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Von den Gärten der Erde

Der verwunschene Garten

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Ein Chaos verschütteter Schönheiten. Alle blühenden Möglichkeiten erstickt, alle Lebenstriebe irren im wirrem Wust ohne Lust und Freude wild umher, ohne zu dem Frieden eines Zieles hinzufinden.

Der Sommer zwar feiert eben seine Feste in dem Garten und zündet auf Baum und Strauch das Licht der Blüten an. Er wirft mit Farben um sich und schüttet das Gold und Silber seines Lichtes über Dickichte und Wege, tanzt mit Schatten und Düften seinen schwingenden Reigen und gießt alle Fülle seiner Hände darüber hin.

Aber keine Antwort kommt ihm. Keine Freude fliegt ihm entgegen. Einsamkeit und Schweigen liegt in lastender Schwere über dem Garten. Keines Menschen Herz pocht hier in seligem Erwachen. Kein freudetrunkener Schritt wandelt zwischen den Wegen, kein jubelndes Auge nimmt alle Fülle in Besitz.

Das Maß aller Dinge, der Mensch, ist hier ausgeschaltet, und so wandelt sich alle Herrlichkeit und alle Lust, alles Blühen und Werden umher zu wirrem, wucherndem Überfluß und Durcheinander, zu taumelnden Orgien schwelgenden Überflusses, in denen sich alle Triebe und Lüste des Lebensdranges in heißen Fieberrhythmen zusammen knäulen und zu krankhafter Wildheit entarten.

Noch sieht man den Plan, der diesem Garten einst die Wege zur Schönheit vorschrieb.

Aber das Haus auf der Höhe, von den starken Linien der Rampen und Treppen vornehm umrissen, liegt wie von zu langem vergeblichem Warten müde geworden, stumm und teilnahmslos auf der Terrasse. Alle seine Augen sind fest geschlossen, und eine bange Stille, wie von schweren Träumen erfüllt, schwebt feindlich und abweisend zwischen dem toten Hause und dem von geil gewordenem Leben verwilderten Garten.

Und doch war dies alles, diese unendliche Weite des Parkes, diese herrliche Linienpracht des Hauses aus dem Gedanken des Glücks gewachsen.

Dem Willen zum Leben sollte es ein Altar werden, auf dem die Dankopfer der Freude durch Tage und Nächte hinauflodern sollten. –

Wie war es doch so anders geworden.

Wo weilen die, denen dies vornehme Heim die Brücke zu allen sieben Seligkeiten der Erde hatte werden sollen?

O über die traurigen Möglichkeiten des wandelbaren Menschenherzens!

Kann eine Liebe sterben, die wie eine rotglühende Sonne über den Herzen stand; kann eine Treue schwinden, die wie eherne Ketten Seelen zu binden schien?

Arme Menschenerde, die du unter dem Fluch aller Wandelbarkeiten stehst.

Ja, Liebe kann sterben.

Und Treue kann schwinden.

Und das Menschenherz kann brechen an seinem tiefen Weh. –

So brach auch hier ein Herz, da das andere sich von ihm löste, das andere, das es sein eigen glaubte. Denn doppelt schwer fiel der Schlag, da beider Füße schon auf der heiligen Schwelle standen, die zum Tempel der Zukunft führte.

Der Verräter ging zu neuen Wegen.

Das getroffene Herz welkte und starb.

Und das Haus, das in allen seinen Winkeln schon alle Bilder ihres kommenden Glückes getragen, von aller Schwere und Süße kommender Ahnungen bis zum Rande erfüllt war, mit den beiden in alle schwingenden Fernen seliger Hoffnungen geschaut hatte – dieses plötzlich so arm und leer gewordene Haus schloß seine Augen. Müde und blind und taub steht es seitdem mitten in dem verfallenen Königreich einer gestorbenen Liebe.

Und der Garten, der voll war von den Geheimnissen dieser Liebe, der die Schwüre ihrer Herzen hörte und die Melodien ihres rauschenden Blutes mitgesungen, dessen Licht und Schatten ihres träumenden Lächeln und die glühenden Küsse ihrer heiligen Berauschungen getrunken, er brannte lichterloh in dem Feuer des schäumenden Lebens, an dem die beiden zu neuen Welten wachsen wollten. –

Das heilige Feuer erlosch.

Und mit ihm alle heilige Schönheit.

Und so häuft sich hier nur Leben auf Leben, die den ruhelosen Weiten dieses verwunschenen Raumes die Gluten vieler Sommer bringen. Brunst auf Brunst wirft sich über seine nutzlosen Fruchtbarkeiten. Schönheit und Fülle stürzen übereinander, ringen miteinander, um die immer enger werdenden Wege und Winkel. Leben geht über Leben hin, wuchert und ringt, stürzt und fällt, steht wieder auf und würgt alles Schwache, das ihm kaum noch widersteht. Feuer entzündet sich an Feuer, ewiger Samen zeugt wildes Blühen, und fallende Früchte durchlohen die Erde mit endlosen Zeugungskräften.

So brausend und bebend von allen Heimlichkeiten roh gewordener Lebenstriebe, liegt der Garten in sonnenheißen Sommergluten.

Aber all das brünstige Glühen und Blühen darin ist ohne jeden Sinn und Ziel. Es muß ersticken an sich selbst, sich auflösen in sich selbst und zur Sinnlosigkeit des Chaos zurückkehren, da kein Wille der Liebe ihm die Wege zur reinen Schönheit weist.

Denn der Sinn alles Lebens wird immerfort durch den starken Willen der Liebe aus der Finsternis des Chaos zur Wirklichkeit der Schönheit erlöst, deren tiefstes Geheimnis die Gesetze der Form und Ordnung sind. Ohne diesen Willen der Liebe stirbt alles Leben an sich selbst, verfängt sich in die Hemmungslosigkeit seiner Urfülle, an der Ziellosigkeit seiner Wege, an der Brunst seines triebhaften Dranges.

Die Liebe aber heiliget alles Leben.

Ohne sie verbleibt es ein verwunschenes Chaos ohne Sinn und Ziel.

So mußte dieser Garten verderben, da er keine Liebe mehr über sich fand, die seinem Leben einen Willen gab und seiner Schönheit Fülle an das Maß der Ordnung band.

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