Fünfter Teil. (continued 4)
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Wronskiy erkannte nicht, was zwischen den Kartasoff und Anna vorgefallen sei, aber er begriff, daß etwas für Anna Erniedrigendes geschehen war.
Er erkannte dies schon an dem, was er wahrnahm, und vor allem an dem Gesicht Annas, die — er wußte es — ihre letzten Kräfte zusammennahm, um die einmal übernommene Rolle zu Ende zu führen. Diese Rolle, die äußerlich Ruhige zu spielen, gelang ihr vollständig. Wer sie und ihre Kreise nicht kannte, nicht alle die Äußerungen des Bedauerns, des Unwillens und der Verwunderung seitens der Frauen darüber hörte, daß sie sich erlaubt hatte, in der Welt zu erscheinen und sich mit ihrem Spitzenschmuck und ihrer Schönheit so bemerkbar zu machen, die bewunderten die Ruhe und Schönheit dieser Frau und ahnten nicht, daß sie die Empfindungen eines Menschen in sich trug, der an den Schandpfahl gestellt ist.
In der Gewißheit, daß Etwas vorgefallen sei, aber ohne zu wissen was, fühlte Wronskiy eine quälende Unruhe und begab sich, in der Hoffnung, etwas darüber erfahren zu können, nach der Loge seines Bruders. Absichtlich einen der Loge Annas gegenüberliegenden Gang im Parterre wählend, stieß er im Hinausgehen mit seinem früheren Regimentskommandeur, der mit zwei Bekannten sprach, zusammen. Wronskiy hörte, daß der Name der Karenin genannt wurde, und bemerkte, wie der Regimentskommandeur sich beeilte, laut den Namen Wronskiys zu nennen, indem er die Sprechenden anblickte.
„Ah, Wronskiy! Wann kommst du denn einmal zum Regiment? Wir können dich nicht ohne ein Fest fortlassen. Du bist unser Stammhalter,“ sagte der Regimentskommandeur.
„Es thut mir sehr leid, ein ander Mal,“ sagte Wronskiy und eilte die Treppe hinauf in die Loge seines Bruders.
Die alte Gräfin, die Mutter Wronskiys, mit ihren stahlblauen Haarlocken befand sich in derselben. Warja und die Fürstin Sorokina begegneten ihm auf dem Korridor der Bel-Etage.
Nachdem Warja die Fürstin Sorokina zu ihrer Mutter geführt hatte, reichte sie ihrem Schwager die Hand, und begann dann sogleich mit ihm über das zu sprechen, was ihn interessierte. Sie war so aufgeregt, wie er sie nur selten gesehen hatte.
„Ich finde, daß dies niedrig und gemein ist, und Madame Kartasowa dazu nicht das geringste Recht hatte. Madame Kartasowa“ — begann sie.
„Aber was ist denn? Ich weiß gar nicht“ —
„Wie, du hast nicht gehört?“
„Du hörst wohl, daß ich der Letzte bin, der also davon erfährt.“
„Giebt es wohl ein schlechteres Geschöpf, als diese Kartasowa.“
„Aber was hat sie denn gethan?“
„Mir hat es mein Mann erzählt — sie hat die Karenina beleidigt. Ihr Mann hatte mit dieser über die Loge hinüber gesprochen, und die Kartasowa ihm darauf eine Scene gemacht. Sie hat, wie er mir erzählt, sich laut in kränkender Weise ausgesprochen und ist dann gegangen.“
„Graf, Mama läßt Euch rufen,“ sagte die Fürstin Sorokina, aus der Thür der Loge blickend.
„Ich warte schon lange auf dich,“ sprach die Mutter zu ihm, sarkastisch lächelnd. „Man sieht dich ja gar nicht mehr.“
Der Sohn erkannte, daß sie ein Lächeln der Freude nicht unterdrücken konnte.
„Guten Tag, Maman; ich kam eben zu Euch,“ sagte er kühl.
„Warum gehst du denn nicht, faire la cour à madame Karènine?“ fügte sie hinzu, als die Fürstin Sorokina weggetreten war. „Elle fait sensation. On oublie la Patti pour elle.“ —
„Maman, ich bat Euch, nur nicht hiervon zu sprechen,“ antwortete er sich verfinsternd.
„Ich spreche nur das, was alle sprechen.“
Wronskiy erwiderte nichts, und ging wieder, nachdem er der Fürstin Sorokina noch einige Worte gesagt hatte. In der Thür begegnete er seinem Bruder.
„Ah, Aleksey,“ sagte dieser. „Welche Niedrigkeit! Diese Närrin — weiter ist sie nichts! Ich wollte soeben zu ihr gehen. Komm, wir gehen zusammen.“ —
Wronskiy hörte ihn nicht. Mit schnellen Schritten stieg er hinunter; er empfand, daß er etwas thun müsse, wußte aber nicht, was. Sein Verdruß über Anna, daß sie sich und ihn in eine so schiefe Lage gebracht hatte, doch auch das Mitleid mit ihr wegen ihrer Leiden, versetzten ihn in Aufregung. Er ging hinunter ins Parterre und schritt geradenwegs auf den Platz Annas zu. Neben diesem stand Stremoff, der sich mit ihr unterhielt.
„Tenöre giebt es eben nicht mehr. Le moule en est brisé!“
Wronskiy verneigte sich vor ihr und blieb stehen, Stremoff begrüßend.
„Ihr scheint spät gekommen zu sein und die besten Arien nicht gehört zu haben,“ sagte Anna zu Wronskiy, ihn spöttisch anblickend, wie ihm schien.
„Ich bin ein schlechter Kritiker,“ antwortete er, streng auf sie schauend.
„Wie der Fürst Jaschwin,“ sagte sie lächelnd, „welcher findet, daß die Patti zu laut singt. Ich danke Euch,“ mit der kleinen Hand im hohen Handschuh einen von Wronskiy aufgehobenen Theaterzettel nehmend; und plötzlich, in diesem Augenblick, erbebten ihre schönen Züge. Sie stand auf und begab sich in die Tiefe der Loge.
Als Wronskiy bemerkt hatte, daß im folgenden Akt ihre Loge leer war, ging er, während sich in dem bei den Tönen einer Kavatine stillgewordenen Theater ein Zischeln erhob, aus dem Parterre und fuhr heim.
Anna war schon zu Haus. Als Wronskiy bei ihr eintrat, befand sie sich noch in der Toilette, in welcher sie im Theater gewesen war. Sie saß auf dem nächsten an der Wand stehenden Lehnstuhl und starrte vor sich hin. Sie blickte ihn an und nahm dann ihre frühere Stellung wieder ein.
„Anna!“ sagte er.
„Du, du bist schuld an allem!“ rief sie unter Thränen der Verzweiflung und der Wut in der Stimme, und erhob sich.
„Ich habe dich gebeten, dich beschworen, nicht zu fahren; ich habe gewußt, daß es dir unangenehm werden würde“ —
„Unangenehm!“ rief sie, — „entsetzlich! So lange ich lebe, werde ich dies nicht vergessen! — Sie hat gesagt, es sei entehrend, neben mir sitzen zu müssen!“ —
„Die Worte eines thörichten Weibes,“ sagte er, „aber wozu mußtest du dazu herausfordern?“
„Ich hasse deine Ruhe! Du durftest mich nicht so weit bringen. Wenn du mich geliebt hättest“ —
„Anna! Wozu hier eine Frage nach meiner Liebe“ —
„Ja, wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe, wenn du dich martertest, wie ich mich martere“ — sprach sie, mit dem Ausdruck des Entsetzens auf ihn blickend.
Es that ihm wehe um sie, und dennoch empfand er auch Verdruß. Er versicherte sie seiner Liebe, weil er sah, daß nur dies allein sie jetzt beruhigen konnte, und machte ihr keine Vorwürfe mit Worten; wohl aber tadelte er sie in seinem Innern.
Und jene Versicherungen der Liebe, die ihm so niedrig erschienen, daß es ihm schwer ankam, sie auszusprechen, sog sie in sich ein und wurde etwas ruhiger. Am andern Tage fuhren beide, vollständig ausgesöhnt, auf das Land.