Der seltsame Garten (Münchener Hofgarten)
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Dieser Garten liegt nicht unter denen, die ich euch zeigte. Draußen, mitten in einer großen schönen Stadt ist er zu finden.
Viele Menschen kennen ihn.
Wenn sie hören, was ich von ihm weiß, erkennen sie ihn gewiß.
Er ist die Seele der Stadt.
Und von einer seltsamen Lockung gezogen, strömen Tag um Tag die Scharen der Menschen zu ihm hin.
Er ist nie leer und einsam.
Immer geben pochende Herzen Antwort auf die Geheimnisse, die unter seiner vornehmen Stille ruhen.
Es ist ein Garten.
Und doch keiner.
Klar und übersichtlich sind seine gradlinigen Wege.
Nirgends jene stillen, heimlichen Winkel und dichtlaubigen Verborgenheiten, die eigentlich zu einem Garten gehören.
Die gerade Linie, das Viereck ist sein Symbol.
Und doch wirkt er seltsam bezaubernd.
Wie auf einer Insel der Seligen ruhen hier die Menschen unter dem Schatten des frühlingsduftenden Grüns.
Hier und da ein grelles Blumenbeet mitten im leuchtenden Rasen, dessen weites Rund das Symbol der geraden Linie noch deutlicher macht.
Von früh bis spät wird der Garten nicht leer.
Dort wo unter dem üppigem dichten Gehänge blühender Kastanien unendliche Reihen von Stühlen und Tischen zu Traum und Umschau laden, wird es nicht leer von Kommen und Gehen.
Wie unter einem Bann sitzen sie alle da, die Müden, die Stillen, die Lauten und Ungestümen.
Wie ein hypnotisches Fluidum steht die sonnendurchgoldete grüne Laubdämmerung über ihnen und deckt alle Unruhe und Unrast, alles Suchende und Gequälte, jede Not und jede Sehnsucht, die an dieses goldene Ufer landet mit einer weichen Wolke sanfter Vergessenheit zu. Aufgelöst zu sich selbst, erlöst von sich selbst, losgelöst von Raum und Ding, versinkt Denken und Wollen in dem grüngoldenen Licht, in einer verklingenden Zeitlosigkeit, die Traum und Wirklichkeit – Ferne und Nähe – Jetzt und Dann – dich und die andern in einen Rausch seltsamer Entrücktheit mischt.
Wie ewige Jugend liegt es über diesen Menschen. –
Jugend, die Glut ist und Licht und alle Seligkeit entzündet, die an den tiefen Seen der Seele blüht.
Jugend, die alle Schatten und Finsternisse überwindet, die neben aller Schönheit ihrer Stunde warten.
So im Traum und Rausch versonnen und versponnen sitzen die Menschen Tag um Tag in diesem seltsamen Garten.
Wie auf einer Insel der Seligen.
Draußen ganz dicht und nahe brausen die Wellen der fiebernden Großstadt. Dröhnen die Schläge der Glocken, die Stunde von Stunde scheiden. Rennt, jagt, fährt und saust jedes Tempo jeder möglichen Bewegung, ist die Luft erfüllt von Ziel und Zweck.
Zu den Gestaden dieses seligen Gartens aber dringt nichts davon herein, ob er gleich nur durch weit offene Tore vom Bilde der Straße sich trennt.
Hier ist Vergessenheit und Stille.
Hunderte von Menschen und dennoch kein Lärm.
Träume wandeln auf allen Wegen.
Und die Wellen jeder Sehnsucht brechen sich an den Ufern dieses Meeres von Einsamkeit und Ferne.
Alle Wirklichkeit spricht hier eine neue Sprache. Der große Schwung der Linien, die diesen Garten umgrenzen, scheinen abgelöst von den andern Bauten umher, wie die architektonische Idee an sich im Raume zu stehen.
Das Leuchten der Blüten im schimmernden Rasengrün ist eine Symphonie von Licht und Farbe.
Und die Rhythmen der Musik, die der Mitte des Gartens entstrahlen, sind die tönenden Stimmen all der Sehnsucht, die aus den pochenden Blutwellen der träumenden Herzen umher auf- und niederfluten. –
Und daß dort auf dem breiten Baumgang unter hängendem Goldgrün geräuschlos und ohne jeden Prunk eben ein König über die stillen Wege fährt und mit milder Güte auf all diese bunte Menge blickt – das gehört so ganz zu dem Traumbilde dieses seltsamen Gartens, daß es von niemanden als etwas Besonderes empfunden wird.
Wenige gibt es, die diesen Garten nicht kennen.
Und keiner, der ihn kennt und ihn nicht liebte.
Diesen seltsamen Garten, der aus geraden Linien und hellen geheimnislosen Quadraten eine mystische Perspektive schafft, die aus den Elementen der Stille, des Rausches, der Verlorenheit des Traumes und den schäumenden Wellen der Sehnsucht sich aufbaut zu etwas tief Unvergeßlichem dem, der es mit der Seele schaut.