IX. Indische Menschen
Reading edition
Als der berühmte amerikanische Schriftsteller Mark Twain Indien besuchte, traf ich mit ihm in Gwalior zusammen. Auf den humorvollen Spott, der seine Bücher besonders charakterisiert, anspielend, fragte ich ihn im Laufe unserer Unterhaltung, wie er wohl glaube, den indischen Verhältnissen und den indischen Menschen in dieser seiner besonderen Weise gerecht werden zu können; denn trotz meiner langjährigen Anwesenheit in Indien und meines ständigen Verkehrs mit Indern wäre mir noch nie irgend etwas, das mit Humor auch nur verwechselt werden könne, zur Kenntnis gekommen.
Mark Twain überlegte meine Worte in seiner ruhigen Art und gab mir dann zu, daß er selbst noch keinen Weg sehe, die indische Welt irgendwie in humorvollen Darstellungen dem europäischen oder amerikanischen Verständnis näher zu bringen. Aus den Erzählungen von Leuten, die wie ich viele Jahre in Indien gelebt hätten, und aus den Beobachtungen seines eigenen Aufenthaltes habe er so viel Unergründliches gesehen und wahrgenommen, daß er es nicht wagen würde, die so sonderbaren Umstände und die von der unseren so ganz verschiedene Auffassung und Denkweise auf seine Art zu schildern. Ihm selbst beginne klar zu werden, daß, je länger man in Indien lebe und je enger man mit der eingeborenen Bevölkerung in Berührung komme, man destomehr begreifen lernen müsse, wie auch in dem seltsamsten Tun und Treiben dieser Menschen, von ihrem eigenen Standpunkte aus, sicherlich nichts Außergewöhnliches zu finden sei. Alles Sonderbare dort, was unserem Gefühl und unserer Ansicht nach oft kaum noch mit dem Maßstab gesunder Vernunft gemessen werden könne, werde, im Winkel indischer Verhältnisse gesehen, wenn auch nicht für uns natürlich, so doch verständlich, da die ganzen Grundlagen des indischen Lebens uns beständig neue, fremdartige und unbegreifliche Ausblicke erschlössen.
Allgemeines
Ich bin trotz meiner zwanzig Jahre in Indien, die mir Einblicke in das einheimische Leben und in die Verhältnisse von Land und Leuten gestatteten, wie sie wohl nur wenigen Europäern vor mir möglich waren, nicht in der Lage, ein irgendwie abschließendes Urteil oder auch nur eine vollständig objektive, wahrheitsgetreue Darstellung dieser Dinge zu geben. Auch bei den sonderbarsten Vorfällen, über deren Ursprung, Verlauf und Ende mir alle Einzelheiten bekannt waren, mußte ich immer wieder sehen, daß letzten Grundes stets wieder eine Tatsache, eine Anschauung, ein Begriff, ein Glaube mitspielte, deren Vorhandensein mir unbekannt geblieben war. Dieses Unergründliche der tausendfachen Verschlingungen und Verästelungen des indischen Lebens, die heterogene Mannigfaltigkeit des Daseins dieser Hunderte von Millionen Menschen, ihre vieltausendjährige, unbekannte und in der seltsamsten Weise verwischte Geschichte, die außerordentliche Verschiedenheit der geographischen Bedingungen, unter denen sie leben und deren Auswirkungen in der unverständlichsten Weise sich kreuzen, durcheinanderlaufen oder sich überlagern, machen das Leben der einheimischen Inder zu einem dem Europäer vollständig unentwirrbaren Irrgarten. Nur Einzelbilder, Ausschnitte können gegeben werden und auch diese Schilderungen bleiben stets unvollständig, weil ihre wirklichen Ursachen und ebenso ihre mittelbaren Folgen im Dunkel des Unbekannten sich verlieren.
Es ist mir daher stets unbegreiflich geblieben, wie so viele Weltreisende, die sechs oder zwölf Monate auf das „Studium“ Indiens verwenden oder das Land zum Vergnügen durchquert haben, in den Schilderungen ihrer Reiseerlebnisse gewissenhaft auch die Sitten und Gebräuche, die Moral und Ethik seiner Bewohner ausführlich behandeln. Selbst so berühmte Schriftsteller wie Rudyard Kipling oder die vielgelesene Marion Crawford geben in ihren Büchern oft genug schiefe Bilder auch der Einzelheiten des indischen Lebens.
So erwähnt zum Beispiel Kipling in seinem Buche „Kim“, wie ein gewisser, von ihm Surkan Sahib genannter Mann, auf den ich später noch zurückkommen werde, der indischen Regierung als Geheimagent die größten Dienste geleistet habe. Dieselbe Person hat Marion Crawford zum Vorbild des herrischen Helden ihres Buches „Mister Isaacs“ genommen. In Wirklichkeit war dieser Mann, den ich selbst gekannt habe, ein armenischer Eunuch aus Konstantinopel, ebenso häßlich wie habsüchtig, dessen Gerissenheit in Indien nicht ausreichte, ihn davor zu schützen, von der Höhe eines ergaunerten Reichtums wieder zurück in das tiefste Elend zu sinken.
Wenn ich daher im folgenden einige Erzählungen aus dem Leben indischer Menschen gebe, so sind die sich daraus ergebenden Rückschlüsse eines Europäers niemals die, die ein Inder aus ihnen ziehen würde. Was uns lächerlich, abstoßend, oft auch wohl direkt dumm und kindisch erscheint, hat für den Inder nichts Auffälliges, da es sich für ihn als natürliche Folge ganz selbstverständlicher Umstände ergibt. Ja, in gewissen Fällen ist das, was uns wie ein mehr oder weniger guter Witz berührt, dem Inder höchste Tragik.
Alle Vorkommnisse in Indien sind enger oder weiter stets mit dem komplizierten Kastenwesen verbunden. Selbst mir nun, der ich als Beamter in den Vasallenstaaten gezwungen war, mich so eingehend wie nur durchführbar damit vertraut zu machen, um die religiösen Begriffe der mich umgebenden Menschen, Vorgesetzte, wie Diener und Untergebene, nicht zu verletzen, ist es nicht möglich, auch nur einigermaßen verständliche Überblicke über diese verwickelten Verhältnisse zu geben. Nur eins kann ich sagen: von allem, was ich in Indien gesehen habe, haben mir die Kastenvorschriften den Inder am verächtlichsten gemacht. Dies nicht so sehr deshalb, weil ich als Christ Vorschriften ablehnend gegenüberstehe, die aus der Gleichheit aller Menschenkinder vor den grundlegenden Pflichten des inneren Selbst eine Phantasmagorie der unmöglichsten zwischen-menschlichen Beziehungen machen, sondern besonders deshalb, weil sie meiner Überzeugung nach nur berechnete und berechnende Heuchelei sind, um die Armen, die Unwissenden und die Ungebildeten bis aufs Blut auszusaugen. Vielleicht mag ich Unrecht haben, doch meine vieljährige Erfahrung hat mir die Meinung aufgezwungen, daß der Hinduglaube dem Durchschnitt seiner Anhänger jedes Gefühl für Ehre, für Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit raubt und ihn in Heuchelei, Lüge und Falschheit versinken läßt.
Kriegerische Inder
Die Inder, die mir durch Mut und Frische noch am meisten Achtung abgezwungen haben, sind die Radschputen, die Sikh, und die den Radschputen am nächsten stehenden Dogra; dann die Maharatten, allerdings nur im Sport, und vor allem die Mohamedaner. Unter den Letzteren wieder zeichnen sich besonders die Rohilla, die Afghanen, die verschiedenen Stämme der Nordwestprovinzen, die Afridis, die Tschitrali und einige Belutschi durch männliche Eigenschaften aus. Die Gurkha, von den Indern „Goralog“ — Soldateska — genannt, sind keine eigentlichen Inder. Sie sind Buddhisten und ähneln in den Gesichtszügen und der Gestalt mehr den Tataren. Ihre Heimat ist Nepaul, von wo sie entgegen dem Willen ihres Herrschers, des Maharadscha Schamser Yang, über die Grenze nach Indien wandern, um sich in der britisch-indischen Armee anwerben zu lassen. Die englisch-indischen Militärbehörden stellen diese unerschrockenen, tapferen Leute gern in die besonders gebildeten Gurkharegimenter ein. Ohne die Hilfe dieser Truppen wäre es den Engländern oft schlecht ergangen. Schon bei dem so weit zurückliegenden großen indischen Aufstand 1857/58 und während der verschiedenen afghanischen Kriegszüge bildeten die Gurkharegimenter den festen Kern der Eingeborenentruppen.
Diese Tatsache ist den Gurkhakriegern wohlbekannt, und sie beanspruchen, den weißen, englischen Soldaten gleichgestellt zu werden. Daher ist der englische Generalstab darauf bedacht, sie der Führung von nur ausgesucht tüchtigen englischen Offizieren zu unterstellen, gehört doch viel Takt und Erfahrung dazu, mit ihnen auf die richtige Art und Weise umzugehen. Da die Gurkha ebenfalls aus dem Hochgebirge stammen, machen sie Anspruch darauf, mit den schottischen Hochländern, die als englische Elitetruppe gelten, gleichgestellt zu werden. Deshalb ist die Armeeleitung stets darauf bedacht, in den ständigen Grenzkriegen mit den fanatischen, mohamedanischen Stämmen, die in der Gegend des Kyberpasses wohnen, die Gurkharegimenter stets Seite an Seite mit Abteilungen der schottischen Hochländer anzusetzen, um die gegenseitige Eifersucht der beiden auszunützen, die sich in draufgängerischer Tapferkeit zu überbieten suchen.
Die Lieblingswaffe der Gurkha ist der „Kukri“, ein schweres, großes, krummes Messer, das sie meisterhaft zu handhaben verstehen, um dem Gegner den Leib aufzuschlitzen.
Brahminen
Unter den schlauen, skrupellosen und geriebenen Indern ist der schlaueste, skrupelloseste und geriebenste sicherlich der der höchsten Priesterkaste angehörende Brahmine. Außer dem einträglichen Geschäft eines Hindupriesters stehen den Angehörigen dieser Kaste auch die höchsten Staatsämter offen. In den Vasallenstaaten sind die meisten Minister Brahminen. Und auch in den, der britischen Verwaltung unterstehenden Gebieten wissen sie es oft zu der Stellung von Richtern und Steuerkommissaren zu bringen, die ihrer Habsucht ebenfalls gute Aussichten bieten. Auch unter den eingeborenen Lehrern und den Angestellten der großen Handelshäuser findet man nicht selten Brahminen.
Sie verachten jede Handarbeit als gemein. Jedoch das ebenfalls recht einträgliche Geschäft des Bettelns ist ihnen nicht verwehrt. Wer würde es auch wagen, den von den Göttern geliebten Angehörigen der hohen Brahminenkaste eine Gabe zu verweigern? Ihr Fluch würde den Frevler sehr bald erreichen.
Ein Brahmine darf nichts essen, was Leben gehabt hat.[10] Seine Mahlzeiten muß er zu bestimmten Zeiten einnehmen, und kein Angehöriger einer anderen Kaste darf zugegen sein. Die Speisen selbst darf nur jemand der eigenen Kaste zubereitet haben, und er darf Wasser nur aus solchen Brunnen trinken, die für seine Kastengenossen bestimmt sind und aus denen es von solchen geschöpft worden ist. Hierzu aber treten noch eine große Menge ähnlicher Vorschriften, die sich in gleicher Sorgfalt mit allen anderen Lebensverhältnissen des Brahminen befassen. Trotzdem aber haben nicht wenige hohe Beamte, die dieser Kaste angehören, an meinem Tisch, ganz ohne Rücksicht auf irgendwelche Vorschriften, es sich wohl sein lassen.
Zwar ist der Brahmine von den übrigen Hindu ebenso gehaßt wie gefürchtet. Doch die in der Hauptsache von ihnen verfaßten Hinduvorschriften verbieten es wohlweislich, das Blut eines Brahminen zu vergießen. Dies hindert jedoch die anglo-indische Regierung nicht, auch einen Brahminen bei Gelegenheit aufzuhängen. Ein früherer Holkar von Indore half sich in der Weise, wenn ihm einer seiner Brahminen-Minister zu lästig wurde, daß er, um nicht an den Hinduvorschriften seiner Maharattenkaste zu freveln, ihn in ölgetränkte Tücher einwickeln und verbrennen ließ.
Der Geiz der Brahminen, wie überhaupt des Inders — ausgenommen die Fürsten — ist unersättlich. Lieber läßt er sich unter den größten Qualen töten, als daß er das Versteck angäbe, in dem er sein Vermögen verborgen hält.
Minister
In Kapurthala war ein brahminischer Minister, Duma Mall. Er hatte sich auf Rechnung des Fürsten und der Bevölkerung so bereichert, daß es ganz allgemein hieß, er verheimliche mehr Geld als der Maharadscha je gesehen habe. Trotzdem pflegte er am Morgen unter dem Bamia-Baume vor seinem Hause zu sitzen und mit einem Rasiermesser Streichhölzer zu spalten, um anstatt eines deren zwei zu haben.
Eines Tages überfiel ihn nun eine schwere Krankheit, und er schloß sich in dem dunkelsten Zimmer seines Hauses in der Stadt Kapurthala ein, wo er sich von dem eingeborenen Doktor, dem „Hakim“, behandeln ließ. Obgleich er niemanden vorließ, konnte er meinen Besuch, den ich ihm im Auftrag des Maharadscha abstattete, nicht gut abweisen. Als ich das Loch, das er als Krankenzimmer gewählt hatte, betrat, begann er sofort, sich zu beklagen, daß der Fürst die treuen Dienste seines treuesten Dieners anscheinend ganz vergessen habe.

Berühmtes indisches Baudenkmal: Shatrunjai-Tempel in Palitana: Balabhai-Tempel
(Original-Photographie: Eigentum des Museums für Völkerkunde in Leipzig)
⇒ GRÖSSERES BILD

Bhulavani-Mittelschrein im Shatrunjai-Tempel zu Palitana
(Original-Photographie: Eigentum des Museums für Völkerkunde in Leipzig)
⇒ GRÖSSERES BILD
Als ich ihm entgegnete, daß gerade mein Besuch das Gegenteil beweise und daß Dschagatdschit Singh das größte Interesse an seiner baldigen Genesung nähme und ihm deshalb riete, diesen dumpfen Platz zu verlassen und sich an die Meeresküste zu begeben, um dort in frischer Luft und unter guter ärztlicher Pflege bald wieder gesund zu werden, versprach er, diesen Rat zu befolgen.
Vorher, sagte er, müsse er aber von einem Zahnübel geheilt werden. Seine Zähne nämlich begännen alle sich zu lockern, und dazu müsse der englische Zahnarzt aus Lahaur nach Kapurthala kommen. Doch dies koste viel zu viel für einen so armen Mann, wie er es sei, und ich möchte doch dem Maharadscha vorschlagen, diese Kosten zu tragen.
Als ich Dschagatdschit Singh über meinen Besuch bei Duma Mall Bericht erstattete und ihm den Wunsch des kranken Brahminen-Ministers vortrug, gab er mir zur Antwort, daß er gar nicht daran denke, auch nur eine Anna für diesen elenden Geizhals auszugeben, der ihn sicherlich ganz ausreichend bestohlen habe.
Als nun Duma Mall diese Absage des Fürsten erfuhr, verfiel er in so tiefen Gram, daß er am folgenden Tage starb. So wenigstens berichteten die Erben, die aber die größte Mühe hatten, das hinterlassene Vermögen aufzuspüren. Erst nach und nach kamen ganze Kisten mit Rupien und Kostbarkeiten aller Art aus den sonderbarsten und unwahrscheinlichsten Verstecken zum Vorschein. Der Maharadscha gedachte nun, einen Teil dieses ihm gestohlenen Reichtums für seine Privatschatulle zu beschlagnahmen. Aber die Kniffe der Erben, die sich mit den anderen Staatsbeamten zu „verständigen“ wußten, vereitelten die Maßnahmen Dschagatdschit Singhs, und es gelang den Erben, den ganzen Schatz auf britischem Gebiet in Sicherheit zu bringen.
Der Versuch des Maharadscha, auf diese Weise wieder in den Besitz von Summen zu gelangen, um die man ihn bestohlen hatte, veranlaßte aber seine anderen Beamten, die wohl Grund hatten, gleiche Maßregeln aus gleichen Gründen befürchten zu müssen, ihre unterschlagenen oder sonstwie auf unehrliche Weise zusammengescharrten Gelder schleunigst über die Grenzen zu schaffen. Sie legten sie in Landgütern und Grundstücken auf britischem Gebiet an, wo der Maharadscha von Kapurthala keine Macht oder Gerichtsbarkeit mehr besaß. In Banken setzen die Inder wenig Vertrauen, was bei dem allgemeinen Mangel an Ehrlichkeit und dem berechtigten Mißtrauen, das ein jeder dem anderen entgegenbringt, auch nicht verwunderlich ist.
Sonst ist es bei den indischen Fürsten die Regel, ihren Untertanen nicht zu erlauben, sich in ihren Vermögensverhältnissen über einen bescheidenen Durchschnitt zu erheben.
Bei dem unglaublichen Geiz der Inder kommt es oft vor, daß sie das Geheimnis des Verstecks ihrer vergrabenen oder sonstwie verborgenen Schätze mit ins Grab nehmen. Kein Suchen, keine Nachforschung der Hinterbliebenen hilft, der Erbschaft auf die Spur zu kommen. Die Lehmwände der Häuser werden eingerissen, die Gärten umgegraben, doch nirgends ist eine Spur des in der Einbildung der jammernden Erben immer größer werdenden Schatzes zu finden. Zu gut ist das Versteck gewählt, zu abgelegen der Ort, den der Tote bei seinen Lebzeiten mit dem Aufgebot seines ganzen Scharfsinns ausgewählt hat.
Auf diese Weise verschwinden in Indien jährlich nicht unbedeutende Summen, die mit den ganz allgemein in sicherem Versteck aufbewahrten Schätzen, die im Lande in Umlauf befindliche Menge an Gold und Silber stark vermindern, welcher Umstand wiederum nicht ohne Einfluß auf die Rupienwährung bleibt. Der Geiz der Inder hat also auch seine volkswirtschaftlichen Folgen, und trägt dazu bei, die Armut der großen Masse der Bevölkerung noch ausgesprochener zu machen.
Doch bei der allgemeinen Unwissenheit und bei der Unfähigkeit auch der sogenannten gebildeten Inder, in anderen Formeln als rein persönlichen, selbstsüchtigen zu denken, worin ihnen allerdings auch ein recht bedeutender Teil der weißen Bevölkerung in Europa und Amerika ziemlich nahe kommt, ist es nicht wahrscheinlich, daß sie, um ihnen so fern liegender allgemeiner Vorteile willen, jemals davon abgehen werden, ihre Gold- und Silbermünzen als das zu behandeln, was sie sind oder doch sein sollten, nämlich als Tauschmittel.
Und wenn schon im Praktischen der Inder sich so stark von den Grundlagen fortschrittlicher europäischer Wirtschaft entfernt, wie sollte er sich dann westlichen Anschauungen gefühlsmäßiger Art zu nähern vermögen?
Lebensalter
So wie ich in meinem langjährigen Aufenthalt in Indien den indischen Charakter kennengelernt habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß ihm die grundlegenden menschlichen Leidenschaften, von denen in Europa in so großem Maßstab das Glück oder Unglück der Menschen bestimmt wird, fremd sind. Die Liebe, sowohl die der aufrichtigen, ruhigen, gegenseitigen Form, wie als Leidenschaft, die das ganze Schicksal eines Menschen in ihren Bann schlägt, ist ihm vollständig fremd. In ähnlicher Weise sind auch Ehrgeiz und Ruhmsucht, Streben nach ideellen Gütern um ideeller Werte willen, Selbstlosigkeit, Aufopferung und alle die in tausend verschiedenen Abstufungen das Leben europäischer Menschen bestimmenden Einflüsse für den Inder ohne jede Bedeutung. Die Empfindungen, die ihn bewegen, unterliegen für den Inder ganz anderen Voraussetzungen.
Der Durchschnitts-Inder ist von einer trägen Indifferenz beherrscht. Das hindostanische Sprichwort: „Es ist besser zu sitzen als zu stehen, — besser zu liegen als zu sitzen, — besser zu schlafen als zu wachen“, drückt vielleicht am klarsten und verständlichsten die für den größten Teil der indischen Bevölkerung gültige Lebensweisheit aus.
Selten erreicht ein Inder ein hohes Alter, was wohl besonders mit dem frühen Heiraten zu tun haben mag. Kann man doch schon zwölfjährige Kinder als Mütter sehen. Im achtzehnten Lebensjahr sehen viele weibliche Wesen schon verlebt aus, und eine Frau von fünfundzwanzig ist in Indien nicht selten Großmutter. Der männliche Inder steht ebenfalls mit dreißig Jahren schon an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit, und es ist selten, daß er sechzig Jahre alt wird. Hierzu kommt die außerordentlich sinnliche Veranlagung des Inders, die sich, ohne jede Schranken zu kennen, auslebt. Von den jungen Männern, die ich gekannt habe, gab es nur wenige, die mit 16 und 17 Jahren nicht schon geschlechtskrank waren, wobei noch zu beachten ist, daß derartige Krankheiten in Indien von den damit Behafteten mehr als eine Auszeichnung, denn als gesundheitsschädigende Leiden empfunden werden.
So sind die Heiraten in Indien fast durchgängig Vernunftheiraten. Auch wenn der Maharadscha von Kapurthala sowie eine Anzahl anderer Vasallenfürsten es zu bewerkstelligen verstanden, ihre Zenana durch eine weiße Frau zu bereichern, oder wenn sie sich bemühen, auf ihren Reisen mit weißen Frauen anzuknüpfen — wobei sie in den meisten Fällen doch betrogen werden —, so geschieht dies vielmehr, um gegenüber ihren Stammesgenossen mit ihren Eroberungen prahlen zu können, als daß irgendeine persönliche Neigung dabei in Frage käme. Auch bezwecken sie damit vor allem, den Engländern zu zeigen, welche Erfolge sie, die verachteten „dreckigen Neger“, bei dem weißen weiblichen Geschlecht zu erringen verstehen. Nichts machte dem Maharadscha von Kapurthala mehr Vergnügen, als wenn er dem allmächtigen britischen Sirkar auf diese Weise seine Überlegenheit beweisen zu können glaubte, besonders, wenn er aus irgendeinem Grunde wegen Mißgriffen in seinen Regierungsangelegenheiten zur Rede gestellt worden war.
Eitelkeit
Er wurde deshalb auch von der englischen Gesellschaft recht nachlässig behandelt, ausgenommen man konnte sich auf seine Kosten bereichern. Großen Verdruß bereitete es ihm jedoch stets, wenn, was oft geschah, ein eingebildeter junger englischer Leutnant in Gegenwart aller Eingeladenen mit dem Hut auf dem Kopf auf ihn, den hohen indischen Fürsten, zutrat und ihm mit einem nachlässigen: „How do you do, Rajah?“ (Wie steht’s Radscha?) die Hand schüttelte. Dschagatdschit Singh empfand dies stets als einen groben Schimpf und fühlte sich schwer beleidigt. Wenn er mir dann des langen und breiten sein Leid klagte und ich ihm riet, doch bei der ersten Gelegenheit ein so ungehöriges Benehmen zurückzuweisen, so nahm er sich wohl stets vor, meinen Ratschlag zu befolgen, ohne doch auch nur einmal den Mut dazu aufbringen zu können.
Eine Staatskarosse
Um in dieser Hinsicht den Engländern möglichst gleichzukommen und sie, oder wenigstens doch seine Standesgenossen, zu übertreffen, war dem Maharadscha von Kapurthala nichts zu teuer. Teilweise aus diesem Grund und dann auch, um dem Kaisar-i-Hind zu beweisen, wie sehr er der britischen Regierung ergeben sei, sandte er mich einige Monate vor den Krönungsfeierlichkeiten des Königs Eduard VII. nach Paris, um dort eine dem Ansehen seiner Würde entsprechende Staatskarosse zu erstehen, die während der Abhaltung des Krönungs-Durbar alle anderen an Glanz und Pracht übertreffen sollte. Er gab mir den Auftrag, besonders darauf zu achten, daß mit dem Anbringen des fürstlichen Wappens, das oben eine siebenzackige Krone hatte, nicht gespart würde. Dieses Wappen sollte, in besonders großen Schildern, an allen dazu geeigneten Plätzen an dem Wagen wie am Geschirr angebracht werden. Ich ließ diesen Wagen in Paris bei der Firma Rothschild bauen, und das Gefährt fiel zur vollsten Zufriedenheit aus. Es übertraf in der Tat alle anderen Wagen durch seine elegante und geschmackvolle Ausstattung. Nebenbei hatte mir der Maharadscha noch einen Auftrag erteilt. Mit Hilfe eines ihm befreundeten Marquis, der zur Zeit als Vize-Präsident dem Concours hippique vorstand, sollte ich vier oder sechs Pferde zur Bespannung der neuen Staatskarosse kaufen. Diese Pferde sollten ebenfalls etwas ganz Außergewöhnliches sein, etwas, was man in Indien vorher noch nie gesehen habe.
Nun hätte ich auf Grund meiner langjährigen Praxis in Pferdesachen sehr wohl meinen eigenen Erfahrungen in der Auswahl von geeigneten Pferden, die dem verräterischen Klima Indiens zu widerstehen vermochten, vertrauen dürfen, um das richtige Material auch ohne Hilfe ausfindig zu machen. Seine Hoheit der Maharadscha glaubte aber, daß seine Beziehungen zu der französischen Aristokratie so intim und herzlich seien, daß er dabei in ganz freundschaftlicher und uneigennütziger Weise beraten werden würde. Ich fand aber bald heraus, daß der französische Marquis in Sachen Pferdehandel auch nicht besser war, als die verschiedenen englischen Lords, die sich mit derartigen Geschäften abgeben. In seinem Klub am Place de la Concorde gab er mir zu verstehen, daß man dort, wo Pferde in Betracht kämen, weder den eigenen Vater noch die eigene Mutter, noch die Geschwister schonen dürfe, um wieviel mehr wäre es daher selbstverständlich, daß ein so reicher Mann wie der Maharadscha daran glauben müsse! Folglich müßten wir unbedingt an dem Geschäft 50% als Provision verdienen, das heißt, diese Summe auf den wirklichen Kaufpreis aufschlagen. Da ich Befehl hatte, die von dem Maharadscha gewünschten Pferde unbedingt mit diesem Herrn zusammen zu kaufen, und keinen Grund sah, den Moralisten zu spielen, ging ich auf seinen Vorschlag ein, war aber fest entschlossen, dem Maharadscha von dem Überpreis nach meiner Rückkehr Kenntnis zu geben. Der Kauf kam denn auch zustande, und sechs gewaltige Apfelschimmel der Percheron-Rasse, die in Indien noch nie eingeführt worden war, kamen zur Verschiffung. Mit dem edlen Marquis teilte ich die Provision, die für jeden dreitausend Franken ausmachte.
Als ich, in Kapurthala angekommen, dem Maharadscha Bericht über den abgeschlossenen Pferdekauf erstattete und ihm die 3.000,— Franken, die mir in Paris ausbezahlt worden waren, auf den Tisch legte, war er aufs Tiefste entrüstet,; nicht über die Gaunerei seines Freundes, sondern, daß ich mir erlaubte, über einen so hochstehenden Herrn ihm etwas Derartiges mitzuteilen. Wahrscheinlich, äußerte er, wäre ich als Deutscher gegen die so außerordentlich ritterliche und hochstehende Nation der Franzosen gehässig gesinnt und habe deshalb versucht, seinen aristokratischen Freund in dieser Weise bei ihm in Mißkredit zu bringen. Seine Entrüstung ging so weit, daß er sich absolut weigerte, die fraglichen 3.000,- Franken zurückzunehmen, und ich hatte unter solchen Umständen keinen Grund, sie nicht zu behalten.
Der Galawagen, die Pferde und das Geschirr landeten wohlbehalten in Kapurthala. Da die Pferde die lange Überfahrt gut ausgehalten hatten — denn 4 bis 5 Wochen auf dem Dampfer in enge Boxen eingepfercht, verlangen eine wirkliche „Pferdenatur“ —, hatte ich schon Hoffnung, daß die Tiere sich doch vielleicht an das ungesunde indische Klima gewöhnen möchten. Jedoch war dies leider nicht der Fall; trotz aller Pflege und Vorsicht waren alle sechs nach zwei Jahren eingegangen.
Der Wagen und das Gespann indessen bereiteten beim Krönungs-Durbar in Delhi dem Maharadscha sehr große Freude. Sein Wagen wurde ganz allgemein als der schönste und eleganteste des ganzen Zuges anerkannt. Doch die Freude war nicht von langer Dauer. Der allmächtige britische Sirkar führte sich in vieler Hinsicht dem indischen Fürsten gegenüber oft recht kleinlich, ja sogar kindisch auf. Der geringste Verstoß gegen eine der bestehenden Verordnungen, oder eine Überschreitung der den Vasallenfürsten zustehenden Rechte, wird von einem engherzigen Vizekönig oft als ein Staatsverbrechen angesehen, und der „Schuldige“ wie ein dummer Junge bestraft.
Nun war in diesem Falle die Führung einer siebenzackigen Krone am Wagen, am Geschirr und auf den Uniformen der reitenden Kutscher und der hintenauf stehenden Diener ein Verstoß gegen die vizeköniglichen Vorschriften. Sie gaben Anlaß zu langwierigen Beratungen im vizeköniglichen Staatsrat. Schon nach der ersten Galaausfahrt des Maharadscha in seiner prunkvollen Staatskarosse traf tags darauf eine Mahnung vom Gouverneur der Provinz Pundschab ein, in der mitgeteilt wurde, daß ihm „nur fünf Zacken“ an der Krone zuständen und er daher in Zukunft davon abzusehen habe, den am Tage vorher benutzten Wagen nochmals auf britischem Gebiet in Gebrauch zu nehmen. Dschagatdschit Singh, der sich diesen Wagen besonders hatte machen lassen, um den britischen Machthabern seine unfehlbare Ergebenheit durch Glanz und Pracht bei den Krönungsfeierlichkeiten zu beweisen, war trostlos, in einer so schroffen Art und Weise abgefertigt zu werden. Selbstverständlich war es unmöglich, ohne den Wagen und das Geschirr gänzlich zu ruinieren, die Ärgernis erregenden überzähligen Zacken an den Kronen zu entfernen. So war er denn gezwungen, von seiner alten Staatskalesche Gebrauch zu machen und die neue nur in den Grenzen seines eigenen Landes zu besteigen.
Maharadscha
Der Maharadscha von Kapurthala war einer der ersten Fürsten, der sich einen Kraftwagen kaufte. Als er dieses damals in Indien noch unbekannte Gefährt einem der alten Schule angehörenden Bruderfürsten, dem Radscha von Nabha, zeigte und ihn zu einer Spazierfahrt einlud, gab ihm dieser mit Abscheu zur Antwort, wie er, Dschagatdschit Singh, sich nur soweit vergessen könne, das Pferd, das edelste und dem Menschen treueste Tier, soweit zu verachten, um in einem solchen Scheusal von Karren in der Welt herumzufahren. Er, Nabha, ziehe es vor, seinen Palankin zu benutzen, denn wenn er irgendwo hingelangen wolle, so nehme er sich nicht nur, sondern er habe auch die dazu nötige Zeit. Niemals solle ein Radscha seine Würde durch Eile erniedrigen. Der Radscha von Nabha hatte noch nie einen Eisenbahnzug bestiegen. Wenn er Reisen auf größere Entfernung unternahm, so stand ihm die Wahl frei, auf einem Elefanten zu reiten, sich in einem Palankin tragen zu lassen oder in einem von Pferden oder Ochsen gezogenen Wagen den Weg zurückzulegen. Dieser alte Fürst war einer von denen, die nicht geneigt sind, sich um Haaresbreite der abendländischen Kultur zu nähern. Er galt deshalb auch bei den Engländern als besonders loyal und stand aus diesem Grunde in hohem Ansehen.
Ein Gegenstück zu ihm war der schon in einem der vorhergehenden Kapitel erwähnte Maharadscha von Patiala. Als ich einst bei ihm zu Besuch war, frug er mich, was denn eigentlich sein Bruderfürst von Kapurthala daran finde, so oft nach Europa zu reisen? Ihm scheine es, als ob er dort nur Gelegenheit zu Abenteuern mit weißen Frauen suche. Natürlich war es meine Pflicht, das Ansehen meines Fürsten zu verteidigen, wobei ich dem Maharadscha von Patiala vorschlug, doch selbst einmal Europa aufzusuchen, wo es Anregung und Sport und allerlei Veranstaltungen gäbe, die Indien nicht biete.
„Ja,“ erwiderte mir der Maharadscha, „wie Sie ja selbst wissen, Captain, besitze ich hier in meinem Heimatlande alles, was das Herz eines Sportsmanns nur wünschen kann. Ich habe die beste Jagd der Welt, die schnellsten Rennpferde, den anerkannt vorzüglichsten Polo team und in meiner Zenana die schönsten Frauen. Warum soll ich dieses Paradies verlassen, um mich ins Ungewisse zu begeben?“
Als ich ihm auseinandersetzte, daß, ungeachtet aller dieser Vorzüge, er als Sportsmann in Europa doch mehr sehen und lernen könne, als in Indien, und daß sich ihm auf alle Fälle doch auch Neues bieten werde, was von Interesse für ihn sei, gab er mir zur Antwort:
„Sie mögen ja recht haben, aber eben deshalb, weil es mir in Europa vielleicht zu gut gefallen würde, wage ich es nicht, die Reise zu unternehmen. Es könnte mir einfallen, mich nicht mehr davon zu trennen. Ich kenne meine eigene Schwäche. Jedoch die Schmach, nicht mehr in mein Land zurückzukehren, will ich weder meiner fürstlichen Würde, noch meinen Untertanen zufügen, und deshalb unterlasse ich es, mich nach dem mir so oft geschilderten, gelobten Lande Europa zu begeben.“
Leider ist dieser vortreffliche Sportsmann, trotz seiner guten Vorsätze, nicht lange darauf an den Folgen seiner indischen Ausschweifungen gestorben.
Daulet Ram
Unter den an den eingeborenen Fürstenhöfen diensttuenden Beamten sind die mit den Finanzgeschäften der Fürsten betrauten Minister wohl die einflußreichsten. Diwan Daulet Ram, wie der diese Stellung in Kapurthala bekleidende Herr hieß, hatte es verstanden, sich dem Maharadscha unentbehrlich zu machen. Schon sein Vater hatte den Posten vor ihm inne gehabt. Auch hatte die Familie besonderen Anspruch auf das Wohlwollen des Fürsten, weil der Vater Daulet Rams Dschagatdschit Singh mit zu seinem Aufstieg auf den Thron verholfen hatte. Er war es gewesen, der seinerzeit mit dem Steueraufseher, dem wirklichen Vater des Maharadscha, den Übergabevertrag abgeschlossen hatte.
Als junger Mann hatte Daulet Ram einige Jahre in England studiert und dort das juristische Examen bestanden. Neben dieser Errungenschaft der Zivilisation hatte er sich, wie üblich, alle schlechten Eigenschaften des Abendlandes angeeignet, ohne doch die mannigfaltigen Laster des Orients abzulegen. Nach dem Tode seines Vaters wurde ihm vom Maharadscha der verantwortungsreiche Posten des Diwan (Hoffinanz-Minister) übertragen, wozu ihn seine Ausbildung in England besonders befähigte. In europäischer Gesellschaft benahm er sich wie ein englischer Gentleman, was einen ganz besonders großen Eindruck auf den Maharadscha ausübte, bei dem er daher auch in sehr hoher Gunst stand. Die Richtschnur seines Tun und Denkens bestand darin, keine Rupie aus dem fürstlichen Schatz auszugeben, ohne daß ein guter Teil davon den Weg in seine eigene Tasche fand. Um diesem Prinzip ständig treu bleiben zu können, wandte er alle denkbaren Mittel an, wobei er vor keiner noch so unehrlichen Art und Weise zurückschreckte, wenn es ihm nur gelang, dieser Lebensregel gemäß zu leben.
Als der Maharadscha die erste Reise nach Europa unternahm, zeigte sich der Fürst sehr freigebig, oft sogar verschwenderisch. Da Daulet Ram während dieser Reise das Amt des Zahlmeisters innehatte, so kam er bedeutend reicher nach Indien zurück, als er es verlassen hatte. Unterwegs jedoch war der Maharadscha von den ihn begleitenden englischen Offizieren auf die sehr unverständlichen hohen Ausgaben aufmerksam gemacht worden, wie sie die Hotelrechnungen aufwiesen. Er beschloß infolgedessen, die ihm von Daulet Ram vorgelegten Belege, besonders die Hotelrechnungen, etwas genauer zu prüfen. Doch Daulet Ram kannte ganz genau die schwache Seite seines Herrschers und ließ sich in seinen Bereicherungsabsichten dadurch nicht beirren noch beeinträchtigen. Er wußte, daß der Fürst vom Addieren keine Ahnung hatte. Daher richtete er es mit dem Direktor oder Kassierer des Hotels, in dem die Gesellschaft für längere Zeit Aufenthalt genommen hatte, auf folgende Weise ein: außer der richtig stimmenden Rechnung wurde jedesmal noch eine zweite, zugunsten Daulet Rams falsch zusammengerechnete ausgestellt, die für den Maharadscha bestimmt war. Auf dieser letzteren wurden etwa 40-50% aufgeschlagen. Um aber ja den Verdacht des Maharadscha einzuschläfern oder abzulenken, standen unter dieser Rechnung als „Extra“ ein oder zwei Soupers mit verschiedenen Flaschen Sekt, und dies so, daß sie dem Maharadscha bei der Durchsicht besonders in die Augen fallen mußten. Der Zweck dieser „Extras“ war, daß der Fürst daran Anstoß nehmen und der großen, falsch zusammengezählten Summe keine Beachtung schenken solle. Wurde nun der Sekretär über die Extras zur Rede gestellt, so entschuldigte sich Daulet Ram damit, daß die Summe auf seine Privatrechnung hätte geschrieben werden müssen, und durch ein Versehen der Hotelleitung auf die Rechnung des Maharadscha gekommen wäre; er werde sofort die nötigen Schritte unternehmen, um die Umbuchung ausführen zu lassen. Der Maharadscha, stolz auf seine Schlauheit, dieser Unregelmäßigkeit auf die Spur gekommen zu sein, erklärte, daß er nicht mehr als die Hälfte der Ausgaben für derartige Schlemmereien seines Gefolges bezahlen werde, da er vorher nicht um Erlaubnis gefragt worden sei. Die andere Hälfte müßten die, die an dem Gelage teilgenommen hätten, aus ihrer eigenen Tasche begleichen.
Da nun diese Extras sowieso nur fingiert waren, kam es Daulet Ram und seinen Genossen nicht darauf an, nur die Hälfte dieser Beträge, außer den 40-50% der Überaddition, einzustecken. Der begleitende englische Offizier sah bald ein, daß es sein Dasein in keiner Weise verschönere, wenn er sich mit der ihm übrigens gar nicht zustehenden Kontrolle der fürstlichen Ausgaben beschäftigte, und unterließ es in Zukunft, dem Maharadscha in dieser Hinsicht Vorhaltungen zu machen.
Doch nicht nur aus den Hotelrechnungen erwartete Daulet Ram einen Zufluß in seine eigene Tasche zu finden. Überhaupt sollten alle Ausgaben des Fürsten für ihn tributpflichtig gemacht werden. Nun hatte der Maharadscha die Absicht, sein neuerbautes Schloß in Mussoorie im Himalajagebirge durch die weltbekannte Firma Waring & Gillow in London in der luxuriösesten Weise mit Möbeln und Teppichen ausstatten zu lassen. Daulet Ram aber hatte schon vor der Abreise von Indien, unter Empfangnahme einer hohen Provision, einer Firma in Kalkutta versprochen, daß diese Bestellung auf seine Befürwortung hin ihr übertragen werden würde. Als der Fürst den Wunsch aussprach, mit der Londoner Firma in Verbindung zu treten, sandte Daulet Ram einen Vertrauensmann zu ihrem Direktor, um zu erfahren, wieviel man ihm, als dem Finanzminister des Maharadscha, an Provision zahlen würde, wenn es seinen Bemühungen gelänge, daß der Maharadscha die Möblierung seines indischen Schlosses der Firma Waring & Gillow in Auftrag gäbe? Dabei stellte er kaltblütig die Forderung, daß man, wenn er sich überhaupt darum bemühen solle, zunächst einmal tausend Pfund Sterling im voraus an ihn zahlen müsse.
Samuel Waring war über diese Forderung des Ministers ebenso erstaunt wie entrüstet und machte dem Vertrauensmann Daulet Rams klar, daß er wohl bereit sei, eine ansehnliche Provision zu bezahlen, nachdem seine Firma in den Besitz des Gegenwertes der gelieferten Gegenstände gekommen sei, daß er aber keinen Penny im voraus zahlen würde, um schon jetzt einen der Beamten des Maharadscha zu bestechen, damit seiner Firma der Auftrag des Maharadscha erteilt werde. Der Fürst habe persönlich die Pläne und Kostenanschläge geprüft und ihm die Erteilung des Auftrages in Aussicht gestellt. Er rechne daher sicher darauf, daß der Kontrakt regelrecht von ihm unterschrieben werde.
Dies paßte jedoch nicht in die Geschäftsprinzipien Daulet Rams, der für Versprechungen nichts übrig hatte. Gerissen, wie er war, und als Günstling des Maharadscha, wußte er seinen Herrn zu überreden, den Vertrag nicht zu unterschreiben. Er stellte ihm vor, daß die Möbel nicht eher bezahlt werden dürften, als bis sie fix und fertig im Schlosse aufgestellt wären.
Auf diese Forderung konnte selbstverständlich eine erstklassige europäische Firma nicht eingehen, weil es keinen Klageweg gegenüber einem indischen Fürsten gibt. Die anglo-indische Regierung ist der Ansicht, daß, wer immer sich auf Verträge mit indischen Fürsten einläßt, dies auf sein eigenes Risiko tut, denn sie unterstehen in dieser Hinsicht nicht dem englischen Gesetz.
Für die Firma Waring & Gillow war das Nichtzustandekommen des Vertrags ein ziemlicher Schlag, denn durch das Möblieren des Schlosses des Maharadscha von Kapurthala in Mussoorie hatte sie gehofft, eine gute Kundschaft in Indien zu erwerben. Diwan Daulet Ram aber genoß die Erfolge seiner Lebensregel nicht allzulange, denn er starb selbst für indische Verhältnisse als noch recht junger Mann.
Im Laufe seiner Krankheit kam, trotz seiner abendländischen Erziehung, wieder der wahre indische Charakter zum Vorschein. Der Maharadscha ließ ihn, um ihm die beste Pflege zu verschaffen, durch einen anerkannt tüchtigen englischen Arzt behandeln. Ohne dessen Wissen jedoch wurde von den Familienangehörigen ein indischer Hakim (Eingeborenen-Doktor) herangezogen, der die Verordnungen des weißen Arztes durch seine Pfuschereien zunichte machte. Dem englischen Arzt war die Erfolglosigkeit seiner Behandlung unbegreiflich, doch er hatte immer noch Hoffnung, den Kranken zu retten. Kurz nach seinem letzten Besuch aber erfuhr er, daß der Patient gestorben sei. Als ich ihm mitteilte, daß Daulet Ram auf den Rat des Hakim als einziges Mittel, das ihn wiederherzustellen vermöge, einen Liter Ganges-Wasser getrunken habe, wurde ihm jedoch die Ursache der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen verständlich.
Vielleicht daß die lieben Verwandten mit Rücksicht auf die Erbschaft etwas Gift unter das Gangeswasser gemischt hatten, um den Kranken von seinen Schmerzen zu befreien! Immerhin, ein Liter des schmutzigen Gangeswassers sollte genügen, den gesündesten und robustesten Menschen von seinem irdischen Leben zu erlösen. Festgestellt konnte nichts werden, da schon vier Stunden nach dem Tode der Körper verbrannt war.
Ebenso wie Dschagatdschit Singh über die Unehrlichkeit des oben erwähnten Duma Mal sich keiner Illusion hingegeben hatte, so wußte er auch, daß Diwan Daulet Ram stets zuerst für seine eigene Tasche besorgt gewesen war. Auf die Dauer fand er es aber etwas kostspielig, auch in Europa überall mit „fürstlichen“ Trinkgeldern standesgemäß auftreten zu müssen, wie seine indischen Beamten sie ihm in so virtuoser Weise abzunehmen wußten.
Der Hausorden
Er beschloß daher, nach einem billigeren Mittel zu suchen, das denselben Zweck zu erfüllen geeignet sei. So kam er auf den Gedanken, den Kapurthala-Hausorden zu stiften. Wenn man eine größere Menge davon einer leistungsfähigen Fabrik zur Anfertigung in Auftrag gab, mußte dies nicht unbedeutende Ersparnisse bringen. Und die Ehrung des Empfängers, von der erlauchten Hand eines leibhaftigen indischen Herrschers die Auszeichnung angeheftet oder um den Hals gehängt zu erhalten, war in Geldwerten überhaupt nicht auszudrücken.
Es wurde also eine Stufenfolge des Kapurthala-Hausordens in vier Klassen geschaffen:
Erstens das Großkreuz, für den Maharadscha und seine Nachfolger oder besonders erhabene Mitglieder seiner Familie;
dann das Offizierskreuz I. Klasse, für leibhaftige Prinzen und ähnliche hohe Standespersonen;
weiter dasselbe, aber II. Klasse, für höhere Beamte und Offiziere, und schließlich:
das Ritterkreuz, für Hoflieferanten, Hoteldirektoren, Oberkellner, Lakaien und für die Soldaten des Kapurthala-Regiments.
Und der Gedanke des Fürsten war wirklich ausgezeichnet. So lächerlich die menschliche Natur auch oft erscheint, sie bleibt sich überall gleich. Sobald bekannt wurde, daß Seine Hoheit der Maharadscha Orden verteile, nahm die Gewissenhaftigkeit in der Bedienung, von manchem Hoteldirektor an bis zum Liftjungen, zusehends zu. In ihren Augen war erst jetzt der Maharadscha ein wirklicher Fürst. Nach vier oder sechs Wochen Aufenthalt zog Dschagatdschit Singh jetzt eine Handvoll von Ritterkreuzen aus der Tasche, statt der früher notwendigen teuren Brillantnadeln, goldenen Uhren und Zigarettendosen. Es kam dies ganz bedeutend billiger und hatte außerdem noch den erwähnten Vorteil besserer Bedienung.
Nur den indischen Staatsbeamten in Kapurthala war der Orden weniger angenehm. Sie zogen solide, recht massive Geschenke bei weitem dem allerdings höchst dekorativ wirkenden Bande des Kapurthala-Hausordens, in den Staatsfarben blau-weiß, vor. Doch gerade für indische Verhältnisse schien dem Fürsten die Ordensauszeichnung ganz besonders praktisch.
Geschenke in Indien zu geben, ist ein recht undankbares Unternehmen. Wenn einem der Staatsminister ein Pferd als Zeichen der fürstlichen Huld und Anerkennung übersandt wird[11], so beeilt sich der Empfänger, seinen Dankesbesuch abzustatten und dabei dann recht klar und deutlich darauf hinzuweisen, daß zunächst ein solches Tier die unangenehme Eigenschaft habe, zu fressen, ja daß es ohne die entsprechende Nahrung überhaupt nicht zu viel nütze sei. Daher müsse er doch den Maharadscha bitten, auch seinen Gehalt entsprechend zu erhöhen, damit der Empfänger für den Unterhalt des herrlichen Tieres sorgen könne.
War nun dieses Anliegen zur Zufriedenheit des Beschenkten erledigt, wobei natürlich die Gehaltsaufbesserung ausreichend sein mußte, um wenigstens zehn Pferde bis zur Erreichung des Schlachtgewichtes eines Ochsen füttern zu können, so wurde die Frage aufgeworfen, wie es wohl möglich sei, das edle Roß ohne Sattel und Zaumzeug zu reiten? Der Empfänger sei der Annahme, daß der Maharadscha Wert darauf lege, durch die Vorführung des geschenkten Pferdes in den Straßen Kapurthalas die Bevölkerung seiner Haupt- und Residenzstadt von seiner Großmut in der Belohnung geleisteter Dienste zu überzeugen.
Doch nicht nur geschenkte Pferde, die übrigens meistens nur noch zur Verarbeitung als Katzenfutter zu gebrauchen waren — die Auswahl der zu verschenkenden Pferde war glücklicherweise mir überlassen —, lösten so eine Bitte nach der anderen aus. So schenkte eines Tages Dschagatdschit Singh seinem Finanzminister Sirdar Assis Buksch eine wirklich schöne goldene Uhr. Der Minister nahm sie schweigend an und wog sie nachdenklich in der Hand, bis dies Gebaren selbst der unerschütterlichen Ruhe des Maharadscha zu viel wurde, und er frug, ob das Geschenk dem Minister keine Freude bereite.
„Husur![12] Das ist es nicht“, versicherte der Sirdar, dem Fürsten als Zeichen seiner Unterwürfigkeit den Turban in den Schoß legend. Er sei voller Freude über das so schöne Geschenk und besonders darüber, daß der Maharadscha seine Verdienste um das Wohl des Staates in so großmütiger Weise anzuerkennen geruhe. Er sei nur soeben in seinen Gedanken mit der Frage beschäftigt gewesen, einen Weg zu finden, wie er diese herrliche und kostbare Uhr nun auch wohl tragen könne. Soviel ihm bekannt wäre, würden diese Gegenstände an einer Kette getragen, und ..., nun, er, der Sirdar, habe zwar keine, und er wisse auch nicht, wie er sich eine solche beschaffen solle, arm und bescheiden wie er sei. Dies wäre der Grund seiner unhöflichen Befangenheit und seines Nachdenkens gewesen.

Kindertypen von der Hungersnot in Indien
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Leichenverbrennung der Hindu
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Der Finanzminister war viel zu wichtig, als daß Dschagatdschit Singh einen Mißton hätte aufkommen lassen können. Daher folgte der Uhr schnell und geräuschlos die goldene Kette.
All dies, so dachte der Maharadscha, sollte nun aufhören und für immer vorbei sein. Der Kapurthala-Hausorden würde viel billiger kommen, besonders da ja drei verleihbare Klassen zur Verfügung standen, die Verleihung also in gesteigerter Form wiederholt werden konnte.
Um aber seinen indischen Untertanen, die, wie gesagt, der Neuerung etwas skeptisch, um nicht zu sagen ablehnend gegenüberstanden, die Wertschätzung des Ordens selbst bei den höchststehenden Europäern recht deutlich vor Augen zu führen, benutzte der Fürst die erste Gelegenheit, die sich ihm bot, die Verleihung des Ordens an einen vornehmen Franzosen mit großem Zeremoniell vorzunehmen.
Eines Tages trifft in Kapurthala der dem Maharadscha gut bekannte französische Prinz de Broglie mit der Prinzessin und Gefolge ein. Vor diesen hochgeehrten Gästen wird nun ein gewaltiger „Durbar“ (ein öffentlicher Empfang) in dem großen Durbarsaale des Regierungsgebäudes abgehalten. Alle Beamten, Offiziere, Soldaten und was sonst noch irgendwelchen Anspruch auf Beachtung erheben konnte, wurden aufgeboten, und die französischen Gäste sollten bei dieser Gelegenheit mit dem Hausorden von Kapurthala geschmückt werden, was ganz ohne Zweifel seine Rückwirkung auf die Wertschätzung des Ordens selbst durch die Untertanen des Maharadscha nicht verfehlen konnte.
Nach Abspielen der Kapurthala-National-Hymne durch die Kapelle des Kapurthala-Regimentes bat der erste Minister den Prinzen Broglie und seine Freunde, dem Maharadscha, der inmitten der Großen seines Reiches in Pomp und Würde thronte, näherzutreten, und der Fürst hing einem jeden der Gäste die ihm zustehende Klasse des Hausordens am blau-weißen Bande um den Hals.
Mit tiefen Verbeugungen und unter Bezeugung ihrer vollendeten Ehrerbietung nahmen die Franzosen die Auszeichnung an und reisten kurz darauf stolz und befriedigt wieder ab und in ihr Land zurück.
Nun war aber Prinz de Broglie auch Inhaber der Ehrenlegion. Bei irgendeinem Feste, das der Präsident der französischen Republik im Elysée gab, prangte der Kapurthala-Hausorden neben dem Großkreuz der Ehrenlegion auf seiner Brust und verfehlte nicht, es durch die Pracht seiner Brillanten bei weitem zu überstrahlen. Die kostbare Auszeichnung machte Aufsehen, und zum Schluß schien es selbst dem Ordensmeister — neugierig, wie alle Ordensmeister sind — notwendig, sich nach dem Lande zu erkundigen, das diesen, in keinem offiziellen Ordensverzeichnis der Welt aufgeführten, gewaltigen Stern an dem unerhört breiten, wuchtigen blau-weißen Bande verlieh.
Stolz auf seine Reisen in exotischen Ländern, gab der Prinz gern die gewünschte Aufklärung, daß der Orden ihm, in Bewunderung der Leistungen eines Mitgliedes der hohen Aristokratie der „grande Nation“, in ganz besonderer, nur für ihn angeordneter, großer Audienz von dem mächtigen Herrscher des großen indischen Reiches Kapurthala überreicht worden sei.
Der Ordensmeister, das Ordenskabinett, der Minister des Äußeren selbst und das Pariser Auswärtige Amt hielten eine Bereicherung ihrer Kenntnisse in dieser Angelegenheit für wünschenswert. Von dem Drang nach Aufklärung beseelt, wagten sie es, trotz der unendlichen politischen Tragweite der Frage, den englischen Botschafter zu bemühen. Da diesem aber die Tatsache der Existenz des Kapurthala-Hausordens ebenso neu war, gab er die Anfrage nach London weiter, wo sie dem Staatssekretär für indische Angelegenheiten vorgelegt wurde, der sich seinerseits an den Vizekönig von Indien mit dem Ersuchen um Aufklärung wandte. Der Vizekönig von Indien, Lord Curzon, sowieso kein Freund des Maharadscha, beauftragte den Gouverneur des Pundschab, Klarheit in die Sache zu bringen.
Nachdem nun die Wellenschläge dieser hochwichtigen diplomatischen Aktion sich bis an den Felsen Kapurthala fortgepflanzt hatten, begannen sie sich zu überstürzen und den armen Dschagatdschit Singh mit dem Tosen ihrer Brandung zu betäuben. Es wurde ihm auf das dringlichste nahegelegt, Einfälle, wie den vorliegenden strahlenden Ordensstern, die so komplizierte und für die überlasteten Behörden so arbeitsreiche Folgen nach sich ziehen könnten, in Zukunft unter allen Umständen zu unterlassen, besonders wenn sie, wie der in Frage stehende, nur zu geeignet wären, das Ansehen seiner Bruderfürsten und das des „Sirkar“ in so gefährlicher Weise zu untergraben.
Nun hatte Dschagatdschit Singh es vorgezogen, keiner Menschenseele, auch mir nicht, etwas von diesen peinlichen Folgen seines Sparsamkeits-Einfalles mitzuteilen, bis eines Tages der Prinz Louis von Bourbon-Braganza mit seinem Freunde, dem Prinzen de la Tour d’Auvergne, in Kapurthala eintraf. Auch sie hatten von dem sagenhaften Glanz des Kapurthala-Hausordens gehört, doch da sie die Reise nach Indien über Land gemacht hatten, waren ihnen die von ihm ausgelösten diplomatischen Verwicklungen nicht bekannt geworden.
Während der Jagd fragte mich nun der Prinz von Bourbon, ob ich dem Maharadscha nicht nahelegen könnte, auch ihn in gleicher Weise wie den Prinzen Broglie auszuzeichnen.
„Nichts leichter als das“, antwortete ich ihm leichten Herzens. „Sie können bestimmt darauf rechnen, ebenso wie Ihr Freund, Kapurthala im Glanze seines Sternes zu verlassen.“
Als ich aber Dschagatdschit Singh das Anliegen der beiden Franzosen vortrug und erwartete, daß er mit Freude die Gelegenheit ergreifen werde, die hohe Wertschätzung seiner Ordensschöpfung von neuem in das helle Licht eines feierlichen Durbar zu setzen, erfuhr ich, daß der Stern von Kapurthala erloschen sei und wie diese Katastrophe sich zugetragen habe.
An mir war es nun, den hohen Herren aus Frankreich die Ablehnung ihres Wunsches mit viel Takt und noch mehr Lügen beizubringen. Zum Trost erhielt jeder von ihnen einen sehr wertvollen Kaschmirschal, doch der Maharadscha hatte noch lange Zeit ein schmerzliches Lächeln, wenn der Hausorden von Kapurthala am blau-weißen Bande in vier Klassen erwähnt wurde.
„Ab ke bas hai“
Die Mißstimmung Dschagatdschit Singhs, den ihm von so glanzvoller Seite, wie dem Prinzen von Bourbon, nahegelegten Wunsch haben abschlagen zu müssen, hatte aber einen tieferen, mehr indischen Grund als den Schmerz über den untergegangenen Stern.
Es ist in Indien uralte Sitte, daß der Gastgeber alles das, was ein hoher und geehrter Gast bei ihm bewundert, ohne weiteres ihm als Geschenk überreicht, gerade so wie der Maharadscha von Patiala dies mir gegenüber mit meinem Rennpferde „Foxy“ getan hatte. Für den Fürsten von Patiala war dies Geschenk damals eine Kleinigkeit gewesen, und er hatte ohne irgendeinen bedauernden Gedanken das übliche: „Dumara ke bas hai!“ — Es sei dein — gesprochen[13].
Anders aber verhält es sich, wenn der Gast irgendeinen besonders wertvollen Gegenstand oder irgend etwas, an dem der Gastgeber mit besonderer Liebe hängt, mit seiner Bewunderung beehrt und dies ausspricht. Auch dann muß der alten Sitte Genüge getan und mit freundlicher Würde selbst die teuerste und liebste Sache dem Bewunderer ausgehändigt werden.
Hierin liegt auch einer der Gründe, weshalb die indischen Fürsten sich gegenseitig nicht so oft besuchen. Binnen kurzem hätte einer den anderen ruiniert. Da nun aber diese Besuche nicht zu umgehen sind, erfordert es im Hinblick auf diese Sitte der indische Anstand, niemals irgend etwas, das dem Gastgeber gehört, zu loben oder, sei es auch noch so schön, zu bewundern. Bei einem Besuche, den ich einst dem Nawab von Bahawalpur abstattete, erzählte er mir, hieran anschließend, ein Erlebnis vornehmlich zum Beweis, wie minderwertig doch die englische Erziehung sei und wie sie auch geborene Inder dazu verleite, die vornehmen Sitten ihrer Väter zu vergessen.
Bahawalpur liegt an der Grenze Belutschistans in Nordwest-Indien und stößt im Osten an den Pundschab. Einer der im südöstlichen Teile der Provinz regierenden fünf Sikhfürsten, der Radscha von Farikot, hatte seinen Sohn Tika Bolan Singh auf der vornehmen englischen Schule in Aligarh erziehen lassen. Nach Beendigung der Studien sandte er ihn nun zu den Nachbarfürsten auf Besuch, damit alle sein Wissen, seine Bildung und sein gutes Benehmen bewundern sollten.
Auf dieser Rundreise kam der junge Thronfolger von Farikot auch nach Bahawalpur, und der Nawab, ein mohamedanischer Fürst, hielt ihm zu Ehren ein großes Durbar ab, wobei er, um den Eindruck zu erhöhen, sich in aller Pracht seiner Staatsgewänder und im Schmucke seiner schönsten Juwelen zeigte. Der neben ihm sitzende Tika Bolan Singh machte dabei in Gegenwart aller Gäste eine bewundernde Bemerkung über den prachtvollen Rubinring, den Nawab am Finger trug.
Obgleich dieser Ring dem Fürsten ganz besonders teuer war, war ihm doch die Wahrung der alten indischen Sitten noch teurer. Ohne eine Miene zu verziehen, nahm er den Ring vom Finger und überreichte ihn dem jungen Hinduprinzen: „Ab ke bas hai!“ — Er sei dein —, der ihn gelassen annahm und sich ansteckte.
Die Taktlosigkeit des jungen Mannes erzürnte den Nawab fast noch mehr, als der Verlust des Ringes selbst. Doch er, als alter mohamedanischer Fürst, wäre eher gestorben, als sich vor einem ungläubigen Hindu eine Blöße zu geben. Jedoch er beschloß, dem so englisch erzogenen jungen Prinzen eine Lehre zu geben und ihm den Wert der überlieferten indischen Sitten recht eindringlich vor Augen zu führen.
Als der Radscha von Farikot nicht lange darauf starb und Tika Bolan Singh seinem Vater auf den Thron des Sikh-Fürstentums folgte, erhielt auch der Nawab von Bahawalpur eine Einladung zu den Festlichkeiten des Regierungsantrittes. Damit bot sich ihm die ersehnte Gelegenheit, seinen Vorsatz auszuführen, und er nahm die Einladung an.
Zunächst erschien er in Farikot mit einem riesigen Troß. Eine Kamelleibwache und ein Bataillon Sipahi-Soldaten begleiteten ihn. Der junge Maharadscha Bolan Singh überschlug die Ausgaben, die der Unterhalt dieser Gäste ihm verursachen würde, und fühlte sich etwas bedrückt. Doch seinem hohen Gast mußte er mit Freundlichkeit und Gastlichkeit begegnen. Er verzog also ebenfalls keine Miene und verpflegte den Nawab und dessen zahlloses Gefolge auf das beste.
Unter den Festvorstellungen, die zu Ehren der eingeladenen Gäste angesetzt waren, war auch eine große Treibjagd auf Antilopen vorgesehen. Dabei konnte es nicht ausbleiben, daß zusammen mit den Antilopen ganze Herden von „Nilgaus“, die eine Zwischenstufe zwischen Hirsch und Kuh vorstellen, in den Kreis der Jäger getrieben wurden. Da nun die Nilgaus der Kuh verwandt ist, wird sie von den Hindu ebenso heilig wie das Rind gehalten. Sie tritt daher in den Nordwest-Provinzen Indiens äußerst zahlreich auf. Der Nawab von Bahawalpur aber war ein mohamedanischer Fürst, dem weder Kuh noch Nilgaus heilig scheinen. Anstatt Antilopen zu schießen, schoß er nun nur Nilgaus!
Der Radscha Bolan Singh, der neben ihm auf einem Elefanten ritt, machte ihm Vorstellungen. Doch der Nawab sagte trocken, daß es in seinem Lande Sitte sei, diese unnützen, den Ackerbau verwüstenden Tiere zu vertilgen. Auch liebe sein Gefolge das sehr wohlschmeckende Fleisch. Er fuhr also ruhig fort, die Strecke um eine immer wachsende Zahl der heiligen Nilgaus zu bereichern, die seine Leute mit großem Geschrei sammelten, um sich zum Entsetzen der Hindubewohner von Farikot den Magen mit ihrem heiligen Fleisch zu füllen.
Doch diese kleine Lehre genügte dem Nawab von Bahawalpur noch nicht. Der Rubin, den er dem jungen Radscha hatte geben müssen, war ihm zu teuer gewesen, und der Verstoß gegen die indischen Sitten, der ihm den Ring gekostet hatte, war durch eine Verletzung der Hindugefühle in Farikot noch nicht wettgemacht.
Daher fing der Nawab an, von seiner Seite zu loben. Er begann mit dem Elefanten, den er ritt. Er war der beste des Radscha. „Ab ke bas hai!“ — er ist dein — konnte dieser nur sagen. Bei dem Besuche des Marstalls wußte der Nawab sehr wohl die besten Pferde zu entdecken — und zu bewundern: „Ab ke bas hai!“ mußte der Maharadscha von Farikot antworten. Doch er hütete sich wohl, dem Gast die Schatzkammer zu zeigen und ließ sich vor dem Nawab nicht im Schmucke irgendwelcher Juwelen sehen.
Er hatte das sonderbare Verhalten seines Gastes wohl verstanden und hoffte nur, er würde kein Stück der so leicht erworbenen Tiere mitnehmen.
Doch der Nawab vergaß weder den Elefanten noch eins der Pferde, die seine Bewunderung erregt hatten. Alle wurden von den Leuten aus Bahawalpur sorgsam mit nach Hause geführt, bis ihr Herr seinen Besuch am Hofe zu Farikot genügend eindrucksvoll gestaltet zu haben glaubte, um dem jungen Radscha vor Augen zu führen, daß auch die beste englische Erziehung doch nicht genüge, sich mit Anstand unter Indern zu bewegen.
Fürstliche Kaufgewohnheiten
Immerhin ist diese Art der Erwerbung von Gegenständen nicht die unter indischen Fürsten allgemein übliche. Im Gegenteil, sie lieben es, zu kaufen, und wenn sie kaufen, kaufen sie großzügig. So erschien einmal der schon verschiedentlich erwähnte Maharadscha von Patiala in dem großen Glasgeschäft von Osler & Co. in Kalkutta. Es ist Brauch, daß bei so hohem Besuch die Verkaufsräume von allen anderen Besuchern geräumt werden und während der Zeit der Anwesenheit des indischen Fürsten für gewöhnliche Menschen gesperrt bleiben.
Der Maharadscha ging durch die großen Räumlichkeiten und fand viel Gefallen an den meisten Dingen. Besonders schön erschienen ihm die großen Kristall-Kronleuchter, die überhaupt in Indien hoch in Ansehen stehen. Nicht nur haben sie als Beleuchtungskörper einen gewissen Wert, so fraglich dieser auch vom Zweckmäßigkeitsstandpunkt aus eingeschätzt werden mag, sondern sie wirken vor allen Dingen höchst eindrucksvoll. Daher können auch gar nicht genug dieser klingelnden Strahlenbrecher an der Zimmerdecke aufgehängt werden.
Nachdem der Maharadscha mit Interesse alles, was es zu sehen gab, besichtigt hatte, beschloß er einzukaufen. Er wendete sich also an den ihn führenden Inhaber des Hauses und fragte, wieviel er wohl für die Hälfte aller vorhandenen Gegenstände fordere.
Schnell wurden die Bücher eingesehen, Preise ausgezogen, Summen zusammengezählt und endlich der Preis für eine Hälfte der vorhandenen Waren genannt. Der Maharadscha, der annahm, daß in dieser einen Hälfte wahrscheinlich alle die Dinge eingeschlossen wären, die weniger Wert hätten, glaubte äußerst geschickt und klug zu handeln, indem er antwortete:
„Nun gut! Ich biete Ihnen die gleiche Summe, aber für die andere Hälfte ihrer Warenbestände, unter der Bedingung, daß die Sachen sofort an meine Residenz in Patiala gesandt werden.“
Da es sich um etwa zwei Lakh Rupien oder rund dreimalhunderttausend Mark (Gold) handelte, nahm die Firma diesen Vorschlag sofort an.
Kurz nach dem einige Jahre später erfolgten Tode des Maharadscha habe ich in Patiala die Kisten dieser Sendung noch stehen sehen. Sie waren nicht einmal geöffnet, und die ganze Bestellung kam in die Konkursmasse des starkverschuldeten Herrschers.
Warum hatte der Maharadscha nun all diese, zum überwiegenden Teil für ihn ganz unbrauchbaren Dinge gekauft? Einfach aus der naiven Annahme, daß allein auf diesem Weg er es für alle anderen Sterblichen verhindern könne, in den Besitz der Gegenstände zu kommen. Denn selbstverständlich muß ein Maharadscha in allen Dingen turmhoch über den anderen Menschen stehen.
In ähnlicher Weise verfuhr der damals ungeheuer reiche Nisam von Haiderabad. Als ich im Jahr 1893 zum Training einiger meiner Rennpferde in Kalkutta war, begegnete mir in der Nähe der Bahn Seine Hoheit der Nisam, begleitet von seinem Adjutanten Assur ul Mulk und gefolgt von der ihm zustehenden großen Eskorte.
Bei dem Vorbeireiten hatte er mich besonders scharf angesehen, und ich bemerkte, wie er kurz darauf haltmachte. Ich wandte mich um und sah seinen Adjutanten auf mich zugesprengt kommen. Schon durchzuckte mich der Gedanke, daß das Pferd, das ich ritt, aus irgendeinem Grunde dem Nisam gefallen habe, und ich überlegte schnell, welche fabelhafte Summe ich für das natürlich in jeder Hinsicht vollendete und wertvolle Tier verlangen sollte, als der Adjutant sein Pferd neben mir parierte und mich außerordentlich höflich bat, ihn bis zum Nisam zu begleiten.
Ich verdoppelte in Gedanken sofort den Kaufpreis, den ich dem Herrscher von Haiderabad für mein kostbares Tier abverlangen würde und folgte Assur ul Mulk, den ich kannte. Der Nisam ritt einen prachtvollen Araberhengst und begrüßte mich äußerst freundlich, erkundigte sich nach den Fortschritten meiner Pferde und fragte plötzlich:
„Und bei welchem Schneider lassen Sie arbeiten?“
Zuerst sah ich den Fürsten ziemlich erstaunt an, bis er fortfuhr:
„Ich meine den, der Reitbeinkleider anfertigt, wie Sie sie tragen!“
Damit wurde mir der Zusammenhang klar. Mit dem Pferdekauf war es nichts! Ich trug damals Reitbeinkleider eigener Erfindung, eine Kreuzung zwischen englischen „breeches“ und den Reithosen der Radschputsen, von ihnen „Pydschama“ genannt, die über dem Knie englisch weit, unter ihm indisch-radschputsisch eng an der Wade anliegend bis zum Fuße reichen und das Tragen von Reitstiefeln oder Gamaschen, eine Qual in der feuchten Hitze Kalkuttas, überflüssig machen.
Ich nannte dem Nisam die Firma und erwähnte, daß es nur einen einzigen Schneider in der Welt gäbe, der diese Beinkleider zu bauen verstünde. Nun wird in Indien ganz sinnloser Wert auf Bekleidung, wie überall im Orient, gelegt, und auch unter den indischen Beamten und Offizieren ist man ganz besonders wählerisch in der Mode, so daß gewisse Schneiderfirmen gradezu Künstlerruhm genießen.
Huldvollst entließ mich der Nisam, und etwas enttäuscht und im Innern über die Unverschämtheit, mich wegen einer solchen Lappalie aufgehalten zu haben, entrüstet, ritt ich weiter, als ich wiederum Pferdehufe hinter mir näherkommen hörte. Assur ul Mulk erschien von neuem an meiner Seite, um mich zu bitten, doch meinen Schneider zu benachrichtigen, daß der Nisam am folgenden Morgen um zehn Uhr bei ihm vorsprechen würde, um Reitbeinkleider zu bestellen.
Auch würde der Nisam mir bei dieser Gelegenheit nochmals die hohe Ehre seiner erhabenen Gegenwart gestatten, um der Firma die nötigen Anweisungen zu geben.
Das war allerdings besser als Pferdehandel. Ich ritt sofort zu dem Künstler, der der Herstellung meiner Reit-Unaussprechlichen seine Geschicklichkeit und Erfahrung zuzuwenden geruhte, und teilte ihm mit, welchen Erfolg meine Kreuzung zwischen „breeches“ und „pydschama“ heraufbeschworen habe. Der Direktor der Schneiderfirma traute kaum seinen Ohren.
Als er endlich begriffen hatte, daß ich ihm keine Märchen erzählte, versprach er mir, mich bis zu meinem Sarge mit allen Kleidungsstücken zu versehen, die ich nur wünschen möge, wenn der Nisam tatsächlich das Licht seiner Gegenwart und seines Goldes in den Räumen seines Geschäftes leuchten lassen sollte. Denn wenn einer dieser indischen Halbgötter kauft, so ist ein gutes Geschäft sicher. Auch strömt dann, und je höher der Halbgott in der indischen Eitelkeitsskala steht, desto stärker auch der ganze Schwarm aller anderen Maharadschas, Radschas und sonstigen Betitelten, sowie aller derer, die ihnen nachzueifern als das höchste Ziel ihrer Existenz halten, in den so begünstigten Laden und kauft, kauft, kauft.
Ich ermahnte den Geschäftsinhaber noch, während der Anwesenheit des Nisam keinen Sterblichen außer mir und seinen Angestellten das Betreten des Geschäftes zu gestatten.
Punkt zehn Uhr am folgenden Morgen fuhr Seine Hoheit der Nisam von Haiderabad vor und betrat den Geschäftsraum. Als er mich zu bemerken geruhte, sagte er nur:
„Ich wünsche Reitbeinkleider, von dem gleichen Schnitt, wie dieser Herr sie trägt.“
Nun wurden ihm Stoffe zur Auswahl vorgelegt. Doch er wehrte kurz und herrisch ab.
„Machen Sie mir Reitbeinkleider von allen vorhandenen Stoffen, die sich dazu eignen.“
Niemand durfte sich rühmen können, einen Stoff zu tragen, den er, der Nisam, nicht auch besäße. Alle Stoffe überhaupt aufzukaufen, wie er ganz sicher am liebsten getan hätte, war nun leider doch nicht möglich!
Also wurden ihm nicht weniger als zweihundertfünfundachtzig Paar Reitbeinkleider geliefert! Natürlich war es undenkbar, den Nisam zu ersuchen, sich Maß nehmen zu lassen. Ein Kammerdiener mußte bestochen werden, der Firma ein entsprechendes Kleidungsstück des Herrschers zu verschaffen.
Der Nisam von Haiderabad
Überhaupt war dieser Nisam von Haiderabad wohl einer der sonderbarsten unter den vielen sonderbaren Fürsten Indiens, wie er ja der angesehenste und im Range am höchsten stehende ist.
Im Jahre 1894 kam der schon in Verbindung mit Rudyard Kiplings Roman „Kim“ und Marion Crawfords Heldenschauermär „Mister Isaacs“ erwähnte Armenier Jakob, der in Indien unter dem Namen „Jacob of Simla“ bekannt war, nach Haiderabad.
Durch Vermittlung des vertrauten Kammerdieners „Abid“, der ebenfalls ein Armenier war, hatte sich Jakob in die Gunst des Nisam von Haiderabad einzuschmeicheln verstanden. Der Fürst, der heute schon lange tot ist, war stets etwas tiefsinnig und in manchen Zügen dem König Ludwig von Bayern vergleichbar. Sein Stolz auf seine Stellung war grenzenlos. Er dünkte sich in jeder Weise über alle anderen Menschen erhaben. Um von ihm in Audienz empfangen zu werden, mußte selbst sein erster Minister die Fürsprache des Kammerdieners Abids einholen, so groß war Abids Einfluß auf seinen Herrn. Er wich aber auch nicht von seiner Seite, und wie er mir selbst erzählt hat, konnte es keine schwierigere Aufgabe geben, als den Nisam bei Laune zu erhalten. Zuweilen mußte er eine halbe Stunde unbeweglich vor seinem Herrn stehen, ehe er ihm das Gewünschte, einen Becher Wasser oder dergleichen geben konnte.
Der Armenier Jakob behauptete nun, mit magischen Kräften begabt zu sein. Beschlagen in Astrologie und ähnlichen Dingen, die er in seiner Jugend, als Sklave in Konstantinopel, erlernt haben wollte, fand er in dem Nisam einen gutwilligen Zuhörer.
Ein englisches Syndikat hatte damals einen sehr wertvollen Diamanten, für den es so leicht keinen Käufer finden konnte, erworben, und es gelang Jakob, den Auftrag zu erhalten, diesen kostbaren Stein, den „Imperial Diamant“, dem Nisam anzubieten.
Wenn ich mich recht entsinne, belief sich der Preis auf fünfzig Lakh, das sind ungefähr acht Millionen Mark (Gold). Der Nisam willigte ohne Feilschen ein, den Edelstein zu diesem Preise zu erwerben.
Im Vertrauen auf den ihm versprochenen großen Gewinn trieb nun Jakob großen Aufwand. Man hätte glauben können, er sei der größte Nabob des indischen Kaiserreichs. Dies mußte auffallen, zumal er die von ihm gegebenen festlichen Gelage im Hotel „Esplanade“ in Bombay, wo ich ihn öfter traf, nicht im Verborgenen abhielt. Der Besitzer dieses Hotels hieß Sirdar Abdul Hugh und war im Hauptberuf — Minister des Innern im Staate von Haiderabad.
Jakob prahlte viel mit seiner Freundschaft und seinem Einfluß auf den allmächtigen Nisam und pflegte zu sagen, daß, wenn erst der Kauf perfekt sei, er einen Dampfer chartern und seine guten Freunde zu einer Vergnügungsreise nach Europa einladen werde.
All dies kam natürlich auch zu den Ohren der anglo-indischen Regierung und erregte ihre Aufmerksamkeit, bis dann zu guter Letzt auch noch die Verwaltung des Nisam bei der Bengal-Bank um einen riesigen Vorschuß einkam, was der Regierung ebenfalls nicht verborgen blieb.
Damals standen die Finanzen des Staates von Haiderabad sehr schlecht, weil das Land und besonders die ertragsreichste Provinz, Behar, von einer schweren Hungersnot heimgesucht worden war.
Der Resident am Hofe des Nisam, Sir William Clichele Plowden, setzte im Einverständnis mit dem Vizekönig, der traurigen Lage des Landes wegen, alle Hebel in Bewegung, den Kauf des „Imperial Diamant“ rückgängig zu machen. Um den Nisam, der ungeheuer viel auf seine Würde als allmächtiger Herrscher hielt, nicht zu einem Rücktritt von dem Kauf zu zwingen, was für ihn beleidigend gewesen wäre, suchte der Resident ihm beizubringen, daß er einem Schwindel zum Opfer gefallen sei. Im Verhältnis zum Wert sei der Diamant viel zu hoch bezahlt.
Man vertraute endlich, mit Zustimmung des Nisam, die Prüfung der Angelegenheit einer Kommission an, die ihn mit 23 Lakh gut bezahlt fand, also etwas weniger als die Hälfte des dem gerissenen Jakob bewilligten Kaufpreises. Das englische Syndikat jedoch ließ sich nicht darauf ein, sondern brachte die Sache vor Gericht, wo es aber zum Schluß abgewiesen wurde.
Die Aussagen des Nisam mußten in seinem Palast angehört werden, da er sich weigerte, vor Gericht zu erscheinen. Er empfand es als Erniedrigung, daß er nun für weniger als die Hälfte des verlangten und von ihm selbst zugesagten Preises in den Besitz des Diamanten gelangen sollte, so daß er nichts mehr von ihm oder der ganzen Sache wissen wollte.
Der Stein blieb viele Jahre hindurch bis zum Tode des Nisam in der Bank von Kalkutta in Verwahrung.
Der Kammerdiener Abid wollte nach dieser unangenehmen Angelegenheit — hatte er doch seinen Stammesgenossen eingeführt — nicht länger im Dienste bleiben. Er kam um seine Entlassung ein, denn während der zehn Jahre, die er beim Nisam war, hatte er es zum Millionär gebracht. Er kaufte ein großes Landgut in England und lebte dort mit seiner Familie von seinen Renten und der reichlichen Pension des Nisam.
Ob durch das Vorgehen des Sirkar der Not in Haiderabad wirklich gesteuert wurde, ist mehr als fraglich, wenn man allein die Kosten des Riesenprozesses in Rechnung zieht. Für Jakob aber bedeutete der Prozeß-Ausgang den vollständigen Ruin. Nicht zum wenigsten hatte er aber sein Unglück eigener Unvorsichtigkeit und seinem Übermut zu verdanken.
Der Sirkar Abdul Hugh, der Minister des Innern in Haiderabad, wurde auf Drängen des britischen Residenten zur Demission gezwungen, weil er nachweislich seine Hände in dem unsauberen Geschäft gehabt hatte. Der Sturz kränkte ihn so sehr, daß er bald darauf in der Verbannung starb.
Jakob von Simla
Der Armenier Jakob, der in Indien als „Jacob of Simla“ allgemein bekannt wurde, war ein häßlicher Troll mit pockennarbigem Gesicht und alles andere als anziehend. Vielleicht hat seine mysteriöse und suggestive Art zu sprechen ihm seine allerdings nur kurzen Erfolge gebracht, obgleich ein einigermaßen normaler Mensch seinen Phantastereien keinen Glauben schenken konnte. Er war eben ein Armenier, Angehöriger einer Rasse, von der man in Indien sagt, daß ihr, wenn sie wegen Geschäften oder in Kriegen auf der Bildfläche erscheint, weder ein „Bania“ (indischer Wucherer) noch ein Jude, noch ein Grieche gewachsen sei. Leider hat sich dieses indische Wort bei Jakob nicht so recht bewährt, weder hinsichtlich des „Imperial Diamants“, noch in einem Geschäft mit dem Maharadscha von Kapurthala. In beiden Fällen erlitt das Prestige der Gerissenheit der armenischen Handelsleute einen schweren Stoß. Dort ohne „Bania“, Juden oder Griechen, einfach durch die kluge Diplomatie eines englischen Beamten, hier durch die Gewissenhaftigkeit eines Deutschen.
Das Geschäft, das Jakob in Kapurthala vorschlug, war, daß der Maharadscha ihm sein letztes Besitztum, ein Landhaus in Simla, abkaufen sollte. Jakob setzte alles auf diese Karte. Sonst hatte er kein Vermögen mehr, und selbst das Haus in Simla war nicht hypothekenfrei. Er kam zum Maharadscha, um eine neue Anleihe darauf aufzunehmen, und wußte ihm mit Worten so zuzusetzen und ihn sogleich so gut am rechten Fleck zu fassen, daß er — abergläubisch, wie nun indische Fürsten einmal sind — sich gleich für den Kauf des Hauses zu interessieren begann.
Schon glaubte Jakob sich gerettet, besonders wenn er unserem Finanzminister noch ein gehöriges Trinkgeld zukommen ließ. Bei Gelegenheit eines Besuches vergaß er daher eine Tausendrupiennote bei ihm, alles, was er eben flüssig machen konnte, und versprach außerdem eine weitere ansehnliche Provision nach Kaufabschluß.
Der Minister sagte feierlichst zu, was an ihm sei nicht zu verfehlen, damit der Kauf zustande komme, und Jakob reiste guten Mutes ab.
Bald darauf wurde ich, der ich damals erst kurze Zeit in der Staatsstellung zu Kapurthala war, zur Inspektion des Hauses beordert. Der Wahrheit gemäß berichtete ich, daß es in gutem Zustande, gut möbliert und allem Anschein nach auch mit einigen orientalischen Seltenheiten ausgestattet sei. Aber warum sollte der Maharadscha dieses Haus in Simla kaufen, da er doch am gleichen Orte schon ein anderes besitze? Und selbst das benutze er nicht, sondern zöge es vor, im Hotel abzusteigen! Die orientalischen Kuriositäten hätten für ihn, der sich viel mehr für europäisches Kunstgewerbe interessiere, doch kaum besonderen Wert. Und zum Schluß wäre das Geld für die bevorstehende Reise nach Europa besser zu verwenden.
Dies alles trug ich dem Maharadscha vor. Der letzte Punkt gab den Ausschlag, und der Kauf zerschlug sich. Ob dieser üblen Nachricht war Jakob sehr niedergedrückt. Er glaubte bemerken zu dürfen, daß er wohl das Trinkgeld dem unrichtigen Beamten zugespielt habe, was ihm aber eine echt deutsche Zurechtweisung eintrug.
War es mehr als meine Pflicht und Schuldigkeit gewesen, die Interessen des Maharadscha zu wahren, und hatte nicht der erfahrene Jakob ganz genau gewußt, daß der britische Sirkar bei der Wohnungsnot in Simla, und der Schwierigkeit, für Dschagatdschit Singh überhaupt die Erlaubnis zu erhalten, in Simla zu erscheinen, dem Maharadscha von Kapurthala niemals ein zweites Besitztum dort gestattet haben würde?
Was aber das Auftreten Jakobs in den Werken Kiplings anlangt, wo er als Surkan Sahib die Rolle eines bedeutenden Beamten im britisch-indischen politischen Geheimdienst spielt, so nehme ich an, daß Jakob ebenfalls durch seine Redensarten großen Eindruck auf den etwas leichtgläubigen Kipling gemacht hat. Daß er in Wirklichkeit dem britischen Sirkar als Geheimagent wertvolle Dienste geleistet hätte, ist mir ganz unbekannt. Jakob selbst hat mir nie davon gesprochen.
Sollte der Sirkar ihm wirklich wegen der Entdeckung von Verschwörungen und ähnlichem zu Dank verbunden gewesen sein, so hat er ihm mit dem Prozeß in Haiderabad schlecht gelohnt. Als er am Bettelstab war, hat ihm der Sirkar keinen Penny Unterstützung zukommen lassen. Von dem Nisam von Haiderabad dagegen erhielt er einen monatlichen Zuschuß von fünfhundert Rupien.

Heilige Affen in Mathura
Der Turm besteht aus rotem Sandstein
⇒ GRÖSSERES BILD

„Ich begann, auf meiner Veranda sitzend, die Affen mit Brot zu füttern.“
Seite 132
⇒ GRÖSSERES BILD
Aus manchen Schilderungen in Kiplings Werken, der unstreitig der am meisten gelesene Schriftsteller über Indien in der angelsächsischen Welt ist und der jahrelang als Leiter der Zeitschrift „Pioneer“ dort gelebt hat, könnte man schließen, daß der Inder ein außergewöhnlich kluger Diplomat und Politiker sei. Ich kann jedoch nach meiner langen Erfahrung dies nicht unterschreiben, trotzdem ich den Inder vom Maharadscha bis zum Bauern kennengelernt habe, und in der Landessprache, wenigstens des Nordens, mit ihnen verkehrte. Statt der klugen und geschickten Politiker habe ich nie etwas anderes gefunden, als verschlagene und arglistige Schlauköpfe, denen jeder Weitblick fehlte.
Der Holkar von Indore
Einer der Fürsten, die in der rücksichtslosesten Ausbeutung ihrer Untertanen vorbildlich waren, ist der bis 1900 regierende Maharattenfürst, der Holkar von Indore, einer der bedeutendsten Staaten Zentralindiens, gewesen.
Bei einem persönlichen Besuch bei ihm habe ich sein exzentrisches Wesen selbst beobachten können, und von glaubwürdiger Seite habe ich manche seiner erstaunlichen Tollheiten zu hören bekommen. Er war von seiner eigenen Erhabenheit so eingenommen, daß es sehr schwer fiel, sich ihm überhaupt zu nähern. Nur weil ich aus einem anderen indischen Staate kam, ließ er sich zu einer Audienz von wenigen Minuten für mich herbei.
Indore war damals um vieler Dinge willen ein Schmerzenskind des britischen Sirkar. Das Mißtrauen kam schon darin zum Ausdruck, daß man in der Stadt Mhow, einige englische Meilen von Indore entfernt, stets ein sehr starkes Kontingent englischer Truppen hielt. Dies war auch nicht unnötig, da der britische Resident den Holkar hin und wieder sehr scharf zurechtweisen mußte.
Als einer seiner Leibköche einmal den Reis nicht genügend weich gekocht hatte, befahl er, ihn selbst abzubrühen, wobei der Unglückliche gänzlich abgekocht wurde. Anstatt nun den Leichnam im geheimen zu verbrennen, warfen ihn die Bediensteten, wahrscheinlich um das Geld für das Holz in die eigene Tasche stecken zu können, in den Fluß „Nerbuda“, der die Stadt durchfließt. Unterhalb Indore, in Dhar, einem anderen Maharattenstaate, dessen Fürst aber in Grenzstreitigkeiten mit dem Holkar lag, wurde die Leiche gelandet und nach der Herkunft geforscht. Der Fall kam der britischen Behörde zu einer Maßregelung des Holkar sehr gelegen, denn es war nicht schwer gewesen, den Zusammenhang festzustellen.
Ein anderes Mal geriet der Holkar über einen seiner Palastdiener so in Zorn, daß er ihn mit einem eisernen Ring an eine Hundehütte schmieden ließ. Der Diener fügte sich der fürstlichen Laune und benahm sich, wenn er des Holkar gewahr wurde, wie ein Hund.
Vielleicht hat dies den Holkar einen Schimmer von Reue empfinden lassen. Denn als er einige Tage später von dem Angeketteten mit heftigem Bellen begrüßt wurde, gab er den Befehl zu seiner Befreiung, ließ ihn vor sich kommen und sagte:
„Freund! Du hast dich gut bewährt. Du sollst dafür belohnt werden“, und wollte ihm seine Tochter zur Frau geben.
Er gab auch wirklich den Befehl, die Hochzeit zu richten. Die Maharani und die Mutter des Mädchens beschworen aber den britischen Residenten, einen solchen Übergriff des Holkar zu verhindern, und nur durch dessen Hilfe scheiterte das sonderbare Vorhaben, das erst im Lichte der indischen Kastenbegriffe seine ganze Tragik für das bedrohte Mädchen erkennen läßt.
Als ihm die Bevormundung durch den englischen Residenten zu arg wurde, wollte er sich kurzerhand bei der Königin Victoria beschweren. Mit seinem Gefolge schiffte er sich in Bombay ein. Aber bald nach dem Auslaufen überfiel ihn die Seekrankheit. Er verlor die Lust an der Reise und befahl dem Kapitän des Dampfers, umzukehren, damit er wieder in Bombay an Land käme.
Als er zur Antwort erhielt, daß das Schiff ein königlicher Postdampfer sei und nur die Königin allein die Berechtigung habe, seinen Kurs zu ändern, wurde er so aufgebracht, daß er in Aden die Reise abbrach, um mit dem nächsten Dampfer nach Indien zurückzukehren. Er hätte dem britischen Sirkar keinen größeren Gefallen erweisen können!
Der Vater dieses Maharadscha dagegen war ein sehr einsichtiger Mann gewesen, der für die Zeiten einer Hungersnot einen recht bedeutenden Betrag in den Gewölben eines Bergschlosses hatte verschließen lassen. Vor seinem Tode hatte er den Schlüssel dazu dem britischen Residenten ausgehändigt.
Der Holkar dachte nun, dieses Geld nützlicher für seine eigenen Zwecke verwenden zu können und ließ sich einen Nachschlüssel machen.
Als der Resident dies erfuhr, bemühte er sich weiter nicht, den Holkar von seinem Vorhaben abzubringen, sondern ließ in der Nacht vor dem kritischen Tage in das Gewölbe einen offenen Korb mit Kobraschlangen stellen. Er wußte, daß er damit für alle Zeit dem Maharadscha die Lust an dem Besuch verleiden würde. Kaum hatte der Holkar die gewaltige Tür der Schatzkammer geöffnet, als der Schein der Laternen auf den Knäuel Schlangen fiel, die sich zischend dem Eintretenden entgegenreckten. Erschreckt räumte der Holkar eiligst das Feld.
Es war eine große Erleichterung für den Sirkar, als nach erzwungener Abdankung der Holkar bald darauf starb und in Ermanglung eines Sohnes ein geeigneter Nachfolger aus der Verwandtschaft eingesetzt werden konnte.
Barbiere in Indien
Wenn der Maharadscha Holkar von Indore seine Tochter in einem plötzlichen Einfall einem Diener seines Haushaltes zur Frau geben wollte, so griff dies vor allem auch in die Obliegenheiten einer in Indien besonders wichtigen Klasse von Menschen ein, nämlich der der Barbiere.
Zwar ist das Schneidenlassen der Haare den Sikh durch ihre Kastenvorschriften auf das strengste verboten, was noch einen besonderen Grund darin hat, daß die Sikh als Krieger in dem fest um den dichten Knäuel ihrer langen Haare gewundenen Turban ihre Hauptwaffe zu tragen pflegen. Es ist dies eine am Rande haarscharf geschliffene, tellergroße Stahlscheibe, die, mit einem Loch in der Mitte versehen, bei Gebrauch auf den Zeigefinger gesteckt wird.
Durch wirbelnde Bewegung in schnelle Drehung versetzt, wird sie auf den Gegner geschleudert, der sie infolge ihrer Dünne kaum sehen und ihr daher nur sehr schwer ausweichen kann. Bis auf dreißig Schritt ist der getroffene Feind unfehlbar verloren, da die verhältnismäßig schwere, scharfe Scheibe selbst die Schädelknochen glatt durchschlägt und im richtigen Treffen einem Menschen ohne weiteres den Kopf vom Rumpfe trennt.
Wenn daher auch das Haarschneiden nicht zu den Obliegenheiten eines nordindischen Barbiers gehört, so unterstehen seiner Kunst doch alle anderen Körperhaare, die überhaupt im Orient bei beiden Geschlechtern vollständig entfernt zu werden pflegen, wie auch die Verschönerung von Händen und Füßen. Infolgedessen kommt kaum jemand in so nahe und intime Berührung mit den einzelnen Personen der indischen Welt, wie gerade der Barbier. Außerdem betreibt er meistens noch das einträgliche Geschäft des Geldverleihers.
Er ist daher auch die gegebene Person, um Heiraten zu vermitteln. Er kennt die inneren Verhältnisse fast aller Familien und kann in der Stille der dunklen Gemächer während seiner Verschönerungsarbeiten Vorschläge machen, Aufträge entgegennehmen, unauffällig Erkundigungen einziehen, wie sonst niemand.
Die Person eines „Hadscham“, eines Hofbarbiers, ist fast immer erblich, und die sich dem Inhaber bietenden Gelegenheiten, zu Reichtum zu gelangen, sind besonders groß. Kann er doch gegen entsprechende Belohnung und Vorausbezahlung Bittgesuche befürworten, erwiesene Dienstleistungen in Erinnerung bringen und im richtigen Augenblick die Stimmung des Fürsten benutzen, um irgendwelche Gnadenbeweise vorzuschlagen. Oft werden diese Hofbarbiere dem Fürsten so unentbehrlich, daß sie zu Ministern gemacht werden, wie dies noch vor kurzem in dem bedeutenden Staate des Radscha von Cotschin in Süd-Indien geschah. Ebenso ist ein Barbier zum Mitglied des Staatsrates der Provinz Pundschab, der größten Indiens, ernannt worden.
Daß diese im geheimen so einflußreichen Herren hin und wieder auch auf ganz eigentümliche Gedanken kommen, wie man sie ebenfalls in Europa besonders oft bei Haarkünstlern finden soll, ist nicht verwunderlich und beweist, daß trotz aller Verschiedenheiten zwischen Ost und West irgendwelche eigentümlichen Übereinstimmungen im Untergrund der Menschen doch bestehen müssen.
So war der Hadscham von Kapurthala, Ischar Ram, von dem einen Wunsch verzehrt, einmal in seinem Leben, wie der Maharadscha selbst, in einem — Extrazuge zu fahren. Er wußte aber nicht, wie er dies anstellen sollte. Alles hatte er im Leben gerade wie sein Herr, der Maharadscha, genossen, nur dies eine, die Fahrt in einem eigenen Extrazuge, fehlte ihm noch. Ehe er sterbe, müsse er unbedingt auch noch dieses Vergnügen gekostet haben.
Ein schlauer bengalischer Babu (Schreiber) bestärkte ihn ständig in diesem sonderbaren Gedanken und bewog ihn endlich, ihm einen Vorschuß von tausend Rupien zu geben, damit er mit der Bahnverwaltung wegen eines Extrazuges von Katarpur nach Amritsar verhandeln könne.
Umsonst suchte ich Ischar Ram von seinem Gedanken abzubringen und ihm wenigstens klarzumachen, daß, wenn er nun einmal wie der Herrscher von Kapurthala reisen wolle, er zum Schluß weiter nichts zu tun brauche, als den Zug bei der Bahnverwaltung zu bestellen. Der sei es ganz gleichgültig, ob der Maharadscha oder irgend jemand anders ihn benutze, vorausgesetzt sie erhielte ihr Geld.
Eine so einfache Lösung der Frage erschien Ischar Ram aber ganz undenkbar. Um einen Extrazug zu erhalten, meinte er, müßten sicherlich ganz besondere Vorkehrungen getroffen werden, und im übrigen traute er mir als unreinem Europäer nicht zu, die Feinheiten der überragenden Bedeutung eines indischen Maharadscha durchschauen zu können.
Er zog es daher vor, dem bengalischen Babu tausend Rupien anzuvertrauen, um die sicherlich höchst schwierigen und geheimen Verhandlungen mit der Bahn in die Wege zu leiten. Natürlich hatte der Babu nichts Eiligeres zu tun, als mit den tausend Rupien in der Tasche einen ganz gewöhnlichen Zug zu benutzen, und damit auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Und bald darauf begab sich Ischar Ram selbst ohne Extrazug ins Jenseits.
Der Barbier ist auch einer der wenigen Menschen, den der Hindu über seine Schwelle in das Innere seines Hauses läßt. Denn besonders in den höheren Kasten gibt es keinen größeren Frevel, als wenn Außenstehende die Innengemächer des Hauses betreten. Noch entsetzlicher ist aber der Gedanke, mit Weib und Kind das Heim zu verlassen und in unvermeidliche Berührung mit Fremden zu kommen. Dies war auch der Hauptgrund, weshalb es dem Maharadscha von Kapurthala so schwer fiel, eine Rani zu finden, die ihn nach Europa begleiten wollte.
Zur Verhütung der ungeheure Opfer fordernden Pest oder doch wenigstens der Einschränkung ihrer Folgen, ist von der Regierung vorgeschrieben, daß Pestkranke und Pestverdächtige, sowie Familien, in denen ein Pestfall vorgekommen war, isoliert werden müssen. Da dies das Verlassenmüssen des Familienhauses bedingt, wird alles getan, die Krankheit zu verheimlichen, mit der natürlichen Folge, daß meistens die ganze Familie stirbt. Aus diesem Grunde wird zu Zeiten einer solchen Epidemie der Polizei die Befugnis gegeben, die Häuser zu betreten und dort nach verdächtigen Kranken Nachforschungen anzustellen.
Als „Tasildar“ in der Peststadt
Gegen 1908 wütete nun in dem zu Kapurthala gehörenden Bezirke Phagwara, in dessen gleichnamiger Hauptstadt etwa 14000 Einwohner leben, die Pest besonders stark. Der Tasildar (der Bezirksvorsteher) hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als seinen Posten zu verlassen und nach Kapurthala zu fliehen. Da Phagwara als Enklave im britischen Gebiet liegt, nahmen die britischen Behörden Veranlassung, eine ärztliche Kommission in das verseuchte Gebiet zu senden, wo sie jedoch außer einigen Polizisten keine Beamten vorfand.
Diese Polizisten waren um des Gewinnes willen dort geblieben, denn der Tasildar hatte vor seiner Flucht noch angeordnet, daß jedes pestverdächtige Haus und jedes Haus, in dem ein Pestfall vorgekommen war, geräumt werden müsse. Die ebenso rücksichtslosen wie „gewissenhaften“ Polizisten benutzten nun den Befehl, um die Einwohner, die auf Grund ihrer Kastenvorurteile lieber an der Pest sterben als ihre Häuser verlassen, möglichst zu brandschatzen.
Die Stadt Phagwara ist ein blühender Handelsplatz und die Einwohner zu einem ziemlichen Prozentsatz wohlhabend. Es gab genug „Bania“ und „Schroff“ (Getreidehändler und Wucherer), die sich und ihr Haus vor Verunreinigung durch das Betreten von Fremden schützen wollten und dafür Opfer zu bringen bereit waren. Zu einer Verunreinigung genügt es, daß ein Fremder einen Blick auf eins der weiblichen Familienmitglieder wirft oder auch nur in ihren Schatten tritt.
Und den Polizisten stand das Recht zu, die Häuser zu betreten und zu durchsuchen! Mancher der Betroffenen grub da seinen heimlichen Schatz aus, um diese Schmach abzuwenden oder um nicht sein Haus verlassen zu müssen. Der Polizist mit der offenen Hand stand schon vor der Tür.
So kam es, daß in den meisten Fällen die Armen ihre Häuser gegen den Aufenthalt in den Isolierungslagern aufgeben mußten, während die Reichen ungestört in ihren Wohnungen an der Pest sterben durften und den Krankheitsherd fromm und wohlgesinnt im Gange hielten.
Die britische Regierung ließ den Maharadscha wissen, wie es in Phagwara stand, und verlangte kategorisch entsprechende Abwehrmaßregeln, widrigenfalls sie selbst die Angelegenheit in die Hand nehmen werde.
Anstatt des geflohenen, pflichtvergessenen Tasildar wollte der Maharadscha nun einen anderen senden, doch niemand fand sich dazu bereit, den gefahrvollen Posten zu übernehmen. Also wurden mir die erforderlichen Vollmachten in die Hand gedrückt, und ich reiste als Tasildar nach dem Pestorte.
Ich fürchtete mich nicht vor der Krankheit, die die reinlich lebenden Europäer nur selten befällt, und es gelang mir, etwas Ordnung in den Verhältnissen zu schaffen, den geldgierigen Schacherhandel zu stoppen und wenigstens etwas Hilfe zu bringen. Doch über ein Drittel der Bevölkerung starb. Die Straßenzüge waren leer. Nur Leichenzüge bevölkerten sie. Wer nicht im Isolierlager war, vergrub sich in seinem Hause.
Ein solches Isolierungslager in Indien ist für einen Europäer ein schrecklicher Anblick, denn die Leute müssen fast vollständig für sich selbst sorgen. Da die übergroße Zahl zu den Ärmsten der Armen gehört, liegen sie unter einer aus Schilfgras geflochtenen und auf vier Pfählen befestigten Matte, die nur geringen Schutz gegen die unbarmherzige indische Sonne und gar keinen gegen die recht empfindliche nächtliche Kälte gewährt, eng zusammengedrängt, stumpfsinnig in ihr Schicksal ergeben.
Als in Bombay 1895 die ersten Anzeichen der Pest auftauchten, hatte der damalige städtische Polizeidirektor dort nichts Eiligeres zu tun, als ein Syndikat zu bilden, um alle zur Zeit in Indien nur erreichbaren Desinfektions- und Heilmittel, die gegen die Pest in Betracht kommen, aufzukaufen.
Dann erschien die polizeiliche Bekanntmachung und der Befehl zu einer sorgfältigen Desinfektion der Häuser und Straßen. Da die hierzu notwendigen Mittel nur aus den Geschäften des Herrn Polizeidirektors zu beziehen waren, ist es nicht weiter verwunderlich, daß dieser Herr sich bald danach zur wohlverdienten Ruhe nach Schottland zurückziehen konnte.
Inder als Gäste
Wenn mir, wie als Tasildar in Phagwara oder auch in den Bungalows, die ich in den verschiedenen Orten bewohnte, sei es der Gaekwar von Baroda, der Maharadscha von Kapurthala oder einer der anderen Fürsten, an deren Höfen ich zu tun hatte, Wohnung und Haushalt zur Verfügung stellten, um meinen Obliegenheiten nachzugehen, wie Jagdtiere einzukaufen, Pferde auszuwählen, Gebäude zu besichtigen, Bestellungen aufzugeben oder Erkundigungen einzuziehen, so kam ich naturgemäß in enge Beziehung zu allen Klassen von eingeborenen Indern. Minister und Priester, Bauern und Händler, Jäger und Handwerker der verschiedensten Art und in den verschiedensten Provinzen und Landesteilen des großen Indien kamen, mich aufzusuchen, um in ihren eigenen indischen Angelegenheiten mit mir zu verhandeln. Oft auch wurde ich von den Höherstehenden, die auf Besuche fremder Gäste eingerichtet waren, das heißt, deren Häuser die hierfür notwendigen, besonderen Gemächer hatten, zu Gaste geladen. Noch öfter aber hatte ich Gelegenheit, Gäste aus den eingeborenen Kreisen bei mir zu sehen, die ich, als Vertreter der hohen indischen Fürsten, in deren Diensten ich stand, auf das beste bewirten mußte. Meistens luden sich die Herren selbst zu Gaste bei mir.
Wohl waren die Erfahrungen, die ich am Beginn meiner Laufbahn im Palast „Luxmi Vilas“ in Baroda bei den Einladungen des Gaekwar gesammelt hatte, nicht dazu angetan, eine Tischgesellschaft von Indern für sehr anziehend zu halten. Und hinsichtlich der allgemein üblichen indischen Art, sich bei Tisch zu betragen, ist dies auch stets und überall das Gleiche geblieben.
Jedoch die Schwierigkeiten der kastengemäßen Bewirtung waren bei Einladungen in meinem eigenen Hause nicht so groß, wie am Hofe von Baroda, wo keiner der Eingeladenen sich vor den anderen etwas vergeben wollte. Solange die Vorschriften der Kasten formell beachtet wurden, war es in dieser Hinsicht ziemlich gleichgültig, was ich meinen Gästen vorsetzte. Nur achtete ich stets darauf, niemals von der wirklichen Natur der Speisen zu sprechen, die ich den Gästen vorsetzen ließ, sondern die Gerichte stets als ihren eigenen Kastengeboten entsprechend zu bezeichnen.
So saßen an meinem Tisch, oftmals sogar zusammen: Maharatten, Ratschputen, Buddhisten, Brahminen, Gutscheraten, Mohamedaner, Parsi, Afghanen, Perser, Sikh und eine ganze Anzahl Angehöriger anderer Kasten, Völker und Glaubensbekenntnisse.
Der eine durfte kein Fleisch, der zweite keinen Fisch und andere wieder keins von beiden essen. Jenem war es untersagt, ein Ei anzurühren. Dieser nährte sich nur von bestimmten Gemüsen, oder es war ihm nur der Genuß des Fleisches ganz bestimmter Tiere gestattet, alle anderen waren ihm verboten. Manche durften wieder nur Speisen genießen, die auf genau vorgeschriebene Weise zubereitet waren, und oft spielte noch dazu die Art des Tötens des betreffenden Tieres eine große Rolle. Kurz, wenn ich je auf den Gedanken gekommen wäre, meine Gäste genau ihren Kastenvorschriften entsprechend zu bewirten, so hätte ich mir ebensoviele Köche halten können, wie ich Gäste bei mir sah.
In Wirklichkeit lief es allen Kastenvorschriften zuwider, überhaupt an meinem Tische zu essen, ein Verstoß, der dadurch noch unverzeihlicher wurde, weil ich bei diesen streng verpönten Mahlzeiten zugegen blieb.
Aber keiner der Herren war so kastentreu oder so wählerisch, wenn er sich bei mir zum Essen einlud. Zuweilen nur wurde mein Koch aufs Gewissen gefragt: es käme doch kein Rindfleisch auf den Tisch? Er schwor mit allen Eiden, daß seine eigene Kaste es ihm verbiete, eine derartige Todsünde, wie das Braten etwa eines Filets, überhaupt mit anzusehen, geschweige denn, selbst dabei Hand anzulegen.
Dabei war er ein Kastenloser, der den katholischen Glauben angenommen hatte. Auch dies war meinen Gästen genau bekannt. Doch voreinander gaben sie sich den Anschein, als ob sie der Versicherung des Koches Glauben schenkten, selbst wenn der betreffende Fragesteller eben im Begriff stand, sich ein saftiges Stück Rinderbraten auf den Teller zu legen. Die Hauptsache war, daß sie sich gegenseitig vorspiegeln konnten, sie handelten in gutem Glauben, und was das Essen selbst anbelangte, daß ich ihnen recht viel vorsetzte.
Daran fehlte es ja nun nie. Der Meister im Vertilgen von Speisen war ein Parsi-Arzt in Baroda, ein gewisser Doktor Bahrutscha, der niemals verfehlte, sich einzufinden, wenn ich Gesellschaft bei mir hatte, eine Tatsache, die ihm seine Leute, die es wieder von den meinen wußten, stets mitteilten.
Dieser Heilkünstler der Parsisekte, die, aus Persien stammend, wenigstens an keine Unmenge verschiedener Götter glaubt, sondern das Feuer als reinigende Emanation des Göttlichen betrachtet und in ihren religiösen Anschauungen transzendental genug gerichtet ist, um auch nach europäischen Begriffen philosophische Gespräche führen zu können, pflegte die Gesellschaft mit seinen Anekdoten zu unterhalten. Wie alle Parsi war er regeren Geistes, als die meisten Inder, was sicherlich damit zusammenhing, daß seine Begriffe nicht von Jugend auf in die Zwangsjacke der jedem vernünftigen Denken unzugänglichen Kastenvorschriften gepreßt worden waren.
Doch während des Essens gab er sich nicht mit Anekdotenerzählen ab und stieß, angeredet, nur ein unwilliges: „Tairo“ (Abwarten!) durch die Nase hervor. Als er zum ersten Male bei mir zu Tisch war, sah er mit schreckhaftem Bedauern, daß nicht ganz geleerte Platten wieder in die Küche getragen wurden. Beim nächsten Male ersuchte er meinen „Kansama“, den Aufseher der Tischdiener, doch darauf zu achten, daß man ihn als letzten bediene. Dies hatte jedoch nicht das geringste mit Bescheidenheit zu tun. Sondern, wenn er gesehen hatte, daß keiner der Anwesenden zu kurz gekommen war, häufte er sich alles, was er noch auf der Platte vorfand, ganz gleich, ob Braten oder Geflügel oder Fisch oder eins der tausend Reisgerichte, in deren Zubereitung sich die indische Küche auszeichnet, auf den Teller und machte sich an die Arbeit. Koteletten stopfte er sich ganz in den Mund, wie überhaupt alle diese Herren es bei weitem vorzogen, mit den Fingern zu essen. Solange er zu meinen Gästen gehörte, gab es keine Reste.
Alle anderen beneideten ihn um seine unermüdbare Eßfähigkeit. Wie üblich, wurde von den Indern nie etwas zu den Mahlzeiten getrunken. Bier verschmähten sie überhaupt. Um den Durst zu löschen, genüge Wasser. Der Zweck des Trinkens liege in seinen berauschenden Folgen, ist die indische Auffassung. Dazu ist Bier aber ein viel zu langweiliges und mühevolles Mittel. Portwein, Sherry, Liköre, durch Zusatz von Kognak verstärkt, entsprechen dieser ersten Anforderung besser. Doch das vornehmste ist Sekt. Er erregt die schlaffen indischen Nerven noch am schnellsten und kräftigsten und gibt ihnen vorübergehend die vom Inder am meisten geschätzte jugendliche Spannkraft und organische Betätigungslust, die ihm, wohl auch infolge seiner früh einsetzenden Ausschweifungen, schon in jungen Jahren abhanden zu kommen pflegen.
Tanzmädchen
Nach dem Essen ist es üblich, daß Tänzerinnen den bis zum Halse vollgestopften Gästen ihre Künste zeigen. Diese Tänze werden für den Europäer an Langweiligkeit nur durch die endlose Monotonie der Begleitmusik übertroffen. Die Tänzerinnen, in wallende Schale, anliegende glitzernde Mieder und weite, über den Knöcheln der bloßen Füße zusammengebundene Beinkleider gehüllt, bewegen sich in einem Rhythmus von unendlicher Einförmigkeit stundenlang auf einer Stelle, heben und senken die Arme, biegen den Oberkörper bald nach rechts, bald nach links, machen einige kleine Schritte vor- oder rückwärts, drehen sich mit unglaublicher Langsamkeit um sich selbst und machen mehr den Eindruck verschlafener Marionetten als den lebender Wesen. Ihre Vorführungen sind nur auf den Ausdruck ganz bestimmter Körperhaltungen berechnet, ohne daß sie darauf ausgingen, in Linie und Haltung seelische Erregungen zu versinnbildlichen. Dazu ertönt ein ohrenbetäubender Lärm ohne jeden, für europäische Ohren erkennbaren Rhythmus, und hin und wieder ein fürchterliches Geschrei der begleitenden Musikanten. Das Ganze muß mehr unter dem Gesichtspunkt lebender Bilder beurteilt werden, was jedoch dadurch erschwert wird, daß der Europäer sich erst durch mühevolles Nachdenken in die den verschiedenen Haltungen zugrundeliegenden Vorstellungen rein indischer, durchgängig dem Sinnlichen entnommener Phantasien, versetzen muß.
Doch der Inder kann den Tänzerinnen stundenlang zusehen und wird von den Tanzvorführungen und der uns vollständig unverständlichen Musik in das höchste Entzücken versetzt. Wahrscheinlich beruht dies auf der viel geringeren Reizbarkeit seiner Nerven, die bedeutend langsamer als europäische reagieren und die, um überhaupt in Schwingungen zu geraten, eine ständige, langdauernde Wiederholung desselben Eindruckes erfordern, also gerade das, was die Nerven eines Europäers am ehesten ermüdet.
Die Tänzerinnen in Indien, die diese Vorstellungen geben, heißen „Nautsch-Mädchen“ und erinnern in der Wertung ihrer gesellschaftlichen Stellung sehr an das Ansehen, das den Hetären Griechenlands zuteil wurde. Während die indische Durchschnittsfrau das unangesehenste, vernachlässigtste, um nicht zu sagen verachtetste Geschöpf innerhalb der indischen Gesellschaft ist — abgesehen natürlich von den Frauen der Fürsten, jedoch auch sie nur innerhalb gewisser Grenzen —, ohne jedes Wissen, ohne irgendwelche Begriffe, so sind die Nautschtänzerinnen nicht nur von den, überall den Frauen in Indien aufgelegten Sklavenfesseln frei, sondern sogar die anerkannten Herrscherinnen der indischen Gesellschaft.
Meistens stammen sie aus Tandschor und Travancor in Süd-Indien, denn den Mädchen Zentral-Indiens, wie denen der Nordwest-Provinzen und Kaschmirs oder gar Bengalens fehlt es an Schönheit und Körperhaltung für die Aufgaben des Tanzes. Frühzeitig schon werden sie für ihren Beruf ausgebildet; sie lernen lesen und singen und haben große Bewegungsfreiheit, trotzdem sie in vielen Fällen der Travancor-Brahminen-Kaste angehören.
Ein jeder Fürstenhof verfügt über ein besonderes Nautsch-Korps, das etwa dreißig, auch vierzig oder fünfzig Tänzerinnen umfaßt und ungefähr dem Ballet eines europäischen Hoftheaters entspricht. Die Mädchen müssen von möglichst hellbrauner Hautfarbe sein und werden von den mit ihrer Erwerbung oder Einkauf betrauten Beamten sorgfältig ausgesucht. Ein zu dunkler Hautton würde ihn unweigerlich seine Stellung kosten. Die indische Art, sich zu kleiden, oder besser den Körper mit unförmlichen Gewändern zu Bündeln zu verunstalten, Ohren, Nase, Fußknöchel, Arme und Hände mit goldenen und silbernen, dicken Schmucksachen zu überladen, bringt ihre oft erstaunliche Schönheit nicht vorteilhaft zur Geltung. Gewöhnlich tragen sie außer dem faltigen Obergewand ein an der Wade festanliegendes Beinkleid, das, im Oberschenkel weit geschnitten, in vielen Falten herabfällt.
Sie genießen ganz besonderes Ansehen und gelten im Tempel und im Hause für unentbehrlich. Allen Festlichkeiten der Eingeborenen wird erst durch ihre Gegenwart der rechte Glanz verliehen. Ein Nautschmädchen schmückt die Braut am Hochzeitstage. Ihr Erscheinen genügt, ein im Kastensinne verunreinigtes Haus wieder rein zu machen. Alle Kasten verehren sie, und ganz allgemein haben sie stets das Recht, selbst in Anwesenheit der höchststehenden Persönlichkeiten sich zu setzen.
In vielen indischen Gegenden werden sie wie Prinzessinnen geachtet. Ihre Gehälter sind für indische Begriffe fürstlich, erhalten sie doch bis tausend Rupien im Monat, mehr, als den meisten indischen Ministerpräsidenten an offiziellem Gehalt zusteht. Daher haben sie auch niemals Veranlassung, ihre Gunst zu verkaufen, sondern sind ganz im Gegenteil frei, ihren Neigungen zu leben.
Indische Diebe
Ebenso verachtet, wie die Nautschmädchen geachtet werden, ist der schon als vorzüglicher Hindu-Schikari (Jäger) erwähnte Angehörige der Baurikaste. Sein Gott ist der Gott der Diebe, zu dessen größerer Ehre alle Beute- und Raubzüge unternommen werden. Sein Bild steht unter dem großen, schattigen Maringenbaum des Dorfes, das nur von Mitgliedern ihrer Kaste bewohnt wird, auf dem freien Platze vor dem Hause des „Patel“, des Dorfältesten.
Aber auch die Bauri haben ihre Verehrer. Das sind die Polizisten. Aus verschiedenen Gründen. Kein Bauri darf sein Dorf vom Untergang bis zum Aufgang der Sonne verlassen, er sei denn bei einer Jagd beschäftigt. Für die Einhaltung dieser Vorschrift soll der Patel mit seinem Kopfe stehen. In den Vasallenstaaten nun wird es mit dieser Vorschrift nicht so genau genommen, da die Polizei dort wenig Neigung zeigt, sich mit Dingen zu befassen, die außer unangenehmen Handgreiflichkeiten nichts einbringen. Dafür aber steht der Polizist gern in einem nahen Verhältnis zu dem Bauri. Fängt er ihn als Dieb, ist er keines besonderen Lohnes sicher. Fängt er ihn nicht, so hat er nur Arbeit und Mühe mit ihm. Daher folgt er meistens liebevoll seiner Laufbahn im verborgenen und versucht, mit dem Bauri auf gutem Fuße zu stehen, der nicht abgeneigt ist, im Verhältnis zur allgemeinen Schlauheit des Polizisten, ihn an den — meist recht bescheidenen — Gewinnen seiner Unternehmungen teilhaben zu lassen.
Jedoch einen wird der Bauri nie bestehlen: seinen Jagdherrn. Lieber stellt er sich ihm mit seinen scharfen Sinnen als eine Art Detektiv zur Verfügung. So unterstand mir in Baroda ein ganz besonders gefürchteter Bauridieb, namens Kalru. Wenn er der gewandteste Dieb und geschickteste Gauner der nahen und ferneren Umgebung war, so war er auch unstreitig der beste Jägersmann. Ich machte ihn daher zum „Dschamadar“ oder Aufseher über seine Schikarigenossen, die in meinen Diensten als Oberjagdmeister des Fürsten standen.
Hatte ich ihn so für mich und all die vielen Häuser, Gärten, Höfe, Ställe und Landgüter, die mir unterstanden, als Dieb unschädlich gemacht, so mußte er doch, obgleich er sich als Dschamadar für seine Verhältnisse glänzend stand, seinem Gott zu Ehren und um seines eigenen Ansehens bei seinen Kastengenossen, sowie um seines eigenen Vorteils willen, noch immer auf Diebesfahrten ausgehen. Dabei stieß er aber stets einige Meilen in das benachbarte britische Gebiet vor und schonte die Umgebung von Baroda. Besonders erfolgreich sollte er in der nächsten britischen Garnison gewesen sein. Jedenfalls war er dem dortigen Polizei-Inspektor ein Dorn im Auge, dem er von dem Polizeivorsteher in Ahmedabad als ganz gefährlicher Kunde aufgegeben worden war.
Nun ist es eine der üblichen Ausreden der englischen Polizei auf britischem Gebiete in Indien, stets zu betonen, der Grund, weshalb so viele Verbrechen begangen und so wenige Verbrecher gehenkt würden, liege darin, daß alle Diebesnester in den Vasallenstaaten gelegen seien, wohin ihr eigener Arm nicht reiche.
Der fragliche Polizei-Inspektor war ein ebenso leidenschaftlicher Jäger wie ich und mir befreundet. Eines Tages war er bei mir zu Besuch und nahm an einer großen, von mir zur Weihnachtszeit veranstalteten Jagd teil, zu der die Freigebigkeit des Gaekwar mir Gelegenheit gab.
Als die Gesellschaft abends im Meßzelte zusammensitzt, kommt die Rede auch auf meinen Dschamadar Kalru, und es fällt dem Polizei-Inspektor ein, daß dies doch der Mann sei, den man ihm von Ahmedabad aus als so gefährlich aufgegeben habe. Er bittet mich daher, den schlimmen Gauner doch einmal kommen zu lassen, um ihn sich anzusehen und ihm ins Gewissen zu reden. Kalru, der natürlich im Jagdlager war, erschien unterwürfig und unschuldig-bescheiden am Zelteingang.
Der Polizei-Inspektor hält ihm alle seine Schandtaten vor und droht, bei dem Gaekwar seine Auslieferung zu beantragen, wenn er nicht von seinen bösen Pfaden lassen wolle. Kalru beteuert seine vollkommene Unschuld und verspricht alles, was der Polizei-Inspektor will. Ich beruhige den Mann der öffentlichen Sicherheit mit Hinweisen auf Kalrus vorzügliche Eigenschaften als Jäger. Alle Anwesenden beginnen, Geschichten von der erstaunlichen Schlauheit und Gewandtheit der Bauri im allgemeinen zu erzählen und wie sie jeden, wer es auch sei, zu überlisten vermöchten.

Ein typisches indisches Straßenbild: Barbier auf der Straße
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Indischer Gaukler mit Pariahund und Affen
⇒ GRÖSSERES BILD
Der Polizei-Inspektor, der nichts auf seine und seiner Leute Überlegenheit jedem Diebe gegenüber kommen lassen will, bestreitet das Lob und behauptet, daß, solange seine Sachen unter der Obhut seiner selbst und seiner braven Polizisten seien, ihm niemand etwas stehlen könne.
Diese Gelegenheit benutze ich zu einem Versuch, meinen Dschamadar zu schützen, und trage daher dem Polizei-Inspektor eine Wette an, daß Kalru ihm noch in dieser Nacht irgend etwas aus seinem Zelte entwenden werde, wenn ich ihm den Auftrag dazu gäbe. Natürlich müsse er straffrei bleiben, und alle seine Missetaten in der Vergangenheit sollten im Buche der hohen Polizei gelöscht und ausgestrichen werden. Es handelte sich dabei nur um Diebstähle ohne große Bedeutung, die mehr mit Schlauheit und Geschicklichkeit ausgeführt worden waren, als daß dabei irgendwelche besonderen Werte Kalru bereichert hätten.
Gegen den Freispruch meines Dschamadars auf dieser etwas eigentümlichen Grundlage setze ich eine Kiste Champagner. Die Wette wird unter Gelächter eingetragen und abgeschlossen. Da wir am nächsten Morgen wieder früh zur Jagd aufbrechen wollen, geht ein jeder bald darauf in seinem Zelte zu Bett. Ich aber lasse mir Kalru kommen, rede ihm meinerseits ins Gewissen und stelle ihm vor, welchen Vorteil er in dieser Nacht erringen könne, wenn es ihm gelänge, den Polizei-Inspektor zu bestehlen: Vergessen aller seiner Straftaten und Ehre und Ansehen bis nach Ahmedabad!
Kalru natürlich schwört bei dem Seelenheil seines Vaters und seiner Mutter, daß er niemals das geringste gestohlen habe und weist, wegen vollkommener Unerfahrenheit in solchen Sachen, meine Zumutung entsetzt von sich. Übrigens, wie könne er es wagen, einen so hohen Beamten, wie den Polizei-Sahib, auch nur anzusehen, geschweige denn einem so gewaltigen und mächtigen Manne etwas, und sei es das geringfügigste, zu entwenden.