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Wir Menschen

II Die Zeit

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Mein Bruder Feind!

Sie haben ein Tuch zwischen uns gehängt, Mein Bruder, Durch das unsre Degen nach unsern Herzen bohren. Wir wollen uns vergeben, Die wir lieben, Daß die Waffe so streng unsern Willen zerschnitt. Sie haben die Macht, die Sprecher der Staaten, Daß wir töten einer den andern, Aber nicht, Daß wir uns hassen, mein Bruder! Ich liebe dich Um deines Lebens willen, warm wie das meine, Um aller Sehnsucht willen, deiner Mütter und Schwestern, Um deiner Arbeit willen, still und schwer wie die unsre, Um deiner Schmerzen willen liebe ich dich, Mein Bruder. (1914)

Am blassen Morgen fühlt ich mich entstehen Aus Nacht und Schlaf, War mir die Welt ein jugendliches Wehen, Das hold mich traf, Erlernt ich wieder: Berg und Haus und Baum Wie Tief-Vergessenes Und faßte Wirklichkeit nach blindem Traum Wie Nie-Besessenes. Da grüßte ich die Schöpfung brüderlich, Die mir erschienen, Ding schmiegte lächelnd sich an Ding, — und ich: Ding zwischen ihnen. (Laon)

Regennacht

Über uns Millionen Soldaten sinkt Regen. Wolken und Tote hauchen dumpfen Geruch, Blutrieseln singt. Sternloser Himmel plätschert in Trichtern und Gruben, Trostloser Wind weht Nebel und Stöhnen in Schlaf. Aber neben uns wacht der Posten: Verzweiflung. Weit hinter den Gräben rattern Kolonnen auf Straßen, Die wie schmale Brücken im endlosen Elend stehn. Granaten fegen durchs Spiel der schwebenden Feuer. Ein Gewehr schreit vor Haß. Seit wieviel hundert Jahren stehn wir im Tode, In diesem trägen Sumpfe von Hirn und Blut? Regen rieselt über uns Millionen Soldaten. Nacht fröstelt in uns und ermüdeter Schmerz. Das Land dunkelt fremd und kennt uns nicht. (Verdun 1916)

Geschlechter, ihr nach uns!

1

Von schmerzlicher Welt durchbohrt, Unfaßbar von Leid überströmt, Ruf ich dich, Gott. Geist, zu dem als Kinder wir beteten, Geist, in dessen Brand als Jünglinge wir dich verneinten, Geist, der erneut uns zuwuchs aus hartem Gestein In der Jahre Erkenntnis und Tat. Verhetzt von Qual, Mensch gegen Mensch Ist aufgebäumt, Gegeneinander gerissen in Wut, Die das eigene Herz zerreißt. Erniedrigt in Neid, zermartert in Haß Hör’ ich ausgestoßen Worte der Feindschaft Aus verzweifeltem Munde. Ich rufe dich, Gott. Unter Wolkenzug steh ich, Horizont kreist berg-blau um meine Augen. Ich rufe die Hand, die herunter greift Und Segen austeilt durch ein einziges Wort, Durch ein Wort, das sieghaft wär Aus dem Reiche der Ewigkeit: Menschen!

2

Nicht über die grausam tätigen Hände allein Ergieße dich, helfender Geist! Nicht über die donnernde Feindschaft der Stirnen allein, Die unterm Tage hassend zusammenschmettern. Doch in die Herzen stürze, In die verborgensten Falten, Wo bittre Worte aufgären wie Fäulnis, Wo böse Tat aufkeimt in verstecktester Feindschaft, Wo liebeleer Wille aus bleichen Wurzeln sich nährt. Überschütte doch, Hülle doch Alle heimlichste Bitterkeit In jedem Herzen, in jedem Sinn, Auch in dem meinen, Mit deinem Lichte!

3

So wie ich hier steh, — ein Mensch, der wenig geliebt wird, Und bin nicht Mutter, die Kinder in dieses gierige Leben geboren, Und bin nicht Vater, der Träume in tätige Söhne geschaffen, Und nicht Geliebter, dem Herz und Wille in sanfteste Hand gegeben, — Ich bin ein Mensch nur, der fremd und wenig umschlossen Mit anderen Gästen der Erde den Tag verbringt: Ich kann den Haß dieser Welt doch nicht mehr tragen, Ich kann die Qual geheimster Verfeindung nicht mehr ersticken, Ich werfe mich wild von Leid und Liebe zwischen die meuternden Menschen Und weine.

4

Die Zeit steht ehern wie ein Koloß, Läutet und dröhnt den unerbittlichen Donner, Übertürmt die wütend flehenden Hände. Die an ihr reißen. Wenn Sonne emporschießt wie eine Fanfare, Wenn die Sterne ihr schweigendes Gloria klingen, Wenn der Wind über Länder sich biegt, — Zeit steht, Zeit geschieht, Zeit braust Und bleibt errichtet, Drückt uns die Zentnerlast auf versagende Nacken. Wir werden verzweifeln müssen.

5

Stürze zusammen unsichtbarer Bau, Gewölbt aus Menschsein und einigstem Gefühl! Stürze zusammen, heilige Spannung Über Herz und allverständlichem Wort! Stürze zusammen, Bogen des Lebens, Aufsteigend und ruhend über uraltem Grund! Stürze zusammen, lichtes Gewölbe, Gefügt aus Erkenntnis rollender Zeiten! Kein Boden trägt mehr, Kein Land ruht mehr In Flut und Getöse. Weggerissen in Brandung von Schrei und Angst Zerbirst das Gefüge der Welt. Nicht Haß hat gesiegt, — aber Verzweiflung! Verzweiflung zerrüttet den Bau der Welt.

6

Es gehen Engel in den Städten um. Und sei’s nur einer in den tausend Straßen, Nur einer, dessen Auge Wahrheit leuchtet, Und dessen Herz im Gang der Welten schlägt, — Es bieten reine Hände sich ins Leben, Und reine Stimmen sagen ew’ge Namen. Doch die Gnade des Glaubens ist uns versagt, Zu fremd die Liebe, der die Hand sich böte. Eingefressen in die tiefsten Adern Treibt die Not den toten Gang Und vergiftet jeden Wunders zartesten Keim. Es gehen Engel in den Städten um. Vergebens!

7

Preßt den Ring des Verzichts um das stürmende Herz! Nehmt die Hand aus den Händen, die man euch reichte! Schreitet hinunter in die brodelnde Zeit! Vergebens Geduld und Schrei und Gebet, Erfülle dich, tobender Abgrund! Nicht wir mehr halten und retten, Nicht uns mehr spannt sich der himmlische Bogen, Wir sind verdammt. Aber, Geschlechter ihr, nach uns, Hebt euch auf aus unserem armen Blut, Aus dem Schutt unsres Schmerzes Mit euren Stirnen in das Schneelicht der Gerechtigkeit.

8

Aber Geschlechter ihr, nach uns, hebt euch auf aus unserem dumpfen Streit! Unsern Wunden ist der Lohn versagt, Über unsern Schlachten stand kein Stern, Über unsern Scharen keine Liebe. Unsre Sünde trat den Glauben nieder. Aber Geschlechter ihr, nach uns, euch vertrauen wir. Wir strömen alle Hoffnung euch ins Blut, In euere Geburten alle Liebe, In euren Aufgang alle reinste Tat. Des Menschen ew’ges Sternbild steig euch auf!

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