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Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling

Der Duckmäuser (continued 5)

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Hat er nicht einen Briefwechsel mit seinen Geschwistern angefangen, an welche er lange Jahre nicht geschrieben? Wurden die Antworten nicht eine reiche Quelle des Trostes und der Ermunterung für ihn? Erfuhr er nicht unter andern, der Vater habe noch einige Stunden gelebt und Zeichen der Verzeihung gegen das Bild an der Wand gemacht, welches den Benedict als Hobisten darstellte? Schöpfte der Unglückliche nicht daraus den Trost, der Vater habe ihn noch bei Lebzeiten nicht für seinen absichtlichen Mörder gehalten?

Am ersten Montage des Septembers 185... wurde Nro. 110 unvermuthet ins Besuchzimmer abgeholt. Er schrak ganz zusammen und die Kniee zitterten ihm, als er durch die kühlen Gange geführt wurde und erinnerte sich, auf diesem Wege sei er in die Anstalt hereingekommen.

Richtig liegt auch das Besuchzimmer im Vorderbau beim Eingange und der Gefangene, welcher Besuch empfängt, sieht die Thüre, die ins große Zuchthaus hinausführt.

Das Besuchzimmer des Zellengefängnisses ist so eingerichtet, daß der Gefangene nicht das Mindeste von den Besuchern in Empfang zu nehmen vermöchte, wenn auch gar keine Aussicht vorhanden wäre. Die Leute sehen einander mit Mühe, geschweige daß sie sich die Hand zu geben vermöchten und die Stimme ist wohl das Hauptsächlichste, woran sie sich gegenseitig erkennen. Hausordnungswidrig darf sich auch keine Stimme vernehmen lassen, denn zwischen den bis zur Decke eng verpallisadirten Käfigen der Besuchenden und des Besuchten steht ein Aufseher, so lange sie zusammen reden und diese Aufseher sind ausgewählte, pflichttreue Diener, wie man sie wohl selten in einer Strafanstalt beisammen trifft.

Für die übertrieben scheinende und in der That harte Einrichtung des Besuchzimmers finden wir nur Einen haltbaren Grund: man will die Angehörigen, Freunde und Bekannten der Zellenbewohner von Besuchen abschrecken.

Dieser Grund ist allerdings haltbar, weil ein Zellenbewohner wahrend seiner ganzen Haft mehr oder minder in einem empfindsamen, leicht erregbaren Zustande sich befindet und durch nichts leichter als durch Besuche in eine gewaltige und manchmal unheilbringende Aufregung versetzt wird.

Wer weiß, welchen Eindruck der jetzige Besuch auf den Benedict gemacht hätte, wenn er nicht bereits zum religiösen Halt in sich gelangt gewesen wäre!——

Er hat am Besuchzimmer später nichts ausgesetzt, denn er fühlte sich unwürdig, den beiden Lieben, welche ihn besuchten, näher zu treten und die Hand zu reichen und mußte sich im ersten Augenblicke an einer Pallisade halten, um nicht zusammenzubrechen. Standen doch ihm gegenüber der älteste Bruder, der Johannesle, welcher Zeuge der allerersten Arretirung in der Apotheke gewesen und neben ihm——das Rosele!

Stumm, von seltsamen Gefühlen bewegt, schauten sich diese drei Menschen an, so gut es möglich war, dann brachen sie in ein lautes Weinen und Schluchzen aus und endlich begannen sie zu reden, anfangs ohne recht zu wissen was und wovon. Der Benedict faßte noch zuerst Muth und Besinnung und erzählte ihnen sehr Tröstliches von seinem Zellenleben, was die Beiden ruhig machte.

Wie groß und mannhaft ist der Johannesle geworden und jetzt verheirathet, wie sehr hat das Rosele gealtert und wie manche Thräne mag über diese braunen, gefurchten Wangen geflossen sein! Das Weib des Straßenbasche ist todt, doch der alte Mann lebt noch, sie pflegt ihn und ist ledig geblieben bis zur Stunde. Der Mensch liebt nur einmal recht in seinem Leben, alles Späterkommende ist mit Lumperei vermischt!—

Daheim im Dörflein hat das Jahr 1848 die rothe Schwitt vollständig ans Ruder gebracht und der Willibald ist Obmann des Sicherheitsausschusses gewesen. Es gab nur Demokraten, welche soffen und schrieen und Einige, welche in Winkeln herumkrochen, das Maul hielten und erst nach der Ankunft der Preußen auf die frühern "Maulhelden," um deretwillen doch eine Armee ins Land rückte und das Pulver nicht sparte, tapfer schimpften. Dafür wurden diese Bürgermeister und Gemeinderäthe; nur Einer ging leer aus und meinte, er hätte es eher als Alle verdient. Dieser Eine war der Sohn des alten, längst vermoderten Fidele, der Max vom Rindhofe, der Taufpathe der rothen Schwitt.

Dieser Taugenichts, an welchem übrigens ein Heli von Vater, eine dem positiven Christenthum bereits entfremdete Schule und vor Allem schlechtes Beispiel Vieles versündiget, hatte die Zukunft der rothen Schwitt als Anführer derselben anticipirt, bevor die Februarrevolution ausbrach und alle Rothschwittler und Rothschwittlerinnen des Landes zu Ehren brachte.

Den gewöhnlichen Weg vom leichtsinnigen Müßigänger zum genußwüthigen Lumpen, von diesem zum kleinen und allgemach zum großen Verbrecher und entschiedenen Feinde Gottes und der Menschen durchmachend, lernte Max das Innere vieler Wirthshäuser, Spitäler und Gefängnisse kennen und benahm sich im Heimathdörflein so, daß selbst die ärgsten Rothschwittler nicht gerne mehr mit ihm sich abgaben.

Seit den Märztagen führte der Willibald das große Wort im Dörflein, das sich wie an den meisten Orten in drei Parteien theilte, nämlich in eine lärmende und herrschende, in eine feigherzig schweigende und unentschlossen abwartende und endlich in die Windfahnenpartei, welche sich heute zu dieser morgen zu jener neigte, heute das einige Deutschland und den Großherzog, morgen die Republik hochleben ließ.

Mit Max hielten es nur einige Schnapslumpen und Solche, welche auch bereits aus Erfahrung wußten, wie Gefängnißsuppen und Zuchthausbrod schmecken. Das Dörflein hat während der langen Abwesenheit des Benedict traurige Fortschritte in Liederlichkeit und Verarmung gemacht, trotz den Anstrengungen derer vom alten Schrot und Korn und der Jungen der schwarzen Schwitt seinen guten Ruf jährlich mehr eingebüßt und ist das Haus des Brandpeterle nebst einigen andern aus einer Schule der Laster zur Verbrecherschule geworden.

Was man wenig überlegt und selten gelten lassen will, nämlich die Mitschuld der Gesellschaft an den Verbrechen der Einzelnen ließe sich gelegentlich dieses Dörfleins bis ins Einzelnste nachweisen, mit Namen, Thatsachen und sogar mit Zahlen belegen und spielte der Name eines Pfarrverwesers der Nachbarschaft dabei leider eine ebenso erhebliche als unläugbare Rolle. Wir können uns hier nicht näher darauf einlassen und melden zunächst nur, daß die Lumpen und Schlechten begreiflicherweise der Gesellschaft und dem Staate nicht einige Mitschuld, sondern übertreibend die Hauptschuld an ihren Lumpereien, schlechten Streichen und Verbrechen aufbürdeten und beim Ausbruche des Lärmes freudenroth und blutigroth schillerten und redeten, weil sie vermeinten, nunmehr sei das goldene Zeitalter der "Bürger" Schurk und Compagnie vor der Thüre und bereit waren, Alles zu thun, was ihren alten Gegnern zuwider und arg und ihren Wünschen entsprechend war.

Doch der Willibald trat sogleich an die Spitze der Liberalen, die in einer Woche zu vollblütigen "Demokratern" wurden und statt mit dem Max und dessen engern Freundeskreis zu fraternisiren, warf man ihm die bittere Wahrheit haufenweise ins Gesicht und durfte in Gegenwart der alten Freunde kaum ein Gläslein im Hirzen trinken, ohne in Gefahr und wegen seines bösen Maules manchmal in den Fall zu gerathen, eine unfreiwillige Reise durch die Luft zu machen. Der Max, darob erbost, liebäugelte einige Zeit mit den alten Freunden seines Vaters, welche aus ruhigen Bürgern zu heillosen "Aristokraten" geworden. Diese machten es ihm gerade wie die Windfahnen; sie scheuten sich, ihm und seiner Sippschaft offen entgegenzutreten und ließen sich nur durch die Unverschämtheit, mit welcher er Jeden mit "Du" und "Bürger" anredete, in die Häuser eindrang und schmarotzte, zuweilen bewegen, ihm nicht mit schweigender Verachtung zu begegnen, sondern gleich den Demokratern mit Dreschflegeln zu winken.

Kurz und gut, der redegewandte Max mit den Seinigen gelangte zu keinem Einfluß, fand Alle gegen sich und schimpfte heidenmäßig auf Alle. Als im Spätjahr 1848 die Nachricht kam, wie Struve im Interesse der Freiheit, Bildung und des Wohlstandes Aller im Oberland die Einzelnen traktire, Beamte in Ketten schlage, ganzen Dörfern mit Brand und Mord drohe, Einzelne fange, Gelder des Staates einsäkle und zahmgewordenen Kammerlöwen mit dem Sarras winke, um sie zu patriotischen Liebesgaben an die soziale Republik aufzumuntern, da schwoll dem Max das Herz in freudigbanger Erwartung, seine Sippe steckte die Köpfe zusammen, die Demokrater kratzten hinter den Ohren, die Aristokrater ließen schwere Seufzer fahren und gruben Nachts Löcher im Keller, die Windfahnen vertilgten mehr Wein, Bier und Schnaps als je, um beim etwaigen Einzuge des "Statthalters und der Statthalterin" dauerhafte Gurgeln zum Vivathochschreien zu haben.

Leider machte ein regnischer Sonntag im September den frühlingshaften Ahnungen der Rothen, Röthern und Röthesten des Ländleins durch die "Schlacht" bei Staufen ein Ende und als der Max gar erfuhr, daß Struve in der Nacht mit der Eisenbahn als Gefangener durch die erste Provinz seines Reiches gesaust, da rief er in tiefem Schmerz:

"Mit Deutschlands Einheit ist's Mathäi am Letzten. Das Parlament läßt nicht hängen und köpfen, der deutsche Michel läßt seine besten Männer besiegen, die Elsässer halten uns mit ihren Pralereien zum Narren, rächen wir uns an der schwarzen Schwitt, denn diese trägt an allem Schuld!"——

Gesagt, gethan. Er stand mit einigen Kameraden dem Willibald als einem Abtrünnigen und "Aristokrater" auf den Weg, sie schlugen denselben halbtodt und nahmen sich das Trinkgeld dafür aus seiner Tasche. Schon einige Stunden später saßen Alle im Amtsthurme, doch der Rädelsführer fröhlich und guter Dinge, denn erstens war die Kerkerkost besser als in friedlichen Zeiten, zweitens hegte er keinen Zweifel als politischer Verbrecher behandelt, beurtheilt und, amnestirt zu werden und drittens dann als politischer Märtyrer etwas einträglichere Geschäfte als bisher machen zu können.

Die Untersuchung währte sehr lange; die Richter empfanden damals große Scheu, irgend einem Sohne des souveränen Volkes Unrecht anzuthun und beliebäugelten das Individuum im Spiegel der Allgemeinheit. Doch nach der Mairevolution erwachte der alte Heldenmuth und eine niegesehene Rührigkeit im Verurtheilen und der Max spazirte als Räuber dahin, wohin er gehörte.

"Er hat's noch nicht abgesessen und lebt unter Einem Dache mit Dir!" schloß der Johannesle; siedendheiß fuhr es dem Benedict durch die Glieder, denn der alte Schwarzschwittler regte sich in ihm und konnte es nicht lassen, mit dem Haupte der rothen Schwitt am gleichen Ziel angekommen zu sein und unter Einem Dache zu leben.—

Nach vielen Herzkäfern und Schulkameraden, deren Stolz und Freude er dereinst gewesen, wagte er gar nicht zu fragen, denn der Johannesle besaß keinen Funken jenes Taktes, mit welchem Besucher mit Zellengefangenen reden müssen, wenn sie denselben keine schweren Stunden und schlaflose Nächte bereiten wollen und das Rosele war etwas schweigsam und kurz.

"Hab' oft für Dich gebetet, Benedict und will für Dich jetzt täglich in die Frühmesse gehen. Was ich nicht über Dich vermochte, vermag am Ende dieses wunderliche Haus noch am besten!—Sei getrost, der alte Herrgott lebt noch und weiß, was für Dich gut ist und die großen Herren sind besser als die kleinen. Betrübe Dich nicht zu sehr, weil Du da sitzest, denn daheim und im Lande sieht es so aus und geht es so zu, daß auch ordentliche Leute manchmal fast froh wären, hier oder doch tausend Stunden vom Rhein weg zu sein und Maxes alte Kameraden erzählen genug, wie man im Zuchthaus ungeschorener und besser lebe als in der Freiheit!"—

"Viele, die selbst mitmachten, sind jetzt die ärgsten Anzeiger und Leuteschinder; wenn man's sieht, wie das Land ausgefressen und ausgesogen, dem Armen das letzte Leintuch unter dem Leibe weggerissen wird, weil der "Vollstrecker" oder der Staat Geld braucht und wie nirgends Zutrauen und Verdienst zurückkehren wollen, da wunderts Einen nicht, weßhalb Tausende jetzt auswandern nach Amerika. Am Ende kommst Du auch noch hinein, Benedict, denn seitdem die Gemeinden und der Staat Solche, die im Zuchthaus gewesen wegen Stehlen und Rauben, mit den Politischen nach Amerika spediren, geht das Gerede, alle Zuchthäuser würden allgemach geleert und der Befehlshaber von Amerika habe herausgeschrieben, man solle ihm doch alle Arrestanten schicken, weil es an Händen fehle zum—Arbeiten!"

Benedict schüttelte etwas ungläubig den Kopf und meinte:

"Für mich gibts keine irdische Hoffnung mehr!—Ich habe schon an Dir, Rosele, mein Loos verdient, weil ich Deine einst so treue Liebe so mißachtete und mißhandelte!—Ich möchte nicht einmal wieder unter die Menschen, denn was habe ich zu erwarten? Gutes wenig, sei es im Badischen oder in Amerika. Lebewohl, Liebe, bete für mich und denke, daß ich endlich doch hier ein anderer Mensch werde!"

Rosele fuhr mit der Schürze über die Augen, winkte dem Unglücklichen noch einmal mit der Hand und wandte sich nach der Thüre, während Johannes einen Besuch im nächsten Jahr nach der Erndte versprach, falls diese gut ausfalle und ziemlich kühl Behütegott sagte.

Der Benedict hat sich eine Minute an den Pallisaden gehalten, als die Beiden gingen, hat gezittert und sich schier die Lippen wund gebissen, um nicht laut aufzuschreien. Doch ist er seiner selbst Meister geworden und still in seine Zelle zurückgekehrt, wo er auf die Kniee fiel und Gott ein heiliges Gelübde machte.

Seitdem ist er allgemach zu einem rechten Christenmenschen geworden, hat tief in sich hineingeschaut wie selten Einer und ernsthaft an seiner innern Läuterung gearbeitet, so daß er nunmehr alle Leiden um Christi willen freudig trägt.

Und wenn heute der herzensgute Fidele vom Grabe auferstünde und seinen Einzigen im grauen Kittel in der Zelle sähe, so würde sein Schmerz durch die Freude überwogen, in diesem zwar einen Verbrecher, aber einen gebesserten Verbrecher zu finden.

Der Max vom Rindhofe hat in der Zelle auch Gelegenheit erhalten, über sich selbst lange und ernstlich nachzudenken und sich selbst gründlich kennen zu lernen. Selbsterkenntniß aber ist und bleibt der Anfang aller Weisheit. Könnte man alle Menschen gleich den Zellenbewohnern zum Nachdenken zwingen—die Erde hörte auf, ein großes Zuchthaus zu sein und der Streit, ob man Mitmenschen pennsylvanisch, auburnisch oder nach der alten Methode drangsaliren müsse, damit die Gesellschaft sicher sei, würde als Kennzeichen einer rohen und barbarischen Zeit betrauert werden.

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