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Visionen

Oskar Panizza

Reading edition

Leipzig

Verlag von Wilhelm Friedrich.

1893.

Dem Andenken Ernst Theodor Amadeus Hoffmann's.

Inhalt

Die Kirche von Zinsblech Eine Negergeschichte Ein Criminelles Geschlecht Der Corsetten-Fritz Indianer-Gedanken Ein scandalöser Fall Der operirte Jud' Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit Der Goldregen Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin

Die Kirche von Zinsblech

"Sind angenehm in Leibkleidern als nackend, doch tödtliche Farbe, gehen zertheilt an beiden Orten den Platz hinauf, lassen sich bloß sehen als ob sie erscheinen, ungeredet, und gehen alsdann wieder hinab in das Grab."— LuzernerOsterspiel, Todtenauferstehung.

Auf einer meiner einsamen Wanderungen durch Tyrol hatte ich mich eines Abends vergangen. In Folge eines am Nachmittag schief gestandenen Wegweisers fand ich mich bei längst eingetretener Dunkelheit noch mitten im Walde, während ich bei untergehender Sonne längst am Orte meines Ziels hätte eintreffen sollen. Ich kam zwar endlich in ein Dorf, welches ich aber weder in dieser Gegend vermuthete, noch, soviel ich mich erinnerte, auf einer meiner Karten verzeichnet stand. Es mochte jetzt gegen elf Uhr Nachts sein. Alle Hausthüren waren verschlossen; die Fensterscheiben schwarz. Aus Besorgniß um ein Nachtquartier klopfte ich an eine derselben, deren bleiernschepperndes Geräusch die Worte "Zinsblech! Zinsblech!" vernehmen ließ. Dies war aber nur der Laut auf den kleinen runden Scheiben mit Bleieinfassung; die größeren Scheiben, an die ich klopfte, um Einlaß zu erhalten, tönten "Pinzgau! Pinzgau!" Nirgends die Antwort einer menschlichen Stimme. Nach wenigen Schritten stieß ich auf die Ortstafel, wo das einzige Licht im Dorf zu brennen schien, bei dessen Schein es mir gelang auf derselben zu lesen: "Gemeinde Zinsblech; Landgericht Pinzgau". Es folgten noch einige Bemerkungen bezüglich Aushebungsbezirk, Steuereinziehung u.s.w. und am Schlusse hieß es: "Das Orts-Geschenk wird im Haus Nr. 666 gereicht."—Nachdem ich mit meinem Geklopfe "Zinsblech!—Pinzgau!" mehrere, gänzlich menschenleere Straßen durchwandert hatte, wobei mir das Unglück passirte eine Scheibe einzuschlagen, die auf diesen Mord ihres eigenen Ichs mit dem gläsernen Sterbeseufzer "Grinzsau!" antwortete, kam ich an die Kirche. Ein großes, hochaufsteigendes Gebäude im nüchtern-romanischen Stil mit wuchtigen Formen; außen rohbemörtelt; das Dach von Schiefer; am Ende ein hoher Thurm mit in Zacken aufsitzendem Thurmhelm, dessen sich verjüngende Spitze ein goldenes Kreuz, und auf dem Kreuz einen Hahn trug. Merkwürdigerweise stand die Kirchenthür, die mit Schweinfurter Grün angestrichen war, sperrangelweit offen. Ich trat ein und ging, nachdem ich in unglücklicher Richtung an den kupfernen Weihkessel angestoßen war, der mit dem schilpend-abgewetzten Laut "Prinzfrech!" antwortete, vorsichtig durch die Kirchenstühle auf den Altar zu. Vor dem Altar lag eine dicke, wollige Plüschdecke. Alles war mäuschenstill. Ich war so ermüdet, daß ich mich versuchsweise hinlegte.—

Obwohl es beim Eintritt ganz dunkel war, konnte ich doch schon nach kurzer Zeit allgemeine Umrisse, Nischen und Vorsprünge unterscheiden. Die Altäre waren geschmückt mit den in Landkirchen üblichen, eingerahmten Tablettes, auf denen lateinische Sprüche stehen, mit versilberten Leuchtern, Klingelspiel, alles in einfachster, wenig kostspieliger Form; auf Sockeln an der blanken, weißgetünchten Wand herum standen einige Apostel, Märtyrer und Ortsheilige mit ihren stereotypen Werkzeugen und Symbolen in der Hand. Gesichter, Haltung und Gewandung in jener übertrieben brünstigen und pathetischen Darstellungsweise, wie sie das Spät-Rokoko um die Mitte dieses Jahrhunderts bis in die letzte Dorfkirche brachte. Rechts von dem langen Fenster, auf das mein Blick unwillkürlich vor dem Einschlafen gerichtet war, stand ein Petrus mit einem scharf zur Seite gewandten, vollbärtigen Kopfe, in dessen eigenthümlich grinzenden Zügen sich halb Stolz, halb Verschmitztheit ausdrückte; halb, schien es, blickte er auf den auf der anderen Fensterseite stehenden Jeremias, der traurig und verlegen seine Papier-Rolle gesenkt hielt, halb zum Fenster hinaus, seinen großen, schwarzen Schlüssel krampfhaft in das Mondlicht haltend, das scharf am Rand des Kirchendachs herabgleitend, langsam durch das linke Seitenschiff der Kirche strich.—Mit diesem Bild schlief ich ein.—

Wie lange ich geschlafen, kann ich nicht sagen; ich erhielt nur plötzlich einen Stoß in die Seite, wie von einem harten Gegenstand, und erwachend bemerkte ich vor mir einen Mann in einem langen, rothen Gewand, und unter dem Arm ein großes, schiefes Holzkreuz; dieses Holzkreuz war an mich angestoßen. Der Mann kümmerte sich um mich gar nicht, sondern schritt ernst und gemessen dem Altare zu. Und nun erkannte ich, daß er nur Einer unter Vielen war, die in einer langen Reihe geordnet aus den Kirchenstühlen herauskamen in der Richtung zum Altar. Die ganze Kirche war taghell und prächtig erleuchtet. Auf allen Altären brannten Kerzen. Vom Chor herab tönte ein langsameinschläferndes Gesumse der Orgel. Weihrauch und Kerzendampf lagerten sich in festen, bleigrauen Schwaden zwischen die weißgetünchten Pfeiler und die Wölbung. In dem Zug der geheimnißvoll dahinschleichenden Menschen bemerkte ich eine Menge seltsamer Gestalten. Da ging an der Spitze eine junge, prächtige Frau in einem blauen, sternbesäten Kleid, die Brüste offen, die linke halb entblößt; und durch Brust und Kleid hindurch ging ein Schwert, so, daß das Kleid gerade noch getroffen war, als sollte das Kleid dadurch empor gehalten werden. Sie blickte fortwährend mit einem verzückten Lächeln an die weiße, kalkige Decke empor, und hielt die Arme in brünstiger Geberde über die Brust gekreuzt, so daß es den Eindruck gewann, als jubilire sie innerlich über einen Gedanken (wobei ich nochmals bemerke, daß das Schwert links, bei der linken Armbeuge, bis zum Heft fest darinsaß). Dies war die vorderste Person. Aus der hinter ihr folgenden Reihe fielen Manche durch ihre wunderliche Tracht auf. Die Meisten hatten bestimmte Werkzeuge in der Hand. Der Eine eine Säge; der Andere ein Kreuz; der Dritte einen Schlüssel; der Vierte ein Buch; Einer gar einen Adler; und ein Anderer trug ein Lamm auf dem Arme mit herum. Niemand wunderte sich über den Andern. Keiner sprach mit dem Andern. Aus dem Schiff der Kirche führten drei Stufen zu der erhöhten Estrade, wo der Altar stand. Jeder wartete mit seinem in bestimmter Haltung getragenen Werkzeug, bis der Vordere die drei Stufen droben war, um nicht mit ihm zusammenzustoßen. Was mich am meisten wunderte: Niemand wunderte sich über mich. Ich blieb völlig unbemerkt. Und selbst der Mann, der mit seinem schiefbalkigen Kreuz an mich angestoßen war, schien davon nichts bemerkt zu haben. Eine zweite weibliche Person fiel mir durch ihre pathetische Haltung im Zuge auf: eine blonde Frau, nicht mehr jung, mit hübschen aber verwitterten, abgelebten Zügen. Sie trug ein ganz weißes Kleid, ohne Falbe oder Borde; in der Mitte mit einem Strick gebunden. Dieser Strick war aber vergoldet; die Brüste vollständig entblößt. Doch schaute Niemand auf diese üppig quellenden Brüste hin. Reiche, blonde Flechten, vollständig aufgelöst, wallten den ganzen Rücken hinab. Sie trug den Kopf tief auf die Brust gesunken, und schaute verzweifelt auf ihre, nicht wie gewöhnlich gefalteten, sondern nach auswärts umgeknickten Hände (wie es auf dem Theater Verzweifelnde machen); Thränen perlten fortwährend von ihren Wimpern, fielen von da direct auf ihre Brüste, von da auf das Kleid und auch noch auf die stellenweise unter dem Kleid hervorkommenden Füße.—Es wäre unmöglich Alle die aufzuzählen, die hier so still und selbstverständlich, wie zu einer regelmäßigen Uebung, da hinauf wanderten; aber der Mensch mit der verkniffenen Fratze, der anfangs seinen Schlüssel so energisch in das Mondlicht hielt und den ich vor dem Einschlafen unwillkürlich noch auf dem Postament betrachtet hatte, war auch dabei.—Trotz des eintönigen Orgelspiels war mir seit dem Erwachen ein eigenthümliches, zischelndes Geräusch hinter meinem Rücken am Altar nicht entgangen. Ich blickte jetzt um und bemerkte dort einen hochaufgeschossenen, ganz weiß gekleideten Menschen, der fortwährend in den an ihm vorbeiwandernden, theilweise vor ihm haltmachenden Zug hineinflüsterte: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" Es war eine unsäglich feine Figur: schlank, gracile Glieder, geistvolles Profil, griechische Nase, dunkle, glattgescheitelte Lockenwellen fielen über Schläfe, Ohr und Nacken; ein durchsichtiger, jünglinghafter Flaum um Kinn und Lippen. Nur bemerkte ich an seinen Händen Blut. Er stand am äußersten linken Ende des Altars und schob den je zu zwei vor ihm stillstehenden und auf einem rothen Schemel knieenden Menschen aus dem Zug ein rundes, weiß angestrichenes Stück in den Mund, daß diese unter brünstigem Augen-Aufschlag an die Decke blickten, und flüsterte immer zu: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" und "Nähmet hin und ässet!" prallte es von den halbkugelförmigen Hohlwänden hinter dem Altar zurück. So weit war Alles gut. Auffallend war mir zwar, woher dieser Mensch die weißen runden Stücke brachte. Er langte wohl fortwährend in den Brustlatz seines Gewandes hinein; dort konnte aber ein Vorrath, eine Tasche u. dergl. von den weißen Münzen unmöglich sein; einmal, weil dieses Austheilen ewig fortging und kein Ende nahm; ferner ein Unterkleid, wie man deutlich sehen konnte, nicht da war; und schließlich die Dünnbrüstigkeit dieses abgehärmten Menschen eine so excessive war, daß, was sich im Profil darbot, nothwendig dem Körper selbst angehören mußte. Auch bewegte er die feine, höchst schlank gebaute Hand so tief nach innen, daß für mich, so weit meine allerdings der Täuschung fähigen Sinne in Betracht kamen, kein Zweifel bestand, daß er die kreidigen Zwölf-Kreuzerstücke aus seinem Körper selbst brachte.—Ich sagte, so weit war Alles gut: Die Leute, die Frau mit dem Schwert in der Brust voraus, marschirten hinter dem Altar herum, um auf der rechten Seite wieder zu ihren Plätzen in den Kirchenbänken zurückzukehren. Aber was war denn auf dieser rechten Seite?—Dort stand ein analoger Mensch,—mehr ein mythologischer Zwitter als ein Mensch,—in einem schwarzen, protestantischen Predigertalar, vorn am Hals die viereckigen, weißen Tablettes oder Bäffchen, hinter denen ein schwarz behaarter Hals zum Vorschein kam; hinten am Gesäß theilte sich das Predigerkleid, und ein schwarzer, affenartiger Wickelschwanz rollte sich dort heraus von so respectabler Länge, daß er, die Breite des Altars überspannend, mit dem Rücken des auf der linken Seite amtirenden weißen Menschen in stete Berührung kam. Unten guckten zwei hufartige Füße heraus, und oben, am Predigerhals saß ein Kopf, dessen wilder Haarwuchs verbunden mit einem gelben Kolorit, eingefurchten, denkfaltigen Zügen, und einer stumpfigen Nase einem deutschen Professoren-Gesicht an Häßlichkeit wenig nachgab. Eine goldene Brille complettirte diese aus Aerger, Bitterkeit und Ekel zusammengesetzte Physiognomie.—Eigenthümlich war es, daß er fast pendelartig dieselben Bewegungen und Gesten machte, wie sein weißes Vis-à-vis,—oder Rück'-gegen Rücken—auf der andern Altarseite.—Er hielt einen schwarzen Becher in der Hand, aus dem er seiner ähnlich wie drüben vorbei-paradirenden Gesellschaft zu trinken gab. Dabei rief er in einem heiseren, grölenden Ton der jedesmal vor ihm knieenden Person zu "Nehmet hin und trinket!" Und jedesmal führte er den Becher hinter sich herum, am Gesäß vorbei, um ihn dann der nächsten Person an die Lippen zu setzen. Was war nun aber das für eine Gesellschaft auf dieser rechten Seite? Eine merkwürdige und ganz anders geartete als drüben! Da war ganz vorne ein Mensch mit einer langen Nase und zurückweichendem Kinn, einen Dreimaster am Kopfe, den ausgemergelten Körper in eine französische Uniform gesteckt à la Louis XV., mit zurückgeschlagenen rothen Rockflügeln, einen Degen zur Seite, in der rechten Hand einen Krückstock, und zu allem Ueberfluß noch unter'm linken Arm eine Flöte; er hielt den Kopf immer schief und sah sehr ausdrucksvoll drein, und schien genau zu wissen, was er that.—Da war ferner ein feiner, eleganter Kerl in spanischem Kostüm, Tricots bis fast an die Lende, Pluderhosen, gestepptes, panzerartiges Wams, darüber einen goldbordirten kurzen Mantel à la Philipp II., Schnallenschuhe, Sammthut mit Straußenfeder; das Gesicht gealtert, aber noch leichtfertig aufgelegt; einen gezückten, blanken Degen in der Rechten tänzelte er, die Champagner-Arie aus Mozart trällernd, die drei Stufen zum Altar hinauf, mit Wohlwollen auf die Ceremonien des schwarzgeschwänzten Predigers sich vorbereitend. Unter den Frauenzimmern bemerkte ich eine in einem weißen, griechischen Gewand mit goldener Falbel, die Arme nackt und mit goldenen Spangen, die Brüste verführerisch halb entblößt; auf dem blonden feingeschnittenen Haupt ein Königsdiadem, und unter dem Arm eine Lyra; mit ihren fröhlichen, fast ausgelassenen Manieren bildete sie einen wirksamen Gegensatz zu der blonden, schluchzenden Frau auf der andern Seite.—Es waren noch manche wunderbare, wie es schien, aus allen Gegenden und Zeiten zusammengewürfelte Gesellen da. Da war einer in einem langen, dunkeln, schleppenden Magister-Gewand, Barett auf dem ernsten Gesicht, eine düstre, grübelnde Scholastenmiene, unter dem Arm ein geheimnißvolles Buch mit böhmischen Lettern, der mit zu Boden gewandtem Blick schweigend in der Reihe einherging. Gleich hinter ihm ging ein junges Mädchen mit mildem, weichem Gesichtsausdruck, die einen abgehauenen, bärtigen Kopf auf einer Schüssel trug. Der Kopf schien der eines Denkers zu sein; das Mädchen lächelte und schien mit einem heitern Gedanken beschäftigt zu sein. Aber weitaus die prominenteste Figur in dem ganzen Zug war ein untersetzter, starkknochiger Mann mit rundem glattrasirtem Gesicht und Stiernacken im schwarzen Predigergewand, (dasselbe Predigergewand, welches der geschwänzte Mensch rechts am Altar trug,) der mit emporgeworfenem Kopf und selbstbewußter Miene einherging, unter dem linken Arm eine Bibel, unter dem rechten eine Nonne; dies war überhaupt das einzige Paar im ganzen Zug.

Schon oben sagte ich: Soweit war die Sache ganz gut. Und die Sache wäre auch weiterhin ganz gut gewesen: Der linke Zug ging, wie ich mir die Intention dachte, rechts um den Altar herum, der rechte links herum, um auf diese Weise in ihre respective Kirchenstühle zurückzukehren. Wie aber, wenn diese zwei Züge von so heterogenem Charakter sich hinter dem Altar begegneten. Und das mußten sie!—Ich versäumte leider dieses Zusammentreffen. Fortwährend beschäftigt mit dem Durchmustern besonders des rechten Zuges hörte ich nur plötzlich eine gelle heisere Lache aufschlagen. Ich wandte mich um, und sah den schwarzgeschwänzten Menschen, der auf der rechten Seite den Kelch mit dem verdächtigen Inhalt kredenzte, sich mit einer höhnischen Fratze nach der andern Seite umsehen, wo der weiße, sanfte Mann bleich und starr wie ein Todter stand. Hinter dem Altar sah ich die Spitzen beider Züge sich mit verdächtigen Mienen gegenseitig messen. In diesem Moment verlöschten sämmtliche Kerzen; ein dicker, schweflicher Dampf verbreitete sich im ganzen gewölbten Haus; das einschläfernde Summen der Orgel wurde von einem keifenden, gilfenden Aufschrei, wie von einem blechernen Accord unterbrochen, als hätte man eine der Orgelpfeifen mit einem Beil verwundet. Es entstand ein fürchterlicher Tumult; man hörte harte Körper stürzen, Werkzeuge aufschlagen, Leuchter und Schüsseln zu Boden fallen, weibliches Wehklagen, männliche Kernflüche, Lachen und Schreien und dazwischen rief eine mokante, kropfige Stimme (die, glaube ich, dem Schwarzen angehörte) mit einem eigenthümlichen, jüdelnden Jargon: "Ja, ja!—Nähmet hin und ässet!—Ja, ja!—Nähmet hin und trinket!"—Halb aus Furcht erschlagen zu werden, halb aus Unmöglichkeit in der stickigen Luft weiter zu athmen, tappte ich mich im Finstern dem Ausgang zu, der, ich wußte, zur Rechten lag. Im Vorübergehen streifte ich am Weihkessel an, der mit einem "Springsau!" mir den Abschied gab, und gelangte glücklich ins Freie.—

Es war noch immer Nacht; doch sah man im Osten die Dämmerung heraufkommen. Ich eilte so rasch wie möglich diejenigen Gassen entlang, von denen ich glaubte, daß sie mich am schnellsten ins Freie bringen; ich kam an einem erleuchteten Fenster vorbei; Bäcker schoben dort gerade auf langen Brettern das neue Brod in die Röhren; ich war nur froh mich wieder in irdischer Gesellschaft zu finden. Doch eilte ich, aus dem Dorf zu kommen, holte, auf der Landstraße angekommen, tüchtig aus, und gelangte nach mehrstündigem Marsch gegen Morgen in eine kleine Ortschaft von harmlosem Aussehen mit freundlichen Leuten, überall offenen Thüren, und einer wenig präponderirenden Kirche, dagegen mit einem vortrefflichen Wirthshaus, wo ich nicht säumte, mich zu restauriren.—

Acht Tage später las ich,—inzwischen in die Kreisstadt gelangt,—im Amtsblatt folgende Bekanntmachung:

"In vergangener Nacht wurden in der hiesigen Ortskirche grauenhafte Zerstörungen angerichtet. Die Bildsäulen der Heiligen und Kirchenväter wurden von ihren Sockeln gestürzt, die Embleme ihnen aus der Hand gebrochen, Arme und Beine abgeschlagen ec.—Da die ziemlich leicht zugängliche Armenbüchse unberührt gelassen, auch sonst Werthvolles nicht entwendet worden, stellt sich das Ganze als ein Akt rohen Muthwillens und moralischer Verderbtheit dar. Verdacht richtet sich gegen einen Handwerksburschen, der spät Nachts in's Dorf kam und es gegen Morgen in der Richtung nach ——* verließ. Es wird gebeten, auf denselben zu vigiliren. Derselbe, von dem jede nähere Beschreibung fehlt, ist im Betretungsfalle festzunehmen und anher einzuliefern."—

Gemeinde Zinsblech. Landgericht Pinzgau. Der Bürgermeister ** (Datum.)

Eine Negergeschichte

Tantam vim et efficaciam nonnulli phantasiae et imaginationi in proprium imaginantis corpus tribuerunt. Benedicti XIV; de imaginatione et ejus viribus.

Erst ganz kurz hatte ich mich in einer der östlichen Vorstädte Hamburgs als Arzt und junger Anfänger niedergelassen. Der große Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigenthümlichen Reiz auf mich ausgeübt. Durch billiges Honorar und unentgeldliche Armen-Behandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Clientèle, freilich meist geringere Leute, herangezogen. Ich wohnte ganz frei, fast wie auf dem Land. Ich hatte den Sommer als ersten Aufenthalt gewählt, um von der mir noch ganz fremden Stadt, meinem künftigen Aufenthaltsort, einen möglichst günstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer großen Wiese vor meinen Fenstern lagerten immer große Carawanen oder kleinere Trupps seltener Thiere oder fremdartiger Menschen, die meist von London herübergekommen waren, und hier ihre weiteren Verschickung in's Innere Europas warteten. Ganz in meiner Nähe lag auch die Irrenanstalt.—

Es war ein schöner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen. An der Thüre, die zum Wartezimmer führte, hörte ich ein seit einer Viertelstunde immer wachsendes Summen und Schwirren, unterbrochen von Kindergeschrei, von dort wartenden, meist ärmeren Leuten,—als plötzlich die Thüre meines Wohnzimmers, die zum Hausgang führte, mit einem energischen Griff aufgerissen wurde, und ein Neger zu mir in's Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwarte-Mädchen mit besorgten Blicken hereingestürmt, um mir das unreglementmäßige Eintreten des Fremden zu erklären und zu entschuldigen. Ohne sich irgend wie abhalten zu lassen, sei der schwarze Mensch, als er meinen Namen an der Zimmerthüre gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe die Thüre aufgerissen ... so oder ähnlich drückte sie sich aus. Ich erwog, welche Bestürzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo sich Kinder befanden, verursacht haben würde, und, indem ich mein Warte-Mädchen beruhigte und abtreten ließ, forderte ich den Neger mit einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen auf. Dieser Mensch hatte mich aber bereits mit einer Fluth von Phrasen und einem Durcheinander von Kauderwelsch übergossen: "... halloo! Sie sind der Dokter?—You are the doctor!"-"Jawohl!"—"Ich habe Ihnen eine wichtige Consultation vorzutragen;—ich habe Ihnen aine sehr wichtige Mittheilung, aine sehr erfreuliche Mittheilung zu machen;—sehr wichtig und sehr erfreulich vor mich; ich waiß nicht, ob auch vor Sie.—Aber ich glaube, daß Sie ein guter Docter sind, der hat ain Herz,—at least I presume;—Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzählen, das haißt, Sie können kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben,—ich meine, Sie werden höchst wahrscheinlich nicht glauben,—aber es ist doch wahr,—es ist furchtbar wahr,—es ist fast zu toll, um wahr zu sain.—I'm a nigger;—that is, I have been a nigger!—Ich habe Neger gewesen!—oh,—ich bin Neger gewesen!—Ich bin Neger nicht mehr!..."—

Ich muß hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger, der hier vor mir stand, und sich um keinen Preis setzen wollte, war schwarz. Dieß wird vielleicht Manchem als eine höchst überflüssige Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse dieser absonderlichen Sprech-Zimmer-Debatte, womit die Geschichte überhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich füge hinzu: Der Neger war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene bräunlichen Tinten und helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Aequator wohnenden Stämmen findet. Der Mann war ganz schwarz; jene Schwärze mit bläulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr darbietet; mit einem Wort, ein echter Sudan-Neger.—Er war abendländisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, façonirten Filzhut, keine Handschuhe, dicke, auffallend große Stiefel, die er fertig gekauft zu haben schien, und, in Unkenntniß ihres Bau's, rechts und links verwechselt hatte; die ganze Gestalt kräftig, untersetzt; das Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein großes sprechendes Auge, kurze aber gut entwickelte Stirn, und, ich wiederhole nochmals, die Haut ganz schwarz.—Ich muß sagen, das Erscheinen dieses Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm; der wilde schwarzblütige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingeführt hatte, ließ mich befürchten, ich möchte nicht so rasch mit ihm fertig werden. Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drängte und stieß es an die Thüre; es war jedenfalls schon voll; und fortwährend klingelte es, und es kamen neue Patienten.—Auf der andern Seite beunruhigte mich der Gedanke, daß ich in orientalischen Krankheiten und unter den Tropen vorkommenden Leiden höchst ungenügend orientirt war; in Neger-Pathologie wußte ich nun schon gar nichts.—Die Suada, die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, ließ sogleich erkennen, daß er ursprünglich englische Cultur-Verhältnisse durchgemacht, und dann erst von hier aus sich das Deutsche angeeignet hatte, welches er mit englischem Accent sprach.—Das Haupt-Leiden der Engländer, wenn sie sich in tropischen Gegenden aufhalten,—sagte ich mir rasch,—ist das Saufen; sie leiden alle an der Leber;—und die erste Leidenschaft, die wilde, uncivilisirte Völker bei ihrer Berührung mit Abendländern diesen nachmachen, ist der Schnapsgenuß;—vielleicht,—dachte ich mir,—leidet der Mann an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhörliche Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmöglich Alles vorführen kann, mit den Worten: "Mein lieber Freund, sind Sie krank, und wo fehlt es Ihnen?"—"Krank?"—replicirte mein schwarzes Vis-à-vis sehr heftig, und riß die Augen auf,—"krank,—nein! ich sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesünder als vorher ..."—"Ja, was wollen Sie dann von mir?"—frug ich etwas ärgerlich.—"Bitte, Docter,—haben Sie gute Herz und hören Sie mich an!"—In diesem Moment kam mir der Gedanke, daß der Bursche ein Almosen verlange, und, um dasselbe möglichst groß ausfallen zu machen, im Begriff sei, mir eine Schicksals-Tragödie zu erzählen. Ich griff daher in mein Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstück und hielt es ihm hin. "Was haben Sie Docter?" frug der Neger und wich vor meiner Hand zurück.—"Eine Kleinigkeit für Sie,—um Ihnen zu helfen!"—"Geld?"—schrie er,—"ich brauch kein Geld, hab' ich selbst Geld,"—und hieb mit der rechten übermäßig großen Hand auf seine rechte Hosentasche;—"Geld ist Schmutz!"—fügte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze einen Haufen Münzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd vor das Gesicht.—"Hier Docter, wollen Sie Geld?—Geld ist Schmutz!" schnaubte der Neger, und war einen Schritt näher auf mich zugekommen, mich mit den weißen Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber- und Kupferstücke von nicht unbeträchtlichem Werth lagen, vor meinen Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Nägel, und die affenartige Krümmung derselben, und roch den eigenthümlichen Neger-Schweiß, kam mir das Gefühl, ich befände mich einem Thier gegenüber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke zerschmettern könne. Ich beschloß daher so sanft wie möglich diesem erregten Menschen gegenüber zu verfahren.—

"Sait ßwai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in London,—Docter!—und hab viel schmutzig Geld gemacht;"—nahm mein Besucher den Discurs wieder auf, und zeigte vor Freude die zwei Reihen seiner großkalibrigen Zähne; denn die Bestürzung, in die er mich gebracht, war ihm nicht entgangen.—"Sagen Sie mir, wo es Ihnen fehlt,"—begann ich nun meinerseits sehr ruhig und entgegenkommend,—"damit ich Ihnen helfen kann; da drinnen warten einige fünfzig Personen!"—fügte ich hinzu, auf die geschlossene Thür des Warte-Zimmers weisend.—"All right!"—sagte der Neger, brachte das Riesen-Stück-Fleisch mit den gelben Fingernägeln leer wieder aus der rechten Hosentasche zurück, trat einen Schritt weg, stellte sich in Positur und fuhr dann fort: "Ich bin aus Pululi...."—"Von mir aus von wo der Pfeffer wächst!"—entgegnete ich mißmuthig, und stand vom Stuhl auf.—"Nein!—nicht von Pfeffer-Küste!"—replicirte der Schwarze mit einer heftigen Gesticulation, ohne meine Wendung verstanden zu haben,—"Pfeffer-Küste ist weiter gegen Sonnen-Untergang;"—"Weiter, weiter, weiter!—Damit wir zu ihrer Krankheit kommen."—"Ich uar der beste dancer in mein Dorf; wir tanzen auf Holzschuhen und singen sehr schöne Lieder dazu—so!"—in diesem Moment machte der Neger einen Luftsprung, während dessen er mit dem rechten Fuß die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berührte, von da ein kleines Stückchen Speis mit herabnehmend; dabei stieß er einen offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheußlichen Laut aus, und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fuß mit solcher Wucht auf den Boden, daß mehrere Gläser auf meinem Schreibtisch umstürzten, und er selbst wie in eine Staubwolke eingehüllt schien. Im Neben-Zimmer fing ein Kind heftig zu schreien an.—"Ja, Docter, ich uar beste dancer in Nikowikdwanga! Aber zu maine große Unglück. Ich habe nie in Wasser gesehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Völker, sich in Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser gesehen. Ich habe nicht gewußt, daß ich schwarz bin. Und das dancing hat mich in Unglück gestürzt!..."—"Was soll aber ich mit dem Allen?" ich,—"Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!"—"Aine schöne Tag kommt ain Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mächtige Volk von Engländer, die am ganze Körper Kleider tragen, und dancing und singen in ein Haus voll mit ein Meer von Licht;—und er zeigt mir Hand mit schmutzig Gold,—so!"—und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden Geldes in dem schwarzen Kübel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich traute mich nicht zurückzuweichen, aus Furcht, der Neger möchte mir noch näher auf den Leib rücken. Ich sagte nur: "Und dann?"—"Ich bin gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, daß Geld rein ist und nicht schmutzig. Und hab' bestiegen eine große englische Schiff, und wir sind gefahren ßuai Monate auf dem Meer, und während ßuai Monate ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewußt, daß ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool."—"Weiter, weiter, weiter!" drängte ich.—"In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel blinzelnde Menschen zwischen große Häuser spazieren mit Gesicht wie Mehl und Kreide,—scheußlich!—scheußlich!"—"Weiter, weiter!—Haben Sie das Klima nicht vertragen?"—"Klima?—Was ist Klima?—Luft war gut; Essen war gut; Wohnung sehr hart; aber diese Menschen! mit das grinsende Gesicht! und alle dicht hintereinander spazierend, und mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!"—"Daran gewöhnt man sich doch!?"—"Oh yes, Docter!—daran gewöhnt man sich; ich habe mich auch daran gewöhnt; ich habe sogar englisch gelernt;—aber aine Tag, als ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block Wasser...."—"Ein Block Wasser,—was soll das heißen?"—"Ich schaue durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die Leute hin- und hergehen und schöne Sachen zum Verkauf aufstellen."—"Es wird ein Schaufenster gewesen sein?"—-"Well, es uar ein Block festes Wasser."—"Es war eine Glasscheibe!"—"Well, Glas ist festes Wasser!" —"Wenn Sie wollen, in Gottes Namen!—Was weiter?"—"Well, Docter, ich schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der große Neger-Geist verbietet Sudan-Volk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein, und Docter, was sehe ich?"—"Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas; Sie werden sich selbst gesehen haben?"—"Ein schwarzes Scheusal!—Ein fletschender Gorilla!—Ich glaubte zuerst ein Thier stehe im Laden und schaut heraus; aber die uaißen Menschen, die vorüber gingen, haben sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, daß ich uar das scheußliche Thier; jetzt ich wußte, daß ich uar schwarz; und daß Abends die Engländer applaudiren, wenn ich thu singing und dancing, weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und daß sie spritzen aus hundert Röhren künstliches Licht, damit sie mich besser sehen können!"—"Mein Gott, Sie fassen die Sache höchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede in der Hautfarbe konnten Sie doch schon früher kommen!"—"Ja, und jetzt hab' ich gefunden Kalk-Gesichter von uaiße Engländer und noch mehr von Engländerinnen sehr pretty,—ja, sehr schön;-und dann hab' ich geflucht dem großen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und ich habe beschlossen, daß ich muß werden uaiß...."—"Sie haben beschlossen weiß zu werden?—Ja, das wird Sie wenig helfen!"—"Was? Docter, wissen Sie nicht, daß wir haben was in unser Kopf, das Alles kann ändern?!"—"Was haben wir in unserem Kopfe?"—"Wir haben Etwas, das Alles kann machen, wie es will!"—"Das versteh' ich nicht; was soll das heißen?"—"Well, wenn schwarze, häßliche Sudan-Volk hat so Etwas in sein Hirn, dann muß Engländer und Deutsche auch haben?" "Ja, wir haben doch keinen Farbtopf, der Alles anstreicht, wie wir wollen?!"—"Nix Farbtopf!—oder Farbtopf im Kopfe;—nix falsche Farb,—echte Farb!"—"Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengungen?"—"Well, Docter, nachdem ich ßuai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem Wasser-Block und hab' hineingeschaut, und hab' mir gesagt: Poppy, du mußt uaiß werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, daß ich konnt' nicht mehr dancing und singing, und Mister hat mich weggeschickt, und bin ganze Nächte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum Hineinschauen, weil Nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum Fluß gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, ßuai Stunden, ganze Nacht,—endlich, Docter, nach ßuai Monate,—nachdem ich uar wie ein Hund,—konnt' nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer noch in mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschöne uaiße Negerbild...."—"Nun?" frag ich voller Erwartung.—"Well, Docter, nach ßuai Monat, eines Tags, plötzlich,—it was a wonderfall sight!—ich bin geworden uaiß...."—"Weise oder weiß?"—"Well,—eine Morgen, in Lancaster-Street, wie ich schaue in Wasser-Block,—ich bin gehabt,—oh, ich habe gehabt uaiße Farb,—wunderschöne uaiße Gesicht,-oh, I tell you Docter, ich uar schönste Mann in Liverpool; und alle Leute haben mich angeschaut; und ich bin gegangen zu main Master, und hab' gesagt, ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff geschickt nach Hamburg...."

In diesem Moment fuhr draußen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich hörte zwei Männer eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede meines Besuchers fast starr geworden. Das Geräusch des Wagens hatte, wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glühend von der Aufregung seiner Erzählung stand der Neger erwartungsvoll vor mir; das Blut-Roth seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe die Mischung von Bronce geliehen. Die weißen Augen waren gespannt und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir sein beschleunigter Athem und die furchtsamen Kopfwendungen nach der Thür, daß er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher. Inzwischen hörte ich draußen an dem Gesumme und Gemurmel an der Hausthür, daß etwas Außergewöhnliches vorgegangen sein müsse. Auch das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen plötzlich Verunglückten gebracht.—"Ja, und womit kann ich Ihnen nun dienen?"—frug ich jetzt mit der größten Ruhe mein Vis-à-vis.—"Well, Docter, ich bitte Sie um ain Zeugniß, daß ich bin uaiß,—die schwarzen Teufel, die mich...." Ich konnte den Rest seiner Rede nicht hören, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: "Ja, mein lieber Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudan...." In diesem Moment fühlte ich mir die Kehle zugeschnürt, hörte einen Schrei ausstoßen, wie ihn vielleicht die Hyäne hervorbringt, und vor meinen Augen tauchte das lechzende blutrünstige Gesicht des Negers mit vorgetriebenen, weißen Augäpfeln und heißem Athem auf.... Ich hätte wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Männer, beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in's Zimmer gestürzt, von denen der Eine zum Andern sagte: "Da ist er!"—Bei ihrem Anblick ließ der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war und mich zu drosseln angefangen, mich los, und stürzte sich mit den Worten "Da sind sie, die schwarzen Teufel!" auf sie. Es entstand ein fürchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen ich Irrenhaus-Wärter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen. Die Gold- und Silber-Stücke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie immer und immer wieder: "Docter, helfen Sie mich gegen die schwarzen Teufel!"; dabei waren seine Augen derart aus ihren Höhlen getreten, daß sie das ganze, mundschäumende Gesicht wie mit einem weißen Schimmer überzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder fürchterlich zu schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen Zimmerthür mein Aufwarte-Mädchen.—Endlich wurde der Neger überwältigt und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weißen Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben, und huida!—hast du nicht gesehen?—-fort ging's in's Irrenhaus.

Ein Criminelles Geschlecht

Er wußte Nichts von den Geschlechts-Unterschieden der Menschen, und unterschied die Leute nur nach den Kleidern."— Bericht über Kaspar Hauser. (1828.)

Es war um die Zeit, als ich in dem von Deutschland neugewonnenen Straßburg studirte, daß ich eines Tags einem Criminal-Commissarius vorgestellt wurde, der bei der damals kurz nach dem deutsch-französischen Kriege nothwendig gewordenen Neu-Ordnung der Dinge aus dem Norden Deutschlands dahin versetzt worden war. Wir trafen uns öfter. Es war ein äußerst verschlossener Mann; accurat, streng gegen sich und andere, aufrichtig, wahrheitsliebend, gottesfürchtig, von fast puritanischer Gesinnung, dabei gescheit, bis zum Grüblerischen schlau und mißtrauisch, aber, wie mir schien, ohne jede weltmännische Bildung, von der er sich absichtlich zu entfernen schien. Er mußte ausgezeichnete Zeugnisse besessen haben, die ihn, vielleicht einen Vierziger, auf diesen einflußreichen Posten gelangen ließen. Er war unverheirathet und protestantisch.

Eines Sonntags Nachmittag auf einem unserer Spaziergänge, als die Unterhaltung, wie schon so oft, zu stocken schien, da er immer in sich hinein horchte, und dem Gesprochenen nur halbes Ohr lieh, konnte ich mich nicht enthalten, an ihn die etwas vorlaute Frage zu richten, sintemal er viel älter war wie ich: "Herr Commissar, Sie scheinen mit außerordentlichen Schwierigkeiten hier betraut zu sein, und Ihr neuer Posten muß ganz absonderliche Aufgaben an Sie stellen, da Ihre Zerstreutheit, fast Geistesabwesenheit...?"—Bei diesen letzten Worten sah der Commissar scharf zu mir herüber, halb mißtrauisch, halb erschrocken darüber, daß ich versucht, seines Inneres zu durchforschen. Da ich seinen Blick naiv auf mir ruhen ließ, so sah er weg, und ging schweigend mit auf den Rücken gelegten Armen einige Zeit neben mir her. Dann sah er mich noch einmal scharf, durchdringend an, und, wie es schien, von der Prüfung zufrieden gestellt, begann er folgenden Discurs: "Mein lieber Studiosus, Sie sind noch jung, aber ich glaube, ich darf Ihnen in Etwas vertrauen.—In der That, es sind ganz absonderliche Aufgaben, vor die meine Regierung mich gestellt hat.—Ich komme hoch aus dem Norden, aus einem kleinen Bezirksstädtchen, wo ein paar Vagabunden und Felddiebe unsere einzige Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.... Ich hätte nicht geglaubt, daß die Welt so complicirt ist; ich konnte mir nicht denken, daß hier herunten, wo die Völkermischung eine größere, so unerhörte Dinge sich im Geheimen abspielen...."—Mein Begleiter, der sehr rasch sprach, unterbrach sich hier. Ich hatte die Empfindung, als begänne eine große Last sich von dem Herzen des in seinem Innersten erschütterten Beamten loszuwälzen, und vermied es daher, ihm in die Rede zu fallen.—"... Es ist nur so schwer,—begann er wieder,—das in Wort zu kleiden, das, was ich Ihnen sagen will, Ihnen mit den bisherigen Hülfsmitteln der deutschen Sprache begreiflich zu machen.... Sie sind Mediziner,—Sie werden vielleicht Manches besser verstehen, mir vielleicht sogar in Manchem einen Wink geben können...."—"Sind es sanitäre Maßregeln, mit denen Sie hier betraut wurden?"—wagte ich anzudeuten.—"Sanitär?—Ja, gewiß, sanitär,—aber sanitär ist zu wenig, sanitär drückt die Sache zu mild aus; es ist weit mehr criminell!..."—"?"—Auf mein fragendes Zaudern wandte der Commissar seinen Kopf zu mir herüber, und schaute mich wieder mit jenem seltsamen Blicke an, der mir vorhin schon aufgefallen war. Doch war es diesmal weniger Furcht, ob er mir vertrauen könne, als Auskundschaften, was ich zu seinen bisherigen Worten meine.—"Ja,—so, glaube ich, kann ich's Ihnen am besten begreiflich machen,—fuhr mein Begleiter dann fort,—denken Sie sich, ich bin von der Regierung beauftragt worden, einer criminellen Vereinigung,—einer betrügerischen Sippe,—einem Geschlecht nachzuforschen, welches sich hier seit Aufhebung der Belagerung herumtreibt, aus Frankreich herüberkommt, sich in bestimmten Schlupfwinkeln festgesetzt hat, und rücksichtslos im Geheimen sein Zerstörungswerk verrichtet!"—Der Commissar hatte diesen Satz mit der größten Sorgfalt, den Finger an die Nase gelegt, construirt, und Wort für Wort vorgetragen, als handle es sich um eine wissenschaftliche Definition, oder als fürchte er, durch eine einzige Umstellung, oder ein unvorsichtiges Adjektiv, mir eine unrichtige Vorstellung von dem zu geben, was in seinem Innern selbst noch nicht ganz klar erkannt worden war. Dann warf er den Kopf wieder plötzlich zu mir herüber, um sich auf meinem Gesicht zu orientiren.—"Hm!—sagte ich—ist die Vereinigung politischer Natur?"—"Nein!"—replizirte der Commissar mit einer fast schnalzenden Lebhaftigkeit, als freue er sich, daß ich diesen Einwurf gemacht, und brachte nun auch die andere Hand hinter dem Rücken hervor, um sie mit einer heftigen Gesticulation nach vorne zu werfen,—"nein!" er noch einmal mit einem eigenthümlich saccadirten Laut, um dann beide Zahnreihen längere Zeit auf dem "n" ruhen zu lassen,—"politisch ist sie nicht, sonst wäre sie leichter zu fassen; leider ist sie gar nicht politisch; sie ist sogar politisch indifferent; sie ist die persönlichste und subjektivste Geheim-Coalition, die mir vorgekommen ist, dabei von einem Egoismus, von einer Sicherheit des Egoismus, von einer Tadellosigkeit der Geschäfts-Praktik, daß sie unter sich gar keiner Verständigungsmittel, keiner Parole, keines Augenzwinkerns bedarf, von einer Untrügbarkeit des Erfolges, daß man meinen könnte, eine neue Race, ausgestattet mit den unfehlbaren Organen ihres Gewerkes, sei auf die Welt gekommen!"—"Ach, mein Gott,—sagte ich nach einiger Ueberlegung und wie enttäuscht,—meinen Sie die Juden?"—"Nein!"—rief er wieder lebhaft, und wie vorbereitet auch auf diesen Einwurf,—"die sind es nicht; die wären mild; es ist eine geheimnißvoll vorgehende Vereinigung, die lautlos und unbeachtet, unbeachtbar, unfaßbar, sowohl durch unsere Landesgesetze, als für unsere Polizei-Organe, ihre Thätigkeit ausübt, ja, die sich fast unserem Denken entzieht...!"—"... die sich unserem Denken entzieht?"—wiederholte ich ganz perplex;—".... die sich unserer denkenden Erwägung entzieht...!"— erklärte es der Commissar ausführlicher.—... die sich unserer denkenden Erwägung entzieht?"—syllabirte ich nochmals Wort für Wort für mich hin.—"... hinsichtlich,—nahm der Commissar nochmals den Satz auf,— hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern, ihrer letzten Motive, sich unserem Denken entzieht!"—"... hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern und letzten Motive sich unserem Denken entzieht!"—sagte ich auch diese letzte Fassung zu meiner eigenen Bestärkung mir nochmals vor.—Dabei fühlte ich, ohne hinzusehen, wie die Augen dieses Mannes heftig auf mich hingerichtet waren; wie dieser Mann angstvoll irgend ein Wort von mir erwartete, welches ihn in seiner eigenen Gedankenführung bestärken könnte; ich fühlte, wie dieser Mensch, der sich seit zehn Minuten vollständig verändert hatte, dessen Miene, Bewegungen, Athmung, Schläfe, Blick eine ungeheure Erregung verriethen, an einem Problem herumlaborire, welches selbst für die ungewöhnliche Intensität seines Geistes zu hoch schien.—

"Arbeitet diese von Ihnen überwachte Vereinigung mit geistigen oder physischen Waffen?"—frug ich endlich, um auf eine vernünftige Spur zu kommen.—"Mit physischen, realen, recht eigentlich körperlichen Waffen, d.h. dem äußeren Anschein nach, wenn nicht noch etwas dahinter steckt, was ich stark vermuthe."—"Sie sagen, aus Frankreich kommt diese neue polizeiwidrige Clique?"—"So lautet meine Instruction; ich war ja vorher nicht hier; jedenfalls der Mehrzahl nach, und die gefährlichsten aus Frankreich."—"Du lieber Himmel!"—sagte ich, und wandte mich freundschaftlich zu meinem Nachbar,—"sind es vielleicht Franctireurs?"—"Ha!"—rief der Commissar mit einer gellenden Lache,—"so einfach müssen Sie sich die Sache nicht vorstellen;"—dann nach einer Pause: "Ich sage Ihnen, die Gesellschaft ist unfaßbar und uncontrollirbar; Franctireurs kann man auf der That erwischen, und vor ein Kriegsgericht stellen; diese lassen sich fast nie in Flagranti ertappen; in einem Hui! ist alles vorbei; und Verrath ist von dem Complicen, den sie im Moment der Thathandlung eben erst zum Complicen machen, nicht zu befürchten, weil der Betreffende sofort sich als zu dem Bunde gehörig fühlt, sofort eo ipso in die Kaste eintritt; und,—worin ich gerade Ihr Urtheil als Mediziner hören möchte,—bei Ausübung ihrer Handlungen ist fast nur ihr Körper betheiligt; obwohl ich Grund habe zu vermuthen, daß ihr Geist dahinter zittert und bebt, ist fast nur ihr Körper betheiligt; und nur mit ein paar Rucke; so daß, wenn die Kleider geschickt geordnet sind, es fast unsichtbar hinter den Kleidern vor sich gehen kann; daher die Schwierigkeit!"—"Mein Gott"—sagte ich, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt,—"sind es Männer oder Weiber?"—"Es ist ganz gleich, ob es Männer oder Weiber sind,"—replicirte der Commissar à tempo, sichtbar ärgerlich, über diesen Punkt gefragt zu werden,—"Verbrecher sind Verbrecher; der Staat kann keine zweierlei Gesetze für Männer und für Weiber machen. Mir ist es überhaupt unerfindlich, wie man wegen eines winzigen Anhängsels solche generelle Unterschiede aufstellen kann, und die Menschheit in die Zwangsjacke von Unterrock und Hose einschnüren mag, die noch dazu von Tag zu Tag in der Mode wechseln;—das eine hat ein Anhängsel, das andere hat keins; und da macht man einen generalen Strich durch die Menschheit, und sagt: Ihr heißt Euch so, und müßt Euch so kleiden, und Ihr heißt Euch so, und müßt Euch anders kleiden?!—Welche Willkür!-Da könnte man ebensogut die Nasen hernehmen; der eine hat 'ne Adlernase, der andre hat 'ne platte Nase; und zu diesen sagen: Ihr heißt Euch mit Rücksicht auf Eure Nase so, und kleidet Euch darnach; und zu Jenen: Ihr heißt Euch, weil Ihr 'ne gequetschte Nase habt, anders, und kleidet Euch anders. Oder die Ohrläppchen hernehmen, und die Menschheit nach den Ohrläppchen eintheilen, und ihr mit Rücksicht darauf Namen und Kleidermoden vorschreiben!—Männer oder Weiber?!—Nach dieser Seite ist mir das sonst recht rationelle Weltganze immer unverständlich geblieben, immer als eine Tollheit, als ein Mißgriff erschienen.—Verbrecher ist Verbrecher!—Doch dies nebenbei.—Nein, lieber Doctor!"—fuhr der Commissar, sichtlich zufrieden mit seiner Expectoration, directer zu mir gewandt, weiter,—"das möcht' ich von Ihnen als Mediziner wissen, wie eine solche Clique es dahin bringen kann, mit solchem Raffinement, mit solcher Vupticität, die physiologische Anlage ihres Leibs zu geheimen, destructiven Umtrieben zu benützen...?"—"Ja, bei allen Heiligen!"—rief ich, fast unwillig, und im Begriff den Verstand über diesen Auseinandersetzungen zu verlieren,—"was thun denn die Leute?"—"Was sie thun?"—rief der Commissar—"ja, wenn ich das so mir nichts dir nichts sagen könnte; was sie thun? Darüber habe ich seit Wochen Tag und Nacht nachsimulirt. Was sie thun?"—wiederholte der Commissar, und preßte die Hände vor die Stirn,—"Wenn man das in einer umfassenden Definition klipp und klapp aussprechen könnte! Was die Leute thun?—wenn Sie's hören wollen, wie ich mir die Sache zurechtgelegt: sie treiben criminelle Fabrication mit ihrem Körper!"—"Criminelle Fabrication mit ihrem Körper?!"—wiederholte ich, und platzte, wie von einer Bombe getroffen, zurück.—Wir waren beide unwillkürlich stehen geblieben, hatten Front gemacht, und starrten uns nun gegenseitig an. Der Mann sah aus wie ein Schauspieler, der sein bestes Stichwort losgelassen, seinen wirksamsten Coup absolvirt, und jetzt auf den Applaus der Zuschauer wartet, aber noch nicht weiß, ob es eingeschlagen hat. Fiebernd, zitternd, überhitzt, die mageren Hände noch wie zu einer pathetischen Geste erhoben, der Augenstern fibrirend und in seinem Reflex wie zerfahren, die natürliche Gesichtsfaltung vertieft und lederartig eingeschnürt, der ganze Mann das Bild der Sorge, und das Opfer eines kranken Gedankengangs,—so stand der Commissar vor mir, der verschlossene, ruhige Beamte von ehedem kaum wiederzuerkennen. Und der Grundzug, der durch diese stumme Situation ging, war die Angst bei diesem Mann, was ich, der Harmlose, der Unbetheiligte, der Gesunde, dazu sagen werde. Ich hatte eine innere Scheu, die Discussion jetzt da fortzusetzen, wo sie stehen geblieben war. Am liebsten hätte ich den braven Mann ruhig nach Hause geleitet.—"Criminelle Fabrication mit ihrem Körper,"—wiederholte ich flüsternd für mich, um den Mann nicht zu beleidigen, und setzte gleichzeitig schlürfend meinen Weg fort,—"Criminelle Fabrication mit ihrem Körper treiben die, die dieser Sicherheitsbeamte als destructive Gesellschaft aufspüren und aufheben soll!"—sagte ich leise in meinem Innern, unschlüssig, wie die Peinlichkeit dieser Scene zu beendigen,—"hat,"—fuhr ich dann laut fort zu meinem Begleiter, der mir zögernd gefolgt war,—"hat Ihre Regierung sich dieser Wendung, der von Ihnen soeben gebrauchten Worte, bedient zur Charakterisirung der betreffenden staatsgefährlichen Coalition?"—"Nein",—antwortete der Commissar schlagfertig, wie ein Fechter, der auf die Parade wartet,—"die Regierung drückt sich vorsichtig, allgemein, andeutend, sogar versteckt aus; der Gegenstand scheint ihr zu difficil zu sein; sie hat wohl auch keine intimere Kenntniß der betreffenden Vorgänge; hier hat eben der Beamte einzugreifen; bei uns wird in solcher Stellung viel verlangt:—nein, Doctor, die Wendung stammt von mir, sie schien mir die bureaukratisch zulässigste, dabei correcteste, bei der Dunkelheit der Vorgänge genügend andeutende, und dazu alle betreffenden Bestrebungen umfassende,—ich sage Ihnen, Herr Studiosus, der Gegenstand ist eine Tarnkappe, langen Sie zu, haben Sie einen Frosch oder eine Schlange in der Hand, und wissen nicht einmal, ob nur die echt sind."—Der Commissar sprach jetzt wieder viel freier. Man fühlte aus seinem Redefluß heraus, daß er sich, was man sagt redressirt habe; er saß jetzt wieder fester auf dem Gaul; nachdem er seine Definition losgelassen, nachdem er den wundesten Punkt seines Systems geoffenbart, und die Discussion darüber nicht zu Fall gekommen, hatte er neue Kraft geschöpft, und man merkte, er suche durch breitere, erschöpfende Darstellung das an Boden zu gewinnen, was er vorhin moralisch bei seinem Partner durch Angst und Unsicherheit eingebüßt.—Ich war unentschlossen, ob ich die Unterredung über den Gegenstand weiterführen sollte. Sie auf ein anderes Thema vorsichtig überzuleiten, wäre wohl das Beste gewesen, wenn dies nur einem so mißtrauischen Menschen, wie meinem Begleiter gegenüber, Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. Wir waren inzwischen außerhalb der Stadt gekommen; vor einer Stunde hatte ich keine Hoffnung mich anständigerweise von ihm entfernen zu können.—In der ganzen Erörterung gab es einen Punkt, gab es eine Stelle, die für mich geradezu undiscutable war, die, um mich vorsichtig auszudrücken, ganz auf Rechnung der eigenthümlichen Gehirn-Arbeit dieses Mannes kam; ich weiß nicht, ob der Leser hier das gleiche Gefühl hat, wie ich; mit andern Worten: es war ganz gut möglich, es war wohl zweifellos, daß die neue Regierung dem eifrigen und als spürsichtig bekannten Beamten Andeutungen und discretionäre Vorschriften zur Aufhebung einer geheimen Gesellschaft gab, die ihr, der Regierung, bei der Reorganisation der Dinge in den neuerworbenen Landestheilen unangenehm im Wege stand; aber so, wie der Commissar seinen Gegenstand vortrug, hatte man den Eindruck, als ob dieser Mann, durch die Schwierigkeit angeeifert, und bei dem Mangel an Thatsächlichem ganz auf seine Combinationen angewiesen, nach irgend einer Richtung in seinen Denk-Operationen sich so verrannt habe, daß das End-Resultat mit dem ursprünglichen Auftrag seiner Regierung in schreiendem Widerspruch stand; und dann schien es wieder, als ob ein einziger Punkt, den vielleicht ein Kind hätte finden können, genügend beachtet, der ganzen vertrackten und bureaukratischen Salbaderei und Geheimthuerei eine Wendung hätte geben können, die dann Alles im hellsten Licht hätte erscheinen lassen, ein Punkt, den aber unser Beamter in Folge seiner Verranntheit, Verstocktheit und mangelhaften Kenntniß der geheimen Triebfedern im Menschen nicht fand.—Ich war noch mit diesen Gedanken beschäftigt, als ich plötzlich dicht vor mir eine Nase und darüber die scharf vigilirenden Augen des Commissars mit solcher Intensität und solchem Mißtrauen auf mich gerichtet sah, daß ich unwillkürlich zurückfuhr und dann stotterte: "Mein Gott, Herr N.—Sie überraschen mich,—ich war gerade im Nachdenken darüber, wie...."—"Ja,—denken Sie nur,"—antwortete mein Begleiter mit fast höhnischem Ton,—"Sie kommen zu keinem andern Resultat; die Angelegenheit ist unentwirrbar, unauffindbar, sie entzieht sich unseren tastenden Händen, und,"—setzte er in verzweifelndem Ton hinzu,—"ich verliere noch meinen Posten darüber!"—Mich erfaßte jetzt Mitleid für den Mann, und ich beschloß, mit Rücksicht auf ihn, mich der weiteren Discussion nicht zu entziehen.—"Was Sie da criminelle Fabrikation nennen,"—begann ich zögernd, und selbst im Unklaren, wie ich die Sache wenden solle,—"das muß doch in irgend einer Weise zu Tage treten!"—"Das thut es auch,—schrecklich, unsagbar, destructiv!"—"Aber Sie sagen, daß es im Geheimen geschieht; wie soll es denn so klar zu Tage treten?"—"Das Uebel schleicht im Verborgenen; die Consequenzen werden schließlich offenbar, und schreien durch ihre Gräßlichkeit gen Himmel!"—"Ja, aber was thun denn die Betreffenden,"—frug ich ungeduldig und eindringlich,—"was fabriziren sie denn?"—"Einen Stoff!"—"Einen Stoff?"—"Ja, einen Stoff!"—"Ist es ein Gift?"—"Wenn Sie wollen ein Gift, aber ein angenehmes Gift, ein Gift dessen Production ihnen Vergnügen macht, zu dessen Verwendung sie aber noch einen Nebenmenschen brauchen!"—"Und vergiften sie also ihre Nebenmenschen?"—"Ja, wenn Sie es so bezeichnen wollen,—aber nicht im gewöhnlichen Sinne des Vergiftens;—der Vergiftete oder zu Vergiftende muß einverstanden sein, und es scheint auch diesem die Aufnahme des Giftes unaussprechliches Vergnügen zu bereiten, da Beide zusammen ein Complot bilden und Keiner den Andern verräth."—"Mein Gott,—sind es Branntwein-Schänken, wo die arbeitende Bevölkerung durch Fusel langsam zu Grunde gerichtet wird?"—"Oh,—Sie sind hundert Meilen weit entfernt?—Sie gäben einen schlechten Commissarius!"—"Ja, wo liegt die Sache denn dann? Was ist das für ein Gift, dessen Production dem Giftmischer wie dem Opfer Vergnügen gewährt, so daß Beide ihre Handlung...."—"ihre staatsgefährliche, criminelle Handlung!"—interpellirte der Commissar mit gewichtigem Pathos,—"nicht verrathen?"—ergänzte ich,—"was ist das für ein Stoff? Ist es eine Essenz?"—"Essenz ist kein schlechtes Wort.—Fluidum ist vielleicht besser; das Regierungs-Rescript drückt sich hier höchst reservirt aus; ich mußte da fast Alles neu schaffen; die Terminologie dieses neuen Verbrechens ist von mir; leider stehen wir noch fast in den Anfängen!"—"Also ein Fluidum ist dieses merkwürdige Gift?"—"So scheint es."—"Und dasselbe wird von den betreffenden Geheimbündlern mit ihrem eigenen Körper fabricirt?"— "Verbrecherischer Weise fabricirt!"—"Und unter den Kleidern, sagten Sie?"—"In der That,—mit kolossaler Vupticität,—die Augen werden nur ein wenig glasig dabei."—"Nun, und mit diesem Fluidum vergiftet das Eine den Andern?"—"Das Fluidum,—vielleicht ist es nur ein Hauch!—wird von dem Einen auf den Andern übertragen; ohne daß viel dabei gesprochen wird; es ist fast ein Muß!"—"Ein Muß?!"—"Es gehen einige Blicke vorher, einige Gesticulationen, etwas saccadirtes Athmen, etwas Glossolalie, dummes Gepappel,—und dann ist es geschehen."—"Was ist dann geschehen?"—"Der Andere ist dann so gut wie bezaubert, und muß sich willenlos der Vergiftung stellen!"—"Nun, und?"—"Diese wird dann rasch vom ersteren vollzogen, und—der Andere windet sich in Krämpfen!"—"Höchst merkwürdig!"—"Das ist nicht Alles!—Die Leute verbinden mit dem Ganzen eine Art Cultus, eine Art Religion;—ein nie vorher dagewesener Enthusiasmus durchglüht ihre Brust; sie sprechen unhaltbare Schwüre aus, geloben sich unverbrüchliches Stillschweigen, entziehen sich ihren einfachsten Verpflichtungen, und geben sich oft den Tod!"—"Das ist ja die allermerkwürdigste Religions Gesellschaft, die existirt; es sind doch keine Quäker?"—"Oh nein!—Sie haben kein transscendentales System. Ihr Glaube ist auf materiellste Irdischkeit gegründet!"—"Aber worin besteht nun ihre Staatsgefährlichkeit?"—"Sie hindern den glatten Vollzug der vom Staat gestatteten Privatverbindung zweier Personen in der sogenannten Ehe!"—"Wie so das?—Was hat die Ehe mit dieser Geheimbündelei zu thun?"—"Je nachdem der eine oder andere Theil der Ehegatten in diese Vergiftungs-Sphäre geräth, die Verzückungs-Uebungen dieser geheimen Gesellschaft mitmacht, wird er zu Hause unfähig zu der vom Staat in der sog. Ehe gestatteten und dem Staate erwünschten physiologischen Körperleistung!"—"Wie so?"—"Er wird für seine häusliche, eheliche Pflicht unfähig; sinkt zu den kraftlosen Bewegungen einer Puppe herab; vollführt gleichsam nur das Schema seiner legalen Empfindungen."—"Das ist ja die merkwürdigste Einwirkung, die man sich denken kann!"—"Ja, es liegt eine förmliche Vergiftung vor.—Und meist ist es der andere Ehetheil, durch den die Sache zur Anzeige kommt. Da er aber bei dem eigentlichen Verbrechen nie dabei ist, also auch keine Aussagen machen kann, die eigentlichen Criminellen aber durch ungeheure Schwüre sich Stillschweigen auferlegen, so ist der Staat fast nur auf Combinationen angewiesen, und muß hilflos einem Corruptions-Verfahren zusehen, welches in dieser Gegend tausendmal schlimmer wirken soll, als die Opiumkneipen in China und London!"—"Und Franzosen, sagen Sie, sind vorwiegend dabei betheiligt?"—"Ja, die Völkermischung hier, und die Freizügigkeit, und die mangelhafte Ordnung in den neuen Verhältnissen hat die Sache entsetzlich verschlimmert!"—

Wir gingen lange Zeit wieder schweigend nebeneinander einher. Die letzten Erörterungen hatten mir den Kopf so voll gemacht, daß ich keine Veranlassung hatte weiter zu fragen; oder wenigstens nicht in solange, als ich nicht das merkwürdige Verhältniß dieser Geheimbündler zur Ehe und die intimsten Vorgänge dabei einigermaßen verdaut hatte.—Wir waren schon auf dem Rückweg begriffen; die Stadt mit ihrem schönen Münster-Thurm lag vor uns. Mein Begleiter, der für landschaftliche Reize kein Interesse zu haben schien, und immer den Kopf zur Erde steckte, holte plötzlich ein Notizbuch heraus, in das er rasch eine Aufzeichnung machte.

"Ich habe da einen neuen Gedanken,"—sagte er, als er merkte, daß ich ihn verwundert ansah, und fügte dann gleich hinzu: "Es ist nur so schade, daß man fast gar nichts aus persönlicher Anschauung feststellen kann, sondern Alles im Kopfe erst construiren und ausrechnen muß."—"Ist Ihnen nie einer von den Criminellen zu Gesicht gekommen?"—frug ich, an diese eigenthümliche Äußerung anschließend.—"Vermuthungsweise.—Ich schaue auf der Straße Jeden darauf an und vigilire in allen Lokalen seit Monaten!" Bei diesen Worten nahm mich der Commissar scharf in's Auge, um gleich darauf mit Lächeln seine Prüfung aufzugeben. "Mein Gott," sagte ich, "die Betreffenden müssen doch faßbar sein, es sind doch Menschen?"—Erst nach einer längeren Pause antwortete mein Begleiter: "Menschen,—das wohl!" mit einem Ton, als wär' es ihm lieber gewesen, wenn es keine wären, oder etwas Anderes und Tieferliegendes; setzte dann aber doch hinzu: "Sie sollen sehr schön sein!"—"Ich muß noch einmal, Herr Commissar,"—bemerkte ich jetzt, um einen neuen Faden anzufangen,—"die Frage an Sie richten: Sind es Männer oder Weiber? Ich glaube, hier kommt man zuerst auf die Spur. Sie kennen als gewiegter Criminalbeamter gewiß den alten französischen Grundsatz: Où est la femme?"

Schon bei den ersten Worten hatte der Beamte seine Miene zu einem Essig-Gesicht zusammen gezogen und heftig mit der rechten Hand abgewehrt; "Ach,"—fing er dann endlich an,—"ich glaube Sie sind auf der falschen Spur; aber um Ihnen zu willfahren, kann ich Ihnen sagen: es sind Männer und Weiber, obwohl Sie wissen, wie gering ich da die Unterschiede anschlage."—"Männer und Weiber?"—frug ich.—"Männer sowohl wie Weiber!"—"Haben Sie denn nie mit einem Collegen darüber gesprochen, der in diesen Dingen etwas zu Hause ist,—es kommen da so manche intime Vorgänge in Betracht?"—"Ach,"—sagte er,—"mit einem Collegen über solche Sachen reden, da gibt man das Heft schon aus der Hand; und dann, Sie wissen, was ich über die zufällige Eintheilung der Menschen in Männer und Weiber denke; Verbrecher ist Verbrecher; obwohl regierungsseitlich sogar ganz bestimmte Aeußerungen in dieser Hinsicht vorliegen."—"Was meint die Regierung in diesem Punkt?—wenn es nicht ungeschickt ist von mir, soweit in Sie zu dringen?"—"Die Regierung unterscheidet in dieser criminellen Sache jene beiden Parteien, die sich seit Alters her auf so sonderbare Weise anziehen,—die Männer und die Weiber."—"So, also doch!"—bemerkte ich verwundert. "Ja, aber"—fügte der Commissar ärgerlich hinzu,—"es scheinen lediglich formelle Unterschiede zu sein."—"Welche denn?"—"Männer und Weiber arbeiten hier auf ganz getrennten Gebieten. Erstere viel geheimer und verschlagener; letztere weit offenkundiger und ausgedehnter; beide Parteien haben übrigens keinerlei Verkehr mit einander; kennen sich nicht und sind nur durch die polizeiliche Recherche nebeneinander gebracht; auch scheint es, daß das verbrecherische Fabrikat, mit dem die Weiber operiren, weit weniger faßbar ist,—fast nur ein Hauch,—als das der Männer; dagegen sind die Männer den religiösen Krämpfen mehr ausgesetzt; während bei den Weibern Alles mehr formelle Uebung, todter Maschinengang ist. Aber, wie gesagt, diese kleinen Unterschiede kommen nicht in Betracht; wir wollen den Verbrecher fassen, der mit seiner Mischung von religiöser Schwärmerei und körperlicher Niederträchtigkeit das Volk ansteckt, und die >moralischen Fundamente der heutigen Gesellschafts-Ordnung untergräbt<, wie der Regierungs-Passus lautet; wer es ist, ist uns gleich; wird einmal Eines von ihnen gefaßt, dann lügen sie sich doch in gleicher Weise hinaus, und schwören und betrügen, weil sie wissen, daß ihnen das Gesetz mildernde Umstände zuerkennen wird; weil sie meinen, mit ihrer reservatio mentalis, die viel mehr eine corporalis ist, kämen sie überall durch!"—"Mein Gott,—es sind doch keine Jesuiten?"—frug ich unwillkürlich.—"O nein,"—antwortete der Commissar,—"aber von derselben Pfiffigkeit und Geriebenheit!"—und fügte dann nach einiger Zeit mit dem Ton tiefer Resignation hinzu: "Die haben keinen Namen, die sind namenlos; oder man nennt sie, wie man alle Anderen auch nennt; oder wenn sie Special-Namen haben, dann wendet man diese sofort auch auf die übrige Menschheit an, und der Verwirrung ist kein Ende. In Frankreich haben sie an die fünfzig Bezeichnungen; frägt man dann auf der Straße: Wo ist ein solcher? dann deutet der Gefragte auf den nächsten besten Menschen, und lacht.—Nein, diese Verschworenen und Proselytenmacher schauen sich in's Auge, und geben sich die Hand, und dann wissen sie Alles; und die Polizei vigilirt, und zerbricht sich den Kopf, und setzt Himmel und Erde in Bewegung und erfährt Nichts!"—"Du lieber Himmel, das klingt ja wie Freimaurer!"—"O nein!"—sagte mein Begleiter, und mir fiel das Verzweifelnde in Stimme und Geberde auf,—"diese Sekte hat keine Kirche, diese Vereinigung hat keine Symbole, diese Verwegenen mischen Religionen und Verbrechen, und setzen sich mit einer einzigen kühnen That über gesellschaftliche Ordnung und bürgerliche Gesetze hinweg. O, ich fürchte,"—brach mein Begleiter plötzlich in krampfhaftes Schluchzen aus, und eilte laut demonstrirend und mit den Armen fuchtelnd voraus,—"ich fürchte, diese Rotte weiß, daß ich zu ihrer Vernichtung ausgesandt bin, sie hetzt ihre Mordgesellen auf mich, und wird nicht eher ruhen, bis ein kalter Stahl meiner spüren den Gedanken-Arbeit ein Ziel gesetzt hat...!"—"Mein Gott, Herr Commissar,"—eilte ich hinterdrein,—"beruhigen Sie sich!"—Wir waren bereits an die ersten Straßen der Stadt gekommen. Einige Leute wurden auf das Gebahren des Beamten aufmerksam. Ich nahm meinen Begleiter unter den Arm, und es gelang mir, ihn unter Hinweis auf die Wichtigkeit seines tadellosen Verhaltens als Criminal-Beamter soweit zu beruhigen, daß er äußerlich ruhig neben mir herging.—Es wurde jetzt nichts mehr gesprochen. Mein Begleiter war auch vollständig erschöpft. Nach einer Viertelstunde etwa kamen wir an die Wohnung des Commissars, nicht weit vom Polizei-Gebäude; sie lag im vierten Stock; es war ein kleines Stübchen, in dem außer den nothwendigsten Möbeln und einigen Büchern eine große Menge älterer und neuerer selbstgefertigter Manuscripte aufgehäuft zu sehen waren, und machte den Eindruck des Aufenthaltsorts eines armen, fleißigen, nüchternen, braven Junggesellen. Erst nachdem ich mich überzeugt, daß der erschütterte Mann, dessen Miene das Bild tiefer Desolation bot, sich in Etwas erholt, und er mir versprochen, sich sofort zu Bett zu begeben, verließ ich die Wohnung.—

Es waren vielleicht sechs Wochen seit dieser Unterredung vergangen. Ich hatte nichts mehr vom Commissar gehört, und vermied es, seine Bekannten, wenn ich sie traf, nach ihm auszufragen, um nicht unnöthige Aufmerksamkeit auf eine Person zu lenken, die in erster Linie Ruhe und Schonung bedurfte. Ja, ich hatte die ganze Angelegenheit in dem Mancherlei des Studentenlebens fast vergessen.—Aber eines Nachmittags begegneten wir einander auf der Place Kleber. Der Commissar sah blühend aus. Sobald er meiner ansichtig wurde, eilte er schon von ferne auf mich zu. Er schaute mir lang in's Auge, und, als er aus meinem Gesicht wohl merkte, daß die ganze Erinnerung an jenen Sonntag-Nachmittag in mir aufgetaucht sei, und es an ihm sei, mit einer Erklärung herauszurücken, begann er: "Nun, lieber Doktor, in der Zwischenzeit hat sich viel verändert; wir haben die Gesellschaft; wenigstens einen Theil; die eine Sparte; aber wundern Sie sich nicht, wenn nach all dem, was ich Ihnen damals sagte, nach all den Anstrengungen, die wir damals machten, um der Sache auf die Spur zu kommen, eine trockene Notiz Sie dafür entschädigen muß, was eine ungeheure criminelle Organisation ist, die, wie ich jetzt zu glauben anfange, über die ganze civilisirte Erde ausgebreitet ist."—Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, und wies mir im lokalen Theil eine blau angestrichene, stark abgegriffene Stelle. "Hier lesen Sie, welche klägliche Zusammenschrumpfung unter dem bureaukratischen Beobachtungsglas einer nüchternen Polizeibehörde eine Sache erfährt, die...." hier machte der Commissar eine aufgeregte Gestikulation, und fügte dann hinzu: "ich will mich nicht weiter ausdrücken."—

Die Lokalnotiz lautete: "Straßburg, den ... 187.—Gestern wurde eine größere Anzahl französischer Dirnen aus der Umgebung von Besançon und Belfort, die zum Theil noch aus der Belagerungszeit hier waren, zum Theil mit dem Einzug der deutschen Truppen sich hier festgesetzt hatten, auf Grund des Niederlassungs-Gesetzes für Elsaß-Lothringen und der neuen polizeilichen Verordnungen für Straßburg, Stadt, (Sitten-Controlle) von hier ausgewiesen und per Schub über die Grenze gebracht."

"Also das war der Gegenstand Ihrer eifrigen Nachspürungen!"—sagte ich nach einer Pause absichtlich verstellten Erstaunens, und fest entschlossen, kein einziges Wort mehr über diesen Gegenstand mit dem Commissar zu verhandeln.—Er schaute mich an mit einem Gesicht, als hätte er jetzt erst die Anfangsgründe einer neuen und der denkbar schwierigsten Sprache erlernt.-Und dann, nach einer Pause, als Niemand eine passende Wendung zum Auseinandergehen fand, frug ich noch: "Nun, und die andere Sparte? Was ist mit den Männern?"—"Die,"—sagte der Commissar mit traurigem Kopfschütteln,—"die werden wir nie fassen! Die kommen unter den höchsten Ständen selbst vor!—Die...." (hier sagte mir der Commissar etwas leise in's Ohr)!—Dann gab er mir die Hand, und wir schieden stumm von einander.—

Der Corsetten-Fritz

Aus alten Märchen winkt es Hervor mit weißer Hand, Da singt es und da klingt es Von einem Zauberland. Heine

Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen. Jedes kannte das Andere; fast bis auf die Gedanken. Von früh auf leitete mein Vater selbst meine Erziehung. Ich mußte Lateinisch lernen, wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte. Die sicherste und intensivste Erinnerung, die ich aus dieser Zeit habe, ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel hatte er eine plärrende, heulende Redeweise. Zu Haus war er knapp, bestimmt, coramisirend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue. Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rock-Geräusch sich auf die Bänke niedergelassen, und das geistliche Geheul meines Vaters erfüllte widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gottes-Haus, so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung, und wollte überall eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen, und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was; das Schluß "A-män!"—und meine Seele kehrte wie der Geier zurück, ich erwachte; vor mir lag das Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern; am Altar waren die Kerzen tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schweiß von der rothen Stirn; die Leute rutschten feierlich und ergriffen; und auf dem Chor begann die Orgel ein leises Smorzando-Spiel.—Dieß ist die intensivste Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei jeder günstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem, nach etwas Aufzustöberndem; und dieses Nichts-Nach-Hause-Bringen.—

Später, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich in ein kleines Provinzstädtchen; zu Leuten, die mich ebenso streng von allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater; und die mir ebenso unermüdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines Daseins sei, Doctor der Theologie zu werden, und Sonntags Leute in Seidenkleidern und schwarzen Tuchröcken mit frappirendem geistlichen Inhalt zu füllen, plärrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses Programm war mir vollkommen geläufig; ich hatte mich auch vollständig mit ihm ausgesöhnt; aber, was meine Seele dazu sagen werde, jenes Wanderthier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und jeder Clausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich nicht.—

Ich heiße Fritz. Und als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolvirt war, mußte man mich wohin bringen, wo auch ein Gymnasium war. Dies that mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nächste Gymnasium war die Residenz. Eine Residenz, in der damals Künste und aller mögliche Luxus in reichster Blüthe stand. Und vor dieser irdischen Blüthe der Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundsätzen, wie mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines intensiven Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter strengster Ueberwachung, sozusagen unter Clausur, das nahgelegene Gymnasium zu besuchen.

Die Häuser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge, die geheimnißvollen Telegrafen-Drähte hoch quer in der Luft, die Schaufenster, die prunkenden Kirchen, die erstaunlichen Lettern mit ihren Behauptungen an den Straßen-Ecken, und was ich sonst auf der Reise und bei der Ankunft an großstädtischem Leben erwischte, machte auf mich einen fast lähmenden Eindruck. Ich schluckte alles hinunter, und wartete, wie es wirkte; und sagte gar nichts. Ich sah, man beobachtete mich, wie eine Taube, der man Cigarrenrauch in die Nasenlöcher geblasen. Ich wußte aber auch, ich ahnte, daß in dieser Stadt ein kolossales Geheimniß für mich verborgen lag.—

Soweit ging alles gut. Meine Leistungen in der Schule waren zwar wenig zufriedenstellend. Man schob es auf den plötzlichen Wechsel von Lehrer und System. Täglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter den höhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit Niemandem durfte ich verkehren. Nur meine Tante, eine Frau, die wohl damals schon mein Inneres durchschaute, mit jener instinctiven Sicherheit, die den Männern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgängen und Commissionen mit.—Ich war etwa vierzehn Tage in der Residenz, und ziemlich exact fünfzehn Jahr alt, als mich eines Abends meine Tante im Flüsterton fortschickte, ihr ein Packet zu holen, welches sie in einem Hause hatte liegen lassen, und das sie noch für den gleichen Abend zu einer Einladung benöthigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal zum erstenmal befand ich mich, und jenes Ding in mir, welches quasi ohne jeden Zusammenhang mit der Welt, als Seele, sozusagen auf eigene Verantwortung, in mir fungirte, beide miteinander im Einklang. Wir eilten auf Windesfüßen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im Besitz des Packets, merkte ich erst, daß ich unbewußt so geeilt war, um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschloß, ihn so gut wie möglich auszunützen. Ich wollte etwas von der fürchterlich tosenden Welt sehen. In der Ferne lag ein großer, dampfender, hellerleuchteter, mit Menschenlärm und Wagen-Gemurmel erfüllter Platz. Dort beschloß ich hinzugehn. Zum erstenmal war ich mit meinem Instinct ganz allein und souverän in der Welt. Ich konnte hin und zurück, ohne mich in der Zeit auffällig zu verspäten. Ich hatte ja noch Zeit gut. Bereits war ich auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der radiär auslaufenden Straßen den großen Platz zu gewinnen, als ich plötzlich, gerade knapp vor der Ecke, vor einem großen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen, stehen blieb, und fassungsund willenlos, wie ein angeschossenes Thier, dort hineinstarrte, und mich, mein Packet, meine Umgebung, meinen Auftrag vollständig vergaß.

Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau alles so zu beschreiben, wie ich es sah, und wie ich es empfand: Hinter dem riesengroßen, spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen, oder schwebten, oder stacken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe mit d'rangelassener Hüfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich, glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant, und wie zum Umarmen und Küssen eingerichtet; also keine Menschenschlächterei, sondern—wie soll ich sagen!—leichenartig conservirte Hüften mit vorgequellter Brust, Menschen-Mumien, aber unter Berücksichtigung und Conservirung des kostbarsten Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom schneeigsten Weiß bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also herausgeschwitzt, und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit anderen Farben eingefaßt; besonders ein orangegelber Leib nahm meine ganzen Sinne gefangen; er war schwarz gerändert; die Hüftenschwingung zart; die dünnste Stelle zum mit Knabenhänden umspannend ergötzlich; die Ausladung der Brust kühn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle Figur, ein Ideal-Wesen. "Magst Du herkommen, wo Du willst,—rief ich innerlich mit einem überquellenden Impuls—und wenn Du auch nur ein Stück bist, so bist Du doch prachtvoll, Du gleisendes Orange-Wesen, und wenn ich Dich besäße, dann wäre wohl mein Glück gemacht!"—So sprechend beugte ich mich ganz über die quer laufende Eisenstange, welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, hinüber, um mein süßes Orange-Wesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam mir doch ein Stück Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, wieso diese Bruchstücke von Individuen hierherkämen. Sollte irgendwo eine so kostbare Menschenrasse leben,-begann ich zu grübeln,—von der ich noch nichts weiß, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige, glitzernde Menschenrasse, ähnlich dem, was unter den Vögeln die Kakadus und Kolibris sind! Aber warum hat man Kopf und Hals weggehackt? Und die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schönste sind. Es sind eben Menschenbälge! Aber nicht federartig, wie die Vögel; sondern seidenartig glänzend; Menschen-Hülsen von einem prachtvollen Geschlecht! Könnte man da nicht hinkommen, wo Die leben? Und glücklich sein?—Ich schaute jetzt genauer hin. In der That, der Inhalt dieser Leiber, obwohl blühend weiß und flockig wie frische Schlagsahne, war doch künstlich; war angefüllt;—oh, ich lasse mich nicht so leicht täuschen!—und es sind also veritable Menschen-Hülsen; natürlich! Man kann doch das Blut und die Eingeweide nicht drinnen lassen! Und man füllt es mit Weiß aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob wohl solche Exemplare noch lebend anzutreffen sind?—fuhr ich weiter für mich zu fragen fort.—Und wo Die sich aufhalten mögen? In einem fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mögen sie wohl in der Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe! Und werden dort von Schurkenhand eingefangen und abgehäutet!—Einerlei—fuhr ich nach einigem Bedenken fort,—jetzt sind sie da; und jetzt gilt es, sie zu erwerben. Denn offenbar,—darüber war ich orientirt—ist das, was hinter diesen Riesenscheiben aufgestellt ist, zu verkaufen. Aber wer kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein König! Mein Gott, rief ich, was wird dieser orangene Menschen-Vogel kosten? Gewiß einige Zehntausend Gulden. Die werde ich nie besitzen. Und so werde ich im Leben nie glücklich sein...!

In diesem Augenblick geschah etwas Entsetzliches. Zwischen meinem Orange-Menschen und seinem dunkelblauen Kameraden nebenan erschien plötzlich ein schwarzbärtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem ausgestopft-süßlichen Lächeln angrinzte, und unversehens von Hinten mit zwei Armen mein Orange-Bild umfaßte, und es liebkosend nach hinten trug. Ich war außer mir vor Wuth. Und eben wollte ich mit geballter Faust die Glasscheibe zerschmettern, um das Ideal meines Lebens zu retten, als ein brauner, eiserner Vorhang zwischen mir und der Glasscheibe mit schrillem Geräusch niederging, und mich mit einem Ruck wie vor die Felsenwand "Sesam öffne Dich!" brachte.—

Ich schaute um mich. Es war stockfinster. Nur wenige Menschen eilten schnellen Schritts vorüber. Der große Platz war leer, wie ausgestorben. Mein Paquet? Ich hatte es noch in der Hand. Ich lief zitternd vor Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natürlich kam ich zu spät. Aber dieses Zuspätkommen, welches unter anderen Umständen mich tief beunruhigt hätte, ließ mich fast theilnahmslos. So hatte das vorausgehende Ereigniß auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo ich gewesen. Man inquirirte mich. Onkel und Tante waren außer sich, daß ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmählich mißbraucht hatte. Ich erklärte mit großen Augen, ich hätte eine seltsame Begegnung gehabt, die mich festgehalten hätte. Man schüttelte den Kopf, und wollte Näheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Näheres sagen. Ich bat nur, zu Bett gehen zu dürfen. Ich hätte keinen Appetit. Dies wurde endlich zugestanden. Im Nu war ich in meiner kleinen Schlafkammer, und hatte mich gleich darauf tief in die Bettdecken gewickelt.

In der Nacht träumte mir, und es erschien jener Rumpf-Körper, in golden-orangenes Licht getaucht, am Fußende meines Bettes. Wie ein strablendes Wesen aus dem Jenseits. Wie eine odische Erscheinung. Ich weiß nicht, träumend oder wachend, erhob ich mich von der Lagerstatt und starrte das entzückende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor und streckte die Hände mit fibrirendem Verlangen dem Bilde entgegen. In diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf, mit einem höhnischen, wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rückwärts leis und lautlos das prachtvolle Bild an sich. Mit einem Schrei erwachte ich.—

Von diesem Morgen an war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte jetzt plötzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagirte nun nicht mehr herum. Wenn sie sich überlassen war, wußte sie, an wen sich zu halten. Sie entfloh in jene dämmerige Gasse, vor das glänzende Schaufenster, und conversirte mit jenem Orange-Wesen, dem fabelhaften Menschenrumpf, dem entzückenden Ueberbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen Geschlecht. Leider wurde meine Seele mit dieser ihrer phantastischen Arbeit so übermächtig, so exclusiv thätig, daß meine Aufmerksamkeit, die Fähigkeit, meine Geisteskräfte zu concentriren, immer schwächer wurde, und zuletzt unterlag. Nicht nur in der Classe, beim Uebersetzen von Cicero oder Ovid, in der Kirche, zu Hause, wenn mein Onkel ernste Aufsätze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen, war ich schweigsam, die Aeußerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt. So kam ich in den Geruch, zumal auch meine Noten in der Classe immer ungenügender wurden, eines talentlosen, faulen, dummen Menschen.

Darüber verging etwa ein Viertel-Jahr. Mein Orange-Ideal hatte ich in der Wirklichkeit nicht wieder seit jenem Abend gesehen. Noch ein ähnliches seines Geschlechts.—Eines Nachmittags waren Onkel und Tante ausgegangen. Es war Sonntag. Die Köchin war allein noch zu Hause, und schickte sich, wie ich vermuthete, an, ebenfalls auszugehen, da es ihr freier Nachmittag war. Ich sollte zu Hause bleiben und lernen. Mißmuthig ging ich im Zimmer auf und ab. Plötzlich kam mir der Gedanke, wenn ich den ganzen Sonntag Nachmittag allein zu Hause bleiben sollte, mir noch ein Glas Himbeer-Wasser von der Köchin zurecht richten zu lassen. Es war Sommer, und ein heißer Tag. Die Köchin hatte den Schlüssel zu diesen Süßigkeiten. Eben hatte ich die Thürklinke in der Hand, und war im Begriff über den Corridor zu gehen, als mich ein weiterer Gedanke auf einmal leise auftreten ließ. Die Köchin war eine hübsche Person. Sie hatte große, dunkle, vielsagende Augen. Ich war über die Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen sehr wohl orientirt. Ich hatte durch Zufall sogar diese Abweichung in der Bildung der Scham bei kleinen Mädchen schon beobachtet. Was mich, nebenbei gesagt, hier einzig verdroß, war, daß die Urin-Bereitung mit jenen differenzierten Organen vergesellschaftet war. Das heißt, ich konnte mir nicht klar machen, warum zur Entleerung des Urins bei Knaben und Mädchen verschiedene Organe nothwendig seien.—Ich wollte durch's Schlüsselloch der Köchin in's Zimmer schauen, um zu sehen, wie sie aussehe, was sie treibe. Nahe bei der Thüre angelangt, hörte ich schon nesteln und rutschen und herumwirthschaften. Aber kaum hatte ich das Auge an's Schlüsselloch gebracht, als ich, starr vor Entsetzen, und unfähig, mich auf den Füßen zu halten, beinahe mit dem Kopfe gegen die Thüre gefallen wäre. Ich lief eilig ins Wohnzimmer zurück, wo ich keuchend mich an einem Möbel anhielt, um das Gesehene zu verdauen, zu überlegen, mir klar zu machen: Die Köchin stand mit nackten Aermen in ihrem Zimmer; an ihrem Bett; der Hals ebenfalls nackt; das Hemd war tief ausgeschnitten; zwei weiße, helle, lebende Kugeln sprangen dort, wo das Hemd aufhörte, hervor, und von diesem Rand an abwärts hatte die Köchin, sowohl gegen die Arme sich verbreiternd, als nach unten den ganzen Leib verhüllend, eine jener farbigen, eingefaßten, starren, getrockneten Menschenhülsen, wie ich sie damals hinter der Glasscheibe gesehen; wobei ich nur das Eine nicht begreifen konnte, wie die Köchin diesen fremden Menschen-Ueberzug über sich hinübergebracht hatte; denn die Köchin war ein starkes Frauenzimmer; der Ueberzug hingegen knapp und eng, auch war mir nicht entgangen, daß dieser hohle Balg an Farbenpracht bei weitem hinter jenen zurückstand, die, wie mein orangenes Ideal, damals in der Abend-Beleuchtung in jener Straße geglänzt hatte. Und nicht übersehen war von mir das ernste, strenge, fast pathetische Gesicht, welches die Köchin bei ihren vielerlei Manipulationen gemacht hatte.—Ich setzte mich jetzt auf den bequemen Lehnstuhl im Zimmer, und überließ mich ganz meinen Empfindungen und Erwägungen.

Eine der wichtigsten Entdeckungen, das war mir klar, hatte ich jetzt gemacht. Also die Köchin hatte sich in den Besitz eines solchen abgebälgten Menschen-Ueberzuges zu setzen gewußt. Er war nicht so schön wie die andern; stammte vielleicht von einem im Norden wohnenden, schwerfällig im Nebel sich bewegenden, mythologischen Geschlecht; während mein OrangeLiebling, darüber konnte kein Zweifel bestehen, sich vor Zeiten in einem sonnigen Klima, wie ein Kolibri in der Luft geschaukelt hatte. Also Menschen-Bälge werden vom Norden, wie vom Süden her, zu uns gebracht, importirt; und bis zur Köchin herab kauft sich jede so einen Ueberzug und zwängt ihn sich über den Leib. Warum? Ja, das weiß der Himmel! Und die nordischen Bälge sind mehr grau, dickfaserig, schwartenähnlich, derb, wahrscheinlich billiger, für den Köchinnen-Geldbeutel berechnet; die südlichen mehr kolibri-artig, farbig, heller, aufgelockerter, goldiger und geschmeidiger, für Fürstinnen und Baronessen berechnet, und natürlich unbezahlbar. Und Juden sind es, die diese entfernten Menschenrassen abschießen lassen, die Bälge importiren und verkaufen; und daran ihr Geld verdienen. Aber wie müssen diese Menschen aussehen? Oder sind es gar keine Menschen? Sondern Vögel! Oder eine Misch-Race? Sie haben also also fing ich jetzt an zu construiren—einen höchst zarten, gracilen Leib, das heißt, Hüfte, Taille, Brust und die zwei höchst interessanten, an ihr hervorspringenden, schäumenden Kugeln; rechts und links von der Brust fliegen zwei weiße, nackte, schlanke Arme heraus, zum Rudern, zum Fliegen; farbige fledermausartige Flughäute verbinden diese ihrer ganzen Länge nach mit dem Körper, wie aufgebauschte Regenschirme; und zwischen den zarten, Perlmutter-Fingern, noch weiche, durchsichtige Schwimm-Häute. Oben an die Brust setzt sich ein blendend-weißer, vielleicht schon befiederter Hals an; dann folgt ein Mäulchen von Corallenfarbe, ein spitzes schlankes Näschen, hinter blau-grünen Wimpern versteckte schwarze Augen-Punkte, citronengelbe Augenbrauen; und dieß Alles umspült, umflattert, umwogt, je nachdem der Wind geht, von einem Wald, von Wellen-Strähnen blau-schwarzer Haare, die die Perlmutter-Oehrlein, die Wangen, Kinn, Gesicht, die Brustballons, ja stellenweise die ganze Gestalt in ein Netz von dunklem Wirrwarr einhüllen. Eine Stimme von einem süßen "Pi-pi-pi-pi-pi!" wird dieses Flatter-Geschöpf vielleicht von sich geben. Unten, unterhalb der Hüfte, folgen natürlich keine Beine, die überflüssig wären, sondern ein Ruder-oder Luft-Schwanz, der zweispaltig in eine Flosse endet, silbern beschuppt ist, und mit bläulichen und grünen Reflexen um sich schlägt und die Direction angiebt. Unter Canarienvögeln und geschwänzten Affen treibt sich dieses kostbare Geschöpf auf einer Insel in einem Urwald herum, schaukelt und gaukelt, schnalzt und zwitschert, und erfüllt die Luft mit Farben und Tönen. Das war die Rasse, aus der ich mein Orange-Ideal abstammen ließ, und alle farbigen Bälge, die bei uns von den Fraunzimmern aus weiß der Himmel welch neidischen Gründen auf dem bloßen Leib getragen werden.—Weit weniger gern vertiefte ich mich in die nebelhafte, nordische Species, die seehundähnlich, mit grämlichem, naßglatten Gesicht in der aufgelockerten mit Schnee-und Crystall-Nadeln erfüllten Luft umherschoß, und von deren fettigem, thranigem Leib jener Panzer abpräparirt war, wie ich ihn an unserer Köchin durch's Schlüsselloch hindurch gesehen hatte.

Das war mein System, auf das ich nicht weniger stolz war, als jene großen Philosophen, von deren Denk-Systemen ich knapp hatte reden hören. Mit mißtrauischen Augen betrachtete ich jetzt jedes weibliche Wesen, welches in unser Haus auf Besuch kam; um zu eruiren, ob sie sich, und aus welcher Gattung, mit einem farbigen Menschenleib umgebe. Ich war auch fest überzeugt, daß ich das einzige männliche Wesen sei, welches durch eine glückliche Combination von äußeren und innerlichen Ereignissen, zu der Kenntniß dieser infamen Menschen-Schlächterei gekommen sei. Trotzdem hütete ich mich, irgend jemand etwas von meiner Entdeckung zu verrathen. Aber ein ungemessener Stolz erfüllte mich, und mit Verachtung blickte ich auf alle die Männer, die lateinisch-und griechisch-geübten Professoren meiner Umgebung, die mit dünkelhaften Blicken in die Welt hinausschauten, und keine Ahnung hatten von dem, was in ihrer nächsten Nähe vorging. Umgekehrt schienen mir die Augen der Frauen, die oft mit eigenthümlichem Einverständniß auf mir ruhten, anzudeuten, als wüßten sie wohl, daß ich hinter ihre Schliche gekommen sei.—

Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrübeln, dieses Entdecken meiner Seele auf eigene Verantwortung hin, von entschiedenem Nachtheil war, das war mein Studium. Meine Fähigkeit zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, daß weder die großen Schriftsteller, noch die großen Mathematiker und Geographen, eine Spur jener Kenntniß hatten, die mir weitaus die wichtigste meines Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzählungen eines Odysseus, die Begebenheiten bei der Circe, sein Besuch bei den abgeschiedenen Seelen, oder die Metamorphosen bei Ovid konnten mich fest halten. Kam so eine Schlacht, bei der ich außer der Jahreszahl auch die Gefangenen und Gefallenen merken mußte, oder die Berechnung eines sphärischen Dreiecks, dessen Werth ich für mich mit dem besten Willen nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die sämmtlichen weiblichen Individuen meiner Bekanntschaft herbei, entkleidete sie, und examinirte die Farbe, Einfassungen und Abnähungen ihrer exotischen Bälge; oder ich ließ mir von dem Judenkopf meine Orange-Freundin bringen, die ich längst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen Fischschuppen-Schwanz und meergrüne Arme ich vergnüglich zwischen mir und dem Classen-Professor hin-und hertanzen sah.

So wurde ich achtzehn Jahre alt. Noch hatte ich keinem Menschen eine Mittheilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwägungen gemacht. Ich war jetzt in der obersten Classe des Gymnasiums. Bis dahin war das Aufrücken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte Classe, weil man ein Jahr lang in der dritten gewesen war, und in die dritte, weil man so lang in der zweiten war. Jetzt aber, zum Verlassen des Gymnasiums, hatte man ein schweres, eingehendes Examen aus allen Fächern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das wußte ich nicht.—Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde, und hörten zu unserer freudigen Ueberraschung, daß der Religionslehrer krank, und wir nach Hause gehen könnten. Dies war eine gefundene freie Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfügung hatte, und so viel wie möglich auszunützen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst Deinem Orange-Idol einen Besuch. Aber wie dahin gelangen? Seit meinem ersten damaligen Besuch in der Abendstunde waren zwei oder mehr Jahre dahingegangen. Unter so strenger Clausur war ich die ganze Zeit über gestanden. Der Weg war mir in Vergessenheit gerathen. Wie ihn finden, und wie irgend Jemanden den Begriff davon beibringen, was ich wollte. Einem Mitschüler, der mir am vertrautesten war, und mit dem ich ein Stück des Nach-Hause-Wegs gemeinsam hatte, theilte ich soviel mit, als zur unumgänglichen Orientirung nothwendig war. Er hörte mich stumm und starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System muß doch mit hindurch filtrirt sein. Dann sagte er ruhig, und mit einer gewissen Gelassenheit, ich solle nur mitgehen, wenn er mir auch nicht dieselbe Menschen-Leiber-Ausstellung zeigen werde, jedenfalls werde es eine ähnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstündiger Wanderung kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem großen, spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine große Collection der von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenbälge zu sehen waren. Aber es war weder dieselbe Collection, noch so elegant, farbig und kostbar wie die von mir in Erinnerung gehaltene. Mein Orange-Wesen war nicht darunter. Trotzdem glotzte ich wie fascinirt diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbücher unter'm Arm. Mein Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmählich, merkte ich, blieben hinter uns mehrere Leute stehn. Es war ein Samstag. Aus dem Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Straße herrscht, entnahm ich, daß die Leute vom Markte kamen. Dicke Köchinnen, Bürgerfrauen u. dergl. schwankten schwerfällig vorbei: Ein Geschimpfe entstand, weil die Passage nicht frei war. Ich hatte mich ganz dicht an die Glasscheibe gelehnt, um das mir convenirende Stück herauszusuchen. Meine Nase blies einen großen Hof auf die Glasfläche.

Allmählich hörte ich hinten kichern und flüstern. Dazwischen vernahm ich die Stimme meines Freundes, der mit großer Ruhe und gedämpfter Stimme mit den stehengebliebenen Leuten conversirte. Einige Seufzer, die meiner Brust entstiegen, mögen von den Hinterstehenden gehört worden sein. Das Gedränge und Geschimpfe wurde nun immer ärger. Nun wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, daß mein Freund nicht mehr neben mir stand. Auch hatte ich mich an dieser mehr starkkalibrigen, farbenarmen und schwerfälligen Collection gemästeter Menschen-Bälge genügend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich wandte mich um, und wollte gehen. In diesem Augenblick empfing mich ein höllisches Gelächter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung, Schadenfreude, Alles durcheinander klang. Ich blickte in lauter geöffnete Mäuler mit faulen Zähnen und dampfenden Schleimhäuten. Die ganze Straße war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre Armkörbe emporhielten und mich mit winzig zugekniffenen Augenspalten ankiekten. Eine Menge von Stimmen und unartikulirter Laute drang auf mich ein, aus der ich zuletzt nur die eine breiig vorgebrachte Rede noch vernahm: "Gelten S' junger Herr, de san schön; a soichtene müssen S' Ihnen aussuchen!"—Ich wurde blutroth im Gesicht. Und kaum hatte ich mich durch das Gedränge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell ich konnte, davon, Denkmaterial wieder für zwei Tage im Kopf. Mein Freund war verschwunden. Durch fleißiges Erfragen der Straße fand ich mich nach Hause. Als ich mit gerötheten Wangen und fliegendem Athem ankam, und man mich frug, wo ich herkomme, antwortete ich: Aus der Religionsstunde.—

Am nächsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Classe trat, empfing mich ein vierzig-bis fünfzigstimmiger Ruf: "Corsetten-Fritz! Corsetten-Fritz!"—Die ganze Geschichte war ausgeplaudert worden. Ich hatte jetzt einen schweren Standpunkt. Und unangenehmer, als die Hänseleien, die nun begannen, berührte mich, daß mein so sorgfältig gehütetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen Hände und Münder gekommen war. Und als ein Glück empfand ich es jetzt, daß durch die strenge Ueberwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium, mein Verkehr mit meinen Mitschülern auf ein Minimum reducirt wurde. So blieb ich für sie ein Räthsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in dieser Isolirung war mir am wohlsten.

So kam das Schluß-Examen herbei. In allen Fächern hatte ich begründete Aussicht, glänzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes; da ich von früh an mich daran gewöhnt hatte, meine Gedanken und Empfindungen schriftlich niederzulegen. Als deutsches Thema erhielten wir "die Bestimmung des Menschen". Ich weiß noch, ich starrte diese Worte wohl eine Viertelstunde an, aber es fiel mir nichts ein. Ich wußte nun, daß auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grübelte ruhig weiter, um zu sehen, ob sich gar keine Gedanken angesichts dieses weltbewegenden Themas einstellen würden. Und es kam nichts. Ich merkte jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, daß nicht nur der Aufsatz eine schlechte Arbeit werden würde, sondern daß auch gar keine Aussicht für eine regelrechte, tüchtige, ehrliche Behandlung des Themas sei. Die "Bestimmung des Menschen?"—Ich wußte sie nicht! Hinter mir zupften mich meine Mitschüler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir Hülfe zu bekommen, und flüsterten: "Du, was ist die Bestimmung des Menschen?"—Ich wußte es nicht; und sie wußten es auch nicht.—Die Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben hätte: gottesfürchtig zu leben, und selig zu sterben,—die war mir wohl geläufig; aber das war ja nur eine schöne Rede, eine Phrase, die Jeder im Nothfall im Mund führt, und Keiner glaubt.—Trotzdem mußte mein Aufsatz in zwei Stunden fertig sein! In meiner Verzweifelung begann ich zu schreiben: Die Bestimmung des Menschen ist, die Räthsel, mit denen ihn diese Welt umgiebt, zu lösen, und sich zur ruhigen Geistesklarheit durchzuringen; so auf meine persönlichen Erlebnisse und den Gegenstand meiner Zweifelsqualen anspielend. Und nun begann ich, rückhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und äußerer Natur, die Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine Visionen und Peinigungen, bei Tag und bei Nacht, mein Occupirt-Sein durch jenes Orange-Wesen, darzulegen, und schloß die unermüdlich hingeworfene Studie mit der Emphase: das ist unsere Bestimmung, das ist unser Fluch, zu grübeln und zu spintisiren, die Schliche und Verhüllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale zu brechen, die Panzer abzureißen: ein Geschlecht läuft neben uns her, seltsam gebildet, mit ausladenden, outrirten Formen; die Blicke dunkel und verzehrend, die Haut schneeweiß, fuchtelnde Arme, auf der Brust zwei ungeberdige Ballen, die seltsam in der Kleidung versteckt werden; über Hüfte und Leib schillernde, seidene, farbige Ueberzüge von unbekannter, geheimnißvoller Herkunft; weiterhin sonderlich gebildet, alles glatt und weich, zart und behext; das einmal gesehen, die Phantasie nicht mehr losläßt, die Gymnasiasten verwirrt, ihnen das Gedächtniß auslöscht, sie dem Verderben zuführen will. Löse diese Räthsel, zerreiße die Schleier, decke Alles auf—das ist die Bestimmung des Menschen; um zu Ruhe und Frieden zu gelangen; im Uebrigen, selbstverständlich, gottesfürchtig zu leben und selig zu sterben; wie wir es auswendig gelernt haben.—

Den folgenden Tag und bevor noch das mündliche Examen begonnen hatte, wurde ich auf das Rectorat gerufen, wo mir bedeutet, daß ich wegen "unziemlicher Ausdrücke und unsittlicher Anspielungen im deutschen Aufsatz" zwei Stunden Arrest zudictirt erhalten hätte. Gleichzeitig wurde mir eröffnet, daß die Prüfungs-Commission durch außerordentliche Rücksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest für getilgt erachte, ich aber für den deutschen Aufsatz selbst wegen der darin gezeigten "Selbständigkeit in Behandlung schwieriger und abgelegener Thematas" die erste Note erhielte.—Diese erste Note wog so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, daß alle übrigen "Vierer" oder letzten Noten von ihrem "Ungenügend" etwas ablassen mußten. Und da ich, durch den Vorgang kuraschirt geworden, im mündlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir, gerade noch mit der letzten zulässigen Gesammtnota das Absolutorium zu erhalten, und damit das Reifezeugniß für die Universität.—

Ein Vierteljahr später befand ich mich auf der Hochschule einer mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen Charakters besonders berühmt war. Ich war jetzt bald 19 Jahre alt; und von der väterlichen Censur und verwandtschaftlichen Ueberwachung endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Räthsel und Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin so abgemüht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen, süddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie studirte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und der weit besser als ich im großen Leben versirt war. Nach etwa vierwöchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spät beim Nachhausegehen unter'm Arm und flüsterte mir merkwürdige, unerhörte Dinge in's Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen Hauses, wo auf eine bestimmte Klingel hin ein Haufen prachtvoller, schillernder, verführerischer Geschöpfe mit weißer Haut und goldenen Haaren hervorbreche, und dem Gaste seine Dienste anbiete. Man gebe ein Geschenk,—ein Gastgeschenk—das sei so üblich. Man wähle sich eines der Geschöpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine Stunde. Alles übrige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt sein, u.s.w.—Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibri-Geschöpfe finden, nach deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im Geheimen fahndete?—Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich über meine Unkenntniß und mein Verzagtsein nicht wenig erlustirte. Wir gingen abseits von der Hauptstraße durch schwarze Gassen, dann durch schwarze Gäßchen; es wurde immer stiller; durch das Sträßchen, durch das wir jetzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir mußten rechts und links weit ausschreiten, wie der Koloß von Rhodos, um uns nicht zu beschmutzen; keine Menschenseele begegnete uns. Endlich hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, geländerlose Stiege emporführte. Mein Freund schellte. Gleich darauf öffnete sich die Thür leise; ein Flüster-Austausch; und wir gingen einen steinernen, nur mattbeleuchteten Gang entlang; dann eine holprige, steile Treppe empor; ein Griff auf eine Thürklinke: und mein Freund schob mich in einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich ein tausendfach-fassetirtes Licht brach, und in dem uns ein helles, nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sophas und weichen Lederstühlen saßen und lagen prächtige, kostbargeartete, helle, phantastische Wesen mit purpurrothen Lippen, blitzend-weißen Zähnen, langen Haarsträhnen, kalkweißen Halskrausen und nackten figelirenden Armen, und schauten uns mit glashellen, bachklaren Augen an, als sähen sie heute zum ersten Mal

Menschen in runden Beinrohren und eingezwängten Tuchröcken. Mein Freund sprach längere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz, die in jeder Hinsicht dem gewöhnlichen Menschengeschlecht anzugehören schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten Geschöpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen Arm um meinen Hals, und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege höher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in dem alles aus Crystall zu sein schien, eine Menge Fläschchen, Näpfchen und Väschen mit irisirender Oberfläche umherstanden, und die Luft wie mit tausend schweren Gedanken beladen Einem in die Nase drang. Ehe ich mich's versehen, hatte das schlüpfrige Geschöpf eine Hülle nach der andern abgeworfen, und plötzlich stand vor mir, strablend in Gold mit schwarzer Einfassung, jenes Orange-Bild aus dem Schaufenster, meine zierliche Ideal-Göttin mit jener safranenen Hülse um Leib, Taille und Brust, die ich seitdem so oft als reproducirtes Hirn-Gespinst vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen Classen-Zimmer; aber nicht todt, ausgestopft, mit abgehacktem Hals, herausgezogenen Armen und Beinen; sondern lebend, vibrirend, als Ganz-Geschöpf, mit schneeweißem Hals, goldbesträhntem Kopf, blühenden Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern; und um die Mitte des Körpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei bläulichweiße Ballen mit Karminspitzen quellend hervordrangen. "Du unvergleichliches Wesen!"—rief ich, und stürzte mit einem Schlag auf die Knie',—"Dich kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich Dich, Du erscheinst mir im Traum und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften, schwarz-geschniegelten Juden! Wie bist Du aus jenem Schaufenster herausgekommen. Wo hast Du diese wunderschöne, orangene Hülse her? Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar. Kann man Dich kaufen? Du bist der Inbegriff alles meines Glücks auf dieser Erde. Ich würf' die ganze Theologie zum Teufel, wenn ich Dich besitzen könnte; einerlei, kommst Du aus dem Himmel oder aus der Hölle. Du bist köstlicher als der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was thust Du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flüssiger Granit oben aus Deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst Du in besonderer Luft? Nimmst Du Speise zu Dir? Werdet Ihr in Wagen gefahren, weil man Euch nie auf der Straße sieht? Hast Du damals das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquarium-Besitzer, dem Juden, davongelaufen? Lebst Du hier glücklich? Bist Du aus Glas? oder Seidenstoff? oder Orange-Farbe? oder Muschelmasse? Kann man in Dich hineinbeißen...?"—Ich weiß nicht, wie lange ich so gesprochen; noch, was ich gethan; noch, was mit mir geschehen ist. Das köstliche Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellen-Augen an; und entblößte die obere, weiße Zahnreihe; und die Hände waren nach mir ausgestreckt, dann weiß ich Nichts mehr. Ich muß bewußtlos geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige, steinerne Treppe in dem schwarzen Gäßchen hinunterstieg, und die frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte.—Mein Freund hatte mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwürfe, ich hätte nicht das richtige Benehmen an den Tag gelegt; gab mir eine schwulstige, geschraubte, ekelhafte Erklärung über die Bedeutung dieses Hauses und ihrer Insassen, die ich zum größten Theil nicht verstand, zum andern Theil überhörte über der Fülle inneren Glücks über das Gesehene und Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholz-Gerüche und der Ausdampfungen aus den Crystall-Schalen und -Fläschchen der Orange-Fee.—

Ich zog mich jetzt ganz zurück aus dem Studentenleben. Der offene Verkehr mit Meinesgleichen, und das harmlose Plaudern und Lachen über Dinge, die mein Innerstes brutal berührten, war mir ein Gräuel. Ich lebte ganz meinem Innenleben, und baute dort aus den wenigen farbigen Bausteinen, die ich der Außenwelt, die ich meinen paar Erlebnissen, im Hinblick auf jenes Feen-Geschlecht, entnommen, eine phantastische, gelbe, corsettirte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersättigte.

Um hier nicht unterzugehen, stürzte ich mich mit fürchterlicher Energie auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fühlte jetzt ganz genau jene Zweitheilung in mir vorgehen, die schon in frühester Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene Sphäre, in der ich uncontrollirbar schuf, creirte, produzirte; und aus der ich meist jenes kostbare, meinen Farben-und Formen-Durst stillende, gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandes-Sphäre, wo ich, unter Zusammennehmen aller fünf Sinne, keuchend wie ein Roß, meine Daten und Geschichtsquellen memorirte, und die trübe, fade Außenwelt mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.—

So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glänzend. Durch meinen eisernen Fleiß hatte ich die erste Note errungen; und erhielt vom Regierungs-Vertreter die Aussicht im Laufe des nächsten Vierteljahres angestellt zu werden. Ich war glücklich zum Emporjauchzen. Und dabei traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fühlte in meinem Innern eine höhnische Stimme, die sich über meinen äußeren Erfolg lustig machte.

Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit großer Freude empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie gewiß war, und ich inzwischen neunundzwanzig Jahr alt geworden, sprach mein Vater zum erstenmal mit mir über Verheirathung, über die Süßigkeit der Liebe, und schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen an dem andern Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn groß an, und sagte, ich wisse nicht, was er wolle. Hätte nie davon gehört. Der Gegenstand sei mir zuwider. Ich wüßte Besseres.—Aber eine andere Befriedigung wurde mir zu Theil. Mein Vater hatte für mich die Erlaubniß erwirkt, am folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu dürfen, und damit meine Antritts-Predigt zu halten. Dies war ein mächtiger Sporn für meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Corinther-Brief, und componirte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig. Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memoriren. Die Sache ging mit Spaß. Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen.

Am Sonntag früh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt hatte, ging ich, während die Gemeinde den Zwischenchoral sang,—ich vergesse, welchen,—langsam und überlegend auf den Steinfließen auf und ab. Plötzlich wurde mir merkwürdig zu Muthe. In meinem Innern schien etwas vorzugehen. Mich überfiel die Angst, es könne in meinem Innern sich etwas ereignen, über das ich nicht mehr die Controlle hätte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen, wie eine Maschine. Und, als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen müßte, ohne etwas thun zu können. Und dies, die Angst vor dem Kommenden, war die Quelle meiner Beunruhigung. Nicht die erste Sensation selbst, die nur überraschend und merkwürdig war.—Doch war ich nach einigen Minuten wieder frei; und ich bestieg die Kanzel. Ich begann meine Predigt äußerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie von selbst. Aber schon nach wenigen Sätzen, merkte ich, kam jenes Sakristei-Gefühl wieder. Und nun konnte, und mußte ich, zusehen, was geschah: Während meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte ich, wie sich in meinem Innern etwas ablöste; ein Maschinentheil davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe immer pensiv war, und meine Seele während der Predigt davonlief. Unwillkürlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbänke, und: da saß ich, als Junge, mit gläsernem, starren Blick: und gleichzeitig hörte ich die breite, wiederhallende Predigerstimme meines Vaters.—In diesem Augenblick wurde ich durch eine plötzliche Stille unterbrochen. Ich muß zu predigen aufgehört haben. Ich erkannte jetzt die Situation; ermannte mich, räusperte, und begann von Neuem; fest entschlossen, keiner Verführung mehr nachzugeben.—Aber meine Seele hatte ihre Tour schon begonnen. Und nun mußte ich mit. Mit auf die Lateinschule. Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straßen der Residenzstadt.—Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorirten Predigttext an, und suchte mein Inneres zu überschreien. Als ich an die Stelle kam,—in meiner Seelengeschichte—wo ich im Auftrag meiner Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einemmal, wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Höhe der Kanzel, quer durch die Luft zu mir kam. Ich erschrack, und wunderte mich, wieso derselbe in der Luft schweben könne; entdeckte aber bald, daß der Kerl, wie ein Kronleuchter, hinten am Rücken durch ein starkes Seil befestigt war, welches oben an der Kirchendecke mündete. Und vor sich her schob der Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart, jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet hatte. Ich war außer mir, über die Störung, und betrachtete meinen Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie übergossen war. Ich winkte dem Juden fort, und ließ deutlich erkennen, wie unangenehm mir der Besuch sei; und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hülfe des Kirchendieners mittelst eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb aber genau, wo er war, und lächelte fortwährend in gleicher Weise.—Bis dahin hatte ich mit äußerster Anstrengung meinen Predigttext nicht verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil überging, geschah etwas Unerhörtes. Die Glasthüren, die zur Gallerie der Kirche, zum Empor führten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine früheren Gymnasial-Kameraden von der ersten und zweiten Classe stürmten mit ihren Büchern herein, nahmen die Sitze rings um die Gallerie ein, und nach einigem Schnaufen und Flüstern hörte ich, wie einige lautgellend, lachend, riefen: "Ei, das ist ja der Corsetten-Fritz!"—Und "Corsetten-Fritz! Corsetten-Fritz!" folgte es jetzt im Chor. Anfänglich wollte ich die Störung nicht beachten; zumal ich überzeugt war, daß die jungen Leute exemplarisch bestraft würden. Als aber die höhnenden Zurufe immer ärger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genuß meiner Predigt wurde dadurch natürlich wesentlich verkümmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig, und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lärm so arg, daß der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich bat, plötzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der Sakristei. Damit verließ ich die Kanzel.

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