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Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling

Erster Theil (continued 3)

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Zweifelsohne hat das viele Arbeiten und die schmale Kost das Gedeihen seines Leibes aufgehalten, damit aber auch das Verderbniß seiner Seele hinsichtlich des sechsten Gebotes, denn im Ganzen hat die dicke Sonnenwirthin den Hannesle so recht für das Zuchthaus und die Hölle erzogen.

Seine Hoffart bekämpfte sie durch tägliche und stündliche Mahnung an sein Herkommen und seine Armuth, sein Selbstgefühl ging durch die demüthigendste und niederträchtigste Behandlung unter, welche er nach dem Beispiele der Hausherrin von den meisten Dienstboten, vom Oberknecht bis hinab zum Roßbuben und zur "Saumagd" erdulden mußte. Ihr Geiz lehrte ihn das Geld als den wahren Erdengott schätzen und ihre Habsucht ließ ihm alle Mittel zum Erwerben gleich gut erscheinen, wenn sie nur nicht zur Amtsstube führten, was durch Verhehlen, Pfiffigkeit und Läugnen verhindert werden konnte. Daß der Bube die Reinheit seines Gemüthes nicht schon während seines Aufenthaltes in der Sonne einbüßte, daran hatte Elsbethens Benehmen und Gerede sammt dem der übrigen Bewohner und mancher Gäste blutwenig Verdienst. Der Neid blieb ihm sein Lebenlang ziemlich fremd, doch das Beispiel der Pflegemutter und noch mehr die große Summe dessen, was er entbehren mußte, während es den meisten Menschen zu Theil geworden, hätten bei größern Anlagen zu diesem Laster den Neid zu einer ingrimmigen Höhe emportreiben müssen und in spätern Jahren ersetzte der Haß die Leistungen des Neides. Von Unmäßigkeit konnte bei ihm keine große Rede sein, er sah die abschreckenden Folgen dieses Lasters täglich vor Augen und ist niemals ein Gewohnheitssäufer geworden, dagegen hat ihn Elsbethens übertriebener Anspruch auf die Genügsamkeit Anderer und die Lust zum Naschen, welche er aus dem Häuslein des Gestellmachers brachte, frühzeitig genug zum Stehlen geführt und sein Gewissen weit gemacht. Elsbethens Zorn besserte den seinigen nicht, sondern unterjochte denselben der Angst und Furcht und verkehrte ihn in naturwidrige Heuchelei, Hinterlist und Heimtücke.

Der Trägheit hinsichtlich des Arbeitens widersprach sein quecksilbernes Naturell und noch mehr das Machtwort der Pflegemutter, und was Trägheit zum Guten heißt, hat dieselbe Pflegemutter ihm zwar gründlich gezeigt, doch hat er diese Lehre niemals recht erfaßt.

Er haßte die Elsbeth von ganzem Herzen; am meisten verwünschte er ihre Frömmigkeit, weil dadurch seine Arbeit unsäglich vermehrt wurde. Das Beten der Dienstboten vor und nach dem Essen wollte kein Ende nehmen, er aber mußte vorbeten, bis er heiser wurde. Eine fleißigere Kirchgängerin als die Pflegmutter gab es schwerlich auf zehn Stunden im Umkreise, bei jedem Gange zur Kirche mußte aber der Hannesle an ihrer Seite sein, gleichsam als wolle sie Gott und Menschen stets daran erinnern, welche Wohlthaten sie einem Vertreter der Armuth spende und das Aergste für diesen war, daß sie während des Gottesdienstes nicht nur scharf zusah, ob er sein Gebetbüchlein richtig halte, beim Verbeugen und Kreuzschlagen sich keine Blöße gebe und die Lippen stets bewege, sondern auch forderte, er müsse über alle Mienen, Geberden und Reden der Kirchgänger genauen Bericht abstatten. Wußte er nichts zu erzählen, dann regnete es Ohrfeigen, meldete er unangenehme Wahrheiten, dann ließ sie ihre Wuth an ihm aus und brachte er angenehme Lügen vor, so schaute sie ihn mit durchbohrenden Blicken an, er pflegte anfangs zu erröthen und verwirrt zu werden oder später sich zu widersprechen und jedesmal erhielt er dann eine doppelte Portion, weil er die Kirchgänger nicht fleißig oder richtig beobachtet und noch dazu gelogen habe.

Die Kundigern meinten sammt dem Beglückten, die Sonnenwirthin habe nach dem Tode ihrer Männer einen Sündenbock ihrer Launen und Untugenden anschaffen müssen, welcher Aussicht auf langes Leben und keine Aussicht auf Erlösung aus ihren Klauen besitze und die Kosten des Sündenbockes würden durch die Arbeiten desselben mehr als vergütet, an ihr sei ein schlauer Diplomat verloren gegangen!—Eine Reihe von Jahren verlebte Brigittens Sohn bei der Elsbeth und was diese säete, wuchs und gedieh und sie mußte es allgemach einerndten.

Ein kindliches Gemüth versteht die tiefsten Geheimnisse der Religion, weil es die Liebe versteht, die Liebe zu den Eltern und Geschwistern bildet für das Kind die Brücke zur Wanderung und Vertrautheit mit den Gestalten des Himmels.

"Wie Jeder ist, so ist sein Gott, darum wird Gott so oft zum Spott!" sagt Göthe sehr wahr und, fügen wir bei, weil der Mensch wird, was man aus ihm macht, so mußte ein Leben ohne Liebe und Freude den Hannesle dazu führen, daß er zuerst die Menschen fürchtete, Zutrauen und Glauben an sie verlor, die angeborene Liebe des Gemüthes in Haß und Selbstsucht untergehen ließ, dann das Verständniß der Religion der Liebe verlor, den Gott des Hasses und Zornes fürchtete, mit den Jahren gleichgültig und feindselig gegen denselben wurde und den einzigen und höchsten Zweck des Erdenlebens in der Erfüllung selbstsüchtiger Wünsche erblickte.

Aller Religionsunterricht, alles Beten und Kirchenrennen und Empfehlen religiöser Gesinnungen fruchtet bei der Jugend wenig, wenn Eltern, Erzieher und Andere durch ihr Beispiel denselben keine handelnden Christen zeigen.

Tagtägliche Uebertretungen der Gebote Gottes von Seite der Großen werden den Kleinen allmählig zu Widerlegungen der Lehren der Religion und Rechtfertigungen der religiösen Gleichgültigkeit und des Unglaubens, zumal keine Religion der Erde den Interessen der erwachenden, schmeichelnden Selbstsucht des Kindes schroffer und herber entgegentritt als gerade das Christenthum.

Der tausendjährige Fortbestand mancher heidnischen Religionen erklärt sich leicht aus dem Anschmiegen ihrer Lehren an die Selbstsucht des Menschen, der bald zweitausendjährige Fortbestand der Weltkirche Jesu Christi bleibt an sich ein Wunder der göttlichen Vorsehung, wie der anfängliche Sieg des Christenthums über die heidnische Welt.

Gerade weil der Zuckerhannes ein an sich ganz gewöhnliches Menschenkind und seine Geschichte zunächst eine Alltagsgeschichte gewesen ist, wie es deren viele Tausende gibt, wir aber zunächst den wohl unästhetischen, doch sehr leicht zu vertheidigenden Zweck im Auge haben, die Mitschuld der Gesellschaft an den Sünden, Lastern und Verbrechen des Einzelnen einmal klar nachzuweisen, haben wir auf die Gefahr hin, ein bischen langweilig zu werden, die Einflüsse hervorgehoben, welche auf den jungen Hannesle wirkten und denselben zu einem Zuchthausbruder machen halfen.—

Nicht still, denn dafür sorgte die Pflegmutter mit vielen Andern, wohl aber einförmig und freudlos flohen dem Buben beinahe 3000 Tage dahin, welche er in der Sonne verlebte und das Besondere, was ihm aufstieß, läßt sich mit kurzen Worten abmachen.

Der Vicar hatte die Lebensfreudigkeit, Rohheit und Unarten des Bübleins gesehen, als dasselbe noch baarfuß und mit zerrissenen Zwilchhöslein im Thale herumsprang. Er kam anfangs oft in die Sonne, vernahm manches Untröstliche von der Wirthin, welche schwer über das selbst auferlegte Kreuz der Erziehung eines Halbwilden seufzte und prägte dem Lehrer sehr unnöthig große Strenge gegen den Hannesle ein, dessen scheues, niedergeschlagenes Benehmen trotz der bescheidenen und höflichen Manieren ihm nicht recht gefallen wollte.

"Der Bube ist nicht glücklich, er begreift die heilsame Strenge seiner Behandlung noch nicht, es wird bald besser werden und besser gehen, denn die Sonnenwirthin ist ein gescheidtes Weib und eine musterhafte Katholikin!" dachte der Geistliche, mußte jedoch bald erleben, daß der Bube weder wie ein Glücklicher dreinschaute noch wie ein unbefangenes Kind that.

Bei der Katzenlene fand er nicht sogleich Aufschluß, denn diese kannte nur noch wenige Leute des Thales und unter diesen die Sonnenwirthin als eine reiche, stolze, entfernt wohnende Person nur vom Hörensagen, der Hannesle selbst versicherte stets, daß es ihm sehr wohl ergehe, Frau Elsbeth an ihm als einem verlassenen "unehrlichen" Buben den Himmel verdiene und sich dem Herrn Vicar höflichst empfehlen lasse.

Letzterer bemerkte, daß der Bube sich vor ihm verkroch, bei jeder Frage zitterte, wenn von der Sonne die Rede war und seine Antworten gemeiniglich mit Thränen würzte. Die Katzenlene, andre Leute und die eigenen Augen brachten ihn zuletzt doch zur rechten Einsicht; er wollte der Elsbeth Lehren geben, aber da kam er schlecht weg! Eine alte und berühmte Christin, die fünf Männer und elf Kinder in den Himmel gesandt und bei Gott zweifelsohne im höchsten Ansehen stehen mußte, ließ sich von einem blutjungen Vicar nichts vom Erziehungswesen einreden, das war aus und vorbei!—

Der Wohlthäter des Hannesle hatte es gut gemeint, als er ihn der Elsbeth übergab und hierin lag sein Trost; er hatte es schlecht angefangen, den Bock zum Gärtner gemacht und bereute es tief, allein ändern ließ sich die Sache nicht mehr.

Er strebte auf alle Weise darnach, das Zutrauen des Mißhandelten zu gewinnen, aber dieser fürchtete alle Herren, sah ihn als Urheber seines Unglückes an, glaubte ihn im Einverständniß mit der zornigen Pflegemutter, ließ sich nicht fangen und beharrte auf seiner unnatürlichen, stummen Rolle.

"Komm, wir gehen zu deiner Großmutter;" spricht der Vicar an einem schönen Sommernachmittag zu dem Buben. Dieser schaut zuerst ihn, dann die dicke Sonnenwirthin an, diese nickt bejahend und er geht voll Verwunderung, was das für eine Großmutter sein werde, zu welcher ihn der geistliche Herr führe, ohne daß die Pflegemutter es verbiete.

Er wußte von einigen Vettern und Basen, der Gestellmacher trank zuweilen einen Schnaps in der Sonne, die Bauernleute, bei welchen er zuletzt gelebt, traf er an Sonntagen auf dem Kirchgange, doch die Sonne verlassen und ohne Vorwissen der Pflegemutter ein anderes Haus betreten, galt als eines der schwersten Verbrechen, welches er zu begehen vermochte; er beging es nicht, weil die Angst ihm alle Freude verdarb und von einer Großmutter, die noch unter den Lebendigen wandle, hatte er noch nie gehört.

Jetzt führte ihn der Schützer in das Stüblein der Katzenlene.

War die Katzenlene nicht eine Base der Marianne selig und damit auch der Brigitte selig? Hatte Marianne mit der kleinen Brigitte nicht zuweilen ihre Zuflucht in dieses Stüblein genommen, wenn der betrunkene Bürstenbinder sie schlagen wollte, ihr sonst ein großes Wehe oder auch die Langeweile auf dem Herzen lag? Saß Brigitte nicht oft genug auf dem Fensterbänklein, bevor sie mit dem langen Michel bekannt wurde und hat die Lene sie nicht auch noch später einigemal eingeladen? Konnte diese nicht die Großmutter des Thales und absonderlich die des Hannesle heißen?—Der Geistliche blieb eine Weile, versprach der Alten, ihr künftigen Sonntag wiederum den Leib des Herrn in die Hütte zu tragen und ging, um nach einigen Stunden wieder zu kommen und den Buben abzuholen.

Von dieser Zeit an kam letzterer oft zur Katzenlene und diese hat mit ihren wundersamen Historien von heiligen und unheiligen Menschen dem Knaben eine neue, bisher unbekannte Welt erschlossen und Vieles gethan, um die Liebe zu Gott und den Menschen im jungen Herzen wach zu erhalten. Der Hannesle hat die alte Frau unsäglich lieb gewonnen, doch die Geschichten derselben verbitterten ihm das Leben in der Sonne mehr als sie es versüßten und die Liebe des Erlösers zu den Menschen wußte er nicht mit dem Leben und Treiben der Thalbewohner zusammenzureimen. Er betrachtete die fromme vielbetende Elsbeth, verglich sie mit der frommen, vielbetenden Katzenlene, sah das fromme und hochangesehene Dekanat und den frommen, minder angesehenen Vicar und wußte sich in den vielerlei Arten von Frömmigkeit am Ende gar nicht mehr zurecht zu finden. Er hätte am liebsten sterben und zu der Sonntagsmutter kommen mögen, denn Freude an der Welt und an den Menschen empfand er täglich weniger.

Gelbveigelein und Rosmarin blühten zum zweitenmal auf Brigittens Grab, als der Vicar wandern mußte und damit hatten auch die Besuche des Buben bei der Katzenlene ein Ende und der letzte, welchen er einmal verstohlener Weise machte, trug ihm bittere Früchte ein.

Es schien, als ob mit dem Vicar der Schutzgeist des Buben Abschied genommen habe, denn war die Elsbeth bisher unmenschlich gewesen, so wurde sie jetzt oft mehr als unmenschlich und hatte beim Hannesle bisher nicht Alles seine Richtigkeit, so verfiel er jetzt rasch aus einer Untugend in die andere, setzte dem Hochmuthe Trotz, dem Zorn Heimtücke, dem Geize Diebstahl, dem Neide Schadenfreude, der Lieblosigkeit tiefen Haß entgegen und je musterhafter und frommer sein Benehmen auf den ersten Anblick zu sein schien, desto hohler und fauler sah es inwendig in ihm aus.

Der Gestellmacher hatte selten einen Gang in das Amtsstädtchen oder in ein anderes Dorf gemacht, ohne dem Hannesle, dem Herzkäfer etwas Gutes mitzubringen, die Sonntagsmutter am eigenen Munde gespart, um ihr Büblein zu erfreuen. Ostern, Kirchweihen, Jahrmärkte und Klausentage waren hohe Feste für ihn und er hatte die Woche über sich immer auf Etwas zu freuen. Bei der Elsbeth bekam er weit Besseres, dagegen auch weit weniger Essen als vorher und von besondern Leckerbissen oder Geschenken war keine Rede. In einem Wirthshause liegen einem Hungernden Versuche des Naschens und Stehlens sehr nahe, namentlich wenn er von Zeit zu Zeit erleben muß, daß alle Hausbewohner Bescheerungen erhalten und er allein leer ausgeht. In der Sonne hieß es: wenn die Katze fort ist, tanzen die Mäuse, denn hinter dem Rücken der sparsamen, haushälterischen Wirthin verdarben, veruntreuten und stahlen die Knechte und Mägde zehnmal mehr, als dies der Fall gewesen sein würde, wenn jene billiger und gütiger gewesen wäre.

Ihre Habsucht erzeugte täglich Veranlassung zu schweren Sünden Anderer und ihr Geiz trug als Frucht Verschwendung. Alle Dienstboten hielten gegen die Herrin zusammen und betrogen sie gleichmäßig. Hannesle, so klein er war, sah Manches und plauderte, wurde von der Pflegemutter deßhalb nicht besser behandelt, dagegen von den Verrathenen desto schlimmer. Mancher Dienstbote suchte ihn zu gewinnen und gescheidt zu machen, der Bube sah Vieles, freute sich darob, schwieg und befand sich nicht übel dabei. Was Pfarrer und Lehrer und Elsbeth selbst predigten, fand in der Sonne bei den Erwachsenen keine Geltung, weßhalb sollte ein geplagter, oft genug hungernder Bube es befolgen? Er begann auf eigene Faust zu stehlen, schritt von einem Stücklein Zucker allgemach zu einem ganzen heimlichen Magazin von Eßwaaren fort und stibitzte bei guter Gelegenheit zuerst Kreuzer, Sechser, Sechsbätzner und nachdem er einmal mit kühnem Griffe einen Brabanter genommen und nach achttägiger Angst unentdeckt geblieben war, lernte er allmälig stehlen, ohne daß ihm die Finger zitterten und das Herz pochte. Eine Magd kam hinter sein Waaren- und Geldmagazin, ihre schrecklichen Drohungen machten den Buben zu ihrem Sklaven, er stahl fortan für sie und diese versorgte ihn dagegen mit süßen Herrlichkeiten, welche einem Bettelbuben so vortrefflich schmecken wie dem verzogensten Stadtkinde. Seine Hehlerin gerieth einmal in scharfe Händel mit einer andern Magd und diese wußte im ersten Zorn nichts Besseres zu thun, als der Sonnenwirthin die Augen über die Untreue der Feindin zu öffnen, diese dagegen machte den Pflegsohn zum Sündenbocke und ein mit Zuckerwaaren halb angefüllter alter Trog sammt einem Leinwandsäckchen mit Münzen aller Art gab der erstarrenden Elsbeth Einsicht in die langfingerigen Anlagen des Hannesle, wenn auch keine in die Früchte ihrer Erziehungsweise.

Beide Mägde wurden augenblicklich fortgeschickt; wie es dem Buben erging, läßt sich denken und nur der Umstand, daß sie denselben so grausam schlug, um den Bader herbeirufen und Amtsgeschichten befürchten zu müssen, bewirkte, daß der Hannesle noch länger im Hause bleiben durfte. Elsbethens ärgster Zorn verrauchte, der Bube rutschte vor ihren Füßen herum und winselte erbärmlich, um dableiben zu dürfen und durfte bleiben. Doch weit entfernt, den Fehltritt desselben verständig zu beurtheilen und klug zu verschweigen, erfuhr jeder Gast die Beweise, welche der gottlose Hannesle für den Undank der grundverderbten Welt geliefert, sie selbst führte denselben nach der Genesung in die Schulstube und erzählte den Kindern, was ihr Mitschüler verschuldete und wie sie den Hannesle fortan nur "Zuckerhannes" rief, also riefen ihn fortan auch die Altersgenossen und Erwachsene.

Brigittens Sohn erhielt durch diesen Beinamen die Taufe des Verbrechers und hat denselben niemals wieder verloren.

Der verachtete "Bankert" war ein beargwohnter und gemiedener Spitzbube geworden, die Verachtung Aller vernichtete sein Ehrgefühl, machte ihn boshaft, weil feindselig gegen die Menschen. Er fühlte wohl, seine Strafe sei nicht unverdient, doch im Grunde hatte er blos das Beispiel der Erwachsenen befolgt, diese erndteten weder Verachtung noch Verfolgung, die Unversöhnlichkeit, welche gegen ihn bewiesen wurde, verbitterte sein Gemüth und seine Selbstliebe schmeichelte ihm den vornehmsten Glaubensartikel der Spitzbuben ein, wornach nämlich nicht sowohl das Stehlen, als das Ertapptwerden etwas Schändliches und Strafwürdiges ist.

Den Namen "Zuckerhannes" bekam er im dritten Jahre seines Aufenthaltes in der Sonne und noch mehr als diesen Namen quälte ihn die Furcht, der gute Vicar und die Katzenlene würden Alles erfahren.

Die Sonnenwirthin hegte ernsten Willen, den jungen Dieb zu bessern, wählte jedoch lauter verkehrte Mittel. Das bisherige gute Bett ward ihm genommen und durch einen Spreusack sammt Pferdeteppich ersetzt; er mußte die Nächte in der schlechtesten Bodenkammer des Hinterhauses eingeschlossen zubringen, verschmachtete im hohen Sommer beinahe vor Hitze, in dem langdauernden Winter vor Kälte, Sturm und Regen, Schnee und Eis drangen zu ihm hinein und vom zweiten Hahnenschrei bis spät in die Nacht blieb er keine Stunde unbeschäftigt, unbeobachtet und ungeschoren. Nicht die elende Kost, mit der er fortan vorlieb nehmen mußte, und nicht die Zumuthung, in Stall und Scheune, Feld und Wald die Arbeit eines baumstarken Knechtes zu verrichten, kränkte den armen Buben am meisten, wohl aber, daß er für alles Arbeiten weder Dank noch Ehre einerndtete und daß mit dem Namen "Zuckerhannes" das Mißtrauen gegen seine Ehrlichkeit sich forterbte und in Mienen, Reden und Handlungen der Hausbewohner sich täglich offenbarte.

Knechte und Mägde veruntreuten und stahlen nach wie vor, aber den Zuckerhannes machten sie nicht mehr zu ihren Vertrauten. Dieser sah fortwährend veruntreuen und stehlen, gönnte der unversöhnlichen Pflegemutter jeden Schaden und schwieg deßhalb auch, er selbst hat in der Sonne zahllose Versuchungen mannhaft überwunden und zwar aus Furcht, denn er wußte, daß Elsbeth aus Drohungen sehr bald Ernst mache und diese hatte ihm gedroht, ihn den Gerichten augenblicklich zu überliefern und jahrelang bei Wasser und Brod einsperren zu lassen, wenn er nur noch Eines Kreuzers Werth veruntreue oder entwende.

Der einzige Vortheil, welcher dem Zuckerhannes nach seiner Ansicht aus der schlimmen Geschichte erwuchs, bestand darin, daß er seines Amtes als Vorbeter und Kirchenbegleiter enthoben wurde.

"Das Gebet eines Spitzbuben hat keine Kraft; mit einem Bankert konnte ich zur Nothdurft aus christlicher Barmherzigkeit zur Kirche gehen, dagegen soll ein Galgenvogel niemals neben mir wandeln!" sagte die rauhe, mannhafte Elsbeth und dabei blieb es, denn ein Wortbruch in schlimmen Dingen war bei ihr eine Seltenheit. Zwei schwere Jahre voll Arbeit, Entbehrungen und Leiden verflossen wiederum, der Zuckerhannes wurde der Schule entlassen und betrachtete den Tag der Entlassung als den größten Glückstag, welcher seit langer Zeit ihm zu Theil geworden. Seine Freude am Lernen war niemals groß gewesen, er blieb stets hinter seinen Mitschülern zurück, zumal er daheim keine Zeit zum Lernen und keinen Sporn dazu erhielt; in den letzten Jahren lag die Mißachtung des geistlichen und weltlichen Lehrers und die der Schüler dazu immer drückender auf seinem Herzen und an den Stunden, welche er in Schule und Kirche zubringen mußte, war ihm das Ende das Allerliebste.

Vom Beichten hielt er bereits wenig und schon der erste Gang zum Tische des Herrn galt ihm eben als herkömmlicher, wunderlicher Brauch. Mit Zeitungen, Büchern und gelehrten Leuten ist der Zuckerhannes während seines ganzes Lebens blutwenig zusammengekommen, dagegen hat er Leute genug gesehen, welche trotz Beichte und Abendmahl stets die Alten blieben und wiederum Andere, welche ohne diese Heilsmittel nicht schlimmer als Andere zu sein schienen.

War sein Schulsack klein, so wurde doch der Kropf groß, den er in die Jünglingsjahre hinübertrug und später nicht mehr wegbrachte. Derselbe entstellte seine nicht unansehnliche Gestalt und war die Ursache einer schweren Fehde mit der Pflegemutter. Der dicke Hals eines Bankerts war für sie kein Anlaß zum Geldausgeben, der Kropf eines Spitzbuben ein sichtbares Zeichen der göttlichen Strafgerichte und ein heilsames Werkzeug der Buße und Besserung. Der Hannesle bekam keinen Heller Geld in die Hände und bat und flehte vergeblich um einige Kreuzer, mit welchen die lästige Halszierde hinwegbeschworen werden konnte. Elsbeth schwur, entweder einen kropfigen oder gar keinen Zuckerhannes vor ihren Augen sehen zu wollen, gab bei heiterer Laune gute Versprechungen und wiederholte in anderer ihre Drohung, die Hausbewohner und manche Gäste hatten ihre helle Freude daran und eine so geringfügige und abgeschmackte Geschichte die eines Kropfes sein mag, so hat dieselbe unserm Helden doch manche heimliche Thräne gekostet und seinen Haß gegen Gott und Welt schüren helfen.

Elsbeth haßte den Pflegsohn, weil er ihrer Erziehung vielfache Schande eintrug, doch ihre Habsucht flüsterte ihr ein, es lasse sich ein rühriger und geschickter Knecht aus ihm großziehen, der die Sonne nicht wohl verlassen und noch weniger ordentlichen Lohn fordern könne. Bisher hatte derselbe ihren Haß nicht durch besondere Unfolgsamkeit geschürt, deßhalb behielt die Habsucht Oberhand, obwohl das Maulen und Trotzen dem einst so schüchternen, demüthigen Buben von Tag zu Tag allgemach doch geläufiger wurde.

Nach seiner Entlassung aus der Schule stimmte er merklich einen andern und höhern Ton gegen die Sonnenwirthin an und redete ziemlich laut davon, er habe bisher just wenig Gutes hier genossen, jeder Arbeiter sei seines Lohnes werth und am Ende ließe sich auch ein anderer Ort als dieses Wirthshaus für ihn finden.

Knechte und Mägde gaben ihm Recht und hetzten aus verschiedenen Beweggründen, Elsbeth ließ ein halbes Dutzend Todsünden gegen den "undankbaren, gottverlassenen Galgenstrick" immer heftiger Sturm laufen, der Angegriffene setzte ähnliche Mannschaft entgegen, es entspann sich manches wüste, hitzige Gefecht und zuletzt wurde die Katzenlene ohne Wissen und Willen der Anlaß, dem Faße der Trübsalen des Zuckerhannes den Boden auszustoßen.

Seitdem nämlich unser Held kein gezwungener Vorbeter und Kirchengänger und ein Sonntagsschüler geworden war, emanzipirte er sich allmählig vom Beten und Kirchengehen überhaupt und schlenderte an schönen Sonntagen im herrlichen Tempel der Natur herum, übrigens ohne mit Gedanken über Gott und göttliche Dinge sich sonderlich zu befassen.

Weil er gerne allein war und keinen guten Kameraden brauchte, der während des Gottesdienstes mit ihm im Gebüsche längs den Ufern des Gießbaches oder im Walde schlief und sich herumtrieb, kam ihm solcher Naturdienst recht angenehm vor, doch im Schwarzwalde dauerte die milde Jahreszeit nicht allzulange und die Freude manches Sommertages wird durch einen wolkenreichen Himmel getrübt. In die Kirche zu gehen, scheute sich der Zuckerhannes immer mehr, vom Bären hielt ihn Menschenscheu und Geldmangel ab, in ein anderes Haus getraute er sich nicht wohl, als in das der Katzenlene und seitdem ein arger Platzregen ihn wiederum einmal dahin getrieben und der Besuch ihn überzeugt hatte, daß die Alte zwar seine böse Geschichte kenne, ihn jedoch keineswegs verachte und geringschätze, saß er manches Stündlein bei ihr.

Am Morgen durfte er jedoch nicht kommen, weil das Schwänzen des Hochamtes bei gesundem Leibe in ihren Augen ein unverzeihliches Verbrechen war, doch Mittags während der Vesper übte sie Nachsicht, nachdem sie sich einreden lassen, der Besucher vermöge es nicht, mitten unter den Thalbewohnern, unter lauter Verächtern und Feinden das Herz zu Gott zu erheben.

Der alten Großmutter erzählte der Zuckerhannes gar Mancherlei von seinem Leben und Leiden, verschwieg Alles, was ihn selbst herabzusetzen vermochte, aber sie merkte sehr wohl, woran es ihm fehlte, wollte Alles thun, um den auf gefährlichen Pfaden Wandelnden zu Gott zurückzuführen und als kluge Frau nicht mit der Thüre ins Haus fallen, sondern vor Allem das Herz des Sünders für sich gewinnen.

Kam er auf die Sonnenwirthin zu sprechen, so redete heißer Haß aus ihm und weil der Haß keineswegs ein grundloser war, mußte die Katzenlene um ihres Zweckes willen ruhig zuhören und dem Ankläger in Manchem um der Wahrheit willen Recht geben. Gar Vieles empörte die alte Christin und so ließ dieselbe einmal das Wort fallen: "die Elsbeth müsse ein wahrer Drache sein, der die Seelen verderbe!" Diesen Ausspruch vergaß der Zuckerhannes nicht wieder, überbrachte denselben den Hausgenossen und als er unter der Woche wegen eines nachläßig geschmierten Wagenrades mit der Pflegmutter in schwere Händel gerieth, so schrie er im Zorne aus:

"Tobt nur wie der lebendige Teufel! Als ein Drache und eine Seelenverderberin seid Ihr ja genugsam bekannt, die Katzenlene hat es erst am Sonntage noch gesagt!"

Diese Worte versetzten die Elsbeth in besinnungslose Wuth, sie ergriff eine eiserne Stange, welche gerade vor ihr lag und schlug den davonspringenden Burschen mit solcher Wucht auf das Bein, daß derselbe stürzte und von den herbeieilenden Knechten in die Kammer getragen werden mußte.

Die Verletzung mag nicht sehr bedeutend gewesen sein, aber das beharrliche unversöhnliche Schweigen des Verletzten machte ihr Angst und sie fürchtete amtliche Untersuchung, obwohl keine Zeugen in der Nähe gewesen, ihr Geiz redete auch ein Wörtlein und ein versoffener Bader, welcher versprach, den Fuß binnen 8 Tagen schöner herzustellen, als die Natur denselben geschaffen, machte den kropfigen Zuckerhannes binnen 8 Wochen zu einem lebenslänglichen Hinkebein.

Gerade noch rechtzeitig schwur der Gequälte, seinen Mund zu halten, wenn ein ordentlicher Arzt gerufen würde, ein solcher erschien und durfte von Glück reden, weil der Fuß nicht vom Leibe getrennt werden mußte.

So gütig, milde und freigebig war die Sonnenwirthin niemals gewesen, wie jetzt, als sie den Bankert und Spitzbuben doch Etwas zu fürchten hatte, sie versprach demselben goldene Berge—-eines schönen Morgens fand man das Bett desselben leer, der Vogel war ausgeflogen und das Wohin konnte Niemand sagen.

In den ersten Tagen war es Elsbethen nicht recht geheuer, sie entfärbte sich Etwas, so oft der Gerichtsbote in den Bereich ihrer Augen kam, doch dieser brachte ihr niemals eine Vorladung, sie fing an, sich lauter und heftiger über den entlaufenen Galgenstrick auszutoben und ohne ihre Predigten würden wohl Wenige denselben vermißt haben.

Der Zuckerhannes aber saß droben im Hegau, lebte in der Nähe eines Amtsstädtleins in einem stattlichen Bauernhofe, dem Mooshofe, glücklicher als er jemals im Schwarzwalde drunten gewesen und in die Hoffnungen einer freudenvollen Zukunft warf nur zuweilen Ein Gedanke Schatten, nämlich der Gedanke an seine Papiere.

Der Moosbauer war ein guter, verständiger Mann und hatte den hergelaufenen Zuckerhannes probweise unter der Bedingung als Roßbube eingestellt, daß er sich über seine Person gehörig ausweise. Der übelaussehende, menschenscheue und wortarme Bursche, der zudem noch ein hinkendes Bein hatte, wollte ihm nicht recht gefallen, aber die Bäurin redete für den Weinenden ein gewichtiges Wörtlein und weil der Bauer als tüchtiger Landwirth bald sah, daß er keineswegs einen Faullenzer oder im Bauernwesen unerfahrenen Menschen aufgenommen und derselbe in den ersten Wochen nicht das Mindeste von einem Säufer, Spieler, Mädchenjäger oder Raufer an sich merken ließ, so schenkte er den Reden des Zuckerhannes bald vollen Glauben und versprach, ihn so lange zu behalten, als er da bleiben und keine schlechten Streiche machen wolle. Unser Held fühlte sich wie neugeboren, denn sein Arbeiten und Benehmen fand Anerkennung, Meister und Meisterin, Knechte und Mägde kamen ihm freundlich und wohlwollend entgegen und den argen Zwiespalt zwischen Dienstgeber und Dienenden, welchen er in der Sonne von Kindesbeinen an erlebt, fand er im Mooshofe nicht.

Die Leute mußten tüchtig arbeiten, dafür erhielten sie gute Pflege, hohen Lohn und menschliche Behandlung und waren stolz darauf, dem reichen, angesehenen Moosbauern dienen zu dürfen.

An einem Montag erhielt der Moosbauer genügende und überflüßige Aufschlüsse über den neu eingestellten Schwarzwälder. Das Zeugniß des Vogtes war kurz und gut, dagegen hatte das 265pfündige Dekanat ein großes, bogenlanges Sündenregister gesandt, welches am Zuckerhannes kein gutes Haar übrig ließ und vorzüglich deßhalb seine Wirkung nicht vollständig hatte, weil das Uebertriebene gar zu sehr hervorleuchtete.

Der Moosbauer schüttelte den Kopf, nahm nach der Heimkunft den Roßbuben ins Hinterstübchen und ließ sich von demselben seinen ganzen Lebenslauf erzählen, ohne eine Silbe von den angekommenen Schriften laut werden zu lassen. Der Zuckerhannes hatte in der Sonne in der Kunst des Lügens nicht unerhebliche Fertigkeit erlangt, doch diesmal merkte er Etwas, log nicht, sondern erzählte binnen einer peinlichen Stunde Alles, was sein Herkommen und seine Schicksale betraf, der Wahrheit gemäß.

"Es ist dein Glück, weil Du nicht logst, denn ich weiß Alles und würde einen Lügner auf der Stelle fortgejagt haben. Jetzt bleibe Du nur da, sei fleißig und brav, dann wird Alles gut gehen!"

Mit diesen Worten entließ der Moosbauer den Zuckerhannes und sie klangen in ihm fort wie himmlische Musik. Gegen die Knechte und Mägde wollte der Meister Stillschweigen über alles Nachtheilige beobachten, was er von jenem gelesen und gehört hatte, dagegen mußte die Bäurin Alles wissen, um sich darnach zu richten.

Diese war ein gutes Weib und versprach Stillschweigen, aber am Dienstag Mittag wußten sämmtliche Hofbewohner, daß ein Bankert, Spitzbube, undankbarer, gottvergessener und entlaufener Kerl, kurz der "Zuckerhannes" mit ihnen aus Einer Schüssel esse und der Oberknecht, der Bläsi, der seines Zeichens auswendig ein beurlaubter Dragoner und inwendig ein etwas stolzer und hochfahrender Bursche war, munkelte davon, der neue Gast gehöre von Gott und Rechtswegen ins Zuchthaus statt in den Mooshof und es sei merkwürdig, daß heutzutage ein ehrlicher Meisterknecht nicht mehr gelten solle, denn ein hergelaufener Galgenvogel, in dessen Nähe man alle Schlüssel abziehen, unter Tag im Sack herumschleifen und Nachts unter das Kopfkissen legen müsse. Der Moosbauer hat dem Dragoner den Mund verstopft, doch über Gesichter und Gebärden desselben vermochte er so wenig zu befehlen, als über die der übrigen Knechte und Mägde.

Dienstag Nachts hat der arme Zuckerhannes schon gewußt, daß Achtung, Zutrauen und Liebe der meisten Hausbewohner für ihn auch hier ein Ende hätten und altes Elend in anderer Weise beginne. Am Mittwoch Morgen erzählte die Hausmagd der Bäurin, das Kopfkissen des Roßbuben sei ganz naß gewesen, derselbe müsse heute Nacht wenig geschlafen und viel geweint haben.

Eine Andere versicherte, derselbe sehe übernächtig drein, habe diesen Morgen nicht laut mitgebetet, gezittert, als er den schwarzen, blechernen Löffel, den sonst Niemand brauche, welchen ihm der Bläsi zuschob, in die Hände genommen und kaum einen rechten "Schub" Suppe gegessen.

Am Sonntag Abend wußte der Held unserer Geschichte, sein Herkommen und seine begangenen Sünden sammt vielen unbegangenen seien im Dorfe drüben und sogar im Amtsstädtchen in mehr als Einem Munde, schwor, niemals Kameraden zu suchen und ohne besondere Geschäfte kein Wirthshaus zu betreten und hat den Schwur bis tief in den Winter hinein gehalten. Still, verschlossen und menschenscheu lebte er im Mooshofe und erfüllte seine Pflichten mehr als getreu, indem er die Stallbewohner beinahe zu seinen ausschließlichen Gesellschaftern machte.

An einem Sonntage saß er vor dem Stalle auf der Hundshütte, ließ eine silberne Sackuhr im Licht der Wintersonne spielen, der Bläsi sah dies aus der Ferne und lächelte höhnisch, am andern Tage aber holte ein Gensdarme den Zuckerhannes aus dem Mooshofe und führte ihn in das Amtsgefängniß.

Im Thurm.

Es bleibt eine Thatsache, über deren Richtigkeit schon das Studium der Schriften der ausgezeichneten Gefängnißkundigen genügend belehrt, daß in Deutschland Preußen und Baden das Meiste gethan haben und noch thun, um das Gefängnißwesen in musterhaften Stand zu setzen.

Preußens Gefängnisse kennen wir nur durch Schriften, Unterredungen mit einzelnen Gefängnißbeamten und ehemaligen Gefangenen, die badischen dagegen vielfach aus eigener Anschauung und Erfahrung.

So vortrefflich in neuer und neuester Zeit die Zuchthäuser, Arbeitshäuser, Kreisgefängnisse eingerichtet und verwaltet werden, so sehr man sich bemüht, auch die Untersuchungsgefängnisse in guten Stand zu setzen, so bleibt doch in Beziehung auf letztere noch Manches zu thun übrig.

Wir kennen trefflich eingerichtete Untersuchungsgefängnisse, welche nur noch an Einem großen Mangel leiden, nämlich daß sie durch das Beisammenleben der Gefangenen Vorschulen aller Verkehrtheit und Laster werden; wir kennen aber auch Arrestlocale, deren Beschaffenheit und Einrichtung wohl bis zur Stunde aller Gesundheitspolizei und Humanität schneidenden Hohn sprechen.

Von Oben herab geschieht freilich alles Mögliche, damit Untersuchungsgefangene oder polizeilich Verurtheilte nicht an Leib und Seele Schaden leiden, allein mancher Phisikus ist dick und bequem dazu, mancher Beamte hat viel zu viel mit der Unschuld zu schaffen, um sich sonderlich um etwas anderes denn um Verurtheilung der Schuld zu bekümmern, mancher Kerkermeister ist ein kleiner Absolutist, der hinter dem unnahbaren Schild des Gesetzes und der Verordnungen seinen Eigennutz und seine Launen versteckt und in mancher kleineren Gemeinde sind gewiß keine drei Personen, die sich Etwas von der Wichtigkeit des Gefängnißwesens träumen lassen, weit eher dreißig gedankenlose, kurzsichtige Schwätzer, welche sich über kostspielig scheinende Verbesserungen der Gefängnisse aufhalten und lieber großen Schaden mitbezahlen, als kleinere verhüten helfen würden.

Freilich gibt es unter dem Monde nichts ganz Vollkommenes; wie in allen Dingen lassen sich auch im Gefängnißwesen manche Mißstände nur langsam, schwer oder auch gar nicht beseitigen oder Verbesserungen ziehen neue Mißstände nach sich, so daß die Menschen am Ende ein großes Übel weniger auszumärzen, als durch ein kleineres zu ersetzen vermögen.

Was Friedrich II. in der bekannten Audienz zu einem deutschen Gelehrten sagte: "Die Menschen seien eine ganz verfluchte Race" werden die Regierenden zu allen Zeiten an einzelnen Werkzeugen und vielen Unterthanen bestätigt finden, welche ihre wohlwollenden Absichten Absichten sein lassen oder gar vereiteln.

Die Hauptsache bleibt, daß nach dem Vorbilde der preußischen die badische Regierung fortwährend redlich und ernstlich nach musterhafter Einrichtung und Verwaltung aller Zweige des Gefängnißwesens strebt und hierin wohl mehr bereits geleistet hat, als einige größere Staaten zusammengenommen—mit diesem tröstlichen, versöhnlichen Gedanken wollen wir in eine Ausnahme von der Regel, nämlich in ein schlechtes Amtsgefängniß treten und in einer Spelunke desselben den Zuckerhannes aufsuchen.

Man stelle sich ein nicht gar geräumiges Gemach oder vielmehr Kellergewölbe vor, das durch ein kleines, hoch oben angebrachtes Fenster Licht und Luft erhalten soll. Ein außerhalb des Fensters angebrachter Verschlag, dessen Zweck sich schwer absehen läßt, hindert jedoch das Einströmen frischer Luft und ließe bei Tag von der Erde das Dach einer nahen Scheune, vom Himmel einiges Blau und in der Nacht einige Sterne deutlich sehen, wenn die Scheiben nicht durch den Qualm und Staub vieler Jahre zu einer Satire auf die Erfindung des Glases geworden wären. Ein enggeflochtenes Drahtgitter am Fenster und sechs lange, mächtige Eisenstäbe spotten jedes Versuches, zum Fenster emporzuklettern, um etwa Vorüberwandelnde zu sehen und zu sprechen. An sonnenhellen Tagen stiehlt sich um Mittag zuweilen ein barmherziger Sonnenstrahl matt und vielfach gebrochen durch die Gitter herein und macht alte Jahreszahlen und verschollene Namen ehemaliger Bewohner dieser Höhle denjenigen bekannt, die kein Vergnügen an rohen Versen und schmutzigen Zeichnungen finden, welche auf die altersgrauen, von Feuchtigkeit marmorirten Wände hingeklekst wurden.

Drei alte, wurmstichige Bettladen nehmen nahezu den ganzen Raum des Kerkers ein und nur längs der Wand, in welcher sich die Thüre mit dem Schieber findet, läuft ein schmaler Gang, in welchem ein Gefangener hin- und her gehen kann. Freilich setzt solcher Spaziergang Bedingungen; erstens nämlich darf der Gefangene keinen Fallstaffleib besitzen, zweitens bedarf er außerordentlich solider Geruchsnerven, weil er rechts in Ermanglung eines Stuhles oder Tisches ein Möbel findet, welches eben nicht gleich Rosen und Gelbveigelein duftet; drittens bedarf er einer Brust trotz der des Kriegsgottes Mars, um die von seinen Schritten aufgewirbelten feinen Atome verschiedener Mineralien und zerstäubter Thiergeschlechter einzuathmen; viertens endlich muß er gute Augen haben oder ein geschickter Blindekuhspieler sein, damit er sich nicht beschädige an den scharfkantigen hölzernen Pallisaden, womit der schlechte, eiserne Ofen links in der Ecke umzäunt wird. Dieser Ofen mag schon manchem Bewohner des dämmerungsreichen Ortes Stoff zum Nachdenken geliefert haben, denn auf welche Weise er geputzt und angestrichen und der Staub unter ihm und in seiner Nähe weggebracht werden könnte, bleibt ein Räthsel, an dessen Lösung der Verstand der Amtsverweser offenbar verzweifelte.

Die Gefangenen indeß oder der Kerkermeister selbst zertrümmern von Jahr zu Jahr eine oder zwei Pallisaden, die Magd kommt mit ihrem Besen und säubert den Augiasstall beim Ofen, der Beamte brummt ein bischen über die "liederlichen" Pflegbefohlenen unter dem Themistempel und decretirt neue Pallisaden. Abends erzählt er in der Post beim Bier dem dicken, mundfaulen Phisikus von der Decretur; letzterer meint, die Gefangenen der beiden Lokale unter der Amtsstube könnten einmal bequem ersticken oder auch verbrennen, ersterer versichert, das Gewölbe sei feuerfest und jedenfalls würden die Akten der Amtsstube bald gerettet sein, beide Leuchten des Rechts und der Wissenschaft sind vollkommen damit beruhigt und getröstet.

In einem derartigen Kerker keinen vorübergehenden Besuch machen, sondern schwüle Sommermonate und endlose Winternächte hindurch den Ausgang einer spannenden, aufregenden Untersuchung abwarten, wie dies beim Schneckengang der Justiz vor Einführung des Geschwornengerichtes gemeiniglich der Fall war und noch jetzt der Fall sein kann, mag die Kerneichennatur eines deutschen Bauern tief erschüttern und hat sicher den Armenhäusern, Spitälern und den Krankenstuben der Strafanstalten schon manchen Rekruten geliefert. Kommen elende Kost, rohe Gefangenwärter und unsichtbare Beamte hinzu, welche den Gefangenen nicht einmal während des Reinigens der Spelunke frische Luft gönnen und im Fall einer Beschwerde sich mit dem Befehle strenger Verwahrung zu entschuldigen vermeinen, dann könnte man wohl begreifen, daß die Gefangenen gegen Gott und Welt und besonders gegen die Regierung erbittert werden.

Wir wissen aus eigener Erfahrung hundert- und tausendfach, wie geneigt das gemeine Volk sei, die Regierung als den allgemeinen großen Sündenbock aller scheinbaren oder wirklichen Taktlosigkeiten, Willkür, Brutalität der Angestellten und Beamten zu betrachten.

Die preußische Regierung hat vor Kurzem der Polizei Höflichkeit und mildere Formen empfohlen und dadurch ihre Kenntniß des Volkes und ihre Einsicht beurkundet—eine ähnliche Empfehlung möchte von Zeit zu Zeit in Baden noch weit nothwendiger sein denn in Preußen und um so bessere Folgen haben, wenn sie nicht nur der Polizei, sondern vielen andern Angestellten und Beamten zu Gemüthe geführt würde, unter denen gar Mancher durch unnöthige Grobheit und hochnasige Rohheit der gewiß wohlwollenden Regierung mehr geschadet hat, als mancher sogenannte "rothe Republikaner"—eine Behauptung, an sich einleuchtend und durch Thatsachen unschwer zu erhärten.

Der Zuckerhannes schneidet sein gutmüthiges, etwas einfältiges Alltagsgesicht, sitzt sehr unruhig auf seinem zusammengefallenen Strohsacke, dessen klein zerriebener Inhalt ihn genügend vor Verweichlichung schützt und betrachtet bald eine dickleibige Kreuzspinne, die aus ihrem dichten Gewebe in der Nähe des gegenwärtig halb zerbrochenen und von der Mittagssonne eines Frühlingstages umspielten Fensterleins heißhungerig auf eine ausgemergelte, verirrte Fliege losstürzt, bald einen Sperling, der im Vorbeiflattern sich auf den Verschlag setzt mit freundlicher Neugier in die Wüste dieser Behausung hineinzirpt und erschrocken davonfliegt, bald eine Wanze, welche träg aus einer Fuge der morschen Bettlade in eine andere schleicht, bald einen Floh, der vom schmutzigen Hemdärmel des Nachbars sich durch einen fröhlichen Harrassprung auf die Hand unseres Helden setzt, hier mit vertraulicher Keckheit sitzen bleibt und seine Bestimmung zu erfüllen sucht, nämlich Gefangene in schwermüthigen Grillen und Nachbrüten zu stören.

Neben dem dickhalsigen, schwerkeuchenden Hannes kauert ein Genie, gehüllt in Lumpen, die mit Namen und Wappen tätovirten Arme schlecht verhüllend. Wäre das arg verworrene, mit Strohstückchen und andern Dingen gepuderte Haar des Lumpenmannes oben in einen urgermanischen Zopf gebunden und würde nicht ein starker Bart sich seines dreiwöchentlichen Daseins erfreuen, so gliche diese Gestalt mit ihrem rothbraunen, starkknochigen, länglichen Gesichte und dunkeln, glühenden Augen so ziemlich einem Indianer, der in Gegenwart mehrerer Blaßgesichter Zurüstungen trifft, die verlorene Friedenspfeife seines Stammes durch eine provisorische zu ersetzen. Er knetet nämlich einen gewaltigen Klumpen Schwarzbrod mit Hülfe seines Speichels zu einem Teige und unterhält sich damit, aus diesem Teige abwechselnd Etwas zu gestalten, was Aehnlichkeit mit einer Tabakspfeife, einem Cigarrenhalter oder etwas Anderm besitzt, was er jedesmal der allgemeinen Bewunderung preisgibt. Hat er ein Gegenstück zum Ovid künstlerisch gestaltet, dann schaut er von Zeit zu Zeit, was der Gehülfe auf dem nächsten Bette macht.

Dieser, ein hübscher Schlosserlehrling und böser Bube dazu, schneidet gehärtete Teigplatten in Riemen, diese in gleichförmige Vierecke und der Nachbar, ein alter Mann, vollendet die aus Brod zierlich geformten Steine des Dominospieles, indem er vorn in der Helle auf einem Pfosten der Bettlade mit einem Bleistiftstückchen die nöthigen Punkte und Striche macht.

Während der Zuckerhannes in den Tag hineinschaut, der Indianer knetet, der Schlosserlehrling schneidet und der alte Mann punktirt, alle zugleich ein Quartett kratzen, schnarcht das Murmelthier den Grundbaß dazu.

Das Murmelthier, ein kurzer, dicker Kerl, besitzt das Talent, Tag und Nacht in Einem fort zu schlafen und mörderlich zu schnarchen trotz Flöhen und Wanzen, Hunger und Durst, Ermahnen und Bitten, Schreien und Fluchen der Mitgefangenen. Er steht nur auf, wenn er absolut muß, gähnt, murrt und brummt dann wie ein aus dem Winterschlaf auftaumelnder Bär, redet selten ein deutliches Wort und schnarcht sehr bald wieder ein.

Er wird zornig und fährt auf, wenn man ihn stößt und rüttelt, mit Wasser begießt, wirft, sticht oder schlägt, doch sein Zorn endet stets mit der Mißhandlung, sein Blut ist dick, ein todtes Meer, welches kein Sturm in Wallung bringt.

Das Murmelthier ist ein Gastwirth, der, höchstwahrscheinlich im Schlafe, eine Majestätsbeleidigung ausgestoßen haben soll, vielleicht den Gästen zu gefallen, denn Bier, Wein und Branntwein sind in seinem Hause liberal und wenn ihn seine Frau erzürnt, so brummt er heftig über das Ministerium und repetirt einen Theil der neuesten Nummer der Mannheimer Abendzeitung.

Was er im Schlafe gesagt, gestand er im Halbschlafe ehrlich, um nicht lange in Verhören herumstehen zu müssen; schlafend wird er sein Urtheil anhören und an sich vollziehen lassen, wird blutwenig an den Ansichten und Sitten der Zuchthäusler verbessern oder verderben, wohl aber den Schlaf derselben stark beeinträchtigen.

Auf demselben Bette, worauf diese zweibeinige Widerlegung des schwermüthigen Young. der "balsamische Schlaf meide die Augen der Unglücklichen," behaglich schnarcht, sitzt das "Affengesicht" und unterhält sich mit dem einäugigen Stoffel, einem alten Besenbinder und ganz unverbesserlichen Vagabunden, der sich wieder um eine Eintrittskarte in sein Winterquartier, nämlich ins Zuchthaus beworben hat und dieselbe sicher erhalten wird.

Das "Affengesicht" hat seinen Namen vom "Indianer" nicht umsonst erhalten, Gesicht und Gestalt zeigen Aehnlichkeit mit einem Affen; die Laune der schöpferischen Natur scheint hier zum Troste verzweifelnder Naturforscher den bisher noch nicht ermittelten Uebergang vom Schimpanse zum Australneger einmal verkörpert und die äußere Gestalt den innern Anlagen vollkommen entsprechend gebildet zu haben.

Er lebt und webt Tag und Nacht in einem und demselben Elemente; Alles, was er sieht und hört, bringt er in Beziehung mit seiner Lieblingsneigung, welche ihn auch in dieses Kellergewölbe gebracht hat und voraussichtlich zu einer Zierde der Strafanstalten machen wird. Wüste Lieder, gemeine Zoten, unzüchtige Erzählungen und kitzelnde oder ekelhafte Schilderungen sind seine Lust und Wonne und beinahe das Einzige, woran er denkt und wovon er redet.

Anfangs entleidete sein Geschwätz und sein Gabahren [Gebahren] einigen Mitgefangenen, doch darnach fragte das Affengesicht wenig und jetzt lassen sie ihn reden und hören nicht mehr darauf. Von Natur schwächlich, feige und furchtsam würde ihn ein Blick, eine Drohung, geschweige ein Schlag des Indianers oder jedes Andern für einige Zeit zum Schweigen bringen, aber der einäugige Stoffel nimmt stets eifrig für das Affengesicht Parthei, der Moses thut dasselbe, denn der Stoffel ist in Gemeinheit, Sünde und Laster grau geworden, der Sohn Israels kennt den Casanova und Paul de Kock besser als Talmud und Bibel, erzählt gerne pikante Histörchen, um anderer Quälereien los und ledig zu werden.

Der Schlosserlehrling ist ein begeisterter Schüler des Affengesichtes geworden, dem unerfahrenen, täppischen Zuckerhannes ist in diesem dämmerungsreichen Orte ein ganz neues Licht über Leben und Lieben aufgegangen; er gesteht gerne, bisher ein "dummer Kaib" gewesen zu sein, doch reift in ihm auch der Entschluß, seine Dummheit zu verbessern und wenn das Affengesicht, der Moses oder der Einäugige etwas vorbringen, was nicht schon hundertmal dagewesen ist und den Reiz der Neuheit verloren hat, paßte er gewaltig auf, lacht gewaltig und bittet gewöhnlich um ein baldiges da Capo.

Während er dem alten Mann zuschaut, der die Dominosteine punktirt, wird es im nächsten Käfig laut. Dort sitzt das "rothe Liesli," das berüchtigtste Weibsbild des Städtleins, klopft an die Wand und singt dann ein schamloses Lied, während eine Kameradin leise sekundirt, so leise, als ob sie sich noch ein bischen vor sich selbst schäme.

Unsere Gefangenen spitzen die Ohren; einige, wie der Zuckerhannes verschlingen jedes Wort, ermangeln nicht beim Schlusse jedes Verses Beifall zu klatschen und zu lachen, nur das Murmelthier schnarcht unbekümmert weiter, der Indianer knetet heftiger, der alte Paul schüttelt den grauen Kopf und meint, die Welt sei noch immer so schlecht, wie Anno 1805, als er mit den Franzosen nach Oesterreich kam. Der dienstfertige Moses kauert zum allgemeinen Besten in der Nähe des Ofens auf dem Boden, weil hier die Wand am dünsten ist und den Schall am besten fortleitet. Er preßt seine aufgeworfenen Wurstlippen an die feuchte, schmutzige Wand und führt ein Gespräch mit dem Liesle, über dessen Inhalt Niemand zweifeln wird und welches von Zeit zu Zeit nur von dem wiehernden und gellenden Gelächter der zuhörenden Weiber und Männer unterbrochen wird.

Der Zuckerhannes schreit einen Einfall des Schlosserlehrlings ebenfalls hinüber, doch seine dumpfe, krächzende Stimme wird nicht verstanden; der Moses mit seiner schneidenden bringt den Einfall an Ort und Stelle, die Antwort ist ein Gruß und eine Einladung an den Zuckerhannes, ob welcher sich der Stoffel vor Lachen den Bauch hält, der Zuckerhannes mit einer Art von Stolz und Freude vergnüglich umherhüpft.

Endlich klirren Schlüssel, Gespräch und Gesang nehmen für diesmal ein Ende, um vielleicht in der Nacht desto lebhafter fortgesetzt zu werden!——

So lange Gefangene beisammensitzen, so lange Weiber und Männer sich unter Einem Dache wissen, ebenso lange werden Gefängnisse Schulen der Unzucht bleiben; Kerkermeister und Schildwachen können beim besten Willen nur wenig verhindern und seit wann sind diese Leute Ritter der Ehrbarkeit und Züchtigkeit?

Freilich, in Wachtstuben, Kneipen und sogar in Gesellschaften "honetter" Leute nimmt man's mit Worten und Thaten nicht genau, vornehme Herren sind schon oft genug mit Ehebruch und Mätressenwirthschaft der tollsten Art vorangegangen—doch der Staat soll den Uebertretungen des sechsten Gebotes keinen Vorschub leisten und er thut dies überall, wo er Leute verschiedenen Alters in einen und denselben Kerker, Leute verschiedenen Geschlechtes unter ein und dasselbe Dach sperrt. Auch Leute verschiedener Glaubensbekenntnisse sollten nicht zusammen eingesperrt werden, am allerwenigsten Juden zu Christen.

Man mag jene Verschmelzung der Juden und Christen, welche Berthold Auerbach in seinen Dorfgeschichten anticipirt, sehr schön und recht wünschenswerth finden, leider wird sie ein frommer Wunsch bleiben, von dessen Erfüllung wir in dieser Zeit der Gottlob! beginnenden Wucherprozesse weiter als je entfernt sind.

Im allgemeinen bleibt der Jude ein Fremdling, der unser Denken, Fühlen und Glauben nur schwer oder gar nicht versteht, mag er mit altem Eisen handeln, im Bureau eine Rolle spielen oder mit scharfer oder geistreicher Feder für das "reine" Menschenthum wüthen. Man haßt nicht sowohl seine Religion, denn seine Irreligion, nämlich die gemeine Habsucht, die spitzbübische Schlauheit, den tiefgehenden Haß gegen das Christenvolk und den Fanatismus des Unglaubens, welchen das "junge Israel" in Zeitungen und Büchern aller Art zur Schau trägt, während das mit greifbaren Dingen schachernde Israel das Volk arm und elend macht.

Freilich ist man den Juden nirgends liebevoll und christlich entgegengekommen; ihr Haß gegen die Christen hätte vielhundertjährige Berechtigung, wenn der Haß überhaupt jemals berechtigt sein könnte, doch worin wurzeln die ersten Ursachen der betrübenden Feindschaft zwischen Judenmenschen und Christenmenschen? Verschiedenheiten der Nationalität, Weltanschauungen, Interessen, vor Allem der wunderbar erfüllte Fluch Gottes, der dieses Volk zuerst in die Sandwüste Arabiens, dann zu den Trauerweiden Babylons, zuletzt in die Wüste eines fremdartigen Völkerlebens verbannte, erklären die trübe, schwermüthige Geschichte des auserwählten, tief gesunkenen und dennoch niemals untergehenden Volkes.

Unter den tragischen Erscheinungen der Weltgeschichte nimmt die der Juden wohl den ersten Rang ein und ein Christ vermag kein durchgreifendes Mittel zur Verbesserung der Lage des unglücklichen Volkes zu sehen als das Sichselbstaufgeben und Bekehren.

Wie immer, wenn ein Jude in enge Gemeinschaft mit Leuten aus dem Volke kommt, ohne daß Handel und Geldangelegenheiten im Spiele sind, hatte auch der Moses von der Rohheit, Gemeinheit und Lieblosigkeit seiner Mitgefangenen Vieles zu dulden und zu leiden.

Wohlfeile Spöttereien, gemeine Späße, Neckereien und Quälereien aller Art verfolgten ihn Tag und Nacht und sobald der Geduldfaden bei ihm zu brechen drohte, mußte er erleben, daß die Meisten gegen ihn eifrig Parthei ergriffen und daß gemeinsame Haft für einen Israeliten eine Strafverschärfung, eine Tortur der Seele und wohl auch des Leibes sei, von welcher die Gesetze nichts wissen wollen.

Um sich Ruhe zu verschaffen, lebte er Allen zu Gefallen, stieg zum Affengesichte und dem einäugigen Besenbinder herab und ergänzte die rohen Späße und ekelhaften Erzählungen derselben durch Brocken, welche er als halbstudirter und gebildeter Mann aus der neuern Romanenliteratur gefischt hatte.

Der Moses that jedoch noch mehr; er selbst gehörte zum "aufgeklärten" Israel, glaubte in religiösen Dingen gar nichts und vom Glauben seiner Väter und der Jugend war ihm nichts übrig geblieben, denn ein ingrimmiger Haß gegen das Christenthum. Er sah bald, daß bei seinen Mitgefangenen von besonderer religiöser Ergriffenheit und lebendigem Glauben wenig vorhanden sei, ließ seinem Hasse gegen die Religion seiner Gegner freien Lauf, fand in diesem Punkte Duldung und Beifall genug, bemühte sich, alles Christliche mit der Lauge des bittersten Spottes und Hohnes zu übergießen, alles Heilige und Ehrwürdige in den Koth herabzuziehen und fand hierin seine Freude, seinen Stolz, seinen Genuß und wenn er bemerkte, daß er keineswegs auf Felsengrund säete, sondern seine Feinde gründlich verderbe, vergaß er die Leiden des Kerkers.

Das rothe Liesli ist abgefertigt, der Stoffel erinnert den Moses, es sei heute Freitag, in diesem Loche gehe die Sonne bereits unter, er möge seinen Schabes damit anfangen, indem er "ebbes Koschers" von einem "Schicksel" oder "Gojim" erzähle, dem Moses fällt gerade nichts bei, als daß Jesus Christus am Freitage gestorben und er geht daran zu beweisen, der Welterlöser könne unmöglich der Messias gewesen sein, weil derselbe sich von "unsere Lait" kreuzigen ließ.

So unvorsichtig und frech hat der Jude noch niemals geredet, wie er jetzt zu reden beginnt. Dem Zuckerhannes steht das Haar schier empor, doch er ist auch in diesem Kerker der Aermste und Einflußloseste, das Affengesicht schweigt, der Stoffel hört mit Lachen auf, nur der Schlosserlehrling ermuntert durch sein Kichern den Moses zum Fortfahren.

Wäre es in dieser Höhle minder dunkel gewesen, so daß der Lästerer die finstern Gesichter und drohenden Blicke des Indianers und des alten Paul hätte sehen können, so würde er sich eine unfeine Redensart und einen gewaltigen Fußtritt erspart haben, welche der urplötzlich aufspringende Indianer ausstieß und ihm versetzte mit den Worten:

"Wir glauben zwar wenig, was die Pfaffen sagen, doch du, lausiger Mausche, spottest nicht mehr über unsere Religion oder ich haue Dich kreuzlahm, Du Tropf!"

"Au waih geschrieen!" jammert der Getretene, ["]hab' ich dem Herrn Ebbes gethan? Hab ich doch glaabt, Rores und Koschers zu erzähle!"

Der Stoffel und der Schlosserlehrling nehmen Parthei für den Moses, der sich hinter sie flüchtete und vom Zuckerhannes fast erwürgt wird, eine in Gefängnissen nicht ungewöhnliche Rauferei würde sich entsponnen haben, wenn nicht der sonst schweigsame "Zimmercommandant" oder der "Spaniol," drohend dazwischen getreten und der Drohung durch seine sehnigen Arme Nachdruck verschafft hätte.

"Haut den Mausche nieder, schlagt ihn todt, er muß in den Schooß Abrahams und Speck fressen!" schreit der Schlosserlehrling wie besessen.

"Graußer Gott, kümm ich gegange zu gain in de Taud! ... Laßt mich gain ... gain! ... As ich klag beim Polizeicumisär, ist er doch aach von unsere Lait, er ist aach en Gojim geworde und angesehe ... Kairausche ... uh ... uh ... Laßt mich gain, ... Zuckerhannes!" ...

Mit der blinden Wuth des gereizten Kampfstieres hielt der keuchende Zuckerhannes den geängstigten ächzenden Juden an der Kehle, bis der Spaniol mit seinen Fäusten Ruhe schaffte und den Zuckerhannes wegriß, indem er schrie:

"Wollt Ihr Euch selbst zerfleischen, Kinder des Volkes? ... Sollen die Aristokraten eine Freude haben! ... Ventre saint gris, Ruhe! ... Die Lappalie ist nicht der Rede werth! ... Viel Lärm um Nichts! ... weg da, Jean de sucre, par Dieu!" ...

Nach einigen Minuten ward die Ruhe hergestellt; der Indianer flucht und schimpft noch, denn er ist ein besonderer Feind der Juden und hatte seine besondere Ursache, der Zuckerhannes keucht, der Schlosserlehrling lacht, der Stoffel lacht auch, das Murmelthier brummt und das rothe Liesli klopft heftig an die Wand, das Affengesicht gibt Antwort, der Moses aber sitzt still und erbittert in einem Winkel und schwört den "Göjims" im Herzen von Neuem Rache und Haß.

Er wußte schon, daß eine Anzeige ihm wenig nützen würde, weil Alle gegen ihn sprächen, wohl aber sehr mißliche Folgen für ihn nach sich ziehen könnte und beschloß, nach der Freilassung drei arme Christenfamilien durch Erbarmungslosigkeit ganz gesetzlich zu ruinirn.

"Alter Schwede, Du hast versprochen, uns Deine Geschichte zu erzählen, thue es jetzt. Es hat zwar draußen erst 3 Uhr geschlagen, doch hier wird es dunkel, es ist Abend! die Herren haben sich etwas erhitzt, Deine Geschichte wird die Wirkung einer Limonade haben!" sagt der Spaniol zu dem alten Manne, dessen große, dunkle Gestalt zwischen dem Ofen und Nachtstuhl umherwandelt.

"Oui, je suis prêt de vous faire un plaisir, mon commandant!" sagt der Alte und setzt bei: ["]Schon acht Tage denke ich über meine Geschichte nach, ich will sie so gut erzählen, als ich vermag und Das will ich Euch sagen, wenn Einer im mindesten an Etwas zweifelt, so will ich ihm lebendige Zeugen genug nennen. Ich lüge den Amtmann an, denn dieser ist ein Tyrann, doch Euch lüge ich nicht an, es wäre nicht der Mühe werth. Zudem kennt der Stoffel da von Mannheim her mein Leben; wir haben schon in den Zwanzigerjahren Zuchthaussuppen mit einander gegessen, er ist ein alter Spezel von mir. Setzt Euch! ... Komm Mausche! Du besonders sollst Deine Judenohren spitzen, denn ich bin ein Evangelischer und Pfaffenfeind, frage den Teufel nach dem Teufel, doch einen Gott gibts, Jude, und eine Vorsehung, das kannst Du sammt dem Spaniolen mir nicht nehmen und Deine Spöttereien will ich auch nicht mehr hören!"

Alle Zuhörer kauern auf ihre Strohsäcke, der Paul will erzählen, wir geben dessen Lebensgeschichte mit wenigen nöthigen Abänderungen, wie er sie selbst gegeben und lassen die unwesentlichen Unterbrechungen aus dem Spiele.

Die Geschichte des alten Mannes.

"Es ist eine hübsche Zeit seitdem ich auf die Welt kam und habe noch wenige Jahre, dann werde ich gute Leute finden und glücklich sein, nämlich vom 70. Jahre an. Das hat mir Anno 1805 ein frommer Waldbruder prophezeit und weil Alles so pünktlich eingetroffen ist, was er mir prophezeite, so wird auch dieses eintreffen.

Im Jahr 1782 bin ich geboren und der jüngste Sohn eines Stabstrompeters, welcher bei den Heidelberger Dragonern stand und später vom Churfürsten Karl Theodor das Patent als Tanz- und Fechtmeister erhielt.

Als ein Büblein zwischen 5 und 6 Jahren verlor ich den Vater, an den ich mich kaum mehr recht erinnere. Bald darauf lag die Mutter lange krank; an diese kann ich mich noch recht gut erinnern und als sie starb, hatte ich Niemanden mehr auf der Welt. Meine Brüder waren als Soldaten fort, die Schwestern verheiratet, ich mußte in das Waisenhaus nach Mannheim und wurde dort erzogen. Später erlernte ich die Weberprofession und arbeitete als Geselle drunten in der Pfalz.

Verwandte von mir lebten über dem Rheine und dort regierten damals die Franzosen. An einem Sonntage kommt eine Base zu mir herüber, klagt mir ihre Noth und weint bitterlich. Sie war eine Wittwe mit 5 Kindern, keines konnte ihr an die Hand gehen außer dem ältesten Sohne; dieser war erst 17 Jahre alt, sollte mit Gewalt bei den Franzosen Soldat werden, war entlaufen und der General hatte der armen Frau fürchterlich gedroht, wenn sie ihren Sohn nicht beischaffe oder einen Mann für denselben stelle.

Jetzt weinte sie mit mir über ihr Elend, ich weinte mit und weil ich doch damals schon so groß war, wie jetzt und so stark, daß ich alle Webstühle hätte zusammenschlagen mögen, auch weiter Niemanden in der Heimath hatte, dem Etwas an mir lag, so machte ich kurzen Prozeß, ging mit der Base über den Rhein, meldete mich beim General als Ersatzmann ihres Sohnes, wurde mit Freuden angenommen und zum 16. französischen Linienregiment eingeteilt.

Anno 1805 machte ich den Feldzug nach Oesterreich mit, war bei der Schlacht von Austerlitz, erhielt einen Säbelhieb über das Gesicht, der wenig zu bedeuten hatte, dagegen wurde unser Regiment in Mähren oft zum Plänkeln verwendet, bei einer solchen Gelegenheit erhielt ich einen Bajonettstich in die rechte Seite und einen in den rechten Fuß, blieb auf dem Kampfplatze liegen und wurde gefangen.

Nicht so gar weit von Olmütz war ein ehemaliges Kloster zu einem Lazarethe eingerichtet worden; man brachte mich dahin, ich wurde gut verpflegt und besorgt, obwohl viele Soldaten darin lagen, doch die Gefangenschaft gefiel mir nicht und ich verabredete mit einigen Kameraden einen Fluchtversuch.

Oben auf einem Speicher war die Todtenkammer, Todte gab es genug, wir schlichen uns eines Abends hinauf, lagen still bis Mitternacht und ließen uns dann durch eine Dachluke an zusammengebundenen Leintüchern in den Hof hinab. Wir standen im Hofe und hatten Eile, denn die Leintücher flatterten vor den Fenstern herum, wenn uns die Schildwachen entdeckten, hatten wir nicht viel Gutes zu erwarten. Wir hatten keinen Schlüssel und keinen Ausweg, meine Kameraden verzweifelten an der Flucht, denn der Abzugskanal, der durch den Hof lief, war gefroren, zudem voll Unrath und da, wo er unter der Mauer ins Freie führte, durch ein Gatter versperrt.

Das Gatter war von Holz; wir brachen es los, doch weil das Eis nicht trug und wir leicht im Schlamme ersticken konnten, wagte es außer mir keiner diesen sichern, jedoch gefährlichen Weg zu machen.

Meine Kameraden kehrten um, einen andern Ausgang zu suchen, ich kroch durch das Gatter in den Abzugskanal, wäre um ein Haar erstickt unter der ziemlich langen Wölbung, doch Gott hatte Erbarmen mit mir und wie durch ein Wunder gelangte ich aus dem Graben ins Freie.

Es war eine sternenhelle Winternacht, weil ich tropfnaß geworden, gefror Alles an mir, meine noch nicht ganz geheilten Wunden schmerzten mich arg, ich lief auf den Feldern umher, bis ich einige Lichter sah, welche sich nicht bewegten. Dem Umsinken nahe, konnte ich nicht mehr laufen, kroch auf allen Vieren den Lichtern näher und weil ich immer nur nach den Lichtern und nicht genau um mich schaute, kugelte ich auf einmal über einen Rain hinab in einen Bach, die Eisdecke brach, ich stand zwei bis drei Schuh tief im Wasser, schrie aus allen Kräften um Hülfe, wurde gehört, einige Weibspersonen kamen und zogen mich aus dem Bache. Ich sagte denselben, daß ich kein Franzose sondern aus dem Reiche sei, sie aber sagten mir, ich sei bei keinem Dorfe, sondern bei einigen Häusern, welche zusammen einen Hof ausmachten und ich habe über 4 Stunden hieher gebraucht, obwohl das Lazareth keine Stunde weit entfernt liege. Meine Angst vor dem Erwischtwerden verschwand bei der Versicherung, man werde mir gar nicht nachspüren, der Krieg sei ja aus und ich könne ruhig bei ihnen bleiben.

Im Stalle zogen sie mich aus und führten mich dann in die warme Stube, wo es mich erst recht fror. Um den Leib trug ich eine Schnur, an dieser ein Amulet mit seltsamen Zeichen, Namen und Bibelstellen und dieses Amulet erregte die Neugier der guten Leute, an die ich noch jetzt niemals zurückdenke, ohne daß mir die Thränen stromweise über die alten Wangen laufen! ... Ich habe in meinem langen Leben wenig Leute gefunden, die es gut mit mir meinten, doch diese Leute behandelten mich, als ob ich ihr eigen Kind wäre, wiewohl ich als Feind in ihr Land gekommen war! ... Vor dem Kriege lag das 16. Regiment in Besançon, dort hat meine Waschfrau mir das Amulet gegeben und gesagt, daß mich keine Kugel treffen werde, wie es denn auch geschehen ist. Mehr vermochte ich den guten Leuten nicht zu sagen, sie kochten mir eine Milchsuppe und als ich ihnen Alles dafür geben wollte, was ich besaß, nämlich 15 Groschen, die in der gefrornen Montur lägen, lachten sie mich aus. Ein alter Mann mit Einem Fuße stelzte auch herein, fragte mich über Vieles und gab mir auf meine Bitte soviel Schnaps, als ich nur begehrte. Dann kam der Alte mit meinem französischen Gebetbuche, ich durfte nicht mehr in den Stall, sondern in ein gutes Bett, betete vorher laut aus dem Buche und Alle knieten nieder, obwohl sie kein Wort verstanden.

Der Stelzfuß sagte mir noch, ich sei sicher, weil kein kaiserlicher Deserteur, dann grüßten Alle mit dem Gruße jenes Landes, nämlich. "Gelobt sei Jesus Christus!" und ich schlief den ganzen Tag und die andere Nacht fast dazu.

Weil das Wetter schlecht geworden, ließen sie mich nicht marschiren, ich wollte aber nicht umsonst da sein. Es standen zwei Webstühle in einer Kammer, der Zettel war fertig, eine Magd machte mir Spulen und so webte ich ein schönes Stück Tuch, bis die Eigentümer des großen Hofes heimkamen.

Endlich wurde das Wetter gut, meine Wunden ebenfalls, ich wollte ins Preußische, dort einen Paß auftreiben und damit heimgehen.

Die Bäurin hatte eine Schwester an der Grenze verheirathet, der Mann derselben war ein Wirth. Ich bekam einen Brief an diese Leute, dazu auch an einen Einsiedler, den man in jener Gegend nur "den frommen Gottesmann Bernardus" nannte, ferner andere Kleider, einiges Geld und so viel Eßwaaren, als ich nur einzustecken vermochte. Beim Abschiede weinte ich wie ein Kind, die guten Leute weinten auch, ein Knecht und zwei Töchter fuhren mit mir bis Mährisch Neustadt, dann ging ich allein der Grenze zu.

Ich kam zu den Wirthsleuten und wurde so gut aufgenommen, als ob ich daheim gewesen wäre. Die Frau hieß ihre Kinder mir die Händchen reichen, sie mußten mich "Vetter" nennen, ich weinte vor Freuden und mußte bleiben bis Sonntag. An diesem Tage kam eine Tochter auf Besuch, diese hatte den Waldbruder Bernardus bei sich auf dem Hofe und mit ihr kam ich zu diesem eisgrauen Gottesmanne.

Am dritten Tage erst durfte ich abreisen, vorher prophezeite mir Bernardus mein Schicksal und Gott der Allmächtige weiß, daß Alles eintraf, was er sagte, wiewohl ich nicht viel darauf gab.

Er prophezeite Folgendes. "Du wirst in Preußen keinen Paß bekommen, sondern Soldat werden, dem Kaiser dienen und noch Vieles auszustehen haben, ehe Du deine Heimath wieder siehst. Du wirst nicht nur manchen Blutstropfen verlieren, sondern auch ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werden. In der Heimath wirst Du wenig Gutes finden und im Elend bleiben, bis Du 70 Jahre alt bist, wirst mehr aushalten, als Tausend Andere auszuhalten vermöchten. Vom 70. bis zum 90. Jahre jedoch wirst Du gute Leute finden und gute Tage erleben!"

Er prophezeite mir noch vieles Einzelne und ich hatte den Gottesmann kaum recht verlassen, so erfüllte sich seine erste Prophezeiung.

Am Thore von Glatz nämlich wurde ich arretiert, weil ich keinen Paß besaß, auf die Hauptwache geführt, vom Commandanten examinirt. Ich erzählte Alles wahrheitsgemäß und sagte, ich sei ja gerade gekommen, um einen Paß zu holen, der Commandant aber schnauzte mich an:

"Du bist ein österreichischer Deserteur und wirst entweder bei mir Soldat oder ich lasse Dich schließen, über die Grenze bringen und an den nächsten Kreishauptmann abliefern. Hast freie Wahl, bis morgen gebe ich Dir Bedenkzeit!"

Ich wollte fast Soldat in Glatz werden, doch als der Commandant der Hauptwache sagte. "Sei gescheid, nimm keinen Dienst, wenn Du kein Deserteur bist; wir hocken bereits 6-8 Jahre in diesem Nest und haben in dieser Zeit kein Gras wachsen sehen!" da wußte ich, was zu thun war.

Am andern Morgen kommt der Adjutant und fragte: "Nehmt Ihr Dienst?"—Nein! —"Also zunächst geschlossen und ins Civilstockhaus!"

Ich bat, mich nicht zu schließen, doch er sagte, er müsse es thun, wenn es auf ihn ankäme, ließe er mich laufen. Es war kalt, ich fror, war hungerig, hatte fast kein Geld mehr, der Adjutant gab mir einige Groschen, ließ mich ins Civilstockhaus führen, wo die Weibsleute nur durch einen löcherigen Verschlag von den Mannsleuten getrennt waren, so daß unser Affengesicht, der Mausche und mein einäugiger Spezel dort ein wahres Paradies gefunden hätten!

Am andern Tag wurde ich geschlossen, ein Bube machte den Transporteur; derselbe bekam nichts dafür, weil es in der Frohne ging. Vor lauter Elend und Hunger kam ich nur 4 Stunden weit, der Bube gab seinen Brief an den Schulzen ab, der Schulze konnte keinen Buchstaben lesen, ich las ihm die Adresse. "An den Kreishauptmann auf der Grenz abzugeben," erzählte ihm mein Schicksal und dann sagte er. "Es werden 4 Groschen für Dich bezahlt, kannst bis morgen bei mir bleiben!"

Am andern Tage wurde ich nicht geschlossen, weil mir der Schulze glaubte; zum Transporteur gab er mir ein riesenmäßiges Weibsbild. Ich dachte gleich ans Durchgehen, doch der Muth dazu verging mir, wie ich das Weib näher betrachtete und es mir sagte, daß sie mich beim geringsten Fluchtversuch halbtod prügeln werde.

Als es durch den Wald ging, verließen wir die Straße und machten Nebenwege, welche näher sein sollten und kamen dann zu einem Bauernhof, der zugleich ein Wirthshaus war. Ich wollte einkehren, sie ging mit mir und wir beide bereuten es nicht, denn der Hofbauer war ein Pfälzer, überzeugte sich durch viele Fragen, daß ich meine Mundart nicht umsonst redete, zeigte eine große Freude, lud uns zum Mittagessen ein und mein Transporteur aß und trank für eine halbe Compagnie.

Der Landsmann fragt mich heimlich, ob ich wirklich ein Deserteur sei, ich sage Nein und er sagt, ich käme an den alten Ort zum Bruder Bernardus zurück. Dieser fromme Mann habe sein kleines Töchterlein von einer Krankheit bald und ganz geheilt, nachdem das Kind vergeblich die ganze Apotheke durchgebraucht gehabt hätte.

Nach dem Essen will das Weibsbild fort, der Wirth gibt ihr heimlich Geld, sagt, es pressire nicht so, sie könne auf dem Rückwege bei ihm umsonst übernachten. Jetzt trinkt die Große bis gegen Abend des kurzen Wintertages, ich hätte dann leicht entlaufen können. Kaum recht im Walde fiel sie um und ich mochte sie nicht verlassen, weil sie leicht hätte liegen bleiben und in der Nacht erfrieren können.

Sie war zu schwer, als daß ich sie hätte auf die Beine bringen können, blieb über eine Stunde besinnungslos liegen; es wurde ihr allgemach besser, sie steht auf, ich bitte um Gotteswillen, mich nicht irre zu führen und Nachts um 12 Uhr kommen wir richtig beim Bruder Bernardus an, der mir Alles so vorausgesagt hatte. Die Leute auf dem Hofe erschrecken ob meinem Aussehen, ich war beinahe erfroren, doch eine gute Weinsuppe und ein Nachtlager in der warmen Stube stellt mich wieder her.

Am andern Morgen gibt das Weibsbild den Brief an Bernardus und weint beim Abschied über mein Elend, denn ich war kaum im Stande, sie bis zur Thüre zu begleiten.

Vier Wochen blieb ich wieder auf dem Hofe, dann war ich hergestellt, mochte nicht bleiben, weil die Feldarbeiten mir zu schwer waren; die Leute gaben mir Geld, weinend nahm ich Abschied und ging nach Jägerndorf, um mich dort unter die Soldaten anwerben zu lassen.

Am Abend des zweiten Tages komme ich in die Stadt, gehe in das nächste Wirthshaus, wo viele Soldaten waren, lasse mir ein Seidel und Essen geben und frage, ob ich über Nacht bleiben könne.

Es heißt Nein, denn das Haus sei ein Brauhaus.

Einige Soldaten hörten, ich sei aus dem Reich und bei Mannheim zu Hause, sie sagen, einer ihrer Kameraden sei mein Landsmann, verdiene schönes Geld als Küfer in diesem Hause. Einer geht und holt den Soldaten und wer ist's? der Muck, welchen ich schon als kleines Kind gekannt hatte.

Ihr könnt Euch denken wie groß unsere Freude war und als der Muck erst hörte, ich wolle mich anwerben lassen, bekam ich Essen, Trinken, Nachtlager und Kameraden genug. Muck geht, um schnell einen Nachtzettel zu holen, doch er bekam keinen, der Richter, wie man dort zu Lande den Bürgermeister heißt, wollte mich selbst sehen, ich ging hin und bekam gleich einen Nachtzettel, nachdem ich vom Anwerbenlassen geredet.

Am andern Tage war ich Soldat bei Mucks Compagnie und bekam als Handgeld 24 Gulden, die mir kein Glück brachten. Ich bekam viele Kameraden, das Regiment gefiel mir aber nicht, weil es Stockprügel regnete und ich beschloß nach drei Wochen, mit 18 Andern zu desertiren.

Dem Muck sagte ich nichts, denn er hatte es gut; an einem Sonntage liefen wir davon, doch kamen die Nachsetzer, ehe wir 3-4 Stunden weit gekommen waren. Sie hatten Fuhrwerk bis zur Grenze, eine Menge Bauern folgte ihnen, weil Jedem, der einen Deserteur fange, 24 Gulden versprochen wurden. Am Rande eines Waldes holten sie uns ein, wir hatten beschlossen, uns bis zum Tode zu wehren und nicht zu fliehen, die Bauern unternahmen einen Sturm auf uns, wir wurden bald überwältigt, gebunden, von den Bauern ins Dorf geschleppt und bewacht, am andern Morgen aber zum Regimente nach Jägerndorf eingeliefert.

Wir Alle waren von der ersten Grenadiercompagnie, unser Hauptmann dauerte mich wahrhaft, denn er war ein guter Mann, fragte, was wir denn zu klagen hätten, wir wußten nichts gegen ihn vorzubringen und er machte uns bittere Vorwürfe.

Wir Alle wurden getrennt, verhört, in 10 Tagen Kriegsgericht gehalten. Der Rädelsführer erhielt die Kugel vor den Kopf, wir die härteste Strafe nach der Kugel, nämlich 10maliges Gassenlaufen durch 300 Mann und zwar so, daß nach 5 Läufen frische Ruthen vertheilt wurden. Als ich auf dem Exerzierplatze die langen Soldatenreihen und Ruthen sah, wurde mir doch bange und als die Tambours und Pfeifer anstimmten, klopfte mir das Herz gewaltig.

Ich gehörte zu den Ersten, welche laufen mußten, denn ich hatte mich gegen die Bauern arg gewehrt, der Major und Adjutant schrieen in Einem fort: Zugehauen! Zugehauen! Dennoch hieb gar Mancher auf die Hosen, Viele hieben schonend, denn die Soldaten waren fast lauter Ausländer. Uebrigens lief mir schon beim zweiten Gang das Blut durch die Hosen, denn ich trug auf dem Rücken eine große Warze, welche gar bald weggehauen war und tüchtig blutete.

Das Aergste war mir übrigens nicht das Gassenlaufen, sondern das Zuschauen vieler Herren und Damen der Stadt.

Diese gaben uns nach der Exekution vieles Geld, wir kamen Alle ins Lazareth. Mir wurde ein nasses Leintuch auf den Rücken gelegt, dasselbe war mit Etwas bestrichen, welches mich so wüthend schmerzte, daß ich vermeinte, in die Luft springen zu müssen und eine volle, ewiglange Stunde dauerte die Qual! ... Nach 8 Tagen sollten wir als Geheilte aus dem Lazareth, da fragte ich den Krankenwärter, was denn an dem verfluchten Leintuche gewesen, doch dieser sagte nur: "Ich weiß nicht, wie es heißt und was es ist, es darf halt auf dem Rücken keine Maden geben!"

Fortan ging ich nur mit Muck um, hatte die Freude an diesem Regimente jetzt erst recht verloren und war fest entschlossen, ganz allein zu desertiren, wenn es mir auch das Leben kosten sollte.

Neben der Kaserne stand das Wirthshaus zum Mohren, wo man Alles haben konnte, was zur Menage gehört. Der Wirth war aus Landau, seine Frau, eine Wienerin, hatte zwei Schwestern bei sich, von denen eine Marie hieß. Ich trank zuweilen für einen Kreuzer Rosoli; einmal gab ich der Marie einen Groschen, sie gab mir das Doppelte wieder und so fing meine erste ernsthafte Bekanntschaft an.

Die Offiziere sahen nichts lieber, als wenn die Soldaten Liebschaften anfingen und heiratheten, denn sie glaubten, das Desertiren habe dann bei ihnen eher ein Ende. Kam ich auf Wache, so brachte die Maria mir Essen und Trinken und sagte hundertmal. "Wären wir nur in Wien, da wollte ich für dich sorgen! Habe ich nicht einen Bruder dort, einen Bäcker, der nicht heirathen mag? Wir könnten's für ihn thun!"

Solche Reden leuchteten mir ein, ich ging endlich zum Muck, um denselben zu bereden, daß er mit mir nach Wien desertire. Er kannte Sprache und Sitten, Weg und Steg, andere Montur mußte auch her und die Marie wollte ich nicht sogleich mitnehmen, was sie immer wünschte. Die Wirthin hatte alles gehört, was ich mit Muck redete doch weit entfernt, uns zu verrathen, versprach sie allen möglichen Vorschub und sagte, sie könne mich gut leiden, weil ich es mit der Marie im Mohren gut meine.

Die Wirthin schenkte mir zwei Würste, weil gerade geschlachtet worden und sagte mir beim Fortgehen, ich solle nicht mehr viel in den Mohren, Marie selbst wünsche es und wolle lieber daher kommen, ihre Schwestern plagten sie arg und paßten ihr sehr auf um meinetwillen.

Einige Tage blieb ich aus dem Mohren weg, eine Botschaft nach der andern ließ ich unbeachtet, endlich ruft mich beim Vorübergehen der Wirth hinein. "Weßhalb kommen Sie nicht mehr?"—"Weil ich keine Aufsicht brauche, wenn ich ein Glas Bier trinke, ich zahle es immer!"—"Nu, nu, Alterle!"— "Hab' ich kein Geld, so schreibe ich heim, dort hab' ich genug; ich ließ mich nicht aus Noth engagiren, sondern weil mir das Herumziehen gefällt!"— "So, so!"—"Komme ich auch nicht mehr ins Haus, so wird Marie doch die Meinige!"

Die Soldaten sagten, Marie werde von ihren Schwestern nur aus Neid geplagt, der Wirth und die 3 Weiber glaubten, ich besäße daheim ein ordentliches Vermögen und ich ließ sie in dem guten Glauben.

Mit Erlaubniß ihres Schwagers kam mein Schatz jetzt häufig in das Bierhaus, worin Muck arbeitete.

Einmal schlief ich auf dem Posten ein bischen ein, dafür gab es Stockprügel; besinnungslos vor Zorn und Schmerz renne ich zum Muck und sage: "Jetzt hats ein Ende, Bruder, Wien oder die Kugel, Eins von Beiden!"

Marie kam mit ihrem Strickzeuge, sah mich immer traurig an, denn meine Augen standen immer voll Thränen und mein Rücken war vom Gassenlaufen noch nicht ganz heil. Wie ich hinausgehe, kommt sie nach, ich erzähle Alles, stelle ihr weinend vor, sie dürfe nicht gleich mit mir nach Wien, weil sie ihr ganzes Vermögen verlieren und noch Strafe dazu erhalten könnte, wenn wir erwischt würden. Sie verspricht, am andern Tage all ihr Geld und einen Brief an den Bäcker nach Wien zu bringen, der Muck sorgt für Montur, welche im Gartenhause versteckt wird und setzt die Flucht auf den nächsten Sonntag fest, weil an diesem Tage Niemand auf dem Felde arbeitete.

Richtig bringt mein Schatz das Geld, doch den Brief nehme ich nicht aus Fürsorge für sie, sondern nur die Adresse des Bruders, auf welcher ihr Name nicht stand; ich verspreche, von Wien aus unter fremdem Namen an die Bierwirthin zu schreiben, mich eher selbst todtzuschießen, als fangen zu lassen und sie schwört, sich in den Bach zu stürzen, wenn ich eingeholt werde.

Muck besorgte Alles; am Sonntag nahm ich Abschied von Maria im Gartenhause, es war ein Abschied auf Leben und Sterben, die Thränen fließen noch jetzt oft stromweise über meine alten Wangen, wenn ich an jenen Sonntag im Gartenhause zu Jägerndorf denke!

Wir gingen und nahmen Vogelflinten mit uns, denn Ordonnanzen unseres Bataillons lagen auf den umliegenden Dörfern, an vielen Orten fand sich Militär genug, wir waren bereit eher zu sterben als uns zu ergeben und mußten Umwege in die Kreuz und Quere machen, um gefährliche Orte zu vermeiden.

Wir marschirten, daß uns die Füße schwollen und in der Nähe von Bunzlau wäre es bald schlecht gegangen ... Wir kehrten nämlich in einer elenden Kneipe ein, mehrere Gäste redeten polnisch und betrachteten mich immer, ohne daß ich wußte, was sie wollten. Der Muck war einige Minuten hinausgegangen; als er wieder kam, sagte er mir, die Leute sprächen davon, daß wir Deserteurs seien—er hob den Zeigefinger drohend in die Höhe, spielte mit der Hand am Hahne seiner Flinte, ich griff auch darnach und zog denselben auf, die Bauern erschraken und verstummten, ließen uns ungehindert abziehen, wir vergaßen unsere geschwollenen Füße und liefen wie die Rehe dem Walde zu!

Unter Noth und Entbehrungen aller Art kamen wir endlich nicht nach Wien, denn dahin war der Weg viel zu gefährlich, aber doch nach Prag.

Auf dem letzten Dorfe verkauften wir unsere Flinten, bürsteten vor den Thoren unsere Schuhe, geberdeten uns, als ob wir Spaziergänger aus der Stadt seien und kamen unangefochten hinein.

Als wir am andern Tage dem Aufziehen der Hauptwache zuschauen, kommt ein Heidelberger auf den Muck zu, ein alter Bekannter, wir gehen zu einem Marketender und erfahren, es sei rein unmöglich über die Grenze zu kommen. Muck läßt sich unter fremdem Namen sofort anwerben, ich thue es nicht, denn die Marie und der Wienerbäcker steckten mir so im Kopfe, daß ich sie selbst im ärgsten Rausche nicht vergaß.

Am andern Morgen treffe ich den Gefreiten eines Regimentes, welches mir gefiel. Mucks Regiment hieß: Reuß-Kreuz und trug kapuzinerbraune Aufschläge, das des Gefreiten hieß Collovrath und trug rosenrothe.

Er sagte mir, mein Kamerad werde es nicht gut bekommen, denn das Regiment bleibe in der Stadt, der Dienst in großen Städten sei sehr anstrengend, dagegen kämen die Rosenrothen nach der Musterung wieder hinaus auf kleine Stationskommandos, wo leichter Dienst und gutes Leben zu finden seien. Hier müsse fast Jeder Ordonnanz sein, der aus der Kaserne komme.

Der Gefreite war auch aus dem Reich, erst einen Monat in Prag und verheirathet. Er trieb nebenbei die Barbirerei und versprach, mir das Rasiren zu lehren; Seine Frau führte eine Marketenderwirthschaft in der Kaserne und wir wurden bald einig, daß ich bei ihm wohnen sollte, wenn ich Soldat würde. Mittags behielt er mich beim Essen; Alles sprach mir zu, bei den Rosenrothen Soldat zu werden, am andern Tage meldete ich mich bei dem Bataillonschef des Gefreiten, um mich als Freiwilliger unterhalten zu lassen, nahm eine Capitulation auf 6 Jahre und bekam 24 Kaisergulden Handgeld.

Die Rosenrothen gefielen mir weit besser, als das Regiment zu Jägerndorf, doch dachte ich schon beim Hinzahlen des Handgeldes. "Es müßte wunderlich zugehen, wenn der Paule 6 Jahre hier bliebe!" ... Ich wurde eingekleidet, zog in die prächtige Kaserne zum Gefreiten, dieser hielt redlich Wort und begann sogleich den Unterricht im Rasiren. Abends nach dem Verlesen gehe ich in die Kaserne der Reuß-Kreuzer, um endlich den Muck aufzusuchen, aber die Soldaten lachten und erzählten, er sei nebst dem andern Heidelberger mit dem Handgelde davon gelaufen, bevor er eingekleidet gewesen und jetzt vielleicht schon daheim.

Ich glaubte anfangs, man wolle mich utzen, doch wars wirklich also und ich sagte zu mir selbst. "Paule, jetzt werden die Civilkleider auch nicht verkauft, du wirst sie bald wieder brauchen!"

In den ersten Tagen hatte ich im "Wolf" geschlafen, dahin kam ich manchmal noch, brachte meine Civilkleider und gab dieselben der Kellnerin in Verwahrung. Diese Kellnerin hieß Margareth, war eine dicke starke Tirolerin, eine nahe Verwandte der Wirthin und gab mir von Anfang an immer mehr Geld heraus, als ich ihr gegeben. Einige Tage konnte ich nicht in den Wolf und als ich wieder kam, that die Wirthin sehr freundlich, ermahnte mich, doch mehr zu kommen, die Margareth habe lange nach mir verlangt, denn ich sei ein "lustiger Bub" und könne sehr gut tanzen.

Die Margareth brachte mir Braten, sagte, ich soll es nicht verübeln, daß sie mich immer "Du" nenne, das sei eben Brauch daheim in Tirol und lud mich auf den nächsten Sonntag zum Tanz ein, der das übliche Maienfest verherrlichen sollte.

Am Sonntag gings lustig zu im Wolf; ich erhielt Alles, was ich wollte, sogar das Geld für die Musikanten, doch konnte ich nicht von Herzen fröhlich sein, denn ich dachte nicht an den Muck, wie Margareth meinte, wohl aber an Wien, wo die Marie aus dem Mohren bei ihrem Bruder vielleicht schon auf mich wartete. Nach und nach wurde ich lustiger und beim Zapfenstreich ging ich mit der Frau des Gefreiten in die Kaserne.

Jeden Abend nahm ich den Feldwebel der Compagnie mit in den Wolf, hielt ihn zechfrei und das gefiel ihm gar wohl. Er war ein Stockböhme, verstand jedoch ordentlich deutsch und ich hatte bei meiner Freigebigkeit meine besonderen Absichten.

Margareth ging oft vor das Thor in ihren Garten, wir wären gar zu gerne mit einander gegangen, aber ein ausländischer Soldat mußte damals Jahr und Tag in Prag bleiben und sich musterhaft aufführen, ehe er vor das Thor kam. Der Feldwebel gab ihm dann eine Karte, jedoch nur auf einen Monat und jetzt wollte ich eine solche haben. Gab mir der Feldwebel ohne höhere Erlaubniß eine und es kam heraus, dann mußte er Gassen laufen und verlor seine Stelle dazu.

Er weigerte sich lange, eine Karte zu geben; Margareth gab ihm Geld und gelobte Stillschweigen, ich schwur, daß ich ihn nicht verrathen würde, wenn ich auch unglücklich wäre und erhielt endlich die Karte eines Soldaten, der dieselbe niemals bei sich trug, weil er immer als Gärtner vor den Thoren arbeitete und allen Soldaten bekannt war.

Glücklich komme ich vor das Thor hinaus, da führt mir der Teufel Mucks Zimmercommandanten in den Weg, der mich kannte und anhielt; "Wo ist die Karte?"—"Hier!"—"Woher die Karte?"—"Von dem und dem!"—"Kennst du den Soldaten?"—"Ja, doch weiß ich seinen Namen nicht, die Margreth im Wolf wird denselben wissen!"—"Arretirt!—"

Ich komme auf die Stockwache, der Regimentsadjutant examinirt mich, mein Feldwebel behauptet, er besitze alle Karten, bis auf die eines Bedienten, der in der Moldau ertrunken sei.

Damals desertirten sehr viele Soldaten, deßhalb wurde das Verhör scharf, als Einleitung bekam ich 30 Stockprügel. Margareth wollte von gar Nichts wissen, ich nannte sie eine Lügnerin, der Auditor betheuerte, es geschehe mir nichts, wenn ich nur sage, woher ich die Karte habe; doch ich blieb bei meinem Läugnen und bekam abermals dreißig aus dem Salz. Im nächsten Verhör gab ich gar keine Antwort und sagte endlich dem Auditor: "Es reut mich, im vorletzten Verhöre geantwortet zu haben!"—"Weßhalb?"—"Schon im ersten Verhöre sagte ich die Wahrheit, Gott weiß es und empfing dreißig Streiche dafür. Macht was Ihr wollt, doch bei der Musterung werde ich stehen bleiben und meine Sache dem General vortragen."—"Glaubst du, es sei dir zuviel geschehen?"—"Allerdings, denn ich redete Wahrheit!"—"Glaubst du nicht, daß ich dir noch mehr Prügel geben lassen könnte?"—"Freilich glaube ich's, ob es aber recht wäre, ist eine andere Frage!"—Jetzt meint der Vorsitzende des Kriegsgerichtes: es geschieht dir kein Unrecht, dafür sind wir auch da!—Der Auditor meint: die Jägerndorfer haben ihn so pfiffig gemacht!—"O nein, sage ich; bei meinen vielen Leiden habe ich auch viel erfahren, in Jägerndorf gibts keine andere Weisheit, als Einem den Buckel blau zu schlagen!"—"Du bist auf Jahr und Tag ganz frei vom Regiment und erhältst gleich 25 Kaisergulden, wenn du den Kartengeber angibst. Zeigt ein Anderer denselben an und wird es bewiesen, daß du nicht in den Garten zu dem Mädchen, sondern fort wolltest, dann wirst du nachträglich als Deserteur behandelt! Unterschreibe!"—"Nein!"—Jetzt sagte der Hauptmann: "Unterschreibe nur, es ist dir nicht zuviel geschehn. Du hast keine Strafe erhalten, man wollte blos dein Geständniß. Du kannst in der Stadt und auf der Kleinseite genug herumstolpern, hüte dich vor dem Fortlaufen, du bist ein leichtsinniger und verwegener Patron!"

Ich unterschrieb und sagte dabei: "Hätt' ich mich nur nie engagiren lassen!" In der Kaserne hieß es: "Hast dich brav gehalten, bekommst wieder eine Karte, wenn du eine brauchst. Warst aber dumm, es liegen ja 3 Regimenter hier, konntest die rechten Wachen abpassen!"

Ich schwieg ganz klug, ging zum Marketender, wurde gut empfangen und gut bewirthet. Mein Feldwebel saß auch da, ich erzählte ihm alles und er meinte. "Hättest du geplaudert, du wärest ohne Einen Streich davon gekommen, ich aber in des Teufels Küche. Es desertiren viele Pfälzer; es heißt, alle würden an der Grenze eingeholt und erschossen, doch glaube ich es nicht. Du könntest es bei den Kaiserlichen gut bekommen, doch du meldest dich bei der nächsten Musterung nicht zu einem andern Regimente, sondern desertirst, ich sehe es dir an, du bist ein Leichtfuß!"

Ich dachte, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen und schwieg.

Im Wolf ward ich ganz festlich empfangen, bekam Geld von den Wirthsleuten, Lobreden, Essen und Trinken genug und die Margareth riß mich schier um, als sie aus dem Keller kam, wo sie mit meinem Gefreiten Bierkrüge für die Offiziere gefüllt hatte.

Beim Vieruhressen wollte ich nicht sitzen und mußte von meinen 60 Prügeln beichten. Im Keller drunten gestand ich der Margareth, daß ich desertire und zwar auf Johanni; sie gab mir bald Recht und als sie hörte, ich sei ein Weber und wolle auf meiner Profession arbeiten, sagte sie, in Iglau besitze sie einen nahen Verwandten, der auch Weber sei, es gebe dort über 100 Weber und Arbeit für mich genug, sie wolle mir Briefe geben und bekäme ich in Iglau keine Arbeit, so könne ich nach Brixen und werde aus Tirol gar nicht mehr fortwollen, es gäbe halt nur Ein Tirol in der Welt ... Meine Civilkleider hatte ich im Wolf geholt, jetzt nahm ich dieselben aus dem Strohsacke, wohin ich sie versteckt hatte, mein Schlafkamerad sah dieselben und ich sagte ihm, die Frau des Gefreiten müsse sie mir verkaufen und brachte Stock, Hosen und Alles in den Wolf zurück.

Es war noch nicht Johanni und an einem Tage, an welchem das Regiment Kinski die Wachen bezogen hatte, spazierte ich zu der Stunde, wo ich sonst zum Rasiren ging, aus Prag hinaus.

Vor dem Thore zog ich die Civilkleider aus, die Montur war darunter, ich warf dieselbe weg; derjenige, der sie finden und dafür 24 Gulden bekommen sollte, war schon in der Nähe!

Ohne Speise und Trank marschiere ich 6 bis 7 Stunden weit, dann trat ich bei einem Bäcker ein, ließ mir Semmel und Branntwein geben. "Woher des Landes?"—"Bin bei Eger zu Hause!"—"Freund, Ihr seid kein Deutschböhme!" —"Warum nicht?"—"Hm, hm!"

Kaum bin ich vor dem Neste draußen, kommen Bauern mit Prügeln, schreien, ich sei ein Deserteur, bringen mich zum Richter, dieser läßt mich auf die Dorfwacht bringen, an einem Fuße fesseln und am andern Tage sitze ich bereits wieder zu Prag, jedoch nicht im Wolf, sondern im—Staabsstockhaus.

Der Profoß sagte mir, die Frau meines Gefreiten sitze bereits; ich weinte darob und behauptete, meinethalben sei sie nicht in Arrest, ich habe nur für ihren Mann barbirt und genommen, was er mir dafür gab!

Mein Papiergeld versteckte ich in den Strumpf, kam am andern Tage ins Regimentsstockhaus und ins Verhör.

"Woher die Zivilkleider?"—"Mitgebracht!"—"Dann?"—"Im Wolf, dann bei der Frau des Gefreiten, endlich im Strohsacke!"—"Dann?"—"Auf dem Leibe unter der Montur!"—"Die Montur?"—"Hinter einem Gartenzaune!"—"Wie kamst du zum Thore hinaus?"—"In Civilkleidern und mit einer Karte!"—"Woher die Karte?"—"Um 12 Kreuzer auf der Brücke gekauft!["]—"So! Nun diesmal geht es anders, Paule!"

Am nächsten Tage erfahre ich, mein Schlafkamerad sei im Verhöre gewesen, die Frau des Gefreiten, die freilich sammt ihrem Manne alles gewußt hatte, freigelassen worden. Ich war sehr froh darüber und wurde lustig, weil ich um baares Geld alles bekam, was ich wünschte.

Wie ich wieder ins Verhör komme, stehen 4 Unteroffiziere da und ich denke: "Jetzt gute Nacht, Paule, 's gibt eine schwere Tragödie!"

Der Auditor kommt und eröffnet, ich werde die schwerste Strafe erleiden, wenn ich nicht sage, woher ich meine Karte habe; sage ich es, dann werde ich von aller und jeder Strafe frei bleiben.

Ich blieb bei der alten Behauptung, da hieß es: "Fort auf die Bank, 15 herab!—Gestehst du jetzt?"—"Ja, daß ich die Wahrheit sagte!"— "Nochmals 15!"

So ging es fort, bis ich 60 Prügel hatte, dann durfte ich abziehen, ließ ein Seidel Branntwein kommen, der "Vater", wie man den Profoßen nannte, nahm mir die Kette ab, ein Unteroffizier brachte Essig und Salz, die Frau des Gefreiten schickte Leinwand, mit Hülfe der Kameraden brachte ich es in der Nacht soweit, zumal ich nicht aufgeschlagen war, daß ich nicht geschunden wurde!

Nach 8 Tagen komme ich wieder ins Verhör und gebe keine Antwort.— "Weßhalb keine Antwort?"—"Ich habe die Wahrheit schon gesagt!"— "Bleibst du dabei?"—"Ja!"—Wieder 15 herunter!—"Gestehst du?"— "Ich habe Alles schon gesagt!"—"Das Verhör ist geschlossen!"

Der Profoß durfte mir nichts mehr geben, nach 3 Tagen ward Kriegsgericht für mich und Andere gehalten, das Urtheil fiel gerade aus wie in Jägerndorf, ich mußte durch 300 Mann Gassen laufen.

Auf dem Exerzierplatze sah man, ich laufe nicht das erstemal, wurde von den Soldaten sehr geschont, erhielt Geld von den Zuschauern und als ich aus dem Lazarethe kam, war ich ein "Unvertrauter" geworden, durfte nur die Kasernenwache beziehen und nirgends hingehen, ohne daß eine Ordonnanz bei mir war.

Jetzt bekam ich die Rosenrothen erst recht satt.

Von den Kameraden ward ich fast auf den Händen getragen, weil ich Niemanden verrathen, im Wolf fand ich die herrlichste Aufnahme, denn weder Margareth noch sonst Jemand hatten geglaubt, daß ich die gräßliche Strafe überleben würde.

"Mich wundert, daß Sie noch leben!" sagt die Wirthin—"Wen Gott halten will, hält Er, die Leiden mögen noch so groß sein!"—"Ja, es ist arg!" sagt die Margareth traurig—"Arg ist's gewesen, doch bin ich an Allem selbst schuld. Wäre nur heute Sonntag, da wollt' ich besser tanzen, als auf dem Exerzierplatze!—Am Sonntag wird's eingebracht!"—"He, 's wird halter noch einmal probirt, Franzos?" schreit ein Soldat—"Ja, Bruder, wenn ich nicht bald sterbe, sterbe ich nicht in Prag!"—"Aber die Ordonnanz?"—"Können nicht Zwei zusammen gehen?"—"Ist schon oft geschehen!"—"Was der Paule im Schilde führt, muß durch, ich muß noch österreichischer Bürger werden!"

Meine Ordonnanz war ein geborner Baier, ein armer Teufel, der 10 Jahre zu dienen hatte, wie alle, welche nicht 5 Fuß 5 Zoll groß waren; ich bewirthete ihn tüchtig und konnte, wohin ich wollte, nur nicht zum Hause hinaus.

Später ging ich in den Garten. Margareth erzählte, wie arg der Gefreite bei der Verhaftung seines Weibes geweint habe. Der Oberst hatte ihm versprochen, er sollte bald Fourier werden, kam das Geringste heraus, so durfte er nicht ans Fourierwerden denken. Die Leute im Wolf trösteten ihn, weil alle überzeugt waren, daß ich Niemanden verrathe.

Ich war entschlossen, bis Michaeli längstens zum zweitenmal zu desertiren und bewirthete meine Ordonnanzen vortrefflich.

Die Soldaten hatten nicht geglaubt, daß ich mit dem Leben davon kommen würde. Vier Mann meines Bataillons waren für mich zum Hauptmann, dann zum Oberst gegangen, um ein Fürwort einzulegen. Der Oberst sagte, ich würde mit 6 Touren davon kommen, wenn ich den Kartengeber nenne, der Auditor forderte die Soldaten auf, den Kartengeber anzuzeigen und versprach dann ein weit milderes Urtheil für mich, doch dieser Preis war zu theuer und zudem wußten sie nichts Bestimmtes. In Prag schrie der Adjutant auch nicht: Zugeschlagen! und die 2 Grenadiercompagnien schonten mich, daß es allen Zuschauern auffiel, welche mir auch weit mehr Geld als Anderen schenkten.

Meine liebste Ordonnanz hieß Müller. Er war auch ein armer Tropf und ebenfalls kein Oesterreicher, heirathete eine Pragerin, verlor damit seine Capitulation und mußte dienen, wie die Landeskinder. Sein Weib starb im ersten Wochenbette, ihr Vermögen war nicht weit her gewesen, nach ihrem Tode fiel alles an die Eltern zurück und er mußte froh sein, daß sie auch das Kind zu sich nahmen.

Im Wolf schämte ich mich oft vor den Stadtleuten welche mich auf dem Exerzierplatze Gassenlaufen gesehen, dennoch half ich fortwährend in der Wirthschaft, und die Margareth, der es gar wohl gefiel, als ich davon redete, ich wolle ein österreichischer Bürger werden, that mir, was sie mir an den Augen abzusehen vermochte.

Ich sparte tüchtig; gegen Michaeli hatte ich keine Ruhe mehr, meines Bleibens konnte in Prag nicht länger sein, Müller zeigte sich bereit, mit mir zu desertiren. Margareth sagte freilich, ich möge noch zwei Jahre zuwarten, die Pachtzeit der Wirthschaft sei dann aus, sie ginge alsdann mit mir nach Iglau und wir wollten dort heirathen, zumal sie schon bei Jahren wäre—ich wollte nicht warten in Prag, sondern in Tirol, sie war bereit, den letzten Blutstropfen für mich zu lassen und half uns zur Flucht.

Mein Abschied von ihr war so traurig, wie der von der Marie aus Jägerndorf, die Tirolerin habe ich bis zur Stunde nicht mehr gesehen ... Als Bäckergeselle verkleidet, Haare und Gesicht weiß von Mehl, einen schweren Brodkorb auf der Achsel gehe ich eines Morgens mit einem Bäcker von dem Hause eines Kunden zur Hausthüre des andern und auf diese Weise zum Thore hinaus, jedoch nicht ohne banges Herzklopfen, wiewohl es mir nie an Muth mangelte.

In einem Häuslein vor dem Thore kleide ich mich um, Müller wartete im letzten Wirthshause, es war verabredet, daß ich nicht hineinginge, er kam heraus, wir liefen davon und mit jedem Schritte, der uns weiter von Prag wegbrachte, wuchs unser Muth.

Wir gaben uns für Handwerksgesellen aus, welche nach Wien wollten, um sich dort engagiren zu lassen und kamen glücklich nach Iglau.

Margarethens Verwandter konnte mich gerade nicht brauchen, wollte mich nach Brixen recommandiren, doch der Weg schien mir zu gefährlich. Am andern Tage sitzen wir Abends in der Weberherberge einer Garnisonsstadt, Müller steht auf, geht zur Thüre hinaus und—kam nicht wieder. Gott weiß, wohin er gekommen ist, vielleicht in seine Heimath! ... Ich sagte dem Wirth, mein Kamerad sei ein Deutschböhme und habe gute Bekannte hier, ich dagegen sei ein Pfälzer, ein Vetter von mir Militairchirurg in der Kaiserstadt, wo ich mich engagiren lassen wolle. Es hieß, daß ich niemals daran denken dürfe ohne Paß nach Wien zu kommen und der Mangel an einem Schreiben betrübte auch die Mutter zweier Harfenspielerinnen. Diese Weiber wollten nach Wien, ich sollte mit ihnen, denn eine Tochter war unwohl; wenn ich die Harfe derselben tragen wollte, so wurde ich zechfrei gehalten.

Abends kommen viele Soldaten, ein alter Schnauzbart erzählt mir, die Frau seines Majors sei auch eine Pfälzerin, habe ihre Schwester bei sich und wie ich nach dem Namen frage, weiß ich, daß diese Frauen noch bei meinem Vater das Tanzen gelernt haben.

Der Schnauzbart wollte es mir ansehen, daß ich auch schon bei den Oesterreichern gedient habe und als ich ihm erzählte, ich hatte in Leitmeritz als Weber gearbeitet, die Bleicharbeit sei fertig, ich wolle jetzt nach Wien, um mich engagiren zu lassen, da meint er, ich möge immerhin dableiben und mich hier annehmen lassen.

Er brachte es mir wacker zu, doch die Harfenmädchen stießen mich immer heimlich mit den Füßen, ich ließ mich nicht beschwatzen und wie der Schnauz am andern Morgen in aller Frühe wieder kommt und fragt, bin ich eben so wenig wie am Abend vorher zum Bleiben bereit.

Um 9 Uhr besuchte ich meine Landsmänninnen, ward erkannt, fand eine sehr gute Aufnahme, die Jüngere freute sich insbesondere, weil ich noch ihren Taufnamen wußte und Beide, weil ich gut gekleidet war.

Sie riethen mir ebenfalls, mich hier engagiren zu lassen, doch der Herr Vetter, der Chirurg in Wien mußte aushelfen, ich erzählte Vieles, wurde zum Mittagsessen eingeladen und erhielt ein namhaftes Geschenk.

Kaum sitze ich wieder im Wirthshause, so kommen zwei Polizeidiener, trinken Bier, fragen nach den Schriften ich habe keine, sie sagen, ich sei gewiß ein Deserteur, es liefen deren gar viele herum, verhaften mich und führen mich auf die Polizei, wo ich mich auf die Frau des Herrn Majors und deren Schwester berufe als Zeugen, daß ich ein Pfälzer, ehrsamer Weber und kein Deserteur, aber ein Rekrute sei.

Die Polizeidiener erhalten ein Schreiben, führen mich zu den Frauen zurück, der Herr Major war jetzt auch da, einst lange in der Pfalz und ein Gönner meines Vaters gewesen, gab mir ein Schreiben an den Polizeicommissär, dieser fertigte dann einen Paß für mich aus und rieth mir, ja nicht von der angezeigten Route abzugehen, weil ich sonst große Unnannehmlichkeiten bekommen würde.

Voll Freuden gehe ich zum Herrn Major zurück, um für die Fürsorge zu danken. Er dringt in mich, mich hier beim Regimente Lindenau anwerben zu lassen, doch ich behaupte, während meines Aufenthaltes zu Leitmeritz eine schöne, junge und vermögliche Wienerin kennen gelernt zu haben, welche in einem Wirthshause bei Verwandten lebte und bereits nach Wien gegangen sei, das Mädchen habe mir viel Geld gegeben und ich müsse zu ihm in die Kaiserstadt.

Ich mußte dem Offizier mein Geld zeigen, er vermehrte es durch einen Fünfguldenschein, lud mich zum Nachtessen ein und sagte, ich könne bei ihm essen so lange ich bleiben wolle, beim Fortgehen werde mir seine Frau noch einen Bündel weiße Wäsche und Kleider geben.

Die Leute im Wirthshaus freuten sich sehr über mein Wiederkommen, besonders die Harfenmädchen; es hieß, der Schnauz habe mir einzig und allein die Polizei auf den Hals geladen. Ich blieb im Wirthshause, mochte nicht mehr bei meinen guten Bekannten zu Nacht essen, sondern zeitig ins Bett, um früh den Weg unter die Füße zu bekommen.

Am andern Morgen gab mir die Frau Majorin richtig einen schönen Reisebündel; ich weinte beim Abschiede und wenn ich an diese guten Leute denke, laufen die Thränen noch jetzt stromweise über meine alten Wangen!

Neben dem Bündel mußte ich die schwere Harfe des kranken Mädchens tragen, doch machten wir täglich nur 2 bis 3 Stunden und lebten gut, denn die Weiber verdienten mit Harfenschlagen und Singen schweres Geld. Wir kamen glücklich nach Wien, die Begleiterinnen zogen ungehindert hinein, doch ich wurde angehalten, zum Platzmajor geführt und da hieß es gleich. "Welches Regiment?"—"Deutschmeister!"—"Gut, du kannst jetzt allein gehen und dich melden, dein Paß bleibt da!"

Am andern Tage sah der Arzt meinen Rücken, fragte, woher die Bescheerung sei, ich erwiederte, daß ich bei den Preußen in Glatz gezwungen gedient habe, erhalte Handgeld, werde eingekleidet und noch an demselben Tage steht der Paule als neugebackener Soldat des Regimentes Deutschmeister in einem Bäckerladen und—vor der geliebten Marie aus dem Mohren zu Jägerndorf, welche bisher auf mich geharrt hatte.

Welche Freude, welch Wiedersehen! Noch jetzt fließen mir die Thränen reichlich, wenn ich daran zurückdenke! ... Wie weinte aber erst meine Marie sammt ihrem Bruder, dem Hagestolzen, nachdem Beide wußten, was ich ausgestanden seit jenem Sonntage, an welchem ich im Gartenhause Abschied genommen und mit Muck desertirt war! ... Einige Wochen lebten wir in der Kaiserstadt wie die Engel im Himmel, wir hatten es gut mit einander vor, der Bäcker war ein gar zu guter Mann, doch Unglück soll mich verfolgen bis zum Jahre 1852!

Wir begegnen einigen Kameraden, welche mit mir in Jägerndorf gedient hatten und jetzt Artilleristen geworden waren, erkannten und begrüßten mich und fragten gleich: "Wo ist denn der Muck?"—"Ebenfalls hier!"—"Wo finden wir ihn?"—"Er hat die Wache beziehen müssen!"—"Wo gehts Abends hin?" —"Da und da!"—"Gut, wir treffen uns!"

Ich bat die Kanoniere, mich und den Muck um Gotteswillen nicht zu verrathen, sie versprachen es hoch und theuer, doch ich traute nicht, denn die 24 Gulden waren ein gar zu großer Reiz für arme Soldaten.

Wie weinte die Marie, wie erschrak der Bruder, als ich athemlos in den Bäckerladen stürzte, die fatale Begegnung erzählte und damit schloß, daß ich noch heute aus Wien fort müsse, wenn ich nicht erschossen werden wolle! ... Ich zog sogleich meine Civilkleider wieder an, welche ich aus Vorsicht aufbewahrt hatte, das Handgeld war fort, doch besaß ich noch Geld, Marie gab, was sie hatte, der Bruder in seiner Angst, was er zu entbehren vermochte, ich versprach in der Nähe Arbeit zu suchen, vor Eile bekam ich keine Zeit zum Weinen, mein Schatz sank beinahe in Ohnmacht, ich aber lief aus der Stadt, so rasch ich es vermochte, ohne Aufsehen zu erregen.

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