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Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1

Novellen. (continued 2)

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Vor ihm ging mit unsicheren, schleppenden Schritten ein alter Mann, der heftig weinte. Als der Major an seiner Seite war, sah jener sich um, es war der Regisseur der Oper. Der Alte trat näher zu ihm, sah ihn lange an, schien sich auf etwas zu besinnen und sprach dann: »Möchten Sie nicht, Herr Baron, wir hätten nur geträumt, und jenes liebliche Kind, das man begraben hat, wäre noch am Leben?«

»Woran mahnen Sie mich!« rief der Major mit unwillkürlichem Grauen; »ja, bei Gott, es ist so, wie Sie träumten; sie ist begraben, und wir beide gehen nebeneinander von ihrem Grab.«

»Drum soll der Mensch nie mit dem Schicksal scherzen,« sagte der Alte mit trübem Ernst. »Ist es heute nicht elf Tage, daß wir Othello gaben? Am achten ist sie gestorben.«

»Zufall, Zufall!« rief der Major. »Wollen Sie Ihren Wahnsinn auch jetzt noch fortsetzen? Weiß ich doch nur zu gut, an was sie starb? Wohl hat ein Dolch ihre Seele wie Desdemonas Brust durchstoßen; ein Elender, schwärzer als Ihr Othello, hat ihr Herz gebrochen; aber dennoch ist es Aberglaube, Wahnsinn, wenn Sie diesen Tod und Ihre Oper zusammenreimen!«

»Unser Streit macht sie nicht wieder lebendig,« sagte der Alte mit Tränen. »Glauben Sie, was Sie wollen, Verehrter! ich werde es, wie ich es weiß, in meiner Opernchronik notieren. Es hat so kommen müssen!«

»Nein!« erwiderte der Major beinahe wütend, »nein, es hat nicht so kommen müssen; ein Wort von mir hätte sie vielleicht gerettet. Bringen Sie mir um Gottes willen Ihren Othello nicht ins Spiel; es ist Zufall, Alter; ich will es haben, es ist Zufall!«

»Es gibt, mit Ihrer Erlaubnis, keinen Zufall; es gibt nur Schickung. Doch ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, denn hier ist meine Behausung. Glauben Sie übrigens, was Sie wollen;« setzte der Alte hinzu, indem er die kalte Hand des Majors in der seinigen preßte, »das Faktum ist da, sie starb – acht Tage nach Othello.«

Die Bettlerin vom Pont des Arts.

1.

Wer im Jahre 1824 abends hie und da in den Gasthof zum König von England in Stuttgart kam oder nachmittags zwischen zwei und drei in den Anlagen auf dem breiten Wege promenierte, muß sich, wenn anders sein Gedächtnis nicht zu kurz ist, noch einiger Gestalten erinnern, die damals jedes Auge auf sich zogen. Es waren nämlich zwei Männer, die ganz und gar nicht unter die gewöhnlichen Stuttgarter Trinkgäste oder Anlagenspaziergänger paßten, sondern eher auf den Prado zu Madrid oder in ein Café zu Lissabon oder Sevilla zu gehören schienen. Denket euch einen ältlichen, großen, hageren Mann mit schwärzlichgrauen Haaren, tiefen, brennenden Augen von dunkelbrauner Farbe, mit einer kühn gebogenen Nase und feinem eingepreßten Mund. Er geht langsam, stolz und aufrecht. Zu seinen schwarzseidenen Beinkleidern und Strümpfen, zu den großen Rosen auf den Schuhen und den breiten Schnallen am Kniegürtel, zu dem langen, dünnen Degen an der Seite, zu dem hohen, etwas zugespitzten Hut mit breitem Rande, schief an die Stirne gedrückt, wünschet ihr, wenn euch nur einigermaßen Phantasie innewohnt, ein kurzes, geschlitztes Wams und einen spanischen Mantel statt des schwarzen Frackes, den der Alte umgelegt hat.

Und der Diener, der ihm ebenso stolzen Schrittes folgt, erinnert er nicht durch das spitzbübische, dummdreiste Gesicht, durch die fremdartige, grelle Kleidung, durch das ungenierte Wesen, womit er um sich schaut, alles angafft und doch nichts bewundert, an jene Diener im spanischen Lustspiel, die ihrem Herrn wie ein Schatten treu, an Bildung tief unter ihm, an Stolz neben ihm, an List und Schlauheit über ihm stehen? Unter dem Arm trägt er seines Gebieters Sonnenschirm und Regenmantel, in der Hand eine silberne Büchse mit Zigarren und eine Lunte.

Wer blieb nicht stehen, wenn diese beiden langsam durch die Promenade wandelten, um ihnen nachzusehen? Es war aber bekanntlich niemand anders, als Don Pedro di San Montanjo Ligez, der Haushofmeister des Prinzen von P., der sich zu jener Zeit in Stuttgart aufhielt, und Diego, sein Diener.

Wie es oft zu geschehen pflegt, daß nur ein kleines, geringes Ereignis dazu gehört, einen Menschen berühmt und auffallend zu machen, so geschah dies auch mit dem jungen Fröben, der schon seit einem halben Jahr (so lange mochte er sich wohl in Stuttgart aufhalten) alle Tage Schlag zwei Uhr durch das Schloßportal in die Anlagen trat, dreimal um den See und fünfmal den breiten Weg auf und nieder ging, an allen den glänzenden Equipagen, schönen Fräulein, an einer Masse von Direktoren, Räten und Leutnants vorüberkam und von niemand beachtet wurde, denn er sah ja aus wie ein ganz gewöhnlicher Mensch von etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahren. Seitdem er aber eines Nachmittags im breiten Weg auf Don Pedro gestoßen, solcher ihn gar freundlich gegrüßt, seinen Arm traulich in den seinigen geschoben hatte und mit ihm einigemal, eifrig sprechend, auf und ab spaziert war, seitdem betrachtete man ihn neugierig, sogar mit einer gewissen Achtung; denn der stolze Spanier, der sonst mit niemand sprach, hatte ihn mit auffallender Aestimation behandelt.

Die schönsten Fräulein fanden jetzt, daß er gar kein übles Gesicht habe, ja es liege sogar etwas Interessantes, überaus Anziehendes darin, was man in den Anlagen eben nicht häufig sehe; die Direktoren und allerlei Räte fragten: »Wer der junge Mann wohl sein könnte?« und nur einige Leutnants konnten Auskunft geben, daß er hie und da im Museum Beefsteaks speise, seit einem halben Jahre in der Schloßstraße wohne und einen schönen Mecklenburger reite, so ihm eigen angehörig. Sie setzten noch vieles über die Vortrefflichkeit dieses Pferdes hinzu, wie es gebaut, von welcher Farbe, wie alt es sei, was es wohl kosten könnte, und kamen so auf die Pferde überhaupt zu sprechen, was sehr lehrreich zu hören gewesen sein soll.

Den jungen Fröben aber sah man seit dieser Zeit öfter in Gesellschaft Don Pedros, und gewöhnlich fand er sich abends im König von England ein, wo er, etwas entfernt von andern Gästen, bei dem Sennor saß und mit ihm sprach. Diego aber stand hinter dem Stuhl seines Herrn und bediente beide fleißig mit Xeres und Zigarren. Niemand konnte eigentlich begreifen, wie die beiden Herren zusammengekommen oder welches Interesse sie aneinander fanden. Man riet hin und her, machte Konjekturen, und am Ende hätte doch der junge Mann selbst den besten Aufschluß darüber geben können, wenn ihn nur einer gefragt hätte.

2.

Und war es denn nicht die schöne Galerie der Brüder Boisserée und Bertram, wo sie sich zuerst fanden und erkannten? Diese gastfreien Männer hatten dem jungen Manne erlaubt, ihre Bilder so oft zu besuchen, als er immer wollte; und er tat dies, wenn er nur immer in der Mittagstunde, wo die Galerie geöffnet wurde, kommen konnte. Es mochte regnen oder schneien, das Wetter mochte zu den herrlichsten Ausflügen in die Gegend locken, er kam; er sah oft recht krank aus und kam dennoch. Man würde aber unbilligerweise den Kunstsinn des Herrn von Fröben zu hoch anschlagen, wenn man etwa glaubte, er habe die herrlichen Bilder der alten Niederländer studiert oder nachgezeichnet. Nein, er kam leise in die Türe, grüßte schweigend und ging in ein entferntes Zimmer, vor ein Bild, das er lange betrachtete; und ebenso still verließ er wieder die Galerie. Die Eigentümer dachten zu zart, als daß sie ihn über seine wunderliche Vorliebe für das Bild befragt hätten; aber auch ihnen mußte es natürlich aufgefallen sein, denn oft, wenn er herausging, konnte er nur schlecht die Tränen verbergen, die ihm im Auge quollen.

Großen historischen oder bedeutenden Kunstwert hatte das Bildchen nicht. Es stellte eine Dame in halb spanischer, halb altdeutscher Tracht vor. Ein freundliches, blühendes Gesicht mit klaren, liebevollen Augen, mit feinem, zierlichem Mund und zartem, rundem Kinn trat sehr lebendig aus dem Hintergrund hervor. Die schöne Stirne umzog reiches Haar und ein kleiner Hut, mit weißen buschigen Federn geschmückt, der etwas schalkhaft zur Seite saß. Das Gewand, das nur den schönen zierlichen Hals frei ließ, war mit schweren goldenen Ketten umhängt und zeugte ebensosehr von der Sittsamkeit als dem hohen Stand der Dame.

»Am Ende ist er wohl in das Bild verliebt,« dachte man, »wie Kalaf in das der Prinzessin Turandot, obschon mit ungleich geringerer Hoffnung, denn das Bild ist wohl dreihundert Jahre alt und das Original nicht mehr unter den Lebenden.«

Nach einiger Zeit schien aber Fröben nicht mehr der einzige Anbeter des Bildes zu sein. Der Prinz von P. hatte eines Tages mit seinem Gefolge die Galerie besucht. Don Pedro, der Haushofmeister, hatte die umherschreitende Schar der Zuschauer verlassen und besah sich die Gemälde, einsam von Zimmer zu Zimmer wandelnd; doch wie vom Blitz gerührt, mit einem Ausruf des Erstaunens, war er vor dem Bild jener Dame stehen geblieben. Als der Prinz die Galerie verließ, suchte man den Haushofmeister lange vergebens. Endlich fand man ihn, mit übergeschlagenen Armen, die feurigen Augen halb zugedrückt, den Mund eingepreßt, in tiefer Betrachtung vor dem Bilde.

Man erinnerte ihn, daß der Prinz bereits die Treppe hinabsteige, doch der alte Mann schien in diesem Augenblicke nur für eines Sinn zu haben. Er fragte, wie dies Bild hierher gekommen sei. Man sagte ihm, daß es von einem berühmten Meister vor mehreren hundert Jahren gefertigt und durch Zufall in die Hände der jetzigen Eigentümer gekommen sei.

»O Gott, nein!« antwortete er, »das Bild ist neu, nicht hundert Jahre alt; woher, sagen Sie, woher? O, ich beschwöre Sie, wo kann ich sie finden?«

Der Mann war alt und sah zu ehrwürdig aus, als daß man diesen Ausbruch des Gefühls hätte lächerlich finden können; doch als er dieselbe Behauptung wieder hörte, daß das Bild alt und wahrscheinlich von Lukas Cranach selbst gemalt sei, da schüttelte er bedenklich den Kopf.

»Meine Herren,« sprach er und legte beteuernd die Hand aufs Herz, »meine Herren, Don Pedro di San Montanjo Ligez hält Sie für ehrenwerte Leute. Sie sind nicht Gemäldeverkäufer und wollen mir dies Bild nicht als alt verkaufen; ich darf durch Ihre Güte diese Bilder sehen, und Sie genießen die Achtung dieser Provinz. Aber es müßte mich alles täuschen oder – ich kenne die Dame, die jenes Bild vorstellt.«

Mit diesen Worten schritt er, ehrerbietig grüßend, aus dem Zimmer.

»Wahrhaftig!« sagte einer der Eigentümer der Galerie, »wenn wir nicht so genau wüßten, von wem dieses Bild gemalt ist, wann und wie es in unsern Besitz kam, und welche lange Reihe von Jahren es vorher in K. hing, man wäre versucht, an dieser Dame irre zu werden. Scheint nicht selbst den jungen Fröben irgend eine Erinnerung beinahe täglich vor dieses Bild zu treiben, und dieser alte Don, blitzte nicht ein jugendliches Feuer aus seinen Augen, als er gestand, daß er die Dame kenne, die hier gemalt ist? Sonderbar, wie oft die Einbildung ganz vernünftigen Menschen mitspielt; und mich müßte alles täuschen, wenn der Spanier zum letztenmal hier gewesen wäre.«

3.

Und es traf ein; kaum war die Galerie am folgenden Vormittag geöffnet worden, trat auch schon Don Pedro di San Montanjo Ligez festen, erhabenen Schrittes ein und strich an der langen Bilderreihe vorüber nach jenem Zimmer hin, wo die Dame mit dem Federhute aufgestellt war. Es verdroß ihn, daß der Platz vor dem Bilde schon besetzt war, daß er es nicht allein und einsam Zug für Zug mustern konnte, wie er so gerne getan hätte. Ein junger Mann stand davor, blickte es lange an, trat an ein Fenster, sah hinaus nach dem Fluge der Wolken und trat dann wieder zu dem Bilde. Es verdroß den alten Herrn etwas; doch – er mußte sich gedulden.

Er machte sich an andern Bildern zu schaffen, aber erfüllt von dem Gedanken an die Dame drehte er alle Augenblicke den Kopf um, um zu sehen, ob der junge Herr noch immer nicht gewichen sei, aber er stand wie eine Mauer, er schien in Betrachtung versunken. Der Spanier hustete, um ihn aus den langen Träumen zu wecken, jener träumte fort; er scharrte etwas weniges mit dem Fuß auf dem Boden, der junge Mann sah sich um, aber sein schönes Auge streifte flüchtig an dem alten Herrn vorüber und haftete dann von neuem auf dem Gemälde.

»San Pedro! San Jago di Compostella!« murmelte der Alte, »welch langweiliger, alberner Dilettante!« Unmutig verließ er das Zimmer und die Galerie, denn er fühlte, heute sei ihm schon aller Genuß benommen durch Verdruß und Aerger. Hätte er doch lieber gewartet! Den Tag nachher war die Galerie geschlossen, und so mußte er sich achtundvierzig lange Stunden gedulden, bis er wieder zu dem Gemälde gehen konnte, das ihn in so hohem Grade interessierte. Noch ehe die Glocken der Stiftskirche völlig zwölf Uhr geschlagen, stieg er mit anständiger Eile die Treppe hinan, hinein in die Galerie, dem wohlbekannten Zimmer zu, und getroffen! Er war der erste, war allein, konnte einsam betrachten.

Er schaute die Dame lange mit unverwandten Blicken an, sein Auge füllte nach und nach eine Träne, er fuhr mit der Hand über die grauen Wimpern. »O Laura!« flüsterte er leise. Da tönte ganz vernehmlich ein Seufzer an seine Ohren, er wandte sich erschrocken um, der junge Mann von vorgestern stand wieder hier und blickte auf das Bild. Verdrießlich, sich unterbrochen zu sehen, nickte er mit dem Haupt ein flüchtiges Kompliment, der junge Mann dankte etwas freundlicher, aber nicht minder stolz als der Spanier. Auch diesmal wollte der letztere den überflüssigen Nachbar abwarten; aber vergeblich, er sah zu seinem Schrecken, wie jener sogar einen Stuhl nahm, sich einige Schritte vor dem Gemälde niedersetzte, um es mit gehöriger Muße und Bequemlichkeit zu betrachten.

»Der Geck,« murmelte Don Pedro, »ich glaube gar, er will mein graues Haar verhöhnen.« Er verließ, noch unmutiger als ehegestern, das Gemach.

Im Vorsaal stieß er auf einen der Eigentümer der Galerie; er sagte ihm herzlichen Dank für den Genuß, den ihm die Sammlung bereitete, konnte sich aber nicht enthalten, über den jungen Ruhestörer sich etwas zu beklagen. »Herr B.,« sagte er, »Sie haben vielleicht bemerkt, daß vorzüglich eines Ihrer Bilder mich anzog; es interessiert mich unendlich, es hat eine Bedeutung für mich, die – die ich Ihnen nicht ausdrücken kann. Ich kam, so oft Sie es vergönnten, um das Bild zu sehen, freute mich recht, es ungestört zu sehen, weil doch gewöhnlich die Menge nicht lange dort verweilt, und – denken Sie sich, da hat es mir ein junger, böser Mensch abgelauscht, und kommt, so oft ich komme, und bleibt, mir zum Trotze bleibt er stundenlang vor diesem Bilde, das ihn doch gar nichts angeht!«

Herr B. lächelte; denn recht wohl konnte er sich denken, wer den alten Herrn gestört haben mochte. »Das letztere möchte ich denn doch nicht behaupten,« antwortete er; »das Bild scheint den jungen Mann ebenfalls nahe anzugehen, denn es ist nicht das erste Mal, daß er es so lange betrachtet.«

»Wieso? Wer ist der Mensch?«

»Es ist ein Herr von Fröben,« fuhr jener fort, »der sich seit fünf, sechs Monaten hier aufhält, und seit er das erste Mal jenes Bild gesehen, eben jene Dame mit dem Federhut, das auch Sie besuchen, kommt er alle Tage regelmäßig zu dieser Stunde, um das Bild zu betrachten. Sie sehen also zum wenigsten, daß er Interesse an dem Bilde nehmen muß, da er es schon so lange besucht.«

»Herr! Sechs Monate?« rief der Alte. »Nein, dem habe ich bitter unrecht getan in meinem Herzen, Gott mag es mir verzeihen! Ich glaube gar, ich habe ihn unhöflich behandelt im Unmut. Und ist ein Kavalier, sagen Sie? Nein, man soll von Pedro di Ligez nicht sagen können, daß er einen fremden Mann unhöflich behandelte. Ich bitte, sagen Sie ihm – doch lassen Sie das, ich werde ihn wieder treffen und mit ihm sprechen.«

4.

Als er den andern Tag sich wieder einfand und Fröben schon vor dem Gemälde traf, trat er auch hinzu mit recht freundlichem Gesicht; als aber der junge Mann ehrerbietig auf die Seite wich, um dem alten Herrn den bessern Platz einzuräumen, verbeugte sich dieser höflich grüßend und sprach: »Wenn ich nicht irre, Sennor, so habe ich Sie schon mehrere Male vor diesem Gemälde verweilen sehen. – Da geht es Ihnen wohl gleich mir; auch mir ist dieses Bild sehr interessant, und ich kann es nie genug betrachten.«

Fröben war überrascht durch diese Anrede; auch ihm waren die Besuche des Alten vor dem Bilde aufgefallen, er hatte erfahren, wer jener sei, und nach der steifen, kalten Begrüßung von gestern war er dieser freundlichen Anrede nicht gewärtig. »Ich gestehe, mein Herr!« erwiderte er nach einigem Zögern, »dieses Bild zieht mich vor allen andern an, denn – weil – es liegt etwas in diesem Gemälde, das für mich von Bedeutung ist.« – Der Alte sah ihn fragend an, als genüge ihm diese Antwort nicht völlig, und Fröben fuhr gefaßter fort: »Es ist wunderbar mit Kunstwerken, besonders mit Gemälden. Es gehen an einem Bilde oft Tausende vorüber, finden die Zeichnung richtig, geben dem Kolorit ihren Beifall, aber es spricht sie nicht tiefer an, während einem einzelnen aus solch einem Bilde eine tiefere Bedeutung aufgeht; er bleibt gefesselt stehen, kann sich kaum losreißen von dem Anblick, er kehrt wieder und immer wieder, von neuem zu betrachten.«

»Sie können recht haben,« sagte der Alte nachdenkend, indem er auf das Gemälde schaute, »aber – ich denke, es ließe sich dies nur von größeren Kompositionen sagen, von Gemälden, in welche der Maler eine tiefere Idee legte. Es gehen viele vorüber, bis die Bedeutung endlich einem aufgeht, der dann den tiefen Sinn des Künstlers bewundert. Aber sollte man dies von solchen Köpfen behaupten können?«

Der junge Mann errötete. »Und warum nicht?« fragte er lächelnd. »Die schönen Formen dieses Gesichtes, die edle Stirne, dieses sinnende Auge, dieser holde Mund, hat sie der Künstler nicht mit tiefem Geiste geschaffen, liegt nicht etwas so Anziehendes in diesen Zügen, daß –«

»O bitte, bitte,« unterbrach ihn der Alte, gütig abwehrend; »es war allerdings eine recht hübsche Person, die dem Künstler gesessen, die Familie hat schöne Frauen.«

»Wie? welche Familie?« rief der Jüngling erstaunt; er zweifelte an dem gesunden Verstand des Alten, und doch schienen ihn seine Worte aufs höchste zu spannen. »Dies Bild ist wohl reine Phantasie, mein Herr, ist zum wenigsten mehrere hundert Jahre alt!«

»Also glauben Sie das Märchen auch?« flüsterte der Alte; »unter uns gesagt, diesmal wurde der Scharfblick der Eigentümer doch getäuscht; ich kenne ja die Dame.«

»Um Gottes willen, Sie kennen sie? wo ist sie jetzt, wie heißt sie?« sprach Fröben heftig bewegt, indem er die Hand des Spaniers faßte.

»Sage ich lieber, ich habe sie gekannt,« antwortete dieser mit zitternder Stimme, indem er das feuchte Auge zu der Dame aufschlug. »Ja, ich habe sie gekannt, in Valencia vor zwanzig Jahren; eine lange Zeit! Es ist niemand anders als Donna Laura Tortosi.«

»Zwanzig Jahre!« wiederholte der junge Mann traurig und niedergeschlagen. »Zwanzig Jahre, nein, sie ist es nicht!«

»Sie ist es nicht?« fuhr Don Pedro hitzig auf. »Nicht, sagen Sie? So können Sie glauben, ein Maler habe diese Züge aus seinem Hirn zusammengepinselt? Doch ich will nicht ungerecht sein, es war wohl ein tüchtiger Mann, der sie malte, denn seine Farben sind wahr und treu, treu und frisch wie das blühende Leben. Aber glauben Sie, daß ein solcher Künstler aus seiner Phantasie nicht ein ganz anderes Bild erschafft. Finden Sie nicht, ohne die Familie Tortosi zu kennen, daß diese Dame offenbar Familienähnlichkeit haben müsse, Familienzüge, bestimmt und klar von der Natur ausgesprochen, Züge, wie man sie nie in Gemälden der Phantasie, sondern nur bei guten Porträts findet? Es ist ein Porträt, sag' ich Ihnen, Sennor, und bei Gott kein anderes, als das der Donna Laura, wie ich sie vor zwanzig Jahren gesehen in dem lieblichen Valencia.«

»Mein verehrter Herr,« erwiderte ihm Fröben, »es gibt Aehnlichkeiten, täuschende Aehnlichkeiten; man glaubt oft einen Freund sprechend getroffen zu sehen, nur in sonderbarem, veraltetem Kostüm, und wenn man fragt, ist es sein Urahn aus dem Dreißigjährigen Kriege oder überdies gar noch ein Fremder. Ich gebe auch zu, daß dieses Bild sogenannte Familienzüge trage, daß es der liebenswürdigen Donna Laura gleiche, aber dieses Bild, dieses ist alt, und so viel weiß man wenigstens aus Registern und Kirchenbüchern, daß es in der Magdalenenkirche zu K. schon seit hundertundfünfzig Jahren hing, durch zufällige Stiftung, nicht auf Bestellung, in die Kirche kam, und nach allen Anzeichen von dem deutschen Maler Lukas Cranach gefertigt wurde.«

»So hole der lebendige Satan meine Augen!« rief Don Pedro ärgerlich, indem er aufsprang und seinen Hut nahm. »Ein Blendwerk der Hölle ist's, sie will mich in meinen alten Tagen noch einmal durch dies Gemälde in Wehmut und Gram versenken.« Tränen standen dem alten Mann in den Augen, als er mit hastigen, dröhnenden Schritten die Galerie verließ.

5.

Aber dennoch war er auch jetzt nicht zum letztenmal dagewesen. Fröben und er sahen sich noch oft vor dem Bilde, und der Alte gewann den jungen Mann durch sein bescheidenes, aber bestimmtes Urteil, durch seine liebenswürdige Offenheit, durch sein ganzes Wesen, das feine Erziehung, treffliche Kenntnisse und einen für diese Jahre seltenen Takt verriet, immer lieber. Der Alte war fremd in dieser Stadt, er fühlte sich einsam, dennoch war er der Welt nicht so sehr abgestorben, daß er nicht hin und wieder einen Menschen hätte sprechen mögen. So kam es, daß er sich unvermerkt näher an den jungen Fröben anschloß; zog ihn ja dieser auch dadurch so unbeschreiblich an, daß er ein teures Gefühl mit ihm teilte, nämlich die Liebe zu jenem Bilde.

So kam es, daß er den jungen Mann auf dem Spaziergang gerne begleitete, daß er ihn oft einlud, ihm abends Gesellschaft zu leisten. Eines Abends, als der Speisesaal im König von England ungewöhnlich gefüllt war und rings um die beiden fremde Gäste saßen, so daß sie sich im traulichen Gespräche gehindert fühlten, sprach Don Pedro zu seinem jungen Freund: »Sennor, wenn Ihr anders diesen Abend nicht einer Dame versprochen habt, vor ihrem Gitter mit der Laute zu erscheinen, oder wenn Euch nicht sonst ein Versprechen hindert, so möchte ich Euch einladen, eine Flasche echten Ximenes mit mir auszustechen auf meinem Gemach.«

»Sie ehren mich unendlich,« antwortete Fröben, »mich bindet kein Versprechen, denn ich kenne hier keine Dame, auch ist es hiesigen Orts nicht Sitte, abends die Laute zu schlagen auf der Straße oder sich mit der Geliebten am Fenster zu unterhalten. Mit Vergnügen werde ich Sie begleiten.«

»Gut; so geduldet Euch hier noch eine Minute, bis ich mit Diego die Einrichtung gemacht; ich werde Euch rufen lassen.«

Der Alte hatte diese Einladung mit einer Art von Feierlichkeit gesprochen, die Fröben sonderbar auffiel. Jetzt erst entsann er sich auch, daß er noch nie auf Don Pedros Zimmer gewesen, denn immer hatten sie sich in dem allgemeinen Speisesaal des Gasthofs getroffen. Doch aus allem zusammen glaubte er schließen zu müssen, daß es eine besondere Höflichkeit sei, die ihm der Spanier durch diese Einführung bei sich erzeigen wolle. Nach einer Viertelstunde erschien Diego mit zwei silbernen Armleuchtern, neigte sich ehrerbietig vor dem jungen Mann und forderte ihn auf, ihm zu folgen. Fröben folgte ihm und bemerkte, als er durch den Saal ging, daß alle Trinkgäste ihm neugierig nachschauten und die Köpfe zusammensteckten. Im ersten Stock machte Diego eine Flügeltüre auf und winkte dem Gast, einzutreten. Ueberrascht blieb dieser auf der Schwelle stehen. Sein alter Freund hatte den Frack abgelegt, ein schwarzes, geschlitztes Wams mit roten Puffen angezogen und einen langen Degen mit goldenem Griff umgeschnallt; ein dunkelroter Mantillo fiel ihm über die Schultern. Feierlich schritt er seinem Gast entgegen und streckte seine dürre Hand aus den reichen Manschetten hervor, ihn zu begrüßen. »Seid mir herzlich willkommen, Don Fröbenio,« sprach er, »stoßet Euch nicht an diesem prunklosen Gemach; auf Reisen, wie Ihr wißt, fügt sich nicht alles wie zu Hause. Weicher allerdings geht es sich in meinem Saale zu Lissabon, und meine Diwans sind echt maurische Arbeit; doch setzet Euch immer zu mir auf dies schmale Ding, Sofa genannt, ist doch der Wein des Herrn Schwaderer echt und gut; setzt Euch!«

Er führte unter diesen Worten den jungen Mann zu einem Sofa; der Tisch vor diesem war mit Konfitüren und Wein besetzt; Diego schenkte ein und brachte Zündstock und Zigarren.

»Schon lange,« hub dann Don Pedro an, »schon lange hätte ich gern einmal so recht vertraulich zu Euch gesprochen, Don Fröbenio, wenn Ihr anders mein Vertrauen nicht gering achtet. Sehet, wenn wir uns oft zur Mittagsstunde vor Lauras Bildnis trafen, da habe ich Euch, wenn Ihr so recht versunken waret in Anschauung, aufmerksam betrachtet, und, vergebt mir, wenn meine alten Augen einen Diebstahl an Euren Augen begingen, ich bemerkte, daß der Gegenstand dieses Gemäldes noch höheres Interesse für Euch haben müsse und eine tiefere Bedeutung, als Ihr mir bisher gestanden.«

Fröben errötete; der Alte sah ihn so scharf und durchdringend an, als wollte er im innersten Grund seiner Seele lesen. »Es ist wahr,« antwortete er, »dieses Bild hat eine tiefe Bedeutung für mich, und Sie haben recht gesehen, wenn Sie glauben, es sei nicht das Kunstwerk, was mich interessiere, sondern der Gegenstand des Gemäldes. Ach, es erinnert mich an den sonderbarsten, aber glücklichsten Moment meines Lebens! Sie werden lächeln, wenn ich Ihnen sage, daß ich einst ein Mädchen sah, das mit diesem Bild täuschende Aehnlichkeit hatte; ich sah sie nur einmal und nie wieder, und darum gehört es zu meinem Glück, wenigstens ihre holden Züge in diesem Gemälde wieder aufzusuchen.«

»O Gott! das ist ja auch mein Fall!« rief Don Pedro.

»Doch lachen werden Sie,« fuhr Fröben fort, »wenn ich gestehe, daß ich nur von einem Teil des Gesichtes dieser Dame sprechen kann. Ich weiß nicht, ist sie blond oder braun, ist ihre Stirne hoch oder nieder, ist ihr Auge blau oder dunkel, ich weiß es nicht! Aber diese zierliche Nase, dieser liebliche Mund, diese zarten Wangen, dieses weiche Kinn finde ich auf dem geliebten Bilde, wie ich es im Leben geschaut!«

»Sonderbar! – Und diese Formen, die sich dem Gedächtnis weniger tief einzudrücken pflegen als Auge, Stirn und Haar, diese sollten, nachdem Ihr nur einmal sie gesehen, so lebhaft in Eurer Seele stehen?«

»O Don Pedro!« sprach der Jüngling bewegt, »einen Mund, den man einmal geküßt hat, einen solchen Mund vergißt man so leicht nicht wieder. Doch, ich will erzählen, wie es mir damit ergangen.« –

»Halt ein, kein Wort!« unterbrach ihn der Spanier; »Ihr würdet mich für sehr schlecht erzogen halten müssen, wollte ich einem Kavalier sein Geheimnis entlocken, ohne ihm das meine zuvor als Pfand gegeben zu haben. Ich will Euch erzählen von der Dame, die ich in jenem sonderbaren Bild erkannte, und wenn Ihr mich dann Eures Vertrauens würdig achtet, so möget Ihr mir mit Eurer Geschichte vergelten. Doch, Ihr trinket ja nicht; es ist echter, spanischer Wein, und ihn müßt Ihr trinken, wenn Ihr mit mir Valencia besuchen wollt.«

Sie tranken von dem begeisternden Ximenes und der Alte hub an.

6.

»Sennor, ich bin in Granada geboren. Mein Vater kommandierte ein Regiment, und er und meine Mutter stammten aus den ältesten Familien dieses Königreichs. Ich wurde im Christentum und allen Wissenschaften erzogen, die einen Edelmann zieren, und mein Vater bestimmte mich, als ich zwanzig Jahre alt und gut gewachsen war, zum Soldaten. Aber er war ein Mann, streng und ohne Rücksicht im Dienste, und weil er die Zärtlichkeit meiner Mutter für mich kannte und fürchtete, sie möchte ihn oft verhindern, mich meine Pflicht gehörig vollbringen zu machen, beschloß er, mich zu einem andern Regiment zu schicken, und seine Wahl fiel auf Pampeluna, wo mein Oheim kommandierte. Ich lernte dort den Dienst sorgfältig und genau und brachte es in den folgenden zehn Jahren bis zum Kapitän. Als ich dreißig alt war, wurde mein Oheim nach Valencia versetzt. Er hatte Einfluß und wußte zu bewirken, daß ich ihm schon nach einem halben Jahr als Adjutant folgen konnte. Als ich aber in Valencia ankam, hatte sich in meines Oheims Hauswesen vieles geändert. Er war schon längst, noch in Pampeluna, Witwer geworden. In Valencia hatte er eine reiche Witwe kennen gelernt und sie einige Wochen früher, als ich bei ihm eintraf, geheiratet. Sie können denken, wie ich überrascht war, als er mir eine ältliche Dame vorstellte und sie seine Gemahlin nannte; meine Ueberraschung stieg aber und gewann an Freude, als er auch ein Mädchen, schön wie der Tag, herbeiführte und sie seine Tochter Laura, meine Cousine, nannte. Ich hatte bis zu jenem Tage nicht geliebt, und meine Kameraden hatten mich oft deshalb Pedro el pedro (den steinernen Pedro) genannt; aber dieser Stein zerschmolz wie Wachs von den feurigen Blicken Lauras.

Ihr habt sie gesehen, Don Fröbenio, jenes Bild gibt ihre himmlischen Züge wieder, wenn es anders einem irdischen Künstler möglich ist, die wundervollen Werke der Natur zu erreichen. Ach, gerade so trug sie ihr Haar, so mutig wie auf jenem Gemälde hatte sie das Hütchen mit den wallenden Federn aufgesetzt, und wenn sie ihr dunkles Auge unter den langen Wimpern aufschlug, so war es, als ob die Pforten des Himmels sich öffneten und ein leuchtender Engel freundlich herabgrüßte.

Meine Liebe, Sennor, war eine freudige; ich konnte ja täglich um sie sein; jene Schranken, die in meinem Vaterlande gewöhnlich die Liebenden trennen und die Liebe schmerzlich, ängstlich, gramvoll und verschlagen machen, jene Schranken trennten uns nicht. Und wenn ich in die Zukunft sah, wie lachend erschien sie mir! Mein Oheim liebte mich wie seinen Sohn; verstand ich seine Winke recht, so schien es ihm nicht unangenehm, wenn ich mich um seine Tochter bewerbe; und von meinem Vater konnte ich kein Hindernis erwarten, denn Laura stammte aus edlem Blute und der Reichtum ihrer Mutter war bekannt. Wie mächtig meine Liebe war, könnt Ihr schon daraus ersehen, daß ich da liebte, wo es so gänzlich ohne Not und Jammer abging. Denn gewöhnlich entsteht die Liebe aus der angenehmen Bemerkung, daß man der Geliebten vielleicht nicht mißfallen habe; wie Feuer unter den Dächern fortschleicht und durch eine Mauer aufgehalten plötzlich verzehrend nieder in das Haus und prasselnd auf zum Himmel schlägt, so die Liebe. Die kleine Neigung wächst. Die unüberwindlich scheinenden Hindernisse spornen an; man glaubt, eine Glut zu fühlen, die nur im Arme der Geliebten sich abkühlen kann. Man spricht die Dame am Gitter, man schickt ihr Briefe durch die Zofe, man malt im Traume und Wachen ihr Bild, ihre Gestalt so reizend sich vor, denn bisher sah man sie nicht anders als im Schleier und der verhüllenden Mantilla. Endlich, sei es durch List oder Gewalt, fallen die Schranken. Man fliegt herbei, führt die Errungene zur Kirche und – besiehet sich nachher den Schatz etwas genauer. Wie auf dem schönen Wiesengrund, der nur ein Teppich ist, über ein sumpfig Moorland gedeckt, wenn du wie auf fester Erde ausschreitest, deine Füße einsinken und Quellen aus der Tiefe rieseln, so hier. Alle Augenblicke zeigt sich eine neue Laune bei der Dame, alle Tage lüftet sie Schleier und Mantilla ihres Herzens freier, und am Ende stündest du lieber wieder an dem Gitter, Liebesklagen zu singen, um – nie wiederzukehren.«

7.

»Bei Gott, Ihr seid ein scharfer Kritiker,« erwiderte Fröben errötend; »es liegt in dem, was Ihr saget, etwas Wahres, aber ganz so? Nein, da müßte ja jener Götterfunke, der zündend ins Herz schlägt, jener selige Augenblick, wo die Hälfte einer Minute zum Verständnis hinreicht, müßte lügen, und doch glaube ich an seine himmlische Abkunft. O, ist es mir denn besser ergangen?«

»Ich verstehe, was Ihr sagen wollt,« sprach Don Pedro; »jener Moment ist himmlisch schön, aber er beruht gar oft auf bitterer Täuschung. Höret weiter. Mich reizten, mich hinderten keine Schranken, und dennoch liebte ich so warm als irgend ein junger Kavalier in Spanien. Das einzige Hindernis konnte Lauras Herz sein, und – ihr Auge hatte mir ja schon oft gestanden, daß es dem meinigen gerne begegne. Alle jene kleinen Beweise meiner Zärtlichkeit, wie man sie in diesem Zustand gibt, nahm Donna Laura gütig auf, und nach einem Vierteljahre erlaubte sie mir, ihr meine Liebe zu gestehen. Die Eltern hatten die Sache längst bemerkt; mein Oheim gab mir seine Einwilligung und sagte, er habe für mich wegen guter Dienste, die ich geleistet, beim König um ein Majorspatent nachgesucht. Mit der Nachricht meines Steigens soll ich dem Vater meine Liebe gestehen und ihn um Einwilligung bitten. Ich gelobte es; ach, warum habe ich's getan! Sollte man nicht immer einen Dämon hinter sich glauben, der uns das Glück wie ein schönes Spielzeug gibt, nur um es plötzlich zu zerschlagen?

Ich hatte bald nach der Gewißheit meines Glückes mit einem Hauptmann aus einem Schweizerregiment Bekanntschaft gemacht, den ich lieb gewann und täglich in mein Haus führte. Es war ein schöner, blonder Jüngling, mit klaren blauen Augen, von weißer Haut und roten Wangen. Er hätte zu weich für einen Soldaten ausgesehen, wenn nicht berühmte Waffentaten, die er ausgeführt, in aller Munde lebten. Um so gefährlicher war er für Frauen. Seine ganze Erscheinung war so neu in diesem Lande, wo die Sonne die Gesichter dunkel färbt, wo unter schwarzem Haar schwarze Augen blitzten; und wenn er von den Eisbergen, von dem ewigen Schnee seiner Heimat erzählte, so lauschte man gerne auf seine Rede, und manche Dame mochte schon den Versuch gemacht haben, das Eis seines Herzens zu schmelzen.

Eines Morgens kam ein Freund zu mir, der um meine Liebe zu Laura wußte, und gab mir in allerlei geheimnisvollen Reden zu verstehen, ich möchte entweder auf der Hut sein oder ohne das Majorspatent meine Base heiraten, indem sonst noch manches sich ereignen könnte, was mir nicht angenehm wäre. Ich war betreten, forschte näher und erfuhr, daß Donna Laura bei einer verheirateten Freundin hie und da mit einem Mann zusammenkomme, der in einen Mantel verhüllt ins Haus schleiche. Ich entließ den Freund und dankte ihm. Ich glaubte nichts davon, aber ein Stachel von Eifersucht und Mißtrauen war in mir zurückgeblieben. Ich dachte nach über Lauras Betragen gegen mich, ich fand es unverändert; sie war hold, gütig gegen mich wie zuvor, ließ sich die Hand, wohl auch den schönen Mund küssen – aber dabei blieb es auch; denn jetzt erst fiel mir auf, wie kalt sie immer bei meiner Umarmung war, sie drückte mir die Hand nicht wieder, wenn ich sie drückte, sie gab mir keinen Kuß zurück.

Zweifel quälten mich; der Freund kam wieder, schürte durch bestimmtere Nachrichten das Feuer mächtiger an und ich beschloß bei mir, die Schritte meiner Dame aufmerksamer zu bewachen. Wir speisten gewöhnlich zusammen, der Oheim, die Tante, meine schöne Base und ich. Am Abend des Tages, als mein Freund zum zweitenmal mich gewarnt, fragte die Tante bei Tische ihre Tochter, ob sie ihr Gesellschaft leisten werde auf dem Balkon?

Sie antwortete, sie habe ihrer Freundin einen Besuch zugesagt. Unwillkürlich mochte ich sie dabei schärfer angesehen haben, denn sie schlug die Augen nieder und errötete. Sie ging eine Stunde, ehe die Nacht einbrach, zu jener Dame. Als es dunkel wurde, schlich ich mich an jenes Haus und hielt Wache; rasende Eifersucht kam über mich, als ich die Straße herauf, nahe an die Häuser gedrückt, eine verhüllte Gestalt schleichen sah. Ich stellte mich vor die Haustüre, die Gestalt kam näher und wollte mich sanft auf die Seite schieben; aber ich faßte sie am Gewand und sprach: ›Sennor, wer Ihr auch seid, in diesem Augenblick glaube ich einen Mann von Ehre vor mir zu haben, und bei Eurer Ehre fordere ich Euch auf, steht mir Rede!‹

Bei dem ersten Ton meiner Stimme sah ich ihn zusammenschrecken; er besann sich eine kleine Weile und entgegnete dann: ›Was soll es?‹

›Schwört mir bei Eurer Ehre,‹ fuhr ich fort, ›daß Ihr nicht wegen Donna Laura di Tortosi in dieses Haus geht.‹

›Wer erkühnt sich, mir über meine Schritte Rechenschaft abzufordern?‹ rief er mit dumpfer verstellter Stimme. An seiner Aussprache merkte ich, daß er ein Fremder sein müsse; eine düstere Ahnung ging in meiner Seele auf. ›Der Kapitän di San Montanjo wagt es,‹ antwortete ich und riß ihm, ehe er sich dessen versah, den Mantel vom Gesicht – es war mein Freund Tannensee, der Schweizer.

Er stand da wie ein Verbrecher, keines Wortes mächtig. Aber ich hatte meinen Degen blank gezogen, und sprachlos vor Wut deutete ich ihm an, dasselbe zu tun. ›Ich habe keine Waffen bei mir, als einen Dolch,‹ erwiderte er. Schon war ich willens, ihm ohne Zögern den Degen in den Leib zu rennen; aber als er so regungslos auf alles gefaßt vor mir stand, konnte ich das Schreckliche nicht vollbringen. Ich behielt noch so viel Fassung, daß ich ihn bestimmte, am andern Morgen vor dem Tor der Stadt mir Rechenschaft zu geben. Die Türe hielt ich besetzt; er sagte zu und ging.

Noch lange hielt ich Wache, bis endlich die Sänfte für Laura gebracht wurde, bis ich sie einsteigen sah; dann folgte ich ihr langsam nach Hause. Die Qualen der Eifersucht ließen mich keinen Schlaf auf meinem Lager finden, und so hörte ich, wie sich um Mitternacht Schritte meiner Türe näherten. Man pochte an; verwundert warf ich meinen Mantel um und schloß auf; es war die alte Dienerin Lauras, die mir einen Brief übergab und eilends wieder davonging.

Sennor! Gott möge Euch vor einem ähnlichen Brief in Gnaden bewahren! Sie gestand mir, daß sie den Schweizer längst geliebt habe, als sie mich noch gar nicht kannte; daß sie aus Furcht vor dem Zorn ihrer Mutter, die alle Fremden hasse, ihn immer zurückgehalten, um sie zu werben; daß sie, von den Drohungen meiner Tante genötigt, meine Anträge sich habe gefallen lassen. Sie nahm alle Schuld auf sich, sie schwur mit den heiligsten Eiden, daß Tannensee mir oft habe alles gestehen wollen und nur durch ihr Flehen, durch ihre Furcht, nachher strenger verwahrt zu werden, sich habe zurückhalten lassen. Sie deutete mir ein schreckliches Geheimnis an, das die Ehre der Familie beflecken werde, wenn ich ihr und dem Hauptmann nicht zur Flucht verhelfe. Sie beschwor mich, von meinem Streit abzustehen, denn wenn er falle, so bleibe ihr, seiner Gattin, nichts übrig, als sich das Leben zu nehmen. Sie schloß damit, meine Großmut anzurufen, sie werde mich ewig achten, aber niemals lieben.

Ihr werdet gestehen, daß ein solcher Brief gleich kaltem Wasser alle Flammen der Liebe löschen kann; er löschte sogar zum Teil meinen Zorn. Aber vergeben konnte ich es meiner Ehre nicht, daß ich betrogen war, darum stellte ich mich zur bestimmten Stunde auf dem Kampfplatz ein. Der Kapitän mochte tief fühlen, wie sehr er mich beleidigt; obgleich er ein besserer Fechter war als ich, verteidigte er sich nur, und nicht seine Schuld ist es, daß ich meine Hand hier zwischen Daumen und Zeigefinger in seinen Degen rannte, so daß ich außer stande war, weiter zu fechten. Ich gab ihm, während ich verbunden wurde, Lauras Brief. Er las, er bat mich flehend, ihm zu vergeben, ich tat es mit schwerem Herzen.

Die Geschichte meiner Liebe ist zu Ende, Don Fröbenio, denn fünf Tage darauf war Donna Laura mit dem Schweizer verschwunden.«

»Und mit Ihrer Hilfe?« fragte Fröben.

»Ich half, so gut es ging. Freilich war der Schmerz meiner Tante groß; aber in diesen Umständen war es besser, sie sah ihre Tochter nie wieder, als daß Unehre über das Haus kam.«

»Edler Mann! Wie unendlich viel muß Sie dies gekostet haben! Wahrhaftig, es war eine harte Prüfung.«

»Das war es,« antwortete der Alte mit düsterem Lächeln. »Anfangs glaubte ich, diese Wunde werde nie vernarben; die Zeit tut viel, mein Freund! Ich habe sie nie wieder gesehen, nie von ihnen gehört, nur einmal nannten die Zeitungen den Oberst Tannensee als einen tapfern Mann, der unter den Truppen Napoleons in der Schlacht von Brienne dem Feinde langen Widerstand getan habe. Ob es derselbe ist, ob Laura noch lebt, weiß ich nicht zu sagen.

Als ich aber in diese Stadt kam, jene Galerie besuchte, und nach zwanzig langen Jahren meine Laura wieder erblickte, ganz so, wie sie war in den Tagen ihrer Jugend, da brachen die alten Wunden wieder auf, und – nun Ihr wisset, daß ich sie täglich besuche.«

8.

Mit umständlicher Gravität, wie es dem Haushofmeister eines p…schen Prinzen, einem Mann aus altkastilischem Geschlechte geziemte, hatte Don Pedro di San Montanjo Ligez seine Geschichte vorgetragen. Als er geendet, trank er einigen Xeres, lüftete den Hut, strich sich über die Stirne und Kinn und sagte zu dem jungen Mann an seiner Seite: »Was ich wenigen Menschen vertraut, habe ich Euch umständlich erzählt, Don Fröbenio, nicht um Euch zu locken, mir mit gleichem Vertrauen zu erwidern, obgleich Euer Geheimnis so sicher in meiner Brust ruhte als der Staub der Könige von Spanien im Eskorial! – Obgleich ich gespannt bin, zu wissen, inwiefern Euch jene Dame interessiert; – aber Neugier ziemt dem Alter nicht, und damit gut.«

Fröben dankte dem Alten für seine Mitteilung. »Mit Vergnügen werde ich Ihnen meinen kleinen Roman zum besten geben,« sagte er lächelnd, »er betrifft keiner Dame Geheimnisse und endet schon da, wo andere anfangen. Aber wenn Sie erlauben, werde ich morgen erzählen, denn für heute möchte es wohl zu spät sein.«

»Ganz nach Eurer Bequemlichkeit,« erwiderte der Don, seine Hand drückend. »Euer Vertrauen werde ich zu ehren wissen.« So schieden sie; der Spanier begleitete den jungen Mann höflich bis an die Schwelle seines Vorsaals, und Diego leuchtete ihm bis auf die Straße.

Nach seiner Gewohnheit ging Fröben den Tag nachher in die Galerie; er stand lange vor dem Bilde, und wirklich dachte er an diesem Tage mehr an den Alten denn an die gemalte Dame; aber er wartete über eine Stunde – der Alte kam nicht. Er ging mit dem Schlag zwei Uhr in die Anlagen, ging langsamen Schrittes um den See, zog oft sein Fernglas und schaute die lange Promenade hinab, aber die ehrwürdige Gestalt seines alten Freundes wollte sich nicht zeigen; umsonst schaute er nach den dünnen, schwarzen Beinen, nach dem spitzen Hut, umsonst nach Diego und den bunten Kleidern, mit Sonnenschirm und Regenmantel, er war nicht zu sehen. »Sollte er krank geworden sein?« fragte er sich, und unwillkürlich ging er nach dem Schloßplatz hin und nach dem Gasthof zum König von England, um Don Pedro zu besuchen. »Fort ist die ganze Wirtschaft, auf und davon;« antwortete auf seine Frage der Oberkellner, »gestern abend noch bekam der Prinz Depeschen, und heute vormittag sind Seine Hoheit nebst Gefolge in sechs Wagen nach W. abgereist; der Haushofmeister, er fuhr im zweiten, hat für Sie eine Karte hier gelassen.«

Begierig griff Fröben nach diesem letzten Freundeszeichen. Es war nur Don Pedro di San Montanjo Ligez, Major Rio di S. A. etc. darauf zu lesen. Verdrießlich wollte Fröben diesen kalten Abschied einstecken, da gewahrte er auf der Rückseite noch einige Worte mit der Bleifeder geschrieben, er las: »Lebt wohl, teurer Don Fröbenio; Eure Geschichte müßt Ihr mir schuldig bleiben; grüßet und küsset Donna Laura.«

Er lächelte über den Auftrag des alten Herrn, und doch als er in den nächsten Tagen wieder vor dem Bilde stand, war er wehmütiger als je, denn es war in seinem Leben eine Lücke entstanden durch Don Pedros Abreise. Er hatte sich so gerne mit dem guten Alten unterhalten, er hatte seit langer Zeit zum erstenmal wieder in einem genaueren Verhältnis mit Menschen gelebt, und deutlicher als je fühlte er jetzt, daß nur der Einsame, der Hoffnungslose ganz unglücklich ist. Wäre das Bild nicht gewesen, das ihn mit seinem eigentümlichen Zauber zurückhielt, schon längst hätte er Stuttgart verlassen, das sonst keine Reize für ihn hatte. Als ihm daher eines Tages die Herren Boisserée die treue Kopie jenes lieben Bildes, ein lithographiertes Blatt, zeigten und ihn damit beschenkten, nahm er es als einen Wink des Schicksals auf, verabschiedete sich von dem Urbild, packte die Kopie sorgfältig ein und verließ diese Stadt so stille, als er sie betreten hatte.

9.

Sein Aufenthalt in Stuttgart hatte nur dem Bilde gegolten, das er in jener Galerie gefunden. Er war, als er die Hauptstadt Württembergs berührte, auf einer Reise nach dem Rhein begriffen, und dahin zog er nun weiter. Er gestand sich selbst, daß ihn die letzten Monate beinahe allzuweich gemacht hatten. Er fühlte nicht ohne Beschämung und leises Schaudern, daß sein Trübsinn, sein ganzes Dichten und Trachten schon nahe an Narrheit gestreift hatten. Er war zwar unabhängig, hatte dieses Jahr noch zu Reisen bestimmt, ohne sich irgend einen festen Plan, ein Ziel zu setzen und wollte diese lange Unterbrechung seiner Reise auf die angenehme Lage der Stadt, auf die herrlichen Umgebungen schieben. Aber hatte er denn wirklich jene Stadt so angenehm gefunden? Hatte er Menschen aufgesucht, kennen gelernt? Hatte er sie nicht vielmehr gemieden, weil sie seine Einsamkeit, die ihm so lieb geworden, störten? Hatte er die herrlichen Umgebungen genossen? »Nein,« sagte er lächelnd zu sich, »man wäre versucht, an Zauberei zu glauben! Ich habe mich betragen wie ein Tor! Habe mich eingeschlossen in mein Zimmer, um zu lesen. Und habe ich denn wirklich gelesen? Stand nicht ihr Bild auf jeder Seite? Gingen meine Schritte weiter als zu ihr oder um einmal unter dem Gewühl der Menge auf und ab zu gehen? Ist es nicht schon Raserei, auf so langen Wegen einem Schatten nachzujagen, jedes Mädchengesicht aufmerksam zu betrachten, ob ich nicht den holden Mund der unbekannten Geliebten wiedererkenne?«

So schalt sich der junge Mann, glaubte recht feste Vorsätze zu fassen, und wie oft, wenn sein Pferd langsamer bergan geschritten war, vergaß er oben es anzutreiben, weil seine Seele auf andern Wegen schweifte; wie oft, wenn er abends sein Gepäck öffnete und ihm die Rolle in die Hände fiel, entfaltete er unwillkürlich das Bild der Geliebten und vergaß, sich zur Ruhe zu legen.

Aber die reizenden Gebirgsgegenden am Neckar, die herrlichen Fluren von Mannheim, Worms, Mainz verfehlten auch auf ihn den eigentümlichen Eindruck nicht. Sie zerstreuten ihn, sie füllten seine Seele mit neuen, freundlichen Bildern. Und als er eines Morgens von Bingen aufbrach, stand nur ein Bild vor seinem Auge, ein Bild, das er noch heute erblicken sollte. Fröben hatte mit einem Landsmann Frankreich und England bereist, und aus dem Gesellschafter war ihm nach und nach ein Freund erwachsen. Zwar mußte er, wenn er über ihre Freundschaft nachdachte, sich selbst gestehen, daß Uebereinstimmung der Charaktere sie nicht zusammenführte; doch oft pflegt es ja zu geschehen, daß gerade das Ungleiche sich heißer liebt als das Aehnliche. Der Baron von Faldner war etwas roh, ungebildet, selbst jene Reise, das bewegte Leben zweier Hauptstädte, wie Paris und London, hatte nur seine Außenseite etwas abschleifen und mildern können. Er war einer jener Menschen, die, weil sie durch fremde oder eigene Schuld, gewählte Lektüre, feinere tiefere Kenntnisse und die bildende Hand der Wissenschaften verschmähten, zur Ueberzeugung kamen, sie seien praktische Menschen, d. h. Leute, die in sich selbst alles tragen, um was sich andere, es zu erlernen, abmühen, die einen natürlichen Begriff von Ackerbau, Viehzucht, Wirtschaft und dergleichen haben, und sich nun für geborene Landwirte, für praktische Haushälter ansehen, die auf dem natürlichsten Wege das zu erreichen glauben, was die Masse in Büchern sucht. Dieser Egoismus machte ihn glücklich, denn er sah nicht, auf welchen schwachen Stützen sein Wissen beruhte; noch glücklicher wäre er wohl gewesen, wenn diese Eigenliebe bei den Geschäften stehen geblieben wäre, aber er trug sie mit sich, wohin er ging, erteilte Rat, ohne welchen anzunehmen, hielt sich, was man ihm nicht gerade nachsagte, für einen klugen Kopf, und ward durch dieses alles ein unangenehmer Gesellschafter und zu Hause vielleicht ein kleiner Tyrann, aus dem einfachen Grunde, weil er klug war und immer recht hatte.

»Ob er wohl sein Sprichwort noch an sich hat,« fragte sich Fröben lächelnd, »das unabwendbare: ›Das habe ich ja gleich gesagt!‹ Wie oft, wenn er am wenigsten daran gedacht hatte, daß etwas gerade so geschehen werde, wie oft faßte er mich da bei der Hand und rief: ›Freund Fröben, sag' an, hab' ich es nicht schon vor vier Wochen gesagt, daß es so kommen würde? Warum habt Ihr mir nicht gefolgt?‹ Und wenn ich ihm so sonnenklar bewies, daß er zufällig gerade das Gegenteil behauptet habe, so ließ er sich unter keiner Bedingung davon abbringen und grollte drei, vier Tage lang.«

Fröben hoffte, Erfahrung und die schöne Natur um ihn her werden seinen Freund weiser gemacht haben. An einer der reizendsten Stellen des Rheintals, in der Nähe von Caub, lag sein Gut, und je näher der Reisende herabkam, desto freudiger schlug sein Herz über alle diese Herrlichkeit der Berge und des majestätischen Flusses, um so öfter sagte er zu sich: »Nein! er muß sich geändert haben; in diesen Umgebungen kann man nur hingebend, nur freundlich und teilnehmend sein, und im Genuß dieser Aussicht muß man vergessen, wenn man auch wirklich recht hat, was bei ihm leider der seltene Fall ist.«

10.

Gegen Abend langte er auf dem Gute an; er gab sein Pferd vor dem Hause einem Diener, fragte nach seinem Herrn und wurde in den Garten gewiesen. Dort erkannte er schon von weitem Gestalt und Stimme seines Freundes. Er schien in diesem Augenblick mit einem alten Mann, der an einem Baum mit Graben beschäftigt war, heftig zu streiten. »Und wenn Ihr es auch hundert Jahre nach dem alten Schlendrian gemacht habt, statt fünfzig, so muß der Baum doch so herausgenommen werden, wie ich sagte. Nur frisch daran, Alter; es kommt bei allem nur darauf an, daß man klug darüber nachdenkt.« Der Arbeiter setzte seufzend die Mütze auf, betrachtete noch einmal mit wehmütigem Blick den schönen Apfelbaum und stieß dann schnell, wie es schien unmutig, den Spaten in die Erde, um zu graben. Der Baron aber pfiff ein Liedchen, wandte sich um, und vor ihm stand ein Mensch, der ihn freundlich anlächelte und ihm die Hand entgegenstreckte. Er sah ihn verwundert an. »Was steht zu Dienst?« fragte er kurz und schnell.

»Kennst du mich nicht mehr, Faldner?« erwiderte der Fremde. »Solltest du bei deiner Baumschule London und Paris so ganz vergessen haben?«

»Ist's möglich, mein Fröben!« rief jener und eilte, den Freund zu umarmen. »Aber, mein Gott, wie hast du dich verändert, du bist so bleich und mager; das kommt von dem vielen Sitzen und Arbeiten; daß du auch gar keinen Rat befolgst, ich habe dir ja doch immer gesagt, es tauge nicht für dich.«

»Freund!« entgegnete Fröben, den dieser Empfang unwillkürlich an seine Gedanken unterwegs erinnerte: »Freund, denke doch ein wenig nach; hast du mir nicht immer gesagt, ich tauge nicht zum Landwirt, nicht zum Forstmann und dergleichen, und ich müßte eine juridische oder diplomatische Laufbahn einschlagen?«

»Ach, du guter Fröben!« sagte jener zweideutig lächelnd, »so laborierst du noch immer an einem kurzen Gedächtnis? sagte ich nicht schon damals –«

»Bitte, du hast recht, streiten wir nicht!« unterbrach ihn sein Gast, »laß uns lieber Vernünftigeres reden, wie es dir erging, seit wir uns nicht sahen, wie du lebst?«

Der Baron ließ Wein in eine Laube setzen und erzählte von seinem Leben und Treiben. Seine Erzählung bestand beinahe in nichts als in Klagen über schlechte Zeit und die Torheit der Menschen. Er gab nicht undeutlich zu verstehen, daß er es in den wenigen Jahren mit seinem hellen Kopf und den Kenntnissen, die er auf Reisen gesammelt, in der Landwirtschaft weit gebracht habe. Aber bald hatten ihm seine Nachbarn unberufen dies oder jenes abgeraten, bald hatte er unbegreifliche Widerspenstigkeit unter seinen Arbeitern selbst gefunden, die alles besser wissen wollten als er und in ihrer Verblendung sich auf lange Erfahrung stützten. Kurz, er lebte, wie er gestand, ein Leben voll ewiger Sorgen und Mühen, voll Hader und Zorn, und einige Prozesse wegen Grenzstreitigkeiten verbitterten ihm noch die wenigen frohen Stunden, die ihm die Besorgung seines Gutes übrig ließ. »Armer Freund!« dachte Fröben unter dieser Erzählung, »so reitest du noch dasselbe Steckenpferd, und es geht, wie der wildeste Renner, mit dir durch, ohne daß du es zügeln kannst.«

Doch die Reihe zu erzählen kam auch an den Gast, und er konnte seinem Freund in wenigen Worten sagen, daß er an einigen Höfen bei Gesandtschaften eingeteilt gewesen sei, daß er sich überall schlecht unterhalten, einen langen Urlaub genommen habe und jetzt wieder ein wenig in der Welt umherziehe.

»Du Glücklicher!« rief Faldner. »Wie beneide ich dir deine Verhältnisse; heute hier, morgen dort kennst keine Fesseln und kannst reisen, wohin und wie lange du willst. Es ist etwas Schönes um das Reisen! Ich wollte, ich könnte auch noch einmal so frei hinaus in die Welt!«

»Nun, was hindert dich denn?« rief Fröben lachend; »deine große Wirtschaft doch nicht? Die kannst du alle Tage einem Pächter geben, läßt dein Pferd satteln und ziehest mit mir!«

»Ach, das verstehst du nicht, Bester!« erwiderte der Baron verlegen lächelnd. »Einmal, was die Wirtschaft betrifft, da kann ich keinen Tag abwesend sein, ohne daß alles quer geht, denn ich bin doch die Seele des Ganzen. Und dann – ich habe einen dummen Streich gemacht – doch laß das gut sein; es geht einmal nicht mehr mit dem Reisen.«

In diesem Augenblicke kam ein Bedienter in die Laube, berichtete, daß die gnädige Frau zurückgekommen sei und anfragen lasse, wo man den Tee servieren solle?

»Ich denke oben im Zimmer,« sagte er, leicht errötend, und der Diener entfernte sich.

»Wie, du bist verheiratet?« fragte Fröben erstaunt. »Und das erfahre ich jetzt erst! Nun, ich wünsche Glück; aber sage mir doch – ich hätte mir ja eher des Himmels Einfall träumen lassen als diese Neuigkeit; und seit wann?«

»Seit sechs Monaten,« erwiderte der Baron kleinlaut und ohne seinen Gast anzusehen; »doch wie kann dich dies so in Erstaunen setzen; du kannst dir denken, bei meiner großen Wirtschaft, da ich alles selbst besorge, so –«

»Je nun! ich finde es ganz natürlich und angemessen; aber wenn ich zurückdenke, wie du dich früher über das Heiraten äußertest, da dachte ich nie daran, daß dir je ein Mädchen recht sein würde.«

»Nein, verzeihe!« sagte Faldner, »ich sagte ja immer und schon damals –«

»Nun ja, du sagtest ja immer und schon damals,« rief der junge Mann lächelnd, »und schon damals und immer sagte ich, daß du nach deinen Prätensionen keine finden würdest, denn diese gingen auf ein Ideal, das ich nicht haben möchte, und wohl auch nicht zu finden war. Doch noch einmal meinen herzlichen Glückwunsch. Da aber eine Dame im Hause ist, die uns zum Tee ladet, so kann ich doch wahrlich nicht so in Reisekleidern erscheinen; gedulde dich nur ein wenig, ich werde bald wieder bei dir sein. Auf Wiedersehen!«

Er verließ die Laube, und der Baron sah ihm mit trüben Blicken nach. »Er hat nicht unrecht,« flüsterte er.

Doch in demselben Augenblick trat eine hohe weibliche Gestalt in die Laube. »Wer ging soeben von dir?« fragte sie schnell und hastig. »Wer sprach dies auf Wiedersehen?«

Der Baron stand auf und sah seine Frau verwundert an; er bemerkte, wie die sonst so zarte Farbe ihrer Wangen in ein glühendes Rot übergegangen war. »Nein! das ist nicht auszuhalten,« rief er heftig; »Josephe, wie oft muß ich dir sagen, daß Hufeland Leuten von deiner Konstitution jede allzurasche Bewegung streng untersagt; wie du jetzt glühst! Du bist gewiß wieder eine Strecke zu Fuß gegangen und hast dich erhitzt und gehst jetzt gegen alle Vernunft noch in den Garten hinab, wo es schon kühl ist. Immer und ewig muß ich dir alles wiederholen wie einem Kind; schäme dich!«

»Ach, ich wollte dich ja nur abholen,« sagte Josephe mit zitternder Stimme; »werde nur nicht gleich so böse; ich bin gewiß den ganzen Weg gefahren und bin auch gar nicht erhitzt. Sei doch gut.«

»Deine Wangen widersprechen,« fuhr er mürrisch fort. »Muß ich denn auch dir immer predigen? Und den Schal hast du auch nicht umgelegt, wie ich dir sagte, wenn du abends noch herab in den Garten gehst; wozu werfe ich denn das Geld zum Fenster hinaus für dergleichen Dinge, wenn man sie nicht einmal brauchen mag? O Gott! ich möchte oft rasend werden. Auch nicht das geringste tust du mir zu Gefallen; dein ewiger Eigensinn bringt mich noch um. O ich möchte oft –«

»Bitte, verzeihe mir, Franz!« bat sie wehmütig, indem sie große Tränen im Auge zerdrückte; »ich habe dich den ganzen Tag nicht gesehen und wollte dich hier überraschen; ach, ich dachte ja nicht mehr an das Tuch und an den Abend. Vergib mir, willst du deinem Weib vergeben?«

»Ist ja schon gut, laß mich doch in Ruhe, du weißt, ich liebe solche Szenen nicht; und gar vollends Tränen! Gewöhne dir doch um Gottes willen die fatale Weichlichkeit ab, über jeden Bettel zu weinen. – Wir haben einen Gast, Fröben, von dem ich dir schon erzählte, er reiste mit mir. Führe dich vernünftig auf, Josephe, hörst du? Laß es an nichts fehlen, daß ich nicht auch die Sorgen der Haushaltung auf mir haben muß. Im Salon wird der Tee getrunken.«

Er ging schweigend ihr voran die Allee entlang nach dem Schlosse. Trübe folgte ihm Josephe; eine Frage schwebte auf ihren Lippen, aber so gern sie gesprochen hätte, sie verschloß diese Frage wieder tief in ihre Brust.

11.

Als der Baron spät in der Nacht seinen Gast auf sein Zimmer begleitete, konnte sich dieser nicht enthalten, ihm zu seiner Wahl Glück zu wünschen. »Wahrhaftig, Franz!« sagte er, indem er ihm feurig die Hand drückte, »ein solches Weib hat dir gefehlt. Du warst ein Glückskind von jeher, aber das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß du bei deinen sonderbaren Maximen und Forderungen ein solch liebenswürdiges, herrliches Kind heimführen werdest.«

»Ja, ja, ich bin mit ihr zufrieden,« erwiderte der Baron trocken, indem er seine Kerze heller aufstörte; »man kann ja nicht alles haben. An diesen Gedanken muß man sich freilich gewöhnen auf dieser unvollkommenen Welt.«

»Mensch! ich will nicht hoffen, daß du undankbar gegen so vieles Schöne bist. Ich habe viele Frauen gesehen, aber weiß Gott, keine von solch untadelhafter Schönheit wie dein Weib. Diese Augen! Welch rührender Ausdruck! Glaubt man nicht liebliche Träume auf ihrer schönen Stirne zu lesen? Und diese zarte, schlanke Gestalt! Und ich weiß nicht, ob ich ihren feinen Takt, ihr richtiges Urteil, ihren gebildeten Geist nicht noch mehr bewundern soll.«

»Du bist ja ganz bezaubert,« lächelte Faldner; »doch von jeher hast du zu viel gelesen und weniger aufs Praktische gesehen; ich sagte es ja immer – mit den Weibern ist es ein eigenes Ding,« fuhr er seufzend fort, »glaube mir, in der Wirtschaft ist oft eine, die es versteht und die Sache flink umtreibt, besser als ein sogenannter gebildeter Geist. Gute Nacht; sei froh, daß du noch frei bist und – wähle nicht zu rasch.«

Unmutig sah ihm Fröben nach, als er das Zimmer verlassen hatte. »Ich glaube, der Unmensch ist auch jetzt nicht mit seinem Lose zufrieden; hat einen Engel gewählt und schafft sich durch seine lächerlichen Prätensionen eine Hölle im Haus. Das arme Weib!«

Es war ihm nicht entgangen, wie ängstlich sie bei allem, was sie tat und sagte, an seinen Blicken hing, wie er ihr oft ein grimmiges Auge zeigte, wenn sie nach seinen Begriffen einen Fehler begangen, wie er ihr oft mit der Hand winkte, die Lippen zusammenbiß und stöhnte, wenn er glaubte, von dem Gast nicht gesehen zu werden. Und mit welcher Engelsgeduld trug sie dies alles! Sie hatte tiefen, wunderbaren Eindruck auf ihn gemacht. Das reiche blonde Haar, das um eine freie Stirn fiel, ließ blaue Augen, rote Wangen, vielleicht auch ein Näschen erwarten, das durch seine zierliche Keckheit Blondinen mehr als Brünetten ziert. Aber von alledem nichts. Unter den blonden Wimpern ruhte wie das Mondlicht hinter dünnen Wolken ein braunes Auge, das nicht durch Glut oder bloße Lebendigkeit, sondern durch ein gewisses Etwas von sinnender Schwermut überraschte, das Fröben bei schönen Frauen, so selten er es fand, so unendlich liebte. Ihre Nase näherte sich dem griechischen Stamm, die Wangen waren gewöhnlich bleich, nur von einem leisen Schatten von Rot unterlaufen, und das einzige, was in ihrem Gesichte blühte, waren statt der Rosen der Wangen die Lippen, bei deren Anblick man sich des Gedankens an zarte, rote Kirschen nicht erwehren konnte.

»Und diese herrliche Gestalt,« fuhr Fröben in seinen Gedanken weiter fort, »so zart, so hoch und, wenn sie über das Zimmer geht, beinahe schwebend! Schwebend? Als ob ich nicht gesehen hätte, daß sie recht schwer zu tragen hat, daß diese Lippen so manches Wort des Grams verschließen, daß diese Augen nur auf die Einsamkeit warten, um über den rohen Gatten zu weinen! Nein, es ist unmöglich,« fuhr er nach einigem Sinnen fort, »sie kann ihn nicht aus Liebe geheiratet haben. Die Welt, die hinter diesem Auge liegt, ist zu groß für Faldners Verstand, das Herz seines Weibes zu zart für den rohen Druck ihres Haustyrannen. Ich bedaure sie!«

Er war während dieser Worte an einen Schrank getreten, worin die Diener sein Reisegeräte niedergelegt hatten. Er schloß ihn auf, sein erster Blick fiel auf die wohlbekannte Rolle, und er errötete. »Bin ich dir nicht ungetreu gewesen diesen Abend?« fragte er. »Hat nicht ein anderes Bild sich in mein Herz geschlichen? Ja, und ertappe ich mich nicht auf Reflexionen über das Weib meines Freundes, die mir nicht ziemen, die ihr auf jeden Fall nichts nützen können?« Er entrollte das Bild der Geliebten und blieb betroffen stehen. Wie ein Gedanke, der bisher in ihm schlummerte und verworren träumte, erwacht es jetzt mit einemmal in ihm, daß Frau von Faldner wunderbare Aehnlichkeit mit diesem Bilde habe. Zwar waren ihre Haare, ihre Augen, ihre Stirn gänzlich verschieden von denen des Bildes, aber überraschende Aehnlichkeit glaubte er in Nase, Mund und Kinn, ja sogar in der Haltung des zierlichen Halses zu finden. »Und diese Stimme!« rief er. »Klang mir diese Stimme nicht gleich anfangs so bekannt? Wie ist mir denn? Wäre es möglich, daß die Gattin meines Freundes jenes Mädchen wäre, die ich nur einmal, nur halb gesehen und ewig liebe und, von jenem Augenblick an, vergebens suche? Die Gestalt – ja auch sie war groß, und als ich ihr den Mantel umschlang, als sie an meinem Herzen ruhte, fühlte ich eine feine schlanke Taille. Und begegnete ich nicht heute abend so oft ihrem Auge, das prüfend auf mir ruhte? Sollte auch sie mich wiedererkennen? Doch – ich Tor! wie könnte Faldner bei seinem Mißtrauen, bei seinen strengen Grundsätzen über Adel und unbescholtenen Ruf eine – unbekannte Bettlerin geheiratet haben?«

Er sah wieder prüfend auf das Bild herab, er glaubte in diesem Augenblick Gewißheit zu haben, im nächsten zweifelte er wieder. Er klagte sein treuloses Gedächtnis an. Hatte nicht dieses Gemälde sich so ganz mit seinen früheren Erinnerungen vermischt, daß er die Unbekannte sich nicht mehr anders dachte als wie dieses Bild? Und nun, da er auf eine neue, auffallende Aehnlichkeit gestoßen, stand er nicht vor einem Labyrinth von Zweifeln? Er warf das Gemälde auf die Seite und verbarg seine heiße Stirn in die Kissen seines Bettes. Er wünschte sich tiefen Schlaf herbei, damit er diesen Zweifeln entgehe, daß ihm das wahre Bild mit siegender Kraft in seinen Träumen aufgehe.

12.

Als Fröben am andern Morgen in den Salon trat, wo er frühstücken sollte, war sein rastloser Freund schon ausgeritten, um eine Dammarbeit an der Grenze seines Gutes zu besichtigen. Der Diener, der ihm diese Nachricht gab, setzte mit wichtiger Miene hinzu, daß sein Herr wohl kaum vor Mittag zurückkommen dürfte, weil er noch seine neue Dampfmühle, einige Schläge im Wald, eine neue Gartenanlage, nebst vielem andern besichtigen müsse. »Und die gnädige Frau?« fragte der Gast.

»War schon vor einer Stunde im Garten, um Bohnen abzubrechen, und wird jetzt bald zum Frühstück hier sein.«

Fröben ging im Saal umher und musterte in Gedanken den vergangenen Abend. Wie anders erscheinen alle Bilder in der Morgenbeleuchtung, als sie uns im Duft des Abends erschienen! Auch mit den verworrenen Gedanken, die gestern in ihm auf und ab schwebten, ging es ihm so; er lächelte über sich selbst, über die Zweifel, die ihm seine rege Phantasie aufgeweckt hatte. »Der Baron,« sprach er zu sich, »ist am Ende doch ein guter Mensch; freilich viele Eigenheiten, einige Roheit, die aber mehr im Aeußern liegt. Aber wer länger mit ihm umgeht, gewöhnt sich daran, weiß sich darein zu finden. Und Josephe? wie vorschnell man oft urteilt! Wie oft glaubte ich rührenden Kummer, tiefe Seelenleiden, Resignation in den Augen, in den Mienen einer Frau zu lesen, ließ mich vom Teufel blenden, sie recht zart zu trösten und aufrichten zu wollen, und am Ende lag der ganze Zauber in meiner Einbildung: es war dann, näher betrachtet, eine ganz gewöhnliche Frau, die mit den sinnenden Augen, worin ich Wehmut sah, ängstlich die Augen an ihrem Strickstrumpf zählte, oder hinter der von Gram umwölkten Stirne bedachte, was sie auf den Abend kochen lassen wollte.« Er verfolgte diese Gedanken, um sich selbst mit Ironie zu strafen, um die zartere Empfindung, jene Nachklänge von gestern, zu verdrängen, die ihm heute töricht, überspannt erschienen. In diese Gedanken versunken, war er an den Spiegel getreten und hatte die Besuchskarten überlesen, die dort angesteckt waren. Da fiel ihm eine in die Hand, welche Faldners eigene Verlobung ankündigte. Er las die zierlich gestochenen Worte: »Freiherr F. von Faldner mit seiner Braut Josephe von Tannensee.«

»Von Tannensee?« Wie ein Blitz erleuchtete ihm dieser Name jene dunkle Aehnlichkeit, die er zwischen der Gattin seines Freundes und seinem lieben Bilde gefunden. »Wie? Wäre sie vielleicht die Tochter jener Laura, die einst mein guter Don Pedro geliebt? Welche Freude für ihn, wenn es so wäre, wenn ich ihm von der Verlorenen Nachricht geben könnte. Fand er nicht in jenem wunderbaren Bilde die täuschendste Aehnlichkeit mit seiner Cousine? Kann nicht die Tochter der Mutter gleichen?«

Er verbarg die Karte schnell, als er die Türe gehen hörte; er sah sich um und – Josephe schwebte herein. War es das zierliche Morgenkleid, das ihre zarte Gestalt umschloß, war ihr die Beleuchtung des Tages günstiger als das Kerzenlicht? Sie kam ihm in diesem Augenblick noch unendlich reizender vor als gestern. Ihre Locken flatterten noch kunstlos um die Stirne, der frische Morgen hatte ein feines Rot auf ihre Wangen gehaucht, sie lächelte zu ihrem Morgengruß so freundlich, und doch mußte er sich schon in diesem Augenblick einen Toren schelten, denn ihre Augen erschienen ihm trübe und verweint.

13.

Sie lud ihn ein, sich zu ihr zum Frühstück zu setzen. Sie erzählte ihm, daß Faldner schon mit Tagesanbruch weggeritten sei und ihr seine Entschuldigung aufgetragen habe; sie beschrieb die mancherlei Geschäfte, die er heute vornehme und die ihn bis zu Mittag zurückhalten werden. »Er hat ein Leben voll Sorgen und Mühen,« sagte sie, »aber ich glaube, daß diese Geschäftigkeit ihm zum Bedürfnis geworden ist.«

»Und ist dies nur in diesen Tagen so?« fragte Fröben; »ist jetzt gerade besonders viel zu tun auf den Gütern?«

»Das nicht,« erwiderte sie; »es geht alles seinen gewöhnlichen Gang, er ist so, seit ich ihn kenne. Er ist rastlos in seinen Arbeiten. Diesen Frühling und Sommer verging kein Tag, an welchem er nicht auf dem Gute beschäftigt gewesen wäre.«

»Da werden Sie sich doch oft recht einsam fühlen,« sagte der junge Mann, »so ganz allein auf dem Lande und Faldner den ganzen Tag entfernt.«

»Einsam?« erwiderte sie mit zitterndem Ton und beugte sich nach einem Tischchen an der Seite; und Fröben sah im Spiegel, wie ihre Lippen schmerzlich zuckten. »Einsam? Nein! Besucht ja doch die Erinnerung die Einsamen und –« setzte sie hinzu, indem sie zu lächeln suchte: »glauben Sie denn, die Hausfrau habe in einer so großen Wirtschaft nicht auch recht viel zu tun und zu sorgen? Da ist man nicht einsam oder – man darf es nicht sein.«

Man darf es nicht sein? Du Arme! dachte Fröben, verbietet dir dein Herz die Träume der Erinnerung, die dich in der Einsamkeit besuchen, oder verbietet dir der harte Freund, einsam zu sein? Es lag etwas im Ton, womit sie jene Worte sagte, das ihrem Lächeln zu widersprechen schien.

»Und doch,« fuhr er fort, um seinen Empfindungen und ihren Worten eine andere Richtung zu geben, »und doch scheinen gerade die Frauen von der Natur ausdrücklich zur Stille und Einsamkeit bestimmt zu sein; wenigstens war bei jenen Völkern, die im allgemeinen die herrlichsten Männer aufzuweisen hatten, die Frau am meisten auf ihr Frauengemach beschränkt, so bei Römern und Griechen, so selbst in unserem Mittelalter.«

»Daß Sie diese Beispiele anführen könnten, hätte ich nicht gedacht;« entgegnete Josephe, indem ihr Auge wie prüfend auf seinen Zügen verweilte. »Glauben Sie mir, Fröben, jede Frau, auch die geringste, merkt dem Mann, ehe sie noch über seine Verhältnisse unterrichtet ist, recht bald an, ob er viel im Kreise der Frauen lebte oder nicht. Und unbestreitbar liegt in solchen Kreisen etwas, das jenen feinen Takt, jenes zarte Gefühl verleiht, immer im Gespräch auszuwählen, was gerade für Frauen taugt, was uns am meisten anspricht; ein Grad der Bildung, der eigentlich keinem Manne fehlen sollte. Sie werden mir dies um so weniger bestreiten,« setzte sie hinzu, »als Sie offenbar einen Teil Ihrer Bildung meinem Geschlecht verdanken.«

»Es liegt etwas Wahres darin,« bemerkte der junge Mann, »und namentlich das letztere will ich zugeben, daß Frauen weniger auf meine Denkungsart, als auf die Art, das Gedachte auszudrücken, Einfluß hatten. Meine Verhältnisse nötigten mich in der letzten Zeit viel in der großen Welt, namentlich in Damenzirkeln zu leben. Aber eben in diesen Zirkeln wird mir erst recht klar, wie wenig eigentlich die Frauen, oder um mich anders auszudrücken, wie wenige Frauen in dieses großartige Leben und Treiben passen.«

»Und warum?«

»Ich will es sagen, auch auf die Gefahr hin, daß Sie mir böse werden. Es ist ein schöner Zug der neueren Zeit, daß man in den größeren Zirkeln eingesehen hat, daß das Spiel eigentlich nur eine Schulkrankheit oder ein modischer Deckmantel für Geistesarmut sei. Man hat daher Whist, Boston, Pharo und dergleichen den älteren Herren und einigen Damen überlassen, die nun einmal die Konversation nicht machen können. In Frankreich freilich spielen in Gesellschaft Herren von zwanzig bis dreißig Jahren; es sind aber nur die armseligen Wichte, die sich nach einem englischen Dandy gebildet haben oder die selbst fühlen, daß ihnen der Witz abgeht, den sie im Gespräch notwendig haben müßten. Seitdem man nun, seien die Zirkel groß oder klein, die sogenannte Konversation macht, das heißt, sich um den Kamin oder in Deutschland um das Sofa pflanzt, Tee dazu trinkt und ungemein geistreiche Gespräche führt, sind die Frauen offenbar aus ihrem rechten Gleise gekommen.«

»Bitte, Sie sind doch gar zu strenge, wie sollten denn –«

»Lassen Sie mich ausreden,« fuhr Fröben eifrig fort; »eine Dame der sogenannten guten Gesellschaft empfängt jede Woche Abendbesuche bei sich; sechsmal in der Woche gibt sie solche heim. In solchen Gesellschaften tanzt höchstens das junge Volk einigemal, außer es wäre auf großen Bällen, die schon seltener vorkommen. Der übrige Kreis, Herren und Damen, unterhält sich. Es gibt nun ungemein gebildete, wirklich geistreiche Männer, die im Männerkreise stumm und langweilig, vor Damen ungemein witzig und sprachselig sind, und einen Reichtum sozialer Bildung, allgemeiner Kenntnisse entfalten, die jeden staunen machen. Es ist nicht Eitelkeit, was diese Männer glänzend oder beredt macht, es ist das Gefühl, daß das Interessantere ihres Wissens sich mehr für Frauen als für Männer eignet, die mehr systematisch sind, die ihre Forderungen höher spannen.«

»Gut, ich kann mir solche Männer denken, aber weiter.«

»Durch solche Männer bekommt das Gespräch Gestaltung, Hintergrund, Leben; Frauen, besonders geistreiche Frauen, werden sich unter sich bei weitem nicht so lebendig unterhalten, als dies geschieht, wenn auch nur ein Mann gleichsam als Zeuge und Schiedsrichter dabei sitzt. Indem nun durch solche Männer allerlei Witziges, Interessantes auf die Bahn gebracht wird, werden die Frauen unnatürlich gesteigert. Um doch ein Wort mitzusprechen, um als geistreich, gebildet zu erscheinen, müssen sie alles aufbieten, gleichsam alle Hahnen ihres Geistes aufdrehen, um ihren reichlichen Anteil zu der allgemeinen Gesprächsflut zu geben, in welcher sich die Gesellschaft badet. Doch, verzeihen Sie, dieser Fond ist gewöhnlich bald erschöpft; denken Sie sich, einen ganzen Winter alle Abende geistreich sein zu müssen, welche Qual!«

»Aber nein, Sie machen es auch zu arg, Sie übertreiben –«

»Gewiß nicht; ich sage nur, was ich gesehen, selbst erlebt habe. Seit in neuerer Zeit solche Konversation zur Mode geworden ist, werden die Mädchen ganz anders erzogen als früher; die armen Geschöpfe! Was müssen sie jetzt nicht alles lernen vom zehnten bis zum fünfzehnten Jahr. Geschichte, Geographie, Botanik, Physik, ja sogenannte höhere Zeichenkunst und Malerei, Aesthetik, Literaturgeschichte, von Gesang, Musik und Tanzen gar nicht zu erwähnen. Diese Fächer lernt der Mann gewöhnlich erst nach seinem achtzehnten, zwanzigsten Jahre recht verstehen; er lernt sie nach und nach, also gründlicher; er lernt manches durch sich selbst, weiß es also auch besser anzuwenden, und tritt er im dreiundzwanzigsten oder später noch in diese Kreise, so trägt er, wenn er nur halbwegs einige Lebensklugheit und Gewandtheit hat, eine große Sicherheit in sich selbst. Aber das Mädchen? Ich bitte Sie! Wenn ein solches Unglückskind im fünfzehnten Jahre, vollgepfropft mit den verschiedenartigsten Kenntnissen und Kunststücken in die große Welt tritt, wie wunderlich muß ihm da alles zuerst erscheinen! Sie wird, obgleich ihr oft ihr einsames Zimmer lieber wäre, ohne Gnade in alle Zirkel mitgeschleppt, muß glänzen, muß plaudern, muß die Kenntnisse auskramen, und – wie bald wird sie damit zu Ende sein! Sie lächeln? Hören Sie weiter. Sie hat jetzt keine Zeit mehr, ihre Schulkenntnisse zu erweitern; es werden bald noch höhere Ansprüche an sie gemacht. Sie muß so gut wie die Aelteren über Kunstgegenstände, über Literatur mitsprechen können. Sie sammelt also den Tag über alle möglichen Kunstausdrücke, liest Journale, um ein Urteil über das neueste Buch zu bekommen, und jeder Abend ist eigentlich ein Examen, eine Schulprüfung für sie, wo sie das auf geschickte Art anbringen muß, was sie gelernt hat. Daß einem Mann von wahrer Bildung, von wahren Kenntnissen vor solchem Geplauder, vor solcher Halbbildung graut, können Sie sich denken; er wird diese Unsitte zuerst lächerlich, nachher gefährlich finden; er wird diese Ueberbildung verfluchen, welche die Frauen aus ihrem stillen Kreise herausreißt und sie zu Halbmännern macht, während die Männer Halbweiber werden, indem sie sich gewöhnen, alles nach Frauenart zu besprechen und zu beklatschen; er wird für edlere Frauen jene häusliche Stille zurückwünschen, jene Einsamkeit, wo sie zu Hause sind und auf jeden Fall herrlicher brillieren als in einem jener geistreichen Zirkel!«

»Es liegt etwas Wahres in dem, was Sie hier sagten,« erwiderte Frau von Faldner; »ganz kann ich nicht darüber urteilen, weil ich nie das Glück oder das Unglück hatte, in jenen Zirkeln zu leben. Aber mir scheint auch dort, wie überall, das minder Gute nur aus der Uebertreibung hervorzugehen. Es ist wahr, was Sie sagen, daß uns Frauen ein engerer Kreis angewiesen ist, jene Häuslichkeit, die einmal unser Beruf ist. Wir werden ohne wahren Halt sein, wir werden uns in ein unsicheres Feld begeben, wenn wir diesen Kreis gänzlich verlassen. Aber wollen Sie uns die Freude einer geistreichen Unterhaltung mit Männern gänzlich rauben? Es ist wahr, sieben solche Abende in der Woche müssen zum Unnatürlichen, zur Ueberbildung oder zur Erschöpfung führen; aber ließe sich denn hier nicht ein Mittelweg denken?«

»Ich habe mich vielleicht zu stark ausgedrückt, ich wollte –«

»Lassen Sie auch mich ausreden,« sagte sie, ihn sanft zurückdrängend: »Sie sagten selbst, daß Frauen unter sich seltener ein sogenanntes geistreiches Gespräch lange fortführen. Ich weiß nur allzuwohl, wie peinlich in einer Frauengesellschaft eine sogenannte geistreiche Dame ist, welcher alles frivol erscheint, was nicht allgemein, nicht interessant ist. Wir fühlen uns beengt und wollen am Ende mit unserem bißchen Wissen lieber vor einem Mann erröten als vor einer Frau. Gewöhnlich wird, wenn nur Frauen zusammen sind oder Mädchen, die Wirtschaft, das Hauswesen, die Nachbarschaft, vielleicht auch Neuigkeiten oder gar Moden abgehandelt; aber sollen wir denn ganz auf diesen Kreis beschränkt sein? Soll denn, was allgemein interessant und bildend ist, uns ganz fremd bleiben?«

»Gott! Sie verkennen mich, wollte ich denn dies sagen?«

»Es ist wahr,« fuhr sie eifriger fort, »es ist wahr, die Männer besitzen jene tiefe, geregeltere Bildung, jene geordnete Klarheit, die jede Halbbildung oder gar den Schein von Wissen ausschließt oder gering achtet. Aber wie gerne lauschen wir Frauen auf ein Gespräch der Männer, das an Gegenstände grenzt, die uns nicht so ganz ferne liegen, zum Beispiel über ein interessantes Buch, das wir gelesen, über Bilder, die wir gesehen; wir lernen gewiß recht viel, wenn wir dabei zuhören oder gar mitsprechen dürfen; unser Urteil, das wir im stillen machten, bildet sich aus und wird richtiger, und jeder gebildeten Frau muß eine solche Unterhaltung angenehm sein. Auch glaube ich kaum, daß die Männer uns dies verargen werden, wenn wir nur,« setzte sie lächelnd hinzu, »nicht selbst glänzen, den bescheidenen Kreis nicht verlassen wollen, der uns einmal angewiesen ist.«

14.

Wie schön war sie in diesem Augenblick; das Gespräch hatte ihre Wangen mit höherem Rot übergossen, ihre Augen leuchteten, und das Lächeln, womit sie schloß, hatte etwas so Zauberisches, Gewinnendes an sich, daß Fröben nicht wußte, ob er mehr die Schönheit dieser Frau oder ihren Geist und die einfache schöne Weise, sich auszudrücken, bewundern sollte.

»Gewiß,« sagte er, in ihren Anblick verloren, »gewiß, wir müßten sehr ungerecht sein, wenn wir solche zarte und gerechte Ansprüche nicht achten wollten; denn die Frau müßte ich für recht unglücklich halten, die bei einem gebildeten Geist, bei einer Freude an Lektüre und gebildeter Unterhaltung keine solche Anklänge in ihrer Umgebung fände; wahrlich, so ganz auf sich beschränkt, müßte sie sich für sehr unglücklich halten.«

Josephe errötete, und eine düstere Wolke zog über ihre schöne Stirne; sie seufzte unwillkürlich, und mit Schrecken nahm Fröben wahr, daß ja eine solche Frau, wie er sie eben beschrieben, an seiner Seite sitze. Ja, ohne es zu wollen, hatte sie ihren eigenen Gram verraten. Denn konnte ihr roher Gatte jenen zarten Forderungen entsprechen? Er, der in seiner Frau nur seine erste Schaffnerin sah, der jedes Geistige, was dem Menschen interessant oder wünschenswert dünkt, als unpraktisch geringschätzte, konnte er diese Ansprüche auf den Genuß einer gebildeten Unterhaltung befriedigen? War nicht zu befürchten, daß er ihr solche sogar geflissentlich entzog?

Noch ehe Fröben so viel Fassung gewonnen hatte, seinem Satz eine allgemeinere Wendung zu geben und das ganze Gespräch von diesem Gegenstand abzuleiten, sagte Josephe, ohne ihn seinen Verstoß fühlen zu lassen: »Wir Frauen auf dem Lande genießen diese Freude freilich seltener; übrigens sind wir dennoch nicht so allein, als es dem Fremden vielleicht scheinen möchte; man besucht einander um so öfter; sehen Sie nur, welche Masse von Besuchen dort am Spiegel hängt.«

Fröben sah hin, und jene Karte fiel ihm bei. »Ach ja,« sagte er, indem er sie hervorzog, »da habe ich vorhin einen kleinen Diebstahl begangen;« er zog sie hervor und zeigte sie. »Können Sie glauben, daß ich bis gestern nicht einmal wußte, daß mein Freund verheiratet sei? Und Ihren Namen erfuhr ich erst vorhin durch diese Karte. Sie heißen Tannensee?«

»Ja,« antwortete sie lächelnd, »und diesen unberühmten Namen tauschte ich gegen den schönen von Faldner um.«

»Unberühmt? Wenn Ihr Vater der Oberst von Tannensee war, so war Ihr Name wohl nicht unberühmt.«

Sie errötete. »Ach, mein guter Vater!« rief sie. »Ja, man erzählte mir wohl von ihm, daß er für einen braven Offizier des Kaisers gegolten habe und – sie haben ihn als General begraben. Ich habe ihn nicht gekannt; nur einmal, als er aus dem Feldzug zurückkam, sah ich ihn und nachher nicht wieder.«

»Und war er nicht ein Schweizer?« fragte Fröben weiter.

Sie sah ihn staunend an. »Wenn ich nicht irre, sagte mir meine Mutter, daß Verwandte von ihm in der Schweiz leben.«

»Und Ihre Mutter, heißt sie nicht Laura und stammt aus einem spanischen Geschlecht?«

Sie erbleichte, sie zitterte bei diesen Worten. »Ja, sie hieß Laura,« antwortete sie; »aber mein Gott, was wissen Sie denn von uns, woher? – Aus einem spanischen Geschlechte?« fuhr sie gefaßter fort. »Nein, da irren Sie, meine Mutter sprach Deutsch und war eine Deutsche.«

»Wie? So ist Ihre Mutter tot?«

»Seit drei Jahren,« erwiderte sie wehmütig.

»O, schelten Sie mich nicht, wenn ich weiter frage; hatte sie nicht schwarze Haare, und, wie Sie, braune Augen? Hatte sie nicht viele Aehnlichkeit mit Ihnen?«

»Sie kannten meine Mutter,« rief sie ängstlich und zitterte heftiger.

»Nein; aber hören Sie einen sonderbaren Zufall,« erwiderte Fröben; »es müßte mich alles täuschen, wenn ich nicht einen trefflichen Verwandten Ihrer Mutter kennen gelernt hätte.« Und nun erzählte er ihr von Don Pedro. Er beschrieb ihr, wie sie sich vor dem Bilde gefunden, er ließ die Kopie von seinem Zimmer bringen und zeigte sie; er sagte ihr, wie sie genauer bekannt geworden und wie ihm Don Pedro seine Geschichte erzählte. Aber die letztere wiederholte er mit großer Schonung; er datierte sogar aus einem gewissen Zartgefühl jene Vorfälle und Lauras Flucht um ein ganzes Jahr zurück und schloß endlich damit, daß er, wenn Josephe ihre Mutter nicht eine Deutsche nennen würde, bestimmt glaubte, Mutter Laura und jene Donna Laura Tortosi des Spaniers, der Schweizerhauptmann Tannensee und ihr Vater, der Oberst, seien dieselben Personen.

Josephe war nachdenklich geworden; sinnend legte sie die Stirn in die Hand; sie schien ihm, als er geendet hatte, nicht sogleich antworten zu können.

»O, zürnen Sie mir nicht,« sagte Fröben, »wenn ich mich hinreißen ließ, dem wunderlichen Spiel des Zufalls diese Deutung zu geben.«

»O, wie könnte ich denn Ihnen zürnen?« sagte sie bewegt, und Tränen drängten sich aus den schönen Augen. »Es ist ja nur mein schweres Schicksal, das auch dieses Dunkel wieder herbeiführt. Wie könnte ich auch wähnen, jemals ganz glücklich zu sein?«

»Mein Gott, was habe ich gemacht!« rief Fröben, als er sah, wie ihre Tränen heftiger strömten. »Es ist ja alles nur eine törichte Vermutung von mir. Ihre Mutter war ja eine Deutsche, Ihre Verwandten und Sie werden ja dies alles besser wissen –«

15.

»Meine Verwandten?« sagte sie unter Tränen. »Ach, das ist ja gerade mein Unglück, daß ich keine habe. Wie glücklich sind die, welche auf viele Geschlechter zurücksehen können, die mit den Banden der Verwandtschaft an gute Menschen gebunden sind; wie angenehm sind die Worte Oheim, Tante; sie sind gleichsam ein zweiter Vater, eine zweite Mutter, und welcher Zauber liegt vollends in dem Namen Bruder! Wahrlich, wenn ich fähig wäre, einen Menschen zu beneiden, ich hätte oft dies oder jenes Mädchen beneidet, die einen Bruder hatte, es war ihr inniger, natürlichster, aufrichtigster Freund und Beschützer.«

Fröben rückte ängstlich hin und her; er hatte hier, ohne es zu wollen, eine Saite in Josephens Brust getroffen, die schmerzlich nachklang; es standen ihm Aufschlüsse bevor, vor welchen ihm unwillkürlich bangte. Er schwieg, als sie ihre Tränen trocknete und fortfuhr:

»Das Schicksal hat mich manchmal recht sonderbar geprüft. Ich war das einzige Kind meiner Eltern, und so entbehrte ich schon jene große Wohltat, Geschwister zu haben; wir wohnten unter fremden Menschen, und so hatte ich auch keine Verwandten. Mein Vater schien mit den Seinigen in der Schweiz nicht im besten Einverständnisse zu leben, denn meine Mutter erzählte mir oft, daß sie ihm grollen, weil er sie geheiratet habe und nicht ein reiches Fräulein in der Schweiz, das man ihm aufdringen wollte. Auch meinen Vater sah ich nur wenig; er war bei der Armee, und Sie wissen, wie unruhig unter dem Kaiser die Zeiten waren. So blieb mir nichts als meine gute Mutter; und wahrlich, sie ersetzte mir alle Verwandten. Als sie starb, freilich, da stand ich sehr verlassen in der großen Welt; denn da war unter Millionen niemand, zu dem ich hätte gehen und sagen können: Nun sind sie tot, die mich ernährten und beschützten, seid ihr jetzt meine Eltern!«

»Und Ihre Mutter hieß also nicht Tortosi?« fragte Fröben.

»Ich nannte sie nicht anders als Mutter, und nie hatte sie über ihre früheren Verhältnisse mit mir gesprochen; ach, als ich größer wurde, war sie ja immer so krank! Mein Vater nannte sie nur Laura, und in den wenigen Papieren, die man nach ihrem Tode fand und mir übergab, wird sie Laura von Tortheim genannt.«

»Ei nun!« rief Fröben heiter, »das ist ja so klar wie der Tag; Laura hieß Ihre Mutter, Tortheim ist nichts anders als Tortosi, das die lieben Flüchtlinge veränderten, Tannensee hieß jener Kapitän in Valencia, er ist Ihr Vater, der Oberst Tannensee, und noch mehr, sagen Sie nicht selbst, daß dieses Bild Ihrer Mutter Laura vollkommen gleiche, und erkannte nicht mein werter Don Pedro in dem Urbild seine Donna Laura? Jetzt sind Sie nicht mehr einsam, einen trefflichen Vetter haben Sie wenigstens, Don Pedro di San Montanjo Ligez! Ach! wie wird sich mein Freund über die berühmte Verwandtschaft freuen!«

»O Gott, mein Mann!« rief sie schmerzlich und verhüllte das Gesicht in ihr Tuch.

Unbegreiflich war es Fröben, wie sie dies alles so ganz anders ansehen könne als er; er sah ja in diesem allen nichts als die Freude Don Pedros, eine Tochter seiner Laura zu finden. Er war reich, unverheiratet, trug noch immer den alten Enthusiasmus für seine schöne Cousine in sich, also auch eine schöne Erbschaft kombinierte Fröben aus diesem wunderbaren Verhältnis. Er ergriff Josephens Hand, zog sie herab von ihren Augen; sie weinte heftig.

»O, Sie kennen Faldner schlecht,« sagte sie, »wenn Sie meinen, daß ihn diese Vermutungen freudig überraschen werden! Sie kennen sein Mißtrauen nicht. Alles soll ja nur seinen ganz gewöhnlichen Gang gehen, alles recht schicklich und ordentlich sein, und alles Außergewöhnliche haßt er aus tiefster Seele. Ich mußte es ja,« fuhr sie nicht ohne Bitterkeit fort, »ich mußte es ja als eine Gnade ansehen, daß mich der reiche, angesehene Mann heiratete, daß er mit den wenigen Dokumenten zufrieden war, die ich ihm über meine Familie geben konnte. Muß ich es denn,« rief sie heftiger weinend, »muß ich es denn nicht noch alle Tage hören, daß er mit den angesehensten Familien sich hätte verbinden, daß er dieses oder jenes reiche Fräulein hätte heiraten können? Sagt er es mir nicht so oft, als er mir zürnt, daß mein Adel neu sei, daß man von dem Geschlecht meiner Mutter gar nichts wisse, und daß sogar einige Tannensee in der Schweiz das von abgelegt haben und Kaufleute geworden seien?«

Jetzt erst ging dem jungen Mann ein schreckliches Licht auf. »Also in ein Haus des Unglücks, in eine unglückselige Ehe bin ich gekommen,« sprach er zu sich. »Ach, nicht aus Liebe hat sie ihn geheiratet, sondern aus Not, weil sie allein stand; und Faldner, so kenne ich ihn, hat sie genommen, weil sie schön war, weil er mit ihr glänzen konnte. Das unglückliche Weib! Und der Barbar macht ihr Vorwürfe über ihr Unglück, läßt sie sogar fühlen, was sie ihm verdanke?« Ein gemischtes Gefühl von Unmut über seinen Freund, von Mitleid und Achtung gegen die schöne, unglückliche Frau zog ihn zu ihr hin; er bemühte sich, ihr Mut und Vertrauen einzuflößen. »Sehen Sie dies alles als nicht gesagt an,« flüsterte er; »ich sehe, es macht Ihnen Kummer; was nützt es denn Faldner? Verschweigen wir ihm die törichten Mutmaßungen, die ich hatte, die ja ohnedies zu nichts führen können.« –

Josephe sah ihn bei diesen Worten groß an; ihre Tränen verlöschten in den weitgeöffneten Augen, und Fröben glaubte eine Art von Stolz in ihren Mienen zu lesen. »Mein Herr,« sagte sie, und ihre Gestalt schien sich höher aufzurichten, »ich kann unmöglich glauben, daß, was Sie sagten, Ihr Ernst sein kann; auf jeden Fall werden Sie wissen, daß die Gattin des Baron von Faldner kein Geheimnis mit Ihnen teilt, das nicht ihr Gatte wissen dürfte.«

Unter diesen Worten hatte sie das Teegeschirr unsanft von sich gerückt, war aufgestanden und – nach einer kurzen Verbeugung verließ sie den erstaunten Gast. Fröben wollte ihr nach, wollte abbitten, was er getan, wollte alles auf einmal gut machen, aber sie war schon in der Türe verschwunden, ehe er nur Fassung genug hatte, sich vom Sofa aufzuraffen. Unmutig ging er hinab in den Garten; er wußte nicht, sollte er sich selbst grollen oder der Empfindlichkeit der Dame, die ihm in diesem Augenblick übergroß erschien. Doch wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, sein aufgeregtes Blut wallte nach und nach ruhiger und sein Geist gewann Raum, über sich selbst nachzusinnen. Und hier fand er nun manches, was Josephen zur Entschuldigung diente. »Sie liebt ihn nicht,« sagte er zu sich, »er behandelt sie vielleicht roh, zeigt sich mehr als Herr denn als Gatte. Sie wurde weich, als ich mit ihr über höhere Genüsse des Lebens sprach, ich sah, wie sie erschrak, als sie sich gegen mich verraten hatte, als sie aussprach, welcher Mangel selbst mitten im äußeren Glück sie drücke. Und mußte sie sich nicht ängstlich berührt fühlen, daß sie diesen Mangel einem Freunde ihres Gatten verriet? Und weiter, als ich ihr alles, alles sagte, als ich mit einer gewissen Bestimmtheit von ihrer Abstammung sprach, als ich, vielleicht etwas unzart, Saiten berührte, die sonst niemand bei ihr antastete, mußte sie nicht dadurch schon außer sich selbst geraten? Und als sie vollends den Argwohn, die Zweifelsucht des Barons bedachte, wurde sie nicht immer ängstlicher, immer verlegener, und ich,« fuhr er fort, indem er sich vor die Stirne schlug, »ich konnte ihr zumuten, ein Geheimnis mit mir zu teilen, das sie ihrem nächsten Freund, ihrem Gatten, nicht verraten dürfte? Mußte sie nicht fürchten, wenn sie es verheimlichte, ganz in meiner Hand zu sein? Mußte ihr nicht das ganze Anerbieten sonderbar, unzart vorkommen?« Wie hoch, wie edel erschien ihm jetzt erst der Charakter dieser Frau, wo nahm sie bei dieser Jugend, denn sie konnte höchstens neunzehn zählen, solche Stärke, solche Umsicht, solche ungewöhnliche Bildung, solche feine geselligen Formen her? Er fühlte, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, daß den Frauen etwas von Feinheit, Schlauheit, Kraft, Ueberwindung, kurz, daß ihnen ein Geheimnis innewohne, dem der Mann, selbst der stolze, gewichtige, nicht gewachsen sei.

16.

Der Baron von Faldner war zum Mittagessen zurückgekommen und Josephe hatte ihn mit der gewohnten Anmut, vielleicht ein wenig ernster als gewöhnlich, empfangen. Aber hastig riß er sich aus ihrer Umarmung. »Ist es nicht, um toll zu werden, Fröben?« rief er, ohne seine Frau weiter zu beachten. »Mit horrenden Kosten lasse ich mir eine Dampfmaschine aus England kommen, lasse sie, auf die Gefahr hin, daß alles zu Grunde gehe, ausschwärzen – du kennst ja die Gesetze hierüber –, und jetzt, da ich meine, im Trockenen zu sein, da ich schon achtzig, ja hundert Prozent berechnete, jetzt geht sie nicht!«

»Franz!« rief Josephe erbleichend.

»Sie geht nicht?« rief ihr Fröben nach.

»Sie geht nicht!« wiederholte der unglückliche Landwirt. »Die Fugen greifen nicht ein, das Räderwerk steht, es muß irgend etwas verloren gegangen sein. Ich ließ, wie du weißt, Josephe, ich ließ es mich ja alles kosten, mit teurem Gelde ließ ich einen Mechanikus aus Mainz kommen; ich legte ihm die Zeichnung vor. ›Nichts leichter als dies,‹ sagte der Hund, und jetzt, da ich ihm A zu A, B zu B gebe, denn es ist alles numeriert und beschrieben, jetzt kann es kein Teufel zusammensetzen; o, es ist um rasend zu werden!«

Man setzte sich verstimmt zu Tische. Der Baron verbiß seinen inneren Grimm über die fehlgeschlagene Hoffnung und den wahrscheinlichen Verlust des Kapitals, er trank viel Wein und exaltierte sich zu schlechten Scherzen. Josephe war noch bleicher als gewöhnlich; sie besorgte still ihr Amt als Hausfrau, und nur Fröben wußte einigermaßen ihre Gefühle zu deuten, denn sie vermied es, ihn anzusehen. Ihm quoll der Bissen im Munde; er sah den Unmut einer getäuschten Hoffnung in den Mienen seines Freundes, er sah den Mut, die Entschlossenheit und doch wieder die unverkennbare Angst auf den Mienen der schönen Frau, es war ihm zuweilen, als sei mit ihm erst das Unglück über dieses Haus hereingebrochen. Das Gespräch schlich während der Tafel nur mühsam und stockend hin, doch als das Dessert aufgetragen war und die Diener auf Josephens Wink sich entfernt hatten, holte sie einigemal mühsam Atem, ihre Wangen färbten sich röter, und sie sprach:

»Du hast heute früh eine recht sonderbare Unterhaltung zwischen mir und deinem Freunde versäumt. Schon oft, wie du weißt, klagten wir über Mangel an Verwandtschaft von meiner Seite, jetzt scheint mir auf einmal ein neues Licht aufzugehen, denn er bringt uns ja viele und angesehene Verwandte ins Haus.«

Verwundert und fragend sah Faldner seinen Freund an; dieser war im ersten Augenblicke etwas betroffen, doch hier galt es, mit Umsicht zu handeln. Wunderbar fühlte er in diesem Augenblicke das Uebergewicht eines Mannes von Welt über die niedere, beinahe rohe Denkungsart eines Baron Faldner, und mit mehr Gelassenheit, mit weiser Benützung der Umstände erzählte er die sonderbare Geschichte des Bildes und seiner Bekanntschaft mit Don Pedro.

Gegen alle Erwartung wurde der Baron zusehends heiterer während der Erzählung. »Ei – sonderbar,« waren die einzigen Worte, die ihm hie und da entschlüpften, und als Fröben geendet hatte, rief er: »Was ist klarer als dies? Donna Laura Tortosi und Laura von Tortheim, der Schweizer Kapitän Tannensee und dein Vater sind dieselben. Und reich sagst du, lieber Fröben, reich ist der Haushofmeister? Begütert, unverheiratet und hegt noch die alte Vorliebe für seine Dulcinea von Valencia? Ei der Tausend! Josephchen, da könnte es ja noch eine reiche Erbschaft von Piastern geben!«

Josephe hatte wohl diese Aeußerung nicht erwartet; der Gast sah ihr an, daß sie dieses gemeine Wort lieber ohne Zeugen gehört hätte; aber eine drückende Last schien sich dennoch ihrem Busen zu entladen, sie drückte die Hand ihres Gatten, vielleicht nur, weil er ihr diesmal weniger Bitteres gesagt hatte als sonst, und ziemlich aufgeheitert sagte sie: »Mir selbst scheint in dem sonderbaren Zusammentreffen unseres Freundes mit dem Spanier eine eigene Fügung des Schicksals zu liegen; ja ich glaube sogar, daß es spanische Lieder waren, die hie und da meine Mutter, wenn sie einsam war, zur Laute sang. Ja vielleicht kommt es eben daher, daß ich nicht in eurem Glauben erzogen wurde, obgleich mein Vater, wie ich bestimmt weiß, reformierten Glaubens war. Nun, das beste ist, unser Freund schreibt an Don Pedro.«

»Ja, tu mir den Gefallen,« sagte Faldner; »schreibe an den alten Don, seine Laura habest du nicht gefunden, aber offenbar ihre Tochter; es könnte doch zu etwas führen, du verstehst mich schon; wem will er auch seinen Mammon vermachen als dir, du Goldkind? Ich habe es ja immer gesagt, und auch zur Gräfin Landskron sagt' ich es, als ich um dich anhielt, wenn sie auch nicht viel, eigentlich gar nichts hat, mit ihr kommt Segen in mein Haus. Und haben wir da nicht den Segen? Wie hoch, sagtest du, daß du den Spanier schätzest?«

17.

Der Baron hatte frische Flaschen befohlen, und Josephe stand bei den letzten Worten auf und entfernte sich. Unbegreiflich war Fröben, wie unzart sein Freund mit dem holden, edlen Wesen verfuhr, er fühlte, wie sie sich vor ihm der Gemeinheit ihres Gatten schäme, er fühlte es und antwortete daher ziemlich unmutig: »Was weiß ich; meinst du denn, ich frage die Leute, mit denen ich umgehe, wie ein Engländer. Wieviel wiegst du?«

»Ach, ich kenne ja deine sonderbaren Grillen über diesen Punkt,« lachte der Baron, »dir ist ein armseliger Geselle, wenn er nur das sogenannte Sentiment und Savoir vivre besitzt, so gut als einer, der zweimalhunderttausend Pfund Renten hat; aber ernstlich, mit dem Don müssen wir ins reine kommen, und ich rechne ganz auf dich.«

»Ja doch; du kannst gänzlich auf mich rechnen. Aber wie war es denn mit der Gräfin Landskron? Du sagtest mir ja noch nicht einmal, wie du deine Frau kennen lerntest.«

»Nun, das ist eigentlich eine kurze Geschichte,« erwiderte Faldner, indem er sich und dem Freunde von neuem Wein in das Glas goß. »Du kennst meinen praktischen Sinn, meinen richtigen Takt in dergleichen Dingen. Es stand mir die Wahl frei unter den Töchtern des Landes; reiche, bemittelte, schöne, hübsche, alles stand mir zu Gebot. Aber ich dachte: Nicht alles ist Gold, was glänzt, und suchte mir eine tüchtige Hausfrau. So kam ich durch Zufall auch auf das Gut der Gräfin Landskron. Josephe war damals noch als Fräulein von Tannensee ihre Gesellschaftsdame. Das emsige, geschäftige Kind gefiel mir; Tee eingießen, Aepfel schälen, Bohnen brechen, Blumen begießen, kurz alles wußte sie so zierlich und nett zu machen, daß ich dachte, diese oder keine wird eine gute Hausfrau werden. Ich sprach mit der Gräfin darüber. Zwar schreckten mich anfangs die kurzgefaßten Nachrichten wieder ab, die mir die Landskron über Josephens Verhältnisse geben konnte. Sie sagte mir, daß sie Josephens Mutter gekannt und nach ihrem Tode das Mädchen zu sich genommen habe; Vermögen hatte sie nicht, aber die Gräfin gab eine anständige Ausstattung. Das Kopulationszeugnis ihrer Eltern, ihr Taufschein war richtig – nun, man ist ja in der Liebe gewöhnlich ein Narr, und so nahm ich sie zu mir.«

»Und bist gewiß unendlich glücklich mit diesem holden Wesen?«

»Nun, nun, das geht so; praktisch ist sie nun einmal gar nicht, und ich muß ihr die dummen Bücher ordentlich konfiszieren, nur daß ich sie an Haus und Garten gewöhne; denn wie will man am Ende hier auf dem Lande auskommen, wenn die Hausfrau sich vornehm in das Sofa setzt, Romane und Almanachs liest, empfindelt, wozu sie ohnedies großen Hang hat, und weder Küche noch Garten besorgt?«

»Aber mein Gott, dazu könntest du ja Mägde halten?« bemerkte Fröben, den der Wein und das Gespräch noch wärmer und unmutiger gemacht hatten.

»Mägde?« fragte Faldner lachend und sah ihn groß an. »Mägde! Da sieht man wieder den Theoretiker! Freund, davon verstehst du nichts! Würden mir nicht die Mägde hinterrücks den halben Garten, die schönen Gemüse, Obst und Salat verkaufen? Und vollends in der Küche. Woher nur Holz und Butter genug nehmen, wenn alles den Mägden anvertraut ist! Nein, die Frau muß da schalten und walten, und leider! bin ich da mit Josephen schlecht gefahren; doch komm, stoß an; der Don soll alles gut machen!«

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