II. Kapitel. Aufenthalt in Kamerun, Reise nach und auf dem Congo.
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Während der kurzen Fahrt von Lagos nach der Kamerun-Küste hatten wir vorzügliches Wetter. Die See war spiegelglatt, kein Lüftchen regte sich. Am Morgen des 4. April tauchte plötzlich der Kamerunberg vor unseren Augen auf, als sich die Nebel, welche umherhingen, etwas lüfteten. Seine Spitze war leider nicht zu sehen. Doch dessenungeachtet war ein jeder der Passagiere entzückt von dem Anblick, welcher sich uns bot, als wir uns der Küste bei Bibundi näherten. Die tropische Fülle und Üppigkeit der Vegetation überstieg alle Erwartungen. Der dichte Urwald, welcher das Land bedeckte, soweit wir im stande waren, es zu sehen, machte mit seinen riesigen Bäumen, die von Epiphyten aller Art bedeckt waren, einen gewaltigen Eindruck auf einen jeden der Beschauer.
Gegen 7 Uhr am Morgen warfen wir Anker vor Bibundi. Natürlich konnte niemand der Passagiere seinen Wunsch bezwingen, dieses tropische Paradies zu sehen. Alle gingen mit der nächsten Gelegenheit an Land. Mit verschiedenen anderen Herren ging ich nun nach der Kakaoplantage der Bibundi-Gesellschaft. Herr Rackow, der damalige Leiter, empfing uns bereits am Strande. Da es in meiner Absicht lag, mit Herrn Rackow betreffs Kickxiakulturen zu sprechen, so benutzte ich diese dazu günstige Gelegenheit, fand allerdings bis jetzt nicht viel Gehör für Einführung einer neuen Kultur, um so weniger, als wir auch auf dem Schiffe einen Pflanzer aus Sumatra mitgebracht hatten, der hier in Bibundi eine Tabakplantage anlegen sollte. So konnte ich denn diesen meinen ersten Besuch in Bibundi nur zur allgemeinen Orientierung verwenden. Ich besprach daher mit Herrn Rackow meinen Plan, daß ich in einiger Zeit von Victoria nach Bibundi zurückkehren wollte, um dann einige Tage dort zu verweilen. Auch Herrn Oberleutnant v. Carnap traf ich hier in Bibundi. Derselbe war mit einer größeren Truppe von Arbeitern, welche er im Rio-del-Rey-Gebiete angeworben hatte, vor kurzem dort eingetroffen, und wollte nun die Gelegenheit wahrnehmen, um mit unserem Dampfer die Leute nach Kriegsschiffhafen zu bringen. Da das Anbordbringen der Leute ziemlich langsam vor sich gehen konnte, denn wir hatten in beträchtlicher Entfernung von der Küste Anker geworfen, so konnten wir erst um 5 Uhr wieder in See gehen. Längs der wundervollen Küste fuhren wir nun an der Ambas-Bai mit Victoria und den beiden Inseln Mundule und Ambas vorbei, um die Affen-Halbinsel herum in die prachtvolle Bucht von Kriegsschiffhafen hinein. Noch in der Dunkelheit wurden die neuangeworbenen Arbeiter, 214 an der Zahl, gelandet. Mit Tagesanbruch am 5. April wurden die Anker wieder gelichtet. Um 5½ Uhr waren wir vor Victoria.
Es war ein prachtvoller Morgen; der im Hintergrunde aufsteigende Kamerunberg war bis zur Spitze des Engelberges mit Nebel bedeckt. Darunter die dunklen, dicht bewaldeten Hügel, im Gegensatz zu den weißgetünchten Häusern von Victoria: ein Bild, wie man es an der ganzen westafrikanischen Küste nicht wieder sehen kann.
Zusammen mit Herrn Oberleutnant v. Carnap fuhr ich an Land. Da ich die Absicht hatte, mich einige Zeit in dem Victoria-Bezirke aufzuhalten, quartierte ich mich in dem Hotel der Ambas-Bay Trading Comp. ein. Dank des Entgegenkommens, welches ich von Seiten des damaligen Bezirksamtmannes, Herrn Assessor Horn, fand, und vor allen Dingen des regen Interesses, welches Herr Oberleutnant v. Carnap meinen Unternehmungen entgegenbrachte, waren die Gepäckstücke und sonstigen Expeditionsgüter bald in einem Schuppen der Ambas-Bay Trading Comp. untergebracht.
Nach dem Essen machte ich mich sogleich auf den Weg zum botanischen Garten und besprach dort mit dem anwesenden Gärtner die Möglichkeit, meine Kickxiasamen zum Teil dort aussäen zu lassen. Es wurden sogleich auch Beete hergerichtet, so daß schon am 7. April die Samen ausgesät werden konnten. Auch die Ficusstecklinge, welche ich aus Lagos mitgebracht hatte, konnten zu derselben Zeit in den Boden eingesteckt werden.
Während der nächsten Tage machte ich mit Herrn Oberleutnant v. Carnap zusammen verschiedene kleine Exkursionen und Ausflüge, um mich über die Verhältnisse und die Vegetation etwas zu orientieren.
Am 9. April fuhr ich zusammen mit den Herren Assessor Horn und Oberleutnant v. Carnap nach Kriegsschiffhafen zu Herrn Frederici, mit dem ich auch die Möglichkeit einer Kickxiaanlage daselbst besprechen wollte. Die Fahrt dorthin unternahmen wir in einem Regierungsboote. Gegen 10½ Uhr langten wir bei Herrn Frederici an, der uns äußerst liebenswürdig aufnahm. Schon auf dem Wege von dem Landungsplatze bis zum Wohnhause des Herrn Frederici konnte man sehen, daß hier eine peinliche Ordnung allenthalben herrschte. Die Gebäude waren solide und praktisch aufgeführt, kurzum man sah, daß Herr Frederici nicht umsonst als Muster eines Plantagenleiters in Kamerun gilt.
Als ich im Laufe der Unterhaltung Herrn Frederici fragte, wie er sich zur Frage des Anbaues von Kautschukbäumen stelle, äußerte er sich, entschieden dagegen zu sein. Als ich ihm nun die Vorteile einer solchen Anlage im Falle des Gedeihens der Kickxia vor Augen führte, gelang es mir zu meiner nicht geringen Freude, ihn vollständig umzustimmen, so daß er sich sofort bereit erklärte, eine solche Pflanzung anzulegen. Da ich schon allenthalben von der Tüchtigkeit dieses äußerst praktischen Mannes gehört hatte, lag mir viel daran, vor allen Dingen ihn für meine Sache zu gewinnen; es war natürlich nun eine große Genugthuung für mich, daß es mir gelang. Am Nachmittage machten wir einen längeren Spaziergang, um die Plantage zu besichtigen. Bei dieser Gelegenheit stellten wir auch gleich einen Platz fest, welcher zur Anlage der Saatbeete für die Kickxia reserviert werden sollte, ebenso die Lokalitäten, auf denen dann später die Kickxia in der von mir vorgeschlagenen Weise ausgepflanzt werden sollten. Zur Anlage dieser Kickxiaanpflanzungen wählten wir die Hügel, welche sonst für Kakaokulturen weniger geeignet sind.
Es war eine Freude, zu sehen, wie alle Bestände in wundervoller Ordnung gehalten wurden, besonders die von Herrn Frederici in neuerer Zeit angelegten. Beständig waren neue Pflanzen an Stelle etwaiger kranker oder abgestorbener Bäume eingesetzt worden, so daß nur wenige Lücken in den Beständen vorhanden waren. Da, wo von Herrn Fredericis Vorgänger die einzelnen Stämme zu dicht gepflanzt waren, wurde allmählich mehr Luft geschafft. Schöne breite Wege, die in vorzüglichem Zustande waren, durchschnitten die Plantage nach allen Seiten. Die Wasserläufe waren durch schöne massive Brücken passierbar gemacht. Besonders gut gefiel mir das von Herrn Frederici erst unlängst angelegte Vorwerk „Wasserfall“. Hier hatte Herr F. die Erfahrungen, welche er im Laufe der Jahre gesammelt hatte, alle verwerten können. Hier sah man die regelmäßigsten Bestände. Dieselben bestanden zwar meist nur aus jüngeren Pflanzen, versprachen aber, sich prachtvoll zu entwickeln. Die Anlagen zum Gären und Dörren des Kakaos waren entschieden die praktischsten, welche ich gesehen. Die letzteren waren ganz ähnlich den Dörrhäusern, welche Dr. Preuß in seinen Berichten an das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee aus Südamerika abgebildet und beschrieben hat.
Am Abend kehrte Herr Assessor Horn nach Victoria allein zurück, Herr Oberleutnant v. Carnap und ich blieben über Nacht bei Herrn Frederici, um am nächsten Morgen erst auf dem Landwege nach Victoria zurückzugehen. Unser Weg von Kriegsschiffhafen nach Victoria führte durch das Vorwerk Wasserfall über eine Hügelkette. Sobald wir die Grenze der Kriegsschiffhafen-Plantage überschritten hatten, wurde er schmaler und war mehr vernachlässigt, stellenweise war er vollständig mit Unkraut bewachsen. Der prachtvolle Urwald zu beiden Seiten wurde hin und wieder von Anpflanzungen der Victoria-Neger unterbrochen. Die Kakaobestände derselben waren häufig zu dicht bewachsen, sonst wurden hauptsächlich Bananen und Planten, letztere eine nicht süße, große Bananenart, gepflanzt. Stellenweise sah man etwas Maniok (Kassada) und Xantosoma esculentum (Koko).
Am Morgen des 11. April brach ich mit zwei Trägern (Majumba-Leuten) und einem Jungen nach Buea auf, um mich dem Herrn Gouverneur v. Puttkamer vorzustellen. Der schöne, weit gehaltene Weg führte über den Limbe-Bach hinüber durch einige Vorwerke der „Victoria“-Plantagengesellschaft. Die Kakaobestände daselbst standen zum großen Teile nicht schlecht, doch war der Boden stellenweise so steinig, daß man sich unwillkürlich fragen mußte, ob denn die Bäumchen hier für längere Zeit sich würden halten können. Hinter dem Limbe-Vorwerk stieg der Weg allmählich nach Bomana zu an. Er war an den steileren Stellen besonders dicht mit Basalt- und Lavageröll bedeckt. Da die Sonne unterdessen schon etwas höher gestiegen war, konnten die Träger mit den schweren Koffern nicht mehr so schnell vorwärts. Ich ging daher mit dem Jungen voraus. Oberhalb Bomana traten in dem Urwalde stellenweise schon offenere Partien auf, welche mit Elefantengras bewachsen waren. Dieses letztere ist eine riesige Pennisetumart, welche nicht selten eine Höhe von 3 m erreicht. Gegen 11½ Uhr erreichte ich den Rand des oberen Plateaus, auf dem Buea gelegen ist. Dasselbe liegt 800 bis 900 m über dem Meeresspiegel. Dichter Urwald war hier nicht mehr vorhanden. Ehe ich die Station Buea, den Sitz des Herrn Gouverneurs v. Puttkamer, erreichte, hatte ich noch durch einen Teil der „Günther-Soppo-Pflanzung“ zu marschieren. Die Kaffeebäumchen daselbst sahen meist nicht sehr vielversprechend aus, viele waren eingegangen, andere schienen zu kränkeln. Offenbar behagte ihnen die kalte, nebelige Luft dieses Plateaus nicht mehr. Kakao gedeiht so hoch oben am Kamerunberge auch nicht mehr. Gegen 12½ Uhr traf ich auf der Station Buea ein. Ich meldete mich hier bei dem Stationschef, Herrn Leuschner, welcher mit seiner Gemahlin mich sehr liebenswürdig aufnahm und mir in dem Logierhaus, welches für Durchreisende und neue Ankömmlinge sowie für Rekonvaleszenten, welche etwa aus der mörderischen Küstenzone heraufkommen sollten, gebaut ist, ein Zimmer anwiesen. Die Station liegt direkt am Fuße des Gipfelkegels des Kamerun-Gebirges. Zur Zeit meiner damaligen Ankunft bestand sie aus etwa 15 Häusern. Das Klima ist hier für Europäer gesund, besonders da Fieber hier nicht mehr vorzukommen scheint, doch werden infolge der häufigen Nebel die Europäer leicht von Rheumatismus befallen. Da die Eingeborenen der Umgebung jetzt vollständig beruhigt sind, wird hier nur eine kleine Polizeisoldatentruppe gehalten, welche hauptsächlich Ordonnanzdienste zu verrichten hat.
Am Nachmittage empfing mich der Gouverneur Herr v. Puttkamer. Er brachte meiner Expedition, wie überhaupt allen Dingen, welche die Entwickelung des Schutzgebietes fördern könnten, ein sehr reges Interesse entgegen und versprach, meine Pläne in jeder Weise zu unterstützen. Daß dies nicht leere Versprechungen waren, hatte ich in Zukunft genug Gelegenheit, wahrzunehmen. Ich kann daher dem Herrn Gouverneur v. Puttkamer nicht genug Dank wissen für die Art, in welcher er die Interessen meiner Expedition gefördert hat.
Bei seiner letzten Rückkehr aus Europa hatte Herr Gouverneur v. Puttkamer eine Anzahl Algäuer Kühe nach Kamerun hinüberführen und nach Buea auf die Station bringen lassen. Dieselben haben sich hier sehr gut entwickelt und geben reichlich Milch. Leider aber scheint das Futter des Kamerun-Gebirges nicht genügend kräftig zu sein, so daß ein nicht geringer Teil desselben für die Tiere noch immer aus Europa importiert werden muß. Man hatte auch bereits Versuche gemacht, Kreuzungen zwischen dem Algäuer Vieh und eingeborenen Kamerun-Kühen zu erziehen, so daß es nicht ausgeschlossen ist, daß dadurch die einheimischen Rinder bedeutend verbessert werden.
In Buea hielt ich mich bis zum 13. April auf. Ich verbrachte die Zeit daselbst, so gut es ging, mit Sammeln von Pflanzen, Exkursionen, und vor allen Dingen Besuchen nach der Günther-Soppo-Plantage. Herr Günther hatte nämlich eine kleine Landolphiapflanzung angelegt, welche wohl die erste in unserem Schutzgebiete sein dürfte. Die Pflänzchen schienen sich an den Bäumchen, an deren Fuße sie angepflanzt waren, recht wohl zu befinden, einige waren bereits gegen 2 m hoch. Doch trotz dieses guten Gedeihens scheint mir eine solche Anlage, wenn sie in dieser Weise noch einer gewissen Pflege bedarf, nicht rentabel genug zu sein. Vor dem 15. Jahre dürften die Lianen wohl kaum anzapfbar sein, und da dieselben nur sehr wenig Latex abgeben, würden die Unkosten wohl in keinem annehmbaren Verhältnisse zu dem Gewinne stehen. Während eines Streifzuges auf dem Boden der Soppo-Plantage fand ich eine Ficusart, aus der Verwandtschaft der P. Preussii Warb., deren Milch nach der Koagulation ein ganz ähnliches Produkt ergab, als die der Ficusart aus dem Yoruba-Lande. Natürlich kann ich über diese Art daher nur dasselbe sagen, wie von der Yoruba-Art. Man muß mit solchen Dingen natürlich sehr vorsichtig sein, da sich für ein so minderwerthiges Material erst allmählich ein Absatz auf dem Kautschukmarkte erzielen läßt. Ändern würde sich diese Sachlage natürlich dadurch, daß sich eine neue Verwendung für solche Produkte finden ließe. Der Kakao auf der Soppo-Plantage stand da, wo er nicht in zu hoher Lage ausgepflanzt war, nicht schlecht; dennoch machte die ganze Plantage einen etwas verwahrlosten Eindruck, obgleich die Wege recht gut gehalten waren. Herr Günther schrieb dieses dem Mangel an Arbeiter- und Aufseherpersonal zu, das lange nicht ausreiche, um die unter Kultur gesetzten Ländereien in Ordnung zu halten.
Am Nachmittage des 13. April verabschiedete ich mich bei dem so äußerst zuvorkommenden und liebenswürdigen Herrn v. Puttkamer und trat nun meinen Rückmarsch nach Victoria an. Um 2 Uhr verließ ich Buea; auf einem direkteren, aber steileren Wege stieg ich ab, so schnell es in dem Lavageröll ging. Um 6¼ Uhr traf ich in Victoria ein. Hier bezog ich wieder mein altes Quartier in dem Ambas-Bay-Hotel bei Herrn Lange. Von der Ficusart, welche ich bei Soppo gefunden hatte, brachte ich auch Stecklinge für den botanischen Garten in Victoria mit.
Während einiger Tage blieb ich nun in Victoria, um zunächst einige Versuche mit der Milch der Ficus elastica zu machen. Im botanischen Garten waren einige ältere Stämme, welche zum Anzapfen durchaus geeignet schienen. Das Resultat dieser Untersuchungen deckte sich genau mit den Ergebnissen der Experimente, welche ich kurze Zeit später in Bibundi anstellte, es konnte kaum zufriedenstellend genannt werden. Der Kautschuk war entschieden von inferiorer Qualität, obgleich etwas besser als der der Ficusarten aus dem Yoruba-Lande und von Buea.
Zusammen mit Herrn Oberleutnant v. Carnap besuchte ich damals auch die Moliwepflanzung, welche unter der tüchtigen Leitung des Herrn Stammler eben zu entstehen begann. Die zu jener Zeit zur ersten Anlage ausgesuchte Lokalität befand sich etwa ¾ Stunde von Victoria entfernt. Dort angekommen, überzeugte ich mich sofort, daß es unter den damals waltenden Umständen für Herrn Stammler vollständig unmöglich war, sofort Kickxiasaat zu übernehmen. Da er sich aber entschlossen hatte, Kickxia anzupflanzen, so machte ich ihm einen Vorschlag, auf den er nur zu gern einging. Ich wollte dem botanischen Garten in Victoria die für die Moliwepflanzung bestimmten Kickxiasamen zur Aussaat übergeben. Herr Stammler mußte sich verpflichten, dieselben bis zum 1. August 1899 spätestens abzuholen, sonst verfielen die Pflänzchen dem botanischen Garten als Eigentum. In dieser Weise wurde denn auch alles arrangiert. Herr Assessor Horn, der gewissermaßen Herrn Dr. Preuß während seiner Abwesenheit vertrat, gab seine Einwilligung dazu. Somit wurden der Moliwepflanzung auch einige tausend Kickxiapflänzchen gesichert.
Da ich, wie ich schon oben angegeben, die Absicht hatte, noch einmal Bibundi zu besuchen, um Kickxiasamen dorthin zu bringen, so benutzte ich, mit Genehmigung des Herrn Gouverneurs v. Puttkamer, eine Gelegenheit, dorthin zu gelangen, welche sich am 17. April bot. Der Regierungsdampfer „Nachtigal“ sollte Herrn Hauptmann v. Besser nach Bibundi bringen, wo er die Grenze zwischen der Sanje- und der Bibundi-Plantage festlegen wollte. Ich begleitete daher Herrn Hauptmann v. Besser nach Bibundi. Als wir gegen 10½ Uhr dort eintrafen, war leider Herr Rackow eben im Begriff, nach Victoria abzureisen. Ich konnte also nur das Nötigste mit ihm besprechen. Von Frau Rackow wurden wir in der freundlichsten Weise aufgenommen. Diese Dame, welche hier in der Halbcivilisation unermüdlich ihrem Haushalte vorstand, ist ein Segen für die sich in Bibundi aufhaltenden Europäer gewesen. Wo es nur immer in Krankheitsfällen etwas zu helfen gab, hat sie stets für die betreffenden Herren in der edelmütigsten Weise gesorgt. Auch uns wußte sie hier das Leben recht angenehm zu machen; wenn nur jemand einen Wunsch äußerte, wurde er sogleich erfüllt, wenn dies irgend möglich war.
Wie ich mit Herrn Rackow verabredet hatte, ließ ich unter meiner Aufsicht für die Kickxiasamen hier Saatbeete anlegen und zwar in derselben Weise, wie ich es bereits auf Kriegsschiffhafen und im botanischen Garten zu Victoria vorgeschlagen hatte.
Die vier Tage meines Aufenthaltes in Bibundi suchte ich nun soweit als möglich auszunutzen. Am Nachmittage des 17. April machte ich mit Herrn Hauptmann v. Besser einen Besuch auf der Sanje-Plantage. Herr Becker, der Leiter derselben, war eben dabei, eine größere Fläche für Kakaokulturen zu reinigen. Die Lage der Plantage in einer großen, mäßig feuchten und äußerst fruchtbaren Ebene, auf der zur Anlage der Anpflanzungen eigentlich nur wenig Wald wegzuschlagen sein wird, stellt bei guter Betriebsleitung für das Unternehmen eine große Zukunft in Aussicht. Auf dem Gebiete der Sanje-Gesellschaft sind noch einige alte Kakaogärten eines ehemaligen Elefantenjägers vorhanden, welche von der Gesellschaft übernommen worden waren. Diese Gärten waren recht gut in Pflege gehalten und mit großem Geschick angelegt, so daß Herr Becker sehr recht that, indem er diese Anlagen sogleich fortsetzen ließ.
Auch hier in Bibundi waren bei dem Wohnhause des Herrn Rackow einige Ficus elastica-Stämme von genügender Stärke vorhanden, so daß ich Versuche damit anstellen konnte. Ich ließ zu dem Zwecke Milch derselben einsammeln, kam aber bei meinen Experimenten zu demselben Schlusse wie in Victoria. Der Kautschuk war entschieden ein minderwertiges Produkt, jedoch nicht gänzlich unbrauchbar.
Am 20. April begleitete ich Herrn Hauptmann v. Besser auf einer seiner Vermessungstouren, um die Flora des Gebirgswaldes hier kennen zu lernen. Wir drangen längs der östlichen Grenzlinie des Bibundi-Gebietes ziemlich tief in den Urwald ein. Das Ergebnis dieser Exkursion war für mich nicht anders als ich erwartete. Es fanden sich einige Landolphien, die wirklich Kautschuk lieferten, aber nicht zahlreich genug vorhanden zu sein schienen, um einen Abbau seitens der Europäer zu rechtfertigen. Von Kickxia war nichts zu entdecken, ebenso wenig von kautschukliefernden Ficusarten.
Da ein längerer Aufenthalt in Bibundi für mich nur Zeitverlust bedeutet hätte, weil ich doch jetzt nach der Aussaat der Kickxien in Abwesenheit des Herrn Rackow nichts ausrichten konnte, beschloß ich, am Morgen des 21. April mit einem Boote nach Victoria zurückzukehren. Einer der Herren von Bibundi, Herr Mazat, welcher nach Kamerun wollte, begleitete mich. Erst um 9 Uhr kamen wir von Bibundi fort, da sich natürlich im letzten Augenblicke immer wieder etwas Neues fand, was die Herren Bootsjungen noch zu besorgen hatten. Es herrschte eine grauenhafte Windstille, so daß wir uns im Boote vor der Hitze kaum retten konnten. Natürlich kamen wir auch nur sehr langsam vorwärts, da wir nicht das Segel gebrauchen konnten. Wir fuhren um das Kap Debundja herum nach Isongo, wo wir bei dem Leiter dieses Vorwerkes der Bibundi-Pflanzung, Herrn Kundler, unser Mittagsmahl einnahmen. Es war gegen 2½ Uhr, als wir eintrafen. Die Kakaopflanzung stand hier recht gut und war schön rein gehalten. Bei den hier besonders starken Regenfällen scheint sich dieser Ort für Kakao vorzüglich zu eignen, ebensowohl für Vanille, welche in neuerer Zeit dorthin eingeführt werden soll. Landschaftlich bietet Isongo ein reizendes Bild dar. Gegen 4 Uhr brachen wir wieder von Isongo auf, um noch bis Mokindange fahren zu können. Eine Brise, welche sich plötzlich erhob, war für uns günstig. So kam es, daß wir gegen unsere Erwartungen bereits um 6½ Uhr vor Mokindange waren. Es war eine gefährliche Fahrt hinein in die mit zerstreuten Felsen reich bedeckte Bucht, da aber Herr Mazat sowohl wie unsere Bootsleute häufig vorher hier gewesen waren, kamen wir endlich wohlbehalten bei Herrn Böklin, welcher der hiesigen Plantage vorsteht, an. Mokindange ist ebenso wie Isongo noch ein Vorwerk der Bibundi-Plantage. Die Plantage konnte ich leider nicht mehr besichtigen, da wir am nächsten Morgen bereits um 6 Uhr wieder abfuhren. Der Wind war wieder ungünstig für uns, so daß unsere Leute die ganze Strecke rudern mußten. Wir fuhren bei dem Dorfe Bota vorbei, zwischen den merkwürdigen „Piraten“-Inseln und dem Festlande hindurch nach Victoria zu. Unterwegs liefen wir noch einmal an der Küste bei Herrn Weilers Besitz an, wo Herr Mazat noch einiges Geschäftliche zu arrangieren hatte. Gegen 9 Uhr langten wir endlich bei strömendem Regen in Victoria an.
Da sich der Monat nun seinem Ende zuneigte, benutzte ich die nächsten Tage meines Aufenthalts in Victoria dazu, die für meine Congo-Reise nötigen Lasten zusammenzustellen. Außerdem setzte ich meine Experimente mit der Milch der Ficus elastica fort.
Einer Verabredung gemäß schickte Herr Frederici am 26. April vom Kriegsschiffhafen aus ein Boot, um mich dorthin abzuholen, damit wir die Kickxien aussäen könnten. Noch an demselben Tage wurden die Saatbeete fertiggestellt und am nächsten Tage die Samen gleich in Abständen von 1 dm einzeln eingesteckt. Zum Schutz gegen die Sonne mußte natürlich ein leichtes Dach von Wedeln der Ölpalme hergestellt werden, was einfach dadurch erzielt wurde, daß man diese Wedel auf dazu angebrachten Stellagen darüber legte.
Ich besichtigte nun während meines Aufenthalts die Plantage genauer als es mir vorher die Zeit erlaubt hatte. Auch das Vorwerk N’Bamba besuchte ich. Überall fand ich dieselbe Ordnung, überall die Anlagen praktisch und doch ohne großen Kostenaufwand aufgeführt. Wir unterzogen nun auch die für Kickxiabestände ausersehenen Hügelrücken einer Besichtigung. Ich fand hier dieselbe Urwaldvegetation wie in den Wäldern des Yoruba-Landes, wo ich Kickxia angetroffen hatte. Der Boden war zwar entschieden fruchtbarer und von anderer Beschaffenheit, doch scheint dieser Umstand, wie meine späteren Reisen in das Bakossi-Gebiet bewiesen, von nicht so hoher Bedeutung zu sein.
Als ich am 22. Mai nach Victoria zurückkehren wollte, wollte es der Zufall, daß gerade der Dampfer „Adolph Woermann“ auf seiner Rückreise nach Victoria Kriegsschiffhafen anlief. Herr Kapitän Jensen war so freundlich, mich nach Victoria mitzunehmen. Dieser Umstand war mir besonders angenehm, da ich erfuhr, daß Herr Küderling aus Campo, welcher als einziger bisher für Kickxiaplantagen im Schutzgebiete eingetreten war, sich an Bord befände. Ich hatte sonach Gelegenheit, mich eingehender mit ihm über die Kickxiakultur zu unterhalten, und gab ihm das Versprechen, nach meiner Rückkehr aus der Sanga-Ngoko-Region, auch seine Plantage am Campo-Flusse zu besuchen.
In Victoria sah ich zu meiner großen Freude, daß die Kickxiasamen bereits anfingen aufzugehen. Kaum 5 pCt. der Samen schienen auszubleiben.
Da der „Woermann-Dampfer“, welcher nach dem Congo fahren sollte, nun jeden Tag in Kamerun erwartet wurde, fuhr ich am 7. Mai mit der „Nachtigal“ nach Kamerun hinüber, um daselbst auf den Dampfer zu warten. Herr Gouverneur v. Puttkamer, welcher erst seit kurzem vom Congo zurückgekehrt war, war so liebenswürdig gewesen, mir Empfehlungen an die dortigen Behörden und andere Persönlichkeiten, welche mir von Nutzen sein konnten, mitzugeben. Ebenso hatte er mir viele Ratschläge erteilt, deren Nutzen ich sehr bald erkennen sollte.
In Kamerun nahm mich Herr Großberger für die Zeit meines Aufenthaltes daselbst in seiner Faktorei auf. Als bald die Nachricht von Europa kam, daß der für den Congo bestimmte Dampfer in der Elbe Schaden erlitten habe und daher durch einen anderen ersetzt werden solle, beschloß ich, mit dem auch schon erwarteten englischen Dampfer „Roquelle“ zu fahren. Auch dieser hatte Verspätung und lief erst am 9. Mai im Kamerun-Flusse ein. Da mir der Kapitän versicherte, daß er nicht vor dem 12. Mai wieder abfahren könne, benutzte ich die Gelegenheit, mich in Kamerun näher umzusehen.
Kamerun, die Hauptstadt des gleichnamigen Schutzgebietes, liegt an dem durch Zusammenfluß des Mungo und des Wuri gebildeten breiten Kamerun-Flusse. Die Stadt der Europäer zieht sich längs der Ufer des Flusses hin; die Gouvernementsgebäude bedecken einen Teil eines hinter und über der Europäerstadt gelegenen Hügelrückens, der unter dem Namen Yoss-Platte bekannt ist. Dieser Hügelrücken fällt nach dem Wuri zu allmählich ab. Auf ihm haben sich auch die Eingeborenen festgesetzt, welche hier die großen Dörfer Belltown, Deidotown etc. angelegt haben. Der Gesundheitszustand der Europäer scheint gerade hier ein bedeutend schlechterer zu sein, als in den meisten anderen Niederlassungen unseres Schutzgebietes. Gerade in den letzten Jahren sind daselbst viele der dortigen Ansiedler dem mörderischen Klima erlegen. Der Handel mit den Eingeborenen im Hinterlande wird auch jetzt noch meist durch Zwischenhändler aus dem Dualla-Stamme vermittelt. Da ein nicht unbedeutender Handel auf den Flußläufen aus dem Hinterlande herunter kommt, so ist es nicht zu verwundern, daß sich gerade hier so viele Kaufleute Faktoreien erworben haben. Ein solches Zusammentreffen vieler europäischer Kaufleute, von denen wohl die eine Hälfte Deutsche, die andere englische Unterthanen sind, hatte natürlich zur Folge, daß die einzelnen Firmen höhere Preise für die Produkte, welche aus dem Innern kamen, zu zahlen hatten, als dies bei geringerer Konkurrenz der Fall gewesen wäre. Da diese Verhältnisse immer schlimmer wurden und die Kaufleute endlich einen immer geringeren Verdienst von ihren Waren erzielen konnten, so ist es nicht zu verwundern, daß die Entwickelung des Handels in Kamerun in den letzten Jahren nicht mit den anderen Niederlassungen in unserem Schutzgebiete Schritt halten konnte.
Noch am Abend des 11. Mai siedelte ich mit meinem ganzen Gepäck zur „Roquelle“ über. Da die für die Fahrt nach dem Congo bestimmten Dampfer noch mehr Frachtdampfer, im eigentlichen Sinne des Wortes, sind als die, welche den allmonatlichen Postverkehr nach Kamerun von Hamburg vermitteln, so war es natürlich mit dem Komfort an Bord der „Roquelle“ nicht weit her. Dessenungeachtet muß ich sagen, daß ich mich dennoch bald hier heimisch fühlte, trotz der Petroleumlämpchen, durch welche die Kabinen des Abends erleuchtet wurden. Der Kapitän und die Offiziere thaten hier entschieden ihr Möglichstes, um den Passagieren die Reise angenehm zu machen.
Gegen 8 Uhr morgens verließ die „Roquelle“ am 12. Mai Kamerun. Es war ein prachtvoller Tag. Auf dem sonst meist sehr heißen Kamerun-Fluß wehte eine angenehm kühlende Brise. Als sich dieselbe gegen Mittag legte, wurde es sogleich bedeutend heißer. Ich empfand die Hitze nicht besonders, fuhren wir doch ziemlich nahe an der Küste entlang, so daß man die Niederlassungen der Europäer, wie Longji, Plantation und Kribi deutlich erkennen konnte und mein Interesse so stets rege gehalten wurde. Die bei Malimba ziemlich niedrige Küste wird nach dem Süden unseres Schutzgebietes hier allmählich hügeliger. Das ganze Land, soweit das Auge es erblicken kann, ist mit dichtem Urwalde bedeckt. Um 4½ Uhr kam Groß-Batanga, unser nächster Bestimmungsplatz, in Sicht. Um 5 Uhr ließen wir die Anker fallen. Da ich geschäftlich hier in der Woermannschen Faktorei zu thun hatte, benutzte ich die erste Gelegenheit, welche sich mir bot, an Land zu gehen. Unser Schiff lag in bedeutender Entfernung vom Lande, so daß wir erst um 6 Uhr daselbst eintrafen, als eben die Dunkelheit anbrach. Da wir nur wenig Cargo für Groß-Batanga an Bord hatten, konnte ich mich nicht lange hier aufhalten, sondern mußte sogleich nach Erledigung meiner Geschäfte wieder an Bord zurück. Noch an demselben Abend fuhren wir weiter. Als ich am Morgen des nächsten Tages an Deck erschien, kam eben Batta in Sicht. Gegen 9 Uhr warfen wir daselbst Anker. Auch hier hielten wir uns nicht lange auf. Die Vertreter der wenigen Firmen, welche hier eine Faktorei besitzen, schickten zum Teil große Canoes zum Dampfer, um das Ausladen der Fracht zu beschleunigen. So konnten wir denn bereits um 11 Uhr die Anker lichten. Die Küste ist hier der Südküste Kameruns sehr ähnlich. Die Stämme der Eingeborenen im Innern sollen den Europäern sehr feindlich gesinnt sein, so daß bisher nur wenige Europäer ins Innere vordringen konnten. Der Kautschuk, welcher aus dem Innern an die Küste kommt, wird durch Zwischenhändler heruntergebracht. Die Letzteren sind hier vorzugsweise Gabunesen. Unser Kurs lief nun weiter von der Küste ab, wir steuerten direkt auf die Insel Corisko zu. Nachdem wir dieselbe am Nachmittage um 4 Uhr passiert hatten, kamen wir bald in Sicht der beiden Elobi-Inseln. Da das Fahrwasser nach Aussage unseres Kapitäns hier nicht besonders günstig ist und wir während der Nacht hier in spanischen Gebieten keine Fracht landen durften, zog der Kapitän es vor, über Nacht das Schiff vor Anker zu legen, um am frühen Morgen auf die Elobi-Inseln zuzusteuern.
Die Inseln Corisko sowie Groß- und Klein-Elobi stehen unter spanischem Schutze. Die Küste von Batta bis zum Muni-Flusse, welcher sich in die Corisko-Bai ergießt, wird den Spaniern jetzt von den Franzosen streitig gemacht. Die letzteren haben aller Orten daselbst jetzt bereits die Polizeigewalt in Händen. Wenn dieses Gebiet dereinst im Innern mehr zugänglich sein wird, dann wird hier ein enormer Handelsaufschwung stattfinden, wenn nicht diese ganzen Küstengebiete auch noch von den Franzosen in Konzessionen zerteilt werden, wie es jetzt bereits im größeren Teile des Congo français der Fall ist. Das Land ist sehr reich an Gummi. Es soll auch Kickxia etwa zwei Tagereisen entfernt von der Küste vorkommen. Bis jetzt liegen allerdings dafür noch nicht genügend Beweise vor.
Nachdem wir am folgenden Tage (14. Mai) mit dem Löschen unserer Ladung für Elobi fertig waren, stachen wir um 12 Uhr mittags wieder in See. Da sich kein Lüftchen regte, wurde die Hitze bald fast unerträglich. Gegen Abend war in der Ferne Gabun zu sehen; der Dunkelheit wegen fuhren wir nicht in die Bucht hinein, sondern warfen wieder Anker auf der offenen See. Bei Tagesanbruch fuhren wir nun am 15. Mai nach Gabun hinein und legten uns dicht bei der Stadt vor Anker. Da ich schon häufig Lobenswertes über den botanischen Garten dieses Ortes gehört hatte, machte ich mich sofort auf den Weg dorthin. Leider war der Kurator, Mons. Chalot, abwesend, auch sonst nur farbige Arbeiter anzutreffen, so daß ich mich so gut es eben ging, allein zurechtfinden mußte. Die in dem Garten vorhandenen Kautschukpflanzen interessierten mich natürlich am meisten. Es waren hier vorhanden Manihot Glaziovii, Ficus elastica, Hevea spec., einige Landolphien und gegen 20 Exemplare der falschen Kickxia (africana Bth.). Die letzteren erklärten natürlich auch die früheren Behauptungen des Mons. Chalot, welche dahin gingen, daß Kickxia keinen Kautschuk gebe. Ich lernte im Laufe des Tages hier noch einige Herren kennen, von denen mir fast ein jeder von einem neuen Kautschukbaume erzählen konnte, den er in der Nähe der Stadt entdeckt haben wollte. Guttapercha gab es nach Aussagen dieser Herren in Unmengen, doch wollte niemand sein Geheimnis verraten. Natürlich sind dies alles Illusionen von Leuten, welche diese Produkte und die Zubereitung derselben nicht kennen. Wurde mir doch hier eine ganz gewöhnliche Ficusart, die vollständig wertlos ist, als äußerst kostbarer Guttaperchabaum gezeigt mit der Bitte, doch keinen Gebrauch von diesem Geheimnis zu machen. Der Kautschuk, welcher von hier aus verschifft wird, kommt bereits aus ziemlicher Entfernung aus dem Innern oder durch den Como-Fluß, welcher in die Gabun-Bucht mündet, hinunter. Palmenkerne und Öl sowie Mahagoniholz sind die Hauptexportartikel des Ortes. Erstere werden in nicht zu großer Entfernung von der Küste gewonnen, wie es ja bei so billigen Produkten kaum anders möglich ist, da die Transportkosten zu hoch sein würden. Das Mahagoniholz ist nur da abbaufähig, wo es in nächster Nähe des Meeres oder der Flüsse geschlagen werden kann; es wäre vollständig unmöglich, die riesigen Blöcke über große Entfernungen zu transportieren, während kleingeschnittene Stämme wertlos sind. Da das Mahagoniholz vorzüglich schwimmt, werden die Stämme zu Flößen verkettet und in dieser Weise die Flüsse hinuntergeschwemmt und später durch Barkassen zu den Frachtdampfern hinübergeführt.
Im botanischen Garten sah ich außer einigen allgemeiner verbreiteten Nutzpflanzen auch eine recht gut gedeihende Strophanthuskultur. Es waren verschiedene Arten vorhanden, die alle zur Zeit meiner Anwesenheit reichlich blühten und Früchte brachten. Ebenso waren einige mir damals noch unbekannte Coffea-Arten sehr reich mit Früchten besetzt. Da ich keinen Europäer im Garten finden konnte, war es damals nicht möglich, Samen dieser Coffea-Arten für den botanischen Garten in Kamerun zu bekommen. Ich mußte es daher auf spätere Zeiten verschieben.
Unserm deutschen Konsul Herrn Gebauer konnte ich damals leider nur einen kurzen Besuch abstatten, da ich schon um 3 Uhr zum Dampfer zurück mußte.
Trotz der Eile, welche unser Kapitän anfangs hatte, konnten wir doch nicht Gabun vor 5 Uhr am Nachmittage verlassen. Noch bis in die Nacht hinein sahen wir auf der Weiterfahrt das herrliche Licht des Leuchtturmes von Gabun. Mit Tagesanbruch erreichten wir wieder einen neuen Landungsplatz, Cape-Lopez, eine kleine Niederlassung in der Nähe der Ogowe-Mündung, des Hauptstromes, welcher in dieser Gegend aus dem Innern kommt. Unter Jagdliebhabern ist Cape-Lopez berühmt wegen seiner Büffel- und Elefantenherden, welche zuweilen bis in die Nähe der Häuser herankommen sollen. Mich als Botaniker interessierte die dortige Flora bedeutend mehr. Ich zog es daher vor, ohne Gewehr umherzustreifen und in den interessanten, kurzgrasigen Sümpfen und Sumpfwäldern hinter der Niederlassung nach Seltenheiten zu fahnden. Es mag sicher noch viele Novitäten hier zu entdecken geben. Ich konnte mich leider nur zu kurze Zeit aufhalten, um viel zu sammeln, außerdem war die Jahreszeit ungünstig. Wenn ein Botaniker sich einige Wochen hier aufhalten könnte, so würde er sicher eine reiche Ausbeute zu erwarten haben. Ebenso dürfte ein Ichthyologe mit einem mehrwöchentlichen Aufenthalte zufrieden sein, denn das Meer wimmelt hier von den verschiedensten Fischen.
Während der nächsten beiden Tage legten wir an zwei Küstenplätzen an, wo wir uns auch wieder nur kurze Zeit aufhielten. Am 17. Mai in Sette-Kama, am 18. in Majumba, zwei Niederlassungen, welche wegen ihrer schlechten Brandungsverhältnisse berüchtigt sind. Auch wir hatten darunter zu leiden, da das Löschen der Ladung durch die hohe Brandung verlangsamt wurde. Salz wird bei solchen Gelegenheiten stets stark beschädigt, was um so bedauerlicher ist, als neben Gewehren und Pulver Salz in diesen Gegenden einer der Haupthandelsartikel ist.
Am 19. Mai warfen wir am Morgen vor Loango Anker. Dieses Städtchen ist der südlichste bedeutendere Ort an der Küste des Congo français; es ist auf einem sandigen Hügel erbaut und dürfte damals etwa 50 europäische Einwohner gehabt haben. Unsere Boote gebrauchten beim Landen des Cargo eine volle Stunde, ehe sie vom Dampfer aus bis zur Stadt gelangen konnten. Vor der Einfahrt hat sich nämlich direkt vor der Stadt eine breite Sanddüne gebildet, um deren Spitze man erst herumfahren muß, ehe man über die Lagune zum Landungsplatze gelangen kann. Die aufsteigenden Straßen der Stadt sind sehr sandig, so daß ein Europäer mit seiner Fußbekleidung sehr schnell ermüdet.
Da eben die Brutzeit der grauen Papageien vorüber war, wurden uns allenthalben junge Tiere zum Preise von 5 Francs angeboten. Diese Papageien von der Loango-Küste sollen sich besser in Europa halten als die der nördlicheren Gegenden, außerdem wird behauptet, daß sie schneller sprechen lernen; genug, sie sind in Europa die begehrtesten. Mit diesen Umständen rechnend, hatten sich einige der Offiziere unseres Schiffes vorgenommen, hier eine größere Anzahl der Vögel zu kaufen. Schon während der letzten Tage hatten die Zimmerleute auf dem Dampfer ihre ganze freie Zeit dazu benutzt, hölzerne Käfige zu bauen, damit in Loango alle Vögel untergebracht werden könnten. Da die Eingeborenen bald sahen, daß Papageienkäufer an Land gekommen waren, entstand in kurzer Zeit ein regelrechter Markt mit den Vögeln. Ein bestimmter Preis (5 Frcs.) wurde festgesetzt; wer seine Vögel dafür abgeben wollte, war willkommen. In walzenförmigen, aus Blättern der Ölpalmen geflochtenen Behältern von verschiedener Größe brachten die Eingeborenen ihre Papageien an. Einige hatten 20 bis 30 Stück. Als alles Geld der Käufer verbraucht war, wurden die ganzen Behälter in ein Boot gesetzt, und zurück ging es, dem Dampfer zu. Dort wurden die Tiere in die größeren und bequemeren Käfige untergebracht. Trotz aller Sorgfalt, mit welcher die Tiere an Bord der Schiffe behandelt werden, stirbt doch immer noch eine große Zahl derselben, so daß eine solche Geldanlage seitens der Matrosen, Stewards etc., welche doch nichts dabei verlieren, sondern nur gewinnen wollen, immerhin mit einem gewissen Risiko verknüpft ist.
In Loango war sonst nichts von Bedeutung zu sehen. Es gab wenige Gärten hier, da in dem mageren, sandigen Boden nichts Besseres zu gedeihen scheint. Einige Manihot Glaziovii-Stämmchen waren von der Regierung längs der Straßen ausgepflanzt und schienen sich wohl zu fühlen. Vielleicht würde man hier in dem sterilen Boden bei dem geringeren Feuchtigkeitsgehalte der Atmosphäre mit diesem Kautschukbaume bessere Resultate erzielen als in den feuchten nördlicheren Gebieten. Erwähnen will ich noch, daß von Loango die große Karawanenstraße nach Brazzaville am Stanley-Pool ausging. Dieselbe wurde früher von sämtlichen französischen Expeditionen, welche ins Innere gingen, benutzt, wird aber jetzt, nachdem der Congostaat seine Eisenbahn von Matadi bis Leopoldville fertiggestellt hat, allmählich aufgegeben.
Am Morgen des 20. Mai trafen wir vor Landana ein. Unsere Fracht wurde hauptsächlich nach dem fünf Minuten von Landana entfernten Chiloango gelandet. Die Brandung kann auch hier gefährlich werden. Zusammen mit dem Vertreter des Schiffes besuchte ich die katholische Mission in Landana, wo ich einen recht schönen Garten vorfand. Es waren die meisten tropischen Obstarten in mehr oder minder guten Qualitäten vorhanden, ebenso Gemüse aller Art. Leider wimmelte der Platz von Moskitos. Die Residenz des portugiesischen Untergouverneurs, welcher dem Gouverneur von Angola untergeordnet ist, steht auf einem luftigen Hügel und ist weithin sichtbar. Gesundheitlich schienen sich die Europäer hier nicht zu beklagen.
Als wir um 4½ Uhr am Nachmittage weiter fuhren, hatten wir einen der Patres der Mission als Passagier für Kabinda mitgenommen. Ich verwickelte mich bald in ein Gespräch mit ihm, da wir beide die einzigen Passagiere waren. Als natürlich auch das Gespräch auf Kautschuk kam, erzählte er mir von Kautschukbäumen, welche in der Mission von Kabinda kultiviert werden sollen. Natürlich war ich nur zu gern bereit, als er mich am nächsten Morgen, als wir um 5 Uhr vor Kabinda ankamen, aufforderte, mir die Kautschukbäume in der Mission anzusehen. Nach seinen Erzählungen ging ich mit großen Erwartungen hin, doch was fand ich — eine Ficusart, welche auch nur eine vogelleim-ähnliche Masse lieferte.
Die katholische Mission war etwa eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, so daß ich mich noch beeilen mußte, um rechtzeitig zur Abfahrt des Dampfers an Bord zu kommen.
Wenige Stunden Fahrt nach Süden brachten uns nun zur Congo-Mündung. Gegen 3 Uhr konnte man bereits die Spitze der Halbinsel, auf der Banana erbaut ist, sehen. Es waren Gefühle eigener Art, mit denen ich in den Congo hineinfuhr, sollte ich doch nun für lange Zeit vom Meere Abschied nehmen, vielleicht um es nie wieder zu sehen. Der schlechte Ruf, den das Klima des unteren Congo an der ganzen Westküste Afrikas hat, trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Bald aber waren alle trüben Gedanken verschwunden, als wir vor Banana Anker warfen. Zum ersten Male sah ich Leute vom oberen Congo hier, die mit ihrer zerschnittenen Stirn und der eigenartigen Haartracht einen höchst interessanten Anblick darboten. Von allen Seiten kamen Eingeborene in ihren kleinen Canoes herangefahren, um bemalte und geschnitzte Flaschenkürbisse, Muscheln und sonstige Kuriositäten feilzubieten.
Banana selbst besteht vornehmlich aus den Gebäuden der Handelsniederlassung der Nieuwe Afrikaansche Handels-Vennootschap und einigen Gebäuden der Congostaat-Regierung. Es sind außerdem noch einige wenige kleinere Faktoreien errichtet worden, dieselben spielen aber alle eine ziemlich unbedeutende Rolle. Die Niederlassung ist auf einer sandigen, schmalen Landzunge aufgebaut, welche stellenweise an der dem Binnenlande zugekehrten Seite mit Mangroven-Morästen bedeckt ist. Bei weitem gesunder scheint die dem Meere zugekehrte Seite zu sein, denn erstens besitzt dieselbe keine Mangroven, zweitens aber halten sich die Moskitos infolge der Seebrise von dieser Seite ziemlich fern, während sie auf der anderen Seite in Milliarden des Abends umherschwärmen. An der äußersten Spitze der Halbinsel ist ein kleiner Leuchtturm erbaut worden, dessen Licht weithin sichtbar sein soll. Da wir erst mit Eintritt der Dunkelheit vor Banana eingelaufen waren, konnte ich leider nicht an Land gehen. Ebenso war am nächsten Morgen kaum Zeit dazu, da sich der Kapitän plötzlich entschloß, weiterzufahren. Wir hätten vielleicht schon am selbigen Abend Banana verlassen, wenn die Congo-Regierung nicht das Fahren der Dampfer nach Eintritt der Dunkelheit verboten hätte.
Gegen 9 Uhr am Morgen des 22. Mai fuhren wir durch einige der Mündungsarme in den Hauptstrom hinein. Bei Kisanga waren wir dem portugiesischen (südlichen) Ufer des Stromes ziemlich nahe. Je mehr wir uns nun gegen Nachmittag Boma, der Hauptstadt des Congostaates, näherten, desto enger wurde der Strom und desto gelber die Färbung des Wassers. Endlich um 4½ Uhr erreichten wir Boma. Hier wurde der Dampfer ganz dicht an das Ufer herangezogen, da die äußerst günstigen Tiefenverhältnisse des Stromes dies gestatten. Es fing bereits an zu dunkeln, als wir das Land betreten konnten. Ich erledigte daher nur einige geschäftliche Gänge und verschob alles andere auf den folgenden Tag, da der Kapitän mir sagte, daß er den nächsten Vormittag sicher hier verbleiben müsse, um den Cargo für Boma löschen zu können. Vor der Stadt lagen noch zwei kleine Regierungsdampfer, welche den Postverkehr zwischen Boma und Matadi wie Banana zu vermitteln haben.
Am Vormittage des nächsten Tages machte ich bei dem Gouverneur des Congostaates Herrn Vanghermé Besuch. Dank des Einführungsschreibens des Herrn Gouverneurs v. Puttkamer wurde ich sehr liebenswürdig empfangen. In jeder Weise wurde mir gezeigt, daß meine Expedition ins Innere von der Regierung unterstützt werden würde. Die Einfuhr meiner Gewehre wurde mir sofort erlaubt, ebenso sollten meine ganzen Expeditionsgüter ohne Schwierigkeiten gelandet werden dürfen. Da ich das Landen derselben aber erst in Matadi vorzunehmen gedachte, versprach mir der Herr Gouverneur Vanghermé, eine diesbezügliche Bestimmung zugleich mit Empfehlungsschreiben für die Beamten im Innern nach Matadi nachzuschicken. Hätte ich nicht von seiten der Congostaat-Regierung dieses liebenswürdige Entgegenkommen gefunden, so wäre es zum mindesten sehr fraglich gewesen, ob ich die Congo-Reise erfolgreich hätte durchführen können. Eine ebenso liebenswürdige Aufnahme wie bei dem Herrn Gouverneur fand ich auch bei dem Staatssekretär Herrn van Damm, der in zuvorkommendster Weise die Regelung meiner Papiere etc. veranlaßte.
Wie unser Kapitän vorausgesagt hatte, fuhren wir wirklich recht pünktlich um 12 Uhr mittags ab. Je mehr wir uns jetzt der auf dem portugiesischen Congo-Ufer gelegenen Ansiedlung Noki näherten, desto stärker wurde die Strömung. Die Ufer des Stromes werden bereits dicht hinter Boma höher und bilden schließlich ziemlich hohe, felsige Hügel, welche oft jäh am Flusse abfallen. Die felsige Natur dieser Hügel bedingt es natürlich, daß der Strom hier bedeutend eingeengt ist, so daß sein Wasser in dem häufig gekrümmten Flußbette schneller dahinschießt. An besonders scharfen Biegungen im Flußlaufe bilden sich dann leicht Strudel, welche für die Schiffahrt nicht ganz ungefährlich sind. Derartige Strudel sind z. B. bei Noki anzutreffen.
Noki, welches wir um 5½ Uhr gegen Abend erreichten, ist eine kleine, schön gelegene Niederlassung kurz vor Matadi. Die dort ansässigen Kaufleute sind fast alle Portugiesen. Da von hier auch eine nicht unbedeutende Handelsstraße ins Innere der portugiesischen Besitzungen geht, so ist es nicht zu verwundern, daß die Einfuhr von europäischen Stoffen und sonstigen Tauschartikeln für die Eingeborenen eine ziemlich große ist. So kam es auch, daß wir 1½ Tag hier liegen mußten, um unseren Cargo zu löschen. Aus dem Innern wird hier Kautschuk gegen Ende des Jahres in ziemlichen Mengen heruntergebracht, besonders Wurzelkautschuk. Letzterer wird nach Angaben der Kaufleute hinter der ehemals sehr bedeutenden, jetzt allmählich verfallenden Stadt San-Salvador gewonnen. Unseren Aufenthalt in Noki benutzte ich zu einer kleinen Streiferei über die Hügel. Letztere sind sehr steinig und mit üppiger Grasvegetation bedeckt. An geschützteren Orten in den Thälern hat sich etwas Wald hier und dort angesiedelt, in dem Landolphien nicht selten anzutreffen sind. Die Vegetation dieser Hügel, welche alle wohl noch als Ausläufer der aus Angola kommenden Sierra do Cristal zu betrachten sind, erinnert lebhaft an die Vegetation Benguellas und Angolas. Die Savannen sind mit hohen Andropogon-Arten bedeckt, welche die Eingeborenen zum Decken ihrer Häuser verwenden; dazwischen finden sich niedere Kräuter und Halbsträucher aus den Familien der Leguminosen, Compositen, Polygalaceen, Gentianaceen, Melastomaceen etc. In den Sümpfen sind kleine Scrophulariaceen, Labiaten und prachtvolle Lissochilus-Arten verbreitet.
Am 25. Mai morgens fuhren wir nach Matadi. Kurz hinter Noki hatten wir noch Stromschnellen zu passieren, welche schon verschiedene Schiffe zur Umkehr gezwungen haben sollen. Das Wasser schießt hier zu einigen Jahreszeiten mit einer Geschwindigkeit von etwa 10 Knoten dahin. Allenthalben bilden sich kleine Strudel, welche für Boote entschieden gefährlich sein können.
Da dicht hinter Noki die Grenze des portugiesischen Gebietes liegt, hatte die Congostaat-Regierung kurz hinter derselben die Telegraphenlinie, welche Boma mit Matadi verbindet, über den Strom führen lassen. Zu diesem Zwecke sind zwei riesige eiserne Gestelle aufgebaut worden, über welche der Draht über den Strom gezogen ist.
Als wir in Matadi anlangten, fand ich auf der Post bereits die mir von Herrn Gouverneur Vanghermé versprochenen Briefe vor. Ich hatte nun keine Schwierigkeiten, meine Expeditionsgüter und Gewehre zu landen. Allenthalben kamen mir die Regierungsbeamten mit der größten Liebenswürdigkeit entgegen. Da ich noch meine Angelegenheiten in Matadi zu ordnen hatte, beschloß ich, erst am Montag, den 29. Mai, nach dem Stanley-Pool zu fahren. Ich quartierte mich nun im französischen Hotel ein und konnte dann in Ruhe meine Vorbereitungen zur Abreise ins Innere treffen. Matadi (Felsenstadt) hatte zur Zeit meiner Ankunft daselbst nach Schätzungen dort ansässiger Europäer etwa 150 europäische Einwohner, von denen mindestens zwei Drittel geborene Belgier waren. Außer den von ihren benachbarten Kolonien kommenden zahlreichen Portugiesen waren von anderen Nationen besonders Italiener zahlreich vorhanden, welche meist bei der Eisenbahn angestellt waren.
Wie ich beabsichtigt hatte, war ich mit meinen Vorbereitungen am Montag, den 29. Mai, vollständig fertig zur Abreise ins Innere.
Dreimal in der Woche schickt die Eisenbahnverwaltung durchgehende Züge nach dem Stanley-Pool, denen je ein Passagierwagen angehängt wird. Man darf sich diese Congo-Eisenbahn nicht etwa wie eine europäische vorstellen. Die Personenwagen bestehen ähnlich wie unsere Speisewagen aus einem einzigen Coupee, in dem etwa zehn Lehnstühle angebracht sind. Fenster sind nicht vorhanden, sondern der ganze Wagen ist offen; für die Tropen ja entschieden das Angenehmste. Um sich gegen Staub und Rauch der Lokomotive schützen zu können, sind leinene Vorhänge vorhanden, welche man nach Belieben herabziehen kann. Da unterwegs nur einmal, während des Nachtquartiers, Gelegenheit gegeben wird, zu essen, so muß ein jeder sich bereits in Matadi mit dem nötigen Vorrate an Getränken und Nahrungsmitteln versorgen. Alle Passagiere erscheinen denn auch bei Abfahrt des Zuges mit einer Kiste voller Konserven. Der Preis für die zweitägige Fahrt bis Stanley-Pool beträgt 500 Frcs., wofür ein jeder Passagier 100 kg Freigepäck mitzunehmen das Recht hat. Für das übrige Passagiergepäck muß bis Leopoldville ein Frachtsatz von 1 Frc. pro Kilo bezahlt werden. Wenn man bedenkt, daß die Entfernung von Matadi bis Leopoldville nur etwas über 400 km beträgt, so scheint dieser Frachtsatz ein immens hoher zu sein, dennoch wird er von den Leuten, welche die Verhältnisse des Landes vor Fertigstellung der Eisenbahn kannten, gern bezahlt, denn früher wurde durch die unsicheren Träger, welche sogar noch die Lasten bestahlen, der Transport einer Last von 30 kg bis Leopoldville auch auf 30 bis 40 Frcs. angesetzt. Die Eisenbahn befördert nun die ganzen Waren in zwei Tagen sicher zum Stanley-Pool, während man früher mindestens einen Monat für diese Reise rechnete. Auch für die Beförderung sämtlicher anderen Waren, welche ins Innere gebracht werden, muß derselbe Frachtsatz bezahlt werden; eine Ausnahme hiervon machen nur Maschinenteile und einige damit verwandte Artikel, sowie Salz, bei ersteren wird eine Reduktion von 40 pCt., bei letzterem von 50 pCt. erlaubt, vorausgesetzt, daß es in geschlossenen Säcken (nicht in Barren) eingeführt wird. Die Frachtsätze von Leopoldville bis Matadi zurück sind andere. Ich werde späterhin darauf zurückkommen.
Am Montag, den 29. Mai, fuhr ich um 6½ Uhr morgens von Matadi ab. Der Zug hatte anfangs eine sehr beschwerliche Fahrt, da er durch zwei Lokomotiven die Berge hinaufgezogen werden mußte, bis wir allmählich das Plateau erreichten. Die Scenerie war großartig. Zuerst fuhren wir ein kleines Stückchen längs des Congo, zum Teil an steil abfallenden Gehängen vorüber. Immer höher ging es hinauf. Unten sah man den Strom dahinbrausen über die Schnellen von Vivi, welche der Schiffahrt auf dem Flusse eine Grenze setzen. Auf einer Sandbank lag ein riesiges Krokodil, auf welches einer der Mitreisenden eben anlegen wollte, als es, durch den Zug erschreckt, sich träge ins Wasser fallen ließ. Von der Station Kenge an vergrößerte sich die Fahrgeschwindigkeit bedeutend, da wir nunmehr über das Plateau fuhren, auf welchem nur hin und wieder noch kleinere sanfte Steigungen vorhanden waren. Nach 10 Uhr wurde es in dem Wagen fast unerträglich, da wir allmählich vollständig mit Kohlenstaub bedeckt waren, außerdem wurde es drückend heiß. Das Plateau, über welches wir dahinsausten, war meist mit hohen Andropogon- und stellenweise mit Pennisetum-Arten bedeckt. Dazwischen waren hier und dort kleine Sträucher und Gebüsche zu sehen, oder in den Thälern Sümpfe oder Wälder. Da gerade die Trockenzeit begann, als ich diese Reise machte, sah das ganze Gebiet ziemlich verbrannt und dürr aus. Von Blumen war recht wenig zu sehen. Nach etwa elfstündiger Fahrt, also gegen 5½ Uhr abends, erreichten wir die Station Tumba, wo für die Nacht angehalten wurde, denn während der Nacht wird auf der Congo-Eisenbahn nicht gefahren. Die Passagiere hatten sich in den hier vorhandenen sogenannten Hotels ein Nachtquartier zu suchen, was damals durchaus nicht so einfach war. Die Einrichtung dieser „Hotels“ ist äußerst primitiv. Gewöhnlich stehen mehrere Betten in jedem Schlafzimmer, so daß man gezwungen ist, mit irgendwelchen wildfremden Menschen zu schlafen. Diebstähle sollen daher nicht selten sein. Das Essen, welches uns gegeben wurde, war nicht schlecht. Es wurde an einer großen, langen Tafel eingenommen. Da der Grundsatz der meisten dieser freilebigen Belgier „Heute ist heut“ ist, so kann man sich denken, daß tüchtig getrunken wurde. Unteroffiziere saßen an demselben Tische mit Offizieren und schienen sich durchaus nicht dazu bewogen zu fühlen, sich ein wenig im Trinken und Lärmen zu mäßigen. Die Schlimmsten waren entschieden die Italiener, welche offenbar auch zu Hause einer ziemlich niederen Kaste angehörten. Bis tief in die Nacht hinein dauerte das Lärmen dieser Leute. Man ließ sich allerdings nicht dadurch stören, sich nach der ermüdenden Eisenbahnfahrt bei der hier herrschenden kühleren Temperatur sogleich nach Beendigung der Mahlzeit in Morpheus Arme zu werfen.
Um 7 Uhr am folgenden Tage setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Wir fuhren weiter über das grasige Plateau dahin, welches sich allmählich nach dem Stanley-Pool hin etwas senkt. Die Vegetation blieb anfangs dieselbe wie am vorhergehenden Tage. Von Inkisi ab nach Kimuenza zu waren Waldungen wieder häufiger. Von Kimuenza nach Dolo fuhren wir über eine sandige Ebene dahin. Hier hatte man eine Vegetation vor sich, welche entschieden an die der Hoogeveld-Steppen von Transvaal und von Huilla erinnert. Kurzes Gras bedeckte diese Ebene; dazwischen sah man Helichrysen, Buchnera-Arten, Indigoferen, Gentianeen, Asclepiadaceen etc. In den hier und dort sich hinziehenden Niederungen wuchsen hohe Cyperaceen im Gemisch mit Lissochilus-Arten, Melastomaceen, Hedyotis, Gladiolus, Eriocaulon und Utricularien. Kurzum, eine Vegetation, wie ich sie hier bei so geringer Meereshöhe in der Nähe des Äquators nie zu finden gedacht hätte. Schon bei der Fahrt über diese Ebene sah ich an sandigen Stellen eine Pflanze wachsen, in welcher ich Carpodinus lanceolatus erkannte, von der der Wurzelkautschuk, hier am Congo allgemein „Caoutchouc aux herbes“ genannt, herstammen soll. Ich entschloß mich daher, sobald als möglich hierher zurückzukehren, um diese Frage näher zu untersuchen. Gegen 6½ Uhr am Abend erreichten wir Kinchassa, das einige Kilometer vor Leopoldville am Stanley-Pool gelegen ist. Herr Dr. Briart, der Direktor der Societé Anonyme Belge, an den ich vom Herrn Gouverneur v. Puttkamer ein Empfehlungsschreiben erhalten hatte, nahm mich sehr liebenswürdig für einige Tage bei sich auf. Ihm sowohl wie besonders dem Sous-Directeur der Gesellschaft, Herrn Vaalbroek, bin ich zu großem Danke verpflichtet für das Interesse, welches sie meiner Reise entgegengebracht haben, und für die Unterstützung, welche ich bei ihnen gefunden habe.
Da ich möglichst wenig Zeit verlieren wollte, machte ich mich am folgenden Tage sogleich auf den Weg nach Leopoldville, um mich dem Kommandanten von Leopoldville, Herrn Costermans, Inspecteur d’Etat, vorzustellen und ihn zu bitten, mir bei Anwerbung von Trägern behülflich zu sein. Ich fand mehr Unterstützung, als ich je zu erhalten zu hoffen gewagt hatte. Herr Costermans wollte selbst für die nötigen Träger sorgen. Ich solle nur ruhig nach Kinchassa zurückkehren, in zwei Tagen würden die Träger mit zwei Soldaten zu meiner Verfügung stehen. Froh darüber, daß auch diese Trägerfrage erledigt sei, packte ich nun sogleich in Kinchassa die zu der kleinen Exkursion nach den sandigen Ebenen bei Dolo nötigen Lasten und wartete dann auf die Ankunft der Träger. In der Zwischenzeit hatte ich noch Gelegenheit, hier zu sehen, welche Unmengen von Kautschuk allein von dieser einen Gesellschaft exportiert werden. Herr Dr. Briart war so freundlich, mir die verschiedensten Proben zu zeigen und mich auf viele Einzelheiten aufmerksam zu machen. Vom oberen Congo und seinen Nebenflüssen kommt der Kautschuk in viereckigen Mattentaschen, welche etwa eine Last (30 kg) enthalten, hier an. Die Taschen werden dann hier aufgeschnitten und der sämtliche Kautschuk noch einmal durchgearbeitet. Dadurch wird er noch etwas mehr ausgetrocknet, was ein geringeres Oxydieren zur Folge hat. Der unter Leitung der Beamten des Staates hergestellte Kautschuk wird jetzt selten gefälscht, da die Missethäter sehr schwer bestraft werden, früher jedoch konnte man in den Bällen die verschiedensten Sachen finden. Herr Vaalbroek hatte eine interessante Sammlung derartiger Fälschungen; Palmennüsse, Steine, kleine Messingstücke, ja selbst Zeugballen und Erde bildeten den Kern eines solchen Bällchens, um den dann sehr geschickt eine Kautschukdecke gelegt war. Wehe dem Kaufmann, der nicht erst durch Anschneiden der Bälle sich davon überzeugte, daß er einen wirklichen Kautschukball und nicht Steine von den Eingeborenen erstand.
Da die mir versprochenen Träger bereits am Nachmittage des 1. Juni eingetroffen waren, so konnte ich, nachdem ich schnell eine Anzahl Lasten zu dem Zwecke gepackt hatte, am Freitag, den 2. Juni, bereits früh am Morgen meine Exkursion in die sandigen Steppen von Dolo antreten. Welch ein erhebendes Gefühl war es für mich, nun wieder frei hinauswandern zu können und mich ganz meiner Aufgabe und dem Studium jener Gebiete hingeben zu dürfen.
Nachdem wir die Eisenbahnstation Dolo passiert hatten, wo ich noch für einige Tage Proviant für mich von den „Magasins Genereaux“ mitnehmen ließ, zogen wir erst nach den Ufern des Stanley-Pool hinüber. Nachdem wir einen kleinen Wasserlauf, welcher mit wundervollen blauen Seerosen (Nymphaea) und goldgelben Äschynomenen bedeckt war, in Canoes übergesetzt hatten, langten wir in sandigerem Terrain an und sahen uns bald darauf in der großen Ebene, in welcher ich Carpodinus lanceolatus, die Pflanze, welche den Wurzelkautschuk liefern soll, neulich beobachtet hatte. Nach einigen Kreuz- und Querzügen, welche ich zu unserer besseren Orientierung machen ließ, wählte ich schließlich einen großen Strychnos-Baum in der Nähe eines Baches zu meinem Lagerplatze. Ich ließ sofort sämtliche Leute zum Reinigen des Platzes antreten, um wenigstens ein möglichst ungezieferfreies Lager für diese Tage zu haben. Daß diese Vorsichtsmaßregel nicht ganz umsonst war, zeigte sich sogleich, denn plötzlich raschelte es im Grase, und eine kleine Schlange suchte zu entfliehen. Ein Schlag mit dem Cutlas genügte, das Tier unschädlich zu machen. Nachdem die Leute einen größeren Platz gesäubert hatten, ließ ich das Zelt aufstellen. Das war nun allerdings mit Schwierigkeiten verknüpft, da keiner der Leute ein Wörtchen Französisch verstand; die beiden Soldaten wußten auch nicht Bescheid, und ich selbst kannte noch nicht mehr von dem hier als Verkehrssprache dienenden Bacongo als das eine Wörtlein „malu“ (schnell). Es war eine harte Geduldsprobe für mich, bis das Zelt fertig dastand. Nachdem ich nun die Lasten hatte unterbringen lassen und gesehen, daß sonst alles richtig eingerichtet wurde, machte ich mich am Nachmittage daran, die Wurzelkautschukpflanze zu suchen. Bald hatte ich eine Stelle gefunden, an der ich das Gewünschte in Menge sah. Ich ließ eine größere Menge der Wurzelstöcke dem Boden entnehmen, um damit zu experimentieren. Wieder im Lager angelangt, fing ich etwas Milch der Wurzel in einem Reagenzglase auf, um es durch Erwärmen und Säurezusatz zu koagulieren. Das Resultat war ein sehr unbefriedigendes, denn ich erhielt nur eine klebrige, fast gar nicht elastische Masse. Diese Wurzelstöcke enthielten außerdem so wenig Milchsaft, daß das Auffangen sehr geringer Quantitäten schon an und für sich lange Zeit erforderte. Auch mit dem im Stengel und in den Blättern vorhandenen Milchsafte machte ich ähnliche Versuche, deren Resultate mich ebenso wenig zufriedenstellen konnten.

Carpodinus lanceolatus K. Sch.
A Habitusbild, B Knospen, C Blüte, D dieselbe geöffnet, E durchgeschnittener Fruchtknoten, F Griffelkopf, G Anthere.
⇒ GRÖSSERES BILD
Nach einer infolge der hier in Milliarden umherschwärmenden Moskitos schlaflos verbrachten Nacht nahm ich am nächsten Tage meine Versuche wieder von neuem auf. Immer wieder ließ ich neues Material heranschaffen, um nun die verschiedensten Koagulationsmethoden zu probieren, alle mir zur Verfügung stehenden Säuren wendete ich an. Sämtliche Bemühungen blieben erfolglos. Von einem meiner Träger, welcher den Wurzelkautschuk zuzubereiten verstehen sollte, ließ ich nun nach der hier üblichen Methode die Wurzelstöcke zerschneiden und in Wasser setzen, um nach Eintritt der Fäulnis durch Schlagen den Kautschuk zu gewinnen. Das bei dieser Behandlung erzielte Produkt war zwar infolge seiner Vermischung mit Rindenstückchen und anderen Pflanzenteilchen fast gar nicht klebrig, war aber dennoch so minderwertig, daß ich es für ausgeschlossen halten mußte, von dieser Lokalität aus Carpodinus lanceolatus Kautschuk zu erhalten. An Ort und Stelle ließ sich natürlich Weiteres über die Ursache dazu nicht feststellen. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß es auch hier zwei verschiedene einander ähnliche Carpodinus-Arten giebt, von denen nur eine brauchbaren Kautschuk liefert; nicht ausgeschlossen ist natürlich auch, daß die chemische Zusammensetzung des Bodens eine nicht unbedeutende Rolle dabei spielt, um so mehr, als eine solche Einwirkung auf die Güte des Produktes bereits wiederholt bei Ficus elastica und bei Manihot Glaziovii festgestellt ist. Ich möchte das Studium dieser ebenso wichtigen wie interessanten Fragen den am Congo in den Wurzelkautschuk-Distrikten ansässigen Europäern sehr warm ans Herz legen. Ich selbst wurde leider durch die Macht der Verhältnisse gezwungen, von der Lösung dieser Frage abzustehen, denn für mich war die Zeit zu einer Expedition in die den Wurzelkautschuk liefernden Distrikte am Kwango zu knapp bemessen. Wie ich auf meine eifrigen Erkundigungen hin kurz darauf in Kinchassa erfuhr, hatte man schon einmal versucht, in der Umgebung von Leopoldville aus der Carpodinus lanceolatus Kautschuk zu gewinnen, hatte aber ein ebenso ungünstiges Resultat erhalten wie ich selbst und infolgedessen bald darauf wieder davon Abstand genommen.
Am 5. Juni zog ich wieder aus jenen Gegenden fort, um dann nach kurzem Aufenthalte in Kinchassa noch am Nachmittage desselben Tages bis Leopoldville weiterzumarschieren. Da wir erst mit Anbruch der Dunkelheit in Leopoldville anlangten, ließ ich mein Lager in der Nähe der Eisenbahnstation aufschlagen in der Absicht, am folgenden Tage einen geeigneteren Lagerplatz zu suchen, um daselbst, bis zur Abfahrt des Dampfers nach dem oberen Congo, zu bleiben.
Am nächsten Tage machte ich mich auf den Weg, um dem Distriktsvorsteher, Herrn Costermans, meine Rückkehr nach Leopoldville anzuzeigen und ihn um Erlaubnis zu bitten, mein Lager in die Nähe des Stanley-Pool verlegen zu dürfen. Natürlich wurde mir letzteres sofort gestattet, ebenso wurde ich aufgefordert, zur Verproviantierung meiner Leute zweimal in der Woche Schiquangas, d. h. große aus zerstampftem und gekochtem Maniok hergestellte, in Blätter eingewickelte Kuchen, von der Station abholen zu lassen. In jeder Weise bemühte sich also Herr Costermans, mich während meines Aufenthaltes in seinem Bezirke zu unterstützen. Ich erfuhr hier auch, daß die „Hainaut“, der Dampfer, mit welchem ich den Congo hinaufzufahren gedachte, etwa am 10. Juni erwartet werde. Am Nachmittage ließ ich an meinem alten Lagerplatze wieder alles einpacken und das Zelt abbrechen, um dann an den Ufern des Stanley-Pool, dicht bei der englischen Mission, mein Lager wieder aufzubauen. Mit eintretender Dunkelheit war alles glücklich unter Dach und Fach gebracht. Die nächsten Tage meines Aufenthaltes bei Leopoldville benutzte ich nun dazu, die Umgebung botanisch zu erforschen und die Bacongo-Sprache, ohne welche ich hier nicht auskommen konnte, wenigstens soweit zu erlernen, als zur allgemeinen Verständigung mit den Eingeborenen nötig war. Besonders zu Dank verpflichteten mich bei dieser Gelegenheit die beiden damals dort sich aufhaltenden Missionare Mr. Woollings und Mr. Gilchrist, welche mich in jeder Weise darin zu unterstützen suchten. Auf verschiedenen Exkursionen hatte ich Gelegenheit, die Flora der Umgebung näher kennen zu lernen, fand aber sehr wenige Pflanzen, welche in irgend einer Weise von den Eingeborenen verwendet werden, sei es als Medizin oder als Nahrungsmittel, oder um zur Gewinnung von Kautschuk oder Kopal von Nutzen zu sein. Eine Dissotis- (Melastomaceae-) Art schien bei Augenkrankheiten eine große Rolle zu spielen; die wenig fleischigen Blätter wurden auf der Handfläche zerrieben und der so erhaltene Brei dann auf die Augen gestrichen. Nach Angaben der Leute soll der in diesem Brei enthaltene Saft sehr scharf sein und häufig für kurze Zeit das betreffende Auge erst fast unbrauchbar werden, danach aber sehr schnell heilen. Einige Monate später hatte ich Gelegenheit, einen Europäer zu sprechen, welcher selbst an seinen Augen zur Heilung einer Krankheit diese Medizin angewendet hatte und nun behauptete, dieselbe sei vorzüglich in solchen Fällen zu gebrauchen. Unter den als Nahrungsmittel verwendeten Pflanzen war es besonders eine Podostemonacee, welche mir interessant war. Diese unter Wasser auf Steinen bei den Stromschnellen im Stanley-Pool wachsende Pflanze wurde von meinen Leuten in ganzen Lasten herbeigetragen und dann teils roh, teils weichgekocht mit großem Gefallen verzehrt. Es fiel mir überhaupt auf, daß die Eingeborenen eine nicht geringe Quantität von gewissermaßen als Kohl gekochten Kräutern und jungen Trieben von Sträuchern zu ihrer Ernährung verwendeten. War Palmenöl zur Hand, so wurden die meisten Nahrungsmittel erst darin eingetaucht, so z. B. aßen alle mit Vorliebe ihre Schiquanga in dieser Weise.
Kopalbäume scheinen nur selten bis zum Stanley-Pool hinunterzukommen. Auf den Sandbänken hier im Mittellaufe findet man nicht selten Kopalstücke, doch stammen diese hauptsächlich oder fast nur von den im Oberlaufe häufigen Bäumen her und sind alle vom Strom hinuntergeschwemmt worden. Ich sah unterhalb der Mündung des Kassai nur sehr wenige Kopalbäume, so stand ein Exemplar z. B. in der Nähe meines Lagers am Stanley-Pool.
Kautschukbäume traten in der Umgebung von Leopoldville nur vereinzelt auf, also nirgendwo in zahlreicherer Menge. Eine eigenartige Landolphia ist in dem Steppengebiet dieser Gegend verbreitet, dieselbe hat nur dünne, kurze Zweige und besitzt etwa apfelgroße orangegelbe Früchte. Nicht selten sendet sie auch nur etwa 1½ Fuß lange aufrechte Schößlinge aus dem Boden, welche sich dann allmählich umlegen, aber doch die Fähigkeit des Kletterns der anderen Landolphien verloren zu haben scheinen. Diese zur Verwandtschaft der L. owariensis gehörende Art liefert keinen Kautschuk.
Die französische Seite des Congo, gegenüber Leopoldville, hatte ich auch wiederholt zu besuchen, da ich meine Güter zur späteren Durchreise nach dem Ngoko zu deklarieren hatte. Im allgemeinen herrschen auf jener Seite dieselben Zustände wie auf der Seite des Congostaates. Da die französische Regierung den Eingeborenen bis jetzt aber zu viel Selbstregierung überlassen hat und daher noch weniger Erwerbsbetrieb unter denselben sich geltend gemacht hat, so finden sich Landolphien daselbst noch häufiger. Jetzt, nachdem die französische Regierung aber begonnen, sich etwas mehr um diese Gebiete zu kümmern und das Land zum großen Teile in Kommissionen aufgeteilt ist, deren Inhaber sich häufig bemühen, in möglichst rücksichtsloser Weise alle vorhandenen Naturprodukte auszubeuten, so wird auch hier bald die Kautschukliane bedeutend seltener werden. Die Gefahr einer vollständigen Ausrottung ist allerdings wohl weniger zu fürchten, da diese Lianen ein ziemlich zähes Leben haben und leicht wieder aus den zurückgebliebenen unterirdischen Teilen neu aussprossen, außerdem aber in jedem Jahre reichlich Samen ansetzen, aus welchen, wenn auch nur ein geringer Prozentsatz, wieder neue Pflänzchen erstehen. In der Umgebung von Victoria, wo vor Jahren durch dort ansässige schwedische Händler am Kamerun-Gebirge Kautschuk-Raubbau im wahrsten Sinne des Wortes betrieben worden sein soll, fangen die dort in den Wäldern vorhandenen Lianen jetzt wieder an, Kautschuk zu liefern, so daß die Eingeborenen daselbst bereits hin und wieder einigen Kautschuk zu den Kaufleuten bringen.
In Brazzaville, dem Regierungssitze des Hinterlandes des Congo français, hatte man in den Straßen Manihot Glaziovii als Alleebäume (häufig abwechselnd mit Mangobäumen) angepflanzt. Als ich die Pflänzchen sah, waren dieselben etwa sechs Monate alt und hatten sich bereits sehr schön entwickelt. Als Schattenbaum würde ich Manihot Glaziovii entschieden nicht empfehlen, da die alten Blätter gegen Ende der Trockenzeit häufig fast alle abfallen, ehe sich neue entwickelt haben, die Stämme also einige Zeit hindurch vollständig blattlos dastehen. Brauchbaren Kautschuk liefert der Baum in der Umgebung des Stanley-Pool entschieden, wie ich an einigen Exemplaren bei Leopoldville feststellen konnte. Allerdings ist der Ertrag kein reichlicher, daher dürften natürlich keine großen Unkosten vorhanden sein, um den Abbau des Kautschuks rentabel zu machen. Dies würde nur in sonst wertlosen Steppengebieten bei einer von Eingeborenen betriebenen Kultur möglich, welche dann für die Zukunft sich selbst überlassen werden müßte. Der Baum würde sich dann durch Samen leicht weiter fortpflanzen, wie ich es in Kamerun und am Stanley-Pool gesehen. Von den bei Leopoldville verwilderten Manihotstämmen ließ ich einige tausend Samen sammeln, um sie eventuell später an geeigneten Stellen in unseren Schutzgebieten auszusäen.
Da die „Hainant“ erst mit bedeutender Verspätung in Leopoldville eintraf, außerdem infolge eines an Bord ausgebrochenen Feuers reparaturbedürftig geworden war, so verzögerte sich meine Abreise immer mehr. Endlich, am 20. Juni, erhielt ich von dem Kommandanten von Leopoldville die Nachricht, daß ich mich zum 22. Juni morgens zur Abreise mit der „Hainant“ bereithalten könnte. Natürlich packte ich sogleich meine sämtlichen Lasten zusammen und ließ alles fertig machen zum sofortigen Abbruch des Lagers, in dem wir alle uns nunmehr recht heimisch zu fühlen begonnen hatten. Am 21. Juni ließ ich meine sämtlichen Lasten mit Ausnahme der allernötigsten Sachen, welche ich auch bis zum nächsten Morgen gebrauchte, an Bord der „Hainant“ schaffen, um den Rest am nächsten Morgen in aller Frühe nachfolgen zu lassen. Bei der Regierung erfuhr ich zu meiner nicht geringen Überraschung, daß man mir für die Träger sowie die Ernährung derselben nichts abnehmen wollte, ich solle mich auf meiner Reise nach dem Innern, solange ich auf dem Gebiete des Staates sei, als Gast desselben betrachten, man halte dieses für selbstverständlich. Ein größeres Entgegenkommen, als ich es hier im Congostaate gefunden, wäre wohl kaum möglich gewesen. Ich kann der Regierung desselben daher nicht genug Dank für die Aufnahme sagen, welche ich erhalten, ohne Unterstützung der Regierung wäre die Expedition, soweit sie sich im Gebiete des Congostaates bewegte, sicher erfolglos verlaufen.
Am frühen Morgen des 22. Juni schaffte ich noch den letzten Rest meiner Lasten zum Dampfer hinüber, da dieser bereits um 7 Uhr abfahren sollte. Auch hier sah ich wieder das Entgegenkommen der Regierung, denn man hatte mir meinen Platz in der besten Kabine angewiesen.
Um 7½ Uhr ertönte endlich das Signal zur Abfahrt, in einem großen Bogen ging es, die Sandbänke und Felsen zu vermeiden, der Mitte des Stromes zu. Der Dampfer war vollständig besetzt, teils von Angestellten des Congostaates, teils von jungen Kaufleuten, welche auf die verschiedenen Handelsstationen ins Innere geschickt wurden. Da die „Hainaut“ zu den größten Dampfern gehört, welche den Congo befahren, war die Anzahl der Passagiere für die Verhältnisse im Congo keine geringe. Nach den mir gemachten Mitteilungen ist der Dampfer im stande, 150 Tonnen zu tragen, für einen Flußdampfer auf dem Congo ein enormes Gewicht. Er ist natürlich sehr breit und flach gebaut, wie die meisten Heckraddampfer. Für die Passagiere sind die Kabinen auf dem oberen Deck eingerichtet. Die Eingeborenen liegen zusammengepfercht in Scharen auf dem unteren Deck herum. Da die „Hainaut“ deren immer eine sehr bedeutende Menge mitführt (wir hatten etwa 250 Mann), so hat sie bei den Stämmen am Strome den Namen „Bangala mingi“ (viele Menschen) erhalten.
Nach kurzer Fahrt legten wir noch einmal in Kinchassa an, wo wir noch eine größere Menge von Gütern für die Handelsstationen im Innern mitnehmen mußten, denn die Regierung verbietet einigen größeren Gesellschaften, welche selbst Dampfer besitzen, auf dem eigentlichen Congo für ihren eigenen Gebrauch Waren zu transportieren. Diese Maßregel ist gewissermaßen als Abgabe für die Dampfer zu betrachten, da die Regierung durch den Transport der Waren für diese Handelsgesellschaften ihre bei der Fahrt stromauf sonst häufig leeren Dampfer füllen kann. Die Gesellschaften haben für den Transport ihrer Waren der Regierung pro Tonne eine bestimmte Abgabe zu zahlen. Die auf den Handelsstationen im Innern erworbenen Produkte schaffen sie dann auf den eigenen Dampfern nach dem Stanley-Pool hinunter. Von Kinchassa fuhren wir erst gegen 1 Uhr fort, so daß wir noch während des ganzen Nachmittags zu fahren hatten, ehe wir aus dem Stanley-Pool hinauskamen. Oberhalb des Stanley-Pool wird der Congo infolge der hügeligen Natur seiner Ufer sehr bedeutend eingeengt. Die Scenerie ändert sich hier plötzlich, die Hügel sind im Flußthale mit dichtem Walde bedeckt, während die Ufer des Stanley-Pool zum großen Teile Savannenflora zeigten. Elefanten soll es hier in noch großen Mengen geben. Da der Mond heute sehr hell schien, fuhren wir bis gegen 8½ Uhr am Abend, obgleich dies sonst nicht üblich ist. Unserem Kapitän lag aber sehr viel daran, um Zeit zu ersparen, noch den ersten Holzposten zu erreichen. Daselbst angelangt, mußten sämtliche Eingeborenen das Schiff verlassen, um am Lande zu schlafen, denn der Aufenthalt wird ihnen über Nacht auf dem Schiffe nicht gestattet. Die Holzposten sind in gewissen Abständen längs des Congo vom Staate errichtet worden, um die vorbeifahrenden Dampfer der Regierung mit Holz zu versehen, denn alle diese sind natürlich auf Holzfeuerung eingerichtet, da der Kohlentransport zu teuer sein würde. Während der Nacht werden die Dampfer dann stets, soweit dies möglich ist, wieder mit Holz gefüllt. Zu diesem Zwecke führen alle diese Schiffe auf dem Strome eine Anzahl von Holzschlägern und Holzträgern bei sich, welche auch in den Gegenden, wo sich keine Holzposten befinden, für den Dampfer Holz schlagen müssen. Infolge der großen Zahl der jetzt bereits auf dem Congo fahrenden Dampfer fängt in häufiger besuchten Stellen diese Holzfrage bereits an, für die Dampfer der Gesellschaften etwas kritischer Natur zu werden. Diese Dampfer haben nicht das Recht, auf den vom Staate eingerichteten Posten Holz einzunehmen, sondern müssen durch ihre Holzhacker jede Nacht dasselbe mühsam zusammensuchen lassen. Das in den Wäldern vorhanden gewesene tote Holz ist natürlich dann bald abgetragen, so daß es den Dampfern oft schwer wird, die nötigen Quantitäten ohne zu großen Zeitverlust zusammenzubringen. Das grüne, lebende Holz der Bäume ist mit Ausnahme desjenigen vom Kopalbaume frisch natürlich nicht für Heizungszwecke zu verwenden.
Am nächsten Tage fuhren wir früh mit Tagesanbruch weiter. Die Vegetation war im großen und ganzen dieselbe wie am vorhergehenden Tage, d. h. im Thale des Stromes Galeriewald mit abwechselnden kleineren und größeren Savannen, welche nicht selten mit Hunderten von Borassuspalmen geschmückt waren. Die Spitzen der Hügel waren selten bewaldet, meist sogar nur mit kurzem Grase bedeckt, während die im Stromthale liegenden nicht selten mit riesigen Andropogon- oder Setaria-Arten bestanden waren. Der Strom blieb noch immer so eng, Inseln waren gar nicht vorhanden, höchstens hier und dort eine kleine Sandbank, welche infolge des enorm tiefen Wasserstandes zu Tage getreten war. Ohne anzulegen, fuhren wir den ganzen Tag hindurch bis gegen Abend, da wir dann gezwungen waren, uns wieder mit frischem Holz zu versehen. In den Wäldern hier waren allenthalben Elefanten- und Büffelspuren zu sehen. Die Nacht war so empfindlich kalt gewesen, daß ich mich, da ich unvorsichtig gewesen war, gehörig erkältete und am nächsten Tage mich durchaus nicht wohl fühlte. Eine tüchtige Schwitzkur half diesem Zustande jedoch bald ab, so daß ich schon am Nachmittage mich wieder vollständig in Ordnung fühlte. Als wir am nächsten Tage Kwamuth an der Mündung des Kassai erreichten, hatten wir zugleich das Ende des als „Kanal“ gezeichneten eingeengten Teiles des Congo erreicht, denn von dort an erweitert sich der Strom allmählich immer mehr, bis er schließlich bei Bumba an seinem Oberlaufe seine größte Breite erreicht.
Den Posten Kwamuth besuchte ich zusammen mit dem Kommandanten Maréchal, welcher auf dem Dampfer Passagier war und nach dem Tanganyika wollte, um sich dem Baron Dhanis zur Disposition zu stellen. Der Ort ist auf einem Hügel an der Mündung des Kassai erbaut und ist, wie sämtliche Stationen im Innern, zugleich Militärposten. Man hatte hier ziemliche Plantagen von Coffea liberica angelegt, die eben in Blüte waren, es war ein prachtvoller Anblick. Da sich bei uns an der Kamerun-Küste selbst Kaffeeplantagen nicht bezahlbar machen, so sollte man kaum annehmen, daß es hier so weit im Innern der Fall sein dürfte. Allerdings arbeitet der Congostaat hier mit bedeutend billigerem Arbeitermaterial, doch ist dabei der Transport nicht außer Acht zu lassen, denn derselbe würde bis zur Küste nicht unbedeutende Kosten verursachen, während wir in Kamerun von vielen Plantagen den Kaffee direkt auf die Dampfer verladen könnten. Die Eisenbahnfracht allein beträgt 17 Ctms. pro Kilo, bei den jetzt sehr niedrigen Preisen, welche der Liberia-Kaffee erzielt, viel zu große Unkosten. Gegenüber dem Posten Kwamuth liegt eine belgische Missionsstation, Berghe St. Marie, welche wohl die bedeutendste derartige Station im Innern sein dürfte. Gegen Mittag fuhren wir weiter. Noch immer wechselten Savannen und Urwald, doch bald wurden die Ufer immer niedriger, und kurz darauf kamen die ersten Inseln in Sicht. Von nun an bot der Congo ein ganz anderes Bild dar; allenthalben sah man dicht bewaldete Inseln aus dem Wasserspiegel hervorragen. Wo die Ufer zu sehen waren, ragten sie höchstens einige Fuß über dem Wasserspiegel hervor, Urwald trat häufiger und in größeren Komplexen auf. An einer Insel von ziemlicher Ausdehnung warfen wir am Abend Anker, um wieder Holz schlagen zu lassen.
Am Vormittage des 26. Juni erreichten wir die amerikanische Missionsstation Tschumbiri, welcher gegenüber wir inmitten des Fahrwassers etwa eine Stunde lang vor Anker liegen blieben, um Post abzugeben und etwas Proviant zu kaufen. Nicht weit davon entfernt machten wir wieder an einem Holzposten Halt. Als wir dann gegen Mittag fort wollten, stellte sich heraus, daß der Dampfer ein kleines Leck bekommen habe, welches erst ausgebessert werden mußte. Wir waren daher gezwungen, für den Rest des Tages hier zu verbleiben. Leider bot der Platz nichts Interessantes dar, nicht eine Landolphia war zu sehen. Die neuen Ankömmlinge benutzten hier natürlich die Gelegenheit, ihren ersten Jagdeifer etwas zu stillen, ein Leguan (große 1½ m lange Eidechse) und einige Tauben waren das Resultat ihres Jagdzuges. Elefanten- und Büffelspuren waren reichlich zu sehen, doch schienen sich die Tiere wohl zu hüten, sich einer solchen Zahl von Nimroden zu zeigen.
Während der Fahrt am nächsten Tage sahen wir häufig Nilpferde, welche sich aber stets in zu großer Entfernung vom Dampfer hielten, um eine sichere Zielscheibe zu bieten, ebenso waren die Krokodile sehr scheu. Es ist unglaublich, welche große Mengen von Flußpferden hier noch im Congo vorhanden sind, obgleich jährlich eine große Zahl derselben geschossen und auch von den Eingeborenen harpuniert wird. Meist halten sich die Tiere in kleinen Trupps von 5 bis 10 Stück auf und tauchen sogleich unter, wenn ein Dampfer sich ihnen nähert, um dann nur hin und wieder an der Oberfläche zu erscheinen, um Luft zu schöpfen. Sobald sich ein solches Tier in der Nähe des Dampfers zeigt, wird darauf geschossen, obgleich man die angeschossenen Tiere nur selten bekommen kann.
Als wir gegen Mittag an dem Posten Bolobo eintrafen, hatten wir ein sehr lebendiges Bild vor uns; es wurde gerade Markt abgehalten. Die Eingeborenen aus der Umgebung waren zu diesem Zwecke recht reichlich zusammengekommen. Es wurden fast nur Eßwaren feilgeboten, welche mit Mitakus, der hier üblichen Münze, d. h. Messingdrahtstücken von ungefähr 20 cm Länge, zu kaufen waren. Die Verkaufenden standen hinter einem kleinen Zaune in einer eigens zu dem Zwecke aufgebauten Hürde, in welche der Kauflustige nicht hineinkommen durfte, sondern sich die gekauften Sachen über den Zaun hinwegreichen lassen mußte. Man hat diese Regelung des Marktverkehrs wohl hauptsächlich eingeführt, um die Verkäufer vor Diebstählen zu schützen, denn alle diese Congo-Völker gehören zu den gewandtesten Dieben, welche es giebt. Von seiten unseres Schiffes wurden große Mengen von Lebensmitteln erstanden, welche teils mit Mitakus, teils mit Zeug, Salz oder sonstigen Tauschartikeln erhandelt wurden. Noch am Nachmittage setzten wir unsere Reise fort. Wir waren jetzt vollständig im Bereiche der Congo-Inseln, welche zum großen Teile von Sümpfen mit Wassergräsern durchzogen waren und daher viele Nilpferde beherbergten. Es wurde natürlich auch jetzt wieder tüchtig auf die Tiere geschossen und einige auch vielleicht verwundet, doch konnten wir die Körper natürlich nicht bekommen, da zum Jagen der verwundeten Tiere viel Zeit gehört, welche uns nicht zur Verfügung stand. Als wir gegen 5½ Uhr anlegten, um für die Nacht Holz schlagen zu lassen, benutzte ich die Gelegenheit wieder zu einer kleinen Exkursion, während der ich zwei Landolphien ohne Blüten sah, die beide aber keinen brauchbaren Kautschuk lieferten.
Mit jedem Tage wurde der Fluß nun breiter, so daß wir häufig durch die Inseln, welche immer zahlreicher wurden, von einem oder gar von beiden Ufern nichts mehr sehen konnten. Die für die Dampfer mit größerem Tiefgange wie die „Hainant“ einzig mögliche Fahrstraße schien stellenweise schon sehr gefährlich, da das Wasser in diesem Jahre bedeutend mehr gefallen war, als es sonst zu geschehen pflegte. Bei der Fahrt stromauf ist die Gefahr nun allerdings nicht so groß als im entgegengesetzten Falle, denn dann werden die Dampfer von der gewaltigen Strömung im Congo nicht mitgerissen und auf die Sandbänke gesetzt, wo sie sich dann, durch die Strömung getrieben, immer tiefer einbohren. Als wir am Nachmittage des 28. Juni wieder anlegten, um Holz schlagen zu lassen, betrat ich einen Wald, welcher trotz des niedrigen Wasserstandes noch immer stellenweise unter Wasser stand, dessen Bäume also sicher fast während des ganzen Jahres direkt im Wasser stehen, und dennoch wuchsen hier Kautschuk liefernde Landolphien. Viele der Bäume stehen ähnlich wie die Mangroven und Pandanus, welche letzteren hier übrigens auch auftraten, auf Stützwurzeln, so daß dadurch die Stämme über Wasser gehalten werden.
Am 29. Juni befanden wir uns gegenüber der Sanga-Mündung, von der natürlich infolge der vielen davor gelagerten Inseln nichts zu sehen war. Der Fluß verengt sich von hier bis Coquilhatville wieder etwas und ist weniger inselreich als unterhalb und oberhalb dieser Strecke. Noch am Abend desselben Tages erreichten wir den Posten Lukulela, welcher infolge seiner prachtvollen Wälder und des daselbst gewonnenen Nutzholzes bekannt ist. Ich sah hier den schönsten Wald, welchen ich je im Congo zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Leider war es damals schon zu dunkel, um die Anpflanzungen der Station in Augenschein nehmen zu können, doch tröstete ich mich damit, daß ich wußte, bei meiner Rückkehr bessere Gelegenheit dazu zu haben.
Wie gewöhnlich setzten wir am folgenden Tage mit Tagesanbruch unsere Reise stromaufwärts fort. Da ich sehr bald eingesehen, daß ich später nicht im Lande umherreisen dürfte, ohne das Bangala, die hier übliche Verkehrssprache, zu verstehen, so begann ich bereits auf dem Dampfer, tüchtig Vokabeln zu lernen, um mich wenigstens einigermaßen mit den Eingeborenen verständigen zu können. Es wurde während der Mittagsstunden hier auf dem vollständig windstillen Congo so heiß, daß ein jeder bei dem müßigen Leben, welches man an Bord des Dampfers zu führen gezwungen war, erschlaffen mußte; wie sehr sehnte ich daher das Ende der Fahrt herbei, um doch wenigstens wieder etwas thätig sein zu können.
Irebu war unser nächstes Ziel, welches wir noch am Abend desselben Tages erreichten. Hier befand sich ein Camp d’Instruction, in welchem die Soldaten, welche die verschiedenen Stämme für die Schutztruppe des Staates liefern müssen, vorgebildet und gedrillt werden. Es befanden sich damals etwa 400 dieser Soldaten auf Irebu. Kommandant Jouniaux, der Kommandant der Station, führte uns am nächsten Tage, als der Dampfer, um Holz einzunehmen, den Ausfluß des Tumba-Sees hinaufgefahren war, umher und zeigte uns die ziemlich bedeutenden Kaffeeplantagen, welche von der Regierung hier angelegt worden waren. Man stand gerade vor der Haupternte. Die Plantagen waren in gutem Zustande gehalten, was insofern für die Regierung nicht schwer fällt, als sie Arbeiter in Überzahl erhalten kann, indem sie einfach aus den umherliegenden Dörfern die nötigen Leute requiriert, welche dann für eine geringe Bezahlung und für ihre Beköstigung für eine gewisse Zeit Arbeiten zu leisten haben. Nach allem, was ich hier in Irebu wie auch später in Equateur sah, schienen sich die Leute bei dieser Behandlung durchaus wohl zu fühlen.
Auf der Weiterfahrt wurde gegen Mittag noch einmal Halt gemacht, um wieder Holz einzunehmen. Am Abend legten wir kurz unterhalb Wangata für die Nacht an, um dann in aller Frühe erst bis Wangata, der Hauptniederlassung der Société Anonyme Belge, weiterzufahren. Von Wangata bis Coquilhatville oder Equateurville hatten wir nur eine kurze Zeit zu fahren, so daß wir bereits um 11 Uhr daselbst anlangten. Ich war natürlich froh, daß ich nun an meinem Ziele angelangt war und den Dampfer verlassen konnte. Am Nachmittage ließ ich meine Lasten in das mir angewiesene Haus hineinschaffen und richtete mich dann darin so behaglich ein, als es eben ging.
Coquilhatville ist eine der größten Stationen im Innern und gehört wohl entschieden auch mit zu den wichtigsten; die Eingeborenen in dem Distrikte sind immer mehr oder minder im Aufstande begriffen. Man hat auf der Station riesige Kaffeeplantagen angelegt, in denen eine sehr große Zahl von Arbeitern thätig ist. Der Chef des Cultures auf der Station schien sich nach seinen Berechnungen einen sehr großen Verdienst von den Kaffeeplantagen zu versprechen, doch wird man das Resultat abwarten müssen, denn der hier angepflanzte Liberia-Kaffee erzielt sehr geringe Preise auf dem europäischen Markte.
Zur Besichtigung der Kautschukpflanzungen unternahm ich in Begleitung des Chefs des Cultures eine Exkursion, auf welcher ich alles sah, was davon vorhanden war. Hevea hatte man meiner Meinung nach auf zu trockenem Terrain angepflanzt, die Pflanzen wuchsen zwar recht kräftig, doch ist zu befürchten, daß man mit ihnen dieselbe Erfahrung machen wird, wie es in Kamerun der Fall war. Manihot Glaziovii war auch in einigen hundert Exemplaren vorhanden und hatte sich stellenweise sogar schon selbst ausgesät. Von Kickxia latifolia Stapf hatte man eine Plantage von etwa 5000 Pflänzchen angelegt, welche auch sehr gut zu gedeihen schienen, doch giebt diese Art, wie ich bald festzustellen Gelegenheit hatte, ebenso wenig Kautschuk wie Kickxia africana Bth., ist also deshalb vollständig zu verwerfen. Von Castilhoa elastica war ein kleines Exemplar unter großen Schwierigkeiten und mit vieler Mühe hierher geschafft worden; dasselbe war erst vor einigen Tagen ausgepflanzt worden, so daß man noch nicht einmal sehen konnte, wie sich die Pflanze entwickeln würde. In einem sumpfigen Walde hatte man das Unterholz etwas weggeschlagen und eine Landolphia-Anpflanzung begonnen. Die Pflänzchen waren in Abständen von 5 bis 7 m einzeln oder zu zweien am Fuße der Bäume ausgesetzt und schienen sich in diesem feuchten Boden recht wohl zu fühlen. Auch diese Anpflanzung war erst sehr jungen Datums, so daß die Pflänzchen erst drei bis vier Blätter entwickelt hatten. Ich halte es nicht für möglich, daß eine solche Landolphia-Anpflanzung in sechs bis sieben Jahren anzapfbar sein wird, wie häufig vermutet wird. Es ist nicht zu bestreiten, daß dieselbe, wenn sie erst einmal zum Anzapfen reif ist, einen gewissen Wert repräsentiert, doch wird trotz aller Vorsichtsmaßregeln in wenigen Jahren der Kautschukertrag derselben bedeutend herabsinken, da bei der äußerst runzeligen und ungleich dicken Rinde die Schnitte nur zu leicht bis in die Cambiumschichten hineindringen. Hier im Congostaate weicht die Landolphia mit der fortschreitenden Civilisation in erschrecklicher Weise zurück. In größeren Quantitäten finden sich Kautschuklianen an leichter zugänglichen Lokalitäten nur noch da, wo der Europäer noch nicht dem Eingeborenen den Wert des Kautschuks hat klarmachen können. Die Verordnungen, welche die Regierung erlassen hat, werden natürlich, da sie unbequem sind, bei jeder möglichen Gelegenheit umgangen, denn dadurch würde der Ertrag der Kautschuk-Liane bedeutend verringert werden, und der Neger würde verlieren.
Die Bossanga- oder, wie sie hier allgemein genannt wurde, Bossassangapflanze, sah ich auch in der Umgebung der Station, besonders am Rande der Wälder, sehr häufig. Wie ich vermutet hatte, waren es Costusarten, von denen ich zwei verschiedene Spezies unter diesem Namen feststellen konnte. Die bis acht Fuß hohen Stengel werden entblättert und dann in etwa fußlange Stücke geschnitten; durch Drehung und Auswringen dieser Stücke erhält man den Saft in reichlicher Menge, und kann ihn in diesem Zustande sofort bei der Koagulation der Kautschukmilch verwenden. Dieselben Costus-Arten hatte ich bereits in Kamerun viel gesehen und schon damals die Plantagenleiter darauf aufmerksam gemacht, daß ich in ihnen die Bossangapflanze des Congo vermute. Zur Untersuchung in Europa ließ ich zwei Flaschen mit Bossassangasaft füllen; da derselbe sehr reichlich fließt, war das eine Arbeit von einer halben Stunde.
Ich machte nun im Laufe der folgenden Tage einige Exkursionen in die Umgebung der Station, soweit dieses auf dem sumpfigen Terrain möglich war. Die Kautschuk liefernden Landolphien sind alle ausgeschlagen, so daß man zu neuen Anpflanzungen nicht einmal genügend Samen erhalten kann. Einige Ficusarten und einen großen Stamm der Kickxia latifolia zapfte ich an, konnte aber trotz aller Versuche und Anwendung der verschiedensten Säuren keinen brauchbaren Kautschuk gewinnen. Es gelang mir auch, einige Früchte der Kickxia latifolia zu finden, die bis dahin noch nicht bekannt waren. Auch die Stämme der Manihot Glaziovii ließ ich anzapfen und erhielt kleine Quantitäten guten Kautschuks, welche aber zu gering waren, um ein plantagenmäßiges Anbauen hier zu rechtfertigen. Mit den mir häufig gerühmten Kautschuk-Anpflanzungen in Coquilhatville stand es also zur Zeit meines Aufenthalts keineswegs besser als in Kamerun, im Gegenteil sind wir den Belgiern durch unsere Kickxiaplantagen weit vorausgeeilt. Die Landolphia-Anpflanzungen in Soppo sind auch bedeutend weiter entwickelt, als die im Congo angelegten.

Costus Lukanusianus K. Sch.
A Oberes Stengelstück, B Blüte, C Staubblatt, D Griffelkopf, E derselbe von der Seite, F Längsschnitt durch den Fruchtknoten.
⇒ GRÖSSERES BILD
Man begann auch im Equateur-Distrikte Kakaopflanzungen in größerem Maßstabe anzulegen; inwieweit sich diese rentieren werden, muß die Zukunft beweisen, es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Niederschläge zu unbedeutend sind, um eine gute Frucht erzielen zu können. Wie ich später von den katholischen Missionaren am Ruki hörte, sollen Proben von Kakaobohnen, welche sie zur Begutachtung nach Europa geschickt hatten, als sehr minderwertig („13. oder 14. Qualität“) bezeichnet worden sein. Sei es nun, daß die Fermentation oder das Dörren nicht richtig vor sich gegangen ist, sei es, daß der Boden nicht fruchtbar genug oder die Spielart an und für sich minderwertig gewesen ist, dort hat man jedenfalls aufgehört, neue Pflanzungen anzulegen. Hier in Equateur versprach sich der Chef des Cultures ein gutes Resultat. Viel wird natürlich auch davon abhängen, welchen Frachtsatz die Eisenbahngesellschaft für den Transport vom Stanley-Pool bis Matadi ansetzen wird, denn für derartige Qualitäten würden die Transportunkosten sehr leicht zu hoch werden.
Von Coquilhatville aus wollte ich gern eine kleine Expedition ins Innere nach der Gegend des Tumba-Sees machen, von wo eine nicht geringe Menge von Kautschuk des Equateur-Distriktes kommt.
Da der Kommissar des Distriktes zur Zeit sich auf einem Zuge gegen die Eingeborenen jener Gegend befand, welche einen Aufstand begonnen hatten, glaubte sein Stellvertreter, mir nicht die nötigen Träger geben zu können. So war ich denn gezwungen, bis zur Rückkehr des Kommissars zu warten.
Um meine Zeit möglichst auszufüllen, unternahm ich am 8. Juli eine Fahrt in einem Canoe den Ruki hinauf nach der Missionsstation der Trappisten. Die Missionare hatten hier verschiedene Kulturen begonnen und waren eben dabei, die Station zu vergrößern. Der Kaffee stand recht gut, Kakao war mit dem Kakao von Kamerun nicht zu vergleichen, doch waren die Pflanzungen recht schön sauber gehalten, wie überhaupt die Station einen recht netten Eindruck machte. Diese Leute leben dort äußerst einfach und bleiben bis zu ihrem Tode in Afrika, wenn sie nicht etwa beständiger Krankheiten halber nach Europa zurückkehren müssen; doch das kommt selten vor. In dem mit der Missionsstation verbundenen Kloster lebten drei Nonnen, welchen die Erziehung der Mädchen oblag.
Am 9. Juli traf der Kommissar des Distrikts ein. Als ich ihn von meinem Wunsche in Kenntnis setzte, sprach er mir sein Bedauern aus, daß er mir nicht erlauben dürfe, meine geplante Expedition ins Innere auszuführen, da die Gegend zu unsicher sei, und er mir augenblicklich die zu meiner Expedition nötigen Soldaten nicht geben könne. Ich versuchte ihn umzustimmen, sah aber bald ein, daß es nichts half. Die Gründe zu dieser Weigerung sind mir unklar geblieben, genug, ich sah ein, daß man mich nicht nach dem Tumba-See hineinlassen wollte, denn der Eingeborenen-Aufstand war damals schon erledigt.
Da ich nun keinen Grund hatte, noch mehr Zeit zu verlieren, so packte ich meine Sachen bald ein, um dann am 11. Juli meine Reise nach der Sanga-Mündung den Congo hinunter anzutreten. Ich hatte ein großes Canoe mit zwölf Ruderern bekommen, welches mich zunächst bis Irebu bringen sollte. Gern hätte ich selbst hier ein größeres Canoe käuflich erworben, doch das war leider nicht möglich, da die sämtlichen großen Canoes der Eingeborenen von der Regierung in Beschlag genommen waren und die Leute nun natürlich keine großen Canoes mehr bauen wollten, um sich nicht noch einmal derselben Gefahr auszusetzen.
Nach etwa 1½stündiger Fahrt erreichten wir die amerikanische Missionsstation bei Wangata, wo ich bei den sehr liebenswürdigen Missionaren mich eine kurze Zeit aufhielt. Auf der Weiterfahrt ging es über einige Stellen hinweg, welche infolge der starken Strömung eine große Zahl von Strudeln bildeten. Hier wurde dann immer das Kommando gegeben „koruka makessi“ (schnell rudern), um darüber hinwegzukommen und nicht von den Strudeln mitgerissen zu werden. Längs der Ufer waren Kopalbäume in riesigen Mengen vorhanden. Der hier helle Kopal, welcher einer geringeren Qualität angehört, wird von den Eingeborenen meist im Wasser gesammelt oder bei niedrigem Wasserstande auf den Sandbänken, wo er oft in ziemlichen Mengen angeschwemmt wird. Man hat hin und wieder versucht, größere Quantitäten nach Europa zu schicken, doch sollen die Transportkosten zu hoch sein, so daß der Export den jetzt noch durch die hohen Verdienste am Kautschuk und Elfenbein verwöhnten Handelsgesellschaften noch nicht rentabel genug erscheint. Der Frachtsatz für diesen sogenannten „weißen“ Kopal ist auf der Congo-Eisenbahn vom Stanley-Pool bis Matadi auf 18 Ctms. pro Kilo angesetzt worden; da hierzu noch die nicht unbedeutenden Transportkosten auf den Dampfern bis Stanley-Pool kommen und ferner auch noch die Fracht von Matadi nach Europa nicht gering ist, so läßt sich natürlich verstehen, daß ein großer Verdienst bei minderwertigem Kopal nicht herauskommt.

Landolphia florida Bth.
A Zweig, B Knospe, C Blüte, D Längsschnitt durch den unteren Teil der Blüte. E Kelch und Griffel, F Querschnitt durch den Fruchtknoten, G Griffelkopf, H Anthere.
⇒ GRÖSSERES BILD
Die keinen Kautschuk liefernde Landolphia florida, welche hier im Congo in einer besonders schönen, großblütigen Varietät auftritt, war allenthalben längs der Ufer reichlich vorhanden. Ich stellte sowohl hier wie später in Bonga die möglichsten Versuche an, um Kautschuk davon zu gewinnen, doch alles war vergeblich, obgleich die Standorte häufig recht verschieden waren. Für mich ist die Frage für Kamerun und für den Congo so weit erledigt; Landolphia florida giebt daselbst keinen guten Kautschuk; wo andere Angaben vorhanden sind, dürften sie sich wohl auf einen Irrtum, sei es in der Art, sei es in der Bezeichnung des Produktes, zurückführen lassen; da viele Landolphien einander sehr ähnliche Blätter haben, so kann man sich leicht in der Art täuschen, zumal in den Wäldern häufig Kautschuk liefernde Arten mit anderen vermischt wachsen. Als Kautschuk sind mir häufig Produkte gezeigt worden, welche besser als Vogelleim bezeichnet werden würden; außerdem neigt der Laie dazu, gern eine jede in den Tropen weißen Milchsaft liefernde Pflanze, wie z. B. Ficusarten etc., als Kautschukpflanze anzusehen. Auch Asclepiadaceen stehen häufig bei Laien im Verdachte, Kautschuk zu liefern. So giebt Baillon nach aus dem Congo kommenden Notizen bei einer seiner neuen Tacazea-Arten an, daß eine nicht geringe Quantität des Congo-Kautschuks von dieser Pflanze herstammen solle. Ich habe nach eigenen Versuchen sowie trotz eifriger Erkundigungen keine Tacazea-Art zu Gesicht bekommen, welche wirklich Kautschuk lieferte.
Der Congo und seine Nebenflüsse sind ungeheuer reich an Fischen, doch wird von den Eingeborenen, deren einzige Fleischnahrung lange Zeit hindurch die Fische bilden, der Fang derselben ziemlich vernachlässigt. Ein jeder kleine Wasserlauf bietet den Leuten eben eine so reichliche Ausbeute, daß sie sich gar nicht dabei anstrengen brauchen. In vielen Gegenden wäre es für die Handelsgesellschaften vielleicht von großem Nutzen, wenn sie zur Ernährung ihrer eingeborenen Arbeiter durch Leute, welche den Fischfang wirklich kennen, täglich die nötigen Mengen fangen lassen würden, ganz besonders in solchen Gegenden, wo man von den Eingeborenen nur schwerlich Nahrung erkaufen kann, wie z. B. im Sanga-Ngoko-Gebiete.
Am 11. Juni gegen Mittag erreichten wir Ikenge, einen Holzposten des Staates, wo ich für meine Ruderer etwas Mais erstehen konnte, denn dieselben hatten seit dem Morgen noch nichts gegessen. Der Uferwald, welcher nur wenige Fuß über dem Niveau des jetzt ausnahmsweise tiefen Wasserstandes lag, war äußerst interessant. Wir hielten uns immer, soweit nur irgend möglich, an dem Ufer des Flusses, um uns nicht in den vielen Kanälen und Armen des Stromes zu verfahren. Affen und Wasservögel (Reiher, Enten und Wasserhühner) gab es in großen Mengen. Es gelang mir, verschiedene derselben für die Leute zu schießen, ebenso einige Affen, von denen ich auf der Fahrt bis Irebu allein fünf verschiedene Arten beobachtete. Im Wasser gab es viele Krokodile, doch konnte ich nicht zum Schuß kommen, da die Tiere ungemein scheu waren. Nilpferde sahen wir gar nicht. Es war mir übrigens schon vorher aufgefallen, daß wir auf der Reise von Irebu bis Coquilhatville nichts von den sonst so häufigen Tieren gesehen. An vielen Stellen, wo ich anlegen lassen konnte, benutzte ich die Gelegenheit, den Wald etwas zu untersuchen, fand aber immer dieselben Zustände: die Kautschuklianen waren alle ausgeschlagen. Calamusarten waren häufig, besonders am Flußrande bildeten sie nicht selten undurchdringliches Gestrüpp. Ein jeder Versuch, sich ohne Cutlas durch diese Gebüsche hindurchzuarbeiten, würde scheitern, die zurückgebogenen Haken an der verlängerten Blattspitze halten einen jeden Eindringling zurück. Da ich, wenn irgend möglich, am folgenden Tage in Irebu eintreffen wollte, so ließ ich bis gegen 7 Uhr abends rudern. In der bereits eingetretenen Dunkelheit war es dann nicht leicht, einen geeigneten Landungsplatz zu finden, außerdem machen die vielen Baumstämme im Strome eine Canoereise bei der Dunkelheit sehr gefährlich. Als wir eben das Zelt aufstellen wollten, fing es plötzlich an in Strömen zu regnen, so daß noch alle Lasten nass wurden, ehe wir sie bergen konnten. Auch mein bereits draußen aufgestelltes Feldbett wurde derartig durchnäßt, daß ich an Schlaf nicht denken konnte, da mir keine trockenen Decken zur Verfügung standen. Nachdem ich mich daher selbst trocken umgezogen hatte, ließ ich ein Feuer im Zelte unterhalten, um mich zu erwärmen und die in Scharen erscheinenden Moskitos durch den Rauch fortzujagen.
Am nächsten Morgen ließ ich bereits um 5½ Uhr weiterfahren. Nach dem Regen hatte sich die Temperatur gehörig abgekühlt, auch lag ein feiner Nebel auf dem Flusse, der sich erst mit Aufgang der Sonne hob. Es war ein herrlicher Morgen. Nach einer Stunde erreichten wir das Nachtlager eines Inspektors der Telegraphenlinie, welche längs des rechten Ufers vom Stanley-Pool nach Coquilhatville im Bau begriffen war. Der Herr war am Tage vor mir von Coquilhatville abgefahren und wollte auch nach Irebu zurückkehren. Da sein Canoe schneller lief als das meinige, lud er mich ein, mit ihm zu fahren und mein Canoe nachkommen zu lassen. Wir machten unterwegs einige Fahrtunterbrechungen, er, um die Linie zu inspizieren, ich, um mir die Zusammensetzung des Waldes anzusehen. Als wir gegen 12½ Uhr in Irebu anlangten, war von meinem Canoe noch nichts zu sehen, dasselbe traf erst gegen 2 Uhr ein; natürlich hatten sich die Leute, da ich nicht dabei war, auch nicht übermäßig angestrengt. Da in Irebu zur Zeit kein größeres Canoe zu finden war, wurde ich leider gezwungen, daselbst einige Tage Rast zu machen, bis ein solches eintraf. Kommandant Jouniaux versuchte, mir den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen; er führte mich auf der Station umher und gab mir Aufklärung über die verschiedensten Dinge, welche mich interessierten. Auf einigen kleinen Exkursionen, welche ich in der Umgegend unternahm, hatte ich Gelegenheit, den Charakter der Wälder in der Umgegend kennen zu lernen. Da es ziemlich ausgedehnte Grassteppen in Fülle hier gab, in denen diese Wälder, selten größere Komplexe bildend, zerstreut umherlagen, so war natürlich auch die Vegetation dieser Buschwälder eine ganz andere, als ich sie im Congo vorher kennen gelernt hatte. Landolphien waren hier und da vereinzelt anzutreffen, aber nur in dünnstämmigen Exemplaren, welche von den Eingeborenen noch nicht angeschnitten wurden. Landolphia florida war längs der Flußufer sehr verbreitet. Die orangegelben Früchte werden von den Affen gern gefressen, da die Samen von einer süßen Pulpa umgeben sind. Costus- (Bossassanga-) Arten waren allenthalben am Rande der Wälder und Gebüsche reichlich vorhanden. Da wo frisch Urwald geschlagen wird, stellen sich die Pflanzen gewöhnlich sehr bald ein. Ein nicht unerheblicher Teil der Grassavannen war mit Borassuspalmen bedeckt, was der ganzen Landschaft einen recht imposanten Anblick verlieh. Die Früchte der Borassuspalme werden nur selten von den Eingeborenen gesammelt, da sie von einem süßlichen Fruchtfleische umgeben sind, doch wird in vielen Gegenden der Stamm direkt unterhalb der Krone angebohrt zur Gewinnung von Palmenwein. Nicht selten sieht man Strecken, in denen die Borassuspalmen durch dieses Anbohren getötet sind.
Endlich, am 17. Juli, traf das langersehnte Canoe ein, so daß ich am 18. Juli abreisen konnte. Das Canoe war sehr dick gebaut und hatte vorn und hinten eine kleine Plattform, auf welcher noch einige Ruderer stehen konnten; es ist dieses eine Eigentümlichkeit der Ubangi-Canoes, von denen die größeren sogar Plattformen für sechs bis sieben Ruderer vorn und hinten besitzen sollen. Infolge langjährigen Gebrauches war das Fahrzeug an den Seiten etwas defekt geworden, so daß ich zweifelte, meine sämtlichen Lasten unterbringen zu können. Als wir dann am Nachmittage abfuhren, ragte, nachdem sich noch meine zehn Ruderer (Congostaat-Soldaten und ein Sergeant) hineingesetzt hatten, eben nur noch der oberste Rand an den Seiten empor, so daß ich sehr bezweifelte, richtig in Lukulela anzukommen. Noch länger in Irebu warten wollte ich auch nicht, da das nächste größere Canoe, welches man mir zur Verfügung hätte stellen können, erst nach einer weiteren Woche erwartet wurde. Das Wetter war für die Reise in dem defekten Canoe nicht gerade das beste, denn es wehte eine ziemlich steife Brise auf dem Strome. Von Insel zu Insel weiter zur Mitte des Flusses fahrend, machten wir allmählich schnelleren Fortschritt, je mehr wir in den Strom hineingelangten. Wir waren kaum eine Stunde von Irebu fortgefahren, als sich plötzlich ein riesiges Nilpferd etwa zehn Schritte vor dem Canoe aus dem Wasser hob und brüllte. Da wir inmitten des Flusses waren, war die Lage nicht sehr angenehm, um so mehr, als ein Stoß des Tieres genügt hätte, uns mit sämtlichen Lasten umzuwerfen. Ich ließ den Kurs etwas ändern und hielt mein Gewehr in Bereitschaft. Das Tier tauchte sogleich wieder unter und erschien kurz darauf wieder hinter dem Canoe. Nun glaubte ich feuern zu müssen, denn das wütende Tier hatte offenbar die Absicht, uns anzugreifen. Ein Schuß ertönte, und mit furchtbarem Geheul tauchte der Riese wieder unter, ohne sich zu einer zweiten Salve sehen zu lassen, denn nun hatte ich den Soldaten befohlen, auch ihre Gewehre in Bereitschaft zu halten. Die Leute meinten zwar, daß ich das Tier tödlich verletzt habe und daß es nach etwa einer Stunde wieder oben an der Wasserfläche erscheinen würde, doch war ich nicht meines Schusses sicher genug, um deshalb Zeit zu verlieren, zumal, da es dann sehr fraglich gewesen wäre, ob wir noch einen Lagerplatz für die Nacht gefunden hätten, und in meinem Canoe mir die Fahrt die Nacht hindurch zu gefahrvoll vorkam. Von Insel zu Insel weiter vordringend, kamen wir gegen Abend in Sicht des französischen Congo-Ufers, auf dem mir meine Leute bald die Missionsstation Lironga zeigten. Da es bereits zu dunkeln anfing, ließ ich auf die Station zusteuern und traf auch gegen 6½ Uhr wohlbehalten daselbst ein. Die französischen Missionare luden mich ein, bei ihnen über Nacht zu bleiben.