Front matter (continued 4)
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Ich bot nun meine ganze Beredsamkeit auf, ihm das Verwerfliche seines Benehmens mit den grellsten Farben darzustellen; ich ließ die verlezten Pflichten gegen Gott und die Tugend, gegen seine Eltern und gegen ein armes verlaßenes Geschöpf in Begleitung aller Qualen der zu späten Reue gegen ihn auftretten und entwarf ihm das Bild eines Jünglings, der, Herr seiner selbst rein und schuldlos aus dem Kampf mit Verführung und Leidenschaft herrlich wie der Phönix aus der Asche hervorgeht. Ich gestehe es, ich war in Begeisterung, die sich zulezt in unbeschreibliche Rührung auflößte. Richard gieng lange still, und mit niedergeschlagenen Augen neben mir. Als ich aber immer lebhafter sprach, blieb er einigemal stehen und blickte mich staunend an; und als ich weich wurde und Thränen über meine Wangen träufelten: da nahm er sein Taschentuch, trocknete sie sanft und dann auch sich damit die feuchten Augen; umfaßte mich endlich und küßte mich ehrerbiethig auf die Stirne. —
„Antonie!“ sprach er feierlich, als ich geendigt hatte: „du hast mein Herz zerrißen: denn ich liebe dich! warlich! ich muß dich lieben und — kann dich nicht besitzen, das sehe ich ein. Doch du hast mich für die Tugend auf ewig gewonnen. Wehe den Verführern auf jener Burg! deren Beispiel mich verleiten konnte, ein solches Wesen zu ängstigen! Vergieb mir! und nimm den Lohn mit dir: in dem Bewußtseyn: eine Seele gerettet zu haben! —“ Er drückte meine Hand an sein Herz, hob das Auge gen Himmel und ein paar große Thränen perlten ihm über das Gesicht. Auch ich mußte weinen, doch durchdrang mich ein unaussprechlich beseeligendes Gefühl. Gerührt dankte ich Richard für seine tröstlichen Versicherungen und bat ihn nun, um nähere Nachrichten von Jacobs Schicksal, das mich tief bekümmerte. Ich erfuhr, daß dieser in jenem Prozeß, durch einen ränkevollen Advocaten, der sich von der Gegenparthey bestechen ließ, den größten Theil seines Vermögens verlohren hatte und genöthigt wurde sein Gütchen zu verpfänden, daß dieß endlich ganz seinen Schuldnern anheim gefallen sey, er das Dorf verlassen habe, wo er einst glücklich war und an einem andern Ort sich mit seiner Familie durch Taglohn den ärmlichen Unterhalt verdiene. Innig beklagte und beweinte ich das Schicksal dieser Redlichen. Richard versprach mir, die Armen nach Kräften zu unterstützen, da er beschämt sich gestehen mußte: daß auch er einen kleinen Antheil an dem Unglück derselben habe.
Nach diesem Ereignis betrug sich Richard mit Resignation und Würde, aber auch unverkennbar war die Anstrengung, mit welcher er seine Neigung zu bekämpfen suchte. Dieß schmerzte mich und ich faßte den Entschluß, durch meine freiwillige Entfernung es ihm zu erleichtern. Doch wohin? das war die große Frage. Einen andern Dienst zu suchen, dünkte mir eine unverdiente Kränkung für meine jezige Herrschaft zu seyn, da sie mir durchaus keine Veranlassung zu einer Veränderung meiner Lage gab, und ausserdem war ich ohne alle Freunde und Bekannte. Zu einer Reise ins Vaterland aber, war meine Baarschaft, welche sich wohl im Hause des Barons ziemlich vermehrt hatte, noch zu gering, denn ich wußte aus Erfahrung, wie viel bei der sparsamsten Einrichtung doch unterwegs aufgezehrt werden konnte. Mir fiel wohl die in Waldsee verheirathete Schwester der wackern Gertrud bei, welche mich damals, nach dem Plan der Leztern hatte aufnehmen sollen: allein wie konnte ich mich den Verwandten der Familie nähern, welche durch mich unglücklich geworden war! In der Zeit, als ich so mit mir zu Rathe gieng, erschien auf einmal Gertrud und äusserte: daß sie und Jacob nicht länger hätten den Wunsch unterdrücken können, wieder einmal etwas näheres von mir zu hören und mir für die reichlichen Geschenke, die sie zuweilen erhielten, zu danken. Erstaunt und gerührt erkannte ich den edlen Geber und nannte ihn auch Gertruden; eröffnete ihr aber zugleich mein Verlangen, irgend eine andere Unterkunft zu finden, da mich gewiße Verhältnisse dazu nöthigten. Gertrud verwies mich abermals an ihre Schwester und da ich ihr meine Bedenklichkeit entgegensezte, versicherte sie mich herzlich: daß Niemand den geringsten Groll gegen mich empfinde, daß sie bei ihrer Armuth zufrieden und also auch ihre Verwandten darüber ganz ruhig seyen. Sie versprach mir, bei ihrer Schwester Anfrage zu halten und mich von dem Erfolg zu benachrichtigen. Statt der Antwort kündigte sich nach Verlauf von einigen Wochen ein junger Mann, als den Sohn jener Leute bei mir an, mit der Zusage seiner Eltern auf meine Bitte, und mit dem Vorschlag mich sogleich dahin zu begleiten. Ich ersuchte ihn ein paar Tage im Gasthof zu verweilen, schrieb einen Brief an Richard, worin ich ihm meinen Vorsaz, und die Gründe, welche ihm das Entstehen gaben, mittheilte; und bat die Eltern um meine Entlassung, mit dem Vorgeben: jene Leute wären nahe Verwandte von mir und wünschten mich unverzüglich bei sich zu haben. Ungern wurde mein Verlangen bewilligt; auch verweilte ich noch so lange im Haus, bis sich eine Stellvertretterin fand, die ich einzuweisen mich verpflichtet hielt. Dann schied ich mit Rührung von den Edlen, die mich so liebreich so menschenfreundlich behandelt hatten. Richard sah ich nicht mehr; er hatte sich auf einige Wochen vom Hause entfernt.
Mit Georg, so hieß jener junge Mann, trat ich nun meine Wanderschaft nach Waldsee in Schwaben an und wurde von seinen Eltern so ziemlich herzlich empfangen: doch gewahrte ich in den ersten Augenblicken einen überaus großen Unterschied zwischen den beiden Schwestern und fühlte mich in der neuen, ganz eigenen Sphäre in der ich mich befand, lange, ja beinahe gar nicht, heimisch. Bei treuherzigen Landleuten, bei der gebildeten Menschen-Classe und vor diesen allen, in dem Kreiß liebender und geliebter Freunde, öffnete sich mein Herz und Sinn allen den eigenthümlichen Vorzügen jener Umgebungen; sie zogen mich an; sie harmonirten mit meinem ganzen Wesen; sie befriedigten mich. Nicht so der wohlhabende bürgerliche Mittelstand, dessen tadelnswürdige Seite in dem Haus zu finden war, in welches ich jezt als Genoßin trat. Ich wurde wohl anfangs freundlich behandelt und ein, doch weit geringerer Grad Gutmüthigkeit machte Frau Brigitta ihrer Schwester etwas ähnlich. Uebrigens stieß ich immer auf Spuren von Beschränktheit des Geistes, auf kleinliche Ansichten und Neigungen und überall war die Uebermacht eingebildeter Vorzüge sichtbar. Unter solchen Verhältnißen war mir meine Existenz drückend und ich sehnte mich von ganzer Seele hinweg: jedoch, bis sich eine andere Gelegenheit darbot, beeiferte ich mich doppelt durch alle möglichen Dienstleistungen, die Bereitwilligkeit, mit welcher ich aufgenommen wurde, zu vergüten: denn ich begrief sehr gut, daß ich hier bald lästig werden könnte.
Von den ebengenannten Fehlern schien indeßen Georg ganz frei zu seyn. Er hatte für seinen Stand so viele richtige Bildung, so tiefes Gefühl und überhaupt einen so rechtlichen Charackter: daß ich ihm die verdiente Werthschätzung im Stillen nicht versagen konnte. Auch er betrug sich achtungsvoll gegen mich und suchte mir durch allerlei kleine Gefälligkeiten den Auffenthalt in seinem Hause recht angenehm zu machen. Ich konnte es deutlich merken, daß er es schmerzlich fühlte, wenn irgend eine unzarte Erwähnung meiner gemachten Erfahrungen von Seite seiner Eltern mir wehe that und überhaupt rügte er, zwar bescheiden, doch ernst, jedes Benehmen der Seinigen, das Eigensinn, Hochmuth und Rohheit verrieth.
In eine peinliche Verlegenheit gerieth er an einem der ersten Sonntage, den ich bei ihnen verlebte:
Brigitta erzählte bei Tisch, daß Georg versprochen sey; ich äusserte meine Theilnahme, er aber wurde blutroth im Gesicht und machte Miene sich zu entfernen. „Du bleibst!“ sagte der Vater heftig. „Was soll das heißen? schämst du dich deiner Braut?“ „Das hat er nicht Ursache,“ fiel Brigitta ein. „Rosinchen ist ein braves, sparsames, fleißiges, Mädchen, ist recht hübsch und hat überdies viel blanke Thaler.“
Georg rückte auf seinem Stuhl hin und her und wischte sich den Schweis vom Gesicht. „Du bist ein recht läppischer Junge!“ sagte der Alte zürnend, „meinte man denn nicht, es wäre ein Verbrechen, daß du dein Liebes hast!“ „Sie wird sie heute kennen lernen Jungfer, sagte die Mutter zu mir und gewiß unsere Wahl billigen.“ „Armer Schelm! dachte ich im Stillen, Du hast also nicht gewählt; —“
Nachmittag wurde der Kaffeetisch zierlich gedeckt; die Kannen, die Tassen von blauem Porzelan herbeigeholt; der bestellte, ungeheuer große Kuchen kam vom Nachbar Beckermeister und wurde auf den Tisch gestellt und die Anzahl der Stühle, welche man einstweilen herumsezte, so wie die der Kaffeetassen, ließen auf eine starke Gesellschaft, welche kommen würde schließen. Bald erschienen auch einige Vettern und Baasen, nebst den Eltern Rosinchens und sie selbst. Georg hatte vorher seine Mutter in die anstoßende Kammer geführt und ich hörte sie stark sprechen. Als sie wieder hereintraten vernahm ich von Brigitten noch die Worte: „Ich werde thun, was mir gut däucht;“ wahrscheinlich war von meiner Herkunft die Rede und unter welchem Namen ich bei der Gesellschaft erscheinen sollte: denn da mich Brigitta derselben als eine arme weitläuftige Verwandte vorstellte, welche bei ihnen Aufnahme gesucht und gefunden habe — drehte sich Georg unwillig auf dem Absatz herum, biß sich in die Lippen und wurde feuerroth. Ich erbot mich: den Kaffe zu kochen und Georg schlich mir in die Küche nach, ergrif meine Hand und sagte leise mit niedergeschlagenen Augen: „Antonie, wollten Sie nicht den schönen Herbsttag benützen und die Umgebungen des Städtchens auf einem Spaziergang kennen lernen?“ Ich verstund ihn, doch sagte ich: „warum? Ihre Eltern könnten es nicht gerne sehen.“ „Ach!“ sezte er ängstlich hinzu: „Unser Besuch und das, was er mit sich bringt, paßt durchaus nicht für Sie.“ „Guter Georg!“ erwiederte ich „seyn Sie unbesorgt; ich habe mich in manches finden gelernt.“ Wir hörten die Stubenthüre knarren und er entfernte sich schnell. Wohl fühlte ich bald, daß er recht voraus gesagt hatte. Lächerliche Höflichkeit, plumper Scherz stolze Anmaßung charackterisirte den versammelten Zirkel und Rosinchen — ach wie beklagte ich den armen Georg! Rosinchen erschien mir als ein eitles, hochmüthiges, herrschsüchtiges Mädchen, ohne allen innern Gehalt. Sie erwiederte meine, ihr um Georgs willen bewiesene freundliche Annäherung, mit verächtlicher, hämischer Zurücksetzung und der Bräutigam wurde von der Verlobten und von den beiden Aelternpaar wahrhaft tyrannisirt. Sobald ich konnte, flüchtete ich mich in mein Kämmerchen. Es war im Erdgeschoß und sein Fenster gieng in den kleinen Hofraum des Hauses. Auf einmal wurde leise daran gepocht. Ich blickte auf, Georg stand vor mir und reichte mir mit nassen Blicken ein Glas Wein und ein Stück Kuchen hinein. „Was soll das:“ fragte ich. „Nehmen Sie doch!“ bat er „und ein freundliches Wort von Ihnen soll mich stärken, mein trauriges Schicksal, das ich heute mehr als jemals fühle, gedultig zu ertragen.“ „Getrost Freund!“ sagte ich ermuthigend zu ihm: „der Vater im Himmel verläßt seine Kinder nicht und sie sind fromm und gut!“ Er drückte mir seufzend die Hand und gieng.
Die folgende Zeit war Georg unbeschreiblich traurig. Er sprach den ganzen Tag bei seiner Arbeit kein Wort und trocknete sich oft im Geheim die Augen. Die Eltern schmälten mit ihm und ich bemerkte, wie ihre Freundlichkeit gegen mich zusehends abnahm. Der Mutter Blick ruhte oft lange auf mir und dann auf ihrem Sohn finster und forschend. Ich hütete mich wohl, eine Veranlaßung zu irgend einem Argwohn zu geben, hielt mich beständig um Frau Brigitta herum und suchte ihr so gefällig als möglich zu seyn. Demohngeachtet, als ich an einem Morgen aus meinem Kämmerchen in die Stube gehen wollte, hörte ich einen gewaltigen Lärm darin: der Vater polterte: die Mutter schrie, Georg sprach heftig und laut. Ich hörte ihn sagen, als ich zitternd stehen blieb: „Ich kann Rosinen nicht heirathen, und ihr könnt mich durchaus nicht zwingen, eher gehe ich in die weite Welt.“ Die Mutter kreischte. „Seht den Trotzkopf! die fremde Jungfer hat dich berückt, darum ist jezt das brave Rosinchen in deinen Augen nichts mehr, aber warte — jene sollst du mir nicht kriegen oder ich lege mein Haupt nicht sanft; ich enterbe dich, ganz enterb’ ich dich und sie muß mir heute noch aus dem Haus.“ „Das ist das beste Mittel“ fiel der Alte ein. Georg erwiederte nun sanfter und bittend: „Laßt es doch dem armen Mädchen nicht entgelten! sie ist ja ganz unschuldig und ich verlange sie auch nicht; aber was kann sie und ich dafür, daß Rosina durch Vergleiche mit ihr ganz verlohren hat, ich konnte sie gleich Anfangs nicht lieb gewinnen und nun ist sie mir vollends zuwieder. Kurz ich heirathe diese und jene nicht und damit hat es ein Ende.“ Ich hörte ihn der Thüre sich nähern und eilte in meine Kammer zurück. Bald darauf kam die Mutter und kündigte mir mit trockenen Worten an: daß ich eine andere Unterkunft suchen möchte, da sie mich nicht länger behalten könnte. Damit gieng sie fort und schlug die Thüre hinter sich zu, daß alles zitterte. „Großer Gott!“ sagte ich zu mir selbst. Bin ich denn nicht ein wahrer Unglücksvogel der wo er sich zeigt, das Glück anderer stört! Indeßen so wenig ich wußte, wohin ich mich jezt wenden und was aus mir werden sollte, war es mir dennoch unmöglich, einen Augenblick länger als es seyn mußte, in diesem Haus zu verweilen. Ich packte mein Wanderbündelchen, nahm kurz Abschied und gieng fort. Georg war ausgegangen. Als ich um die Straßen-Ecke herumbog, kam er mir entgegen. „Wie Antonie?“ frug er erstaunt — „was soll das heißen?“ — „Der Mutter Wille ist es, erwiederte ich, daß ich Ihr Haus verlaße.“ Georg glühte vor Zorn und wollte mich durchaus bewegen, wieder mit ihm zurückzugehen. Ich aber bat ihn, mich ruhig meinem Schicksal zu überlassen und lieber darauf zu denken, das Seinige durch ein kindliches Betragen gegen die Eltern zu verbeßern. „Antonie kann nicht wollen, daß ein freier Mensch sich selbst zum Galeerensclaven machen soll, versetzte er.“ „Das nicht, antwortete ich, aber sanfter Ernst richtet mehr aus, als heftige Wiederspenstigkeit und der Himmel belohnt den guten Sohn.“ Seine Augen füllten Thränen. Er sagte: „wahrhaftig die Trennung von Ihnen wird mir sehr schwer. Erleichtern sie mir dieselbe liebe Antonie und gewähren Sie mir in der Annahme eines kleinen Angedenkens meine lezte Bitte.“ Mit diesen Worten zog er einen Beutel aus der Tasche, drückte mir denselben in die Hand und eilte mit einem Lebewohl um die Ecke herum.
Der Winter nahte: doch durch jenes Geschenk und durch meine eigene kleine Cassa hoffte ich in irgend einem Landstädtchen oder auf einem Dorf mir die Erlaubniß, mich daselbst aufzuhalten erkaufen und mit Handarbeit meinen Unterhalt die rauhe Jahrszeit hindurch sichern zu können. Mich zog die Sehnsucht wieder rückwärts dem Lande zu, wo die Geliebten meines Herzens weilen; allein mehrere Versuche jener Art mislangen, unfreundlich wurde ich hie und da abgewiesen und meine Hoffnung schwand nach und nach gänzlich.
Der rauhe Nordwind wehte die lezten welken Blätter von den Bäumen, weiser Reif lag am Morgen auf den Fluren und befeuchtete meinen Fuß oder strömender Regen durchnäßte mich schauernd; und immer hatte ich noch keine bleibende Stätte. Lüstern blickte ich nach den rauchenden Schlöten eines freundlich vor mir liegenden Dorfs oder wandelte durch die Straßen einer Stadt, und sog die mannigfachen Gerüche bereiteter Speißen begierig ein, wenn ich an Garküchen und Gasthöfen vorbei schlich, ohne mich zu sättigen: denn ich wagte es nicht, meinen Hunger und Durst ganz zu befriedigen, um mein kleines Vermögen nicht zu sehr zu schmählern. Auch meine Kleidung war der Jahrszeit nicht angemessen: denn mit jedem Tag wurde es kälter und meine Noth größer.
Höchst niedergeschlagen und mich durch so viel erlittenes Ungemach recht unwohl fühlend, kam ich in diese Stadt. Der Jahrmarkt hatte in der Herberge, welche ich aufsuchte, herumziehende Krämer, Taschenspieler, Seiltänzer u. s. w. versammelt: schüchtern, bat ich die Wirthin um ein einsames Winkelchen zum Schlafen, da die Nacht hereinbrach. Sie schlug es mir ab und ich war genöthiget, meinen Platz auf einer Ofenbank zu nehmen. Hier verzehrte ich, still weinend ein Näpfchen schwarze Brod-Suppe und wollte mit aller Gewalt den Schlaf, deßen Anwandlung ich fühlte, widerstehen. Es schien mir gerathener: unter diesen Leuten zu wachen, als zu schlafen. Allein die Natur errang die Oberherrschaft über die Klugheit, ich entschlief. Als ich wieder erwachte — Gott wer schildert meinen Schrecken! — war das Zimmer leer und mein ganzes Bündelchen mit Geld und Wäsche — war weg.
„So muß ich denn den Bettelstab ergreifen!“ rief ich laut jammernd und lief händeringend umher. Die Wirthsleute — harte Menschen, wollten weder von einer polizeilichen Anzeige, noch weniger von einer Vergütung etwas hören und verweigerten mir sogar ein kleines Frühstück, da ich es nicht bezahlen konnte. Verzweiflungsvoll rannte ich zum Haus hinaus und durch die Strassen der Stadt. Ich kam an einer Kirche vorüber, welche offen stand. Mit aller Gewalt zog es mich hinein. Ich sank weinend an dem Altar nieder und himmlischer Trost träufelte in mein leidendes Herz. Eine fromme Beterin kniete neben mir; als sie sich entfernt hatte, fand ich auf ihrem Platz ein feines Bildchen, das wahrscheinlich ihrem Gebetbuch entfallen war. Es stellte ein in Gefahr schwebendes Schiff auf brausenden Wellen vor. In der Entfernung war die glänzende Halbkugel der Sonne, mit ihren Strahlen dem Meer entsteigend, sichtbar. Unten las man die Worte: „nach der langen stürmischen Nacht scheint wieder freundlich die Sonne;“ und den Biblischen Spruch: „des Herrn Hülfe ist nahe denen, die ihn fürchten.“ Psalm 84. v. 10.
Wie wichtig war mir in dem Augenblick dieser Fund! wie stärkte er mein Vertrauen auf Gott! wie hob er meinen sinkenden Muth! ich verließ voll Hoffnung die Kirche. — Der Mittag nahte, der Hunger quälte mich fürchterlich: da entschloß ich mich, wie wohl mit schweren Herzen das Erwerbsmittel zu ergreiffen, wovon Theodor (Gott, mit welchen schmerzlichen Empfindungen schrieb ich diesen Namen nieder!) mich einst befreit hatte. Ich suchte einen der größten Gasthöfe auf, und nahte mich schüchtern dem Speisesaale. Ich traf eine stark besezte Tafel und begann einen Gesang; doch indem ich das niedergeschlagene Auge einmal in die Höhe hob: erblickte ich unter den Gästen, ganz am End des Tisches Richard von Steinfels. Hunger und Frost, Kummer und Sorge hatten meinen Körper mehrere Wochen sehr mitgenommen: nun kam noch diese Ueberraschung hinzu und warf mich ganz darnieder. — Ich wurde in die Krankenanstalt gebracht und was nun weiter mit mir vorgieng, welche Hülfe und Rettung mir durch die Grosmuth Eugeniens wiederfuhr, ist der edlen Seele bekannt und bleibt mit unauslöschlichen Zügen in mein Inneres gegraben.
Eugenia hatte nicht ununterbrochen fortlesen können. Theils versagte ihr zuweilen selbst die durch Rührung gehemmte Stimme den Dienst, theils konnten Therese und Albina die Aeußerungen inniger Theilname und schmerzlichen Mitgefühls nicht zurückhalten. Eugenia fügte noch der schriftlichen Mittheilung die fehlende Ergänzung bei, in dem sie erzählte: daß ihr Gatte die Bekanntschaft jenes Barons in den erwähnten Gasthof gesucht und angeknüpft und in ihm einen achtungswürdigen jungen Mann gefunden habe. Er verheelte aber in einer der vertraulichen Unterhaltungen dem Professor nicht: daß er erst durch Antoniens Beispiel rein moralich denken, fühlen und handeln gelernt habe. Er gestand offenherzig ein paar Universitäts-Jahre durchaus verschleudert und ohne irgend einen Nutzen für seine Geistes- und Herzens-Bildung durchlebt zu haben, versicherte aber, fest entschloßen zu seyn: das Versäumte einzuholen; deswegen sey er in diese Stadt gekommen und wollte hier noch ein Jahr den Vorlesungen einiger berühmter accademischer Lehrer beiwohnen. Antoniens Schicksal, das er durch den Professor erfuhr, erschütterte ihn heftig und die früher bekämpfte Neigung drohte wieder mit Gewalt hervor zu brechen. Eugenia hatte ihren Gatten schon früher von Antoniens Verhältnis zu Theodor erzählt und ihn auch späterhin ihren Plan mitgetheilt die Getrennten wieder zu vereinigen. Dies benützte der kluge Mann bei dem Baron auf zweckmäsige Weise und verhinderte dadurch eine abermalige, für ihn gefährliche Annäherung an Antonien. Unendlich glücklich machte diese der ihr eröffnete Entschluß Eugeniens: sie ihren lang und schmerzlich entbehrten Freunden wieder zuzuführen. Zu verdoppeltem Dank fühlte sie sich verpflichtet, als sie von Richards längerer Anwesenheit auf der Universität hörte und sie trug mit der größten Sorge selbst alles zu ihrer gänzlichen Wiederherstellung bei, um recht bald abreisen zu können, „Ach! wie muß jezt dem armen, vom Schicksal so verfolgtem Geschöpf zu Muthe seyn, da sie sich jezt in dem Haven der Ruhe befindet!“ rief Therese; „Wenn sie nur einer dauerhaften Gesundheit genöße!“ sezte Eugenia hinzu. „Von Natur fein und zart, haben die vielen erduldeten Leiden ihren Körper furchtbar geschwächt.“ „Freundschaft und Liebe werden alles aufbiethen ihn zu stärken, ihr Leben zu verlängern!“ — sagte Albina.
Es dämmerte schon der Morgen, als sich die Freundinnen auch noch ein wenig zur Ruhe niederlegten.
Am folgenden Tag war Antoniens erste Frage: nach Theodor und man erzählte ihr vorsichtig seinen gehabten Unfall. „O laßt mich, laßt mich zur Stadt gehen, ich fühle mich gesund und kräftig, es ist mir unmöglich ihn länger zu missen!“ so bat Antonia und Albina, Eugenia und Therese begleiteten sie dahin.
Theodor hatte sich nicht nur am Arm beschädigt, es hatte auch der Fuß etwas gelitten und er konnte sich nicht gut von der Stelle bewegen. Langenheim und Volkmars hatten es daher für beßer gehalten, ihn Antoniens Anwesenheit zu verschweigen, um nicht seine Ungedult noch heftiger und schmerzlicher zu machen. Wie war ihm, als sie nun in sein Zimmer trat! — Ein Schrei des Entzückens und — sie lag an seinem Herzen! Fest, fest umschlang er sie mit dem gesunden Arm und wollte sie nicht loslassen: doch ihr bleichgewordenes Antlitz ließ die Freundinnen eine zurückkehrende Schwäche befürchten, und die Bitten derselben brachten Theodor zur Besinnung, welche ihm beinahe die Freude geraubt hatte. Durch zweckmäßige Mittel fühlte sich Antonie bald wieder ganz gestärkt und sie wich nun nicht mehr von Theodors Seite. Auf das zärtlichste sorgte sie für ihn, suchte seine Schmerzen und das Unangenehme seiner Lage ihm so viel als möglichen zu versüßen und segnete oft laut den wackern Unbekannten, welcher nach Langenheims Erzählung ein noch größeres Unglück verhütet hatte. Am Mittag trat dieser mit einem jungen Mann in das Zimmer und sagte: „da hat mir ein glücklicher Zufall deinen Retter in den Weg geführt, lieber Theodor! Eben wollte er mit seinem Wanderbündel wieder zum Thor hinaus; ich erkannte ihn und bat: er möchte mit mir kommen, du sehntest dich, ihn kennen zu lernen und ihm zu danken. Es hat mir aber viel gekostet, bis ich ihn dazu bewegen konnte.“
Antonie, welche Theodor liebkosend, an seinem Armseßel stand, hatte sich bei ihrem Eintritt weg, und an ein Fenster begeben: denn sie erkannte in dem jungen Reisenden, Georg Werner. Theodor nöthigte ihn freundlich sich niederzusetzen und rief: „Antonie! willst du wohl diesem lieben Freund hier Brod und Wein bringen!“ Georg blickte bei diesem Namen um sich, erkannte Antonien und stammelte verlegen und ganz roth im Gesicht die wiederholte Versicherung: daß er sich unmöglich lang aufhalten könnte. „Das soll auch nicht geschehen,“ versicherte Theodor, „sie wird gleich wieder da seyn.“ Sie kam wirklich und reichte ihm mit freundlicher Unbefangenheit ein Glas Wein und ein Stück Kuchen, wandte sich dann gegen Theodor und sagte: „Wunderbar sind die Wege des Schicksals! dieser junge Mann und ich sind alte Bekannte. In seiner Eltern Haus wurde ich aufgenommen, als ich einst keinen Zufluchtsort hatte. Georg verstand es, mir mit zarter Aufmerksamkeit das Drückende meiner damaligen Lage weniger fühlbar zu machen und nun muß er mir sogar mein Theuerstes auf der Welt, dich meinen Theodor, vor einem großen Unglück schützen! Innigen Dank dafür lieber Freund! Ach, noch ist mir der Augenblick gegenwärtig, wo Sie mir mit freundlicher Sorge in mein einsames Kämmerchen ein Glas Wein und ein Stück Kuchen brachten! Wäre es mir doch vergönnt, so, wie ich Ihnen hier eine ähnliche Erfrischung reichen konnte, ihnen auch den lezten wichtigen Dienst vergelten zu können!
Doch wie ist es Ihnen bisher gegangen? gewiß, ich nehme den herzlichsten Antheil! und mein Theodor,“ fuhr sie fort, indem sie ihren Arm um ihn schlang, „wird aufrichtig mit ihnen fühlen, wenn ich ihm später von Ihrem Schicksal erzählen werde.“ Georg hatte sich gesammelt. Er konnte dem offenen und herzlichen Benehmen Antoniens unmöglich Verschloßenheit entgegen setzen und mußte sich, wenn auch mit einiger Verlezung seines Gefühls, ihres Glücks und des Zufalls freuen, welcher ihn in den Stand gesezt hatte, eine große Störung desselben abzuwenden. Er wurde zutraulich und erzählte: daß er nach Antoniens Entfernung noch viele harte Kämpfe mit seinen Eltern zu bestehen hatte; jedoch Rosinchen führte endlich selbst die Trennung herbei, indem sie sich mit einem Unterofficier, eines im Städtchen einquatierten Truppen Detachement, in ein Liebesverständniß eingelassen hatte. Nun mußten ihn seine Eltern selbst frei sprechen und um die Leiden der Vergangenheit ein wenig zu vergeßen, auch um anderer Vortheile willen, habe er sich vor wenig Wochen auf die Wanderschaft begeben, wo ihn sein Weg zur glücklichen Stunde in diese Stadt geführt hatte. Von dem Dank und den herzlichsten Wünschen der Liebenden begleitet, sezte er bald darauf seine Reise weiter fort.
Eugenia hatte nun ihr schönes Werk vollendet und glaubte der glücklichen Antonie entbehrlich zu seyn. Sie verbarg auch nicht, daß sie sich herzlich nach ihrem Gatten sehne, in deßen zärtlichen Briefen sie ihre Belohnung für die Opfer fand, welche sie, als liebende Gattin der Freundschaft gebracht hatte. Albina riefen nothwendige Geschäfte auf das Landhaus zurück und Eugenia entschloß sich, sie dahin zu begleiten, um daselbst Abschied zu nehmen und ihre dort befindlichen Effecten einzupacken.
Der Weg dahin wurde den Freundinnen durch trauliche Gespräche verkürzt. In gebildeten und tieffühlenden Gemüthern giebt es der Berührungspuncte so viele, welche dann ein weites Feld gegenseitiger Mittheilungen eröffnen.
Auch Albina und Eugenia fanden in ihren Ansichten und Urtheilen über die Erscheinungen im Leben, reichen Stof zu gehaltvoller Unterhaltung; und so waren sie denn auch auf das interessante Thema: über den großen Einfluß, welchen der Umgang mit geliebten Personen auf den Charakter des Menschen behauptet, gekommen. Eugenia schien ergriffen und gieng eine Zeitlang schweigend neben Albinen. Endlich sagte sie: „Zu der Behauptung dieses Satzes, gebe ich selbst den unwiedersprechensten Beleg. Ja theure schwesterliche Freundin! ich kann unmöglich dem Drang widerstehen: dir einen Beweiß meines unbegränzten Vertrauens zu geben und zugleich mir den Genuß einer Mittheilung zu verschaffen, den ich mir noch bei keiner Seele gestattet habe. In deine verschwiegene Brust weiß ich, darf ich Alles niederlegen, was ausserdem mit mir begraben werden würde. Du, du bist das Wesen, dem sich alle Herzen öffnen, das mit einer sanften Gewalt, alle an sich zieht und — ohne es zu wollen, sich dieselben zu eigen machen weiß. Ich würde unzufrieden abreisen, hätte ich dich nicht ganz in das verborgene Gebieth meines Innern blicken lassen: denn ich kenne nichts heiligeres und süßeres in der Freundschaft, als die gegenseitige Enthüllung der Herzen. Nur dann, wenn du alles von mir weißt, nur dann sind wir ganz vereinigt und bleiben es in jeder Entfernung für dieseits und jenseits.“ Albina umarmte tief bewegt die begeisterte Freundin und versicherte innig: sie würde ihr freudig dies volle Vertrauen erwiedern und ihr auch alles mittheilen, was ihr vielleicht noch in ihrem Schicksal unbekannt wäre: doch jezt möchte Eugenia ihre Begierde: etwas der Freundin Wichtiges zu erfahren, befriedigen.
Eugenia begann mit niedergeschlagenen Augen das Bekenntniß: daß sie in ihren Mädchen-Jahren, ja noch im Anfang ihrer Ehe so viele irrige Meinungen und Ansichten, so viele tadelnswürdige Neigungen und Eigenschaften beseßen habe, daß sie jezt mit tiefer Beschämung sich derselben erinnere. „Und die gänzliche Umwandlung meiner selbst,“ sagte sie gerührt, „hat — die Liebe bewirkt! eine reine Liebe, deren Andenken eine stille Ruhe in meiner Seele verbreitet, mich zu jeder Tugend anfeuert und mir den Standpunct, auf welchem ich unter den Menschen stehe, erst recht theuer und wichtig macht.
Höre, wie es zugieng. Ein naher Verwandter meines Mannes, Ottmar von Wildenfels, der als Major im heiligen Krieg seine Gesundheit und seinen geraden Körperbau eingebüßt hatte, kam unerwartet zu uns und bat mit sanfter Stimme um freundliche Aufnahme, da sein trauriges Schicksal ihm unter fremden Menschen noch schwerer zu ertragen fiele. Mein guter Mann gewährte ihm mit Freuden seine Bitte und er zog bei uns ein. Sein Anblick hatte einen ganz eigenen Eindruck auf mich gemacht. So viel männliche Liebenswürdigkeit und so viel Unglück hatte ich noch nicht vereinigt gesehen. Er war innerlich verletzt und sein lahmer rechter Arm verkümmerte ihn jede Erleichterung seines harten Geschicks. Wissenschaftlich gebildet, edlen Sinnes, zart und tieffühlend, ein geschickter Mahler und Dichter, hatte er manche Quelle des Trostes in sich, doch von seinen vielen Fertigkeiten und Kenntnißen konnte er, vermöge seiner Unbehülflichkeit keinen Gebrauch machen. „Dir lieber Vetter,“ sagte mein Gatte bei dem ersten Mittagessen, „muß eine sanfte weibliche Hand zu Hülfe kommen, uns Männern fehlt hiezu der richtige Tact und die geschickte Weise; auch kann ich meiner übrigen Verhältniße und Geschäfte wegen meinen Wunsch, dir gefällig zu werden, kein völliges Genüge leisten; Eugenia! dir übergebe ich also unsern leidenden Freund! trage alles dazu bei, ihm bei uns sein Unglück vergeßen zu machen.“ Ich wagte nicht aufzublicken und stammelte verlegen eine kurze Zusicherung meiner Bereitwilligkeit. Nun mußte ich sogleich mein Amt übernehmen und alles dem armen Invaliden vorschneiden und zureichen. Er ergrif mit der linken Hand die Meinige, führte sie dankbar und ehrerbiethig zu den Lippen und eine Thräne glänzte in seinem schönen dunklen Auge. Ich mußte mich entfernen, so sonderbar war mir zu Muth. Gefühle, mir ehedem ganz unbekannt, erwachten in meiner Brust mit aller Lebhaftigkeit und drohten, die sonst darinn herrschende kalte Ruhe ganz daraus zu verdrängen. Doch fand ich in der Einsamkeit wieder so viel Stärke, meine Bewegung zu verbergen und gefaßter kehrte ich in das Zimmer zurück. Mit der größten Sorge richtete ich darauf die für unsern Gast bestimmten Gemächer zurecht! und es schien, als wäre ich in der kurzen Zeit unsers Beisammenseyns, schon völlig in den Geist seines Wesens eingedrungen, als wären mir alle seine Neigungen und Wünsche bekannt. Ich decorirte die Wände seines Zimmers mit den vorzüglichsten Kupferstichen, die ich mit Bewilligung meines Mannes aus allen Theilen unsers Hauses zusammentrug; ich versah ein Bücherschränkchen mit den besten und unterhaltensten Schriften die wir besaßen; ich schmückte die Fenster mit Blumentöpfchen, die Tische mit Blumenvasen und Einfachheit suchte ich mit der höchsten Reinlichkeit und Ordnung zu verbinden. Dabei war meine Stimmung so ganz verschieden von der ehemaligen; ich gefiel mir so wohl in den Hausmütterlichen Beschäftigungen, die mir sonst eine Last waren, daß ich mir selbst räthselhaft erschien. Mein Gatte, welcher in meinen Anordnungen nur die Gewährung seiner Wünsche fand, dankte mir mit einer herzlichen Umarmung und führte, als ich alles vollendet hatte, Ottmar in sein kleines Besitzthum. Als mich dieser wieder sah, sagte er mit Innigkeit: „Wie kann ich der Schöpferin meines höchst angenehmen Daseyns in diesem theuern gastfreundlichen Hause genug danken! Ihr Gatte hat mich versichert: die liebliche Einrichtung meines Zimmers wäre ganz ihr Werk. Kennt denn Eugenia so genau meine Lieblings-Gegenstände, daß sie auch nichts vergaß, was mir Freude und Genuß gewähren kann?“ — Ich erröthete und suchte nach Worten, welche ihm meinen Antheil an seiner traurigen Lage, ruhig doch herzlich versichern sollten. Er drückte mir die Hand und sagte: „ich bin nun völlig mit meinem Schicksal ausgesöhnt und erwarte in diesen lieben Umgebungen gefaßt den Freund, der mich aus der Erde Prüfungsschule in das Land der Vollendung führen wird.“ Ich blickte ihn ängstlich an. „Ja meine Freundin!“ fuhr er fort. „Ich habe dem Vaterland die Aussicht auf ein langes Leben geopfert. Eine feindliche Kugel fuhr mir durch die Rippen, auf der Seite wieder heraus und verlezte mir die innern Theile so stark, daß ich täglich bedeutender die tödlichen Folgen davon empfinde.“ Ich fühlte Thränen über meine Wangen träufeln und die Bewegung, in der ich mich befand, benahm mir das Vermögen auch nur ein Wort hervorzubringen; aber er sah, was in mir vorgieng und sagte: „Dank, tausend Dank für Ihr Mitleid, das aus Ihrem Auge spricht! aber lassen Sie die Ueberzeugung: daß eine höhere Hand unser Geschick zu unserm wahren Besten leitet, den Sieg über jede zu weiche Regung in unserm Innern davon tragen. Auch ist es ja ein schöner Tod, der Tod fürs Vaterland! Ich bin stolz darauf und darf es seyn, denn dieser Arm hat, ehe er zerschmettert wurde, die Schmach der Unterdrückten grimmig gerächt.“ Er wurde bei dieser Aeußerung so heftig, daß mich die Angst entsezlich ergriff: es möchte ihm Schaden bringen. Herzlich froh war ich daher, als mein Gatte herein trat und Ottmar anbot: mit ihm in eine Abendgesellschaft zu gehen. Ich war nun allein und forderte mich selbst zu einer strengen Rechenschaft über den in so kurzer Zeit gewaltig veränderten Zustand meines Innern auf. Sie gab mir Aufschluß darüber, den ich nun auch dir theure Albina nicht vorenthalten will. Ich hatte nemlich noch nie geliebt! zur geistigen Eitelkeit geneigt fand ich genug Befriedigung im eigenen Wissenschaftlichen Forschen und in der Anerkennung meines Wissens von Andern. Diese Neigung verdrängte jedes andere zartere und tiefere Gefühl und gab meinem Geist eine ganz falsche Richtung. Ich hatte für nichts Sinn, als für das, was Bezug auf die Vollendung meiner Verstandesbildung hatte. Das Herz gieng völlig leer aus und wollte es hie und da unter Menschen sein Recht geltend machen; so überstimmte es augenblicklich der kalte hochmüthige Geist; der mich beherrschte. Mit dieser Gesinnung lernte ich meinen Gatten kennen. Seine gründliche Gelehrsamkeit und sein Gefallen an meinem Wissen, hieß mich seinen Wunsch nach meinem Besitz Gehör geben, und aus diesem Gesichtspunkt betrachtete ich auch mein ehliches Verhältniß zu ihm. Ich sah in ihm den einsichtsvollen Lehrer, welcher in meinen Augen nun doppelte Verpflichtung hatte, mich bei meinem wissenschaftlichen Streben zu unterstützen; hingegen seine übrigen treflichen Eigenschaften glitten an meinem verblendeten Blick leicht und ohne Werth vorüber. Mein Hauswesen war und blieb klein, die wenigen, doch mir immer lästigen Geschäfte, welche ich nicht den Dienstboten übertragen konnte, waren schnell besorgt und ich hatte viel Zeit für meine Lieblings-Beschäftigung. Ich wurde nun Schriftstellerin; tummelte mich aber immer auf dem Felde, mystischer Gegenstände und wollte unserm Geschlecht durchaus gelehrte Speise auftischen, indem ich philosophische und wissenschaftliche Gegenstände in ein gefälliges Gewand kleidete. Der Beifall meines Gatten und der Recensenten, den sie meiner Schreibart schenkten, ließ mich den Tadel verschmerzen, den ich oft über den Gehalt der Werke selbst erfahren mußte. Da uns die Vorsicht die Eltern-Freuden versagte, so konnte mein Herz auch von der Seite der mütterlichen Gefühle auf keinen Zeitpunct hoffen, wo deßen tieferes Empfindungs-Vermögen sein Daseyn beurkunden würde: allein dieser Zeitpunct erschien dennoch, wenn auch etwas später und unter andern Umständen.
Die Liebe hatte sichs vorbehalten, ihre Allgewalt an mir zu beweisen. In der Person des Majors drang sie mächtig in mein Herz; ich konnte es mir nicht abläugnen und diese Entdeckung machte auf mein Pflichtgefühl einen betrübenden Eindruck. Es entstand ein heftiger Zwiespalt in meinem Innern; die Gattin und die Freundin eines Leidenden, standen gegeneinander auf und jede forderte ihre Rechte. Ich gelobte mir endlich: mit der größten Vorsicht meine übernommenen Verbindlichkeiten bei unserm Gaste zu erfüllen, doch streng das eigene Herz zu hüten, damit es nicht nachgiebig der erwachten Neigung zu viel Raum gestatte.
Die Abendstunden abgerechnet, wo sich Ferdinand Ottmarn wiedmen konnte, war dieser den ganzen Tag allein auf meinen Umgang beschränkt und angewiesen. Ausser unserm Hause wollte er keine Bekanntschaft anknüpfen und schien nichts zu wünschen, als immer in meiner Nähe seyn zu können. So redlich mein Wille und Vorsatz war wenn ich mich allein befand: die gehörige Herrschaft über mich und meine Gefühle zu behalten; so schwer wurde es mir, ihm treu zu bleiben, wenn der Major Hülfe bedürfend mit weicher bittender Stimme sich an mich wandte, wenn er neben mir saß und von seinen frühern Erfahrungen offen und herzlich zu mir sprach, oder wenn ein lang verhaltener körperlicher Schmerz ihm eine sanfte Klage entlockte; inniges Mitleid riß mich dann zu den theilnehmensten Aeußerungen, zu der aufmerksamsten Sorge für ihn hin: oder wenn ich ihm vorlas und seine gehaltreichen, richtigen Urtheile hörte, wenn er absichtslos scheinend, über meine sonstigen Ansichten und Grundsätze, gleich als über die, einer dritten Person sprach und durch seine ausgesprochenen Meinungen, die Meinigen sanft und schonend zu berichtigen strebte: dann regte sich das sehnsüchtige Verlangen in mir: ihm meine Achtung doch recht beweisen zu können; oder wenn er endlich gar mit dem ihm eigenthümlichen Feuer mir versicherte: was ihm meine Freundschaft, meine Pflege, meine Unterhaltung gewähre, wenn er mir für jede kleine Dienstleistung mit einem Blick, mit einem Händedruck dankte, in welchem stille verborgene Liebe brannte: dann begann der Kampf in mir aufs Neue und in solchen Fällen konnte ich nur durch die Flucht der Gefahr entgehen, mich nicht zu verrathen; ich entfernte mich dann unter irgend einem scheinbaren Vorwand und kehrte gefaßter zu ihm zurück. Doch der Zeitpunct nahte, wo jede meiner Vorsichts-Maßregeln durch die Macht des Augenblickes niedergeworfen wurde, wo sich mir — ach nur für einmal! ein großes edles Menschen-Herz ganz enthüllte und ich die heiligste Stunde meines Lebens feierte.
An einem Abend, an welchem mein Gatte durch eine Einladung zu einem Collegen abwesend seyn mußte: saß Ottmar auf unserm, nach Landessitte, gleich einem Zimmer garnirten Vorplatz, welchen noch einige, in voller Blüthe prangende Orangen-Bäume zierten, an meiner Seite. Wir hatten Thee zusammen getrunken, wobei ich ihm den gewöhnlichen Beistand leistete. Er schien mir kränker und in einer besonders weichen Stimmung, die auch mir sich mittheilte, so, daß ich mir immer Etwas zu schaffen machte, um meine Rührung zu verbergen. Unter andern brach ich von einem der Orangen-Bäume einen blühenden Zweig und legte ihn vor Ottmar hin. „Ein frischer Schmuck für Ihre Vase lieber Freund!“ sagte ich, „doch entfernen Sie ja diese Blüthen bei Nacht aus Ihrem Zimmer, ihr Duft ist zu stark, er könnte Ihnen schaden.“ Er sah mich wehmüthig lächelnd an — „Schaden?“ — wiederholte er; „bald kan mir nichts Irdisches mehr schädlich seyn. Theure Eugenia! wie diese Blüthen nur als Treibhaus Pflanze hier gedeihen können und in ihrem eigentlichen Vaterland kräftig und in Fülle empor streben: so wird meine Seele, deren Gefühle hier auf Erden nicht alle hervorbrechen konnten und durften, sich bald jenseits in ihrer Heimath entfalten. Dort,“ er drückte mir heftig die Hand, „ist das Feuer, das ich in mir trage, eine heilige Gluth, hier ist es eine versengende Flamme. Eugenia ich sterbe bald! — Ein starker Bluthusten, der mich kurz vorhin überfiel, giebt mir diese Ueberzeugung. Traure nicht geliebtes Wesen!“ fuhr er fort, als ich das Tuch vor die weinenden Augen hielt. „Es ist gut daß ich sterbe — o der schrecklichen Möglichkeit: daß ich dein Leben vergiften könnte! und das Meinige wäre mir künftig eine Qual; so aber scheide ich schuldlos und ruhig: denn ich habe mit meiner Leidenschaft redlich gekämpft und wenn dies Herz stille steht, wird meine Freundin des armen Pilgers, der ihr auf dem Lebensweg begegnete, freundlich und vorwurfsfrei gedenken können. Nicht wahr?“ — Ich reichte ihm still weinend die Hand. „Mach mich nicht zu weich liebe Eugenia!“ fuhr er fort. „Ich habe dir noch viel zu sagen, ehe der Tod mir den Mund verschließt und — ich weis es — es sind mir nur noch wenige Stunden dazu vergönnt. Sie sind mir deswegen um so feierlicher und ich will sie benützen, um einen ewigen Bund von höchster Wichtigkeit zwischen uns zu schließen. Bist du es zufrieden? und darf ich ohne Rückhalt mein Herz dir eröffnen? —“
„Ottmars reiner Sinn bürgt mir für Alles!“ erwiederte ich tief gerührt. „Dank für dies beseeligende Vertrauen!“ sagte er und drückte meine Hand an sein Herz. „Ich will es verdienen. Ich will dir alle meine, in deiner Nähe gesammelten Beobachtungen und ihre Resultate mittheilen. Sie gründen sich auf eine vieljährige Erfahrung und Menschenkenntniß; auf eine unaussprechliche aber reine Liebe zu dir und auf den heißen Wunsch, dich, durch dich selbst recht glücklich zu machen.“ Auf seine Bitte rückte ich näher zu ihm, da ihm das laute Sprechen schwer wurde und gab ihm das vom Arzt verordnete Gelée zur Erfrischung. Während einer kleinen Ruhe, die er sich gestattete, wo er mit zurückgebogenem Haupt auf dem Sopha-Kißen ein wenig zu schlummern schien, bemerkte ich mit tiefem Schmerz in dem blaßen, aber männlich schönen Antlitz, die Spuren einer baldigen Verklärung und ließ ungehindert meinen Thränen freien Lauf. Endlich richtete er sich mühsam wieder auf und sagte: „Ich fühle mich wieder etwas stärker und nun laß mich aber von der mir noch geschenkten kostbaren Zeit nichts mehr verliehren.“ Seine lezte wichtige Rede, welche er, oft von heftigen Husten unterbrochen und mit zuletzt immer mehr heisser werdenden Stimme sprach, habe ich bald nach seinem Hinscheiden aus meinem Gedächtniße hervorgerufen und niedergeschrieben, um sie dem möglichen Vergessen zu entziehen. Es sind festliche Stunden in denen ich sie zur Hand nehme und mir jene heiligen Augenblicke vergegenwärtige. Diese Worte bewähren dann jedesmal ihren segensreichen Einfluß auf meine Denk- und Handlungsweise und neue Kraft zur Tugend, zur treuen Erfüllung meiner Gelübde gewähren sie mir.“ Eine steinerne Bank unter einem dicht belaubten Kastanienbaum lud die Freundinnen auf dem Wege ein, hier auszuruhen; sie setzten sich Arm in Arm und beobachteten lange ein tiefes Stillschweigen. Ein sanftes Säuseln in den grünen Wipfel, däuchte ihnen wie Geisterwehen; in der ländlichen Stille unterbrach nichts den hohen Flug ihrer Gedanken, welche sich ungestört mit überirdischen Gegenständen beschäftigten. Endlich zog Eugenia aus einem Brieftäschchen ein Blatt Papier hervor und sagte: „Hier ist das theure Vermächtnis meines vollendeten Freundes — Ganz ist dieser feierliche Augenblick dazu geeignet dir meine Albina es mitzutheilen. Mir ist, als wäre Ottmars Geist uns recht nahe! o wohl mir, wohl mir, daß ich mit einer himmlischen Ruhe mich darüber freuen und seiner gedenken kann! hier“ (sie deutete auf die Brust) „hier ist es so stille, wie es jezt in der Natur um uns her ist. Ja Albina! deine reine Seele wird in dem, was ich dir noch eröffnen will, gewiß nichts finden was sie verdammen müßte. Vernimm also die lezten Worte meines Freundes: Er begann: „Meine Eugenia ist in einem ihr selbst unbekannten reichen Besitz der herrlichsten Gefühle, vereinigt mit einer Stärke des Geistes, welche mich in dem Entschluß befestigt alles, was in Beziehung auf sie und mich, schon lange mich beschäftiget, ihr anzuvertrauen. Bei einer andern deines Geschlechts würde ich es nicht wagen. Du aber verstehst mich, das bin ich gewiß, du vermagst allen meinen Aeußerungen die rechte Deutung und Anwendung zu geben; so laß mir denn gestehen, daß ich meine Freundin, wie mich selbst kenne, daß ich durch stille Beobachtung deines ehelichen und häuslichen Verhältnißes und aus den Producten deines Geistes, welche mir Ferdinand mittheilte, und welche nicht den Kreiß, in dem sich das Weib alleine bewegen soll, sondern einen Außergewöhnlichen durchschreiten, mit Schmerz gewahr wurde: daß meine Eugenia den Weg verfehlte, den ihr Geschlecht wandeln soll. Die steile Bahn, welche uns Männern vorgezeichnet ist, lockte sie, durch den von fern her winkenden Loorbeer und auf diesem Pfad blühten ihr nicht die Blumen, welche durch ihren Duft, den weiblichen Sinn für eigenthümliches Wirken, und für die ihm verliehenen Genüsse und Freuden empfänglich machen.
Indeßen konnten diese Bemerkungen, den Eindruck nicht schwächen, den dein Anblick bei mir bewürkte und den deine zarte Sorge für mich, deine traulichen Mittheilungen, deine geäußerten Grundsäze und dein würdevolles Betragen verstärkten. Die tiefste Achtung gesellte sich zur feurigsten Liebe. Als ich durch dies alles bei dir das innigste Mitleid, als ich — o laß mich, laß mich mein Glück aussprechen, als ich hie und da einen Strahl der Liebe durchbrechen sah: da gewann meine Leidenschaft die höchste Stufe. Doch Gottlob! Ottmar würdigte sich nicht selbst durch ein Vergehen herab, das in seinen Augen unverzeihlich schien. Die Gastfreundschaft, das Vertrauen deines würdigen Gatten wollte ich nicht mißbrauchen, dir meine Eugenia den sichtbaren Kampf mit der Pflicht nicht geflissentlich erschweren. Ach, nur in ganz glücklichen Augenblicken, wo mich deine Nähe so unaussprechlich beseeligte, drohte die verhaltene Flamme hervor zu brechen. Gewiß! dieser Kampf hat auch meine Lebenstage verkürzt, aber dennoch ist mir die Erinnerung daran ewig theuer. O mit welcher hohen Freude bemerkte ich, daß meine Eugenia durch den Schwesterlichen Umgang mit ihrem Freunde immer und immermehr sich der schönen Eigenthümlichkeit ihres Geschlechts näherte! Wie gerne sah ich, während mancher, Rührung erregenden Unterhaltung, Thränen in diesem Auge glänzen, welche sie vorher streng in ihren Schriften, als eine leicht zu mißbrauchende Weichheit verurtheilte. Ich empfand es tief: so, nur so kann meine Freundin glücklich werden und glücklich machen. Den zerstörenden Feind in meinem Körper fühlend, wollte ich noch die wenigen Tage, den süßen Duft der mir heimlich blühenden Blume, eines stillen verborgenen Glücks, alleine genießen und durch eine voreilige Berührung den zarten Kelch mir nicht selbst verschließen; faßte aber den Entschluß: bei der Annährung meines Todes jene Blume auch für Andere, vorzüglich für deinen Ferdinand zu erhalten zu suchen.
Der Augenblick ist gekommen!“ fuhr er fort, ergrif meine Hand und sah mir mit einem seelenvollen Blick ins Auge.
„Der Sterbende — ich betrachte mich als einen solchen — muß jede Hülle abwerfen und so will ich denn auch frei und offen dir bekennen! daß ich dich Eugenia liebte, wie noch kein weibliches Wesen auf Erden! daß ich diese Liebe mit hinüber nehme in die beßre Welt und dort sehnsüchtig des Augenblicks harren werde, wo ich dir entgegen eilen und die Freuden der Ewigkeit mit dir theilen werde können. Gieb mir den Trost mit in die bange Sterbestunde, daß auch du mich geliebt hast!“ Er hielt inne und Thränen füllten seine Augen.
Meiner nicht mehr mächtig, sank ich weinend ihm an das Herz. Er drückte mich sanft an sich und sagte: „O der seeligen Minute! wie versüßt sie mir den Tod! aber Eugenia, daß sie nie reuevoll uns erscheine, so sey dies Bündnis unserer Seelen geheiliget durch fromme Vorsätze.
Ich habe deinem Gatten nichts geraubt: denn du hast ihn nicht geliebt! Mir Glücklichem war dies Gefühl in deinem Herzen aufbewahrt. Aber Ferdinand ist gut und edel, ist dein Gatte und verdient, daß du ihn mit inniger, und zärtlicher Achtung zugethan bleibst — auch deine Zufriedenheit wird dabei gewinnen und ich werde mich dort freuen, etwas dazu beigetragen zu haben. Ich scheide — die Liebe zu mir wird in deiner Brust einen heiligen Charakter annehmen. Liebe ist kein Verbrechen, nur die Leidenschaft ist es und verklärte Geister kennen keine Leidenschaft, und erwiedern sie auch nicht. Liebe ist der Grundton im Universum. Liebe verbindet die Menschen mit Gott, die Engel mit den Menschen, die Sterblichen untereinander. Dieses Band Eugenia, das du ehedem zu verschmähen schienst sollst du ehren und dich damit schmücken; es ist die schönste Zierde des Weibes. So liebend, darfst du auch meiner gedenken, als deines treuesten Freundes, als deines Schutzgeistes. O ich will — ist es mir vergönnt, immer dich umschweben und es wird meine Seeligkeit erhöhen, wenn meine Freundin auf den nun betrettenen Pfad, immer weiter zur Vollendung schreitet; wenn sie die Pflichten der Gattin in ihrem ganzen weiten Umfange erfüllt, wenn sie für Anderer Wohl und Weh ein immer gleich offenes Herz darbietet, und nicht mehr durch kalte Sophisterei die beßern Empfindungen verdrängt, sondern was die Edlen ihres Geschlechts seyn sollen, als sanft tröstender, mitfühlender, rettender Genius, unter den Menschen wandelt.“ „O Ottmar!“ rief ich tief erschüttert aus, „ich will es! nimm das feierliche Versprechen, daß ich stets dieser Stunde gedenken werde. Ja, ich gestehe es dir — die Liebe zu dir hat mich veredelt und auch in Zukunft wird sie als stärkender Engel mich begleiten durchs Leben.“ „Heiliger Gott!“ sagte er, mich an sich drückend, den schon matten Blick, in welchem noch einmal Feuer zurückkehrte, gen Himmel hebend — „heiliger Gott! wie weise und gütig sind deine Wege! du hast mich durch mein Leiden veranlaßt, Trost bei guten Menschen zu suchen; ich habe noch mehr gefunden, Liebe, beglückende Liebe wurde mir zu Theil! und vergönnt war es mir, einer theuern Seele Wohl und Heil zu befördern und das der meinigen damit zu begründen. Nun sind wir Eins hier und dort in der Liebe zu dir und deinen Geboten! und die lezte Zeit meines Erdenaufenthalts hast du mir guter Gott da angewiesen, wo sie mir so genußreich verstrich und wo ich schon den Vorschmack deiner himmlischen Freuden empfand. Wie huldreich und gnädig ist Gott!“ — Mit diesem frommen Gebet beschloß mein edler Freund seine schöne irdische Laufbahn.“ — Eugenia faltete hier das Papier zusammen und feierte stille und mit Thränen, das Andenken dieser schmerzlich süßen Stunde. Auch Albina war höchst gerührt, wollte aber die Freundin durch keine Aeußerung in ihren heiligen Empfindungen stören. Nach einer Weile fügte Eugenia mit zurückgekehrter Fassung noch folgendes jener schriftlichen Mittheilung bei. „Erschöpft sank Ottmar nach jener Ergießung seines Herzens auf das Sopha-Kißen zurück, schloß die Augen und preßte krampfhaft meine Hand. Meine Angst war auf das Höchste gestiegen; ich suchte die Klingel zu erreichen und sandte die Magd schnell nach dem Arzt. Er kam und zuckte die Achsel. „Lassen Sie ihren Gatten ruffen,“ sagte er; „unser Leidender wird bald vollendet haben.“ Und so war es. In meinem Arm hauchte er nach einigen starken Athemzügen die schöne große Seele aus. Diese Hand trocknete ihn den Todesschweis von der Stirne, diese Hand drückte ihn die Augen zu und ich legte sie auf das edle Herz, das nun ausgeschlagen hatte und wiederholte im Stillen meine heiligen Gelübde.
Ferdinand traf ihn nicht mehr bei Leben an und in aufrichtiger Trauer um unsern Verlust, vereinigten sich an seinem Sarge inniger unsere Herzen. Ottmars Beerdigung hatte ich angeordnet, da er mir deswegen seine Wünsche schon mitgetheilt hatte. Würdevoll, aber einfach und stille wurde sie vollzogen. Seine Uniform und alle theuer erworbenen Ehrenzeichen schmückten ihn im Sarge; einen blühenden Orangenzweig legte ich in seine kalte Hand und unter sanften Harmonieen blasender Instrumente wurde er dem kühlen Schoos der Erde übergeben. An seine Grabstätte pflanzte ich weise Rosen und oft weilte ich daselbst und holte mir neue Kraft zur Ausführung frommer Entschlüße. Ferdinand schien meinen Schmerz, um den mir von ihm selbst Anvertrauten sehr natürlich zu finden, ohne mehr zu ahnen, vielmehr dankbar dieser Erscheinung in unserm sonst ziemlich alttäglichen Leben, die Umänderung meiner Denk- und Handlungsweise zuzuschreiben: da er einen sehr ruhigen, durchaus nicht zur Eifersucht geneigten Charakter besitzt und durch meine Umwandlung keinen Nachtheil, sondern für sich und das Hauswesen die größten Vortheile gewahr wurde; ja immer herzlicher, immer zufriedener wurde unser Verhältnis: denn ich bemühte mich durch vermehrte Beweise meiner achtungsvollen Anhänglichkeit an Ferdinand, die Grundpfeiler unsers ehelichen Glückes zu befestigen und betrachtete von jezt an, meinen Standpunct als Gattin und Hausfrau als den Höchsten und Wichtigsten; den Beschäftigungen am Schreibtisch wiedmete ich nur meine Musestunden. Meine Feder bearbeitete nun ganz andere Gegenstände als vormals und ich darf nach dem Ausspruch meines Gattens, mich der süßen Hoffnung überlassen: durch meine kleinen Schriften jezt mehr Segen und Genuß zu verschaffen und zu verbreiten als ehedem.“ Eugenia endigte hier mit der wiederholten Versicherung: daß ein reines dankbares Andenken an Ottmar, den Schöpfer ihres wahren innern Glückes, unvertilgbar in ihrem Herzen wohne, daß sie ihn nicht liebe, sondern gleich einen Heiligen verehre und sein Bild und seine Wünsche ihr als Maasstab durchs ganze Leben dienen würde.
„In dieser Gestalt ist die Liebe ein wahrer Schutzengel der Sterblichen,“ sagte Albina, „rein von allen irdischen Mängeln gehört sie auf solche Weise, wie sie sich dir theure Eugenia genähert hat, zu den himmlischen Genien, und ohne Vorwurf darfst du dich ihres beseeligenden Einflußes auf dein Leben freuen, ja ihr noch jezt huldigen. Wir gewinnen alle dabei! o Dank und Seegen dem Edlen! der dich für ein segenreiches Wirken in der Welt und für unsere Herzen gewonnen hat!“ „ja Dank und Segen ihm!“ versezte Eugenia, und blickte mit leuchtenden Augen nach der Höhe. „Er hat sich unaussprechlich verdient um mich gemacht und mit hoher Ruhe folgt ihm mein Geist in jene Gefilde. — Die Trennung von ihm war zwar schmerzlich, aber sein Leben würde für ihn und mich qualvoll seyn, indeß sein sanfter Tod uns beiden Frieden gab. Aus voller Ueberzeugung ruffe ich mit ihm aus: Wie huldreich und gnädig ist Gott!“ Unter diesen Gespräch hatten sie das Landhaus erreicht, und Eugenia schickte sich zur Abreise an. Mit heißem Dankgefühl für das was sie Antonien erzeigt hatte, trennten sich die Freunde, so wie diese selbst von ihr und wann sich das liebende Paar in seiner Wiedervereinigung höchst beglückt fühlte: so wurde Eugeniens Name mit Dank und Rührung genannt.
Antonie kehrte nach Theodors Herstellung auf das Landhaus zurück und half Albinen eifrig zu ihrer Ausfertigung. Guido’s Sehnsucht sprach sich in jedem seiner feurigen Briefe aus und gerne hätte er dieselbe durch einen Besuch befriedigt: allein die Entfernung war zu bedeutend und seine Berufspflichten, welche er mit Eifer und Treue erfüllte, gestatteten keine lange Abwesenheit. Er hatte sich einen sehr großen und segensreichen Wirkungskreis selbst gebildet, in welchem er unermüdet, unendlich viel Gutes stiftete und manche große Tugend übte. Endlich winkte ihm der Lohn für alle ausgestandenen Leiden sowohl, als für alle edlen und gemeinnützigen Handlungen, welche seine Tage und Stunden bezeichneten; und es ergieng der beglückende Ruf an ihn; daß er kommen und die Heißgeliebte zu sich holen dürfe. Langenheim lud ihn in einem freundschaftlichen Schreiben ein, mit dem Bedeuten: daß er in seinem Haus und aus seiner Hand die theure Pflegetochter erhalten würde. Er kam, und noch nie hat ein glücklicheres Paar seine Vermählung gefeiert. Die heißeste Liebe, auf die tiefste Achtung gegründet, von dem Segen der Eltern und dem innigen Antheil treuer Freunde begleitet, schüttete das Füllhorn ihrer reinsten Freuden auf das Haupt der Verlobten. William und Fany waren unendlich fröhlich über diese Begebenheit und unzertrennlich von den Eltern. Die andern Zöglinge Albinens aber und Aurelia trauerten herzlich über die Trennung von der geliebten und liebevollen Erzieherin. Cornelia war tief erschüttert als Albina mit dem überglücklichen Guido, mit den Kindern und Therese in den Reise-Wagen stieg; und es verstrichen Wochen und Monate, bis sie das Versprechen ganz erfüllen konnte, welches Albina den Abend vor der Abreise im Ton der kindlichsten Ehrerbiethung ihr abgenommen hatte: nemlich Aurelia für ihre Tochter anzusehen und mit dieser vereint das Wohl der anvertrauten Pfleglinge zu besorgen: denn obgleich durch Albinens Entfernung, Aureliens Auffenthalt bei Cornelien allen Reitz verlohren hatte, so hielt es doch diese zartfühlende Seele für ein großes Unrecht, die ohnehin jezt betrübte Mutter zu verlassen und hatte Albinen zugesichert: jene noch eine Zeitlang zu unterstützen; denn auf Antonien konnten sie nicht rechnen. Diese lebte ihrem zärtlichen Freund und der Sorge für ihre Zukunft, in Verfertigung ihrer von Cornelien großmüthig bestimten reichlichen Mitgabe von Kleidung und Wäsche. Nach Jahresfrist wurde auch sie mit Theodor verbunden, bei welchem fröhlichen Fest Albina mit ihrem Gatten innig theilnehmende Gäste waren.
Doch ich kehre zu diesen und zu der Zeit zurück, wo sie sich in E* häuslich niederließen. Albina und Therese begegneten sich in dem Wunsch: daß diese, jene dahin begleiten möchte. An dem Ort, wo durch die edelmüthige Freundin, Albinens Lebensglück gegründet wurde, in so ganz veränderter Lage mit ihr einige Wochen wieder zusammen zu seyn, mit ihr die Vergangenheit in der Erinnerung daselbst durchleben zu können: welche erfreuende Aussicht! Auch Therese hofte viel Genuß in der lezten Beziehung von der Reise nach E* und was sich beide von der Erfüllung ihres Verlangens im Geist versprochen hatten, gieng alles in Wirklichkeit über. Mit Hülfe Theresens war Albinens häusliche Einrichtung bald geordnet und dann ersuchten beide Frauen Guido, daß er sie in die ehemalige Wohnung Langenheims führen möchte. Nach eingezogener Erkundigung erfuhr er zu Theresens großer Freude, daß der gegenwärtige Besitzer der edelmüthige Asseßor Freiberg war, der sich so verdient um Langenheims gemacht hatte. Durch einen frühern Briefwechsel, wurde Langenheim benachrichtigt, daß sich der Rath nach jenem unangenehmen Auftritt in der Session abgefordert hatte und daß er Willens war, irgend wo Anders eine Anstellung zu suchen. Er versprach Langenheim, ihn von seinem neuen Auffenthaltsort, wenn er bestimmt seyn würde in Kenntniß zu sezen: allein es erschien kein Schreiben mehr und dieser glaubte sich vergeßen. Als nun Therese und ihre Freunde Freiberg besuchten, erfuhren sie, daß der Tod seiner Gattin ihn die Lust benommen habe, den ersten Plan auszuführen. Er hatte vorgezogen, in dem Ort zu bleiben, in deßen Nähe die Hülle seiner Lebensgefährtin ruhte und hatte es auch Langenheim geschrieben. Da der Brief also verlohren gegangen seyn mußte und er keine Antwort erhalten hatte, gestund er: dem Argwohn Raum gegeben zu haben, daß die Glücklichen nicht mehr des Freundes gedächten, der im Unglück ihnen so viel war. Höchst erfreut über diesen angenehmen Irrthum, gab er Theresens dringenden Bitten nach und entschloß sich, mit ihr zurück nach D* zu reisen um den Rest seiner Tage in ihrer Nähe zu zuzubringen. Hier machten Guido’s Eltern, Langenheims und der Asseßor in der großen Welt eine kleine, innig mit sich zufriedene Welt aus; und auch Cornelia gehörte in diesen Cirkel. Freiberg seegnete oft seinen Entschluß: denn ihm waren jezt theilnehmende Freunde so nothwendig, als Andere sonst seiner in dieser Hinsicht bedurften. Er war im höchsten Grad trübsinnig geworden und führte in M* ein einsames, freudenloses Leben. Wie süß war Theresens edlen Herzen die Hoffnung: dem Redlichen seinen thätigen, segensreichen Antheil, den er einst an ihrem Schicksal genommen hatte, vergelten zu können. Ach, für den guten Menschen ist dies eine hohe, eine himmlische Wonne! Auch Albina und Guido strebten nach diesem reinen Genuß.
Sie suchten nemlich die wackern Gärtnersleute auf, deren menschenfreundliche Denkungsart Albinen nicht nur das Leben erhielt, sondern auch demselben durch eine treue und fromme Erziehung die Kinderjahre hindurch, Werth gab.
Ihre Freude war unaussprechlich, Albinen wieder zu sehen, und zwar in einer so glücklichen Lage und mit so unverändert dankbaren und liebevollen Gesinnungen gegen sie. Die Eltern weinten vor herzlicher Rührung, als sich Albina wie ehedem traulich zu ihnen auf die Bank sezte, nach allem fragte, sich alles erzählen ließ und die Hauptabschnitte ihrer nachherigen Lebensgeschichte ihnen mittheilte. Die Kinder, deren mehrere in Dienste gegangen und nur noch die drei jüngsten derselben bei den Eltern sich aufhielten, schienen sie nicht mehr zu erkennen; doch wurden sie bald recht herzlich und gesprächig: denn Albina hatte sich einen großen Korb nachbringen lassen, welchen sie geschäftig auspackte und dann jedes reichlich und passend beschenkte. Auch Vater und Mutter giengen nicht leer aus; allerlei Bedürfniße der Nahrung wurden befriedigt und die Familie konnte nicht aufhören zu danken und sich zu freuen. „Ach Vater Paul!“ sagte Guido und umfaßte innig seine Gattin — „was ist all das gegen dies Kleinod welches ich euch zu verdanken habe! so lange ich lebe sollt ihr gewiß an Nichts Mangel leiden und dennoch werde ich meinem Verlangen, euch zu vergelten, immer nicht Genüge leisten können!“ Er hielt Wort, besuchte häufig mit seiner Albina den Ort ihrer Kindheit und erzeigte ihren Pflegeltern viel Gutes.
Nach ein paar Jahren kam Edmund von seinen Reisen zurück, erfuhr durch Paul die Verheirathung Albinens, und ihren Auffenthalt zu M* und fühlte sich stark genug, mit ruhiger Herzlichkeit sie selbst seines Antheils versichern zu können. In ihrem Haus und durch die Freundschaft des edlen Guido wurde ihm manche genußreiche Stunde zu Theil und hier war es auch, wo sein ehliches und häusliches Glück gegründet wurde. Ein schneller Tod Corneliens zog nemlich die Auflösung des ohnehin klein gewordenen Instituts nach sich und Aurelia wurde von ihrem Vater abgeholt. Doch dieser sollte die geliebte Tochter nicht lange besitzen. Er befriedigte ihr sehnsüchtiges Verlangen: ihre theure Albina wieder zu sehen und wollte mit ihr über E* zurückreisen.
Guido und seine Gattin freuten sich innig der lieben Gäste und wußten ihnen ihren Auffenthalt so angenehm zu machen, daß die dazu bestimmten Tage zu Wochen wurden. In dieser Zeit lernte Edmund, nun mit freiem Herzen, Aureliens Vorzüge kennen und eine zärtliche Achtung und Liebe war die Folge davon. Ach Aurelia hatte auch ihn noch nicht vergeßen! sie gestand es Albinen mit heißem Erröthen, und des Vaters Gefallen an dem jungen Mann, erleichterte diesem die Bewerbung um die liebenswürdige Tochter. Jener gab seine Einwilligung und Aureliens reines Glück erhielt die Vollendung durch die reizende Aussicht in Albinens Nähe leben zu können.
Corneliens Tod hatte Albinens kindliches Gemüth tiefbetrübt. Auch Theodor betrauerte sie herzlich. Ihn hatte die Verstorbene zum Besitzer des Landhauses ernannt. Bald darauf folgte der damalige Pächter seiner Herrin in die Ewigkeit nach. Die Stelle mußte ersezt werden und Antonie wurde dadurch in den Stand gesezt, sich gegen Jacob und seine Familie dankbar zu beweisen. Mit gänzlicher Beistimmung ihres Gattens wurde er berufen, das Gut zu pachten und erschien mit Freuden. Sie wurden unter den für sie vortheilhaftesten Bedingungen angenommen, erfüllten treu ihre Verpflichtungen und fühlten sich unbeschreiblich glücklich.
Nach zurückgelegten Wanderjahren besuchte Georg Werner seine Verwandte und holte sich bald darauf sein Bäschen Maria zum Weibe. Sie erhielt von Antonien eine reichliche Ausstattung. Dies war aber die lezte Freude, welche sie hienieden genoß. Nach dem zweiten unglücklichen Wochen-Bette, in welchen sie beidemale von einem todten Knaben entbunden wurde, führte sie der Tod aus den Armen ihres trostlosen Gattens, in das Land, wo keine Trennung ist.
Theodor flüchtete sich mit seinen wunden Herzen zu Albinen, gab seine Stelle am Hof auf und wiedmete sich der Tonkunst. Bei dieser sanften Muse fand er den kräftigsten Trost. Tragisch, dramatische Werke verdanken ihm ihre musikalische Bearbeitung. Eugenia hörte von Theodors traurigem Schicksale und von den Früchten, seiner im Dienst der Wehmuth stehenden Phantasie. Sie schrieb an ihn theilnehmende Briefe. Wie liebliche Töne aus der Jugendwelt klangen ihm ihre Versicherungen im Herzen wieder, und er fand in dem fleißig unterhaltenen Briefwechsel wahre Beruhigung.
Einem dieser Briefe war ein Schreiben Richards von Steinfels beigeschloßen, welcher durch den Profeßor von Antoniens Vollendung in Kenntniß gesezt worden war. Der Brief war folgenden Inhalts:
Nun, da der Engel, welcher mich einst der Tugend zuführte, in seine Heimath zurückgeeilt ist, nun darf ich es wagen, mich dem würdigen Manne zu nähern, welchen der kurze Besitz jenes himmlischen Wesens beglückte und welcher durch dessen Verlust tief gebeugt wurde. Ich darf ihm sagen, daß ich unfähig war, nachdem ich Antoniens Werth kennen gelernt hatte, eine andere Verbindung zu knüpfen, daß ich ihr Andenken heilig in meinem Herzen bewahrte. Mit Ihnen nun aber auch treu den Schmerz um die Verlohrene theilend, kenne ich keinen innigern Wunsch für diese Welt: als daß Sie mich werth finden möchten, in brüderlicher, gemeinsamer Trauer mit mir Hand in Hand die kurze Bahn durchs Leben vollends zu wandeln. Ich stehe ganz allein. Meine Eltern weilen, wo Antonie ist. Das väterliche Haus habe ich weggegeben, da mir der Auffenthalt in der geräuschvollen Stadt nicht zusagte. In einem lieblichen Thal liegt das Gut, deßen Besitz ich mir erkauft habe. Hier lebe ich von den Früchten des Landes und suche meine Unterthanen zu beglücken.
Kommen Sie zu mir Freund! bringen Sie Ihre Muse mit; sie liebt die ländliche Stille und was Tonkunst, Natur und Freundschaft dem Betrübten tröstliches zu biethen vermögen, das wird unser Antheil seyn.
Richard.
Theodor konnte diesen freundschaftlichen Ruf nicht ausschlagen. Er folgte ihm und fand nie Ursache, es zu bereuen.
Eugenia freute sich schwesterlich, als sie nach und nach aus Theodors Briefen die Ueberzeugung schöpfte daß die Zeit und sein Verhältnis bei und zu Richard seinen Schmerz ruhiger gemacht habe. Sie vereinigten sich endlich zu einer gemeinschaftlichen Kunstthätigkeit. Eugenia schrieb treffliche Werke für die Bühne, doch alle ernsten und tragischen Inhalts; denn auch sie hatte durch ihr Geschick eine andere Ansicht des Lebens erhalten und fühlte sich mehr zur stillen Schwermuth als zum lauten Frohsinn geneigt, welcher Stimmung sie aber nie die Herrschaft im Umgange mit ihrem Gatten und ihren Freunden einräumte: sondern hier eine ruhige, alles beglückende Heiterkeit zeigte. Aber jene Produckte ihrer Feder sprachen ihren wahren Charakter aus und diese gehaltvollen Worte sezte Theodor dann in Musiek. So entstanden mehrere große Opern, welche den Liebhabern des Theaters vielen Genuß gewährten.
Albina, aber lieber in der wirklichen Welt lebend, wurde eine überaus treue Mutter von vier eigenen wunderschönen und liebenswürdigen Kindern; doch empfanden Guido’s Sohn und Tochter keine Beeinträchtigung der mütterlichen Liebe und Sorgfalt durch Jene. Sie schöpften mit diesen aus der Fülle ihres milden und geistreichen Wesens. Guido fand den Himmel auf Erden in dem Besitz seiner Albina und wer in ihrer Nähe lebte, freute sich doppelt seines Daseyns in dem Wiederschein und den Wirkungen ihrer Tugenden. Auch die alttäglichsten Geschäfte, auch die gewöhnlichsten Neigungen hatten bei ihr Sinn und Bedeutung und dienten ihr dazu, die Lebenstage Anderer zu verschönern und ihren eigenen zarten und tiefen Gefühl, Genüge zu leisten.
So war sie auch ihr ganzes Leben hindurch eine Freundin der Blumen: denn sie waren ja ihre ersten Gespielen und die Begründer ihres Glücks. Doch vorzüglich liebte sie unter ihnen diejenigen, welche einst, in jenem folgereichen Augenblick Langenheim zum Geschenk für seine Gattin in ihrem Körbchen zusammengesucht hatte; und als sie — eine würdige Greisin — ihr schönes Leben endigte: war, nach ihrem ausgesprochenen Wunsch, ihr einziger Schmuck ein Strauß von Granaten, Nelken und Jelängerjelieber, welchen die ihrigen unter heißen Thränen in ihre kalte Hand legten.

Fußnote: