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Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling

Aus den Briefen des Spaniolen.

Reading edition

Vorbericht.

Der Spaniol ist ein alter Bekannter aus dem ersten Theil und hat vielleicht mancher Leser schon zu erfahren gewünscht, wer und woher er wohl und wie es ihm bisher ergangen sein möge. Einerseits Revolutionär als Grundsatz, gehört er anderseits schon vermöge seiner höhern Ausbildung und gewaltig hohen Verbildung den höhern Volksklassen an.

So unrichtig es wäre, denselben als eine erdichtete Person zu betrachten, so sehr bitten wir auch, in ihm den Ausdruck einer großen Klasse von Menschen zu sehen, welche mehr oder minder bewußt und weitgehend dem Spaniolenthum huldigen. Seine Geschichte ist eine lange, lehrreiche und traurige. Statt ihrer geben wir nur Auszüge und dazu noch umgearbeitete Auszüge aus Briefen des Helden.

Warum?

Erstens erfordert eine lange Geschichte viel Druckpapier, noch mehr Schreibseligkeit und am meisten Geduld beim Leser. Der Herr Verleger besitzt zweifelsohne Papier genug, aber die Zuchthausgeschichten sind schon ihrem Inhalte nach etwas dick und sollen mindestens der Form nach nicht allzudick werden, damit sie sich leichter Platz machen in der elenden Zeit. Ferner hat möglicherweise schon Mancher gedacht, der Verfasser müsse ein recht schreibseliger Mensch sein, zumal er sich zuweilen wiederholt, allein Ein Beweis vom Gegentheil wird durch großartige Beschneidung der Geschichte des Spaniolen geliefert und manche Wiederholung mit der Furcht entschuldigt, daß der Leser diese Schrift als eine vorzugsweise für Unterhaltung berechnete ansehe, mit der Erfahrung, daß Kopfzerbrechen und Nachdenken keine Lieblingsleidenschaft des Publikums sei, mit der Gewißheit, daß man gewisse Dinge nicht oft genug sagen könne und vor Allem mit Vertrauen auf die berühmte deutsche Tugend der Geduld.

Zweitenswäre die Darstellung der innern Entwicklung und äußern Schicksale des Spaniolen sehr lehrreich und wohl auch unterhaltend, allein der genauem Veröffentlichung stehen größere Bedenken entgegen als bei allen übrigen in dieser Schrift vorkommenden Geschichten. Daß wir es dadurch mit Rezensenten, Schön-, Schwarm- und Rottengeistern der Gelehrtenrepublik, ja mindestens mit drei Viertheilen der Welt verdürben, wäre noch leicht zu verdauen. Wir fragen so wenig nach allen Interessen unserer Person als nur immer möglich und weil es auf dem unvermeidlichen Totenbette doch Eins ist, ob man sein Lebenlang Champagner oder Batzenvierer getrunken, Havannahcigarren oder Pfälzerkneller geraucht und auf Eiderdunen oder auf einem Spreuersack Nachts schnarchte, so würden wir uns nicht einmal sonderlich grämen, wenn man uns eines schönen Tages zum zweitenmal, aber dießmal um einer guten heiligen Sache willen an der Cravatte packte; wenn diese dadurch gefördert würde, könnte die winzige Person darob ganz fröhlich zu Grunde gehen.

Allein nicht unsere Person, sondern die des Spaniolen müssen wir verschleiern und diese auch weniger um ihretwillen, sondern wegen anderer Leute. Wir müßten nolens volens Vieles dichten, dürften Namen von Orten und Personen, Zahlen und manche Thatsachen nicht laut werden lassen, ohne Anstoß und Schaden zu verursachen und müßten dieselben doch laut werden lassen, um gehörige Lichtfunken in die dunkle Geburtsstätte des Spaniolenthums zu werfen. Solcher Widerspruch ist schwer zu lösen.

Dagegen bietet die Geschichte unseres Helden Anknüpfungspunkte und Thatsachen in Menge, um mindestens nachzuweisen, wie weit die Entchristlichung aller öffentlichen und gesellschaftlichen Zustände, die Protestantisirung des katholischen Volkes gedieh und wie namentlich das katholische Erziehungswesen kaum Spuren von christlichem geschweige kirchlichem Geiste an sich trug in einer Zeit—welche in manchen Gegenden noch nicht zur Vergangenheit geworden. Gegenwärtig, wo es Tausenden einleuchtet, wohin die Entchristlichung der Völker und die Protestantisirung katholischer Christen führe und wo aus den Denkschriften der Oberhirten der oberrheinischen Kirchenprovinz ein Wächterruf des Himmels an sämmtliche Dusler unter dem Monde erklingt, da wird es Pflicht, alle Kraft aufzubieten, um einer bessern Zukunft eine Gasse machen zu helfen.

Die Geschichte des Spaniolen enthält Thatsachen genug dafür, wie es lange Jahre namenlich mit dem Erziehungswesen in einem Lande aussah, von dessen Bewohnern zwei Drittheile katholisch getauft worden. Wir wählen diejenigen heraus, für welche wir im Nothfalle einstehen können, sei es, daß wir mit Andern Aehnliches oder ganz Gleiches erlebten oder Beweise beizubringen vermögen. Erkenntniß der Fehler ist der Anfang zum Besserwerden. Nebenbei soll Anderes, wenn auch nur flüchtig berührt werden, was darauf hinzielt, dem Staate und der Kirche mindestens mit gutem Willen beizuspringen und wenn dieser oder jener Punkt katholisch getaufte Museumslazzaroni, Gänsekielimperatoren, Säbelbedienstete, Volksbildner und Kleinbubenprofessoren, Kammerzeuse und andere Giganten der Aufklärung und Bildung ärgert oder in gelinde Wuth versetzt, so wissen wir keinen bessern Rath, als daß diese Herren das Buch mit fachgemäßer Entrüstung an die Wand werfen, den Spaniolen für einen pechschwarzen Demokraten und seinen Briefsteller für alles Mögliche halten, was ihnen just einfällt und beliebt.

Heilsamen Verdruß unter Namenchristen zu erregen, halten wir für großes Verdienst.

Drittens endlich ist die Geschichte des Spaniolen eine sehr traurige. Nun kann man zwar dem Schmerz eine Schellenkappe aufsetzen und in Trauermusik recht freundliche und lustige Stellen einflechten, zudem hat der Held über seine eigene Geschichte genug gelacht und es dauerte gewaltig lange, bis er zur Einsicht kam, seine Geschichte sei Eine zum Weinen—doch es gibt Schmerzen und Musiken, die sich mit Schellenkappen nicht vertragen und wo aus dem lustigen Aufjauchzen das tiefe innere Wehe nur noch herber heraustönt und der Spaniol ist ein ernster Christenmensch geworden, der nur mit einer ernsten Lebensbeschreibung zufrieden sein könnte. Damit nun vorliegende Briefe und der Schluß der Zuchthausgeschichten nicht gar zu traurig ausfallen, sind dieselben aus der Zeit genommen, wo der Held derselben nicht mehr in der Zelle zu B. und nicht mehr in dem engen, schwülen Kerker ungläubigen Aberglaubens seufzte, sondern wiederum den Wanderstab ergriffen hatte und wenn nicht im Himmel des Kinderglaubens, doch im Vorparadiese eines durch Nachdenken und Gebet neuerrungenen Glaubens an Christum den Gottessohn und die menschheiterlösende Mission der Weltkirche Jesu Christi weilte. Was den Inhalt der Briefe betrifft, so verhalten wir uns zu denselben wie ein guter Rathsherr zu den Ansichten seines Bürgermeisters. Wir nicken abwechselnd Ja und rufen: Einverstanden!

I.

—Es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man eine lange Reihe von Monden keinen Schritt ohne Ordre und Wächter thun darf, eingezwängt in den eintönigen Gang einer unerbittlichen Hausordnung und in den kleinen Raum von 8 Schritten Länge und 4 Schritten Breite, welchen eine Zelle einnimmt. Freilich gewöhnt sich der Mensch daran, eine Art Maschine zu werden und das eigene Wollen mehr oder minder aufzugeben; die anfangs beengende Zelle erweitert sich allmählig und wird aus einem öden Behälter zum freundlichen Stübchen, in welchem man sehr glückliche Stunden zu leben vermag—doch wie viele düstere und wildbewegte Tage, wie viele bange und verzweiflungsvolle Nächte muß man durchleben, bis es so weit kommt, einen Schimmer äußern Glückes zu genießen! Wie Alpdruck lastet die Einsamkeit auf dem Gemüthe und erdrückt jede frohe Regung in den ersten Monden der Haft. Später kommt das Nachsinnen und Nachbrüten, die Zelle bevölkert sich mit alten Gestalten der Vergangenheit, sie weisen die Schuld unserer Leiden von sich ab und auf uns selbst, der Teufel und der Engel in uns beginnen ihre geheimnißvolle Zwiesprache und diese Zwiesprache steigert sich zum folternden, herzzerreißenden Streit und verzweiflungsvollen Kampfe. Unentschieden wogte in mir der Kampf und Streit, erst am Ende des zweiten Jahres wurden die Stunden seltener, in denen der Böse mir gräßliche Gedanken, finstere Entschlüsse, blutige Hoffnungen in die Ohren flüsterte und ich tagelang der Gesellschaft Jenes mich erfreute, der Allen Alles werden kann und soll und im Grunde der einzige wahre Freund bleibt, welchen der Mensch auf dieser Welt zu erwerben vermag.

Wo Er weilt, herrscht Friede und Seligkeit, wo Er fehlt, Unruhe und Qual. Dies ist in allen Menschenwohnungen der Fall, doch der Zellengefangene empfindet es lebhafter als jeder Andere, weil ihm die zahllosen Zerstreuungen fehlen, durch welche die Freien das bange Herz in süße Gedankenlosigkeit einwiegen.

Die Freien, welche Ironie!—Die äußere Freiheit bleibt für den Herrn des größten Thrones und für den Bürger der freiesten Republik leerer Schein, hohle Redensart, wo die innere fehlt. Es gab und gibt wohl noch Könige, abhängiger und elender als der verlassenste Bettler ihres Reiches, und Gefangene, freier und glücklicher als die Gesetzgeber des freiesten Staates. Innere Freiheit ist die Quelle der äußern. Ein Volk, unter welchem viele innerlich Freie sich befinden, kann keine schlechte Regierung haben und von vornherein niemals in die scheinbare oder wirkliche Notwendigkeit versetzt werden, sich gegen dieselbe aufzulehnen und zu empören. Revolutionen sind Zeugnisse für tiefgehende Krankheiten der Völker und Folgen unbehaglicher Zustände, welche durch die Krankheiten ins Leben gerufen wurden.

Und krank, sterbenskrank ist unsere Zeit; sie liegt darnieder am Mangel an innerer Freiheit, näher am Mangel an positiver Religion und am Ueberflusse an einem Heidenthum, das weit ärger ist als das alte, weil man es kein unbewußtes und argloses nennen darf. Es strebt den ganzen Organismus des Staatslebens und der Gesellschaft zu vergiften und hätte denselben seit 300 Jahren schon mehr als dreimal vergiftet und ertödtet, wenn nicht die Kirche gegen alle Angriffe und Verfolgungen kirchlicher und politischer Revolutionen Stand gehalten hätte.

Doch—ich gerathe wieder auf Dinge, von welchen ich mindestens diesmal nicht reden wollte. Es ergeht mir wie alten Soldaten und den meisten Fachmenschen, welche jahraus jahrein von ihren Feldzügen und Geschäften reden und unwillkürlich immer wieder darauf gerathen, ob sie wollen oder nicht. Sollte ich mich entschuldigen, so wüßte ich nichts anzuführen, als daß ich eben leider ein entschiedener und im Kampfe nicht unerfahrener Soldat des Heidenthums gewesen und dadurch zum Verbrecher geworden bin.

Mein Herz zittert, sobald ich länger bei diesen Erinnerungen verweile. Sie liegen hinter mir als ein langer, banger Fiebertraum voll von gräßlichen Gestalten, drohenden Gefahren und niederschmetternden Erinnerungen. Ich weiß, daß du mir verzeihest und Dank weißt, wenn ich später über die Nachtseiten meines Lebens rasch hinwegeile. Es geschieht nicht, weil ich mich des Bekenntnisses, sondern weil ich mich meiner Verirrungen und Sünden schäme—mich selbst verachten und Gottes Barmherzigkeit anstaunen muß, der einen Unhold meiner Art zu sich rufen und aus einer Art moralischem Ungeheuer, dessen größte Tugend im Stolze auf seine Ungeheuerlichkeit bestand, wiederum zu einem Menschen, zu einem Christen werden ließ. Er würde es wohl nicht gethan und als gerechter Gott mich den Folgen meiner Unthaten überlassen haben, wenn nicht Er am besten gewußt hätte, daß weniger Selbstsucht als verwundete und verkehrte Liebe für meine Mitmenschen und nicht Bosheit, sondern frühgenährte Eitelkeit des Herzens mich auf einem Wege forttrieben, auf welchen ich mich nicht selbst brachte, sondern als Kind darauf gebracht wurde.

—Ja, einen großen Theil meiner Schuld schiebe ich keineswegs mit dem höflichen Dichter den Gestirnen zu, sondern muß und darf meine Eltern, Lehrer und die Gesellschaft überhaupt dafür verantwortlich machen. Dabei vergesse ich nicht, daß Eltern unter allen Umständen Eltern bleiben und daß die meinigen hinsichtlich ihrer natürlichen Gaben und thätigen Liebe für uns Kinder vortreffliche Menschen waren. Ich muß dieselben mit mir beklagen und nicht minder meine Lehrer, welche als Söhne und Träger der Bildung einer dem positiven Christenthum abholden und feindseligen Zeit eben auch zu dem gemacht worden waren, was sie aus mir und meinen Mitschülern machten: Namenkatholiken, Unchristen, Heiden.

Man sollte vermeinen, Eltern und Lehrer in christlichen Staaten erachteten es für die erste Pflicht, junge Seelen Christum kennen und lieben zu lehren, die Glaubenssätze und Gebräuche der Kirche so gründlich als möglich zu erklären und denselben handelnde Christen in ihrer Person zu zeigen. Solch heilige Pflicht wäre nicht allzuschwer zu erfüllen. Das Kind faßt Christum, weil sein Gemüth reine Liebe begreift und die natürliche Liebe, welche es für seine Ernährer und Lehrer empfindet, bildet die Uebergangsbrücke der übernatürlichen Liebe zum Himmlischen und Göttlichen. Ferner wären dogmatische Auseinandersetzungen für Kinder zwar unnütz, denn das Kind zweifelt nicht, sondern glaubt und vertraut und der erstarkende Verstand entwickelt mit der Zeit aus dem lebendigen Glauben an den Gottessohn alle Glaubenssätze als bloße Folgerungen aus jenem Glauben von selbst, doch eine oft wiederholte Erklärung aller Gebräuche der Kirche, in deren kleinsten eine unendlich tiefe Bedeutung liegt, sollte eben so sehr zur Obliegenheit der Eltern als der Lehrer werden. Endlich sind die meisten Erzählungen vom Leben der einzigächten Helden der Menschheit, der Helden des sittlichen Willens, nämlich der Heiligen für jedes Kinderherz so verständlich, anziehend und rührend, daß in keinem Hause eine Legendensammlung fehlen und nirgends dieselbe bestäubt in einem Winkel liegen sollte. Zuletzt liegt in der Befolgung der Vorschriften unserer Religion der ächte Stein der Weisen, das Geheimniß des zeitlichen und ewigen Glückes und wenn Eltern und Lehrer nicht einmal an ihre Kinder und Schüler, sondern nur an sich selbst und ihren handgreiflichen Nutzen, nicht an das Jenseits, sondern nur an den Augenblick und das Irdische dächten, würden sie darnach streben, ihren Kindern handelnde Christenmenschen zu zeigen, durch eigenes Beispiel zur Nachahmung reizen und an das Gute gewöhnen.

Zu all diesem gehört keine besondere Gelehrsamkeit, es kostet nicht viele Zeit und würde eher zu Ersparnissen als zu Ausgaben verhelfen.

Allein wie sieht es in protestantischen und katholischen Familien und Schulen mit der Pflege des Christenthums aus?

Gibst du nur den einzigen Satz zu, daß ein Christenthum ohne einen Gottessohn ein leeres Gerede sei, hinter welchem sich ein mit christlich klingenden Redensarten verbrämtes Heidenthum breit macht, so wird den Satz Niemand umstoßen können, daß bei weitem in den meisten Häusern und Schulstuben das heranwachsende Geschlecht zu Heiden statt zu Christen und weit eher für Wirthshäuser, Spitäler, Irrenanstalten und Gefängnisse denn für ein glückliches Familienleben, weil für die Kirche und den Himmel herangezogen werde.

Ich bin ein trauriges Beispiel dafür geworden. So wenig meine Erziehung in Haus und Schule einigen Antheil am Verdienste meiner Rückkehr zum Glauben besitzt, ebensowenig verhindert sie bei vielen Tausenden, daß diese werden, was aus mir, dem Liebling der Eltern und Lehrer, geworden.

Pietät verbietet mir, meine leiblichen Eltern von einer ungünstigen Seite zu schildern. Kinder ihrer Zeit und Opfer der Weisheit der Zeit, trug Alles, was angeborne Herzensgüte des Vaters und Sanftmuth der Mutter, günstige Lebensverhältnisse und erfahrne Weltklugheit bei ihnen vermochten, nicht genug zu einem dauerhaften häuslichen Glücke, wenig zum Gedeihen der menschlichen Gesellschaft und noch weniger dazu bei, denselben in der Todesstunde Trost und in den Augen Gottes besonderes Ansehen zu verschaffen. Und meine Eltern gehörten nicht nur zu den angesehensten und gebildetsten, sondern in der That zu den edelsten Persönlichkeiten meiner Vaterstadt, wie meine Lehrer zu den kenntnißvollsten und besten des Landes.

Der Vater war Arzt; ein religiös gesinnter Arzt ist wohl heute noch so selten denn ein gläubiger Jurist, ein frommer Lieutenant oder ein gottbegeisterter Handlungsreisender. Er besuchte die Kirche nur am Geburtsfeste des Landesherrn und galt als feiner, aufgeklärter Kopf, der wenig redete und mindestens vor uns Kindern niemals gegen die Religion und selten genen [gegen] diesen oder jenen Geistlichen zu Felde zog. Er überließ das Beten, Kirchengehen und die religiöse Erziehung seiner Kinder der Mutter und den Lehrern. Diese glaubte aufrichtig an einen Gott, aber weder an den Jehova des alten noch an den dreieinigen des neuen Bundes, sondern an den Gott innerhalb der Grenzen der Vernunft, an den des Zeitgeistes, der seine Bibel in den "Stunden der Andacht" gefunden. Er spielt in der Geschichte unseres Geschlechtes und im Leben des einzelnen Menschen genau dieselbe Rolle, wie ein gutherziger Onkel oder schwacher Vater irgend eines Theaterstückes, worin ein leichtsinniger Sohn oder Neffe einen dummen und schlechten Streich nach dem andern macht, den guten Alten auf jede beliebige Weise ärgert und quält und am Ende von allerlei Noth getrieben liebend und vertrauend in die stets ausgebreiteten Arme des Gerührten sinkt.

Man könnte diesen Gott den absoluten Heli nennen, der so oft vom Stuhle fällt und stirbt als es dem Menschen beliebt gegen den Willen desselben zu handeln.

Meine Mutter glaubte auch an Christum und würde Straußens mythische Nebelgestalt oder gar Daumers Menschenfresser mit Abscheu zurückgewiesen haben—aber ihr Christus war nur ein liebenswürdiger, großer Wohlthäter des Menschengeschlechts, den die gottlosen Juden peinigten und kreuzigten, weil eben Juden nichts von Weisheit, sondern nur das Geldzählen und Dukatenbeschneiden verstanden und schon damals Jeden der Ihrigen verfolgten, der für die benachbarten Gojims ein zu lautes Wort einlegte. Daß das Menschengeschlecht wegen des unschuldigen Apfelbisses in Ungnade gefallen, blieb ihr so unbegreiflich als die Nothwendigkeit, daß sich ein Schuldloser für das Menschengeschlecht mit Erfolg opferte.

Der Gedanke, daß Gottes eigener Sohn auf dieses armselige, winzige Erdenpünktlein herabgestiegen sei, um sich zum Schlusse eines armseligen und verfolgten Lebens als ohnmächtiger Mensch kreuzigen zu lassen, erschien ihr bald lächerlich bald empörend, je nachdem sie gerade gestimmt war. Es läßt sich begreifen, daß von einem heiligen Geist, der einst als einfältige Taube am Jordan herumgeflogen, bei meiner Mutter so wenig die Rede sein konnte als von der wahrhaften, wirklichen und wesentlichen Gegenwart Christi im heiligen Abendmahl. Sie fand wohl Geist in den Gedichten Schillers und Anderer, am wenigsten aber in geistlosen Catechismen und das heilige Abendmahl galt ihr als eine Art von Zweckessen, als Erinnerungsfeier an einen tüchtigen Volksmann. Natürlich vermochte sie in der katholischen Kirche, der sie mit Leib und Seele anzugehören vermeinte, weder eine vom heiligen Geist geleitete göttliche Einrichtung noch den fortgesetzten Christus zu erblicken. Die Kirche galt ihr einfach als menschliche, politisch nützliche und kluge Einrichtung und an die Stellvertretung Gottes im Priesterstand glaubte sie um so weniger, je mehr Bücher über die Gräuel des Mittelalters sie verschlang und je mehr Erzählungen vom starkmenschlichen Wandel vieler Geistlichen im Schwange gingen.

Sie betete und ging zur Kirche sowohl aus Bedürfniß als aus Gewohnheit. Das Bedürfniß war genau dasselbe, welches jeden geistig Gesunden ohne Unterschied des Glaubens zum Beten und zur Verehrung eines höchsten Wesens antreibt und über die Gründe ihrer Gewohnheit reiflich nachzudenken, dazu mangelte Anlaß, Lust und Zeit oder Alles zugleich. Aber—hörte sie am Sonntage nicht positives Christenthum von der Kanzel herab verkündigen? Wurden nicht katholische Handlungen vor ihren Augen fast täglich vorgenommen? Mit dem Predigen des positiven Christenthums war es in einer Zeit, wo noch kein Hirscher und Andere den tiefen und innigen Zusammenhang zwischen Dogmatik und Moral auseinandergesetzt hatten, bei der Bevölkerung mancher Pfarrei übel bestellt. Auch in unserer Stadt gab es Geistliche, welche Alles, nur kein positives Christenthum von der Kanzel herab verkündigten. Einzelne predigten im Laufe vieler Jahre immerhin zuweilen auch Glaubenslehren und meine Mutter wußte den Catechismus besser auswendig als ich, denn sie hörte den Kindern manchen Morgen nach dem Frühstück noch geschwind die Lektion des Religionsunterrichtes ab. Allein es stand vollkommmen [vollkommen] im Einklange mit ihren Grundanschauungen, daß sie die Glaubenslehren der katholischen Kirche nur als todte Gedächtnißsache inne hatte und den Unterschied zwischen Katholiken, Protestanten und wohl auch den Juden als Etwas betrachtete, was honetten und gebildeten Leuten unwesentlich, zufällig und gleichgültig erscheinen müsse.

Als ob es eine doppelte Wahrheit geben könne, unterschied sie nämlich eine Religion für Gebildete, welche über allen mittelalterlichen Aberglauben hinaus sein sollten und eine Religion für das gemeine Volk, dessen Leidenschaften durch die zwei größten Beweger des menschlichen Herzens: Furcht und Hoffnung, näher durch die Angst vor Hölle und Fegfeuer und die Aussicht auf die Freuden des Himmels in Schach gehalten werden müßten. Nach ihrer Meinung machten alle Geistlichen insgeheim und in Gegenwart von Honoratioren denselben Unterschied, schwiegen jedoch aus Klugheit auf der Kanzel davon, weil ja gemeines Volk und Gebildete in Einer Kirche saßen. Ersteres mußte gläubig erhalten werden, die Honoratioren wußten schon, woran sie mit dem Geistlichen waren und wählten aus dem Vortrage heraus, was ihren Ansichten entsprach und ihrer Person gerade mundete.

Meine Mutter war eine gute, gescheide Frau, hielt sich ganz ehrlich für eine vortreffliche Katholikin und wurde in der ganzen Stadt dafür gehalten, weil eben in der ganzen Stadt das ewige Evangelium durch das Evangelium der Zeit, der Katholizismus durch den Protestantismus thatsächlich verdrängt worden war.

Ob es heutzutage schon um Vieles hierin besser geworden, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß die Missionen keine fruchtlose Sache, die Jesuiten vortreffliche Prediger sind und daß der Zug der angsterfüllten Zeit bei den Bessern ein lebendiges Wechselverhältniß zwischen Gott und Mensch verlangt, welches nur durch die positive Religion vermittelt wird.

Aus dem Vorhergehenden ist dir nun sicher klar, daß meine und meiner Geschwister früheste religiöse Erziehung uns mit einer für das Leben unfruchtbaren Ehrfurcht vor dem Schöpfer Himmels und der Erde, mit einer nur sinnlichen Liebe für das hübsche Jesuskindlein, mit dem Geiste der Zeit und mit Gleichgültigkeit und frühzeitig genug mit Mißtrauen gegen unsere Kirche erfüllte.

Es wäre gut, versuchte Einer einmal die Schilderung des Lebens in einer honetten und gebildeten Familie, deren Mitglieder gleich uns dem Zeitevangelium huldigten und einer nicht minder honetten und gebildeten Familie, welche Jesum Christum kennt und liebt und in der katholischen Kirche ihn sinnlich schaut. Meine überreiche Erfahrung böte ihm Stoff genug, um alle Dichtung entbehren zu können und das Schriftlein würde vielleicht Einiges beitragen, die große und gefährliche Lüge der Zeit, als ob positive Religion keinen positiven Einfluß auf das Handeln ausübe und deßhalb für das Leben gleichgültig sei, todtschlagen zu helfen. Der Katholizismus hat auf den Trümmern der Römerwelt eine neue und bessere Welt erbaut, aus Barbaren Menschen und aus Bürgern Christen gemacht und wie oder warum oder wann sollte diese weltumgestaltende Religion allen Einfluß auf das Leben eingebüßt haben? Freilich sind durch zahllose Bücher und zeitgemäße Staatsschulden Millionen Katholiken zu inwendigen Protestanten geworden und der Glaube der meisten Protestanten ist von dem der gebildeten Griechen und Römer oder auch der naturwüchsigen Germanen nicht sonderlich verschieden—aber ist dieser Glaube Christenthum? Klingt es nicht wie baarer Unsinn, wenn Heiden uns belehren wollen, das Christenthum übe keinen Einfluß auf ihr Handeln und Leben aus?—

Doch ich schweife bereits wieder ab.

Was das Haus übel macht, soll zunächst von der Volksschule verbessert werden. Wir Kinder wurden daheim zu Helden gemacht; wenn es nicht der Fall gewesen wäre, so würde die von mir besuchte Volksschule ganz dasselbe bewirkt haben.

Ein gescheidter Mann hat einmal geschrieben. "Katholische Jugend in die Hände eines Lehrers geben, der nicht aufrichtig katholisch ist, ist fast ebenso thöricht als den Katholiken in ihrer Kirche durch einen reformirten Geistlichen oder den Juden durch einen Bischof predigen lassen." Keine Behauptung ist einleuchtender als diese. Aber wie stand es mit den Volksschulen überhaupt? Man sollte vermeinen, daß in christlichen Volksschulen alle Lehrgegenstände soviel als nur immer möglich mit dem fleischgewordenen Gottessohn und der Kirche in Beziehung gebracht würden. Nur dann hatte die Vielwisserei, womit man seit einigen Jahrzehnten die Kinder in Stadt und Land vollzustopfen trachtet, auch einigen Sinn und Nutzen. Die Schule wäre eine Ergänzung und Vervollständigung der Kirche und ein Hülfsmittel mehr, dem Volke eine klare, allseitige christliche Welt- und Lebensanschauung beizubringen. Freilich ist das Einmaleins und die Rechenkunst weder christlich noch katholisch, eine vortreffliche Handschrift bleibt etwas Gutes, wenn der Schreiber auch noch so wenig taugt und die Kinderquälerei mit Sprachlehren bliebe eine solche, wenn auch gelegentlich der Satzbildungen, Sprachübung und des Aussatzmachens der Lehrer alle Beispiele aus dem Gebiete des kirchlichen und religiösen Lebens wählte und wählen ließe. Aber wenn einst die Jesuiten es verstanden, jungen Chinesen durch die Geometrie christliche Glaubenssätze wie den der Dreieinigkeit beizubringen, so ließe sich am Ende auch nachweisen, es sei für einen christlichgesinnten Volksschullehrer nichts Schweres, selbst dem Unterrichte im Rechnen und in der Meßkunst eine gewisse religiöse Weihe zu geben. Auch ist unläugbar, daß die Schreibbücher der Schüler keineswegs verunstaltet würden, wenn man neben den Sittensprüchen, Beschreibungen von Thieren und Pflanzen und ähnlichen Dingen etwas positiv Christliches und in katholischen Schulen spezifisch Katholisches fände. Was die Sprachlehren, Naturlehren, Abrisse aus der Geschichte und andere Zweige des Unterrichts betrifft, welche in den Lesebüchern der Volksschulen vorkommen, so verweise ich einfach auf sämmtliche Lehr- und Lesebücher, welche seit der Entstehung unseres Landes in Volksschulen und höhern Bürgerschulen eingeführt waren und frage: wie viele dieser Bücher sind durchweht vom Geiste Christi oder gar von dem der katholischen Kirche?

Du wirst vielleicht nicht ein Einziges finden, dessen Inhalt nicht ganz und gar durchsäuert wäre vom Geiste jener zeitgemäßen Religion, der meine Mutter huldigte und vielleicht mehr als Eines, welches darauf hinarbeitete, Gleichgültigkeit, Mißtrauen und Haß gegen die katholische Kirche, namentlich durch entstellte Geschichte in die Herzen der Jugend zu säen.

Lebte die Gesinnung ächter Katholiken in den Herzen der Volksschullehrer und wären Bücher wie das Lesebuch von Bumüller und Schuster schon zu meiner Zeit in den Händen der Kinder des Volkes gewesen—Fürsten und Regierungen würden sich wohl einen großen Theil jener grausamen Demütigungen, die Völker aber viele Leiden erspart haben, womit sie von Gott besonders seit 1848 heimgesucht wurden.

Leider dauerte die Entchristlichung der Protestanten und die Protestantisirung der Katholiken mehrere Menschenalter bereits in den Volksschulen. Wer aber am allerwenigsten dafür verantwortlich gemacht werden sollte, das ist der Stand der Volksschullehrer, welchem ich selbst längere Zeit angehörte.

Es ist eine wohlfeile Sache, über die Verkommenheit und Haltlosigkeit der "Volksbildner" mancher Gegend zu schimpfen und den "Schulmeisterhochmuth" zu geißeln. Alles hat seine hinreichende Ursache und wer der Quelle nachforscht, aus welchen die Verkommenheit mancher, die Haltlosigkeit vieler und der Hochmuth der meisten Volksschullehrer meiner naheliegenden Zeit entsprang, wird geneigt sein, dieselben weit mehr zu bedauern als anzuklagen. Die Quelle aber ist dieselbe, aus welcher das Unheil der Gegenwart überhaupt geflossen. Mangel an positiver Religion oder, was zuletzt auf Eins herauskommt, an gründlichem Wissen.

Ich muß bei dir den Schulmeisterton anstimmen und in jenen Pedantismus des Schulmeisterthums gerathen, womit Viele gründlich nachzuweisen suchen, daß das Wasser naß und das Feuer heiß sei.

Du weißt so gut als ich, daß große Schulmeister auch einmal kleine Buben gewesen und getaufte Heiden zunächst in Schulbänken für den Zeitgeist herandressirt werden. Schon der Umstand, daß Katholiken, Protestanten und Juden gar oft in Einer Schulbank sitzen, muß den Lehrer nothwendig abhalten, seinem Unterrichte die Färbung eines Glaubensbekenntnisses zu geben. "Ueber den confessionellen Gegensätzen zu stehen," ist sein Verdienst und ein Ziel seiner Ausbildung. Hand aufs Herz gelegt, gestehst du mit mir, das "Stehen über den confessionellen Gegensätzen" sei nichts als eine sinnlose Redensart, insofern man dabei noch von Christenthum und sogar von kirchlicher Gesinnung redet und nicht minder erlogen wohl das Leibsprüchlein der Zeit, daß "die Liebe" keine Unterschiede des Glaubens mache und der Mensch über dem Christen stehe.

Wo ist der Geschichtschreiber oder Staatsmann, von welchem sich sagen ließe, daß er wahrhaftig über allen kirchlichen und religiösen Partheien gestanden, alle gleichmäßig behandelt und sich nicht mehr oder minder entschieden für Eine derselben und gegen alle übrigen jedenfalls thatsächlich erklärt habe? Und wieviel Aufgeklärte hat es von jeher gegeben und gibt es heute, denen die "christliche Liebe" möglich macht, gegen politische und kirchliche Gegner gerecht zu sein und in denselben den gleichberechtigten Menschen zu achten, geschweige zu lieben?

Nein, so wenig es ein Christenthum ohne lebendigen Glauben an Christum den Gottessohn und ohne die von Ihm gestiftete Kirche gibt, so wenig hat auch die "christliche Liebe" diejenigen, welche über allen religiösen und kirchlichen Partheien zu stehen vermeinten, davor bewahrt, gläubige Protestanten und absonderlich die katholische Kirche heidnisch zu hassen und zu verfolgen.

Ist's aber hochgelehrten Professoren und erleuchteten Staatsmännern unmöglich, über der katholischen Kirche zu stehen, ohne zugleich außerhalb und ihr mehr oder minder feindlich gegenüber zu stehen, so sollte man es bei uns dem Lehrerstande nicht allzusehr verübeln, wenn die meisten Mitglieder desselben das positive Christenthum als etwas Geringfügiges betrachten und alles "Pfaffenthum" verabscheuen. Erstens nämlich wurden sie von ihren Eltern oder Lehrern oder von Beiden zugleich von Kindesbeinen an mehr oder minder für das "reine Menschenthum" erzogen; zweitens muß solche Erziehung mit der Zeit oft sehr reichliche Früchte eines unreinen Heidenthums tragen, weil ein Lehrer auch Fleisch hat und bei uns nur zwei Jahre studirt, später wenig Zeit und Gelegenheit und selten Anleitung bekommt, ein Christenmensch zu werden und sich eine gründliche Bildung anzueignen. Er bleibt jedenfalls in der Hauptsache bei dem stehen, was ihm im Seminar beigebracht wurde und wenn es nun die Religion des Zeitgeistes war, womit ihn die Lehrer beglückten, zu deren Füßen er treugläubig und bewunderungsvoll saß, wer kann es ihm verargen, wenn er den Mangel an positiven Glauben für das sicherste Kennzeichen eines gebildeten Mannes hält? Drittens endlich führt ein Volksschullehrer ein an Entbehrungen, Mühsalen und Leiden immer reiches Leben und wenn man das Treiben manches Pfarramtslazzaroni genauer in Augenschein nimmt und mit dem Loose des unter ihm stehenden Lehrers vergleicht, wird man sehr geneigt, die Behauptung, daß die Lehrer zu wenig und die Geistlichen zuviel Einkommen hätten, nicht sowohl demokratisch und revolutionär als richtig und vernünftig zu finden.

Bedenkt man nun, daß der Lehrer im Seminar und durch Schriften mit einer höchst übertriebenen Ansicht von der menschheiterlösenden Bedeutung und der weltbeglückenden Würde seines Berufes, mit Gleichgültigkeit gegen das positive Christenthum und Mißtrauen gegen alles "Pfaffenthum" erfüllt wird, vergißt man nicht, daß manche Pfarrämter und Dekanate sich ihre Langweile damit versüßen, den unchristlich und unkirchlich erzogenen und vielgeplagten Schulmeister kleinlich und boshaft zu schulmeistern und zu quälen, so mag man sich über die Leichtigkeit nicht mehr wundern, womit der Staat im Interesse des "religiösen Friedens" d. h. der Knechtung der Kirche die Schule seit Langem beherrschte und die Jugend für die Staatsreligion, d. h. zunächst für Gleichgültigkeit gegen das positive Christenthum erzog— ohne in ihr die Säugame [Säugamme] des Heidenthums zu ahnen. Ich weiß ein einsames Grab, das an Allerseelen von keiner liebenden Hand geschmückt wird. Darunter liegt ein Schulmeister, der sich eine Kugel durch den Kopf gejagt und einen Zettel zurückgelassen hat, worin er erklärte, er schieße sich todt, weil die "Pfaffen" ihm das Leben unerträglich machten und schieße sich im Himmel abermals todt, sobald er dort seine Quälgeister wiederum treffe. Solche Erklärung charakterisirt den tiefeingewurzelten Haß, welchen Volksschullehrer häufig gegen Geistliche empfinden und ich meine, Schüler dieses Lehrers, welche ihn liebten, seien schwerlich große Freunde der Geistlichkeit geworden.—

—Das Kind denkt mehr mit dem Herzen, als mit dem Kopfe, der Grundton seines Wesens ist Liebe und deßhalb bleibt es auch ein Leichtes, Kindern die Religion der Liebe beizubringen. Doch so wenig ich daheim zum Christen erzogen wurde, so wenig thaten meine Lehrer dafür und am wenigsten der Religionslehrer.

Damals gab es nicht viele Jünglinge, welche innerer Beruf zum geistlichen Stande trieb. Unter den Studirenden widmeten zumeist Solche sich dem Dienste der Kirche, welche zu arm, zu talentlos oder auch zu faul und liederlich waren, um etwas Anderes zu werden. Die geistlichen Professoren der Hochschulen gingen häufig damit um, eine zeitgemäße Theologie zu erfinden, Gottes Wort und Werk nicht sowohl gegen den Witz und Aberwitz der Zeit zu vertheidigen als demselben zu unterwerfen. Die Stellung, in welche die Kirche zum Staate gerathen, zahlreiche Schriften aus den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, das langdauernde Geschrei um Aufhebung der Ehelosigkeit katholischer Geistlicher, skandalöse Vorfälle verschiedener Art, vor Allem die gräuliche Unwissenheit in kirchlichen, die weitgediehene Verkommenheit in sittlichen Angelegenheiten, über deren Vorhandensein bei den untern und mittlern Ständen kein Zweifel mehr herrscht—dies Alles legt Zeugniß ab, welche Eroberungen der glaubensfeindliche Geist der Zeit auch unter dem Klerus gemacht.

Ich mit den meisten meiner Mitschüler darf mich ein Opfer solcher Zustände nennen, insofern wir kaum Einen Religionslehrer kannten, der mit Begeisterung, Liebe und Eifer unsere jungen Seelen für Christum zu gewinnen und uns einiges Verständniß der Lehren, Gebräuche und Einrichtungen der katholischen Kirche beizubringen trachtete. Die einzige Errungenschaft, welche ich aus dem Religionsunterrichte der Volksschule gerettet, beschränkt sich auf die Erinnerung, wie sauer es mir wurde, die unverstandenen Lehren des Catechismus auswendig zu lernen, welch schreckliche Langeweile wir oft in der Kirche und während der Religionsstunde empfanden und mit welcher Angst und Unwissenheit ich zum erstenmal in den Beichtstuhl trat. Mit Angst—weil die Mutter mich überredet hatte, der Beichtvater sehe es Jedem an, der eine Sünde verschweige oder gar lüge und trage ein scharfes Federmesser bei sich, mit welchem er Einem die Zunge stutze. Ich schämte mich meiner Sünden nicht, doch fürchtete ich Eine zu vergessen und ein Stück meiner Zunge im Beichtstuhle zurückzulassen. Mit Unwissenheit—insofern ich der Gnade des Glaubens eigentlich niemals theilhaftig geworden und durch viele Reden der Erwachsenen sowie durch die Wahrnehmung, daß bei meinen ältern Kameraden die Besserung darauf beschränkt blieb, sich einige Tage nach der Beicht vor den Lieblingssünden zu hüten, bereits zum Mißtrauen und Unglauben an diesem heiligen Sakramente gekommen war, bevor ich über das Leben und Treiben der Erwachsenen reiflicher nachdachte. Frühzeitig wurde ich an religiösen und kirchlichen Dingen irre und einer meiner Lehrer hat Namhaftes dazu beigetragen. Mein älterer Bruder nämlich wollte geistlich werden, ein stiller, gemüthlicher Mensch, den die Eltern und wir nur "das Pfäfflein" nannten. Er ging längere Zeit zu einem Vikar, um Latein zu lernen und ich bald mit ihm, denn der Vater hielt große Stücke auf mich, behauptete, ich werde meinem Alter vorauseilen, den Bruder und Alle überflügeln und müsse frühzeitig mit Allem anfangen, was zum Brodkorb führe. Das Versprechen, mich aus der Volksschule wegzunehmen, wenn ich meine lateinischen Regeln und Unregelmäßigkeiten fleißig erlerne, bewirkte Wunder bei mir und bald war ich der ausgemachte Liebling des Vikars. Manchmal unterbrachen Gespräche den Unterricht und einige derselben sind mir unvergeßlich geblieben. Die Behauptungen: es sei besser ein Schuster als ein katholischer Geistlicher zu werden, Rom wolle keine Menschen, sondern Sklaven, Christus sei ein großer Weiser gewesen, aber die Finsterlinge hätten Seine Lehren verunstaltet—tönen mir noch jetzt in den Ohren. Sie fielen mir auf, weil ein Geistlicher sie aussprach. Ich liebte diesen Seelenmörder, der heute noch lebt und zur Rongezeit ein Weib genommen hat.—

Ziemlich einförmig und glücklich verlebte ich meine Kinderjahre, während deren eine im mildesten Ausdrucke höchst mangelhafte religiöse Erziehung den Grund zu Dem legte, was später aus mir geworden ist und wogegen mich ein stürmisches Temperament, ein brennender Ehrgeiz, herbe Erfahrungen und alle Bitterkeiten des Lebens nicht zu bewahren vermochten.

Es ist wahr, meine Geschwister sind so wenig Verbrecher geworden als die meisten meiner Schulkameraden. Doch an meiner Stelle würden sehr Viele ein ganz anderes Schicksal gehabt haben, als dessen sie sich erfreuen. Und ist Einer schon ein brauchbares und nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft, wenn er kein von den Gesetzen verpöntes Verbrechen begeht? Und erfüllt Einer dann schon seine ewige Bestimmung, wenn er seine irdische erfüllt?

Ich will von meinen Geschwistern nichts sagen. Die Art und Weise, wie dieselben gegen mich handelten, hat mir schon lange vor der Freilassung jeden Zweifel benommen, wie es mit ihrer Ehrenhaftigkeit und ihrer christlichen Liebe aussieht. Freilich habe ich wenig gethan, um mir ihre Achtung und Liebe zu erhalten, doch Verfolgung läßt sich kein Christ gegen einen ohnehin gebeugten, armen und wehrlosen Mitmenschen zu Schulden kommen. Schweigen wir darüber, mir wirds, als ob tausend glühende Dolche mein Herz durchbohrten und ohne Halt in Gott müßte ich aufs Neue an den Menschen verzweifeln. Doch Eines noch. Ich stelle an keinen Menschen das Ansinnen, als vollendeter Christ zu handeln, ein Heiliger zu sein, weil ich weiß, wie weit ich noch im Befolgen aller Lehren unseres Herrn und Meisters zurück und wie sehr ich noch im Kampfe mit dem alten, sündhaften Menschen in mir befangen bin. Allein ich glaube in christlichen Landen vom Staate wie von den Einzelnen aufrichtiges Streben, die Grundsätze des Christenthums ins Leben einzuführen, verlangen zu dürfen. Wie es mit diesem Streben im Staate bestellt sei, darüber belehrt schon seine Stellung zur Kirche. Was aber die Christen betrifft, welche ihrem Glauben gemäß zu leben und zu handeln streben, so habe ich in kurzer Zeit genug erfahren, um befürchten zu müssen, ihre Anzahl sei trotz des religiösen Aufschwunges der jüngsten Jahre noch viel zu gering, um großartigen Einfluß auf Umgestaltung öffentlicher Zustände auszuüben und damit jene Gefahr einer furchtbaren sozialen Revolution zu beseitigen, welche wie ein Damoklesschwerdt über unserm Welttheil hängt.

II.

—Du meinst, weil ich selbst ein Schulmeister gewesen, so sei es verzeihlich und begreiflich, daß ich diesen Stand in Schutz nehme, zweifelst jedoch daran, daß in katholischen Lehrerseminaren das Heidenthum gepflegt und gehegt worden sei. Freilich bin ich mit dem Ausdrucke: Heidenthum freigebig, allein wo ich kein positives Christenthum zu entdecken vermag, da kann ich nur Heidenthum erblicken, zumal jener Mischmasch von Religion, als dessen Repräsentantin ich meine Mutter nannte, bei genauer Untersuchung eben doch nur verlarvtes und gerade deßbalb [deßhalb] sehr verführerisches und gefährliches Heidenthum bleibt. Willst du einen schönern Namen dafür, so magst du derartigen Mischmasch etwas sinnlos, doch höflich "Zeitchristenthum" taufen.

Zunächst will ich aber meine Behauptung rechtfertigen, denn einerseits mag ich keine Entschuldigungen für meine Verirrungen beibringen, welche nicht vollkommen gegründet sind und anderseits öffentlichen Anstalten und Männern, denen das Land des Guten viel verdankt, keine Beschuldigung zuschleudern, welche ich nicht verantworten könnte:

Du weißt, daß ich mein Schulmeisterhandwerk unter der Leitung eines katholischen Geistlichen erlernte, gegen dessen wissenschaftliche Tüchtigkeit und ehrenhaften Charakter niemals der leiseste Zweifel obwaltete. Er ist todt und schon die Vorschrift, über Todte nur Gutes zu reden, würde mich bewahren, seine Person unter dem Boden anklagen und verunehren zu wollen, wenn ich ihm auch nicht sehr viel Gutes zu danken hätte.

Sein Andenken ist noch heute Jedem seiner zahlreichen Schüler theuer und ich bin der Letzte, der seine Person verunglimpft. Aber gefährlich und folgenschwer waren die Ansichten und Grundsätze des gefeierten Mannes und nicht mit seiner Person, sondern mit Ansichten und Grundsätzen, von denen er sich beherrschen ließ, habe ich es zu thun.

Wir liebten und verehrten ihn Alle; weil dies der Fall war, so galt uns auch jedes seiner Worte als Evangelium, wir sogen seine Lehren begierig ein, trugen sie nach zwei Jahren in alle Gegenden des Landes und strebten mit Feuereifer darnach, die Herzen des Volkes damit zu erfüllen.

Viele hingeworfene Reden und Winke haften noch jetzt in meinem Gedächtnisse, doch nur einen einzigen Wink will ich hier erwähnen, weil er meines Bedünkens die Ansichten und Grundsätze meines Meisters vortrefflich characterisirt.

Einer von uns stellte einmal die verfängliche Frage, ob denn Christus im heiligen Abendmahl wahrhaft, wesentlich und wirklich gegenwärtig sei und nach einigem Räuspern erfolgte die Antwort:

"Hm, hm! ... Wers glaubt, für den ist Er gegenwärtig, wers nicht glaubt, für den wird Er wohl auch nicht gegenwärtig sein!—"

Was sagst du zu dieser Einen Aeußerung unseres dem katholischen Klerus angehörigen Seminardirectors?—

Er war unser Religionslehrer und die meisten seiner ehemaligen Zuhörer werden noch im Besitze des Heftes sein, welches er als "Einleitung in die Religionslehre" zu dictiren pflegte. Du hast Gelegenheit, ein solches Heft dir jeden Tag zu verschaffen und es ist mir sehr lieb, wenn du dir ein solches bald verschaffst, um dich zu überzeugen, daß Einiges, was ich hierhersetze, keineswegs entstellt, verfälscht oder dem Zusammenhange entrissen wurde, sondern daß die mit sonnenklaren, dürren Worten ausgesprochenen Ansichten meines Meisters darin enthalten seien.

Er läugnet einen persönlichen Gott; Gott ist ihm ein "allen Geschöpfen innewohnendes, gestaltloses, raumfreies, zeitloses, somit unendliches, allgegenwärtiges ewiges Wesen, dessen Wirksamkeit keine Grenzen kennt." Der Sündenfall wird auf eine Weise erklärt, welche sich nicht mit dem christlichen, geschweige mit dem katholischen Bewußtsein vereinbaren läßt und vom Teufel wissen und lehren die Menschen Nichts, bis sie der Gegensatz nützlicher und schädlicher Geschöpfe auf den Gedanken einer bösen, durch Opfer zu versöhnenden Gottheit bringt, Erlösung ist Rückkehr zu Gott und "vollkommen zurückgekehrt zu Gott war Christus, in welchem Gott dem Geiste nach wiedergeboren und welcher der Urheber des neuen Lebens der Menschen in Gott wurde." Christi Reich ist das der Liebe und "das volle Gegentheil dessen, was Menschenrecht und Menschensatzungen gegründet haben." In ihm ist gar keine äußere Macht, kein Zwang, keine Furcht und Knechtschaft.

Die Bibel hat den hohen Werth, "daß wir unser Leben mit dem der ersten Christen vergleichen können; zudem erfüllen uns die Schriften der Bibel wie andere gute Bücher mit ihrem Leben."

Hinsichtlich der Dreieinigkeit Gottes wird ausdrücklich hervorgehoben, "daß wir die Offenbarungen Gottes in den Geschöpfen auf dreifache Weise wahrnehmen und dadurch angeleitet werden, Gott bald den Vater, bald den Sohn, bald den Geist zu nennen. Das gemeinsame Wesen aller Geschöpfe ist das Wesen Gottes. Insofern wir Gott als Wesen in uns und in allen anderen Geschöpfen betrachten, so nennen wir ihn Gott den Sohn. Insofern Er uns durch die Stimme des Gewissens und durch andere Geschöpfe die rechte Erkenntniß wiederum einflößt, so nennen wir ihn Gott den Geist.["]—Je mehr der Mensch auf die angenehmen Gefühle verzichtet, welche der Genuß des Irdischen gewährt, desto mehr bestimmt Gott die Dinge durch ihn und desto vollkommener und herrlicher entfaltet sich sein innerstes Wesen; der Tod führt die Lebendigen zur Selbstständigkeit, indem Kinder nach dem Tode der Eltern und Lehrer sich selbst überlassen sind und schon vorher wissen, daß Eltern und Lehrer sterben müssen, somit auf ihre künftige Lage sich vorbereiten können; das Wesen der Eltern und Lehrer aber lebt und wirkt in den Ueberlebenden fort, der Tod bringt in den Menschen die Erkenntniß hervor, daß der Mensch aus einem irdischen und vergänglichen und aus einem geistigen und fortwirkenden Wesen bestehe und endlich, daß der Geist viel stärker auf Andere einwirke, wenn die Einwirkung nicht mehr durch den Leib, sondern unmittelbar geschieht. Dies Alles gibt Hoffnung auf Unsterblichkeit.—Von Jesu Gottheit wurden die Jünger überzeugt, weil er erstens durch den Ausdruck seines Willens aus Nichts Etwas, aus dem Tode Leben erschuf, zweitens durch sein Thun und Lassen den sündigen Menschen ein ganz neues Leben offenbarte, vor Allem durch sittliches, reinmenschliches Leben das Reich Gottes begründete und die ewigen Gesetze dieses Reiches öffentlich lehrte, drittens endlich, weil er Geist und Leben in die Erstorbenheit der äußern, besonders der religiösen Gebräuche zu bringen suchte und unverbesserliche Gebräuche unterließ, um anzuzeigen, das Reich Gottes gehe nicht von Werken des Gesetzes, sondern vom Geist der Wahrheit und Liebe aus.— Todtenerscheinungen sind das Ergebniß lebhafter Erinnerungen an Verstorbene, besonders an Solche, denen wir Unrecht gethan haben. Erinnerung und Besinnung können so lebhaft werden, daß wir die Bilder in uns in die wirklichen Gegenstände hineindenken. Weil Erinnerung und Besinnung nur theilweise von unserm Willen abhängen, sind Todtenerscheinungen "auch dann ein Werk Gottes, wenn sie von einer krankhaften Phantasie herkommen, denn Krankheiten sind ja auch Gottes Werk. Allein welche Einwirkungen Todtenerscheinungen auch in unserm Geiste hervorbringen, so haben sie doch keine zwingende Macht über unsern Willen!"—

Nachdem statt über Christi Auferstehung über Todtenerscheinungen belehrt worden, wird gezweifelt, ob die Erde zu einer bestimmten Zeit erschaffen wurde und gezeigt, daß die Welt kein Ende haben könne, weil Gott in ihr lebt. "Wie das Bild der Sonne in Millionen Tropfen glänzt und wir das Gemeinsame einer Gattung in allen Arten und Individuen wahrnehmen, so schauen wir Gott in allen Dingen."—Gottes Wesen offenbart sich in allen Wesen, alle haben Antheil daran und deßhalb ist auch jedes Einzelwesen unvergänglich, d. h. ["]Gottes Wesen offenbart sich in jedem einzelnen Geschöpfe durch unendliche Entwicklung desselben, wenngleich auf eigenthümliche Weise, doch ganz und ungetrübt."—Wir haben eine Entfaltung ins Unendliche, wobei unser Wesen fortbesteht, während die Gestalt sich fortwährend verwandelt. Der Mensch scheint vor der Geburt ein ganz anderer zu sein als nach derselben, auffallend ist der Unterschied in der Entwicklung des Menschen, ehe und wann er sprechen kann und "ähnlich wird der Mensch durch den Tod zu einem dem irdischen Dasein vollkommen entgegengesetzten Leben geboren."—Alle Geschöpfe nehmen an der Ewigkeit Gottes Antheil, insofern sie unsterblich sind d. h. ins Unendliche sich fortentwickeln.

—Das Christenthum will alles nicht von Gott Stammende zerstören und ist nicht gekommen den Frieden, sondern Entzweiung und Kampf mit der Selbstsucht zu bringen. "Es baut keine Altäre und Tempel aus Stein, kennt nur Einen Altar. Des Menschen Herz und sein Tempel ist dort, wo Menschen sind und einander Liebe erweisen."—Ich will es abermals Dir überlassen zu beurtheilen, ob durch eine solche Einleitung in die Religionslehre die künftigen Lehrer des katholischen Volkes für ihren Glauben und ihre Kirche begeistert wurden oder ob mein Vorwurf ein gerechter gewesen.

Daß der mündliche Unterricht minder abgemessen und vorsichtig mit Redensarten und Winken gewesen, versteht sich wohl selbst. Die Religionsstunde überzeugte uns davon, daß wir recht eigentlich kleine Götter, Bruchtheile des göttlichen Wesens seien und welchen Eindruck solche Erleuchtung auf Jünglinge machte, bei denen Ehrgeiz und Weltschmerz schon in Folge äußerer Lebensverhältnisse zum Grundton des Gemüthes werden mußten, ist keineswegs schwer abzusehen.

Wir bekamen Ideale, es ist wahr, doch wir bekamen sie auf Kosten unserer Zufriedenheit mit Gott, Welt und Menschen, weil keine christliche Weltanschauung uns mit der tiefen Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit versöhnte, kein lebendiger Glaube uns mit jener Ruhe und Geduld ausrüstete, mit welcher die unideellen Verhältnisse des Lebens der Völker und die des Lehrerstandes insbesondere hingenommen werden müssen.

Man machte uns zu Königen und Bettlern, Titanen und Zwergen zugleich und wenn beschränkte Köpfe und manche altkluge Jungen unter uns zu nüchternen Ehrenmännern, d.h. zu Philistern wurden, welche außer ihrem persönlichen Vortheil nichts Höheres kannten, so blieben gerade die fähigern Köpfe und feurigen Charaktere vielerlei Verirrungen am meisten ausgesetzt.

Soll ich Namen und Thatsachen bringen?

Du hast seit vielen Jahren Gelegenheit, viele Städte und Dörfer zu besuchen und der Einwohner Sinn zu erkunden, hast ferner zur Rongezeit und während der Revolution eine ziemlich unpartheiische Brille aufgehabt und kennst sehr viele Volksschullehrer persönlich, deßhalb brauche ich keine Namen und Thatsachen, zumal Namen wenig zur Sache thun und sprechende Thatsachen genug bekannt sind.

In der Regel wird der Jüngling das, was man aus ihm macht und lange Zeit hat man Alles gethan, um statt bescheidenen und glücklichen Lehrern der Kinderwelt innerlich zerrissene und unglückliche Hochmuthsnarren in die Schulstuben des Landes zu entsenden.

Beweise!—

Dieselben liegen schon in der Einleitung zur Religionslehre, Du sollst jedoch noch bessere haben, nämlich die Ansichten unseres Seminardirectors über die unnahbare Würde und welterleuchtende Bestimmung des Schulmeisterthums. Damit Du abermals siehst, daß ich gewissenhaft handele, sende ich Dir beiliegenden Aufsatz meines Meisters, welcher "der Schule Wesen und Gliederung" erklärt und seiner Zeit durch Guttenbergs Kunst der Vergessenheit entrissen wurde.

[Der] "Der Zweck der Erziehung ist Entfaltung derjenigen Kräfte, welche den Menschen in Stand setzen, in allen Richtungen des Lebens sich selbst zu beherrschen und zum Handeln zu bestimmen. Sie soll den Menschen zum Ebenbild Gottes machen. Die Ebenbildlichkeit mit Gott besteht aber darin, 1) daß er ein einfaches, untheilbares, unveränderliches, aus und für sich begehendes Wesen ist, "das sich aus sich selbst hervorbringt wie Gott die Welt aus Nichts, d.h. aus sich selbst erschaffen hat." 2) Daß insbesondere das aus ihm Hervorgebrachte in demselben Verhältnisse zu ihm stehe, in dem er sich zu Gott befindet. 3) Endlich daß der Mensch Alles, was er Wahres, Schönes und Gutes hat, nur als eine göttliche Geschichte und als etwas Geschichtliches habe.—Von Pestalozzi wird gesagt. "Das Erlösende und Heiligende seiner Methode stammt nicht von seinem Fleische, es ist eine Offenbarung Gottes, die ihm geworden und sein Verdienst, daß er uns dieselbe nicht als sein sondern als Gottes Werk gab. Die Schulmeister vor Pestalozzi sündigten zumeist dadurch, daß sie in ihren Systemen und Lehrmeinungen nur sich seldst [selbst] gaben und uns nicht zu Gott, sondern zu sich selbst zu erheben trachteten, Pestalozzi dagegen zeigte uns nicht seine Person, sondern die Wahrheit.—Wie die Göttlichkeit der Lehre Jesu nur von deren Befolgern laut Joh. 7,17 erkannt wird, so Pestalozzis Methode nur von dem, dessen Geist durch sie gebildet wurde.—Wie die Pharisäer auf dem Stuhle Mosis streng nach dem Gesetze lehrten und das Gesetz nicht selbst erfüllten sondern übertünchten, so lehrt der Sinnlichgesinnte, daß wir aus Liebe zum Vater unsern Brüdern auch nicht im Innern zürnen und schon den unreinen Begierden widerstehen sollen, während er im eigenen Busen voll Zorn die Verkünder der Offenbarung des Geistes, der Alles durchschaut (I. Kor. 2,10) zum Ingrimm und zur Verfolgung gegen die aufreizt, welche Gott als lebendige Werkzeuge erkiesen hat, Zeugniß von seinem eigenen Sohne zu geben."—Den Sinnlichgesinnten, welche sich vermessen, Feindesliebe und Widerstand gegen böse Begierden zu predigen, werden noch mehrere Bibelstellen entgegengeschleudert, dann die Entstehung der Sprache u.s.w. erklärt und das fünffache Leben des Einzelnen und der Gesammtheit zusammengestellt. Um der Kürze willen soll diese Zusammenstellung hier stehen:

Einzelleben = Gesammtleben

Individuum = Familie

Leib—Person—Seele = Gewerbstand—Staat—Kirche

Geist = Schule

Erläuternd heißt es: "Wir bezeichnen mit den Worten Seele und Geist zwei durchaus verschiedene Wesen, Geist bedeutet uns nicht bloß ein höheres Seelenleben, sondern Seele und Geist sind zwei einander entgegengesetzte Offenbarungen des einen Lebens. Unter Seele verstehen wir diejenigen Lebensfunctionen, durch welche das Individuum nach seiner Schöpfung mit Gott verbunden ist und ewig verbunden d. h. von ihm abhängig bleibt. Ueber die Art und Weise der Verbindung gibt der Begriff von Idee Aufschluß, welche vor unsern Augen Factum wird und der von Gattung, der den Millionen Individuen ungetrübt innewohnt und zwischen ihnen Wechselwirkung und Verbindung möglich macht. Die Seele ist Gott im Menschen, jedoch so, daß Gott vollkommen und ohne Veränderung seines Wesens außer dem Menschen und für sich besteht." Folgt nun eine Abweisung jener kalten und finstern Religionslehre, welche Gottes selbstständiges Dasein nicht erkennt und, da ihr Alles Eins ist, jeden höhern Aufschwung unmöglich macht und als wissenschaftliches System die Jugend zu der Vermessenheit verleitet, Alles, was Andere auf andern Wegen wissen und glauben nur als Irrthum, Täuschung, Verstandesschwäche, sowie alles Leben und alle Veränderung als leeren Schein und diesen selbst als eiserne Nothwendigkeit zu erklären.

Welche kalte und finstere Religion unter diesem "Pantheismus" gemeint sei, darüber blieb uns jungen Leuten, die wir Nichts von Philosophie verstanden und manches dicke Buch über die Gräuel des Mittelalters gelesen, um so weniger ein Zweifel, weil unser Direktor die vorgeblichen Verderber der Religion der Liebe nicht—liebte.

Weil die Kirche die Seele, die Schule aber den Geist repräsentirt, mag Folgendes Dir im Gedächtnisse bleiben: "Auch das Wesen von Geist und Person ist nicht scharf bestimmt und gesondert. Wir halten die Person nicht für etwas Vergängliches, sondern für den Höhepunkt des Lebens der Einzelnen. Person ist der sich selbst erkennende und bestimmende Geist, der in sich gekehrte Geist, wodurch der Mensch erst Mittelpunkt und Bestand aus und durch sich selbst erlangt. Der Person ist unmittelbar der Geist und durch diesen Leib, Seele und Individuum untergeordnet. In der Person vollendet sich die Offenbarung Gottes im Menschen. Daher lernt der Mensch Gott nur von Innen kennen und nur durch diese Kenntniß entsteht das Bestreben, durch ins Unendliche fortlaufende Vervollkommnung Gott immer ähnlicher zu werden."

Die Schule soll dem Vermögen des Menschen, das Vervollkommnende in sich aufzunehmen, die Erkenntniß geben und den fünferlei Gegenständen der Erkenntniß—individuelles Leben, Leib, Seele, Geist, persönliches Leben entsprechen fünferlei Schulen, nämlich Volksschule, Industrieschule, Gelehrtenschule, Akademie mit gelehrten Gesellschaften, endlich der Erziehungs- oder Schulrath oder das Kulturministerium, welches, das persönliche Leben des Einzelnen und der Gesammtheit erkennend, das Dominium über die andern Schulen ausübt. Die Volksschule soll die Individualität des Geistes entfalten und hat 3 Stufen, nämlich die Kleinkinderschule, Elementar- und Realschule.

Die Elementarschule "soll wie alle Schulen vorzüglich den Geist in Anspruch nehmen und die übrigen Richtungen des Lebens ihren Zwecken unterordnen." Ihre Lehrgegenstände sind Sprachlehre und Gesang, Formen-, Größen-, Zeichnungs-, Schreib- und Leselehre und Kenntniß der Zahlenlehre.

Die Realschule bringt dem Geiste sein Selbst zum Bewußtsein und die Industrieschule sammt den 3 Stufen der Gelehrtenschule (Gymnasium, Lyzeum, Hoch- oder Berufsschule) soll vor Allem das Nützliche ins Auge fassen, wozu die Religion nicht gezählt wird, die erst in der theologischen Fakultät ein eben nicht behagliches Plätzlein findet.

Die Hoch- oder Berufsschule nämlich zählt fünf Fakultäten, deren jede ihre eigene Literatur und Geschichte derselben hat.

Die erste Fakultät ist die allen Gelehrtenständen gemeinsame, etwa der philosophischen unserer Universitäten entsprechend und die zweite die medizinische, welcher nachgerühmt wird, daß "sie sich am meisten ihrer Idee gemäß gestaltet habe."

Die theologische Fakultät hat das Seelenleben zu ihrem Gegenstande und folgende Disciplinen: a) Lehre vom Wesen und der natürlichen Entwicklung der Seele, b) von der Pflege und Bildung der Seele, c) Lehre von der Entstehung und den Arten der Seelenkrankheiten nebst d) der Heilung derselben, theoretisch und praktisch. e) Lehre vom Einfluß der 4 andern Lebenserscheinungen auf das Seelenleben und vom Verhältniß der theologischen zu den übrigen Wissenschaften, endlich f) Lehre von der Bestimmung des Theologen und vom Verhältniß des geistlichen Standes zu den übrigen Ständen. Findet man dieses von einem katholischen Geistlichen gehegte und den künftigen Lehrern des Volkes eingeimpfte Idol einer theologischen Fakultät merkwürdig, sobald man nicht etwa auf dem Standpunkte Feuerbachs steht, so fanden wir herzstärkend und begeisternd Alles, was über die vierte und wohl auch über die fünfte Fakultät gesagt wurde. Die vierte nämlich ist keine andere als die Kulturfakultät und hat nichts Anderes denn das Leben des Geistes zum Vorwurfe.

Wesen, Entwicklung, Pflege, Bildung, Erforschung und Heilung der Krankheiten des Geistes, die Einwirkung des Geistes auf die 4 andern Offenbarungen des Lebens und der Einfluß dieser auf den Geist, die Culturwissenschaft und ihr Verhältniß zu den übrigen Wissenschaften, endlich die Lehre vom Berufe des Lehrers und von seinem Verhältnisse zu den übrigen Ständen—dies sind die der Culturfakultät eigenthümlichen Disciplinen.

Dann wird bemerkt: "Auch die Seminarien der Volksschullehrer sind ein Bestandtheil der Kulturfakultät und inwiefern die Trennung dieser Anstalten von der Fakultät vortheilhaft oder nachtheilig sei, können wir hier nicht auseinandersetzen. Jedenfalls muß der Direktor eines solchen Seminars ein wissenschaftlich gebildeter Mann sein, der die Gelehrtenschulen zurücklegte, zumal es ja Ein und derselbe Geist ist, welcher von der Kleinkinderschule an bis zur Hochschule inbegriffen entfaltet werden soll."

Daß die Einwohner der Stadt die Zöglinge des Seminars, welche nur für zwei Jahre kamen und häufig gar magere Geldbeutelein mitbrachten, nicht als Mitglieder der Kulturfakultät genugsam beräucherten, daß die Schüler der Gelehrtenschule den Umgang mit uns hochmüthig vermieden und uns als "Elephanten" bei jeder Gelegenheit höhnten und verfolgen, während wir doch der Idee nach Hochschüler waren, solches schmerzte uns fast tiefer als die Aussicht in eine jedenfalls entbehrungsreiche und vielgeplagte Zukunft und gab Anlaß zu mancherlei Partheiungen, Zwistigkeiten und Händeln. Daß aber gar geistliche Herren, deren "Handwerk" schon der Idee nach tief unter dem unserigen stand, deren Fakultät laut allen Berichten ganz ideenwidrig eingerichtet, deren Treiben laut den hinreißenden Erzählungen berühmter Geschichten- und Romanenschreiber der Menschheit, dem armen Volke, von jeher zum Fluche gereicht, daß diese "schwarzen Vögel" wie wir sie hießen, uns, Träger der Kultur des Volkes und selbstbewußte Funken der Gottheit dereinst zu Dienern herabwürdigen und ungestraft kuranzen sollten—dieser Gedanke machte die Heißblütigen unter uns manchmal rasend und nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, der mannhafte Entschluß, für diese aus allen Kräften zu arbeiten, gewährte uns einige Erleichterung und Trost. Die Edeln des Menschengeschlechts träumten von jeher von bessern Tagen, unser Direktor that dasselbe, wovon schon seine Idee von der fünften Fakultät der Hochschule, der staatswissenschaftlichen männiglich überzeugen muß.

Diese hat das Leben des Volkes zum Gegenstande und beschäftigt sich näher mit der Lehre vom Wesen des Volkes und seiner Entwicklung zum Staate, mit der Bildung und Pflege des Volkslebens, ferner mit der Lehre von der krankhaften Entwicklung desselben, so wie mit dem Verderbnisse der Staaten, den Arten dieses Verderbnisses und mit der Heilung dieser Mißstände, zuletzt auch mit der Lehre vom Berufe des Staatsmannes und dessen Verhältniß zu den übrigen Ständen.—

Sehr naiv wird bemerkt: "Sind die Disciplinen nicht mit den gewöhnlichen Namen benannt, so ist dies nicht Folge der Unkenntniß oder Mißachtung, sondern des Strebens, die Idee zum Bewußtsein zu bringen, aus der die Schulen überhaupt und insbesondere die Fakultäten der Gelehrtenschule hervorgegangen sind.["]

Das Kulturministerium muß auf den Zinnen moderner Bildung stehen und täglich Ströme von Geist, Licht und Geld in die untern Regionen entsenden. Es soll "für das Leben des Geistes sein, was die Person für den einzelnen Menschen oder der Staat für das Gesammtleben, soll das Leben der Wissenschaft und Kunst von der Volksschule an bis zur Akademie beleben, fördern und regeln. Insbesondere hat es für den Zusammenhang der Schule, Bildung der Lehrer, für Lehrmittel und Aufsichtsbehörden Sorge zu tragen und darf deßhalb nur solche Männer enthalten, welche außer wissenschaftlicher Bildung Beweise von Regierungstüchtigkeit gegeben haben."

Doch genug!

Suche Dir die Einleitung in die Religionslehre und andere Hefte zu verschaffen, lies den gedruckten Aufsatz über "der Schule Wesen und Gliederung" und dann habe die Güte, mir auf folgende Fragen zu antworten:

Habe ich Falschmünzerei mit den Aufsätzen und Schriften eines Mannes getrieben, den ich als Mensch, Lehrer und Wohlthäter verehre? Sind die Ansichten, Grundsätze und Ideen meines Seminardirektors positiv christliche und katholische gewesen? Ist Dir der "Schulmeisterhochmuth" noch ein Räthsel sammt der Abneigung gegen den geistlichen Stand und den meist so ideenwidrigen Bestand des Bestehenden? War ich im Unrecht als ich meinen Lehrern Mitschuld meiner Verirrungen und Verbrechen aufbürdete?—Ich glaube deine Antwort zu hören!—

III.

Je mehr ich mich durch das Wohlwollen und die Theilnahme beglückt fühle, welche meine Briefe an Herrn N. mir erwarben, desto mehr will ich eilen Ihren Wunsch zu erfüllen und Ihnen die hauptsächlichsten Gründe des Unglaubens und der Unzufriedenheit des Lehrerstandes meiner nahe liegenden Zeit sowie meine Ansicht über Gelehrtenschulen mittheilen.

Die Auszüge aus den ungedruckten und gedruckten Heften meines alten Seminardirektors haben Ihnen überraschend gezeigt, wie Vieles geschah, um die Lehrer des Volkes zu eigentlichen Trägern und Aposteln der Hauptkrankheit unserer Zeit, nämlich des Mangels an lebendigem Christusglauben und des Ueberflusses an Unkenntniß und Verkennung der katholischen Kirche zu machen.

Der oft gehörten Behauptung, unser Lehrerstand sei im Ganzen noch weit besser und erträglicher als die Erziehung erwarten ließe, stimme ich gerne bei. Es gibt tüchtige, brave Männer unter unsern Lehrern mit einem Herzen voll Liebe für die Menschheit und ihren Beruf. Edle Anlagen und günstige äußere Verhältnisse Einzelner, ganz besonders die abkühlende Wirkung, welche mehr oder minder das Berufsleben auf jeden ausübt, mögen jedoch das Meiste dafür thun, wenn nicht die Mehrzahl unserer Lehrer aus ganz und gar blinden Fanatikern des Unglaubens und offenen oder heimlichen Revolutionären besteht.

Abgesehen von meiner einst so unseligen Person waren nicht die Schlechtern oder Unfähigeren meiner Kameraden der Gefahr am meisten ausgesetzt, Fanatiker des Unglaubens und arge Revolutionärs zu werden, sondern gerade begabte, strebsame Köpfe und feurige thatkräftige Charaktere.

Diese sendeten Ideale, welche sie aus den Schulbänken getragen, keineswegs leicht in die Himmel oder in das Druck- und Löschpapier zurück, von wannen sie gekommen, sondern suchten dieselben mit mehr oder minder Beharrlichkeit im Leben zu verwirklichen. Damit waren Gefahren verknüpft, von denen ich Ihnen zwei nennen will, welche ich für die größten halte, vielleicht weil ich denselben erlag. Zum Ersten mußte Ausbildung ein Loosungswort für Alle sein, welche würdige Mitglieder der welterobernden Culturfakultät werden wollten und die argen Lücken ihres Wissens fühlten. Das Bemühen, diese Lücken durch Selbstbildung auszufüllen, bleibt aber stets gefährlich, wenn die Erziehung uns zu wenig Vorkenntnisse, unserm Denken keinen Halt in der christlichen Weltanschauung und damit kein festes Urtheil über die Bücher gegeben, aus denen wir Weisheit zu schöpfen vermeinen.

Viele von uns kamen bereits unfähig, katholische Schriften zu lesen, geschweige zu lieben und am weitesten verirrten sich nach den Seminarjahren diejenigen, welche Schöngeister, Historiker oder gar Philosophen und Vielwisser werden wollten.

Wir griffen fleißig nach Conversationslexika, Realencyclopädieen und ähnlichen Bibeln des Zeitgeistes, verloren und vertieften uns immer mehr in die moderne Bücherwelt, worin bekanntlich wenig Christliches und noch weniger Katholisches, dagegen desto mehr Vernunftbetäubendes, Heidnisches und Diabolisches zu finden ist.

Die Meisten lasen wohl weit mehr mit dem Herzen als mit dem Kopfe und je mehr Einer las, desto mehr wuchsen Einbildung und Unfähigkeit, Christliches für etwas Zeitgemäßes, Vernünftiges und Heilbringendes zu halten. Zum Andern traten wir mit den Riesenansprüchen begeisterter Jünglinge in das Leben hinaus und dieses kam den Meisten nicht nur mit Zwergleistungen, sondern mit ungeahnten Schwierigkeiten und Leiden aller Art entgegen, welche uns entmuthigten, gegen Gott, Welt, Volk und Schicksal erbitterten. Ich könnte Ihnen Vieles von arg gequälten Schullehrern und vielerlei Arten von Quälgeistern derselben, namentlich auch von partheiischen und ungerechten Behörden, unchristlichen Geistlichen und der Dummheit des Volkes erzählen, aber ich will kurz sein und mit der Bitte, nicht zu vergessen, daß der Beste unter uns seine schlimmen Neigungen und Gewohnheitssünden hat, nur auf Eines aufmerksam machen. Das Erdenloos eines Schulmeisters heißt: Leiste und trage Vieles, nimm wenig Dank und noch weniger Geld dafür ein!—In Staaten, wo der bewaffnete Friede Tausende von Arbeitskräften und den größern Theil des Staatseinkommens verschlingt, weil wir vom Christenthum ab und in das Heidenthum, aus dem Reiche der Liebe in das der Gewalt hinein gerathen, da mußte wohl das Kirchengut so weit als nur immer thunlich in den Dienst des Heidenthums gezogen und dann das Schulmeisterthum so karg als nur immer thunlich für die saure Mühe abgefunden werden, womit es im Interesse der Staatsallmacht das Volk "aufklärt."

Ich möchte beinahe sagen, unsere Schulmänner seien für ihr Wirken, wie dasselbe seit dem Beginne des Jahrhunderts sich gestaltet, noch weniger Lohnes werth als sie bekommen—allein ich schweige, weil ich an gewisse Klassen privilegirter Faullenzer und geschäftiger Müssiggänger denke und bleibe dabei, die Bezahlung der Schullehrer sei in den meisten christlichen Staaten heidnisch klein, so daß sie sich kaum mit den Bedürfnissen des genügsamsten, geschweige mit den Ansprüchen des selbstbewußten Mitgliedes der Kulturfakultät vertrage.

Freilich sind die Armen im Geiste glücklich; Christus lehrt Entbehrungen und Leiden der Armuth geduldig, muthig und freudig ertragen; Er ist zugleich der größte aller Finanzmänner und Nationalökonomen und in der Befolgung seiner Lehre liegt das Geheimniß verborgen, nach welchem das Jahrhundert immer ängstlicher seufzt und immer durstiger lechzt: die Kunst wohlfeil zu leben und wohlhabend zu sterben. Leider hat die Erziehung seit Jahrzehnten Vieles gethan, um beizuhelfen, daß das Volk arm an Geld und Gut und arm am Geiste, nicht aber, daß es arm im Geiste werde. Wenn in den untersten Ständen der Bettelsack der eindringlichste und gefährlichste Prophet des Kommunismus bleibt, so darf man sich nicht wundern, wenn aus dem bellenden Magen oder der durstigen Gurgel manches Schulmeisterleins ein unzufriedener Mensch und arger Demagog herauswächst!

Der Bauch ist ja im Laufe einiger Jahrhunderte zu einem Weltregenten und heutzutage zum unerbittlichen Gesetzgeber und dämonischen Tirannen der "christlichen Staaten" geworden.

Ein Urtheil über Gelehrtenschulen ist meines Erachtens schier überflüssig, seitdem die Revolution mit ihren Blättern, Kammern und Parlamenten das Babel aller religiösen, sittlichen, politischen und sozialen Begriffe offenbarte, welches in den Köpfen und Herzen der gelehrtesten und gefeiertesten Männer spukt, vom besitzenden Bürger, verarmenden Handwerker, dem geistigen Proletarier, Sklaven der Fabrikanten und Auswurf der Gesellschaft zu schweigen. "An den Früchten sollt ihr sie erkennen!"—sagt die Schrift und die Revolution gab Gelegenheit, die geistigen Errungenschaften sammt der sittlichen Tüchtigkeit von Tausenden und aber Tausenden zu beweinen, welche in gelehrten Anstalten großgezogen worden.

Bei Vertretern aller politischen Partheien und aller Stände hat es sich gezeigt, daß Wissen ohne Glauben leeres Scheinwissen, alles Gerede von Charakter ohne positive Religion eine Lüge des Hochmuthes sei. Wissen ohne Glauben und Sittlichkeit ohne Christenthum waren aber seit langer Zeit die Idole, welchen unsere Erziehungskünstler nachjagten!—

Doch ich will nicht in den Schulmeisterton verfallen, sondern Ihnen nur sagen, daß ich mehrere Jahre, bis mein Vater starb und äußere Verhältnisse mich in das Lehrerseminar trieben, an Gelehrtenschulen lebte.

Dieselben waren geeignet, gelehrte Handwerker, genußwüthige Nützlichkeitsmenschen oder Leute meiner Art heranzudressiren, nimmermehr jedoch ächte Leuchten und rechte Führer des Volkes zu erziehen. Keine ächten Leuchten, weil die wissenschaftliche und keine rechten Führer, weil die religiöse Erziehung mangelte.

Zunächst ein kurzes Wort vom gelehrten Handwerkerthum, alsdann ein längeres vom getauften Heidenthum der Pädagogien, Gymnasien und Lyzeen meiner naheliegenden Zeit.

Es haben Viele laut und längst sich verwundert, weßhalb aus unsern Schulen selten ein tüchtiger Mann hervorgeht, während es in einem Nachbarstaate von Dichtern, Philosophen, Historikern, Staatsmännern, Theologen und Andern wimmelte, welche hochberühmte Namen erwarben und doch lediglich die gelehrten Anstalten ihrer Heimath besuchten. Man hat den Grund darin gefunden, daß die ganze Erziehung bei uns darauf hinausläuft, Einen im Laufe von 12 bis 15 und mehr Jahren soweit zu bringen, daß er im Siebe des Staatsexamens hängen bleibt und gleichzeitig mit so unnöthigen und vielerlei Forderungen zu überladen, daß er alle Kraft nothwendig zersplittert und fast ebenso nothwendig im Examen durchfällt, wenn ihm nicht das Glück besonders lächelt.

Wer das Programm einer Gelehrtenschule zur Hand nimmt, staunt ob der Fülle von Kenntnissen, womit die Zöglinge vollgestopft und zur Hochschule entlassen werden und wer öffentlichen Prüfungen beiwohnt, ohne die Prüfungsdressur zu kennen, muß Länder selig preisen vor allen Ländern, für welche Diener des Staates und der Kirche von so umfassender Gelehrsamkeit und edler Begeisterung für alles Große und Schöne herangezogen werden, wie dies in manchen Gegenden der Fall zu sein scheint. In Wirklichkeit verhielt sich die Sache zu meiner Zeit ganz anders. Man hätte ruhig seinen Kopf darauf verwetten dürfen, daß von 100 angehenden Hochschülern keine 10 im Stande seien, nach 8-9jährigem Studiren ohne Beihülfe aller Art einen leichten lateinischen oder griechischen Schriftsteller ordentlich zu übersetzen, geschweige zu verstehen oder gar aus dem Zusammenhange mit seiner Zeit und seinem Volke zu erklären.

Sicher waren von 100 keine 5 aufzutreiben gewesen, welche Geschmack und Freude an ihren Quälgeistern, den Alten, gefunden und doch galten alte Sprachen von der ersten bis zur letzten Klasse als Hauptgegenstände des Unterrichts, auf welche am meisten Zeit und Mühe verwendet wurden.

Von mathematischen, geographischen, geschichtlichen oder naturwissenschaftlichen Kenntnissen war bei Einzelnen Manches hängen geblieben, doch die Mehrzahl hatte Grund genug, den Sokrates als Heiligen zu ehren, weil dieser die Weisheit in das Nichtswissen, somit in die starke Seite unserer geplagten Gelehrtenschüler, setzte.

Von philosophischer Vorbildung will ich schweigen. Ich meine nur, daß davon bei Leuten keine Rede sein konnte, welche von der Weltanschauung des Alterthums keine genügende Kenntniß und von der des Christenthums im besten Falle nicht mehr als eine ganz dunkle Ahnung besaßen.

Von der Unwissenheit vieler "Gebildeten" über Alles, was sich über und unter dem Monde befindet und nicht genau mit ihrem Handwerke zusammenhängt, sind Sie überzeugt oder haben doch Gelegenheit, sich jeden Abend das Licht hierüber in Museen, Kaffeehäusern, Weinschenken, Bierkneipen und andern Orten zu verschaffen.—

Die weitgehende Unwissenheit hängt enge mit dem hochmüthigen Heidenthum der Schulen meiner Zeit zusammen.

Wissen Sie, auf welche Weise ich zum erstenmal zum Tische des Herrn kam? Nicht an Ostern, sondern im hohen Sommer, nicht im feierlichen Gottesdienste, sondern in einer stillen, wenig besuchten Frühmesse und beinahe ohne allen Vorunterricht, so daß wir kaum eine Ahnung von der Bedeutung der uns abentheuerlich dünkenden Feier besaßen. Wir beichteten, aber unser liebster Beichtvater war ein Professor, der allgemeine Beichten nicht nur annahm sondern forderte. Drängten sich zu Viele um den Beichtstuhl dieses Kirchenlichtes, so pflegte ich einen Zettel zu entlehnen, worauf ein Anderer passende Sünden aufgezeichnet, las denselben ab und übergab ihn nach der Lossprechung meinem Nachbar.—Einer der besten unserer Religionslehrer schlief jahraus jahrein und überließ es uns, Lectionen aus dem Katechismus gemächlich herauszulesen. Wieviele von uns nicht einmal das Vaterunser, geschweige das katholische Glaubensbekenntniß oder gar die Gebote der Kirche ordentlich herzusagen wußten, dafür ließen sich Namen nennen, worunter der meinige nicht fehlte [Fußnote: Der meinige leider auch nicht. D.V.]

Wer wollte sich wundern, daß gerade der Religionsunterricht als der langweiligste und widerlichste Lehrgegenstand, das Kirchengehen besonders zur Winterszeit als das leidigste und unnützeste Geschäft erschien?

Die Klage, daß von Oben herab die Pflege des positiven Christenthums im mildesten Sinne nicht gefördert wurde, soll weniger durch die Unfähigkeit aller meiner Religionslehrer als durch den Umstand unterstützt werden, daß es an hochbelobten Lehrern wie an Schulbüchern nicht mangelte, welche uns die eigene Kirche verächtlich und lächerlich machten und unser Gemüth mit aufrichtigem Hasse gegen alles "Pfaffenthum" erfüllten.

Von Gewissen will ich aus gewissen Gründen schweigen, aber durchgehen Sie die gedruckten Programme unserer gelehrten Anstalten, um sich zu überzeugen, aus wievielen Schulbüchern wir alle Irrthümer und den Kirchenhaß des Protestantismus in uns aufnahmen. Daß nebenbei Bibliotheken der Anstalten und Professoren uns reichlich mit Hilfsmitteln der Aufklärung versorgten, versteht sich von selbst und daß Viele von uns Alles, nur nichts Gutes aus dem Kram der Leihbibliotheken schöpften, ist eben so begreiflich als verzeihlich.

Geistliche und weltliche Lehrer hatten genug zu schaffen gehabt, uns gegen den Einfluß einer durchaus unkatholischen Literatur und gegen die Gefahren der Jugend durch das Einpflanzen christlicher Gesinnungen zu schützen. Doch geschah von Allem das Gegentheil. Obwohl von Gott, Christus und Kirche manchmal die Rede war, so lernte man doch nur das zeit- und staatsmäßig zugeschnittene Christenthum meiner Mutter kennen und wurde mit einem nicht minder zeit- und staatsmäßigen Hasse und Mißtrauen gegen das positive und kirchliche Christenthum erfüllt.

Nicht Christenthum, sondern "Humanität" hieß bei uns die Loosung, reden wir also auch von ihr!—

Die Zeit, in welcher dem Jüngling sein natürlicher Zusammenhang mit dem Geschlechte offenbar wird, fällt mit derjenigen zusammen, in welcher er seinen geistigen und sittlichen Zusammenhang mit demselben mindestens ahnt, wenn auch seine Schulmeister sich als noch so elende Hebammen seines Wesens bewähren.

Der Mensch wird zum Herkules am Scheidewege. Ideale von Freundschaft, Vaterlandsliebe, Seelengröße und Tugend gehen ihm auf, und enger, inniger als bisher schließt er sich an Seinesgleichen an, um höhere Lebenszwecke als die bisherigen zu verfolgen. Jetzt bedarf er vor Allem der Führung der Religion oder doch der Leitung erfahrener Männer, die er achtet und liebt, denn diese Zeit ist nicht nur die schönste, sondern auch die gefährlichste des Lebens. Wie waren wir daran?

Die alltäglichen Redensarten eines gefeierten Humanisten klingen mir noch in den Ohren und ich gebe einige als Proben, mit welchem Takte dieser Mann 16 bis 20-jährige Vaterlandshoffnungen behandelte.

"Er steht da, als ob er die chinesische Mauer vor der Nase hätte, er verzwickter Schafskopf, non plus ultra der Rindviehdummheit, elender Böotier!—Er kann sich als Preisträger des landwirthschaftlichen Vereines melden—Fahr Er Mist, dazu ist Er dumm genug, so rindviehmäßig dumm, daß Er nicht einmal zum Schustersjungen taugt—Er Urkalb, Generalassekuranzesel, halte Er sein Maul zum H—!—Geborenes und erzogenes Rindvieh, Er steht unter dem Niveau eines Hundes!—Ein gescheidter Pudel ist intelligenter als ihr Bestien!—Erlöst mich bald in Gottes oder des Teufels Namen!—Hat er Pech am H—? Was will Er denn werden? Theologe! Daß sich Gott erbarme!—Da möchte ich doch lieber in der tollsten Kneipe unter Proletariern sitzen und ihren physischen Dunst einathmen, als euern geistigen Gestank riechen—Setz dich, dein Name ist Rindvieh, man könnte dich zum Präsidenten einer Eselsrepublik machen—Werd' Er Schuster, Barbier oder Leinweber, Er hyperbestialisches Rindvieh—Der Ochse wird nur einmal vors Hirn gehauen, er hats demnach besser als Ihr, denen man täglich vor den Kopf schlägt, ohne daß Ihr Etwas spürt—Ist noch keine Artillerie- oder Bierbrauerstelle für Ihn frei geworden? Er ist verballhornter als ein Esel in der zweiten Potenz—Setz' Er sich auf seine Klauen, Mondkalb! Nicht einmal ein Hund hebt sein Bein auf vor so verthierten Geschöpfen wie Ihr seid!—"

Ich will Sie mit noch derbern und ekelhaftern Redensarten dieses gepriesenen Directors verschonen. Wir haben Sammlungen davon veranstaltet und viele Freude daran gehabt, wenn er uns Gelegenheit gab, dieselbe durch neue zu bereichern.

Die Schulgesetze zu verhöhnen und zu übertreten, galt als Heldenthat.

Vieles ließe sich hier über frappante Aehnlichkeiten zwischen Zuchthäusern und Schulhäusern anknüpfen.

Von pedantischen Schulgesetzen und heimlichen Gesellschaften, von erfolglosen Ermahnungsphilippiken und schlechten Streichen, von öffentlichen Beräucherungen und heimlichen oder auch offen getriebenen Lastern ließe sich Langes und Breites erzählen und hieraus mancher Beleg für die alte und doch niemals genug beherzigte Wahrheit schmieden: daß Sünden, Laster und Verbrechen von kleinen Anfängen ausgehen und gleich schleichenden Krankheiten erst recht offenbar und auffallend werden, wenn sie schwer oder gar nicht mehr heilbar sind.

Blicke ich zurück auf meine Jugendgefährten, was ist aus so Vielen derselben geworden? Ach, mehr als Einer ist gleich mir gemeiner, geschweige "politischer" Verbrecher, gar Mancher hat sich durch Ausschweifungen in ein frühes Grab gestürzt, Viele beweinen ein verfehltes Leben und die Meisten haben es nicht ihrer Erziehung, sondern glücklichen Naturanlagen und einem freundlichen Geschicke zu verdanken, daß ihre Geschichte keine Zuchthausgeschichte geworden—denn Religion haben die Meisten noch heute keine!—Man sage dagegen was man will: alle Wissenschaft und Bildung gibt keine Sittlichkeit, verfeinert höchstens die selbstsüchtigen Triebe des Menschen oder lehrt ihn die innere Roheit und Gemeinheit mit einem äußerlich glänzenden Firniß übertünchen, durch den der wahre wüste Mensch doch täglich hervorbricht. Sittlich sein heißt in Gott leben und in Gott vermag nur der zu leben, welchem in Christo die Kraft geworden, den geistigen Menschen über den natürlichen zur Herrschaft zu bringen.

Was soll man nun von einem Schulwesen halten, welches katholische Kinder von der Volksschule an bis hinauf zur Hochschule mit Geringschätzung gegen positive Religion und noch mehr mit Haß und Mißtrauen gegen die eigene Kirche erfüllt?—

Freilich, wo Katholiken, Protestanten und Juden in Einer Schulbank sitzen, darf außer der Religionsstunde von positiver Religion keine Rede sein und wenn die Religionslehrer meiner Zeit wahre Apostel gewesen wären, so würde der Geschichtsunterricht nicht ermangelt haben, uns für die Reformation und deren Helden ebenso blind zu begeistern als gegen die katholische Kirche einzunehmen und in unheilbarer Unwissenheit über Geschichte, Einrichtungen und Gebräuche derselben zu erhalten.—

Ein Beweis für die Geringschätzung und Verachtung gegen unsere Kirche liegt vielleicht darin, daß ich mich auch nicht Eines Beispiels entsinne, wo Einer von uns auf den Gedanken gerathen wäre, irgend einen Heiligen zu seinem Vorbilde zu wählen und diesen Entschluß auszusprechen.

Und sind die Heiligen als Helden des sittlichen Willens kleiner denn jene Helden, welchen eine befangene Geschichtschreibung Weihrauch streut, weil es großartige Räuberhauptleute, siegreiche Menschenschlächter, glückliche Erfinder oder ohne ihr Zuthun mit hohen Geistesgaben ausgerüstete Männer gewesen?—Wenn einmal jene Zeit da sein wird, wo Christus als lebendiger Mittelpunkt der Geschichte der Christenheit und Menschheit erfaßt wird, dann wird auch der geringste Heilige mehr gelten denn ein lasterhafter Alexander, selbstsüchtiger Napoleon, liederlicher Maler, Geiger oder Komödiant.—

Ein weiterer Beweis, wie weit die Protestantisirung der Katholiken in paritätischen Ländern gediehen, liegt in der Thatsache, daß zu meiner Zeit nicht sowohl die Kenntnißvollsten oder Besten, sondern weit eher mittelmäßige Köpfe, Feiglinge, welche nicht den Muth besaßen, Entbehrungen und Leiden der Armuth zu ertragen, niedrig denkende Bursche, welche von vornherein an die Nichterfüllung gewisser beschworener Pflichten ihres künftigen Standes dachten, sich dem Dienste der Weltkirche Jesu Christi widmeten.

Begreiflich!—erinnere ich mich doch mehr als eines aufgeklärten Professors, der sehr verächtlich in Gegenwart der Schüler vom Stande katholischer Geistlichen redete und offen aussprach, der Dümmste sei immerhin noch gescheidt genug, um für die Kirche gesalbt zu werden!—

Soll ich länger noch bei dem heimtückischen, verkappten Kriege mich aufhalten, der mit schlauer Berechnung gegen Katholizismus und Kirche geführt wurde, während man von Oben herab und Unten herauf von Erhaltung religiösen Friedens, Gleichberechtigung der Confessionen und andern schönen Sächelchen laut genug log und durch Lügen das Gewissen der Hirten der Kirche in süßen Halbschlummer und verderbenbringende Betäubung lullte?—

So lange katholische Lehrer inwendige Protestanten sind, die Schulen nicht zu Confessionsschulen und alle mit der christkatholischen Weltanschauung in näherer Berührung stehenden Unterrichtszweige nicht aus katholischen Büchern erlernt werden, so lange wird auch ein neuer und besserer Geist das Volk nicht erneuern und beleben, sondern das schleichende Gift des Heidenthums wird weiter fressen und zuletzt den Organismus der alten, kranken Gesellschaft zerstören!—

Einige Jahre verlor ich an Gelehrtenschulen, an denen keine gründliche Bildung zu holen und das bischen Christenthum, welches manche Kameraden aus der Heimath mitgebracht, bald verloren war. Der schnell erfolgte Tod meines Vaters fiel als Hagelschlag in meine reichlich blühenden Hoffnungen auf eine ehrenvolle, glänzende Zukunft. Es stellte sich heraus, das Vermögen sei bei weitem nicht so groß als man sich allgemein vorgestellt und eine ziemlich sorglose Haushaltung hatte Vieles beigetragen, dasselbe zu zerrütten. Außer dem ältern Bruder Anton und mir waren noch mehrere Schwestern vorhanden. Anton war älter als ich, noch immer derselbe ruhige, stille Mensch, welcher er von jeher gewesen und noch immer entschlossen, ein Geistlicher zu werden. Er wollte dies nicht, weil er etwa mehr Glauben oder Kenntnisse in religiösen und kirchlichen Dingen besaß als ich, sondern weil ihm die Aussicht auf das friedliche Leben eines Landpfarrers behagte. Es war der Seelenwunsch der Mutter, daß er seinem Plane getreu bleibe, doch stellte der Tod des Vaters der Ausführung desselben Hindernisse entgegen. Die Unterstützung irgend einer Art anzunehmen, das armselige Leben eines Bettelstudentleins zu führen, dies waren Gedanken, welche die etwas stolze Mutter so wenig als Anton zu ertragen vermochten. Der Stand des Vermögens war jedoch so, daß Einer von uns Brüdern dem Studiren entsagen mußte, wenn soviel übrig bleiben sollte, um den vier Schwestern eine angemessene Erziehung und einige Aussicht auf zeitliche Versorgung zu geben. Anton war um zwei Jahre vor mir, ich liebte die Mutter und wußte bereits, daß Geld die Welt regiere, folglich meine Schwestern ohne einiges Geld schwerlich jemals zur Regierung eines Hauswesens gelangten. Nicht ohne Kampf, doch voll Freude über den Sieg verzichtete ich auf das Leben eines Studirten. Meine Neigung Soldat zu werden, ward von der Mutter aus allen Kräften bekämpft. Ich begann Musik zu treiben und trat kaum ein Jahr nach dem Tode des Vaters ins Lehrerseminar.

Sie begreifen, daß ich ohne religiösen Glauben, folglich auch ohne sittlichen Halt in dasselbe trat und beim Eifer meines Studirens sowie bei der Lebhaftigkeit meines Temperaments als vollendeter Feind des Pfaffenthums und voll Begeisterung für ein aufgeklärtes, freies, glückliches Volk aus demselben herauskam, während mich gewisse Vorfälle und Erfahrungen, die ich seit dem Tode des Vaters gemacht, gegen "honette und gebildete" Leute stark eingenommen hatten.

Ich war einige Jahre Schulmeister und habe während dieser Zeit Vieles durchgemacht, zumal die häuslichen Verhältnisse der Meinigen sich verschlimmerten. Mein Ehrgeiz drohte unter der Wucht drückender Lebensverhältnisse zu erliegen und leider mit ihm löblichere Eigenschaften. —Jetzt begreife ich, weßhalb die Behörden mich zurücksetzten und meine Vorgesetzten mir keine Ruhe ließen, doch damals sah ich nur Ungerechtigkeit, Partheilichkeit, Pfaffenhaß, Weiberintriguen und machte mich selbst zum Unseligsten aller Menschen.—Nicht die Religion, sondern die Liebe für eine Sonntagsschülerin war es, welche meinem schwankenden, ruhelosen, unseligen Wesen wiederum Halt, Friede, jenen Schimmer der Seligkeit gewährt, welcher Jedem die Erinnerung an die erste Liebe unvergeßlich macht.

Ich erfuhr nicht, daß Liebe der Lange Irrthum Eines Betrogenen Esels sei, wie Saphir herb genug witzelt, aber ich war ein Schwärmer, ein Romanenheld, die Geliebte dagegen ein verständiges, treuherziges, einfaches Landmädchen. ... Es verstand mich nicht, Eltern und Verwandte erklärten sich gegen mich —Doch, ich will Sie mit meiner Liebesgeschichte nicht langweilen.

Sie modert längst im Grabe und in demselben Grabe mein besserer Mensch. Ich verlor sie keineswegs durch den Tod, denn sie starb erst, während ich in Frankreich lebte. Sie ließ sich halb und halb zu einer Heirath zwingen und war zu edel, um ein Verhältniß fortzusetzen, welches ihren Pflichten hätte gefährlich werden müssen. Ihr Verlust war für mich der Anfang einer Sittenverwilderung, deren Schilderung Sie mir gewiß gerne erlassen. Ich sank von Stufe zu Stufe und stürzte mich in Schulden, aus denen mich die Meinigen weder herauszureißen vermochten, noch den Willen dazu hatten. Die Meinigen verfluchten, die Behörden bedrohten, die Gläubiger verfolgten, alle Bessern verachteten mich und ich, ich glaubte—ein noch immer vortrefflicher Mensch und verdienter Lehrer zu sein und ein Recht zu besitzen, der ganzen Welt zu trotzen.

Nur mit Schauder denke ich an jenen Sonntag zurück, an welchem ich im Hochamte während der Wandlung auf der Orgel das Bänkelsängerlied:

Schnapps, Schnapps, Schnapps, du edeles Getränke

anstimmte. Ich mußte fast augenblicklich fliehen und floh ohne Geld, ohne Schriften, ohne Gepäck, ohne Ziel und Plan und ließ hinter mir die Heimath, die Ehre, den Frieden meiner Seele.

Ich floh nach Frankreich und zwar nicht als fortgejagter Schulmeister, sondern auch als Deserteur, da ich ein Jahr Kasernenleben mitgemacht und auf meinen Abschied noch lange zu warten hatte. In Straßburg ließ ich mich anwerben. Wenn ich meine Erlebnisse in Algier, Spanien, in Frankreich, besonders in Paris und Lyon erzählen und mich näher mit dem politischen und sozialistischen Theile meiner Geschichte befassen wollte, so würde dieser ohnehin wohl zu lang gerathene Brief vor einem bis zwei Jahren schwerlich ein Ende finden.

IV.

——Du, theuerster Anton, hast Deinem Bruder das Reisegeld gegeben und in zwei Wochen segle ich Amerika zu, um dort nach Kräften gut zu machen, was ich an der alten Welt, an dem Vaterlande, an meiner Familie und mir selbst gesündiget. Hätte ich nicht das Kleid eines gemeinen Verbrechers getragen, so würde ich in ein Kloster gehen, nicht sowohl um meine Schande zu verbergen, sondern um die Gnaden zu offenbaren, welche Gott auch dem Unwürdigsten noch zukommen läßt, wenn derselbe sich an Ihn wendet.

Es scheint mir nützlich und nothwendig zu sein, daß in den Tagen wachsender Armuth, unersättlicher Genußsucht und maßlosen Hochmuthes Menschen durch Thaten den Mitmenschen beweisen, wie wenig Einer braucht, um zu leben, wie wenig sinnliche Genüsse zum Glücke gehören und wie wenig Demuth und Selbstverläugnung uns erniedrigen. Klöster sind eine Forderung der Zeit.

Ach, ich möchte die Zahl Derer so gerne um Einen vermehren, welche laut und offen verkündigen, daß der moderne Staat wiederum ein christlicher werden müsse und daß Kaiser, Könige, Fürsten und Grafen bis herab zum Bettler hinter dem Zaune Eine Pflicht und Eine Bestimmung haben, weil Christus für Alle gestorben, Tod und Gericht Allen gemeinsam sind.

Leider sind jene Tage vorüber, wo auch große Verbrecher in stillen Klostermauern Aufnahme fanden, um Buße zu thun und durch Wort und Beispiel die Vergangenheit zu sühnen.

In zwei Welttheilen lebte ich als Seelenverderber, im dritten will ich als Seelenretter ausharren bis zum Ende und als ein in Christo Freigewordener, noch weit weniger als früher ein Gewicht auf die Warnung legen, welche Faust dem Wagner gibt:

Wer darf das Kind beim wahren Namen nennen? Die wenigen, die was davon erkannt, Die thöricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten, Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten, hat man von je gekreuzigt und verbrannt!

Ich suche in Amerika kein Eldorado und weiß, welche Entbehrungen und Schwierigkeiten meiner harren, nachdem ich mich entschlossen, die Wilden der Urwälder aufzusuchen, unter denselben als Vorarbeiter und Gehülfe der Missionäre zu wirken und an ihnen gut zu machen, was ich an Andern gesündiget.

Doch ich will Deinen Wunsch erfüllen, theuerster Bruder und Dir Näheres von meinem Zuchthausleben erzählen, namentlich insofern dasselbe zu meiner sittlich-religiösen Wiedergeburt beitrug.

Es war im Spätjahr 1847. Ich wußte genauer als mancher Andere, daß Frankreich am Vorabend einer Revolution stehe. Daß dieselbe jedoch schon im Februar 1848 losbrechen und nicht nur die Julimonarchie stürzen, sondern die Monarchie überhaupt zertrümmern und Sozialisten zu Führern Frankreichs machen würde, das ahnte ich nicht, weil es meine kühnsten Hoffnungen überflügelte.

Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, so würde ich die geheime Mission nach Deutschland nicht übernommen, eine verhängnißvolle Brieftasche mit Banknoten nicht—gefunden und das Inwendige des Zuchthauses wohl nimmermehr gesehen haben.

Ich lag im Gefängniß, als die Februartage kamen. Sie machten mich rasend; ich konnte Tag und Nacht keine Ruhe finden und wundere mich nur, daß ich nicht geisteskrank wurde. An Fluchtversuche dachte ich nicht, weil ich stündlich Befreiung auf andere Weise hoffte und erwartete und als diese ausblieb, hatte ich es durch meine Reden und mein Benehmen dahin gebracht, daß man ein scharfes Auge auf mich bekam und mich in ein besser verwahrtes Gemach brachte, wo ich einsame Stunden fieberhafter Spannung verlebte.

Es war zu erwarten, daß Berlin ein bischen Prosit rufe, wenn Paris nieße, aber daß Berlin Prosit schreie und die gute alte Stadt Wien zum "Paris in Knabenschuhen" würde, hattte [hatte] ich auch nicht geahnt und als es dennoch so kam, verwünschte ich bereits im Sträflingskittel das Mißgeschick, welches langjährige Hoffnungen verhöhnte, indem es mich, den Sohn der Freiheit und Soldaten der Revolution zu einem Staatssklaven und Opfer tödlich verachteter und gehaßter Gesetze machte. Das Ärgste war, daß ich keineswegs umstrahlt von der Glorie eines politischen Märtyrers, sondern in der Eigenschaft eines gemeinen Spitzbuben in die Strafanstalt trat und hier zum Ueberfluß noch Leute fand, welche mich früher und leider nicht auf vorteilhafte Weise kennen gelernt.

Beamte und Aufseher behandelten mich gleich jedem Andern; ich fühlte, daß gleiche Behandlung Aller große Ungleichheiten zur Folge habe, sogar das Beisammensein mit Dieben empörte meinen Stolz und ich that Alles, um mich bei den Bessern der Sträflingsbevölkerung in Ansehen zu setzen. Doch ein alter, einäugiger durchtriebener Gauner, mit welchem ich früher einmal im Amtsgefängnisse zu N. gesessen, redete zu meinen Gunsten in einer Weise, welche mir die Achtung der Bessern verscherzen mußte und eine Mißgestalt von Bauernknecht, welchen ich in demselben Amtsgefängniß gewissenlos um seine Ersparnisse gebracht und der nunmehr wieder unter Einem Dache mit mir lebte, erzählte Alles, was er Schlimmes von mir wußte.

Draußen Revolution, der Kanonendonner und Freudenjubel der großen Zukunft, in der Strafanstalt elende Handarbeit, schmale Kost und schlechter Trunk, dabei noch Verachtung von Seite vieler Mitgefangenen, welche mich gerade deßhalb um so herber drückte, weil sie von Sträflingen kam—wie zermalmte mich solche Verschärfung meiner Strafe!

Der Gedanke, daß ich von meinen Freunden außerhalb der Gefängnißmauern verlassen und vergessen sei, beunruhigte mich so sehr als die Ungewißheit über die Lage der Dinge und ich glaube ich hätte damals einen Finger für eine Nummer der Augsburger Allgemeinen Zeitung gegeben.

Die verworrenen und sich widersprechenden Gerüchte, welche durch Plaudereien der Zuchtmeister, Schildwachen, Besuche und neu eintretenden Sträflinge verbreitet wurden, dienten im Ganzen nur dazu, meine Neugierde zu erhöhen, die Qual der Ungewißheit bis zur Verzweiflung zu steigern und meine Ansichten über die Ereignisse vollständig zu verwirren.

Du erfassest das Elend solcher Qualen, im Vergleich zu welchen die Qual der Gefangenschaft an sich geringfügig erscheint, nicht. Wer einen Gott hat und einen Himmel kennt, der trägt unzerstörbaren Frieden in sich und betrachtet das wechselnde irdische Leben ruhig.

Der Mai hatte einige Soldaten zu uns gebracht, die für eine zahme Republik gekämpft haben sollten und doch nicht wußten, was eine Republik sei. Es waren gutmüthige, brave Bursche und ich suchte mich denselben zu nähern, allein sie blieben gegen mich wie gegen die "Spitzbuben" zurückhaltend und spröde.

Sie sahen ein, daß es für Soldaten eine unverzeihliche Dummheit sei, zur Zeit einer Emeute eine Ausnahme vom Verhalten der Mehrzahl der Kameraden zu machen und nicht ihre harte Strafe, sondern ihr Zusammengeworfenwerden mit gemeinen Verbrechern war's, was sie nicht zu verschmerzen vermochten und ihren Rachedurst entflammte. Ich gewann sie leicht für meine Ansichten, nachdem sie einmal an ihre neue Gesellschaft besser gewöhnt waren und einiges Vertrauen zu mir gefaßt hatten. Unvergeßlich bleibt mir die Demüthigung, welche mir einer derselben bereitete. Ich erzählte nämlich von Robespierre und lobte vor Allem die Uneigennützigkeit dieses Helden der Revolution, den ich als eines meiner Vorbilder erklärte. Da meinte Jener trocken, wenn Uneigennützigkeit für einen rechten Volksführer unentbehrlich sei, so werde ich niemals einen solchen abgeben!—Aus dieser Rede wie aus den Blicken und dem Gelächter der Umsitzenden erkannte ich, daß alle genau wußten, weßhalb ich verurtheilt worden. Glaubst du, daß ich Nächte hindurch mich ruhelos auf meinem Strohsacke herumwälzte voll Aufregung über solche Gewißheit?—

Mit der Zeit bekam ich Gewißheit, daß man in der Welt auch ohne mich fertig werde und mich "den Spitzbuben" völlig vergessen habe—eine schmerzliche Gewißheit für einen mit der Großmannssucht behafteten Menschen meiner Art! Der Juniaufstand wurde durch einen Zufall bereits am folgenden Morgen nach dem Ausbruche unter uns Gefangenen bekannt.

Wiederum war für längere Zeit meine Gemüthsverfassung die einer Tigermutter, welche von Todfeinden ihre Jungen quälen und zerfleischen sieht, ohne mehr zu vermögen als den grimmigen Zorn und Schmerz durch Gebrülle zu mildern. Kaum fing ich an, mich an meine Lage zu gewöhnen und in ihren Zerstreuungen einen Schein von Ruhe zu gewinnen, als ich in eine Zelle versetzt wurde. Es war im Spätherbst 1848.

Nach einigen Tagen stiller Ergebung berauschte mich allgemach die Einsamkeit. Zuweilen verlebte ich ruhige, sogar heitere Stunden, doch in andern, besonders in der Todesstille der Nacht und bei schlechtem Wetter empfand ich alle die unbeschreiblichen Qualen meiner Lage.

Ich möchte dieselben mit denen des angeschmiedeten Prometheus vergleichen, doch hinkt solcher Vergleich vielfach, namentlich hatte ich dem Himmel mein Feuer nicht gestohlen, sondern von der Hölle entlehnt.

Arbeiten und Bücher gewährten mir einige Unterhaltung und Trost. Ich arbeitete, um mich selbst zu vergessen und einige Stunden des Schlafes, dieses köstlichsten aller Güter eines Gefangenen, zu genießen. Meine Liebe zum Lesen wäre leicht in Lesesucht ausgeartet, wenn ich mich der Hausordnung hätte entziehen können. Doch welcher Sterbliche vermag sich in einem Zellenbau der strengsten Beobachtung bei Tag und Nacht zu entziehen? Geistliche, Beamte und Aufseher besuchten mich nach ihrer Vorschrift, doch gewährten mir ihre Besuche wenig Unterhaltung und ihnen kein Vergnügen.

Mein Bestreben war darauf gerichtet, dieselben auf eine Weise zu kränken und zu beleidigen, für welche sie mich nicht zu bestrafen vermochten.

Uebrigens ist ihre Strafgewalt so beschränkt, daß man wenig mehr nach Strafen fragt, wenn man die üblichen einmal gekostet und nachdem mir eine Uebertretung der Hausordnung einigemal kleine Strafen zugezogen, ertrug ich Strafen gerne, wenn ich mir nur einbilden durfte, die Beamten recht geärgert zu haben. Nur Einer kam mit mir aus. Es war ein Hauslehrer, der von Zeit zu Zeit mit Heckerhut, Hahnenfeder und Schleppsäbel in meine Zelle trat, um sich nach dem Befinden des "Bürger Gefangenen" zu erkundigen. Nachdem er wußte, wie lange und wo ich in Frankreich und andern Ländern gelebt und welcher Parthei ich lange Zeit angehörte, führten wir viele wunderliche Gespräche mit einander. Bei ihm konnte ich meinem Grimme gegen Gott, Welt und Menschen freien Lauf lassen, denn auch er gehörte zu Jenen, welche von ergriffenen Prinzipien zu den äußersten Folgerungen derselben muthig fortschreiten.

Von ihm erfuhr ich, was draußen in der Welt gespielt wurde und meine Hoffnung auf Befreiung ward so lebhaft, daß ich mich am Morgen jedes Tages fragte: Wirst du die Hausschelle heute Abend noch hören?—Noch vor Mai 1849 verlor ich den Edlen, im Mai erfuhr ich die Befreiung der politischen Gefangenen und erwartete die meinige—vergeblich. Jetzt brütete ich wiederum düstere Plane unersättlicher Rache, schwelgte in entmenschten Träumen blutigen Hasses und fand darin die einzige Unterhaltung, weil ich in der Kirche nicht zum Hören zwischen den kahlen Zellenwänden nicht zum Lesen und Nachts nicht zum Schlafen gelangte.

Ich hatte Schreibzeug, noch einiges Papier und begann zu dichten. Eine Sammlung. "Rothe Lieder" sollte mir meine Lage erträglicher und nach meiner Befreiung meinen Namen der Welt bekannt machen.

Während der Arbeit schmiedete ich Verse und schrieb einen nach dem andern geschwind auf eine neben mir liegende Schiefertafel. Kam Jemand, so löschte ich das Geschriebene schleunig aus, andernfalls schrieb ich es am frühen Morgen oder während der Mittagsstunde auf Papierstreifen, die ich in den Schuhen bei mir trug.

Eines mag als Probe meiner damaligen Seelenstimmung hier stehen und Dir zeigen, wie weit ich noch nach etwa 10monatlicher Einzelhaft von Besserung entfernt war:

Ein Sklavenvolk mag vor Molochen kriechen, Vor schlauen Bonzen wahnerfüllt sich beugen, Sein Glück mit Füßen treten im Unsinnsreigen Und Seligkeit aus Triererröcken riechen!

Doch ewig soll das Volk an Dummheit siechen?— O nein! die Wahrheit wird und muß sich zeigen, Muß glühendroth aus Tempelasche steigen Sobald der Wahn des Christenthums gewichen!

Drum frisch, ihr Freien, laßt nie träg euch finden, Wetzt gegen Bonzentrug die schärfsten Klingen, Es gilt, der freien Menschheit Reich zu gründen!

Der Weltgeist leiht euch riesenstarke Schwingen, Kein Adler kann im Sonnenlicht erblinden, Der Menschheitsgott lohnt euer kühnes Ringen!—

Im Juni setzten mich Kanonendonner und Kriegslärm aller Art in fieberhafte Bewegung. Jeden Schritt, der auf den Steinplatten des Ganges dröhnte, hielt ich für den meines Befreiers.

Ich hoffte, daß alle Gefängnisse ihre bleichen Bewohner ausspeien würden und war gesonnen, aus denselben ein in die graue Tracht des Sträflings gekleidetes Corps zu bilden, um dasselbe als Vorkämpfer beim Kampfe gegen die alte Gesellschaft zum Siege zu führen.

Freiheit und Kampf, Sieg und blutige Rache, Tod und Ruhe war meine Loosung und ich vergaß dieselbe sogar in meinen nächtlichen Träumen nicht.

Eines Abends marschirten preußische Füseliere über die Ringmauern der Anstalt, bald nachher stand auf der Mauer meines Spatzierhöfchens geschrieben; "Die Freischaaren sind aus dem Schwarzwalde in die Schweiz, Alles ist aus.—Die Franzosen wollen wieder Einen haben und der Sträfling von Ham soll auf der Liste zu oberst stehen. Lauter Lumperei!—"

Dies war zuviel.

Seit vielen Jahren eines ins Aeußerliche versenkten Lebens hatte mich Gott das Rächeramt an mir selbst verwalten lassen. Eine beständige qualvolle Unruhe, eine tiefe geheime Unzufriedenheit mit mir selbst jagte mich aus einer Stunde in die andere wie den ewigen Juden und ließ mir nicht Einen vollkommen sorgenlosen Genuß. Aus jedem Freudenbecher stiegen Dämonen und setzten sich als unerträglich schwere Alpe auf mich, während Springfedern in mir zu sein schienen, die beim leisesten Drucke von Außen mich fernen, unbekannten Zielen zutrieben.

Während meiner Gefangenschaft war ich bereits so weit gekommen, die Ochsen und Kühe zu beneiden, welche den Brodwagen in den Hof der Anstalt schleppten. Ich würde gerne geglaubt haben, das elendeste Thier sei ein glücklicheres Wesen als der Mensch, wenn nicht ruhige, freundliche, glückliche Menschen, hinter denen mein scharfgewordenes Auge keinen Schein entdeckte, täglich in meine Zelle getreten wären.

Ich mußte mir in ruhigeren Stunden gestehen, eine Regierung, welche Diener von der Art meiner Besucher habe und ihre schlechtesten Unterthanen noch menschenfreundlich behandle, müsse nicht ganz fluchwürdig sein. Nicht minder fiel es mir bei, eine Religion, welche ihre treuen Anhänger so ruhig, freundlich und glücklich mache wie die christliche, bleibe eine preiswürdige Religion, selbst wenn ihre höchsten Vorstellungen keiner Wirklichkeit entsprächen. Ich begann die Gläubigen um ihres Glaubens oder vielmehr um des Glückes willen zu beneiden, welches der Glaube denselben gewährt.

Beim Durchmustern meines vielbewegten Lebens kam ich allmälig immer mehr auf meine Jugenderinnerungen zurück, weil sie die süßesten für mich waren. Unsere Kinderzeit, theuerster Bruder, wurde für mich zunächst der Born, aus welchem ich mich erfrischte, um zum Quell des wahren Lebens zu gelangen.

Die Macht dieser Erinnerungen trug Vieles bei, mein Felsenherz zu erweichen und die wehmüthigen Betrachtungen und Vergleiche zwischen dem seligen Kinde und dem unseligen Zuchthäusler versenkten mich in ernstes Nachdenken.

Mehr als einmal, wenn die Glocken von fern und nahe in meine Zelle hineinläuteten und das Abendroth zwischen den Kerkerfensterlein hindurchzuckte und golden über die kahlen Wände zog, da sah ich längst entschwundenes Abendroth und unter ihm die Thürme, von welchen die Religion ihren Abendgruß über unser Städtlein mit seinen dunkeln Dächermassen hinrief und sah ein Haus, worin ein aufblitzendes Licht die liebsten, freundlichsten Gestalten beleuchtete, die mir in meinen Erdenwallen vorgekommen. O Anton, Anton, ich wünschte dann wiederum ein Kind zu sein und mein Leben in ganz anderer Weise von vorn anfangen zu können!——

Ich begann allmählig auch religiöse Schriften zu lesen und über den Inhalt reiflich nachzudenken. Schon die Vorträge und Predigten hatten mich überzeugt, daß ich in vielen Punkten der christlichen Religion in Irrthum und Unwissenheit geschwebt und alle Punkte nur von der Seite aus zu betrachten gewöhnt war, von welcher sie mir verwerflich erschienen.

Je besser ich erkannte, daß ich trotz allen Erinnerungen aus dem Katechismus und an Predigten von meiner Religion bereits so wenig als ein Heide verstünde, desto mehr stiegen Interesse und Eifer mich zu unterrichten. Bald machte ich Auszüge aus guten Schriften und zuletzt eigene Aufsätze, um mich im Denken zu üben.

Gleichzeitig las ich geschichtliche Werke und begann an dem Ikarien, in welches ich mich ganz und gar festgerannt hatte, irre zu werden.

Je mehr ich las und dachte, desto mehr wich der Fanatismus des Unglaubens. Ich lernte die Ruhe des Denkers kennen und wenn dieselbe auch noch lange nicht die Ruhe des Christen ist, so bleibt sie doch ein Durchgangspunkt, um zu derselben zu gelangen.—

Jetzt ist es mir klar, daß Gott mich ins Zuchthaus führte und daß die Zuchthausstrafe der Rettungsversuch war, welchen Er mit mir anstellte, damit meine Seele nicht ewig verloren gehe.

Er handelte an mir wie ein geschickter Arzt, welcher kein Sengen, Brennen und Schneiden scheut, wenn es dem Kranken nützt, ich dagegen lange genug wie ein in Fieberwahn Daliegender, der von keinem rettenden Arzte wissen will und um so heftiger nach demselben schlägt, je näher er ihm tritt.

Er züchtigte mich mit der einen und hielt mich mit der andern Hand.

Du weißt bereits auf welche Weise Er meine Zuchthausstrafe verschärfte. Unter Sträflingen wäre ich niemals so weit gekommen, Geschmack an religiösen Schriften zu finden. Seitdem ich einsam lebte und gar nichts mehr vom Leben und Treiben der Welt erfuhr, war ich allmälig im Stande Schriften zu lesen, deren Inhalt meinen Ansichten schnurstracks widersprach und der Mangel an Zerstreuung zwang mich, die Gründe der Verfasser zu prüfen.

Gleichzeitig gewann die Einsicht, daß ich durch unverständiges Benehmen meine Lage nur verschlimmere, Uebermacht über die Leidenschaftlichkeit meines Herzens und meinem anständigern, würdigerem Benehmen gegen Besucher entsprach eine freundlichere, gütigere Behandlung von ihrer Seite.

In B. dauert das Jahr nur 8 Monate. Die Hälfte meiner Strafe war überstanden, laut der Hausordnung konnte ich um Begnadigung bitten. Lange schwankte und zauderte ich. Der Gedanke auszuharren, um mich nicht der Gefahr einer demüthigenden Zurückweisung auszusetzen, wich nur, wenn ich an die bisher ausgestandenen Leiden dachte. Ein Traum war's, der mich bewog, ein Gnadengesuch einzugeben und an einen günstigen Erfolg desselben zu glauben.

Einen tiefern Schmerz habe ich selten in meinem quallenreichen [qualenreichen] Leben empfunden als den, welchen ich empfand, nachdem mir ein Schreiber die Nachricht brachte, meine Bitte sei eine vergebliche gewesen. Weniger die Vernichtung süßer Hoffnungen und die Fortdauer der Gefangenschaft, als die Täuschung des Vertrauens, das ich der regierenden "Bourgeoisie" geschenkt und der Gedanke, daß Beamte und Aufseher, die meine frühern Prahlereien angehört und deren Glauben an meine Standhaftigkeit ich durch die Bittschrift vernichtet hatte, wars, was mich schmerzte.

Ich that furchtbare Schwüre, daß meine Hand verdorren und mein Auge erblinden möge, wenn ich jemals wiederum eine Feder anrühre, um ein Gnadengeheul zu componiren. Der Schwur ward gehalten, nicht weil mein Hochmuth stark, sondern weil der Schwur Schwur blieb.

Alle Ruhe und Mannhaftigkeit, alle Versöhnlichkeit und Unpartheilichkeit waren aufs neue verloren. Selbst gegen meine Besucher konnte ich mehr als mürrisch und grob sein, denn ich hatte die Vornehmsten in Verdacht, daß sie meine Befreiung nicht bevorwortet, sondern hintertrieben hätten, während sie mir ins Gesicht Güte und Menschenfreundlichkeit logen und es gab Stunden, wo die innere Aufgeregtheit mich alle Klugheit und Mäßigung vergessen ließen.

Meine religiösen und geschichtlichen Betrachtungen, die Vergleiche der verschiedenen Systeme sozialistischer Träumer hörten auf, ich war zu unruhig, um lesen zu können und nur die "Rothen Lieder" gediehen.

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