Front matter (continued 2)
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Nur das Andenken an Cornelien war vermögend mich aus der gänzlichen Erstarrung meiner Gefühle zu wecken. Laß dir die Stelle zeigen mein Freund,“ sagte Hainau, „wo ich die einzigen hellen Augenblicke in der dunkeln Nacht meines Daseyns, in der heiligen Erinnerung an Cornelien gelebt habe.“
Arm in Arm wandelten die Freunde zu dem Hain; in deßen tiefsten Hintergrund eine Laube, welche Hainau aus einigen Birken gezogen hatte, sie aufnahm. In ihr war ein kleiner Altar von Rasen aufgebaut und auf der Oberfläche desselben aus Vergißmeinnichtpflänzchen ein O gebildet.
„In diesem Tempel,“ fuhr Hainau fort, „brachte ich täglich die Stunde zu, worinnen ich mich in einem thörigt falschen Wahn von Cornelien trennte. Ich nahm ihr damals die Rose welche sie am Busentuch hatte mit hinweg und hob sie getrocknet wie ein Heiligthum auf. Kürzlich hatte ich sie wieder bei mir, als ich wieder zur gewöhnlichen Zeit hieher wankte; ich saß dort am Saum des Waldes auf jener Rosenbank und betrachtete lange in tiefes Nachdenken versunken die dürre Blume. Auf einmal schien es mir, als rief eine leise, süße Stimme meinen Namen — Sie ist Tod! in diesem Augenblick ist sie von der Erde geschieden und mitleidig ruft sie mich! dieß waren meine Gedanken und mein Entschluß sogleich gefaßt: ihr zu folgen. Doch daran verhinderte mich ein Fremder und nachher kehrte mein gewöhnliches Stumpfsein wieder zurück. Ach ich war sehr sehr unglücklich! und das bittre Gefühl der Reue, wird mich nie ganz glücklich werden lassen! denn: habe ich nicht als Vater unverantwortlich gehandelt? — auch der Augenblick, wo ich im letzten Anfall wilden Menschenhaßes bald meinen Retter gemordet hätte, auch dieser wird noch oft ein strenges Gericht über mich halten.“ — so klagte Hainau und warf sich Langenheim an die Brust. „Laß die Erinnerung an die Vergangenheit in deinen dunklen Mauern zurück“ sagte Langenheim „und gehe mit getrostem Muth der Zukunft entgegen. Laß uns aber auch jetzt aus diesem Dunklen Labyrinth dort zu der freundlichern Rosenbank hinwandeln, hier ist es zu düster“ setzte er hinzu und führte Hainau dahin. Von hieraus hatte das Aug eine etwas freiere Aussicht, besonders auf einen Teich welcher Zufluß von jener Quelle erhielt, auf seiner klaren Fläche spiegelte sich der blaue Himmel und die Strahlen der Sonne versilberten die kleinen Wellen, über ihn hinweg sah man durch eine perspectivisch gepflanzter Reihen hoher Pappeln das öfters schon erwähnte freundliche Dörfchen.
„Vertraue mir!“ sagte hier tröstend Langenheim zu Hainau, der noch immer den Kopf in die hohle Hand gesenkt, trübe neben ihm saß. „Vertraue mir Freund! so wie ich dich eben jetzt aus der Nacht deiner Tannen hieher ans heitere Tageslicht führte, wo dem Blick, der dort nur auf den nächsten Umgebungen beschränkt ruht sich heitere Gegenstände zeigen, so hoffe ich dir in der Nacht den Kummer, der noch als Vater deine Seele belastet Trost, und leicht geben zu können. Es müßte mich alles täuschen, wenn ich dir nicht einige Auskunft über deinen Theodor ertheilen könnte.“ Hainau blickte ihn zweifelnd an. Langenheim beschrieb nun Theodors Aeußeres so lebhaft und treu, als kein Pinsel es vermögte. „Ja er ist es“ rief Hainau entzückt, sank auf seine Kniee und sprach ein lautes inniges Dankgebet aus. Dann fiel er stürmisch Langenheim um den Hals und „du mein süßer Wohlthäter hienieden der du mir alles zuführen willst was mir theuer ist sprich! wo lebt mein Sohn?“ „In unsrer Mitte, geliebt von uns allen und auch deiner Vaterliebe werth,“ erwiederte Langenheim; er mußte nun von Theodor erzählen, was er wußte dann aber versicherte Hainau: „nun kann ich nicht mehr länger hier verweilen. Morgen, Langenheim morgen reisen wir.“ Dieser erbat sich noch einen Tag Aufschub, um einen Brief als Vorläufer absenden zu können, ob er gleich schon mehrere abgeschickt und Theresen darin alles mitgetheilt hatte: was sie beruhigen und worin sie Cornelien und Albinen vorsichtig benachrichtigen sollte.
Unruhig über Corneliens ungewöhnlich langes Aussenbleiben, und mit einem seltsam bangen Vorgefühl kämpfend, schaute Albina an jenem Abend, wo die folgereiche Scene in Langenheims Haus vorgefallen war sinnend zum Fenster hinaus und lauschte auf jeden vermeintlichen fernen Fußtritt. Ihre Zöglinge umgaben den runden Tisch in der Mitte des Zimmers, auf welchem schon die freundliche Kerze brannte und lispelten leise mit einander: denn Albinens befangenes Wesen, das für sie eine auffallende Erscheinung war, hatte ihre kindliche Munterkeit gestört und die Abendsuppe wurde ungenoßen wieder weggetragen. Die nun 12 jährige Aurelia schlich zu Albinen, umfaßte sie innig und der volle Mond der silbern am Himmel stand spiegelte sich in ihren Thränen. „Gutes theures Kind!“ sagte Albina gerührt und drückte sie an die Brust. — „Du verstehst meine Sorge und ich danke dir für deine Theilnahme, sie ist wohlthuend für mein Herz. Doch beunruhige dich nicht auch. Der große Geist, der diesen schön leuchtenden Weltkörper schuf und in seiner Bahn erhält, sieht eben so mildsorgend auf das funkelnde Johanniswürmchen dort unten im Grase, und der Menschen Schicksale, lenkt er nach ewig weisen und huldreichen Gesetzen. Ich sagte mir dies vorhin recht nachdrücklich vor und bin nun gefaßt, das, was die nächsten Stunden, meiner geheimen Ahnung noch Wichtiges mir bringen werden ruhig anzunehmen.“ Bald darauf hörten sie in der Stille der Nacht von ferne einen Wagen rollen. „Das wird die Mutter seyn!“ sagte Aurelia fröhlich. „Ist sie es,“ erwiederte Albina mit pochendem Herzen leise, „so beauftrage ich dich als die Verständigste, deine Schwestern gut zu unterhalten, damit meine Abwesenheit nicht nachtheilig für sie wird, denn ich muß mit der Mutter alleine sprechen.“ — Sie eilte hinunter — und aus dem Wagen stieg — Cornelia und Therese — Leztere hatte sich entschlossen, da sie alles von der Leidenschaftlichkeit ihrer Freundin befürchtete, sie zu begleiten und die Nacht auf dem Landhaus zuzubringen. Aengstlich spähend blickte Albina beide an. Die Mutter äusserte mit schlecht verheelter Unruhe, sie möchte die Kinder so schnell als möglich zu Bett bringen und dann im Gaststübchen sie aufsuchen. Es geschah und als Albina wieder kam, fand sie Cornelien, mit rückwärts gebogenem, ins Sacktuch verhüllten Gesicht, auf dem Sessel sitzend; sie eilte auf Theresen zu, die neben Jener stand und bat im flehenden Ton, um Aufschluß über alle diese Erscheinungen. Therese, die Seelenstärke der geliebten Tochter kennend, entdeckte ihr Alles; und Albina; in deren Herzen diese Mittheilungen verschiedenartige Empfindungen erregt hatten, beeiferte sich mit Theresen für die Hoffnungsreichsten derselben auch Corneliens Gemüth empfänglich zu machen und schon hatte die Mitternachtsstunde geschlagen, als Mutter und Tochter erst von der trefflichen Freundin schieden und zwar mit den Aeusserungen der innigsten Dankbarkeit für die abermalige Beschäftigung einer treuen Freundschaft und Fürsorge, welche in Theresens schöner Seele immerdar segnend für ihre Lieben waltete.
Haben wir im Leben irgend eine wichtige Erfahrung gemacht, so ist es höchst wohlthätig, in der Einsamkeit dieselbe noch einmal durchzugehen um sie vollkommen zu würdigen, und unser Benehmen gehörig regeln zu können, — aber es entsteht dann auch sogleich der Wunsch dem mit uns am nächsten verwandten Herzen, Kunde davon geben und uns seines Mitgefühls freuen zu können. Albina, als sie sich auf ihrem Lager allein mit ihren Empfindungen befand war jetzt erst vermögend, reiflich über die Ereignisse des Abends und über das, was die Pflicht aufs Neue von ihr fordern würde, nachzudenken. Als sie damit im Reinen war, entstand die Frage: „Ob wohl Theodor von dem Vorfall wisse?“ und das sehnsüchtige Verlangen regte sich lebhaft, doch recht bald mit ihm darüber sprechen zu können. Du mein Geliebter! wirst also einen Vater durch deine Albina wieder erhalten! sprach sie leise und innig: doch in diesem Augenblick verschmolzen die Bilder seines und ihres Vaters in ihrer Phantasie so wunderbar in einander, daß sie unzufrieden mit ihren verworrenen Ideen, sich bemühte, einzuschlummern um am Morgen sich ihrer gewöhnlichen Geistesklarheit erfreuen zu können.
Sie war auch am folgenden Tag wieder vollkommen im Stande, alles, was ihr schöner Beruf heischte, genau zu besorgen, und der noch heftig angegriffenen Mutter kindlich beizustehen — doch gewährte es ihr hohen Trost, als Therese äusserte: noch einige Tage bei ihnen zu bleiben, da ihres Gatten Reise und Abwesenheit ihr die längere Entfernung vom Hause gestatte. Die erste günstige Minute wo Albina allein die mütterliche Freundin sprechen konnte benützte sie um zu erfahren, ob auch Theodor von den neuesten Begebenheiten unterrichtet sey? „Er ist nicht hier,“ erwiederte Jene; „Volkmar gab ihm einen Auftrag, der ihn schnell abzureisen und 10–12 Tage wegzubleiben nöthiget. Durch mich sendet er Albinen seine zärtlichsten Grüße.“
Nach einigen Tagen brachte Corneliens Dienstmädchen aus der Stadt einen Brief an Theresen mit — „von meinem Albert!“ rief diese und eilte damit in den Garten. Albine auf alles gefaßt, entschloß sich ihr nachzugehen. Therese gieng aus der Laube mit dem Ausruf entgegen: „Dein Vater ist gefunden — doch vielleicht — nur um ihn wieder zu verliehren!“ Sie theilte ihr nun den Brief mit, den Jener an dem Krankenbette des noch in Gefahr schwebenden Verwundeten geschrieben hatte. Albina war tief bewegt — aber ganz mit Theresen einverstanden: der Mutter diese Nachricht vorzuenthalten, vermogte sie es, ihre Gefühle zu verbergen. Bald verwandelte ein zweites Schreiben Langenheims diese peinliche Unruhe in glückliche Gewißheit und mit möglichster Vorsicht machte Therese Cornelien mit dem Erfolg der Reise ihres Gattens so wie nach und nach mit allen sie begleitenden Umständen bekannt. In Freude und Schmerz gleich ausschweifend, war Cornelia kaum fähig die Erste zu ertragen und sie scholt die Zeit, welche sie viel zu langsam zum Ziel ihrer Wünsche, zum Wiedersehen ihres Rombergs führte. (Langenheim hatte nemlich den wahren Namen seines Freundes und seine Vermuthungen wegen Theodor weislich noch verschwiegen.)
Therese wurde durch häusliche Angelegenheiten genöthiget in die Stadt zurückzukehren. Albina verdoppelte nun ihre Sorgfalt für die, dem Geist und Körper nach leidende Mutter; ihre dadurch vermehrten Geschäfte ließen ihr nicht Zeit, ihren eigenen Empfindungen Gehör zu geben, welche sie oft mit einer süßen Unruhe erfüllten. An dem Abend, an welchem Theodor, der von seiner Reise zurückgekehrt war, auf den Flügeln der Liebe zu seiner Albina eilte und beide des lang entbehrten Genußes eines traulichen Beisammenseyns in der Laube sich erfreuten, kam Therese auch, doch etwas später in das Landhaus. Sie brachte Cornelien den Brief, worinn ihr Gatte seine und Hainaus Ankunft und zugleich letztere als Theodors Vater ankündigte. Nachdem sie die heftig aufgeregte Freundin etwas beruhigt verlassen konnte, suchte sie die Liebenden auf und als sie vorbereitend von Vater Hainau manches erzählt hatte was beide aufmerksam und empfänglich für die Nachricht machte, die sie ihnen bringen mußte, nannte sie die Namen: Bruder — Schwester! — Theodor fuhr erschrocken auf, Albina wurde blaß und zitterte, endlich lößte ein wohlthätiger Thränenstrom, die Betäubung, in welche sie diese Entdeckung versezt hatte, auf. Therese drückte sie an ihr Herz und sagte: „Laß uns Gott danken, theures Kind! der zu rechter Zeit einen erleuchtenden Strahl in die drohende Nacht deiner Zukunft sandte, welcher uns alles im wahren Licht erblicken läßt und uns von dem Abgrund hinwegreißt an dem wir ohne Wissen standen. Theodor!“ fuhr sie fort, indem sie sich zu den noch immer in dumpfen Sinnen finster brütenden Jüngling wandte: „Theodor! müssen Sie denn die Geliebte ohne allen Ersatz hingeben? erhalten Sie nicht dafür einen versöhnten Vater, eine treue Schwester?“ „Ja, eine treue, treue Schwester will ich dir seyn!“ fiel Albina ein und umfaßte ihn liebend tröstend, „wir haben uns ja nur verlohren, um uns in anderer Gestalt wieder zu finden.“ „Lasst mir Zeit, mich zu sammeln,“ bat Theodor, und wandte sich sanft aus Albinens Armen; „ich muß mit mir alleine seyn, und hoffe, wenn wie uns wieder sehen, Euch alle zufrieden zu stellen.“ Er drückte einen Kuß auf Albinens Stirn, reichte Theresen die Hand und eilte fort. „Wir wollen nun Anstalten zum Empfang der theuern Gäste treffen“ sagte leztere zu Albinen, „dies wird eine wohlthätige Zerstreuung für meine geliebte Tochter seyn.“ Folgsam, aber schweigend mit niedergesenktem Blick gieng sie an Theresens Seite in die Wohnung.
Cornelia schloß sie in ihre Arme und sagte: „Ist Dir der letzte Vorfall nicht Bürge für die Untrüglichkeit meiner Ahnungen? — Als der Sohn meines Hainau, als dein Bruder, wird Theodor den nächsten Platz nach dir in meinem Herzen einnehmen. Bis jezt konnte ich ihn aber nie ohne geheimen Schauer betrachten. Ach Albina! welche beseeligende Aussicht zeigt sich unserm Auge! öffne doch dein Herz auch meinen Empfindungen geliebtes Kind! ich flehe zu dir, theile meine Freude!“ „Theure Mutter!“ erwiederte Albina bewegt, „ist sie denn nicht auch meine Freude? Einen hohen Genuß, den der väterlichen Liebe, bringen mir die nächsten Stunden und ich fühle gewiß seinen Werth. Aber sey nachsichtig beste Mutter. Zu neu ist mir mein gegenwärtiges Verhältniß gegen Theodor, das Herz muß sich erst daran gewöhnen lernen.“
Es kam der der große Augenblick des Wiedersehens und das freundliche Landhaus umschloß eine unaussprechlich glückliche Familie! Nur das gealterte kränkliche Ansehen Hainaus goß einen Tropfen Wermuth in den Freudenbecher. Es giebt Scenen im menschlichen Leben, wo die Gegenwart, selbst der vertrautesten Freunde, störend werden kann. Diese richtige Ansicht hatten auch Langenheims und da der Tag der Ankunft genau bestimmt war, begab sich Theodor — welcher das zur Seelenruhe erforderliche Gleichgewicht der Empfindungen sich wieder errungen hatte, an demselben alleine zur geliebten Schwester und Mutter und der glückliche Hainau fand alles vereint, wonach in den letzten Tagen sein Herz die heisseste Sehnsucht empfunden hatte. Er gab sich ganz den süßen Regungen der zärtlichsten Gatten und Vaterliebe hin und fühlte sich oft, durch die Genüsse, die ihm wurden zu dem Glauben geneigt: er sey schon der Erde entrückt.
Auch Cornelia war unendlich glücklich in der Erwiederung einer lange hoffnungslos gehegten, doch treu bewahrten Liebe und bemühte sich, ihren Gatten immerwährend davon zu überzeugen.
Der herangereifte Jüngling befriedigte nun ganz die Forderung des Vaters und auf der lieblichen Tochter ruhte oft lange mit stillem innigen Wohlgefallen sein Blick. Joseph der seltene treue Diener gehörte auch mit in den häuslichen Verein und wurde durch die allgemeine dankbare Anerkennung seiner Verdienste um seinen Herrn, für dieselben belohnt. Seine abentheuerliche Ritter-Kleidung wurde als eine Reliquie der vorigen Zeit aufbewahrt. Sie hatte sich seiner Aussage nach in der alten Ritterburg vorgefunden und schien ihm damals geeignet, das geheimnisvolle Benehmen, wozu ihn Hainau verpflichtet hatte, noch mehr zu erhöhen. Der sonst stumme Diener war jezt sehr redselig geworden. Er erzählte viel und gerne von der Vergangenheit. Unter andern gab er gleich in den ersten Tagen, bei einer zufälligen Gelegenheit, folgende wichtige Geschichte zum besten:
Er war Soldat, und immer menschlich gesinnt kam er als Feind in ein Dorf. Hier sah er vom weiten eine Frau, im Begriff ein neugebohrnes schreiendes Kind im vorbeiströmenden Fluß zu werfen. Joseph rief ihr ein donnerndes: „Halt“ zu. Sie blieb stehen und erwartete ihn. „Was willst du thun Barbarin?“ fuhr sie jener an. „Ey was,“ erwiederte die Frau, „das Kind ist nicht mein, eine Fremde hat es mir zurückgelassen und in den harten Kriegszeiten habe ich genug zu thun für mich und meinen Mann zu sorgen; das Kind ist mir eine Last.“ Joseph stellte ihr das Gräßliche ihres Vorsatzes so eindringend vor, daß sie in sich gieng, die Augen mit der Schürze trocknete, das Kind küßte und sagte: „Nun wohl, ich will die Kleine morgen in der Früh vor ein Gartenhaus in der Gegend setzen: da wohnen reiche Leute die können sich ihrer annehmen.“ Joseph quartierte sich darauf absichtlich bei jenen Leuten ein, aber statt sich von ihnen frei halten zu lassen, bezahlte er alles, was sie ihm gaben, doppelt und die Kleine trug er selbst den ganzen Abend über auf seinen Armen herum und liebkoßte sie. „Sie hat es gewußt, daß ich ihr Lebensretter war,“ sezte er treuherzig hinzu, „denn wenn sie im vollen Schreien war, und ich nahm sie zu mir, so war sie stille und blickte mich lieb und freundlich an. Es war ein wunderschönes Kind. In der Nacht mußte ich weiter marschiren und ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist, hab aber oft an sie gedacht. —“ Theodor und Albina waren es, die er vorzüglich mit seinen Geschichten und also auch mit dieser unterhielt. Als er geendigt hatte sagte Leztere: „Treue Seele! die du gerettet hast vom Wassertod — steht vor dir — ich bin es, und will dir mein Lebenlang dies zu vergelten suchen.“ Sie erzählte ihm ihre Jugend-Geschichte und Joseph war ausser sich vor Freude daß er zum Werkzeug erkohren war einem so edlen Wesen das Leben erhalten zu haben. Als den übrigen Gliedern der Familie diese Begebenheit mitgeteilt wurde, beeiferte man sich um die Wette, dem wackern Joseph die herzlichste Dankbarkeit für seine schöne Handlung, welcher man das Daseyn der allgemein geliebten und verehrten Albina zu verdanken hatte, zu beweisen. Vorzüglich hatte er sich dadurch Cornelien unendlich verpflichtet. Sie betrachtete ihn als ihren Wohlthäter und bot alles auf, ihm dies mit der That zu lohnen.
Albinens zarter liebender Sinn hatte einen Plan entworfen, nach welchem, der letzten Ereigniße wegen, ein würdiges Familienfest gefeiert werden sollte. Es war ihrer schönen Seele Bedürfniß, sich öffentlich darüber aussprechen zu dürfen; und Theodor wurde von ihr zur freundlichen Mitwirkung aufgefordert.
Mehrere Tage bemerkte Cornelia bei Albinen eine geheime Thätigkeit, so wie auch bei den Zöglingen. Diese standen oft auf einem Fleckchen beisammen, flüsterten und lachten versteckt. „Mütterchen, forsche nicht nach!“ schmeichelte Albina, als Jene sie darüber fragte: „nur heute noch, und du wirst Aufschluß erhalten.“ Am folgenden Abend erschienen, von Albinen eingeladen und überraschend für die Eltern, als liebe Gäste, Langenheims und Volkmar.
Im festlich mit Eichengewinden decorirten Saal war der Theetisch bereitet. Eine der ältern Pflegetöchter, eine muntre hübsche Brünette bediente die Anwesenden anmuthig und gewandt. Die andern Zöglinge giengen ab und zu und Albina wußte es leicht zu veranstalten, daß die Mutter die Freunde mit den Produkten des Fleißes und der Geschicklichkeit der Kinder unterhalten mußte und also ihre und Theodors Entfernung weniger bemerkt wurde. Endlich (es war schon dunkel und an der reinen azurnen Himmelsdecke funkelten zahllose Sterne) traten die 2 jüngsten Kinder der Anstalt, als Genien gekleidet in das Zimmer. Das weise Gewand war mit Blumengewinden hinaufgeschürzt und Blumenkränze zierten die blonden Köpfchen. Jede trug eine kleine Fackel in der Hand und mit freimüthigem Anstand näherten sie sich der Gesellschaft und sprachen abwechselnd:
Möchte es Geliebte Euch gefallen Uns zu folgen in die heil’gen Hallen Wo die Kindesliebe Eurer harrt. Möchte dort ihr Walten Euch erfreuen Wo sie treulich in dem Kreis der Treuen Jegliche Empfindung offenbart.
Freudig erstaunt folgten die Eingeladenen den lieblichen Führerinnen. Im Gartenzimmer, das von einer Lampe matt erhellt und reich ausgeschmückt mit duftenden Blumen in Töpfen und Vasen war, standen vor der geöffneten Flügelthüre, welche in den Garten führte, die berechneten Sitze für die Eintrettenden. Der mit vielen farbigen Flämmchen erleuchtete Gang leitete die Blicke zu einem im Hintergrund befindlichen Tempel, dessen Dach auf grün belaubten Säulen ruhte und welcher die Strahlen, einer hinter ihm transparent angebrachten Sonne wiedergab. Ein Altar stand in der Mitte derselben; an ihm ward Albinens edle holde Gestalt im himmelblauen griechischen Gewand sichtbar, welche die Flamme die auf dem Altar brannte, sorgfältig unterhielt. Die Kinder alle wie die beyden Ersten gekleidet, umringten in 2 Halb-Zirkeln den Tempel. In der entfernten Laube ertönte (auf das gegebene Zeichen, daß die Gefeierten zugegen wären) eine vollstimmige Musik. Sie begann mit einem feierlichen Choral, in welchen die feinen Kinder-Stimmen einfielen und Albina in betender Stellung an dem Altar niedersank.
Sie sangen:
Dem großen Geist, der wunderbar und weise Der Sterblichen Geschick hienieden lenkt Sey Lob und Preiß für diese schöne Stunde Die uns hier himmlische Genüsse schenkt! Er leite ferner huldvoll unsre Wege Zu der Vollendung schönem Ziele hin: Und reich’ uns stets im innigen Vereine Der Lieb und Freundschaft dauernden Gewinn!
Theodor kam nun als Minnesänger hervor. Um den Hals an einem breiten Band befestigt hieng die Guitarre. Die Kinder eilten ihm entgegen und führten ihn, gleich wie im Triumpf der Versammlung zu. Vor der Flügelthüre stehend begann er:
Euch Ihr hochverehrten, heiß Geliebten Tönt des Minnesängers frohes Lied Dem auf seinen Wanderungen lieblich Hier der Freude schönste Blume blüht. Was Irrthum einst trennte schaut er hier vereinigt Und in der Vergeßenheit ewiges Grab Sieht er die vergangenen Leiden sich senken Im Augenblick, welcher uns Wonne nur gab! Hochbegeistert laßt mich aber preißen Dich o Freundschaft! mit dem edlen Sinn! Du bist von dem Glück das uns beseeligt Mächtige und holde Schöpferin Und die Grosmuth, die mit milden Händen Die Verlaßnen führte und sie reich Segnete, beglückte und erfreute Grüße ich verehrend hier in Euch! Ihr habt schon den Lohn jener liebenden Thaten Im süßen Bewußtseyn; doch nehmt jezt den Kranz Mit freundlicher Güte aus kindlichen Händen, Den Unschuld Euch reichet im himmlischen Glanz!
Mit einer Verbeugung trat Theodor zurück und 4 Mädchen reichten den Langenheimischen und Volkmarischen Ehegatten Kränze aus Lorbeeren und Vergißmeinnicht gewunden. Nachdem wurde man Theodor im Tempel gewahr, wo er und Albina sich über der heiligen Flamme auf dem Altar die Hand reichten und der Chor der Kinder sang mit Musik begleitet:
Heil dem neu geschloßnen Bunde Reiner Bruder- treuer Schwesterliebe! Dauernd gründe diese Stunde Jene heil’gen Triebe. Ihre Herzen, die sich schnell gefunden Sind für eine Ewigkeit verbunden.
Nach Endigung dieses Gesangs giengen die Geschwister Hand in Hand, von den Genien begleitet, der Versammlung zu und Albina lies sich vor dem Vater, Theodor vor der Mutter, auf ein Knie nieder; Aurelia trat hervor und sang mit weicher Stimme:
Segnet theure Eltern die Geliebten, Die für Euch in frommer Lieb’ erglüh’n! Euer immer werth zu bleiben Ist ihr unermüdetes Bemühn Es soll Eure Tage schön verklären Und des trauten Kreißes Glück vermehren!
Mit tiefer Rührung legten die Eltern die Hand auf die Häupter der geliebten Kinder, zogen sie dann an ihre Brust und kein Auge blieb trocken bei dieser herrlichen Scene welche besonders für Cornelien und Hainau sehr angreifend zu werden schien: doch Moly die schon erwähnte heitre Brünette unterbrach dieselbe, indem sie mit noch einem Kranz am Arm, auf den in einer Ecke des Zimmers stehenden Joseph hineilte, welcher beinah laut weinte, ihn mit freundlicher Gewalt in ihre Reihen zog und zu singen begann:
Nimm diesen Kranz aus meiner Hand Sieh’! er gebühret der Treue! Sey auch verschieden ihr äußeres Gewand, In welchem Sie uns erfreue. Du hast in der alten Rittertracht Auch teutschen Rittern dich gleich gemacht — Sey hoch geprießen aufs Neue! —
Hiemit sezte ihm das fröhliche Mädchen den Kranz auf. Jung und Alt, Groß und Klein drängte sich zu ihn und drückte des Wackern Hand. Hainau fand keinen Anstand, den bewährten Diener an seine Brust zu nehmen, der die Hand des gütigen Herrn mit Küssen bedeckte und lange vor strömenden Thränen, nicht sprechen konnte. Endlich kam in den treuherzigsten Ausdrücken ein gutgemeinter Wunsch hervor. — Man gieng dann zur näheren Beschauung, Gruppenweise in die erleuchteten Parthien des Gartens und freute sich wiederholt Albinen und Theodors schöpferischer Liebe.
Nach und nach schlichen sich die Aeltesten unter den lieblichen Genien, dann Theodor und zulezt Albina und Joseph hinweg. Und nicht lange — so wurden die Eltern und Freunde gebetten, in den Saal zurückzukehren, wo hell erleuchtet ihnen die gedeckte Tafel einladend entgegen winkte. Albinens Hausmütterliches Talent, die Gelehrigkeit und Emsigkeit ihrer Schülerinnen, sprach sich in der Anordnung des, wenn auch nicht kostbaren, doch wohlschmeckenden und geschmackvoll eingerichteten Abendeßen aus. In das Nebenzimmer war eine Harmonie-Musik blasender Instrumente gewiesen, deren sanfte Zauber die beseeligenden Empfindungen in den Gemüthern der Anwesenden noch mehr erhöhte und — erst beim ernsten Schlag der Mitternachts-Stunde trennten sich die Stadtbewohner mit den Gefühlen aufrichtiger Achtung und Dankbarkeit gegen Albinen und Theodor von dem Wohnsitz reiner Freude.
So sehr Hainau wünschte mit dem lang entbehrten Sohn häufiger beisammen seyn zu können: hielt doch Letzteren seine Pflicht in der Stadt. Er war als Actuar angestellt, hatte seine Wohnung im Langenheimischen Haus und brachte nur die Sonntäge, an andern Tagen zuweilen ein paar Abendstunden im Kreiß seiner Familie zu.
Wie schon erwähnt wurde — war er ein leidenschaftlicher Freund der Musik und besaß auch von und in derselben ausserordentliche Kenntniße und Fertigkeit. Seine Neigung gieng so weit, daß er nicht nur jedem Conzert; jedem musicalischen Privat-Verein beiwohnte, und auch täglich, wenn die schöne militärische Musik des in D* garnisonirenden Regiments bei seinem Büreau vorüberzog, um die Wache zur Ablößung zu begleiten — von seinem Sitz auf und ans Fenster sprang um sie zu hören: sondern daß sogar jeder an den Messen herumziehende Strassensänger seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Einst spielte wieder ein Knabe vor seiner Wohnung eine kleine Orgel und lockte Theodor an das Fenster. Ein zartes Mädchen von 14–15 Jahren sang mit einer umgemein lieblichen Stimme dazu. Diese war für ihr Alter von einem bedeutenden Umfang, metallreich und hatte so viel Weiches, daß Theodors Augen sich unwillkührlich mit Thränen füllten. Er rief die Kinder in das Haus, erfuhr, daß sie unter Wegs zufällig zusammengekommen wären und Antonie, so hieß das Mädchen, aus dem westlichen Theil Italiens gebürtig, ohne Verwandte in der weiten Welt durch ihre Stimme den ärmlichsten Unterhalt zu erwerben suchte. Ihr bescheidenes Wesen, ihre ausdrucksvollen Gesichtszüge und ihre hülflose Lage, verbunden mit ihren musikalischen Talenten machte sie Theodor ungemein interessant. Er beschenkte sie und ihren Begleiter reichlich und ließ sich ihre Herberge sagen.
Den größten Theil der Nacht beschäftigte ihn der Gedanke: wie unglücklich dies Mädchen sey, in welchen Gefahren sie schwebe und ob es nicht möglich wäre, sie denselben zu entziehen. Er beschloß, sie näher kennen zu lernen und — wäre sie es würdig! sich ihrer anzunehmen: Theils führte ihn das Gefühl der Schiklicheit, theils das Vertrauen auf Theresens Einsicht und wohlwollende Gesinnung am andern Tag zu derselben und er gieng mit ihr in dieser Angelegenheit zu Rath. Sie zeigte sich bereitwillig seinen Wunsch zu erfüllen und ließ Antonien zu sich rufen. Diese war der Französischen Sprache kundig, welche auch Therese vollkommen verstand und so war es der Lezten möglich nach einer langen Unterredung das Mädchen auf verschiedene Weise als Menschenkennerin zu prüfen; doch ach, die freundliche Behandlung Theresens, die schöne Wohnung die sichtbaren Spuren der Wohlhabenheit ihrer Besitzer, dies alles erregte bei Antonien, welche hier den Abstand zwischen ihrer ärmlichen Lage und der, der glücklichen Stadtbewohner sehr schmerzlich fühlte, eine Sehnsucht und Wehmuth, die sich bei ihrem Abschied von Theresen in hervorbrechenden Thränen äusserte. Diese senkte einen Funken der Hoffnung in ihre betrübte Seele und versprach ihr auch, sie während ihres Auffenthalts öfter zu sich kommen zu lassen. Als sie Theodor das Resultat ihrer Beobachtungen mitgetheilt hatte, kamen beide darinnen überein: Antonien in die Anstalt seiner Mutter zu bringen zu suchen.
Er gieng noch an dem nemlichen Abend hinaus, gewann zuerst die mitleidige Albina für seinen Wunsch und beide trugen ihn Cornelien vor.
„Bist du denn sicher mein Sohn,“ sagte diese ernst, „daß der Schritt, zu welchem du mich bestimmen willst keine nachtheiligen Folgen für unser häusliches Glück haben wird?“
„Beste Mutter!“ erwiederte dieser, „ist denn die mögliche Rettung eines Menschen nicht eines, wenn auch gewagten Versuches, werth? Was wäre aus Albinen, was aus mir geworden, hätten unsere Wohlthäter an unserer Würdigkeit zweifelnd, ängstlichen Besorgnissen Gehör gegeben, welche ihnen vielleicht auch wiederrathen haben würden, sich unsrer anzunehmen! —“ Albina tief durchdrungen von der Wahrheit dieser Worte, ließ mit Bitten nicht eher nach, bis Cornelia ihre Einwilligung zur Aufnahme Antoniens in ihrem Hause gab. Mit dem freudigsten Dankgefühl kehrte Theodor in die Stadt zurück, theilte Theresen den Erfolg seiner Bemühung für Antoniens Zukunft mit und bat: sie am folgenden Tag zu einer bestimmten Stunde rufen zu lassen, wo er wußte, daß er gewiß zu Hause sey; denn er wollte Zeuge von dem Entzücken des Mädchens seyn, wenn sie die frohe Kunde hören würde. „Antonie!“ sprach sie Theodor freundlich an, als sie bei ihnen am andern Morgen erschien. „Antonie! könntest du dich mir wohl vertrauen? ich möchte dein Glück gründen und dich deiner unwürdigen Lebensweise entziehen!“ — Das Mädchen schaute ihn mit großen Augen an: „Kannst du dich entschließen,“ fuhr Jener fort, „hier zu bleiben und die Bemühungen dich auszubilden mit Gehorsam und Fleiß zu belohnen: so will ich dich zu einer geliebten Mutter und Schwester führen, welche geneigt sind dich aufzunehmen. —“ Noch immer schien Antonie ihr Glück nicht begreiffen zu können. Nun sezte ihr Therese Theodors Plan deutlicher auseinander, und — ein freudiges „Ach!“ war alles was sie hervor bringen konnte. Aber sie zitterte, daß sie sich an einem nahestehenden Tisch fest halten mußte und eine glühende Röthe wechselte mit Todtenblässe in ihrem Gesicht ab. „Fasse dich doch mein Kind!“ sagte Therese — und — „prüfe dich,“ fiel Theodor ein, welcher anfieng an ihrem Willen in seinen Plan einzugehen, zu zweifeln, „prüfe dich, ich will dich durchaus nicht zwingen, meinen Vorschlag anzunehmen.“
„Ach Gott! ich bin zu glücklich! ich vermag es kaum zu fassen,“ sagte das Mädchen und schlug die schönen dunkeln Augen gen Himmel. „Die arme verlassene Antonie soll einen Zufluchtsort finden, eine Mutter, eine Schwester, einen Bruder! — o es ist zu viel es ist zu viel!“ Sie ergriff bei diesen Worten Theodors beide Hände und preßte sie an ihr Herz. Noch an demselben Abend führte sie Therese mit Theodor in ihre neuen lieblichen Umgebungen.
Sie wurde von der Mutter gütig, von Albinen mit schwesterlicher Freundlichkeit empfangen und Antonie fühlte sich über allen Ausdruck glücklich.
Sie zeigte sich bald als eine höchst gelehrige, fleißige und gehorsame Schülerin, wurde Albinens emsigste Gefährdin, treueste Freundin und dieser unbeschreiblich werth und theuer; auch die Mutter fand nicht Ursache, ihren Entschluß zu bereuen; sie wurde bald im ganzen Hause allgemein geliebt. Albina machte sich sehr verdient um sie, sie lehrte ihr alles, was ihr nöthig war und wozu sie Lust hatte und streute in das empfängliche weiche Mädchen-Herz den Saamen aller schönen Gefühle.
Theodor, entzückt, über sein gelungenes gutes Werk, kam nicht einmal, wo er nicht neue Vorzüge an Antonien entdeckte und Albinen innig für ihre schwesterlichen Bemühungen um Jene dankte. In der Musik gab er ihr Unterricht und seine Schülerin machte riesenmäsige Fortschritte warum? — die Liebe trat als Lehrerin auf. Theodor ihr Wohlthäter war ihr Abgott ihres Herzens. Mit geheimer aber glühender Leidenschaft war sie ihm ergeben, ohne daß sie es anfangs selbst wußte. Sehnsüchtig sah sie jedem Abend entgegen, wo nun Theodor öfter auf dem Landhaus erschien, als sonst. Die Unterrichtsstunden mußten zum Vorwand dienen, denn er wollte es nicht gestehen, was doch wirklich war, daß ihm das Mädchen, welches er vom leiblichen, ja vielleicht auch vom ewigen Verderben errettet hatte, ihm immer theurer wurde. Sah Antonie (welche sich nun die Zeit, in welcher er gewöhnlich kam, immer am Fenster etwas zu schaffen machte) ihn die Strasse herauf eilen: so suchte sie zuerst ein paar einsame Augenblicke zu erhaschen um sich zu sammeln, und dennoch begrüßte sie ihn immer mit niedergeschlagenen Blicken und pochendem Herzen. Albina durfte sich auf Antoniens dringende Bitten, nie während der Unterrichtsstunde entfernen: „denn,“ sagte sie zu dieser, in kindlicher Unschuld und Vertraulichkeit: „ich kann dir nicht sagen, wie bange mir an Theodors Seite ist und dennoch freue ich mich so sehr auf jede Lehrstunde.“ Albina lächelte, ihr war der Grund jener süßen Unruhe wohl erklärbar. Die Mutter schien auch auf einige Vermuthungen zu gerathen, sah aber sehr finster dabei aus.
Noch war kein Jahr nach der glücklichen Wiedervereinigung verfloßen: als Hainau bedenklich krank wurde. Die geschickteste ärztliche Hülfe, die ängstlichste Pflege treuer Liebe konnte seine Genesung nicht bewirken. Die Natur unterlag den Folgen früherer harter Erfahrungen und leichtsinniger Handlungsweise. Er entschlummerte zu jenem Leben in den Armen Albinens, welche ihm sanft die Augen zudrückte. Cornelie blieb sich auch hier gleich, ihr leidenschaftlicher Schmerz brach in so heftige Aeusserungen aus: daß man sie vom Krankenbett entfernen mußte! auch Theodor war nicht vermögend den Vater sterben zu sehen. Mit verhülltem Gesicht schritt er im Zimmer auf und ab und Antonie kniete in einer Ecke desselben und sandte fromme Gebete für des Sterbenden Heil zum Himmel. Er hatte vollendet! — Albina küßte die kalte väterliche Hand und trug nun treue Sorge für die Lebenden, da sie in allen Fällen so viele Besonnenheit und Einsicht zeigte, mußte sie auch Langenheim bei dem Geschäft der Beerdigung unterstützen. Antonien übergab sie den trauernden Bruder und diese ließ ihr liebendes Herz ganz gewähren, sie war unerschöpflich in den Bemühungen Theodor zu trösten und aufzuheitern. — Auch dem Todten weihte sie ihre fromme kindliche Ehrfurcht. Am Abend zuvor, ehe er in die kühle Gruft gesenkt wurde, verfertigte sie aus sinnig gewählten Blumen ein langes Gewinde, womit sie inwendig den Sarg bekränzte, daß es schien als läge die Leiche auf Blumen gebettet. So geschmückt, und einfach, aber würdig bekleidet, wurde dieselbe einige Stunden im Garten-Zimmer ausgestellt, indeßen die trauernde Familie nebst den Freunden aus der Stadt oben versammelt waren und auf mannigfache Weise ihren Schmerz äusserten. Auf einmal vermißte man Theodor. Erschrocken eilte Antonie weg, ihn aufzusuchen. Sie fand ihn bei der Hülle des geliebten Vaters. Bei ihrem Eintritt las er wieder in ihrer Miene die besorgte Liebe, und rief, indem er beide Arme ausbreitete: „Treue Seele!“ — Sie sank an das Herz des Heisgeliebten, mit ihm dann am Sarge nieder und fest schloß sich an des erblichenen Vaters Seite das Bündnis ihrer Herzen. Albina, den Vorgang ahnend, entfernte sich schweigend, um die Abwesenheit der Liebenden weniger auffallend zu machen, traf sie noch in obiger Stellung an der theuern Leiche und jenen war es wohlthätig an dem treuen schwesterlichen Herzen den süßen Schmerz ausweinen zu dürfen.
Als nach der Beerdigung wieder mehr Ruhe und die gewohnte Lebensweise nach und nach eintrat, wurde Cornelia in dem Benehmen Theodors und Antoniens ihre gegenseitige Neigung gewahr, welches sie tief betrübte. Sie liebte beide herzlich und sah keine Möglichkeit zur Erreichung ihrer Wünsche. Theodors Amt war nicht einträglich und die Familie nicht reich. Der Ertrag ihres Instituts reichte gerade zu ihrem anständigen Unterhalt zu. Sie konnte also nicht anders, sie mußte mit gänzlicher Mißbilligung ihre offnen Mittheilungen erwiedern. Jedoch es blieb nicht alleine dabei: zu Theodors heftiger Leidenschaft für Antonien, gesellte sich ein Trotz gegen die Mutter, (die er ausserdem kindlich verehrte) den weder Albinens sanfte Bitten, noch Antoniens Thränen mildern konnten; er reitzte dadurch Corneliens Unwillen immer mehr und es gab manche unangenehme Auftritte, welche ehedem in dem friedlichen Landhaus nie vorgefallen waren. Albinens Herz litte unendlich mit den Bekümmerten. Sie suchte es aber vorzüglich Antonien, als der am schwersten Verlezten zu verbergen, allein in dieser Schwester Seele hallte jeder, noch so leise Miston wieder; sie fühlte es schmerzlich, wenn sie im Stillen Vergleiche zwischen Sonst und Jezt anstellte, daß sie die Ursache der traurigen Veränderung sey und dies war ihr unerträglich. Unter heissen Kämpfen reifte nach und nach in ihrem Innern ein Entschluß, der ihr ganzes Glück zerstören, doch das, ihrer Geliebten wieder herstellen sollte! Bei einem der jezt seltenen Abendbesuche Theodors, führte ihn Antonie, was sie sonst nie that, in die Laube, zu einer ungestörten und wichtigen Unterhaltung, (wie sie sagte). In ihrem ganzen Wesen lag so viel Feierliches, daß, Theodor unwillkührlich davon ergriffen, lange ernst und schweigend an ihrer Seite saß. Sie schien schmerzliche Empfindungen in ihrem Innern zu verarbeiten und sich mühsam Fassung zu erringen. Endlich sagte sie mit unaussprechlicher Zärtlichkeit: „mein Theodor! in dem mir ewig theuern Augenblick, wo du mir das Glück verkündet, daß ich in deine Familie aufgenommen werden sollte, war deine erste Frage an mich: ob ich dir vertrauen könne? — Laß mich nun dieselbe Frage an dich richten: würdest du, auch in zweifelhaften Fällen, immer mir vertrauen, nie den Glauben an mich verlieren?“ Theodor sah sie befremdend an. „Nie!“ erwiederte er dann und umschlang feurig die Geliebte. „Jedoch ich glaube, daß Antonie immer so handeln wird, daß ich sie begreiffen kann.“ „Das wirst du können,“ versezte sie, „wenn du stets meine unaussprechliche Liebe zu dir ermißest, welche nur dein Glück zum Ziel ihrer Bestrebungen hat. O welch ein Trost liegt in dem Einverständnis unsrer Seelen!“ fuhr sie fort, schlang ihren Arm um Theodors Nacken und blickte ihn liebend ins Auge, „Sollten uns auch die Menschen trennen, was hierinnen (sie deutete auf das Herz) für dich lebt, dauert ewig und mir bleibt der Trost deines freundlichen, durch keinen Zweifel entweihten Angedenkens“ —“
„Wer will, wer kann uns trennen?“ rief Theodor, sprang wild in die Höhe und wollte — Böses ahnend, fort stürmen. Antonie hielt ihn zurück und betheuerte: all’ das Gesagte hätte seinen Grund nicht in der Handlungsweise Anderer, sondern in ihrer eigenen leidenden Phantasie. Durch manche liebende Rede, besänftigte sie Theodors aufgeregtes Gemüth und ehe sie sich trennten, bat Antonie den Geliebten: „um ein Zeichen der Erinnerung an diese schöne Stunde“ Sie zog bei diesen Worten ein Scher’chen aus dem Arbeitskörbchen das neben ihr stand und schnitt Theodor eine Locke ab, wickelte sie sorgfältig in ein Papier, drückte sie an ihre Lippen und verbarg sie ins Busentuch. Theodor sah ihr lächelnd zu. „Gieb mir auch von deinem glänzenden Rabenhaar“ sprach er und griff nach der Scheere. Als er welches abgeschnitten hatte, ordnete sie es zierlich in Ringeln und indem sie ein Papier zuschneiden wollte, um es einzuwickeln, verwundete sie sich so tief in die kleine Hand, daß große Blutstropfen auf das Papier fielen. Theodor jammerte und sog das Blut aus der Wunde. Antonie schien erschüttert; nach einer Pause sprach sie bewegt: „o sey ruhig mein Lieber! der Schmerz ist unbedeutend und warst ja du die Ursache davon! dieser Gedanke würde mich auch bei einer tiefern Herzenswunde zum ruhigen Ertragen derselben stärken; doch behalte dies Papier, diese Spuren von meinem Blut sollen dich immer lebhaft an die von mir so tief empfundene Wahrheit erinnern, daß ich Ruhe, Blut und Leben willig deinem Glück opfern würde.“ Ein langer Kuß dankte Antonien für die Aeußerung der treusten zärtlichsten Liebe und diese fühlte von Neuem das unaussprechliche Weh der nächsten Stunden.
Blaß erhob sie sich aus Theodors Armen, die Pulse schlugen fieberisch, die Augen brannten und es überfiel sie ein so heftiges Zittern, daß Theodor in der größten Herzensangst nach Hülfe eilen wollte. Antonie verhinderte es „laß gut seyn!“ sagte sie leise, „es wird bald wieder vorübergehen.“
Albina kam, um den Liebenden so schonend als möglich die Unzufriedenheit der Mutter über ihr langes Zusammenseyn mitzutheilen. Theodor durch alles Vorhergehende gereizt, tobte fürchterlich, Antonie weinte; endlich flehte sie: „um meinetwillen Theodor sey gelassen! vergieb der Mutter und — laß uns scheiden!“ sezte sie mit besonderm Nachdruck hinzu; „Scheiden!“ rief Theodor und drückte sie stürmisch an die Brust; „wer kann uns scheiden, wer? —“ „für jezt meint Antonie,“ sagte Albina beschwichtigend, „lieber Bruder! — erfülle Antoniens Bitte, durch ihre Nichtgewährung bereitest du deiner Geliebten eine neue Unannehmlichkeit; verlaß uns für heute, ein baldiges Wiedersehen soll dich schadlos halten.“
„Ja, das Wiedersehen!“ flüsterte Antonie; und nach einer Umarmung, in welcher es schien, als vermögte sich keines von dem Andern loszureissen, gehorchte endlich Theodor Albinens ängstlich wiederholter Bitte und — gieng.
Antonie lag ohnmächtig in Albinens Armen. Diese suchte im Arbeitskörbchen der Lezten nach dem stärkenden Mittel welches jene immer bei sich trug um sich vor ähnlichen Unfällen, denen sie öfters ausgesezt war zu sichern und nach einigen Minuten gelang es ihr, sie wieder ins Leben zu bringen. Antonie wankte, von Albinen unterstützt sogleich in ihr Schlafzimmer, da sie der Ruhe höchst bedürftig war. Finster hörte die Mutter die Nachricht von ihrem Uebelbefinden und verwundete Albinens liebendes Herz durch manche harte Rede, welche die leidende Freundin traf. Indeß ließ sich nicht das Geschäft der Pflege Antoniens nehmen: allein Letztere schien immer zu schlummern.
Nur einmal preßte sie Albinens Hand an ihre Lippen und sagte innig: „Dank, heissen Dank für Alles!“ —
Sie schlief noch mit 4 Töchtern der Anstalt in einem Zimmer; unter diesen war auch Aurelie. Nach ein paar Stunden unruhigen Schlummers erwachte Antonie; als sie sich aufrichtete, bemerkte sie, daß die Kinder während der Zeit ins Bett gegangen waren und schon schliefen. „Was soll ich thun?“ sprach sie nun halb laut für sich — „ich fühle mich zwar noch schwach, jedoch viel ist mit dem gestrigen Abend überstanden, soll ich es noch einmal durchkämpfen? — nein o nein! fort, sogleich fort!“ Sie sprang mit diesen Worten aus dem Bett, kleidete sich an, warf sich auf ihre Knie und schien heiß zu beten. Dann nahm sie aus ihrer Comode einige Wäsche, eine Chatoulle worin ihr kleiner Reichthum war unter dem Arm, hüllte sich in Mantel und Schleier und — wollte zur Thüre hinaus. „Antonie was beginnst du!“ rief Aurelia mit dem Ausdruck des Entsetzens. Sie war noch wach, als Erstere ihr Selbstgespräch hielt, hatte sie bisher beobachtet und mußte nun ihrer Angst Worte geben. Gleich einer Bildsäule erstarrte Antonie. Endlich trat sie an Aureliens Bette und sagte: „wenn dir meine Seeligkeit lieb ist, so laß mich fort und schweige.“ „Ach warum willst du uns denn verlassen?“ jammerte diese. „O meine Aurelia,“ erwiederte Antonie bewegt und umfaßte innig die Weinende, „du warst mir unter deinen Schwestern immer die Theuerste, nimm als einen Beweis davon das Vertrauen, mit dem ich mich dir in den lezten Augenblicken unsers Beisammenseyns nähere. Ich muß euch verlassen; unser aller Ruhe fordert diesen Schritt. Wohin ich gehe, weis ich selbst noch nicht, also ist auch jede Nachforschung von eurer Seite vergeblich. Dir geliebtes Mädchen übergebe ich die Sorge für meinen Theodor, für meine Albina. Verdopple die Aeusserungen deiner Liebe gegen sie, das wird sie über meinen Verlust trösten; sage ihnen, daß, wenn ich hier geblieben wäre, ich endlich gewaltsamen Tod gewählt haben, nun aber entfernt, vielleicht meinen Seelenfrieden wieder finden würde, sage ihnen aber auch, daß meine treue Liebe zu ihnen nur mit meinem Leben enden wird; und auch deiner du theures Kind werde ich immer gedenken.“ Aurelia verhüllte ins Küssen ihr Gesicht und schluchzte laut, indem sie Antoniens Hand fest in der ihrigen hielt. „Laß mich, laß mich,“ sagte diese „und weine nicht so sehr! du machst mich weich und ich habe viel Stärke nöthig! Beruhige dich, Gott wird stets mit dir, mit allen meinen Geliebten seyn! auch mich wird er nicht verlassen, leb wohl, leb wohl!“ sie küßte sie noch einmal mit dem heftigsten Ausdruck der Liebe und des Schmerzens und eilte fort.
Aurelia war betäubt; — sie wußte nicht, was sie thun sollte. Als sie noch mit sich selbst zu Rathe gieng, trat Albina leise in das Zimmer. Der gestrige Abend in der Laube, Antoniens höchst gespanntes Wesen, machte sie unruhig: schlaflos verstrich ihr die Nacht bis dahin und nun schien es ihr als höre sie eine Bewegung im Hauß; endlich sogar an der Thür. Ihr erster Gedanke war — Antonie; und — siehe da — sie fand sich in ihrer schrecklichen Vermuthung nicht getäuscht — sie war entflohen. Alles was Aurelia ihr, immer von Thränen unterbrochen mittheilte, war nur vermögend ihren tiefen Schmerz zu vermehren; sie sah daraus das Vergebliche jedes angestellten Versuchs, Antonien wieder zu finden. Sie kannte die Festigkeit und Besonnenheit derselben und vermuthete mit Recht, daß sie ihre Flucht sehr überlegt unternommen haben würde. So war es. Albina machte zwar gleich Anstalten und sandte die Pächtersleute nach Antonien aus, jedoch sie kamen am Morgen ohne sie gefunden zu haben, zurück. Als Cornelia die Sache erfuhr, befand sie sich in der Lage, in welche leidenschaftliche Gemüther gerathen, die durch ihre Heftigkeit etwas herbeiführen, was dann ausser ihrer Macht steht zu ändern, so lebhaft sie es auch wünschen. Sie peinigte sich Tag und Nacht mit Vorwürfen, die gerecht waren, jedoch ihre Stimmung immer mehr verdarben; sie wurde beinahe tiefsinnig und Albina mit so manchem eignen stillen Kummer in der Brust, hatte die schwere Aufgabe, den schlimmen Einfluß der lezten Ereignisse auf ihre anvertrauen Zöglinge zu verhindern, die Mutter von dem Erziehungsgeschäft ihr und Andern unbemerkbar ganz zu entfernen, ihre kindlichen Pflichten gegen dieselbe zu erfüllen und den trostlosen Bruder vor gänzlicher Verzweiflung zu bewahren! — Welche Seelengröße, welche Selbstverläugnung war hiezu erforderlich! — oft sank sie auch weinend an Theresens Brust und sagte: o Mütterchen, bete zu Gott für dein Kind um Stärke! Sie suchte dieselbe häufig selbst im eigenen andächtigen Gebet und stand davon aufs Neue ermuthiget stets auf. Therese war wie immer, auch in diesem traurigen Zeitpunct der Trost ihrer Freunde und erleichterte Albinen manche schwere Last, versüßte manchen trüben Tag; auch theilte sie sich mit dieser in die Sorge um den schmerzlich leidenden Theodor. Der Unglückliche fiel ganz in seine alte Schwermuth zurück, hielt sich entfernt von allen gesellschaftlichen Freuden und fand die einzige Linderung seines Kummers in dem Umgang mit Albinen und Theresen; ihre sanfte Theilnahme, ihr inniges Mitgefühl löste seinen stummen düstern Gram in Klagen und Thränen auf, welche das gepreßte Herz erleichterten. Cornelia vermied er; ihr eigener Schmerz gestattete es ihm nicht, ihr Vorwürfe zu machen und doch vermochte er es nicht, sich gegen die Urheberin seiner Leiden, freundlich zu benehmen.
Langenheim hatte einen würdigen vielvermögenden Gönner, der einen Gesandtschaftsposten am *** Hof bekleidete. Er erfuhr, daß deßen Secretair von ihm verabschiedet worden sey und schlug Theodor zu dieser Stelle vor. Zur gegenseitigen Zufriedenheit fiel der Erfolg dieser Empfehlung aus und öftere Reisen, zerstreuendere Geschäfte wirkten vortheilhaft auf Theodors Stimmung. Auch überhob ihn diese Anstellung der unangenehmen Nothwendigkeit bei einem Ereignis gegenwärtig zu seyn, das sich in Volkmars Familie zutrug und Veranlaßung zu Festen und Gesellschaften gab, welche durchaus zu seiner Stimmung nicht paßten, ihn auch öfters mit Cornelien zusammen geführt hätten.
Jene Begebenheit war die Vermählung Eugeniens mit einem berühmten auswärtigen Gelehrten. Diesen lernte sie bei seinem Auffenthalt in D* kennen. Uebereinstimmend in ihren Neigungen fanden sie Geschmack an einander. Der sich rechtlich äussernde Charakter des Mannes, so wie seine vortheilhafte finanzielle Lage bestimmten die Eltern zur Einwilligung und Eugenie folgte ihm als Gattin auf eine entfernte hohe Schule, wo er als Profeßor angestellt war. —
Nachdem die geräuschvollen Wochen vor und nach der Hochzeit vorüber waren, trat desto größere Stille bei Volkmars ein. Sie waren nun ganz Kinderlos und fühlten sich oft sehr einsam. Es gereichte ihnen daher zu einer wahren Aufheiterung, wenn Albina, welche die Achtung und Liebe des würdigen Paars in einem sehr hohen Grad besaß, sie besuchte. Aurelia, die gewissenhaft Antoniens lezte Wünsche zu erfüllen und dieselbe durch Thätigkeit und treue Anhänglichkeit Albinen zu ersetzen strebte, hatte für ihr Alter ungemein viel Ernst und Verstand; ihr konnte Albina ruhig mehrere Stunden die Führung des ganzen Hauswesens überlassen und daher war es ihr auch möglich dem Verlangen Volkmars von Zeit zu Zeit ein Genüge zu leisten. Sie erfüllte freudig diese süße Pflicht: denn sie verehrte jene kindlich, auch lag noch eine geheime Ursache zum Grund, weswegen sie gerne bei ihnen weilte.
Ach seit sie wußte, daß es die nah verwandschaftlichen Bande waren, welche sie einst zu Theodor hingezogen hatten, besaß Guido die ganze stille Liebe ihres Herzens und sie pflegte treu die Gefühle für ihn, welche gleich anfangs seine Vorzüge in ihr erregt hatten und die nur durch die Neigung zu Theodor verdrängt worden waren. Sie traten nun wieder mit süßer Allgewalt hervor und beherrschten Albinens reine Phantasie. Daher war ihr Alles, was näher oder entfernt auf ihn Bezug hatte theuer und von unendlicher Wichtigkeit; daher vertraute sie der verschwiegenen Nacht so manches leise „Ach“! so manche geheime Thräne: denn Guido hatte seine Reise verlängert und endlich blieben die Nachrichten von ihm aus welches die Seinigen in die tiefste Betrübnis versetzte.
Bei einem wiederholten Besuch welchen Albina Volkmars machen wollte traf sie die Eltern in großer Bewegung: der Vater schritt nachdenkend mit, auf dem Rücken übereinander geschlagenen Händen im Zimmer auf und ab. Die Mutter saß auf dem Sopha einen Brief von mehreren Bögen in der einen, das Sacktuch in der andern Hand haltend, womit sie sich die Augen trocknete. „Ach, unsre Albina!“ rief sie, als diese ins Zimmer trat. „Komm liebes Kind! theile unsern Schmerz und unsrer Freude! Guido — (Albina erschrack) unser geliebter lang entbehrter Guido wird in den nächsten Wochen bey uns seyn; doch, lies diesen Brief,“ fuhr sie fort, „ach! wie unglücklich war der Arme und — ist es noch!“ Albina nahm das Schreiben und trat damit an das Fenster, um zu verbergen, was in ihrem Innern vorgieng. Aber sie zitterte, daß sie kaum die Blätter zu halten vermogte, und mehr als einmal verdunkelten Thränen ihren Blick, die sie unbemerkt zu trocknen sich bemühte.
Guido’s Brief lautete also:
Endlich haben sich die Umstände auf solche Weise gestaltet, daß ich nicht mehr ein finstres Schweigen gegen meine theuern Eltern zu beobachten gezwungen, sondern in die Nothwendigkeit versetzt bin, mich Ihnen mit einer kindlichen Bitte zu nähern, die Sie einem unglücklichen Sohn nicht verweigern werden. Ich höre im Geist den sanften Vorwurf: „warum theiltest du uns nicht früher deine Schicksale mit?“ Ach ich kannte ja Ihre Liebe zu mir theure Eltern! und es war mir unmöglich Sie durch die Schilderung meiner Leiden so sehr zu betrüben. Ich war zu unglücklich! doch jezt ist es vorüber und ich vermag es sogar zuweilen wieder frohere Tage mir zu träumen. Ja in ihrer Nähe werde ich Ruhe und Frieden finden. Daher bitte ich, vergönnen Sie mir die Rückkehr ins Vater-Haus. Mich dünkt, ich sehe meinen geliebten Vater, meine zärtliche Mutter die Arme ausbreiten nach dem vielleicht Todtgeglaubten; ich vernehme den Gruß der Liebe und danke Gott für diese tröstende Aussicht in die Zukunft.
Indeßen, da ich unter ganz veränderten Umständen bei ihnen eintreten werde und die mündliche Erzählung meiner Erfahrungen höchst angreiffend für Sie und mich seyn würde: so erlaube ich mir dieselbe in diesem Schreiben voraus zu schicken, und in der Ueberzeugung, daß es ihnen angenehm seyn wird, wenn ich damit die Fortsetzung meiner Reisebeschreibung liefere (da durch ein, in mein Schicksal genau verflochtenes Ereignis, dessen ich später erwähnen werde, ein Brief von mir nicht in ihre Hände kommen konnte, welchen ich in einer wichtigen Periode meiner Abwesenheit an sie schrieb): will ich den abgerissenen Faden derselben wieder anknüpfen.[*] Meinen lezten Brief erhielten Sie von Valenciennes, von wo ich über Lille nach Callais gieng, um mich hier nach England einzuschiffen. Wir hatten günstigen Wind und landeten, nach einer 8 stündigen Fahrt glücklich in den Haven zu Dover an. Eine ganz eigene unangenehme Empfindung ergrif mich, als ich den Brittischen Boden betrat. Es war mir unmöglich über sie Herr zu werden und schon überlegte ich bei mir selbst: ob ich nicht lieber umkehren und durch Holland in mein Vaterland zurück reisen sollte. Jedoch der Wunsch, das berühmte London und die rege Betriebsamkeit der Engländer, so recht im Innern des Landes kennen zu lernen, trug leider den Sieg über jene richtig bange Ahnung davon, und ich sezte meine Reise weiter fort.
Sobald ich das Land erreicht hatte, empfand ich das Wohlthätige der in England treflichen Einrichtungen und Anstalten für Reisende. Wege, Posten und Gasthäuser befriedigen jede, auch noch so strenge Forderung; und die milde Seeluft, die fruchtbaren frischen Triften, mit ihrem unbeschreiblichen schönen Grün, herrliche Getraidfelder, dies alles vermehrte die Annehmlichkeiten meiner Reise durch die Landschaft Kent welche ich zuerst passirte. Auch weiterhin fand ich das englische Klima mild und angenehm, die Gegenden gesegnet und fruchtbar; einige Wenige ausgenommen; nur in den Fabrickstädten so wie in London selbst, macht der Steinkohlen-Dampf der unendlich vielen Rauchstätten, die Luft schwer und trüb. Wir näherten uns der Themse. Ich nahm meinen Weg ganz an ihrem südlichen Ufer, besah die Stadt Wolwich, wo man die, zur englischen Seemacht nothwendigen Schmieden, Magaziene und Fabricken findet und erreichte bald das berühmte und wohlthätige Institut für invalide Soldaten zu Greenwich. Ich verweilte mit vielem Intresse darinnen: denn nirgends sah ich eine ähnliche zweckmäsige und für die Bedürfniße sowohl als für die Zufriedenheit der abgelebten Helden so gut berechnete Anstalt. Nicht unerkannt, nicht unbelohnt darf in England der Krieger zu Wasser und zu Land seine Kräfte und seine gesunden Glieder dem Vaterlande opfern; er weiß, daß am Ende seiner Laufbahn ihm Ruhe, Pflege, ja selbst noch Vergnügen winkt. In Greenwich für die Seeleute, so wie in Chelsea (wohin mich später mein Weg führte) für die Landsoldaten, wird auf das treflichste für die ausgedienten Krieger gesorgt.
In Greenwich bestieg ich ein Bot, fuhr auf dem mit Fahrzeugen aller Art bedeckten mächtigen Themse Strom London zu und befand mich als ich das Bot verließ, in dem arbeitsamsten Theil der Stadt, in der City. Von dem in derselben herrschenden Geräusch läßt sich keine Beschreibung liefern. Hier ist der Handwerker, und Händler in ununterbrochenem Fleiß beschäftigt, sein ärmliches Leben fortzufristen, indem Theurung aller Bedürfniße und große Abgaben seine Existenz erschweren.
In den breitern Straßen der City trift man in einer Menge Läden, die, auf das vortheilhafteste ausgestellten Producte jenes Fleißes und hier ist so wohl der Anblick der vielen hundert Equipagen und Fiackers im Fahrweg, als auch das Wogen und Drängen der Fußgänger auf den, an den Häusern hinlaufenden Trotoirs höchst unterhaltend. Das Leztere würde noch ärger seyn und zu vielen Unannehmlichkeiten Veranlaßung geben, wäre nicht die Regel festgesetzt: zur rechten Hand den Entgegenkommenden auszuweichen. Den Damen läßt man die Seite nach den Häusern zu.
Unbekannt mit dieser Gewohnheit, führte ein von mir begangener Fehler gegen dieselbe, ein Ereignis herbei, welches — unbedeutend scheinend — von äusserst wichtigen Folgen für mich war.
Ich begegnete nemlich einem Frauenzimmer in Trauer gekleidet. Ich, dem Stromme zur rechten Hand folgend, sie, von ihrem Recht Gebrauch machen wollend, kamen wir einander so nahe, daß ich ein niedliches Arbeits-Körbchen welches sie nachläßig hielt ihr aus der Hand stieß. Ich erschrack; doch da wir uns gerade an einem reich geschmückten Galanterie-Laden befanden: so bot ich der Dame meinen Arm, führte sie hinein und suchte einen kostbaren Ersatz, ihres durch meine Schuld etwas beschädigten Eigenthums heraus. Ihr Benehmen bei dem ganzen Vorgang war äusserst anständig und der schwarze Anzug erhöhte ihre blendende Schönheit. Ein Bedienter kam und meldete ihr, daß am Ende der Strasse ihr Wagen hielt, aus dem sie, wie sie sagte gestiegen war, um verschiedene Läden näher betrachten zu können. Ich führte sie hin, erbat mir ihren Namen, ihren Auffenthalt, und die Erlaubnis, ihr aufwarten zu dürfen.
So sehr ich mich schon von der Vortreflichkeit der englischen Gasthöfe überzeugt hatte, zog ich dennoch vor, in einem Privathaus zu logiren, welches mir durch meine guten Adreßen, die ich bei mir hatte, nicht schwer wurde. Ich war einem reichen Banquier empfohlen und hatte alle Ursache, mit meinem Loose zufrieden zu seyn. Die Gastfreundschaft ist in London, wo nur Wenige sich eines großen Raums in ihrer Wohnung zu erfreuen haben und wegen der eingeführten häuslichen Lebensweise, welche pedantisch beobachtet wird, nicht allgemein zu Hause. Ich aber erfuhr eine von den erfreuenden Ausnahmen dieser Bemerkung, wurde freundlich aufgenommen und man bestrebte sich, mir meinen Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Im Hause herrschte die größte Reinlichkeit und Ordnung. In meinem Zimmer waren die Wände mit Kupferstichen, die Fenster mit schönen Vorhängen geziert. Ein mit Marmor künstlich eingelegter Kamin befand sich darinnen, in dessen Vertiefung der stählerne Rost, die Zange und Schaufel hellpolirt entgegen blinkten und in einer großen Bettstelle, welche in England üblich sind, mit grün seidenen Gardinen umhängt, fand ich zu Nachts auf den schwellenden Matratzen, auf den blendend weis bezogenen Küssen sanfte Ruhe. Am Morgen (welcher in London erst um 9 Uhr die Schläfer weckt, da man dagegen die Nacht zum Tag macht und die meisten Vergnügungen bis zu seiner Annäherung dauern) versammelt man sich anständig gekleidet am Theetisch mit der Familie in dem zum Frühstück bestimmten Zimmer. Ein trefflich zubereiteter Thee, Brod, weis und wollig wie Pflaum, frische Butter, hartgekochte Eyer, Honig und noch mancherlei Delikatessen verschaffen hier einen angenehmen Sinnengenuß.
Jedoch mir wurde dabei das höhere Vergnügen einer interessanten Unterhaltung mit dem jüngern Bruder meines Hauswirths zu Theil, welcher sich mit einer, sonst den Engländern nicht eigenen Gewohnheit, bald mit vieler Wärme an mich anschloß. Ich erhielt an ihm einen treuen Freund im wahren Sinn des Worts; auch trug er Sorge, mich mit allen Merkwürdigkeiten Londons bekannt zu machen. Mit ihm besuchte ich die großen und geringern Theaters, Conzerte, Gemählde-Ausstellungen, die Parks, das brittische Museum, den Tower u. s. w. welches Alles uns zu mündlichen Unterhaltungen Stoff geben wird.
William zeichnete sich vor Vielen seiner Nation durch ächten Kunstsinn und warmes tiefes Gefühl aus womit er Brittische Festigkeit und Besonnenheit verband. Mein Temperament schien dem Seinigen zu ähneln und mir seine Freundschaft, sein Vertrauen gewonnen zu haben. Wir waren unzertrennlich, und als ich den Wunsch äusserte: „Auch die prächtigen Landsitze der Reichen nach einander durchstreifen und in der Badezeit die vornehmsten Bäder besuchen zu können“ war William sogleich bereit, mich zu begleiten; denn seine Anwesenheit im Haus des Bruders war nicht sehr nothwendig, und er lebte ohnehin mehr der Natur und Kunst, als dem Kaufmännischen Beruf. Schon nahte sich der Monath Julius; von welchem an kein vornehmer Londoner in der Stadt anzutreffen ist; Alles eilt aufs Land, wo man bis gegen Weihnachten verweilt, und dann geht es in die berühmten Bade-Orte, von denen man erst im Frühling wieder zurückkehrt. Auch wir hatten den Tag zu unsrer Abreise schon bestimmt, als mich eine bedeutende Unpäßlichkeit überfiel.
In England zieht man in der Regel mehr die Apotheker als die eigentlichen Aerzte zu Rath. Jene sind ziemlich geschickt und diese sind all’ zu kostbar. Jeder Besuch von ihnen wird mit einer Guinée bezahlt. Jedoch mein Hauswirth hätte es für schimpflich gehalten das Wohlfeilere vorzuziehen er ließ einen der berühmtesten Aerzte ruffen und dieser behandelte mich mit vieler Sorgfalt und Geschicklichkeit.
William war mein treuer Pfleger und ich war fast nie allein, doch schrieb mir die Krankheit eine einförmigere Lebensweise vor und gab mir Zeit manchen durch Zerstreuung aller Art verdrängten Phantasieen wieder nachzuhängen. Ach wie oft verweilten da meine Gedanken und Wünsche in der Heimath! — In einer stillen Abendstunde schwebte aber auf einmal auch das Bild jener Dame vor meiner Seele, welche mir in den ersten Stunden meines hiesigen Aufenthalts erschienen und deren Andenken in dem Strudel zahlloser neuer und merkwürdiger Erscheinungen untergegangen war. Ich nahm mir vor, gleich nach erfolgter Genesung sie aufzusuchen. Am andern Morgen erstaunte ich, als mein Arzt einer kranken Lady Sydney erwähnte; Ich horchte auf, sie war die Nemliche welche mir in der City begegnete. Der Tod ihres Vaters hatte sie, nach der Erzählung des Arztes so sehr betrübt, daß ihr Körper darunter litte! Doctor Richard wußte recht viel Vortheilhaftes von ihr zu rühmen so, daß ich in seinen Wunsch: „die trefliche Lady möge doch bald wieder gesund werden!“ im Stillen einstimmte. Bei seinem nächsten Besuch strebte der Doctor absichtlich mit mir allein zu seyn, und eröffnete mir mit geheimnisvoller Miene, daß er Lady Sidney von mir erzählt, daß sie durch seine Schilderung den Fremden in mir erkannt habe, der vor kurzen in der City einen kleinen Fehler der Unachtsamkeit gegen sie so artig verbeßert hätte, daß sie vielen Antheil an meiner Krankheit nähme und herzlich meine Beßerung wünsche. Dieser Mittheilung folgte nun eine Auseinandersetzung des Reichthums der Lady, so wie ihrer andern Vorzüge. Ich war nicht recht einig mit mir, ob ich über Richards Aeußerungen mich freuen sollte oder nicht. Es stritt mit meinen Forderungen an das weibliche Zartgefühl, daß Lady Sidney eines Unbekannten, so lebhaft wie es schien, gegen einen Dritten erwähnte und doch war mir ihre Theilnahme nicht gleichgültig. Dies verbarg ich aber dem Doctor und nach einer flüchtigen, ja kalten Erwiederung leitete ich das Gespräch auf andere Gegenstände. Indeßen konnte ich dadurch nicht verhindern, daß Richard bei jeder Gelegenheit der Lady gedachte, und so erfuhr ich denn auch nach einigen Wochen, daß sie wieder hergestellt, auf ihr Landgut gezogen sey, welches in der reitzenden Gegend von Richmonds Park an der Themse liegt, und daß sie von da aus bald eine Badereise antretten würde.
Auch ich befand mich wieder wohl und erinnerte meinen Freund an sein mir gegebenes Versprechen, das um so mehr Reitz für mich hatte, als William mir gleich anfangs zusagte: mich nicht nur mit den Landhäusern der Großen des Reichs sondern auch mit allen, denselben nahe gelegenen Fabricken und anderen bedeutenden Orten bekannt zu machen.
Noch in der schönsten Jahreszeit traten wir unsere Reise an und mein Brief würde die Stärke eines Buchs erhalten, wollte ich alle Kunstschätze, alle Naturschönheiten, so wie die Industrie der Engländer, in den von mir bereisten Gegenden ausführlich schildern. Ich begnüge mich, das Merkwürdigste herauszuheben. Z. B. Oxford die bekannte Universität, wo so viele große Geister Englands gebildet wurden; ferner das Städtchen Woodstock, berühmt durch seine Stahlfabricken, so wie durch seine Umgebungen: Nahe daran liegt das prächtige Schloß Blenheim, womit Königin Anna dem Herzog Marlboraugh, dem sie sehr gewogen war, seine erkämpften Siege belohnte. Auf einer Wiese des dazu gehörigen Parks stand ein Landhaus, in welchem die Königin Elisabeth ihre Jugend in beinah gefänglicher Eingezogenheit verlebte, aber auch die Bildung erhielt, durch welche sie fähig wurde nachher zu regieren. Doch konnte sie leider! der Rückblick auf diese traurige Periode, in welcher auch ihr die Ansprüche auf den Thron streitig gemacht wurden, nicht milde und schonend gegen ihre unglückliche Schwester machen; daher richtet sie noch jezt die Nachwelt. Ihre Nation versagt ihr nicht die Bewunderung, welche sie als Regentin verdient, jedoch als Weib wird sie verabscheut, indeßen die unglückliche Maria Stuart noch immer ihre Vertheidiger hat, welche ihr Liebe und Mitleid weihen.
In jenem erwähnten Landhaus lebte auch einst die schöne Rosamunda, welche im Geheim mit Heinrich II getraut war. Hier schwanden ihr, innig von dem König geliebt in glücklicher Verborgenheit die Tage, bis sie von dessen rechtmäßiger Gemahlin Elinor entdeckt wurde, und durch Gift getödet, ihren vorher ermordeten drei unschuldigen Kindern folgen mußte.
Wir reißten weiter nach Birmingham, einer berühmten Fabrickstadt. Sie erhällt durch die jezt überall gebräuchlichen Dampf-Maschinen ebenfalls eine unendliche Erleichterung in ihren Werken. Man findet vorzüglich auch trefliche Stahlfabricken darinnen. In Burton, einem freundlichen Städtchen, kostete ich das daselbst gebräute Ale, wovon nach ganz Europa, ja selbst nach Amerika versendet wird. Die Seidenspinnereien und Porzelanfabricken zogen uns nach Derby, einer ziemlich großen, doch nicht schönen Stadt. Siebzehn englische Meilen davon liegt der erste bedeutende Bade-Ort Matlock an der Dervent den wir erreichten, deren es aber in England viele giebt. Mehr die Schönheit der Lage des Orts, als die Heilkräfte der Quelle tragen wahrscheinlich hier zur Gesundheit des Körpers und zur Heiterkeit der Seele bei. Auch wir verweilten mit Vergnügen in diesem lieblichen Thal, durchstreiften seine nächsten Umgebungen, und besahen manche, nachgelegene schöne Landhäuser, so wie auch eine große Baumwollenfabrick. Unser Weg führte uns von hier aus zu einem von aussen prächtigen und durch sein Alter ehrwürdigen Gebäude: zu dem Schloße Chatsworth.
Die unglückliche Maria Stuart wurde von ihrer grausamen Feindin zuerst hieher in enge Gefangenschaft und dann nach sechzehn traurig verlebten Jahren nach Fotheringhay im Nordhumberland gebracht, wo sie hingerichtet wurde. In jenem Schloß findet man ein Zimmer noch ganz so eingerichtet und meublirt, wie Maria es bewohnte.
Die nächste bedeutende Stadt, welche wir besahen, war Manchester, welche jedoch von dem Kohlendampf ihrer vielen Fabricken eingeräuchert, ein finsteres Ansehen, und auch durch die Erwerbsgierde der Einwohner, so wie durch den Mangel an hübschen äussern Umgebungen, wenig Angenehmes hat. Leverpool die größte und bedeutenste Stadt in England nach London, war der Grenzpunct unsrer Reise. Handel und Betriebsamkeit, Reichthum und Luxus zeigt sich hier auf alle Weise. Ein schönes Theater, ein Conzertsaal, ein großer Gasthof und viele mildthätigen Anstalten entstanden durch das Zusammenwirken der reichen Bewohner, das prächtigste Werk aber sind ihre Docks oder künstliche mitten in der Stadt (ähnlich denen, welche bei London errichtet wurden.) wo für die Sicherheit und Herstellung der Schiffe und für die Bequemlichkeit der Ein- und Ausladung derselben aufs Zweckmäsigste gesorgt ist. Das in Leverpool befindliche Institut für Blinde erregte indeßen mehr als alles andere meine Theilnahme, da es ein Beweis höchster Menschenfreundlichkeit ist, die Blinden erhalten hier Unterricht in der Musik und in leichten passenden Arbeiten, als Spinnen, Korbflechten u. s. w. welche zum Vortheil der Anstalt in einem am Haus angebrachten Laden verkauft werden. Wie herzlich freute ich mich, als ich sahe, daß diesen Bedauernswürdigen, durch jene wohlthätige Einrichtung in gesellschaftlicher Unterhaltung, unter Arbeit und Musik ihr dunkles Leben heitrer und angenehmer verstreicht und sie nicht so schmerzlich, wie andere ihrer Unglücksgenoßen das Licht vermissen, das ihren Pfad erhellen sollte.
Viele reitzende Gegenden, viele stattliche Schlößer und prächtige Landhäuser durchstreiften wir auf dem Rückweg nach Derby durch Warwick, einem am Ufer der Avon freundlich gelegenen Städtchen, mit dem alten Schloß Warwickcastle und seinem herrlichen Park; von wo aus wir nach Stratford giengen. Dieser kleine, an sich arme Ort hat das große Intereße für die Verehrer Schackspeare’s, daß es sein Geburts-Ort ist und daß dieser, auch am Ende seiner rühmlichen Laufbahn wieder dahin kehrte und sie daselbst beschloß.
Ich betrat wirklich mit Ehrfurcht die Hütte, wo Schakespeares Vater, ein armer Wollkrämer einst wohnte und wo der große Mann, bis in sein 16tes Jahr lebte. In der Westmünster Abtey, wo die Könige begraben liegen, hat auch ihm die Nation welche mit Recht stolz auf ihn ist, ein Denkmal errichtet.
Rasch gieng es nun auf Bristol und auf das nah gelegene bedeutende Bad zu; nur flüchtig passirten wir unterwegs einen kleinen freundlichen Bade-Ort Cheltenham und betrachteten auch Glocester nur als ein Nachtquatier. Von Glocester nach Bristol sind die Gegenden unbeschreiblich reizend und reicher an Erzeugnißen wärmerer Zonen; viele große Pflanzungen köstlicher Obstbäume findet man hier und der schöne Strom Avon belebt, mit seinen auf silberner Fläche hinschwebenden kleinen Schiffen die herrliche Landschaft. Die Nähe des Meers, der schiffbare Strom, der fruchtbare Boden; alles vereinigt sich hier, um Fleiß und Mühe in Fülle zu belohnen. Die Stadt ist groß, mit breiten Straßen, schönen Privat- und öffentlichen Gebäuden versehen und voll regen Lebens. Wie Rom ruht diese Stadt auf 7 Hügeln. Von einigen derselben genießt man eine köstliche Aussicht. Der Hafen ist prächtig, aber mir schauderte bei dem Gedanken: daß er der Ort war, von wo einst mit unmenschlicher Grausamkeit Schiffe zum Sclavenhandel ausgerüstet wurden, wodurch Bristols Einwohner sich bereicherten. Es war mir unmöglich hier lange zu verweilen. Wir stiegen den steilen Berg hinab nach Hotwels, wo die Heilquelle fließt und viele schöne Wohnungen für Bade-Gäste erbaut sind. Jene Quelle wird besonders Kranken empfohlen, welche an der Schwindsucht leiden und da meinem Begleiter und mir dem Himmel sey Dank! dieses Uebel nicht drohte so verließen wir Hotwels, nachdem wir daselbst von allen Seiten die reizenden Aussichten und jede Naturschönheit genoßen hatten und fuhren zu dem berühmtesten Badeort Englands nach Bath. Der Weg dahin gleicht einem reitzenden Garten; doch bemerkten wir den Einfluß der winterlichen Jahrs-Zeit, welche sich näherte. Bis zu ihrem gänzlichen Eintritt, da mit ihr erst das eigentliche Leben in Bath beginnt, besuchten wir die bedeutendsten Landsitze in der Umgegend, und machten uns dann mit allen Merkwürdigkeiten des Orts selbst bekannt.
Es liegt in einem schönen Thal, umgeben von beträchtlichen Anhöhen, welche dem Strom Avon nur den Durchzug zu vergönnen scheinen. Dieser erhöht die Reitze der Gegend und bewirkt eine vortheilhafte Verbindung der Stadt mit dem Seehafen Bristol. Bath gewährt einen ganz eigenen Anblick. Völlig vom Thal Besitz nehmend, erhebt es sich auf den nächsten Anhöhen. Die Häuser sind alle von Quadern erbaut, haben ein neues freundliches Ansehen und bilden geräumige Plätze und Straßen, in denen große Reinlichkeit herrscht, und die auch gut gepflastert, so wie bei Nacht wunderschön erleuchtet sind. Wegen der bergigen Bauart ist das Fahren darinnen unmöglich, doch die Wagen werden durch Portechaises ersezt. Die ganze Stadt ist zur Aufnahme der Fremden geeignet und in ein paar Stunden können sie bequem und angenehm eingerichtet wohnen. Das Wasser ist sehr heiß und erst nach 3 Stunden brauchbar. Die Entdeckung dieser Quelle verliert sich in das finstere Alterthum und es wurde uns davon manches Mährchenhaftes erzählt. In jedem Bade-Ort ist ein Ceremonien-Meister, der über die Ordnung und Etiquette, welche auch hier herrschen sorgfältig wachen muß. In Bath findet man deren zwei und ihre Gesetze, welche in den Assembleesälen angeschlagen sind, werden strenge befolgt.
Meines Freundes Wunsch zu erfüllen, da er sich zu meinem großen Leidwesen nicht wohl fühlte, beschloß ich, mich mit ihm in Bath auf einige Monate häuslich niederzulassen. Wir bezogen ein nettes Quartier, speißten im Gasthof, sandten unsere Visitenkarten zu den schon anwesenden Badegästen und abonirten uns in den Gesellschaftssälen, zu den Conzerten, Leihbibliotheken, u. s. w. um überall Eintritt zu haben.
Der Bals parés, so wie der kleineren Bälle, giebt es vier in der Woche. Anfangs vermied ich sie gänzlich, da ich nicht den Tanz liebe, auch William durch vermehrte Kränklichkeit unfähig war, dieselben zu besuchen und ich ihn ungerne verließ. Allein einmal nöthigte mich mein Freund hinzugehen und der Ceremonienmeister gerieth auf den unglücklichen Einfall, mich für den Abend einer Dame als Tänzer zuzuführen, in welcher ich zu meinem Erstaunen Lady Sidney fand. Auch sie erkannte mich und es gelang ihr kaum ihre Freude über dies Zusammentreffen genugsam zu verbergen. Durch Mr. Edwin von meinen Pflichten unterrichtet, beobachtete ich sie auch treulich und sorgte für der mir anvertrauten Dame Bequemlichkeit und Unterhaltung. Das lezte wurde mir nicht schwer. Sie wich von der Sitte der Brittinnen ab, welche in der Regel sehr wenig sprechen und theilte mir von ihren Verhältnißen und gemachten Erfahrungen in ein paar Stunden so viel mit, daß ich meiner Meinung nach ganz bekannt mit ihrer Lage, ihr meine Theilnahme nicht versagen konnte. Sie war die Tochter eines sehr reichen Lords, wurde in einer Erziehungs-Anstalt gebildet (deren England viele hat, da es Sitte ist, die Kinder sogleich von der Kinderstube in die Fremde hinauszustoßen!) und verließ dieselbe in ihrem 15. Jahr, um zu Hause an dem Sarge der Mutter, den frühen Verlust derselben zu beweinen. Eine Haushälterin führte nun das Regiment und herrschte, aber auch grausam über Lady Anna: so, daß diese viel Unangenehmes zu erdulten hatte. Vom Vater wurde sie wohl sehr geliebt, doch da jene Person ihm brauchbar, ja unentbehrlich dünkte: so bewirkten alle Klagen Anna’s nicht ihre Entfernung. Vor 6 Monaten, 5 Jahre nach der Mutter Hinsterben, entriß ein schneller Tod ihr auch den Vater. Ohne alle Verwandte stand sie nun ganz allein. Durch eine öffentliche Bekanntmachung, welche ihren Wunsch: einen Geschäftsführer zu erhalten, aussprach, veranlaßt, meldete sich ein junger Rechtsgelehrter, welcher eine Zeitlang seine übernommene Verbindlichkeiten genügend erfüllte. Allein bald suchte M. Wortley seine Rechte auszudehnen und quälte die Lady mit Heiraths-Anträgen. Da sie diese unerbittlich abwieß legte er seine Stelle trozig nieder und nun war sie so verlassen als vorher.
Durch die im kurzen wechselnden heftigen Gemüthsbewegungen erkrankte Mylady. Ihr Arzt war bekanntlich der Meinige und sie nannte ihn ihren treuen Freund. Er mußte ihr mehr von mir mitgetheilt haben, als er der Wahrheit gemäß hätte thun sollen; denn Lady Anna dankte mir sehr verbindlich für einen freundschaftlichen Antheil an ihrem Schicksal, dessen sie D. Richard versichert und den ich durchaus nicht gegen ihn geäussert hatte. Durch seine Fürsorge erhielt sie mittlerweile wieder einen Geschäftsführer: allein da sie nach des Arztes Vorschrift bald nachher ins Bad reisen mußte, so war sie nicht im Stande jenen genug kennen zu lernen und sie zeigte eine ängstliche Besorgnis, wegen ihrer Entfernung vom Haus und sprach von einer baldigen Rückkehr. Ueberdies hatte sie auch nach des Vaters Tod die fatale Haushälterin sogleich abgedankt und das ganze Dienstpersonale neu angestellt. Daher war nach ihrem Dafürhalten, zu Hause ihre Anwesenheit unentbehrlich.
In dem Allen was Lady Sidney mir erzählte, fand ich nichts Unglaubwürdiges und bedauerte sie aufrichtig, denn sie verstand es vollkommen durch die Art ihres Vortrags Theilnahme einzuflößen. Von jenem Abend an wiedmete ich ihr alle Zeit, welche nicht die Pflicht für meinen kranken Freund in Anspruch nahm. Dies schien sie sehr zu freuen und sie zeichnete mich mit einem sichtbaren Vertrauen vor allen Bade-Gästen aus. Es dauerte aber leider! nicht lange genug, um die Schlaue ganz kennen zu lernen: denn der Gesundheitszustand meines armen Williams verschlimmerte sich so sehr, daß ich genöthigt war, unverzüglich mit ihm die Rückreise nach London anzutretten. Lady Anna schien bestürzt, als ich sie davon benachrichtigte doch sprach sie unverholen von einem baldigen Wiedersehen. Wir nahmen den kürzesten Weg, hielten uns nirgends ohne Noth auf und ich kann daher von dieser Reise durchaus nichts Merkwürdiges mittheilen.
Bald nach unserer Ankunft in London wurde mein geliebter Freund tödlich krank und D. Richard wurde wieder gerufen. Er suchte einen Augenblick zu erhaschen, in dem er mir seine Freude äussern konnte: daß ich die frühere Bekanntschaft mit Lady Sidney erneuert hätte. Sie erhielten wohl eine Estafette? fragte ich etwas bitter. Mit einiger Verlegenheit erwiederte er: „die Lady habe ihn von Bath aus, wegen ihres Gesundheitszustandes geschrieben und dabei meiner erwähnt;“ gedachte aber nach diesem Gespräch der Lady mit keiner Silbe mehr. Mir war der tiefe Schmerz bestimmt: daß die treue Seele meines Williams in meinen Armen die irdische Hülle verließ. Kaum wird der eigene Bruder das gefühlt haben, was ich bei dem frühen Hinscheiden dieses edlen Mannes empfand. Das große London war mir zu enge, ich flüchtete mich hinaus und mehr ein Verlangen nach Zerstreuung, als sonst irgend ein sehnsüchtiger Wunsch trieb mich zu dem Landhaus der Lady Sidney.
Da die Landsitze in England vieles miteinander gemein haben, und ich von allen denen, welche ich gesehen, noch keines schilderte: so will ich eine Beschreibung desjenigen liefern in dem ich 4 leidensvolle Jahre verlebte. —
Ein schöner Park umgiebt dasselbe mit bedeutenden in der üppigsten Vegetation prangenden Aeckern, und Wiesen. Hie und da stehen mahlerisch gruppirte ehrwürdige Eichen und Buchen; feste, reinliche Kieswege durchschlängeln den Park, in welchem zerstreut, freundliche Wirthschafts-Gebäude liegen. Ein beträchtlicher Bach, über welchen eine hübsche Brücke führt, bewäßert in mancherlei Krümmungen die Flur. Das Wohnhaus liegt auf einer Anhöhe. Die Facade ist mit Säulen geziert, welche einen schattigen Ort bilden, von wo aus man so recht die Aussicht auf die herrlich grünen Wiesen und fruchtbaren Aecker genießen kann. Dieser Platz ist mit köstlichen Gesträuchen und Blumen in Vasen geschmückt. (Ein Gegenstand, mit welchem in England ein ausserordentlicher Luxus getrieben wird.) Die Obst- und Gemüß- Gärten, die Treibhäuser und alle Oekonomie-Gebäude liegen auf einer andern Seite ganz nahe am Haus. Erstere sind eigentlich das, was die Engländer Gärten nennen. Auch der zu Fuß-Promenaden vorzüglich bestimmte Theil, ist nicht weit davon entfernt; er hat Aehnlichkeit mit den deutschen Parks. Hier giebt es Lauben, Bogengänge, Tempel, Säulen, Denkmähler, Ruheplätze u. s. w. hier grünen und blühen alle möglichen in- und ausländischen Gewächse, Blumen und Bäume. Alle Gebäude sind von Stein, alle Geländer und Thüren von schönem eisernen Gitterwerk. Das Wohnhaus hat hohe wohl erleuchtete Sousterains, in welchen die Küche, Speiß-Gewölbe und die Bedienten-Zimmer sind. Vom Garten aus tritt man in eine Halle, die mit schönen Statüen, Anticken u. s. w. ausgeschmückt ist, zu beiden Seiten liegen die Putz und Wohnzimmer, ein langer Saal mit einer ansehnlichen Bibliothek, deren Bücher, alle kostbar eingebunden in zierlichen Schränken aufgestellt sind. Die Gemälde-Sammlung ist in verschiedene Zimmer vertheilt und ich traf in diesen Landhäusern auf wahre Kunstschätze von den berühmtesten Meistern. Vorzüglich muß van Dyk in England ungemein fleißig gewesen seyn. Ueberall, auch in Sidney’s Hause zieren die Produkte seiner Kunst die Gemächer. Im obern Stock des Hauses sind die Schlafzimmer. Fußböden, Treppen und Vorplätze sind mit schönen Teppichen belegt. Die Möbeln sind von Mahagoni oder künstlichem lackirten Holz und die Kamine größtentheils in Marmor geschmackvoll gearbeitet.
Dies ist die Beschaffenheit des Landsitzes der Lady Sidney welchem mit einigen kleinen Abänderungen beinahe alle Landsitze der reichen und vornehmen Engländer gleichen, wo unbeschreiblicher Genuß zu finden wäre, wenn nicht die leidige Etikette, die unendlich vielen Vorurtheile, und die tyrannisirende Mode ihn verkümmerte.
Doch ich kehre zu meinem verhängnißvollen Erscheinen in Sidney’shouse zurück.
Mylady empfieng mich mit sichtbarer Freude und sowohl bestochen von ihrer verlaßnen Lage, als gedrungen von dem Verlangen nach nützlicher, zerstreuender Thätigkeit, welche meinen Schmerz um den verlohrnen Freund mildern sollte, gab ich ihr das Versprechen: ihre Angelegenheiten zu ordnen, denn ihren dermaligen Geschäftsführer mangelte es an Einsicht und an gutem Willen. Ihre Dankbarkeit bewieß sie mir auf eine Art, welche mich immer mehr anfeuerte ihr recht wichtige Dienste zu leisten. Sie bot alle Künste der feinsten Coquetterie auf, mich zu feßeln und es gelang ihr; in wenig Monaten war ich ihr Gatte.
Meinem geraden Sinn war es unmöglich, eine so entsezliche Verstellung zu argwohnen, deren Lady Anna wirklich fähig war. Ach! ich glaubte in einem Herzen Liebe zu finden wo nur Selbstsucht herrschte und wurde fürchterlich getäuscht! — Die häuslichen Tugenden, welche sie um mir zu gefallen geheuchelt und in schönen Redensarten damit geprahlt hatte, wurden in der Wirklichkeit vergeblich bei ihr gesucht! In der Anstalt worinn sie erzogen wurde, hatte sie Vielerlei doch alles nur Oberflächlich und durchaus Nichts für ihre künftige weibliche Bestimmung gelernt. Aus Stolz wollte sie, wie ich späterhin erfuhr von der Haushälterin ihres Vaters, welche sie fälschlich für so böse mir geschildert hatte, keinen Unterricht annehmen und so war sie höchstens nur im Stande, einen guten Thee zu bereiten und bei Tisch die von mir angegebenen und vom Koch verfertigten Speisen vorzulegen. Ihr Charakter enthüllte zu meinem größten Schmerz nach und nach immermehr seine wahre Gestalt. Eigennutz, Härte und drückender Stolz auf ihrem Reichthum, sprach sich in jedem Worte, in jeder Handlung aus. Die erste Leidenschaft war es, welche unsere nähere Bekanntschaft gründete. Ich hatte mich ihr bei unserm Zusammentreffen in der City von einer etwas glänzenden freigebigen Seite gezeigt; dies steigerte ihr Wohlgefallen an mir und durch die Schilderungen des Doctors, so wie durch unsere spätern Unterhaltungen glaubte sie an mir einen Mann kennen gelernt zu haben, welcher geeignet schien ihre Reichthümer auf eine vortheilhafte Weise verwalten zu können. Daher däuchte es ihr der Mühe werth, meiner gewiß zu werden und die Rollen sorgfältig einzustudiren, in welchen sie mir zu gefallen glaubte: doch als wir verbunden waren, legte sie den sehr lästigen Zwang nach und nach ab und ließ mich — leider zu spät! — das Unglück meiner Wahl tief empfinden. Ich wandte anfänglich alles an, nur Annen’s Liebe zu gewinnen und zartere weibliche Grundsätze und Empfindungen ihr einzuflössen; allein weder meine Bemühungen, noch die Reitze der Natur in dem unaussprechlich schönen Richmonds Thal worinn unser Landsitz lag, noch ihr Verhältnis als Mutter, da sie zwei lieblichen Kindern, einem Knaben und einem Mädchen das Daseyn gab, konnten irgend eine vortheilhafte Umänderung ihrer Ansichten und Gefühle bewirken. Sie blieb die herrische, anmaßende Gattin, welche meine Dienstleistungen als Schuldigkeit forderte und mit Undank belohnte, die gleichgültige sorglose Mutter, welche keinen Sinn für die Freuden und süßen Mühen derselben zeigte; die unwissende und daher desto ungerechtere und härtere Hausfrau. Ich verschleiere die traurigen, mir höchst wiederlichen Scenen, welche ein solches Betragen unter uns herbeiführen mußte und eile zu einer Begebenheit, welche entscheidend für mein Schicksal wurde.
Geschäfte riefen mich einst nach der Stadt (so wird London vorzugsweise in ganz England genannt.) Ich mußte länger daselbst verweilen, als ich geglaubt hatte und während meines Aufenthaltes führte mich ein Zufall an einem Abend an der Westmünsterabtey vorüber. Nur einmal hatte ich sie mit meinem unvergeßlichen William und da nicht ganz genau besehen. In der schwermüthigen Stimmung in welcher ich mich immer, besonders aber damals befand, zog mich das alte gothische Gebäude mit seinen heiligen Denkmälern berühmter Entschlaffener unwiederstehlich an. Ich trat hinein und wandelte allein in diesen schauerlichen Hallen, wo die Geister der Vorwelt mich umschwebten und ich ihr Geflüster wahrzunehmen wähnte. Hie und da verweilte ich bei den, seltenen Sterblichen geweihten Monumenten und erblickte leider! an manchen unter ihnen den alles zerstörenden Zahn der Zeit. Jedoch mich ergriff der große Gedanke: „daß, was jene Männer wirkten, nicht der Gewalt irdischer Vergänglichkeit unterworfen ist; das Edle bleibt ewig Groß, das Schöne ewig Neu, und es giebt Handlungen, welche sich empor über die Erde erheben, dort von himmlischen Genien aufgenommen und eingetragen werden in das Buch des Lebens!“ bewegt nahte ich mich dem sanften Dichter Goldsmith, dem ernsten Milton, Thomson u. s. w. und gedachte der herrlichen Werke jener unsterblichen Sänger, des Reichthums ihres Geistes und Herzens; ich vergegenwärtigte mir den segensreichen Einfluß ihrer Schriften auf die gleichzeitigen Weltbürger, so wie auf spätere Geschlechter; ich gewahrte im Geist die Erheiterungen, die Begeisterungen, die vielen ernsten, folgereichen Erweckungen zum Guten, welche wir Jenen zu verdanken haben und die als ausgestreuter Saame in kürzerer oder längerer Zeit immer neue Früchte bringen. O wie klein, wie unbedeutend erschien ich mir, vor den Nachgebilden jener Geistes-Helden! ich habe ja mit all’ dem reichen guten Willen, den ich in mir trage, noch nichts gemeinnütziges gethan und das Wenige, was andere von mir empfiengen verschwindet wie ein leichter Schatten, vor den Strahlen der Wahrheit und der Verdienste würdigerer Menschen.
Düster, mit verschlungenen Armen, wandelte ich dem Tempel entlang, zu den zwölf, sich an ihn schlißenden Kapellen, welche die irdischen Ueberreste der Könige und Königinnen von jeher in ihrem Schoos aufnahmen. Auch hier bewunderte ich manches Werk der Kunst und beobachtete ihre stufenweis’ fortschreitende Ausbildung. Innig gerührt stand ich an dem Grabe der unglücklichen Marie Stuart, welche nicht weit von ihrer Todfeindin und Mörderin hier schlummert. Noch mehr erschütterte mich das Grabmahl Eduard’s I. und das seiner Gemahlin Eleonora von Kastilien. Von ihr erzählt die Sage ein rührendes Beispiel seltener, ehelicher Liebe und Treue. Ihr Gemahl zog als Kronprinz 1274 zum heiligen Krieg ins gelobte Land. Kein noch so furchtbar drohendes Ungemach konnte Eleonoren von dem Vorhaben, ihn zu begleiten zurückhalten. An ihrem weiblichen Heldensinn entzündete sich sein Muth und er richtete große Niederlagen unter den Türken an. Um sich deswegen zu rächen, sandten sie Meuchelmörder gegen ihn aus, und ihr vergifteter Pfeil traf Eduard im Arm. Die Aerzte gaben ihn verlohren, wenn nicht augenblicklich das Gift aus der Wunde gesogen würde. Keiner seiner Diener entschloß sich zu dieser That, aber Eleonora scheute nicht die Gefahr und weihte sich freudig dem Tod, um das Leben des geliebten Gemahls zu erkaufen und — ihr gelang das schöne Werk! die Stärke treuer Liebe ehrend, soll indeßen der Todesengel sich schonend hinweggewendet und die Gatten noch eine Reihe glücklicher Jahre mit einander gelebt haben; auf ihrem Sarkophage liegen die Gestalten, der darunter Schlummernden und in Eleonorens Gesicht ist ihre Güte und Milde kunstvoll ausgedrückt.
Eine unbeschreibliche Wehmuth bemächtigte sich meiner, bei diesen Denkmählern! „Glücklicher Eduard!“ rief ich aus, dir wurde der Erde höchst Seeligkeit zu Theil! mir ist sie versagt, Vergeblich sehne ich mich nach Liebe, welche ich, wie du Eleonora (ja ich fühle es!) reich, reich mit jedem Opfer zu vergelten und zu erwiedern bereit wäre! —
Mit diesen Klagen machte ich meinem gepreßten Herzen Luft und wurde so weich, daß ich weinen mußte.
Endlich bemerkte ich, daß es über meine Betrachtungen ziemlich dunkel in dem hohen Gewölbe wurde und trennte mich von dem der Trauer geweihten Ort. Auf der Straße, wo es schon dämmerte, kam ich zu einem Grausen erregenden Auftritt. Ein Zusammenlauf vieler Menschen zog meine Aufmerksamkeit an sich. Das Blut starrte mir in den Adern, als ich in unserm vierspännigen Wagen meine Gattin ruhig sitzen und unter den wiehernden Schimmeln, deren Zügel einige Männer hielten, ein halbtodes Mädchen von 4 Jahren hervorziehen sah. Ich weis noch heute nicht, was Lady Anna bewog, mir nachzureisen; ich weis nicht, wohin sie nachher ihren Weg nahm: denn ihre laute unmenschliche Aeußerung: „Fort, fort! was kümmert mich der Lärm; —“ machte meinen ganzen Zorn rege. Ich war ausser mir. Eine bejahrte Frau, die Pflegemutter jenes Mädchens, kam händeringend herbeigelaufen und ließ weinend und schreiend das ohnmächtige Kind, von dessen Kopf das Blut herunter trof, in ihr Haus tragen. Das tiefste Mitleid drängte mich ihr zu folgen, ich mußte aber leider Zeuge seyn, daß alle Rettungsversuche vergeblich waren und die arme kleine Molly unter den Händen des Chirurgs ihren Geist aufgab. Herzzerreissend waren die Klagen jener Frau; leider! war sie bei diesem Unglück nicht Vorwurfsfrei; auch sie hatte nach der in England häufigen Weise, die kleinsten Kinder ohne Aufsicht auf den Volkreichsten Wegen herumtrippeln zu lassen, (was mich oft in meinem Wagen ängstlich aufschreiend machte) unvorsichtig genug, Molly mit andern Kindern auf der Strasse spielen lassen, ohne sich um sie zu bekümmern, nun kam Lady Anna nach ihrer gewöhnlichen Art ungemein rasch gefahren und das Kind war verlohren. Ob nun gleich Jene einigermassen Schuld an dem traurigen Vorfalle war, konnte er doch ihr hartes Herz nicht zur Theilnahme bewegen und dies war es, was mich so sehr empörte. Es entstand ein Aufruhr in meinem Innern, der dem, durch Sturm bewegten Meere glich; und da ich zu keinem Geschäft tauglich war und das lezte Ereignis vorzüglich mein Gemüth beschäftigte: so gieng ich nach ein paar Stunden wieder in jenes Haus der Trauer; ich hatte schon vorher, sowohl durch die Aeußerungen meines aufrichtigen Mitleids, als auch durch ein reichliches Geschenk die betrübte Pflegemutter der Verunglückten von meinem Antheil überzeugt und sie mir so geneigt gemacht, daß ich ihr bei meinem zweiten Besuch sehr willkommen schien. Ich hörte nun, daß Molly eine Waise war und eine Verwandte von Frau Sara (so nannte sich jene Frau). Ihr Nahme machte mich aufmerksam; die Haushälterin des Lord Sidney’s hieß auch Sara. Ohne mich zu erkennen zu geben, forschte ich weiter nach und meine Vermuthung bestättigte sich; sie war jene Person wirklich. Aber ach! welche Erzählungen folgten dieser Entdeckung! Sie schilderte die vielen tadelnswürdigen Eigenschaften meiner Gattin so richtig, daß ich sie in ihrem Betragen während der Zeit unserer Verbindung vollkommen wieder fand. Die Alte versicherte, daß sie nur aus Liebe zu dem verstorbenen würdigen Lord im Hause geblieben sey, denn Lady Anna mishandelte sie mit Stolz und Härte und verwarf jedes Anerbieten, ihr etwas zu lehren. Nach dem Tod des Lords, als sie den Dienst verlassen, aber noch mit dem Pächter zu Sidney’s House im guten Vernehmen geblieben war, erfuhr sie durch diesen noch Manches von dem nachherigen Betragen der Lady, welches sie mir mit einer ihr eigenen Geschwäzigkeit mittheilte. Dadurch erhielt ich Aufklärung über D. Richards Stellung zu Anna, und über sein Benehmen. Er war nemlich ihr vertrauter Freund, ihr verschmizter Rathgeber und gab sich alle Mühe, ihr, weil sie es wünschte, einen für ihre habsichtigen Plane passenden Gemahl aufzufinden; suchte mich daher für sie einzunehmen und hatte ihr früherhin auch Wortley zugeführt. Statt daß dieser, wie sie sagte, sich um ihre Hand beworben stellte sie ihm Netze auf: jedoch sie muß damals noch nicht so geübt in der Verstellungskunst gewesen seyn, er bemerkte zu rechter Zeit manches Misfällige an ihr und zog sich zurück. Aus dem Mund jener Frau hörte ich nun meinen Namen nennen, hörte, wie man mich beklagt hatte, eine schlechte Wahl getroffen zu haben und daß man als gewiß vorausgesezt, ja hie und da bedeutende Wetten über die Behauptung angestellt habe: daß ich unmöglich lange mit Lady Anna würde leben können. Auch mir schien dies nach den heutigen Erfahrungen ganz klar, und doch war mein Entschluß noch nicht fest genug. Kaum wird dies, für alle die mich kennen glaublich seyn. Der feurige, freigesinnte, jeden ungerechten Druck verabscheuende Guido konnte so lange, konnte damals noch zögern, sich von einem Weibe zu trennen, die ihn unwürdig behandelte! Jedoch meine geliebten Eltern werden es begreifen, warum dies geschah; Sie welche das innige Gefühl verstehen, das in einem treuen Vaterherzen waltet!
Die Besorgnis: daß Lady Anna ihr Recht auf Eines meiner geliebten Kinder geltend machen und mir es vorenthalten könnte war es, was mich immer von einem entscheidenden Schritt abhielt. Ich wollte nun auch wirklich wieder zu ihnen zurückkehren. Auf der Landstraße wurde ich von einem Menschen angebettelt, dessen Gesichtszüge mir bekannt schienen. Mich trieb eine dunkle Ahnung, von meinem Irländer abzusteigen und mich mit Jenem in eine Unterhaltung einzulassen. Sein Name brachte mir ihn ganz ins Gedächtnis zurück. Er war der Diener, welcher kurz vor meiner Verheirathung, von der Lady unter dem Vorwand: daß er ein ungeziemendes Betragen gegen sie hätte zu Schulden kommen lassen, fortgeschickt wurde. Der rüstige junge Bursche dauerte mich, daß er das Bettlerhandwerk ergriffen hatte und meine gutgemeinten dringenden Ermahnungen wirkten so mächtig auf ihn, daß er mir zu Füssen fiel und unter Thränen versicherte: er verdiene diese Güte nicht, er habe sich auch gegen mich verfehlt. Erstaunt sah ich ihn an, und erfuhr folgendes: Mit dem Brief, an meine geliebten Eltern, dessen ich schon im Anfang dieses Schreibens gedachte und worinnen ich sie um Ihren Segen zu meiner Verbindung mit der Lady gebetten hatte, wollte ich ein Kistchen mit verschiedenen Produckten des englischen Kunstfleißes für meine entfernten Lieben absenden. Ich hatte es in Gegenwart meiner Braut eingepackt und gab es John, damit er es zu einem gewissen Kaufmann in London tragen sollte, welcher mir versprochen hatte, es einer Schiffsladung nach Deutschland beizufügen. Ich erinnere mich noch sehr deutlich, wie theilnahmlos mir damals Lady Anna zusah, welches mich innig schmerzte; und wie sie bei meiner Aeusserung: „daß ich jene Sachen auf meinen Streifereien durch England schon lange gesammelt und aufgekauft habe“ den Mund zu einem spöttischen Lächeln verzog und sich schnell entfernte. Sehr gut weis ich auch, daß ich darauf in den Park eilte, um die unangenehmen Gefühle niederzukämpfen, welche dies Benehmen in mir erregt hatte. — In meiner Abwesenheit ließ nun (so erzählte John) die Lady ihn zu sich ruffen und versprach ihm noch über seinen Lohn, den sie ihm hinzahlte, eine Guinée, wenn er meinen Auftrag nicht vollziehen, sondern ihr das Kästchen und den Brief übergeben aber auch auf der Stelle schweigend ihr Haus verlassen wollte: „denn, sezte sie mit Heftigkeit hinzu, ich laße von meinem Vermögen nichts übers Meer führen.“ Den armen Burschen blendete das Gold; er willigte ein und hofte bald wieder einen Dienst zu bekommen, allein mehrere Versuche mislangen, und nun ergrif er das Betteln als den bequemsten Erwerb.
Diese Entdeckung machte mich rasend. Anna war also die Ursache so vieler trüben Stunden, in welchen ich mich über das Stillschweigen der Meinigen ängstigte! Anna unterschlug das von mir bestimmte Eigenthum derselben und verkümmerte mir die kleine Freude aus niedrigem Eigennutz, aus schändlichen Argwohn! Nun war es fest beschloßen mich von ihr zu trennen; und statt nach Sidney’shouse, sprengte ich nach London zurück, eilte zum Westminster Gebäude, woselbst viele Rechtshändel geschlichtet werden und brachte meine Ehescheidungsklage an. Nach diesem Schritt trieb mich die Vaterliebe wieder nach Hause: denn ich wußte, wie wenig Sorge die Mutter den Kindern wiedmete. Unterwegs überlegte ich, daß ich mit Ruhe am Ersten zu meinem Zweck gelangen und Lady bestimmen würde, mir meine zwei Kinder zu überlassen; und diese Hoffnung gab mir die Gewalt über die heftigen Ausbrüche meines gereizten Gemüths gegen die Urheberin seiner Leiden. Besonnen und kalt machte ich Anna mit meinem obigen unwiederruflichen Entschluß, und mit den Beweggründen zu demselben bekannt und fand zu meinem Erstaunen eben so viel Kälte und Bereitwilligkeit, sowohl für die Trennung, als für meinen Wunsch, die Kinder mir zu überlassen. Mir war es in diesem Augenblick, als fielen klirrend die Ketten zu meinen Füssen, welche mich so lange schmählich gefangen hielten. Ich eilte in das Zimmer meiner Kinder, preßte die Kleinen unter heißen Küssen an das klopfende Herz und konnte kaum den folgenden Tag erwarten, um mit ihnen und ihrer Wärterin nach London zu fahren. Ganz ruhig war der Abschied der unnatürlichen Mutter von ihren Kindern und — und als hätte ich sie aus dem Feuer gerettet eilte ich mit ihnen davon.
Auf der Straße begegnete ich John wieder und nahm ihn in meine Dienste, wo er sich bisher ganz zu meiner Zufriedenheit beträgt. In der Stadt logierte ich mich in einen Gasthofe ein, um den Ausgang meines Prozeßes zu erwarten. Nur einmal mußte ich mit Lady Anna vor den Schranken erscheinen und da weder sie noch ich an eine andere Instanz zu appellieren gedachten sondern mit dem Ausspruch der Richter vollkommen zufrieden waren, so war er sehr bald geendigt.
Meine beschwerliche und sorgenvolle Lage während meiner Rückreise, konnte nur die unendliche Vaterliebe zu meinem William, zu meiner Fany mir ertragen helfen. Fast in jedem bedeutenden Ort, wechselte ich, theils durch Umstände genöthiget, theils vielleicht auch aus übertriebener Besorgniß die Wärterin und es ist ein wahres Wunder, welches mich mit dem innigsten Dank gegen die Vorsicht erfüllt, daß die Kleinen diese gefahrvolle große Reise so glücklich überstanden haben. Einige kleine Unpäßlichkeiten abgerechnet, brachte ihnen das veränderte Klima und die verschiedene Lebensweise keinen Schaden. Auch gegenwärtig, wo ich dieses schreibe, sind sie vollkommen gesund.
Aber Guido der Vater, theilt mit Guido dem Sohn, die unbeschreibliche Sehnsucht, bald mit seiner köstlichen Beute im sichern Haven, im Arm der Eltern von all den Stürmen, welche ihn im fernen Land Verderben drohend umbraußten, auszuruhen! —
O, des seeligen Augenblicks! wo meine Kleinen ihre Aermchen um den Nacken der besten Großeltern schlingen und ich die theuern Vater- und Mutter-Hände auf mein wundes Herz drücken und damit die vielerlei schmerzlichen Gefühle, welche darinnen herrschen beschwichtigen werde!
Ein neues Leben wird mir aufgehen! Meine gesammelten Erfahrungen sollen mich begleiten auf das Feld der Thätigkeit, das ich mir suchen werde. Ich will wirken und nützen, und wird gleich mein Bild einst nicht der Nachwelt aufbewahrt, wie das berühmter Britten in der Westmünster Abtey: so soll doch hie und da eine Stimme im Vaterland mir ein segnendes Lebewohl in die kühle Gruft nachrufen.
Ich erwarte nun keine weitere Nachricht. Fest auf die Liebe theurer Eltern bauend, werde ich diesem Brief bald nachfolgen, um den Forderungen eines kindlichen Herzens und den väterlichen Wünschen und Sorgen für meine Kinder ein Genüge zu leisten.
Ihr Guido.
Die Baronin gieng einigemal, während Albina las zu dieser hin, umfaßte sie und sah mit ihr in Guido’s Brief hinein. Bei manchen bedeutenden Stellen konnte sie die Ausbrüche ihrer mütterlichen Empfindungen nicht zurück halten, welche wechselnd Staunen, Mitleid und Freude ausdrückten; der Vater klopfte sie dann sanft auf die Schulter und sagte: „Mütterchen! laß doch unsere Albina ungestört fortlesen!“ auf diese Weisung kehrte sie wieder aufs Sopha zurück; doch nicht lange, so führte sie eine neue Aufwallung der Gefühle, abermals zu Albinen, zu dem Brief. — Schweigend faltete endlich Leztere denselben zusammen. — Die Baronin sprang auf und schloß sie in die Arme. Durch ihre eigene Bewegung war sie unfähig, Albinens Gemüths-Zustand zu beobachten und die Fluth ihrer Worte gab dieser Zeit und Gelegenheit sich zu sammeln. Sie mußte sich nun zwischen das würdige Elternpaar setzen und mit redseeliger Freude theilte ihr die Baronin mancherlei häusliche Plane für die Zukunft mit, welche oft im nächsten Augenblick wieder durch Neue verdrängt wurden. Volkmar hörte lächelnd zu und gab nur zuweilen durch eine besonnene Rede dieser oder jener flüchtigen Idee Festigkeit.
Albina kehrte diesmal in einer höchst unruhigen Stimmung auf das Landhaus zurück. — Sie sollte ihn wiedersehen, ihn der ihr Herz ganz erfüllte! Er unglücklich — sie voll Mitgefühl — beide frei — war es nicht natürlich, daß die Möglichkeit einer Annäherung sich ihr unwillkührlich aufdrang? — aber fest war ihr Entschluß, sich streng im Auge zu behalten und ihre weiche Seele mit ruhiger Ergebung in den Willen der Vorsehung auszurüsten.
Guido war durch sein Schreiben noch weit höher in ihrer Achtung gestellt; sein trefflicher Charakter, sein Sinn für das Schöne und Große, seine menschenfreundlichen Handlungen, seine Vaterliebe, alles dies blickte aus jeder Zeile seines Briefs hervor und ihre rege Phantasie mahlte sein Bild in männlicher Vollkommenheit; aber der Zweifel flüsterte in ihrer Seele: wird Guidos Herz nicht unheilbar verwundet seyn? wird die gemachte traurige Erfahrung ihn nicht gegen das ganze weibliche Geschlecht mißtrauisch gemacht — werden die Jahre der Trennung nicht die Empfindungen der Freundschaft, deren Daseyn sie vor Zeiten in seinem Herzen ahnen durfte ganz verlöscht haben? —
Albina hatte viel mit diesen wechselnden Gefühlen zu kämpfen und immer kehrten sie wieder. Beglommenen Herzens gieng sie nun jedesmal in die Stadt, Guidos Wiedersehen bald fürchtend, bald hoffend. An einem Abend, als sie wieder in Langenheims Haus trat, überfiel sie ein heftiges Zittern denn ein Reise-Wagen im Hofraum ließ sie Guidos Ankunft vermuthen. Sie war nicht vermögend gleich die Treppe hinaufzugehen und mußte ihre ganze Seelenstärke aufbiethen, um Fassung zu erringen. Endlich hielt sie sich für fähig Guido ruhig zu begrüßen. Die Thüre öffnete sich und er — etwas mager und bleich, demohngeachtet edel und schön, saß mit dem Rücken nach der Thüre gekehrt, einem Spiegel gegenüber, in welchem sie sein Gesicht und er ihr Eintretten sehen konnte. Er sprang auf und eilte auf sie zu, die kleine Fany auf dem Arm, führte er Albinens Hand an seine Lippen. Das Kind aber streckte verlangend die Aermchen nach ihr aus; es schien ihre, alles bezaubernde Anmuth selbst das kleine Mädchen-Herz mit magnetischer Kraft an sich zu ziehen. Ein dunkles Roth überflog Guidos blasse Wangen; auch Albina fühlte die ihrigen erglühen und war froh, sie an Fanys zartem Gesichtchen verbergen zu können. William wurde auf des Großvaters Knie geschauckelt, als Albina in das Zimmer trat, und die Baronin war ausser demselben beschäftigt für den geliebten Sohn und die theuern Enkel Bequemlichkeit und Erfrischung zu besorgen: denn noch war keine Stunde verfloßen, daß Guido angekommen war. Albinens befangenem Zustand kam die Gegenwart der Kleinen wohl zu statten. Von jeher der Kinderwelt mit wahrer Liebe zugethan, waren ihr natürlich Guidos Sohn und Tochter unbeschreiblich theuer; und so lange sie anwesend war, beschäftigte sie sich unaufhörlich mit ihnen. Auf ihrem Schoos genoßen sie erquickenden Thee und wohlschmeckenden Zwieback auf ihrem Arm, an ihrer Hand trug und führte sie die Kleinen in den Gemächern des Hauses umher, wo irgend ein Gegenstand war, der sie unterhalten konnte und endlich schlummerten sie auf ihrem Schoos, von der Reise ermüdet ein, und wurden sanft von ihr in die für sie bereiteten Bettchen getragen. Guidos Blick weilte mit stillem Entzücken, so oft er es unbemerkt konnte, auf Albinens zärtlicher Sorge für seine Lieblinge und auf deren zutraulicher Annäherung an Jene. Schmeichelnd schmiegte der kleine William sein Gesichtchen an das ihrige, fest schlang Fany die Aermchen um ihren Nacken und schüttelte weinend das blonde Lockenköpfchen, wenn sie die Grosmutter oder die Wärterin zu sich nehmen wollte.