Siebenter Teil.
Reading edition
1.
Die Lewins wohnten bereits im dritten Monat in Moskau. Schon längst war der Zeitpunkt verstrichen, wo nach den sichersten Berechnungen der Leute, welche sich auf die Sache verstanden, Kity niederkommen mußte; aber sie ging immer noch und an nichts war bemerkbar, daß die Zeit jetzt näher gekommen sei, als sie zwei Monate vorher gewesen.
Der Arzt, wie die Wehfrau, Dolly und die Mutter, und besonders Lewin, vermochten nicht ohne Schrecken an das Kommende zu denken, und begannen Ungeduld und Unruhe zu empfinden; allein Kity fühlte sich vollkommen ruhig und glücklich.
Sie fühlte jetzt deutlich in sich das Entstehen einer neuen Empfindung von Liebe zu dem künftigen, für sie zum Teil schon vorhandenen Kinde, und lauschte mit Wonne diesem Gefühl. Das Kind war jetzt nicht mehr völlig ein Teil von ihr selbst, sondern lebte zeitweilig schon sein eigenes, von ihr unabhängiges Leben. Oft war ihr dies schmerzhaft, aber gleichzeitig hätte sie auch darüber lachen mögen in seltsamer, ungekannter Freude.
Alle, die sie liebte, waren bei ihr, und alle waren so gut mit ihr, bemühten sich so sehr um sie, in allem bot sich ihr so völlig nur eine große Annehmlichkeit, daß sie sich, wenn sie nicht gewußt und gefühlt hätte, daß dies bald enden werde, kein besseres und angenehmeres Leben gewünscht haben würde.
Eines indessen, was ihr den Reiz an diesem Leben benahm, war, daß ihr Gatte nicht mehr der nämliche war, als der er sie vorher geliebt hatte, und der er auf dem Dorfe gewesen war.
Sie liebte seinen ruhigen, freundlichen und entgegenkommenden Ton auf dem Lande. In der Stadt hingegen schien er beständig in Unruhe und auf der Hut zu sein, als fürchte er, es möchte ihn, oder hauptsächlich sie jemand beleidigen.
Auf dem Dorfe hatte er, offenbar wohl wissend, daß er dort an seinem Platze sei, nie gehastet, war er nie in Anspruch genommen gewesen. Hier aber, in der Stadt, war er beständig in geschäftiger Eile, als wolle er Etwas nicht verfehlen, und doch hatte er gar nichts zu thun.
Sie hatte Mitleid mit ihm; daß er den anderen nicht bemitleidenswert erschien, wußte sie; im Gegenteil, wenn Kity in Gesellschaft auf ihn blickte, wie man bisweilen auf einen geliebten Menschen schaut, im Bemühen, ihn gleichsam wie einen Fremden anzusehen, um den Eindruck in sich selbst bestimmen zu können, welchen derselbe auf die anderen macht, sah sie zum Schrecken für ihre Eifersucht, daß er nicht nur nicht kläglich, sondern sehr anziehend in seiner etwas altertümelnden Rechtschaffenheit, seiner ängstlichen Höflichkeit gegen die Frauen, mit seiner kraftvollen Erscheinung und dem eigenartigen, wie ihr schien ausdrucksvollen Gesicht. Doch sie betrachtete ihn nicht von außen, sondern von innen nach außen; sie sah, daß er hier nicht wahrhaftig war; anders vermochte sie sich seinen Zustand nicht zu erklären.
Bisweilen machte sie ihm innerlich Vorwürfe darüber, daß er nicht verstehe, in der Stadt zu leben; bisweilen räumte sie sich ein, daß es ihm in der That schwer werde, sein Leben hier so einzurichten, daß er damit zufrieden sein konnte.
Und in der That, was sollte er thun? Karten zu spielen liebte er nicht; in den Klub ging er nicht; mit Lebemännern nach Art Oblonskiys umzugehen — was dies bedeutete, hatte sie jetzt schon kennen gelernt — bedeutete zu trinken und nach dem Trinken wer weiß wohin zu fahren. Sie vermochte sich nicht ohne Schrecken zu denken, wohin bei solchen Fällen die Herren sich begeben möchten. Sollte er in Gesellschaft gehen? Sie wußte doch, daß man hierzu Vergnügen in der Annäherung an junge Damen finden müsse, und konnte es daher nicht wünschen. Sollte er daheim sitzen bleiben bei ihr, der Mutter und den Schwestern? So angenehm und unterhaltend ihr auch ein und dieselben Gespräche — der alte Fürst nannte sie „Alina-Nadina“ unter den Schwestern — waren, so wußte sie doch, daß ihm das langweilig werden müsse. Was blieb ihm nun zu thun übrig? Sollte er fortfahren, sein Buch zu schreiben? Er hatte schon versucht, dies zu thun, und sich in die Bibliothek begeben, um sich mit Excerpten und Korrekturen für sein Werk zu beschäftigen, je mehr er indessen, wie er zu ihr sagte, nichts that, um so weniger blieb ihm Zeit übrig. Außerdem aber beklagte er sich bei ihr, daß er hier allzuviel über sein Buch gesprochen habe, daß sich infolge dessen alle Ideen über dasselbe in ihm verwirrten und man das Interesse daran verloren habe.
Ein Vorzug dieses Stadtaufenthalts war der, daß es hier unter ihnen nie mehr Zwiste gab. Mochte dies daher kommen, daß die Bedingungen des Stadtlebens andere waren, oder davon, daß sie beide vorsichtiger und verständiger geworden waren in dieser Beziehung; genug, in Moskau gab es keine Zwiste aus Eifersucht, die sie so gefürchtet hatten, als sie nach der Stadt übersiedelten.
In dieser Beziehung ereignete sich sogar ein für sie beide sehr wichtiges Vorkommnis — die Begegnung Kitys mit Wronskiy. — Eine alte Fürstin, Marja Borisowna, eine Pathe Kitys, die diese stets sehr lieb gehabt hatte, wünschte Kity unbedingt zu sehen. Kity, welche in ihrem Zustande nirgendshin ausfuhr, kam mit ihrem Vater zu der verehrten alten Dame und begegnete bei ihr Wronskiy.
Sie konnte sich bei dieser Begegnung nur damit einen Vorwurf machen, daß ihr für einen Augenblick, als sie die ihr in dem Waffenrock einst so bekannt gewesenen Züge erkannte, der Atem gestockt hatte, das Blut zum Herzen geströmt war, und eine brennende Röte — sie fühlte dies — auf ihr Antlitz trat. Doch dies währte nur einige Sekunden. Ihr Vater hatte, absichtlich laut zu Wronskiy sprechend, sein Gespräch noch nicht geendet, als sie sich schon völlig vorbereitet fühlte, Wronskiy anschauen zu können, und mit ihm, wenn es nötig werden sollte, ganz so zu sprechen, wie sie mit der Fürstin Marja Borisowna sprach: und zwar in einer Weise, daß alles bis auf den geringsten Accent, das geringste Lächeln, von ihrem Gatten gutgeheißen werden konnte, dessen unsichtbare Gegenwart sie in dieser Minute gleichsam über sich fühlte.
Sie sprach mit ihm einige Worte, lächelte sogar ruhig bei seinem Scherz über die Wahlen, die er „unser Parlament“ nannte. — Man mußte hier lächeln, um zu beweisen, daß sie den Scherz verstanden hatte. — Doch sofort wandte sie sich wieder zur Fürstin Marja Borisowna und blickte nicht ein einziges Mal mehr nach ihm, bis er aufstand, um sich zu verabschieden. Da erst blickte sie ihn wieder an, augenscheinlich aber nur deshalb, weil es unhöflich war, einen Menschen nicht anzusehen, wenn er grüßt.
Sie war ihrem Vater dankbar dafür, daß er nichts von der Begegnung mit Wronskiy gesagt hatte, doch sie sah an seiner eigenen Weichheit nach der Visite, während des üblichen Spazierganges, daß er mit ihr zufrieden gewesen war. Auch sie selbst war zufrieden mit sich. Sie hatte keinesfalls erwartet, daß sich in ihr soviel Kraft finden würde, in der Tiefe ihres Herzens alle Erinnerungen an eine frühere Empfindung für Wronskiy zu unterdrücken, und diesem gegenüber nicht nur vollständig gleichmütig und ruhig zu erscheinen, sondern es auch wirklich zu sein.
Lewin errötete bei weitem mehr als Kity, als diese ihm erzählte, daß sie Wronskiy bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet sei. Es kam ihr sehr schwer an, ihm dies zu sagen, doch noch schwerer, über die Einzelheiten dieser Begegnung weiter sprechen zu müssen, da er sie nicht frug, sondern sie nur, sich verfinsternd anblickte.
„Es thut mir sehr leid, daß du nicht dabei warst,“ sagte sie, „nicht, weil du nicht im Zimmer warst — ich würde nicht so natürlich geblieben sein in deiner Gegenwart — aber ich erröte jetzt weit mehr, weit, weit mehr,“ sagte sie, sich bis zu Thränen verfärbend, „ach, daß du nicht durch einen Spalt schauen konntest.“
Ihre ehrlichen Augen sagten Lewin, daß sie mit sich zufrieden gewesen war, und er beruhigte sich sogleich, obwohl sie errötet war, und begann nun, Kity selbst zu fragen, was diese ja nur wünschte. Nachdem er alles erfahren hatte, selbst bis auf die Einzelheit, daß sie nur in der ersten Sekunde nicht umhin gekonnt habe, zu erröten, sowie, daß ihr dann so frei und leicht zu Mute geworden sei, wie dem ersten besten Begegnenden gegenüber, wurde Lewin wieder vollständig heiter und sagte, daß er sich sehr darüber freue, und jetzt nicht mehr so thöricht handeln wolle, wie bei den Wahlen, sondern sich bemühen, bei der ersten Begegnung mit Wronskiy so liebenswürdig als möglich zu sein.
„Es ist so peinlich, denken zu müssen, daß man einen Menschen als Feind besitzt, mit dem zusammentreffen zu müssen, uns schwer wird,“ sagte Lewin. „Ich bin sehr, sehr froh darüber.“
2.
„So fahre also zu den Bolj,“ sagte Kity zu ihrem Gatten, als dieser um elf Uhr, bevor er von Hause wegfuhr, zu ihr kam. „Ich weiß, daß du im Klub essen wirst, Papa hat dich eingeschrieben. Was machst du denn aber den Vormittag?“
„Ich will nur zu Katawasoff,“ antwortete Lewin.
„Weshalb so früh?“
„Er hat mir versprochen, mich mit Metroff bekannt zu machen. Ich will mit diesem über mein Werk sprechen; er ist ein bekannter Gelehrter in Petersburg,“ sagte Lewin.
„Ach, derselbe, dessen Abhandlung du so lobtest? Nun, und dann?“ sagte Kity.
„Will ich, vielleicht, noch aufs Gericht, in Sachen meiner Schwester.“
„Und ins Konzert?“ frug sie.
„Was soll ich allein dorthin!“
„Nein, fahre nur; dort hat man jetzt Novitäten. Sie interessierten dich doch so. Ich würde sicher hinfahren.“
„Nun, jedenfalls komme ich vor dem Essen nach Haus,“ sagte er, nach der Uhr blickend.
„Zieh deinen Gesellschaftsrock an, damit du direkt zur Gräfin Bolj fahren kannst.“
„Ist denn das so unbedingt notwendig?“
„Unbedingt! Er ist bei uns gewesen. Und was kostet es dich? Du fährst hin, setzest dich, sprichst fünf Minuten über das Wetter, stehst wieder auf und fährst fort.“
„Du glaubst nicht; ich bin dessen so entwöhnt, daß mir selbst dies schwer wird. Wie wird man es aufnehmen? Kommt da ein fremder Mensch zu ihnen, setzt sich, bleibt ohne jeden Grund länger sitzen, stört die Familie, bringt sich aus der Stimmung, und geht dann wieder!“ —
Kity lachte.
„Aber du hast doch als Junggeselle noch Visiten gemacht?“ sagte sie.
„Allerdings; es ist mir aber stets unangenehm gewesen; jetzt bin ich so davon entwöhnt, daß ich, bei Gott, lieber zwei Tage nicht essen will, als diese Visite machen. So schwer fällt sie mir. Mir scheint stets, als ob man verletzt sei und sagen wolle: ‚Weshalb bist du denn eigentlich ohne Grund hierhergekommen?‘“ —
„O nein; man fühlt sich nicht verletzt. Dafür bürge ich dir schon,“ sagte Kity, ihm lachend ins Gesicht schauend. Sie nahm seine Hand, „nun leb' wohl — fahre hin, ich bitte dich.“ Er wollte schon gehen, nachdem er ihre Hand geküßt hatte, als sie ihn zurückhielt. „Mein Kostja, du weißt wohl, daß ich nur noch fünfzig Rubel habe?“
„Nun, dann will ich zur Bank fahren, um dort Geld zu erheben. Wieviel brauchst du denn?“ sagte er mit einem ihr bekannten Ausdruck von Mißvergnügen.
„Nein doch; warte.“ Sie hielt ihn an der Hand zurück. „Sprechen wir darüber; dies beunruhigt mich. Ich, glaube doch, gebe nichts Überflüssiges aus, und doch geht das Geld nur so dahin. Wir machen Etwas nicht richtig.“
„Keineswegs,“ sagte er, sich räuspernd und von unten her auf sie blickend. Dieses Räuspern kannte sie. Es war das Zeichen hoher Unzufriedenheit bei ihm, nicht über sie, sondern über sich selbst. Er war in der That unzufrieden, doch nicht darüber, daß viel Geld gebraucht wurde, sondern daß man ihn an das erinnerte, was er in der Erkenntnis, daß Etwas nicht in Ordnung sei, zu vergessen wünschte. „Ich habe Sokoloff befohlen, den Weizen zu verkaufen und das Geld für die Mühle im voraus in Empfang zu nehmen. Geld wird jedenfalls kommen.“
„Ja, aber ich fürchte, daß überhaupt viel“ —
„Keineswegs, keineswegs,“ wiederholte er — „doch leb' wohl jetzt, Herzchen.“
„Nicht doch; ich beklage es bisweilen, daß ich auf Mama gehört habe. Wie hübsch wäre es auf dem Dorfe gewesen! Und überdies quäle ich euch alle noch und wir verschwenden Geld“ —
„Durchaus nicht, durchaus nicht. Es ist noch nicht ein einziges Mal, seit ich verheiratet bin, der Fall gewesen, daß ich gesagt hätte, es wäre anders besser, als so, wie es eben ist“ —
„Ist das wahr?“ sagte sie, ihm in die Augen blickend.
Er sprach dies, ohne etwas dabei zu denken, und nur um sie zu beruhigen. Als er aber, sie anblickend, bemerkte, daß diese ehrlichen, lieben Augen fragend auf ihn gerichtet waren, da wiederholte er das Nämliche aus ganzer Seele. „Ich vergesse sie in der That,“ dachte er, und rief sich in das Gedächtnis zurück, was sie beide so bald erwartete.
„Wird es denn bald? Wie fühlst du dich?“ flüsterte er, sie bei beiden Händen nehmend.
„Ich habe schon sovielmal daran gedacht, daß ich jetzt nichts mehr denke und nichts weiß.“
„Hast du nicht Angst?“
Sie lächelte geringschätzig.
„Nicht die Idee,“ sagte sie.
„Wenn also Etwas vorkommen sollte, ich bin bei Katawasoff.“
„Nein; es wird nichts vorkommen; denke auch du nicht daran. Ich werde mit Papa auf den Boulevard fahren; wir wollen zu Dolly; vor dem Essen erwarte ich dich. — Ach ja! Du weißt wohl, daß die Lage Dollys entschieden unhaltbar wird? Sie ist über und über verschuldet, und Geld hat sie nicht. Ich habe gestern mit Mama und mit Arseniy,“ — so nannte sie den Gatten ihrer Schwester, der Lwowa — „gesprochen, und wir haben beschlossen, dich und ihn zu Stefan zu schicken. So ist es entschieden nicht mehr möglich. Mit Papa läßt sich darüber nicht sprechen, doch wenn ihr beide“ —
„Aber was können wir thun?“ frug Lewin.
„Du wirst doch wohl zu Arseniy gehen, sprich mit ihm; er wird dir sagen, was wir beschlossen haben.“
„Nun, mit Arseniy bin ich im voraus in allem einverstanden. Ich werde also zu ihm fahren. Sollten sie gerade ins Konzert gehen, so werde ich auch mit Nataly dorthin fahren. Jetzt leb' wohl.“
Auf der Treppe hielt Lewin der alte, noch unverheiratet lebende Diener Kusma zurück, welcher den Haushalt in der Stadt verwaltete.
„Der Krasavtschik,“ dies war das Handpferd, welches mit vom Lande hereingebracht worden war, „ist beschlagen worden, er hinkt aber immer noch,“ berichtete er, „was befehlt ihr nun?“
In der ersten Zeit des Aufenthalts in Moskau hatten Lewin die vom Land mit hereingebrachten Pferde beschäftigt; er hatte sich auf diesem Gebiet so gut und billig wie möglich einrichten wollen, allein es stellte sich heraus, daß ihm seine Pferde teurer wurden, als die der Mietkutscher, und Mietkutscher nahm man noch obendrein.
„Laß ihn zum Roßarzt bringen, vielleicht ist eine Quetschung vorhanden.“
„Nun, und für den Wagen Katharina Aleksandrownas?“ frug Kusma.
Lewin wunderte sich jetzt nicht mehr, wie während der ersten Zeit seines Lebens in Moskau, daß zur Fahrt von der Wosdwishenka nach den Siwzij Wrashki ein Paar starker Pferde in den schweren Wagen hatten gespannt werden müssen, um diesen durch den kotigen Schnee ein viertel Werst weit zu bringen, worauf sie vier Stunden standen und daß er dafür fünf Rubel zahlte. Jetzt erschien ihm das schon natürlich.
„Laß den Mietkutscher ein Paar Pferde für unseren Wagen bringen,“ sagte er.
„Zu Diensten.“
Nachdem Lewin auf diese Weise, dank den Verhältnissen der Stadt, einfach und leicht eine Schwierigkeit geordnet hatte, welche auf dem Lande soviel überflüssige Mühe und Aufmerksamkeit erfordert hätte, ging er zur Freitreppe hinaus und rief einen Mietkutscher; setzte sich in den Wagen und fuhr nach der Nikitskaja. Unterwegs dachte er nicht mehr an Geld, sondern überlegte, wie er sich mit dem Petersburger Gelehrten, der sich mit Socialwissenschaft beschäftigte, bekannt machen und mit ihm über sein Buch sprechen wollte.
Nur in der allerersten Zeit hatten Lewin in Moskau jene, dem Landbewohner befremdlichen, eiteln und doch unvermeidlichen Geldausgaben überrascht, die von allen Seiten von ihm gefordert wurden. Jetzt hatte er sich jedoch schon an sie gewöhnt. Es ging ihm in dieser Beziehung so, wie es dem Trinker gehen soll: das erste Glas ging schwer, das zweite leichter — nach dem dritten aber ging es wie im Vogelschwarm.
Als Lewin das erste Hundertrubelpapier zum Ankauf der Livree eines Dieners und eines Portiers wechselte, stellte er sich unwillkürlich vor, daß diese Livreen, die niemand etwas nützten, doch unumgänglich erforderlich waren, darnach zu urteilen, wie sich die Fürstin und Kity verwunderten bei der Andeutung, man könne auch ohne Livree auskommen — daß diese Livreen ihm zwei Sommerarbeiter, das heißt, einige dreihundert Arbeitstage von der Osterwoche bis zu Fastnachten kosteten, von denen jeder voll schwerer Arbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend war — und dieses Hundertrubelpapier ging ihm noch schwer vom Herzen. Das folgende indessen, zum Einkauf von Lebensmitteln zu einem Essen das er seinen Verwandten gab, das ihn auf achtundzwanzig Rubel kam, ging, obwohl es in Lewin die Erinnerung daran wachrief, daß achtundzwanzig Rubel doch neun Tschetwert Hafer waren, welcher unter Schweiß und Stöhnen gemäht, gebunden, gedroschen, geworfelt, wieder ausgesät oder aufgeschüttet wurde, schon leichter fort. Jetzt aber riefen die gewechselten Scheine schon gar nicht mehr derartige Erwägungen hervor, sondern flogen wie kleine Vögel davon. Ob die Mühe, welche auf die Erwerbung des Geldes verwendet worden war, dem Vergnügen, welches der dafür erkaufte Gegenstand gewährte, wirklich entsprach, diese Erwägung war schon lange verloren gegangen. Die wirtschaftliche Erwägung, daß es einen bestimmten Preis giebt, unter welchem man das Getreide nicht verkaufen kann, war gleichfalls vergessen. Das Getreide, auf dessen Preis er so lange gehalten hatte, wurde für fünfzig Kopeken der Tschetwert billiger verkauft, als man einen Monat vorher dafür gegeben hatte. Selbst die Erwägung, daß man bei derartigen Ausgaben unmöglich ein ganzes Jahr leben könne, ohne Schulden zu machen, selbst diese Erwägung hatte keine Bedeutung mehr für ihn. Nur Eines war nötig; man mußte Geld auf der Bank haben, ohne daß gefragt wurde, woher es kam, sodaß man stets wußte, wofür man den nächsten Tag das Rindfleisch kaufen könnte.
Er hatte nunmehr auch dies bei sich beobachtet: Stets hatte bei ihm Geld in der Bank gelegen. Jetzt aber war es dort ausgegangen und er wußte nicht recht, woher nun welches nehmen. Und dies versetzte ihn, als Kity mit ihm über das Geld sprach, einen Augenblick in Verlegenheit. Dabei aber hatte er auch keine Zeit, darüber nachzudenken.
Er fuhr dahin, an Katawasoff und die bevorstehende Bekanntschaft mit Metroff denkend.
3.
Lewin war mit seiner Ankunft hier wiederum eng mit seinem ehemaligen Universitätsfreunde, dem Professor Katawasoff in Verkehr getreten, den er seit der Zeit seiner Verheiratung nicht wieder gesehen hatte.
Katawasoff war ihm angenehm durch die Klarheit und Einfachheit seiner Weltanschauung. Lewin glaubte, daß die Klarheit dieser Weltanschauung Katawasoffs aus der Armut von dessen Natur hervorgegangen sei, Katawasoff hingegen meinte, daß die Inkonsequenz in der Denkweise Lewins aus dem Mangel an geistiger Disciplin bei diesem hervorgehe; aber die Klarheit Katawasoffs war Lewin willkommen, und der Überfluß der undisciplinierten Gedanken Lewins war Katawasoff lieb; sie trafen sich gern und debattierten dann.
Lewin las Katawasoff einige Stellen aus seinem Werke vor und sie gefielen diesem. Als gestern Katawasoff Lewin im Kolleg getroffen hatte, hatte er zu ihm gesagt, daß der bekannte Metroff, dessen Abhandlung Lewin so gut gefallen hatte, sich in Moskau befinde, und sehr interessiert sei von dem, was ihm Katawasoff über die Arbeit Lewins mitgeteilt hatte, daß Metroff morgen, um elf Uhr bei ihm, und sehr erfreut sein würde, mit ihm bekannt zu werden.
„Ihr lernt entschieden immer besser aussehen, Verehrtester; es macht einem Freude, Euch zu sehen,“ sagte Katawasoff, Lewin im kleinen Salon entgegentretend. „Ich hörte die Glocke und dachte, nicht möglich, daß er zur rechten Zeit käme — nun, wie steht es mit den Tschernagorzen? Nach der Art des Krieges“ —
„Nun?“ frug Lewin.
Katawasoff teilte ihm in kurzen Worten die letzte Nachricht mit und machte Lewin, in das Kabinett eintretend, mit einem kleinen, feisten Manne von sehr angenehmem Äußern bekannt. Dies war Metroff.
Das Gespräch drehte sich kurze Zeit um Politik, und darum, wie man in den höchsten Sphären Petersburgs die jüngsten Ereignisse betrachte.
Metroff teilte ihm aus zuverlässiger Quelle bekannte Worte mit, die bei dieser Gelegenheit vom Zaren und einem der Minister geäußert worden sein sollten.
Katawasoff hatte auch als verbürgt erfahren, daß der Zar etwas ganz anderes gesagt habe. Lewin bemühte sich, eine Situation herauszuklügeln, nach welcher diese wie jene Worte gesagt worden sein konnten, und das Gespräch über den Gegenstand wurde abgebrochen.
„Der Herr hat auch ein Buch bald fertig geschrieben über die natürlichen Verhältnisse des Arbeiters in Bezug auf den Boden,“ sagte Katawasoff, „ich bin zwar nicht Spezialist, doch hat es mir als Naturwissenschaftler gefallen, daß er die Menschheit nicht als etwas außerhalb der zoologischen Gesetze stehendes auffaßt, sondern im Gegenteil die Abhängigkeit derselben von ihrer Umgebung erkennt und in dieser Abhängigkeit die Gesetze ihrer Entwicklung erforscht.“
„Das ist sehr interessant,“ sagte Metroff.
„Ich habe eigentlich nur ein Buch über die Landwirtschaft zu schreiben begonnen, bin aber unwillkürlich, indem ich mich mit dem wichtigsten Instrument der Landwirtschaft, dem Arbeiter, beschäftigte,“ sagte Lewin errötend, „zu vollständig unerwarteten Resultaten gekommen.“
Und Lewin begann nun vorsichtig, als taste er nach Boden, seine Anschauung darzulegen.
Er wußte, daß Metroff eine Abhandlung gegen die allgemein herrschende politisch-ökonomische Wissenschaft geschrieben hatte, wußte aber nicht, bis zu welchem Grade er hoffen konnte, auf Teilnahme für seine neuen Anschauungen bei ihm zu stoßen, und konnte dies auch nicht an dem klugen und ruhigen Gesicht des Gelehrten erraten.
„Aber worin seht Ihr die besonderen Eigenschaften des russischen Arbeiters?“ sagte Metroff, „in seinen zoologischen Eigenschaften, sozusagen, oder in den Verhältnissen, in denen er sich befindet?“
Lewin sah, daß in dieser Frage schon ein Gedanke ausgesprochen war, mit welchem er nicht in Einklang stand, doch fuhr er fort, seine Idee zu entwickeln, welche darin bestand, daß der russische Arbeiter einen im Vergleich zu dem der Arbeiter anderer Völker vollkommen eigenartigen Blick für sein Land besitze, und beeilte sich, um seine Behauptung zu stützen, hinzuzufügen, daß nach seiner Meinung, dieser Blick des russischen Volkes herrühre aus dem Bewußtsein seines Berufes, die ungeheuren, noch unbebauten Gegenden im Osten bevölkern zu müssen.
„Es ist leicht möglich, in einen Irrtum zu verfallen, wenn man einen Schluß auf die allgemeine Bestimmung eines Volkes macht,“ sagte Metroff, Lewin unterbrechend. „Die Lage des Arbeiters wird stets von dessen Beziehungen zu Boden und Kapital abhängen.“
Ohne Lewin noch zu gestatten, seine Idee ganz auszusprechen, begann nun Metroff, ihm die Eigenart seiner Lehre zu erklären. Worin die Eigenart dieser Lehre bestand, begriff Lewin nicht, weil er sich gar nicht bemühte, sie zu begreifen; er sah, daß Metroff, ebenso wie die anderen, trotz seiner Abhandlung, in welcher die Wissenschaft der Nationalökonomen gestürzt wurde, auf die Situation des russischen Arbeiters doch nur vom Gesichtspunkt des Kapitals des Arbeiterlohnes und der Rente blickte.
Obwohl er nun zugestehen mußte, daß in dem östlichen, dem größten Teile Rußlands, die Rente noch gleich Null war, daß der Arbeitslohn für neun Zehntel der achtzig Millionen Einwohner nur die Ernährung in sich selbst ausdrückte, und ein Kapital noch nicht anders vorhanden sei, als in Gestalt von primitivsten Hilfsmitteln, so blickte er doch lediglich von diesem Standpunkte aus auf die gesamten Arbeiter, obwohl er in vielem gleichwohl nicht mit den Nationalökonomen übereinstimmte, und hielt seine neue Theorie vom Arbeitslohn aufrecht, welche er Lewin entwickelte.
Dieser hörte nur ungern zu und opponierte anfangs. Er wollte Metroff unterbrechen, um ihm seine Idee zu äußern, die nach seiner Meinung eine weitere Erklärung überflüssig machte, aber nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie beide in so verschiedenem Grade die Sache betrachteten, daß niemals Einer den Anderen verstehen würde, opponierte er nicht mehr, und hörte nur noch zu.
Ungeachtet dessen, das für ihn jetzt schon gar nicht mehr interessant war, was Metroff sprach, verspürte er doch ein gewisses Vergnügen, indem er ihm zuhörte. Seiner Eigenliebe wurde dadurch geschmeichelt, daß ihm ein so gelehrter Mann so gern, mit so großer Aufmerksamkeit und solchem Zutrauen zu seiner Kenntnis über den Gegenstand, bisweilen mit einem einzigen Wink auf eine ganze Seite der Sache deutend, seine Gedanken aussprach.
Er schrieb dies seiner Würde zu, ohne zu wissen, daß Metroff in der Unterhaltung mit allen seinen Bekannten besonders gern von jenem Gegenstande mit jedem Menschen, der ihm neu bekannt wurde, sprach; daß er überhaupt gern mit jedermann über eine Sache, die ihn beschäftigte und ihm selbst noch unklar war, redete.
„Doch ich werde mich verspätigen,“ sagte Katawasoff, nach der Uhr blickend, nachdem Metroff seine Darlegung soeben beendet hatte. „Ja, es ist heute Sitzung in der Gesellschaft der Freunde zum Gedächtnis des fünfzigjährigen Jubiläums Swintitschs,“ antwortete er auf Lewins Frage. „Ich habe mich an Peter Iwanowitsch gemacht, und habe versprochen, über seine Arbeiten in der Zoologie zu lesen. Kommt mit mir, es ist sehr interessant.“
„In der That, es ist Zeit,“ sagte Metroff. „Kommt mit uns, und, wenn Ihr wollt, von da aus, mit zu mir. Ich wünschte sehr, von Eurer Arbeit weiter zu hören.“
„Nein; das wird nicht gehen; sie ist noch unvollendet. Aber in die Sitzung komme ich sehr gern mit.“
„Wie, Verehrtester, habt Ihr gehört? Er gab eine ganz eigene Meinung zum besten,“ sagte Katawasoff, im Nebenzimmer den Frack anlegend.
Es begann ein Gespräch über die Universitätsfrage. Die Universitätsfrage bildete einen sehr wichtigen Gegenstand während dieses Winters in Moskau. Drei alte Professoren im Senat hatten die Meinungen jüngerer nicht acceptiert; und diese vertraten nun eine eigene Ansicht.
Diese Ansicht war entsetzlich nach dem Urteile der Einen, sie war sehr einfach und richtig nach dem der Anderen, und die Professoren hatten sich in zwei Lager gespalten.
Die Einen, zu denen Katawasoff gehörte, sahen auf der gegnerischen Seite niedrige Verleumdung und Betrug; die Anderen Kinderei und Mißachtung der Autorität.
Lewin hatte, obwohl er dem Universitätsverband nicht angehörte, schon mehrmals während seines Aufenthalts in Moskau von dieser Angelegenheit gehört und darüber gesprochen, und sich in dieser Beziehung seine eigene Meinung gebildet. Er nahm Teil an dem Gespräch, welches noch auf der Straße fortgesetzt wurde, als alle drei nach dem Gebäude der alten Universität gingen.
Die Sitzung hatte schon begonnen. An einem Tische, welcher mit Tuch gedeckt war und hinter dem sich Katawasoff und Metroff niederließen, saßen sechs Herren, und einer von ihnen, der sich dicht über eine Handschrift beugte, las etwas.
Lewin setzte sich auf einen der leeren Stühle, welche um den Tisch herum standen, und frug flüsternd einen dort sitzenden Studenten, was man lese.
Mit einem mißvergnügten Blick auf Lewin antwortete dieser:
„Eine Biographie ist es.“
Obwohl sich nun Lewin für die Biographie eines Gelehrten gerade nicht interessierte, hörte er doch unwillkürlich zu und erfuhr so manches Interessante und Neue über das Leben des berühmten Gelehrten.
Als der Lektor geendet hatte, dankte ihm der Vorsitzende und las die ihm für das Jubiläum eingesandten Verse des Dichters Ment vor, nebst einigen Worten des Dankes für diesen.
Darauf las Katawasoff mit seiner lauten, schreienden Stimme seine Schrift über die Gelehrtenthätigkeit des Jubilars.
Nachdem Katawasoff geendet hatte, blickte Lewin auf die Uhr und gewahrte, daß es schon zwei Uhr sei; er überlegte, daß er bis zum Konzert Metroff sein Werk nicht werde vorlesen können, und verspürte dazu auch gar keine Lust.
Während der Zeit des Lesens hatte er nur an die stattgehabte Unterredung gedacht, und es war ihm jetzt klar, daß, obwohl vielleicht auch die Ideen Metroffs ihre Bedeutung hatten, seine Ideen doch ebenfalls eine solche besaßen, und aufklären und zu Etwas führen könnten, wofern nur ein jeder für sich auf dem auserwählten Wege arbeite, während aus einer Veränderung dieser beiden Ideen nichts hervorgehen könne.
Nachdem sich Lewin entschlossen hatte, die Einladung Metroffs abzulehnen, begab er sich beim Schluß der Sitzung zu diesem hin. Metroff machte Lewin mit dem Präsidenten bekannt, mit welchem er über politische Neuigkeiten sprach. Hierbei erzählte Metroff dem Präsidenten das Nämliche, was er Lewin erzählt hatte, während Lewin die gleichen Bemerkungen machte, die er schon heute Vormittag geäußert hatte; zur Abwechslung indessen sprach er auch seine eigene Meinung mit aus, die ihm gerade einfiel. Hierauf begann wiederum das Gespräch über die Universitätsfrage. Da Lewin indessen alles das schon gehört hatte, beeilte er sich, Metroff zu sagen, er bedaure, von seiner Einladung nicht Gebrauch machen zu können, empfahl sich und fuhr zu Lwoff.
4.
Lwoff, der mit Nataly, der Schwester Kitys verheiratet war, hatte sein ganzes Leben in den Residenzen und im Auslande zugebracht, wo er auch erzogen worden war und als Diplomat gedient hatte.
Im vergangenen Jahre hatte er die diplomatische Carriere aufgegeben, nicht infolge einer Unannehmlichkeit — er hatte niemals mit jemand Unannehmlichkeiten gehabt — und war in das Hofgericht nach Moskau übergetreten, um seinen beiden Söhnen eine bessere Erziehung angedeihen zu lassen.
Trotz des schärfsten Gegensatzes in den Gewohnheiten und Anschauungen, sowie darin, daß Lwoff auch älter als Lewin war, waren beide in diesem Winter in engen Verkehr miteinander getreten und hatten sich gegenseitig liebgewonnen.
Lwoff befand sich daheim, und Lewin trat ohne Anmeldung bei ihm ein. Lwoff war im Hausrock mit Gürtel, und saß in Halbschuhen von sämischem Leder in einem Lehnstuhl, durch das Pincenez mit blauen Gläsern ein Buch lesend, welches auf einem Lesepult lag, während er, auf der Hut vor der abfallenden Asche, mit der schönen Hand eine bis zur Hälfte aufgerauchte Cigarre hielt.
Sein schönes, feines und jugendliches Gesicht, welchem die lockigen, glänzenden silbernen Haare noch mehr den Ausdruck angestammten Adels verliehen, erglänzte von einem Lächeln, als er Lewin erblickte.
„Ausgezeichnet! Ich wollte schon zu Euch schicken! Nun, was macht Kity! Setzt Euch hierher, da ist es behaglicher,“ er stand auf und bewegte einen Rollstuhl herbei.
„Habt Ihr schon das letzte Cirkular im ‚Journal de St. Petersbourg‘ gelesen? Ich finde es vortrefflich,“ sagte er mit etwas französischem Accent.
Lewin teilte ihm mit, was er von Katawasoff vernommen hatte, und was man in Petersburg spräche, und berichtete, nachdem er über die Politik gesprochen hatte, von seiner Bekanntschaft mit Metroff und seiner Exkursion in die Sitzung. Lwoff interessierte dies sehr.
„Ich beneide Euch, daß Ihr Zutritt zu dieser interessanten Gelehrtenwelt habt,“ sagte er, und ging dann, wie gewöhnlich sogleich zu der ihm bequemeren französischen Sprache über. „Ich habe allerdings leider auch keine Zeit; denn mein Dienst sowohl, als die Beschäftigung mit meinen Kindern beraubt mich derselben; dann aber scheue ich mich nicht, zu bekennen, daß meine Bildung allzu mangelhaft ist.“
„Das glaube ich nicht,“ antwortete Lewin lächelnd, und, wie gewöhnlich, voll Erbarmen mit dieser niedrigen Meinung von sich selbst, die durchaus nicht dem Wunsche, bescheiden zu erscheinen oder zu sein, entsprang, sondern vollständig aufrichtig war.
„Ach, gewiß doch! Ich fühle es jetzt, wie wenig gebildet ich bin. Selbst zur Erziehung der Kinder muß ich viel wieder an meinem Gedächtnis auffrischen, ja geradezu lernen! Denn trotzdem, daß Lehrer da sind, muß auch ein Aufseher da sein, sowie in Eurer Ökonomie Arbeiter nötig sind nebst einem Inspektor. Da lese ich eben“ — er zeigte auf die Grammatik Buslajeffs, welche auf dem Lesepult lag, „das fordert man von Mischa, und es ist doch so schwierig — erklärt mir dies. Hier sagt er“ —
Lewin wollte ihm erklären, daß man dies nicht verstehen könne, sondern lernen müsse, doch Lwoff stimmte dem nicht bei.
„Ihr lacht darüber!“ sagte er.
„Im Gegenteil, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich, im Hinblick auf Euch, stets studiere, was mir auch bevorsteht, die Erziehung von Kindern!“
„Nun, aber das Lernen taugt doch nichts,“ sagte Lwoff.
„Ich kann nur sagen,“ antwortete Lewin, „daß ich nie besser erzogene Kinder gesehen habe, als die Euren, und keine besseren Kinder wünschte, als die Euren sind.“
Lwoff hielt augenscheinlich an sich, seine Freude zu zeigen, aber er erglänzte doch von einem Lächeln.
„Wenn sie nur besser werden als ich, das ist alles, was ich wünsche. Ihr kennt noch nicht die ganze Mühe,“ begann er, „mit den Knaben, welche, wie die meinen, in diesem Leben im Auslande verwildert waren.“
„Ihr holt alles ein. Es sind ja so befähigte Kinder, und was die Hauptsache ist — sie haben eine moralische Erziehung. Das ist es, was ich studiere, wenn ich Eure Kinder anblicke.“
„Ihr sagt, eine moralische Erziehung. Man kann sich nicht vorstellen, wie schwer diese ist! Kaum habt Ihr die eine Seite bekämpft, so wachsen andere hervor und es beginnt ein neuer Kampf. Hätte man nicht die Stützen in der Religion — wißt Ihr noch, wir haben zusammen darüber gesprochen — so würde kein Vater mit seinen Kräften allein, ohne diese Hilfe, erziehen können.“
Dieses Lewin stets interessierende Gespräch wurde durch den Eintritt der zur Ausfahrt angekleideten, schönen Nataly Aleksandrowna, unterbrochen.
„Ah, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr hier seid,“ sagte sie, augenscheinlich nicht mit Bedauern, sondern vielmehr erfreut, daß sie dieses, ihr schon längst bekannte, langweilige Gespräch unterbrochen hatte. „Was macht Kity? Ich esse heute bei Euch. Weißt du Arseny,“ wandte sie sich an ihren Gatten, „du nimmst den Wagen.“
Unter den beiden Gatten begann nun ein Gespräch, wie sie den Tag verleben wollten. Da der Gatte mit jemand im Amte zusammenkommen, die Gattin aber in das Konzert und in die öffentliche Sitzung des südöstlichen Komitees fahren mußte, so war viel zu beschließen und zu überlegen.
Lewin, als unabhängiger Mann, mußte Teil an diesen Plänen nehmen, und es ward beschlossen, daß er mit Nataly in das Konzert und in die öffentliche Sitzung fuhr, von da aus den Wagen nach dem Comptoir zu Arseniy sende und dieser Nataly abholen und mit zu Kity nehmen solle — oder, wenn er mit seinen Geschäften noch nicht fertig wäre, den Wagen zurückschicke und Lewin mit ihr fahre.
„Er beschämt mich ganz,“ sagte Lwoff zu seiner Frau, „er versichert mir, daß unsere Kinder vorzüglich sind, während ich doch weiß, daß sie soviel Fehler haben.“
„Arseniy geht bis ins Extrem, ich sage es immer,“ bemerkte seine Gattin. „Wenn man Vollkommenheiten suchen will, so wird man nie zufrieden werden, und Papa sagt die Wahrheit damit, daß es, als man uns noch erzog, nur ein einziges Mittel gab — man steckte uns ins Entresol; während die Eltern in der Bel-Etage wohnten; jetzt hingegen möchten die Eltern in die Rumpelkammer und die Kinder in die Bel-Etage! Die Eltern möchten jetzt schon gar nicht mehr selbst leben, sondern nur noch für ihre Kinder.“
„Aber wie, wenn dies das Angenehmere wäre?“ sagte Lwoff, mit seinem schönen Lächeln, ihren Arm berührend. „Wer dich nicht kennt, wird glauben, du seist keine Mutter, sondern eine Stiefmutter.“
„Nein; das Extrem ist nie gut,“ sagte Nataly ruhig, sein Papiermesser auf den Tisch an den dafür bestimmten Platz legend.
„Nun kommt einmal her, ihr Musterkinder,“ sagte Lwoff zu seinen eintretenden hübschen Knaben, welche, Lewin begrüßend, zu ihrem Vater traten, offenbar in dem Wunsche, ihn nach etwas zu fragen.
Lewin wollte mit ihnen reden und hören, was sie dem Vater zu sagen hätten, aber Nataly begann mit ihm zu sprechen und soeben trat auch ein Kollege Lwoffs im Amte, Machotin, in Hofuniform ein, um mit Lwoff zusammen jemand zu treffen; es begann ein eifriges Gespräch über die Herzogowina, die Fürstin Korzynska, die Duma und den plötzlichen Tod der Apraksina.
Lewin hatte den ihm gegebenen Auftrag ganz vergessen. Er erinnerte sich desselben erst beim Verlassen des Vorzimmers.
„Ach, Kity hat mir ja anvertraut, ich möchte Etwas mit Euch betreffs Oblonskiys besprechen,“ sagte er, als Lwoff auf der Treppe stehen blieb, indem er sein Weib und ihn hinausbegleitete.
„Ja, ja, maman wünscht, daß wir, les beaux-frères, ihn vornehmen,“ sagte er errötend, „aber weshalb wohl ich dabei sein soll?“ —
„So werde ich ihn vornehmen,“ sagte die Lwowa lächelnd, das Ende des Gesprächs abwartend; „doch jetzt kommt!“
5.
In der Matinee führte man zwei sehr interessante Novitäten vor. Die eine war eine Phantasie „König Lear in der Steppe“, die andere ein Quartett, dem Andenken Bachs gewidmet. Beide Stücke waren neu und von originellem Geiste und Lewin wünschte sich eine Meinung über sie zu bilden. Nachdem er seine Schwägerin nach deren Stuhl begleitet hatte, trat er an eine Säule und nahm sich vor, so aufmerksam und gewissenhaft als möglich zuzuhören. Er bemühte sich, nicht abzuschweifen und den Eindruck in sich zu beinträchtigen, indem er auf die Armbewegungen des Kapellmeisters in der weißen Halsbinde blickte, die stets die musikalische Aufmerksamkeit so unangenehm ablenkten, oder auf die Damen in ihren Hüten, welche sich geflissentlich für das Konzert die Ohren mit Bändern zugebunden hatten, oder auf alle jene Personen, die entweder mit nichts beschäftigt, oder von den verschiedensten Interessen, nur nicht dem für Musik, eingenommen waren.
Er bemühte sich, den Begegnungen mit Musikkennern und Schwätzern aus dem Wege zu gehen, und stand nur vor sich niederblickend und lauschte. Doch je mehr er von der Phantasie König Lear hörte, um so ferner fühlte er sich der Möglichkeit gerückt, sich selbst eine bestimmte Meinung zu bilden.
Unaufhörlich begann es, als bereite sich der Ausdruck einer musikalischen Empfindung vor, sogleich aber fiel derselbe in Trümmer von neuen Ansätzen zu musikalischen Phrasen auseinander, bisweilen sogar einfach in durch nichts als die Laune des Komponisten verbundene, aber außerordentlich komplizierte Klänge.
Aber gerade die Unterbrechungen dieser musikalischen Phrasen, die bisweilen gut waren, zeigten sich als unangenehm, weil sie vollständig unerwartet und durch nichts vorbereitet erschienen. Frohsinn und Trauer, Verzweiflung und Zartheit oder Triumph erschienen ohne jede innere Berechtigung, gleichsam wie die Gefühle eines Wahnsinnigen; und ebenso wie bei einem Wahnsinnigen, vergingen sie auch wieder unerwartet.
Lewin hatte während der ganzen Zeit der Aufführung das Gefühl eines Tauben, welcher auf Tanzende schaut. Er war in vollständiger Ungewißheit, nachdem das Stück geendet hatte, und fühlte große Ermüdung von der gespannten, durch nichts gelohnten Aufmerksamkeit. Von allen Seiten wurde lautes Händeklatschen vernehmbar. Alles erhob sich und begann herumzulaufen um sich zu unterhalten.
Im Wunsche, nach dem Eindruck anderer seinen Zweifel aufzuklären, begann auch Lewin zu gehen, um Kenner zu suchen, und war erfreut, als er einen namhaften Musikkenner im Gespräch mit dem ihm bekannten Peszoff erblickte.
„Wunderbar!“ sagte der tiefe Baß Peszoffs.
„Guten Tag, Konstantin Dmitritsch. Ganz besonders formgerecht und monumental, sozusagen; und wie reich an Farben ist jene Stelle, in welcher man die Annäherung Cordelias fühlt, wo die Frau, ‚das ewig Weibliche‘ wie der Deutsche sagt, in den Kampf mit dem Schicksal tritt. Nicht wahr?“
„Nun, inwiefern war denn da gerade Cordelia?“ frug Lewin schüchtern; er hatte vollständig vergessen, daß die Phantasie König Lear in der Steppe ausdrücken solle.
„Es zeigt sich Cordelia — hier!“ sagte Peszoff, mit den Fingern auf den atlasglänzenden Zettel schlagend, den er in der Hand hielt und Lewin nun hinreichte.
Jetzt erst erinnerte sich Lewin des Titels der Phantasie und beeilte sich nun, die Verse Shakespeares in der russischen Übersetzung zu lesen, welche auf der Rückseite des Programms gedruckt standen.
„Ohne dies kann man freilich nicht folgen,“ sagte Peszoff, sich zu Lewin wendend, da der Herr mit welchem er sich unterhalten hatte, gegangen war, und er mit niemand mehr zu sprechen hatte.
Im Zwischenakt entspann sich zwischen Lewin und Peszoff ein Streit über die Vorzüge und Mängel der Wagnerschen Musikrichtung. Lewin wies nach, daß der Irrtum Wagners und aller seiner Nachfolger darin bestehe, daß hier die Musik in das Gebiet einer fremdartigen Kunst übergehen wolle, daß auch die Poesie irre, wenn sie die Züge eines Gesichts beschreibe, was die Malerei zu thun hätte, und führte als Beispiel eines solchen Irrtums jenen Bildhauer an, welcher die Schatten der poetischen Gestalten, die rings um die Figur des Dichters auf dem Piedestal aufragten, in Marmor zu bilden gedachte.
„Diese Schatten werden ebensowenig Schatten für den Bildhauer sein, daß sie sich sogar an der Leiter anhalten können,“ sagte Lewin. Der Satz gefiel ihm, doch er konnte sich nicht entsinnen, ob er ihn nicht schon früher einmal ausgesprochen hatte, gerade gegen Peszoff, und geriet daher, nachdem er ihn geäußert, in Verlegenheit.
Peszoff hingegen wies nach, daß die Kunst einheitlich sei und ihre höchsten Offenbarungen nur in der Vereinigung aller ihrer Arten erreichen könne.
Die zweite Nummer des Konzerts konnte Lewin nicht mehr hören. Peszoff, der neben ihm stehen geblieben war, hatte fast die ganze Zeit mit ihm gesprochen, indem er dieses Stück wegen seiner übermäßigen geschmackswidrigen, unvermittelten Einfachheit den Praeraphaeliten in der Malerei verglich.
Beim Hinausgehen begegnete Lewin noch vielen Bekannten, mit welchen er über Politik, über Musik und gemeinsame Bekannte sprach, unter anderen traf er auch den Grafen Bolj, dessen Besuch er gänzlich vergessen hatte.
„Nun, so fahrt nur gleich hin,“ sagte die Lwowa zu ihm, der er dies mitgeteilt hatte, „vielleicht empfängt man Euch nicht und Ihr kommt dann zu mir in die Sitzung. Ihr werdet mich da schon noch treffen.“
6.
„Man empfängt wohl nicht?“ sagte Lewin, in den Flur des Hauses der Gräfin Bolj tretend.
„Man empfängt, bitte,“ antwortete der Portier, ihm resolut den Pelz abnehmend.
„Ist das unangenehm,“ dachte Lewin, mit einem Seufzer den einen Handschuh abstreifend und seinen Hut glättend. „Weshalb komme ich denn eigentlich? Was soll ich denn mit ihnen reden?“
Durch den ersten Salon schreitend, traf Lewin in der Thür die Gräfin Bolj, welche mit geschäftigem und ernstem Ausdruck dem Diener einen Befehl erteilte.
Als sie Lewin erblickte, lächelte sie und nötigte ihn in den folgenden, kleinen Salon, aus welchem Stimmen vernehmbar waren. In diesem Salon saßen auf Lehnstühlen die beiden Töchter der Gräfin und ein, Lewin bekannter, Moskauer Oberst. Lewin näherte sich ihnen, grüßte, und ließ sich neben dem Diwan nieder, den Hut auf dem Knie haltend.
„Wie ist das Befinden Eurer Frau? Waret Ihr im Konzert? Wir konnten nicht! Mama mußte bei einer Totenmesse gegenwärtig sein.“
„Ja, ich habe gehört — welch ein plötzlicher Todesfall,“ sagte Lewin.
Die Gräfin kam, setzte sich auf den Diwan und frug gleichfalls nach seiner Frau und dem Konzert.
Lewin antwortete und wiederholte die Frage nach dem plötzlichen Tode der Apraksina.
„Sie war überhaupt stets von schwacher Gesundheit.“
„Waret Ihr gestern in der Oper?“
„Ja, ich war da.“
„Die Lucca war sehr gut.“
„Ja, sehr gut,“ sagte er und begann, da es ihm ganz gleichgültig war, was man von ihm denken mochte, zu wiederholen, was er hundertmal schon über die Eigentümlichkeit des Talentes der Sängerin gehört hatte. Die Gräfin Bolj stellte sich, als höre sie zu. Als er dann genug geredet hatte, und nun schwieg, begann der Oberst, welcher bis jetzt geschwiegen hatte.
Der Oberst fing gleichfalls an, über die Oper und die Beleuchtung zu sprechen und als er endlich noch von einem vorgeschlagenen folle journée bei Tjurin berichtet hatte, brach er in Gelächter aus, verursachte ein Geräusch, erhob sich und ging. Auch Lewin war aufgestanden, bemerkte aber an dem Gesicht der Gräfin, daß für ihn die Zeit des Gehens noch nicht da sei; noch zwei Minuten fehlten, und so setzte er sich denn wieder. Da er indessen noch immer darüber nachdachte, wie thöricht das alles sei, so fand er auch keinen Stoff zu einem Gespräch und blieb stumm.
„Fahrt Ihr nicht in die öffentliche Sitzung? Man sagt, sie sei sehr interessant,“ begann die Gräfin.
„Nein, ich habe nur meiner belle soeur versprochen, sie dort abzuholen,“ sagte Lewin.
Ein Schweigen trat ein. Die Mutter wechselte nochmals einen Blick mit der Tochter.
„Jetzt scheint es Zeit zu sein,“ dachte Lewin und stand auf. Die Damen drückten ihm die Hand und baten, seiner Gattin mille choses ausrichten zu wollen.
Der Portier frug ihn, als er ihm den Pelz reichte, „wo beliebt Ihr zu stehen?“ und trug ihn sogleich in ein großes, hübsch gebundenes Buch ein.
„Mir ist das natürlich doch ganz gleichgültig, aber dennoch bleibt das lästig und entsetzlich thöricht,“ dachte Lewin, sich damit tröstend, daß alle es ja so machten, und fuhr nach der öffentlichen Sitzung des Komitees, wo er seine Schwägerin treffen sollte, um mit derselben zusammen nach Haus zu fahren.
In der öffentlichen Sitzung des Komitees war viel Volk und fast die gesamte Gesellschaft zugegen. Lewin trat gerade ein, als das Protokoll verlesen wurde, welches wie jedermann sagte, sehr interessant war. Als die Lektüre des Protokolls beendet war, mischte sich die Gesellschaft untereinander und Lewin traf auch Swijashskiy, der ihn für den Abend dringend in die Gesellschaft für Landwirtschaft einlud, wo ein berühmter Vortrag gelesen werden würde, ferner Stefan Arkadjewitsch, der soeben von den Rennen gekommen war, und noch viele andere Bekannte, und Lewin äußerte und vernahm verschiedene Urteile über die Sitzung, über das neue Musikstück und einen Prozeß. Doch mochte er, wohl infolge der Ermüdung seiner geistigen Spannkraft, die er zu empfinden begann, irren, indem er von dem Prozeß sprach, und dieser Irrtum kam ihm in der Folge mehrmals noch zu seinem Verdruß wieder in die Erinnerung. Indem er von der bevorstehenden Bestrafung eines Ausländers sprach, der in Rußland abgeurteilt wurde, sowie davon, daß es ungesetzmäßig wäre, ihn mit Verbannung ins Ausland zu bestrafen, wiederholte Lewin, was er gestern in einem Gespräch von einem Bekannten vernommen hatte. „Ich denke, daß seine Ausweisung ebensoviel wert wäre, als wenn man einen Hecht damit bestrafen wollte, daß man ihn ins Wasser setzt,“ meinte Lewin. Erst später dachte er wieder daran, daß dieser scheinbar von ihm geäußerte Gedanke, den er von einem Bekannten gehört hatte, aus einer Fabel Kryloffs stammte, der Bekannte aber diesen Gedanken aus dem Feuilleton eines Journals wiederholt hatte.
Nachdem Lewin mit seiner Schwägerin nach Haus gefahren war und Kity heiter und wohl gefunden hatte, fuhr er nach dem Klub.
7.
Er kam erst zu vorgerückter Zeit in den Klub. Gleichzeitig mit ihm kamen Gäste und Mitglieder vorgefahren. Er war sehr lange nicht hier gewesen; seit der Zeit nicht, als er noch nach dem Verlassen der Universität in Moskau gewohnt und die Gesellschaft besucht hatte. Er entsann sich wohl noch des Klubs, und der äußeren Einzelheiten seiner Einrichtung, hatte aber den Eindruck gänzlich vergessen, den er in früherer Zeit davon erhalten hatte.
Kaum jedoch hatte er, nachdem er auf den geräumigen halbrunden Hof gefahren und aus dem Mietgeschirr gestiegen war, die Treppe betreten, während ihm der Portier in seinem Brustgurt geräuschlos die Thür öffnete und sich verbeugte; kaum hatte er in der Portierloge die Kaloschen und Pelze von Mitgliedern wieder erblickt, welche erwogen hatten, daß es weniger Mühe verursachte, die Kaloschen gleich unten abzulegen, als sie mit nach oben zu nehmen; kaum hatte er den geheimnisvollen, ihm vorauseilenden Glockenton vernommen, und die schräge, mit Teppichen belegte Treppe betretend, auf dem Treppenabsatz die Statue erblickt, und in den oberen Thüren den dritten, altgewordenen, ihm wohlbekannten Portier in der Klublivree, der weder zu schnell noch zu langsam die Thür öffnete und den Gast anblickte — da überkam Lewin wieder das alte Klubgefühl, ein Gefühl von Erholung, Vergnügen und Noblesse.
„Bitte, den Hut,“ sagte der Portier zu Lewin, welcher die Klubregel, den Hut in der Portierloge zu lassen, vergessen hatte. „Ihr seid lange nicht hier gewesen. Der Fürst hat Euch noch gestern eingeschrieben. Fürst Stefan Arkadjewitsch ist noch nicht anwesend.“
Der Portier kannte nicht nur Lewin, sondern auch dessen sämtliche Verbindungen und Verwandtschaft und that sofort der ihm nahestehenden Männer Erwähnung.
Den ersten Vorsaal mit den Ofenschirmen, und dann ein rechts abgetrenntes Zimmer, in welchem der Obstverkäufer saß, durchschreitend, überholte Lewin einen langsam gehenden Herrn und trat in das vom Lärm versammelter Menschen erfüllte Speisezimmer.
Er schritt längs der fast schon besetzten Tische hin, die Gäste musternd. Hier und da fielen ihm die verschiedensten Personen, alte und junge, aber kaum bekannte oder nahestehende ins Auge. Hier gab es kein einziges gereiztes oder sorgenvolles Gesicht. Alle, wie es schien, hatten in der Portierloge mit ihren Hüten auch ihre Bedrängnisse und Sorgen zurückgelassen und sich vorgenommen, mit Muße die materiellen Annehmlichkeiten des Lebens hier zu genießen. Hier war auch Swijashskiy, Schtscherbazkiy, Njewjedowskiy, der alte Fürst, sowie Wronskiy und Sergey Iwanowitsch.
„Ah, hast du dich verspätet?“ sagte der Fürst lächelnd, ihm mit der Hand auf die Schulter schlagend. „Was macht Kity?“ fügte er hinzu, die Serviette ordnend, die er sich zwischen einem Knopf der Weste eingeklemmt hatte.
„Befindet sich ganz wohl; die Damen speisen zu Dreien zu Haus.“
„Aha, Alina — Nadina; nun, bei uns hier ist freilich kein Platz mehr. Aber geh zu jenem Tisch und nimm möglichst schnell einen Platz ein,“ sagte der Fürst und ergriff, sich umwendend, behutsam einen Teller mit Quappensuppe.
„Lewin, hierher!“ rief etwas weiterhin eine freundliche Stimme. Es war Turowzyn. Er saß bei einem jungen Offizier und zwischen ihnen standen zwei umgewendete Stühle. Lewin schritt erfreut auf sie zu. Er hatte den gutmütigen Zecher Turowzyn stets lieb gehabt; mit ihm vereinigte sich seine Erinnerung an die Liebeserklärung gegen Kity; heute aber, nach all den angestrengten geistigen Unterhaltungen war ihm die gutmütige Erscheinung Turowzyns besonders willkommen.
„Diese Stühle sind für Euch und Oblonskiy. Er wird auch sogleich da sein!“
Der Offizier, welcher sich sehr gerade hielt, mit heiteren, ewig lachenden Augen war ein Petersburger, namens Gagin. Turowzyn machte beide miteinander bekannt.
„Oblonskiy kommt doch ewig zu spät.“
„Da ist er ja!“
„Bist du soeben gekommen?“ sagte Oblonskiy, schnell zu ihnen herkommend. „Geht es gut? Hast du schon einen Liqueur genommen? Komm!“
Lewin erhob sich und ging mit ihm nach dem großen Tisch, der mit Liqueuren und den mannigfaltigsten Leckerbissen besetzt war. Man konnte wohl aus zwanzig verschiedenen Dingen auswählen, was nach dem Geschmack war, aber Stefan Arkadjewitsch forderte einen ganz besonderen Liqueur, und einer der dastehenden Diener in Livree brachte sofort das Gewünschte. Sie tranken jeder ein Glas und kehrten dann zum Tische zurück.
Sogleich, noch bei der Suppe, brachte man Gagin Champagner und dieser ließ vier Gläser füllen. Lewin wies den angebotenen Wein nicht zurück und bestellte eine zweite Flasche. Er war hungrig, speiste und trank mit großem Appetit und nahm mit noch größerem Vergnügen an den heiteren und leichten Gesprächen seiner Gesellschafter teil. Gagin, der die Stimme hatte sinken lassen, erzählte eine neue Petersburger Anekdote, die, obwohl indecent und ungereimt, doch lustig genug war, sodaß Lewin so laut lachte, daß die Nachbarn ihn anblickten.
„Das ist etwas von der Art, wie ‚dies gerade kann ich gar nicht vertragen!‘ — Weißt du?“ — frug Stefan Arkadjewitsch. „Ach, das ist reizend! Noch eine Flasche,“ sagte er zu dem Diener, und begann zu erzählen.
„Peter Iljitsch Winowskiy lassen bitten,“ unterbrach ein alter Diener Stefan Arkadjewitsch, zwei feine Gläser perlenden Champagners bringend und sich an Stefan Arkadjewitsch und Lewin wendend.
Stefan Arkadjewitsch ergriff das Glas und nickte lächelnd nach der anderen Seite des Tisches, mit einem kahlköpfigen, rothaarigen und bärtigen Herrn einen Blick tauschend, mit dem Kopfe.
„Wer ist dies?“ frug Lewin.
„Du bist ihm schon einmal bei mir begegnet, besinnst du dich? Er ist ein vortrefflicher Mensch.“
Lewin that, was Stefan Arkadjewitsch that und nahm das Glas.
Die Anekdote Stefan Arkadjewitschs war gleichfalls sehr ergötzlich. Lewin erzählte nun seine Anekdote, welche auch gefiel, dann kam das Gespräch auf Pferde, auf die Rennen des heutigen Tages und darauf, wie schlau der Atlasny Wronskiys den ersten Preis gewonnen habe. Lewin bemerkte gar nicht, wie die Zeit beim Essen verging.
„Ah, da ist er ja selbst!“ sagte gegen das Ende des Essens Stefan Arkadjewitsch, sich über die Lehne des Stuhles beugend und dem in Begleitung eines hohen Gardeobersten auf ihn zukommenden Wronskiy, die Hand entgegenstreckend. In dem Gesicht Wronskiys leuchtete gleichfalls die allgemeine heitere Klubgemütlichkeit. Frohgelaunt stützte er sich auf die Schulter Stefan Arkadjewitschs, indem er demselben etwas zuflüsterte, und streckte Lewin mit dem nämlichen heiteren Lächeln die Hand entgegen.
„Sehr erfreut, Euch hier zu treffen,“ sagte er. „Ich hatte Euch damals nach den Wahlen gesucht, man sagte mir aber, Ihr wäret schon weggefahren.“
„Ja; ich bin noch denselben Tag fortgefahren; wir hatten übrigens soeben von Eurem Pferde gesprochen. Ich gratuliere Euch,“ sagte Lewin, „das war ein sehr schneller Ritt!“
„Ihr habt doch wohl auch Pferde?“
„Nein; mein Vater hatte welche; doch ich besinne mich noch und kenne das.“
„Wo hast du gespeist?“ frug Stefan Arkadjewitsch.
„Wir sitzen am zweiten Tisch; hinter den Säulen.“
„Man hat ihm gratuliert,“ sagte der hochgewachsene Oberst.
„Es war der zweite Kaiserpreis; wenn ich doch solches Glück in den Karten hätte, wie er mit den Pferden.“
„Aber, wozu die goldene Zeit verlieren! Ich gehe in das Infernalische,“ sagte der Oberst und verließ den Tisch.
„Das war Jaschwin,“ sagte Wronskiy zu Turowzyn und setzte sich auf den neben ihnen freigewordenen Platz. Nachdem er den ihm vorgesetzten Pokal geleert hatte, bestellte er eine Bouteille. Mochte nun der Einfluß der Klublaune oder der des genossenen Weines schuld sein, genug, Lewin unterhielt sich mit Wronskiy über die beste Viehrasse, und es war ihm sehr lieb, daß er keine Feindseligkeit mehr gegen diesen Mann empfand. Er sagte demselben sogar unter anderem, er habe von seiner Frau gehört, sie sei ihm bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet.
„Ach, die Fürstin Marja Borisowna; die ist reizend!“ sagte Stefan Arkadjewitsch, und erzählte nun eine Anekdote von ihr, welche alle zu lachen machte. Besonders Wronskiy lachte so herzlich, daß Lewin sich vollständig mit ihm ausgesöhnt fühlte.
„Nun, seid Ihr fertig?“ frug Stefan Arkadjewitsch aufstehend, und lächelte. „Gehen wir!“
8.
Vom Tische aufstehend, ging Lewin, in dem Gefühl, daß ihm beim Gehen die Hände eigentümlich sicher und leicht in der Bewegung waren, mit Gagin durch die hohen Zimmer nach dem Billardsaal. Als er durch den großen Saal schritt, traf er seinen Schwiegervater.
„Nun, was sagst du? Wie gefällt dir unser Tempel der Muße?“ sagte der Fürst, ihn am Arme nehmend. „Komm, gehen wir weiter!“
„Auch ich wollte gehen und ein wenig zuschauen. Es ist interessant.“
„Ja, für dich. Doch für mich ist das Interesse schon ein anderes, als für dich. Du schaust freilich auf diesen Alten da,“ sprach er, auf ein gebücktes Mitglied des Klubs mit herabhängender Lippe zeigend, welches, nur mit Mühe die Füße in den weiten Stiefeln weiterschiebend, ihnen entgegenkam, „und denkst dabei, daß sie schon als solche alte Ruinen geboren worden sind.“
„Was ist das, Ruinen?“
„Du kennst diese Benennung wohl noch nicht. Es ist das unser Klubausdruck. Weißt du: wenn Einer Jahr aus Jahr ein in den Klub kommt, so wird endlich eine Ruine aus ihm. Ja, du lachst darüber, aber unser einer muß schon aufpassen, wenn er selbst unter die Ruinen kommt. Du kennst doch den Fürsten Tschetschenskiy?“ frug der Fürst und Lewin sah an seinem Gesicht, daß er im Begriff sei, etwas Witziges zu sagen.
„Nein, ich kenne ihn nicht.“
„Nun, gewiß doch; der Fürst Tschetschenskiy ist ja bekannt. Doch gleichviel! — Der spielt also ewig Billard. Vor drei Jahren war er noch nicht unter den Ruinen und noch rüstig. Ja, er selbst nannte andere Ruinen. Doch da kommt er einstmals an, und unser Portier, du kennst ihn doch, den Wasiliy? Nun, der Dicke! Der ist groß in Bonmots! Den frägt der Fürst Tschetschenskiy, ‚he, Wasiliy, wer ist denn alles gekommen? Sind Ruinen mit dabei?‘ Wasiliy antwortet ihm: >Ihr seid die dritte darunter.‘ — Ja, Bruder; so ist es.“ —
Unter Gespräch und Begrüßungen mit begegnenden Bekannten ging Lewin mit dem Fürsten durch alle Zimmer; durch das große, in welchem bereits die Tische standen und die an nicht hohes Spiel gewöhnten Partner spielten, dann in das Diwanzimmer, wo man Schach spielte, und wo Sergey Iwanowitsch im Gespräch mit jemand saß — hierauf durch das Billardzimmer, wo in einer Zimmernische bei dem Diwan eine lustige Champagnergesellschaft, an welcher Gagin teilnahm, sich etabliert hatte. Sie warfen auch einen Blick in das „infernalische Zimmer“, wo sich um einen Tisch, hinter welchem Jaschwin bereits Platz genommen hatte, viele Setzende drängten.
Sich bemühend, Geräusch zu vermeiden, begaben sie sich auch nach dem dämmrigen Lesezimmer, wo unter den Lampen einsam ein junger Mann mit galligem Gesicht saß, der ein Journal nach dem andern ergriff, und ein kahlköpfiger General, der in seine Lektüre vertieft war. Sie gingen auch nach dem Zimmer, welches der Fürst „das verständige“ nannte. In diesem Raume sprachen drei Herren eifrig über die letzte politische Neuigkeit.
„Fürst, wenn es gefällig ist; alles bereit,“ sagte einer seiner Partner, ihn hier findend, und der Fürst ging. Lewin blieb sitzen, hörte zu, aber plötzlich wurde es ihm, indem er sich des heutigen Morgens erinnerte, entsetzlich langweilig zu Mute. Er erhob sich hastig und ging, um Oblonskiy und Turowzyn zu suchen, in deren Gesellschaft es heiter zuging.
Turowzyn saß mit einem Kruge auf einem hohen Diwan im Billardzimmer, und Stefan Arkadjewitsch und Wronskiy unterhielten sich an der Thür in einer entfernten Ecke des Zimmers.
„Nicht, daß sie sich langweilte, aber diese Unbestimmtheit, die Unentschiedenheit in ihrer Lage,“ hörte Lewin und wollte sich eiligst zurückziehen, doch Stefan Arkadjewitsch rief ihn herbei.
„Lewin!“ sagte Stefan Arkadjewitsch, und Lewin bemerkte in seinen Augen zwar nicht Thränen, wohl aber eine gewisse Feuchtigkeit, wie dies stets der Fall bei ihm war, wenn er entweder getrunken hatte, oder in Gefühl zerfloß. Jetzt war bei ihm beides der Fall.
„Lewin geh' nicht fort,“ sprach er und drückte seinen Arm fest mit seiner Hand, augenscheinlich mit dem Wunsche, ihn um keinen Preis von sich zu lassen.
„Dies ist mein aufrichtigster, vielleicht mein bester Freund,“ sagte er zu Wronskiy, „du bist mir gleichfalls mehr vertraut und teuer, und ich will und weiß, daß ihr Freunde und Vertraute werden müßt, da ihr beide gute Menschen seid.“
„Nun, dann bleibt uns nur übrig, den Bruderkuß zu tauschen,“ sagte Wronskiy, gutmütig scherzend und Lewin die Hand reichend.
Dieser nahm schnell die dargebotene Hand und drückte sie fest.
„Es freut mich sehr, sehr,“ sagte Lewin, seine Hand drückend.
„Kellner, eine Flasche Champagner,“ befahl Stefan Arkadjewitsch.
„Auch ich freue mich herzlich,“ äußerte Wronskiy.
Trotz des Wunsches Stefan Arkadjewitschs, und ihrer beiderseitigen Absicht, wußten sie doch nichts weiteres zu sagen, und beide fühlten dies.
„Du weißt, daß er mit Anna nicht bekannt ist?“ sagte Stefan Arkadjewitsch zu Wronskiy, „ich will ihn aber unbedingt mit ihr in Verbindung bringen. Komm Lewin!“
„Solltet Ihr!“ sagte Wronskiy, „sie wird sich sehr freuen! Ich würde sogleich nach Haus fahren,“ fügte er hinzu, „doch Jaschwin beunruhigt mich und ich will hier bleiben, bis er aufhört.“
„Nun, steht es schlecht mit ihm?“
„Er verliert fortwährend, und ich allein nur kann ihn abhalten.“
„Wie wäre es mit einer Pyramide? Lewin spielst du? Schön!“ sagte Stefan Arkadjewitsch, „stelle eine Pyramide,“ wandte er sich zu dem Marqueur.
„Schon längst fertig,“ erwiderte dieser, der bereits die Bälle in das Dreieck gesetzt hatte und zum Zeitvertreib den roten roulieren ließ.
„Stoßt!“
Nach der Partie ließen sich Wronskiy und Lewin an dem Tische Gagins nieder, und Lewin begann, dem Vorschlage Stefan Arkadjewitschs folgend, auf die Asse zu setzen. Wronskiy saß bald am Tische, fortwährend umgeben von zu ihm kommenden Bekannten, bald begab er sich in das „Infernalische“, um nach Jaschwin zu sehen. Lewin verspürte eine angenehme Erholung von der geistigen Abgespanntheit am Vormittag. Ihn erfreute die Beilegung der Feindschaft mit Wronskiy, und ein Gefühl von Beruhigung, Standeswürde und Frohsinn verließ ihn nicht mehr.
Als die Partie zu Ende war, nahm Stefan Arkadjewitsch Lewin unter dem Arm.
„Gehen wir also zu Anna! Sogleich? Ja? Sie ist zu Haus. Ich habe ihr schon seit Langem versprochen, dich einmal mit zu ihr zu bringen. Wohin willst du für den Abend gehen?“
„Ich habe nichts Besonderes vor. Swijashskiy hatte ich versprochen, in die Gesellschaft für Landwirtschaft zu kommen. Fahren wir hin, wenn du willst,“ sagte Lewin.
„Ausgezeichnet! Fahren wir! Frage doch, ob mein Wagen gekommen ist!“ wandte sich Stefan Arkadjewitsch an einen Lakaien.
Lewin trat zum Tische, bezahlte vierzig Rubel, die von ihm auf die Asse verspielt worden waren, sowie mit einer gewissen geheimnisvollen Manier die Ausgaben für den Klub, die dem alten Lakaien, welcher an der Schwelle stand, bekannt waren, und schritt dann mit eigentümlichen Armbewegungen durch sämtliche Säle dem Ausgang zu.
9.
„Oblonskiys Wagen!“ rief mit starkem Baß der Portier.
Der Wagen fuhr vor und beide nahmen Platz. Nur während der ersten Zeit, so lange der Wagen aus dem Thor des Klubhauses fuhr, hatte Lewin noch das Gefühl der Klubbehaglichkeit, zufriedener Stimmung und der unzweifelhaften Noblesse der Umgebung, kaum aber war der Wagen auf die Straße hinausgefahren, kaum fühlte er das Rollen des Wagens auf der unebenen Straße, hatte er den heftigen Ruf eines begegnenden Mietkutschers vernommen, und bei der mangelhaften Beleuchtung das rote Schild einer Schenke und eines Kaufladens wieder erblickt, da war dieser Eindruck vernichtet, und er begann abermals seine Handlungsweise zu überlegen und sich zu fragen, ob er gut daran thue, zu Anna zu fahren. Was würde Kity sagen?
Stefan Arkadjewitsch ließ ihn indessen nicht zum Nachdenken kommen, und, als ob er seine Zweifel erriete, zerstreute er sie.
„Wie freue ich mich,“ sprach er, „daß du sie kennen lernen wirst. Du weißt, Dolly hat dies längst gewünscht. Auch Lwoff war bei ihr und kommt noch zu ihr. Obwohl sie meine Schwester ist,“ fuhr er fort, „kann ich doch rückhaltslos sagen, daß sie ein merkwürdiges Weib ist. Du wirst ja sehen. Ihre Lage ist sehr schwierig, besonders jetzt.“
„Weshalb denn besonders jetzt?“
„Wir pflegen Verhandlungen mit ihrem Manne über die Ehescheidung. Er ist damit einverstanden, aber es giebt Schwierigkeiten bezüglich ihres Sohnes, und die Sache, welche schon längst erledigt sein müßte, zieht sich nun schon drei Monate hin. Sobald die Scheidung stattgefunden haben wird, heiratet sie Wronskiy. Wie thöricht ist doch jene alte Gewohnheit des sich Drehens und Wendens, der niemand mehr glaubt, und welche dem Glück der Leute im Wege steht!“ sagte Stefan Arkadjewitsch. „Nun, dann aber wird ihr Glück ein gesichertes sein, so wie das meine, das deine.“
„Worin beruht aber die Schwierigkeit?“ frug Lewin.
„Ach, das ist eine lange und langweilige Geschichte! Alles daran ist so unbestimmt. Doch die Sache ist die, sie trägt die Schuld. Indem sie diese Scheidung in Moskau erwartet, wohnt sie schon drei Monate hier, wo jedermann ihn und sie kennt. Sie fährt nirgendshin, sieht keine der Damen, außer Dolly, weil sie es, weißt du, nicht will, daß man aus Mitleid zu ihr käme. Selbst diese Närrin, die Fürstin Barbara, hat sie verlassen, weil sie ihre Gegenwart für unschicklich hält. Unter solchen Verhältnissen, in solcher Lage, würde ein anderes Weib keine Stützpunkte in sich finden. Sie aber, du wirst es sehen, wie sie sich ihr Leben eingerichtet hat, wie ruhig, wie würdevoll sie ist. — Links, durch das Seitengäßchen, gegenüber der Kirche“ — rief Stefan Arkadjewitsch plötzlich, sich durch das Wagenfenster beugend. „O, welche Hitze!“ sagte er, trotz der zwölf Grad Kälte noch mehr mit seinem Pelze fächelnd, der schon offen stand.
„Sie hat doch wohl eine Tochter, wahrscheinlich beschäftigt sie sich mit dieser?“ sagte Lewin.
„Du scheinst dir jede Frau nur als eine Bruthenne vorzustellen, une couveuse,“ sagte Stefan Arkadjewitsch. „Wenn eine Frau beschäftigt ist, muß sie es unfehlbar mit Kindern sein! Nun, sie erzieht das Kind ja vorzüglich, wie es scheint, aber man hört nichts weiter davon. Sie ist vor allem damit beschäftigt, zu schreiben. Ich sehe schon, du lächelst ironisch, aber umsonst. Sie schreibt ein Buch für Kinder und sagt niemand etwas davon; mir aber hat sie es vorgelesen und ich habe das Manuskript Workujeff gegeben — du weißt, der Verleger — er ist ja selbst Schriftsteller, wie mir scheint. Der versteht doch die Sache und sagt, daß es sich hier um einen interessanten Stoff handle. Du denkst gewiß, was ist ein schriftstellerndes Weib! Denke das nicht! Sie ist vor allem ein Weib mit einem Herzen, du wirst ja sehen. Jetzt hat sie eine kleine Engländerin und eine ganze Familie, von der sie in Anspruch genommen ist.“
„Also etwas Menschenfreundliches?“
„Du siehst doch immer nur sofort das Üble; es ist nichts philanthropisches, sondern eine Herzenssache. Sie hatten — ich meine Wronskiy — einen englischen Traineur, einen Meister in seinem Fache, aber auch Säufer. Der hat sich vollständig zu Schanden getrunken — delirium tremens — und die Familie war verlassen. Da erblickte sie die Leute, sie half, bekümmerte sich um sie, und jetzt ist die ganze Familie in ihrer Obhut; und sie hat dies nicht nur so von oben herab gethan, mit Geld, sondern bereitet selbst die Knaben auf russisch für das Gymnasium vor und hat das kleine Mädchen zu sich genommen. Du wirst dieses ja sehen.“
Der Wagen fuhr auf den Hof und Stefan Arkadjewitsch schellte laut an der Einfahrt, vor welcher ein Schlitten stand.
Ohne den öffnenden Dienstmann zu fragen, ob man daheim sei, begab sich Stefan Arkadjewitsch in den Flur. Lewin folgte ihm, mehr und mehr in Zweifel geratend, ob er recht oder nicht recht handle.
In einen Spiegel blickend, bemerkte er, daß er rot aussehe, doch war er überzeugt, nicht berauscht zu sein und stieg die mit Teppichen belegte Treppe hinauf, hinter Stefan Arkadjewitsch her.
Oben frug dieser einen Lakaien, welcher sich verbeugte, wie man einen niedriger Stehenden grüßt, wer bei Anna Arkadjewna sei? und erhielt zur Antwort „Herr Workujeff“.
„Wo ist man?“
„Im Kabinett.“
Durch den kleinen Speisesalon mit den dunkeln, holzbekleideten Wänden, traten sie auf dem weichen Teppich in ein halbdunkles Kabinett, welches nur von einer Lampe mit großem dunklen Schirm erleuchtet wurde. Eine andere Lampe brannte als Refraktor an der Wand und erleuchtete das in Lebensgröße gemalte Porträt einer Frau, welchem Lewin unwillkürlich seine Aufmerksamkeit zuwandte. Es war dies das in Italien von Michailoff gefertigte Porträt Annas. Während Stefan Arkadjewitsch hinter eine Traillage schritt, und eine männliche Stimme, welche gesprochen hatte, verstummte, betrachtete Lewin das Porträt, welches in der schimmernden Beleuchtung aus dem Rahmen heraustrat, und konnte sich nicht davon losreißen. Er hatte sogar vergessen, wo er war, und verwendete, ohne zu hören, was gesprochen wurde, kein Auge von dem wunderbaren Bild.
Das war kein Bild mehr, sondern eine lebende, reizende Frau mit schwarzen wallenden Haaren, entblößten Schultern und Händen und sinnigem halben Lächeln auf den von einem zarten Flaume überdeckten geöffneten Lippen, welche ihn sieghaft und zärtlich mit ihren verwirrenden Augen anschaute. Nur insofern war sie nicht belebt, als sie schöner war, wie eine Lebende sein konnte.
„Sehr erfreut,“ vernahm er plötzlich neben sich eine Stimme, die sich augenscheinlich an ihn wandte; die Stimme desselben Weibes, in welches er sich auf dem Porträt im Anschauen verloren hatte.
Anna war ihm entgegengekommen, hinter der Traillage hervor, und Lewin gewahrte im Zwielicht des Kabinetts die nämliche Frau des Porträts, in dunklen, buntfarbig blauem Kleid, nicht in derselben Stellung, nicht mit dem nämlichen Ausdruck, wohl aber mit derselben Hoheit jener Schönheit, in welcher sie von dem Künstler auf dem Bilde erfaßt worden war. Sie war weniger glänzend in der Wirklichkeit, aber dafür lag in der Lebenden etwas Ungewohntes, Anziehendes, was nicht im Porträt war.
10.
Sie trat ihm entgegen, ohne ihre Freude, ihn zu sehen, zu verhehlen. In dieser Ruhe, mit welcher sie ihm die kleine und energische Hand entgegenstreckte, ihn mit Workujeff bekannt machte und dann auf ein rothaariges, hübsches kleines Mädchen zeigte, welches hier bei einer Arbeit saß, und das sie ihre Pflegebefohlene nannte, lagen die Lewin bekannten, angenehmen Manieren der Frau aus der großen Welt, die stets ruhig und natürlich sind.
„Es ist mir sehr, sehr angenehm,“ wiederholte sie, und in ihrem Munde erhielten diese einfachen Worte für Lewin aus unbekanntem Grunde eine eigentümliche Bedeutung. „Ich kenne und liebe Euch lange schon wegen Eurer Freundschaft für Stefan und wegen Eures Weibes; ich habe dieses nur kurze Zeit gekannt, aber es hat in mir den Eindruck einer reizenden Blüte hinterlassen, ja, einer Blüte! Sie wird also bald Mutter werden?“
Anna sprach ungezwungen und ohne Hast, bisweilen ihren Blick von Lewin auf ihren Bruder richtend. Ersterer empfand, daß der Eindruck, den er hervorbrachte, ein guter sein mußte, und sogleich wurde es ihm nun in ihrer Gesellschaft so leicht, so frei und behaglich zu Mut, als hätte er sie von Kindheit an gekannt.
„Ich habe mit Iwan Petrowitsch im Kabinett Alekseys Platz genommen,“ sagte sie, Stefan Arkadjewitsch auf dessen Frage, ob man rauchen dürfe, — antwortend „damit er eben rauchen könne,“ und nahm, auf Lewin blickend, anstatt zu fragen ob er rauche, ein Cigarrenetuis von Schildkrot, aus welchem sie eine Cigarette zog.
„Wie steht es jetzt mit deiner Gesundheit?“ frug sie ihr Bruder.
„Wie soll es gehen; die Nerven sind stets dieselben.“
„Nicht wahr, ziemlich gut?“ sagte Stefan Arkadjewitsch, bemerkend, daß Lewin das Porträt betrachtete.
„Ich habe noch nie ein besseres Porträt gesehen.“
„Und ziemlich ähnlich, nicht wahr?“ sagte Workujeff.
Lewin schaute vom Porträt auf das Original. Ein eigentümlicher Glanz erleuchtete das Antlitz Annas, während sie seinen Blick auf sich ruhen fühlte. Lewin errötete, und wollte, um seine Verlegenheit zu verbergen, fragen, ob es schon längere Zeit her sei, daß sie Darja Aleksandrowna gesehen habe, doch im selben Augenblick begann Anna:
„Ich habe mit Iwan Petrowitsch soeben von den letzten Gemälden Waschtschenkoffs gesprochen. Habt Ihr sie gesehen?“
„Ja, ich habe sie gesehen,“ antwortete Lewin.
„Doch entschuldigt, ich habe Euch unterbrochen, Ihr wolltet sagen“ —
Lewin frug, ob sie vor längerer Zeit Dolly gesehen hätte.
„Gestern war sie bei mir; sie ist wegen Grischa sehr schlecht auf das Gymnasium zu sprechen. Der Lehrer im Lateinischen scheint es, ist ungerecht gewesen gegen ihn.“
„Ich habe die Bilder gesehen; sie haben mir sehr gefallen,“ wandte sich Lewin zu dem von ihr begonnenen Gespräch zurück.
Lewin sprach jetzt ganz und gar nicht mehr von jener handwerksmäßigen Stellung zum Gegenstande, aus der er am Morgen gesprochen hatte. Jedes Wort der Unterhaltung mit ihr erhielt eine eigentümliche Bedeutung. Schon mit ihr reden war ihm angenehm, noch angenehmer aber, ihr zuzuhören.
Anna sprach nicht nur natürlich, und klug, sondern auch klug und ohne Zwang, ohne ihren Gedanken Wert beizulegen, während sie den Ideen des anderen großes Gewicht beilegte.
Das Gespräch drehte sich um die neue Richtung in der Kunst, um die neue Illustration der Bibel durch einen französischen Künstler. Workujeff zieh den Künstler eines Realismus, der bis zur Derbheit ging. Lewin sagte, daß die Franzosen das Abstrakte in der Kunst entwickelt hätten wie niemand, und sie daher ein besonderes Verdienst in der Rückkehr zum Realismus erblickten. Schon darin, daß sie nicht mehr lögen, sähen sie Poesie.
Noch nie hatte Lewin etwas Vernünftiges, was er je einmal gesagt haben mochte, so viel Vergnügen gemacht, als dies. Das Gesicht Annas erglänzte plötzlich über und über, als sie diesen Gedanken momentan abwog. Sie begann zu lächeln.
„Ich lache,“ sagte sie, „wie man lacht, wenn man ein sehr ähnliches Porträt sieht. Das, was Ihr sagtet, charakterisiert jetzt vollkommen die französische Kunst, wie sie jetzt ist, die Malerei, und selbst die Litteratur; Zola, Daudet. Doch ist es vielleicht stets so, daß man seine conceptions aus erdachten, abstrakten Gestalten konstruiert, dann aber, nachdem alle combinaisons ausgeführt sind, die von erdachten Gestalten langweilen und man beginnt, natürlichere wahrhafte Gestalten auszusinnen.“
„Das ist vollkommen richtig,“ sagte Workujeff.
„Ihr waret wohl im Klub?“ wandte sie sich zu ihrem Bruder.
„Ja, das ist ein Weib!“ dachte Lewin, sich ganz vergessend und unverwandt in ihr schönes, bewegliches Gesicht blickend, welches sich jetzt plötzlich vollkommen verändert hatte. Lewin hörte nicht, wovon sie sprach, indem sie sich zu ihrem Bruder gewandt hatte, er war betroffen von der Veränderung ihres Ausdrucks. Vorher so herrlich in seiner Ruhe, drückte ihr Gesicht plötzlich eine seltsame Neugier, Zorn und Stolz aus. Doch dies währte nur eine Minute. Dann blinzelte sie, als denke sie an Etwas.
„Nun ja, dies ist aber doch für niemand von Interesse,“ sagte sie und wandte sich zu der kleinen Engländerin.
„Please, order the tea in the drawing-room.“
Das kleine Mädchen erhob sich und ging hinaus.
„Nun; hat sie das Examen bestanden?“ frug Stefan Arkadjewitsch.
„Vorzüglich. Es ist ein sehr beanlagtes Mädchen und ein liebenswerter Charakter.“
„Und die Sache wird damit enden, daß du sie mehr liebst, als dein eigenes Kind.“
„So spricht ein Mann. In der Liebe giebt es kein mehr oder weniger; ich liebe meine Tochter mit einer bestimmten, dieses Mädchen mit einer anderen Liebe.“
„Ich sage eben zu Anna Arkadjewna,“ sagte Workujeff, „daß sie, wenn sie auch nur ein Hundertstel der Energie, welche sie für diese Engländerin einsetzt, auf das gemeinsame Werk der russischen Kindererziehung verwendete, eine große, nützliche That vollbrächte.“
„Ja, das was Ihr da wollt, konnte ich nicht. Graf Aleksey Kyrillowitsch hat mich lebhaft ermuntert“ — indem sie die Worte „Graf Aleksey Kyrillowitsch“ aussprach, schaute sie schüchtern fragend Lewin an, welcher ihr unwillkürlich mit einem ehrerbietigen und bestätigenden Blicke antwortete, „mich mit dem Dorfschulwesen zu befassen. Ich kümmerte mich mehrmals darum; die Schulen sind mir sehr wert, aber ich vermochte es nicht, mich der Sache zu widmen. Ihr sprecht von Energie? Die Energie beruht auf der Liebe, und die Liebe läßt sich nicht irgend woher nehmen, nicht anbefehlen. So habe ich dieses Mädchen da lieb gewonnen, ohne selbst zu wissen, weshalb.“
Sie blickte wiederum Lewin an; ihr Lächeln, ihr Blick, alles sagte ihm, daß sie an ihn nur ihre Worte richte, seine Meinung würdige, und dabei im voraus wisse, daß sie sich gegenseitig verstanden.
„Ich begreife das vollkommen,“ antwortete Lewin, „für die Schule und überhaupt für ähnliche Einrichtungen läßt sich nicht das Herz einsetzen, und ich glaube, daß eben infolge dessen diese humanistischen Einrichtungen stets so geringe Resultate erzielen.“
Anna schwieg eine Weile, dann lächelte sie. „Ja, ja,“ bestätigte sie, „ich habe das nie vermocht. Je n'ai pas le coeur assez large, um ein ganzes Bewahrungshaus voller häßlicher kleiner Mädchen lieb haben zu können. Cela ne m'a jamais réussi. Es giebt jedoch so viele Frauen, welche sich hieraus eine position sociale begründet haben. Und jetzt,“ sprach sie mit trauerndem, zutraulichem Ausdruck, äußerlich zu ihrem Bruder gewendet, augenscheinlich aber nur zu Lewin: „jetzt, wo mir eine Beschäftigung so nötig ist, kann ich es um so weniger.“
Plötzlich finster werdend — Lewin nahm wahr, daß sie es über sich selbst wurde, weil sie über sich gesprochen hatte — veränderte sie aber das Thema.
„Ich weiß von Euch,“ sagte sie zu Lewin, „daß Ihr ein schlechter Bürger seid, und ich habe Euch doch verteidigt, so gut ich es verstand.“
„Wie habt Ihr mich denn verteidigt?“
„Bezüglich gewisser Angriffe. Indessen, ist nicht ein wenig Thee gefällig?“ Sie erhob sich und nahm ein in Saffian gebundenes Buch zur Hand.
„Gebt mir dasselbe, Anna Arkadjewna,“ sagte Workujeff, auf das Buch zeigend, „es ist recht wohl wert.“
„O nein; es ist noch so ungefeilt.“
„Ich habe ihm davon gesagt,“ wandte sich Stefan Arkadjewitsch an seine Schwester, auf Lewin deutend.
„Das hast du unnötigerweise gethan. Meine Schrift ist so nach Art jener Körbchen und Schnitzereien, die mir die Lisa Marzalowa aus den Ostrogs bisweilen verkaufte. Sie besuchte in seiner Gesellschaft die Ostrogs. Die Unglücklichen haben da Wunder an Geduldsproben geleistet.“
Lewin entdeckte einen neuen Zug an diesem Weibe, das ihm so außerordentlich gefiel. Außer Verstand, Grazie und Schönheit besaß sie auch Treuherzigkeit. Sie wollte vor ihm all das Drückende ihrer Lage gar nicht verheimlichen; und als sie dies gesagt hatte, seufzte sie, und ihr Gesicht, welches plötzlich einen strengen Ausdruck annahm, hatte sich gleichsam versteinert. Mit diesem Ausdruck auf den Zügen aber war sie noch schöner als vorher, doch derselbe war ein fremdartiger; er stand außerhalb dieses von Glück schimmernden, Glück erzeugenden Kreises von Ausdrücken, wie sie von dem Künstler auf dem Porträt aufgefangen worden waren. Lewin blickte noch einmal auf das Bild und auf ihre Gestalt, wie sie, den Arm des Bruders nehmend, mit diesem durch die hohe Thür schritt, und er empfand eine Zärtlichkeit und ein Mitleid mit ihr, das ihn selbst in Erstaunen versetzte.
Sie hatte Lewin und Workujeff gebeten, in den Salon zu treten, während sie selbst zurückgeblieben war, um mit dem Bruder über Etwas zu sprechen.
„Spricht sie von ihrer Ehescheidung, von Wronskiy, oder darüber, was er im Klub macht, oder von mir?“ dachte Lewin, und die Frage, was sie mit Stefan Arkadjewitsch besprechen möchte, versetzte ihn so in Aufregung, daß er fast gar nicht vernahm, was ihm Workujeff über die Vorzüge des von Anna Arkadjewna geschriebenen Kinderromans erzählte.
Beim Thee wurde das nämliche, so angenehme, gehaltvolle Gespräch fortgesetzt. Es gab nicht nur keine einzige Minute, während welcher man nach einem Stoff für die Unterhaltung hätte suchen müssen, sondern im Gegenteil war fühlbar, daß man nur aussprach, was man sagen wollte, um sogleich bereitwillig innezuhalten und zu hören, was der andere sagte. Alles aber, was man auch sprechen mochte, sagte sie es nun selbst, oder Workujeff, oder Stefan Arkadjewitsch, alles erhielt wie Lewin schien, dank ihrer Aufmerksamkeit und ihren Bemerkungen, ein eigenartiges Gewicht.
Das interessante Gespräch verfolgend, versenkte sich Lewin während der ganzen Zeit in ihren Anblick und in ihre Schönheit, ihren Geist, ihre Bildung, und zugleich in ihre Natürlichkeit und Innerlichkeit. Mochte er zuhören oder reden, fortwährend dachte er an sie, an ihr inneres Leben, und bemühte sich, ihre Empfindungen zu erraten.
Er, der sie früher so streng verurteilt hatte, er rechtfertigte sie jetzt nach einem seltsamen Gedankengang, bemitleidete sie zugleich, und fürchtete, daß Wronskiy sie nicht vollkommen verstehen möchte. In der elften Stunde, als Stefan Arkadjewitsch sich erhob, um vorzufahren — Workujeff war schon zeitiger aufgebrochen — schien es Lewin, als sei er soeben erst angekommen. Nur ungern stand er gleichfalls auf.
„Lebt wohl,“ sagte sie, seine Hand festhaltend und ihm mit anziehendem Blick ins Auge schauend; „ich freue mich recht sehr, que la glace est rompue.“ Sie ließ seine Hand los und blinzelte mit den Augen. „Teilt Eurer Gattin mit, daß ich sie noch so lieb habe wie früher, und daß ich, wenn sie mir meine Situation nicht vergeben kann, wünsche, sie möge mir niemals verzeihen. Um vergeben zu können, muß man durchleben, was ich durchlebt habe, und davor behüte sie der Himmel.“
„Ich werde es sicher ausrichten,“ sagte Lewin errötend.
11.
„Welch ein bewundernswertes, liebenswertes und beklagenswertes Weib,“ dachte er, als er mit Stefan Arkadjewitsch in die kalte Luft hinaustrat.
„Nun, was sagst du? Ich hatte dir schon gesagt,“ begann Stefan Arkadjewitsch, welcher sah, daß Lewin vollständig besiegt war.
„Ja,“ versetzte dieser gedankenvoll, „ein ungewöhnliches Weib! Nicht nur, daß sie Verstand besitzt, sie ist auch wunderbar innig. Mir thut sie außerordentlich leid.“
„Jetzt wird ja wohl, so Gott will, bald alles in Ordnung sein. Man muß nur nicht zu früh richten,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, die Wagenthür öffnend; „entschuldige, wir haben doch nicht einen Weg.“
Fortwährend an Anna denkend, an alle die so einfachen Gespräche, welche mit ihr gepflogen worden waren, und sich dabei alle Einzelheiten ihres Gesichtsausdrucks ins Gedächtnis zurückrufend, mehr und mehr in ihre Lage eindringend und Mitleid mit ihr empfindend, fuhr Lewin nach Hause.
Daheim berichtete ihm Kusma, daß Katharina Aleksandrowna sich wohl befinde, sowie, daß die Schwestern nicht lange erst weggefahren wären, und überreichte zwei Briefe.
Lewin las dieselben gleich an Ort und Stelle, im Vorzimmer, um sich später nicht davon ablenken lassen zu müssen. Der eine Brief war von Sokoloff, seinem Verwalter. Sokoloff schrieb, daß der Weizen nicht verkauft werden könne, da man nur fünf und einen halben Rubel gebe, und ein höheres Gebot nirgends zu erlangen sei. Der andere Brief war von seiner Schwester. Dieselbe machte ihm Vorwürfe darüber, daß ihre Angelegenheit noch immer nicht erledigt sei.
„Nun; so werden wir für fünfeinhalb verkaufen, wenn man nicht mehr geben will,“ entschied Lewin sofort mit einer ungewöhnlichen Leichtfertigkeit die erste Frage, die ihm früher so schwierig erschienen war. „Wunderbar, wie hier die Zeit stets in Anspruch genommen ist,“ dachte er bei dem zweiten Briefe. Er fühlte sich schuldig der Schwester gegenüber, weil er bis jetzt nicht erledigt hatte, worum sie ihn gebeten. „Ich bin heute wieder nicht aufs Gericht gekommen, aber es war heute auch, als hätte man nicht die geringste Zeit.“ Nachdem er beschlossen hatte, es morgen entschieden zur Ausführung zu bringen, begab er sich zu seiner Gattin. Auf dem Wege zu ihr ging er noch einmal schnell in der Erinnerung den ganzen Tag durch, so wie er ihn verbracht hatte. Alle Erlebnisse des Tages bestanden in Gesprächen — Gesprächen, welche er angehört und an denen er teilgenommen hatte.
Alle Gespräche hatten von Dingen gehandelt, mit denen er sich, hätte er allein und auf dem Lande gelebt, nie würde beschäftigt haben, die aber hier sehr interessant waren. Alle diese Gespräche waren auch gut gewesen; nur in zwei Punkten nicht so ganz. Der eine betraf das, was er von dem Hechte gesagt hatte, der andere, daß ihm Etwas „nicht richtig“ vorkam in dem zarten Mitgefühl, welches er für Anna empfand.
Lewin fand sein Weib verstimmt und gelangweilt. Die Tafel der drei Schwestern hatte sich ganz heiter gestaltet, dann aber hatte man auf ihn gewartet und gewartet, alles begann sich zu langweilen, die Schwestern fuhren von dannen und sie war allein zurückgeblieben.
„Nun, was hast du denn gemacht?“ frug sie, ihm in die Augen blickend, welche ein wenig verdächtig glänzten. Um ihn nicht zu hindern, alles zu erzählen, verbarg sie jedoch ihre Wahrnehmung und hörte mit billigendem Lächeln seiner Erzählung zu, wie er den Abend verlebt hatte.
„Nun, ich freute mich sehr, daß ich Wronskiy begegnet bin. Ich habe mich recht wohl und unbefangen in seiner Gesellschaft gefühlt. Du begreifst, daß ich mich jetzt bemühen werde, ihn nie wieder zu sehen; aber diese peinliche Situation mußte doch ihr Ende erreichen,“ sprach er, dachte daran, daß er „sich bemühend, ihn nie wieder zu sehen“, sogleich darauf zu Anna gefahren war, und errötete. „Da reden wir, daß das Volk trinkt; ich weiß nicht, wer mehr trinkt, das Volk oder unsere Gesellschaft; das Volk thut es wenigstens nur an Feiertagen, aber“ —
Kity interessierte indessen die Betrachtung, wie das Volk trinke, nicht. Sie hatte gesehen, daß er rot geworden war, und wünschte zu wissen, warum.
„Nun, und wo warest du dann?“
„Stefan bat mich aufs Dringendste, mit zu Anna Arkadjewna zu fahren.“
Lewin hatte dies kaum gesagt, als er noch mehr errötete, und seine Zweifel darüber, ob er gut oder übel daran gethan habe, zu Anna zu fahren, waren endgültig entschieden. Er wußte jetzt, daß es nicht gerade nötig gewesen war, dies zu thun.
Die Augen Kitys öffneten sich eigentümlich weit und blitzten auf bei dem Namen Annas, doch sich selbst bezwingend, verbarg Kity ihre Aufregung und täuschte ihn.
„Ah,“ sagte sie nur.
„Du wirst wohl nicht ungehalten sein, daß ich dahin gefahren bin. Stefan bat mich und Dolly wünschte es,“ fuhr Lewin fort.
„O nein,“ sagte sie, doch in ihren Augen las er ihre Anstrengung über sich selbst, die ihm nichts Gutes verhieß.
„Sie ist sehr liebenswürdig, sehr, sehr beklagenswert, ein gutes Weib,“ sagte er, von Anna erzählend, von ihren Beschäftigungen und von dem, was sie ihm auszurichten befohlen hatte.
„Ja, natürlich, sie ist sehr beklagenswert,“ sagte Kity, nachdem er geendet hatte. „Von wem hast du einen Brief erhalten?“
Er gab ihr Bescheid, und ging, der Ruhe in ihrem Tone vertrauend, sich auszukleiden.
Als er zurückkehrte, fand er Kity noch in demselben Sessel sitzend. Nachdem er zu ihr hingetreten war, blickte sie ihn an und brach in Thränen aus.
„Was ist? Was ist denn?“ frug er, schon vorher den Grund kennend.
„Du hast dich verliebt in dieses abscheuliche Weib; sie hat dich bestrickt. Ich seh es an deinen Augen! Ja, ja; was soll daraus werden? Du hast im Klub getrunken, getrunken, gespielt und dann bist du zu ihr gefahren. Zu wem? Nein; wir reisen ab! Morgen reise ich ab!“
Lewin vermochte lange nicht, sein Weib zu beruhigen. Endlich hatte er sie indessen beschwichtigt, jedoch nur dadurch, daß er eingestand, daß das Gefühl des Mitleids im Verein mit dem Weine ihn verleitet habe, und daß er dem hinterlistigen Einfluß Annas unterlegen sei, diese aber fortan meiden werde.
Ein Umstand, welchen er am Aufrichtigsten eingestand, war der, daß er, so lange schon in Moskau, lediglich durch diese Unterhaltung, das Essen und Pokulieren um seine klare Vernunft gekommen sei.
So sprachen sie bis drei Uhr nachts, und erst um drei Uhr hatten sie sich so weit versöhnt, daß sie Schlaf fanden.
12.
Nachdem Anna ihre Gäste hinausgeleitet hatte, begann sie, ohne wieder Platz zu nehmen, im Gemach auf und abzuschreiten. Obwohl sie unbewußt — wie sie in letzter Zeit in ihrem Verhalten jungen Männern gegenüber stets gethan — den ganzen Abend alles Mögliche versucht hatte, in Lewin die Empfindung der Liebe für sie zu erwecken, obwohl sie wußte, daß sie dies auch erreicht habe, so weit es eben in ihrem Verhältnis einem ehrenhaften verheirateten Manne gegenüber und für einen einzigen Abend möglich gewesen war — obwohl auch er selbst ihr sehr gefallen hatte (trotz des scharfen Kontrastes, welcher vom Gesichtspunkt des Mannes aus zwischen Wronskiy und Lewin bestand, sah sie als Weib in beiden ganz ebenso das Gemeinsame, wodurch Kity Wronskiy wie Lewin liebgewonnen hatte), dachte sie nicht mehr seiner, sobald er das Zimmer verlassen hatte.
Einundderselbe Gedanke verfolgte sie unablässig in verschiedenen Gestalten: „Wenn ich so auf andere wirke, auf diesen häuslichen, liebenden Mann, wie kommt es da, daß er so kalt ist gegen mich? Oder vielmehr, nicht daß er kalt wäre, er liebt mich, ich weiß es; aber etwas Fremdartiges trennt uns jetzt! Wie kommt es, daß er den ganzen Abend nicht hier ist? Er hat mir durch Stefan sagen lassen, daß er Jaschwin nicht verlassen könne und dessen Spiel verfolgen müsse. Was für ein Kind ist dieser Jaschwin? Aber gesetzt, es wäre wirklich so — er spricht ja nie die Unwahrheit — so liegt in dieser Wahrheit doch etwas anderes! Er freut sich über die Gelegenheit, mir zeigen zu können, daß er auch noch andere Verpflichtungen hat. Ich weiß das, und bin damit einverstanden. Aber weshalb muß er mir dies zeigen? Er will mir beweisen, daß seine Liebe zu mir nicht seine Freiheit hemmen darf! Aber ich brauche keine Beweise, sondern Liebe! Er hätte wohl all das Drückende dieses meines Lebens in Moskau begreifen müssen; lebe ich denn? Ich lebe nicht, ich erwarte eine Lösung, die sich mehr und mehr hinauszieht. Wieder keine Antwort! Stefan sagt, er könne sich nicht zu Aleksey Aleksandrowitsch begeben. Ich kann aber doch nicht nochmals schreiben. Ich kann nichts thun, nichts anfangen, nichts ändern; ich halte mich ruhig zurück, warte ab, indem ich mir Zeitvertreib ersinne — wie die Familie des Engländers, die Schriftstellerei und Lektüre — und doch ist das alles nur eine Täuschung, alles das ist das nämliche Morphium! Er müßte mich beklagen,“ sprach sie und fühlte, wie ihr die Thränen des Jammers über sich selbst in die Augen traten.
Da vernahm sie das jähe Läuten Wronskiys und wischte eilig diese Thränen ab. Sie wischte nicht nur ihre Thränen weg, sie setzte sich noch zur Lampe und schlug ein Buch auf, sich den Anschein der Ruhe gebend. Galt es doch, ihm zu zeigen, daß sie mißgestimmt sei, weil er nicht zurückgekehrt war, wie er versprochen hatte — nur mißgestimmt; aber nimmermehr wollte sie ihm ihren Schmerz zeigen, oder gar etwa ihr Mitleid mit sich selbst.
Sie durfte wohl Mitleid haben mit sich selbst, nicht aber er mit ihr. Sie wollte keinen Hader, sie machte ihm einen Vorwurf daraus, daß er zu streiten wünschte, und doch geriet sie unwillkürlich in streitlustige Stimmung.
„Du hast dich doch nicht gelangweilt?“ sagte er, lebhaft und heiter zu ihr kommend. „Welch eine furchtbare Leidenschaft — das Spiel.“ —
„Nein; ich habe mich nicht gelangweilt und habe schon seit langem gelernt, mich nicht zu langweilen. Stefan und Lewin waren hier.“
„Ja wohl; sie wollten zu dir fahren. Nun, wie hat dir Lewin gefallen?“ sprach er, sich neben ihr niederlassend.
„Sehr gut. Sie sind nicht lange erst weggefahren. Was hat Jaschwin gemacht?“
„Er war im Gewinnen; siebzehntausend Rubel. Ich rief ihn zu mir, er war vollkommen einverstanden, schon aufzubrechen, kehrte aber wieder um und verspielt jetzt.“
„Weshalb bist du denn dann geblieben?“ frug sie, plötzlich die Augen zu ihm erhebend. Der Ausdruck ihres Gesichts war kalt und feindselig, „du hast Stefan gesagt, du wolltest bleiben, um Jaschwin mit zu dir zu nehmen, und hast ihn doch verlassen.“
Der nämliche Ausdruck kalter Kampfbereitschaft drückte sich auch auf seinem Antlitz aus.
„Erstens habe ich ihn in keiner Weise gebeten, dich von etwas zu benachrichtigen, zweitens spreche ich nie die Unwahrheit. Die Hauptsache ist, ich wollte bleiben und bin geblieben,“ sagte er, finster sprechend. „Anna, warum, warum nur das?“ sprach er nach einer Minute des Schweigens, sich zu ihr beugend und die Hand öffnend in der Hoffnung, daß sie die ihre in sie legen werde.
Sie freute sich über diese Aufforderung, zärtlich zu sein, aber eine gewisse, seltsame Macht des Bösen gestattete ihr nicht, sich ihrem Zuge zu ihm hinzugeben, gleich als ob die Ursachen zum Hader es nicht zuließen, daß sie sich selbst überwinde.
„Natürlich; du wolltest bleiben und bist geblieben. Du thust eben, was du willst! Aber warum sagst du mir das? Zu welchem Zweck?“ sagte sie, immer mehr in Erregung geratend. „Macht dir denn jemand deine Rechte streitig? Du willst in deinem Rechte sein; sei es.“
Seine Hand schloß sich, er wandte sich ab und sein Gesicht nahm noch mehr als vorher einen Ausdruck von Trotz an.
„Für dich ist dies nur eine Frage des Eigensinnes,“ sagte sie, ihn unverwandt anblickend, indem sie plötzlich den Namen fand für diesen sie in Wallung versetzenden Ausdruck seines Gesichts, „einfach des Trotzes! Für dich giebt es nur die Frage, wirst du Sieger bleiben gegen mich. Für mich aber“ — wieder empfand sie Mitleid mit sich selbst und sie wäre beinahe in Thränen ausgebrochen. „Wüßtest du, um was es sich für mich handelt! Wenn ich, so wie jetzt, fühle, daß du dich feindselig gegen mich verhältst, thatsächlich feindselig, wüßtest du, was das für mich bedeutet! Wenn du wüßtest, wie nahe ich in diesen Augenblicken dem Unglück bin, wie ich mich selbst fürchte!“ — Sie wandte sich ab, ihr Schluchzen unterdrückend.
„Wovon sprichst du da?“ sagte er, erschreckt vor dem Ausdruck ihrer Verzweiflung, und sich wiederum zu ihr neigend, ihre Hand ergreifend und sie küssend. „Meide ich etwa nicht den Umgang mit den Weibern?“
„Das wäre auch noch!“ sagte sie.
„Nun sag', was ich thun soll, damit du beruhigt bist? Ich bin bereit, alles zu thun, daß du glücklich sein möchtest,“ sprach er, gerührt von ihrer Verzweiflung, „was thue ich nicht, um dich von einem Schmerz zu befreien, wie er dich jetzt erfüllt, Anna,“ sagte er.
„Nicht doch, nicht doch,“ sprach sie, „ich weiß selbst nicht; ist es das einsame Leben, sind es die Nerven — nun, wir wollen nicht weiter davon sprechen! Wie war es mit dem Rennen? Du hast mir nicht davon erzählt?“ frug sie, sich bemühend, den Triumph über den Sieg zu verbergen, welcher nun doch auf ihrer Seite geblieben war.
Er befahl das Abendessen und begann ihr Einzelheiten über die Rennen zu erzählen, aber an seinem Tone, seinen Blicken, die kühler und kühler wurden, erkannte sie, daß er ihr ihren Sieg nicht vergeben hatte, daß jenes Gefühl des Trotzes, gegen welchen sie gekämpft hatte, wieder in ihm erstanden war. Er war kühler gegen sie, als vorher, gleichsam als bereute er es, sich unterworfen zu haben, während sie, an die Worte denkend, welche ihr den Sieg verliehen hatten „ich bin nahe einem furchtbaren Unglück und fürchte mich selbst“, erkannt hatte, daß diese Waffe eine gefährliche war, und sie dieselbe nicht ein zweites Mal anwenden könne.
Sie fühlte aber auch, daß neben der Liebe, die sie beide vereinte, zwischen ihnen der böse Geist einer Kampflust getreten war, den sie weder aus seinem Herzen, noch viel weniger aber aus dem ihren zu vertreiben vermochte.
13.
Es giebt keine Verhältnisse, an die sich der Mensch nicht gewöhnen könnte; besonders wenn er sieht, daß alle, die ihn umgeben, ebenso leben.
Lewin hätte vor drei Monaten nicht geglaubt, daß er unter den Verhältnissen, in denen er sich jetzt befand, ruhig einschlafen könne; nie gedacht, daß er, indem er ein zweckloses, gehaltloses Leben führte, welches noch dazu über seine Mittel ging, nach seinem Rausche, — denn anders konnte er das nicht nennen, was es im Klub gab — nach Anknüpfung ungereimter, freundschaftlicher Beziehungen zu einem Manne, in welchen einst seine Frau verliebt gewesen war, und einem noch ungereimteren Besuch bei einer Frau, die man nur als gefallen bezeichnen konnte, sowie nach seinem Enthusiasmus für diese Frau und der Erbitterung der Gattin — unter solchen Verhältnissen ruhig einschlafen könne. Allein unter dem Einfluß der Ermüdung, einer schlaflos verbrachten Nacht und des genossenen Weines, entschlief er sanft und selig.
Um fünf Uhr weckte ihn das Kreischen einer geöffneten Thür. Er fuhr auf und schaute sich um. Kity war nicht mehr im Bett neben ihm, aber hinter der spanischen Wand bewegte sich ein Licht und er vernahm ihre Schritte.
„Was giebt es, was giebt es?“ sprach er, aus dem Schlafe auffahrend, „Kity, was ist?“
„Nichts,“ antwortete diese, das Licht in der Hand, hinter der Zwischenwand hervortretend. „Es war mir unwohl geworden,“ sagte sie, mit eigentümlich weichem ausdrucksvollen Lächeln.
„Was ist? Fängt es an, fängt es an?“ fuhr er erschreckt fort, „da muß geschickt werden,“ und hastig wollte er sich ankleiden.
„Nein, nein,“ sagte sie, lächelnd, und ihn mit der Hand zurückhaltend. „Es ist augenscheinlich nicht von Bedeutung. Es war mir nur ein wenig unwohl geworden. Jetzt aber ist es vorüber.“
Zu ihrem Bett gehend, löschte sie wieder das Licht, legte sich nieder und blieb still liegen. Obwohl ihm ihre Ruhe, wie die eines verhaltenen Atmens, und mehr noch der Ausdruck einer eigenartigen Weichheit und Aufgeregtheit an ihr, mit welchem sie, hinter der Zwischenwand hervortretend, das „nichts“ zu ihm gesagt hatte, verdächtig erschien, verlangte es ihn doch so sehr nach Schlaf, daß er sofort wieder einschlummerte. Erst später gedachte er dieses stillen Atmens, verstand er da alles, was in ihrer edlen, lieben Seele damals vor sich gegangen war, als sie, ohne sich zu rühren, in der Erwartung des wichtigsten Ereignisses im Leben des Weibes, neben ihm gelegen hatte.
Um sieben Uhr erweckte ihn ihre Hand, die ihn an der Schulter berührte, sowie ein leises Flüstern. Sie kämpfte gleichsam noch zwischen dem Bedauern, ihn wecken zu müssen und dem Wunsche, mit ihm zu sprechen.
„Mein Konstantin, erschrick nicht. Es ist nichts. Aber nur scheint — wir müssen nach der Lisabetha Petrowna schicken“ —
Das Licht wurde wieder angezündet. Sie setzte sich im Bett und hielt ein Strickzeug in der Hand, mit welchem sie sich in den letzten Tagen beschäftigt hatte.
„Bitte, erschrick nicht, es ist nichts. Ich habe durchaus keine Angst,“ sprach sie, sein erschrecktes Gesicht gewahrend, und drückte seine Hand an ihren Busen und dann an ihre Lippen.
Eilig sprang er auf, sich selbst nicht mehr empfindend und kein Auge von ihr wendend, zog seinen Hausrock an und blieb stehen, sie noch immer anblickend. Er mußte gehen, konnte sich aber nicht losreißen von ihrem Blick. Wie sehr er auch ihr Antlitz liebte, ihre Mienen kannte, und ihren Blick, aber so hatte er sie doch noch nie gesehen! Wie abscheulich und furchtbar erschien er jetzt sich selbst, indem er sich ihrer gestrigen Erbitterung entsann, hier vor ihr in ihrer Lage jetzt! Ihr gerötetes Gesicht, umgeben von dem sich unter dem Nachthäubchen hervordrängenden, weichen Haar, schimmerte von Freude und Entschlossenheit. So wenig Unnatürliches und Gekünsteltes auch im allgemeinen Charakter Kitys lag, so war Lewin dennoch betroffen von dem, was sich vor ihm jetzt enthüllte, als plötzlich alle die Schleier abgenommen waren, und der ganze Kern ihrer Seele in ihren Augen leuchtete.
In dieser Einfachheit und Hüllenlosigkeit wurde sie, die, welche er liebte, noch klarer sichtbar für ihn. Lächelnd schaute sie auf ihn, doch plötzlich erbebten ihre Brauen, sie hob das Haupt, und schnell zu ihm tretend, nahm sie ihn bei der Hand; sie schmiegte sich eng an ihn, und umgab ihn mit ihrem heißen Odem. Sie litt und es war, als beklage sie sich bei ihm über ihr Leiden. Auch ihm schien im ersten Augenblick nach seiner Gewohnheit, als sei er schuldig, aber in ihrem Blick lag eine Zärtlichkeit, welche sagte, daß sie ihm nicht nur keinen Vorwurf mache, sondern ihn für diese Leiden liebe. „Wenn ich es nicht bin — wer trüge dann die Schuld hieran?“ dachte er unwillkürlich, den Urheber aller dieser Leiden suchend, um ihn zu strafen; aber es war kein Schuldiger da. Sie litt, klagte und triumphierte zugleich über diese Leiden, sie freute sich ihrer und liebte sie. Er sah, daß sich in ihrer Seele etwas Schönes vollziehe, aber was es war? Er konnte es nicht erfassen. Es stand über seinem Erkenntnisvermögen.
„Ich habe zu Mama geschickt, fahre du möglichst schnell nach der Lisabetha Petrowna — mein Konstantin — es ist nichts; schon vorüber“ — Sie verließ ihn und schellte. „Also geh jetzt; Pascha kommt. Mir fehlt nichts.“
Mit Verwunderung sah Lewin, daß sie die Strickerei ergriff, die sie am Abend mitgebracht hatte und von neuem zu stricken begann.
Während Lewin durch die eine Thür hinausging, hörte er noch, wie das Mädchen durch die andere hereintrat. Er blieb an der Thür stehen und vernahm, wie Kity der Zofe ausführliche Anweisungen erteilte, und mit ihr selbst das Bett zu rücken begann.
Er kleidete sich an und eilte, bis man die Pferde angespannt haben würde — ein Mietgeschirr war noch nicht zu haben — wieder nach dem Schlafzimmer, nicht auf den Fußspitzen, sondern auf Flügeln wie ihm schien.
Zwei Mädchen räumten geschäftig um im Schlafzimmer; Kity selbst ging umher und strickte, schnell die Maschen werfend und Anordnungen dabei treffend.
„Ich werde sogleich zum Arzte eilen. Nach der Lisabetha Petrowna ist man gefahren; ich aber will erst noch hin, ist nicht noch etwas nötig? Soll ich zu Dolly?“
Sie blickte ihn an, offenbar ohne zu hören, was er sprach.
„Ja, ja. Geh,“ sprach sie schnell, sich verfinsternd und ihm mit der Hand zuwinkend. Er war schon in den Salon hinaus, als plötzlich ein klägliches, sogleich wieder verstummendes Stöhnen aus dem Schlafzimmer ertönte. Er blieb stehen und konnte lange nicht verstehen.
„Ja; das war sie,“ sagte er zu sich selbst und lief, sich nach dem Kopfe greifend, hinab. „Gott erbarme dich! Vergieb mir und steh' mir bei!“ stammelte er mit Worten, die gleichsam plötzlich und unerwartet ihm über die Lippen kamen. Er, der da nicht glaubte, wiederholte diese Worte nicht nur mit dem Munde allein. Jetzt, in dieser Minute erkannte er, daß nicht nur alle seine Zweifel, sondern auch die Unmöglichkeit, aus Verstandesgründen zu glauben, die er in sich selbst wahrgenommen hatte, ihn keineswegs daran verhinderten, sich an Gott zu wenden. Alles das flog ihm jetzt wie Staub von seiner Seele herunter. An wen sollte er sich wenden, wenn nicht an den, in dessen Händen er sich fühlte, seine Seele und seine Liebe?