Oskar Panizza (continued 3)
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Aber so konnte das Ding nicht weitergehen. Gleich nach den ersten Tagen unserer Bekanntschaft machte ich Faitel Vorschläge hinsichtlich seiner Umwandlung in etwas modernem Sinne, und fand damit bei ihm die entgegenkommendste Aufnahme. Ich habe wohl nicht vergessen zu sagen, daß wir Beide Medizin studirten. Und daß Faitel auf dieses Studium verfiel, war nach Allem, was wir über sein physikalisches Aeußere wissen, gewiß ein günstiges Testimonium intellectus.—"Faitel",—sagte ich ihm eines Tags,—"Sie müssen Ihren Gang ändern; Sie sind ja vollständig contract; und dabei das Gespötte und Gelächter der Stadt!"—"Was kann ich vor de Misemischine,"—rief Faitel, und stampfte die Plattfüße mit großer Kraftentwicklung ohnmächtig auf den Boden,—"bin ich gegangen so mai Lebetag'; duht mai Vater aach so gehe, und is geworden der alte Stern Salomon!—Gäben Se mer ä neies Gebein; ich beßahls!"—"Bezahlen!" ich,—"das wäre schon Recht; aber wer wird im Stande sein Ihre englischen Knochen wieder gerade zu machen!?"—Wir kamen überein, einen Orthopäden zu Rath zu ziehen. Der ausgezeichnetste Vertreter dieser Disciplin erklärte aber, Itzig sei zu alt, die Knochen zu weit vorgebildet; empfahl uns aber den Professor Klotz, den berühmten Anatomen Heidelsbergs, behufs wissenschaftlicher Untersuchung des Skelets Itzig's. Wir gingen zu dem berühmten Mann. Derselbe stellte alle möglichen Messungen am nackten Itzig an, ließ denselben dann auf und ab gehen, und schlug zuletzt die Hände über dem Kopfe zusammen: so 'was sei ihm in seinem Leben nicht vorgekommen; er holte dann ein bekanntes Buch herbei: Meyer, Statik und Mechanik des menschlichen Knochengerüstes, Leipzig 1873, dessen 2. Auflage ihm übertragen worden war; mißmuthig meinte er, er müsse das ganze Buch mit Rücksicht auf Itzig umarbeiten; stellte dann dazwischen die merkwürdige Frage, ob es sicher sei, daß Itzig von menschlichen Eltern geboren. Dies konnte auf's unwiderleglichste nachgewiesen werden. "Dann",—schloß Professer Klotz seine Ausführungen,—"kann ich nicht alle Hoffnung aufgeben, die Gelenke des Studiosus Stern auf eine der humanen Bewegungsform ähnlichen Stufe wieder hinzubringen; nur—zögerte der berühmte Anatom,—die Mittel und Wege...."—"Ich beßahl's" rief Faiteles, von einer plötzlichen Ahnung erfaßt, schnell dazwischen,—"ich beßahl's! ich beßahl mei neie Statür; Herr Profäßer soll'n haben viel Geld-era, Deradáng! Deradáng! (sehr breit zu sprechen). Ich beßablera! Deradáng! Deradáng!" (Aufspreizen der Hände in Achselhöhe; Einhaken in den Westenausschnitt; pendelförmiges Hin- und Herwippen mit dem Oberkörper; lächelnde Mundstellung; obere Zahnreihe entblößt; reichliche Speichelabsonderung.)
Nun kamen schwere Zeiten für Faitel. Tage-und Nächtelang hing er in der Streckschwebe, um durch das eigene Körpergewicht die skoliotischen Knochen zum Dehnen zu bringen, oder stack im Gyps-Corset; das Nackenband wurde durch blutige Operation verkürzt und straffer gehalten, um Faitel den Anblick des Himmels zu ermöglichen. Wochenlang mußten die in neue Charniere gebrachten Knochen beim Turnlehrer geübt und weitergebildet werden. Alles geschah in eigens für Faiteles anberaumten Privatstunden, da Niemand mit ihm zu üben Lust hatte, noch seine Uebungen für sich brauchen konnte, noch auch Faitel bei seinen halsbrechenden Exercitien gesehen sein wollte. Enorme Summen wanderten in die Hände der Gymnastiker, Bandagisten, Orthopäden und—des Professor Klotz, der das Ganze leitete und überwachte. Nach einem Vierteljahr waren leidliche Resultate zu sehen. Die Säbelbeine natürlich konnten von all diesen Correctionsversuchen nicht betroffen sein, da es für sie kein tiefer gelegenes Gegengewicht gab, um sie zum Strecken zu bringen. Man beruhigte Faiteles, indem man ihm zu verstehen gab, solche Beine kämen auch bei andern Menschenklassen, bei Bäckern u. dgl., vor. Aber Faitel war unermüdlich; seit sein spitzes Kinn nicht mehr in die Plastron-Cravatte sich einbohrte, war er fest entschlossen "ßu werden aach a fains Menschenkind wie a Goj-menera, und aufßugeben alle Fisenemie von Jüdischkeit".—Es kam damals gerade jene kühne Operation auf, die man brisement force nannte; man zerbrach absichtlich einen stark gekrümmten Knochen, und behandelte ihn dann wie einen zufälligen Beinbruch, nur daß man die beiden Stücke in gerader Richtung an einander heilen ließ. Dieses Verfahren wurde bei Faitel Stern's Säbelbeinen angewendet. Mehrwöchiges Bettliegen für jedes Bein, mit Schmerzen und Verbänden aller Art, und ungeheure Kosten für ein Verfahren, zu dessen exacter Ausführung damals ein eigener Arzt von Paris kam, waren die Folgen und Nebenumstände dieser Cur.—Der alte Salomon Stern sandte Wechsel auf Wechsel, die jeder Geschäftsmann mit Freuden honorirte. Dann kamen wochenlange Gehversuche mit den neugeheilten Gliedern. Und wirklich, als nun Faitel Stern zum ersten Mal ausging, hatte er wesentliche Fortschritte gemacht. Er war etwas größer geworden, und sah schon einem respectablen Menschen gleich. Alles war und blieb noch lange recht steif; aber er konnte jetzt doch einen normalen Menschen vortäuschen. Das Gesicht sah kerzengerade hinaus; das Kinn zeigte sich erst jetzt fürchterlich lang und spitz; die Hühnerbrust war abgeplattet, und die Rockpatten verliefen gerade hinunter. Um Faiteles an dem gemeinen, behaglichen Hin- und Herwippen des Oberkörpers, wobei er sein näselnd-gurgelndes "Deradáng, Deradáng" hören ließ, zu hindern, wurde ihm, ähnlich wie bei Hunden, ein Stachel-Halsband, ein solches um die Hüfte, auf den bloßen Körper, gelegt, so daß er bei seitlichen Neigungen sofort heftig gestochen wurde. Dieß Alles ertrug Faitel Stern mit Heroismus, und stand dort schlank gebunden, wie eine Tanne. Aber die Hauptsache kam erst. Es war klar, daß man ihn mit der Sprache, von der wir einige Proben gegeben haben, nirgends einführen konnte. Es war der Ausdruck einer schmierigen, niedrigen, feigen Gesinnungsweise. Und wenn es sich auch zunächst nur um äußere Täuschung handelte, so wollte man doch diese so bald als möglich erreichen.
Da es hoffnungslos war, ihn mit seinem Pfälzisch-Jüdischen auf ein nächst-verwandtes reines Hochdeutsch zu bringen, so versuchte man, durch einen absoluten Gegensatz zu seinem bisherigen Sing-Sang, ihn auf rechte Bahn zu bringen; und besorgte einen hannoveranischen Hofmeister, dessen hell-näselnde, klirrende Sprechweise Itzig wie ein Schulknabe, Satz für Satz, nachzusprechen hatte, so daß er Hochdeutsch wie eine völlig fremde Sprache lernte. Sogar einige hannoveranische Studenten wurden gegen Collegienfreiheit und diverse Mittagstische veranlaßt, Itzig für ein ganzes Semester Gesellschaft zu leisten. Diese ganze Reihe von Maßnahmen war das Resultat einer sachgemäßen Besprechung mit dem berühmten Tübinger Linguisten damaliger Zeit, zu welcher noch der Heidelberger Physiologe zugezogen war. Diese Herren gingen von folgenden Erwägungen aus: In unserem Gehirn ist immer nur ein Theil der für die Sprache befähigten Partieen, und immer nur auf der einen Seite, rechts oder links, ausgenützt; ein Heranziehen jener bisher brach gelegenen Partieen zu neuen Sprachbildungen ist nicht ausgeschlossen, und findet durch die Natur selbst, nach Krankheiten u. dgl., statt. Nur ist bei solchen Versuchen aufs Sorgfältigste darauf zu achten, daß nichts in Wort-und Laut-Bildungen in der neuen Sprache an das alte Idiom erinnere; weil sonst Verwirrung entsteht; wie der Tübinger Spezialist sich ausdrückte: es muß eine neue Sprach-Insel bei Itzig gebildet werden. Und nun wurde genau untersucht, welcher deutsche Dialect mit dem Pfälzisch-Jüdischen Faitel's die geringste Laut-Verwandtschaft besitze. Man kam erst auf das Pommer-'sche. Aber Faitel war dieß zu hart. Endlich einigte man sich über dem Hannoveran'schen. Der Leser kann sich denken, daß diese feinen prognostischen Berechnungen ein horrentes Geld kosteten. Diese Sprach-Exercitien wurden ein ganzes Semester fortgesetzt.
Ich kann den Leser unmöglich mit all' den Ausstaffirungen, Veränderungen, Einpumpungen und Quaksalbereien aufhalten, denen Itzig Faitel Stern sich unterzog, mit der furchtbarsten Qual und mit größtem Heroismus unterzog, um ein gleichwerthiger abendländischer Mensch zu werden. Immer vigilirte er auf Neues, studirte geheime christliche Züge, copirte Mundverzerrungen, Backenaufblähungen und Agitationes, gefiel sich im heroisch-teutonischen Genre, wie in der blond-naiven, süßlächelnden Jünglings-Gangart. Der Teint, die weizengelbe Gesichtsfarbe Faiteles', mußte natürlich einem feinen, pastösen Bleiteint weichen, den Itzig vortrefflich aufzutragen verstand. Daß Faitel einmal vier Wochen hindurch sich von einer mir unbekannten Drogue, in Form von Gemüse nährte, um auf natürliche Weise zur kaukasischen Lichtfarbe zu gelangen, daraufhin habe ich ihn nur im Verdacht. Eine relativ einfache und ungefährliche Procedur, die aber die ungeheuerlichste Wirkung ausübte, betraf die Haare. Es kamen damals gerade die englischen Waschungen auf, die zwar, weil Geheimniß, unerschwingliche Kosten verursachten, die aber jedes beliebige dunkle Haar in ein prachtvolles Goldblond verwandelten. Die ersten englischen Friseure bereisten damals Deutschland, und ein solcher hatte sich in dem reichen, stets von hohen Herrschaften besuchten Heidelberg nieder gelassen. Faiteles war einer der Ersten, der sich der Prozedur unterzog. Mit ihrer Hülfe wandelten sich die pechschwarzen Sechserlöckchen Itzig's, unter denen sich immer ein verdächtig riechender Schweiß aufhielt, in goldene Kinderlocken; diese Locken wurden weiterhin mittelst eines nicht schmerzlosen Verfahrens in lange, germanische Strähnen ausgezogen; ein simpler, norddeutscher Haarschnitt wurde angebracht, und—der dumbe, tappige Germanen-Jüngling, wie ihn Schwind gelegentlich auf seinen Bildern angebracht hat, war fertig. Faiteles nannte sich Siegfried Freudenstern, und ließ seine Matrikel und übrigen Papiere umändern.
Faitel war jetzt ein ganz neuer Mensch geworden. Die letzten Prozeduren, die er so vorsichtig war, in den Ferien, in der Nähe der Stadt, vornehmen zu lassen, hatten ihn zum Nichtwiedererkennen verändert. Man schlug ihm vor, eine andere Universität zu beziehen. Er wies dies aber ab; vor allem weil er in der Nähe von Professor Klotz zu bleiben wünschte, der die gesammte psycho-physikalische Leitung Itzig's noch immer in seiner Hand hatte. Und in der That, Faitel wurde in Heidelberg, seit der Haarvergoldung, nicht mehr erkannt. Er war hannoveran'scher Gutsbesitzers-Sohn, und bewegte sich in der feinsten Gesellschaft. Die norddeutschen Schnarrlaute übte er mit spielender Leichtigkeit, und erzielte damit wo er hinkam ganz außerordentlichen Erfolg.—Aber Faitel's Ehrgeiz ging höher.—Faiteles! Scheener Jüd', fainer Jüd', eleganter Jüd',—so sprach oft Faitel zu sich selbst, aber nur in der Gedankensprache, wenn er vor dem Spiegel stand,—biste jetzt geworden ä Christenmensch, frei von aller Jüdischkeit? Kannste jetzt hin gehn, wo de willst, und dich hinsetzen zu de faine Leit, ohne daß Einer kann sagen: des is aach aner vun unnere Leit?—Faitel wußte, daß dem noch nicht so war. Ja, was Pomade, Schminke, weiße Steif-Leinwand, einige Meter Kammgarn, Wattons und etwas Lackleder an einem Menschen herzustellen vermögen, das war an Faitel geschehen. Aber, wie sah es innerlich aus?—
Hatte Faitel eine Seele? Darüber stritten sich schon seit Monaten alle jene Leute, Erzieher, Aerzte u. drgl., die mit ihm zu thun hatten, herum. Die Seele freilich, die nöthig war, um vor der Hochzeit ein paar heuchlerische Phrasen herauszubringen, oder im richtigen Moment einem armen Teufel ein paar Silberlinge hinzuwerfen, die besaß Faitel, wie jeder Andere. Aber Faitel hatte von jener keuschen, undefinirbaren, germanischen Seele gehört, die den Besitzer wie einen Duft umkleide, aus der das Gemüth seine reichen Schätze beziehe, und die das Schiboleth der germanischen Nationen bilde, jedem Besitzer beim Andern sofort erkennbar. Faitel wollte diese Seele haben. Und wenn er kein echtes Kölnisches Wasser haben konnte, wollte er das Nachgemachte. Er wollte wenigstens diese Seele in ihren Aeußerungen, in ihren Zutagetretungen sich aneignen. Man rieth ihm nach England zu gehen, wo der reinste Extrait dieser germanischen Seele zu finden sei. Sprachschwierigkeiten ließen diesen Plan bald wieder fallen. Ein bekannter Pädagoge meinte, ob man nicht durch Weiterbildung auf Grund der gewöhnlichen, ordinären, auch bei Faitel vorhandenen Seelen-Anlage, das höhere Ziel erreichen könne. Der berühmte Cambridge'r Professor Stokes hatte kurz vorher seine "psychological researches" herausgegeben, auf Grund deren er die primäre Seelen-Anlage bei Leuten wie Faiteles nicht als geistigen Besitz, sondern als mechanische Funktion, "rotation work", wie er sich ausdrückte, erklärte. Diese neue Theorie ließ von weiteren erziehlichen Versuchen bei Itzig Faitel abstehen.
Unter all diesen Prüfungen und Untersuchungen platzte Itzig einmal mit der Frage heraus: wo denn der Sitz der Seele sei?—Man mußte ihm erklären, daß seit Descartes den mißglückten Versuch gemacht hatte, den Sitz der Seele in die Zirbeldrüse des Gehirns zu verlegen, eine Localisation dieser geistigen Kraft nicht mehr probirt worden; daß vielmehr die Seele aus dem Zusammenwirken bestimmter körperlicher und geistiger Functionen zu verstehen sei; und daß, da letztere in bestimmter Art von der Qualität des Blutes abhängig sei, so könne man mit einiger Wahrscheinlichkeit den Satz aufstellen, der Sitz der Seele sei das Blut und seine wechselnden Zustände. Von hier aus hatte Faitel im Nu den Plan zu einer seiner kühnsten Prozeduren gefaßt; denn mehrere Tage nach jener Discussion hörte man ihn zu seinen intimsten Bekannten mit Frohlocken sich äußern: "Kaaf ich mer ä christlich's Bluht! Kaaf ich mer ä christlich's Bluht!" (obwohl ihm seine Erzieher diesen Jargon auf's Strengste verboten hatten.)—Der Leser wird den Kopf schütteln. Aber der Leser darf nicht vergessen, daß Itzig Faitel Stern Mediziner war, und auf allen einschlägigen Gebieten Bescheid wußte. Und ferner ist hier der Ort, daran zu erinnern, daß damals, als unsere Erzählung spielt, die Transfusionen aufkamen, die Blut-Einspritzungen aus einem vollsaftigen, blutreichen Körper in einen blutarmen, darniederliegenden Organismus durch Öffnen eines oberflächlich liegenden Blutgefäßes am Arm. Diese Operationen waren ungeheuer gefährlich, und sind heute bereits ganz verlassen. Man rieth Faiteles ernstlich ab. Er ließ sich jedoch nicht abhalten. Gleichwohl waren noch große Schwierigkeiten zu überwinden. Man hatte bereits sechs bis acht kräftige Leute aufgetrieben, die gegen luxuriöse Bezahlung jeder einen Liter Blut hergeben sollten. Als sie hörten, daß es für einen Juden sei, traten sie zurück, sprachen von dem durch die Juden am Kreuz vergossenen Blut, und waren nicht mehr zu bewegen, ihr Wort zu halten. Erst, als man mehrere kräftige Schwarzwälderinnen, die zur Messe gekommen waren, überreden konnte, sie müßten sich wieder einmal zur Ader lassen, war die Hauptschwierigkeit gehoben. Faitel setzte sich in einem Nebenzimmer selbst das Messer an, und, obwohl die Menge des zu entleerenden Blutes genau vorgeschrieben war, ließ er die offene Ader im warmen Bad spritzen, bis er ohnmächtig hinsank. Er wollte von der "Jüdischkeit" ablegen und ablaufen lassen, was herausging. Von den acht kräftigen Bauernmädchen wurden ihm dann im Laufe des Nachmittags acht Liter mit großer Vorsicht allmählich eingespritzt. Faitel ging nach mehrtägiger Bewußtlosigkeit unversehrt aus der gefährlichen Prozedur hervor. Aber über den Erfolg, den psychischen Erfolg, wollte er sich nie recht vernehmen lassen. Allzu groß schien derselbe nicht gewesen zu sein, denn nach mehreren Wochen finden wir ihn schon wieder bei neuen Versuchen, um sich in den Besitz der deutschen Seele zu setzen.
So ließ er sich, besonders in Damenkreisen, pathetische und sentimentale Dichterstellen vorsagen, und beobachtete scharf Mundstellung, Athmung, Augenaufschlag, Gesten, gewisse Schluchzlaute, die aus der mit Gefühlen übersättigten Brust nur mühevoll und heiser sich entrangen. Ja, als die Damen in den ästhetischen Theekreisen ihm nicht genug thaten, ließ sich Faitel aus dem nahen Darmstadt Hofschauspieler kommen, Helden und Liebhaber, und lernt mit ihnen Romeo-Monolage u. drgl.—Dieß hatte in der That größeren Erfolg. Faitel brachte jetzt mit großem Geschick in seiner Diction Sätze vor, wie: "Ach, ich sag' Ihnen, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mir's überlege, es wird mir oft dunkel vor den Augen und mein Herz preßt sich zusammen ...;"—dabei einige brüske Bewegungen, beide Hände auf die linke Seite der Brust gepreßt,—-es war doch ein ganz geschickter Gefühlserguß. Freilich das Auge ruhte bei ihm matt-zerflossen, wie eine verfaulte Kirsche, in der Höhle. Aber viele wußte er doch zu täuschen. Die gepreßten Athmungen machte er vorzüglich. Und er hatte einmal die Genugthuung, daß ein Commilitone von ihm in Damenkreisen sagte: dieser Siegfried Freudenstern ist ein Gemüthsmensch durch und durch.
Aber Faitel hatte noch eine Menge anderer, alter, erbgesessener Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitäten und Verschrobenheiten. Wenn ich oft Abends mit ihm spazieren ging, überließ er sich gern seinem Nachdenken, und—wollte er Religionsstunde recapitulieren, oder seine früheren Lehrer verspotten,—er begann dann mit veränderter, mäckernder Rabbinerstimme sich selbst wie folgt zu examiren: "Was duht Jehova zu Beginn des Dags?"-Dann antwortete sich Faitel in seiner eigenen Stimme, aber mit einem frechen witzigen Accent: "Er stutiret im Gesätz!"—(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber härnach?"—(Zweite Stimme:) "Härnach sitzt er und regiret die ganze Wält?"—"Was duht aber Jehova wiederum härnach?"—"Hernach sitzet er und ernähret die ganze Wält!"—"Was duht er aber dann?"—"Dann sitzet er und copuliret die Männer und die Waiber"!—"Wie lang copulirt der hailige Gott die Männer und die Waiber?"—"Drei Stunden lang cupulirt er die Männer und die Waiber!"—"Was duht er dann am Nachmittag der hailige Jehovah?"—"Am Nachmittag duht er nichts, der Jehovah; er ruht aus!"—"Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehovah? Wird er nichts duhn, der hailige Jehovah? Was wird er duhn? Was duht der Jehovah am Nachmitdag—He?"—(Nun schien eine entfernte spitzige Knabenstimme von der hintersten Schulbank zu antworten.) "Am Nachmitdag spielt der hailige Jehovah mit dem Leviathan!"—"Nadierlich! (fiel jetzt die Stimme des Rabbiners ein) er spielt mit dem Leviathan!"—-In solchen Stunden war Faitel überglücklich und geberdete sich wie ein wilder Junge. Wenn wir dann hinaus vor die Stadt kamen, nahm Faitel wohl auch gelegentlich sein weißes Taschentuch, hing es um den Hals, hielt es vorne mit zwei Zipfeln, und fing nun an in roulirenden Scalen mit heulendem Gurgellaut ganze Berge von Gesang loszulassen mit eigenthümlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir fremd war; bis ihm die Augen heraustraten und der Schaum vor seinen Lippen stand; dann brach er körperlich fast zusammen, und lief wie ein Trunkener, besinnungslos, neben mir her. Wenn er wieder zu sich kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnißvoll, und schien von einem unbekannten Glück durchfluthet.—Von Alledem durften natürlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und Geste perhorrescirten, die ihn an seine frühere Constitution erinnern konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, daß er, wenn allein, all den früheren Unfug weiter trieb. Tags über war er im europäischen Corset, eingeschnürt, überwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgürtel auszog, und lag im Bett, kein Zweifel, da wippte er wie früher mit dem Becken hin und her, steckte die aufgespreizten Hände in die fingirten Westenausschnitte, gurgelte und gröhlte, "Deradáng! Deradáng!" und die ganze pfälzisch-jüdische Sündfluth kam dann heraus.—Faitel hatte aber noch andere Dinge, die noch viel unausrottbarer waren, weil sie nicht, wie Bewegungen, vom Willen beherrscht wurden, sondern in seiner Phantasie steckten. Die Vollständigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches zu berühren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die alt-hebräischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen während seiner höchst dringenden Beschäftigung molestirten und Besitz von ihm ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden könnten. Da er diese Gebete nicht mehr wußte, oder nicht mehr mit Ueberzeugung sprechen konnte, so wuchs seine Angst nur um so mehr. Und nur der Umstand, daß die quästionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern sich nicht an den Menschen wagten, verschaffte Faitel die, freilich immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschäft mit Ruhe obzuliegen.—
Solcher Art war Faitel's Neubildung und Umgestaltung beschaffen. Innerlich war Vieles noch nicht neu besetzt, und alte Functionen noch in Thätigkeit. Aeußerlich war alles zugeglättet, gestriegelt, gut eingeübt und in promptem Gang. Alles in Allem mußten Faitel und seine Lehrer, Erzieher und Instructoren mit dem Erreichten zufrieden sein. Und Professor Klotz, dessen sorgsames Auge von Semester zu Semester mit höherem Interesse über seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem Beglückungsgefühl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der ein schwieriges Pferd endlich für die Manege hergerichtet, und jenem erhabenen Schöpfer, der einem kalten Erdenkloß Leben einhauchte.—Hatte nicht auch Klotz einem vertrackten Gerippe neues Leben eingehaucht?—Aber Eines fehlte noch: Es galt diese kostbar-gewonnene Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendländischen Reis sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mußte die mit fabelhafter Mühe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete die Theorie. In Praxis hieß dies: Die arme, aber schöne, flachshärige Beamtenstochter Othilia Schnack sollte dem enorm reichen Gutsbesitzers-Sohn Siegfried Freudenstern die Hand reichen. So war es ausgemacht, und so war es Faitel zufrieden. Ein Gut war in der That vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf saß, (welches fast ganz ihm gehörte) bei Hannover angekauft, um den jungen Leuten als nächster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten, die schon einmal so vortrefflich Dienste als Sprachinstructoren geleistet, sollten seiner Zeit die nöthigen Familien-Einführungen in Hannoveran'schen Stadt- und Landkreisen besorgen. Einige wacklige Hypotheken auf den Elternhäusern der betreffenden jungen Herrn waren für diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon wohnte in Patzendorf) zur Einlösung bestimmt. Ein ganz fabelhafter Trusseau war bei den ersten Lieferanten Heidelbergs für den Fall des Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses übte nun wiederum einen unverhältnißmäßigen Druck auf alle Geschäftskreise in der Universitätsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, daß es schließlich hieß: die Verbindung muß zu Stande kommen; oder: dieß Verhältniß darf nicht rückgängig gemacht werden, als ob überhaupt schon etwas eingegangen worden. Das Mädchen Othilia, mit ihren sternhellen Augen, war ein offenes, liebreiches Geschöpf, aber mit einem starken Mädcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jünglings mit den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungünstiges, konnte aber ihren Verdacht nicht begründen. Der Vater, ein ängstlicher Mann, der durch Bravheit und Rechtschaffenheit es vom Diurnisten zum Subaltern-Beamten gebracht, war eine ängstliche Natur, die immer horchte, nie Nein sagte, mit kleinen Schritten trippelnd hin und her ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestärkten, aufgeschlagenen Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, daß etwas wie eine Familiensitzung im Anzug war, Hut und Stock nahm und einen Spaziergang machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfällige, hie und da noch etwas gern scharmirende, aber energische und tüchtige Wirthschafterin, war entschieden für die Verbindung. Sie besaß bereits taubeneigroße Brillantsteine von Faitel Stern in den Ohren. Dieser klugen Frau war nur verdächtig, daß die Heidelberger Professoren, besonders die Mediziner, sich für das Zustandekommen der Heirath so erwärmten. Natürlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode, Stickereigeschäfte, Kuchenbäcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen, Unterhändler, Kutscher und Packträger für die Verbindung. Auch die Freundinnen Othilias waren eher für die Heirath. Die protestantische Geistlichkeit—Othilia war protestantisch,—nickte ebenfalls beifällig zu dem ganzen Projekt. Daß man von Faitel's Verwandten gar Niemanden sah, verursachte einige Beklemmung in der Familie Schnack. Es hieß, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus dem Hannoverschen! Aber, wenn nur ein Bruder, oder noch lieber eine Schwester, des Bräutigam's sich gezeigt hätte! Aber die krächzende Brut hinten in Patzendorf hütet sich natürlich einen Laut zu geben.
Faitel war jetzt im sechsten Semester; seine Kenntnisse und seine gute Führung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hieß, Professor Klotz habe den jungen hannöverschen Studenten, der eben sein Examen absolvirt, zu seinem Assistenten ernannt. Diese Ernennung bedurfte der ministeriellen Bestätigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gerücht von der reichen Heirath in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfürsten konnten alle diese Gerede nicht entgehen. Und eines Tages theilte der Bureauchef dem alten Schnack mit schmelzendem Lächeln mit, man habe in Karlsruhe,—bei Hof,—von der Verbindung seiner Tochter—gesprochen. Jetzt war's fertig! dem alten Diurnisten blieb der Kopf starr und lautlos hinter der Cravatte stecken. Nicht einmal zu einem Schnappen brachten es die beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getüpfelten Lippen; bis der lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschößen wieder draußen war. Dann warf der alte Schnack spritzend die Kielfeder auf das Arbeitspult, nahm Hut und Stock, und eilte keuchend nach Hause. "Bei Hof! Bei Hof!" Jetzt gab's kein Halten mehr. Die arme Othilia, die zitternd zugehört, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter, und erklärte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein Billet an den Herrn Assistenten Freudenstein; und die Hochzeit ward anberaumt.—
Lieber Leser, nun hab' ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden. Hast Du jemals gehört, daß Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer Rand mit einem Streifen kostbaren Pelzes besetzt ist, um glauben zu machen, der ganze Mantel sei so gefüttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit! Eine kleine Schwäche! Trägst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst möchte Dir der Pelz eines Tags auf's Maul fallen, während Du in der höchsten Athemnoth bist. (Wenn Du aber ein Weib bist, dann magst Du ihn tragen). Aber das Bischen Pelz, nicht wahr, so viel Gerede darüber!—Gut!—Hast Du aber schon, lieber Leser, solche Leute gesehen, die um ihre Seele solche Pelze tragen? Um die löcherige und schäbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um zu thun, als hätten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilität! Wenn irgend eine brave, offene, vielleicht noch in ihrem zu enge gewordenen Confirmations-Rock gekleidete Seele daran Ärgerniß nähme, oder getäuscht würde!—Besitzt Du vielleicht selbst Leser solche Umhüllungen für Deine Seele? O, dann schmeiß dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus! Es ist nichts für Dich. Nur das Weib darf lügen und sich in falsche Umhüllungen kleiden.—
Hast Du vielleicht, lieber Leser, schon Thiere mit einander sprechen sehen? Zwei Tauben, oder zwei Göcker, oder zwei Hunde, oder selbst zwei Füchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, kläffen, winzeln, wedeln und Körperkrümmungen machen! Glaubst Du, daß sie sich verstehen? Gewiß! Gewiß! Jeder weiß im Nu, was das Andere will. Aber zwei Menschen? Wenn sie schnüffelnd die Köpfe gegeneinanderstrecken, und sich ankieken; und dann ihre Gesichts-Taschenspielereien beginnen; blinzeln, äugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen blähen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmöglich! Sie wollen ja nicht. Sie können und dürfen ja nicht. Die Lüge hindert sie ja daran. O Roßbollen und Stink-Harz, ihr seid Köstlichkeiten gegen das, was aus der Menschen Munde geht!
Als Prometheus von Gott endlich die Erlaubniß erhalten hatte, Menschen machen zu dürfen, geschah es unter der ausdrücklichen, erniedrigenden Bedingung, daß selbe eine Eigenschaft besitzen müßten, die sie tief unter das Thier stellten. Prometheus, der nur eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die Lüge. O hundsföttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lügen-Zeichen geboren werden ließ! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem großen Lügenthurm zu Babel, wo die Menschen auseinandergehen mußten, weil sie sich schon damals trotz aller Räusperungen und Gesticulationen nicht mehr verstanden? Und wenn auch die germanischen Nationen, die zuletzt an's Schaffen kamen, am wenigsten davon erhielten, weil bei den vorhergehenden, asia tisch-romanischen Geschlechtern schon zu viel Lügensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.—O, Leser, wenn Du kannst, spuck diesen Dreck aus, wie faulen Schleim, und zeig Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zähne, so wie sie sind!—-Und jetzt hör' den Schluß der Faiteles-Comödie.—
Im Gasthaus zum "weißen Lamm" in der Martergasse in Heidelberg war der große Speisesaal mit einer glänzenden Gesellschaft gefüllt, die der Hochzeitsfeier von Othilia Schnack mit Siegfried Freudenstern beiwohnte. So etwas war in der Universitätsstadt schon lange nicht mehr gesehen worden. Ob der weltlichen Feier eine kirchliche Trauung vorherging? Das weiß ich nicht. Muthmaßlich. Die protestantischen Papiere für Freudenstern werden schon von einem mitleidigen hannöver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lüneburger Heide gab es viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Bürger durch eine Person wie Herr Dr. Freudenstern, der gleich ein Legat von 5000 Gulden zur Restaurirung des Kirchenchors hergab.—Auch der Leser muß sich jetzt noch, am Schluß der Affaire, alle Mühe geben, sich den "Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heißt der Held der Geschichte; ein blondsträhniger, hochgewachsener Jüngling steht vor uns, oder unterhält sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor Klotz, während das Compot servirt wird.—Freilich die Zahnbildung, die Lippenwülste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht mußten stehen bleiben, wollte man nicht ein Scheußal zusammenoperiren; und wer ein Auge für derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das sinnliche, fleischige, vorgemaulte Sphinx-Gesicht aus Egypten. Aber erstens hat nicht jeder das Auge für derlei Dinge; zweitens sieht man nicht Jemanden immer im Profil; drittens war Hochzeit, wo man unangenehme Dinge überhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer streitig, ob das egyptische Sphinx-Gesicht semitischen Charakters ist, oder nicht; fünftens hatte Klotz ganz elegant sich in einem anthropologischen Privatissimum, wo er den Herren Studenten Anleitung zur Bestimmung von Schädel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen, Freudenstern's Kopf-Bildung entspreche unter allen ihm vorgekommenen Beispielen am reinsten der Kopfform der seit historischer Zeit in Deutschland ansässig gewesenen Hermunduren.
Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weißen Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gäste herum, und zählte und zählte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit einem Dukaten bezahlt. Das Menu war nicht ganz nach seinem Geschmack, und nicht, wie er glaubte, dem Charakter eines Hotels ersten Ranges, wie des "weißen Lamms", angemessen. Der weiße Lamm-Wirth hatte rein französisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung Klotzens ausdrücklich befohlen worden. Ja, da kam Sauerkraut vor, welches der Wirth wohl in seiner Verzweiflung durch die französische Bezeichnung choucroute in seiner germanischen Roheit zu dämpfen gesucht hatte; vom Schwein waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glänzende Schwarten blinkten von all den Schüsseln, die als entremets in Mitte der Tafel für den ganzen Abend ein für alle mal postirt waren. Freudenstern saß zwischen der wachsbleichen Braut und Klotz. Ihnen gegenüber die Schnacks. Der alte Schnack, dessen schlottrige Gesichtshaut zurückzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethürmten Speiseverschwendungen, schaute durch seine großen Augengläser in Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen geübt waren. Ein paar Vatermörder mit blendend weißer Cravatte hielt den langen Hals mit dem ausgemergelten Kehlkopfe in correcter Haltung. Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknöpfigen Rock prangte ein Orden. Er war am Abend vor her aus Karlsruhe eingetroffen. Auch wurde Schnack verschiedentlicherseits mit 'Kanzleirath' angesprochen. Die Frau Schnack mit ihrem Embonpoint, überzogen mit vornehm-grauem Seidenstoff, schüttelte fleißig den Kopf hin und her; denn in ihren Ohren wackelten zwei taubeneigroße Brillantsteine. Ueber dieser Partie der Tafel lag eine schwere Wolke von Opoponax.—Man war beim Dessert.
Lieber Leser, nun mache Dich gefaßt! Etwas Außerordentliches scheint im Anzuge zu sein. Eine Schwüle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im Saale. Es war sehr viel Wein getrunken worden. Auch Faiteles hatte, von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun müssen. Ich weiß nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug. Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Mäßigkeit. Auf der andern Seite ist bekannt, daß plötzliche und ungewohnte Überschwemmungen des Hirns mit Spirituosen nicht nur krisenartige Explosionen im psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslösen, sondern auch Gehimpartieen, ich möchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal aufschließen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht für immer, geruht hätten. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob Faitel zu trinken gewohnt war. Was ich weiß, ist, daß er an diesem Festtag zum ersten Mal den Stachelgürtel, das Präservativ für seine correcte Haltung, abgelegt hatte. Niemand wird ihn darob schelten. Dieses Ablegen war symbolisch. Faitel war an diesem Tag definitiv in die christliche Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, daß am Hochzeitstag, dem eine Hochzeitsnacht folgte, welch' letzterer eine Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwürdige Schmuckgegenstand den Augen der thränenschweren Braut entzogen werden mußte.—
Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden muß, ist, daß Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsaß, den Blick glotzend unter die Tischtafel gerichtet. Sein Gesicht wurde oft purpurn und dann wieder käsweiß. Er schien auf eine ganz bestimmte Gedankenrichtung zu lauschen, die sich ohne sein Zuthun in ihm abspann, und die sein ganzes Interesse gefangen nahm; aber nicht ohne Zuthun von mehrerern Gläsern Cliquot, die er rasch hinunterstürzte, und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder füllte, da ja Wein im Couvert-Preis nicht inbegriffen war.—Faitel hob von Zeit zu Zeit die rechte Hand mit ausgestrecktem Finger empor, als wolle er "Pst! Pst!" machen, um besser auf seine inneren Stimmen horchen zu können. Denn im Saal war noch immer großer Trubel, Tellergeklirr und Geschnatter, da ja kein Mensch noch eine Ahnung hatte, was der Engel der Rache hier für ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugießen, wie man Oel einer erlöschenden Flamme zugießt. Wenn ihm die innere Erleuchtung, die über ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte er langsam den Oberkörper gegen die Tafel vor, und streckte ohne hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefüllte Glas, stürzte es hinunter, und hob dann die Finger empor, als wollte er sagen "Horcht! ob es kommt?"—Und es kam.-Der Inhalt dieser frenetischen Gedankenreihe schien ein heiterer, enthusiastischer zu sein. Denn Faitel schlug mit der platten Hand ein paar mal auf den Oberschenkel, daß es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradáng! Deradáng!" hören. Aber die Gäste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradáng" war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoßen übertönte weit diese ersten Mahnrufe. Und Klotz war in eifriger Unterhaltung mit seinem Nachbar zur Linken begriffen. Und nur die Braut zur Rechten überwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Körperhaltung in die Brust ein, und bekam zuletzt jene krüppelhafte Zwangsstellung, die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzählung kennt. Die Nächsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau Schnack, waren nun doch auf ihn aufmerksam geworden. Aber man schien alles auf einen eigenthümlichen Gemüthszustand schieben zu wollen.—"Kéllnererera!..." schrie jetzt plötzlich Faitel mit schnarrend vibrirender Stimme—"Kéllnererera!—Champágnerera!—Wie haißt?—Soll ich haben nichts ßu trinken.—Bin ich ä Mensch aß gut und werthvoll als Ihr Alle!..."—Jetzt wurde Jedermann im Saal plötzlich aufmerksam. Selbst die Kellner mit hohen Tellerstößen auf dem Weg hielten inne und starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrünstig angelaufenes, violettes Menschenantlitz mit speichelndem Mund, lappig hängenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie festgebannt, und wußte nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede Fassung und blickte consternirt auf den Juden neben ihm.—Inzwischen war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefüllt worden; und während erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knängsender und ganz veränderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nächsten drei Stunden? der hailige Jehova!—Deradáng! Deradáng!". (Mit einem Schwupp die Daumen im Ausschnitt der Hochzeitsweste; Hin-und Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)—(Wieder mit veränderter Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Männer und die Waiber!"—(Wieder erste Stimme) "Wie lang copuliret der hailige Gott die Männer und die Waiber?" (Selbe Positur; lüsternes Hin-und Herrutschen auf dem Stuhl; auf-und abhopsend; gurgelnd; schnalzend;)—(Selbe Antwort-Stimme.) "Drei Stunden lang copuliret er die Männer und die Waiber!"—(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am Nachmittag, der hailige Jehova? Deradáng! Deradáng!"—(Antwort) "Am Nachmitdag duht er Nichts, der Jehova; er ruht aus!"—(Erste Stimme) "Waih geschrieen! Wie haißt, er duht nichts der hailige Jehova? Wird er nichts duhn, der hailige Jehova? Was wird er duhn? Was duht der Jehova am Nachmittag,—He?"—(Entfernte, winzige Knabenstimme.) "Am Nachmittag spielt der hailige Jehova mit dem Leviathan!"—(Erste Stimme mit Triumph einfallend) "Nadierlich! Er spielet mit dem Leviathan!"—In diesem Moment sprang Faitel vom Stuhl auf, und schnalzend und gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Gesäß ekelhaft lüsterne, thierisch-hündische Bewegungen machend, sprang er im Saal herum: "Deradáng! Deradáng! Hab ich mer gekaaft ä christlichs Bluht! Kellnererá, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauterá! Gäbt mer mei Brauterá! Bin ich ä christlichs Menschenbild aß fein, aß ihr alle seid! Ohn' alle Jüdischkeit!—Misemaschine! Wo is mei Brauterá?"—Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verließen vor dem entsetzlichen Anblick den Saal. Mit Schrecken sahen die Zurückgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strähnen während der letzten Scenen allmählich zu kräuseln begonnen hatten. Die krausen Löckchen wurden rostfarben, schmutzigbraun, und zuletzt blau-schwarz. Der ganze glühende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zügen war wieder mit dunklen Sechserlöckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthümlichen Schwierigkeit zu kämpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen Gliedmaßen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausführen, wie die neugelernten. Auch machte sich die lähmende Wirkung des Alkohol rasch geltend. Klotz hatte zwar nach Eiswasser geschrieen; aber es war vergebens. Jedermann sah, daß hier eine irreparable Katastrophe vorlag. Die schöne Othilia hatte sich in die Arme ihrer Mutter geflüchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen Kreiselbewegungen des Juden. Endlich traf das schmutzige Ende, das jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein fürchterlicher Geruch verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zögernden mit zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur Klotz blieb zurück. Und schließlich, als auch die Füße des Betrunkenen vor Mattigkeit nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrümmt sein Kunstwerk vor ihm auf dem Boden, ein vertracktes asiatisches Bild im Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stück Menschenfleisch, Itzig Faitel Stern.—
Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit
"Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Jahr, do wöör dar en ryk Mann, de hadd ene schöne Fru, un se hadden sik beyde sehr leef, hadden awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke, un de Fru bedd'd so vell dorüm Dag un Nacht, man se kregen keen un kregen kenn.—'Ach', säd de Fru eens so recht wehmödig, hadd ik doch en Kind, so rood als Blood un so witt as Snee.——Un as der neunte Maand vorby wöör, do kreeg se en Kind so witt as Snee un so rood as Blood. Dat Kind wöör awerst en lüttge Sähn (Sohn). Un as se dat seeg, so freude se sik."
Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen
Es mag wohl in Franken gewesen sein, als ich vor mehreren Jahren auf einer meiner Fußtouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange, hartgefrorne Landstraße kam, die sich schier unermeßlich fortsetzte. Ringsum keine Rauchwolke, die die Nähe einer menschlichen Niederlassung angezeigt hätte. Es wurde dämmrig. Man sah auch kein Licht. Mein Ranzen war leer. Den letzten Imbiß hatte ich schon um Mittag verzehrt. Wir waren um November; und soweit man sah, war Wald und Feld mit einer harten Eis-und Schneekruste überzogen. Meine Nachlässigkeit nie eine Karte mit mir zu nehmen, nie die Wegstunden zu berechnen, auf die nächsten Gehöfte und Dörfer zu achten, schien sich diesmal in unangenehmster Weise an mir rächen zu wollen.—Leute, deren Imaginationskraft stärker ist, als ihr Verstand, sollten nie, oder nie allein, zu Fuß reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle Humpen, und mit johlenden Menschenkindern erfüllte Gaststuben, während die Karte in drei Stunden im Umkreis kein Wirthshaus angibt. Und die reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise für den unerlaubten, geheimen Gedankengenuß. Solche Menschen sollten überhaupt nichts Irdisches unternehmen, keine Häuser bauen, keine Staatspapiere kaufen;—mögen sie überirdisch speculiren; dort fallen die Verluste nicht so schrecklich aus.—
Mit solchen Gedanken beschäftigt, war Niemand froher wie ich, als ich auf der noch immer endlos sich hinziehenden Straße einen Reisenden mit schwerem Felleisen daherkommen sah. Er sah mich verwundert an, als wir uns begegneten, und frug: "Wie kommen Sie um diese späte Abendzeit hierher, wo auf Stunden im Umkreis keine Niederlassung ist? Ich selbst reise nur in der Dämmerung und zur Nachtzeit, weil meine Augen das Tageslicht nicht vertragen; und bin mit Weg und Steg wohl vertraut. Aber Sie wären verloren!"—Als ich nichts erwiderte, fuhr der Fremde, dessen eindringliche Rede mir Respekt abgewonnen hatte, fort: "Der Himmel hat diesmal für Sie gesorgt. Gleich hinter diesem Bergvorsprung, den Sie in zehn Minuten erreichen, steht ein Wirthshaus; ich komme gerade davon her; es ist aber gänzlich unbekannt; Sie konnten sich also nicht darauf verlassen; trotzdem steht es am Weg; es ist auf keiner Karte verzeichnet, und ich besitze die besten; ich selbst sah es heute zum erstenmal; gleichwohl ist es uralt; 'Gasthaus zur Dreifaltigkeit'; die Leute scheinen gut eingerichtet; wenn auch etwas altmodisch und langsam in ihren Manieren; Sie werden dort gut aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl!"—Während der letzten Worte hatte er mit den Füßen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden gestampft, da es ihn zu frieren schien. Er nahm rasch Abschied, und wir trennten uns nach verschiedenen Seiten.—"Erlauben Sie noch eine Frage,"—rief ich nach,—"in was handeln Sie? Ihr Ranzen ist voll und schwer!"—"Gebetbücher!—Gebetbücher!"—rief er schnell zurück,—"aber nicht mehr lang,—nicht mehr lang ... die Zeiten...."—Den Schluß der Phrase konnte ich nicht verstehen; der Wind jagte sie ihm vom Mund weg.—Ich eilte vorwärts; und in derThat traf ich, als ich den nächsten gegen die Straße sich vorschiebenden Hügelrücken erreicht hatte, auf eine kleine Thalmulde, in der versteckt und zurückgezogen ein Häuschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, ähnlich den Bauernhäusern in der Umgegend, abschloß, war dunkel. Als ich näher kam, entdeckte ich über der niederen, hölzernen, braun-angestrichenen Thür die zierliche Aufschrift auf weißem Kalk-Grund: Gasthaus zur Dreifaltigkeit. Kein Wirthshauszeichen sonst, was ich erblicken konnte. Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm, oder dem schäumend gefüllten Bierseidel. Aber auch sonst Nichts in der Umgebung, was ich als auffallend hätte bezeichnen müssen. Hinter dem Häuschen ein Misthaufen, ein Zeichen, daß die Leute etwas Landwirthschaft trieben. Ein kleines eingefriedetes Gärtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen Wintersaat. Und vor dem Häuschen ein hübscher hoher Taubenschlag, auf dessen gothische Spitze besonders viel Fleiß verwendet worden zu sein schien. Es war übrigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter, trockner Ostwind pfiff durch meinen dünnen Rock. Ich ging an die Thür und klopfte. Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Schlürfen auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, die zitternde Hand auf die Krücke gestützt, öffnete die Thür. "Kommen Sie endlich!—rief er, ohne mich näher in's Aug' zu fassen, als man alten Bekannten gegenüber thut,—Sie sind lange in Spanien gewesen, und durch ganz Frankreich gekommen, haben England bereist, wollten schon einmal nach Norwegen, laufen das ganze Jahr fast in Deutschland herum, kennen jedes Städtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchthurm an, gucken in jeden Tümpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene, fränkische Gasthäuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen mußten,—und ich habe so lang auf Sie gewartet!"—Der steinalte Mann, der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmerthür geöffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirthshäuser mit einem großen, schwerfälligen Tisch, einigen braunen, knorzigen Stühlen, großem Kachelofen, lautpickender Uhr, einigen Heiligen-und Schlachten-Bildern und einem Crucifix ausgestatteten Raum.—"Ich will gleich meinen lieben Sohn rufen;"—fügte er hinzu,—"er wird sich freuen Sie zu sehen; er wird wohl noch oben studiren; er studirt mir leider viel zu viel."—Damit öffnete er die Thür, und rief in's obere Stockwerk: "Christian!—Christian, mein lieber Sohn, komm' doch etwas herunter, der junge Mensch ist da, auf den wir so viele, viele Jahre warteten."—Ich war nicht wenig erstaunt über diesen merkwürdigen Bewillkomm, und wollte eben meiner Empfindung durch eine Frage an den Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Thür geöffnet wurde; ein zaghafter Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf trat ein bleicher, junger Mensch in's Zimmer von auffallend schönen Zügen; aber zaghaft und von fast mädchenhafter Zurückhaltung. Er trug einen langen weißen Mantel, der nach Art der Mönche mit einem einfachen Strick um die Taille zusammengehalten war. Mit offen entgegen-gestreckter Hand und einem unsäglich freundlichen Blick trat er auf mich zu, und sagte: "Gott grüße Sie!" dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend. "Christian!"—fing dieser aber mit fast schluchzender Stimme zu rufen an, wobei er seine Krücke fallen ließ und beide Hände in einander schlug,—"Christian, mein lieber Sohn, wie siehst Du aus! Du hast wieder die ganze Nacht gewacht, oder studirt, oder Dich abgehärmt; mein Gott, wenn Du mir stürbest! Christian, wenn Du uns wegstürbest, und uns, mich und Deine Mutter allein zurückließest, Alles wäre verloren; alle unsere Hoffnungen vernichtet; die ganze Wirthschaft ginge zum Teufel!"—In diesem Augenblick hörte ich draußen, wie hinter'm Haus, und aus einem engen, abgeschlossenen Raum kommend, ein dumpfes, scheußlich klingendes, höhnisches Gelächter, halb Grunzen, halb Meckern, wie von einem Bock, der aber menschlichen Ausdruck in seine Stimme legen kann. Alle im Zimmer wurden kreidebleich; und auch ich trat, betroffen über die Menschenähnlichkeit der Stimme, einen Schritt zu rück, und blickte fragend den Alten an.—"Es kommt vom Schweinestall,"—sagte dieser, wie um mich zu beruhigen,—"wir haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich über uns lustig macht, und den wir hier füttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den Feldern und in den Dörfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist sonst ungefährlich."—"Vater!"—rief aber gleich darauf der Junge mit bittender, sanft flehender Stimme,—"Vater, liebster Vater, nenn' seinen Namen nicht mehr, ich bitte Dich, Du weißt, er will unser Verderben!"—"Er macht mir keine Sorge,"—replicirte der Alte, der inzwischen wieder seinen Krückstock zu sich genommen,—"aber Du machst mir Sorge; geh' jetzt nur, geh hinaus zu Deiner Mutter, und sag' ihr, sie soll das Essen auftragen, es sei auch ein Gast da."—Der Junge in seinem weißen, schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfs und feierlich-langsamen Schritts aus dem Zimmer; und der Alte und ich waren wieder allein. "Der Junge macht mir Sorge,"—bekräftigte dieser wieder, indem er humpelnd auf und nieder ging,—"er ist zart wie eine junge Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt daß er hinaus auf's Feld geht und mitarbeitet, hockt er oben, und studirt Concordanzen und Vulgaten. Die bleichen, eingefallenen Wangen; die platte, schwache Brust; oft hustet er, daß es nimmer schön ist. Der Junge macht mir Sorge."
Ich war über all Dem, was ich bis jetzt schon gesehn und gehört, so im Inneren betroffen und verwirrt, daß ich nicht wußte, wo anfangen, um das Gesammte in ein vernünftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest überzeugt, daß mich der Alte für einen Andern ansah; sonst war der Begrüßungsakt undenkbar; auf der andern Seite mußte ich mir eingestehn, daß Vieles, was er mir bei der Hausthüre gesagt, buchstäblich und bis auf Kleinigkeiten wahr war. Höchst verdächtig kam mir aber auch das freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindsüchtigen in seinem weißen Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes in seinem Auge, Sehnsüchtig-Verlangendes, Welt-Entrücktes und dabei Liebe-Vonsichgebendes, daß ich überzeugt war, jeder Andere an meiner Stelle wäre ebenso empfangen worden. Ich schloß daraus auf den Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem günstigen Urtheil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenüber nicht resistent genug vor. Auch das verwandschaftliche Verhältniß zwischen diesem "Vater" und "Sohn" war mir nicht klar. Der Alte konnte unmöglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschäftigte mich intensiv während der paar Augenblicke, die der Alte polternd und schlappend im Zimmer auf und ab ging. Und ich hätte gern gefragt, um mich zu orientiren, wenn mich nicht die Angst zurückgehalten hätte, durch zu vieles Fragen und Aufdecken des Sachverhalts hinsichtlich meiner Person, meine Lage zu verschlechtern. Jetzt war ich gut und auf's Herzlichste aufgenommen. Kam irgend etwas auf, welches zeigte, daß der Alte sich hinsichtlich Meiner einer Täuschung hingegeben hatte, so garantirte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Thür gesetzt zu werden. Denn darüber war ich mir längst klar geworden, es war eine verdächtige Herberge, in die ich hier gerathen war; und ich konnte nicht umhin, jene düsteren Scenen aus dem "Wirthshaus im Spessart", und das noch schlimmere Verfahren jenes classischen Wirths aus dem Alterthum, des Prokrustes, mit seinen fatalen Betten, mir ins Gedächtniß zurückzurufen, als die Thüre aufging, und eine junge Frau mit einer großen dampfenden Schüssel hereintrat. Der alte Mann hielt in seinem erregten Auf-und Abpoltern inne, schaute die Eingetretene von der Seite an, und sagte dann, zu mir gewandt: "Das ist Maria, meine Tochter Maria!...."—
Er räusperte dann noch, als wolle er fortfahren; unterdrückte aber, was er sagen wollte, und setzte seinen geräuschvollen Marsch durch's Zimmer fort. Ich sah die junge Frau an; ihr Gesicht hatte entschieden jüdischen Schnitt; zusammengewachsene Augenbrauen, leicht vorstehende Backenknochen, die aber die Harmonie ihres nicht winzig angelegten Gesichts keines wegs störten; edelgeformte Nase, mandelförmig geschlitzte Augen mit einer zerfließenden, schwarzen Kirsche als Augapfel, und dazu zwei kräftige, fleischige Lippen, die entschieden Sinnlichkeit verriethen; pechschwarze, wellige Haare, stark verwirrt und zerzaust, completirten wohl den orientalischen Typus; aber mehr noch, als alles dies, war es jene Gesammt-Schläfrigkeit, die auf ihrem Antlitz lag, als wäre eine weiche Hand von Oben über das ganze Gesicht hinuntergefahren.—Sie erwiderte meinen neugierig forschenden Blick mit einem spöttisch schlauen Mienenspiel, wie Jemand, das wohl einsieht, daß es in einer Seiner unwürdigen Stellung ist, diese Stellung aber nicht zugeben will, und sich mit künstlicher Verachtung hilft. Die junge Weibsperson war in der That fast in Lumpen gehüllt, und schien die Dienste einer Magd zu verrichten. Wie weit persönliche Nachlässigkeit und Schlamperei mit ihrem Anzug zu thun hatte, ließ sich nicht feststellen.—Was die junge Frau hereingebracht, war eine Schüssel mit dampfenden, schön aufgesprungenen Kartoffeln, die sie nebenhin auf eine Art Anricht gestellt hatte, während sie eben jetzt die Schublade des großen, schwergebauten Tisches aufzog, und Tischgeräthe, Messer, Gabeln und Salzfaß herausholte. Nachdem sie gedeckt, und die große, heiße Schüssel mitten auf den Tisch gestellt, verließ Maria das Zimmer, wobei ich constatiren muß, daß die rückwärtige Ansicht ihrer Toilette noch um ein gut Stück schlampiger war, als die vordere.—"Die Dirne,"—sagte der Alte, indem er bei mir stehen blieb,—"ist ein Unglück für mein Haus!"—"Wie so,"—frug ich naiv,—"kocht sie schlecht?"—"Ach nein,—ihre ungesäuerten Brode macht sie recht gut,-aber sonst,—ja sonst,—ach Gott, die Frauenzimmer, wenn sie etwas hübsch sind, sind alle so, die haben den Teufel im Leib!"—'Hä, hä, hä, hä, hä!'—grunzte und lachte es in diesem Moment wieder hinten vom Hause her, und stieß wie mit eisernen Gliedern an den Schweinsstall, so daß ich heftig erschrocken zusammenfuhr, und auch der Alte mit glotzigem Gesicht vor sich hinstarrte, während bald heftiges Schluchzen von draußen von der Küche her, wohl von dem empfindlichen, jungen Menschen kommend, herüberklang.—"Mein Gott,"—sagte ich,—"in diesem Hause ist es nicht geheuer; man wird hier seines Lebens nicht froh."—Bei diesen Worten schaute mich der Alte auf's Neue mit glasigen und herausgetriebenen, wässrig-blauen Augen an, so daß ich kein Wort mehr zu erwidern wagte. Zum Glück ging gleich darauf die Thüre auf; Maria kam mit einem Krug Wasser und etwas Brod; während der junge Schwachbrüstige, der mit verweinten Augen hinter ihr sichtbar wurde, ein weiteres Gedeck für mich hereinbrachte. Alles setzte sich nun, und lautlos begann die karge Mahlzeit. Die Leute benahmen sich, als wären sie unter sich. Kein Versuch, mich in's Gespräch zu ziehen. Gleichwohl fleißiges Offeriren an den Gast, zuzugreifen. So kam keine Unterhaltung zu Stande. Der Alte, welcher bisher noch am offensten gegen mich war, schien in Gegenwart der Andern ebenfalls schweigsamer zu werden. Auch unter sich sagten sich die Leute kein Wort. Mir war nicht klar, ob dieses Benehmen das regelmäßige, oder im Hinblick auf mich eher ein zurückhaltendes war. Die Kost war gering zubereitet, so ärmlich sie war. Der Alte hatte vor dem Essen mit einigen sonderbaren Grimassen und gellenden Tönen, wie es, glaube ich, bei den Juden Sitte ist, einige hebräische Phrasen schematisch hergeplärrt, und hatte sich dann schleunigst über die Kartoffeln hergemacht, die er schon während seiner Liturgie eifrigst beäugelt hatte. Ganz im Gegensatz hierzu hatte der junge Schwindsüchtige, allem Irdischen abgewandt, unter einigen schwärmerischen, zum Himmel empor gerichteten Armbewegungen, wenige Gebetsworte mit großer Innigkeit vorgetragen, die am meisten unserem protestantischen "Komm' Herr Jesu, sei unser Gast!..." entsprachen; während die nachlässige Jüdin mit großer Gleichgültigkeit dem Allem zusah, und sich dann ebenfalls mit schlechter Laune und wenig Appetit auf ihren Platz niederließ. Und nun hörte man lange nichts als ein einsilbiges, monotones Geschmatz. Schließlich nahm aber doch der Alte das Wort und entschuldigte sich gegen mich wegen der geringen Mahlzeit: sie hätten nichts anderes im Hause; das Rauchfleisch sei ihnen ausgegangen. "Hunger," entgegnete ich, "ist der beste Koch; freilich zu den aufgesprungenen Kartoffeln gehörte nach fränkischer Sitte ein fetter schweinerner Preßsack."—Die Leute wurden auf diese Rede hin alle drei starr wie Glas, und "Hü, hü, hü, hü, hü!"—meckerte und blöckte es wieder hinten vom Schweinsstall her, und schien sich voll Behagen auf dem Mist hin-und herzuwälzen. Ich wurde immer angstvoller über diese scheußliche Erscheinung. "Herr,"—sagte der weißgekleidete Jüngling zu mir mit unsäglicher Milde,—"sprechen Sie das Wort nicht mehr aus. Dem Reinen ist alles rein. Aber der böse Feind merkt auf jeden unserer Gedanken, um uns zu verderben."—Von diesem Moment an war es mir klar, daß irgend ein widerliches Geheimniß in diesem Hause verborgen sei. Der Kerl, der hinten im Schweinsstall eingesperrt war, übte eine Art Controlle über das Thun und Treiben dieser Leute, war eine Art Fluch, der diesen Dreien fortwährend auf dem Nacken saß. Aber wer und was waren diese Drei selbst? Und was trieben sie? Und woher die Verschiedenheit ihrer Leibesgestalt, ihrer Charaktere? Es war mir auffallend, daß sie, wenn sie einen Moment unter sich waren, hebräisch sprachen, und fleißig dabei gesticulirten, und Rücken und Arme sogar hin-und herbogen und herüber- und hinüberschlenkerten; auch die Bäuche vorstreckten und den Kopf einzogen, und knängsende und klingende Laute dabei von sich gaben, wie es die Orientalen thun, wenn sie feilschen oder in Affekt kommen; besonders Maria war in all diesem exaltirten Zeug die Stärkste; und meist war die gegenseitige Verständigung durch eine so vielseitige Ausdrucksweise im Nu erreicht. Sie schauten dann blitzschnell zu mir herüber, ob ich sie etwa verstanden, oder ihre Gedanken errathen. Nur Christian, der sanfte Brustkranke in seinem weißen Talar schien von allem diesen Gebahren am wenigsten angenommen zu haben; oft spitzte zwar auch er die Unterlippe, brachte den Unterkiefer vor, und beugte den Oberkörper nach rückwärts, als wolle er einen jener unarticulirten hebräischen Laute hervorbringen, der eine ganze Phrase auszudrücken schien; aber es blieb bei den Bewegungen, die er in dieser Umgebung wohl nur durch Nachahmung erworben; und wenn er einem seiner schwärmerischen Gefühlsausbrüche freien Lauf ließ, dann sprach er ein prachtvoll schönes Deutsch, und zeigte Verzückungen, Armkreuzen, Augenaufschlag, eine lechzende, zum Himmel hinauf gewandte Körperstellung, wie sie moderner, protestantischer nicht gedacht werden konnte, und den vollsten Gegensatz bildeten zu den rutschenden, grobsinnlichen, unfläthigen Bewegungen der Andern.—Christian war blond, und von heller germanischer Hautfarbe. Aber die Gesichtszüge waren der Maria sozusagen heruntergerissen ähnlich. Wenn ich dem jungen, sympathischen Burschen einundzwanzig Jahre gab, und Maria etwa fünfunddreißig, so war es, alles Übrige noch in Betracht gezogen, im hohen Grade wahrscheinlich, daß letztere die Mutter des armen Schwindsüchtigen war, wobei für ihre Mutterschaft zwar ein etwas jugendliches, aber bei Orientalen durchaus nicht ungewöhnliches Alter herauskam. Damit stimmten auch gewisse geheime Zärtlichkeiten, die Maria dem Jungen wiederholt zu Theil werden ließ. Soweit war ich mit meinen Nachforschungen aus Gesichtern und Vorgängen in dieser merkwürdigen Stube zufrieden. Aber wie stand die Sache nun mit dem Alten? Er nannte den Christian fortwährend seinen lieben Sohn. War dieses Verhältniß nur symbolisch gemeint? Die Maria hatte er mir schon als seine Tochter vorgestellt. Der Alte war nicht weit von den Achtzigern, und noch sehr rüstig; auch in seinem Temperament höchst leidenschaftlich. Sollte der bejahrte Mann der Vater des Christian sein? Und von so einer jungen Dirne, wie Maria damals gewesen sein muß? Die er ausdrücklich seine Tochter nannte! Auch der Junge nannte den Alten Vater! Freilich in seinen excessiv sentimentalen Anreden klang dieses >Vater< wie eine ideale, verehrungsvolle Begrüßung. Hier wollte also Nichts stimmen. Und ich verzweifelte, in diesem complicirten Verwandtschaftsverhältniß auf's Richtige zu kommen.—
Das Essen war jetzt abgetragen. Christian war mit Maria draußen in der Küche, wo man Teller klappern und abspülen hörte. Im Zimmer war's still geworden. Die Wanduhr tickte einförmig. Der Alte, an einer Brotrinde seitlich mit einem erhaltenen Backzahn kauend, schlappte wieder mürrisch auf und ab, hie und da das weißlockige Haupt schüttelnd, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. "Nein",—rief er endlich—"so geht's nicht weiter! So geht mir die Wirthschaft zu Grund.—Der junge Mensch, der liebe, süße, sanfte Junge, auf den ich all mein Hoffen gesetzt, er stirbt mir so in dieser kalten, nordischen Luft!"—"Ist es Euer Sohn?"—frug ich schnell, um mir diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen.—Der Alte blieb stehen und schaute mich an. "Sohn?"—wiederholte er,—"er ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; er ist nicht mein leiblicher Sohn; er ist",—fügte er leise hinzu, indem er beschwichtigend und Vorsicht rathend nach der Küche zu deutete, von wo noch immer Tellergeklapper und Wassergepantsch herüberklang,—"er ist das Kind von der Dirne da draußen, die ich mit 14 Jahren in mein Haus nahm!" Bei diesen Worten nahm seine Miene einen zornigen Ausdruck an, als wäre er über diesen Zusammenhang nichts weniger als erfreut, und aus dem hinüber weisenden Arm wurde eine drohende Faust.—Ich wollte noch eine Frage mit vorsichtig gedämpfter Stimme anschließen, aber er winkte heftig mit der ab, und winkte immer zu, und deutete mit der andern Hand und dem ausgestreckten Krückstock nach der Küche, bis ich schwieg; und zum Zeichen, daß ich auch ferner schweigen solle, klappte er mit der hohlen Hand sich selbst drei bis vier mal vor den festgeschlossenen Mund; ich that dasselbe, zum Zeichen, daß ich ihn richtig verstanden habe; und nun war er zufrieden; und ich begab mich ruhig an meinen Platz am Tisch.—Nach einiger Zeit kam der Alte dann zu mir hergehumpelt, und frug mich in's Ohr: "Sprechen Sie Aramenisch?"—"Nein!" erwiderte ich.—"Potztausend nein!"—replicirte der Alte,—"nun ja, dann können wir uns auch nicht ungestört unterhalten.—Die Zwei gehen so wie so bald zu Bett. Es ist schon um die dritte Stunde!"—In der That kam bald darauf der junge Mensch herein, und indem er verzückt die beiden Arme ausbreitete, rief er, seine leuchtenden Augen über Alle im Zimmer gleiten lassend: "Seid gegrüßt und gesegnet für den Rest des Abends, seit behütet und bewahrt während des Dunkels der Nacht! Ueber uns Alle wache der Engel des Friedens!"-Während dem stand die schlaue Jüdin hinter ihm, und beobachtete, welchen Eindruck seine Worte machen würden. Dann zog sie ihn von hinten am Kleid hinaus; und beide, hörte man, verließen dann die untere Partie des Hauses über die Treppe, und begaben sich nach oben.—
Jetzt war es ganz still geworden. Eine schwadende Oellampe goß einen dickgelben Schimmer über die eckigen Kanten und Vorsprünge des Zimmer-Mobiliars, reichlich gemischt mit fetten, schwarzen Schatten. Der grüne Kachelofen in der Ecke strahlte noch eine behagliche Wärme aus. Ruhig ging das Tick-tack der heiser gewordenen Wanduhr weiter; und ruhig, in Gedanken verloren, schlappte der Alte in seinem losen, Schafpelz-gefütterten Hausrock auf und ab.—"Es ist mir lieb,"—sagte er plötzlich, indem er aus einem Wandschrank einen großen, gefüllten, schweren Krug und zwei Gläser nahm, und zu mir an den Tisch brachte,—"daß Sie heute hier sind; darf ich doch wieder ein Gläschen trinken, und mein Elend vergessen; allein hat es mir der Doctor verboten; ich läge sonst betrunken, wie Noah, am nächsten Morgen unter dem Tisch. Der Wein ist aus der Umgegend und gering: aber er ist rein; er ist gerade in voller Gährung; nehmen Sie sich daher in Acht!"—Indem hatte sich der Alte zu mir an den Tisch gesetzt, und beide Gläser vollgeschenkt; es war ein molkig-weißer Most mit einem Stich ins Grüne, aus dem Stick-Gase in reichlicher Menge aufstießen. Bei dieser Gelegenheit bemerkte ich, daß der Alte schon starkes Handzittern hatte, so daß ich schon Angst für den Inhalt des Krugs bekam, wenn er ihn in die Hand nahm; doch mit jedem folgenden Glase wurde Hand sowohl wie Sprache sicherer.—"Die jungen Leute,"—versuchte ich das Gespräch einzuleiten,—"gehen schon früh zu Bett!"—"Ach!"—erwiderte der Alte, indem er den Krückstock weglegte, und sich fest auf seinen Stuhl placirte,—"es ist eine Familie in der Familie! Die zwei hocken zusammen, und separiren sich von mir, und kochen und flüstern miteinander, und intriguiren gegen mich, ich fühle, wie jeden Tag mehr die Zügel meinen Händen entkleiden; hätte ich meinen Jähzorn nicht, ich hätte das Regiment längst verloren!"—"Maria scheint demach von wenig dankbaren Gefühlen erfüllt zu sein?"—"Ich habe die Dirne vor reichlich zwanzig Jahren als kurzrockiges Ding bei mir aufgenommen, und nun setzt sie mir den Burschen daher!"—"Maria ist die Mutter von Christian?"—wagte ich mich kurz mit der Frage heraus.—"Trinken Sie junger Mann!—Trinken Sie"—rief der Alte schnell dazwischen, indem er sich einschenkte, da mein Glas noch voll war, wobei wieder heftig der Schnabel des Steinkrugs an seinem Glasrand hin-und herschepperte.—Ich ließ mich aber nicht irre machen. "Der junge hübsche Mann,"—begann ich wieder—"hat viel Aehnlichkeit mit der Jüdin."—"Mit der Jüdin?"—frug der Alte mißtrauisch, das Wort 'Jüdin' stark betonend.—"Was wollen Sie damit sagen? Ich bin selbst Jude! Beleidigen Sie mein Geschlecht nicht!"—"Nichts lag mir ferner,"—betheuerte ich,—"ich nannte Sie Jüdin, weil ihre Züge das zehnfach beschwören."—"Ja,"—nahm der Alte das Gespräch wieder auf,—"sie war eine der Schönsten ihres Stammes; aber daß mir die Rotznase, die nach hier zu Land üblichen Begriffen knapp mannbar war, den Burschen hierhersetzt ... den ich übrigens jetzt sehr lieb gewonnen habe, und wie meinen eigenen Sohn ansehe...."—"Von wem hat Maria den Jungen?"-fragte ich frischweg.—"Ja,"—wiederholte der Alte mit einer Mischung von Hohn und Bitterkeit, als bedauere er, daß er nicht von ihm sei,—"von wem hat Maria den Jungen?..."—"Der Junge muß einen Vater haben!"—eilte ich rasch vorwärts, in der Hoffnung, durch eine witzige Wendung das Gespräch flüssiger zu erhalten.—"... muß einen Vater haben!"—wiederholte mein Wirth mechanisch und nachdenklich.—"Der Junge ist blond,"—begann ich wieder,—"ist weißhautig, ein echtes, nordisches Kind; vielleicht hat ein durchziehender blonder Handwerksbursch, der vielleicht unfreiwillig, wie ich hier, übernachtet, die Jüdin verführt."—"Um Gotteswillen!—die Kleine war damals höchstens vierzehn Jahr!" (Während dieser Worte hörte ich deutliche Laute aus dem Schweinsstall dringen. Der Alte hörte sie auch, und ergriff sein Weinglas fester.)—"Dann vergewaltigt!"? ergänzte ich.—Der Alte stand auf, und winkte heftig mit der Hand ab. Er ging dann zur Thür, und lauschte hinaus. Als alles ruhig blieb, kam er zurück, setzte sich wieder, und frug mich: "Sprechen Sie nicht ein Bischen Hebräisch?"—"Keine Silbe!"-antwortete ich.—"Wenn Sie etwas Hebräisch sprächen, könnten wir uns so leicht verständigen. Die Sachen, um die es sich hier handelt, sind so complicirter Natur!"—"Du lieber Himmel,"—erwiederte ich,—"die Sachen, die wir jetzt besprechen, sind in allen Sprachen, unter allen Himmelsstrichen dieselben. Die Frage ist, wer hat den bildhübschen Burschen gezeugt?"—"Marie sagt, es sei kein Mann gewesen!"—'Hä, hä, hä, hä, hä!'—gröhlte und schnalzte es jetzt wieder drüben vom Schweinsstall herüber, und schien Purzelbäume zu schlagen.—Ich fuhr wie emporgerissen von meinem Sitz auf, unschlüssig, was mir mehr Eckel und Bangigkeit verursache, die Antwort des Alten oder die Stimme jenes unsichtbaren Scheusals. Mein Wirth war ebenfalls still und kleinlaut geworden, sah düster vor sich hin, und hielt krampfhaft den steinernen Krug fest. Im ganzen Haus war es todtenstill; nur die Uhr schlug ihren Tick-Tack-Gang unentwegt weiter. Ich setzte mich langsam wieder nieder. Und längere Zeit sprach Niemand ein Wort.—Aber zuletzt überwog die Neugierde bei mir, und das sichere Gefühl, daß nur eine gewisse Dosis Couragirtheit dem Alten sein Geheimniß zu entlocken vermöge.—"Kein Mann sei es gewesen!?"—begann ich mit gedämpfter Stimme, aber examinirenden Tones gegen den Alten hingebeugt, "wenn kein Mann, was denn dann?"—Der Alte zuckte verlegen die Achsel, als wolle, oder könne er nicht antworten, und schaute verlegen, aber auch etwas weinduselig und thränenfeucht auf sein Glas.—"Wenn es kein Mann war," ich mit inquirirender Stimme—"was war es dann?"—"Ein Etwas!" preßte mein Wirth gezwungen und flüsternd hervor.—"Was für ein Etwas?"—fiel ich a tempo ein.—Neues Achselzucken.—"Vielleicht ein Hauch,—ein Odem,—ein Unsichtbares,—eine Kraft,"—begann jetzt der Alte, und schien gereizt und feurig zu werden,—"wer kann es wissen; Marie erzählte mir, sie sei eines Nachmittags in jenem Zimmer dort eingeschlafen gewesen; es war heiß; die Fenster offen, die Läden zu; sie war damals erst wenige Wochen bei mir; ich wußte nicht, ob sie log; Kinder lügen so oft; und sie war fast noch ein Kind; so jung; so jung...." Der Alte hielt inne.—"Weiter! Weiter! Was geschah?" frug ich drängend.—"Marie hatte sich ihrer Kleider entledigt; plötzlich",—so erzählte sie,—"habe sie, wohl im Schlaf, einen Sturmwind über das Haus gehen hören; der eine Laden riß auf; und plötzlich ..." (Pause.)—"Plötzlich was?!—Plötzlich, weiter!"—"Plötzlich"—hub der Alte wieder an,—"sah sie eine kräftige, weiße Gestalt, mit lichten Haaren vor sich stehn, die sich über sie hinüberbeugte, ihr zuflüsterte, ihr Schmerz verursachte, bis sie, die Dirne, plötzlich aufschrie; dann war Alles verschwunden; als sie aufstand, waren ihre Kleider in Unordnung; ein schwefeliger Schwaden im ganzen Zimmer; draußen war heller Sonnenschein; nach neun Monaten brachte mir die Dirne diesen blonden Buben!"—Hier hielt der Alte inne, und trank mit großer Befriedigung sein gefülltes Glas leer.—"Haben Sie gar keinen Knecht damals im Dienst gehabt?"—frug ich absichtlich etwas barsch, um die weinselige, sentimentale Stimmung zu verscheuchen.—"Niemand im ganzen Haus, und Niemand in der Umgebung; es kommt auch sonst nicht so leicht Jemand in unser Revier, denn wir sind verschrieen!"—"Und die Dirne bleibt dabei, daß sie ohne Selbstverschulden und bewußten Verkehr mit einem Manne in andere Umstände gekommen sei?"—"Nicht nur das,"—bekräftigte der Alte,—"sie macht auch ein großes Wesen um die ganze Sache; will Niemanden die Worte mittheilen, die jenes unbegreifliche Wesen ihr zugeflüstert; hält das Ganze für ein Wunder; und den Jungen für ein Wunder-Geschöpf; und wer ihn sieht, muß es bekräftigen."—"Und Sie glauben das Alles?"—frug ich mit höchstem Erstaunen.—"Ich mußte wohl"—betonte der Alte,—"ohne dem war ihre Stellung im Hause, und ihr Ruf in der Umgebung verloren; und jetzt,"—fügte mein Wirth mit Nachdruck hinzu,—"nach zwanzig Jahren, wäre meine Stellung im Hause dahin, wollte ich aufhören ihr zu glauben; jetzt, wo ich auf meinen Altentheil angewiesen bin, und froh sein muß, daß man mich duldet."—"Somit ist es ein Mirakel aus Noth?" frug ich fast mit Entrüstung.—"Die Sache ist mir über den Kopf gewachsen,"—fuhr der Alte auf, und schlug mit beiden Händen verzweiflungsvoll auf die Knie,—"die Sache kann nicht mehr rückgängig gemacht werden; Wunder ist Wunder; die Dirne glaubt daran, der Sohn glaubt daran, ich glaube daran; die Umgebung glaubt daran, wenn sie auch heimlich lacht und mit den Augen zwinkert. Und das Schönste ist, die Dirne wartet jedes Jahr in demselben Zimmer, an demselben Tag, um dieselbe Stunde, in denselben Kleidern auf die Wiederkehr dieses mysteriösen Wesens. Und es wird kommen!"—
Inzwischen war es spät geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner großen Rede noch einmal frisch ein, und schien jetzt erst, wo er sich einen gewissen festen Standpunkt erobert, einer weiteren und energischen Diskussion entgegenzusehen. Um so müder war ich selbst; theils durch die Wanderung, theils durch den Gang der Debatte. Diesem Alten gegenüber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und vernunftgemäßen Auffassung der Sache zu kommen. Schließlich, wenn ich ihn mit sogenannten Vernunftgründen zu stark bedrängte, möchte er jähzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf und bat den Alten, mir ein Nachtlager anzuweisen. "Geben Sie's schon auf!"—bemerkte dieser und griff nach seinem Krückstock,—"ja, junger Mann, werden Sie älter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen sei nichts drinn! Zwischen uns und der Himmelsschicht stecken Tausende von Dingen; aber man muß sie sehen können."—Ich ging auf diese Erörterung nicht weiter ein; und der Alte zündete ein Talglicht an, und schritt humbelnd und räuspernd vor mir her zur Thüre hinaus. Auf dem Gange kamen wir zur Rechten zuerst an einer schlechtgehaltenen, schwarzgeräucherten Küche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in einem scharfen Winkel nach oben führte. Knapp vor dieser Stiege lag noch eine kleine, schmale Thür; "hier,"—bemerkte der Alte, und wies mit seiner Krücke auf den Eingang,—"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich zwanzig Jahren das Unbegreifliche passirt ist.... Junger Mann, Sie wären vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen Ihr Eigen zu nennen!"—Dann ging's pustend und kollernd nach oben. "Uebrigens,"—bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfällig bei den Schultern nehmend,—"lassen Sie sich die Sache nicht allzu sehr bekümmern; sagen Sie auch morgen früh nichts zu meiner Tochter und zu meinem lieben Sohn. Sie haben's nicht gern. Es ist auch alles noch zu jung.... Und nun schlafen Sie wohl.... Dort ist Ihr Zimmer.... Hier nehmen Sie das Licht!"—Ich nahm eilig das heftig in der Luft hin und her schlenkernde Licht, und ging in das angedeutete Gemach, wo ich nichts Außergewöhnliches bemerkte. Eine blaugeweißte Stube mit gedrucktem grünem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch mit alten Tintenflecken; ein gußeiserner kleiner Ofen mit geknicktem Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dünnen Füßen mit zunderweichen Leintüchern und einem centnerschweren, röthlich-carrirten Federbett; ein Nachttischchen mit kittgelbem Potschamber, und ein Stuhl mit aufgerissenem geblümten Ueberzug.—Es war kalt, und fröstelnd legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hörte unten noch einiges Gepolter, und dann war es todtenstill im Hause.—
Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimniß dieser drei Leute, das sonderbare Verhältniß unter ihnen, der Umstand, daß der Alte, vordem unumschränkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der schlauen Jüdin unterlegen sein soll, beschäftigten fortwährend mein Inneres. Daß der Junge,—sagte ich mir,—gänzlich unter dem Einfluß der Mutter herangewachsen ist, war natürlich; jede Mutter macht aus ihrem Sohne, was sie will; aber, was nicht erziehbar ist, war das schwärmerische, überspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie geistesabwesend erscheint. Woher hat er das, nachdem Niemand im Hause in der Richtung geartet ist oder sich benimmt? Nehmen wir an, der junge Mensch käme zum Militär; würde er wegen geistiger Perversität zurückgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener geheimnißvollen Geburt?
So was macht wohl ein junges Mädchen weis; aber so was glaubt nicht Jedermann. Die Dirne mußte doch, auch bei einem außerehelichen Kind, angeben, wer der Vater ist. Was gab sie denn an? Sollte am Ende der Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjährigkeit der Person diese Mähr ersonnen haben? Da lag es doch näher einem durchreisenden Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.—Kurz, da paßten die Steine nicht aufeinander. Und dann wie verhielt es sich mit jenem im Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal ließ ich die ganze Episode, wie sie mir der Alte erzählt, vor mir vorüber gleiten. Ich mußte gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, daß man nicht weiß, wo das Eine anfängt, das Andere aufhört, so daß man entweder das Ganze annehmen oder verwerfen muß, ist charakteristisch. Niemand wird darin etwas finden, daß sich eine junge Dirne an einem heißen Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei halbverschlossenen Läden auf's Bett legt.—Mir fiel das Zimmer ein, auf das der Alte im Heraufgehen hingewiesen hatte. Ich sagte mir: Du gehst jetzt fort von diesem Haus und erzählst überall von dieser seltsamen Mähr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschloß daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nächsten Morgen wohl kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschloß ich, sofort hinunterzugehn. Ich stand auf und stand bald strumpfig auf dem Gang.-Wenn ich entdeckt würde?!—Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der Nacht zu gehen beabsichtigte.—Meine Stiefel standen noch vor der Thür, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging strumpfig zur Stiege. Die erste Sprosse knerzte vernehmlich. Doch ging ich weiter. Ich kam auch glücklich hinunter; tappte an der Wand umher, und fand den Thürgriff. Ich drückte: die Thür war verschlossen; kein Schlüssel steckte. Ich wurde zornig, und beschloß um jeden Preis in das Zimmer einzudringen. Schon oben war mir in meinem Zimmer eine gewisse Lidschäftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schloß war genau in jenem Zustand, wie Möbel, Wände, Hauseinrichtung und das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schloß etwas besser fundirt. Ich hob die Thür empor, um auf diese Weise vielleicht die Sperrvorrichtung über das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war vergebens. Als ich mich aber gegen die Stiege stemmend, nochmals das, wie ich wohl fühlte, schlecht construirte und locker befestigte Schloß forcirte, sprang die Thüre plötzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich stürzte halb vorwärts in einen eiskalt durchströmten Raum, während ein—Tauber mit zornigem Gurren und heftigem Flügelschlag durch das zur Hälfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser Seite des Hauses, und warf einen kalten, bläulichen Streifen durch den offenen Spalt. Von der ersten Ueberraschung erholt, sah ich einen so einfachen Raum, wie die meisten übrigen Zimmer des Hauses waren. In der vom Fenster abgewendeten Ecke ein Bett mit brennrother Wolldecke, zerknittert und zerrauft, wie wenn Jemand drinngelegen; und die Decke, ebenso wie der ganze Boden, über und über mit Taubenschissen bedeckt. Rückwärtig an der Thür hingen an ein paar Nägel die blau-sackleinenen, abgeschabten Kleider, nebst roth-wollenem Unterrock, wie sie die Bauernmädel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes Stück Spiegelglas.—Draußen, durch den einen geöffneten Fensterflügel, sah ich, flirrte das eiskalte, bläuliche Mondlicht über den harten Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hörte ich unterdrücktes, zorniges Gurren vom Taubenschlag her. Aber eines anderen Gesellen wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhörig: der Schweinsstall lag auf ca. zwanzig Meter gerade vor mir. Und war es das angeifernde Mondlicht, oder das laute Geräusch, welches mein Sprengen der Thür verursacht hatte, die Bestie, die dort eingesperrt war, hatte den Kopf durch ein über der Thür des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch durchgesteckt, und winselte von dort mit einer wahnsinnigen Gier, sei es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herüber. Den Kopf selbst konnte ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch überragende Verschalung des Stalls vom Vollmond ein schwarzer Schlagschatten auf das Guckloch selbst geworfen wurde. Aber ich sah die zundrig gelben Augen, hörte den harten, pfundig-schweren Schädel wiederholt wider die Verschalung stoßen, und das geifernde Brüllen, das in dieser nächtlichen Totenstille aus dichtester Nähe zu mir herüberdrang, war untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, höhnischen Lauten, die mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkältet und angeekelt verließ ich das Zimmer wieder und schloß die Thüre so gut es ging. Ich ging zurück in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt den Rest der Nacht.—
Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heißer, widerlicher Küchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch an, müd und geärgert von den Erlebnissen des letzten Abends und der vergangenen Nacht. Nach allem mußte ich mir sagen: so interessant dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungenügend ist es in seiner Einrichtung und Verpflegung. Und wenn ich auch keine besonderen Ansprüche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich doch auf ein gutes Bett und eine kräftige Suppe. Mit diesen Gedanken trat ich aus dem Zimmer, um meine Stiefel zu holen. Dieselben waren gar nicht geputzt. Jetzt wurde ich ärgerlich. "Christian!"—rief ich laut und commandirend über den Gang—"Christian!"—und als der Gerufene die Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was für eine Wirthschaft!"—Der junge Mann kam in seinem weißen Habit herauf, und indem er mir die Stiefel aus den Händen nehmen wollte, rief er voll schmerzlichen Pathos und mit von Schluchzen unterbrochener Stimme: "Ihre Sorgen, Herr, drehen sich um ein paar Stiefel und ihren Glanz, aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesättigten Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit wühlt in meinem Herzen, und das Mitleid mit der ganzen Welt will mich nicht mehr verlassen!... Nehmt mich mit Euch, Herr, ich verderbe in diesem Hause; niedriger Schmutz und Eigennutz will mich ersticken; nehmt mich mit Euch, Herr, in die große Welt, damit ich für sie sterbe!"—Damit fiel der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schönheit war, auf den Boden und umfaßte meine Kniee. Ich sah jetzt, daß der arme, junge Mann krank war; entriß ihm schnell meine Stiefel, und ging in mein Zimmer zurück.
Eine Viertelstunde später saß ich unten in der Stube bei einem bitteren Eichelkaffe und einem steinharten Stück Brot. Die Jüdin ließ sich nicht mehr sehen; ich hörte sie aber in der Küche herumhantiren. Der Alte saß zitternd und lallend, und vollständig unfähig des Gebrauchs seiner Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thränenselig. Er suchte mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gespräch. Es drängte mich, fortzukommen aus diesem unglückseligen Hause. Als mein Ranzen gepackt war, zahlte ich Herberge und Verköstigung. Ich muß gestehen, der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mühe und Noth die paar Batzen heraus, von denen ich erst später zu meiner nicht geringen Verwunderung sah, daß es ausländisches Geld und mit den Bildnissen des Königs Herodes und des römischen Kaisers Augustus geschmückt war. Der Alte lallte mir wohl ein paar Worte nach, als ich ihm zum Abschied die Hand schüttelte; die Jüdin in der Küche schmiß die Küchenthüre zu, als ich auf den Gang trat; und oben hörte ich den jungen Menschen noch bitterlich schluchzen, als ich die Hausthür öffnete.—
Draußen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als den vorherigen Abend. Es war ein frischer kalter Tag, der Einem alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich ärgerte mich jetzt unwillkürlich über alles, was ich erlebt hatte, und worüber ich nachgedacht hatte. Ich eilte vorwärts, ohne mich umzusehen. Und bald hatte ich die Landstraße erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten her. Keine zwanzig Schritt von mir, aber entgegengesetzt der von mir einzuschlagenden Richtung, saß ein Steinklopfer bei seiner Arbeit und hämmerte tüchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn zuzugehen. "He! Alter,"—rief ich ihn an,—"kennt Ihr das Wirthshaus da hinten im Wald?"—"Jo, jo!"—antwortete er im besten Fränkisch,— "sell is a Abdeckerei!"—"Abdeckerei?"—frug ich verwundert,—"was ist das: eine Abdeckerei?"—"No, wo mer halt die alte Gäul und die räuthige Hünd darschlägt,"—bemerkte er, und lachte spöttisch über meine Unwissenheit, wobei er fortfuhr—"des is nix G'scheid's!... die Leut' häße's halt die >Gifthütten<!"—"Gifthütte?"—frug ich,—"weßhalb?"—"No, es künnt eba nix Gut's 'raus, und geht nix Gut's nei!"—Als ich verwundert stehn blieb und ihn ansah, fuhr er weiter: "Vo dera Leut' weeß mer net wo's har sen, und vo wos daß lebe!"—"Nun,"—entgegnete ich—"ich bin heiler Haut herausgekommen!"—"Sen S' froh,"—rief der Steinhauer, und schwenkte heftig seinen weiß angelaufenen Hammer,—"Sen S' froh, und mache S' weiter, und gucke Se nimmer'rüm, und vergasse Se de Schinderhütt'n!... "—Hä, hä, hä, hä, hä—klang's blöckend drüben vom Wald her wie aus dem Schweinsstall.—Unwillkürlich trieb's mich fort; ich grüßte den Steinklopfer, und schritt rüstig meine Straße weiter, ohne für eine Stunde wieder umzusehen.—
Der Goldregen.
Wenn's Zehn-Mark-Stück'l regent Und Zwanz'g-Mark-Stück'l schneibt, Na bitt' i unser'n Herrgott, Daß's Wetter so bleibt. Altbayrischer Vierzeiler
Es war an einem Samstag Nachmittag, und wahrhaftig Nichts Besonderes in der Welt los. Es war auch Nichts angekündigt; weder 'was Politisches, noch 'was Communales; nichts am Hof, und nichts in der Stadt. Es war auch sonst kein hervorragender Tag; ich meine keine Gedenkfeier, kein kritischer Tag nach Falb, kein 29. Februar; es war auch kein Komet am Himmel. Mit einem Wort, es war ein ganz gewöhnlicher Samstag, und es regnete. Ich sage dies ausdrücklich, damit nicht hinterher Einer kommt, und mir vorwirft, ich hätte auf billige Art eine gewisse Spannung im Publicum erzeugt.—Daß ich genau bin, es hatte so gegen 3 Uhr etwas geregnet, und der Boden war sozusagen wieder trocken.—Ich wohne an einem großen Platz, in der Mitte ein Springbrunnen, und ringsum eine Masse Metzger-Crämer-Melber-Schuster-Schneider-Charcutier-Läden u. drgl. Am Samstag Nachmittag schleppen die Dienstmädel all' das Zinngeschirr und das Zeug auf die Straße, und putzen es, und scheuern und fegen; und das gibt ein Gemantsch und Gequatsch, und ein Spritzen und Schimpfen, und Gekicher und Zoten-Erzählen ... mir macht das Ding Spaß, und, so wird sich Niemand wundern, wenn ich sage, ich ging an jenem Nachmittag ganz langsam über diesen Springbrunnplatz, um in einem nahegelegenen Cafe bei einer Schale warmem Cichoriwasser das Abendblatt zu lesen. Wie ich aus dem Haus trete, fällt mir ein sonderbarer Schwefel-Geruch auf; ich denk' aber an Nichts weiter, und gehe fort. Eben auf dem Platz angekommen, betrachte ich den Himmel, um Witterungsschau zu halten, und bemerke, daß der ganze Horizont mit einer grieselig-gelben Schicht überzogen ist. Aber solche Reflexe trifft man ja öfters nach dem Regen, wenn die Sonne gegen Abend im Westen noch einmal herauskommt. Ich geh' also weiter. In der Mitte des Platzes angekommen höre ich einige raschelnde, springende, abplatzende Punkte auf meinen Stiefeln, als wenn's kieselte; gleichzeitig hör ich etwas Aehnliches auf meinem Filzhut herumtrommeln. Ich schau' hinauf: ist diese ganze gelbe Schicht, von der ich eben sprach, uns bis auf Häuserhöhe nachgerückt; und wie ich den Boden betrachte, sammeln sich da kleine, gelbe, erbsengroße, griselige, halb-ausgehöhlte Körner, und in der ganzen Luft liegt ein Schwaden so brenzlichen Gestankes, als wenn die Hölle ihre Läden geöffnet hätte, so daß ich und mehrere Passanten sofort die Schnupftücher zogen und hustend sich das Ding vom Leibe hielten. Jetzt noch ein Moment—und plötzlich stürzte dieser kitt-gelbe Körnerregen mit einem solchen Hagelschlag nieder, daß alle Leute mit einem gilfigen Schrei in die Häuser entwichen, und der große Platz mit einemmale leer war. Die tausende von Zinngeschirren, die den Häusern entlang aufgestellt waren, gaben, als wären sie mit Stimmgabeln geschlagen, einen einzigen, sehr hohen, langgedehnten pfeifenden Ton, wie etwa das Piccolo, von sich; als hätten sich eine Million Kanarienvögel versprochen, einen übermenschlich hohen Flascholetton durch gegenseitiges Ablösen eine Stunde hindurch auszuhalten; und Dutzende von Menschen, die den naiven Gedanken gehabt, einen Regenschirm aufzuspannen, kamen vollständig zerschlissen, mit nacktem Eisengestell, und blutender Wange, herübergestürtzt, um in einem Hausthor Schutz zu suchen. Ich selbst hatte mich unter eine sehr dicke Eiche geflüchtet, die an dem Beginn einer dicken Allee stand, die eben von diesem Springbrunnplatz ihren Anfang nahm. Aber schneller, als ich dies niederschreiben kann, waren sämmtliche Blätter und kleinere Zweige heruntergeschmettert, und lagen vor mir am Boden, während das gelbe Höllengezinsel mir die Hutkrämpe durchschlug, wie Salz in den Nacken pfiff, und selbst die rikoschirten Körner mir noch, wie Schrote, das Gesicht verletzten. Jetzt riß ich auch aus, und lief, quer über die Straße, in das nächste Haus.—
"Jessas Maria!"—kam eben ein Frauenzimmer mit nackten Armen und aufgeschürztem Rock schreiend vom hinter'n Hof her.—"Die Welt geht unter! Unser Pfarrer hat's fei letzten Sonntag g'sagt, es passirt noch die Woch' 'was. Ihr Leut! Ihr Leut!" Dann schlug sie vor Entsetzen ihre bläulich-verspoorten Hände zusammen—sie war eine Wäscherin—und fügte in einem gezwungenen, breiten Hochdeutsch hinzu, als hätte sie's dem Pfarrer nachgesprochen: "das Värdärben kommät über uns, und die Drangsal värnichtät uns!"—"Sie dumme Gans!"—rief in diesem Moment ein älterer Herr, der am Mund blutete, und vor Aufregung über das Geschehene selbst am ganzen Leib zitterte—"thun Sie auch noch die Leut' confus machen, und aus 'em Häusel bringen; wo eso schon e Jeds halber narrisch is. Gehen's 'nauf, Sie Heulmaierin, und legen's Ihne in Ihr Bett, wenn 'S nix Besser's wissen!"—Ich schaute jetzt um mich: in der That standen da etwa zwei Dutzend Leute im Hausflur, alle mit bleichen Gesichtern, einige ihre blauen Flecken an den nackten Armen betrachtend, andere Bluttupfen abwischend, andere mit starren Augen und gelbreflectirender Gesichtshaut hinaus auf den Platz schauend, wo die schwefelgelben Schrote noch immer herabsausten. Der akustische Reflex von den Dächern klang geradezu unerhört, wie Kindergeschrei und Gänsequixen. Drüben, auf der Westseite an der gegenüberliegenden Häuserreihe, sahen wir jetzt, wie an einigen Fenstern die Fenstersplitter herausgenommen und hinuntergeworfen wurden auf die Straße; andere die Rouleaux herabließen, oder die Läden zuzumachen sich bemühten; und überall kreidebleiche entsetzte Gesichter.—"Es scheint ein atmosphärischer Niederschlag zu sein,"—sagte jetzt in unserem Hausflur ein Herr, der den besseren Ständen angehörte,—"der, vielleicht meteorischer Natur, aufgelockert in hohen Regionen schwebte, und durch eine plötzliche Kälteströmung condensirt und niedergerissen wurde."—"Es wird schon wieder heller!" meinte ein Anderer, der ziemlich verwegen auf der Schwelle von Trottoir und Hauseingang stand, und dem sowieso schon eine Schlose die Nasenspitze blutig gerissen hatte.—Einige von den Weibsleuten schüttelten jetzt aus ihren Röcken und Ärmeln einige der seltsamen Körner, hoben sie auf, und zeigten sie herum. Es waren erbsengroße, an einigen Stellen glänzende, an anderen matte, grieselige, ausgelöcherte, unregelmäßige Kügelchen, die sich im Volumen oft um's Doppelte übertrafen, und die ganz entschieden einen metallischen Charakter hatten; sie waren auffallend schwer im Verhältniß zu ihrer Kleinheit; daher auch die aufgerissenen Wangen, durchlöcherten Hüte, glatt abgezogenen Regenschirme und entlaubten Bäume; die ganze Allee lag fast draußen am Boden; indessen wanderten die Kügelchen von Hand zu Hand; sie waren nicht kalt, wie viele erwartet haben mochten, sondern leicht abgekühlt; laulicht; auffallend war, daß einzelne deutlich abgeplattet waren, was nur durch Aufschlagen entstanden sein konnte; das Metall mußte also sehr weich, oder beim Herabfallen noch in lockerer Fügung gewesen sein; man wog wiederum die Schrotchen, von denen einzelne wie Weckchen eingebogen waren, in der Hand, und dann schaute man sich gegenseitig an; jetzt nahm ein Herr sein Taschenmesser heraus und zerschnitt, nachdem er an dem kleinen Ding einige Mal ausgerutscht war, mit einiger Mühe, aber doch quer durch eines der Körner, wobei die Masse sich ziemlich nachgiebig erwiesen hatte: eine glatte, glänzende, gleichmäßig feingekörnte Schnittfläche kam zu Tag. In diesem Moment hörte ich—ich hörte es nicht, aber ich fühlte es, ich wußte es,-schlug Jedem von uns fast laut und vernehmlich das Herz, und Jeder hatte nur einen Gedanken, nur ein Wort auf der Zunge; und Keiner sprach es aus; Keiner wollte diese Blamage auf sich nehmen, diesen horrenden Gedanken zu äußern; und jeder glotzte nur mit einer scheusäligen, weißaugigen Gier auf den Westen-oder Hemdknopf seines Vis-à-vis; nur um sich und seinen fürchterlichen Instinkt nicht zu verrathen.
Jetzt kam aber 'was ganz Neues: draußen hatte das Gehagel merklich nachgelassen. Es war wirklich lichter geworden. Das Gekreisch von den Dächern wich einem milden Klirren. Ueber den Platz drangen einige weibliche Stimmen, in denen etwas Aufseufzendes, etwas Erlösendes lag.—Während dem schossen zwei Bäckerjungen in weißen Schürzen, hemdärmelig, jeder ein Holzschaff auf dem Kopfe, an unserer Hausthüre vorüber. Ich hörte, wie drei, vier, von den Schroten bollernd in ihren Zuber fielen. Sie hatten gut ihren Kopf schützen; denn dem Einen, hatte ich bemerkt, war die Oberlippe ziemlich in der Mitte gespalten, und das Blut lief ihm in's Maul, und herunter auf die Brust und auf die Schürze. Und Einer von ihnen, hatte ich gerade noch gehört, hatte zum Andern gesagt: "Mei Lieber, desmal geht's uns an!"—Ich schaute zurück in den Hausflur: die Männer alle mit fieberhaften Augen und kurzathmigem Röcheln; und hinten die Weibsleut, die Hände zwischen den Schurz gepreßt, schauten wie Rehgeise heraus, ängstlich und neugierig.—In diesem Augenblick hörte ich ein "He da!" Ein Herr neben mir hatte es gesagt. Ich folgte seinem Blick, der auf eine Stelle des großen Platzes zeigte. Jeder wollte es nun sehen. Es entstand ein Gedränge. Wir öffneten das Thor, das nur halbflüglich offen war, nun ganz. Die Menge quoll heraus. Und nun erblickten wir drüben, am andern Ende des Platzes, quer über den Springbrunnen hinüber, der glücklicherweise abgestellt war, und so gerade noch die Aussicht erlaubte, einfach etwas Unerhörtes: Beim Kaufmann Hasselbeck, einem Mann, den ich seit meiner Jugend kannte, und der allseits große Achtung genoß, kamen Hausmägde, Knechte, Lehrbuben, das ganze Hausgesinde mit Kesseln, Butten, Zubern, Kochtöpfen und anderen Tragmitteln aus dem Haus heraus, und schöpften mit beiden Händen das gelbe Zeug, das jetzt etwa zwei Centimeter dick den Boden bedeckte, in ihre Geschirre; dabei entstand ein fürchterliches, gellendes Geschrei; einige schienen von nachfolgenden Metallschloßen getroffen, schwerverwundet zu Boden zu stürzen, und blieben, die Hände über den Kopf gelegt, eine Zeit lang, wie betäubt sitzen. Herr Hasselbeck, in seiner kleinen gestickten Mütze, stand unter dem Hauseingang, und schrie und commandirte mit heftiger Gesticulation auf den Platz hinaus. Ich konnte es aber nicht verstehen; so schrecklich war der Lärm; ich sah nur seinen Mund wie einen Schlauch sich auf- und zumachen. Diese Scene hatte kaum so lange gedauert, bis man bis 100 zählen kann, und war, wie ich vermuthe, vom ganzen Platz aus gesehen worden, als plötzlich fast sämmtliche Hausthüren sich öffneten, und, mit einer Mischung von Lauten, die ich nicht definiren kann, halb Pfeifen, halb Jauchzen, die Menschen wie Hyänen herausstürzten, und sich um die gelben Haufen hermachten. Die Einen hatten zwei Hüte auf, die Andern ein Sophakissen umgebunden, die dritten sich mit Handschuhe und Pelzkappen bewaffnet, wieder Andere einen Shawl umgehüllt, die Weibsleute einfach den obersten Rock bis über den Kopf gezogen; und nun ganfte und grapste Alles was nur Hände hatte, in die Taschen, in die Schürzen, in Nähkörbchen, in Tischschubladen; einige waren so ungeschickt, und hatten irdene Schüsseln mit heraus gebracht; wenn diese von einer Schloße getroffen waren, platzten sie auseinander, und der Dreck lag am Boden. Ein Gilfen, ein Schreien drang über den Platz, unbeschreiblich. Es war nicht nur Aufregung. Ein "Ai!"—ein "Ui!"—ein "Aitsch!"—im höchsten Discant über den ganzen Platz gezetert, zeigte, daß es Schmerz war; die Leute wurden trotz der Umhüllung von den Schloßen verletzt. Wir selbst waren durch einen Sturm der schreienden Hausbewohner von hinten her aus unserem Thor gejagt worden, und Jeder schützte sich nun, wie er konnte. Ich lief die Südseite der Häuser entlang, drückte den Hut in's Gesicht und die Hände in die Taschen. Übrigens fielen die Körner jetzt immer seltener. Hinten im Westen brach die Sonne durch; und wie schnurgerade Blitze sausten die goldenen Körner durch die Luft. Auf dem Boden Alles gelb und glitzernd. Man meinte, das Zeug müsse schmelzen. Aber es schmolz nicht. Man meinte immer, es müsse wie nach einem Hagel gehen. Aber die Körner wurden härter und kälter. Und die Sohlen schmerzten beim Gehen.—Ja, jetzt wußte freilich Jeder, woran er war. Und nur mitleidig hörte man eine Frau baarhäuptig über den Platz eilen, die fortwährend, halb schluchzend wimmerte: "Ihr Leut', Ihr Leut', was soll das wer'n, wenn das Geld unter die Leut' kommt!" Sie hatte zwei Kinder auf den Armen, rechts und links Eines, beide vom übergestülpten Rock zugedeckt; sie selbst war baarhäuptig, und einige der Schrote hatten ihr buchstäblich die Kopfhaut gespalten; es schien eine Arbeitsfrau, die bei diesem elementaren Ereigniß, welches ihr das Weltende dünken mußte, nichts Wichtigeres thun zu müssen glaubte, als ihre Kleinen nach Haus zu bringen. Sie hatte keine Zeit selbst etwas von dem Gold aufzulesen. Sie lief nur immer zu in ihrem dünnwandigen abgewetzten Rock, durch den man die Beine sich bewegen sah, und rief ununterbrochen im Klageton: "Ihr Leut', Ihr Leut', was soll das wer'n, wenn das Geld unter die Leut' kommt!"—Jetzt fielen fast keine Schloßen mehr. Die Hausfrauen und feinen Damen erschienen oben und schauten mit verwunderten Augen auf das Treiben. Auch sie hatten jetzt das bessere Theil erwählt. Sie schickten ihre Dienstmädchen herunter, und ließen holen, was noch zu holen war. Mein Gott, es war noch viel da. Und im weißen Schürzchen, mit aufgestrüpelten Ärmeln, ein Körbchen oder eine Schüssel in der Hand, kamen die Zöfchen und Küchenmädchen herunter. Inzwischen war das Gedränge auf dem Platz enorm gewachsen; und Alles kehrte und wetzte am Boden herum. Da waren einige Kerle in rothen Schlipsen und rothen Taschentüchern, die scharrten und stopften in die Taschen, was das Zeug halten wollte.
"Sie dummes Luder!"—sprach Einer dieser Roth-Geschlipsten zu einem feinen, eben herzugetretenen Dienstmädchen,—"Sie werden doch nicht für Andere sammeln. Geht Ihnen denn noch kein Licht auf? Jetzt ist's Zeit, für sich zu sorgen!"—"Ach Gott," antwortete diese, fast eingeschüchtert, "die Gnädige hat mich doch herunter geschickt!"—"Was, 'Gnädige'," glotzte der Soci das zarte Mädchen an, "scharren Sie für sich zusammen, was 's Zeug hält, dann brauchen Sie keine Gnädige!"—"Ach Gott," rief das arme Ding, "meine Herrschaft schaut doch von oben zu!"—
Jetzt wurde aber das Gedränge wirklich lebensgefährlich; und bereits waren an einigen Stellen Händel und Raufereien vorgefallen. In den andern Straßen der Stadt schien es nicht so stark geregnet, wie soll ich sagen, geschnieen, gehagelt zu haben, weil sich Alles auf den Platz um den Springbrunnen zusammendrängte. Oder fiel das Ding auf der großen Fläche mehr auf. Ich selbst nahm jetzt eines der Körner in die Hand. Sie schienen während des 'Runterfallens oder im Aufschlagen sich stark verändert zu haben. Am Boden, wenn man sie liegen sah, machten sie alle einen egalen Eindruck. Nahm man sie aber in die Hand, sah Jedes anders aus. Jedes war etwas anders eingekerbt und gekrümmt. Und eine ganz feine, sozusagen meteorologische Ciselirung bedeckte die meisten; wie man es auf eigens in dieser Richtung behandelten goldenen Hemdknöpfchen manchmal findet.—
Ich war noch in diese Betrachtungen versunken, und an das mich umgebende Gewühl und die seltsamen, unarticulirten Laute bereits sattsam gewöhnt, als plötzlich eine neue Bewegung durch die Massen ging: von jenseits dem Thor her, welches den Springbrunn-Platz gegen die innere Stadt abschloß, hörte man schweres Rädergerassel mit Commando-Rufen. Und gleich darauf erschien Militär, zunächst Artillerie mit einigen vierspännig bespannten Geschützen, ein, zwei Bataillone Infanterie, einige Stabs-Offiziere, Auditeure, berittene Gensdarmen, der Polizeidirector, mehrere Würdenträger, und zuletzt kam der König mit großem Gefolge. Alles in prunkenden, gestickten Uniformen. Ein entsetzliches, rabenähnliches Gekreische, aus dem man nicht entnehmen konnte, was Beifall, was Entsetzen über die gestörte Raublust war, begleitete und empfing diesen Zug. Obwohl die Gier, einzusammeln, diese Tausende von Menschen auf diesen Platz einzig beseelte, hielt doch Alles, angesichts der geräuschvollen neuen Ankömmlinge, inne, und wartete, was nun geschehen solle. Ein weißbetresster Offizier zu Pferd zog eine Rolle hervor, und verkündete nach vorausgegangenem Trommelschlag mit strenger Stimme eine lange Litanei; was, konnte ich nicht vernehmen. Aber ein klirrendes Johlen und Pfeifen, welches die Verlesung des Schriftstücks begleitete, ließ mich vermuthen, daß es auf Beschränkung der Sammellust dieses goldenen Himmels-Brodes abgesehen war. Und in der That hörte ich bald darauf von einigen aus dem Gedränge herauskommenden Menschen das Wort weitergeben: "Der König verlangt die Hälfte für sich!"—Nun machte sich auch bald die Wirkung der gegebenen Ordre geltend. Die Infanterie ging mit quergehaltenem Gewehr langsam vor, und schob die gröhlende, pfeifende, fluchende Masse vor sich her. Hinten, auf dem freigewordenen Raum, sah man Diener und Lakaien in des Königs Uniform in Sieben und Körben aufsammeln, was noch zu holen war. Die Körner wurden dort herumgereicht. Auch der König ließ sich welche geben. Herren in Civilkleidung, wie es schien, eidlich bestellte Chemiker, zogen kleine Fläschchen mit einem wässrigen Inhalt heraus, und prüften die Substanzen. Alle Offiziere drängten sich herum, und beobachteten. Schließlich wurden den Herren vom Gefolge, wie auch dem König, die Probe in einem gläsernen Röhrchen hinaufgereicht. Die Sache schien entschieden zu sein. Es war Gold.—Ein Mensch neben mir, in blauer Blouse, die Hände in den Hosentaschen, der der ganzen Prozedur zugesehen, lachte jetzt höhnich auf: "Jessas, des wissen mer scho lang, daß 's Gold ist; scho vor 'er Stund war der Sandelbeck, der Tandler aus der Gruftgassen mit sei'm Flascherl da, und hat's g'sagt!"—Allein die zurückgestaute Menge hatte sich bald ein neues Terrain erobert. Ein gewandter Junge, anscheinend ein Schlosserlehrling, hatte soeben, wie man vom Platz aus sehen konnte, das letzte Drittel einer Dachrinne eines der Häuser erklommen, und mußte in wenigen Augenblicken das Dach selbst erreichen. Mit einem einzigen, gellenden Schrei hatte die Masse Menschen plötzlich diese neue Sammelquelle entdeckt. Jetzt stürzte Alles in die Häuser zurück, wer am Platz wohnte, und bald sah man, öffneten sich die Mezzanin-Wohnungen und Dachlucken, und strümpfig stiegen schmale Menschen heraus, um sich langsam und vorsichtig der gefährlichen Rinne zu nähern. Das Gerinsel war natürlich meist von den glatten Ziegeln zurückgeprallt und bis zum Dachrand hinabgekollert. Einige Unvorsichtige bekamen das Uebergewicht und stürzten hinab auf's Trottoir. Ohne Laut. Niemand hörte was. In der ungeheuren Aufregung und bei dem entsetzlichen Lärm hörte Niemand und paßte auf solche Kleinigkeiten auf.—Der Himmel war jetzt immer heller geworden. Aber hoch oben, sah man, schwebten noch große Massen dieses citronengelben Wolkenstoffs. Und konnten sich jeden Moment entladen. Darauf schienen die Meisten auch zu warten.—Der König mit seinem Gefolge hielt hoch zu Pferd unbeweglich auf seinem zuerst eingenommenen Platz, seine Proviantwägen füllten sich allmählich mit den gelbglitzernden Schroten. Aber ein vorsichtiger Beobachter konnte jetzt schon entdecken, daß eine trübe Wolke des Mißmuths sich auf all' diese Gesichter zu legen begann. Der König war in vollem Ornat, die Krone auf dem Haupt. Alle Uniformen glitzerten von Gold-und Ordens-Decorationen. Und dieses viele gelbe Metall, diese vielen gelben Tressen, diese höchstwerthigen Decorationen, alle in gelb, schämten sich auf einmal vor dem in Ueberfluß vom Himmel Gefallenen, und wurden gemein. Und die Menge, die schon die Taschen voll und nichts mehr zum Sammeln hatte, stand umher und belächelte spöttisch die über und über mit Gelb betreßten Herrschaften.
Doch nun trat ein ganz neues Moment in Szene: Hinten, von der langen Allee her, entgegengesetzt der Stadt, kamen mit einemmal drei, vier Getreidebauern im plain Carriere hereingefahren; ihre Rosse waren ganz mit Blut bedeckt; in den Halftern stacken die Goldkörner wie hineincrustirt; die Bauern selbst im Gesicht theilweise schwer verwundet, hatten Säcke übergebunden; und der Vorderste, ein stämmiger Bursch, rief, gerade als er auf den Platz hereingestürmt kam, mit lauter Stimme "Hint' bei Dingolsheim liegt des gäl Zeug schuhhoch auf der Straßen!"—Auf diesen Ruf hin ließ die Menge die Wägen und Getreidesäcke, die sie bereits aufgeschnitten hatte in der Meinung, sie seien mit dem Goldstoff gefüllt, gehen, und stürmte in der angegebenen Richtung fort. Andere wurden stutzig. Der Platz entleerte sich etwas. Das militärische Aufgebot, und die Anführer und Würdenträger waren über die Meldung nicht wenig überrascht, winkten die Bauern herzu, conferirten und gesticulirten von ihren Pferden herüber und hinüber. Inzwischen kamen neue Menschenmassen, wie es schien aus anderen Stadttheilen, wo der Goldhagel nicht oder nur gering niedergegangen war, hereingefluthet, Körbchen und Schüsseln im Arm, und begannen aufzulesen, wo noch zu holen war. Und es lag überall noch der gelbe Stoff herum. Manche zogen Fläschchen mit Königswasser aus der Westentasche und prüften zunächst die Körner. Alle schienen befriedigt. Die Meisten, wie sie zuerst den Platz betraten, machten zunächst große Augen, und begriffen nicht, wie Militär daherkam. Einzelne, als sie des Königs ansichtig wurden, durch die Uebung gedrillt, wollten ihr "Hoch!" loslegen. Doch es blieb ihnen in der Kehle stecken. Meinten wohl doch im letzten Moment, die Gelegenheit sei nicht günstig, und zu extraordinär.—Jetzt begann vom Himmel wieder, wie vor zwei Stunden, jener verdächtige citronengelbe Schwadem sich herabzusenken, der das erstemal die entsetzlichen gelben Schloßen zur Folge gehabt hatte.—Ich dachte an Deckung, und ging wie zufällig, da die vollständig zerfetzte Allee keinen Schutz mehr bot, gegen das andere Ende des Platzes, welches der Stadt abgewandt war, und wo eine große Bauhütte, die eine Seite ganz offen, genügend Schutz und Raum gewährte. Dort angekommen bemerkte ich, mit nicht geringer Verwunderung, eine Gruppe kleiner, untersetzter, etwas nachlässig gekleideter Leute, die offenbar alle zusammengehörten und sich verstanden, und von denen nicht ein Einziger an dem aufgeregten Trubel sich zu betheiligen schien. Mir kam plötzlich ein lächerlicher Gedanke: ich meinte, die Leute da hätten das ganze Ding in Scene gesetzt, und beobachteten, von einem geschützten Ort aus, wie Feuerwerker, ob alles programmmäßig ablaufe; so apathisch, ruhig, gleichgültig standen diese Menschen da. Sie waren sich alle so egal, aus ein und derselben Masse gemacht, ja, ihr Kleiderschnitt stimmte zusammen; da mußten die Gedanken auch gleichgerichtet gewesen sein. Ihre Köpfe saßen tief in den Schultern, die Beine kurz und wackelig, der Oberkörper wuchtig, breit; Grauköpfe und Graubärte; die Lippen fleischig und um-und-um ausrasirt; Nasen pointirt; Augen klein und vigilant; angenehm schnarrige Organe; die Rocktalljen saßen etwa 1 Schuh tiefer als die Körpertalljen; die Schöße lang, glänzend und abgerieben; schiefes Stiefelwerk; breitgeschwollene Hände; die ganze Erscheinung humoristisch.—Und Folgendes etwa konnte ich vernehmen: