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Albina, das Blumenmädchen

Front matter (continued 3)

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Eine unerklärbare Bangigkeit hielt indeß Albina von Guido entfernt und da auch dieser eine gewiße ehrerbietige Zurückhaltung beobachtete: so herrschte zwischen Beiden eine drückende Spannung. Herzlich froh war Albina als Langenheims von einem Besuch nach Haus kamen und die Unterhaltung allgemeiner wurde. Jedoch das Uebermaß der Empfindungen bewegte zu stürmisch das sonst so ruhige Herz. Sie konnte es nicht länger unter ihren Freunden aushalten, sie mußte fort, um in der Einsamkeit sich selbst wieder zu finden.

Schlaflos verstrich ihr die Nacht. Ach! Guido war ihr wieder so interessant, so liebenswürdig und doch so kalt erschienen! und es dünkte ihr sehr nothwendig sich einen festen Plan für ihr künftiges Betragen zu entwerfen. Sie beschloß mit ruhiger Freundlichkeit ihm zu begegnen aber Miene, Wort und Handlungen genau abzuwägen um ihm zu keiner falschen Beurtheilung Veranlassung zu geben. Am andern Morgen erhielt sie ein liebevolles Billet von der Baronin, in welchem sie dieselbe dringend, und unter der Zusage ihrer wärmsten Dankbarkeit bat, „sich ihrer Enkel an — und sie zu sich zu nehmen, ihre physische und moralische Bildung zu leiten und auf diese Weise die Ruhe der Groseltern und des Vaters zu sichern; da sie durch zunehmendes Alter und durch Aengstlichkeit unfähig zur Erfüllung jener Pflicht sey.“

Albinens Herz hatte sogleich entschieden; allein die Zustimmung der Mutter war auch nothwendig und sie zitterte bei dem Gedanken, daß sie sich weigern könnte.

Als sie eben überlegte, wie sie, ohne ihr Inneres zu verrathen Jene, zu einer Einwilligung bestimmen könnte: wurde sie zu Cornelien geruffen, und fand — Theresen, welche von Volkmars beauftragt, die obige Bitte mündlich wiederholen sollte. Albina zeigte der Mutter, das, kurz zuvor erhaltene Schreiben und diese fühlte sich verpflichtet durch das Andenken an den segensreichen Einfluß von Theresens großmüthiger Freundschaft auf ihr Schicksal der edlen Frau jenen Wunsch welchen sie wie einen Eigenen vortrug zu erfüllen. Albina trat an ein Nebenfenster und mit einem frommen Blick zum Himmel sandte sie ihre Freude, ihren Dank zur Gottheit, verband aber auch damit ein heisses Flehen um Stärke und Weisheit zu ihren neu übernommenen theuern Obliegenheiten.

In Begleitung der liebenden Grosmutter kamen die Kleinen bald darauf in das Landhaus und der Auffenthalt daselbst, unter Albinens allumfassender treuer Fürsorge war segensreich für ihr körperliches und geistiges Gedeihen. Aber die mütterliche Erzieherin war auch so gewissenhaft, daß sie nur durch die äusserste Nothwendigkeit gedrungen ihre Pfleglinge verließ, daher auch selten, und nur mit ihnen in die Stadt gieng.

Guido war ein eben so seltener Besuch auf dem Landhaus, und Albina verwieß ihr Herz zur Ruhe, wenn es unzufrieden darüber klagen wollte. Die kältere Vernunft gebot ihr sogar dies spärliche Zusammenkommen zu wünschen: denn ach! in Guido’s Nähe war ihr so weh, so beglommen! — Eine düstere Schwermuth bemeisterte sich nach und nach ganz seiner Seele und verlezte ihr Gefühl in dem Grad, als seine übrigen großen Eigenschaften es oft beseeligten. Sie suchte den Grund in seinen ehemaligen traurigen Erfahrungen, als unglücklicher Gatte, zweifelte durchaus an ihrem Vermögen, ihn trösten und erheitern zu können und hielt sich mit wunden Herzen so weit als möglich von ihm zurück. Allein in Guido war die alte Leidenschaft für Albinen mit aller Stärke wiedergekehrt; doch in ihrem schüchternen ja beinah ängstlichen Betragen, wollte er eine neue schonende Abweisung finden. Ihre Liebe zu seinen Kindern schrieb er auf Rechnung ihrer angebohrenen Milde, so wie der, edlen weiblichen Wesen eigenen Hinneigung zu den kleinen hülflosen Geschöpfen und so vergrößerten Beide die Scheidewand immer mehr, die anfangs leicht zu übersteigen gewesen wäre. Die Eltern und Langenheims theilten Albinens obige Vermuthung und boten vergeblich alles auf, ihn zu zerstreuen. Aus gutmüthiger Gefälligkeit gieng er auf jeden gesellschaftlichen Plan ein: jedoch er war in solchen Zirkeln ein unnützes Glied. Wortarm, in sich versunken saß er oft in den bunten Reihen und so sehr sein vortheilhaftes Aeußeres den Damen und Mädchen wohlgefiel: so sehr schreckte sie sein Ernst, seine trübe Stimmung ab. War er mit Albinen zusammen: so vermied sein Auge absichtlich den ihrigen zu begegnen und geschah es dennoch, so lag so viel innerer Gram in seinem Blick daß es tief, tief ihr Gemüth verwundete, und sie die Thränen kaum zurückzuhalten vermochte. Langenheim gelang es am besten, durch seine Unterhaltung Guido etwas zu zerstreuen; sein gebildeter Geist, sein tiefes Gefühl, sprach diesen wohlthätig an, und in der Mittheilung ihrer Erfahrungen, fanden sie gegenseitig viel Interesse. Doch wurden von Guido nur Jene berührt, welche die Welt und die Menschheit im Allgemeinen betrafen; indeß Langenheim von seinem eigenen Schicksal ihm Mancherlei erzählte. In einem solchen Gespräch erhielt Guido Aufschluß über Familien-Verhältniße, welche sich in seiner Abwesenheit anders gestaltet hatten; und auch des todgeglaubten Direcktor Hainau’s wurde erwähnt; Langenheim schilderte seinen Reichthum und beklagte, daß seine rechtmäßigen Anverwandten, Albina und Theodor keinen Genuß davon erhalten konnten. Guido beschloß nach dieser Unterhaltung an einen Bekannten zu E* zu schreiben und Erkundigungen einzuziehen, ob zum Vortheil der ihm so theuren Geschwister gar nichts mehr zu unternehmen wäre.

Aus der Antwort ergab es sich, daß der alte Hainau wirklich noch am Leben, aber fest umstrickt sey von der ganzen Familie des verabscheuungswürdigen ehemaligen Kammerdieners, welcher nun die Secretairsstelle begleitete. Nun war Guidos Plan entworfen und sein Entschluß gefaßt!

An einem Morgen beim Frühstück, als den Tag zuvor wieder zärtliche Sehnsucht die Groseltern nach dem Landhaus hingeführt hatte und sie höchst befriediget zurückgekommen waren, konnte die Baronin nicht aufhören, das glückliche Geschick ihrer Enkel zu preißen welches ihnen Albinen zur Pflegerin gegeben hatte; und ihr Gatte stimmte auf das herzlichste in diese Versicherungen ein. Guido schwieg und sah finster zur Erde. Die Mutter nahte sich ihm, mit bittender Miene, strich sanft mit der Hand über seine faltige Stirne und sagte: „Wenn doch nur mein Guido Herr über die traurigen Erinnerungen an die Vergangenheiten und dadurch fähig werden könnte, das was die Gegenwart biethet, freier zu beobachten!

Ach eine holde liebliche Erscheinung könnte ihm durchaus nicht entgehen, welche das Ideal einer treflichen Tochter ist und das einer eben so vorzüglichen Gattin und Mutter werden würde!“ „Ich weis wen Sie meinen liebe Mutter!“ sagte Guido ernst; „aber nein — es ist nichts — es kann nicht seyn,“ sezte er tief seufzend hinzu; „und wenn sie mich lieben, kein Wort mehr davon!“ Er stand auf, rückte den Sessel zurecht und entfernte sich. Nach einigen Tagen theilte er den Eltern seinen Plan mit: ein thätiges Leben zu beginnen und sich um eine Assessors Stelle zu melden, welche bei dem Stadtgericht zu E* erledigt sey. „Und warum denn gerade nach E*?“ fragte der Vater. „Ich habe einen Freund dort,“ erwiederte Guido, „welcher mir eine sehr vortheilhafte Schilderung von jenem Posten und der ganzen Lebensweise in E* mitgetheilt hat; hier lieber Vater! ist vor der Hand keine Aussicht zu einer mir wünschenswerthen Anstellung und ich denke, Thätigkeit ist das kräftigste Mittel gegen meine trübe Stimmung, die auch leider ihnen geliebte Eltern! manche unangenehme Stunde macht. Verzeiht mir! und laßt den finstern Sonderling ziehen: heiterer hoffe ich, wird er Euch wiedersehen! —“ Die Eltern konnten nichts dagegen einwenden, sein Gesuch wurde begünstigt und er beschleunigte so sehr er konnte seine Abreise.

Die Besorgnis, bei der abermaligen Trennung von Albinen sich vielleicht nicht genug verbergen zu können, bestimmte ihn, einen Tag zum Abschiedsbesuch auf dem Landhaus zu wählen wo er wußte, daß Albinen ein unabänderliches Geschäfte ohne seine Kleinen in die Stadt rief.

Unter schmerzlichen Kämpfen hatte er in der Nacht zuvor ein Schreiben an sie aufgesezt, das sein dankbares Gefühl als Vater innig ausdrücken und doch von seiner unaussprechlichen Liebe zu ihr, nichts verrathen sollte. Immer vernichtete er wieder, was er geschrieben hatte, denn es däuchte ihn bald zu leidenschaftlich, bald zu kalt. Endlich schien er es getroffen zu haben; aber erschöpft und mit verweinten Augen warf er sich auf sein Bett, nicht um zu schlafen sondern in stolzen Entwürfen für das Glück der geliebten Grausamen, Linderung seiner Schmerzen und süße Zerstreuung zu finden. Mit klopfendem Herzen näherte er sich am andern Tag dem Landhaus, denn es war doch möglich Albinen zu treffen. Er hatte es gut berechnet, sie war nicht zu Hause. Gerührt drückte er seine Kinder an sein Herz, gab Cornelien den Brief für Albinen und eilte so schnell als möglich wieder fort. Albina war mit seinem Entschluß, wegzugehen schon bekannt; doch sie hatte gehofft, noch einmal ihn zu sehen, ein freundliches Wort von ihm zu hören und gelobte sich selbst: von diesem, gleich einem ärmlichen Reisepfennig durchs Leben, in den künftigen Tagen sparsam und zufrieden zu zehren. Allein auch darauf sollte sie Verzicht leisten müssen! dies war hart! und sie wurde bleich bis in die Lippen, als sie bei ihrer Zurückkunft aus der Stadt hörte, Guido habe Abschied genommen und den Brief für sie zurückgelassen. Sie nahm ihn und gieng damit in die Gartenlaube.

„Also wählte er absichtlich diese Zeit, um mich doch ja nicht zu finden!“ sagte sie schmerzlich zu sich selbst; und ein gerechter Stolz empörte sich in ihr gegen diese Vernachläßigung. Sie hielt lange den Brief unentsiegelt in ihrer Hand, starrte auf ihn hin und war ungewiß, ob sie ihn öffnen sollte oder nicht. „Guido Guido!“ rief sie, „du mishandelst ein Herz, das ganz dein gehört hat und — noch immer dein ist,“ sezte sie wehmüthig leise hinzu, und ein wohlthätiger Thränenstrom erleichterte die beglommene Brust. Sie löste das Siegel, las, las wieder und noch einmal und manche einzelne, herabfallende bittere Thräne verlöschte hier und da ein Wort des Briefs, der nichts wohlthuendes für ihre leidende Seele enthielt. Es herrschte darinnen ein steifer kalter Ton; der in diesem Augenblick doppelt hart an das liebende weiche Herz Albinens anschlug. „Also auch nicht einmal Freundschaft, nein nur dankbare Höflichkeit giebt mir Guido für die heisse Liebe, die ich für ihn fühle!“ klagte Albina und legte die glühende Stirne in die hohle Hand. „Aber weis er es denn, daß ich ihn liebe? fuhr sie fort, o! hätte er ahnen können, was in mir vorgieng, wenn ich seinen Kummer über die Vergangenheit, oder seine Freude über seine Kinder sah! wäre er Zeuge von meinen jezigen Leiden — dies große Herz, das die ganze Menschheit umfäßt mit reicher Liebe, würde auch für mich freundlich tröstenden Gefühlen Raum geben! Ach! er bleibt dennoch“ — und dabei preßte sie fest beide Hände an das blutende Herz — „er bleibt dennoch Beherrscher dieses stillen Reiches in meiner Brust! guter Gott!“ seufzte sie und sank in betender Stellung an der Rasenbank nieder, „guter Gott! laß einen deiner heiligen Boten, als Schutzengel ihn begleiten auf allen seinen Wegen und mir gieb Stärke bei der Erziehung seiner Kinder, sein Glück und das ihrige zu begründen!“ —

Wieder ganz einig mit ihrem Herzen nahm sie noch einmal Guido’s Brief zur Hand. Ihrem nun klaren Auge wollte hie und da manche Stelle in einer Spannung des Gemüths geschrieben dünken, ja sie fand Ausdrücke, welche ihr jezt eine ganz andere Auslegung zu fordern schienen, als vorhin. „Wie — sagte sie, sollte er Gefühle mir verbergen wollen, welche die höchste Seeligkeit meines Lebens hienieden ausmachen würden und sollte dieses Streben jene Kälte erzeugt haben? nicht doch Albina! täusche dich nicht wieder selbst! o der Zwiespalt im Innern ist etwas fürchterliches! Gott bewahre dich dafür!“ Sie versank in tiefes Nachdenken; endlich — wie daraus erwacht — stand sie rasch auf, hob Hand und Auge gen Himmel und sagte: „es sey, wie es wolle! ich gehöre schon lange mir nicht mehr selbst an, ich bin sein und will es bleiben, bis dies Herz nicht mehr schlägt!“ mit diesen Worten verließ sie die Laube und kehrte in das Haus zurück. William hüpfte ihr entgegen und seine freundlichen Liebkosungen hießen vollends jeden Nachklang schmerzlicher Gefühle schweigen. — War sie vorher schon eine treue mütterliche Pflegerin der Kleinen, so wurde sie es jezt mit einer beispiellosen Aufopferung. Sie konnte sich in dieser Pflicht immer gar nicht genügen und wer den Kleinen Beweise von Liebe und Wohlgefallen gab, der erhöhte Albinens Glück, das in diesem wunderschönen Kinderpaar aufblühte. Es waren aber auch holde liebliche Wesen, in deren großen klaren Augen ein Himmel von Unschuld und Liebe lag, auf deren Wangen die Rosen der Gesundheit glühten und in all deren Bewegungen Freude und Leben war.

Man konnte nicht anders, als liebend sich ihnen nähern und dann schmiegten sie sich mit unendlicher Freundlichkeit an die Menschen an, welche sich oft um ihre Gunst stritten. Schon in dem zarten Alter, worinnen sie noch waren, suchte Albina die schöne Grundlage der weichen Herzen für den Saamen herrlicher Tugenden zu benützen, und Wohlthätigkeit, Eintracht, Dankbarkeit, alle diese und ähnliche Eigenschaften trieben frühzeitig süße Früchte. William trug, kam während der Tischzeit ein Armer, vorsichtig seinen Teller Suppe hinaus und brachte ihn denselben mit Engelsfreude. Fany schob freundlich das vielgeliebte Spielzeug dem Bruder hin, wenn dieser darum bat und Hand und Lippe boten sie freiwillig und ohne Erinnerung Jedem der ihnen mit irgend Etwas einen Genuß verschaffte. Auch Cornelien wurden die Kleinen lieb und theuer und verwandelten oft ihre ernste Stimmung in eine heitere Laune. William nannte sie Grosmutter und Albina mußte sich, den Mutter Namen von ihm geben lassen, so wollte es die Baronin. Der kleine Mädchen Kreiß, der ebenfalls Albinens Leitung anvertraut war und dem sie mit viel umfaßender Einsicht und Liebe, trotz ihrer Pflichten gegen Guido’s Kinder nichts entzog, was sie ihnen schuldig zu seyn glaubte: theilte nach Kräften, mit Albinen die Sorge für die Kleinen mit einer Anhänglichkeit an dieselben, welcher oft Albina Einhalt zu thun genöthigt war; doch diente dies ganze Verhältnis zur gegenseitigen Ausbildung mancher Tugenden und Fertigkeiten und die kluge liebevolle Vorsteherin verstand es so zu leiten, daß jedem Familien-Glied Vortheil daraus entstand. In heiligen Augenblicken, wo sich Albina mit William und Fany allein befand, sprach sie in schöner Begeisterung zu ihnen von dem Vater und in einer für sie faßlichen Weise legte sie ein herrliches Bild von ihm in die zarten Kinder-Seelen, damit es mit ihnen heranwachse und unvergänglich in ihnen wohne und herrsche! — Bei einem Besuch, den Albina mit den Kleinen in Volkmars Hause machte, gewahrte William das Portrait des Vaters und mit kindischer Heftigkeit verlangte er es mitzunehmen. Albina erröthete und suchte ihn davon abzubringen; doch den Groseltern war es unmöglich einen Wunsch ihres geliebten Enkels unerfüllt zu lassen, sie äusserten: daß sie sich mit einem kleinern Gemälde begnügen wollten und sagten jenes William zu. Dieser klopfte voll Freude in die Händchen und Albina mußte das Portrait über sein Bettchen hängen; wo sie dann oft, den Einfall des Knaben im Stillen segnend, mit thränenvollen Augen und mit unendlicher Liebe darauf verweilte, wenn sie William schlafen legte, oder wenn sonst sie ein Geschäft in dieses Zimmer allein führte. Erwähnte Guido in seinen seltenen, beinah unbedeutenden Briefen doch jedesmal seiner Lieblinge und ihrer treuen Erzieherin freundlich: dann eilte sie besonders zu des Geliebten Bild und weihte ihm des Herzens heissen Dank für das tröstende Angedenken. Die verstärkten körperlichen Kräfte der Kleinen, ihre immermehr zunehmende Fertigkeit im Gehen, machte, daß Albina nun öfters den Wunsch der Groseltern erfüllen und mit ihren Enkeln zur Stadt kommen konnte. Sie unterließ dann nicht, ihre theuern Pflegeltern auch jedesmal zu besuchen. An einem schönen Herbst Nachmittag wurde wieder in die Stadt gewallfahrtet und Aurelia begleitete Albinen. Dieses sanfte Geschöpf war aus der Pflegetochter Albinens, ihre Freundin geworden. Frei von allem jugendlichen Leichtsinn, hatte sie sich frühzeitig jeden Vorzug einer treflich gebildeten Jungfrau erworben und hätte ihren Kenntnissen und Fertigkeiten nach, schon länger die Schule, worinnen sie erzogen wurde verlassen können; auch erschien einst ihr Vater (welcher schon mehreremale seine Töchter besucht hatte und immer höchst befriedigt hinweggereißt war) mit dem Wunsch, daß sie nun ihren bisherigen Auffenthaltsort verlassen und zu ihm zurückkehren möchten. Sie mußten sein Verlangen billig finden und hegten eine zu kindliche Liebe für den Vater, eine zu hohe Meinung von dem ihm schuldigen Gehorsam, als daß sie sich hätten wiederspenstig zeigen sollen; indeßen fühlten sie tief das Schmerzliche der verlangten Trennung. Sidi sah, wie es besonders der von ihr herzlich geliebten Schwester einen schweren Kampf kostete, sich von Albinen loszureißen und beschloß, ins Mittel zu tretten, indem sie den Vater bat: sie einstweilen mitzunehmen und Aurelien noch eine Zeitlang zurückzulassen. Er willigte in den Vorschlag ein und mit welcher Innigkeit dankte Aurelia der edelmüthigen Schwester! wie fühlte sie sich so glücklich mit Albinen noch länger vereinigt leben zu können!

Aurelia verband mit vieler Geistesbildung auch tiefes und richtiges Gefühl, Albina fühlte sich sehr zu ihr hingezogen und führte sie mit einem, jene hoch ehrenden, Vertrauen öfters in die Tiefe ihres schönen Gemüthes ein. Doch über Guido’s Bild war in Albinens Herzen ein dichter Schleier gezogen, den nur sie zuweilen wegzuziehen wagte; allein Aureliens spähendes Auge für alles was der Freundin wichtig war erblickte durch den verhüllenden Flor dennoch die wohlbekannten Züge. Auch hatte sie Jene einst bei einer der geheimen Ergießungen ihrer Seele vor Guidos Bild ohne ihren Willen überrascht, sich aber augenblicklich und stille zurückgezogen; und suchte nun bescheiden, auf unmerkliche Weise alle diese Entdeckungen zu wohlthätigen Erheiterungen der geliebten mütterlichen Freundin zu benützen. Das heißt: sie gab öfters ganz unbefangen scheinend Albinen Gelegenheit, sich über den Heißgeliebten aussprechen zu müssen, wobei diese immer so glücklich schien. Aurelia wußte dann so geschickt durch Fragen Albinen immer mehr in solche Unterhaltungen zu verwickeln, daß dieselbe oft am Ende im Stillen staunend zu sich selbst sagen mußte „wie kam es, wie war es dir möglich so viel von Guido zu sprechen?“ — Auch auf jenem Weg nach der Stadt war unversehens der entfernte Freund ihr unsichtbarer Begleiter geworden. Aurelia sprach von seinen Reisen und wünschte so herzlich mehr davon zu hören, daß Albina nicht ausweichen konnte, sie mußte ihr manches was ihr davon bekannt war, mittheilen. Das Feuer der Liebe röthete dabei immer höher ihre Wangen, strahlte immer lebhafter aus ihrem Auge und auf William und Fany übertrug sie in vielen heissen Küßen die Aeußerung ihrer schuldlosen Leidenschaft. Aurelia gieng, befriedigt durch die Erreichung ihrer reinen Absicht: Albinen wieder einen Genuß bereitet zu haben, stille, neben ihr, wagte aber keinen freien Aufblick, um ihre Freundin im Erguß ihrer Empfindungen nicht zu stören. Indeßen dadurch aufgeregt und voll seeliger Erinnerung an Guido kam diese zu Langenheims. Sie fand ausser Volkmars einen Fremden, deßen Gesicht ihr bekannte Züge zu haben schien. Auch er betrachtete sie mit einer Aufmerksamkeit, welche sie beinahe verlegen machte; doch bald stellte Langenheim beide einander als alte Bekannte vor. Edmund, so hieß der junge Mann war der Sohn des reichen Besitzers jenes Gartens, in welchem Albina ihre Kinderjahre verlebt hatte.

Ach, sein Anblick und diese Erläuterung führte die Vergangenheit ganz vor ihre dankbare Seele und mit einer herzlichen Lebhaftigkeit fragte sie augenblicklich bei Edmund nach ihren ersten Wohlthätern so nannte sie mit inniger Rührung die braven Gärtnersleute. In Edmunds Auge glänzte bei dieser Unterhaltung eine Thräne; Er drückte Albinens Hand und sagte. „Haben Sie Dank für diese Frage; edle Albina! sie läßt mich in ein schönes Menschenherz blicken. —“ Albina schlug den Blick bescheiden zur Erde und Edmund fuhr fort, ihre Hand immer nicht loslassend; „Gärtner Paul ist mit all’ den Seinigen gesund und heiter und sie würden sich unaussprechlich freuen, wenn sie Zeugen des freundlichen Angedenkens ihrer Albina seyn könnten, die sie warlich nicht vergeßen haben!“ Freudig wollte Albina zu Edmund aufsehen, doch sie begegnete abermals seinem Feuerblick und konnte ihn nicht ertragen. Theresen entgieng nicht die Befangenheit ihres geliebten Töchterchens, eben so wenig der Eindruck, welche der Anblick desselben bei Edmund bewürkt hatte und sie suchte dem Gespräch eine muntere Wendung und ein allgemeines Intresse zu geben. Albina erfuhr, daß Edmunds Eltern nicht mehr am Leben seyen und jener sein großes Vermögen — ganz unähnlich den kargen Eltern — zu schönen Zwecken verwende, auch einen Theil desselben zu einer bedeutenden Reise bestimmt habe. Es war sein Plan, auf derselben D* zu passiren, wo er Langenheim und Albinen zu finden hoffte. Ersterer war ihm nur durch die beredten und vortheilhaften Schilderungen des Gärtner Paul’s bekannt; doch des hübschen Gärtnermädchens — wie er sich ausdrückte und dadurch eine Rosengluth auf Albinens Wangen jagte — hatte er sich noch sehr gut erinnern können, allein immer so erwartet, wie er es gefunden habe. Bei diesen Worten trat er ihr näher und küßte ehrerbietig die weiche runde Hand. Albina hatte sich wieder ganz zurecht gefunden, und suchte mit möglichster Unbefangenheit in den gewöhnlichen Unterhaltungston einzustimmen und in demselben sich nach allen, ihr durch die Vergangenheit lieben und wichtigen Personen, Gegenständen, Pläzchen und Ergebnißen zu erkundigen. Edmund befriedigte sie ganz, jedoch es überraschte ihn öfters dabei eine Art Leidenschaftlichkeit, welcher dann Albina desto mehr Ruhe und Kälte, entgegenzusetzen strebte. Sie konnte es nicht läugnen an Edmund viele große Charakterzüge bemerkt zu haben: doch die Glorie welche in ihrem Herzen Guidos Bild umgab, fehlte jeder andern Erscheinung und sie verlohr sich dann im Schatten.

Edmund war anfangs Willens nur ein paar Tage in D* zu verweilen: allein schon war eine Woche vorüber und er fand noch immer so viel Sehenswerthes, oder so viele Hinderniße diese und jene Merkwürdigkeit zu beschauen: daß er seine Abreise von Tag zu Tag verzögerte. Er kam sehr oft in Langenheims gastfreundliches Haus. Sein Blick suchte aber bei jedem Eintritt immer zuerst Albinen, er versäumte auch nicht nach ihr zu fragen; aber sein sehnsüchtiges Verlangen wurde nie befriedigt. Albinen konnte ihrer unverstellten Anspruchslosigkeit ohngeachtet der Eindruck nicht entgangen seyn, welchen sie auf Edmund gemacht hatte; jedoch, wie hätte ein so edles Mädchen-Herz wie das ihrige gewißenlos mit der Ruhe eines braven Mannes spielen können! Sollte sie seinen Gefühlen noch mehr Leben und Bestimmtheit geben, da es nicht in ihrer Macht stand dieselben zu erwiedern! dagegen empörte sich ihr reines Gemüth. Sie beschloß also ihn zu vermeiden.

Aber an Aurelien bemerkte sie seit jenem Nachmittag eine sichtbare Veränderung. Das sonst harmlose, Geschöpf schlich jezt traurig umher, seufzte tief auf und war ungemein zerstreut.

Edmund hatte, ganz ohne es zu wollen und zu wissen von dem unbewachten Herzen, dieses kindlichen Wesens Besitz genommen und Albina gieng mit sich zu Rath, welche Maaßregeln sie wegen ihrer gelibten Aurelia ergreiffen sollte. War sie ihrer Gefühle deutlich bewußt: so ließ sich keine vorübergehende Neigung in diesem tiefen Gemüth vermuthen, doch im Fall einer Unbekanntschaft mit ihren Empfindungen schien es vortheilhafter, sie nicht bemerken zu wollen und nur ein öfteres Wiedersehen zu verhüten; dann, hoffte Albina, würde Aurelia bald ihre sonstige Stimmung erlangen. Sie war entschloßen die mütterliche Freundin Therese zu ihrer Vertrauten zu machen und der klugen und milden Leitung derselben das Schicksal Aureliens, Edmunds und auch das ihrige zu empfehlen: jedoch in den ersten Tagen beobachtete Edmund die gewöhnliche feine Sitte und stattete bei den Bekannten des Langenheimischen Hauses Besuch ab. Daß der Gang zum Landhaus der Wichtigste für ihn war, läßt sich denken.

Albina saß eben im Kreise ihrer Pflegetöchter und gab ihnen in weiblichen Arbeiten Unterricht. Die Größern saßen an Stickrahmen, die Kleinen nähten und strickten. Albina lehrte mit dem süßen Wohllaut ihrer Stimme, sanft und liebevoll. Aurelia war ihre treue Gehülfin und stand bald dieser, bald jener Schülerin bei. William und Fany saßen zu den Füßen Albinens. Ersterer baute Häuserchen von Karten, Fany reichte ihm dieselben zu und machte frohlockend Mütterchen aufmerksam, wenn es dem Bruder gelang einige Stockwerke aufeinander zu thürmen.

Von diesem allen war Edmund unbemerkt Zeuge. Es wurde ihm von der Magd, welche gerade unten beschäftigt war, bei der Frage nach Albinen der Saal bezeichnet, wo er sie finden würde und er hielt sich vor der Thüre, welche Glasfenster hatte unbeweglich und stille, um sich recht lange an Albinens Anblick so wie an der ganzen anziehenden Gruppe zu weiden.

Aurelia stand gerade bei Albinen, ihr die Arbeit von einer der Schülerinen vorzeigend, als er die Thüre öffnete und eintrat. Sie erschrack so sehr, daß sie das Strickzeug fallen ließ und sich geschwind zu den Kindern hinunter bückte, um Edmund die glühende Röthe ihres Gesichts zu verbergen. Besonnen und anmuthig strebte Albina seine Anwesenheit so unschädlich als möglich zu machen; sie führte ihn sogleich weg und zu Cornelien dann in Begleitung einiger Kinder im Garten und Haus herum und zeigte ihm unbefangen und heiter alles, was einiges Intereße für ihn haben konnte: doch konnte sie nicht verhindern, daß Edmund überall die Spuren ihrer Einrichtung, ihres Waltens gewahr wurde und daß er in der sich fröhlich und unaufhörlich äussernden innigen Zärtlichkeit aller Zöglinge eine neue Bestättigung ihres Werthes fand. Aurelia hatte Albinens geheimen Wunsch erfüllt und war in dem Saal zurükgeblieben. Denn ihre Bewegung war zu heftig als daß sie es hätte wagen können, Edmund sich zu nähern. Sie wollte sich sammeln, um beim Abschied gefaßt zu erscheinen. Ach! sie däuchte sich so unglücklich! die ersten Gefühle der Liebe erregte in ihr ein Mann, welcher sie ganz zu übersehen schien und Albina, ihre geliebte Albina mit glühender Leidenschaft verehrte! Sie konnte nicht mit sich fertig werden, wohin sie ihren Blick wandte sah sie nur Schreckbilder und der, Andern freundlich blühende Garten der Liebe, der sich zum erstenmal ihr öffnete, bot ihr nur Dornen, welche ihren Fuß bei jedem Schritt zu verletzen drohten. Im tiefen Nachsinnen stand sie am Fenster und zerblätterte gedankenvoll eine blühende Aster als Albina — ohne Edmund eintrat. Ein neuer Schmerz! Er zuckte so gewaltig durch ihr ganzes Wesen, daß sie, nicht mehr ihrer mächtig an den Busen Albinens sank und laut weinte. Innig drückte sie diese an ihre Brust, bedeutete ihr leise: daß sie nicht alleine wären und versprach, gleich nach geendigter Unterrichtsstunde, deren vorige Störung sie jetzt ersetzen müsse, ihr nach in den Garten zu kommen.

In der Unterredung mit ihr fand Albina, daß die Liebe schon tiefe Wurzeln in Aureliens Herz gefaßt hatte, fand sie aber auch fest entschloßen, schweigend zu dulden und Albinens Glück ihre Gefühle zu opfern. Daß dies nicht der Fall seyn könnte, belehrte sie die Versicherung der letztern: „daß sie durchaus keine Neigung für Edmund fühle und seine fernern Bewerbungen um sie schonend abweisen müße“ doch in dem ersten Entschluß: „ihre Empfindung vor Jedermann und vorzüglich vor ihm zu verbergen“ bestärkte sie Albinens Beifall, welcher hohe Begriffe von der weiblichen Würde hegte, und streng bei sich und ihren Zöglingen jede Miene, jedes Wort, jede Bewegung bewachte. Sanfte religiöse Tröstungen und die innigste Theilnahme verfehlten bei der dafür empfänglichen Seele Aureliens, nicht ihre Wirkung und sie fügte sich mit wehmüthiger Ergebung in Albinens Rath: durch den Einfluß Theresens ein abermaliges Wiedersehen Edmunds für sie beide zu verhüten.

Vergeblich sahen sie einen Besuch dieser Freundin mehrere Tage entgegen; und Albina hielten auch die bekannten Gründe von der Stadt zurück. Endlich erhielt sie eine schriftliche Einladung von Jener, wo von einem ungestörten alleinigen Zusammenseyn die Rede war und dem zu Folge wagte Albina es zuzusagen.

Nicht unerwartet, aber dennoch ergreiffend waren ihr die Mittheilungen der theuern Pflegemutter. Edmund hatte dieser seine Leidenschaft für Albinen gestanden und um ihre Verwendung bei ihr gebetten. So wohl sein innerer Werth, als auch seine begüterte Lage gaben seinem ausgesprochenen Wunsch in Theresens Augen eine unaussprechlich erfreuende Gestalt. Sie sah für ihre geliebte Albina nur Glück, reines Glück darinnen und trug ihr also denselben auch mit so viel freudiger Theilnahme vor, daß diese, innig gerührt in Thränen ausbrach. Sie ergrif Theresens Hand drückte sie an ihr Herz und sagte: „theure Mutter! wie traurig ist es mir, deine gütige Sorge für mich und die reine Liebe eines edlen Mannes unerwiedert, unbelohnt lassen zu müssen! Du kennst deine Albina! du wirst gewiß voraussehen: daß mich wichtige Gründe bestimmen müssen, die Wünsche so guter Menschen nicht zu erfüllen. So ist es auch und ich halte es für unerläßliche Pflicht, dir diese Gründe mitzutheilen; aber nur du geliebte Mutter, sonst Niemand auf der Welt soll erfahren, was mich bestimmt, Edmunds mich ehrenden Antrag auszuschlagen!

Die innige Vereinigung zweier Menschen durch den Ehebund ist für mich ein so ehrwürdiger und heiliger Gegenstand, daß ich ihm öfters mein stilles Nachdenken wiedmete; und das Resultat meiner Betrachtungen war die Ueberzeugung: daß ein Mädchen mit ihrer Hand auch ein ganz ungetheiltes Herz voll reiner Liebe dem Erwählten hingeben müße. Das Gelübde am Altar ist ein Inhaltsschwerer Eid! die leiseste und geheimste Verletzung derselben dünkt mir eine große Sünde! auch führt der Ehestand zu viel Ernst, zu viel unvermeidliche Unannehmlichkeiten, selbst in den glücklichsten Verhältnißen mit sich: als daß nicht die höchste Liebe dazu erforderlich wäre, um alles so zu ertragen wie es seyn soll; und kann ein glückliches Ehebündniß ohne eine der festesten Grundsäulen, ohne alles Vertrauen statt finden? ist dies aber denkbar wenn irgend ein Geheimnis vorwaltet? und liegt nicht das nachtheiligste Geheimnis in einer, wenn auch unterdrückten ältern Neigung? Selten, ach selten sind die Fälle, wo achtungsvolle Freundschaft an der Stelle der Liebe genügend für das Glück beider Gatten seyn könnte und häufig geht das gegenseitig reine und beglückende Verhältnis da verlohren, wo man leichtsinnig über jene Puncte fühlt und denkt!“ —

Albina hielt inne. „Mit wahrem Vergnügen höre ich meiner für Tugend und Pflicht so beredten Albina zu,“ sagte Therese, indem sie dieselbe zärtlich umfaßte: „und preiße den Mann unendlich glücklich, welcher die ganze Fülle der Liebe dieses reichen schönen Herzens besitzt! daß es Edmund nicht ist, das begreiffe ich und nach allen deinen Aeusserungen kann und darf ich kein Wort mehr für ihn sprechen. Meine Sorge muß nun seyn, ihn mit seinem traurigen Schicksal so schonend als möglich bekannt zu machen.“ „Wie wirst du mich dadurch verpflichten liebe Mutter!“ erwiederte Albina, „denn gewiß, ich achte ihn sehr! aber lieben? — nein theure mütterliche Freundin! lieben kann ich nur Einen und dies ist — Guido!“ Sie verbarg bei diesen Worten ihr glühendes Gesicht an Theresens Busen. — Erstaunt und zögernd antwortete diese: „Guido — Guido?“ — „Du hast wohl diesen Namen nicht erwartet?“ versezte Albina, indem sie sich empor richtete, „Niemand — hoffentlich auch er nicht, wird den Zustand meines Herzens ahnen, nicht wahr?“ Therese bejahte dies und sah schweigend und ernst zur Erde nieder. „Du bist ungehalten Mütterchen,“ klagte Albina, „du nennst meine Liebe vielleicht ein Phantom, du willst, ich soll es dem Glück Anderer opfern — ists nicht so?“ „Ich kann es nicht läugnen,“ versezte Therese, „es schmerzt mich, daß meine Albine ein Gebild ihrer Phantasie der Wirklichkeit vorzieht. Guido scheint mir deine Gefühle nicht zu theilen, Edmund verehrt dich bis zur Anbetung; diesem schlägt deine Weigerung eine tiefe Herzenswunde, jener kennt dein Opfer gar nicht; Edmund würde alles aufbiethen, um deine Lebenstage zu verschönern, indeß du, in einer immer noch beschränkten Lage mit dem Leiden einer hoffnungslosen Liebe kämpfest. Mädchen, Mädchen! was hat deinen sonst so klaren Sinn geblendet?“ „Die großen Eigenschaften Guido’s, antwortete Albina mit Begeisterung, die ich noch bei keinem männlichen Wesen in der Vollkommenheit antraf; überhaupt die magnetische Kraft in dem Menschen, welche sich nicht schildern, nicht aussprechen läßt, die aber ohne es zu wollen, mit unwiderstehlicher Gewalt die Herzen anzieht. O geliebte Mutter!“ fuhr sie fort, faßte Theresens beide Hände und sah ihr bittend ins Auge: „sey nicht grausam! versage mir nicht deine Beistimmung zu meinem Vorsatz, nie zu heirathen! Ich könnte Edmund nicht beglücken, wie er es verdient; es wäre mir unmöglich, Guido’s Bild aus meiner Seele zu bannen; ich würde Vergleiche anstellen, ich würde mich elend und schuldig fühlen — ich kann nicht anders handeln! o laß mir mein geringeres Glück! laß mir meinen Wirkungskreis! er ist dazu geeignet, mich wohlthätig zu zerstreuen und meine Liebe zieht mich keinen Augenblick von meinen Pflichten ab, im Gegentheil: das edle Bild das ich im Herzen trage, verstärkt meinen Eifer, es ist mein Ideal, dem ich nachzuahmen suche. Ja ich will meinen Entschluß selbst vor dem Allwissenden verantworten: denn ich kann in meiner Lage auch viel Gutes thun, viel nützliches wirken und finde meinen Lohn in Gottes Wohlgefallen und in meiner innern kleinen Welt, wo Guido lebt, und herrscht, was ich aber Niemand als dir theuere Mutter vertraue!“ —

Therese umarmte Albina und sagte: „nach deiner schönen Eigenthümlichkeit, wäre es höchst unrecht, dich zu einer andern Denk- und Handlungsweise verleiten zu wollen. Folge deiner Ueberzeugung! Gott segne dich!“

Durch diese Versicherung ganz beruhigt und glücklich entdeckte nun auch Albina Theresen den Zustand von Aureliens Herzen und Jene versprach, die Sache so zu leiten, daß kein Wiedersehen Edmunds mehr statt finden sollte. Albina sezte sich mit Genehmigung Theresens an deren Schreibtisch und suchte in folgendem Abschiedsworte für Edmund milden Trost zu legen. Sie schrieb:

Kann Sie aufrichtige Hochachtung und herzliche Freundschaft mit einem Mädchen aussöhnen, dem es sein Geschick versagt, die ehrende Liebe eines edlen Mannes mit gleichen innigen Gefühlen zu erwiedern: so wird dies unaussprechlich ein Herz beruhigen, das die wärmsten Wünsche für Ihr künftiges Glück hegt und sich stets mit dankbarer Theilnahme Ihrer erinnern wird.

Albina.

Edmund nahm aus Theresens sanfter Hand den gebrochenen Stab seiner schönsten Hoffnungen mit männlicher Kraft und reiste schnell ab. Von ihm hatte Langenheim erfahren was Guido schon früher erkundet aber verschwiegen hatte; daß nemlich der alte Hainau noch lebe, jedoch ganz in der Gewalt jener bekannten nichtswürdigen Familie sey. Dieser Zusatz bestimmte Langenheim, Cornelien und ihren Kindern jene ihm unnütz scheinende Entdeckung nicht mitzutheilen.

Mit einem wohldurchdachten Plan war Guido in E* angekommen. Grade Hainaus Wohnung gegenüber miethete er sich bei einem wackern Bürger ein und trat seine Stelle an. Da er den Secretair Haßlieb, welcher so lange ungestraft die gewissenlosesten Handlungen unter einer heuchlerischen Larve verübt hatte, durch getreue Schilderungen genau kannte: so wurde es ihm nicht schwer, jenen auch in amtlichen Verhältnißen bei manchen heimlichen Vergehungen auf die Spur zu kommen, welche Erfahrungen er sorgfältig sammelte und zu gelegener Zeit aufbewahrte. Dann ging seine zweite Sorge dahin, sich dem alten Hainau bemerkbar zu machen. Durch seinen Hauswirth erhielt er in gleichgültig scheinender Unterhaltung manche Winke darüber, welche er weise benützte. So erfuhr er z. B. daß Hainau ein leidenschaftlicher Jagd- und Hunde-Liebhaber war und das leztere noch sey. Er besaß eine ganze Kuppel dieser Thiere, welche oft einen gräulichen Lärm im Hause verursachten, aber von ihrem Herrn häufig am Fenster geliebkoßt wurden, auch alle mit glänzenden mössingen Halsbändern geziert waren welche mit den Anfangsbuchstaben des Eigenthümers Namen prangten. Guido gab sich nun auch gleich für einen Freund der Jagd aus, strebte einen ausgezeichnet schönen Hühnerhund zu bekommen und wanderte in Begleitung desselben, mit Flinte und Waidtasche alle Abende aus seiner Wohnung und zum Thor hinaus. Hainau unfähig mehr zu irgend einem Geschäft, vertrieb sich die meisten Stunden des Tags damit, daß er in einem Lehnstuhl am offenen Fenster saß, alles beobachtete was sich auf der Straße und in der Nachbarschaft zutrug und dicke Rauchwolken aus seiner türkischen Tobackspfeife, die an einem ungeheuer langen Rohr befestigt war, in die Luft bließ: denn seine zweite Leidenschaft war das Tobackrauchen, aus besonders seltenen und kostbaren Pfeiffen.

Guido hatte bald seine Absicht erreicht. Der Jäger mit seinem schön gefleckten Tyras zog Hainau’s ganzes Interesse auf sich, zumal da das würdevolle und anziehende Aeußere des wohlgebildeten jungen Mannes und seine verbindliche Art zu grüßen ihm ausnehmend gefiel. Als er aber nun gar nach einigen Tagen in der Hand seines jungen Nachbars einen meerschaumenen Pfeiffenkopf von noch nie gesehener Größe und Schönheit erblickte: da vergaß der erstaunte Greis den höflichen „guten Morgen“ von jenem zu erwiedern, ergrif die nahe bei ihm stehende Klingel und schellte heftig.

Ein Diener kam. „Thomas lauf geschwind da hinüber zu dem Herrn — hörst du? da in dem Haus des Meister Gerards, verstehst du mich? und sage — hm hm! — was will ich sagen — frage — nein bitte den neuen Herrn Rath, der da üben wohnt: er möchte als Nachbar seine Frühpfeife bei mir rauchen und ein Frühstück mit mir einnehmen. Hörst du? lauf geschwind!“ Der Bediente folgte dem Befehl. Ein zweiter Klingelzug rief die Magd, welche „schnell ein paar Tassen Chocolate zu bereiten“ beauftragt wurde. Daß Guido augenblicklich erschien läßt sich denken und Hainau zürnte mit dem Thürmer, als die Glocke seinen angenehmen Besuch von ihm weg zur Session rief: denn er hatte sich unbeschreiblich gut mit ihm unterhalten, ihn auch für Morgen zum Mittag-Eßen gebetten, da heute, einer nothwendigen Arbeit wegen, Guido sein Anerbiethen ausschlagen mußte.

Der alte Mann konnte kaum die Stunde erwarten, in welcher sein neuer Freund erscheinen würde, er gieng nicht vom Fenster hinweg und als Guido aus seinem Haus trat, eilte er, so schnell, als es mit seinen kranken Füßen gehen wollte, bis zur Treppe ihm entgegen; nahm ihn am Arm und führte ihn triumphirend in das Zimmer. Auch die zahlreiche Hunde-Gesellschaft rannte auf ihn zu und bewillkommte ihn mit gewaltigen Geklöffe; einige sprangen an ihm in die Höhe, als wollten sie recht ihre Freude bezeugen. „Ey, still doch!“ rief der Alte abwehrend. „Bst Pedrillo, ruhig Cinthio, Caro, Jason! was ist das für ein Lärm; wollt ihr ordentlich seyn?“ er drohte mit seinem Krückenstock und sagte zu Guido: „Verzeihen sie das ungestümme Betragen der unartigen Hunde! allein es ist als ob sie mein Vergnügen, Sie theurer Freund, bei mir zu sehen mit mir theilten, auch haben die lieben Thiere gar ein scharfes Erinerungsvermögen und wahre Dankbarkeit — wissen Sie wohl, Sie haben es gestern mit der Raçe da verdorben (im guten Sinne nemlich) denn Sie haben ihnen geschmeichelt und sie mit mürbem Brod gefüttert.“ Dabei sah Hainau Guido recht wohlgefällig an und klopfte ihn freundlich auf die Schulter. Das Mahl würzte dem Greiß Guidos Unterhaltung über seine Lieblingsgegenstände und es schien, als wären sie für jenen unerschöpflich; immer wußte er eine neue Ansicht, einen neuen Vortheil denselben abzugewinnen, und seine, in dieser Hinsicht gemachten Erfahrungen trug er mit einer Darstellungsgabe vor, welche Hainau entzückte und mit jugendlichem Feuer stimmte er in Guidos Aeußerungen ein, oder erhob sie mit preißenden Worten. Er mußte versprechen in jener Woche noch einmal zu kommen und hier machte ihm der Alte den Vorschlag sich ganz bei ihm einzuquartiren. Dies schlug Guido aus; denn er wollte langsam, aber desto sicherer bei der Sache zu Werk gehen. Die Woche zweimal bei ihm zu eßen: dazu machte er sich verbindlich; allein schon dies war dem mißtrauischen Secretair höchst ärgerlich. Er wurde durch Guido überzeugt, daß, außer ihm, doch noch jemand fähig wäre, Hainaus Zuneigung zu gewinnen und dies war ihm unerträglich. Mit heuchlerischer Besorgniß warnte er seinen Gönner: sich dem Fremden doch nicht zu sehr anzuvertrauen, denn er wollte manches Nachtheiliges von ihm gehört haben. Der schwache Greis wurde anfangs bedenklich, aber als Guido das nächstemal wiederkam, und mit seiner gewöhnlichen Herzlichkeit des alten Mannes Neigungen huldigte, auch ehrlich und freimüthig wie immer ihm ins Auge blickte: da schwand aller Verdacht aus Hainaus Seele und er erklärte Haßlieb fest: Guido könne nicht täuschen und ihm würde nichts vermögen seinen angenehmen Umgang aufzugeben. Der Bösewicht sah daß von dieser Seite nichts zu machen sey und versuchte nun von einer andern Guido zu schaden.

Ein Prozeß eines unredlichen Vormunds gegen eine betheiligte Mündel war bei dem Stadtgericht anhängig. Guido hatte sich überzeugt, daß das Recht auf Seiten der Leztern war und vertheidigte mit Feuer die Forderungen der Unterdrückten. Dieß schien dem ränkevollen Haßlieb die unvermeidliche Klippe an welcher Guidos Ruf und Glück scheitern würde. Er machte mit dem Vormund gemeinschaftliche Sache, beide erkauften falsche Zeugen und diese mußten in der Stadt vorzüglich bei den Mitgliedern des Raths das Gerücht verbreiten: „Guido sey in einem Einverständnis mit dem Mädchen: seine täglichen Jagdpromenaden dienten ihm zu geheimen Zusammenkünften mit ihr und die kostbare Tobackspfeife welche er besäße, wäre ein Geschenk der Liebe und der Dankbarkeit für seine Verwendung.“ Der vorher überall geachtete Guido wurde nun wirklich hie und da mit zweifelhaften Augen betrachtet, und so viel Freunde er in seinem Collegium hatte; kannten sie ihn doch zu kurze Zeit, um nicht auch mißtrauisch zu werden. Guido bemerkte bald eine Aenderung ihres Betragens gegen ihn und konnte es sich lange nicht erklären.

Auch Hainau erfuhr die Geschichte und eines Mittags traf ihn Guido sehr übler Laune. Als er sich theilnehmend nach der Ursache erkundigte, sagte dieser: lieber Herr! wem wird es nicht weh thun, wenn er sich getäuscht findet und zwar so bitter wie ich! Sie wollen wissen wie? Gut, ja, es soll heraus was mich herzlich verdrießt, und somit erzählte er Guido, was die Leute von ihm sagten. Nun fiel diesem die Binde von den Augen. Er schüttelte Hainau die Hand, versicherte ihm seine Unschuld und versprach ihm in den nächsten Tagen Aufklärung über Alles. Am folgenden Tag hinderte ihn eine Unpäßlichkeit in die Session zu gehen. Dieser Umstand wurde benüzt, ihm eine schriftliche Aufforderung zuzuschicken (weil man eine gewiße Scheu fühlte, ihn mündlich zu ersuchen) sein Votum in der bewußten Sache abzugeben, da er nicht ganz unpartheiisch zu seyn schiene. Mit einem Blick durchschaute er das ganze Gewebe der Bosheit und sobald es seine Gesundheit erlaubte, trat er als Kläger vor Gericht, und verlangte den Grund zu obigem Benehmen gegen ihn. Man mußte sein Begehren erfüllen und dann nannte er Haßlieb seinen Verläumder. Als Genugthuung forderte er die Untersuchung aller der Belege schlechter Handlungen jenes Elenden, welche er in seiner Gegenwart vorlegte. Haßlieb wurde überwiesen und konnte der gerechten Strafe nicht entgehen, denn eine Entdeckung führte immer wieder zu vielen Andern und die Zahl und Größe seiner Vergehungen zogen ihm nicht nur Dienstentsezung, sondern auch schnelle Landesverweisung zu.

Guido suchte in dieser Zeit eine Zusammenkunft Hainau’s mit Haßlieb dadurch zu vermeiden, daß er jenen auf schonende Weise so bald als möglich alles mittheilte, was nothwendig war, ihn selbst bei dem besorgten Greis zu rechtfertigen und den Bösewicht zu entlarven. Es schien ihm um so nothwendiger, da sich unter jenen Acten auch eine unbesonnene Hindeutung des Secretairs auf ein vorhandenes Testament des alten Hainaus befand. Guido verlangte es zu sehen, und Haßlieb war darinnen als Haupterbe des ganzen großen Vermögens eingesezt. Des alten Mannes Erstaunen gieng in Wehmuth und lauten Jammer über, als Guido auch Haßlieb’s frühere Handlungsweise schilderte, welche auf seine Verwandten Verderben bringend gewirkt hatte, als er die dadurch entstandenen Folgen in den Schicksalen desselben auseinander sezte und mit Begeisterung von Hainau’s Enkeln sprach. Tiefgebeugt, ja völlig zerknirscht stand der sonst stolze Mann vor Guido, wie vor seinem Richter und fragte mit hohler Stimme: Wie kann, wie soll ich mein großes Unrecht gut machen? dann hob er das zitternde Greisenhaupt in die Höhe, der Reue Thränen flossen über die eingefallenen Wangen und mit flehenden Worten beschwor er den Geist seines Sohnes: ihm zu verzeihen.

Guido erschütterte der Zustand des armen Greises sehr; er sorgte mit kindlichem Eifer, daß der traurige Vorgang keine nachtheiligen Folgen für ihn haben sollte und gelobte ihm: alles für seine Ruhe zu thun. Hainau forderte selbst fürs Erste sogleich sein Testament ihm zu verschaffen, welches Guido auf der Stelle holte, und auf Hainaus Geheiß zerriß. Dann bat ihn dieser, sich an sein Bett zu sezen und ihn von seinen Verwandten zu erzählen. Die Liebe und Freundschaft führte in Guidos Hand den Pinsel, auch Cornelien gedachte er ehrenvoll und erregte dadurch bei dem Greis den lebhaften Wunsch: recht bald die geliebten Enkel und ihre Mutter bei sich zu sehen. Er ließ sich Schreibmaterialien bringen und schrieb mit ungewisser Hand selbst einen kurzen Brief, in welchem er sie eilig zu sich berief, um die lezten Tage seines irdischen Daseyns mit ihnen zu verleben. Er wollte durchaus die Veranlassung zu diesem Schreiben der Wahrheit gemäß ihnen mittheilen, allein Guido bat so ängstlich dringend, seiner nicht zu erwähnen, daß ihm Hainau, um ihn zu beruhigen, sein Wort gab, ihn nicht zu nennen, sondern im Allgemeinen eine sonderbare Verkettung der Umstände als Grund anzugeben.

„Liebe theure Mutter!“ rief Albina, indem sie in Theresens Zimmer flog und ihr um den Hals fiel, „theile meine Freude! der Großvater lebt und liebt uns; er will uns sehen, wir sollen zu ihm reisen, lies’, lies’ diesen Brief!“ mit diesen Worten zog sie obiges Schreiben aus dem Arbeitsbeutel und reichte es Langenheim hin, dessen Anwesenheit sie jezt erst gewahrte. Die Gatten durchlasen dasselbe miteinander und äusserten den aufrichtigsten Antheil über dies frohe Ereignis. —„Dies hat Guido herbeigeführt“ sagte Langenheim. „Ja, nun ist mir alles klar.“ — Albina schmiegte sich an Theresens Busen, und flüsterte: „Mein Herz hat mir dies auch schon gesagt, o! des edlen Mannes!“ — Nun aber trug die Stillbeglückte ihre und der Mutter Bitte den treuen Freunden vor: „daß, während ihrer Abwesenheit Therese ihre Stelle im Landhaus vertretten möchte!“ und sie wurde gewährt. Langenheim versprach, Theodor zu beruffen und so wurde denn die ganze Angelegenheit bald ins Reine gebracht. Der Tag der Abreise erschien und mit Rührung und Freude fuhren alle der Bekanntschaft mit dem Familien Oberhaupt entgegen. Der alte Hainau wünschte: Guido sollte bei dem Empfang der Verwandten gegenwärtig seyn; jedoch dieser suchte es abzulehnen und sah nur durch eine kleine Oefnung seiner Fenster-Gardine, als der Reisewagen vor Hainaus Wohnung hielt. Aber das Herz pochte ihm hörbar, als er seine heißgeliebte Albina erblickte. Er verfolgte sie im Geist, wie sie des guten Großvaters Segen empfangen und der Blick desselben mit sichtbaren Wohlgefallen auf der holden Gestalt ruhen würde. So war es auch, der alte Hainau war tief bewegt und suchte jedem der ihm vom Himmel Geschenkten seine innige Liebe zu beweisen: doch Albina erhielt den sichtbaren Vorzug. Sie mußte immer um ihn seyn und er nannte sie mit den süßesten Namen. Diese Begebenheit, und alle vorhergehenden hatten seine morsche irdische Hütte hart erschüttert; er fühlte sich so schwach und angegriffen, daß er das Bett nicht verlassen konnte. Albina bewieß ihm die zärtlichste Sorgfalt; auch Cornelia pflegte ihn mit kindlicher Liebe und Theodor erhielt von dem Großvater den Auftrag: seine Papiere zu ordnen. Wenn in dieser Zeit Albina beschäftigt war diesem eine Erfrischung zu bereiten und sie ihm darreichte, oder sonst etwas zu seiner Bequemlichkeit und Zufriedenheit vornahm und einrichtete: betrachtete sie der Greis oft lange mit lächelndem, liebevollem Blick und es schien ihr: als bekämpfe er ein aufwallendes Gefühl, als wünsche er ihr Etwas mitzutheilen. Doch wenn sie mit ihrer melodischen Stimme fragte: „Großväterchen hast du ein Anliegen?“ so drückte er ihr die Hand und schüttelte schweigend den Kopf. Nach einigen Tagen fühlte er sich wieder etwas gestärkter und wollte nun aufs Neue testiren. Er verlangt nach dem Stadtgerichtsrath Volkmar. Albinen durchzuckte bei dieser Aeusserung, bei diesem Namen ein süßer Schauer und Guido wollte sein begonnenes schönes Werk nun auch vollenden, überwand mit diesem Entschluß alle Bedenklichkeiten und trat wie er glaubte, ganz gefaßt in das Krankenzimmer. Jedoch als er Albinen daselbst in sorgsamer Beschäftigung um den theuern Großvater fand und als diese bei seinem Anblick die innere Bewegung nicht verbergen konnte: hielt er ihr schnelles Erbleichen für ein neues Zeichen ihrer Abneigung und fühlte sich unfähig, dies zu ertragen. Er sagte dem Kranken: daß er gekommen sey, ihn um die Erlaubnis zu bitten, sein Geschäft einem andern Collegen übertragen zu dürfen; und ehe jener Etwas darauf erwiedern konnte, empfahl er sich schnell, und gieng fort. Albina aber eilte durch eine Seitenthüre auf den Vorplatz. Unerwartet stand sie vor dem erschütterten Guido. „Edler Mann! sagte sie bewegt, ergrif seine Hand und sah ihn mit einem seelenvollen Blick in die dunkeln düstern Augen: vergönnen Sie doch diesem gepreßten Herzen, die Wohlthat, sich mit der Versicherung gegen Sie erleichtern zu dürfen: daß ich weiß, wer diese wichtigen Ereigniße hier bewürkte; gestatten Sie mir den Trost, Ihnen danken zu dürfen!“ die lezten Worte erstickten hervorbrechende Thränen. Verwirrt stammelte Guido: „Sie irren — ich weis nicht, was Sie damit sagen wollen.“ Indem rief die Mutter ängstlich zur Thür heraus: ob der Asseßor nicht mehr einzuholen sey, der Großvater wolle ihn durchaus sprechen.

Guido kehrte mit Albinen ins Zimmer zurück. Der Kranke richtete sich in seinem Bette kräftig auf, streckte beide Hände den Kommenden entgegen und sagte: „Hat mir doch Gott vor meinem Ende noch einen heissen Wunsch erfüllt! So wie ich da mein Goldtöchterchen erblickte, dachte ich in meinem Herzen: Wenn doch mein wackerer Asseßor Gefallen an ihr finden könnte. Dem biedern Mann, dem ich es allein verdanke, daß ich ruhig sterben kann, wünschte ich den Lohn dafür in einer guten tugendhaften Gattin und meine Albina kann gewiß einen Mann beglücken; wie meinen Sie liebe Tochter?“ mit dieser Frage wandte er sich an Cornelien. „Guido ist auch mir, wie uns allen so achtungswerth, daß ich mich seines Glückes, in welcher Gestalt er auch erscheine, immer herzlich und dankbar erfreuen werde“ erwiederte diese. Albinen vergiengen beinahe die Sinnen; sie zitterte und sank endlich still der Mutter weinend im Arm. Guido stand mit gefaltenen Händen am Fuß des Krankenbettes und sah finster zur Erde. Der Alte schüttelte wehmüthig den Kopf. „Habe ich geirrt, fieng er an, so verzeiht mir! ich meinte es gut. Ihr schnelles Entfernen Volkmar, Albinens Betroffenheit bei Ihrem Erscheinen fiel mir auf, ich äusserte gegen die Mutter mein Befremden und erfuhr: daß ihr euch nicht unbekannt seyd. Nun wollte ich Licht haben, fuhr er fort und verlangte sehnlich Ihre Rückkehr mein Freund! Bei euerm Eintritt war mir alten Mann als müßte ich ein vereintes Päärchen in euch erblicken, allein ich sehe wohl, ich war zu voreilig. — Noch einmal verzeiht mir!“ „Ach! wenn Sie sich nicht geirrt hätten!“ rief Guido in heftiger Bewegung; „aber es ist unmöglich,“ fuhr er fort! bog sich zu dem Kranken über das Bett hin und sagte im schmerzlichsten Ton halb leise: „ich bin sehr, sehr unglücklich! Albina fühlt keine Liebe für mich, ja ich fürchte, sie haßt mich.“ „Großer Gott!“ rief sie und fuhr empor, „wer sagt dies! welch ein Argwohn!“ und mit weicher Stimme, mit unaussprechlicher Liebe im Blick sezte sie hinzu: „hatte Guido denn durchaus keine Ahnung von den Gefühlen, die seit Jahren mit süßer Gewalt mein Inneres beherrschen und welche ich nur mit der äussersten Anstrengung verbergen konnte?“ „Ist es möglich! fiel Guido ein, mir wäre der Himmel auf Erden längst schon offen gestanden und unseelige Zweifelsucht hätte mein Auge verschloßen! Albina, du liebst mich!“ Er breitete im höchsten Entzücken beide Arme aus und sie sank mit einem innigem: „Ja“ an seine Brust.

„O meine Albina! Mutter meiner Kinder!“ sagte Guido mit unendlicher Zärtlichkeit. „Dich, dich nur liebte ich seit dem ersten Augenblick in dem ich dich erblickte. Jedes Gefühl für Andere deines Geschlechts war Täuschung und Wahn. Du allein warst das Ideal meiner Wünsche und mit furchtbarem Schmerz gab ich dich verlohren!“ Nach einer heissen Umarmung, in welcher beide die Wonne einer lang verborgenen reinen Liebe fühlten, empfieng das überglückliche Paar knieend den Segen des vergnügten Großvaters, der liebenden Mutter. Lächelnd bemerkte Hainau dann: daß heute mit dem Herrn Rath kein wichtiges Geschäft abzumachen seyn würde und verschob die Verfertigung des Testaments auf den andern Tag. Sie mußten sich nun alle um sein Bett herumsetzen und ihm Viel und Mancherlei aus ihrer Lebensgeschichte mittheilen. Cornelia fühlte, daß ihre Erfahrungen nur schmerzlich das Herz des Greises berühren würden und sprach am Wenigsten. Desto mehr mußte Albina erzählen, wozu sie ein höchst angenehmes Talent besaß. Auch entzündete sich an der heiligen Gluth inniger Dankbarkeit gegen Gott und gute Menschen, welche eine der vielen treflichen Eigenschaften ihrer schönen Seele war, das Feuer der Darstellung bei der Mittheilung der glücklichen Ereigniße ihres Lebens. Oft unterbrach sie Guido mit den feurigsten Aeußerungen seiner Verehrung, besonders als sie seiner Kinder und der Belohnung erwähnte, welche sie in ihrem sichtlichen Gedeihen an Geist und Körper und in ihrer innigen Anhänglichkeit an sie, für ihre süße Sorge erhielt. Es war nun aber der Augenblick erschienen, wo auch der Vater derselben durch die Ergüße der dankbarsten Zärtlichkeit sie von seiner Anerkennung ihrer treuen mütterlichen Erziehung zu überzeugen strebte. „Durch mein ganzes Leben will ich dir meine Albina! diese edelmüthige, uneigennützige Liebe zu vergelten suchen,“ rief er aus und drückte sie innig an seine Brust.

„Warst du nicht auch großmüthig besorgt, mir die Zuneigung meines theuern Großvaters zu bewirken, sagte Albina, zu einer Zeit, wo du noch für eine Undankbare zu handeln glaubtest! du hast Alles abgetragen, was du mir auch vielleicht schuldig zu seyn glaubtest.“ — Als Theodor, welcher abwesend war, zurückkehrte, sah und hörte was unterdessen vorgefallen war: begrüßte er herzlich theilnehmend Guido als seinen Bruder. Aber sein trauriges Geschick fiel ihm bei dem Anblick des hohen Glücks der Liebenden mit neuer Schwere auf das Herz. Sie vermieden auch mit zarter Schonung so viel als möglich in seiner Gegenwart jede laute Aeusserung desselben.

O die reine Menschenliebe, wie unser großer Meister sie lehrt, spricht sich nicht allein in inniger Theilnahme, in thätigem Beistand aus, sie zeigt sich auch bei manchen Fällen in einem tiefen Schweigen, in einem sorgfältigen Verbergen unserer Vorzüge, oder unserer Freuden, wenn es die Ruhe Anderer erfordert. —

Guido konnte nun als anerkannter Enkel des Testirenden das amtliche Geschäft dabei nicht mehr vollziehen. Es wurde am folgenden Tag einer seiner Collegen berufen und mit diesem war Hainau mehrere Stunden allein, um denselben seinen lezten Willen zu dicktiren. Als er nach seinem Tod eröffnet wurde, ergab es sich daraus, daß die Enkel nach Abzug der Legate, zu Haupterben seines großen Vermögens bestimmt waren, daß die Mutter jährlich die Zinße eines bedeutenden Capitals, und auch Langenheim ein beträchtliches Vermächtnis erhalten sollte. Des Letzteren hatte sich Hainau öfters Reuevoll gegen Guido erinnert und sich seines Glücks herzlich gefreut.

Bald darauf erlöschte sanft der Lebensfunke des Greises, dessen letzten Tage alles früher begangene Unrecht austilgten und um seine Leiche stand trauernd die Liebe und die Dankbarkeit und segneten sein Andenken. Als er beerdigt war, trat Cornelia mit ihren Kindern die Rückreise an. So schwer die Liebenden von einander schieden, brachten sie doch willig der Pflicht und der Nothwendigkeit das Opfer und Albina versprach ihrem Guido bald mit William und Fany wieder zu kommen, um sich nicht mehr von ihm zu trennen.

Auf dem Weg zum Landhaus war es gerade nicht nothwendig D* zu paßiren, man konnte die Stadt seitwärts liegen lassen. Jedoch Albina bat, den kleinen Umweg nicht zu scheuen, indem sie das Verlangen äusserte: Guido’s würdigen Eltern sich als Tochter zu nähern, und Segen für sich und den Geliebten zu erbitten. Cornelia fand diesen Wunsch gerecht und bewilligte ihr ihn freudig. Glücklich erreichten sie D*, allein als sie über den volkreichen Markt fuhren, nöthigte ein hochbepackter Fuhrmanns Wagen den Kutscher auszuweichen. Er verfuhr dabei nicht vorsichtig genug und unsere Reisenden wurden umgeworfen. Man hofte, mit dem bloßen Schreck ohne Beschädigung davon gekommen zu seyn, und Theodor wollte bei dem Wagen und Gepäck zurück bleiben, bis derselbe wieder in der Höhe und alles in Ordnung seyn würde. Cornelia und Albina eilten nun zu Fuß nach Volkmars Wohnung. Sie fanden die Thüre geöffnet und schlichen durch den Hof in den Garten, der sich am Haus befand, weil es sie bedünkte: als hörten sie von daher einige Kinderstimmen. So war es; William und Fany tummelten sich mit mehreren kleinen Gespielen im Gras herum. Aurelia saß dabei und strickte. Welch ein Jubel, als sie Albinen erblickten! die Kinder flogen auf sie zu, umklammerten sie fest und konnten nicht Worte genug finden, ihre Freude, sie wieder zu haben, auszudrücken. Auch Aurelien beglückte das Wiedersehen der geliebten Freundin unendlich. Albina, überwältigt von den Empfindungen ihres liebenden Herzens, sank auf ihre Kniee, umfaßte die beiden Kleinen und rief: „o meine Kinder! nun bin ich durch die Liebe eures Vaters wirklich eure Mutter! — doch kann ich euch mehr lieben als bisher?“ — „gute Mutter! mich recht lieb haben und Fany auch, nimmer fortgehen, wir wollen recht brav seyn!“ so plauderte William und fiel Albinen immer aufs Neue um den Hals; auch Fany küßte und streichelte ihr unaufhörlich Hand und Wangen.

Die laute Freude war bis in die Gemächer des Hauses gedrungen, auch dem Baron und seiner Gattin wurde sie bemerkbar und sie folgten ihren Tönen. Ohne von Albinen gesehen zu werden, näherten sie sich schon ihr, als sie jene bedeutungsvollen Worte sprach — „meine Tochter!“ rief innig erfreut und gerührt die Baronin. Albina blickte auf und fiel mit den Worten: „meine verehrte Mutter!“ ihr in die Arme; dann nahm sie der beiden Eltern Hand und sagte: „segnen, o segnen Sie den Bund zweier Herzen, welche sich längst angehörten, die aber ein sonderbares Geschick so lang von einander entfernt hielt; wir haben uns gefunden und wollen nun vereint in der Erfüllung kindlicher Pflichten gegen die geliebten Eltern wetteifern.“ — „Welch einen heissen Wunsch hat uns dadurch die Vorsicht erfüllt!“ erwiederte Volkmar. „Sey uns willkommen und gesegnet als Tochter, du edles theures Mädchen!“

„Du weinst Großmütterchen!“ sagte William und küßte schmeichelnd die Hand der Baronin, welche Cornelien umarmend sich die Augen trocknete. „O Kind! das sind süße Thränen!“ erwiederte diese. „Ich bin eine glückliche Mutter! denn indem sie sich zu Albinen wandte: höre und freue dich mit mir; Eugenie hat mich während der Zeit deiner Abwesenheit besucht und ich habe sie jetzt ganz deiner Freundschaft würdig gefunden. Du würdest sie kaum mehr kennen. Ihr ganzes Wesen hat eine Weichheit, eine Anmuth gewonnen, welche sie wirklich liebenswürdig macht. Ihr Gatte, von dem sie mit inniger Liebe spricht und welcher ohne Zweifel diese Veränderung bewirkte, rechtfertigt meine, gleich anfangs von ihm gefaßte Meinung; er muß ein treflicher Mann seyn!“ „Ist sie denn schon wieder abgereißt?“ fragte Albina. „Ja — nein“ — antwortete die Baronin zögernd und blickte verlegen auf Aurelien. „Ich denke, versezte diese, wir wollen unsern theuern Freundinnen nichts vorenthalten. Sie sollen es ja doch erfahren und Theodor ist nicht zugegen.“ „Nun denn,“ sagte die Baronin, „Eugenia ist nicht alleine gekommen — aber ihre Begleitung ist euch nicht fremd und verdient den herzlichsten Empfang zum Ersaz vieler ausgestandener Leiden und zum Lohn vieler Tugenden“ — „Antonie!“ rief Albina. „Ja sie ist es!“ erwiederte Jene; und Mutter und Tochter geriethen in die freudigste Bewegung. „Gott sey gelobt!“ rief Erstere, nun kann ich manches begangene Unrecht wieder gut machen! und ihren und Theodors Wünschen steht nichts mehr im Weg, da er jetzt im Besitz eines bedeutenden Vermögens ist. Eben trat dieser von Langenheim geführt ein; blaß im Gesicht, den linken Arm in einer Binde. „Mein Gott was ist geschehen, was fehlt dir?“ riefen alle ängstlich. „Ich habe mich beim Aufheben des Wagens so beschädigt, daß ich zu einem Chirurg gehen und mich verbinden lassen mußte“ antwortete Theodor. „Ja,“ sagte Langenheim, „es ist keine Kleinigkeit! er brachte den Arm in eine Klemme und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ihm der Knochen abgedrückt worden. Ein fremder junger Mann hat ihn von diesem Unglück gerettet. Den Wanderbündel auf dem Rücken gieng er vorbei und hörte Theodor dem Kutscher zuruffen: „halt mein Arm“ schnell warf er das Ränzchen ab, stieß jenen, der sehr ungeschickt zu Werk gieng unwillig weg und hob mit Gewandtheit und Stärke den Wagen vollends in die Höhe: denn so viele Neugierige sich auch versammelt hatten, so leisteten doch Wenige hülfreiche Hand; und ich war zu schwach dazu.“ „Du bist sehr angegriffen lieber Theodor! sagte die Baronin mütterlich sorgend, komm doch gleich mit herauf und lege dich nieder; ich will Thee machen lassen und dich treulich pflegen.“ Sie giengen und als Albina äusserte: „in diesem Zustand müsse man ihm die Nachricht von Antoniens Rückkehr behutsam vortragen;“ versprach Langenheim dieß zu übernehmen und folgte jenem schnell nach. Die Andern aber fuhren bald darauf nach dem Landhaus. Therese empfieng sie an der Thüre und wollte sie bestimmen im Gartenzimmer abzutretten; jedoch Albina rief: „Mütterchen! ich weis Alles, Antonia ist oben, laß mich, laß mich zu ihr!“ Sie eilten nun hinauf und Antoniens schwächlicher Gesundheitszustand unterlag der Freude des Wiedersehens. Sie wurde ohnmächtig. Doch die Bemühungen der Freundschaft brachten sie wieder zum Bewußtseyn ihres Glücks: denn Albinens Entzücken und Corneliens mütterliche Liebkosungen verlöschten auch die kleinste Spur trüber Erinnerungen in ihrer Seele. Sie gab sich ganz den seeligsten Hoffnungen für die Zukunft hin. „Warum ist aber Theodor nicht mit gekommen?“ frug sie etwas befremdet. Albina fiel schnell ein: „er blieb in der Stadt, und ihm ist das Glück, dich wiederzusehen, noch unbekannt.“ „Aber, wann wird er es erfahren und ich ihn an dies liebende Herz drücken?“ erwiederte Antonie mit sehnsüchtigem Verlangen. „Bald, bald“ antwortete Eugenia beschwichtigend, welche durch Aurelien von Theodors Unfall unterrichtet, wieder neuen Nachtheil für ihre Freundin befürchtete, wenn sie es unvorbereitet erführe. Auch war es spät geworden und mit Eugenien einverstanden, erklärte Therese für nothwendig: „daß die Reisenden wegen Ermüdung und Antonia wegen den Einfluß der gehabten Gemüthsbewegung auf ihren Körper, sich bald zu Bett begeben und die wechselseitigen Mittheilungen auf den folgenden Tag verschieben sollten.“ Man trennte sich also um die Ruhe zu suchen. Doch Albinen verscheuchte den Schlaf die Begierde: von Antonien mehr zu wissen und das Verlangen sich mit Theresen und Eugenien recht auszusprechen: denn sie fand Leztere wirklich ungemein zu ihrem Vortheil verändert und fühlte sich durch die neugeknüpften schwesterlichen Bande liebend zu ihr hingezogen. Beide Freundinnen waren bereit, Albinens Wunsch zu erfüllen und sie benützten noch einige Stunden der stillen Nacht, zu einer traulichen Unterhaltung. Albina folgte in derselben dem Drang ihres Herzens und schilderte sein reines und inniges Glück den aufrichtig theilnehmenden Freundinnen; und dann gewährte Eugenia ihre Bitte und erzählte ihr, wie sie mit Antonien zusammen gekommen sey, auf folgende Weise:

Auf der Universität F* wo Eugeniens Gatte als Profeßor lebte war, noch nicht lang von einem edlen unverheiratheten Einwohner der Stadt ein Spital gestiftet worden, welcher ausser andern treflichen Einrichtungen, auch den Vorzug hatte, daß einige Gemächer des Hauses und ein Theil des großen Fonds ganz allein zur Verpflegung solcher Kranken bestimmt war, welche fremd, ohne Verwandte, auch zuweilen ohne Geld, sich in einer doppelt hülflosen Lage befanden.

Jeder große und kleine Gastwirth hatte die Weisung: dergleichen Personen zu dem Vorsteher der Anstalt zu bringen, für welche dann nach Beschaffenheit der Umstände unentgeltlich, oder gegen eine geringe Vergütung auf das menschenfreundlichste und zweckmäsigste gesorgt wurde.

Nach einem Conzert, welches in einem Gasthof der Stadt während der winterlichen Jahrszeit wöchentlich statt fand, wurde von den Theilhabern derselben ein Soupée einmal veranstaltet und Eugenia und ihr Gatte befanden sich auch dabei. Der besorgte Wirth saß mit an der Tafel und bediente seine Gäste, wobei er die ihm nahe Sizenden immer zu unterhalten bemüht war. Eugenia war auch nicht weit von ihm entfernt und hörte: wie er eines kranken Mädchens erwähnte, welche am Mittag bei der öffentlichen Tafel in das Zimmer gekommen war und durch einen himmlischen Gesang die Anwesenden bezaubert habe: allein noch vor dem Schluß desselben ohnmächtig niedergesunken sey. Er beschrieb ihr Aeußeres und Eugenia wurde aufmerksam. Sie wünschte mehr von ihr zu erfahren und setzte das Gespräch mit der Frage fort: „was mag wohl die Ursache des schnellen Zufalls bei dem Mädchen gewesen seyn?“ „Lieber Gott“ antwortete Herr Braun, so hieß der Wirth, „die bittre Noth! das arme Kind war leicht bekleidet und zitterte vor Frost, als sie in das Zimmer kam. Hier war ziemlich dafür gesorgt, daß der schon sehr strenge Winter seine Gewalt nicht ausüben konnte und so mag der schnelle Uebergang von Kälte zur Hitze nachtheilig auf sie gewirkt haben: denn als sie auch wieder zu sich kam, befand sie sich so übel, daß ich sie in unser wohlthätiges Krankenhaus bringen lassen mußte.“ „Wissen sie ihren Namen?“ frug Eugenia. „Ja wohl, antwortete Herr Braun, ich mußte ihn bei dem Spitalpfleger vorweisen. Die Arme hat mir ihn mit schwacher zitternder Hand aufgeschrieben.“ Er suchte in beiden Westen-Taschen lange herum, endlich brachte er ein Zettelchen heraus und reichte es Eugenien hin.

„Antonie Viscolina! rief diese und schlug die Hände zusammen, welche Entdeckung! fuhr sie gegen ihren Gatten, fort, der neben ihr saß; diese Antonie ist Theodors Geliebte, Albinens Freundin! und so unglüklich! ach Ferdinand! morgen mit dem Frühesten muß ich zu ihr, muß sie trösten und ihr helfen, wenn es in meiner Macht steht!“

Albina reichte hier Eugenien gerührt die Hand und jene fuhr fort: „Am folgenden Tag führte ich sogleich meinen Vorsatz aus und fand Antonien in einem bewußtlosen gefährlichen Zustand. Eine heftige Nervenkrankheit hatte sie ergriffen und in grausen Fieberphantasien beschäftigte sie sich unaufhörlich mit Theodor und mit dir theure Albina. In dieser Lage war nichts für sie zu thun, als fleißig Nachfrage zu halten: wie es mit ihr stehe und ob sie gut verpflegt würde; von lezterm konnte ich mich immer überzeugen, aber ihr Leben schwebte lange in Gefahr. Endlich erschienen wieder heitere Augenblicke und in einem solchen nahte ich mich ihr. Sie erkannte mich; jedoch bald trat wieder Fieberhitze ein und nun mischte sich auch mein Bild in ihre verwirrten Vorstellungen. Aber so oft sie zu sich kam, war ihre erste Frage nach mir. Indeßen vergingen mehrere Tage, bis ich etwas zusammenhängendes mit Antonien sprechen konnte. Doch als sie einmal aus einem lang andauernden sanften Schlummer erwachte und ich gerade an ihrem Bett saß: ergrif sie meine Hand, führte sie zu den Lippen und sagte schwach und leise: „süße Erscheinung aus meiner glücklichsten Lebensperiode, bist du ein Traum oder Wirklichkeit? —“ Ich suchte sie nun zu überzeugen, daß keine Täuschung ihrer Sinne vorwalte und daß ich von Herzen bereitwillig wäre, ihr nach Kräften beizustehen, wenn sie meine Hülfe nöthig hätte. „Ach ich bin sehr unglücklich!“ sagte sie und brach in heftiges Weinen aus; ich bat sie: ihre Genesung nicht durch Gemüthserschütterungen zu hindern und versprach ihr, sobald es der Arzt erlauben würde, sie in mein Haus zu nehmen. Diese Zusage schien sie sehr zu trösten und sie fragte täglich den Arzt: ob der ersehnte Tag noch nicht bald komme? In dieser Zeit versuchte sie einigemal mir von ihrem Schicksal zu erzählen: allein sie gerieth immer dabei in eine, ihrem schwachen Körper so nachtheilige Bewegung, daß ich es ihr bis zu ihrer vollkommenen Herstellung nicht mehr gestattete, ihr aber dagegen durch vorsichtige Mittheilung deßen, was ich von Eurem Befinden, und Begebnißen wußte, manche innig frohe Stunde schuf; auch zeigte ich ihr von ferne die Aussicht auf ein glückliches Wiedersehen, daß ich ihr bereiten wollte. Als ich sie endlich mit Beistimmung des Arztes zu mir nehmen durfte, als sie mein edler Gatte mit Güte und Wohlwollen aufnahm und behandelte und ich ihr jede Stärkung Bequemlichkeit und Erheiterung zu verschaffen suchte; da erhielt ihr Körper und Geist wieder so viel Kraft, daß sie meinen Rath befolgen und ihre Lebensgeschichte seit der Zeit ihrer Trennung von euch niederschreiben konnte; es schien mir dies weniger angreifend für sie zu seyn, als eine mündliche Erzählung. Eugenia stand auf nahm ein geschriebenes Heft aus einem Schrank und sagte: „in diesen Papieren erhielt ich die Urkunde des Werths eines Mädchen-Herzens, welches heldenmüthige Tugend zu ihrem Tempel erkohren hatte und das der Sitz der edelsten Gefühle ist. Durch diese erlangte Kenntniß von Antoniens Vorzügen, freute ich mich doppelt, daß es mir vergönnt war, ihr auf dem Lebensweg tröstend zu begegnen und denselben ebener für sie zu machen und ich und mein Gatte gelobten ihr treuen Beistand für die Zukunft.“

„O Ihr guten edlen Menschen! unterbrach sie hier Albina, Gott muß euch segnen für das, was Ihr an dem armen verlassenen Geschöpf gethan habt!“ —“

Eine innige Umarmung beider Freundinnen gab der Vereinigung ihrer Herzen, welche früherhin unmöglich war, nun aber natürlich erfolgen mußte die erste heilige Weihe. Eugenia wurde dann von Albinen und Theresen gebetten, Antoniens Lebensgeschichte vorzulesen, denn auch der Leztern war noch manches darinnen unbekannt geblieben. Und sie begann also:

„In jener verhängnisvollen Nacht, wo ich mich mit blutendem Herzen von meinem Geliebten losrieß, eilte ich so schnell als es meine Kräfte erlaubten den Berg hinan, welcher hinter dem Landhaus, durch ein kleines Gehölz, zu dem Weinberg führte. Der Mond blickte freundlich durch die dunklen Tannen und Fichten und beleuchten meinen Thränenreichen Pfad, den ich jedoch mit aller Besonnenheit wandelte. Wohl bedenkend, daß, sobald meine Flucht entdeckt seyn würde, man Anstalten treffen könnte mich einzuholen, fand ich es für nöthig, mich unter Wegs auf einige Stunden zu verbergen. In jenem Weinberg befand sich ein Hüttchen und unter diesem war ein kleiner Keller gegraben. Darinnen hielt ich mich bis zu dem andern Abend versteckt.

Zur Stillung meines Hungers hatte ich etwas Brod mitgenommen, aber brennender Durst nöthigte mich, nun meinen Zufluchtsort zu verlassen. Dunkelheit begünstigte meine Wanderung und ich erreichte bald das nächste Dorf. Hier labte ich mich an einem Röhrbronnen und fühlte nun aber auch das Bedürfniß des Schlafes im höchsten Grad. Die Besorgniß, daß in diesem Ort leicht am vorigen Tag Nachforschungen wegen mir gehalten worden seyn konnten, verhinderten mich hier um ein Nachtquatier zu bitten; ich wankte weiter und weiter und kam endlich an ein Gartenhäuschen, das zu der Besitzung eines reichen Edelmanns gehörte, welcher aber das Gut nicht bewohnte. Ich versuchte die Thüre zu öffnen, es gelang mir und in dem ganz leeren Zimmer lagerte ich mich auf dem Erdboden, machte mein Wäschbündelgen zum Kopfkißen, meinen Mantel zur Decke und genoß auf diese Weise einige Stunden, einen durch die höchste Erschöpfung sogleich herbeigeführten sanften Schlummer. Gestärkt erwachte ich, war froh, unentdeckt geblieben zu seyn und pilgerte nun eben so getrost durch schöne Obst Alleen, Gemüßfelder, üppige Wiesen und kühle Wälder, als durch sandige Einöden und magere Steppen. Ich umgieng die Städte, paßirte aber noch manche Dörfer und erhielt theils durch gutmüthige Einwohner, theils von der freigebigen Mutter Natur, hin und wieder Nahrung und Obdach. Meine kleine Baarschaft war aber dennoch aufgezehrt, noch ehe ich die Hälfte meiner Reise zurückgelegt hatte. Ich wollte nemlich nach Italien in mein Vaterland zurückkehren und befand mich jezt in der Schweiz an der Grenze von Schwaben. Meine vorige Lebensart wieder zu ergreifen, oder — noch schrecklicher — Almosen zu verlangen, beides war mir unmöglich. Ich wollte nun von den Kenntnißen und Fertigkeiten Gebrauch machen, in welchen mich meine geliebte unvergeßliche Albina unterrichtet hatte, durch sie in einem soliden Haus Unterkunft suchen und wagte mich deshalb in eine Stadt. Allein in derselben war, wie es wohl seyn soll, eine wohl organisirte Polizey. Mein Aufenthalt in einer kleinen Herberge wurde angezeigt, ich vorgefordert und als ich keinen Paß, keinen Attest vorzeigen konnte, mir angedeutet: daß ich nicht daselbst gedultet werden könnte: sondern mich ungesäumt aus der Stadt begeben müsse. „Großer Gott! ich werde für eine Landstreicherin gehalten und kann es Niemand verargen; wie unglücklich bin ich!“ So jammerte ich, als ich mich ausserhalb der Stadt befand. Ich saß auf einer steinernen Ruhebank und weinte heftig. Eine mitleidige Bauernfrau kehrte eben mit ihrem Korb ausgeleerter Milchkrüge auf ihr Dorf zurück, erblickte mich und blieb mit theilnehmender Miene bei mir stehen. „Ach gute Frau! sagte ich, Sie sieht in mir ein ganz verlaßenes, heimathloses Mädchen! weis sie Niemand in ihrem Dorf, der mich aufnehmen würde? ich wollte ja gern mein bischen Brod mit jeder, auch noch so schweren Arbeit zu verdienen suchen.“ „Hör sie Jungfer sagte das Weib und betrachtete mich vom Kopf bis zum Fuß, zu schweren Arbeiten ist sie nicht gemacht; vielleicht kann sie aber mit der Näh- und Striknadel umgehen: ich habe viele Kinder, muß mein Feld und mein Vieh besorgen, da reicht mir oft die Zeit nicht hin, Kleider und Wäsche auszubeßern und zu verfertigen; geh’ sie mit mir; wir wollens ein paar Tag mit einander probiren. Aber da, ihr dünnes Vorhängchen, das ihr Gesichtchen ganz verbirgt und ihren seidenen Schlumber lege sie ab: denn meine Nachbarsleute würden große Augen machen, wenn so eine vornehme Mamsel zu mir ins Haus käme. Die Lumpen da, helfen ihr nicht für den Hunger, ich aber kann dafür helfen und also muß sie meinen Willen thun.“ „Herzlich gern gute Frau! sagte ich, nahm geschwind Mantel und Schleier ab und wickelte beides in mein Wäschbündelchen. „So, gefällt sie mir beßer“ äusserte Jene billigend, und nun wollen wir machen, daß wir nach Hause kommen!“ „Gott vergelte ihr den menschenfreundlichen Entschluß! erwiederte ich, es soll sie nicht gereuen!“ „gut, wir wollen sehen“ antwortete die Bäuerin und eilig schritten wir beide dem nah gelegenen Dorfe zu. Unterwegs ruhten oft die Blicke der Frau auf mir, aber keine neugierige Frage kam über ihre Lippen: denn sie war Eine von jenen seltenen unverdorbenen Seelen, welche auch Andern Gutes zutrauen und edle Handlungen mit Hoffnung auf Gottes Beistand ohne vieles Forschen und Klügeln ausüben. Ich aber erzählte ihr unaufgefordert Mancherlei von meinem Vaterland von meinen Eltern, wie ich diese frühzeitig verlohr und gezwungen war, meinen Unterhalt durch Singen und Leiern zu verdienen; auch von der kürzern Vergangenheit theilte ich ihr so viel mit, als mir nöthig schien, um ihr Zutrauen zu erhöhen und zu befestigen. Natürlich verschwieg ich dabei, was meine Freunde und meine innigen Verhältniße zu ihnen betraf. „Armes Kind! Sie hat schon viel erfahren!“ sagte beklagend die Landfrau, und sezte hinzu; „verzag sie nur nicht, vor der Hand bleibt sie bei mir, wo es ihr gewiß nicht schlimm gehen wird, und dann wird ihr Gott schon weiter helfen!“ Wir kamen endlich in Gerdrudens ländliche Wohnung. Im reinlichen Stübchen wimmelte es von Kindern; das Aelteste ein Mädchen von 12 Jahren trug ein Schwesterchen, das wenig Wochen alt war auf ihren Armen und die andern sprangen der Mutter entgegen. Voll kindischer Ungeduld nach dem Mitgebrachten aus der Stadt bemerkten sie die Fremde nicht, die mitgekommen war, nur Marie die älteste grüßte mich freundlich kopfnickend.

Die Frau packte Semmel und Birn aus und gab jedem davon. „Ich bin auch recht unachtsam,“ sagte sie zu mir, „daß ich ihr unter Wegs nichts von diesen Sachen angeboten habe; sie wird hungrig seyn; nun da nehme sie auch ihren Theil, oder ist ihr mein schwarzes kräftiges Brod und ein Glas Buttermilch lieber?“ — Ich wählte das Lezte und genoß es mit herzlichem Dank. „Nun Kinder gebt der Jungfer ein Patschhändchen“ sagte Gertrud, als diese, ihr Brod und Obst verzehrend sich um mich versammelten, und mich anstaunten; „sie wird einige Zeit bei uns bleiben,“ fuhr die Mutter fort, „und eure Kleidungsstücke wieder herstellen, welche ihr muthwillig zerrißen habt.“ „das ist gut, sagte Konrad der älteste bauspackigte Knabe, lief fort und brachte ein Jäckchen das schadschaft war; ein Anderer brachte Strümpfe und die jüngern Mädchen, wollten die Schürzen, welche sie um hatten, gleich losmachen, weil auch hie und da kleine Ausbeßerungen daran nothwendig waren. „Seyd doch gescheud, sagte Marie. Wie kann denn die Jungfer alles zugleich machen, auch muß sie ja erst ausruhen, sie wird wohl müde seyn. „Du hast recht Mädchen!“ sagte die Mutter, „doch was wissen die einfältigen Dinger, die Jungfer wird es ihnen zu gut halten.“ Nun kam auch der Mann vom Feld zurück. Er sah mich mit großen Augen an, aber Gertrud nahm ihm beim Ermel und führte ihn hinaus. Als sie wieder herein kamen sagte er freundlich zu mir: „Nun kann ich sie erst ordentlicher Weise begrüßen liebe Jungfer, weil ich von meiner Frau gehört habe — na es ist gut, daß Gertrud sie mit sich genommen hat, ich zähle sie zu meinen Kindern, betrachte sie mich als Vater!“ — Ich drückte ihm herzlich die durch Arbeit schwülenvolle Hand und gelobte im Stillen die Gutmüthigkeit der wackern Leute mit treuer Ergebenheit zu vergelten. Mein geringer Vorrath von Wäsche und Kleidung hatte durch die Fußreise, (ich war schon 3 Wochen unter Wegs) ziemlich gelitten. Gertrud bemerkte es und einige Tage nachher brachte sie mit etwas verlegener Freundlichkeit ein Päckchen und legte es vor mich auf dem Tisch hin. „Das ist wohl auch etwas zum ausbeßern?“ frug ich. „Nein,“ erwiederte die Frau „was darinnen ist gehört ihr. Ich möchte sie eben gar zu gerne, Tochter und du nennen, und da meine ich, wenn sie meine Kleidung trüge, gieng es mir leichter vom Mund weg, doch muß sie mir es nicht übel nehmen.“ „Ach Gott! sagte ich und ergrif Gertrudens beide Hände, wie gut ist sie, wie gut! gleich liebe Mutter soll sie mich nach ihrem Wunsch umgekleidet sehen, und immer mit ihrer dankbaren Tochter zufrieden seyn.“ Ich gieng nun in mein Kämmerchen und als ich das Geschenk genauer untersuchte, fand sich ein vollständiger Anzug eines Land-Mädchens von Canton Appenzell welchem auch etwas Wäsche beigelegt war. Mit herzlicher Bereitwilligkeit vertauschte ich meine Kleidung mit dieser, flocht mein Haar in zwei Zöpfe: und trat vor Gertrud mit der Frage hin: „gefall’ ich ihr nun liebe Mutter?“ „Freilich, freilich“ sagte diese mit großer Zufriedenheit, packte mich an beiden Schuldern und drehte mich vor und rückwärts. „Ey Töchterchen, wie hübsch läßt dir die Tracht!“ fieng sie wieder an und rief, „Marie, Konrad, Lise kommt, seht, nun ist Antonie eure Schwester geworden.“ Die Kinder sprangen mit Lachen und Jubel um mich herum und freuten sich herzlich darüber. Bald fand ich mich in die ländlichen Beschäftigungen und stand Mutter Gertrud redlich bei, wußte mich auch in ihre und ihres Mannes Launen gut zu fügen und wurde dafür von Beiden herzlich geliebt. Was mir die Zuneigung der Eltern in noch höherem Grade gewann, war meine Sorge für die Kinder; ich pflegte und wartete die Jüngern und lehrte die Aelteren. Sie hingen aber auch alle mit sehr großer Liebe an mir und lernten mit so viel Freude und Eifer, daß in kurzer Zeit Marie und Konrad fertig lesen, so ziemlich schreiben und auch ein bischen rechnen konnten. Erstere unterrichtete ich noch überdies im Nähen und Stricken, worinn sie bald bedeutende Fortschritte machte. Ich war mit meinem Loos ganz zufrieden, ich konnte wirken und nützen, befand mich im Kreiße gutmüthiger, redlicher Menschen und die ländliche Abgeschiedenheit und Stille sagte meiner verschwiegenen Trauer um verlohrenes Glück vollkommen zu: denn oft erschienen mir die Bilder meiner entfernten Lieben und ich begrüßte sie mit schmerzlicher Rührung. Wenn der Mond die volle Scheibe den Erdbewohnern zeigte, suchte ich am Abend ein Stündchen zu einem einsamen Spaziergang zu gewinnen und gedachte mit Thränen der Trennungs-Stunde, wo auch Lunens freundlicher Schimmer mein Schlafgemach erhellte und mich auf meiner Flucht begleitete.

So waren mehrere Monate ruhig dahin geschwunden. Der Frühling grüßte die Erde wieder! da kam einst Vater Jakob von der Stadt nach Hause und sagte, (indem er Hut und Stock den dienstfertigen Kleinen hinreichte und den beßern Rock mit der Hausjacke vertauschte.) „Kinder! nun wirds lebendig in unserm Dorfe werden. Das, schon so viele Jahre leerstehende Schloß dort üben auf dem Berg hat eine adelige Herrschaft gekauft und will Jahr aus Jahr ein hier haußen. — Ich weis nicht, warum mir dies nicht in den Sinn will! ich kenne die Menschen nicht, und es ist mir doch ordentlich bange vor ihnen.“ „Hast wieder Mucken im Kopf Alter!“ sagte Gertrud und klopfte ihm freundlich auf die Schulter. „Sey nicht wunderlich Jakob, die Leute werden uns nichts in den Weg legen, wir haben ja gar nichts mit ihnen zu schaffen.“ und der Mann setzte bedeutend hinzu: „Na wir wollen sehen“ und gieng damit zur Thüre hinaus. Ich saß am Fenster, nähete und theilte (mir selbst unerklärlich) Jakobs bange Bersorgniße. Gertrud bemerkte daß ich tief aufseufzte. „Auch du kraußt die Stirne“ sagte sie schmälend. „Ihr seyd nicht klug. Es ist ja nicht anders als würde künftig das Nest dort von argen Burggeistern bewohnt.“ „Werdet nicht böse Mutter!“ erwiederte ich; „mir war die ruhige Stille, in der wir bisher lebten, so lieb! ich bin so zufrieden unter euch und sehnte mich nach keinem fremden Menschen, daher denke ich mit Besorgnis an eine mögliche Aenderung der Dinge“ „Ey so erwartet es erst, was die Zeit bringen wird und quält euch nicht im Voraus“ erwiederte Gertrud. Bald darauf kam wirklich ein vierspänniger Reisewagen, ihm folgten mehrere Küchen-Wägen, auch einige Reuter. Diese, den bequemeren Fußpfad einlenkend, welcher an Jakobs Hüttchen vorbei, sich nach und nach dem Berg hinauf schlängelte, sprengten an den niedern Fenstern vorüber. Eben saß ich wieder an meinem gewöhnlichen Platz bei dem geöffneten Fenster und nähete emsig; aber schon waren die Reuter verschwunden, als ich den Hufschlag der Pferde hörte und auf blickte. Allein im Nu wandte der Eine wieder um und ritt langsam an das Fenster hin, bückte sich herab und frug: „ob dies der rechte Weg zu jenem Schloß hinauf zu kommen sey?“ da ich nichts vermuthet hatte, erschrack ich so heftig, daß ich kaum ein „Ja“ hervorzubringen im Stande war und schnell entfernte ich mich vom Fenster und aus dem Zimmer: denn der Reuter stieg ab und machte sich etwas am Steigbügel zu schaffen. Eine unaussprechliche Bangigkeit fühlte ich nach diesem Ereignis den ganzen Tag über; ja es traten mir sogar Thränen in die Augen, als Jakob bei dem Abendeßen mit der Hand die faltige Stirne rieb und seufzend sagte: „Nun sind sie da die vornehmen Plagegeister!“ „Wie kannst du sie so nennen, du weißt ja nicht, wie sie seyn werden.“! entgegnete unzufrieden Gertrud, „O, ich weis jezt genug, versezte der Mann; ich habe nachgeforscht und erfahren, daß es recht hochmüthige, viel verlangende Menschen sind, welche glauben, unser Einer wäre nur um ihrentwillen da.“ Gertrud sah ernst vor sich hin. Jakob fuhr fort: „die Familie besteht aus einem alten Herrn, seiner Schwester, die sonst am Hof gelebt hat, aus zwei eitlen Töchtern und drei jungen Barons die immer noch einige ihres Gelichters bei sich haben, wo dann die liebe von Gott geschenkte Zeit, mit Jagen, Fechten und Reiten verthan wird. O, das wird eine herrliche Wirthschaft werden!“ „das ist freilich nicht tröstend“ sagte die Mutter, „Tonchen Tonchen! da darfst du dich hübsch verborgen halten. —“ Dies war auch mein fester Entschluß; Ohngeachtet deßen entwarf mir meine rege Phantasie ein so schreckliches Gemählde der Zukunft, daß ich die ganze Nacht schlaflos zubrachte. Am Fenster ließ ich mich nun nicht mehr sehen, denn Thomas der goldgelockte 4 jährige Knabe konnte nicht aufhören, von den schönen Reutern auf den herrlichen Pferden mit den prächtigen Reitzeuch zu erzählen, welche immer und immer an unserer Wohnung vorbei einen. Mit einem fortdauernden ängstlichen Arbeiten den gewöhnlichen heitern Muth und erschrack oft vor meinem Schatten, indem ich im Geist einen der Schloßbewohner sah. Diese streiften viel in der Gegend umher. Die Fräuleins wollten ihr Burgleben ganz nach dem in Rittergeschichten geschilderten und oft gelesenen einrichten; hatten sich altdeutsche Kleidung verfertigen lassen, hatten Rocken und Spindeln angeschafft und wollten wenigstens bei den Dorfsbewohnern und bei den seltenen Besuchen aus der Stadt Aufsehen dadurch erregen. Dazu gehörte nun auch, daß sie also aufgepuzt häufig lustwandelten und mit erkünstelter Leutseligkeit die Landleute und ihre Kinder ansprachen. Sie kamen auch in Jakobs Hütte, wollten sich mit Gertrud über ökonomische Gegenstände unterhalten und die Kenntniße der Kinder prüfen: allein in jenem Gespräch mußten sie sich eilfertig zurückziehen, da die gescheute Landfrau, die unwissenden Stadtfräuleins mit ihren prahlerischen Schein-Wissen in die Enge trieb. Bei den Kindern fanden sie auch mehr, als sie erwartet hatten und sie konnten über deren Fertigkeit im Lesen, Schreiben und Rechnen ihr Staunen nicht verbergen, da in dem Ort keine Schule, sondern diese eine Stunde weit entfernt war, wohin in der Regel die Eltern ziemlich saumseelig ihre Kinder schickten.

Da nannte mich Konrad, wie mir nachher die Mutter erzählte, mit den herzlichsten Ausdrücken, als ihre Lehrmeisterin. „Ey so zeigt sie uns doch! wer ist sie denn?“ fragten die Fräuleins; und so eben trat ich in die Stube; wollte aber eilig durch eine andere Thüre wieder hinaus: allein die Kinder riefen fröhlich: „da ist sie, da ist sie!“ hiengen sich an mich zogen mich mit den Worten zu den Damen „Komm nur komm nur, wir haben eben von dir gesprochen.“ Ich begrüßte jene, welche mich aber kaum eines Danks würdigten, sondern heimlich mit einander flüsterten und uns schnell verließen. Gertrud schüttelte den Kopf als sie weg waren, und sagte: „das sind sonderbare Leute, bald möchte ich Jakob Recht geben!—“

Ein paar Tage nachher kam Gertrud, die Hacke über der Schulter langsam und nachdenkend vom Feld nach Haus gegangen. Jakob stand mit seiner Pfeiffe unter der Thüre, und ich war im Vorplatz mit einer häuslichen Arbeit beschäftigt. Die Kinder sprangen der Mutter entgegen, sie schien sie aber gar nicht zu bemerken. „Gertrud! wie kommst du mir vor! rief ihr der Mann entgegen. Du hast ja für nichts Augen und Ohren!“ Sie war nun ins Haus getretten, lehnte schweigend die Hacke in einen Winkel und gieng auf die Stube zu. Jakob hielt sie auf. „Und nicht einmal einen guten Abend biethest du uns!“ sagte er. „Ey, was hast du denn?“ „Ach!“ erwiederte Gertrud und trocknete sich mit der Schürze die Augen. „Ich habe etwas Betrübendes erfahren und weiß nicht recht wie ich es dir und Antonien erzählen soll, ohne daß ihr auch traurig werdet, doch kommt herein.“ Ich ließ alles stehn und liegen und eilte den Gatten nach ins Stübcben. Hier begann nun Gertrud: „Ihr wißt, ich gieng in den Kraut-Acker dort am Hügel, wo die Garten-Laube der gnädigen Herrschaft anstößt, und hackte das Erdreich auf. Da hörte ich in meiner Nähe sprechen, und konnte der Neugierde nicht widerstehen, sondern begab mich hinter einen breitästigen Apfel-Baum, dessen dichtes Laub mich verbarg und lauschte. Soll ich es Glück oder Unglück nennen, daß es sich so fügte — kurz ich hörte, wie die gnädigen Fräuleins mit gar spöttischen und boshaften Worten und Gebehrden von uns und vorzüglich von dir arme Antonie sprachen. Das Herz im Leibe that mir weh, denn sie nahmen unsere unbescholtene kleine Hütte unbeschreiblich mit, verschonten weder den Vater, noch mich, ja selbst die Kinder nicht und am schlimmsten verfuhren sie mit Antonien. Es war der pure Neid der aus ihnen sprach, das hab ich gleich neulich gemerkt, wie sie bei uns waren und dich mein Goldkind erblickten. Nun aber hörte ich auch wie sich die Herren Barons eifrig um dich annahmen und da war mir wahrhaftig der vorige Tadel noch lieber, als das Lob von diesen, es klang mir gar zu gefährlich. Sie rühmten dich gewaltig, nannten dich die Krone des Dorfs, bedauerten, dich nur ein einzigesmal gesehen zu haben und versicherten: es in Zukunft schon klüger anzufangen. Ihr Vater sagte drohend: nehmt euch in acht ihr lockern Vögel, daß ihr nicht an der Leimruthe hängen bleibt und das alte Fräulein verbat sich streng mit kreischender Stimme alle Gemeinschaft mit der Bauern-Familie. Dann verließen sie die Laube und ich hatte alle Arbeits-Lust verlohren; mir fielen Eure bangen Ahnungen aufs Herz und ich dachte mir allerlei Mittel und Wege, um die Unannehmlichkeiten, welche ich mir jezt auch als möglich denke, zu verhüten.“ „Nun, was hab ich denn gesagt, erwiederte Jacob finster, da habt ihr die Bescherung. Wie kann ich unsere arme Taube da, vor den Raubvögeln genug sichern und wenn ich als ihr Beschützer fest auftretten will, werde ich nicht ihre Rache gegen mich und meine Familie reitzen?“ Ich gieng verzweifelnd im Zimmer auf und ab und rang die Hände. „Guter Vater! sagte ich endlich, schickt mich fort! nur auf diese Weise können wir alle dem drohenden Unheil begegnen.“ „Ach Gott! versezte Gertrud, wie ungerne würde ich dich missen, giebt es denn kein anderes Rettungsmittel?—“

Indem wir so miteinander überlegten, traten die jungen Herrn vom Schloß in die Stube. Ich sank zitternd auf einen kleinen Schemel. Gertrud stellte sich gleich einem Schild vor mich hin und sprach mir leise Trost ein, und der eine Sohn der Herrschaft fragte im barschen Ton nach verkäuflichem Haber. Jacob wußte die Absicht ihres Erscheinens, war gereizt und antwortete in eben so kurzen und rauhen Ausdrücken. Ich rafte mich auf und wollte mit Gertrud aus dem Zimmer gehen, die jungen Herren vertraten uns den Weg, Jacob aber packte zwei von ihnen und führte sie ziemlich unsanft zur Thüre hinaus. Was weiter vorgieng, weis ich nicht. Die Angst hatte mir das Bewußtseyn geraubt und als ich wieder zu mir kam, stand Gertrud weinend an meinem Bett. „Ach du lieber Himmel!“ sagte sie; „ich dachte, du wärest gestorben und habe für deine Seele herzlich gebetet. Nun Gottlob, daß du nur lebst!“ — „Wie geht es denn?“ frug ich ängstlich. „Der Vater hat eben zu rasch und unbesonnen gehandelt,“ antwortete sie, „es wird kein gutes Ende nehmen. Er ist jezt auf dem Schloß und beschwert sich bei dem Alten.“ Jacob kam erzürnt zurück, warf sich in seinen Sorgenstuhl und sagte: „elende, erbärmliche Menschen! Weil in ihnen kein ehrlicher Blutstropfen ist, so trauen sie andern Leuten auch nur Schlechtes zu, und glauben das Recht zu haben unser Einem immer nur als Mittel zu ihren gottlosen Zwecken gebrauchen zu dürfen! — und die hämischen Frauenbilder! — habe ich denn nicht des Satans Freude aus ihren Augen lachen sehen, als ich mich mit dem Vater herumzankte und er mir drohte: mein Vergehen, an seinen hochgebohrnen und niedrigdenkenden Söhnen bitter zu rächen? „Ey, meinetwegen!“ fuhr er fort, sprang zornig auf und rannte wild im Zimmer auf und ab; „meinetwegen! thut was ihr wollt! jagt mich von Haus und Hof — da drinnen, er schlug mit geballter Faust vor die Brust — bleibts dennoch ruhiger, als in dem Sündenpfuhl eurer armen Seelen! —“ Jacobs Heftigkeit ließ Gertruden und mich alles befürchten und es wollte uns durchaus nicht gelingen, ihn zu besänftigen. Endlich als er mich so ganz trostlos weinen sah und klagen hörte: daß ich die Ursache des Jammers wäre! faßte er etwas ruhiger meine Hand und sagte: „du hast ja all’ dies nicht herbeigeführt armes Kind! und bist unter uns am übelsten daran; kannst auch nicht bei uns bleiben. Aber wohin? —“ „Zu meiner Schwester!“ fiel Gertrud entschloßen ein. „Heute ists schon zu spät, aber morgen Jacob, morgen mache dich mit Antonien auf den Weg nach Waldsee. Du wirst gut aufgenommen werden, versicherte sie mir. Es sind wackere Leute; auch sind sie vermögend. Mein Schwager ist ein geschickter Schuhmacher und verdient sich des Jahrs über ein hübsches Sümmchen.“ „Gut, das ist ein gescheuter Einfall,“ sagte der Mann und ich dankte den beiden Gatten herzlich für ihre elterliche Sorgfalt.

Allein in derselben Nacht weckte mich Gertrud mit dem Verlangen: daß ich Feuer machen und Thee bereiten sollte; der gestrige Verdruß habe dem Vater eine Unpäßlichkeit zugezogen. Ich fand ihn wirklich bedeutend krank. Der Knecht wurde in die Stadt nach dem Arzt geschickt und mehrere Tage verstrichen unter bangen Besorgnißen. An meine Abreise in Jacobs Begleitung war nun sobald nicht zu denken, denn er war von der Krankheit sehr mitgenommen und ohne jene war diese nicht zu wagen: also sah ich sie mit geheimer Angst im Herzen auf lange verschoben. Gertrud vermehrte dieselbe, wenn sie öfters bei ihrer Rückkehr von der Stadt erzählte, wie die jungen Herrens schon am frühen Morgen herumschwärmten und einer von ihnen ganz besonders sie im Aug zu haben schien; ja sie einmal immer von fern, bis in einige Straßen der Stadt begleitet habe. Bald darauf kam sie mit der Nachricht zurück: das vielleicht jezt der Himmel für mich gesorgt habe. Denn in einem vornehmen Haus, wohin sie täglich Milch trug, sey unter den Dienstboten die Rede von einer Kammerjungfer gewesen, welche die Herrschaft suche. Die Köchin, die uns (wie ich mich wohl erinnerte) an der Kirmes besucht, und mich damals gesehen hatte erinnerte sich nun meiner. Gertrud versprach, mich davon zu benachrichtigen und am folgenden Tag wurde sie von der gnädigen Frau selbst beauftragt, mich zu ihr zu schicken. In meiner Lage mußte mir jeder Ort der Entfernung, wenn sie nur halb zu genehmigen war, erwünscht seyn und ich machte mich also sogleich auf den Weg nach der Stadt. Ich fand in der Frau von Steinfels eine liebe freundliche Dame, und unsere Unterhandlungen waren schnell und zu meiner Zufriedenheit beendigt. Mit herzlicher Trauer nahm ich von meinen redlichen Landleuten und ihren guten Kindern Abschied. Auch sie waren alle tief betrübt doch tröstete sie der Gedanke, mich jezt in Sicherheit zu wissen. Meine Fertigkeiten in häuslichen und weiblichen Arbeiten, welche ich ganz allein den theuern Vorsteherinnen des Instituts zu N* verdanke, erwarben mir bald die Gunst meiner neuen Herrschaft, und ich hatte nicht Ursache über Etwas Klage zu führen: desto schmerzlicher war es mir, als ich nach ein paar Monaten abermals eine Störung meines Glückes gewahr werden mußte. Eben war ich im Begriff meine gnädige Frau ins Theater anzukleiden, als sich die Thür öffnete und ein junger Mann mit den Worten: „guten Abend liebe Mutter!“ eintrat. „Ey guten Abend Richard! erwiederte diese, hast du endlich auch wieder einmal an das nach Hause kommen gedacht! was machen die neuen Bewohner der alten Ritterburg?“ nun erst betrachtete ich den Angekommenen und erkannte in ihm einen der Barons, welche meinen friedlichen ländlichen Aufenthalt so grausam getrübt hatten. Ich zitterte daß mir die Stecknadeln, mit denen ich den Anzug der Dame vollenden wollte, eine nach der andern entfielen. „Wie ist sie denn so ungeschickt?“ schmälte diese und ich nahm mich zusammen, so gut ich konnte.

Richard schien mich nicht zu bemerken und unterhielt sich ganz unbefangen mit der Mutter. Es vergiengen mehrere Tage und ich empfand nichts von seiner Anwesenheit im Haus, was meine Angst vermehrt hätte. Sie minderte sich nach und nach durch die Hoffnung, daß Richard wahrscheinlich nur die Vettern immer begleitet, doch ihre Plane und Absichten nicht getheilt habe. Allein bald wurde ich leider vom Gegentheil überzeugt. An einem Abend, wo ich alleine im Haus zu seyn glaubte, da meine Herrschaft mit dem Sohn sich in einer Gesellschaft befand, stand auf einmal Lezterer vor mir, klagte, daß er nicht wohl sey und ersuchte mich, ihm Thee zu machen. Ich mußte sein Verlangen erfüllen und als ich ihm denselben brachte, sagte er: „ob ich schon wisse, das der wackere Jakob in einem kostspieligen Prozeß mit der Schloßherrschaft über ein Stückchen Land, das an deren Besitzungen angränzt, verwickelt worden wäre, der ihn leicht um sein Vermögen würde bringen können?“ Ich erschrack heftig, und Zorn und Verlegenheit, verbreiteten eine heiße Gluth in meinem Gesicht. Richard ergriff meine Hand und sagte theilnehmend: „Gewiß, ich kann das Verfahren meiner Oheims und meiner Vettern durchaus nicht billigen; ich war lange Zeuge davon und erfuhr jeden ihrer Plane; daher hielt ich es auch für rathsam, Ihnen liebes Kind, in dem Hause meiner Mutter einen sichern Zufluchtsort zu verschaffen. Mir haben Sie es zu verdanken, wenn es Ihnen bei uns wohlgefällt.“ Ich wußte nicht, sollte ich mich über diese Mittheilungen freuen oder ängstigen. Daß Richard ohne alle Neben-Absicht so gehandelt habe — dieses Edelmuths schien er mir nicht fähig. Ich suchte auszuweichen, erwiederte einige höfliche Worte und schloß mich dann in mein Kämmerchen ein, wo ich Gott an flehte, mich aus dem gefährlichen Standpunct, worauf ich mich meiner Meinung nach befand, zu schützen.

Richard ließ wieder einige Wochen verstreichen, ohne einen Versuch zu machen, sich mir zu nähern: allein diese von ihm ergriffene Maaßregel, konnte dennoch meine Wachsamkeit nicht einschläfern und bald bemerkte ich, wie nach und nach seine erkünstelte Kälte sich in zunehmende Freundlichkeit verwandelte, hielt mich desto entfernter von ihm und da ich ihm jede Möglichkeit mit mir alleine zu sprechen benahm: so suchte er den schriftlichen Weg der Erklärung; jedoch seinen Brief, den er mir in Gegenwart der Eltern, als ein Schreiben, das ich auf die Post bestellen sollte zu geben wußte, legte ich in seiner Abwesenheit uneröffnet auf sein Zimmer und ein Zettelchen dabei, worauf ich ihm bedeutete: daß ich ein zweites Schreiben unverzüglich seinen würdigen Eltern übergeben würde. Wirklich verdienten diesen Beinahmen der Baron Steinfels und seine Gattin und es schmerzte mich tief, wenn ich bemerkte, mit welcher innigen Zärtlichkeit sie den Sohn liebten, behandelten, und für ihn Sorge trugen der durch seinen Leichtsinn dieser Gesinnung sich unwerth machte. Ein gutes Herz blickte indeßen aus allen seinen Handlungen hervor, auch scheute er sich, die Eltern zu beleidigen und bemühte sich daher in ihren Augen viel solider zu erscheinen, als er war. In dieser Bemerkung lag viel Beruhigendes für mich und ich kannte keine größere Sorge, als mir die Gunst meiner gütigen Herrschaft zu erhalten, durch welche mich die Baronin dann immer gerne und viel um sich sah. Richard war nach jener Begebenheit mit dem Brief sehr ungehalten auf mich: allein je weniger ich mich um ihn bekümmerte, desto mehr schien eine unglückliche Leidenschaft für mich ihn aufzuregen. Er bewieß mir, nachdem sich sein Zorn gelegt hatte, wieder mit der zartesten Aufmerksamkeit allerlei Artigkeiten und bei einer großen Gesellschaft, welche seine Eltern gaben, gieng er zu mir an den Theetisch, wo ich beschäftigt war und sagte zu mir: „Antonie; Jacob und seine Familie ist sehr unglücklich geworden, wollen sie mehr von ihnen hören, so gestatten Sie mir eine kurze Unterredung.“ Ich war einen Augenblick unentschloßen. Dankbarkeit und Sorge um meine Ehre stritten miteinander. Doch bald trug die Lezte den Sieg davon. Ich erwiederte: „In Gegenwart eines Dritten, soll jene Unterredung nicht statt finden, das begreife ich wohl und ohne Zeugen ziemt sie sich zwischen uns nicht. Gott helfe den armen Leuten! ich — kann es nicht! —“ Ein kleines Packetchen glitt aus Richards Hand auf den Theetisch und er entfernte sich schnell. Es war überschrieben: „der edlen Antonie zu wohlthätigen Zwecken.“ Wieder ein neuer Kampf! Mit diesem Gold es waren 2 Ducaten — konnte ich meiner Sehnsucht: mich gegen Jacob und seine Familie dankbar zu beweisen, ein Genüge leisten und doch schien es mir gefährlich, mich Richard zu verpflichten. Nach reiflicher Ueberlegung entschied ich — und er fand auch dies Geld am Abend wieder auf seinem Schreibtisch. Nun aber, war er fürchterlich gereizt und kaum fähig, sich in Gegenwart seiner Eltern, wo er mich nur sahe zurückzuhalten. Aengstlich schlug mir das Herz wenn ich seine wild rollenden Augen, seine finstere Stirne, seinen verbißenen Grimm bemerkte. Aber konnte ich anders handeln? — ich vertraute also fest auf den Schutz Gottes und hatte auch den Muth stille zu stehen, als er mir auf einem Gang vor die Stadt, wozu mich die Baronin in seiner Gegenwart beauftragt hatte, nacheilte. „Antonie!“ rief er stark und heftig. Ich wandte mich um und sagte: „Herr Baron! es ist sehr unedel ein Mädchen zu verfolgen, das keinen andern Reichthum hat, als seine Ehre.“ Er fieng nun an, mir Vorwürfe über mein Betragen zu machen, seine leidenschaftlichen Empfindungen für mich zu schildern und mir zu versichern: daß ich durch Wiederstand meine Lage verschlimmern würde. Zugleich wollte er die Grenzen der Achtung und Bescheidenheit übertretten und seiner Leidenschaft den Zügel lassen. Wir waren indessen an einen Teich gekommen und entschloßen schwor ich bei allem was heilig ist: augenblicklich meinem Leben ein Ende zu machen, wenn er nicht wieder die gehörige Herrschaft über sich gewinnen und mich ruhig anhören wolle. Bei dieser Versicherung trat ich an das äusserste Ende des Ufers. Er zog mich ängstlich zurück und versprach mir schuldige Mäßigung.

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