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Westafrikanische Kautschuk-Expedition

V. Kapitel. Togo-Reise und Heimreise. (continued 2)

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Als ich am 2. April sah, daß sich der Himmel klärte, ließ ich die Leute wieder antreten, und weiter ging es, ohne auf den Wunsch des Häuptlings zu hören, der mich bat, doch noch zu verweilen, da er mir ein Geschenk schicken wolle. Da wir den Weg von Nyive nach Atikpui nicht kannten, bat ich den Häuptling um einen Führer dorthin. Ohne lange dadurch aufgehalten zu werden, erhielt ich einen jungen Mann, der uns führen konnte. Infolge des Regens war das Gras in den Steppen noch vollständig naß, so daß ich, als ich vom Pferde abstieg, um einige interessante Pflanzen zu sammeln, total durchnäßt wurde. Die Steppe wechselte hier mit kleinen Buschpartien, zwischen deren nassen Büschen wir uns manchmal derartig hindurchwinden mußten, daß bereits einige der Lasten ganz durchnäßt schienen; doch bald war dieser Schaden wieder geheilt, als die Sonne höher stieg und alles abtrocknete. In Atikpui hatte ich mich eine halbe Stunde aufzuhalten, da ich mir einen neuen Führer bis Nyitoe suchen mußte. Da von den umherstehenden Leuten keiner einwilligte, mußte ich erst den Häuptling rufen lassen, der mir dann sofort den gewünschten Mann stellte. Ein großer Teil der Strecke, welche wir nun vor uns hatten, besonders nach Nyitoe zu, dürfte zu den fruchtbarsten Teilen der Landschaft Agotime gehören, soweit ich sie kennen gelernt habe. Anfangs hatten wir wieder eine sterilere Baumsteppe vor uns, doch nachdem wir den Todjië abermals überschritten hatten, wurde das Terrain recht interessant. Hier dürften sich große Strecken für Baumwoll- und vielleicht auch für Tabakbau eignen. Besonders gut schien das Gebiet zwischen dem Todjië und dem Kedjo. Ich möchte hier jedoch, um Mißverständnisse zu vermeiden, darauf aufmerksam machen, daß ich, wenn ich von gutem fruchtbaren Gebiete schreibe, nur die Togo-Verhältnisse im Auge habe, da es sich hier nur um die eventuelle landwirtschaftliche Entwickelung dieser Kolonie handelt. In einem von der Natur so reich beschenkten Lande, wie dasjenige am Kamerun-Gebirge, würden natürlich selbst die für Togo fruchtbar geltenden Orte als geringwertig angesehen werden. Ich möchte daher besonders davor warnen, etwa die wirtschaftlichen Verhältnisse des Gebietes am Kamerun-Gebirge auf Togo zu übertragen, denn dies müßte notwendigerweise zu einem Fiasko führen, schon da, abgesehen von der sehr verschiedenen Beschaffenheit des Bodens, die meteorologischen Verhältnisse ganz andere sind.

Kurz vor unserm Einzuge in Nyitoe überschritten wir noch den Kedjo, der sich hier mit dem Todjië vereinigt. Wie fast alle Dörfer im südlichen Togo, hat auch Nyitoe seinen Fetischplatz, bevor man in die Stadt kommt. Eine besonders wichtige Rolle scheint an solchen Plätzen eine Jatrophaart zu spielen, welche man stets als Umrandung dieser Fetischplätze angepflanzt sieht. Die Form der Plätze ist sehr verschieden, ebenso die Lage derselben. Überall werden sie sehr reinlich gehalten. In Nyitoe sah ich zum ersten Male die für Agotime charakteristischen merkwürdigen Thorhäuser, welche, größer als die anderen Häuser erbaut, den Eingang zum Marktplatze bilden. Auch ein Eisenschmied war dicht neben unserm Lager auf dem Marktplatze in voller Thätigkeit und bewies trotz seiner recht primitiven Instrumente eine große Geschicklichkeit. Gegen 12 Uhr von Nyitoe aufbrechend, marschierten wir durch Sukpe, ein Dorf, das ebenso groß wie Nyitoe und von diesem nur durch einen schmalen Buschwaldstreifen getrennt ist. Allenthalben, wo ich mich hier in Agotime zu Pferde sehen ließ, liefen die Frauen und Kinder davon, als ob der Gottseibeiuns käme, und wurden erst wieder beruhigt und zutraulicher, wenn sie sahen, daß auch meine Leute sich an das Pferd heranwagten. Interessant war übrigens, daß in den sämtlichen Buschwäldern, welche wir südlich vom Amedjovhe-Gebirge durchzogen, keine Spur der falschen Kickxia zu finden war. Es scheint, daß ihre Südgrenze etwa die Gegend am Fuße des Amedjovhe-Gebirges ist. Landolphien waren hin und wieder zu sehen, doch selten in stärkeren Exemplaren. Ficus Vogelii ist allenthalben in den Dörfern von Süd-Togo wie Mittel-Togo als Schattenbaum auf Marktplätzen angepflanzt. Von Sukpe nach Apegame ging der Weg über ziemlich trockene Savannengebiete, die mehr oder minder spärlich mit kurzen Bäumen bedeckt waren, an einem kleinen Farmdorfe vorbei, für welches uns die dort wohnenden Leute den Namen Kpadjakho angaben. In der Steppe gab es sehr viele Borassuspalmen, deren Früchte von den Eingeborenen hin und wieder genossen werden. Die Kinder saugen gern die süßliche, fleischige Pulpa aus, welche die Nüsse, deren stets drei zusammensitzen, umschließen. Als wir kurz hinter Apegame eben den Todjië wieder überschritten hatten, wurden wir inmitten der Steppe von einem sehr starken Regen überrascht, der uns bald vollständig durchnäßte. Da wir bereits eine ziemliche Strecke von den letzten Häusern entfernt waren, war es unnütz, erst wieder umzukehren; ich ließ deshalb trotz des Regens, der übrigens bald vorübergezogen war, den Marsch fortsetzen. Die Savanne vor Bottoe war ziemlich steriler Natur und dürfte daher weniger für europäische Plantagenanlagen geeignet sein, würde aber doch zur Bepflanzung mit Manihot Glaziovii zu empfehlen sein. Etwa eine halbe Stunde vor Bottoe erreichten wir die unter Leitung eines eingeborenen Negers stehende Außenstation der Bremer Mission. In Bottoc kamen wir gegen 4 Uhr am Nachmittage an. Trotz des schlechten Rufes, welchen die Eingeborenen dieser Ortschaft haben, wurden wir daselbst sehr freundlich aufgenommen. Der Häuptling brachte mir ein Geschenk von drei Hühnern und etwas Mais. Ich hatte während der letzten Zeit vorzugsweise von Eiern gelebt, welche wir allenthalben in den Dörfern für Tabak reichlich kaufen konnten, da ich gegen Konserven und das ewige Hühnerfleisch eine furchtbare Abneigung bekommen hatte. Am Morgen des 3. April brachen wir um 6 Uhr wieder auf. Der Häuptling des Dorfes hatte mir bereitwilligst einen Führer bis Batome bestellt, von wo aus ich dann einen neuen Führer bis Assahun zu nehmen gedachte. Über eine sterile Savanne, welche sich wohl nur zur Bepflanzung mit Manihot Glaziovii eignen dürfte, führte der Weg. Die infolge der ersten Regen hervorgesprossene Vegetation fing schon wieder an bedenklich zu vertrocknen. In einem kleinen Farmdorfe, welches wir passierten, beklagten sich die Eingeborenen über die ausbleibenden Regen. Das Wasser hatten sie von ziemlicher Distanz herbeizuschaffen, da die sämtlichen Quellen und sonstigen Wasserplätze in der Umgebung ausgetrocknet waren. Etwa eine halbe Stunde vor Batome marschierten wir durch das Dorf Seva. In Batome machte sich der Wassermangel erst recht bemerkbar, wir hatten hier viel Geld für das von den Eingeborenen herbeigeschaffte Wasser zu zahlen.

Von einigen Weibern kaufte ich hier eine Anzahl Finger- und Armringe, ebenso gelang es mir, einige Exemplare ovaler Messingringe zu erstehen, welche am Fuße über dem Spanne getragen werden. Die Fingerringe und ein Teil der Armringe waren aus Nickel verfertigt. Nach Angabe der Eingeborenen waren sie in Assahun hergestellt. Es ist wohl nicht unwahrscheinlich, daß ein Teil der nach Togo importierten Fünfpfennigstücke zu derartigen Arbeiten verwendet wird. Um 12 Uhr ließ ich wieder aufbrechen, diesmal ohne Führer. Es war in der trockenen Steppe drückend heiß, dazu schien der Weg immer unkenntlicher zu werden. An einigen verlassenen Farmdörfern zogen wir vorbei, bis allmählich die Gegend einen interessanteren Charakter annahm. Hin und wieder zeigten sich kleine Buschwäldchen, die immer häufiger zu werden schienen, und dazwischen lagen die Farmen der Eingeborenen. In Agorome floh die ganze Bevölkerung, als sie des Weißen auf dem Pferde ansichtig wurde, nur mit Mühe konnte ich einige Leute bewegen, zurückzukehren, um mir den Weg zu zeigen. Nach etwa einer weiteren Stunde gelangten wir nach Seve, wo ich für die Nacht geblieben wäre, wenn nicht die Einwohner behauptet hätten, weder genügend Wasser noch Nahrung zu haben. Es blieb uns also nichts übrig, als den Marsch bis Assahun fortzusetzen. Etwa 20 Minuten vor Assahun kamen wir wieder auf die breite Lome-Misahöhe-Straße und trafen dann mit Einbruch der Dunkelheit in Assahun ein. Ich ließ sofort das Zelt aufschlagen, um für die Nacht hier rasten zu können, meine Leute fanden Unterkommen in den Häusern der Eingeborenen.

Gegen 5½ Uhr rief am 4. April meine Signalpfeife unsere Schar wieder zusammen. Da ich die Absicht hatte, bloß bis Badja zu marschieren, ließ ich heute nicht so zur Eile antreiben. In Kewe ließ ich am Logirhause eine halbe Stunde Rast machen und dann direkt nach Badja vorgehen, wo wir schon um 10 Uhr unter Ficus- und Affenbrotbäumen das Zelt aufstellen konnten. Es schien hier ein großer Palavertag zu sein, denn in der Nähe meines Zeltes wurde eine lange Gerichtsverhandlung vom Häuptlinge abgehalten. Ich wurde zwar aufgefordert, auch daran teilzunehmen, schlug diese Einladung aber ab, da ich mich nicht in die Angelegenheiten der Leute mischen wollte. Gegen Abend mußte ich den Häuptling rufen lassen, um ihn aufzufordern, für einen Polizeisoldaten, dessen Träger entlaufen war, einen neuen Träger zu stellen. Wie sich herausstellte, hatte eigentlich der Soldat selbst Schuld an der Sache, und deshalb waren die Badja-Leute gegen ihn aufgebracht, doch gelang es mir, den Streit zur Zufriedenheit beider Parteien beizulegen, so daß sich der Häuptling verpflichtete, in aller Frühe am nächsten Tage den gewünschten Träger bis Palime zu stellen. Unsern Aufenthalt am Nachmittage in Badja benutzte ich dazu, die Steppen botanisch zu untersuchen, wobei es mir gelang, einige recht interessante Funde zu machen. Am Abend begann ein sehr starker Regen, welcher die ganze Nacht hindurch nicht endete und unsern Aufbruch am nächsten Morgen bis 7 Uhr verzögerte. Kaum waren wir auf dem Wege wieder in der Steppe, als der Regen mit erneuter Heftigkeit wiederum begann. Doch wollte ich mich dadurch nicht mehr in unserm Fortkommen behindern lassen und ließ nun unter diesen nicht gerade sehr angenehmen Zuständen den Marsch fortsetzen. Waren wir und die Lasten doch bereits vollständig durchnäßt, so konnte etwas Regen mehr oder minder weiter keinen bedeutenden Schaden anrichten. Die Wege waren allerdings infolge ihrer lehmigen Beschaffenheit so schlüpfrig, daß mehrere Male Träger mit ihren Lasten stürzten. Ebenso hatte ich mit meinem Pferde gut aufzupassen, denn auch das Tier konnte nicht sicher treten. Nachdem wir Noeppe passiert, trafen wir gegen 11 Uhr vollständig durchnäßt in Akeppe ein. Zu unserm Glück hatte der Regen nachgelassen, so daß wir in den nichts weniger als regendichten Rasthütten daselbst verbleiben konnten. Am Nachmittage klärte sich zu unserer Freude der Himmel auf, ja, die Sonne trat sogar hervor und gab uns somit Gelegenheit, einen Teil der Lasten zu trocknen. Leider gesellte sich eine neue Plage wieder zu uns, nämlich die Ameisen, die nun nach dem Regen unsern Lagerplatz zu Hunderten umschwärmten und, wo sie nur Gelegenheit fanden, ihre Wut an den nackten Füßen der Träger ausließen. Auch ich machte am Abend, nachdem ich mir die hohen Stiefel abgezogen hatte, wiederholt ihre Bekanntschaft.

Am nächsten Morgen stand die Karawane schon um 5 Uhr reisefertig da. Um 7 Uhr ließ ich noch einmal bei einem Farmdorfe eine kurze Frühstücksrast machen und ritt dann nach Lome voraus, wo ich um 10½ Uhr eintraf, während meine Karawane um 11 Uhr anlangte. Ich traf umgehend meine Vorbereitungen zur Abreise und erledigte einige mir von Dr. Gruner mitgegebene Aufträge. Den Abend verbrachte ich noch in einer gemütlichen Gesellschaft bei Herrn Dr. Wendland.

Pünktlich erschien gegen Mittag am 7. April der Dampfer „Eduard Bohlen“, der mich nach Europa bringen sollte. Gern wäre ich noch länger in Togo geblieben, wenn ich mir nicht hätte sagen müssen, daß in Europa viele Arbeiten während der Monate meiner harrten, welche ich daselbst zu verbringen gedachte. Die Fahrt durch die Brandung verlief auch glücklich, obgleich dieselbe nicht ganz gefahrlos war. Um 2 Uhr lichtete der Dampfer die Anker, und fort ging es, der Heimat zu.

In den ersten Tagen der Heimreise verlief unsere Fahrt noch einigermaßen zu unserer Zufriedenheit, doch bald verringerte sich die Geschwindigkeit immer mehr, so daß wir mit der Zeit unsere Ankunft in Europa immer weiter verschieben mußten. Die Fahrt war keineswegs eine gemütliche und zufriedenstellende, so daß alle Passagiere aufatmeten, als wir am 1. Mai mit einer fünftägigen Verspätung in die Elbe eindampften.

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