← Table of contents
Alfried Krupp

X. Neue Aufgaben und neue Erfolge.

Reading edition

Illustration from Alfried Krupp: Ein Lebensbild

Gerade dieses letzte Jahrzehnt seines Lebens stellte Krupp die Aufgabe, seine Befähigung zum Geschütz-Konstrukteur — nachdem er einmal als solcher den Wettkampf aufgenommen hatte — auch durch weitere Fortschritte zu bethätigen. Da war nicht nur seinem Gußstahl in der Stahlbronze ein einflußreicher Gegner erstanden, sondern da ward auch seiner Konstruktion der Rohre, des Verschlusses und der Laffeten von den tüchtigsten Konstrukteuren der Krieg erklärt, da galt es zu zeigen, ob seine Ideen entwicklungsfähig, ob sie auch gesteigerten Ansprüchen durch weitere Vervollkommnungen zu entsprechen im Stande seien. Und wenn Alfried Krupp am Abend seines Lebens des Sieges sich noch freuen durfte, so war es gerade die Unbezwingbarkeit seiner ersten Ideen, welche ihm dazu verhalf und die Ueberlegenheit dieses Mannes über seine Gegner klarlegte, die von einem Konstruktionsprinzip zum andern sprangen im vergeblichen Versuche, ihn zu überflügeln.

Die neuen Aufgaben und erhöhten Forderungen lagen zunächst auf dem Gebiete der schweren — Belagerungs- und Schiffs-Geschütze. Die immer zunehmende Stärke der Schiffspanzer bedingte für diese, namentlich für die Küstengeschütze eine größere Durchschlagskraft, um die feindliche Flotte in respektvoller Ferne zu halten; Krupp entsprach dieser Aufgabe durch Konstruktion einer 35,5 cm Ringkanone, wie sie 1876 zur Ausstellung nach Philadelphia gesandt wurde. Mit einer lebendigen Kraft von 6633 Metertonnen übertraf dieses Riesengeschütz das soeben in England fertig gestellte 81 Tons-Geschütz (ein 36,8 cm stählerner Hinterlader), welches nur 6484 Metertonnen an lebendiger Kraft erreichte. Man konnte annehmen, daß Krupp’s Geschütz den Panzer des damaligen stärksten englischen Schiffes „Inflexible” (60,96 cm) noch auf 1800 m Entfernung durchschlagen würde.

Die Küstenvertheidigung stellte aber noch eine zweite Aufgabe. Es erschien ausführbar, die feindlichen Schiffe durch eine Durchschlagung ihres Decks kampfunfähig zu machen; jedoch bedurfte man hierzu eines Wurfgeschützes, welches auf größere Entfernungen mit der hinreichenden Treffsicherheit ausgestattet war, um das verhältnißmäßig ungünstige — weil sich bewegende und nicht sehr große — Ziel auch zu treffen. Der von der deutschen Admiralität zu diesem Zwecke zunächst ins Auge gefaßte 21cm-Mörser genügte in letzterer Beziehung nicht, und Krupp konstruirte deshalb 1875 selbständig eine 28cm-Haubitze, mit der auf dem Schießplatz in Visbeck sehr günstige Resultate erzielt wurden. Das Geschütz erreichte bei 45° Elevation eine Wurfweite von 7500 m, also einer deutschen Meile. Das Geschütz ward in der Folgezeit noch wesentlich verbessert, erhielt namentlich durch eine schwerere und längere Granate eine größere Durchschlagskraft und erreichte bei dem Schießversuch 1879 eine Schußweite von 7870 m.

Auch die 35,5cm-Kanone machte nach 1875 wesentliche Veränderungen durch, erhielt bei kleinerem Gewicht eine größere Rohrlänge von 8,80 m und erreichte bei den Schießversuchen in Meppen 1878 eine Schußweite von 10000 m; ein gleiches Maaß auch die gleichzeitig vorgeführte 28cm-Kanone. Diese Schießversuche im Jahre 1878 sind deshalb besonders bemerkenswerth, weil sie zur ersten Erprobung des neu eingerichteten Schießplatzes in Gegenwart zahlreicher Gäste dienten.

Je mehr sich Krupp mit der selbständigen Konstruktion der Geschütze beschäftigte, desto mehr mußte er danach streben, alle von ihm und seinen Technikern gemachten Verbesserungen und Neukonstruktionen auf eigenen Schießplätzen einer gründlichen Prüfung zu unterwerfen, sich in dieser Beziehung also von den Schießplätzen der Staaten und ihren dort schaltenden Komitees und Prüfungskommissionen ganz unabhängig zu machen. Nur dieses konnte ein selbständiges weiteres Studium und die selbständige Ausbeutung der von ihm erreichten Verbesserungen gewährleisten. Selbst der Schießplatz bei Dülmen und ein im Jahre 1877 gepachteter bei Bredelar genügten den Zwecken nicht mehr, da die Wirkungssphäre der neuen Geschütze stetig sich steigerte. Deshalb erwarb Krupp 1877 ein umfangreiches fast ganz ebenes Gebiet bei Meppen in der Provinz Hannover und richtete dieses zu dem mächtigen Schießplatz ein, welcher seitdem durch die dort stattfindenden hochwichtigen Versuche und durch seine nirgend übertroffenen Einrichtungen so große Berühmtheit erlangt hat.

Ein besonderes Schienengeleise von 3500 m Länge verbindet die Station Meppen der Westfälischen Eisenbahn mit den Etablissements des Schießplatzes. Dieser selbst erstreckt sich mit 16800 m Länge durch Haide und Bruchland und wird nur durch drei sehr wenig begangene Wege quer durchschnitten. Bis zur Entfernung von 12 Kilometer erstrecken sich beiderseits elektrische Drahtleitungen von dem Geschützstand zu den Unterständen der Sicherheitsposten, welch’ letztere auch mittelst Signalmasten sich verständigen können. Den Geschützstand bildet eine für die verschiedenen Geschützarten und Kaliber eingerichtete lange Betonbettung, über welcher ein Laufkrahn sich bewegt zur Hebung und Förderung der schweren Rohre, während drei Schienengeleise zu deren Heranführung dienen. Neben dem Hauptempfangsgebäude und einem Beobachtungsthurm, von dem man das ganze Vorfeld übersehen kann, steht ein mächtiger Laffetenschuppen zur Aufbewahrung von Rohren, Laffeten, Protzen und Geschossen schwersten Kalibers, ein Telegraphenhaus und zwei Wohngebäude für das Aufsichtspersonal. Ferner fehlen ein Sicherheitsstand für Panzerschießversuche, Pulvermagazin und Laboratorium natürlich nicht, um alle Bedürfnisse zur Hand zu haben. Durch seine Ausstattung mit allen Messungs- und sonstigen Apparaten übertrifft der Schießplatz in Meppen bisher noch alle staatlichen — geschweige denn privaten — derartigen Anlagen, selbst diejenigen Englands.

Zu einem ganz bestimmten Zwecke, auf den wir noch zurückkommen, hatte Krupp bereits einmal, im Jahre 1871, vor geladenen Gästen — Vertretern aller europäischen Staaten mit Ausnahme Frankreichs, sowie von Japan, Brasilien und Argentinien — auf dem Schießplatz von Bredelar einen größeren Versuch vorgeführt. Er wiederholte diese Einladung im Jahre 1878, um den neuen Schießplatz bei Meppen würdig einzuweihen und seine neuesten — oben bereits erwähnten — Konstruktionen den Artillerie-Offizieren aus aller Herren Länder vorzuführen. Einschließlich eines vorangehenden Versuches in Bredelar verweilten die militärischen Gäste vom 27. Juni bis 3. Juli, durch Friedrich Alfred Krupp von einem Etablissement zum andern, von einem Schießplatz zum andern geleitet, eine internationale Versammlung, welche ihrem liebenswürdigen Gastgeber zu doppeltem Danke verpflichtet waren; denn während sie einerseits ihr Wissen und ihre Kenntniß durch die Vorführung der neuesten Geschützkonstruktionen bereicherten — woraus allerdings dem Fabrikherren auch Geschäftsvortheile erwachsen mußten — kamen bei dieser Gelegenheit viele bedeutende Persönlichkeiten verschiedener Nationalitäten in Berührung miteinander, es ward im Meinungsaustausch manche Verbindung angeknüpft, welche in der Folge zu einer Förderung der gemeinsamen Wissenschaft beigetragen hat. In dieser Beziehung sind diese großartigen Versuche Krupps — denen später auch Gruson nachahmte — von großem Werthe für die Entwickelung der artilleristischen und fortifikatorischen Fragen geworden, und das ist Alfried Krupp zu danken, selbst wenn er diesen Punkt nicht im Auge hatte.

Schon im nächsten Jahre wiederholte er seine Einladung, um dieses Mal vom 5. bis 9. August 1879 ein neues Riesengeschütz, die 40 cm Ringkanone vorzuführen, welche mit einem 10 m langen Rohr das der 35,5 cm-Kanone noch um 1,20 m überragte. Andere Staaten hatten nicht gezögert, die Leistungsfähigkeit ihrer Schiffs- und Küstenartillerie gleichfalls durch Vergrößerung der Kaliber und Vermehrung der Durchschlagskraft zu steigern; denn bei dem Kampf zwischen Schiffspanzer und Geschütz waren zunächst die Grenzen — Tragfähigkeit der Schiffe für die immer gesteigerten Lasten — noch nicht erreicht worden. Gerade hierfür aber erschienen die Kruppschen Geschütze immer am vortheilhaftesten; denn während sie in ihren Leistungen die gleichkalibrigen englischen wesentlich übertrafen, hinter den noch größeren (45,08 cm) italienischen aber wenig zurückblieben, waren sie ganz bedeutend leichter. Die 40 cm-Kanone wog 72, die englische 40,6 cm-Kanone 81,2 und die italienische 45,08 cm-Kanone 101,05 Tonnen. Nicht mit Unrecht schrieb daher ein amerikanischer Berichterstatter am 25. Oktober 1879: „Die Ergebnisse der bei Meppen ausgeführten Versuche sind charakteristisch. Die Krupp’schen Geschütze besitzen die gleiche Durchschlagskraft wie die vorhandenen Woolwich-Kanonen von doppeltem Gewicht, so daß man künftighin Schiffe, welche die englischen Geschütze ihres zu bedeutenden Gewichtes wegen nicht zu führen vermögen, mit den leichteren und wirksameren deutschen Kanonen bewaffnen wird. Daraus muß man also die für Amerika sehr beachtenswerthe und für England sehr niederschlagende Folgerung ziehen, daß ein lediglich auf seine eigenen Hilfsquellen angewiesener deutscher Fabrikant im Stande gewesen ist, nach verhältnißmäßig kurzen Versuchen schwere Geschütze herzustellen, welche den in der englischen Artillerie eingeführten bei Weitem überlegen sind, und deren Leistungen die bis dahin von der Unübertrefflichkeit ihrer Kanonen überzeugten Konstrukteure von Woolwich genöthigt haben, in aller Eile eine Reihe neuer Versuche zu beginnen, um den ihnen angebotenen Wettstreit aufzunehmen und womöglich siegreich durchzuführen.”

Die englischen Woolwich-Geschütze hatten gerade in jenem Jahre einen empfindlichen Stoß durch das Zerspringen eines Vorderladers auf dem „Thunderer” erlitten, und bei dem hierauf neu entsponnenen Streit über Hinter- und Vorderlader hatten die Gegner der ersteren auch wieder die Unglücksfälle von 1866 hervorgeholt, um nachzuweisen, daß auch die Krupp’schen Hinterlader ein solches Mißgeschick treffen könne wie ihr Woolwich-Rohr. Krupp konnte in einer hierauf antwortenden Schrift (die bereits erwähnt wurde) nachweisen, daß von den 5 Geschützrohren des nach 1870 eingeführten Systems, welche gesprungen waren, eins in Folge eines Dauerversuches — also beabsichtigt — und vier in Folge von Sprüngen in den Seelenwänden und daraus entstehenden Klemmungen, also durchaus nicht unvermuthet und ohne vorherige Anzeichen, gerissen waren, und doch nur auf je 2500 Geschütze ein einziges fehlerhaftes.

Außer dem neuen 40 cm-Geschütz und der 35,5 cm-Kanone wurde bei den Schießversuchen des Jahres 1879 eine ganze Reihe anderer Geschütze, die lange 15 cm-Kanone, die 21 cm Festungs-Haubitze, der 15 cm-Mörser, die 24 cm-Kanone in Küstenlaffete, und die 8,7 cm-Pivot-Schiffskanone probirt. Den Schluß bildete aber eine Vergleichsbeschießung von zwei verschiedenartigen Panzerplatten, und hiermit betrat Krupp wiederum ein neues Gebiet. Wenngleich diese ersten Panzerschießversuche ganz bestimmten, eng begrenzten Zwecken dienten, sind sie doch als Anfang der langen Reihe wichtiger Panzerschießversuche zu betrachten, deren Schauplatz der Schießplatz bei Meppen in späteren Jahren werden sollte.

Am 17. Februar des Jahres 1876 hatte Krupp für den preußischen Staat ein Patent auf ein 15 cm-Geschütz ohne Rücklauf für Panzerbatterien erhalten, und der bereits erwähnte Schießversuch am 7. und 8. November 1877 auf dem Schießplatz bei Bredelar hatte den Zweck, den Vertretern aller Mächte diese neue Erfindung vorzuführen. Die Anregung dazu hatten jedenfalls die Konstruktionen von Maximilian Schumann und Hermann Gruson gegeben. Ersterer hatte im Jahre 1866 einen festen gepanzerten Geschützstand zur Erprobung gebracht und letzterer einen gleichen, aber in Hartguß konstruirten im Jahre 1869 auf dem Tegeler Schießplatz vorgeführt. Der leitende Gedanke für beide Konstrukteure war die Sicherung eines Festungsgeschützes gegen die in steter Steigerung begriffene Wirkung der gezogenen Geschütze durch Umgebung mit einem eisernen Gehäuse, welches vorn lediglich durch die möglichst klein zu gestaltende Schießscharte durchbrochen und hinten völlig in den Wall hineingebaut war. Drei Theile waren hierbei neu und von gleicher Wichtigkeit: das eiserne Gehäuse, welches durch Gestalt und Material im Stande sein mußte, dem feindlichen Feuer einen möglichst langen Widerstand zu leisten; die Scharte, welche so klein zu machen war, daß keine Geschosse oder Sprengstücke zwischen Rohr und Schartenumrahmung in das Innere gelangen konnten; und hiermit in unmittelbarem Zusammenhang eine derartige Laffetirung des Geschützes, daß Seiten- und Höhenrichtung genommen, sowie geladen werden konnte selbst bei der minimalen Schartengröße. Die Laffete mußte also so konstruirt sein, daß der Drehungsmittelpunkt für alle Bewegungen des Rohrs möglichst in der Scharte lag und daß diese womöglich niemals unverschlossen blieb, daß also der Rücklauf des Geschützes möglichst ganz beseitigt wurde.

Grusons Hartguß hatte sich ganz besonders geeignet erwiesen, um das Gehäuse herzustellen. Das Gußeisen gestattete, ihm eine allseitig abgerundete Form zu geben, auf welche das feindliche Geschoß meist schräg auftreffen und abgleiten mußte. Die sorgfältige Auswahl der Eisensorten und die von Gruson zur Meisterschaft entwickelte Kunst des Coquillen-Gusses ließen es erreichen, daß der Panzer an der Außenfläche außerordentlich hart wurde, so daß die Geschosse daran zerschellten, während im Innern das Eisen eine hinreichende Elastizität und Festigkeit behielt, um nicht in Folge des starken Stoßes zu zerbrechen, wie gewöhnliches Gußeisen es thun würde. Die Art und Weise, in welcher der Hartgußpanzer seinen Zweck erfüllt, ist mithin eine ganz andere, als beim Schmiedeeisen oder Walzeisen-Panzer, wie er in den 60er und 70er Jahren in England hergestellt und allgemein verwendet wurde. Während der Hartguß mit der harten Außenfläche das Eindringen des Geschosses verhindert, also undurchdringlich ist, läßt das Walzeisen das Geschoß wohl eindringen, setzt ihm aber soviel Widerstand entgegen, daß seine lebendige Kraft beim Eindringen allmählich aufgezehrt wird. Deshalb mußten die Walzeisen-Panzer immer dicker gemacht werden, je größere Durchschlagskraft man den Geschossen gab, während die Stärke der Hartgußpanzer wiederum in Verbindung mit der einer Platte zu gebenden Masse so groß zu wählen war, daß der empfangene Stoß keine Verschiebung oder Zertrümmerung nach sich ziehen konnte.

Minimalschartenlaffeten mit Rücklaufshemmung waren von Schumann wie von Gruson konstruirt worden. Der Hartgußstand hatte seiner zweckmäßigen Form wegen über den Schumannschen den Sieg davon getragen. Beide Konstrukteure hatten sich hierauf der Erfindung von Panzer-Drehthürmen zugewendet und Schumann legte im Jahre 1878 dem preußischen Kriegsministerium seine Entwürfe vor, welche ein ganz neues Prinzip der Rücklaufshemmung einführten, indem das Geschütz mit dem Bodenstück gegen einen Hauptbestandtheil der Panzerkonstruktion gestützt wurde und in Folge dessen den Rückstoß auf diese übertrug, ohne selbst aus der Scharte sich zu bewegen. Ungefähr zu dieser Zeit näherte er sich auch Alfried Krupp, indem er ihm seine Ideen mittheilte und ihn für diese zu interessiren suchte. Eine Verbindung beider genialer Männer würde zur Ausführung der Schumannschen Pläne in dem denkbar besten Material geführt haben und wahrscheinlich viel schneller die Entwickelung der deutschen Panzer-Formen gezeitigt haben, als es durch die Verbindung mit Gruson erreicht wurde, denn Schumann hatte durchaus keine Neigung zum Hartguß, und so bedurfte es erst vieler gegenseitiger Zugeständnisse und Kompromisse zwischen ihm und Gruson, mit dem er sich 1882 vereinigte, bevor ein wirkliches Zusammenarbeiten möglich war.

Aber Krupp ging auf Schumanns Vorschläge nicht ein. Es ist kaum anzunehmen, daß er für die Entwickelungsfähigkeit seiner Ideen kein Verständniß gehabt hätte; aber — er hatte bereits selbst begonnen, sich mit demselben Gegenstande zu beschäftigen, er hatte bereits selbst seine ganz bestimmten Ideen in Ausführung genommen und hielt sie für gut, vielleicht für besser als die Schumannschen. Jedenfalls hatte er keine Neigung, auf dem eingeschlagenen Wege sich beirren zu lassen, und so hat er auch Nichts von den Schumannschen oder Grusonschen Prinzipien sich in der Folgezeit angeeignet, sondern ist mit einer gewissen Hartnäckigkeit seiner eigenen Idee treu geblieben, wenngleich er ihr nicht zu der gehofften Anerkennung und allgemeineren Verwerthung verhelfen konnte.

Seinen Panzerstand setzte Krupp aus Platten zusammen, deren vordere und seitliche schräg gestellt wurden zur Vermeidung günstiger Auftreffwinkel. Das Rohr erhielt einen kugeligen Kopf und wurde mit diesem in die gleichfalls kugelförmige Schartenöffnung so gelagert, daß es sich um diesen Kugelkopf bewegte und nicht aus der Scharte herausgestoßen werden konnte. Während Schumann das Rohr mit dem Bodenstück aufstützte, hängte es Krupp gewissermaßen an der Mündung auf, und allgemein nahm man an, daß das Rohr unter dem starken Rückstoß abreißen würde. Aber das vorzügliche Material des Tiegelgußstahls hielt auch diese Probe aus, und von einem Zerreißen des Rohres hat man niemals gehört.

Während später auch der Versuch gemacht wurde, einen Drehthurm für das Kugelkopf-Geschütz zu konstruiren, führte Krupp zunächst nur den festen Panzerstand aus, welchen er zum ersten Male 1877 öffentlich erprobte. Hierbei ward sowohl aus dem Panzerstand auf eine Scheibe, als von zwei Geschützen (von 12 und 15 cm Kaliber) gegen den Panzer gefeuert. Ein zweites Schießen, aber nur aus dem Panzerstand, fand am 28. Juni 1878 auf dem Schießplatz bei Bredelar statt und in dritter Stelle folgte die Beschießung der Frontplatte des Panzerstandes im Vergleich mit einer Hartgußplatte am 8. August 1879.

Letztere hatte offenbar den Zweck, die Ueberlegenheit der Kruppschen über die Grusonsche Panzerplatte und der Stahlgeschosse über die Hartgußgeschosse vor Aller Augen zu beweisen. Es ist durchaus verständlich, daß der Mann, welcher lediglich in der begeisterten Ueberzeugung von der Alles übertreffenden Vorzüglichkeit der väterlichen Erfindung eine Welt voll Gegner und Widerstände überwunden hatte, auf den Hartguß, auf das so minderwerthige gemeine Gußeisen mit stolzer Verachtung herabblickte, daß er nicht begreifen konnte, wie man in Verblendung diesem schlechten Material Vertrauen entgegenbringen, wie man die daraus gefertigten Panzerbauten als brauchbar erachten könne. Es mußte ein Leichtes sein, die ganze militärische Welt davon zu überzeugen, daß sie sich in einem Irrthum befände. Wie leicht Krupp diese Sache nahm und — wie wenig Erfahrung er noch hatte auf dem Gebiete der Panzer-Versuche, geht aus der Art und Weise hervor, wie er sein Vergleichsschießen in Szene setzte.

Er hielt es nicht für nothwendig, sich von Gruson eine Platte schicken zu lassen; er meinte offenbar, das könne doch Jeder, eine Hartgußplatte herstellen, und — ließ sie in der eigenen Fabrik gießen. Das war ein schwerer Irrthum, denn die Fabrikation der Hartgußplatten, wie sie Gruson für die gründlichste Erprobung nun bereits seit Jahren gefertigt hatte, verlangt genau in derselben Weise eine zweckentsprechende Auswahl der Rohmaterialien und eine sorgfältige Behandlung beim Guß, wie der Krupp’sche Tiegelgußstahl; ohne genaueste Kenntniß aller Bedingungen, ohne jahrelange Versuche und Einübung aller Arbeiter ist das Eine so wenig wie das Andere in zuverlässiger Güte herzustellen. Ferner aber stellte er neben einander seine Schartenplatte und ein Segment eines Hartgußthurmes, wovon jene eine Stärke von 508 mm hatte und über der Scharte noch durch eine aufgeschraubte Schartenblende von 600 mm Dicke und 900 mm Durchmesser verstärkt war, während die Hartgußplatte 625 mm stark war. Da er beide mit demselben Geschütz beschoß, nämlich mit der 25,5 cm Panzerkanone, so hätte er die eigene Panzerplatte um Vieles schwächer nehmen müssen; denn das bedurfte überhaupt keines Beweises, daß eine 50 cm starke Walzeisenplatte durch ein 25,5 cm Geschoß weder durchschlagen, noch ernstlich gefährdet werden konnte; anderseits ist das Verhältniß der gegen gleiches Geschoß anzuwendenden Hartgußstärke der Walzeisenstärke gegenüber viel größer als 6 zu 5. Es zeigt sich in dieser Anordnung die völlige Unerfahrenheit Krupps auf dem Gebiete der Panzerschießversuche, denn die auf dieser Grundlage erzielten Ergebnisse, mochten sie noch so vorzüglich sein, waren nichts weniger als einwandfrei; und auf werthlose Resultate konnte es ihm nicht ankommen. In der That ging — nicht anders möglich — die Walzeisenplatte völlig unversehrt aus der Beschießung hervor: aber auch die Hartgußplatte zeigte nur ein paar Oberflächensprünge, wie sie sich bei diesem Material immer zeigen, ohne es für die eigenartige Verwendung weniger brauchbar zu machen. Für diejenigen, welche den preußischen Schießversuchen gegen Hartgußpanzer nahe standen, hatten die Ergebnisse durchaus nicht das Beunruhigende, was einzelne Referenten daraus folgerten, daß nämlich die in Hartguß ausgeführten Fortifikationen nun als werthlos erwiesen seien.

Scheinbar hatte Krupp mit seinem Panzergeschütz einen großen Erfolg, denn die Konstruktion hatte, dank dem vorzüglichen Material, die Erwartungen übertroffen. Thatsächlich war es ein Mißerfolg; denn die gegen Gruson gerichtete Spitze war wirkungslos und eine weiterreichende Verwerthung des neuen Konstruktionsprinzips, so geistreich es war, blieb aus. Hier rächte sich der Fehler, den Krupp begangen hatte, als er nicht von vorn herein mit seinem Gußstahl den Kampf aufgenommen hatte auf dem Gebiete der Panzerfabrikation und Panzerkonstruktion. Erst geraume Zeit später gelang es der Firma, in ersterer das Versäumte nachzuholen und dann den dem Krupp’schen Fabrikat gebührenden ersten Rang in der Panzerfabrikation sich zu erobern.

Anders liegt die Sache mit der Erprobung der Stahl- und Hartguß-Granaten. Letztere hatten sich in den 70 Jahren bei allen Schießversuchen den Stahlpanzer-Geschossen überlegen gezeigt und waren allgemein als beste Panzer-Geschosse anerkannt worden. Kürzlich schien es aber, als wenn der Engländer Sir J. Whitworth mit einer neuen, künstlich gehärteten Stahlgranate im Begriff wäre, ein dem Hartgußgeschoß ebenbürtiges Stahlgeschoß zu fabriziren. Dieses mußte Krupp natürlich zur äußersten Anstrengung anregen, er erfand eine neue Härtungsmethode und wenngleich die mit dieser hergestellten Granaten am 8. August 1879 keinen unbedingten Sieg über die Hartguß-Granaten erfochten, so kann dieser Tag doch als der Ausgangspunkt für die neue Geschoßfabrikation Krupps angesehen werden. Mit der ihm eigenen zähen Ausdauer gelang es ihm, seinen gehärteten Gußstahl-Granaten die erste Stellung und hiermit wiederum einen glänzenden Erfolg zu erringen.

Auch auf dem Gebiet der Feldartillerie war er unermüdlich, um weitere Vervollkommnungen zu erzielen und konnte bereits in Philadelphia 1876 zwei neue Feldgeschütze und mehrere Gebirgsgeschütze ausstellen, welche durch Gewichtserleichterung und Vermehrung der Anfangsgeschwindigkeiten als ein Fortschritt bezeichnet werden mußten. Im Jahre 1879 brachte er noch ein viel leichteres Feldgeschütz zur Ausführung, das mit Rücksicht auf einen besonders mangelhaften Zustand der Straßen namentlich für die außereuropäischen Staaten bestimmt war; denn auch für solche in allen Erdtheilen waren ja die Krupp’schen Geschütze mehr und mehr zur unentbehrlichen Waffe geworden.

Die Früchte aller dieser Anstrengungen wollten sich so schnell nicht einstellen. Bis zum Jahre 1880 schwankte die Arbeiterzahl zwischen 8 und 9 Tausend, blieb also hinter den Zahlen der ersten Hälfte des Jahrzehnts um 2 bis 3 Tausend zurück, und auch die Produktion nahm nur langsam zu. Jedoch gelang es, die schweren Bedingungen, unter denen Krupp vor fünf Jahren die Grundschuld von 30 Millionen Mark auf sein gesammtes Besitzthum aufgenommen hatte, im Jahre 1879 dadurch wesentlich zu erleichtern, daß behufs Konvertirung der noch nicht ausgeloosten Obligationen eine Anleihe im Betrage von 22½ Millionen Mark zu gleichen Bedingungen aufgenommen wurde. Der Tilgungstermin war dadurch bis zum 1. April 1899 verlängert worden. Es erschien geboten, dieses Arrangement zu treffen, um in der immer noch schwierigen Lage des Werkes größere Mittel flüssig erhalten zu können und nicht durch starke Rückzahlungen die Einnahmen fortlaufend zu belasten.

Die Ausstellung in Düsseldorf gab 1880 Gelegenheit, ein glänzendes Bild von der Leistungsfähigkeit der Fabrik zu geben. Es ist hierbei besonders die Vorführung einer Schiffswelle von 11551 kg Gewicht erwähnenswerth, weil diese dem Postdampfer „Frisia” entnommen war, auf welchem sie von 1872 bis 1877 im Gebrauch gewesen war und in dieser Zeit 66½ Millionen Umdrehungen bei einer durchlaufenen Gesammtreise von 262000 Seemeilen gemacht hatte, ohne die geringsten Spuren einer Abnutzung zu zeigen. Hiermit war ein vorzüglicher Beweis der Leistungsfähigkeit und Dauerhaftigkeit des Materials erbracht, der noch durch das Zeugniß des Herrn Adolf Godeffroy aus Hamburg bekräftigt wurde, daß andere von der Firma gelieferte Achsen noch einer stärkeren Beanspruchung sich gewachsen gezeigt hätten, wie z. B. eine 1871 gelieferte Doppelkurbelachse, welche auf der „Vandalia” 111803000 Umdrehungen gemacht hatte. Von einer Konkurrenz mit Krupp war bereits bei dieser Ausstellung keine Rede mehr; er stand außerhalb des Wettbewerbes.

Im Jahre 1877 verlebte der Kaiser Wilhelm den Sedantag in der Gußstahlfabrik. Mit großem Gefolge traf er auf der Reise zu den Manövertagen in der Rheinprovinz in Essen ein; eine Ausstellung der Maximal-Produktion eines Tages ward ihm in der Fabrik vorgeführt; um 1000 verschiedene Granaten, die wie ein Teppichbeet gruppirt waren, schlangen sich 160 Radreifen, 120 Lokomotiv- und Waggonachsen, 160 Eisenbahnräder, 430 Eisenbahnfedern und 1800 Schienen, welche die ganze Ausstellung wie eine Mauer umfaßten; die im Jahre 1865 gegründete Feuerwehr gab eine Festvorstellung und zu dem Festmahle in Villa „Hügel” sangen die Arbeiter „die Wacht am Rhein”, ein würdiger und alle Anwesenden tief bewegender Abschluß eines bedeutungsvollen und großartigen Tages. Einige Monate später (am 17. Dezember) traf der Kronprinz in Essen ein, und im Jahre 1878 besuchte der Enkel des greisen Kaisers, Prinz Wilhelm von Preußen, zum ersten Male den „Kanonenkönig”, von dessen Sohn Alfred Friedrich er bei der Besichtigung geführt wurde.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings