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Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling

Erster Theil (continued 2)

Reading edition

Ich habe lange genug unter Sträflingen gelebt, um die unverbesserlichen Grundfehler des Zusammenlebens derselben ausfindig zu machen und fast lange genug in der Zelle, um die Lichtseiten und Schattenseiten des pennsylvanischen Systems an sich und in seiner bisherigen Durchführung kennen zu lernen. Ich versäumte auch nicht, die Jahrbücher von Julius und Varrentrapp und die Schriften berühmter Anhänger der verschiedenen Gefängnißsysteme sammt denen ihrer Gegner zu lesen, habe sogar Ritter Apperts zahlreiche Geisteserzeugnisse, bei denen der Erfolg das Merkwürdigste bleibt, verschlungen und dadurch mindestens die Ueberzeugung gewonnen, daß auch im Gefängnißwesen eine 33jährige Erfahrung die Augen selbst einem Franzosen nicht mehr öffnet, wenn derselbe alltägliche Vorurtheile gegen ein System einmal eingesogen und öffentlich als berechtigte anerkannt hat oder gar, mit einem selbstfabrizirten Systemchen schwanger gehend, in schweren, langjährigen und immer fruchtlosen Geburtsnöthen in der weiten Welt herumkutschirt.

Weil die Gefängnißfrage eine der wichtigsten Fragen der Staatsverwaltung und Rechtspflege ist, so habe ich mich keineswegs mit meinen persönlichen Erfahrungen und dem Lesen zahlreicher Schriften über Gefängnißwesen begnügt, sondern namentlich auch bedacht, daß mich die aufrichtige und bleibende Hochachtung und Liebe, welche ich den geistlichen und weltlichen Beamten des Bruchsaler Zellengefängnisses zollen muß, leicht mit einseitiger Vorliebe für das Isolirsystem erfüllen und unmerklichen Einfluß auf meine Ueberzeugung ausüben könnte.

Noch selbst Gefangener habe ich mit Manchem geredet, welcher das Zellenleben früher durchgemacht hatte und nach meiner Begnadigung redlich gestrebt, Urtheile der Zellenbewohner zu vernehmen und Entlassene zu beobachten und zwar beides bei Leuten, welche gemeine Verbrechen begangen, theilweise die einsame sammt der gemeinsamen Haft gekostet hatten und sehr verschiedenen Ständen, Bildungsstufen und religiösen Bekenntnissen angehörten.

Was ich bereits in der Zelle war, bin ich bis zur Stunde geblieben, nämlich ein Anhänger der allerdings harten und je nach Umständen gefährlichen, doch bei sachgemäßer Durchführung für die Gesellschaft höchst segensreichen einsamen Haft.

Die gemeinsame Haft erfüllt ihre Aufgabe hinsichtlich der Strafzwecke der Sühne, Abschreckung und besonders der Besserung nur halb oder gar nicht. Warum?

Richten wir das Augenmerk zunächst auf den Strafzweck der Besserung, so muß ich mich vor Allem gegen jenen sehr zeitgemäßen, aber auch sehr oberflächlichen Begriff von Besserung verwahren, der bis zur Stunde gang und gäbe ist und bei Rechtsgelehrten in Folge der bisherigen Entwicklung ihrer Wissenschaft bis nächsten Frühling wohl noch nicht aufgegeben sein wird.

Laut diesem Begriffe besteht die Besserung des Sträflings darin, daß derselbe in der Strafanstalt recht fleißig arbeitet und die Hausordnung befolgt, nach der Entlassung aber nicht mehr zurückkehrt.

Nun ist fleißiges Arbeiten und gesetzmäßiges Verhalten während und nach der Gefangenschaft möglicherweise ein Zeichen von Besserung, eben so gut aber auch keines, denn Arbeitsamkeit kann Folge der Gewohnheit, Noth, des Ehrgeizes, der Geldliebe und vieler anderer Dinge sein, welche mit der Besserung nichts gemein haben und die Zahl jener Menschen, welche beim Austritt aus der Strafanstalt sich vornehmen, keineswegs gesetzlich zu leben, dem Amtmann wiederum in die Haare zu gerathen und möglichst bald zu den augenarmen Zuchthaussuppen zurückzukehren, ist wohl äußerst gering.

Alles dies könnte den Rechtsgelehrten gleichgültig sein, wenn man im Staatsleben nur nicht innerhalb der gesetzlichen Schranken ein grundschlechter Kerl sein und der menschlichen Gesellschaft durch Ausübung von mancherlei Lastern hundertmal mehr in Einem Jahre zu schaden vermöchte, als etwa ein alter Zuchthausbruder durch seine kleinen Diebstähle während seiner ganzen Spitzbubenlaufbahn geschadet hat.

Diese unläugbare Thatsache läßt den Begriff, welchen die Rechtsgelehrten mit den meisten Gefängnißbeamten von der Besserung haben, in seiner völligen Armuth und Bedeutungslosigkeit erscheinen, insofern von einem Nutzen für die menschliche Gesellschaft die Rede sein soll.

Ferner sind laut meinem Sträflingsleben und zahllosen, einstimmigen Veröffentlichungen der Fachmänner gerade unter den Rückfälligen die stillsten, fleißigen und fügsamsten Seelen und woher kommt es wohl, daß diese Gebesserten immer häufiger in die Strafanstalten zurückkehren und die Amtsleute sammt Gefängnißbeamten durch persönliches Erscheinen von der Nichtigkeit des herrschenden Begriffes von Besserung überzeugen?

Diese Rückfälligen haben keinen sittlichen Halt in sich und keinen sozialen in der Gesellschaft, bilden den Abfall der Volksentwicklung und sind die Parias unserer gesellschaftlichen Zustände.

Der alte Paul, welcher im Amtsgefängnisse seine, ein jetzt 73jähriges Leben umfassende Zuchthausgeschichte, an der ich gar nichts geändert habe, getreu erzählt, ist das Muster eines Rückfälligen und nach meinem Ermessen ein für Rechtsgelehrte und Geistliche besonders belehrendes Muster.

Die Besserung, von welcher in dieser Schrift geredet wird, besteht in der sittlichreligiösen Wiedergeburt des Menschen und diese wurzelt lediglich in der positiven Religion.

Etwas Sittliches kann möglicherweise positives und damit strafwürdiges Unrecht sein, etwas Unsittliches jedoch kann nimmermehr zu Recht werden; ferner bestand die Besserung bei mir zwar in sittlichreligiöser Wiedergeburt, worin sie auch beim gemeinen Verbrecher bestehen soll, allein es können bessere Leute als ich wegen politischer Vergehen ins Zuchthaus gekommen sein, endlich besteht die Besserung des politischen Verbrechers zunächst im ehrlichen Aufgeben seiner regierungsfeindlichen Pläne—damit habe ich den Hauptgrund angegeben, weßhalb ich in dieser Schrift nicht mehr viel von politischen, sondern fast lediglich von gemeinen Verbrechern spreche.

In der gemeinsamen Haft sind Thränen und Seufzer der Reue zwar nichts Seltenes und gute Vorsätze gibt es mehr als Erdäpfel, allein die Reue ist bereits immer und fast nothwendig nur eine natürliche Reue über die zeitlichen Folgen der That und die guten Vorsätze enden gemeiniglich in dem Vorsatze, das elfte Gebot, nämlich das Erwischtwerden nicht mehr zu übertreten.

Eigentliche Besserung gedeiht in Sträflingsgesellschaft so wenig, als ein von den ersten Symptomen der Pest Befallener durch Pestkranke gesund wird.

Warum?

Die Zuchthausgeschichten sagen es und hier zunächst die Gründe kurz zusammengenommen, welche gegen gemeinsame Haft überhaupt und gegen Besserung durch dieselbe reden.

Die empörenden Prahlereien und schamlosen Herzensergüsse hartgesottener Sünder, der Unterricht, den die Altmeister der Greiferkunde und aller Laster in der Sprache und den Kniffen der Gaunerwelt Andern mit satanischer Freude ertheilen, die unvermeidliche Anknüpfung von Bekanntschaften, welche dem bessern Entlassenen häufig arge Verlegenheiten, Versuche und Gefahren bereiten, die Möglichkeit der Verabredung und Durchführung von Flucht aus der Anstalt und zu Verbrechen, welche innerhalb und außerhalb der Anstalt ausgeführt werden sollen, der Verkauf von Gelegenheiten zu Unthaten—all diese längst anerkannten Schattenseiten der Sträflingsgesellschaft betrachte ich trotz ihrer Wichtigkeit doch nur als Nebendinge.

Den unverbesserlichen Grundfehler aller gemeinsamen Haft, für welchen außer der einsamen kein Kräutlein gewachsen ist, insofern man von Besserung reden will, finde ich darin, daß der stets durch Gesellschaft zerstreute Sträfling schwer oder gar nicht zum ernsten Nachdenken und unpartheiischen Insichblicken gelangt, in Folge des steten Zusammenlebens blutwenig Zeit und Gelegenheit findet, dem nicht gerade karg zugemessenen, doch schwer zu vertheilenden Unterricht in Kirche und Schule nachzuhelfen durch Selbstbildung. Dagegen findet er lauter Leidende um sich, überzeugt sich selbst und Andere gerne von seiner allzuharten Strafe oder beispiellosen Unschuld, läßt sich auch von Anderer Unschuld gerne überreden, wird durch beständigen Anblick von Verbrechern und engeres Anschließen an Einzelne derselben gar bald gegen alle Verbrechen abgestumpft, redet sich und Andere in eine rettungslose Selbsttäuschung über den eigenen Werth, in wilden Haß gegen Gesetze und Menschen, gegen Staat und Kirche und Gott hinein.

Dagegen helfen keine Klasseneintheilungen, deren Eintheilungsgrund doch nirgends annehmbar aufzufinden ist, weil die sittliche Wiedergeburt ein innerer Akt ist und mit dem äußeren Verhalten gar oft in scheinbaren Widerspruch gerathen kann. Auch die farbenreichen Affenjacken mit tellergroßen Knöpfen voll Inschriften, welche die liebe Eitelkeit kindischer Sträflinge ködern könnten, darf Herr Appert als unnütze, äußerliche Spielerei herzhaft aufgeben und was das Schweigsystem betrifft, so beseitiget dieses keineswegs die Schattenseiten der gemeinsamen Haft, läßt einige derselben höchstens in neuer Art fortleben und verzichtet auf jede Frucht des Zellenlebens.

Das Schweigsystem ist eine Halbheit und theilt das Schicksal aller Halbheiten; verdirbt es mit allen Partheien und bleibt unfruchtbar für die Gesellschaft. Besserung als Wiedergeburt des Menschen vermittelst des religiösen Glaubens gedeiht lediglich in der Zelle, wie ich an mir selbst erfahren habe, wie die Geschichte des "Duckmäusers" insbesondere zeigen soll und wie ich von mehr als Einem Gefangenen genügend beweisen kann.

Freilich erfolgt auch in der Zelle Besserung nicht immer und nur unter gewissen Bedingungen, von denen später die Rede sein und hier nur eine einzige erwähnt werden soll.

Es ist kaum glaublich, welche Ansichten manche Rechtsgelehrte und Gefängnißbeamte von der Besserung durch einsame Haft hegen. Alles Ernstes huldigen sie dem Wahn, alte, gründlich verdorbene Menschen, welche leider statt jugendlicher Verbrecher nach Bruchsal spedirt werden, könnten innerhalb weniger Monate nicht nur Anfänge zur Besserung machen und darin fortschreiten, sondern vollkommen gebessert und so Alles, was 20 bis 50 und mehr Jahre verdorben, im Sturmschritte einiger Monate verbessert werden.

In neuerer Zeit haben die Engländer die Zeit der längsten Dauer der Einzelhaft auf 18 Monate festgesetzt, nach deren Verlauf sie ihre Gurgelabschneider und Londoner Spitzbubengenies in ferne Colonien senden, um dieselben auf gute Weise sich vom Halse zu schaffen.

Kaum war dieses beschlossen, priesen deutsche Gelehrte solche Maaßregeln auch für deutsche Zellengefangene an und weil die Deutschen als Träger der Cultur und anderer schöner Sächelchen keine Verbrecherkolonien besitzen, wollten Jene die Leute bereden, ein Mensch, der über 18 Monate in einer Zelle sitze, leide nothwendig an der leiblichen und geistigen Gesundheit Schaden und könne nach 18 Monaten des Glückes jeder Spitzbubengesellschaft wieder theilhaftig gemacht werden wegen der während dieses Zeitraums neu oder zum erstenmal errungenen Vortrefflichkeit.

Weil ferner in manchen Anstalten Englands die Zellengefangenen wahrhaft verhätschelt und eher für ihre Verbrechen belohnt als bestraft werden, priesen Ritter einer durch und durch falschen, weil gegen die wahren Interessen der Gesellschaft und der Gefangenen gleichmäßig gerichteten Humanität auch für Deutschland dergleichen Verhätschelungen an und schlugen Maaßregeln vor, durch welche das Grundprinzip der einsamen Haft, nämlich die absolute Trennung der Verbrecher unter sich, mehr oder minder vollkommen beseitiget worden wäre.

In Baden ist die Strafdauer natürlich je nach dem Vergehen sehr verschieden, kurze Strafzeiten herrschen vor, damit aber auch Nichtbesserung der meisten ältern Sträflinge und dies um so mehr, weil die Gerichte in neuester Zeit mit Hungerkost und Dunkelarrest gar zu freigebig sind und durch diese Strafverschärfungen ein dem Isolirsystem als dem der Besserung zwar nicht widersprechendes, doch demselben sachgemäß untergeordnetes Prinzip, nämlich das der Abschreckung auch in Bruchsal vorherrschend machen und dadurch erst mit dem Grundgedanken dieser Anstalt in Widerspruch gerathen.

Vollkommen mit Herrn Professor Stolz einverstanden, erkläre ich: Jeder Geistliche und jeder Mensch, welcher die Sünde für ein größeres Uebel hält denn Wahnsinn und Leibestod und daran glaubt, daß im Himmel Ein Bekehrter mehr Freude verursache denn 10 Gerechte, muß folgerichtig ein Anhänger der einsamen Haft der Verbrecher werden, zumal die Erfahrung an manchen Orten und besonders auch zu Bruchsal trotz der ungünstigsten Verhältnisse bewiesen hat, bei richtiger Behandlung der Zellenbewohner seien die Fälle von Geistesstörung und Tod kaum häufiger, als in einsamer Haft und Bekehrungen gemeiner Verbrecher nichts weniger als eine Seltenheit, ohne daß die Bekehrten einem krankhaften Muckerthum oder einseitigem Fanatismus sich ergeben.

Ist ein unter dem Abschaum der Gesellschaft lebender gebesserter Sträfling ein weißer Rabe, was eigentlich ein Kindesverstand ohne die Erfahrungen von Jahrhunderten einsehen sollte, so steht es mit dem Strafzwecke der Abschreckung in gemeinsamer Haft eben auch nicht glänzend. Bekanntlich trägt Jeder seine Bürde leichter, wenn er Andere dieselbe Bürde tragen sieht, ebenso bekanntlich sucht und findet man Zerstreuung in der Gesellschaft und nicht minder bekanntlich kommen täglich mehr Gäste in die Strafanstalten und bringen erheiternde oder tröstliche Neuigkeiten. Von all diesen Erleichterungen der Strafe weiß der Zellenbewohner wenig, folglich hat die einsame Haft auch hinsichtlich der Abschreckung Vorzüge vor der gemeinsamen. In neuerer Zeit hat man gemerkt, wie wenig die gemeinsame Haft bei guter Kost und ordentlicher Pflege abschrecke und wenn dieselbe durch Hungerkost verschärft wird, so finden wir hierin nur etwas Löbliches. Man hat Hungerkost und den bei längerer Dauer und regelmäßiger Wiederholung nicht sehr empfehlenswerthen Dunkelarrest aber auch für Zellenbewohner und zwar nicht blos für Rückfällige reichlich verordnet und dieses Verfahren finden wir ein bischen grundsatzwidrig, stark ungerecht und äußerst nutzlos. Es hat überhaupt mit der Abschreckungstheorie eigene Bewandtniß, weil der Mensch beim Begehen eines Verbrechens wohl selten an Erwischtwerden und kommende Strafe ernstlich denkt oder glaubt, sich häufig vom Augenblicke der Leidenschaft beherrschen läßt und was laut der Geschichte die grausamsten Strafen nur wenig vermochten, nämlich Andere abzuschrecken, wird kein Zuchthaus der Welt jemals ersprießlich zu Stande bringen.

Mit den Leiden des Verbrechers hängt als dritter Strafzweck die Sühne auf das Engste zusammen und hier ist das Verhältniß der einsamen und gemeinsamen Haft so, daß letztere geradezu das Gegentheil dessen bewirkt, was sein sollte. Je verkommener und schlechter nämlich ein Mensch ist, desto leichter findet er sich in die Sträflingsgesellschaft, gewöhnt sich leicht an das Zuchthaus, weil er sich daselbst in seinem eigentlichen Elemente befindet und die Zeit stumpft ihn gegen das Elend der Gefangenschaft beim Andenken an das meist wohlverdiente und oft furchtbare Elend außerhalb der Gefängnißmauern manchmal völlig ab, so daß er dem Tage der Freilassung nicht freudig, sondern traurig entgegensieht. Gerade die Bessern und Besserungsfähigen leiden in gemeinsamer Haft am meisten, weil sich ihr innerstes Gefühl, der Rest des bessern Menschen in ihnen gegen die Gleichstellung und das Zusammenleben mit den verworfensten Burschen empört. Wie in der Welt überhaupt, so haben auch im Zuchthause gar oft die Heuchler und Schlimmen die Oberhand über die Geraden und Bessern und um die schmerzliche Empörung ihres Innern zu betäuben, dadurch ihre Leiden zu mildern und ruhig und erträglich leben zu können, suchen sie den Heuchlern und Schlechten gleich zu werden.

Ich habe hineingeblickt in die Herzen alter Sträflinge, wie nur ein Sträfling dem andern hineinzublicken vermag und wenn diese Herzen noch nicht ganz verknöchert und versteinert waren, so habe ich als letzten Rest des bessern Menschen eine bittere, furchtbare Anklage gegen die menschliche Gesellschaft darinnen gelesen.

Jeder Mensch ist ein Gesellschaftsmensch, die Gesellschaft trägt mehr oder minder Mitschuld an seinen Lastern und Verbrechen und wenn die Gesellschaft die Sühne des Verbrechers diesem allein aufbürdet, ihre Mitschuld keineswegs anerkennt und nur sich selbst, keineswegs aber ihn zu retten, sondern moralisch zu vernichten strebt, so nenne ich Entlassener vom Standpunkte der Rechtsidee aus ein derartiges Verfahren ebenso selbstsüchtig als ungerecht.

Rücksichtlich der Sühne haben die Zellengefängnisse einen Vorzug, der alle Männer des Rechtes zu Freunden derselben machen sollte. Man könnte mit großen Buchstaben über die Eingangsthüre einer derartigen Anstalt schreiben:

Je schlechter der Kerl, desto schlechter geht es ihm hier!

und würde damit eine nachweisbare Wahrheit getroffen haben.

Manche Beamte alter Anstalten prahlen mit merkwürdigem Vertrauen, welches ihre Gefangenen gegen sie bewiesen. Nun ist es zwar richtig, daß ein menschlicher Beamter, der Sträflinge taktvoll zu behandeln weiß, was eben keine leichte Sache und nicht Jedem gegeben ist, sich die Liebe und Achtung derselben und wohl auch das Vertrauen Einzelner in hohem Grade erwirbt. Doch das Vertrauen Einzelner ist noch lange nicht das Vertrauen der Gefangenen überhaupt; ferner ist zwischen Vertrauen und Vertrauen ein gewaltiger Unterschied und ich für meine Person sehe nicht ein, welche Gründe zusammenlebende Sträflinge im Allgemeinen haben könnten, einen hoch über ihnen, Allen gleichmäßig gegenüberstehenden Beamten, der es unmöglich Allen recht machen kann und deßhalb seine Gegner, Verläumder und Ehrabschneider unter den Sträflingen stets finden wird, wenn er auch ein Halbgott wäre, zu ihrem wahren Vertrauten zu machen und damit demselben alle Falten ihres Herzens und alle Geheimnisse eines oft schauerlich verkommenen Lebens zu offenbaren. Der Mittheilung bedarf der Mensch freilich, aber der Sträfling wird gerade wie andere Leute sich zunächst seinen Gesinnungsgenossen mittheilen, wenn er solche in der Nähe findet, wird sich an Solche wenden, welche mit ihm auf gleicher Bildungsstufe stehen und in der gleichen Lage leben und bei einiger Klugheit, woran es dem einfältigsten Sträfling selten mangelt, den Beamten sich in möglichst gutem Lichte zeigen und dadurch seine Lage verbessern. Den Sträfling möchte ich wohl einmal sehen, der zu den Beamten läuft und seine Sünden und Laster nicht zu entschuldigen, zu verschönern und zu rechtfertigen sucht, sondern denselben von seinen Verirrungen erzählt, Beweise der Verruchtheit bringt und unentdeckte Schandthaten enthüllt!

Er würde jedenfalls unter seinen Kameraden als der größte aller Dummköpfe gelten und hätte es bei ihnen für immer verschüttet. Statt an wahres Vertrauen glaube ich tausendmal eher an Heucheln und heimliches Anzeigen, an Lug und Trug und wenn je ein Sträfling statt seinen Gesinnungsgenossen einen Vorgesetzten zu seinem wahren Vertrauten zu machen gedächte, so würde er zunächst sich an den Zuchthauspfarrer wenden, um etwa den Trost und die Hülfe der Religion bei diesem zu holen.

Sträflinge dieser Art gibt es; ich selbst habe unter durchschnittlich 300 Einen gefunden, aber nur Einen, welcher von der Predigt am Sonntag manchmal bis zu Thränen gerührt wurde und jedesmal dem Pfarrer entgegenzitterte, wenn ihn der Verwalter vorher wegen seines unordentlichen Benehmens in Arrest gesprochen hatte. Dieser Bursche war ein ebenso jähzorniger als leidenschaftlicher Todtschläger, dabei eine höchst sentimentale Natur und weil er eine hübsche Magd liebte, welche er zuweilen aus bescheidener Entfernung betrachten, doch nur durch Blicke und Geberden romantische Gefühle mit ihr austauschen konnte, so wird es leicht begreiflich, daß er nach Befreiung dürstete und schmachtete und sehr wahrscheinlich, daß unser Herrgott weit weniger als die hübsche Magd der Gegenstand seiner rührenden Sehnsucht und herzbrechenden Verehrung war.

Ein gutes Zeugniß vom Hausgeistlichen gilt als gewaltiger Hebel bei Begnadigungen, der Bursche bedurfte eines solchen weit mehr als andere und um die Gunst des Pfarrers zu gewinnen, redete er gottselige Dinge von schuldlosen Gefangenen, welche Gott mit Gebet bestürmen müßten, niemals von der holdseligen Magd ausgenommen Tag und Nacht unter den Sträflingen, mit welchen er sich zu vertragen vermochte.

Weil ein Zusammenleben der Sträflinge Heuchelei, Verstellung, Verabredungen jeglicher Art und heimliche Angebereien möglich macht, wird den Beamten die Kenntniß der einzelnen Individuen, damit aber auch die individuelle Behandlung der Einzelnen sehr erschwert, die doch mit der Erreichung aller Strafzwecke in engen Zusammenhang treten soll.

Die Beamten sind mit andern Arbeiten überladen, und zufrieden, wenn nur der Gewerbsbetrieb der Anstalt blüht und die Hausordnung, welche wenig mit religiössittlicher Wiedergeburt zu thun haben kann, aufrecht erhalten wird. Wir wollten damit auch zufrieden sein, wenn nur die Vertheidiger der alten Zuchthäuser der Welt nichts von Besserung der Gefangenen vormalten und gegen das Isolirsystem loszögen, als ob dieses das Non plus ultra aller Unzweckmäßigkeiten und aller Gräuel in sich schlösse.

Der Zellenbewohner ist ein Mensch, folglich ein für Gesellschaft geborenes und der Mittheilung bedürftiges Geschöpf, ist manchmal ein großer Sünder und schwerer Verbrecher und gerade diese Art von Leuten drängt ein geheimnisvoller Trieb zu Selbstgeständnissen; die drückende Alplast der Einsamkeit lastet schlaflose Stunden der Nacht und viele Stunden des Tages ungestört auf ihm, er fängt an mit sich selbst zu reden, seine ganze Lage ist darauf berechnet, ihn zum Nachdenken, Insichblicken, zur Verinnerlichung zu bringen und weil außer geistlichen und weltlichen Beamten, Werkmeistern, Aufsehern und einzelnen Besuchern der Anstalt Niemand zu ihm kommt, weil schon seine Lage ihn in eine erhöhte und oft leidenschaftliche, äußerst reizbare Gemüthsstimmung versetzt, welche an sich einer langdauernden Heuchelei widerspricht, endlich weil nirgends ein Gefangener so unabläßig und scharf beobachtet zu werden vermag wie der Zellenbewohner—aus all diesen Gründen ist er sehr offenherzig, oft bis zur Unverschämtheit und Maßlosigkeit treuherzig und naiv und wenn er sich nicht jedem Besucher geradezu gibt wie er ist, sei es vorherrschend im Bösen oder im Guten, so werden doch alle Beobachter zusammen in Folge einer äußerst durchdachten Controlle und musterhaften Zusammenwirkens sehr bald über den individuellen Charakter, den Unwerth und Werth jedes einzelnen Gefangenen vollkommen einig.

Kenntniß des individuellen Charakters macht jedoch eine diesem gegebenen Charakter entsprechende Behandlung möglich und durch diese hat die Einwirkung im Interesse aller Strafzwecke eine mächtige Handhabe.

Was in gemeinsamer Haft ein Akt der Nothwendigkeit ist, nämlich möglichst gleiche Behandlung aller Gefangenen, aus welcher sich übrigens gewaltige Ungleichheiten von selbst ergeben, wäre im Zellengefängniß ein Akt des Unverstandes, welcher die Erreichung der Strafzwecke beim Einzelnen sehr beeinträchtigte.

Ohne die Hausordnung im Mindesten bei Seite zu setzen, liegt es in der Macht der Beamten eines Zellengefängnisses, bei Behandlung der Zellenbewohner an sich sehr geringfügige, für diesen jedoch sehr große Unterschiede eintreten zu lassen. Weil Jeder nach seiner Art und Weise behandelt werden kann und soll, mag der Strafzweck der Sühne auch von Außen her seine Erfüllung finden. Aber schon die Lage des Zellenbewohners bewirkt die bestmögliche Erreichung dieses Strafzweckes.

Nichts ist so beredt als die Einsamkeit und nichts so furchtbar, als die Lage eines Zellenbewohners, der ganz ins Aeußerliche versenkt, ein elender Knecht seiner Triebe und Leidenschaften, ein hohles Rohr, welches von jedem Aufathmen der maßlosen Begierde gebeugt wird, viele Stunden des Tages und der Nacht einsam zubringen, seine Zerstreuung in lauter Dingen suchen muß, welche darauf hinzielen, die schlummernden Keime und Reste des bessern Menschen in ihm zu wecken. Er steht allein mit seinem Ich, mit seinen wüsten Erinnerungen, mit dem vollen Bewußtsein seines Unglücks und wenn erst die Selbstvorwürfe lebhafter werden, wenn die natürliche Reue in Folge tieferer Einsicht in sich selbst und neuerrungener Erkenntniß zur übernatürlichen sich steigert, wenn er dasteht mit zerrissenem, blutendem Herzen und von der Größe seiner Schuld überzeugt in sich keinen Halt, keinen Trost, keine Ruhe und keinen Frieden zu finden vermag, dann ist er der Verzweiflung, dem Wahnsinne nahe und es darf nur ein taktloser Geistlicher kommen, um die Schrecken der Religion in die Zelle zu bringen oder die Gefühlsseiten der Religion vorherrschend schildern, dann mag der altgewordene Sünder durch Verzweiflung an Gottes Gnade und eigener Kraft dem religiösen Wahnsinne verfallen.

Der erfahrenste, taktvollste, ruhigste Geistliche vermag nicht immer derartige Stürme zu beschwören, schon mancher Bewohner amerikanischer und europäischer Zellengefängnisse ist an der Ungeschicklichkeit des Geistlichen oder auch an der Offenbarung Johannis zu Grunde gegangen und hat durch ein seelengestörtes Leben seine zeitliche Schuld gesühnt.

Je verkommener der Mensch, desto größer die Qual in der Zelle!—Dies ist an sich ganz in der Ordnung und ein Vorzug der einsamen Haft vor jeder andern Haftart, von dessen Vorhandensein ich mich auf vielfache Weise gewissenhaft zu überzeugen trachtete und überzeugte.

Für die Richtigkeit dieser Thatsache spricht auch die alte Erfahrung, daß zumeist die schlechtesten Subjekte Seelenstörungen und Selbstmordsgedanken in der Zelle vor allen Andern ausgesetzt sind, wie dies in der ganzen Welt der Fall ist.

Der Vorwurf, einsame Haft erzeuge leicht Seelenstörungen und Selbstmord hat mindestens historische Thatsachen genug für sich, doch weniger einsame Haft an sich als eine mangelhafte, verkehrte Behandlung der Gefangenen machte einzelne Zellengefängnisse zu einer Art Versammlungsort der Kandidaten des Narrenhauses und Selbstmordes. Die Gestalt [Anstalt] zu Bruchsal steht hierin glänzender als alle oder doch die meisten andern da und wenn auch hier Seelenstörungen und Selbstmorde vorkommen, so muß man bedenken, dies sei in Anstalten mit gemeinsamer Haft wohl auch der Fall und überhaupt in Gefängnissen, in welchen gemeiniglich der Auswurf der Gesellschaft zusammenströmt, etwas Natürliches. Ich kenne zwei Fälle von sogenannten Halucinationen und, wenn das Springen ins Wasser ein Selbstmordsversuch genannt werden darf, auch einen solchen Fall aus meinem Zusammenleben mit Sträflingen binnen kurzer Zeit und der alte Paul, der noch lebt und das bewunderungswürdigste Gedächtniß in hohen Jahren bethätigt, weiß in seiner langen Zuchthausgeschichte auch hierin Belehrendes zu erzählen. Endlich darf man nicht vergessen, daß in Bruchsal noch viele politische Gefangene sitzen, welche, wie namentlich die armen Soldaten, keineswegs das Bewußtsein innerer Verworfenheit, sondern eher das lebendige Gefühl, für Andere die Suppe ausessen und allzu schwer büßen zu müssen im Bunde mit einer einst mächtigen und jetzt zerstörten Hoffnung dem Wahnsinn in die Arme treibt!—

In Bruchsal ist der Beweis, daß nicht einmal vier- und fünfjährige, geschweige eine über 18 Monate hinausgehende Einzelhaft den Gefangenen durchschnittlich leiblich oder geistig krank mache, thatsächlich geliefert; mit Gott und Welt versöhnt leben Manche recht glücklich in ihren engen Behausungen und liefern Viele den Beweis, die Behauptung, ein Zellenbewohner sei nicht im Stande seine Besserung zu bethätigen, laufe eben auch nur wie so Manches in den Schriften der Gegner der einsamen Haft auf arge Oberflächlichkeit und leidige Unkenntniß hinaus.

Wenn das Ertragen der schweren Leiden der einsamen Haft um Jesu Christi willen und ein ruhiges, fast freudiges Ertragen und Dulden kein Beweis religiössittlicher Wiedergeburt, der Besserung sein sollte, dann gibt es meines Erachtens keinen Einfluß der Religion auf das Leben der Menschen und keine ächte Sittlichkeit.

Die Zelle ist eine Art von Sarg, das Zellenleben eine Art von Tod, man könnte ihn den "Vortod" nennen, doch aus Särgen erblüht neues Leben und jedem Tode folgt eine Auferstehung!———

Ich habe nun meine allgemeinen und meines Erachtens guten Gründe dargelegt, die mich zum entschiedenen Gegner der gemeinsamen und zum entschiedenen Freunde der einsamen Haft machten.

Ein berühmter Rechtsgelehrter und hochgeachteter Schriftsteller äußerte sich gegen mich einmal dahin, daß die Einzelhaft eine zu starke Kur, die Frucht der Besserung keine sichere sei und daß ein religiöser Orden, welcher sich ganz und ausschließlich mit Gefangenen beschäftigte, ganz andere und größere Erfolge erzielen würde, als die durch Zellenleben bisher erzielten. Ich kann dieser Ansicht nur halb beipflichten, die Gründe davon werden durch das Folgende klar werden, hier möchte ich nur bemerken, daß im kleinen Baden und in andern paritätischen Staaten, der Staat sich von vornherein nicht dazu verstehen würde, die Sträflinge je nach ihrem religiösen Bekenntnisse in besondere Anstalten unterzubringen und die Leitung katholischer Strafanstalten einem geistlichen Orden zu überantworten. Ein Zellengefängniß bietet zudem den für das Aufwachen und Erstarken des Bedürfnisses nach positiver Religion wichtigen Vortheil, daß Katholiken, Evangelische und Juden getrennt sind und jeder Einzelne in Kirche und Schule recht aufmerksam sein und in der Zelle ungestört unter vier Augen mit seinem Seelsorger sich unterreden kann.—Würde sich jedoch niemals ein Zellenbewohner wirklich bessern, eine Voraussetzung, deren Grundlosigkeit ich bei Vielen einsehen lernte, so bliebe ich dennoch ein entschiedener Anhänger der einsamen Haft.

Aus welchen Gründen?

Erstens fallen die unverbesserlichen Nachtheile der gemeinsamen Haft bei der einsamen von selbst weg und verwandeln sich bereits in ebenso viele Vortheile für die Gesellschaft wie für die Gefangenen.

Die Großhansen der Greiferkunde und aller Verbrechen finden in der Zelle keine Gelegenheit, sich ein lernbegieriges Schärlein zu sammeln, Zellengefängnisse bieten anerkannte Garantie gegen Fluchtversuche der verwegensten und verzweifeltsten Menschen und sichern damit den Strafvollzug; ferner sind Verabredungen und Verbindungen zur Ausführung boshafter oder verbrecherischer Plane, welche während oder nach der Gefangenschaft ins Werk gesetzt werden sollen, eine baare Unmöglichkeit, endlich beugt eine streng und folgerichtig durchgeführte Einzelhaft den Bekanntschaften gleichgesinnter Bösewichter und den oft so folgenschweren Begegnungen verschiedenartig gesinnter Entlassener vor, zuletzt nimmt sich das Volk mit gesundem, richtigen Instinkte eines entlassenen Zellenbewohners eher als jedes andern entlassenen Sträflings an.

Zweitens bekommt der Zellenbewohner nicht nur Zeit, Gelegenheit und Mittel, ein Gewerbe zu erlernen oder sich in einem solchen zu vervollkommnen, sondern er bekommt in weit höherm Grade als jeder andere Gefangene auch Zeit, Gelegenheit und Mittel, sich mehr oder minder die Macht der Bildung anzueignen, um ein guter Bürger, ein sittlicher, religiös gesinnter Mensch zu werden. Dadurch sühnt aber die Gesellschaft unstreitig großentheils die Mitschuld, welche sie ebenso unstreitig am Vergehen und Verbrechen des einzelnen Mitgliedes hat und deßhalb halte ich auch einen ehemaligen Zellenbewohner, welcher wiederum rückfällig wird, je nach Umständen für weit strafwürdiger als jeden andern Rückfälligen.

Drittens endlich wird der Zellenbewohner doch gewiß nicht bei den reichlich vorhandenen Mitteln der Bildung und Besserung verschlechtert, wenn er auch nicht gebessert werden sollte. Sein Ehrgefühl wird nicht tödtlich verwundet, weil er seine Schande mehr für sich und fast ungesehen tragen kann, der beständige Anblick und die Rede roher, ehrloser Bursche stumpft ihn nicht gegen Schande und Verbrechen ab und die ausschließliche Gesellschaft der Beamten und Angestellten macht seinen Haß und seinen leidenschaftlichen Ingrimm gegen Gott und Welt, Gesetze und Richter, Kläger und Zeugen keineswegs aufflammen, sondern läßt denselben ohne frische Nahrung allmählig erlöschen.

Ein Zellengefängniß ist jedenfalls keine Lasterschule, kein Werbeplatz für blutdürstige Utopier und hirnverbrannte Ikarier, wie Gefängnisse anderer Art und hierin liegt ein großer Vortheil für die Gesellschaft, den sie blos deßhalb nicht genügend anerkennen möchte, weil sie ihre wahren Interessen überhaupt gerne vergißt.

Bin ich als entschiedener Freund der Einzelhaft ein Feind der Anstalten alten Styles? Allerdings, doch kein unbesonnener.

Ein Zellengefängniß nach dem Muster des badischen ist zwar ein für Jahrhunderte erbautes Gebäude, aber Bau und Einrichtung kosten schweres Geld und Geld ist ein Artikel, den die Regierungen zu andern und möglicherweise zu bessern Zwecken verwenden können als zum raschen Aufbau "moderner Bastillen und Spitzbubenpaläste."

Wenn meine zuchthäusliche Wenigkeit in der Welt Etwas zu befehlen und Geld dazu hätte, so würde ich zunächst die vorhandenen alten Lasterschulen auch stehen lassen, vom Strafzwecke der Besserung klüglich schweigen und den Grundsatz der Abschreckung noch energischer als bisher geschah durchführen, zugleich aber auch den verderblichen Grundsatz, den Fehler eines Einzelnen oder Weniger sogleich Alle büßen zu lassen, aufstecken. Abschreckung wollte ich als verzweifeltes Mittel anwenden, weil bei alten, hartgesottenen Sündern schwerlich mehr an Besserung zu denken sein wird, wenn jeder Einzelne derselben nicht mindestens vier bis fünf Jahre unausgesetzt in einer Zelle untergebracht werden sollte.

Statt mit Dunkelarrest würde ich mit Hungerkost freigebiger werden, wo Noth an Mann käme und die alten Gefängnisse gerade so wie die badische Regierung gegenwärtig thut, allmählig in unvollkommene Zellengefängnisse verwandeln, bis vollkommene gebaut wären.

In den Einzelzellen der alten Strafanstalten würde ich die schlechtesten Subjekte unterbringen, damit dieselben mindestens die bessern Gefangenen nicht mehr zu verschlechtern im Stande wären und hiebei insbesondere auf die Halbgebildeten und Religionsspötter Bedacht nehmen.

In ordentlichen Zellengefängnissen dagegen würde ich vor Allem jugendliche Verbrecher unterbringen und bei diesen ausschließlich den Grundsatz der Besserung durchzuführen suchen, denn erstens biegen sich Bäumlein am leichtesten, so lange sie noch jung sind, zweitens würde ich nicht zuwarten, bis ein junger Mensch zum großgewordenen Verbrecher sich herangebildet und die sittliche Fäulniß in ihm tüchtig um sich gegriffen, sondern so schnell als möglich mit einsamer Haft dazwischen fahren und sicher sein, bei einem jungen Menschen in 18 Monaten weit mehr auszurichten als im Laufe von 4-6 Jahren bei einem Verbrecher, welcher dem Schwabenalter bereits nahe steht oder dasselbe gar schon auf dem Rücken hat.

Mit der Kur der Einzelhaft, wenn dieselbe bei jugendlichen Verbrechern rechtzeitig angewandt wird, ließe sich freilich bei der immer mehr zunehmenden Verarmung und Verdienstlosigkeit die Zahl der Verbrecher schwerlich namhaft vermindern, dagegen würden doch Rückfälle sicher zur Seltenheit werden.

Wie es geborne Dichter gibt, gibt es wohl auch geborne Diebe und vor Unglücklichen dieser Art wie vor andern Leuten an denen Hopfen und Malz verloren bleibt, würde ich die Gesellschaft dadurch zu schützen suchen, daß die unverbesserlichen Feinde derselben entweder unter beständiger sachgemäß verschiedener Aufsicht und Behandlung bei öffentlichen Arbeiten— Straßenbau, Festungsbau, Lichten von Waldungen—verwendet oder in Folge eines Vertrages mit einem andern Staate auf Nimmerwiederkommen in ferne Länder geschickt würden.

Träume sind Schäume!—

Wenn auch das Isoliersystem allmählig in ganz Europa aufkommen und herrschend würde und je nach den verschiedenen Ländern und Volkscharakteren sich in der Durchführung mehr oder minder verschieden gestaltete, was nicht ausbleiben kann und nicht ausbleiben wird, so werden einzelne Strafanstalten mit gemeinsamer Haft doch als Ausnahmen sich stets erhalten und der Grundsatz der Abschreckung mehr oder minder ausschließlich in denselben ein kümmerliches Fortleben fristen.

Es gibt nämlich Kategorien von Sträflingen, welche nicht in Zellen taugen und deren Versetzung in dieselben nach meiner unmaßgeblichen Ansicht etwas ungerecht und zweckwidrig zu sein scheint.

Darunter gehören vor Allem Sträflinge von sehr schwächlichem Körperbau, mit schwacher Brust oder großen Kröpfen, ferner Wasserköpfe, an denen offenbar nichts zu bilden ist und schwerlich Etwas verbessert wird. Ältere Leute, welche selten mehr so fertig das Schreiben und Lesen lernen, um aus Büchern Unterhaltung, Belehrung und Bildung schöpfen zu können, Gehörlose, weil dieselben unter Sträflingen selten viel verderben und nicht gründlich verderbt werden können, während sie anderseits als Zellenbewohner der vornehmsten Tröstungen und fast jeglicher Unterhaltung der Mitgefangenen beraubt sind, endlich Verbrecher, welche das 55. Lebensjahr bereits überschritten und das eigentliche Interesse an Verbrechen und am Leben überhaupt mehr oder minder verloren haben, zuletzt Leute, welche besondere Anlagen zu Seelenstörungen zeigen, möchten wohl als unbrauchbare Invaliden der einsamen Haft auch am füglichsten zusammenbleiben. So weit meine Vorgeschichte der Zuchthausgeschichten.

Freiburg, am Charfreitag 1853.

J.M. Hägele, Privatlehrer

Der Zuckerhannes.

Kinder und Jugendleben.

Ein trüber, regnerischer Septembermorgen schaut langweilig genug in die Thäler des Schwarzwaldes hinein, die Vorhügel rauchen gewaltig, den höhern Bergen statten graue schwere Regenwolken just einen Besuch ab und wenn nicht zuweilen ein Schuß oder das Geschrei eines Raben von den höhern, finstern Tannen, welche bis zum Waldbache herabgestiegen, herübertönte, könnte man leicht meinen, alles Leben im Wald und auf den Bergen sei verstummt, vor Verwunderung über den Besuch, den nach langer Dürre und arger Hitze die Wolken des Himmels dem sonst so befreundeten Gebirge wieder machen.

Dagegen gehts im Thale nicht so still zu.

Murmelnd und jauchzend, brausend und tobend in wilder Lust ob der neu verjüngten Kraft läuft und springt und stürzt der Gießbach über Stock und Gestein durch das Thal mit seinen grünen Matten, stolzen Obstbäumen, vereinzelnten Hütten und stattlichen neuen Häusern, an denen von bemoosten Strohdächern, altersgrauen Schindeln und gebräunten Brettern nur noch wenig zu entdecken ist. Eintönig und verstimmt klingt ein Glöcklein durch das Thal und ein Leichenzug bewegt sich so eben an der kreischenden Sägemühle vorüber einem Kirchhofe zu, dessen weiße Mauern und dunkelen Kreuze von einer steilen Anhöhe herabschauen.

Der Zug ist sehr klein; voran trägt ein pausbackiger Bube mit schwarzen Augen und rothen Wangen stolz ein einfaches Kreuz und man weiß nicht, ob er mehr auf die kurzen Lederhöschen und den nagelneuen Manchesterkittel oder auf seine vorübergehende Würde als Kreuzträger sich Etwas einbildete. Ihm folgt ein sehr einfacher Sarg von vier Männern getragen, deren bescheidener Anzug und gleichgültige Gesichter verkünden, daß ihnen das Leben wenig gegeben und der Tod nicht das Aergste wäre, was ihnen zu Theil werden könnte. Hintendran kommt der Geistliche, ein großer junger Mann mit blonden Haaren und mild freundlichen Gesichtszügen, auf denen ein ganz besonderer Schmerz zu liegen scheint; neben ihm wandeln seine Diener und dicht hinter diesen baarfuß und im elendesten Aufzuge ein Bube, dessen rothgeweinte Augen den Leidtragenden anzeigen und den ein stattlicher, behaglich aussehender Bauer an der Hand führt. Zwei bis drei Männer und ein Dutzend Weiber, deren schwefelgelbe runde Strohhüte, dunkelfarbige schwere "Juppen" und Rosenkränze an die "gute alte Zeit" mahnen, vollenden das Geleite.

Die Leute beten und man würde ihr Gebet eintönig und mechanisch nennen dürfen, wenn nicht Eine Stimme vor allen andern laut und kräftig sich vernehmen ließe. Es ist die der dicken Sonnenwirthin, der Elsbeth, welche weitum im Geruche der Frömmigkeit steht und selbst von sich rühmt, ihr unabläßiges Beten und Kirchengehen habe sie in ein besonders großes Ansehen bei unserm Herrgott gebracht; sie sei im Stande, Einen auf die Beine oder unter den Boden hinabzubeten und fünf Männer hättens bei ihr erfahren, wo Barthel den Most und der Teufel gottvergessene Seelen hole. Weil Gott gerecht und sie die Elsbeth sei, deßhalb stehe die Sonne auch als eines der stattlichsten Wirthshäuser des ganzen Waldes da und wenn Gott ihr den sechsten Mann und vielleicht doch noch ein Kind schenke, so müsse neben die alte Sonne ein neuer, drei Stock hoher Gasthof hingestellt werden, wie keiner in Friberg oder Villingen zu finden. Das Beten helfe zu Allem.

Gleichsam als wolle der Himmel die fehlenden Thränen der Leichenbegleitung ersetzen, fällt ein feiner Regen aus den grauen Wolken herab, der Zug bewegt sich rascher auf dem schlüpferigen Wege die Anhöhe hinauf, das Bergsteigen macht außer der Elsbeth die Beterinnen stumm und Alle sind froh, wie sie endlich den Sarg neben einem frisch ausgeworfenen Grabe des Gottesackers stehen sehen.

Der junge Geistliche scheint am wenigsten Rücksicht auf das üble Wetter zu nehmen, verrichtet mit gewohnter Andacht und Würde die üblichen Liturgien, spricht das sonst so mechanische miserere und de profundis mit ganz besonderer Ergriffenheit und scheint nicht zu bemerken, daß der Sarg, der an den raschelnden Seilen ins Grab gesenkt wird, nicht genügend in die Tiefe sinke.

Beim Einsegnen des Grabes wirft er noch einen tiefbewegten Blick auf den Sarg, der leidtragende Knabe beginnt von Neuem zu schluchzen und wimmert still vor sich hin, der Weihwasserwedel geht aus einer Hand in die andere, die Leute sammeln sich unter ihren Regendächern und gehen fort, auf dem Heimwege entschuldiget Jedes die Mängel und erhebt Jedes die Tugenden der Verstorbenen.

"Ach, würden doch die Menschen den Lebendigen dieselbe Nachsicht und viele Liebe erweisen, wie sie den Todten thun!" sagte der junge Geistliche zu der dicken Sonnenwirthin, welche ihn unter ihren Schirm eingeladen hat und die Elsbeth beginnt alle Gutthaten aufzuzählen, die sie in einer Reihe von Jahren der verstorbenen und so eben begrabenen Brigitte erwiesen haben wollte.

Der Begrabenen? So schnell geht die Sache nicht und um uns davon zu überzeugen, dürfen wir nur zum Kirchhof noch einen Augenblick zurückkehren, wollen auch zugleich eine Art von Leichenrede hier halten.

Der Todtengräber hat diesmal nicht wie sonst nach Beendigung der Feier in die Hände gespuckt und zum Spaten gegriffen, sondern zunächst die Seile unter dem Sarge fluchend weggezogen und dann ist er in das Grab hineingesprungen und auf dem Sarge herumgetreten, denn das Grab war schief und schlecht gehauen und der Mann mußte das Gewicht seines Leibes noch durch Sprünge vermehren, bis der Sarg in die gehörige Tiefe hinabgedrückt war.

Halbzertrümmert gelangte er daselbst an, der Todtengräber hat die arme Brigitte zum Abschied von der Welt mit den letzten der vielen Tritte bedacht, deren sie im Leben theilhaftig wurde, der leidtragende Bube hat thränenlos und erschrocken zugeschaut und ist stehen geblieben, bis das Grab der Mutter beinahe gänzlich ausgefüllt war.

Er mochte dunkel fühlen, die ganze Erde sei für ihn jetzt ein großer Kirchhof und vielleicht das Beste, wenn er auch drunten läge in der stillen kühlen Grube der Mutter.

Er hat wenig Menschen gefunden, der arme Hannesle, denen er sich in seinem Leben liebend und vertrauend ans Herz legen durfte, am Grabe der Mutter stand er als der ärmste und verlassendste Tropf des Thales und stand, bis ihn der Todtengräber zuletzt auch von da verjagte!

Brigitte war jung an Jahren und reich an Leiden gestorben, gehörte zu jenen Weibern, welche Kinder auf die Welt setzen, denen sie ihren eigenen Geschlechtsnamen geben müssen und ihre kurze Geschichte darf heutzutage mit traurigem Recht eine Alltagsgeschichte genannt werden.

Ihr Vater ist ein armer Bürstenbinder gewesen, der bei seinem herumziehenden Leben blutwenig Zeit fand, sich sonderlich mit der Religion oder der Erziehung seines Kindes abzugeben und Beides seinem Weibe überließ. Ein Bürstenbinder ohne eine durstige Leber soll eine Kuriosität sein; wir lassen die Richtigkeit dieses Ausspruches dahin gestellt und begnügen uns zu erzählen, Brigittens Vater habe in jeder Hinsicht seinem Handwerke keine Schande machen wollen und vor lauter Trinken niemals Gelegenheit gehabt, sich mit den Seinigen aus der ererbten Armuth ein bischen herauszureißen.

Er starb frühzeitig, wurde in seinem Hauswesen kaum vermißt und sein Weib, die Marianne hat geglaubt, es thue Noth, für seine arme Seele allabendlich mindestens Einen Rosenkranz zu beten, hat denselben auch mit großer Gewissenhaftigkeit bis auf die letzte Zeit ihres Erdenwandels gebetet und die Brigitte hat fleißig mitbeten müssen. Marianne war zeitlich und ewig nicht übel bestellt.

Was das Zeitliche betrifft, so hatten Sorgen und Kummer zwar die ursprüngliche Anmuth und Schönheit ihres Antlitzes zerstört und in ihrer Stube lag Alles unter einander und über einander, so unordentlich und schmutzig, wie bei manchem Trödeljuden, aber hatte sie nicht Antheil an einer Hütte und nannte keineswegs die schlechteste Kammer darin ihr Eigenthum? Besaß sie nicht einen kleinen Krautgarten, zwei Viertel Acker, wo nicht niedriger Hafer und erbsengroße Kartoffeln gedeihen wie droben auf dem hohen Walle, sondern die Gottesgaben der Rheinebene? War die Marianne nicht eine geschickte und fleißige Strohflechterin und verdiente in mancher Woche mehr als sie brauchte?

Wäre nur ihr Mann kein Lump gewesen, die Leutchen hättens schon zu Etwas gebracht, denn sie galt mit Recht allenthalben als ein "rechtschaffenes Mensch" und es war ihr mit der Religion Ernst, mindestens wußte der strengste Pfarrer wenig an ihr auszusetzen außer der übergroßen Zärtlichkeit für die kleine, hübsche Brigitte.

Vielleicht weil die Frau ihren Mann nicht zu lieben vermochte und stets froh war, wenn er ging, hing sie ihr ganzes Herz an das einzige Kind und fand in diesem ihren besten Erdentrost.

Sie weihte das "Brigittle" in alle hohen Geheimnisse und schönen Lehren der Religion ein, zeigte demselben in ihrer eigenen Person vielfach auch eine handelnde Katholikin, was eine Hauptsache aller katholischen Erzieher ist, und ihr betrunkener Mann gab ihr Gelegenheit zum Dulden und Ertragen genug, aber ihr Töchterlein mit Ernst und Strenge zu Etwas anzuhalten, Solches brachte sie niemals übers Herz und sie hat diese unglückselige Schwäche später bitterlich bereut.

Brigitte hörte Gottes Willen und sah denselben befolgen, wurde aber durch die Mutter daran gewöhnt, ganz nach eigenem Willen zu leben und dadurch so verdorben, als man in einem Thale verderbt werden mag, wo alte Tracht und alter Glaube sammt den alten Sitten und Gebräuchen noch vorherrschten und nicht viel Verkehr mit der übrigen Welt zu finden war.

Mit 16 Jahren hieß die Brigitte weitum das "schöne Teufele" und dies nicht ganz mit Unrecht. Die Kleider nach uraltem Schnitte entstellten zwar die wohlgebaute Gestalt, doch unter dem gelben Strohhute schaute eine schneeweiße Stirne hervor, die schwarzen feurigen Augen paßten recht gut zu dem schelmischen Stumpfnäschen und das gesunde Roth der Wangen schien der Abglanz der frischen Lippen des freundlichen Mundes zu sein, der den stolzesten Burschen des Thales allerlei weltliche Gedanken erregte.

Die Leute wußten aber auch, daß die schöne Stirne finstere Falten bekomme, die Augen wie höllisches Feuer aufblitzen, die Wangen erbleichen, die frischen Lippen sich krampfhaft verzerren und dem feinen Munde gar grobe und garstige Reden entströmen könnten und wer es am besten wußte, das war die alternde Mutter und wenn den Burschen, die es ehrlich meinten, die weißen, zarten Hände der Brigitte nicht gefallen wollten, so gefiel alsgemach der Marianne die ganze Brigitte nicht mehr.

So lange diese noch ein Kind war, hieß es: "sie hat ein gar zu hitziges Geblüt, ist gleich bös und gleich wieder gut, schlägt halt dem Vater selig nach!"—seitdem aber das Brigittle täglich größer und gröber, störriger und auffahrender geworden und der Mutter nur gute Worte gab, wenn diese nach schweren Händeln in großen Dingen als gehorsame Magd zu Allem Ja sagte, wie sie es jahrelang in kleinen gethan, da jammerte diese: "Gott, was hab' ich für ein Kreuz auf mir und wo hab' ich Solches denn verdient?"

Sie fügte dem Rosenkranz für ihren Bürstenbinder noch einen Rosenkranz für die Besserung ihrer Tochter bei, aber wenn der Rosenkranz für Jenen nicht mehr gefruchtet haben sollte, als der Rosenkranz für Diese, dann ist es dem wüsten Manne der frommen Beterin im Jenseits nicht allzu gut ergangen.

War es kein Glück für die Brigitte, ihre Mutter zu verlieren, so war es schwerlich ein Unglück für Diese, daß sie nach zahllosen Leiden und einer langwierigen Krankheit von Gott geholt wurde, ohne an ihrer Tochter das Aergste erleben zu müssen, was es mindestens damals für eine brave Mutter im Schwarzwalde geben konnte.

Marianne hinterließ den Leuten eine gute Erinnerung an sie, eine wehmüthige an ihr Schicksal und an irdischer Habe zwar keine Schulden, dagegen auch kein Vermögen. Der Bürstenbinder hatte lieber "gebürstet" und heimliche Schulden als Bürsten gemacht und sein Weib die Gläubiger ehrlich bezahlt. Eine vortreffliche Haushälterin hinsichtlich der Kunst des Sparens war letztere niemals gewesen, Brigittens Erziehung kostete auch Geld und dieses Geld wurde nicht ersetzt, weil Brigitte nicht gerne und am allerwenigsten auf dem Felde arbeitete, endlich brachten nach der Mutter Tode Doctor und Apotheker ellenlange Rechnungen; das Grab verschlingt auch noch einiges Geld, obwohl die Todten den Weg in die Ewigkeit ohne Felleisen und Zehrgeld machen und so kam es, daß die Verweiste außer ihrem "G'häs" nichts mehr ihr Eigenthum nennen konnte und ihren Pfleger durch keine schwere Rechnungsaufgaben in Verlegenheit setzte.

Sie redete in den letzten Jahren Vieles davon, die "altfränkische" Tracht, Mutter und Heimath ganz zu verlassen und in Villingen oder gar in dem großen, prächtigen Freiburg ein vornehmes Unterkommen und wohl auch einen Mann zu suchen, allein in der Stadt bekommt man auch wenig geschenkt, man muß arbeiten und Vielerlei erlernen und verstehen, was die Landleute des Gebirges nicht brauchen.

Das Lernen war schon in der Schule Brigittens Sache nicht gewesen, vom Arbeiten befürchtete sie schweren Nachtheil für ihr holdes Antlitz und die zarten Gliedmaßen, der Stolz hielt sie ab, bei einem Hofbauern einen Dienst zu suchen, die Unwissenheit und Faulheit vor Allem hielt sie in der Heimath zurück und eine weitschichtige, kinderlose Base gab ihr Dach und Fach, Kost und Kleider und versprach ihr herrliche Dinge für die Zukunft.

Das "schöne Teufele" hielt bei dieser Base jedoch kaum von Jörgentag bis Johanni aus, denn Base Bibiane hatte auch gar Manches von einem "Teufele" an sich und wo zwei derartige Geschöpfe zusammenkommen, mögen Friede, Freude und Liebe nimmermehr gedeihen und leben die Menschen gleich Verdammten in der Hölle.

Brigitte war faul und befehlshaberisch, eitel und auffahrend, verstand vom Haushalten wenig und vom Sparen gar nichts und unter solchen Umständen würde die beste Frau, geschweige eine launenhafte, zanksüchtige, hartherzige und im Kleinen knickische Bibiane, nicht gut mit ihr ausgekommen sein.

Die Beiden lebten gleich Hund und Katze, doch Brigitte war faul und stolz, die Base forderte keine schweren Arbeiten von ihr und sie wollte doch tausendmal eher bei einer Verwandten leichtes und gutes Gnadenbrod als an einem fremden Tische Dienstbotenbrod essen und zudem war die Base reich, kinderlos und machte in guten Stunden Versprechungen, daß der nach großen Dingen Lüsternen der Mund gewaltig wässerte und das eitle Herz vor Freuden zitterte.

Bibiane dagegen mußte Jemanden haben, mit dem sie zanken und zugleich auch Jemanden, den sie lieben konnte, dachte, weil sie dem Schwabenalter bereits arg nahe war, an die Möglichkeit, doch noch als alte Jungfer sterben zu müssen und mit Schrecken an ein einsames freudenloses Alter, in welchem sie Niemand verpflegen und lieben würde.

Unter solchen Umständen hätten sich die Beiden am Ende allmählig in einander hineingelebt und an einander gewöhnt, jedenfalls nicht so bald an Trennung gedacht, wenn nur der Michel nicht ins Thal gekommen wäre.

Dieser Michel, ein unschöner, großer, spindeldürrer Bursche, dessen altes Gesicht den Taufschein mindestens um 15 Jahre Lügen strafte, war der Sohn eines reichen Hofbauern, des Fesenfranz, der allwöchentlich mit einem mächtigen Wagen voll Getreide nach Zürich fuhr und dort im Adler wie in der Lilie zu Villingen oder im Hirschen zu Donaueschingen mit Brabantern und Fünflivren um sich warf, als ob es Bohnen wären.

"Wenn der Michel thäte, wie der alte Fesenfranz, dann würde es bei allem Reichthum doch bergab gehen und Mathaei am Letzten heißen!" hieß es in der Baar mit Recht, denn der Vater trank und spielte gern, der Sohn trank wenig, spielte gar nicht und liebte außer dem Gelde nur noch die Weiber.

Er wollte nicht mehr mit dem Vater hausen und den Getreidehandel fortbetreiben, sondern sein Vermögen in ein Wirthshaus stecken, zunächst mit Allem, was einem Wirthe Noth thut, recht bekannt werden und zwar auf die wohlfeilste Weise.

So kam der Michel ins Thal zu seinem Vetter, dem Bärenwirth an der Steig und lernte die Brigitte kennen, denn der Weg zur Kirche führte dieselbe am Bären vorüber und weil die Base häufig Krämpfe bekam und dann jedesmal ein oder zwei Fläschlein vom Rothen brauchte, so machte die Brigitte auch unter der Woche den weiten Weg zum Bären, sah Michels Gefallen an ihr, hörte dessen schmeichelnde, schlangenkluge Worte, dachte an sein Geld, an alle Wehen des ledigen Standes und es dauerte gar nicht lange, so konnte man den spindeldürren Allerweltbedienungscandidaten im Zwielicht unter den Nußbäumen bei einer gewissen Bürstenbinderstochter stehen sehen.

Marianne hatte streng auf ihre Hausehre gehalten und mehr als Einen, der um das Töchterlein herumzuschleichen Lust zeigte und dem sie nicht traute, herzhaft gesagt, wohinaus der Zimmermann das Loch gemacht habe, war in diesem einzigen Punkte trotz allem Gesichterschneiden, Heulen und Wüthen der holdseligen Tochter unerbittlich und unerschüttert geblieben und hatte hundertmal ganz ruhig erwiedert:

"Bin ich bald unter dem Boden, so kannst Du machen, was Du magst, denn ich habe keine Verantwortung mehr, doch so lange ich lebe, bleibst Du hinsichtlich der Mannsbilder gescheid, das weiß ich!"—

Bibiane glich insofern der Bürstenbinderin, als auch sie durchaus keine Bekanntschaft Brigittens dulden wollte, nicht jedoch, insofern der Grund davon ein anderer war, nämlich keineswegs die Angst vor Unehre, sondern die Eifersucht.

Die alte Jungfer konnte stundenlang höchst lieblos über das ganze bärtige Geschlecht losziehen, aber in ihrem Herzen glimmte noch immer die Hoffnung, das harte Ehejoch gleich den meisten Mitschwestern tragen zu dürfen und der Gedanke, das blutjunge, blutarme, aber hübsche Bäschen werde noch vor ihr unter die Haube kommen, machte sie rasend.

Es versteht sich von selbst, daß die Argwöhnische sehr bald erfuhr, weßhalb Brigitte seit einiger Zeit so gerne in den Bären gehe und als letztere einmal glaubte, Bibiane liege vor lauter Krämpfe in tiefer Ohnmacht und mit dem Michel bereits ausrechnete, wie viel in der Woche vor dem nächsten Michaelistag die Hochzeit wohl kostete, sprang die leibhaftige Bibiane gleich einem Tiger zwischen das glückliche Paar und auf die Braut los. Michel hatte bisher schöne Worte und Versprechungen, gräßliche Schwüre und herrliche Plane zu Markte getragen, sonst aber nichts Weiteres, diesmal mußte er jedoch ein Einsehen nehmen und that es.

Brigitte übertrat die Thürschwelle der Base nicht wieder, ging mit dem Michel in den Bären, welcher gerade einer Kellnerin bedurfte, blieb als solche daselbst und der Michel hat ihr am andern Tage ihre Kleider gebracht und ein prächtiges, floretseidenes Halstuch dazu.

Kein Jahr später ist der Michel plötzlich aus der Gegend verschwunden und lebt, wenn man dem Bärenwirth glauben wollte, in irgend einer wälschen Stadt, mindestens 150 Stunden entfernt, Brigitte aber drischt in der Scheune eines Thalbauern und eilt Abends zu der kinderlosen Frau eines armseligen Gestellmachers, wo der Hannesle die kleinen Aermchen nach ihr ausstreckt und nach einiger Zeit ihr den süßen Mutternamen entgegenlallt.

Sehr bald nach der eiligen Abreise des Michel hat der Bärenwirth seine Kellnerin fortgeschickt, die verführte und verlassene Brigitte zu Kreuze kriechen und bei der wohlhabenden Base Aufnahme erbetteln wollen, aber die tugendsame Bibiane stieß sie mit entrüsteten Fäusten aus dem Hause. Die Unglückliche lief einige Zeit am Bache hin und her, dann ward sie von der Frau des Gestellmachers um Gottes Barmherzigkeit willen aufgenommen und nach der Geburt des Hannesle mußte sie froh sein, bei einem Bauern einen Dienst zu finden, wo sie bei harter, elender Kost fast ohne weitern Lohn die schwersten Arbeiten verrichten mußte.

Der Hannesle blieb im Häuslein des Gestellmachers und gedieh leiblich, seine Mutter blieb bei dem harten Bauern und erduldete Unsägliches; einer uralten Sitte gemäß, welche erst in neuester Zeit in den meisten Thälern des Schwarzwaldes verschwunden ist, mußte sie als eine Mutter ohne Mann eine besondere Auszeichnung tragen und wurde so verachtet und verspottet, daß sie sich kaum zur Kirche zu gehen getraute und ein tiefer Gram sich in ihrem Herzen fest setzte, der ihrem Gemüthe alles Zutrauen und alle Liebe zu den Menschen genommen.

Der Mensch ist nur wahrhaft unglücklich, wenn die Religion kein Leben in ihm hat. Brigitte war bei ihrem äußern Unglücke auch inwendig eine der unglücklichsten Personen, denn daß alles Elend sie nicht besserte und zu Gott zurück führte, hat sie sieben Jahre nach der Geburt des Hannesle bewiesen.

Ein Jahr vorher starb die gute Frau des Gestellmachers, Brigitte ließ sich bewegen als Haushälterin zu dem bereits grauen Wittwer zu ziehen und— beging den zweiten Fehltritt, der ihr das Herz brach. Manche billig denkende Menschen, insbesondere Mannsleute, hatten mit den Jahren ziemlich Gras über den ersten Fehltritt der Brigitte wachsen lassen und wenn der Hannesle nicht als zweibeinige Erinnerung an den langen Michel im Thale herumgesprungen wäre, würde vielleicht irgend ein armer Holzschläger oder ein Anderer beide Augen zugedrückt und nach dem "schönen Teufele" gegriffen haben, um dasselbe heimzuführen.

Die Billigen bedachten eben, wie unschuldig manches ledige Weibsbild daran sei, daß es zu keinem Kinde komme, die geistlichen Herren überlegten, welch abscheuliches Sündenleben oft unter dem Namen des Ehelebens geführt würde und hätten der Brigitte gerne die halbe Ehrlichmachung durch einen Ehemann gegönnt, zumal das "schöne Teufele" zwar durch alle Mühsale kein rechtes Christenmensch, dagegen auch nicht nach Art mancher Schicksalsgefährtinnen ganz ehrlos und liederlich wurde, namentlich die Mannsleute für lauter Michels hielt und ärger als Gift, Feuer und Schwert scheute.

Die Weibsleute, vor Allem die Ledigen und unter diesen diejenigen voran, welche am meisten Grund für nachsichtige, milde Beurtheilung in sich trugen, hatten der Gefallenen am meisten Verachtung und Lieblosigkeit erwiesen und dieselbe hartnäckig um so tiefer herabgesetzt, je höher sie sich selbst in den Augen der Leute setzen wollten.

Brigittens zweiter Fehltritt erregte den Jubel der schlimmsten Weiberzünglein, denn jetzt schien Alles gerechtfertigt, was diese seit Jahren unabläßig trotz der offenkundigen Scheu vor Mannsleuten gegen die gefallene Mitschwester vorgebracht hatten.

Zwar wußte Jedermann, der Gestellmacher habe die Brigitte heirathen wollen, der Pfarrer selbst sei dafür gewesen, doch die Gemeinde habe es eben durchaus nicht geduldet, weil das Brautpaar das gesetzliche Vermögen nicht zusammen zu bringen vermochte. Daß Brigitte Alles gethan, um sogar die Base Bibiane zu bewegen, einige Dublonen des Antheils an der Erbschaft herauszubezahlen und für diesen Fall gerne auf alles Erben verzichtet hätte, wußte man so gut, als daß die Base voll Schadenfreude und Unmenschlichkeit die Heirathslustige mit Hohn und Spott abgewiesen.

Der Gestellmacher selbst behauptete fortwährend, lediglich ob der Unbarmherzigkeit der Gemeinde gegen ihn, der doch eine Frau nothwendig brauche und gegen die alte Freundin seines Weibes, welche er zu Ehren bringen wollte und doch nicht durfte, sei das Unglück passirt und er zu jeder Stunde bereit, die Brigitte zu nehmen, zumal er den Hannesle auch stets wie sein eigen Fleisch und Blut betrachtet und behandelt habe. Doch die Gemeinde blieb unerbittlich, die lieblosen Zungen ruhten nimmer, Brigitte mußte das Häuslein des Gestellmachers verlassen, den Hannesle aber übergab er der Gemeinde, weil er ohne Weib auch kein Kind brauchen könne und außer der Brigitte keine andere Haushälterin wolle.

Die Gemeinde hätte den Buben übernehmen müssen und an den Wenigstnehmenden versteigert, wie dies in christlichen Landen der Brauch geworden, mindestens in Gegenden, allwo die christliche Liebe noch nicht zu Waisenhäusern und Findelhäusern fortgeschritten ist; allein Brigitte war nicht aller Ehre baar und ledig, stellte den Buben bei armen Leuten ein und zahlte ein zwar geringes, doch für sie beinahe unerschwingliches Kostgeld, welches sie sich am eigenen Leibe absparte.

Der lange Michel hat ihr niemals einen Heller geschickt, sie hat denselben niemals bei Amt verklagt und würde schwerlich Etwas von ihm angenommen haben, wenn er ihr auch eine bedeutende Entschädigung angeboten hätte aus freiem Willen.

Ihre Kräfte nahmen zusehends ab, ihr bleiches Gesicht und der Zug voll Schwermuth und Todessehnsucht, welcher sich um den einst so freundlich lächelnden Mund lagerte, verkündigte genugsam, daß ein tiefer Gram an ihrem Herzen nage und ihr Hüsteln, daß eine unheilbare schleichende Krankheit ihren Leib durchwühle.

Täglich schwächer, elender und verschlossener, konnte sie endlich nicht mehr arbeiten, der Dienstherr trieb sie fort, beim Gestellmacher durfte sie keine Unterkunft suchen und mußte wöchentlich aus einem Hause in ein anderes wanken und später sich tragen lassen, um auf Unkosten der Gemeinde verpflegt zu werden.

Sechs Jahre hatte ihr irdisches Fegfeuer gedauert, jetzt begann ihre irdische Hölle und die Wanderungen von Haus zu Haus scheinen für sie die Leidensstationen gewesen zu sein, auf denen sie wahrhaft zu Gott zurückgeführt wurde.

Kinder deuteten mit Fingern auf sie, Mädchen und Weiber spieen vor ihr aus, ledige Bursche rissen Zoten und in mehr als Einem Hause mißgönnte man ihr jede Arznei, welche der Arzt verschrieb und jeden genießbaren Bissen, welchen diese oder jene mitleidige Seele der Schwerkranken, die harte Hausmannskost und kohlschwarzes Brod nicht mehr zu verdauen vermochte, zusteckte.

Im Hause ihrer ärgsten Feindin, der Base Bibiane, die sie von Gemeindswegen für einige Tage aufnehmen mußte, weil sie kein Geld geben wollte und nicht ungern aufnahm, um dieselbe recht quälen zu können, genas Brigitte eines elenden Mägdleins, das schon nach wenigen Stunden starb.

Der Arzt zuckte die Achseln und schwieg, Brigitte lächelte zum ersten Mal nach langer Zeit, denn sie verstand des Arztes Schweigen und sah mit einer Freudigkeit dem Tode entgegen, welche nicht einmal der Gedanke an den verlassenen Hannesle zu trüben vermochte.

Unter den Thalbewohnern gab es nicht viele eigentliche Unmenschen; Brigitte ward manchmal unmenschlich behandelt, weil die Leute Menschenliebe um Jesu Christi willen nur vom Hörensagen kannten, und von einer gewaltigen Vorstellung des eigenen Werthes oder von jenem rohen Eigennutze besessen waren, den die Gebildeten hinter schönen Redensarten und einem mehr oder minder fein berechneten Verfahren zu verstecken wissen.

In manchem Hause fand die Kranke Mitleid, Erbarmen und ordentliche Pflege, doch ein unwillkommener, weil aufgedrungener und den Gang des Hauswesens störender Gast blieb sie fast überall und gerade die gar zu große Ungleichheit der Behandlung und Pflege machte sie kränker. Bald sahen Alle voraus, daß sie nicht mehr auskommen und der Gemeinde nicht allzu lange mehr zur Last sein würde.

Allmählig genoß sie allenthalben einer bessern Pflege, selbst bei den Hartherzigsten; nicht weil die Leute mehr Mitleid empfanden, sondern weil Jeder befürchtete, sie werde unter seinem Dache sterben. Die Einen wollten keine Todte in ihrem Haus, die Andern meinten, Brigittens Tod lade ihnen größere Unbequemlichkeiten und Unkosten auf den Hals.

Der Pfarrer der Gemeinde war ein 265 pfündiges Pfarramt, dazu als landesherrlicher Dekan mit viel unnützen Schreibereien geplagt, litt an Gliederreißen, mochte seinen kostbaren Leichnam nicht durch übertriebene Anstrengungen allzu voreilig dem Himmel entgegen führen, hielt mächtig auf Ansehen und Ehre bei den Amtsherren und so fehlte es ihm an Zeit und Lust zugleich, Kranke zu besuchen und er dachte am wenigsten daran, den langen, schmerzlichen Todeskampf der armen, verachteten und verrufenen Brigitte zu belauschen und durch die Tröstungen der Religion zu erleichtern.

Sehr Vieles, was dieses 265 pfündige Pfarramt that und unterließ, unterließ und that dagegen der junge Vicar, der auch leider allzufrühe von der Welt Abschied genommen hat. Er war ein treuer Jünger Christi, der nicht bloß Andern katholisch predigte, sondern, was den Predigten eines Geistlichen beim Volke erst den anhaltenden Nachdruck verleiht, katholisch lebte und handelte.

Bei der Saumseligkeit des Pfarramtes mit Geschäften und bei der unbedingten Oberherrschaft der pfarramtlichen Haushälterin mit Verdruß aller Art überladen, mußte er das Beten des Brevieres für einige Wochen abkürzen, um der leidenden Brigitte beizuspringen. Er hörte aus ihrem Munde die so einfache und doch so inhaltsschwere Geschichte ihres Lebens und ihrer Verirrungen, ward Zeuge ihrer Leiden, ihrer tiefen Reue und stillen Ergebung und seitdem er ihr die Wege enthüllt, auf denen sie nothwendig wandeln mußte, um zu erfahren, was es heiße, Jesum Christum und Dessen göttliche Mutter ehren und lieben, war er in ihren Augen ein tröstender Engel des Himmels, in dessen Nähe der Tod jeden Stachel und die Hölle jeden Sieg einbüßte.

Am lebendigen Glauben des Priesters entzündet sich der Glaube der Laien, am lebendigen Glauben der Laien die Begeisterung des nach Vollendung seines hohen Berufes strebenden Priesters; diese Thatsache wirft wohl einen Lichtstrahl in die mehr trostlosen als tröstlichen Zustände der "christlichen" Staaten!—

Der junge Geistliche sah Brigitten sterben, drückte derselben die lebensmüden Augen zu, dann sank er auf die Kniee und betete laut, der Herr möge ihn dereinst nach solchem Muster sterben lassen.

Er kannte die Verstorbene, deßhalb seine Ergriffenheit während des Begräbnisses.

Jetzt liegt die Bürstenbinderstochter mit freudig gebrochenem Herzen im halbzertrümmerten Sarge, die Herbstluft streicht über das einsame Grab, der Himmel weint seine Thränen darauf und wie lange wird es dauern, bis Brigittens Name verklungen sein wird im heimathlichen Thale des Schwarzwaldes?—

Der Gestellmacher wohnte dem Leichenbegängnisse nicht bei, aber er hörte die Stimme des Todtenglöckleins, sie zitterte durch sein Herz wie ein aus der Ewigkeit herübertönender anklagender Mahnruf. "Die Thalherrn mögens verantworten!" rief er, während er von der Arbeit aufstand und schlug unwillig mit der Faust auf den Tisch. Er ging eine Weile im Stüblein auf und ab und als er zufällig in den kleinen Spiegel schaute, seinen ergrauenden Kopf und die vom Leben arg durchfurchten Gesichtszüge sah, schrak er zusammen, fuhr mit der Hand über die faltenreiche Stirne, als ob er gewisse Erinnerungen dort wegwischen wolle, verfiel in ein langes, trübes Nachdenken und eilte dann in den Bären an der Steig, um die Grillen mit Schnaps zu vertreiben.

Während dieser Zeit saß der Hannesle auf der Ofenbank in der Stube der armen Leute, bei welchen er seit seiner Vertreibung aus dem Häuslein des Gestellmachers gelebt hatte und verzehrte in größter Gemüthsruhe eine "Dinnelen", welche vor einer Viertelstunde warm aus dem Ofen genommen worden war.

Die guten Leute hatten ihn behalten, obwohl die kranke Brigitte kein Kostgeld mehr zu zahlen vermochte und von der Gemeinde bisher noch keine Entschädigung verlangt, im Gegentheil auch Brigitten von Zeit zu Zeit ins Haus aufgenommen, wenn die Reihe an sie kam.

Bei der Heimkehr vom Kirchhofe hat der Bube gezittert und beim Anblicke des floretseidenen Halstuches, welches der Michel einst der Brigitte geschenkt, diese vor ihrem Tode der Bäurin noch ziemlich wohl erhalten als Andenken vermachte, wiederum geweint, doch die Bäurin gab ihm eine duftende "Dinnelen" und er aß daraus Vergessenheit der Mutter und Sorglosigkeit der unbefangenen Kindheit.

Der Vicar aber schritt neben der stattlichen Sonnenwirthin durch das Thal und schien recht eindringliche Worte zu derselben zu reden. Er sah ein, der Hannesle könne nicht bei seinen Pflegeltern bleiben, denn diese waren nur reich an Kindern, Brigittens Sohn hatte bei ihnen ein sehr dürftiges Loos und eine noch dürftigere Erziehung zu erwarten und doch hatte der Vicar der Sterbenden versprochen, für den armen Tropf einige Sorge tragen zu wollen.

Ein Pfarrhof ist selten ein Californien, der Geldbeutel eines Vicars oft magerer als eine der sieben magern Kühe des Pharao, der Credit heißt auch nicht viel, weil ein Vicar wenig hat und alle Augenblicke bereit sein muß, den Bündel zu schnüren. Mit Geld konnte unser braves Herrlein dem Buben nicht helfen und hatte sich an Base Bibianen gewandt, damit diese den Waisen bei sich aufnehme. Diese wollte in neuerer Zeit auch im Geruche einer tüchtigen Katholikin stehen, aber ihr Christenthum hörte immer just da auf, wo Lehren und Befehle desselben anfingen, deren Befolgung ihr nicht mundete. Sie wollte ganz besondere Gründe für sich haben, um den Hannesle nicht anzunehmen, dem Herrn Vicar jeden andern, selbst den schwersten Dienst mit Freuden erweisen, nur gerade den nicht, welchen er von ihr jetzt verlangte. Der Vicar war nichts weniger als ein Menschenkenner, hegte von allen Leuten die beste Meinung und meinte ganz freundlich, Bibiane brauche den Hannesle nicht in ihr Haus aufzunehmen, es sei im Gegentheil besser, wenn er ein bischen unter eine scharfe Zuchtruthe komme und die Base dürfe nur etwas Geld schwitzen, dann werde er die Sache schon ins Geleise bringen. Doch Bibiane hatte abermals triftige und theilweise geheimnißvolle Gründe, auch kein Geld für den Hannesle herzugeben und als sie zu predigen anfing und dem Vicar sagte, der Bube sei ein Lasterkind, wer denselben hege und pflege, nehme schweren Antheil am Laster und dieses vertrüge sich nimmermehr mit ihrer Ehre und ihrem christlichen Gewissen, da schüttelte der gute Vicar den Kopf und zog betrübt von dannen.

In diesem Augenblick glänzt sein Gesicht vor Freude, denn so eben hat er andere Ansichten, bessere Einsichten und einen freudevollen Willen zu Werken der Barmherzigkeit und all' diese Herrlichkeiten bei der dicken Sonnenwirthin, der Elsbeth, gefunden.

Als er mit dieser vom Hannesle redete, meinte sie, sie sei schon längst entschlossen gewesen, den Waisen aufzunehmen, habe lediglich der Obrigkeit die Ehre des ersten Wortes gönnen wollen und deßhalb den Antrag des Herrn Vicars erwartet. Der Hannesle möge noch in dieser Stunde kommen, er werde in der Sonne eine zweite Mutter finden, die Elsbeth heiße und weder an Leib noch Seele irgendwie Etwas vermissen, was Noth thue.

Schon am nächsten Tage nach dem Begräbniß der Mutter wanderte der Hannesle zur Sonnenwirthin und fühlte sich in der ersten Woche so glücklich, als dies bei einem Knaben der Fall sein mag, der in seinem Leben noch kein ordentliches Kleidungsstück auf dem Leibe und selten einen guten Bissen im Magen gehabt hat und nun auf einmal ganze Kleider und wenn auch nicht vieles doch gutes Essen bekommt.

Die Herrlichkeit dauerte jedoch gar kurze Zeit und dies aus dem einfachen Grunde, weil der Hannesle ein ungezogenes, verwahrlostes Büblein, die Elsbeth wohl eine eitle Betschwester, doch keine ächte Christin und am allerwenigsten eine Erzieherin war.

Elternliebe ist die Sonne der Kinderwelt und ohne Liebe mag ein Kind wohl gedeihen, wie eine Pflanze im Treibhaus oder in einem sparsam erhellten Kellergewölbe, nimmermehr wie ein in frischer Luft und unter freiem Himmel wachsendes und vom Gärtner sorgsam gehegtes, beschütztes und beschnittenes Bäumlein.

Dabei kommt jedoch Vieles darauf an, ob die Liebe der Eltern zu den Kindern der des Thieres zu seinen Jungen oder der des Erlösers zu dem Menschengeschlechte entspricht und so häufig beide Arten von Liebe mit einander vermischt gefunden werden, so richtig ist es auch, daß die natürliche gewöhnlich die übernatürliche überflügelt und fast ganz erstickt. Brigitte wurde zwar durch den Anblick des Hannesle beständig an den treulosen Michel und an ihre Schmach und Schande gemahnt, aber sie hatte zuviel liebreiches Gemüth, um dies beim Anblicke des hülflosen und schuldlosen Bübleins, welches allein ihr die Aermchen liebend entgegenstreckte, nicht zu vergessen und liebte den Hannesle mit all' jener Zärtlichkeit einer Mutter, deren Liebe nur erdwärts sich richtet.

Eine arme Bauernmagd findet höchstens am Abend und an Sonn- und Feiertagen Zeit und Gelegenheit sich mit ihrem Kinde abzugeben, ist dann wenig geneigt, die Augen für die keimenden und wachsenden Unarten desselben aufzumachen und wähnt, mit dem Rüthlein peitsche sie leicht alle Liebe aus dem zarten, jungen Herzen heraus.

Hannesle blieb unter der Obhut der Frau des Gestellmachers, welche er die "Werktagsmutter" nannte, freute sich den Tag und die Woche über auf Brigitten, die "Sonntagsmutter" und hatte er kleine Streiche genug verübt, so war er doch sicherlich brav, wenn letztere in der Nähe saß, denn diese kam selten, ohne ihm Etwas zum Essen mitzubringen und für das Bravsein zu geben.

Die Frau des Gestellmachers, ein herzensgutes Weib, welches jedoch das Pulver schwerlich erfunden haben würde, meinte Kinder seien eben Kinder und der Hannesle müsse von andern Kindern genug leiden, so daß sie ihn nicht noch mehr plagen wolle; der Gestellmacher aber fand seine größte Freude an den Unarten des heranwachsenden Bübleins und wollte sich schier ausschütten vor Lachen, wenn dieses "einen Kopf machte" irgend einen pfiffigen Streich spielte oder gar zornmüthig nach ihm schlug.

Wenn die Brigitte kam, wußte er nicht genug Gutes und Liebes vom Hannesle zu berichten, Brigitte freute sich darob und lachte auch ob den Streichen des kleinen Wichtes, dessen Gesicht immer mehr Aehnlichkeit mit ihr selbst zeigte und dessen Gebahren sie hundertfältig an die eigene Kindheit mahnte.

Aus dem Häuslein des Gestellmachers wanderte der Bube in die mit Kindern arg bevölkerte Stube armer Leute, die an ihm und den eigenen Kindern den Himmel zu verdienen glaubten, wenn sie nur das nöthige Futter und Gewand beischafften, mit den Kindern vor und nach dem Essen und besonders lange am Abend beteten, dieselben zum Kirchengehen und vor Allem zum Arbeiten anhielten. So klein der Hannesle noch war, schien er doch groß und stark und gescheid genug, um Kühe und Geisen zu hüten, Reisig und Waldbeeren zu sammeln und bei Feldgeschäften wie im Hause Hand mitanzulegen.

Es ist ein hartes, aber oft wahres Wort, daß der Fluch eines Geschlechtes sich fortpflanze bis ins siebente Glied und wohl noch darüber hinaus. Der Fluch aber wurzelt zumeist in den schlimmen Eigenschaften der Eltern, welche auf die Kinder übergehen und für diese keine guten Früchte bringen können.

Brigitte schlug ihrem Vater, der Hannesle aber zumeist der Mutter nach, war eitel in Lumpen, eigensinnig wie ein Kameel, zornmüthig wie ein Kater, naschhaft wie ein verzogenes Schooßhündchen und glich dem Michel höchstens darin, daß er große Rührigkeit, Lust und Liebe zur Arbeit und zum Erwerben zeigte.

Hannesle stand als ein recht verwahrloster Bube am Grabe der Mutter und aus ihm sollte und konnte nach der Meinung des Vicars die durch ihr Christenthum berühmte dicke Sonnenwirthin, die Elsbeth, einen ächten Christen und rechten Mustermenschen heranbilden.

Fast sechs geschlagene Jahre lebte der Hannesle in ihrem Hause, ist jedoch kein Christ, sondern der "Zuckerhannes" geworden, als ein Krüppel an Leib und Seele in die weite Welt gelaufen und hat der Pflegmutter in seinem ganzen Leben keinen Dank für ihre viele Mühe und Sorge gewußt, sondern im Zuchthause behauptet, in der Sonne sei ihm der Sträflingskittel angemessen worden.

Die Religion der Elsbeth wurzelte keineswegs in der übernatürlichen Liebe zu Gott und zum Erlöser, sondern in der natürlichen Liebe zu sich selbst. Sie liebte weder Gott noch die Menschen, dagegen ihre eigene Person über alle Maßen, hinter ihrem frommen Gebahren stand die liebe Eitelkeit, ohne daß sie selbst darüber zur Einsicht kam.

Heutzutage würde sie eine etwas wunderliche Figur spielen, wenn sie ihre Rolle nicht umkehrte, denn die Ehre, als eine rechte Katholikin zu gelten ist bei weitem nicht so groß als die, der aufgeklärten und freisinnigen Welt anzugehören. Damals war in dem entlegenen Thale dies noch anders und stand die Sonnenwirthin um so höher bei manchen Frommen angeschrieben, weil Wirthsleute sich in Allem, folglich auch in religiösen Dingen gemeiniglich nach ihren Kunden zu richten pflegen.

Wirthe und Kaufleute vor Allem sind die berufenen Schildträger der Toleranz auf der breitesten demokratischen Unterlage und haben die Holländer vor Allem um des Handels willen ihr Christenthum bei heidnischen Völkern nicht bloß thatsächlich sondern auch mit Schwüren ernstlich in Abrede gestellt, so haben ihre Haupterben, die Engländer, aus demselben Grunde laut glaubwürdigen Berichten bis auf die neueste Zeit die menschenmörderischen Feste des Götzen von Dschaggernaut verherrlichen helfen und auf Ceylon zu Ehren des Teufels alljährlich viel Pulver verschossen, was an Frohnleichnamstagen in Altengland erspart wurde.

Wir wollen daraus weder Mynheeren noch John Bull einen besondern Vorwurf machen, weil man nicht wissen kann, ob die Deutschen nicht ebenso duldsam und fügsam geworden wären, wenn sie es bisher zu einer ordentlichen Seemacht gebracht hätten; jedenfalls muß man auch bei uns selten in Kaufläden oder Wirthshäusern suchen, wenn man erträglichen Einfluß des Christenthums auf Handel und Wandel entdecken will und holten die Gelehrten, welche jeden solchen Einfluß läugnen, ihre Ansicht wahrscheinlich da, wo sie Tuch für ihre Röcke kaufen oder ihr Schöpplein zu sich nehmen.

Zur Sonnenwirthin hätte Keiner kommen dürfen, der fest in solcher Ansicht bleiben wollte und schon ein Judenbart würde ihm eine Zeche zugezogen haben, daß er schwerlich zum andernmal gekommen wäre.

Ein intoleranteres Weib als die Elsbeth gab es schwerlich auch zu ihrer Zeit im ganzen Schwarzwalde und sie machte aus ihrer Unduldsamkeit nicht das mindeste Hehl. Sie betete für Bekehrung der Heiden, fürchtete die Türken, haßte die Juden, verabscheute die Protestanten und schimpfte eifrig über Geistliche und Laien, welche ihr nicht katholisch genug waren.

Es gab Leute, welche behaupteten, die dicke Sonnenwirthin habe Gott sammt allen Heiligen beständig auf den Lippen, dagegen zehn Teufel im Herzen und an sich alle Mängel, welche ein schlimmes Weib zu tragen vermöge. Gegen fromme Menschen sind Unfromme leicht eingenommen und weil diese zu allen Zeiten die Mehrzahl bildeten, darf man hinter argem Geschrei nicht sofort viele Wolle vermuthen; auch ist die Elsbeth längst unter dem Boden, von Verstorbenen soll man nicht leicht Schlimmes glauben, zudem preist ein schöner Grabstein mit goldenen Worten so viele Tugenden der alten Sonnenwirthin an, daß gar kein Tadel aufzukommen vermag und unter solchen Umständen wollen wir die Verstorbene kurz und wahrheitsgetreu im Lichte der sieben Todsünden betrachten, Christenmenschen so gut als möglich vertheidigen und den Hannesle als Zeugen mitspringen lassen.

Die Verläumder behaupten, die Elsbeth sei von Hoffart so erfüllt, wie ein ins Wasser geworfener Schwamm, habe in ihrem Leben niemals geweint, außer wenn man ihrem guten Rufe einen Druck gab und wehe that und suche durch frommes Gebahren nicht Gott, sondern nur sich selbst zu verherrlichen. Sicher bleibt, daß man nur an ihrer Schönheit, ihrem Reichthum, an ihrer Billigkeit, Tugend und Religion einen leisen Zweifel aussprechen durfte, um lebenslänglich von ihr angefeindet und verfolgt zu werden, allein sie befeindete und verfolgte dergleichen Zweifler in der löblichen Absicht, diese zur Einsicht ihrer Gottlosigkeit und Verworfenheit zu bringen und zu bekehren und arbeitete in dieser Hinsicht so rüstig für den Himmel, daß sie ihre eigenen fünf Männer als arge Zweifler unter den Boden hinabdisputirte und dem Hannesle ein Bein abschlug, weil derselbe einmal im Zorne behauptete, die Pflegemutter thue nur vor den Leuten fromm und sei daheim und besonders gegen ihn ein Drache, wie die Katzenlene auch gesagt habe.

Vom Geize der Sonnenwirthin wußten Gäste, Dienstboten, Bettler, Verwandte und Schuldner Unerhörtes zu erzählen; wirklich trieb sie alle einträglichen Betrügereien, welche ein Wirth zu begehen vermag, ohne mit dem Amte und leeren Gastzimmern zu thun zu bekommen und jene machen jährlich oft mehr aus, als ein halbes Zuchthaus voll Spitzbuben in zehn Jahren stiehlt. Allein sie zwang ja durchaus Niemanden bei ihr einzukehren, der keine besondere Geschäfte mit ihr hatte, zahlte geringen Lohn, damit die Knechte und Mägde nicht übermüthig würden und forderte bei schmaler Kost schwere Arbeit, damit die Anfechtungen des Teufels dieselben nicht leicht übermannten.

Bet' und arbeite! hieß ihr Wahlspruch und wenn ein Bettler damit nicht zufrieden war, mußte ihn der Nero oder Sultan zum Hause hinausbellen, damit er lerne, sich fleißig zu rühren. Niemals hat man ein Beispiel erlebt, daß sie einem Zinsmanne die Frist verlängerte oder einem bedrängten Familienvater mit einem Kapitälchen aus der Noth half, dagegen zahlte sie ihre Schulden sehr ungerne, um die Gläubiger in der christlichen Geduld zu üben und ließ Jeden in der Noth stecken, damit die Bedrängten ihr Vertrauen mehr auf Gott als auf Menschen setzten. Der Hannesle hat bis zu seinem Tode behauptet, sich in der Sonne nur dann satt gegessen zu haben, wenn die Elsbeth betrunken war oder nach Friberg oder Löffingen wallfahrtete und die große Schaar von Knechten und Mägden, welche jährlich in die Sonne ein und ausgewandert, habe beim Fortgehen mindestens einige Zentner des eigenen sündhaften Fleisches zurückgelassen, was der gerechte Himmel unserer Frommen zweifelsohne sehr hoch angerechnet haben wird.

Von der Unkeuschheit der Sonnenwirthin wußte man wohl am meisten zu erzählen und ihre Männer sollen schwer darüber geseufzt haben, allein sie hatte das Unglück, niemals Einen zu bekommen, welcher ihr längere Zeit blieb, entlassene Dienstboten haben böse Mäuler und weil der Hannesle erst zu ihr kam, als sie bereits über Vierzig war, niemals etwas Unrechtes merkte und es ganz in der Ordnung fand, daß sie allabendlich mit dem Oberknechte nach dem Fortgehen der Gäste sehr lange allein blieb, um die Rechnung des Tages zu stellen; endlich weil er hundertmal anhörte, wie sie ungeberdige Gäste auf feine oder grobe Weise zur Ruhe verwies, keine Liebschaft unter ihrem Dache duldete, Nachts im ganzen Hause herum patrouillirte und in alle Schlafkammern sorgfältig hineinleuchtete, so wollen wir über die Jugend, das Eheleben und Gebahren der Wittib den dichtesten Mantel der christlichen Liebe werfen.

Elsbethens Feinde sagten, sie beneide die Nachbaren um die Regentropfen, welche auf deren Wiesen und Aecker fielen, könne ein mit Kindern gesegnetes Weib kaum anschauen, seufze, so oft einem Thalbewohner etwas Gutes begegne und preise Gott, wenn Jemand von schwerem Unglücke heimgesucht wurde, allein gibt es Etwas, was eher Lob denn Tadel verdient, so ist es Elsbethens Neid, weil ihr Neid kein Neid, sondern eher Liebe gewesen sein kann. Sie wußte, wie sorglos, selbstvertrauend und übermüthig das Glück die Menschen mache und wie die Noth beten lehre, daher ihre Trauer über das Glück und ihre Freude über das Unglück der Mitmenschen. Den Hannesle betrauerte sie wegen seiner hübschen Gestalt und prophezeite, dieselbe werde ihm zeitliches und ewiges Unheil zuziehen, wie dies bei seiner "gotteslästerlichen" Mutter der Fall gewesen. Als der Bube vom vielen Wassertrinken einen Kropf bekam, wollte sie durchaus von keinem Rezepte Etwas vernehmen; die Halszierde wuchs, verhärtete und gedieh ganz ausgezeichnet und würde ein lebenslängliches Andenken an die Sorge der frommen Pflegemutter um sein ewiges Heil daran besessen haben, wenn sie ihm auch niemals ein Bein abgeschlagen hätte.

Von Elsbethens Unmäßigkeit munkelten und lärmten böse Zungen erst in spätern Jahren. Zwar erfreute sie sich stets eines sehr gesegneten Appetites, aß vielleicht zu viel, was die Hausgenossen zu wenig bekamen und weil ihr Leib mit den Jahren einem auf zwei Klötzen einherwandelnden Fasse glich, welchem fast nur die Reifen fehlten, ist nicht zu verwundern, daß sie für Füllung des zunehmenden Fasses zunehmende Sorge trug und dem Liqueur, welchen sie seit der ersten Ehe Abends zu sich zu nehmen pflegte, allgemach unter Tags immer mehr Gläslein als Vorposten und Plänkler vorausschickte.

Weil schon der Hannesle die Sonnenwirthin häufig betrunken sah und dann die besten Stunden bei ihr verlebte, dieselbe in spätern Jahren wirklich zur Trunkenboldin wurde und dadurch Hab und Gut meistens einbüßte, Unmäßigkeit im Trinken jedoch zu den Todsünden gehört, so müssen wir etwas gründlich die Wahrscheinlichkeit erwecken, auch der Vorwurf dieser Todsünde schließe eine Verkennung und Anschwärzung in sich.

Wir behaupten, das Trinken der frommen Elsbeth sei keine Todsünde, kaum eine läßliche Sünde, sondern wohl die größte ihrer Tugenden gewesen. Weßhalb? Ei, sie trank nicht um des Trinkens willen, nicht einmal für sich, sondern für die Sünden der Welt. Oberflächlich und grundlos ist oft der Vorwurf, ein Säufer liebt das Saufen an sich und gäbe sich zum Vieh herunter, denn wohl die Meisten betrinken sich nur, um ihr Elend zu vergessen. Ein Betrunkener steigt keineswegs zu den Thieren herab, welche freiwillig sich niemals betrinken, sondern von den Unglücklichen zu den Glücklichen der Erde hinauf; so lange er noch auf den Beinen zu stehen vermag, ist er ein Glücklicher, ein König, ein Gott und sinkt er unter den Tisch, so beweist er ja klar, daß er die Erde mit all ihren Leiden, Qualen und harten Dingen nicht mehr kenne und das größte Glück genieße, welches sehr gelehrte und tiefsinnige Heiden aufzutreiben und zu nennen vermochten, nämlich das Glück der Vergessenheit ihrer selbst und aller Dinge.

Je älter unsere Elsbeth wurde, desto deutlicher erkannte sie, wie sehr die Welt im Argen liege und wie unverbesserlich die Menschen, wie himmelschreiend die Sünden der meisten Thalbewohner seien und in ihren letzten Lebensjahren sprach sie es manchmal laut aus, Gott hätte schon längst Feuer auf den ganzen Schwarzwald und über ihr Thal zuerst regnen lassen, wenn Er nicht um weniger Gerechten willen die sündhafte Menge noch eine kleine Weile verschonte. Sie vermochte die Menschen immer weniger zu achten und zu lieben, wenn sie nüchtern war; die Liebe ist jedoch das erste und größte Gebot unserer Religion und weil die Liebe aus Elsbethens Herzen herausgepumpt wurde, je höher der Stand des Alkohol im Magen war, so trank sie fleißig und weil die Welt täglich schlechter wurde, mußte sie um der Nächstenliebe willen täglich und jährlich auch mehr trinken. In der Trunkenheit war sie die beste Seele von der Welt, schlug einem Dienstboten keine Bitte ab, half Nothleidenden, schrieb Quittungen und Schuldscheine für Jeden der es haben wollte und so lange sie eine Feder zu halten vermochte und zum Schlusse stammelte sie oft die glühendsten Gebete für das Wohl aller Menschen zum Himmel empor.

Dieser Zug einer im Leben vielfach verkannten und am Ende nur noch von einem Grabstein gegriesenen [gepriesenen] frommen Seele ist um so beachtenswerter, weil er für Elsbethens tiefe Selbstkenntniß Zeugniß ablegte. Diese wußte sehr wohl, daß sie ein hitziges Geblüt und eine zornige Gemüthsart zur Welt gebracht habe und daß ihr Haß gegen die schlechte Welt mit der Liebe zu Gott wachse und zunehme. In ihrer Kindheit war sie nicht hart und bitter gegen die Welt gewesen, durch Trinken versetzte sie sich in den Zustand der unbefangenen, weil unwissenden Kindheit zurück, deßhalb war ihr Trinken auch ein ernstlicher Kampf gegen das eigene sündhafte Fleisch und besonders gegen ihre Zornausbrüche und Zanksucht.

Zwar ging ihr Zorn vom Himmel aus, weil sie die bodenlose Verderbtheit und endlose Heuchelei der Nachbarn gründlich erkannte und nicht mit ruhigen Augen anzusehen vermochte. Wenn sie Jemanden schwer beleidiget, gekränkt oder beschädiget hatte, so fand sie Trost in dem Gedanken, Gott lasse Niemanden etwas Böses widerfahren, ohne daß Er seine Gründe dafür habe und sie sei wohl nur ein Werkzeug des göttlichen Zornes, aber alle ihre Beichtväter bekämpften solche Ansicht, mit geistlichen Herren wollte und durfte sie es nicht ganz verderben, zumal der Kapitelsdekan im Thale wohnte und dieser Umstand ihrer Wirtschaft und ihrem Rufe der Gottseligkeit ebensoviel zu schaden als zu nützen vermochte. Sie gestand deßhalb ihre sündhafte Neigung zum Zorne zu, fand sich jedesmal im Beichtstuhle ein, wenn sie ihrer Jachheit und ihrer Rachsucht volles Genüge gethan und weil trotz Beichten und Beten ihr Herz jährlich mehr gegen die Mitmenschen verhärtete, so machte sie immer eifriger Gebrauch von der Entdeckung, das Trinken sei ein probates Mittel, um die Liebe wach zu erhalten und Anfechtungen des Zornes vorzubeugen.

Für unsern Hannesle war Elsbethens gallichte Gemüthsart ein sehr heilsames Mittel der Besserung und müssen wir nur bedauern, daß das Mittel bei ihm nicht recht anschlug und die von Brigitten ererbte Neigung zum Zorn die Quelle manches Unheiles für ihn wurde. An der Pflegmutter erkannte er die ganze Abscheulichkeit dieses Lasters, sein Kopf und Rücken samt allen Gliedmaßen verspürten täglich die wehethuenden, schmerzlichen Folgen desselben und weil er lernen mußte, den eigenen Zorn zu verbeißen und sich zu beherrschen, wenn er nicht trotz dem ärgsten Russen geprügelt werden wollte, so wurde der von Natur offenherzige und ehrliche Hannesle verschlagen, hinterlistig, falsch und heimtückisch.

Für den ungerechtesten aller Vorwürfe, welchen ihre Feinde aufs Tapet brachten, hielt Elsbeth den der Trägheit und nimmermehr vermochte sie es zu fassen, weßhalb das 265pfündige Dekanat der einzige Beichtvater blieb, welcher ihr keine lange Predigt über diese Todsünde machte.

Mit diesem dicken Seelenhirten stund die dicke Sonnenwirthin insbesondere deßhalb auf freundschaftlichen Füßen, weil er sie als die rührigste und thätigste Hausfrau und Wirthin des ganzen Schwarzwaldes gelten ließ und pries. Ihn zahlte sie zu den wenigen Gerechten des Thales, das Dekanat leistete der reichen, stattlichen Elsbeth denselben Dienst. Auf diese Weise bekam auch der junge Vikar, welcher die Brigitte begraben und sich des Hannesle angenommen hatte, von vornherein eine vortreffliche Meinung von der Sonnenwirthin und als diese den Hannesle so willig und freudig unter ihr Dach aufnahm, vergoß der gute Mann fast Thränen der Rührung über die Beweise christlicher Barmherzigkeit, die er hier und sogar bei einer Wirthin gefunden. Wie der Mensch ist, so schaut er auch die Welt an, bevor er dieselbe genauer kennen gelernt und sich eine richtige Weltanschauung gebildet hat.

Der Selbstsüchtige sieht lauter rohe und verfeinerte Selbstsucht, der Glaubenslose eitel bewußten und unbewußten Unglauben und eigennützige Heuchelei der Frommen, der Stürmische lauter offenen und heimlichen Krieg ohne entscheidenden Sieg; unser Vikar besaß ein tiefes, herrliches Gemüth und einen lebensvollen Glauben an Christum und dessen Weltkirche, hegte die beste Meinung von den Menschen, übte große Nachsicht gegen Andere und merkte zu spät, welchen Bock er geschossen, indem er den Waisen der Zucht der frommen Elsbeth anvertraut hatte, welche bei Messen, Bittgängen, Leichenzügen und Brüderschaften die Vorderste war und alle vier Wochen mindestens einmal beichtete und zum Tische des Herrn ging.

Er schenkte den schlimmen Gerüchten, welche über die Betschwester im Schwange gingen, um so weniger Glauben, weil dieselbe auch in der Kunst der Verstellung ihren Meister suchte und trotz der besten Advokaten Alles zu verdrehen und zu lügen verstund, seine Seele dagegen kein Arg und keine Falschheit kannte und weder die Sonne noch der Bär oder ein anderes Wirthshaus der Ort war, wo er oft und gerne weilte.

Allmählich wurden ihm die Augen hinsichtlich des Characters der dicken Sonnenwirthin ganz geöffnet und zwar durch die Katzenlene.

Diese Katzenlene hieß Magdalena, im Thale aber die Katzenlene, weil ihr Mann, ein blutarmer Taglöhner, ein außerordentlicher Liebhaber des Katzenfleisches gewesen und das Volk der Mäuse an manchem Dutzend ihrer Todfeinde blutig gerächt haben soll.

Der Vikar hatte viel Seltsames von diesem alten, eisgrauen Mütterchen gehört, welches Tag und Nacht, Sommer und Winter in einem altersbraunen, dämmerungsreichen Hinterstübchen einer einsamen Strohhütte saß und niemals in eine Kirche oder zu andern Leuten kam, weil es an beiden Füßen seit 27 Jahren gelähmt war.

Die Einen wußten viel von merkwürdigen Prophezeiungen der Katzenlene zu erzählen, welche aufs Haar eingetroffen sein sollen; Andere glaubten, es sei bei der Alten nicht ganz geheuer, dieselbe stehe mit Geistern im Bunde, nehme höchstens zum Scheine ein bischen Speise zu sich und könne weder gesund werden noch sterben bis zum jüngsten Tag. Viele behaupteten, es sei unmöglich, der Lene etwas Schlimmes nachzusagen und wer in ihre Nähe komme, dem werfe sie Zauberblicke zu, daß er von der Stunde an nur eine gute Meinung von ihr haben könne.—Andere berechneten, wieviel diese Zauberin durch ihr Stricken verdiene und fanden, dieselbe gebe beinahe ihren ganzen Lohn den Armen und lasse sich nicht bewegen, das Gewand, welches sie seit Menschengedenken trug, mit einem neuen zu vertauschen oder statt Habermus und Milch, wovon sie und ihre Katze lebten, etwas Besseres zu genießen. Die Gutthätigen erzählten, es müsse Einer oder Eine bei der Lene schon hoch angeschrieben und ein rechtschaffener Christenmensch sein, bevor sie auch nur einen Apfel oder eine Birne von ihr annehme und Manche, welche im Rufe des Leichtsinnes oder in einem noch übleren standen, versicherten, sie würden das Hinterstübchen der Alten nicht betreten, wenn man ihnen auch zehn Karlinen verspräche. Das 265pfündige Dekanat wußte nichts Genaues von der Lene, dagegen erzählte die Elsbeth Vielerlei, woraus hervorgehen sollte, die alte Madlene trage ihren Taufnamen mit vollem Rechte, weil sie in ihrer Jugend ein leichtfertiges, gottvergessenes Ding gewesen, deßhalb von Gott schwer heimgesucht und bis zur Stunde im Begriffe sei, die Sünden alter Zeiten abzubüßen.

Am Begräbnißtage Brigittens hatte ein Büblein dem jungen Geistlichen einen halben Gulden gebracht und gesagt, das Geld sei von der Katzenlene, der Herr Vikar möge es nehmen und dafür eine heilige Messe für die Verstorbene lesen. Der Vikar gab das Geld zurück und besuchte Nachmittags die Geberin, von der er schon Manches vernommen hatte.

In einem niedern, dunkeln Stüblein, dessen einziger Schmuck ein armseliges Bett, ein alter Tisch von Tannenholz und ein mit zerrissenem alten Leder überzogener Großvaterstuhl war, saß ein Weiblein mit schneeweißen Haaren und armseligen "G'häs" und:

"Schau, geistlicher Bueb, kann holt nicht aufstehen, denn ich bin lahm, aber setze Dich daher und sei willkommen im Namen Jesu Christi!"

waren die ersten Worte, welche der verwundert und mitleidig umherschauende Geistliche von der Katzenlene hörte und dann setzte er sich, von einer geheimnißvollen Macht zu ihr hingezogen, ruhig auf einen alten Trog und schaute unbefangen in das ruhig und freundlich lächelnde Antlitz der alten Tirolerin, welche vor vielen Jahren in den Schwarzwald herabgekommen.

Das Regenwetter vom Morgen hatte Etwas nachgelassen, es glühten gleich Diamanten einzelne Tropfen, welche an den Rosen und Passionsblumen hingen, die aus dem Gärtchen hereinnickten, einige Sonnenstrahlen spielten durch das armselige Stüblein, der Vikar schaute in zwei große, helle Augen und in ein altes, kluges Gesicht, aus dessen Runzeln der Morgenschimmer einer höhern Welt hervorzubrechen schien.

Er wollte von ihrer Verlassenheit und ihrem Elend anfangen, einige Hülfe anbieten, doch die Katzenlene schien seine Gedanken zu errathen und begann von dem irdischen Glücke zu reden, dessen sie Gott theilhaftig gemacht und als der Vikar diese uralte, blutarme, verlassene Frau, welche volle 27 Jahre keine fünfzig Schritte weit von der Hütte gekommen war, nach einigen Stunden verließ, trug er die Überzeugung mit sich fort, die glücklichste, Person des ganzen Thales und wohl des ganzen Schwarzwaldes und zugleich eine Christin gesprochen zu haben, welcher er trotz tadellosem Wandel und lebendigem Glauben nicht die Schuhriemen aufzulösen würdig sei.

Für diese Alte gab es keine Erdennoth und keinen Erdenwehe, sie lebte auf Erden bereits wie im Himmel, bedurfte keines Trostes und keiner Hülfe und hat den jungen Geistlichen in der Erkenntniß göttlicher und menschlicher Dinge weiter gebracht, als das Studium einer umfassenden wissenschaftlichen Bibliothek vermocht haben würde.

Schade, daß wir uns weder mit der Katzenlene noch mit derem neuen Schüler besonders befassen dürfen, indem wir statt einer Himmelsgeschichte eine Zuchthausgeschichte zu liefern uns zur Aufgabe gestellt haben.

Hannesle war in der Sonne und getraute sich kaum in der ersten Zeit recht zu athmen, denn trotz seiner Jugend und der idyllischen Heimath wußte er bereits, es bestehe ein mächtiger Unterschied zwischen reichen und armen Leuten und die Armen lebten eigentlich nur von der Gnade der Reichen, die Sonnenwirthin sei ein grundreiches Weib und ein armer Tropf nicht gescheidt, wenn er nicht nach ihrer Pfeife tanze. Er erhielt Kleider, welche er im Vergleich zu seinen frühern für wahre Grafenkleider hielt und dazu keine Schuhe, welche immer das höchste Ziel seiner Wünsche gewesen, sondern Halbstiefel, wie sie nur von den vornehmsten Buben des Thales getragen wurden und an die er kaum zu denken gewagt hatte.

"Kleider machen Leute!" so ist es nun einmal auf der Welt und es kostet den besten Menschen Ueberwindung, in einem recht nachlässig gekleideten oder gar zerlumpt einhergehenden Mitmenschen etwas Ordentliches zu entdecken und denselben als Ihresgleichen zu betrachten.

Mit der Muttermilch und Sprache saugt der Mensch die Ansichten und Vorurtheile ein, welche innerhalb der menschlichen Gesellschaft gang und gäbe und im Grunde oft mit dem Christenthume arg im Widerspruche sind.

"Vor Gott sind alle Menschen, Könige und Bettler gleich und die Menschen sollen vor Allem Gott ähnlich werden!" hört das Kind, sieht jedoch in der Welt nirgends Gleichheit, sondern allenthalben Ungleichheit und fühlt den herben Widerspruch zwischen Religion und Wirklichkeit heraus, ehe es noch so weit kommt zu fragen: "Ei, sind die Menschen vor Gott alle gleich und ist es Aufgabe Aller, gottähnlich zu werden, weßhalb machen sie denn unter sich selbst so große Unterschiede?"

Der Hannesle hatte oft gehört, wie gewaltig der Gestellmacher über die Sonnenwirthin daheim schimpfte, aber auch erfahren, wie gar demüthig derselbe Gestellmacher den Hut herabzog, so oft dieselbe Sonnenwirthin ihm begegnete und wie er ihr kein Wörtlein von Allem ins Gesicht sagte, was er daheim mit der Werktagsmutter und der Brigitte oder andern Leuten von ihr redete, sondern in lauter Freundlichkeit und Unterthänigkeit schier zerfloß.

Ebenso schimpfte der Gestellmacher grausam über Steuern und Abgaben, Bettelvögte und Amtsleute, die spätern Pflegeltern und Andere machten es ebenso und wenn nur der Zweifarbige oder ein Amtsschreiber im Thale sich blicken ließ, sah der Bube nichts als entblößte Häupter und demüthige Köpfe und wenn der Bettelvogt oder Amtsschreiber Einem Grobheiten machten oder gar drohten, lief dieser, gleich einem begossenen Pudel, still nach Hause und ließ höchstens Weib und Kinder das widerfahrene Leid entgelten.

Brigitte redete von dem Bauer, bei welchem sie in Dienst stand, auch selten etwas Gutes und doch verbot sie dem horchenden Hannesle bei schwerer Strafe, jemals eine Silbe davon bei andern Leuten verlauten zu lassen.

All diese Dinge kamen dem Buben so wunderlich vor als der Umstand, daß die Einen vieles Vieh, größere Häuser, viele Felder, Matten und Waldungen ihr Eigenthum nannten, schöne Kleider auch am Werktage trugen und mit Roß und Wagen zu Markte fuhren, während die Mehrzahl kaum ein mageres Kühlein, einige Geisen oder gar keinen Stall besaß, in Hütten hauste, die aus Stroh, Schindeln und wurmstichigen Balken gemacht waren, wenig Äcker und noch weniger Matten ihr Eigenthum nannten, das Holz kauften und froh waren, an bestimmten Tagen dürre Äste von den himmelhohen, stattlichen Bäumen herabhäkeln zu dürfen, nur Einen Rock im Kasten führten und baarfuß oder auf des Schusters bescheidenem Rappen durch das Thal wandelten, dabei schwer arbeiteten und am Sonntage kaum die Werktagskost Anderer aufbrachten.

Der Hannesle dachte, Alles müsse so sein, wie es eben sei, richtete sich nach den Erwachsenen und seine Gefühle wurden erst zu Gedanken, während er in der Sonne lebte und der Aufenthalt machte ihn früh zu dem, was jeder religionslose arme Teufel im Grunde ist, obwohl er häufig nichts davon weiß, nämlich zu einem "gottvergessenen" Demokraten. Gelehrte und Theologen suchen die Ursachen des Unglaubens an allen möglichen Enden und Orten, beim Hannesle genügte es, daß er wenig handelnde Christen vor sich sah, Vieles litt und ein bischen über das Leben und Treiben der Bewohner des Thales nachsann, um leise Zweifel an der Richtigkeit und Wahrheit der Religion zu bekommen, welche im Laufe der Zeit bis zum verstocktesten Unglauben fortschritten.

Die nagelneuen Kleider und Halbstiefel, welche ihm die vornehme Elsbeth zukommen ließ, schufen ihn zu einem Menschen um, der sich für besser und höher hielt, als er bisher gewesen. Seit Allerheiligen schon ging er zur Schule, der Schulmeister hatte ihn höchstens dann seiner Aufmerksamkeit gewürdiget, wenn Ohrfeigen, Tatzen und Schimpfreden auszutheilen waren und oft genug war er heulend heimgesprungen oder hatte der schwerkranken Mutter geklagt, die Buben und absonderlich die Herrenbauernbuben hätten ihn während der Schule gefoppt und gesagt, er habe keinen Vater, sei ein "Bankert", die Mutter ein Lumpenmensch und nach der Schule ihn mit Schimpfreden und Steinwürfen verfolgt.

"Schlag' zu!" schrie dann der Gestellmacher und der Bube thats, wenn nicht allzu Viele gegen ihn standen oder ein Feind ihm in die Hände lief.

"Armer Tropf, wir Arme sind eben Hunde!" seufzte manchmal die Gestellmacherin und wiewohl der Hannesle nicht wußte, was ein "Bankert" sei, so wußte er doch recht gut, was ein "armer Tropf" zu bedeuten habe und weil die Hunde beißen und davonlaufen, glaubte er auch also thun zu müssen.

"Die Buben meinens nicht böse, es kommt Alles von den Alten her, Gott verzeihe es ihnen!" hüstelte zuweilen die Mutter und schaute schmerzlich gen Himmel, allein Schimpfreden und noch mehr Steinwürfe und Prügel thaten wehe, diese kamen nicht von den Alten, sondern von den Jungen und wenn Gott denselben ohnehin verzieh, meinte der Mißhandelte, um so weniger Grund zur Verzeihung zu haben, liebte die Buben, welche baarfuß gingen und die Herrenleute auf der Straße mit ihm anbettelten, haßte die Herrenbauernbuben, welche ihn und seine Kameraden verachteten und sich auf die Hülfe der großen Leute schier immer verlassen durften.

Jetzt wurde dies Alles plötzlich anders, denn der Hannesle stolzirte im Gewande eines Herrenbuben einher, der Herr Vicar verkündigte, die Frau Sonnenwirthin sei nunmehr die Mutter seines Schützlings, der Schulmeister lächelte gnädig, die Schüler horchten hoch auf und Alles betrachtete den Glücklichen, als ob er ein wildfremder und hochachtbarer Mensch geworden.

Er aber sagte sich von der Stunde an von Allen los, welche keine Schuhe trugen, hielt zu den Herrenbauernbuben, die Eltern derselben drückten ein Auge zu und die Sonnenwirthin lobte ihn, weil er sich nicht mehr mit "Gesindel und Bettelvolk" abgebe.

Die Frühlingssonne hatte den Schnee noch nicht von den saftiggrünen Matten hinweggeschmolzen, da zweifelte der Hannesle schon stark, ob er nicht in seinen Kleidern einen recht elenden kleinen Menschen stecken habe und allgemach verblaßte zwar die Erinnerung an das ungebundene Leben beim Gestellmacher und bei den spätern Pflegeältern, er gewöhnte sich in seinen Zustand hinein und es dauerte jahrelang, bis er die Sonne verließ, aber später sagte er oft, hier sei es ihm beständig gewesen, als ob ein Mühlenstein auf seinem Herzen läge und ein schweres Wetter über seinem Haupte stünde und nach der Flucht sei es ihm vorgekommen, als wäre er ein Vogel, der jahrelang in einem kleinen Käfig gefangen saß und trauerte, um des Futterkastens willen sitzen blieb und zuletzt beim Fortfliegen nach den freien Wäldern sich neugeboren fühlte und nichts von des Lebens Mühen und Sorgen wüßte.

Wer das Schul- und Hausleben des armen Burschen betrachtet und dazu bedenkt, daß die Lichtstrahlen der Wahrheit und Liebe in Jesu Christo immer spärlicher in sein verdüstertes und vereinsamtes Gemüth fielen, wird dem spätern "Zuckerhannes" billig Manches verzeihen.

Auf dem Lande hat die Jugend zwei große Vortheile vor Stadtkindern.

Zum Ersten nämlich werden die Kinderfreuden nicht durch die tägliche Qual des vielstündigen ununterbrochenen Sitzens auf der Schulbank allzusehr versalzen, man geht nicht darauf aus, aus ihnen lauter Gelehrte machen zu wollen und quält sie nicht mit endlosen Schulaufgaben; zum Zweiten sitzen Buben und Mägdlein in Einer Schulstube, theilen Mühe und Freuden, gewöhnen sich an einander und gewinnt das Verhältniß beider Geschlechter einen Charakter, welcher großen Einfluß auf das spätere Leben und zwar einen der Religion und Sittlichkeit wohl günstigern ausübt, als das mißtrauische Trennen und Scheiden in größern Städten.

Beider Vortheile ging der Hannesle durch die Elsbeth verlustig.

Er mußte die Schule pünktlich besuchen, denn sie mochte das Pfarramt nicht erzürnen und ebenso wenig dem Volksbildner unverdientes Geld geben, doch selten bekam der Bube an Werktagen und Feiertagen ein freies Stündchen, weil er entweder beten oder arbeiten oder Beides zugleich thun mußte und war er einmal frei, so hatte er entweder an blauen Malen und Beulen herumzudrücken, mußte den Obstgarten oder etwas Anderes hüten oder es fehlte ihm an Gespielen.

Die armen Buben haßten und verfolgten ihn, wie es früher die Andern gemacht und diese hielten nicht zu ihm, weil sie entweder zu stolz waren oder weil er sich nicht mit ihnen viel abgeben konnte. Einige Schulkameradinnen waren in der Nachbarschaft und gar oft schaute er betrübt beim Garnwinden, Kartoffelschälen, Holztragen und andern Geschäften ihren frohen Spielen zu, allein ans Mitmachen durfte er nimmermehr denken, wenn er auch Zeit dazu gehabt hätte, denn die fromme Pflegemutter würde ihn gesteiniget haben, ohne einen Grund dafür laut werden zu lassen außer dem seltsam klingenden Spruche: "Die Sünde geht herum wie ein brüllender Löwe und sucht, wen sie verschlinge, absonderlich wenn Einer eine hübsche Larve hat!"

Von Knechten, Mägden und Gästen erhielt er freilich oft genug Aufschlüsse, doch zum rechten Verständniß derselben kam er nicht, dachte vorläufig niemals darüber nach und es darf als wahre Fügung Gottes gelten, daß er in gewissen Dingen sehr einfältig blieb, weder sah noch hörte, bis er als Jüngling in die heillose Lasterschule eines Amtsgefängnisses gerieth, wo er die Welt mit minder unschuldigen Augen als bisher betrachten lernte.

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