XI. Die letzten Triumphe und die letzte Enttäuschung.
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Mit dem Jahre 1881 begann für Alfried Krupp die letzte und durch immer sich steigernde Erfolge hervorragende Periode seines ereignißreichen Lebens. Er hatte die Höhe erklommen, unermüdliches Streben, begeisterte Auffassung seines Berufes, unentwegtes Vertrauen auf die Unübertrefflichkeit des väterlichen Erbes, geniale Erfindungskraft, weise und praktische Geschäftsführung, echt patriarchalische Fürsorge für seine Arbeiter und ein auf die Stärkung der vaterländischen Wehrmacht unablässig gerichteter Patriotismus hatten ihn dahin geleitet. Der einzelne Mann hatte mit seiner Kraft seinem Werke eine Bedeutung und Ausdehnung zu geben vermocht, wie sie kein, selbst mit den größten Mitteln unterstütztes Unternehmen auf dem Gebiete der Eisen-Industrie hatte erreichen können.
Neue Fortschritte bezeichnen noch in diesen seinen letzten Lebensjahren die Neukonstruktionen der langen Geschützrohre und der Schnellfeuerkanonen. Bei dem im Jahre 1882 veranstalteten großen Probeschießen bei Meppen ward das erste schwere Geschütz von 35 Kaliberlänge, eine 30,5 cm-Kanone von 10,7 m Rohrlänge, vorgeführt. Es ward damit die Anwendung größerer Ladungen und schwererer Geschosse, also eine bedeutende Steigerung der Wirkung beabsichtigt und erreicht. Zur selben Zeit brachte Krupp ein neues Pulver zur Anwendung, welches auf seine Anregung hergestellt worden war, und das sich wegen seines geringen Gasdruckes für große Ladungen viel geeigneter erwies, als das bisherige Schießpulver. Dieses „braune Pulver” ist als ein Vorläufer der später verwendeten rauchschwachen Pulver zu betrachten, und seine Einführung trug wesentlich zur sachgemäßen Entwickelung der langen Geschützrohre bei.
Im Jahre 1885 folgte dem 30,5 cm ein von Italien bestelltes 40 cm-Rohr von 35 Kaliberlänge, welches die stattliche Längenausdehnung von 14 m erreichte. Die im Jahre 1886 mit diesem Riesengeschütz unter Anwendung des braunen Pulvers unternommenen Schießversuche ergaben eine Anfangsgeschwindigkeit von 556–572 m und eine Anfangsenergie von 16500 bis 17510 Metertonnen. Eine andere neuere Pulversorte ließ sogar 579 m bezw. 17945 Metertonnen erreichen, das sind Leistungen, an deren Möglichkeit man bis dahin kaum geglaubt hatte. Selbstverständlich hatte Armstrong sich beeilt, ein Geschütz zu konstruiren, welches das Kruppsche noch übertreffen sollte; es war ein Rohr von 41 cm Kaliber und 36 Kaliber lang, welches bei einer Anfangsgeschwindigkeit von 651 m bis zu 18000 Metertonnen lebendige Kraft erreichte. Danach schien es allerdings wirksamer zu sein. Eine Vergleichung der Leistungen zeigt aber, daß das Krupp-Geschütz an der Mündung eine schmiedeeiserne Platte von 1040 mm Stärke, auf 1000 m Entfernung noch von 970 mm Stärke, das Armstrong-Geschütz an der Mündung nur eine Platte von 1016 mm und auf 914 m Entfernung eine solche von 889 mm Stärke zu durchschlagen vermochte. Das Krupp’sche Geschütz war also doch noch überlegen, und hierzu kommt als weiterer Vorzug die unbedingt größere Dauerhaftigkeit seines Materials.
Italien hatte 4 der 40 cm-Kanonen für Spezia bestellt. Der Transport machte aber besondere Schwierigkeiten wegen Länge und Gewicht der Rohre (121 Tonnen). Es wurde ein besonderes Fahrzeug von fast 23 m Länge gebaut, das aus 2 Wagen mit je 8 Achsen und einem beide verbindenden Rohrlager bestand. Da aber jeder der Wagen die Länge von 11,36 m hatte, mußte er mit Rücksicht auf die Krümmungen der Bahn in der Mitte mit einer drehbaren Plattform versehen werden, hierauf ruhten die Enden des Rohres. Die Schweizer Bahnen hielten ihre Eisenbahnbrücken zum Theil nicht für tragfähig genug, um die kolossale Last von 218 Tonnen eines beladenen Wagens darauf befördern zu können. Deshalb sandte Krupp die vier Rohre nach Antwerpen, von wo sie mittelst Dampfer nach Spezia transportirt wurden.
Es ist bemerkenswerth, daß diese Geschütze paarweise in zwei Grusonschen Hartgußthürmen aufgestellt wurden und daß bei einer 1886 vorgenommenen Beschießung durch ein Armstrong-43cm-Geschütz mit Krupp’schen Stahlgranaten eine Platte dieser Thürme sich vollständig bewährte, d. h. für einzelne Treffer dieses größten Geschützes auf kürzeste Entfernung (85 m) unzerstörbar ist und folglich auf Gefechtsdistanzen vom Schiffe aus nicht wesentlich beeinträchtigt werden kann.
Die Frage, ob Krupp oder Armstrong der Vorrang gebühre, welche ja namentlich bezüglich der überseeischen Länder für beide von großer Bedeutung war, wurde im Jahre 1885 von dem argentinischen Oberstlieutenant Sellström einer Besprechung unterzogen, in der er neben technischen Vorzügen der deutschen Geschütze betont, daß Krupp stetig an seinem System festgehalten habe, während Armstrong bei dem wiederholten Wechseln und Schwanken zwischen Vorder- und Hinterlader nicht den gleichen Grad der Sicherheit für die Güte seiner Rohre in Anspruch nehmen könne, wie jener; daß Krupps Feldgeschütze von allen Mächten angenommen, Armstrongs im eigenen Lande verworfen seien; daß Krupp alle seine vor Zeugen abgehaltenen Schießversuche veröffentliche, während Armstrong eine kluge Reserve beobachte; daß Krupp sich seine Blöcke aus dem Rohmaterial selber herstelle, während Armstrong sich auf Privatlieferanten verlassen müsse. Er ist deshalb der Ansicht, daß noch viele Jahre vergehen werden, bevor die englischen Stahlgeschütze dieselben Garantien bieten werden, wie diejenigen von Krupp, die bis in die kleinsten Details in der Fabrik selbst, unter der Aufsicht von Spezialisten, angefertigt werden, wie sie keine andere Fabrik der Welt besitzt.
England hatte bis zum Jahre 1868 einige Geschützrohre von Krupp bezogen. In den Jahren 61/62 hatte man Versuche mit drei solchen vorgenommen, hierauf Armstrong im Jahre 1864 8 zehnzöllige und 20 achtzöllige Rohre bestellt, und im folgenden Jahre 64 vorgearbeitete, 54 fertige Kanonen verschiedener Kaliber bezogen. Endlich waren im Jahre 1868 30 Neunzöller, 10 Achtzöller und 20 Siebenzöller in vorgearbeitetem, und 6 zehnzöllige Kanonen in fertigem Zustande nach England geliefert worden. Seit diesem Jahr, in welchem Krupps Konstruktionen sich den englischen so wesentlich überlegen gezeigt hatten, waren weitere Bestellungen ausgeblieben, aber zahlreiche Offiziere wurden zur Essener Fabrik entsandt und wohnten den Schießversuchen bei, während man immer aufs Neue vergebliche Versuche machte, Krupp bei seinem weiteren Fortschreiten zu überholen, als er seine Rohre durch veränderte Konstruktion verbesserte, als er durch ihre Verlängerung, durch schwerere Geschosse und Anwendung neuer Treibmittel die Anfangsgeschwindigkeiten um hunderte von Metern und die Perkussionskraft auf das Doppelte des alten Maaßes von 1868 steigerte. Einen letzten Versuch machte man noch im Jahre 1886, indem man das beste Material: Stahl, die beste Konstruktion: Mantelrohrsystem nach Krupp und, wie man meinte, das beste Verschlußsystem: De Bange, annahm. Die Resultate waren derartig, daß ein Berichterstatter das Urtheil fällte: „Einer allgemeinen Schätzung nach werden die englischen Geschütze c/86 den englischen Geschossen etwa dieselbe Leistung geben, mit denen man bei den Krupp’schen Geschützen im Jahre 1876 einen Abschluß machte — und damit ist für die nächsten Jahre der Vergleich der englischen und Krupp’schen Kanonen erledigt.” Gern hätte man auch ein neues Krupp’sches Rohr nach Woolwich genommen, um es dort zu probiren, vielleicht um es zu seziren, und eventuell in Konkurrenz zu stellen. Das scheint aber dem deutschen Fabrikanten nicht behagt zu haben, sich den nicht unbeeinflußten Resultaten einer solchen Konkurrenz auszusetzen, denn er verlangte, sein eigenes Personal dabei in Thätigkeit zu sehen und — machte bei günstigem Ausgang eine namhafte Bestellung, 2 Millionen Pfund Sterling, zur Bedingung. Die Konkurrenz unterblieb. Krupp war jetzt in der Lage, derartige Bedingungen seinem früheren Nebenbuhler zu stellen, und auch den Entfall der zur Bedingung gemachten Bestellung konnte er verschmerzen. Hatten doch die Verhältnisse sich so günstig gestaltet, daß der ganze Betrag der Anleihe von 1879 bereits zum 1. April 1886 hatte zurückgezahlt werden können.
Einen gleichen Triumph wie über den englischen Rivalen, sollte Krupp auch noch über einen französischen Nebenbuhler erleben. Es war dort im Jahre 1878 für die Feld-Artillerie ein neuer Verschluß von De Bange eingeführt worden, der sich durch große Einfachheit auszeichnete und auch für große Kaliber zweckmäßig erschien. Er bestand aus einer stählernen Verschlußschraube, deren Gewinde auf drei symmetrisch zur Achse liegenden Zonen unterbrochen war derart, daß der Bruchtheil einer Umdrehung genügte, um das Schließen zu bewirken. Hierzu kam noch ein Dichtungsring aus Asbest und Talg, welcher in neuem Zustande vorzüglich funktionirte. Bei einem Schießversuch zwischen einer Krupp’schen und einer französischen Feldkanone, welcher Ende 1884 in Belgrad stattfand, traf erstere das Mißgeschick, daß in Folge mehrerer kleiner Unfälle bei der Schnellfeuer-Probe Störungen eintraten und das französische Geschütz die 30 Schuß in 23 Minuten abgab, während das Krupp’sche deren 30 brauchte, wohingegen bezüglich Trefffähigkeit und Wirkung letzteres mehr geleistet hatte. Dem großen Siegesgeschrei, welches man in Frankreich erhob, begegnete Krupp durch das Verlangen eines zweiten Vergleichsversuchs, und bei diesem erreichte am 6. Mai 1885 sein Geschütz mit Leichtigkeit die 30 Schuß in 16 Minuten; es hatte also in jeder Beziehung seine Vorzüge bewiesen. Trotzdem wurde vom serbischen Kriegsministerium die Fabrik vormals Cail & Cie. in Paris, welche die vom Obersten De Bange erfundene Geschützkonstruktion ausführt, mit der Lieferung der neuen Feldgeschütze beauftragt, und die französische Presse begann auf Grund dieses Ausganges mit großem Eifer Reklame für die französische Firma zu machen. Die Agence Havas scheute sich nicht, ihren Lesern folgende Erzählung vorzuführen: „In Betreff der de Bange’schen Riesenkanone erhalten wir aus Serbien eigenthümliche Berichte. Die ehemalige Fabrik Cail hat bei der Lieferung für die serbische Artillerie über ihren gefürchteten Mitbewerber den Sieg davon getragen. Die näheren Umstände, welche bei dieser Entscheidung in Betracht kamen, gereichen der serbischen Regierung sowohl als auch der Gediegenheit der französischen Industrie zu großer Ehre. Der Oberst De Bange hatte 6½ Millionen, Krupp 11 Millionen verlangt. Kaum hatte Krupp von dem Preise seines Nebenbuhlers gehört, so ging er mit seiner Forderung auf 5 Millionen Francs herunter. Herr de Bange, durch den serbischen Kriegsminister hiervon in Kenntniß gesetzt, erklärte, daß sein Haus in ehrlicher Weise seine 10 % an dem Handel verdiene und sich auf irgend einen Abschlag nicht einlassen könne. Daraufhin bedachte sich die serbische Regierung keinen Augenblick, der Fabrik Cail, trotz des höheren Preises, ihren Auftrag zu übergeben. Um Krupp die Lieferung zum Preise von 5 Millionen zu ermöglichen und dadurch seinen Weltruf zu behaupten, wollte ihm die deutsche Regierung einen Zuschuß von anderthalb Millionen bewilligen. Der französischen Industrie ist es übrigens gelungen, das Uebergewicht Krupp’s ins Wanken zu bringen, denn wiederum sind zwei Aufträge, einer von der rumänischen und einer von der mexikanischen Regierung Krupp entgangen und St. Chamont und dem Creuzot zugedacht werden.”
Krupp sah sich gezwungen, die wahre Sachlage durch folgende Antwort festzustellen:
„Da zu erwarten bleibt, daß Böswilligkeit für weitere Verbreitung der Lügen der Agence Havas sorgen werde, sehe ich mich veranlaßt, hierdurch ausdrücklich zu erklären, daß die ganze Darstellung der serbischen Angelegenheit von Anfang bis zum Ende erfunden ist. Ich bin überhaupt gar nicht in der Lage gewesen, einen Gesammtpreis anzugeben, da mir nicht bekannt war und bis heute nicht bekannt ist, was die serbische Regierung bestellen will. Ich konnte also auch gar nicht in die Lage kommen, den Preis von 11 Millionen auf 5 Millionen Francs herabzusetzen, ganz abgesehen davon, daß meine Preise fest sind und jedes Feilschen ein für alle Mal ausgeschlossen ist. Da der serbische Kriegsminister in dem genannten Berichte mit in die Erzählung hineingebracht ist, was wohl kaum Billigung in Belgrad finden wird, so sehe ich mich genöthigt, ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß der genannte Minister, dem die Krupp’schen Detailpreise bekannt sind, die und die Preise de Bange’s als ungefähr gleich bezeichnet hat. Für die vielleicht bereits zu Gunsten des französischen Geschützes gefallene Entscheidung waren lediglich Zahlungsmodalitäten ausschlaggebend, welche de Bange in Verbindung mit dem Komptoir d’Escompte, dessen beherrschender Einfluß auf die serbischen Finanzen genugsam bekannt ist, eingehen konnte, welche aber meines Erachtens jede andere Konkurrenz von vornherein ausschloß und mich zum Abbruch der Verhandlungen veranlaßte, sobald ich davon Kenntniß erhielt. Daß die Resultate bei den in Serbien ausgeführten Proben mit Geschützen verschiedener Systeme und Konstruktionen die Ueberlegenheit meines Geschützes klar ergaben, werden Fachleute aus den Veröffentlichungen in militärwissenschaftlichen Zeitschriften ersehen haben; hier mag es genügen, zu konstatiren, daß artilleristische Gründe es nicht waren, wenn de Bange die Bestellung zugewiesen wird. Was die beiden als Triumph der französischen Industrie bezeichneten Bestellungen anbetrifft, so beschränken sich dieselben auf zwei Probekanonen für Rumänien, die hauptsächlich nur bestellt wurden, weil die Fabrik St. Chamond erklärte, es sei nöthig, die zwei Kanonen zusammen mit einem dort bestellten Probethurm zu fertigen, und auf Feldkanonen für Mexiko, deren Lieferung ich nicht übernehmen wollte, weil die persönlichen Ansprüche des Vermittlers nicht mit meinen Geschäftsprinzipien in Einklang zu bringen waren. Der erstere Auftrag ist im vorigen Jahre, der zweite vor mehreren Jahren ertheilt worden. Also auch in dieser Richtung ist die Erzählung der Agence Havas ungenau.”
Es ist dem nur noch hinzuzufügen, daß das ganze Belgrader Probeschießen nur eine Komödie war, denn die Geschützbestellung bei der Gesellschaft vormals Cail & Cie. bildete einen Theil der Bedingungen, unter welchen in diesem Jahre das bei der Gesellschaft sehr interessirte Pariser Finanz-Institut, das comptoir d’escompte, für die serbische Regierung eine Anleihe im Betrage von 40 Millionen Francs abschloß. Wie schlecht die serbische Regierung bei ihrer Annahme der Geschütze System de Bange gefahren war, ergab sich aus den bedenklichen Niederlagen, die dieses kurz darauf erfuhr. Innerhalb zweier Wochen ereigneten sich 3 schwere Unglücksfälle mit solchen Geschützen in der französischen Armee, wobei 1 Offizier und 2 Kanoniere getödtet, 4 verwundet wurden. Aehnliche Vorkommnisse hatten, wie nun bekannt wurde, bereits früher stattgefunden und schon eine ganze Zahl von Menschenleben gefordert. Der Verschluß erwies sich als praktisch unbrauchbar.
Noch einmal — in seinem letzten Lebensjahre — sollte Krupp einen heißen Kampf entbrennen sehen zwischen den verschiedenen rivalisirenden Geschützsystemen; aber er brauchte keinen Finger zu rühren; die tüchtigsten Federn des Landes, in dem der Streit ausgefochten wurde, übernahmen es, seinem System den Sieg zu sichern und gleichzeitig in glänzender Weise die Ueberlegenheit dieses seines Lebenswerkes allen anderen Systemen gegenüber mit objektiver wissenschaftlicher Gründlichkeit zu beweisen. Es war in Belgien, wo gelegentlich der Erbauung der beiden Maasfestungen Stimmen in großer Anzahl laut wurden, um theils für die Herstellung der zahlreichen Geschütze in eigenen Etablissements, theils für die Annahme des Systems de Bange zu agitiren. Welche Mittel man hierbei anwandte, zeigt die Behauptung eines militärischen Schriftstellers, des Lieutenant Malengreau: „es beweist nur, daß Krupp im Stande ist, seine Geschütze durch Tiegelguß herzustellen, und daß er es auch thut, wenn er Zeitungskorrespondenten empfängt, was jedoch nicht alle Tage vorkommt.” Und selbst ein so bedeutender französischer Schriftsteller, wie Oberstlieutenant Hennebert verstieg sich zu der Behauptung: „Jedermann weiß, daß der deutsche Kaiser, die kaiserliche Familie, die Hauptpersonen am Hofe und der Fürst Bismarck ausschließlich Aktionäre des berühmten Hauses an den Ufern der Ruhr sind... Das Ziel, welches man sich in Deutschland gesteckt hat, besteht in der Hemmung des Aufschwunges der französischen Industrie.”
Wohlthuend berührt dagegen die sachliche und objektive Klarlegung der Frage, mit welcher der Hauptmann E. Monthaye vom belgischen Generalstab für Krupps System eintrat. Seine Untersuchung führt zu der unbedingten Anerkennung und einwandfreien Kritik der Krupp’schen Geschütze. Ausgehend von einer Besprechung der verschiedenen zur Verwendung kommenden Metalle hebt er die Vorzüge des Tiegelgußstahls hervor und zitirt das Urtheil des Chemikers Fremy: „Wenn Krupp dazu gelangt ist, den Kriegsmaschinen jene Vollkommenheit zu geben, welche man an ihnen kennt, so geschah dies, weil er seit einer langen Reihe von Jahren ihre Fabrikation auf eine wirklich wissenschaftliche Grundlage stellte. In seiner Fabrik wird nichts dem Zufall überlassen; Chemiker analysiren fortwährend die Grundstoffe und die hergestellten Erzeugnisse; das wissenschaftliche und industrielle Element ist eng mit dem militärischen Element verbunden; Artillerie-Offiziere sind der Fabrikation zugetheilt und verfolgen alle Einzelheiten; erhebliche Summen werden auf neue Versuche verwandt, die mit den verschiedenen Legirungen, die sich für die Geschützfabrikation eignen, gemacht werden; jedes untersuchte Metall erhält gewissermaßen seine Akten, die seine chemische Zusammensetzung, seine Vortheile und seine Mängel ergeben.” Mit Recht wird hervorgehoben, daß Krupp allein im Stande ist, sich das größte Vertrauen für seine Fabrikate zu erwerben, weil er selbst sich die Materialien in dieser wohlüberwachten wissenschaftlichen Weise zubereitet, während in Frankreich und England die zu verarbeitenden Blöcke von Privaten gefertigt und geliefert werden. Nachdem Monthaye hierauf die Verschlußsysteme einer kritischen Untersuchung unterworfen hat, bespricht er die ballistischen Leistungen und weist nach, daß die neuen Krupp’schen Geschütze denen von de Bange durchweg vorzuziehen sind. Er schließt sein Buch mit den Worten: „Der gegenwärtige Eigenthümer der Kruppschen Fabrik ist ein Greis von 74 Jahren, dessen eiserne Gesundheit und Thatkraft jedoch dem Alter und der Krankheit trotzt. Er ist noch heute der Mittelpunkt von allen den ausgedehnten Unternehmungen, deren Ausgangspunkt die Essener Gußstahlfabrik ist. Man hat ihn den „Kanonenkönig” genannt, wie man den verstorbenen Van der Bilt den „Eisenbahnkönig” nannte. Dieser ehrende Beiname ist ohne innere Bedeutung für den großen amerikanischen Finanzmann, der sich begnügte, die Antheile der als gut und gewinnbringend bekannten Linien zu kaufen, ohne je in seinem Leben einen einzigen Kilometer Eisenbahn gebaut zu haben, er kommt dagegen mit vollem Recht Herrn Krupp zu, da er selbst nicht nur eine Artillerie geschaffen hat, sondern auch das Metall, aus dem sie hergestellt wird.”
Es erscheint kaum noch nöthig, eines anderen Schriftstellers „Pertinax” zu erwähnen, welcher in ähnlicher Weise die Ueberlegenheit Krupps gegenüber De Bange, Armstrong und Whitworth nachweist; genügt doch die Thatsache, daß das Krupp’sche Geschütz bis 1887 das einzige war, das in den europäischen und amerikanischen Kriegen seit zwei Jahrzehnten seine vollkommene Leistungsfähigkeit durch alle Wechselfälle zahlreicher und anstrengender Feldzüge bewiesen hatte.
In der That gab es außer Frankreich, England und Serbien keinen Staat von einiger militärischer Bedeutung, der sich nicht mehr und mehr den Kruppschen Geschützen zugewandt hätte; weit über die Grenzen Europas hinaus beeiferten sich die Staaten Amerikas, Asiens und Afrikas, ihre Flotten und Küstenbefestigungen mit den Kruppschen Panzergeschützen zu armiren und ihre Armeen mit seinen Feldgeschützen auszurüsten. Es ist eine gewaltige Anzahl von Rohren, die bis zum Todestage Alfried Krupps aus seiner Werkstatt hervorgegangen waren, mehr als 23000 Stück waren in seinen Journalen verzeichnet, und es giebt keine Geschützfabrik der Welt, welche auch nur annähernd diese Zahl erreicht hätte. So hatte der Meister das hohe Ziel erreicht, das er sich in den Träumen seiner Jugendjahre gesteckt hatte, sein Lieblingsgedanke, den Tiegelgußstahl bei den stärksten Kriegswaffen zur Anwendung und Anerkennung zu bringen, hatte sich voll und ganz erfüllt, eine That seiner unermüdlichen siegesgewissen Thätigkeit und Schaffenskraft. Alle Gegner sah er noch an seinem Lebensabend überwunden, mit lauter Stimme verkündeten auf fast allen Schießplätzen der Erde die Erzeugnisse seines Geistes den Ruhm des väterlichen Erbes, des Tiegelgußstahls. Und am Bord der Yacht des deutschen Kaisers, der „Hohenzollern”, prangten zwei Exemplare, welche ein beredtes Zeugniß ablegen von der tief patriotischen Gesinnung, von der begeisterten Verehrung Krupps für seinen Fürsten, der ihm im schweren Kampfe ein so verständnißvoller und treuer Bundesgenosse gewesen war. Es hatte ihm gar nicht schön und kostbar genug werden können, dies Geschenk, das des Kaisers Gnade 1882 von ihm anzunehmen sich entschloß, und als Kunstwerke ersten Ranges, von bedeutenden Künstlern entworfen, in Gravir- und Tauschir-Arbeit ausgeführt, mit herrlichen Silberornamenten bedeckt, bilden diese 2 8,7 cm-Kanonen eine Zierde des kaiserlichen Schiffes, wie sie einzig und unübertroffen dasteht.
Das stetige Aufblühen der Fabrik findet seinen Ausdruck in der seit 1880 immer sich steigernden Zahl der Arbeiter, die 1887 12674 allein in Essen betrug, und in der Zunahme der Produktion, welche 1885 210000 Tonnen erreichte. Die Gesammtzahl der von der Firma beschäftigten Arbeiter betrug nach der Aufnahme im Juli 1888 20960 Mann und die ganze vom Werke abhängige Bevölkerung 73769 Seelen.
An diesem Aufschwung war aber ebensowohl die Friedens- wie die Kriegstechnik betheiligt. Besonders auf dem Gebiete der Stahlschienen für Eisenbahnbedarf hatte die Fabrik große Erfolge zu verzeichnen. Schon im Jahre 1881 war eine stetige Zunahme der Lieferungen zu verzeichnen, ohne daß aber der gesteigerten Nachfrage durch eine Preiserhöhung geantwortet wurde. Besonders machte eine von England aus erfolgte Bestellung auf Stahlschienen Aufsehen. Bei einem Konkurrenz-Ausschreiben für die Lieferung von 8000 Tonnen Schienen für die Hull-Barnley-West-Riding-Junction-Railway erhielt die Firma Krupp den Zuschlag, weil ihre Preise erheblich niedriger waren, als die der englischen Fabriken.
Von viel größerer Bedeutung aber waren die im Jahre 1886 errungenen Siege. Mit hämischer Freude hatte man in England der Auflösung des internationalen Schienenkartells entgegengesehen, die am 15. April erfolgte. Aber man sollte sich bitter täuschen. Am selben Tage fand eine von der italienischen Mittelmeer-Eisenbahn-Gesellschaft ausgeschriebene Verdingung auf 27800 Tonnen Stahlschienen statt, bei welcher Krupp mit der Gesellschaft Cockerill und den Aciéres de France, gegenüber den englischen Stahlindustriellen Balckow und Cammell Sieger blieb. Hierauf kam eine erste Lieferung nach China; sie betrug nur 1500 Tonnen Stahlschienen für die Kaipingminen, war aber von Wesenheit, weil es sehr fraglich war, ob die deutsche Industrie in dem Lande Eingang finden werde, das die Engländer für den Produktenmarkt bisher vollständig beherrschten. Mit der Erringung dieser Lieferung verschaffte Krupp der vaterländischen Industrie Eingang in China. Noch mehr Aufsehen machte der Sieg, den Krupp bei der am 20. Dezember 1886 in Melbourne abgehaltenen Verdingung der britischen Kolonialregierung von Victoria in Süd-Australien davontrug. Es handelte sich dieses Mal um nicht weniger als 48000 Tonnen Stahlschienen und 2000 Tonnen Stahllaschen, und einen Beweis für ihre Leistungsfähigkeit führte die Fabrik im folgenden Monat, indem sie außer dieser auch noch eine Lieferung von 5000 Tonnen Stahlschienen für die Swedish and Norwegian Railway Company übernehmen konnte.
Schien es, als wenn die 80er Jahre sich nicht genug thun könnten, um den greisen Fabrikherren durch Erfolge zu erfreuen, so sollten ihm doch auch Erfahrungen nicht erspart werden, welche ihm an seinem Lebensabend trübe Stunden bereiteten und die Ohnmacht selbst eines so festen und unbeugsamen Willens gegenüber einer für echte oder falsche Ideale entflammten Menge zum Bewußtsein brachten. Es war bereits bei der Reichstagswahl 1881, bei welcher er die Annahme der Kandidatur auf das bestimmteste ablehnte, „weil ihm schon die Kraft fehle, den Berufspflichten zu genügen” und wo er sich vergebens für den in Vorschlag gebrachten General-Feldmarschall Grafen v. Moltke verwandte. Er erließ folgenden „Aufruf an die Arbeiter und Beamten der Gußstahlfabrik”.
„Der Generalfeldmarschall Graf v. Moltke ist in Vorschlag gebracht worden zur Wahl für den Reichstag. Selbst verhindert, diesen Ehrenplatz einzunehmen, der mir von mancher Seite zugedacht war, bekenne ich gerne die große Ueberlegenheit dieses jetzt empfohlenen Kandidaten in Einsicht und Erfahrung für alle vorkommenden Fragen und Interessen. Wenn der Graf v. Moltke die Wahl annimmt, so kann man dem Kreise gratuliren, denn neben dem allgemeinen Interesse werden dann auch die Privatinteressen des Kreises an dem Einflusse gebührenden Antheil haben. Es ist nicht nothwendig, daß unser Vertreter ein Kohlen- oder Eisenmann sei, um für das Wohl der Bevölkerung, welche mit Berg- und Hüttenwesen verbunden ist, geneigtes Ohr zu haben und dafür zu reden und zu wirken. Jedermann im Lande kennt den Grafen v. Moltke als den wohldenkenden mächtigen Geist, der für die Heere Deutschlands die Wege zum Ziele zu finden wußte. Derselbe wird vor allem auch an dieser Stelle seine Bedeutung behaupten. Wer daher aus dem Verbande der Angehörigen der Fabrik ihm die Stimme geben wird, der wird nicht nur sich selber nützen, sondern auch mir einen Wunsch erfüllen.
Alfred Krupp.”
Es gelang trotz dieser Unterstützung durch Krupp den Anstrengungen der nationalen Partei nicht, ihrem Kandidaten den Sieg zu verschaffen. Der ultramontane Kandidat siegte in der Wahl am 27. Oktober mit einer Mehrheit von über 4000 Stimmen.
Viel wichtiger war die Wahl im Jahre 1887, die durch die Auflösung des Reichstages nothwendig geworden war, und viel näher stand ihr dieses Mal Alfried Krupp, weil sein Sohn, der überall beliebte 33 Jahre alte junge Fabrikherr Friedrich Alfred mit seiner Zustimmung die Kandidatur angenommen hatte. Groß waren die Hoffnungen der nationalen Parteien, da es sich bei diesem Wahlkampf nicht um eine Parteisache, sondern um hervorragend vaterländische Gesichtspunkte handelte, von deren Behandlung unzweifelhaft die Sicherung des Friedens abhing. Man hoffte, daß die Anhänger des Zentrums von der Aufstellung eines besonderen Kandidaten Abstand nehmen und mit den nationalen Parteien zusammengehen würden, nachdem der Papst Leo XIII. in unzweideutiger Weise den deutschen Katholiken empfohlen hatte, für das Septennat einzutreten. Man hoffte endlich, daß gerade die Kandidatur des jungen Krupp, als des in jeder Hinsicht geeignetsten Vertreters der gesammten Interessen des Kreises viele Schwankende auf die Seite der nationalen Sache führen werde. Als jedoch die größte Zahl der katholischen Wähler, beeinflußt durch die Zentrumspresse, wieder ihren ultramontanen Kandidaten aufstellte und durch das abermalige Hervorzerren der konfessionellen Gegensätze der Ausgang zweifelhaft wurde, ergriff Alfried Krupp das Wort und erließ folgende Erklärung:
„Ansprache an die Angehörigen meiner Gußstahlfabrik und der meiner Firma Fried. Krupp gehörenden Berg- und Hüttenwerke.
Vor 60 Jahren war ich geschäftsführender Mitarbeiter der damals so kleinen Gußstahlfabrik; wir waren Unser zusammen acht, heute zählt die Fabrik mit ihren Berg- und Hüttenwerken gegen 20000 Arbeiter.
Wir haben von jeher treu zu einander gestanden, die Sorge für Wohlfahrt, Recht und strenge Unparteilichkeit gegen alle Konfessionen wurde vergolten durch Diensteifer und Anhänglichkeit. Die gegenwärtige große Verwaltung befolgte bisher, wie sie es auch künftig thun wird, dieselben Grundsätze. So erklärt sich das Gedeihen des ganzen Werkes und der angehörigen Familien, auch die Beruhigung versorgter Wittwen und Kinder der Verstorbenen.
Mit dem Bewußtsein, das allgemeine Vertrauen ehrlich verdient zu haben, folge ich nun dem Drange, noch ein Mal an den jetzigen großen Kreis unserer Angehörigen einige Worte zu richten, wie solches in früheren Jahren bei anderen wichtigen Veranlassungen ja öfter geschehen ist und mit Erfolg belohnt wurde. Damals berührten die Fragen die Sicherheit und den Frieden, das einseitige innere Interesse der Fabrik und der Familie allein; meine heutige Ansprache betrifft dagegen das große Interesse des ganzen deutschen Reiches, welches ja auch das Unsere ist.
Kurz, mit Uebergehen der bekannten Ereignisse, will ich hier der von Seiner Majestät dem Kaiser befohlenen Neuwahl von Mitgliedern zum Reichstage gedenken und Betrachtungen daran schließen.
Von dem Geiste der Majorität des nächsten Reichstages wird die Frage abhängen, ob Krieg oder Frieden. Stehen wir einig und stark da, so wird Frankreich es nicht wagen, uns zu überfallen. Zeigen wir uns uneinig und schwach, so ist der Krieg unabwendbar, und wäre es dann nicht unmöglich, daß bei ungenügender Militärmacht die deutsche Armee, trotz ihrer geschichtlich unvergleichlichen Großthaten, der Uebermacht würde weichen müssen, und dann das Innere des Reiches, mit Krieg überzogen, entkräftet, verheert und das Ganze vielleicht wieder zerrissen werden könnte.
Da jeder nicht verblendete Staatsbürger ohne Unterschied der Stellung doch nur das Verlangen haben kann, das Letztere zu verhüten, so sollten Alle sich vereinen, dem Aufruf Seiner Majestät des Kaisers zu folgen durch Wahl einsichtsvoller, vaterlandsliebender Mitglieder zum Reichstag, damit die Militär-Vorlage, welche allein den Frieden sichern kann, zum Gesetz erhoben werde.
Dann allein ist das Reich geborgen.
So wie wir, haben auch alle anderen Fabriken, Berg- und Hüttenwerke und die verschiedensten Gebiete von Gewerbe, Handel und Verkehr, Alle im ganzen Lande, dasselbe Interesse.
Wir gehen bei Frieden einer günstigen Zeit entgegen und ich war von guter Hoffnung für die Zukunft erfüllt. Was nützen aber alle Aufträge, wenn Arbeit und Transport durch Krieg gehemmt werden! Dann können ja auch unsere Werke zerstört werden, wenigstens muß man sich auf Entlassungen, selbst bis zur völligen Einstellung der Arbeit, vorbereiten. Dann aber würde an Stelle des Erwerbs die Noth, das Pfandhaus und der Wucherer treten, denn meine Mittel und die Unterstützungskassen würden bald erschöpft sein.
Zum Besten Aller kann ich nur wünschen, daß Niemand sich verleiten lasse, Theil zu nehmen an der Schuld eines solchen Unglücks in Folge einer regierungsfeindlichen Wahl. Thut aber jedermann seine Schuldigkeit, so werde ich alle Mittel freudig aufbieten, die Thätigkeit auf allen Werken zu vermehren, neue Anlagen auszuführen und mehr Leuten den Lebensunterhalt zu verschaffen.
Möge doch die ganze Nation von dem Verlangen erfüllt werden, daß Alle in tiefer Dankbarkeit gegen Seine Majestät den Kaiser, für die Hingebung seines ganzen Lebens zum Heil des Landes, seinem Winke gehorchen, seinem erhabenen Vorbilde für Pflichterfüllung und Vaterlandsliebe folgen.
Es ist meine Pflicht gegen den Staat und gegen meine Angehörigen, gewissenhaft zu rathen und zu warnen vor Verirrung und ihren Folgen. Bei Unterlassung dieser Aeußerungen möchte ich beschuldigt werden können, staatsfeindliche Bestrebungen zu dulden in unserem Verbande; darüber soll aber kein Zweifel bestehen.
Ich habe bekanntlich zwar niemals mit den öffentlichen Fragen der Gemeinde-, Staats- und Reichsverfassung, Gesetzgebung und dergleichen mich befassen dürfen, weil meine Werke meine geringe ganze Kraft bedurften; heute darf ich aber der Mitwirkung zur Lösung einer Lebensfrage für das deutsche Reich mich nicht entziehen, ebenso hat auch mein Sohn Fried. Alfred Krupp die ihm angetragene Kandidatur für den Kreis Essen nur zu dem Zweck angenommen, im Falle seiner Wahl die gedachte Regierungs-Militärvorlage zu unterstützen.
Schließlich empfehle ich zugleich hiermit ebenso dringend auch allen auf meinen entfernten Berg- und Hüttenwerken in Westfalen, Rheinland und Nassau thätigen Wahlmännern diesen Rath zu beherzigen und in gleichem Sinne zu wirken.
Essen, im Februar 1887.
Alfred Krupp.”
Begleitende Erklärung der Ansprache.
„In der Befürwortung der Militär-Vorlage unterlasse ich jede Berührung von politischem Zwiespalt, weil ja in diesem Falle alle Staatsbürger dasselbe Interesse haben und zwar die Verhütung des Krieges, vor Allem des Krieges im Lande.
Der Krieg von 1870 gegen Frankreich war ein Triumphzug der deutschen Armee, auf gleichen Erfolg wäre jetzt nicht zu rechnen.
Ein kurzer Krieg im Lande selbst kann mehr Opfer verlangen, als die theuerste Rüstung während zehn Jahren. Die Kosten für diese aber würden unvergleichlich gering sein gegen den Verlust durch Verwüstungen bei einem Kriege im Lande. Der Aufwand für solche Rüstung würde den Erwerb sämmtlicher Staatsbürger von 3 Tagen im Jahre nicht überschreiten, dagegen würde im Frieden der Segen auf dem ganzen Lande ruhen.
Es wäre daher Leichtsinn, wegen eines verhältnißmäßig geringen Opfers die Gefahr eines Krieges heraufzubeschwören.
Die Zahl meiner Werke und der auf denselben beschäftigten Arbeiter ist zwar zur Hälfte thätig für Kriegsmaterial und der Unterhalt der Letzteren und ihrer Familien hängt ab von dieser Thätigkeit, indessen brauchen wir dazu keinen Krieg im deutschen Lande, sondern wie Jedermann im ganzen Reiche, den Frieden. Mögen unsere Wahlmänner dies beachten.
Alfred Krupp.”
So sehr sich Krupp in dieser Ansprache bemühte, seine Arbeiter zu belehren über die großen nationalen Interessen, die allein bei der diesmaligen Wahl in Frage kamen, so wenig konnte er damit aufkommen gegen die ultramontanen Agitatoren, welche unbedenklich Unterstellungen und Erfindungen aller Art gegen die Regierung in’s Treffen führten, indem sie von einem drohenden Branntweinmonopol, Abschaffung des allgemeinen Stimmrechtes u. dgl., redeten und gegen die Kandidatur des jungen Krupp mit allen Mitteln der konfessionellen Hetzerei Propaganda machten. Noch ein Mal ergriff der greise Krupp das Wort, indem er zwei Tage vor der Wahl seine Arbeiter ermahnte:
„In letzter Stunde.
Zu meinen ehrlichen und treuen Arbeitern habe ich die Hoffnung, daß meine an sie erlassene Ansprache nicht mißverstanden worden ist. Sie ist aber von anderer Seite mißdeutet worden. Man scheint eine Kluft zwischen meinen katholischen und meinen evangelischen Arbeitern schaffen zu wollen. Dies ist ein schamloser Versuch. Mir war der katholische Arbeiter stets ebenso lieb als der evangelische. Ich war nie unduldsam in Religion wie andere Arbeitgeber, welche nur Arbeitern einer bestimmten Konfession Lohn und Brod geben. Ich verlange stets nur, daß jeder Arbeiter seine Schuldigkeit thue. Ich wünsche nicht, daß man mich zwingt, diesen Grundsatz zu verlassen. Die Frage, welche dem neu zu wählenden Reichstag vorzulegen ist, nämlich die der Annahme der Militär-Vorlage, ist keine religiöse und hat mit der Konfession nichts zu thun. Wer sie vom Standpunkte der Religion aus beurtheilt und danach auf Euch einzuwirken sucht, mißbraucht und schändet die Religion. Ich habe immer geglaubt, daß meine Arbeiter getreue Unterthanen seiner Majestät des Kaisers und Königs sind. Ich verliere diesen Glauben, wenn meine Arbeiter einem den Absichten der Kaiserlichen Regierung feindseligen Reichtagskandidaten ihre Stimme geben sollten. Habe ich aber ein Mal diesen Glauben verloren, so fehlt mir das Vertrauen in die Zukunft. Jeder erinnere sich vor der Wahl dessen, was er Kaiser und Reich schuldet. Die Pflichten gegen das Vaterland sind dieselben, mag Einer katholisch oder evangelisch sein. Ich aber vertraue, daß jeder meiner Arbeiter seiner Pflichten gegen das Vaterland, gegen Kaiser und Reich eingedenk sein wird.
Essen, 19. Februar 1887.
Alfred Krupp.”
Ist es nicht, als wenn er in diesen Ansprachen, namentlich in der letzten, einen wärmeren Ton anschlägt, als bei seinen früheren, immer belehrenden und väterlichen, aber stets strengen und Strafe drohenden Veröffentlichungen für seine Arbeiter? Es ist ihm bange in seinem tiefen patriotischen Gefühl, daß sie ihrem Führer untreu werden könnten hier, wo es sich um die wichtigsten nationalen Interessen handelt. Er fühlt die ernste Pflicht, seinem königlichen Herren, der in schweren Jahren ihm seine Unterstützung gewährte, seine Treue, seine Hingabe und Dankbarkeit zu beweisen, indem er seine ganze Autorität in die Wagschale wirft für den Sieg der Regierung. Es ist eine höhere wichtigere Aufgabe, die dieses Mal ihm obliegt, als bei den früheren, nur die inneren Verhältnisse der Fabrik berührenden Angelegenheiten, und dementsprechend diese wiederholten dringlichen Mahnungen; es ist als ob er diese schmerzliche Erfahrung herannahen sehe, daß seine Arbeiter zum ersten Male seinem Rathe sich verschließen, und als wenn er Alles aufbieten wolle, um sie an seine Leitung zu fesseln. Aber das Wort des Mannes, der seinen Arbeitern stets ein fürsorgliches Herz bewahrt, der für ihre Sorgen und ihre Zukunft stets eine hilfreiche Hand gehabt hatte, die Ermahnung dieses Mannes, dem der Essener Kreis eine Wohlhabenheit und sein Wachsthum verdankte, es galt der bethörten Menge weniger, als die Lügen und Verleumdungen der konfessionellen Hetzer, sie gab lieber einem Manne wie Stötzel ihre Stimme, als dem Sohne ihres Wohlthäters. Als Kandidat der ultramontanen Partei siegte jener mit 18993 gegen die 17411 Stimmen, welche Friedrich Alfred Krupp erhielt.
Wie tief schmerzlich mußte die bittere Erfahrung für den greisen Mann sein, daß seine Kraft nicht genügt hatte, um diese Entscheidung zu wenden, wenngleich von den Angestellten der Fabrik selbst keine große Anzahl sich dem feindlichen Lager angeschlossen hatte. Aber es erwuchs ihm nun auch noch die traurige Pflicht, diejenigen, welche sich an der Agitation im Interesse der regierungsfeindlichen Parteien thätig betheiligt hatten, um des Friedens seines Gemeinwesens willen zu entfernen und die von jenen beeinflußten Essener Zeitungen aus dessen Bereiche zu verweisen. Allzulange, das sah er jetzt, hatte er deren gehässigem Treiben freie Bahn gelassen, ohne zu merken, wie selbst seine zuweitgehende Duldung in der schändlichsten Weise gegen ihn ausgebeutet wurde.
Zu spät! Der mächtige Fabrikherr, der seine Agenten in alle Länder der Erde sandte, dessen Erzeugnisse den Stolz fast aller Armeen ausmachten und im Schienen-Netz den ganzen Erdball umspannten, der Herrscher dieses kleinen Reiches, welchen aufzusuchen die mächtigsten Fürsten ebenso wie die gediegensten Männer der Wissenschaft als wünschenswerth betrachteten, er hatte nicht soviel Einfluß im engen Gebiete der Heimath, daß er den Streitern für des Vaterlandes Wohl zum Siege verhelfen konnte. Es war ein großer Kontrast gegen die ungeheuren Erfolge auf dem Gebiete der Industrie und der Wissenschaft, der ihm die letzten Monate seines Lebens verbitterte; denn am 14. Juli nachmittags ereilte ihn der Tod.