Der Geiger und seine drei Gesellen
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Ein edler Graf hatte in seinem Schlosse einen jungen gar kunstreichen Geiger; den hielt er hoch und wert, und oft sprach er zu ihm: »Konrad, deine Fiedel ist mir doch wahrlich, was manchem borstigen Gesellen sein sanftes Weib; sie gibt mir gute Gedanken, glättet mir die Stirn, sänftigt mein zornig Blut, zupft mich am Ohr, kurz, ich weiß nicht, wie ich ohn' sie leben sollt'; ich mag gar nicht dran denken. Das soll dir ewig vergolten sein, mein treuer Bursch.« — Das war freilich leichter gesagt denn getan, das mit dem »Ewigvergoltensein«. Der gute Graf hätt' seiner hohen Jahre denken sollen; denn einer schönen Maiennacht, da der Graf auf seinem Bette lag, da zog von draußen ein starker, langgezogener Geigenton zum Fenster herein, also sonderlich und herzbeweglich, daß der Graf lauschend im Bette aufsaß — ein einziger zitternder Ton, erst leise wie Windhauch im Fliederbusch, dann schwellend und schwellend, feierlich und gewaltig, daß die ganze Nacht erbebte, alle Nachtigallen verstummten, draußen die weißen Blüten von den Apfelbäumen herniederschneiten, und dem lauschenden Greise im Kämmerlein das Herz im Leibe erzitterte, es ihm die alten Hände ineinanderzwang, daß es von seinen Lippen rann: »Vater unser, der du bist im Himmel!« — Dann schwoll er ab, der eine, der namenlose Ton, der aus der ewigen Nacht zu klingen schien, ward lind und linder, ward gar lieblich und fein, also, daß des alten Grafen Haupt lächelnd zurücksank ins Kissen, er wohlig und tief atmete, und draußen die Nachtigall in den verwehenden Klang leise einstimmte, bis sein letztes leises Tönen und Nachtönen wonniglich eins ward mit dem Weben der segenvollen Frühlingsnacht.
Der Graf lag mit geschlossenen Augen. Plötzlich fuhr er wie erschrocken auf und rief: »Konrad! warst du das? Konrad!« — Eilte der Geiger, der neben des Grafen Schlafgemach sein Lager hatte, herein: »Rieft ihr, Herr?« — »Konrad, bei allem, was dir heilig ist, warst du das eben?« — »Was denn, Herr? Ich schlief, da weckte mich euer Ruf.« Da erseufzte der Graf und sank ins Kissen zurück. »Nichts, guter Konrad. Geh nur wieder zur Ruh; ich hab wohl geträumt. Doch erst gib mir noch einmal deine Hand und sei bedankt für alle Treue.« — »Herr, Herr, wie sprecht ihr nur?« — »Geh zu Bett, mein Konrad.«
Der Graf wußte, wer ihm gegeigt, und daß er dieser Fiedel folgen müsse. Am nächsten Morgen fand ihn der treue Geiger friedsam entschlummert.
Des Grafen Erben aber, die dem einsamen Hagestolz bei seinen Lebzeiten wenig nachgefragt und seiner Schrullen oft gelacht, waren wilde Herren, Jäger, Raufer und Zecher, die verwiesen den Geiger des Schlosses. Da war er brotlos und unbehaust und ergeigte sich vor den Türen und auf den Kirchweihn und unter den Dorflinden zum Tanz der jungen Burschen und Bauerndirnen sein bißchen Notdurft, und stund ihm gar oft das Weinen näher denn das Lachen. Doch dieweil er bescheidenen und zufriedenen Herzens war, so sprach er zu sich selber: »Alter Freund, du hast dein gutes Teil vom Leben dahin und hast's reichlicher und vergnüglicher gehabt denn tausend andre. Des sollst du dankbar sein, und nicht murren, wenn jetzt die saure Wegstrecke kommt; ist's schon dumm und ungeschickt, daß die Reihenfolge nicht umgekehrt war.«
Einst war's zur Nacht auf einer Bauernhochzeit. Schwer lagerte der Dunst des Saales, der übervoll war an erhitzten, lustigen, verliebten, von Tanz und Wein trunkenen Burschen und Weibern, unter den hangenden Lampen, die schon ganz trübe blinzelten. Dem armen Geiger war der Kopf schwer und müde von dem wilden Lärm und der eigenen Fiedel Didel dumdei, dem Dröhnen und Krachen der gestampften Dielen, dem Klappern und Klirren der Gläser, dem Jauchzen, Lachen und Schreien der unermüdlich lustigen Menschen. Er hatte es wieder einmal gründlich satt. In einer Pause hockte er im Winkel an einem Tische nieder, stützte den Kopf in die Hand und bedeckte sich die brennenden, überwachten Augen.
Stieß ihn da wer derb wider den Ellbogen. Er sah auf. Saß ein schnurriger alter Kerl mit grallen, wasserklaren Vogelaugen neben ihm und schob ihm ein Glas roten Weines zu: »Trink, Konrad, und sei vernünftig! Ist alles nicht so arg.« Der Alte war ihm fremd, auch hatte er ihn unter den Festgästen noch gar nicht bemerkt, und als ein paar von diesen an ihrem Tische Platz nahmen, nickten sie wohl ihm, dem Geiger, zu und rückten ihm ihr Glas hin, daß er Bescheid tue, des alten, lächerlichen Burschen mit der Pelzmütze auf dem linken Ohre und den wunderlichen, hellen Augen mit den weißen Wimpern schien keiner wahrzunehmen. Da ward ihm bange, und er rückte unwillkürlich ein wenig von dem seltsamen Gaste ab. Der bemerkte das und packte seinen Arm, daß ihm war, als läg er an einen Fels geschmiedet. »Bist ein alter Esel!« raunte der Wicht — »Ich sag dir, nimm deine Fiedel untern Rock und pack dich. 's ist heut eine gar besondere Nacht; da kannst du, wenn du Glück hast und ein Kerl bist, von ungefähr einen Weg unter die Füße bekommen, den du sonst all deine Lebtage nimmer findest. Geh nur frischweg auf gut Glück in den Wald hinein, der vorm Dorfe liegt, mitten hinein, ohne Weg und Steg, da, wo er am dicksten und finstersten ist; wirst schon nicht stolpern und anrennen. Ist heut 'ne besondere Nacht, sag ich dir! Renn du nur stracks drauf zu, bis daß du die Uhr an der Dorfkirche nicht mehr schlagen hörst und keinen Hund mehr bellen. Kommst schon wohin, wo dir's frommen wird. Rühr aber beileibe nichts an, was dir auch in die Augen stechen mag, bis auf einen Korb mit dreien Ferkelchen, den nimm fein mit. Zu was Ende und wie weiter, das geb ich deiner Schläue anheim, Geigerlein; wenn du ein Stoffel bist, ist dir nicht zu helfen.« — »Aber sagt doch um Himmels willen — wer seid ihr, alter Herr?«
»He, Geiger! mit wem schwätzest du denn da? Schläfst wohl schon?« rief ihn ein junger Bauernbursch an, und alles lachte um ihn. »Der Geiger ist närrisch worden, er red't mit der leeren Luft!« In Wirklichkeit, der Stuhl, drauf noch soeben der Alte gehockt, war leer. Ihm war wirr im Kopfe, als sei er trunken. »Verzeiht, Nachbarn, ich bin wahrlich schon halb im Schlaf. Will doch mal vor die Tür gehn und einige Atemzüge reiner Nachtluft tun und mir den kühlen Wind um die Stirn wehen lassen.« Damit stund er auf und nahm die Fiedel mit. »Das tu du ja, Geigerlein. Wir haben noch viel zu tanzen heint, und der Teufel tanzt, wenn der Geiger schläft!«
Da war er schon draußen im Finstern und atmete tief auf; alle Müdigkeit war wie weggeblasen. Ob das der Wein getan, den der seltsame Kauz ihm kredenzt? Mochte das tanzwütige Volk sich eins pfeifen, er kam nicht zurück und freute sich der tiefen, samtenen, sternlosen Finsternis, in die er wohlig hineinlief wie ein sonnenmüder Mensch am heißen Tage ins kühle Wasser. War ihm auch gar nicht bange, wie ihn der feuchte Atem des dichten Waldes umwehte und das Käuzchen lachte und weinte. In die Finsternis hinein zauberte sein kreisendes Blut, das er an den Schläfen hämmern fühlte, purpurne und goldige Wunder von Glück und bunten, beglückenden Abenteuern. Sein Herz war wach und lüstern wie damals, als er zuerst, ein schlanker, kecker Jüngling, in die Weite gezogen, die Fiedel auf dem Rücken, und gejauchzt hatte: »Was kostet die Welt!« An dem Worte des alten Kobolds zu zweifeln, kam ihm nicht ein; ihm war das Abenteuer just so nach seinem Sinn, dergleichen hatte er sich längst einmal gewünscht. Da hörte er, schon ganz gedämpft, leise und fern die Dorfuhr Zwei schlagen. Er sprach: »Noch nicht fern genug,« und drang weiter in die gestaltlose Finsternis vor, bis es ihn etwa eine Stunde deuchte; da war kein Laut mehr um ihn, er hatte weder Halb noch Drei schlagen hören, und das letzte Hundegebell war längst dahinten geblieben.
»Nun wird's aber bald Zeit, daß was kommt,« brummte er ungeduldig, »sonst ist die Nacht hin,« und wunderte sich, daß noch keine Morgendämmerung die Dunkelheit lichte. Da stieß er mit dem Stocke gegen etwas an! Er tastete, es war eine Tür. Er suchte nach Schloß und Klinke, sie war offen. Er trat ein.
Erstaunt hemmte er den Fuß, drinnen war geheimnisvolles Morgengrauen: Ein weiter Schloßhof, ein großer Weiher inmitten, von regungslosem Schilf umkränzt, auf der fahl schimmernden Flut kreisten drei schwarze Schwäne und ließen die Köpfe hangen, als ob sie gar traurig wären. Seine Schritte hallten von den Schloßmauern wider; er erschrak und ging auf den Zehen weiter durch das herrliche, reich verzierte Portal, dessen Tür sich gleichfalls lautlos seinem schüchternen Drucke öffnete.
Drinnen waren Säle an Säle gereiht, Zimmer an Zimmer, da stunden Schätze und Kostbarkeiten, daß ihm wirblig im Kopfe ward; aber alle Wände waren mit schwarzem Samt ausgeschlagen. Er gedachte aber zum Glück der Warnung des Alten mit der Pelzkappe und schritt leise auf den Zehen weiter. Im letzten Zimmer endlich schien etwas Lebendiges sich zu regen. Er spähte vorsichtig und bänglich um die Tür. Stund da doch wahrhaftig am Boden ein Körbchen, darinnen drei allerliebste, rosige Ferkelchen sich drängten und quiekten. Das nahm er auf, stieß die gegenüberliegende Tür mit dem Fuße auf. — »Hm, das hätt' ich bequemer haben können!« rief er erstaunt. Er stund außerhalb des Schlosses im Walde, und der Wald war morgenhell und duftete reine Taufrische, die Buchfinken schmetterten, die Meislein schlüpften durchs Gezweig und lockten und pfiffen, der Meister Specht war schon an seiner Arbeit. Da ging unsern Konrad das Herz auf in solcher Fröhlichkeit, daß er seinen Ferkelkorb ins Moos setzte, seine treue Fiedel hernahm und in den lauten Jubel der Waldvögelein mit einer lustig klaren Weise einstimmte.
Da geschah ein drollig Wunder: die drei Ferkelchen sprangen aus ihrem Korb, stellten sich auf die Hinterbeine und huben ein Tanzen an, quieksten auch artig darein, daß Konrad vor lauter Lachen falsche Töne griff und das Fiedeln aufgeben mußte, um sich erst einmal Bauch und Seiten zu halten. »Euch laß ich für Geld sehn, ihr rosiges Gesindel. Wenn ihr unterm lichten Galgen tanzt, da lachen ja die armen Sünder noch, die droben hangen. Wir bleiben zusammen, wir vier, gelt? Juchhe! jetzt kann mir's nimmer fehlen! Wer der Welt zu lachen gibt, der hat die Wurst!«

Und er zog freudigen und getrosten Mutes der Hauptstadt des Königreichs zu. Ein paarmal probierte er's noch in einem Dorfe hier oder da mit seinem Ferkeltanz, überall lachten die Menschen Tränen und sprangen ihm die Batzen in den Hut; aber er dachte: »Nur zur Probe, ob's vorhält; ich muß mich rar machen, bis ich vor die rechte Schmiede komme; so ein König will immer was Apartes haben, da darf das Volk nicht das Beste davon weglachen; und hört er gar von dem vergnüglichen Wunder schon, eh denn er's geschaut, so ist's ganz gefehlt.« Behielt also, je näher er der Hauptstadt kam, seine Kunst fein für sich und machte dafür lange Beine; denn zahlten die Bauern mit Kupfer, so mußte doch von Anstands wegen der König mit Gold zahlen!
Endlich war er durch das Stadttor eingezogen und stellte sich vors Schloß mit seiner Geige und seinem verschlossenen Korbe. Da trat ein dickleibiger Herr mit roten Backen und einer Weinnase zu ihm, der sichtlich aus dem Ratskeller kam, daher, wo er am tiefsten ist, schlug ihm auf die Schulter und lachte, daß ihm der Bauch hotzelte. »Guck, wieder ein Narr! Willst du's auch versuchen, Geigerle? Gib's auf, sag ich dir, du schaffst es auch nicht!« — »Was denn, werter Herr?« sprach unser Freund und lüpfte sittsam das Käppchen. »Stell dich an!« knurrte der Dicke und wollt' weiter schreiten. »Bei Gott, würdiger Herr,« sprach der Geiger, »ich weiß nicht, was ihr meint, bin des Ortes unkund und komm soeben von ungefähr daher« ... — »Von ungefähr, so so? Und da haben dir's vom Stadttor bis zum Schloßtor die Hunderle auf den Gassen noch nicht erzählt? Nun, das nimmt mich Wunder, Freund. Na, so kann ich dir's ja anmelden, vielleicht jückt dich dann der Fürwitz, die Prinzessin zu frein, und ich leg mich dann heut nacht ins Bette mit dem lustigen Gedanken, einen Narren mehr gemacht zu haben. Unsere Prinzeß nämlich, ansonsten eine kreuzbrave Person und hübsch wie der Daus — da ist nix darwider zu reden — die leidet dir an der dümmsten Krankheit, die die Ärzte erfunden haben: Sie kann nicht lachen!« — Und dabei lachte er selbst, des zum Zeichen, daß er dieser Krankheit frei sei, daß ihm der Bauch hupfte. »Zwanzig Jahre ist das saubere Frauenzimmer alt und hat all die Zeit ein Gesicht geschnitten wie'n verregnet Heiligenbild. Wenn das so weiter geht, so verholzt sie bei lebendigem Leibe und wir können sie als hölzerne Dolorosa in ein Tabernakelchen setzen. Da hat denn der König verkünden lassen, dem vor ihrem ernsthaften Geschau wohl sein täglich Gläschen Weins sauer wird: Wer das Mädel zum Lachen bringt, der soll sie haben. Denn die Ärzte haben's ihm vordemonstriert, daß nur ein tüchtiger Lachanfall sie heilen könnt', durch den die üble Materie der Trübsal von ihr ginge, gleichsam durch ein Platzen von irgend einer Wehmutbeule, die sich dem armen Ding am Herzen wo zusammengezogen habe. Nun, die Doktors können einem viel weismachen; soviel ist gewiß: das Wort des Königs gilt, und somit hast du nun alles, was du brauchst, mein Freund, um binnen einer Stunde ein würdig Glied der Narrengilde zu sein, die an diesem Königswort kleben blieben ist; nun gehab dich wohl und — guten Erfolg.«
Damit ging er lachend und schütternd davon. Konrad aber fühlte sich gar nicht als Narr, wenn er die tolle Hoffnung sofort mit beiden Fäusten erpackte: Er könne der sein, der hier not wäre! Jetzt lag's ihm ja taghelle vor Augen, wo der Pelzkappenkobold in der Dorfschenke mit ihm hinauswollte und zu was Ende er ihn geheißen, fein die drei lustigen Schweinchen mitzunehmen! »Hoho! das Ding kriegen wir,« lachte der Fiedler und hub die Geige ans Kinn. »Wirst der Ärmsten zuerst ein recht traurig Stückel spielen, das lockt sie heraus, dann wollen wir schon weiter sehn.«
Und er gedachte der Tage, da ihm selber die Trübsal bis zum Halse gestanden, nach seines lieben Grafen Tode, wie er sich so verraten und verkauft gefühlt in der weiten Welt, und schaute nicht rechts und nicht links und versank ganz in das grenzenlose Weh jener unseligen Tage. Da stund die Prinzessin auf dem Söller und weinte herzbrechend, hinter ihr der König, und sah zornig auf den Geiger herab, der mit seinen langgezogenen Strichen, dem Klagen und Schluchzen und Seufzen seiner Fiedel, alles Weh aus dem Herzen seines Kindes gleichsam heraushaspelte. Rings umher sammelten sich die Menschen und sahen drein, als stünden sie um ein offenes Grab, die Frauen zogen ihre Tüchel und war ein Schluchzen und Naseschneuzen zum Gotterbarmen. Von alledem sah und hörte unser Geiger nichts, er war ganz allein mit sich, vergaß, was ihn hierhergeführt und trank die selbstgeschaffene Trauer, die aus seinem Bogen floß. Da quiekte ganz leise eins der Ferkelchen, und der Spieler erwachte, sah auf und erblickte droben die Prinzessin, die eben wehüberwältigt an ihres Vaters Brust sank. Da blieb ihm der Mund offen stehen, so schön war sie in ihrem Leide. Der König aber rief zornig hinab: »Man nehme den Kerl in Haft!«
Hui, fegte da in die verhallenden Klagetöne ein Hopser drein, daß all die wehmütig herabhangenden Nasen emporschnellten; der Korbdeckel flog auf und die drei Schweinchen traten zum zierlichen Tanze an. Nein, war das närrisch, sie übertrafen sich heut aber auch selber, als wüßten sie, vor wem sie tanzten! Sie waren lächerlich vom Ringelschwänzchen und den feisten Hinterbäckchen bis zum schnuffelnden Schnäuzchen, den zwinkernden Äuglein, den schlappenden Ohren, den rudernden Vorderpfoten. Dazu sah's, weiß der Himmel, aus, als ob sie richtig lachten, dabei quiekten sie wie betrunkene Studenten. Der König verlor die Krone vom Kopfe, so gewaltig mußte er lachen, die Prinzessin lag in seinem Arme, die Hand auf dem Herzen und rang nach Luft. Auf dem Schloßplatz die Menschen wogten und schrieen und brüllten durcheinander, schlugen mit den Köpfen zusammen, purzelten und kugelten übereinander. Der dicke Herr von vordem, der, durch den Tumult angelockt, zurückgekehrt war, stund inmitten der Menge, blau anzusehn, um ihn waren drei Mann bemüht, seinen springenden Bauch zu halten. »Kinder,« keuchte er, »haltet mir bloß den Bauch fest! Ich überleb's nicht, er fliegt mir weg! Habt ihr ihn? Habt ihr ihn? So ein verfluchter Kerl! Tritt denn keiner die Ferkel tot? Pu! zu Hilfe! Ich sterbe!« Über die Saiten aber hüpfte und sprang der Fiedelbogen, und die Schweinchen drehten sich unermüdlich im Tanze und quiekten. »Aufhören!« schrie da der König vom Söller herunter, er sah ganz zerzaust und zerstrobelt aus; die Prinzessin aber war von unten garnicht mehr zu sehn, sie lag auf einem Ruhebett, eine Kammerfrau öffnete ihr das Mieder, da dehnte sich ihre junge Brust in tiefem, tiefem Aufatmen; der Leibarzt aber legte den Finger an die dicke Nase und sprach langsam und würdevoll in tiefstem Baß: »Sie ist geplatzt.« —
»Um Gotteswillen, wer?« schrie der König. »Die Wehmutbeule an Dero Tochter Herzen, Majestät. Majestät wollen sich erinnern, wie ich dermalen sehr richtig voraussagte, daß es solcher lächerlichen Erschütterung bedürfe, will sagen: Zwerchfellerschütterung durch einen starken Lachanfall — sehr richtig ....« Dies »sehr richtig« sprach der Leibarzt selber, er hatte die reizende Angewöhnung, gleichsam als sein eigener Zuhörer, seinen eigenen Worten stets durch bewunderndes »Sehr richtig« — »optime!« — »Vortrefflich!« Beifall zu spenden — »daß es also sotaner Erschütterung bedürfe, damit die üble morose Materie frei und abgeführt werde. Sehr richtig.«
Der König griff in die Seitentasche seines Schlafrocks und reichte dem Doktor einen blitzenden Orden dar, den dieser sich verneigend neben die vielen anderen Sterne an seinen betreßten Rock steckte. Dann fuhr er fort, indem er der Prinzessin schlanke Hand faßte und den Puls zählte: »Nachdem nun anjetzo diese von mir sehr richtig vorausgesagte glückhafte Wendung eingetreten, werden sich Eure Hoheit zu Bette begeben haben, Kamillentee trinken und durch eine kräftige Schwitzkur der Natur zu Hilfe kommen — Natur zu Hilfe kommen, sehr richtig.«
Da geschah etwas Schreckliches: die Prinzessin hatte kaum in das rote Gesicht des Arztes, der sich bedeutsam seine dicke Nase rieb und knetete, einen Blick getan — einen Blick, als säh sie ihn jetzt zum erstenmal, als sie von neuem in ein schallendes Lachen ausbrach, daß der gelehrte Herr die Augenbrauen so hoch zog, daß sie unter der großen Perücke verschwanden. »Doktor! um Gotteswillen,« schluchzte sie, »gehn Sie weg, sie sehen zu lächerlich aus!« Der Doktor wurde nicht eigentlich blaß, denn das vermocht' er mit seinem blühenden Antlitz nicht, aber er verfärbte sich, so gut's eben ging, ins Grünlich-Graulich-Gelbliche und sprach: »Sehr bedenklich!« — »Aber Kind!« tadelte der königliche Vater — »Du auch!« schrie die lachende Prinzessin! »Du auch! Ihr bringt mich um! Nein, Papa, bist du lächerlich, du glaubst es gar nicht!« Unter uns gesagt, sie hatte eigentlich recht, weder der König noch sein hochgelehrter Leibarzt sahen sonderlich geistreich und würdig aus. Der König prallte betroffen zurück, schob seine schiefgelachte Krone grade, knöpfte den Schlafrock zu, stellte das eine Bein mit dem perlengestickten Pantoffel am Fuß mit königlichem Anstand vor und schüttelte sehr ernst verweisend das Haupt: »Kind, weißt du auch, was du da Furchtbares gesprochen?« Da lachte das schöne Mädchen noch toller und stürzte, die Kammerfrau hinter ihr her, in die inneren Gemächer ab mit dem lachenden Schrei: »Ihr bringt mich um!«
Da stunden König und Leibarzt und schauten sich verdutzt an, und wenn sie Witz gehabt hätten, so hätten sie einer über den anderen gelacht, statt dessen zogen sie beide ihre Dosen und schöpften sich jeder eine Prise, die sie gedankenvoll und gewichtig in ihre dicken Nasen stopften. »Was sagt ihr, Leibarzt?« sprach dann der König. »Majestät, diese Erscheinung dünkt mich freilich nicht unbedenklich. Wir werden zur Ader lassen müssen, auch eine gelinde Purganz reichen. Jedennoch, wohl erwogen, daß Dero Fräulein Tochter zwanzig Jahre um und um jeglichen Lachens sich enthalten, scheint es mir räsonnabel, so Dero Natura anjetzo das Versäumte allsogleich nachzuholen sich beeilet, wo dann freilich weder der Anblick der gekrönten Majestät noch die Würde der Wissenschaft davor sicher sind, zum untauglichen Objekto solcher krampfhaften und annoch krankhaften Lachlust entwürdigt zu werden — Lachlust entwürdigt zu werden. Sehr richtig. Ich bin der wissenschaftlichen Überzeugung, daß wir in den nächsten Tagen, ehbevor Ihre Hoheit wiederum gänzlich normal geworden, das betrübende Spektakul erleben werden, daß Hochderselben jegliche Persona, von Eurer Majestät herab bis zum Hofjuden und Henker, als eine überaus lächerliche Verzerrung von Gottes Ebenbilde erscheinen wird — Ebenbilde erscheinen wird, sehr richtig, optime! Ich darf nur bitten, der Prinzessin als einer Patientin solche Anfälle nicht übel vermerken zu wollen, denn ...«
Der Hofarzt hätte noch weiter gesalbadert, wenn nicht ein Kammerdiener jetzt den Geiger gemeldet hätt'. Und da stund er auch schon, die Geige unterm Arme, das Käppel in der braunen Faust — den Ferkelkorb hatte er wohl beim Pförtner unten eingestellt — verneigte sich nicht allzutief und fragte frischweg: »Nun also, Herr König?« — »Wieso also?« fragte der König. — »Nun begehre ich die Prinzessin zur Frau, da ich sie lachen gemacht habe.« — »Ja so, hm, freilich, selbstverständlich, mein Lieber, ich hab's ja versprochen.« — »Das will ich meinen, Herr König.« — »Junger Freund,« sprach der Arzt gewichtig, »Ihre Hoheit ist infolge des Lachanfalls, den ihr der Patientin, den Vorwurf darf ich euch nicht ersparen, in allzu heftiger Dosis appliziert habt, leider wiederum krank geworden und zur Zeit jedlicher Schonung bedürftig.« — »So ist's,« fiel der König ein, »drum sprecht bei gelegener Zeit wieder vor. Wir bleiben euch in Gnaden gewogen.« Damit griff er in die Schlafrocktasche und reichte dem verdutzten Musikanten den hohen Orden des Königlichen Hauses. Den drehte der verlegen in den Händen und schob ihn dann in die Hosentasche. »Herr König, ich will aber doch hoffen ...« — »Gewiß sollt ihr hoffen, Teuerster, da habt ihr noch einen,« und holte aus dem Schlafrock den Orden für Kunst und Wissenschaft, den der Fiedler vorn auf sein Käppel steckte. Damit war er huldvoll entlassen, und hatte auf der Marmortreppe draußen so seine besonderen Gedanken. Im Schlosse war nun wirklich, die »wissenschaftliche Überzeugung« des Arztes hatte da einmal das Richtige getroffen, eine heillose Wirtschaft eingerissen. Die Prinzessin sah plötzlich ihre Umgebung mit neuen Augen und fand tatsächlich jeden Menschen am Hofe, der sich ihr nahte, in die Maßen närrisch und lächerlich, die würdigsten Hof- und Standespersonen mit den gewichtigsten Perücken, ernstesten Mienen, Verbeugungen und den funkelnden Ordensbrüsten am allerlächerlichsten. Das war eine Not! Da gab's viele tief beleidigte Gesichter, Abschiedsgesuche, Zank und Mißverständnisse und Erklärungen, Schadenfreude und Hohn und Herausforderungen, da half kein Aderlaß und keine Purganz — sie lachte, lachte über alle!
Was das Schrecklichste war: über ihren königlichen Papa am allermeisten! Der Leibarzt war ratlos, war verzweifelt und kam nur selten noch dazu, anerkennend seine Nase zu streicheln und zu husten und sich selbst ein bewunderndes: »Sehr richtig!« und »Vortrefflich« zu gönnen. Da verfiel der Kanzler, über dessen lange Nase und dünne Beine die Patientin auch gar unehrerbietig gelacht hatte, auf den guten Gedanken, der ihm sogleich einen neuen Orden eintrug: Man möge den Geiger, der zuerst Ihre Hoheit so sehr zu Tränen gerührt, zu Hofe laden, daß er der Leidenden eine recht traurige Weise spiele.
So geschah's. Konrad trat ans Bett der Prinzessin, die schon wieder auf eine neue närrische Erscheinung gefaßt war, und — faltete ergriffen die Hände, da er sie in ihrer jungen Schönheit, das goldig schimmernde Seidenhaar auf das Kissen gebreitet, vor sich liegen sah, er war nicht imstand, nur ein »Grüß Gott« zu sagen. Das schöne Mädchen aber sah ihn mit ihren übermütigen Blauaugen an, errötete dann betroffen und — lachte zum ersten Male nicht! »Aha!« sprach der Kanzler leise, der hinter einem Vorhang mit dem König das Ding beobachtete. Die Prinzessin zog die seidene Decke über ihren Busen und fragte beklommen: »Was wollt ihr?« — »Spielen soll ich, allerschönste Prinzessin,« stammelte der Musikant. »So spielt, aber stellt euch dort am Fußende des Bettes hin. Warum ich im Bett liegen soll, weiß ich nicht, ich bin gesund wie der Fisch im Wasser. Aber der Leibarzt ...« Da mußte sie wieder laut auflachen, wie sie des würdeschweren Herrn mit dem Finger an der dicken Nase gedachte. »Spielt zu,« rief sie, »und schaut mich nicht immer so an.«

Und Konrad, der Prinzessin zu Füßen, spielte. Er spielte alles, des sein ehrlich Herz voll war, seiner Liebe und Sehnsucht klagende Not: »Wie darf ich armer heimatloser Gesell, ich zerlumpter Fiedelstreicher mein Auge zu dir erheben, die du so schön, so fein, so edel, so ohnegleichen unter den Frauen!« und er spielte ihr die Liebe ins Herz, daß sie erseufzte, ihre Brust sich hub und linde Tränen ihr Kissen netzten. Und er sah's, und seine Geige ward inniger und süßer, und sang von allen Wundern der schönen Welt, und der Liebe, der Wunder größtem; und seine Sehnsucht ward weich wie die flaumigen Schwingen des Traumes, und vor ihren Augen, die sie geschlossen hatte, leuchteten bei seinem Spiel goldige Abendhimmel über schimmernden Weihern, und die glühenden Abendwolken dehnten und zogen sich breiter und weiter, wurden loser und duftiger, und der Blick ins Licht ward tiefer, ward unendlich, und nahm ihre Seele hindann. Da war sie entschlummert, leise, leise verklang die Geige. Der Musikant sah sie ruhen, engelschön, sah ihr Unschuldgesicht und das Rot der Gesundheit auf ihren Wangen und das friedsame Atmen der jungen Brust; eine Träne rann über seine wetterbraune Wange in den Bart und leise, leise schlich er hinaus.
Draußen stunden der König, der Kanzler und der Leibarzt. Der König heftete ihm einen großen, funkelnden Orden an sein fleckig Wams und sprach: »Brav, brav, mein Sohn!« — »Wie steht's mit der Abrede?« fragte der Geiger barsch, den der Anblick der drei Würdenträger schnell der Erde wiedergegeben hatte, und der sich sagte, hier gilt's dein gutes Recht behaupten! Der König, dem zu Ohren gekommen, daß das Volk murre und schelte, weil er dem schlichten Geiger, der sich durch sein Spiel und sein männlich-würdiges Gebaren aller Herzen gewonnen hatte, sein Recht vorenthalten wolle, schob sich die Krone aufs eine Ohr, nahm eine Prise und sprach: »Wollen sehn, was sich machen läßt. Es kommt auf die Prinzessin an, Verehrtester! Im übrigen bleib ich euch in Gnaden gewogen.« Damit war er entlassen und schlug sich auf dem Schloßplatz drunten verdrossen durch die Menge des Volkes, das ihn umdrängte mit Fragen der Ungeduld: »Nun, wird's enden? Ist die Prinzessin gesund?« Er ging in das Haus des dicken Ratsherrn, der nicht dulden wollte, daß er im Gasthof wohne, und ihn zu sich geladen hatte, damit er ihm täglich die Ferkel tanzen lasse, setzte sich an den Tisch, stemmte beide Fäuste unter das Kinn und weinte herbe Tränen der Sehnsucht und des Zornes.
Derweile lag das Prinzeßlein in süßem Genesungsschlummer und träumte von dem stillen, schimmernden See und von dem rosigen Abendhimmel, in den sie in einem selig gleitenden Schifflein selbander gradhinein fuhr. Der andre war ein adliger Ritter in schimmernder Rüstung, der saß am Steuer, zu Handen eine Harfe, und sang eine Weise, die sie überirdisch schön deuchte, und er trug die ernsten Züge des armen Geigers. Da wachte sie auf, rief nach ihrer Kammerfrau: »Ich steh jetzt auf, es ist mir zu dumm, ich bin gesund wie nie.« Und sie ließ sich ankleiden und ging aus ihrem Gemach herfür schöner und klarer denn je, war freundlich und gütig gegen jedermann, dazwischen oft verträumt, aber jedermanns Freude und Wonne.
Am folgenden Tage stund Meister Spielmann wieder hoch und schlank und mannlich, mit trotzig gespreizten Beinen vor dem König und seinem ganzen Hofe und forderte seinen wohlverdienten Lohn. Drunten vorm Schlosse stund das Volk geschart und rief: »Gerechtigkeit! Wort halten!« Der König wandte sich verlegen an die Prinzessin und sprach: »Ei nun ja, ist alles ganz recht, doch wie dünket dich der Freier, mein Kind?«
Die Schöne sah hocherglühend den trotzigen Burschen in seinem Wams von Wegstaub grau, hörte das Murren der Menge, die sie zwingen wollte, und warf stolz das Haupt zurück: sie war doch schließlich eines Königs Tochter, und der da —! Je mehr sie fühlte, daß sie sich innerlich sein erwehren mußte, so abscheulicher schien ihr der Fiedelmann: »Was fragst du mich, Vater? Soll ich eines Landstreichers Gemahl sein?« stund auf und ging, ganz Hoffart und Prinzessin, zürnend hinaus. »Da haben wir's,« stöhnte der König. »Gottlob!« seufzte der Leibarzt. »Lächerlich!« nasrümpfte die Oberhofmeisterin. »Gerechtigkeit!« rief draußen das Volk. Doch nichts — sagte der Spielmann. Er hatte nur wieder tief erkannt, wie herrlich sie sei, und seufzte: »Was hab ich denn für sie getan? — Gebt mir ein Werk zu tun, König!« rief er laut — »ein Werk, das keiner wagt, auf daß ich erweise, ob ich ihrer würdig sei. Nicht nur in Rittern und Edelgeborenen lebt hoher Mut, sich ritterlicher Tat zu erkühnen!« — »Tut das, Majestät!« flüsterte der Kanzler, »dann kommt ihr des Narren los! Schickt ihn wohin, woher es keine Wiederkehr gibt.« — »Wohlan, wir wollen's erwägen,« sprach der König, und der Hof zog sich zurück. Die Prinzessin ward zur Beratung gezogen: »Tut, was euch gefällt!« sprach sie. »Ich will dankbar sein, so ihr mir den Schmutzkittel vom Halse schafft.«
Drei Aufgaben wurden dem Freier gestellt. Zum ersten sollte er drei Nächte in dem verwünschten Waldschlosse zubringen. »Ho,« lachte er im Herzen, »da sind wir ja schon zuhause!« verneigte sich und sprach: »Es sei.«
Am folgenden Tage machte er sich auf nach dem Walde, doch wie den Weg wiederfinden? Da hatte er den guten Einfall, sein Körbchen mit den drei Ferkeln mitzunehmen; die sprangen lustig heraus und trabten nun hurtig voran, und ehe er sich's versah, da er noch meinte, am Anfang seiner Wanderung zu sein, stund er schon vor dem Schlosse. Die drei schwarzen Schwäne auf dem Weiher huben die Köpfe und schlugen rauschend mit den Fittichen, gleich als freuten sie sich seiner Wiederkehr. Er schritt durch alle schwarzen Gemächer, hatte — solange hielt zum Glück die Warnung des Pelzkappenkobolds aus der Dorfschenke vor — hatte all der aufgespeicherten Schätze und Kleinodien weniger acht, als wenn's Kienäpfel wären, und fand im letzten Zimmer einen wohlbesetzten Tisch und ein bereitetes Ruhelager. Beides ließ er sich wohl behagen und legte sich, an Speis und Trank gesättigt, früh zu Bett; denn wer weiß, dachte er, was dir die Nacht Närrisches vorkommt; für alle Fälle hast du schon ein paar Stunden gesunden Schlafes weg.
Er ward denn auch um Mitternacht unsanft genug aufgeweckt. Die Tür sprang auf, und er sah im Mondschein, der weiß auf den Dielen lag, eine große Schlange ihre Ringe auf sein Lager zuwälzen; all sogleich lag sie neben ihm, und er fühlte schaudernd ihren kalten Kopf an seiner rechten Wange. Und gleich darauf ringelte sich ein zweites Ungetüm herein und schmiegte sich gleichermaßen von der Linken dicht an ihn. Eine dritte legte sich ihm mit der Last ihrer kalten Ringe über Brust und Hals, daß sie ihn wie ein Mühlstein drückte. Vor Grauen und Todesangst lag er starr und steif, bis nach einer Stunde Verlauf die drei Ungeheuer von ihm ließen und blitzschnell verschwanden. Da ward sein Herz froh, und er dachte: »Nun soll mir nichts mehr bange machen!« drehte sich aufs Ohr und schlief ganz prächtig, bis die Sonne ihn weckte.
Als er am Morgen, von seinem Tischleindeckdich wieder brav gespeist, in den Schloßhof kam, flogen die Schwäne sogleich auf ihn zu und taten gar freundlich mit ihm, und siehe da, sie waren nicht mehr am ganzen Leibe schwarz: Köpfe und Hälse leuchteten silberweiß. Er streichelte ihr weich Gefieder, und sie schauten ihn gar menschlich an, daß ihm ganz eigen ums Herz ward.
In der zweiten Nacht mußt' er nun freilich das gleiche Schrecknis wieder überstehen und tat's, obschon die Schlangen heut' noch atembenehmender auf ihm lasteten, schon mit getrosterem Herzen, wofür ihn dann am folgenden Morgen die Schwäne, die bis auf ein paar schwarze Schwanzfedern nun ganz weiß schimmerten, mit noch freudigerer Zärtlichkeit koseten. In der dritten Nacht vermeinte er zwar, jetzt drücke ihm die Last die Brust ein; doch eben da ein Schrei sich ihm entwinden wollte, tat es einen furchtbaren Ruck, als stürze der ganze Bau in Trümmer. Dann ward's still. Ihn aber übermannte eine tiefe Ohnmacht nach der Todesnot, die er gelitten, und die Sinne schwanden ihm.
Neugestärkt erwachte er, die Sonne lachte goldig auf sein Lager, er hörte mit Staunen draußen den Lärm eilender Füße und stürzte hinaus: da wimmelte es von Männern und Frauen, einem stattlichen Schloßgesinde, alle gar herrlich angetan, die stellten sich ehrerbietig auf und ließen durch ihre Reihen drei fürstliche, überaus schöne Jungfrauen schreiten. Die traten zu ihm, reichten ihm jede ihre Wange zum Kusse dar, die sammetweich und duftigkühl wie ein Rosenblatt war, und sprachen: »Dank dir, mannlicher Held! Du hast uns erlöst; wir waren die Schwäne und die Schlangen. Nun kehren wir heim zum Vater; das Schloß aber mit allen Schätzen drin ist dein.« Dann küßten sie ihn alle drei auf den Mund, setzten sich in einen herrlichen Wagen und fuhren holdseligen Grußes von dannen.

Unser glücklicher Konrad mußte wohl zu einem hohen Herrn geschaffen sein. Er fand sich merkwürdig leicht in die Würde des Schloßherrn und Gebietigers über ein stattlich Gefolge, versah sich mit fürstlichen Gewändern, ließ anspannen und fuhr bei seinem hartnäckigen Schwiegervater in allen Prächten vor. Dem leuchtete jetzt der Freier schon besser ein, und er drängte die Prinzessin: »Er hat sein Leben eingesetzt für dich, recht wie ein ritterlicher Held, kehrt nun wieder wie ein Prinz, hat ein Schloß und unermeßliche Schätze; was verlangst du mehr?«
Sie aber hatte nun ihr Herz in starrem Trotz verhärtet, da sie sah, wie ihm alles zum besten gedieh, und er nun so herrisch einhertrat. »Was Schätze!« rief sie heftig! »Er soll erst vom Kaiser von Marokko das Geld holen, das der uns seit zehn Jahren schuldet. Kann er das, so geb ich mich drein, anders nicht!« Damit eilte sie in ihre Kemenate, verschloß sich drinnen und weinte, weinte, daß ihr die Brust weh tat — warum, wußt' sie wohl selber kaum.
Der Freier aber hub stolz das Haupt, neigte sich und ging schweigend davon. Er fuhr zu seinem Schlosse zurück, versah sich reichlich mit Reisegeld und zog dem Meere zu. Seine Geige aber vergaß er nicht. Er hatte gelernt an sein Glück glauben, und dachte: »Du entgehst mir nicht, du Böse, du Trotzige, du Liebe, du Einzige!« und es war ihm verwunderlich, daß, wie einem von der Sonne Geblendeten die purpurnen Flecken über Gras und Hecken schweben und hüpfen, ihm immerfort das verschmitzte Antlitz des Pelzkappenkobolds aus der Bauernschenke vor den Augen tanzte, ihn mit den wasserhellen Augen anstierte und mit den großen weißen Zähnen recht spitzbübisch angrinste; auch lag ihm des Wichtes Lachen und Raunen unablässig im Ohr, so daß er unwillig den Kopf schüttelte wie ein Ackerpferd, das sich des schwärmenden Geziefers um seine spielenden Ohren nicht mehr erwehren kann.
Es hatte wohl auch allerlei zu bedeuten! Denn in einem Walde, den Konrad durchzog, entsetzte ihn ein Krachen und Rumoren, als wenn Bäume übereinanderstürzten, und alsbald traf er einen Kerl, der, die Tabakpfeife im linken Maulwinkel, gemächlich Bäume ausriß wie unsereins Rüben; die packte er zuhauf, drehte eine junge Eiche und band sie damit zusammen. So was sieht man denn doch nicht alle Tage, und unser Geiger erbat sich höflich Name und Stand dieses Burschen. »Wer werd ich denn sein?« lachte der und spuckte einmal aus. »Der Hans bin ich halt.« »Ach so, der Hans!« lachte der Geiger. »Guter Freund, es gibt der Hänse mehr auf der Welt! Welcher Hans?« — »Nun der,« lachte der Bursch und wuchtete seinen Riesenpacken auf die Schultern, »der sieben Jahre an seiner Mutter Brust gelegen und dann sieben Jahr Löwenmilch getrunken.« — »Aha! Darum auch! Nun sag mal, Hans, kommst du wohl mit mir in die weite Welt? Ich geb dir Kost und guten Lohn. So einen Kerl wie dich such ich grade.« — »Warum nicht!« sprach Hans. »Muß nur schnell meiner Mutter das Reisigbündel heimbringen; sie hat Wäsche! Bin gleich wieder da!« Und er hielt Wort. Da grinste dem Spielmann vor den Augen wieder wie ein hüpfender Nebelfleck das Spitzbubengesicht des Pelzkappenmännleins; doch wenn er genau zusah, war nichts da.
Selbander zog er fürbaß und sah plötzlich von einer luftigen Höhe herab siebenundsiebzig Windmühlen hurtig die Flügel drehn. »Hans, was sagst du zu dem schnurrigen Ding? Spürst du einen Wind, der die Mühlen triebe?« — »Keinen Hauch, Herr, die Mücken tanzen.« Da trafen sie auf der andern Seite der Höhe einen närrischen Kumpan, der hielt sich ein Nasloch zu und blies mit dem andern, was hast du, was kannst du. »Was treibst denn du da?« fragten die beiden. »Die Windmühlen, wie ihr seht.« — »Warum nimmst du denn nicht beide Naslöcher?« fragte Hans. »Da tät nicht viel von den Mühlen übrig bleiben.« »Auch eine Profession,« dachte Konrad; »aber der Blasius könnt' mir frommen!« und ward kurzerhand mit ihm handelseins — und wieder spukte das närrische Nebelbild!
Selbdritt wanderte er fröhlichen Mutes weiter und atmete schon erquickt den Salzhauch der nahen See. Da sprang auf einer Waldwiese ein Rudel Rehe und Hasen übereinander und dazwischen ein langbeiniger Kerl, der sichtlich eins fangen wollte, aber stets über die Tiere hinwegsprang, so rasch, daß man seine Gestalt nur wie einen Schatten huschen sah. »Rackerzeug!« schimpfte er, »kann doch keins erwischen, kriechen ja wie die Schnecken!« — »Du bist mein Mann,« dachte Konrad, »was meinst du, Kobold?« und er sah das Gesicht lachen und nicken. Der Läufer aber ging mit Freuden zur See hinab, wo sie sogleich ein Schiff antrafen, das nach dem Kaiserreich Marokko fuhr. Bald lag ein starker Wind in den Segeln, und unser Freund, der nun dreien ganz ausbündigen Gesellen gebot, rieb sich die Hände und schmunzelte: »Mir kann's nicht fehlen!« und spielte jeden Abend gar fröhliche und minnige Weisen.
Der Kaiser von Marokko saß just bei der Tafel, da der Fiedler ihm sein Gewerbe vortrug, und war wohl etwas betrunken. Er lachte greulich albern, als hätte der Sendling einen riesenhaften Witz gemacht, strich sich dann den rabenschwarzen Bart, kniff das linke Auge ein und zog die schwarze rechte Braue erschrecklich hoch, wodurch das ganze braune Gesicht in die Kreuz und Quer verschoben ward und pudelnärrisch aussah, und grinste: »Sitzt wohl arg in der Klemme, dein dicker König, he? daß er's so nötig hat, der arme Schlucker? Nun, meinetwegen, man muß der Armut auch was gönnen; laß dir vom Schatzmeister meine Kammern aufschließen und sack dir in drei Teufels Namen soviel auf, als ein Mann schleppen kann!« Da lachte der ganze Hofstaat über den witzigen Kaiser. Der Geiger aber dachte: »Wart, du Großmaul, du sollst dich umschaun: Der eine Mann soll nun Hänschen sein!« Ließ eine Kiste zimmern, so groß wie ein Haus, und Hans packte einen ganzen Tag vom Morgen zum Abend daran. Der marokkanische Schatzmeister aber hielt sich den Bauch vor Lachen über den verrückten Kerl, der die endlosen Kasten von Gold, Silber und edlem Gestein aus einem Haus ins andre verlud. Das Lachen verging ihm aber, da Hans das zweite, das hölzerne Haus mit leichtem Wupdich auf die Schultern schwang und damit lostrabte. Der Läufer war mit einem Satze schon zum Hafen vorausgeeilt, das Schiff bemannt und klar die Anker. Da watete Hänschen, der soeben das Stadttor, durch das er mit seinem Hause nicht durchgekommen war, fein säuberlich zusammengetreten hatte, mit seiner Riesenkiste durchs Wasser und stellte sie quer über Deck, daß das ganze Schiff erschreckend tief sank und im Sande festsaß. Gab ihm der Hans einen Tritt, daß es flott ward, und heidi, saß er mit oben, die Anker rasselten hoch, der Wind wehte vom Lande her kräftig in die Segel und das Schiff gewann die hohe See.
Jetzt hatte man sich aber am Hofe des Kaisers von der ersten Verblüffung erholt, und nur kurze Zeit stund's an, da sah der Geiger eine mächtige marokkanische Flotte hinter ihnen dreinjagen. »Jetzt sei Gott uns gnädig,« sprach er, »sonst geht's zuguterletzt doch noch schief und uns allen an den Kragen.« »Lächerlich!« sprach Blasius, kletterte aufs Heck, auf die Riesenkiste, dort setzte er sich gemütlich auf den hinteren Rand, ließ die Beine baumeln und trommelte in heiterer Erwartung mit den Fersen gegen die Holzwand. Da kam die Flotte näher, man hörte das wilde Geschrei, sah die braunen Gesichter unter den weißen Turbanen und sah die krummen Klingen, die Lanzen und Schilde blitzen. »Achtung!« sprach Blasius und, hast du nicht gesehn, schnob er aus beiden Naslöchern zugleich der feindlichen Flotte einen solchen Sturm entgegen, daß alles auseinanderflog, die Schiffe umschlugen und Mann und Maus ersaufen mußten.
Zehn Tage danach war's, da fuhren mit knarrenden Achsen zwanzig Lastwagen vors Schloß des Königs; die Prinzessin stund am Fenster und erschrak. Sie kam sich vor wie's Mäuslein in der Falle und wußt' garnicht, daß sie sich heimlich, ganz heimlich sehnte, von dem Schwerenots-Geiger, der alles durchsetzte, eingefangen zu werden. Der König, der reichen Schätze froh, verstund nun keinen Spaß mehr: »Morgen ist Hochzeit, Punktum! Streusand!« rief er und warf die Tür zu.
Noch eine letzte Ausflucht ersann die Prinzessin: »Ich will zufrieden sein, so er mir zum Hochzeitsbraten drei Rehe schafft, die nicht geschossen, nicht geschlagen, noch von Hunden gebissen sind.« Das hatte der Leibarzt geraten, der dem Geiger gar nicht grün war. Der König wütete: »Eigensinn und kein Ende! Da wird nichts draus!« Doch der Geiger neigte sich dem Königskind und sprach spöttisch: »Ist auch recht!« Im Geheimen dacht er: Das ist ein Stücklein für meinen Springfuß! Der zog mit dem Bläser zu Holze, dieser mußte das Wild zu Tausenden aus dem Walde pusten, der Läufer sprang den Rehen nach und fing sie einzeln, Hans steckte sie dann alle in einen riesigen Sack. Am Abend ließ dann der König auf des Geigers Geheiß die Straßen vorm Schlosse absperren, Hans tat seinen Sack auf, da liefen an achthundert Rehe über den Schloßplatz, und der Geiger rief zur Prinzessin hinauf: »Wählt euch drei zum Hochzeitsbraten.« Da gab sie sich drein.

Am Abend noch ward das Verlöbnis begangen, und als der Geiger von seiner Braut durch die mondhelle Stadt des Nachts nach seinem Losament zog, da hörte er einen Dudelsack. Trieb da ein kurioser alter Kerl, eine Pelzkappe auf dem einen Ohr, drei tanzende und quiekende Schweinchen vor sich her — der Musikant traute seinen Augen nicht. Da schwenkte er die Mütze und warf die Beine hoch: »Fahrwohl, Geigerlein, ich wandre heim! findest wohl jetzt allein deines Weges weiter!« Der wollte ihm nacheilen und ihm von ganzem Herzen danken, da war der Kobold verschwunden, als hätt' ihn samt seinen drei Ferkeln der Mond eingeschluckt. Aus weiter Ferne noch klang's wie ein Dudelsack. Tags darauf war Hochzeit. Wie erschrak aber die Prinzessin, als ihr Bräutigam, der, seit er Schloßherr worden, stets in fürstlichen Gewändern stolzierte, ihr den Arm bot, sie in den Dom zu führen: Er trug sein schäbiges Spielmannswams, die Geige auf dem Rücken, das fleckige, zerdrückte Käppel mit dem Orden für Kunst und Wissenschaft auf dem Kopfe! So hatte der stolze Hochzeiter sich's ausgedacht, ihre Hoffart und ihren Trotz zu beugen. Da er sie aber fest aus seinen Augen anblickte, legte sie getrost ihren Arm in den seinen, der König aber lachte vor sich hin und brummte: »Geschieht ihr schon recht.« Da wurden sie Mann und Frau, und der Geiger ward nach kurzer Frist, da der König bald keinen Orden mehr für ihn hatte, zum Vizekönig ernannt, und alle waren zufrieden, der Hof, und das Volk; am meisten aber die schöne Frau Vizekönigin.
