt zu essen, schon früher erlernt. Aber was sollte aus Mutter und Schwestern werden, welche er, im Vertrauen auf Karl's Versprechungen, den gewöhnlichen Monatsbeitrag zugesichert, was aus Joseph, dem jüngsten Bruder, der im Lehrerseminar ohne Zweifel sehnsüchtig auf eine Unterstützung wartete. Wenn er Franziska's gedachte, überwältigte ihn der Jammer völlig. Welch ein Lohn für ihr geduldiges Ausharren, ihre Aufopferung! Er sandte keine Nachricht von seiner Bedrängniss an die Angehörigen heim. Sie konnten ihm nicht helfen und hatten an der eigenen Last genug zu tragen.

Er vergass, dass es nichts Unersetzliches auf Erden gibt. Mutter und Geschwister staunten, dass der stets so zuverlässige Aelteste sie im Stiche liess. Aber von der Nothwendigkeit gedrängt, suchten sie bei ihren eigenen Hülfsquellen Zuflucht. Joseph gab Stunden, wie Leonhard es gethan und schickte kleine Beträge nach Hause, die Schwester verwerthete allerlei Kunstfertigkeit mit der Nadel, die Aelteste entschloss sich, dem greisen Pfarrer die Wirthschaft zu führen. Franziska allerdings litt; sie glaubte sich von ihm vergessen. Und Leonhard schwamm im Wirbel, umsonst versuchend, irgendwo festen Fuss zu fassen.

Die New-Yorker Zeitungen brachten eines Tages eine jener Notizen, die, kurz und dürr, dennoch mehr als bändelange Schilderungen irdischen Jammers geeignet sind, die Herzen zu erschüttern. Ein Polizist hatte einen bewusstlosen und wie er, Dank des häufigen Vorkommens solcher Zufälle, glaubte, betrunkenen Mann vom Strassenpflaster aufgelesen und über Nacht auf der Polizeistation mit dem verkommensten Gesindel zusammen eingesperrt. Vor dem Richter stellte sich heraus, der Fremde, ein Musiklehrer, der Bruder eines in New-York geschätzten Künstlers, hatte keinen Tropfen geistigen Getränkes zu sich genommen, sondern war zusammengebrochen, weil er seit mehreren Tagen nichts Nahrhaftes gegessen. Das Mitleid verschaffte Leonhard die ersten Stunden in New-York. Was man auch an den plötzlich reich gewordenen Amerikanern zu tadeln finden mag, die schlechte Eigenschaft der Emporkömmlinge, die Kargheit im Kleinen neben der prahlerischen Vergeudung im Grossen besitzen sie nur ausnahmsweise; sie lassen die Lehrer ihrer Kinder, die Angestellten in ihren Geschäften, die Dienstleute im Hause nicht darben. Leonhard sah sein Schifflein bald auf ruhiger Fluth dahingleiten.

Lachend und weinend zu gleicher Zeit hielt Franzi den Brief in der Hand, der ihr von der günstigen Wendung in seinem Geschick Kunde gab. Bald sollten sie einander angehören. Lärmten die Sperlinge nicht wie ehemals, sang und klang es nicht in ihr, um sie? Aber es dauert nur wenige Augenblicke. Ihre Seele hat die luftigen Schwingen eingebüsst, mit welchen sie sich einst in ein glückliches Traumland erheben konnte.

»Was wird wohl diesmal zwischen uns treten?« fragt sie sich bitter, der Glanz in den Augen erlischt, und sie zieht wieder die Nadel durch ihre Arbeit, die hoffnungs- und erfolglos ist, wie die der Danaïden.

Diesmal irrte sie. Joseph, der in seinem Charakter dem ältesten Bruder glich, war Schullehrer in Mureck geworden und wollte Leonhard's Stelle bei der Familie vertreten. Selbst die Mutter, welche die trübseligen Verhältnisse zu einem beständig heischenden und niemals befriedigten Wesen gemacht, schrieb, wenn auch ein Zuschuss stets willkommen sei, so möge ihr Aeltester nun auch einmal an sich denken.

Leonhard's Schüler schütteln verwundert die Köpfe. Hätte nicht jeder deutsche Professor das unveräusserliche Vorrecht, wunderlich zu sein, sie würden ihn für verrückt erklären. Er geht umher, als führten die Engel über seinem Haupte ein Conzert auf. Während die kleinen ungelenken Fingerchen neben ihm dem Piano gräuliche Misstöne entlocken, lächelt er stillselig vor sich hin, statt, wie recht und billig, wüthend zu werden. Er sieht beinahe gross aus, so dehnt und streckt sich sein kleines Persönchen vor innerem Wohlgefühl: Er rüstet das Nest für sein Weib, kein Tag vergeht, an dem er nicht mit einem Pack unter dem Arm die steile Holztreppe zur künftigen Residenz emporklimmen würde. Noch besteht der Brauch, wohl aus den Ansiedlertagen, da Einer auf den Beistand des Anderen angewiesen war, dass man Freunden das Haus einrichten hilft. Die Eltern seiner Schüler wissen, er erwarte die Braut aus Deutschland (unter welchem Namen ganz Europa, mit Ausnahme Grossbritanniens und Irrlands, begriffen wird), die Tischchen, Standuhren, Kamindraperien, gestickten Deckchen, Porzellanfiguren, Bilder – an welchen freilich der Rahmen das Hervorragendste ist –, die ihm in's Haus strömen, würden ein Museum füllen. Jedenfalls wird man in der neuen Wohnung äusserst massvoll im Gebrauch seiner Gliedmassen sein müssen, und Franzi wird als Herrin all der Schätze gerade keine Sinecure inne haben, wenn sie dieselben in halbwegs staubfreiem Zustand erhalten will. Stunden lang steht Leonhard, in Bewunderung versunken, vor den Herrlichkeiten. Aber ein Geräth vergass er, vergassen seine Freunde. Am Tage, bevor das Schiff mit seiner Braut, das glückhafte Schiff, im Hafen einläuft, kauft er den Pfeilerspiegel für die Vorderstube.

Vom Dock führt er sie zum Friedensrichter, der die beiden geduldigen und getreuen Menschen für das Leben zusammengiebt. Leonhard hat sein Nest in einer neugierigen, schwatzhaften Strasse gebaut; man braucht nicht viel Phantasie, um sich in eine Kleinstadt im deutschen Vaterland versetzt zu fühlen. Rechts und links drücken die Nachbarinnen die Gesichter an die Fenster, um das Paar vorüberschreiten zu sehen. Sie geben sich keine Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Die Monate langen Vorbereitungen, das verklärte Gesicht liessen sie einen anderen Siegespreis vermuthen.

»Die alte Jungfer hätte er nicht zu importiren gebraucht,« sagten sie, »so etwas findet sich auch noch unter dem Sternenbanner.«

Franzi hat es glücklicherweise nicht gehört, es hätte einen grauen Flor über ihre Seligkeit gebreitet. Ohnedies erscheint sie nicht so glücklich, wie man vermuthen sollte. Während Leonhard wie von Flügeln getragen einhergeht, schlägt sie die Augen zu Boden.

Es war ziemlich spät im Herbste. Leonhard hatte, weil die Blumen spärlich wurden, die zahlreichen Vasen mit prachtvollen farbigen Herbstblättern angefüllt, sie sahen wie leuchtend rothe, goldgelbe und broncefarbige Blüthen aus. Franzi konnte nicht umhin, einen Ausruf des Entzückens bei dem Anblick ihrer Wohnung auszustossen. Der Klang der Schelle hatte ihren Gatten von ihr fortgerufen. Sie war allein in ihrem Königreich. Zaghaft nahm sie ein Figürchen um das andere in die Hand, bewundernd beugte sie sich über die Stickereien, den Teppich, die Geräthe. Zuletzt trat sie vor den Spiegel. Und nun verwandelte sich der Ausdruck ihrer Züge, sie brach in Thränen aus.

Vielleicht hatte sie gehofft, inmitten der Wunderdinge die Franzi von ehemals mit rosigem Antlitz und Wangengrübchen, Goldglanz auf dem Haar und schalkhaftes Leuchten im Auge, zu erblicken. Aber aus dem Spiegel trat ihr ein Schatten ihres alten Selbst mit traurigen Augen und einem Gesicht entgegen, aus dem selbst diese Stunde des Glückes das Gepräge der Resignation, des unaufhörlichen Verzichtens nicht zu verwischen vermocht hatte. Geheimnissvoll vor sich hinlächelnd trat Leonhard wieder ein. Da er sie weinen sah, blieb er wie erstarrt stehen. Dann eilte er auf sie zu; wenn sie Heimweh fühlte, dann sollte sie es an seinem treuen Herzen überwinden. Aber sie machte sich heftig los.

»Müssen wir uns nicht schämen, uns wie andere neuvermählte Paare zu gehaben? Schnee liegt auf unserem Scheitel, Furchen ziehen sich durch unsere Züge.«

Er hatte es bisher nicht bemerkt, dass sie sich verändert. Für ihn war sie die Franzi geblieben, um die er in ihrem Lenz geworben. Und auch jetzt, nachdem sie ihm die Binde von den Augen gerissen, meinte er, es gäbe kein schöneres, kein anziehenderes Weib in der Welt. Er sah sie mit den Augen der Erinnerung.

»Können wir denn noch glücklich werden?« fragte sie, »vermagst Du mein verblühtes Gesicht noch zu lieben?«

Er eilte vor die Thür und trug mit Aufgebot aller Kraft einen Blumenkorb von ungeheurem Umfang, gefüllt mit herrlichen, frischen Blüthen, herein; eine Schülerin hatte ihn dem Ehepaar zum Einzug in das Haus gesendet.

Leonhard wies auf die prächtigen Rosen, auf Nelken und Heliotrop.

»Es ist Herbst,« sagte er, »die Luft ist rauh, und Nebel füllt die Strassen. Aber furchtlos strecken sie die feinen duftenden Köpfchen in die Luft hinaus und freuen sich der Stunden, in welchen die Sonne ihnen scheint.«

»Und wie lange dauert es,« warf sie herbe ein, »dann kommt der erste Frost und vergilbt ihre Blätter.«

»Lass ihn kommen, Kind, wir wollen doch sehen, ob wir ihn mit unseren warmen Herzen nicht überwinden. Wir wollen unseren Frühling dankbar feiern, obschon er uns spät im Jahre gekommen.«

Er schloss sie in seine Arme und küsste sie auf den Mund.

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