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Adelina

Oh Cinema ...

Reading edition

(Kein Auge blieb trocken). —

Da kommt sie, das Unglückswesen, sagt eine weibliche Stimme hinter mir.

Und wirklich! Immer bist du es, die ich heute zum drittenmal sehe, Hermia, dieselbe.

Jedesmal behielt ich dieses Bild im Herzen:

Das Bukett Rosen mit dem Brieflein: Graf ... In den Handschuhmacherladen hinein ...

Nein, der „Graf“ war dir nichts. Nur ihn, ihn küßtest du, als du seinen Brief küßtest, und die Rosen küßtest und an Mund und Augen und Wange drücktest ... Hermia ..., daheim, in deiner Kammer ...

Eines Abends, nach Geschäftsschluß: ob ein Wiedersehen möglich wäre ...? Nein, nein, nein, Hermia schüttelt den Kopf, und wie sie die Rosen lieb anblickt. (Nein, gewiß, nimmer würde sie von euch ihre Hand lassen ...)

Dann, hinter dem Haustor blickt sie noch durch das Torfensterchen und macht mit der Hand Pa...

Und oben in deinem Kämmerlein, Hermia:

Gleich Wasser, für die Blumen, o, wenn man all den Duft mit einemmal einsaugen könnte ...!

Arme Hermia, dann war es wohl die erste im Reigen der unruhigen Nächte ...

Nächsten Tages. —

... Welche Freude es für ihn wäre, sie Sonntag nachmittag am Jägerweg erwarten zu dürfen, zu einer Automobilfahrt! —

„Vielleicht um vier Uhr, wenn es Ihnen recht ist?“

Graf Udo Ferdinand N. —

Ein weißer Mädchenschirm, der im Wegsand stochert; Wind, alter Lebemann, vermag nicht abzulassen von eines jungen Mädchens weißem Kleide!

Weiß, der Sommer prallt daran ab.

Das Automobil schwankt heran.

Hermia kehrt dem plötzlich den Rücken und geht drei Schritte:

Nein, es kann nicht wahr sein, nicht wahr sein! Hermia, es ist das Glück ... Es lächelt dich an ...

So denkt Hermia, und neigt den Kopf, denn sie sieht da die Steinchen im Wegsand nicht mehr. Feuchte Augen trüben den Blick ...

Eine Stunde später: Die Bank am Waldespfade ... Beide setzen sich ...

Einstweilen nimmt er das Blatt weg, das auf ihr Knie gefallen war ...

Auf das himmlische Knie unter dem weißen Kleide ...

Horch, was ist das? —

Nichts, Waldesrauschen. —

Das Automobil wartet. Auf der breiten Straße mit den Kilometersteinen. Der Chauffeur trinkt sein Bier und liest die Zeitung: Die parlamentarische Kommission der konservativen Rechten ...

Er legt die Hand um ihre Taille. Sie erbebt, erhebt sich, wächst empor, und wie die Lilie im Zauberwald ..., streift langsam seine Hand ab ... behält ... sie ... in ihrer Hand ...

Vielleicht strömt ihr bisheriges, stilles Leben an ihr vorbei?

Vielleicht eine Szene hinter dem Ladentisch? Wie sie gerade mit der Schere ein widerspenstiges Haarlöckchen abschnitt, sorgenfrei ...

Sie wendet langsam ihr Gesicht ihm zu: die Augen blicken ernst, der Mund ist halb offen.

Er sieht ihre eingefallenen Wangen und wie die Brust atmet. Und Hermiens Augen werden groß und matt, wie es die Sonne jetzt tut im Westen.

Hermia steht auf dem Felsgrat. Und in blauen Tiefen sieht sie die Sphären schwingen. Wird Hermia schwindelfrei sein, und die Tiefe unter ihr nicht ihren weißen Nacken lähmen?

Wird sie es vermögen, den blauen Tiefen noch rechtzeitig ihr nicht weniger tiefes Blauauge zu entreißen, hinter sich zu blicken und einem schwachen Mädchenfuß alte Kraft und Sicherheit wiedergewinnen zu lassen, froh und befreit niederzuwandern zwischen Bergblumen?

Siehe, aber sie vermochte es nicht, Hermia, als sie hinaustrat auf den Felsgrat ihres Lebens. —

Hermia hatte nicht gelernt auf Felsgraten zu tanzen.

Die schwingenden Sphären nahmen sie an sich, komm zu uns, komm zu uns, riefen sie und Hermia fühlt, wie sie aufgehoben wird, abgehoben von dem Fels unter ihren Füßen, und hinabgleitet: — Sie fällt ihm um den Hals, Hermia, Graf Udo Ferdinand N., und birgt ihr Gesicht an seiner starken Brust.

Sein ist Hermia und die Seele blickt auf ...

Harmonium solo.

Und dann wird es das alte Lied: Hermia liegt zu Bett. Das hat an Kopf und Fußende ein kaltes, eisernes Gestänge. Und da sind noch viele Betten, und eines sieht dem anderen ähnlich auf ein Haar ... Neben dem großen Bett steht ein kleines Bettchen. Es ist nicht die Himmelswiege, es ist das große Bett aber en miniature.

Darin bewegt sich das Würmchen ...

Hermia aber liegt stumm, dann und wann tun sich die großen Augen auf und schauen die Zimmerdecke an ...

Neben Hermiens Bette sitzt die alte Wärterin, sie stickt.

Sie hat zeitlebens nur Anna geheißen und Kranke gepflegt, an Peppo gewürgt, und Peppo ist es in den Geschichtchen der Hermien, die hier im Spitale liegen und mit großen Augen der Wöchnerin zur leeren weißen Saaldecke schauen, nach den Bildern ihrer Erinnerung.

Und jetzt war Peppo sogar Graf, Graf Udo Ferdinand N., erzählt Hermia ...

Vielleicht könnte sie sich ein wenig im Bette aufsetzen? Anna ist ihr behilflich.

Nein, sie kann es nicht, Hermia, sie ist noch zu schwach und sie sinkt wieder zurück.

Die schönen schmalen Hände liegen wieder neben dem Körper, bleich auf der Decke ...

In den ersten Nachmittagstunden, das Krankenzimmer liegt an der Sonne. Ein Sperling singt auf dem Fenstersims Frühlingslieder. Hoch oben unter der Saaldecke ist das Fenster, und es ist offen. Unter ihm schläft das Kleine in seinem Bettchen. Es hat sich mit den Ärmchen müde gespielt.

Hermia erzählt. Sie erzählte so gern ...

Sie wünscht, daß Anna ihr das Etui mit dem Medaillon herüberreiche. Anna tut es und mit einem mitleidsvollen Blick (der von Hermia nicht gesehen werden darf). —

Hermia nimmt das Medaillon heraus. Wie sind die Hände so langsam und die Finger spitz ...!

Sie schaut das Medaillon an und ihr Hals macht dabei unter dem Kinn eine Falte. Er muß den Kopf ein wenig heben, der Hals, daß die großen Augen das Medaillon sehen können und da macht er die Falte. Können denn die Hände das Medaillon nicht höher halten? Nein, sie sind zu schwach.

Hermia legt das Medaillon in das Etui, gibt dieses der Anna zurück ... Sie möge es zu dem kleinen Ferdinand neben ihr ins Bettchen legen.

Will sie sich denn schon vorbereiten zum Sterben?

Ja, abends war sie tot. —

Sie starb an Schwäche. Ganz still, niemand hörte es ...

... Die Ärzte breiteten ein weißes Leintuch über sie.

Als der junge Graf endlich (zu spät!) auftauchte, geschah es, daß er sich über das sanfte Bild warf, das das weiße Leintuch behütete, und nur noch dieser heutige Tag seine Zeit lang von jener frühen Morgenstunde trennte, da das Zügenglöckchen ertönt — (Harmonium solo). Er weint. — Die Ärzte lassen ihn allein, und geben auch der Wärterin Anna einen Wink.

Darin küßt er das Händchen des kleinen Ferdinand. (Nach ihm so benannt ...)

Die achtzehnjährige Ninette hatte sich den kleinen Ferdinand, süß schlummert er, auf den Arm genommen. Neben ihm stand sie, dem großen Ferdinand, und da küßte der große Ferdinand das Händchen des kleinen Ferdinand. —

Sie, Ninette, herzte ihn noch eine Weile und legte ihn wieder in sein Bettchen zurück, das kein Himmelbett war. Dann bekam er eine andere Mutter ...

*

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