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Wir Menschen

III Lobpreisung

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Preis der Vergänglichkeit

1

Ich bin vergänglich, und ich will vergehn, Auslöschen wie eine Lampe In den roten Morgen, Wenn meine Nacht um ist; Abklingen wie ein Ton, Wenn der Bogen absetzt. Ich bin vergänglich, und der Gedanke Des Gesetzes berauscht mich. Abgleiten will ich wie eine Fahne, Die vom Maste sinkt In den Lüften des Hafens; Wie Rauch der sich hebt Von gestillter Flamme. Ich bin vergänglich, und selig bin ich, Hinwegzugehen gleich allem Lebendigen, Wie eine Wolke mich auszuregnen ins Land, Wenn mein Wind still ist.

2

Wir haben kein Recht zum Schmerz! Welten schwingen sich durch die Nacht. Abende kommen und Sonnen. Fahnen wehen im Winde. Und Fenster trinken Den Himmel. Und Lampen lächeln geduldig Vergessenen Stuben — Unvergänglich. Was vorbestimmt lag im Geboren-Sein, Hüllt sich leis in Geschick und Erfüllung. Seelen wandern vorbei an den Jahren, Und Geist wächst in die Formen der Erde Unvergänglich. Und Liebe ist — nicht deine Liebe —, Und Augen erwachen — nicht nur die deinen —, Und Schmerz ist, — nicht dein Schmerz —, Schmerz ist und Seligkeit Unvergänglich.

Wunder

Glocken klangen an und riefen, Türme sangen leis im Wind. Stimmen wundersam verliefen Sich im Traum der Straßentiefen, Tasteten beseelt und blind. Menschen aneinander rührten, Ließen Wunsch und Lust entgleiten; Bang noch, daß die scheu verspürten Sie in Wunder fremd entführten, — Schon im Wunder sank ihr Schreiten. Helle Fenster warfen Blüten, Klänge bauten Spiegel auf. Sterne überm Dach versprühten, Augen ineinander glühten, Sprengten letzte Siegel auf.

Musik

Zu hundert Gipfeln bin ich aufgestiegen, In hundert Täler weich hinabgerauscht. Landschaften sah ich in den Wind gebauscht Und Felder friedvoll in der Sonne liegen. Verschränkte Stimmen, wundersam vertauscht, Entflogen vogelgleich aus Wälderwiegen. Posaunen schrien aus sturmdurchwühlten Siegen, Und Worte sangen, Nächten abgelauscht. Wie Silberflüsse liefen Melodien Ausbuchtend durch das ungewisse Land, Geleiteten wie fromme Führerhand. Doch fern wie Wolken zogen Harmonien, In keine dinggewohnte Form gespannt: Nur Gruß und Farbe von dem andern Strand.

Fünf Sonette

I

Der Wind hat feierlich die Welt entfaltet, Und alle Farben prunken unterm Licht. Von Bäumen, Rasengrün und Dächern bricht Der Glanz, noch eh er sich zur Form gestaltet. Und wenn ihr durch die Straßen geht, behaltet Ihr keines Dinges Namen noch Gewicht: Nur Fensterspiegeln, Wolken, ein Gesicht, Und die Bewegung stark und unveraltet. Von steilen Dächern rinnt die Sonne, prallt Wie ein Trompetenstoß auf Mensch und Wagen Und springt zurück vom hastigen Asphalt. Markisen, rot- und weiß-gestreifte, schlagen In mächtgen Wogen, und der Himmel wallt Wie eine Fahne, — üppig und getragen.

II

Wenn sich die Türme alt, barock und schlank Ganz selig in die Abendwellen heben, Dann zu den wunderzarten Wesen streben Entzückte Blicke auf und sagen Dank. Von Brückenbögen, Dampfer, Park und Bank Wehn Grüße auf in festlichem Erleben, Und von den kupfergrünen Dächern schweben Jahrhunderte und Freuden, sanft und schwank. Durch die Theaterstunde, die, noch hell, Die Lichter aufgesteckt vor den Portalen, Rollen die Wagen, — aber voll und schnell Erraffen noch die Augen dieses Grüne, Dies Gold, das Türme vor den Himmel malen; Und fühlen’s noch in Licht, Musik und Bühne. (Dresden)

III

Und um die Städte breitet sich das Land Mit Wäldern, Äckern, wolkenüberzogen, Mit Bergen, die in fernem, zartem Bogen Vor einem großen Himmel ausgespannt. Da sind wir plötzlich für die Welt entbrannt, Und leicht wie Vögel landwärts ausgeflogen Entwehen wir durch Wind und Sonnenwogen, Und Leben fließt wie Gold durch unsre Hand. Nie bist die Straßen du so leicht geschritten, Alleen, ganz von Weiten eingesäumt! Nun bist du dir und jedem Sein entglitten, Verstehst der Schwalben Tage und der Bienen, Bist tief in Blütenbäume eingeträumt Und bist der Duft, das Licht, das Lied in ihnen.

IV

Da liegen vor mir die verschollenen Jahre, Da man von Wald und Strom und Hörnern sang, Da Dichter ihrer Heimat Dorf am Hang Erträumten, drin sie Kind und selig waren. Da seh ich Wege, hell von stillen Paaren, Die schwärmen Arm in Arm den Wald entlang, Da höre ich der Glocken Morgenklang Den Geist der Andacht heimlich offenbaren. Und alles ist wie Vers aus alten Schriften, Wie liebe Zeilen, die man lächelnd sieht, Wie Reime nur von Berg und Strom und Triften, Und sind doch alles Unvergänglichkeiten! Wie nah ist mir dein Herzschlag und dein Lied, Mein Bruder du aus jenen sanftern Zeiten!

V

Ein einz’ges kleines Wölkchen sah ich stehen Hoch über meiner kühlen Rast im Gras; Das schwebte selig, wie gesponnen Glas, Und ließ den Wind durch seine Flocken wehen. Ich sah es weiß im ew’gen Blau sich drehen, Das leise seinen feinen Rand zerlas, Umschmeichelte mit seinem Übermaß, Daß es zerfloß in sonnigem Zergehen. Und wie als Kind erblickt’ ich Bild um Bild: Nun war es Roß, nun Krone, Zelt und Greif, Um immer leichter, lichter, ungestillt Ganz zu zerfließen wie in lauter Raum: Es hob sich auf, ein blau-durchstrahlter Streif, — Und nun war alles Bläue ohne Saum.

Die selige Erde

1

Der Schwung der Erde Ist jung und gut. Die blonden Tage, Die duftenden Nächte Wiegen uns zärtlich Durch stiebenden Raum. Wimpel entwehen Den glücklichen Augen, Brüste verschmiegen Sich weich in den Wind. Kaum noch an Sohlen, Kühlen und schwingenden, Haftet uns Boden, Hält uns der Ball. Blau um die Stirnen Schlingen die Himmel Uns flatternde Bänder, Und die Gestirne Zischen wie Funken In unserm Blut.

2

Die Hand gib mir, Daß wir uns halten Und im Entwirbeln Nicht verlieren, Mein Bruder, du, Du Irgendwer, Geliebte du, Du Irgendeine. Die Hand gib mir, Wir fahren schnell Wir Menschen durch die blassen Räume, Und unser Atem bleibt uns nicht. Die Hand gib mir, Daß Himmelfahrt Durch unser beider Pulse ströme, Der Himmel weht durch deine Locken, Ich greife ihn. Die Hand gib mir, So schweben wir Im blauen Flug, Der unser Leben ist.

3

Schiffe aus bunter Musik Zittern in schwellenden Segeln, Heben die Brust aus den Wellen Und rauschen dahin. Golden umstäubt von den Straßen, Traben die glänzenden Wagen, Klirren die Räder der Reise Durch offene Welt. Gärten erklingen von Liebe, Küssen sich Kinder und spielen, Nahen sich Menschen und Tiere Mit wissendem Blick. Und die wandernden Schwalben Biegen die Himmel zusammen, Fremdester Zonen Geheimnis Zu unserem Land.

4

Hell-türmige Städte Halten sich nicht, Auch sie fliegen auf In den göttlichen Raum. Die silbrigen Wälder, Die alten und guten, Sie schicken sich rauschend In sphärische Fahrt. Die Ströme treiben Die Meere zum Himmel, Die glückliche Erde Wirft Wolken empor. Die dunkelen Menschen, O siehe, die schwersten, Nimmt heiter und gütig Und ungemerkt Der zärtliche Hauch In den Träumen mit.

5

Ich fühle leise Das Zittern der Erde Wie eines Dampfers Auf emsiger Fahrt: In der Weite des Meeres Wellend in Schnelligkeit. Die köstlichste Stunde, Hinter uns bleibt sie, Reißt uns vom Munde Der Wind des Flugs. Biegt euch kühn Über schäumenden Bug! Zukunft zerteilt sich An unsrer rauschenden Brust.

Von Walther Georg Hartmann erschien im Verlag von Rudolf Kaemmerer, Dresden:

DER BEGEISTERTE WEG

mit sechs Holzschnitten von C. von Mitschke-Collande

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