IX. Schwere Jahre.
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Mit der ersten, dem Geschäftsrückgang entsprechenden Maßregel ging Krupp sofort vor. Es war die für seine Arbeiter empfindlichste und doch im allseitigen Interesse voraussichtlich nicht zu umgehende; deshalb entschied er sich für ihre sofortige Ergreifung, um eine klare Situation zu schaffen. Er setzte sämmtliche, in den letzten Jahren unmäßig gestiegenen Löhne herab und kündigte diese Maßregel mit folgender offenen und ehrlichen Begründung seinen Angestellten an:
„Vergangene Jahre, welche allen Fabriken und Bergwerken so außergewöhnliche Arbeit brachten, haben den Arbeitern außergewöhnliche Löhne zugeführt. Diese scheinbar glückliche Zeit hat in das Gegentheil sich umgewandelt: Arbeit ist jetzt wenig geboten und Entlassungen werden auf allen Werken vorgenommen. Auch die Gußstahlfabrik war zum ersten Male in dem Falle, eine größere Anzahl von Leuten entlassen zu müssen. Da die Löhne nicht im Verhältniß stehen zu den erreichbaren Verkaufspreisen, so wird für alle Zweige der Fabrik eine Ermäßigung der Löhne nothwendig eintreten müssen, solange, bis ein richtiges Verhältniß zwischen Selbstkosten und Verkaufspreisen wieder hergestellt sein wird. Diese Ankündigung geschieht hiermit im Voraus, damit Niemand plötzlich überrascht werde. Ueber das Maaß und die Dauer dieser Lohnermäßigung läßt sich heute nichts sagen; sie hängt von den Zeitverhältnissen ab. Bei Durchführung dieser Ermäßigung hofft die Firma indessen es zu ermöglichen, daß alle ihre Werke in voller Kraft fortarbeiten können. Es wird ihr dabei zur größten Befriedigung gereichen, wenn alle treuen Arbeiter — trotz der ungünstigen Zeitverhältnisse ruhig und ohne Sorgen für ihre Zukunft — fortdauernd beschäftigt bleiben können, und sie wird nach wie vor bestrebt sein, denselben die Vortheile der Beschaffung aller Lebensbedürfnisse in möglichst erweitertem Maße zuzuführen. Ich bedaure diese Nothwendigkeit der Lohnherabsetzung, verbinde damit aber die bestimmte Erklärung, daß jeder Ausdruck von Unzufriedenheit als Kündigung anzusehen ist.
Essen, Gußstahl-Fabrik, den 28. Dezember 1874
(gez.) Fried. Krupp.”
Die große Bedeutung der Wohlfahrtseinrichtungen mußte in den nun folgenden knapperen Jahren den Arbeitern recht fühlbar werden. Sie sind nicht ohne Berechtigung in der Bekanntmachung hervorgehoben, denn soeben war die große Central-Verkaufsstelle eröffnet worden, welche außer den Ladenräumen für Kolonial-, Manufaktur-, Schuh-, Eisenwaaren und Hausgeräthen ein Reservelager für Manufakturwaaren, eine Schneider-Werkstatt, eine Speise-Anstalt und Wohnungen für das Personal, ferner Lagerkeller für Wein, Bier, Leder-, Woll- und andere Waaren, ein Lager von Möbeln und Nähmaschinen enthält; und die Bäckerei war durch einen Neubau mit 12 Backöfen und 3 Knetmaschinen erweitert worden. So war Krupp angesichts der kommenden wirthschaftlich ungünstigeren Jahre bei Zeiten darauf bedacht, seinen Arbeitern deren Ueberwindung nach Möglichkeit zu erleichtern. Anderseits zeigte die stetig zunehmende Beanspruchung der Konsumanstalten, daß die Arbeiter auch die ihnen hieraus erwachsende Erleichterung und Wohlthat wohl auszunutzen wußten. Die Gesammt-Einnahme der Konsumanstalten, welche 1871/72 sich auf 1445500 Mk. belief, stieg von Jahr zu Jahr und bezifferte sich 1874/75 auf 3230000 Mk., beinahe ½ Million mehr als im Vorjahr, wo doch die Arbeiterzahl wesentlich höher gewesen war.
Ob die Fürsorge Krupps auch von seinen Arbeitern durchweg gewürdigt und anerkannt wurde, ist fraglich. Es entging ihm nicht, daß mit den zunehmenden wirthschaftlichen Schwierigkeiten die sozialdemokratische und sozialistisch-ultramontane Agitation immer mehr Boden in der Gußstahlfabrik fand, um ihre giftige Saat auszustreuen. Gespart hatten die Arbeiter in den verflossenen fetten Jahren nichts, die Unzufriedenheit nahm mit den knappen Löhnen und der beschränkteren Lebensführung zu. Als er sich umsah nach Hilfsmitteln, um dem heranschleichenden Gegner des Mißtrauens, des Treubruchs zu begegnen, da fiel Krupp eine kleine Schrift in die Hand, welche ein anderer erfahrener Fabrikbesitzer, Friedrich Harkort in Wetter an der Ruhr, soeben unter dem Titel „Arbeiter-Spiegel” herausgegeben hatte. Sie war ihm aus der Seele geschrieben, er ließ sie sofort in mehreren tausend Exemplaren abdrucken, und mit folgendem, selbst verfaßtem Vorwort im Februar 1875 an seine Arbeiter vertheilen:
„Ein Rückblick auf das verflossene halbe Jahrhundert erweist einen so großen Wechsel in der Lage des Arbeiterstandes zwischen damals und jetzt, daß Betrachtungen über die nächste und fernere Zukunft und über die Mittel, zum Nutzen derselben Beistand zu leisten, wohl eine Pflicht geworden sind für jeden Betheiligten und Berufenen. Der Umschwung der letzten zehn Jahre zeigt abwechselnd Noth und Wohlstand, niedrigen Lohn und nie dagewesene Höhe desselben. Außerdem trat aber die auffallende Erscheinung zu Tage, daß mit dem Steigen der Löhne die Unzufriedenheit zunahm und daß zur Zeit, als Jedermann Fortdauer der bestehenden günstigen Verhältnisse hätte wünschen sollen zum Besten aller Betheiligten — Arbeiter und Arbeitgeber, — sogar Einstellung der Arbeit auf manchen Werken erfolgte, um durch Druck auf den Arbeitgeber noch höheren Lohn zu erpressen. Man trachtete sogar dahin, durch Entziehung des Bedarfs an Kohlen auch den Stillstand der Gußstahlfabrik zu erzwingen, als solche für lange Zeit im Voraus dringende Arbeit, vorzugsweise für den Staat übernommen hatte. Durch große Opfer ist damals dieses Unglück, welches doch am härtesten die Arbeiter der Fabrik betroffen haben würde, abgewendet worden. Nicht Freunde der Arbeiter haben dies veranlaßt. Es waren ihre eigenen Feinde, die von der Unterstützung des zum Theil verleiteten Arbeiterstandes leben und an die Spitze desselben sich zu schwingen hoffen. Unter dem Schein der Fürsorge wollen sie die Arbeiter ruiniren, um zu ihren selbstsüchtigen, räuberischen Zwecken aus der Kraft solcher Hilfsloser sich willige Werkzeuge zu schaffen, wenn der Zeitpunkt zum Umsturz der Ordnung ihnen günstig erscheint.
Erfüllt von solchen Sorgen für das Wohl des Arbeiterstandes entdecke ich eine Schrift: „Arbeiter-Spiegel von Friedrich Harkort”, welche ich der Beherzigung empfehle, weil sie die Lage der Arbeiter, die Ursachen der Beschwerden, ihr Recht und ihr Unrecht klar schildert und den richtigen Weg zeigt, der allein zum dauernden Wohlergehen und zur Zufriedenheit führt. Der Name des Verfassers bürgt dafür, daß er nur diese uneigennützige Absicht befolgt. Schon vor fünfzig Jahren hat derselbe Mann und jetzt hochbetagte Greis viele Arbeiter beschäftigt; er war derjenige, der vor ca. 45 Jahren zuerst den Puddlingsprozeß in Deutschland und zwar in Wetter a. d. Ruhr einführte trotz Kosten, Mühe und Gefahr. Hunderttausende von Menschen haben jetzt in Deutschland ihr Brod von dieser so wichtig gewordenen Industrie. Damals, als ich noch wenige Arbeiter beschäftigte, habe ich seinen Unternehmungsgeist bewundert und verdanke ihm und anderen großen Beispielen die Anregung zu eigenem Streben. Wenn ein Mann, der seit dem Rücktritte aus der gewerblichen Thätigkeit sein Leben durch Sinnen, Wort und Schrift so reichlich dem Wohle der arbeitenden Klassen und namentlich der Volksbildung gewidmet hat, eine Schrift wie diese veröffentlicht, so darf dieselbe wohl als ein Gruß an seine Schützlinge, als ein am Lebensabend geschriebenes Vermächtniß angesehen und geehrt werden, und deshalb empfehle ich mit gleicher Wärme für das Wohl des Arbeiterstandes die erwähnte Schrift zur allgemeinen Kenntniß und Beherzigung. Der Kern der Schrift ist ein Beweis, daß Fleiß, Treue, Mäßigkeit, Sittlichkeit und Ordnung im Hauswesen und in der Familie die sicheren Grundlagen des Wohlergehens und der Zufriedenheit sind, und daß diese Tugenden selbst Schutz bieten in schlechten Zeiten, daß dagegen trotz aller Fähigkeit, trotz aller List und feindseliger mächtiger Vereinbarungen am Ende Unbotmäßigkeit, Unordnung, Unsittlichkeit selbst bei zeitweise erpreßtem hohem Lohn ins Verderben stürzen. Das Schicksal der Arbeitseinstellungen in England hat Unglück gebracht über Hunderttausende, die jetzt ohne Arbeit sind und zum Theil bleiben werden. Die treu bewährten guten Leute wird man selbst in schlechten Zeiten mit Vorzug und Opfern schützen — die schlechten, welche auf kein Mitgefühl rechnen können, wird man bei der nächsten Gelegenheit entfernen. Und so wird es auch auf der Gußstahlfabrik gehalten sein und bleiben.
Aber Fleiß, Treue und Geschicklichkeit bei der Arbeit verbürgen allein noch nicht den dauernden Werth des Mannes. Er muß auch durch seine Führung außerhalb der Fabrik, durch sein Hauswesen und durch die Erziehung seiner Kinder sich Achtung erwerben und das Vertrauen zu seiner Beständigkeit. Man wird zum Nutzen des großen Ganzen auch hierauf mit Sorgfalt die Beobachtung richten.
Ich begleite diese Zeilen noch mit einer Bemerkung, welche durch die Zeitumstände hervorgerufen wird. Ich wünsche nämlich, daß auf allen Werken der Gußstahlfabrik bis in die fernsten Zeiten Friede und Eintracht herrsche zwischen den Konfessionen, wie dies bisher stattgefunden. Nach einer 48jährigen Thätigkeit als Arbeitgeber bekenne ich mit Freuden, daß ich, obgleich protestantisch, von Anfang an immer in der Mehrzahl katholische Arbeiter und Meister hatte, und daß ich niemals einen Unterschied bemerkte in der Treue; vielmehr habe ich der treuen Hingebung einer namhaften Zahl von ihnen aus allen Konfessionen zum großen Theile das Gelingen meiner Unternehmungen zu verdanken. Am Abend meines eigenen Lebens äußere ich die Hoffnung, daß es ferner so bleiben möge. Ich wünsche auch, daß die Kinder aller Konfessionen in den Schulen und auf den Spielplätzen, welche ich ihnen errichtete, sich befreunden, damit sie später als Männer, jeder nach seiner Kraft und Befähigung, auf den Werken der Fabrik in Gemeinschaft und in gutem Einvernehmen ihren Beruf erfüllen und ihr Brod erwerben. Denn Einigkeit ist die Bedingung der allseitigen Zufriedenheit und des Segens der Arbeit. Wer dieselbe zu stören wagen möchte, sei er jung oder alt, stehe er hoch oder niedrig, der soll entfernt werden. Ich hoffe aber, daß solcher Fall niemals bei uns eintreten wird, daß vielmehr Jedermann auch in dieser Beziehung sich bestreben wird, die Wohlfahrt Aller zu befestigen.
Mit diesem warmen Wunsche schließe ich.
Februar 1875.
Alfred Krupp.”
Auch in diesem Schriftstück betont Krupp wieder den konfessionellen Frieden. Es sind seine schlimmeren Feinde, die Hetzkapläne, welche die durch den Kulturkampf irre gewordenen Arbeiter gegen ihren protestantischen Fabrikherrn zu erregen suchen. Es ist der große Kampf des paritätischen preußischen Staates, der sich hier in den kleineren Verhältnissen des auf paritätischer Grundlage aufgebauten Etablissements widerspiegelt. Mittelst der Phrasen von Arbeiterausbeutung und Bereicherung der Besitzer konnten die staatsfeindlichen Elemente an Krupps Arbeiter nicht heran. Diese hatten in guten und bösen Zeiten doch zu gut ihres Herrn Fürsorge kennen gelernt, als daß sie dagegen die Vorspiegelungen der Agitatoren in gutem Glauben gern vertauscht hätten. Sie konnten bei der gegenwärtigen traurigen Lage aller wirthschaftlichen Verhältnisse es nirgend besser haben, als in der Gußstahlfabrik. Die sozialdemokratischen Wühler, deren Hetzereien am meisten Anknüpfungspunkte in den verflossenen Jahren des industriellen Aufschwunges gefunden hatten, schoben aber jetzt ihre sozial-ultramontanen Genossen ins Vordertreffen, die Agitation ward vom Geldbeutel auf das Gewissen übertragen, um das Vertrauen zu dem Ungläubigen zu untergraben und konfessionelle Streitigkeiten zu erregen. Auf diese Weise ward der Grund und Boden vorbereitet, auf welchem später die Saat der politischen Unzufriedenheit desto besser Wurzel schlagen konnte. Wenn auch zur Zeit Krupps Ermahnungen mit bestem Erfolg gekrönt zu sein schienen, so sollten doch die späteren Ereignisse ihn von dem tiefbetrübenden Erfolge überzeugen, welchen die stetige und unermüdliche Wühlarbeit seiner unheimlichen Feinde errungen hatte; er fand nicht mehr bei Allen den alten Glauben an sein Wort, das alte Vertrauen zu seiner Führerschaft; sie gingen andere Wege als ihr Herr und Meister.
Als in dem folgenden Jahre die Aufträge weiter zurückgingen, als die Arbeiterzahl der Gußstahlfabrik von 9741 im Januar 1876 auf 8322 im Dezember vermindert werden mußte und auch die Zahl der Grubenarbeiter von 6839 auf 6111 Mann herabsank, glaubte Krupp eine Maßregel einführen zu müssen, welche lediglich auf eine Lohnverbesserung seiner Arbeiter hinzielte, jedenfalls aber von seinen Gegnern in anderem Sinne ausgebeutet wurde. Bislang war eine größere Zahl von Feiertagen — meist Festtage der katholischen Kirche — in der Fabrik gebräuchlich gewesen, wodurch die evangelischen mit den katholischen Arbeitern zur Unthätigkeit und hierdurch zum Verlust des Arbeitslohnes an diesen Tagen gezwungen worden waren. Krupp legte die Sache dem Generalvikar von Münster zur Begutachtung vor und erst, als er von dieser Seite die Antwort erhielt, daß keine Bedenken gegen sein Vorhaben zu erheben seien, sofern den katholischen Angestellten nur der Besuch der Messe ermöglicht werde, verfügte er am 3. Januar 1876 Folgendes:
„Die ungünstigen Zeitverhältnisse, welche eben so nothwendig für den Arbeitgeber große Verluste, wie für den Arbeiter Schmälerung der Einnahmen herbeiführen, veranlassen die Firma, um diesen Uebelständen im beiderseitigen Interesse entgegen zu arbeiten, folgende Regel aufzustellen:
1. Es soll die Arbeit in Zukunft außer an den Sonntagen nur an den gesetzlichen Feiertagen ruhen, nämlich: Neujahrstag, Charfreitag, Ostermontag, Bettag, Christi Himmelfahrtstag, Allerheiligentag, Pfingstmontag, Weihnachtsfest.
2. An allen anderen Tagen, an denen bisher nicht gearbeitet worden, u. a. am: h. Dreikönigstag, Fastnachtsmontag, Lichtmeßtag, Mariaverkündigungstag, Maikirmeßmontag, Frohnleichnamstag, Peter- und Paulstag, Mariaempfängnißtag, Herbstkirmeßmontag, soll in Zukunft gearbeitet werden.
3. Um den katholischen Arbeitern die Anhörung der Messe an den unter 2 genannten Feiertagen zu erleichtern, hat sich die Firma an die Ortsgeistlichkeit gewandt. Insoweit es zeitweilig nicht möglich sein möchte, daß früh genug Messe gelesen wird, soll denjenigen Arbeitern, welche am Morgen des vorhergehenden Tages darum bitten, Urlaub zur Anhörung der 6 Uhr-Messe gegeben werden, Fortbleiben ohne Urlaub wird indeß, wie in jedem anderen Falle, zur Aufrechterhaltung eines geordneten Betriebes nach Maßgabe des Arbeiterreglements bestraft werden.
Gußstahlfabrik, den 3. Januar 1876.
Fried. Krupp.”
Einige fest angestellte Meister und Beamte erblickten in dieser Maßregel eine Ungerechtigkeit und baten in einer Petition um Aufhebung der Verfügung. Krupp antwortete hierauf, daß er glaube, dem religiösen Bedürfniß der Katholiken genügt zu haben, indem er die Anhörung der heiligen Messe ermöglicht und Schritte gethan habe, um dies noch zu erleichtern. Befragte würdige katholische Geistliche hätten wegen Beengung des Gewissens und der religiösen Ueberzeugung keinerlei Bedenken gehabt. Die Firma habe nur eine mißbräuchliche Gewohnheit beseitigt. Welchem bösen Schein setzten sich bei Denkenden diejenigen aus, die im festen Lohn und Gehalt stehen, wenn sie an diesen Tagen feiern wollten! Sie verlören dadurch nichts, erwirkten aber für die Arbeiter, denen dadurch ihr Verdienst entginge, großen Verlust. Dabei dürfe auch nicht vergessen werden, daß auf der Fabrik viele Evangelische in Arbeit ständen, die mitfeiern müßten, wenn die Katholiken feierten. Jeder von denen, die die Petition mit unterschrieben hätten, wisse, daß ein in die Woche fallender Feiertag der Fabrik viele Tausende von Thalern koste durch Verlust an Hitze, Dampf und Generalunkosten. Es sei besser, diese Verluste auszugleichen durch Arbeit, als durch Lohnreduktion, besonders in jetziger Zeit, wo der Lohn leider ohnehin schon vermindert werden müsse, wenn die Fabrik überhaupt in Arbeit bleiben solle. Die Anordnung der Firma werde daher nicht aufgehoben werden. „Vor 50 Jahren,” so fährt Herr Krupp fort, „trat ich die Fabrik an und so wie ich seither gedacht und gehandelt habe, wird es auch fernerhin geschehen. Die alten Mitarbeiter wissen noch, wie ich 1848 mein letztes Silber einschmelzen ließ, um nur keine Arbeiter entlassen zu müssen. Rechnend auf die Einsicht und Treue besonders meiner älteren Mitarbeiter, habe ich dies selbst und ausführlich geschrieben, weil ich als Freund zum Guten rathen wollte. Möge Jeder in seinem Kreise so dasselbe thun. Wer in unserem Verbande bleiben will, darf sich dieser Einsicht nicht verschließen.”
Die Verfügung blieb in Kraft, nur der Frohnleichnamstag ward noch in demselben Jahre wieder freigegeben. Den Gegnern war sie eine Waffe, und sie verstanden sie auszunutzen, um in Essen und in der Gußstahlfabrik gegen Krupp Stimmung zu machen.
Den Bemühungen entsprechend, welche unausgesetzt auf eine Erweiterung des Absatzgebietes seiner Artikel gerichtet waren, hatte Krupp auch große Anstrengungen gemacht, um bei der Weltausstellung in Philadelphia im Jahre 1876 seine Fabrik und die deutsche Eisenindustrie in würdiger Weise vertreten zu sehen. Das Hauptstück der Sammlung bildete eine 35,5 cm Kanone in Küstenlaffete, ein Rohr von 8 m Länge und 57,5 Tonnen Gewicht. Es machte nicht geringe Schwierigkeit, dieses Monstre-Geschütz an Ort und Stelle zu schaffen. Zwar hatte der eigene Dampfer „Essen” der Firma genügt, um neben den eigenen Ausstellungsgegenständen die von noch 27 anderen deutschen Firmen zu verladen und die Geschütze hatten im untersten Schiffsraum gut untergebracht werden können. Aber das Heben des Rohres bis zum Deck und die Beförderung ans Land, nachdem das Schiff in den Schuylkill-Fluß eingelaufen war, verursachte eine beinahe unüberwindliche Arbeit. Die großen Krähne der Allison’schen Werft reichten für diese Last nicht aus; der große Krahn, welcher behufs Einlegen des Rohres in die Laffete auf dem Schiff mitgeführt worden war, mußte auf dem Deck aufgestellt werden. Durch die kleine Schiffsluke konnte das Rohr aber nicht horizontal herausgehoben werden; man mußte es erst mittelst Hebebäumen quer drehen und dann mit dem Krahn in eine schiefe Stellung heben. Nun erwiesen sich aber die Ketten zu kurz, da sie für diesen Zweck nicht bestimmt waren. Es blieb kein anderer Ausweg, als ein streckenweises Heben, Unterstützen der schweren Last mit starken Balkenunterlagen und abermaliges Heben mit der neu abgerollten Kette, bis man in einzelnen kleinen Hebungen das Rohr auf Deck hatte. Nicht weniger schwierig war das Ausschiffen auf den achtachsigen Eisenbahnwagen.
Neben den 6 ausgestellten Geschützen standen Friedensartikel in großer Zahl und theilweise riesigen Dimensionen zur Ansicht; eine Schiffswelle mit drei Kurbeln und Kuppelscheibe war aus einem massiven Tiegelgußstahlblock von 30 Tonnen Gewicht hergestellt worden, sie wog in fertigem Zustande noch 13,5 Tonnen, eine zweite kleinere Schiffswelle 9 Tonnen. Außer dem Eisenbahn-Material jeder Art waren aber zwei eiserne Räder von ganz neuer Konstruktion ausgestellt. Sie waren durch Aufwickeln und nachheriges Zusammenschweißen eines schmiedeeisernen Bandes gebildet und zwar derart, daß die Breite des Bandes für Bildung der Nabe, der Scheibe und des Radkranzes in entsprechender Weise wechselte. Diese Räder wurden auch für die Vereinigten Staaten und Kanada patentirt.
Es ist merkwürdig, wie Professor Reuleaux, der als Mitglied der Ausstellungs-Jury des deutschen Reiches damals in Philadelphia weilte, Angesichts dieser Sammlung von 46 Gegenständen, unter denen nur 9 — nämlich außer den 6 Geschützen 3 Tragesättel für Gebirgsartillerie — als Kriegsartikel bezeichnet werden konnten, folgendes schreiben konnte:
„Und wieder in der Maschinenhalle: sieben Achtel des Raumes, so scheint es, für Krupps Riesenkanonen, die „Killing Machines”, wie man sie genannt hat, hergegeben, die da zwischen all dem friedlichen Werk, das die anderen Nationen gethan haben, wie eine Drohung stehen! Ist das wirklich der Ausdruck von Deutschlands friedlicher „Mission”?” Wenngleich Herr Reuleaux später sein allgemeines Urtheil über die deutsche Ausstellung: „Billig und schlecht” dahin abgeschwächt hat, daß wenigstens die deutsche Eisengroßindustrie die „amerikanische an Tüchtigkeit übertreffe, ja sich hier auf der Ausstellung allen übrigen als überlegen darstelle” und des Weiteren sagt: „Krupps Leistungen bedürfen hinsichtlich ihrer hohen Meisterschaft keines Kommentars,” so hat er damit nicht wieder gut zu machen vermocht, was er mit seinem unbedachtsamen und wegwerfenden Urtheil, mit jenem von allen konkurrirenden Nationen mit Schadenfreude und Wohlbehagen aufgenommenen „geflügelten Worte” der vaterländischen Industrie geschadet hat. Und was Krupp betrifft, so hätte er wohl in Erwägung ziehen müssen, daß die friedlichen Werke der anderen Nationen auch die Kriegsmaschinen-Sammlungen Schwedens, Rußlands, Brasiliens und Amerikas enthielten, mit denen der „deutsche Kanonenkönig” doch wohl die Konkurrenz aufzunehmen verpflichtet war.
Die durch die manchesterliche Mehrheit des Reichstages allen Warnungen zum Trotz beschlossene Aufhebung auch der letzten noch bestehenden Zölle auf Eisenfabrikate am 1. Januar 1877 schien dazu bestimmt, der vaterländischen Eisen-Industrie den Gnadenstoß zu geben. Viele Werke mußten ihren Betrieb ganz einstellen, der Bergwerksbetrieb sank zunehmend, da die erzielten Werthe immer mehr herunter gingen. Im Oberbergamtsbezirk Dortmund sank die Zahl der Bergarbeiter in diesem Jahre von ca. 84000 auf 74000 und die Produktion verlor bei fast gleicher Masse der Förderung nicht weniger als 22 Millionen Mark an Werth. Und doch wies im Gegentheil der Fortschritt der Technik, auch die deutschen phosphorreichen Erze durch Entziehung des Phosphors in vollstem Maße nutzbar zu machen, auf eine mächtige Steigerung der Bergindustrie hin. Aber das Absatzgebiet ward der deutschen Industrie immer mehr beschränkt und hiermit die Möglichkeit genommen, von diesem Fortschritt einen Nutzen zu ziehen. Allerorten gab es Schaaren feiernder Arbeiter, und mußten Volksküchen errichtet werden, um die im Winter 1876/77 überhandnehmende Noth zu lindern.
Dem gegenüber ist es auffallend, daß die Gußstahlfabrik im Laufe des Jahres 1877 ihre Arbeiter von 8322 auf 9318 Mann vermehren konnte, und daß sie allein an Gußstahl 5553 Tonnen mehr produzirte als im Vorjahr, während allerdings die in den Bergwerken beschäftigten Arbeiter auf die Zahl von 5300 heruntergingen. Die Gründe sind in vermehrten Bestellungen auf Kriegsmaterial und Eisenbahnschienen zu suchen. Allein für die russische Regierung waren bis zum Jahre 1878 1800 Geschütze zu liefern, da der russisch-türkische Krieg die mangelhafte Konstruktion ihrer Feldgeschütze klar gelegt hatte. Außerdem waren aber auch für Griechenland, Italien, China, Schweiz, Holland und Japan namhafte Bestellungen auszuführen; der orientalische Krieg hatte vielfach die Verbesserung des Geschützwesens nahegelegt. In Folge dessen war in der Fabrik vollauf Beschäftigung und die Stadt Essen empfand die Wohlthat, welche ihr aus dem Gußstahlwerk erwuchs, in vollstem Maße.
Obgleich Krupp nun auch nicht ermüdete in der Fürsorge für seine Untergebenen, und gerade in diesem Jahre durch Gründung einer Lebensversicherungs-Anstalt und Eröffnung einer neuen Privatvolksschule seine Wohlfahrtseinrichtungen vervollständigte, mußte er doch zu seiner Bekümmerniß sehen, daß die sozialdemokratischen Agitatoren auf seinem Gebiet wieder Fuß faßten und ihren verderblichen Lehren Eingang zu verschaffen wußten. Gelegentlich der Reichstagswahl am 10. Januar 1877 wurde mit allen Kräften gewiegelt und gehetzt, so daß der ultramontan-sozialistische Arbeiter-Kandidat Stötzel und der speziell sozialdemokratische Kandidat zusammen 10890 Stimmen erhielten und daß bei der Stichwahl zwischen ihm und dem ultramontanen Gegner Stötzel mit 11645 gegen 7653 Stimmen den Sieg davontrug.
Krupp hatte bis dahin auf politischem Gebiete sich vollständig neutral verhalten. Ebenso wie er in religiöser Beziehung keinen seiner Angestellten glaubte irgendwie beeinflussen oder der einen Konfession vor der andern irgend ein Vorrecht einräumen zu dürfen, hatte er auch nach dem politischen Glaubensbekenntniß niemals gefragt und weder direkt noch indirekt irgendwie in die Bewegung eingegriffen. Er sah jetzt, daß er dem gesunden Menschenverstand seiner Arbeiter zuviel zugetraut hatte, daß sie von den Lehren der staatsfeindlichen Partei in ihrem Unverstand gefangen genommen, daß sie mit allen denkbaren Mitteln ins sozialdemokratische Lager hinübergezogen wurden und daß hieraus dem Staate, der Gesellschaft und dem Frieden seiner Fabrik große Gefahren erwuchsen. Er erkannte seine Pflicht, die Unverständigen zu belehren und einen anderen besseren Einfluß den gegnerischen Hetzereien gegenüber zur Geltung bringen zu müssen. Er verfaßte deshalb eine Brochüre, welche am 15. März als Manuskript gedruckt, unter dem Titel „Ein Wort an die Angehörigen meiner gewerblichen Anlagen” erschien und folgendermaßen lautete:
„Ich richte diese Worte an die Angehörigen meiner gewerblichen Anlagen, der Gruben und Hüttenwerke, vertraulich und ausdrücklich beschränkt auf den Verband von Arbeitern, Meistern und Beamten. Sie betreffen meine eigene Hausordnung und sind nicht bestimmt für das große Publikum. Ich verwahre mich deshalb ausdrücklich dagegen, Grundsätze, Verfahren und Entschließung anderer Arbeitgeber hiermit berühren oder beeinflussen, oder auf irgend welchen Zeitungskampf mit streitlustigen Gegnern mich einlassen zu wollen. Das Urtheil darüber, ob meine Mahnung zeitgemäß, ob sie eine erkannte Pflicht ist, ob Eigennutz sie mir eingegeben oder Wohlwollen, das klar zu stellen überlasse ich getrost der Zukunft. Von Jedem, Mann und Frau, auch von den weniger Gebildeten, will ich verstanden sein. Darum spreche ich einfaches deutliches Deutsch. In ähnlicher Weise richtete ich an Euch das letzte Mal die Mahnung zu Frieden und Verträglichkeit trotz jeder Glaubensverschiedenheit — und, wie ich glaube, nicht ohne Erfolg. Heute trete ich noch einmal an Euch heran in einer ebenso ernsten Frage. Die Gefahr, um die es sich handelt, ist zwar noch nicht drohend, und ich vertraue, daß der gesunde Geist des Volkes sie bei Zeiten abwenden werde. Dennoch will ich heute schon mich aussprechen, weil ich glaube, Euch nützen zu können und weil ich nach 50jähriger Dienstzeit nicht darauf rechnen darf, heute Versäumtes später noch nachzuholen. Wohl aber rechne ich auf das alte Vertrauen. Trotz wiederholter Warnung scheint sich unter einem Theile von Euch der Geist der Sozialdemokratie einschleichen zu wollen. Dieser Geist aber ist verderblich, und jeder Verständige muß ihn bekämpfen, der Arbeiter so gut wie der Arbeitgeber. Daß Ihr dies erkennen möchtet, das ist mein Wunsch und Streben.
In der mildesten Form geht die Lehre der Sozialisten dahin, das Eigenthum des Einzelnen zu beschränken, es ihm theilweise zu nehmen. Die Gesammtheit oder größere Genossenschaften sollen es besitzen und der einzelne Arbeiter Antheil am Gewinn haben. So soll die Lage der Arbeiter verbessert werden, sie wird aber nur dadurch verschlechtert. Nehme man z. B. an, daß ich aus meinem Besitz sogar freiwillig zurückträte und die Leitung meiner Werke dem Belieben der Gesammtheit überlassen wäre. Aus der bisherigen oberen Verwaltung und von den wirklich Eingeweihten und Befähigten würde schwerlich auch nur Einer der neuen Herrschaft sich unterordnen. An Stelle der Erfahrung, welche allein im Stande ist, durch geschickte Leitung der Fabrikation und Verwaltung die Werke zu erhalten und über die Gefahren ungünstiger Zeitumstände hinwegzuführen, würden daher gar leicht zweifelhafte unbewährte Kräfte treten und damit das Ganze dem Untergange bald zutreiben. Das braucht wohl Niemand näher erklärt zu werden. — Aber selbst angenommen, daß man Leute finden würde, welche die Werke zu führen im Stande wären, welche in Preis und Qualität die bisher uns vorbehaltene Leistung ausführen würden, mit der mächtigen fremden Industrie zu konkurriren und sie zu überflügeln — selbst in diesem Falle würde dennoch die Fabrik aus Mangel an Arbeit untergehen müssen, folglich ferner Niemandem mehr Nahrung geben, denn die Waare muß nicht nur gemacht, sie muß auch verkauft werden. Der inländische Verbrauch ist aber nicht groß genug, um alle unsere Werkstätten zu beschäftigen, und ohne eine ununterbrochene, vereinte, volle Thätigkeit ist das Werk nicht lebensfähig. Der größte Theil der Arbeiten muß also in fremde Länder verkauft werden und geht über die ganze Erde. Diese Ausnahmestellung und seine Größe verdankt das Werk dem alten Ruf, der Bekanntschaft und dem Vertrauen, welches die Verwaltung sich seit dem Beginn der Fabrik vor und nach erworben hat. Ohne dieses an Personen gebundene Vertrauen fällt der ganze Weltverkehr weg. Kein Staat und keine Regierung würde das Werk als das alte ansehen, wenn es unter die Herrschaft der Sozialisten käme, an Stelle des Vertrauens würde Mißtrauen treten, und dadurch allein schon würden alle Besteller von Kriegs- und Friedensbedarf, Staaten und Private, ferngehalten werden.
Die neuen Volksbeglücker werden sich übrigens auch nicht mit diesem bloßen Anfange der Umwälzung begnügen, sie werden weiter gehen von Stufe zu Stufe. Was eine fleißige, sparsame Familie, was eine Generation ehrlich erworben hat, soll der Faule, Liederliche sich aneignen dürfen und der Unfähige dem Tüchtigen gleich gestellt werden. Von selbst müssen dann diese Volksbeglücker, welche um jeden Preis ihre Pläne durchführen wollen, dazu kommen, alles Eigenthum und Erbe, jeden Thron und jede feste Staatsgewalt beseitigen zu wollen. Viele gestehen es offen oder versteckt zu, daß sie auch die Religion und die Ehe aufheben wollen, damit aber würde Ordnung und Zucht, Scham und Sitte verschwinden. Was Jahrhunderte an Gutem geschaffen, veredelt, geheiligt haben, soll vernichtet werden — vernichtet natürlich mit Feuer und Schwert. Das ist das Ende, zu welchem diese Lehre führt. Die vielbesprochene Pariser Kommune, ihre Schreckenswirthschaft mit Mord, Brandstiftung und Zerstörung war ein Beispiel der Ausführung solcher verwilderter Anschauungen. Dabei begann auch schon bald, was sich überall früher oder später wiederholen würde, der Kampf der Leiter und Wortführer unter sich um die Oberherrschaft. Diese zu erlangen, ist eben das verborgene Streben vieler, die jetzt noch für den gemeinsamen nächsten Zweck, für den Umsturz der bestehenden Ordnung in Staat und Haus, vereint kämpfen und später kein Bedenken tragen werden, die verleitete Masse ihrem Eigennutz zu opfern. Freilich dürfen wir uns sagen, daß in unserm Vaterlande eine Umwälzung solcher Art von vornherein scheitern würde an der Solidität aller bestehenden Verhältnisse und Ordnungen, an der Macht des Staates. Aber ich hege die Zuversicht, daß es deren nicht einmal bedürfen wird, um uns vor jenem Aeußersten zu bewahren. Die Mehrzahl der Leute, welche für die Sozialdemokratie gewonnen sind, bleiben nur dabei, weil sie keine Ahnung haben von den verbrecherischen und verderblichen Zwecken derselben. Der Mann, der täglich um sein Brot sich abmüht, ist zwar geneigt, auf die Verheißungen eines besseren Looses zu hören und möchte es glauben, wenn ihm müheloser Genuß des Lebens versprochen wird. Aber die große Mehrheit steht zu hoch in Bildung und Rechtsgefühl, um solchen Bethörern dauernd zu folgen. Darum werden deren Bestrebungen schon an dem gesunden Sinne des Volkes scheitern. Das kann ihm nicht verborgen bleiben: die Pläne der Sozialisten sind unausführbar in sich selbst und eine Thorheit, denn die Welt läßt es sich einmal nicht gefallen, daß jeder Unterschied in Stellung und Werth von Menschen und Dingen, daß alles Bestehende, das Gute und Bewährte, auf Kosten von Recht und Gesetz vertilgt werde, damit Verbrecher aus den Trümmern ihre Lese halten.
Ich verlasse nun dieses häßliche Bild und so unerquickliche Betrachtungen, um zu einem anderen Gegenstande überzugehen und zwar zu der Geschichte meiner Werke, damit Ihr einsehen möget, aus welchen Gründen und mit welchem Rechte ich nicht ein Haar breit nachgebe in meinen Forderungen, welche den Schluß dieser Ansprache bilden werden. Es ist bekannt, daß im Jahre 1826 die verfallene Gußstahlfabrik ohne Vermögen mir zur Führung anvertraut wurde. Mit wenigen Leuten fing ich an, sie verdienten mehr und lebten besser als ich; so ging es fast 25 Jahre fort mit Sorgen und mühevoller Arbeit, und als ich dann eine größere Zahl von Leuten beschäftigte, war dennoch mein Vermögen geringer, als was heute mancher Arbeiter der Gußstahlfabrik besitzt. Es waren alle sehr brave Leute, mit denen ich die Arbeiten begonnen und durchgeführt habe. Allen, von denen viele bereits in die Ewigkeit hinübergegangen sind, habe ich meinen vollen Dank für ihre Treue bewahrt. Jene aber, die ich von der Heerde, vom Pflug, als tüchtige Handwerker, als Arbeitslose von allen Professionen, oder als Kinder von Wittwen angenommen habe, traten bereitwillig bei mir ein, weil sie ihr Loos verbesserten, und sie haben in den meisten Fällen auch dafür ihren Dank gern ausgedrückt. Mancher von ihnen ist ein wohlhabender Mann geworden. (Viele Aeltere, Meister und Arbeiter, die zum Theil schon vor ca. 46 Jahren bei mir eingetreten sind, genießen schon seit lange ihre Pension; andere arbeiten noch mit voller Kraft und alter Treue.) Den Leuten, die ich gebraucht habe, habe ich ihren Lohn gezahlt, meistens ihre Stellung verbessert und nach gesetzlichen Bestimmungen den Kontrakt verlängert oder sie entlassen. Mancher verließ die Fabrik, um anderswo sich zu verbessern, der eine ist gegangen und ein anderer hat die Stelle wieder besetzt, und wo ursprünglich 3 Mann beschäftigt waren, standen später 15000. Im Laufe der Zeit haben mehr als 100000 Mann solchen Wechsel auf meinen Werken durchgemacht, und es ist ganz natürlich, daß solcher Ab- und Zugang fortdauern wird. Jeder Mann hat nach seiner Kraft und Fähigkeit seinen Lohn erhalten, und anstatt eines Jeden konnte in den meisten Fällen auch ein Anderer hingestellt werden.
Es ist bisher Keinem eingefallen, nach Empfang des vereinbarten Lohnes noch einen Anspruch zu erheben an den Gewinn. Für diesen Anspruch treten aber heutigen Tages gelehrte Volksbeglücker mit den schönsten Redensarten auf, und diese haben wesentlich zu den bethörenden sozialistischen Lehren geführt. Der Arbeiter hat die Erfindungen nicht gebracht. Er wird nicht betroffen von den Kosten und Verlusten, welche der Fabrikant für Versuche und Anlagen zu tragen hat. Für die Arbeit erhält er seinen Lohn. Es kann keine Rede davon sein, daß irgend Jemand einen besonderen Anspruch behalte, außer solchem, der in Steigerung des Lohnes und des Gehaltes besteht und immer nur Folge größerer Leistungen ist. Das ist Sache der freien Vereinbarung. Die Erfindungen und dazu gehörenden Produktionen habe ich eingeführt; der Arbeiter darf aber nicht die Frucht verlangen von der Thätigkeit Anderer, das ist gegen das jedem Menschen eingeborene Rechtsgefühl. Wie Jedermann vertheidige auch ich mein Eigenthum; wie mein Haus, so ist auch meine Erfindung mein und die Frucht derselben, sie mag Gewinn sein oder Verlust. In seinem Lohne hat der Arbeiter den größeren Antheil am Ertrage. Denn durchschnittlich beträgt in guten Zeiten der Lohn mehr als drei Viertel des ganzen Werthes der Fabrikate, der Rest muß Zinsen, Entwerthung, Verwaltungskosten, verlorene Posten und dergleichen decken. Dann erst kommt der Gewinn. In schlechten Zeiten aber, wo der Arbeitgeber oft nichts verdient, vielleicht viel verliert, behält der Arbeiter immer noch seinen Lohn. Der Arbeiter, der in guten Zeiten Antheil am Gewinn verlangen möchte, müßte doch auch in schlechten Zeiten, wo zugesetzt wird, den Verlust theilen, und doch verlangt er auch dann vollen Lohn. Daher ist es nothwendig, daß der Arbeitgeber in guten Jahren mehr verdient, als er gebraucht. Gerade wie der Landwirth, muß er auf Wechselfälle vorbereitet sein. Beide haben oft die Kosten für die Saat und keine Ernte. Hat die Fabrik in guten Jahren ihr Kapital nicht vergrößert, so könnte sie in schlechten Jahren nicht bestehen und müßte die Arbeiter entlassen. — Das ist bisher in größerem Maße nicht nöthig gewesen, sie hat, wenn Alles darnieder lag, dennoch die Arbeit fortgesetzt, auf Vorrath fabrizirt oder mit Verlust verkauft, um die Leute zu ernähren und ihren Heerd warm zu halten. Wie ich den Verlust allein tragen muß, so ist auch der Gewinn mein von Rechtswegen, denn ich habe ihn erworben mit meiner Kraft und meiner Sorge. Ich habe das Bewußtsein, daß diese Werke ein Segen sind für das Land und für die Arbeiter. Sie sind das umsomehr, weil mein Interesse mir empfohlen haben würde, dieselben im Auslande zu errichten, wo ich früher und mehr Anerkennung und Absatz gefunden habe und größere Vortheile haben würde.
Um die Lage meiner Arbeiter zu verbessern, war ich von jeher zunächst darauf bedacht, ihnen ein möglichst sorgenfreies Dasein für die Zeiten zu verschaffen, in denen sie selbst nicht mehr arbeiten könnten. Ihr selbst wißt es am besten, wie es mit Kranken, Invaliden und ausgedienten Arbeitern bei uns gehalten wird. Dann habe ich den Arbeitern Wohnungen gebaut, worin bereits 20000 Seelen untergebracht sind, habe Schulen gegründet, Schenkungen verliehen und Einrichtungen getroffen zur billigen Beschaffung von allem Lebens- und Hausbedarf. Ich habe mich dadurch in eine Schuldenlast gesetzt, die abgetragen werden muß. Damit dies geschehen kann, muß Jeder seine Schuldigkeit thun in Frieden und Eintracht und in Uebereinstimmung mit unseren Vorschriften. Die jetzt allgemein verbreitete Geschäftsstille hat bereits viele Fabriken, Hütten und Gruben unseres Landes empfindlich berührt. Geringe Preise haben geringe Löhne zur Folge gehabt, und bei einigen Werken ist schon vollständiger Mangel an Arbeit und dadurch Stillstand eingetreten. In den verschiedenen Klassen der Gesellschaft giebt es Leute, die irrthümlich die Besserung ihrer Lage von der Aenderung der Verfassung, der Regierung und der Gesetze erwarten, dabei aber das Wesentlichste vernachlässigen, was in ihrer eigenen Gewalt liegt. Fleiß, Ordnung und Sparsamkeit ist der erste und sicherste Schutz gegen die beklagte Noth, und wo sie fehlen, helfen auch die beste Regierung und die besten Gesetze nichts. Umwälzungen jeder Art sind ebenso verkehrte Mittel zur Besserung der Lage, als wenn man ein Haus wegen einzelner Fehler abbrechen wollte. Dann wird man obdachlos. Man verbessert und reparirt und erhält das Bestehende.
Die augenblickliche Noth hat ihre Hauptursache in den übertriebenen Unternehmungen der vergangenen Jahre, in einer allgemeinen Verirrung. Der Arbeiter hatte aber für sich dabei zunächst nur einen höheren Lohn erzielt, und wenn er von demselben nicht so viel erübrigt hat, daß er damit über die schlechte Zeit sich hinweghilft, so hat er damals seinen großen Lohn, der schließlich die Arbeitgeber häufig ruinirte, leichtsinnig vergeudet und nun sich selbst Vorwürfe zu machen. Das kann er nur ausgleichen durch Sparsamkeit, Ordnung und Fleiß. Mit Gewalt und Umwälzungen geht das nicht. In den siebenziger Jahren haben wir das Beispiel erlebt, daß trotz der nie dagewesenen Höhe der Löhne Bergleute ihre Gruben verließen, und ebenso Arbeiter die Fabriken, um die Besitzer zu unmöglichen Erhöhungen der Löhne zu zwingen. Das hat keinen Segen gebracht und hat auch nur zurückgeführt werden können auf Verführungen Fremder, die auch jetzt noch fortfahren, Aufregung hervorzubringen. — Ich erinnere daran, daß Bergwerke still gelegt wurden, um dadurch auch meine Fabrik zum Stillstand zu zwingen, und daß nur mit Aufwand großer Kosten dies Unheil von meinen Leuten abgewendet wurde, indem ich sogar bis von Saarbrücken Kohlen bezog. England ist groß und mächtig geworden durch Industrie, die Arbeiter haben dann Vereine gegründet und die Arbeit eingestellt, um höhere Löhne zu erpressen. Dadurch ist zum großen Theil die Arbeit von England auf das Ausland übergegangen. Die deutsche Industrie hat von diesem Fehler der englischen Arbeiter Nutzen gehabt. Das ist auch eine Warnung! Die Nachahmung des schlechten Beispiels würde auch unsere Industrie ins Ausland treiben. Unter den schwierigsten Umständen habe ich den Muth gehabt, für meine Leute einzutreten und behalte ihn auch in der jetzigen schweren Zeit. Ich hoffe, daß wir sie überwinden werden, daß wir Arbeit behalten werden. Alle Kräfte werden dafür nach allen Seiten aufgewandt. — Das sollten die Arbeiter dankbar anerkennen, und diejenigen, welche täglich für diesen Zweck Sorge und Mühe aufwenden, durch freundliche Dienstfertigkeit aufmuntern für den schweren Beruf. In welchem Maaße die Gußstahlfabrik noch weiter von der Geschäftsstille betroffen werden wird, das läßt sich noch nicht voraussehen, wenn auch für die nächste Zeit Arbeit beschafft ist. Jedermann möge vorbereitet sein auf die Ereignisse.
In früheren Zeiten, wo die Löhne auch verhältnißmäßig sehr viel niedriger standen als jetzt, waren die Arbeiter mit bescheideneren Ansprüchen glücklicher und zufriedener und kannten nicht den verderblichen heutigen Aufwand für Kleidung und Durst. Ich gebe Euch nun diesen Rath: Laßt Euch nicht blenden durch schöne Worte und erwartet das Heil nicht von solchen, die einen neuen mühelosen Weg zur Volksbeglückung gefunden haben wollen. Die Angelegenheiten des ganzen Vaterlandes sollen Jedem wichtig und theuer sein, aber dazu hilft gar nichts das Kannegießern, das Schwatzen über politische Angelegenheiten, das ist nur den Aufwieglern willkommen und stört die Pflichterfüllung. Eine ernste Beschäftigung mit der Landespolitik erfordert mehr Zeit und tiefere Einsicht in schwierige Verhältnisse, als Euch zu Gebote steht. Das Politisiren in der Kneipe ist nebenbei sehr theuer, dafür kann man im Hause Besseres haben. Nach gethaner Arbeit verbleibt im Kreise der Eurigen, bei den Eltern, bei der Frau und den Kindern. Da sucht Eure Erholung, sinnt über den Haushalt und die Erziehung. Das und Eure Arbeit sei zunächst und vor Allem Eure Politik. Dabei werdet Ihr frohe Stunden haben. Mit dem Laufe der Zeit, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wird Alles besser. Wer zurückblickt in die Vergangenheit, muß sich überzeugen, daß große Fortschritte gemacht worden sind zum Besten Aller und vor Allem auch der arbeitenden Klasse. Schlechte Zwischenzeiten müssen durch treues Zusammenhalten der Arbeiter mit ihrem Arbeitgeber überwunden werden. Aber vor 50 Jahren lebte kein Arbeiter so gut in Nahrung, Wohnung und Kleidung, als heute. Keiner wird tauschen wollen mit dem Loose seiner Eltern und Vorfahren. Was ich nun hiermit ausgesprochen habe, möge Jedem zur Aufklärung dienen und deutlich machen, was er zu erwarten hat von Handlungen und Bestrebungen im Dienste des Sozialismus. So sehr ich auch wünsche, daß meine Arbeiter statt der verführenden Schriften nur nützliche belehrende lesen, so kann ich doch Niemand dazu zwingen. Die Neigung zum Guten und Schlechten zeigt nur den Geist der Leser und kann nicht ohne Folgen bleiben. Jeder muß die Folge seiner Handlungsweise tragen. Man erwärmt keine Schlange an seiner Brust, und wer nicht von Herzen ergeben mit uns geht, wer unseren Ordnungen widerstrebt, kann nicht im Kreise unserer Arbeiter bleiben. Denn wo mit Wohlwollen und Gerechtigkeit das Regiment geführt wird, muß auch Strenge gehandhabt werden gegen solche, die das gute Einvernehmen und den Frieden zum Nachtheile der großen Gemeinschaft stören wollen. Wie dies seither mein fester Wille gewesen, so ist dies auch eine ausdrückliche Bestimmung meines letzten Willens. Statt der zeitweise geübten Nachsicht wird daher auch, wie hier angekündigt, Strenge eintreten müssen, wenn die Ordnung dies fordert. Möge sich also Niemand durch bisher erfahrene Nachsicht verleiten lassen, auf unrechtem Wege zu beharren.
So schließe ich mit den besten Wünschen für Alle.
(gez.) Alfred Krupp.”
Ich habe geglaubt, trotz seiner Länge dieses hochbedeutsame Schriftstück in seinem ganzen Umfang mittheilen zu müssen, weil es einmal ein schönes Beispiel giebt von Krupps rechtlicher und schlichter, dabei durchaus auf das Praktische gerichteten Denkweise, weil es ferner zeigt, wie er in überzeugter Beharrlichkeit das patriarchalische Verhältniß zu seinen Arbeitern festhält und gegen alle Beeinflussung zu vertheidigen sucht, und weil es endlich ein seltenes Dokument ist für seine politischen Ansichten. Die Ueberzeugung, daß seinen Angestellten zum Politisiren Zeit und tiefere Einsicht fehle, daß sie in Arbeit und häuslichen Pflichten ihre Politik zu finden hätten, übertrug er in gewissem Sinne auch auf seine eigene Person. Sein Haushalt war die Fabrik mit dem ganzen zahlreichen Personal, seine Arbeit die Führung der deutschen Eisenindustrie im erfolgreichen Kampfe mit der des Auslandes. Gelang es ihm, durch eine tüchtige erzieherische und segensreiche Organisation der Verwaltung seiner Werke, sowie durch kräftige Abwehr der zersetzenden Elemente eine festgefügte, auf Ordnungsliebe und Pflichterfüllung gegründete Gemeinschaft herzustellen und anderseits durch stetige Vervollkommnung und absolute Zuverlässigkeit seiner Erzeugnisse der vaterländischen Industrie ihre anerkannt führende Stellung zu sichern, so war er sich bewußt, dem Vaterlande einen unschätzbaren Dienst zu leisten und hierdurch seine politische Mission für den Staat in vollstem Sinne zu erfüllen. Was er seinen Arbeitern sagte, wandte er also auch auf sich selbst an: zu weiterer Antheilnahme an der Politik hatte er keine Zeit und Kraft übrig.
Eine Aeußerung über Politik suchte er in konsequenter Weise auch stets zu vermeiden und schob selbst eine Erörterung der sozialistischen Lehren so lange von sich, bis der Organismus seines Gemeinwesens dadurch ernstlich gefährdet wurde. Nun aber begnügt er sich nicht mit Mahnungen und Warnungen, sondern geht gleich direkt auf den Kernpunkt los, welchen er in der Lehre der Kathedersozialisten erblickt: „Der Arbeiter ist an dem Ertrag eines industriellen Unternehmens zu betheiligen.” Er erblickt hierin eine Ungerechtigkeit und eine Undurchführbarkeit, weil der Arbeiter nicht gezwungen werden kann, an den Verlusten in gleicher Weise wie an dem Gewinn sich zu betheiligen, denn er kann die Arbeit jederzeit verlassen, er ist nicht an das Unternehmen gefesselt, wie der Besitzer und Arbeitgeber. Und diese seine Ansicht spricht Krupp unumwunden aus; er weiß sie in klarer Weise zu begründen und seine berechtigten Ansprüche denen der Sozialisten gegenüber zu behaupten.
Gerade dieser Theil der Schrift mußte weit über die Grenzen der Fabrik hinaus Aufsehen erregen; die Zeitungen brachten lange Auszüge daraus, und in allen Kreisen der staatserhaltenden Ordnungsliebe ward ihr allgemeiner Beifall gezollt. Die sozialdemokratischen Agitatoren waren eifrig bemüht, den fühlbaren Eindruck, welchen die Broschüre auf die Arbeiter, namentlich in Essen, gemacht hatte, abzuschwächen und begannen, in lärmenden Versammlungen diese zu diskutiren. Diesem Unwesen machte Krupp aber, soweit seine Macht reichte, energisch ein Ende. Er kündigte Anfang April 30 Arbeitern, welche hauptsächlich die Agitation betrieben hatten, ihre Stellung. Wenngleich die „Essener Freie Zeitung” diese Zahl gleich zu 120 anwachsen ließ und einen Aufruf zur Unterstützung der „Märtyrer” erließ, hatte das für die Fabrik keine weiteren Folgen. Der Friede und das gute Einverständniß mit den Angestellten war wieder hergestellt.
Es kam das Jahr 1878 mit seinen schmachvollen Mordversuchen, welche zwei Sozialdemokraten am 11. Mai und 2. Juni gegen den verehrtesten und verehrungswürdigsten Regenten seiner Zeit, gegen Kaiser Wilhelm, verübten. Nun mußte endlich den sozialdemokratischen Verhetzungen, die man in verblendeter Gleichgültigkeit immer weiter sich hatte ausbreiten lassen, mit Ernst entgegengetreten werden. Dem neuen Reichstag fiel diese Aufgabe zu, und die staatserhaltenden Elemente hatten im ganzen Reiche die triftigste Veranlassung, ihre Meinung bei den Wahlen der Abgeordneten zur Geltung zu bringen. Jetzt trat die Frage an den angesehensten und einflußreichsten Mann von Essen, an Alfried Krupp, heran, ob er die Vertretung des Wahlkreises übernehmen, ob er zu Gunsten einer für den Staat so außerordentlich wichtigen Aufgabe aus seiner politischen Zurückhaltung heraustreten und für die Staatsinteressen sowie für die Arbeiterinteressen im Reichstage eintreten wollte. Es gab keinen Mann, der mehr Vertrauen genossen und der mehr Aussicht hätte, gegen den sozial-ultramontanen Kandidaten Stötzel den Sieg zu erringen. Männer wie Löwe und Berger, Kreutz und Stumm ließen sich für ihre Industrie-Bezirke gewinnen, aber es erschien ein Reform-Reichstag auf dem Gebiete der sozialen und wirthschaftlichen Gesetzgebung ohne den erfolgreichen Vorgänger Alfried Krupp kaum denkbar.
Die Vertrauensmänner-Versammlung am 26. Juni und die öffentliche Wählerversammlung am 7. Juli wählte einstimmig Krupp zum Kandidaten der regierungsfreundlichen Parteien; es handelte sich darum, auch die ultramontanen Wähler zu gewinnen und man glaubte dessen sicher zu sein, wenn er sich bereit erklärte, die Wahl anzunehmen. Aber er enthielt sich jedes Zeichens der Zustimmung; die Gegenpartei wußte daraus Gewinn zu ziehen, indem sie die Aufstellung der Krupp’schen Kandidatur als gegen seinen ausdrücklichen Willen geschehen hinstellte; Stötzel, welcher sich vollständig dem Programm der Zentrumspartei unterworfen hatte, ward von den Ultramontanen gewählt und ging aus der Wahl am 28. Juli mit 14527 Stimmen, mit 113 Stimmen über die absolute Mehrheit, als Sieger hervor. Die liberalen und nationalen Stimmen betrugen 13882 gegen 2693 im Jahre 1871 und 6634 im Jahre 1877, aber das war ein geringer Trost: kirchlicher Fanatismus und politischer Unverstand hatten gesiegt.
Soll man Krupp aus seiner Zurückhaltung einen Vorwurf machen? Er ist zu verstehen aus seinem an der einmal gewonnenen und ausgesprochenen Ueberzeugung zäh festhaltenden Charakter. Seine Arbeit wollte er allein als seine Politik betrachten. Zu der Uebernahme einer weiteren Aufgabe konnte er sich selbst unter den vorliegenden schwerwiegenden Verhältnissen nicht entschließen, fühlte sich vielleicht auch bei seinem Alter von 66 Jahren den vermehrten Anstrengungen nicht mehr gewachsen.