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Anspruchslose Geschichten

DAS PFLEGETÖCHTERCHEN.

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Die Leute haben nie begreifen können, was mich zu dem Alten hinzog, nachdem sie ihn Alle als unverbesserlich aufgegeben. Sie meinten, ich hätte mich noch entschiedener, als die ganze Welt von ihm lossagen sollen, denn sein Einfluss hatte es verschuldet, dass ich in meinen Jünglingsjahren auf Abwege gerieth, das heisst den bequemen Drehstuhl in meines Vaters Comptoir aufgab und Farben zu verschmieren anfing. Als ich mit Conrad Stürmer bekannt wurde, hatte er längst aufgehört, seine Kunst, in der er einst Bedeutendes geleistet, auszuüben; er bildete Schüler heran, oder wie die nachsichtigen Mitmenschen behaupteten, er lockte thörichte Jungen aus ihrer gesicherten Lebensbahn, unter der Vorspiegelung, Talent in ihnen entdeckt zu haben, um sie auszubeuten. Ich wusste, dass man ihm mit diesem Verdacht Unrecht that; er war ein Enthusiast, ungemein leicht begeistert und in jedem Pfennig-Kerzlein einen künftigen leuchtenden Stern sehend. Allerdings hat er ziemlich viel Unglück angestiftet, aber böse Absicht lag ihm fern. Ich hatte ihn liebgewonnen, und blieb ihm anhänglich, auch nachdem ich erkannt, dass er sich und mich getäuscht, als er in meinen dilettantischen Versuchen den künftigen Meister sah. Mit dieser Erkenntniss war für mich, der von einer ganzen Ahnen-Reihe ehrsamer Kaufleute eine gewisse nüchterne Besonnenheit geerbt (vielleicht war es gerade diese, die Stürmers entzückte Prophezeiungen kläglich vereitelt), der Weg klar vorgezeichnet, den ich einzuschlagen hatte. Die Motte wartete nicht, bis sie vollständig verbrannte; mit nur leicht angesengten Flügeln kehrte sie reuig zurück. Aber daheim schlachtete man kein gemästetes Kalb für den verlorenen Sohn; mein Vater grollte, weil ich dem Paradies des Drehstuhls eigenmächtig den Rücken gekehrt, und nachdem ich dieses unsühnbare Verbrechen begangen, nicht als gefeierter Künstler heimgekommen war; mein jüngerer Bruder, der mittlerweile meine Stelle eingenommen, konnte nicht einsehn, warum er mir dieselbe nun wieder einräumen sollte, die ganze ungeheure Edlinger'sche Basen- und Vetterschaft sah mich mit mitleidiger Geringschätzung an, als sei ich vor der Zeit zur Ruine geworden, und – was mir zumeist an's Herz griff – meine gute Mutter, deren Liebling ich war, litt darunter, mich von der stolzen, für mich erträumten Höhe so kläglich herabgestürzt zu sehen. Da fasste ich denn eines Tages einen kühnen Entschluss und, die Brücken hinter mir verbrennend, wanderte ich aus, nun erst recht ein verlorener Sohn, der nur dann auf Vergebung und freundliche Aufnahme im Vaterhause rechnen konnte, wenn er, ein Mann des Erfolges, zurückkehrte.

Ich hatte ungewöhnliches Glück gehabt; schon nach zwei Jahren konnte ich nach Hause schreiben, dass ich mein sicheres Auskommen gefunden, nach vier Jahren, dass ich mich selbständig gemacht, und wieder nach einiger Zeit, dass das Haus Edlinger in der neuen Welt Aussicht habe, auf eine gleiche Stufe mit dem in der alten zu gelangen. So verstrichen zwölf Jahre in harter aber erfolgreicher Arbeit. Ich durfte mir einen Feiertag und die Genugthuung vergönnen, als Sieger auf dem Schauplatz meiner Niederlage einzuziehen. Ich packte meinen Koffer und fuhr zu Besuch in die alte Heimath.

Mein Empfang im Vaterhause liess nichts zu wünschen übrig. Mein Mütterchen erschien förmlich verjüngt in ihrer Wiedersehensfreude, Papa nahm mich mit offenen Armen auf, einen dicken Strich durch meine alten Sünden ziehend; ja ich glaubte, er rechnete mir sie nun als Verdienst an, denn sie verschafften ihm die Genugthuung, sagen zu können »ein Edlinger dringt durch, auch wenn er ohne Beschützer und Mittel seine Laufbahn beginnt.« Hans, mein Bruder, fühlte Respekt vor dem »selfmade man«, Vettern und Basen waren stolz auf die überseeische Rarität. Und in meiner Glorie durfte ich es mir erlauben, nach meinem alten Freunde auszuspähen, ohne dass mein Beginnen mehr als ein Kopfschütteln der Verwunderung erregt hätte.

Es war ein trauriges Wiedersehn. Der alte Mann mit dem Kinderherzen war furchtbar gealtert. Ich hatte ihn nie in behaglichen Verhältnissen gekannt, jetzt aber schien er bettelarm; denn selbst die letzte spärliche Quelle seines Einkommens, die ihm von seinen langhaarigen Jüngern geflossen, war versiegt; Konrad Stürmer war krank und gebrochen, er vermochte keinem noch so eiteln jungen Burschen mehr das Vertrauen einzuflössen, dass er ihn zu einem Lenbach oder Defregger machen werde. Für die kleinen Unterstützungen, die ich ihm von New York aus zuzuwenden vermochte, dankte er weinend. Ich erschrak; früher hatte er dergleichen als selbstverständlich angesehen, als einen Zoll, den der Jünger seinem Meister zu entrichten hat. Ich fasste ihn schärfer in's Auge, und entdeckte nun erst, dass er ein schwer kranker Mann sei, vielleicht nur noch Wochen zu leben habe. Hart und trocken drang der Husten aus seiner eingefallenen Brust, scharfumgrenzte rothe Flecken standen auf den hageren Wangen. Er ahnte nichts davon; er theilte mir, nachdem die mich so befremdenden Ausdrücke seiner Erkenntlichkeit verklungen waren, mit, dass er nicht lange mein Schuldner bleiben, sondern demnächst »die Oberösterreichische Kirchweih«, die ich vor mehr als zwölf Jahren angefangen, zwischen all den andern Entwürfen in seinem Atelier gesehen, vollenden, mich bezahlen und mit Pepi nach dem Süden ziehen werde. Ich stutzte. Trotzdem wir vor Jahren täglich mit einander umgegangen, war ich nie in seiner Wohnung gewesen. Das Atelier lag entfernt von derselben; die guten Nebenmenschen behaupteten, er besitze eine brave, hartarbeitende Frau, die das Haus erhalte, während er sich in der Kneipe herumtreibe. Ich bemerkte nun auch einen schwarzen Flor um seinen zerdrückten Hut und drückte ihm mein Beileid aus. Die Thränen strömten ihm aus den Augen; er rief: »sie war eine brave, eine edle Frau; sie hätte ein besseres Loos verdient. Ihr ganzes Unglück war, dass sie ihr Herz an einen Unwürdigen, einen Elenden, einen Schurken gehängt.« Vergeblich suchte ich ihn zu beschwichtigen, die Reue über sein verfehltes Leben, das Leid, das er auf seine Gefährtin herabbeschworen, brachen mit elementarer Gewalt aus ihm hervor; erst ein erstickender Hustenanfall liess ihn verstummen. Aber die alte Zuversicht kehrte nicht zurück; »wenn ich das Bild nicht vollende, was wird aus Pepi werden!« stöhnte er. Nichts leichter zu beantworten, als dies. Der Bursche konnte mein Schüler werden, wie ich der seines Papas gewesen, nur hoffte ich etwas mehr Erfolg mit ihm zu erzielen, als dieser mit mir. Ich wollte ihn mit mir nach Amerika nehmen und in mein Geschäft eintreten lassen. Von ihm allein sollte es abhängen, ob er es vorwärts brächte. Konrad Stürmer war zu erschöpft, als dass ich ihm sogleich meine ausführlichen Pläne für seinen Sprössling hätte darlegen können. Ich verschob dies für eine spätere günstigere Gelegenheit, und erklärte ihm nur, dass ich mich Pepis mit Rath und That annehmen werde.

Er dankte mir nicht mit Worten, aber mit einem Druck der Hand. Mir schien's, als sei ein schweres Gewicht von seiner Brust gefallen; er vermochte nun sogar ein Glas guten Rheinweins, ehemals seine grösste Liebhaberei, – das bisher unberührt vor ihm gestanden, zu leeren. Wir hatten uns in unserer ehemaligen Künstlerkneipe zusammengefunden. Als er sich zum Abschied erhob, übermannte ihn die Schwäche von Neuem. Ich rief einen Wagen herbei und begleitete ihn zu seinem Hause in einer abgelegenen, ärmlichen Strasse. Dann half ich ihm die vielen Treppen erklimmen, klingelte – und machte, als geöffnet wurde, das erstaunteste Gesicht meines Lebens. Vor mir stand ein kleines, blasses Mädchen in Trauerkleidern. Pepi Stürmer hatte nach süddeutschem Sprachgebrauch ebensogut Josef wie Josefine heissen können. Es war das Letztere, und mein Lehrling, Gehilfe und künftiger Partner versank, noch bevor er entstanden war.

Wenige Wochen später wurde Carl Stürmer begraben, und ich trat die Vormundschaft über seine Waise an. Es bedurfte der ganzen Autorität des amerikanischen Edlinger, um ihn bei diesem Anlass nicht wieder als sentimentalen Narren in Misscredit zu bringen. Aber ich setzte meinen Willen durch; eine arme Tante von mir nahm das Mädchen gegen Vergütung bei sich auf, und ich reiste, vollständig beruhigt über ihr Wohlergehen, ab. Ich dachte in den nächsten Jahren nicht allzu oft an sie, pünktlich beantwortete ich ihre Briefe, und als ich wieder zum Besuch in meine Heimath kam, war es nicht, weil mich ein besonderes Verlangen nach meinem Pflegetöchterchen erfasst, sondern weil ich einen sehnlichen Wunsch meiner Mutter erfüllen wollte.

»Paul,« sagte meine Tante und schüttelte dazu das ehrwürdige Haupt mit dem hochragenden Kopfputz, um dessentwillen ich sie in ruchlosen Flegeljahren »das Trauerpferd« getauft, »Du wirst nicht alles so finden, wie Du es erwartet,« mit Nachdruck, – »wie Du das Recht gehabt, zu erwarten.«

Die Wahrheit zu gestehen, blieb ich vollkommen ungerührt von diesen Kassandratönen. Die verehrte Dame liebte eine gewisse graue Beleuchtung aller täglichen Vorkommnisse und ich hatte eine Ahnung, dass die tragischen Andeutungen mich auf das Hinscheiden ihres asthmatischen Mopses vorbereiten sollten, dem ich schon längst ein friedliches Ende nicht blos vergönnt, sondern von ganzem Herzen gewünscht hatte. So liess ich sie denn seufzen und den Kopf schütteln und bemerkte: »Wo bleibt denn Josefine?«

Das Seufzen verstärkte sich zu einem Stöhnen. »Ich habe sie unter einem Vorwand entfernt, um Dich, Unglücklichen, vorzubereiten; denn eben bei Pepi wirst Du nicht alles so finden«, und so weiter, wie bekannt.

»Nun, Kinder sind dazu da, um ihren würdigen Papas Enttäuschungen zu bereiten. Pflegekinder werden vermuthlich keine Ausnahme machen,« versetzte ich noch immer gelassen, »ist die Kleine nicht so hübsch geworden, wie sie vor vier Jahren versprochen?«

»Hübsch?« rief die Tante, »sie ist aussergewöhnlich, sie ist unerlaubt schön«, damit schob sie mir eine grosse Photographie hin, »urtheile selbst.«

Ja, da war es freilich mit dem Urtheilen vorbei.

»Aber liebe Tante,« sagte ich und starrte unverwandt auf das Bild, um in dem wundervollen Gesicht nach den Zügen des mageren verweinten Backfischs zu spähen, den ich vor vier Jahren in seinem dürftigen Trauerkleidchen aus dem Hause meines ehemaligen Lehrers in das meiner Tante geführt, »darin kann ich nun kein so ungeheures Unglück sehen.«

»Dieser Meinung sind auch andere,« erwiderte das alte Fräulein spitz, »darunter Alle, die in dieser Stadt Schnurrbärte tragen.«

»Hm,« murmelte ich betroffen und legte die Photographie aus der Hand, nicht ohne noch einen langen Blick auf sie zu heften – das Hexlein hatte es mir angethan – »ich dachte, Du habest mit ihr sehr zurückgezogen gelebt.«

»Das habe ich auch, das Kind ist ausser in meine Kaffeekränzchen – an welchen es merkwürdigerweise nicht einmal Geschmack fand – (ich stattete ihr im Stillen meinen Glückwunsch darüber ab) nicht in Gesellschaft gekommen.«

»Nun also,« sagte ich erleichtert, »da werden wohl die Schnurrbärte in gebührender Entfernung geblieben sein.«

»Du bestimmtest ja, dass lauter Fachlehrer Pepi's Unterricht vollenden sollten, – Du hattest Dir ja alle Gouvernantenweisheit verbeten,« sagte die Tante, die in ihrer Jugend Erzieherin gewesen sein muss, erbost, »nun, die Folgen konnte jeder vernünftige Mensch voraussehen.« Ich dankte mit einer Verbeugung für das in ihrer Rede verhüllte Compliment.

»Das Kind hat ohnehin das Menschenmögliche geleistet. Dem Zeichenlehrer und dem deutschen Professor versicherte sie, ohne Einwilligung ihres Vormunds und Wohlthäters werde sie sich nie vermählen.«

»Sehr vernünftig«, warf ich ein; meine gute Laune begann zurückzukehren.

»Aber, mein lieber Neffe, man darf nicht Unmögliches fordern. Wenn der interessanteste, junge Musiker der Stadt, für den alle Mädchen schwärmen, mir seine Liebe gewidmet hätte, ich weiss nicht, ob ich kalt geblieben wäre.«

Ich konnte ein stilles Bedauern nicht unterdrücken, dass er nicht sie auf die Probe gestellt.

In diesem Augenblick öffnete Pepi die Thür und kam mit glückseligem Gesicht auf mich zu. Plötzlich blieb sie, erröthend, in höchster Verwirrung stehen. Der Kleinen hatte ich vermuthlich als gesetzter, ältlicher Herr vorgeschwebt, das erwachsene Fräulein aber sah, dass ich mit meinen 37 Jahren mir es noch entschieden verbitten durfte, mit Methusalem in einem Athem genannt zu werden, und statt mir in die Arme zu fliegen, wie sie ohne Zweifel beabsichtigt, reichte sie mir nur die Hand zum Willkommen. Aber sie fasste sich bald, setzte sich neben mich auf das Sofa und plauderte.

Wovon wir sprachen? ich könnte kein Wort davon wiederholen. Ich weiss nur, dass der Nachmittag, der Abend wie im Fluge verstrichen, und dass wir beide, als die altmodische Stutzuhr zehn schlug, ganz erschrocken auffuhren. Meine gute Mutter zeigte ein wenig Unzufriedenheit, weil ich sie vernachlässigte. Aber leider gab ich ihr fortan noch manchen Anlass zur Beschwerde, denn sobald ich vom Hause abkommen konnte, eilte ich zu Pepi. Vergebens hielt ich mir die Thorheit vor, mein Herz an ein Mädchen zu hängen, das einen Andern liebte, meine Leidenschaft wuchs mit jedem Tage. Noch hatte ich den interessanten Musiker nicht gesehen. Die Tante theilte mir mit, er sei auf einer Concertreise begriffen. Nach seiner Rückkehr sollte ohne Zweifel die Verlobung gefeiert und der Herr Vormund und Pflegevater zu dem schönen Fest gebührenderweise eingeladen werden. Pepi erwähnte seiner nie, wiewohl sie mir sonst mit kindlicher Offenheit über Alles, was ihr Leben betraf, Aufschluss gab. Wie wünschte ich von ganzem Herzen, der junge Mann möge mir dergestalt missfallen, dass ich als gewissenhafter Vormund mein Veto gegen ihre Verbindung mit ihm einlegen müsste. Aber nein, als er sich mir endlich vorstellte, fand ich nichts besonders Tadelnswerthes an ihm. Vielleicht war der hübsche Junge ein wenig eitel, aber das war dem »interessanten Musiker, für den alle Mädchen schwärmten«, nicht allzu schwer anzurechnen, vielleicht zeigte er hie und da eine leise Anlage, das Leben leicht zu nehmen, die seine Gattin mit einer Wiederholung des Looses bedrohen mochte, wie es ihrer Mutter zu Theil geworden; aber seinem Charakter wurde das beste Zeugniss ausgestellt; auf Ahnungen und Besorgnisse hin, die vielleicht nur meinen eigensüchtigen Wünschen ihr Entstehen verdankten, konnte ich ihn nicht abweisen.

Ich wollte mein Opfer nicht halb bringen. Mit einer Miene, die, wie ich hoffte, Josephinen nicht allzudeutlich verrieth, was es mich kostete, sagte ich ihr, dass Fritz Hillmann bei mir um sie geworben habe. Sie wurde blass. »Wenn Sie es wünschen, Vormund, wenn Sie es für gut halten,« stammelte sie. Da konnte ich mich nicht zurückhalten.

»Ich es wünschen, ich, dem der einzige Preis, den ich vom Leben ersehnte, entrissen wird! Nein, Pepi, wenn ich meine Einwilligung zu Deiner Verbindung mit einem Andern gebe, so geschieht es unter hoffnungslosen Schmerzen, in dem Bewusstsein, dass ich damit das Siegel auf ein einsames, unerquickliches Leben drücke. Es ist eigensüchtig, dass ich es Dir sage, ich weiss es, ich hätte mein Opfer schweigend bringen sollen; aber, Pepi, ich bin kein Held, der seine Wunden stumm verbirgt.«

Ihr wunderschönes Gesicht leuchtete von Glück. Sie trat auf mich zu und sprach:

»Ich hatte mich selbst nicht gekannt; erst seit Du kamst, weiss ich, dass ich nur einen Mann lieben kann, Dich, Paul.«

Ich zog nicht allein über das Meer.

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